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”Stellvertreter”

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 Der Botschafter Israels im Vatikan Mordechay Lewy Foto: macht sich Gedanken über die Haltung
Pius XII. zur Vernichtung der Juden. Lesen Sie seinen Vortrag unten auf dieser Seite. 

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„Der Stellvertreter”- gezielte Desinformation des russischen Geheimdienstes?
Fotos v.l.n.r: Rolf Hochhuth, Papst Pius XII., Norbert Geis CSU

    Nach einem Medienbericht über die mögliche Mitwirkung des sowjetischen Geheimdienstes bei der Entstehung des Theaterstücks „Der Stellvertreter”  hat der Bundestagsabgeordnete Norbert Geis (CSU) von Schriftsteller Rolf Hochhuth eine Klarstellung gefordert. In einer Pressemitteilung forderte Geis eine umfassende Klärung der Vorwürfe. Wörtlich heißt es in der Erklärung des CSU-Politikers: „Das Theaterstück ,Der Stellvertreter’ gehört zu den politisch folgenschwersten deutschen Inszenierungen seit Kriegsende. In dem 1963 erstmals aufgeführten Stück wird der 1958 verstorbene Papst Pius XII. als Antisemit dargestellt, der angeblich schwere Schuld auf sich geladen habe, weil er aus mangelnder Solidarität mit den verfolgten Juden zum Holocaust geschwiegen habe. Das Stück wurde in zwanzig Sprachen übersetzt und hat das Ansehen nicht nur Papst Pius XII., sondern der ganzen katholischen Kirche in Westeuropa und den Vereinigten Staaten massiv geschädigt.
   Die hoch angesehene New Yorker Zeitschrift National Review hat jetzt einen Beitrag veröffentlicht, der - wenn die erhobenen Behauptungen zutreffen - dazu zwingt, dieses Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte um- zuschreiben.
   Nach Darstellung des schon 1978 in den Westen übergelaufenen ehemaligen Generals der rumänischen Securi- tate, Ion Mihai Pacepa, wurde das Hochhuth-Stück vom sowjetischen Geheimdienst initiiert und sei Teil einer An- fang 1960 von Nikita Chruschtschow gebilligten strategischen Kampagne zur Zerstörung der moralischen Autorität des Vatikans in Westeuropa gewesen. Nach Darstellung von Pacepa habe der Chef der Abteilung Desinformation des KGB, General Ivan Agayants, für sich in Anspruch genommen, das Theaterstück in seinen Grundlinien vorge- geben zu haben. Der dokumentarische Anhang zu diesem Theaterstück (‘Historische Streiflichter’), mit dem Hochhuth zentrale Aussagen seines Stücks zu begründen sucht, sei sogar unmittelbar vom KGB zusammengestellt worden. Eine wichtige Rolle bei der Umsetzung dieses Desinformationsprojekts habe demnach der Produzent des Stückes, Erwin Piscator, der bereits 1931 in die Sowjetunion emigriert war, gespielt.”
   Dazu meint Geis: „Wenn von diesen Vorwürfen auch nur die Hälfte zutrifft, wäre das einer der größten innen- politischen Skandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Deutschen verdanken Papst Pius XII. enorm viel, er hat gegen Deutschland erhobene Kollektivschuldvorwürfe stets zurückgewiesen und großen Anteil daran, dass das demokratische Deutschland nach 1945 bald wieder in die Völkergemeinschaft zurückkehren konnte.”
    Der Bundestagsabgeordnete fordert nun eine umfassende Klärung der in National Review erhobenen Vorwürfe. „Vorverurteilungen darf es nicht geben, auch nicht gegen Rolf Hochhuth, der nicht gezögert hat, Pius XII. öffentlich einen Verbrecher zu nennen. Unverzichtbar ist aber eine umfassende Aufklärung. Nachdem heute bekannt ist, dass auch die angeblichen ‘Enthüllungen’ von Bernd Engelmann und Günter Wallraff zu mehr oder weniger großen Teilen auf Erfindungen östlicher Geheimdienste beruhen, ist eine Aufklärung im Fall Hochhuth um so dringender.”
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   Hochhuth reagierte. Er kenne besagten Artikel nicht und sei erst durch die Pressemitteilung des CSU- Abgeord- neten darauf aufmerksam geworden. Deshalb werde er sich auch nicht weiter dazu äußern, sagte Hochhuth gegenüber der in Regensburg escheinenden „Tagespost”. Wenn Geis „irgendein Interesse an der Wahrheit ge- habt hätte, dann hätte er sich bei mir melden können. Ein Anruf hätte genügt”, meint der Schriftsteller.
   Inzwischen haben sich auch römische Stimmen in die Diskussion eingeschaltet. Der Historiker und Jesuitenpater Peter Gumpel, der sich als Untersuchungsrichter im Vatikan besonders mit dem Seligsprechungsverfahren Pius XII. beschäftigt, geht davon aus, dass der Text Pacepas der Wahrheit entspricht. Dies gelte nicht nur für dessen Äußerungen zur kommunistischen Propagandamaschinerie gegen den Vatikan, sondern auch in Bezug auf die In- strumentalisierung Hochhuths, heißt es in einem Bericht der Nachrichten-Agentur „Zenit”. Die Tatsache, dass „Der Stellvertreter” in den Ostblockländern jährlich aufgeführt werden musste, sei für Gumpel dafür ein eindeutiges Indiz. Wo sich Propaganda und ständiges Wiederholen des Falschen mit kulturellem „Mainstream” paart, sei dies von großem Gewicht. Inzwischen hat auch „Radio Vatikan” Gumpels Stellungnahme verbreitet.
   Für den Bundestagsabgeordneten Geis ist die Sache mit der Reaktion Hochhuths jedenfalls längst nicht aus der Welt geschafft. „Ich sehe auf jeden Fall noch Handlungsbedarf”, sagte er der „Tagespost”. Hochhuth habe ihm Verleumdungen vorgeworfen, dabei habe er ihn nur dazu aufgefordert, zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen. In einer Pressemitteilung fordert Geis erneut „umfassende Aufklärung”. Die ausweichenden und irreführenden Einlas- sungen Hochhuths verstärkten die Sorge, dass die Vorwürfe zutreffen, heißt es in der Stellungnahme. Mit Nach- druck fordert Geis Aufklärung darüber, ob in das Theaterstück „Der Stellvertreter” Material des KGB eingeflossen ist.
   Eines ist klar. Nach Pacepas Veröffentlichung steht einiges auf dem Spiel: Auf der einen Seite der Ruf einer re- nommierten amerikanischen Zeitschrift. Auf der anderen Seite aber auch das Lebenswerk von Rolf Hochhuth. Sollte sich bewahrheiten, was Pacepa behauptet, könnte dem deutschen Dramatiker das Schweigen, das er Pius XII. vorwarf, nun selbst zum Verhängnis werden.
   Grund für Aufklärung sieht Hochhuth jedenfalls nicht. Für ihn ist die Sache nach wie vor klar: „Mein christliches Trauerspiel basiert nicht auf einem Dokument, sondern auf der Tatsache, dass Papst Pius XII. während des ganzen Krieges mit keinem Wort gegen den Holocaust protestiert hat, weder öffentlich noch geheim”, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Er bleibt weiter bei seiner Haltung: Die Unterstellungen sind für ihn „vollkommener Blödsinn”.
   Der Rowohlt-Verlag, der Hochhuths Stellvertreter verlegt, gibt seinem Autor Rückendeckung. Auch dort wird zu den Vorwürfen geschwiegen. Die Begründung ist jedoch alles andere als stichhaltig: „Dieses Stück ist ja inzwi- schen in den Kanon der wichtigsten deutschen Dramen des 20. Jahrhunderts aufgenommen und nun schon mehr als vierzig Jahre alt”, teilt Sabine Schaub von der Pressestelle des Verlags auf Anfrage mit.
   Deshalb äußere sich der Verlag nicht zu neuen Erkenntnissen oder Behauptungen.  NicolasSchnallDT070215  
Den Artikel der “National Review” bringen wir unten auf dieser Seite!

Völlig an der Realität vorbei
   Der „Tagespost” dürfte das unbestreitbare Verdienst zukommen, mit ihrer Berichterstattung über Hochhuths wahrscheinliche Beeinflussung durch den sowjetischen KGB bei der Abfassung seines Stücks „Der Stellvertreter” den Stein über diese wichtige Diskussion ins Rollen gebracht zu haben. Inzwischen haben sich die FAZ, die „Welt” und auch die „Süddeutsche Zeitung” dieses wichtigen Themas zum Teil mit unterschiedlicher Zielsetzung ange- nommen.
   Zwar hat sich Hochhuth beharrlich geweigert, auf die Frage, inwieweit er möglicherweise Opfer einer sow- jetischen Desinformationskampagne geworden ist, zu antworten. Insbesondere hat er auch nicht auf den Offenen Brief des CSU-Bundestagsabgeordneten Norbert Geis reagiert. Erst jetzt hat er sich in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel” zu mehreren Fragen, wenn auch absolut unbefriedigend, geäußert. Dem „Spiegel”, sonst eher für seine kirchenkritische Linie bekannt, muss man für seine in dieser so wichtigen Ange- legenheit gezeigte Hartnäckigkeit danken. Wenn es auch ihm nicht gelungen ist, eine echte Stellungnahme Hochhuths zu den berechtigten Vorwürfen der kommunistischen Infiltration zu bekommen, so hat dessen konse- quentes Nachfragen aber immerhin zu Tage gefördert, mit welcher Sorglosigkeit Hochhuth seinerzeit an dieses Thema herangegangen ist.
   Auf die sehr berechtigte Frage, ob er zumindest unwissentlich gefälschte Dokumente des Ostens für sein Stück verwendet habe, gibt Hochhuth die verräterische Antwort: „Mein Stück beruht nicht auf einem Dokument oder einer Information, sondern auf dem Schweigen des Papstes zum Holocaust”. Auch will Hochhuth nicht die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass sich aus den nun zugänglichen Dokumenten und Unterlagen aus den geöffneten Archiven ein völlig anderes Bild von Papst Pius XII. ergibt und die katholische Kirche daher seine Seligsprechung vorbereitet. Denn dann müsste Hochhuth ja zugeben, zumindest oberflächlich oder schludrig gearbeitet zu haben. Auch lässt es ihn offenbar völlig kalt, dass ihn nach seinem Tod höchste weltliche Autoritäten - wie etwa die spätere israelische Ministerpräsidentin Golda Meir - überschwenglich gelobt haben. Den jüdischen Theologen Pinchas Lapide, der in seinem Buch „Rom und die Juden” zum Ergebnis kommt, dass der Papst durch seine Diplomatie zwischen 700.000 und 800.000 Juden gerettet habe, nannte er im Fernsehen gar einen Lügner und wirft ihm nun im „Spiegel” völlig zu Unrecht vor, zur Vatikan-Kirche übergelaufen zu sein.
   Rolf Hochhuth kommt damit das traurige Verdienst zu, durch sein übles Machwerk „Der Stellvertreter” das An- sehen des bei seinem Tod im Jahre 1958 von der ganzen Welt geachteten Pontifex beschmutzt und für ganze Generationen schwer beschädigt zu haben.  HeinrichHarthFreigerichtDT070602

Historiker und Diplomaten der kommunistischen Ära haben Zweifel an den Darstellungen des ehemaligen Generals über seine Machenschaften im Verbund mit dem russischen KGB zum Schaden der katholischen Kirche und insbesondere von Papst Pius XII.
   General Mihai Pacepa war nach dem Artikel im “National Review” weder direkt noch über die Redaktion erreichbar. Die Sprecherin des Magazins Erica Stalnecker erklärte, der General stehe für keine Interviews oder Rückfragen zur Verfügung, und sie dürfe seine Adresse nicht herausgeben.
   Im Vatikan bestätigte der Historiker und Koordinator im Heiligsprechungsprozess von Pius XII. Pater Peter Gumpel SJ, dass von Seiten der Sowjets Versuche unternommen worden sind, Papst Pius XII. zu diskreditieren, es gäbe aber keine Beweise dafür, dass irgend jemand in den Besitz der Dokumente gekommen sei, um sie zu mani- pulieren. Der Jesuitenpater bemerkte, dass sich die Dokumente aus dem Pontifikat Pius XII. zur der Zeit, auf die sich General Pacepa bezieht, in den Archiven des vatikanischen Staatssekretariats befunden hätten und nicht im Geheimarchiv des Vatikans.
   Der Berater der vatikanischen Delegation bei den Vereinten Nationen Ronald Rychlak ist einer der wenigen Ame- rikaner, der Einblick nehmen konnte in die im Jahre 2004 abgeschlossene sechsbändige vertrauliche Dokumen- tation von Augenzeugen-Berichten, eidesstattlichen Erklärungen, Aufzeichnungen und Literatur über die vatika- nische Politik im Zweiten Weltkrieg. Den Artikel im New Yorker Magazin findet er “schockierend”. Der Gedanke, dass “die Sowjets oder ihre Satelliten drei Agenten in die Archive des Vatikans ein- schleusen konnten, wäre ein eklatanter Sicherheitsbruch”, der in Rom nicht bestätigt werden könne. Dazu müssten die sowjetischen Archive geöffnet werden.
   Es gibt aber auch Fragen an den ehemaligen rumänischen Geheimdienstoffizier zur jetzigen Veröffentlichung. Warum ist diese Geschichte jetzt enthüllt?  John Cornwell, der Autor des 1999 erschienen Buches “Hitler's Pope”, hält den Bericht im “National Review” für “sehr unwahrscheinlich”, und er hätte nie davon gehört. Im Zusammen- hang mit der NATO und der Westallianz sei der Papst als Ziel des KGB durchaus interessant gewesen, aber er habe keinerlei glaubwürdige Dokumente oder wissenschaftliche Beweise dafür gesehen. VictorGaetanCT070311

Die FAZ kommentiert: Hochhuths Quellen – War der “Stellvertreter” vom KGB inspiriert?
   ... Das Drama selbst schließt mit dem Bericht des Vatikan-Botschafters Ernst von Weizsäcker an das Auswärtige Amt vom 28. Oktober 1943, in dem Weizsäcker versichert, der Vatikan werde in der „Judenfrage” nichts mehr ge- gen das Deutsche Reich unternehmen. Hochhuth kümmert sich nicht darum, wie die Aussagen Weizsäckers in ihrer spezifischen Entstehungsgeschichte zu bewerten sind; unabhängig davon gibt er den Wortlaut des Berichts weit- gehend getreu wieder, streicht allerdings einige Passagen und spitzt seiner Intention gemäß zu. In diesem Verfahren zeigt sich die Methode des „Stellvertreter” insgesamt: Zuspitzung durch Reduktion und Missachtung des jeweiligen Interpretationszusammenhanges der Quellen. Für ein fiktionales Werk mit Anspruch auf Kunstcharakter mag ein solches Vorgehen legitim sein. Ein Anspruch auf gültige Abbildung der historischen Wirklichkeit sollte damit freilich nicht verbunden sein.
   Dass der „Stellvertreter” sich zu dieser in einer grotesken Schieflage befindet, kann man schon erkennen, wenn man die von Hochhuth in den „Streiflichtern” zitierten Zeitzeugen Revue passieren lässt: Heinrich Brüning, Franz von Papen, Ernst von Weizsäcker, allesamt „Berichterstatter”, deren Aussagen mit äußerster Vorsicht zu behan- deln sind. Auf der anderen Seite fehlen wichtige Dokumentationen, wie die des Münchner Weihbischofs Johannes Neuhäusler, „Kreuz und Hakenkreuz”, erschienen 1946. Allein durch die selektive Auswahl von Quellen und Dar- stellungen, die seiner Grundthese entsprachen, „desinformierte” sich Hochhuth selbst. Eine Mitwirkung des KGB war nicht erforderlich. Über den Wert eines „moralischen” Urteils, das auf der Basis unvollständiger und einseitiger Erfassung des auch zur Entstehungszeit des „Stellvertreters” schon empirisch Belegbaren entstand, wird kaum Zweifel herrschen.
   Solange für Pacepas Behauptung keine weiteren, stichhaltigen Belege gefunden sind, wird anzunehmen sein, er sei selbst einer Desinformation durch den KGB aufgesessen. Die „KGB-Bosse”, räumt er ein, hatten „die Ange- wohnheit, mit den Fakten zu jonglieren, um den Eindruck zu erwecken, der sowjetische Geheimdienst sei der Vater aller Dinge”...   ThomasBrechenmacherFAZ070426

Hier ist der Artikel der “National Review” in eigener Übersetzung

Moskaus Anschlag auf den Vatikan -  Der KGB sah höchste Priorität in der Schwächung der Kirche.
Bericht von Ion Mihai Pacepa in “National Review”, New York, 25. 01. 07

   Die Sowjetunion hatte nie gute Beziehungen zum Vatikan. Die neuesten Enthüllungen zeigen, wie der Kremel den strikten Antikommunismus der Katholischen Kirche bekämpfte.
   Im März 2006 kam eine italienischen Parlamentskommission zu dem Ergebnis, dass “ohne jeden vernünftigen Zweifel von den Führern der Sowjetunion die Initiative ausging, Papst Karol Wojtyla zu beseitigen” – als Vergel- tung für seine Unterstützung der freien Solidarnosz-Bewegung in Polen. Als im Januar 2007 Dokumente die Zu- sammenarbeit des gerade ernannten Erzbischofs von Warschau mit der kommunistischen Stasi enthüllten, gab er dieses zu und verzichtete auf sein Amt. Am Tag darauf trat aus demselben Grund der Dompfarrer der Krakauer Wawel Kathedrale – der Grablege der polnischen Könige und Königinnen - zurück. Dann wurde bekannt, dass Michal Jagosz, Mitglied unter Papst Johannes Paul II. der vatikanischen Heiligsprechungs-Kongregation, beschul- digt wurde, im Dienst der früheren kommunistischen Geheimpolizei gestanden hatte. Nach polnischen Presse- berichten wurde er 1984 angeworben, als er Polen verließ, um Aufgaben im Vatikan zu übernehmen.
   In den nächsten Tagen wird darüber ein Buch veröffentlicht, das weitere 39 Priester identifiziert, deren Namen in den Geheimakten der Krakauer Geheimpolizei gefunden wurden, einige unter ihnen stehen im Bischofsamt. Das scheint aber nur die Spitze eines Eisberges zu sein. Eine Sonderkommission soll nun alle kirchlichen Mitarbeiter der kommunistischen Zeit untersuchen. Es wird unterstellt, dass tausende Priester mit der kommunistischen Geheim- polizei allein in Polen zusammengearbeitet haben. Die Archive des KGB im übrigen Sowjetreich müssen noch geöffnet werden, um Aktionen gegen dien Vatikan zu erkennen.
   In meinem früheren Leben, als ich im Zentrum der Auslandsspionage in Moskau arbeitete, war ich vom Kreml dazu zielstrebig angesetzt, den Vatikan zu verunglimpfen und Papst Pius XII. als eiskalten Nazisympathisant darzustellen. Letztendlich verursachte diese Operation keinen dauerhaften Schaden, aber es blieb ein schlechter Geschmack zurück, der sich kaum wegspülen lässt. Diese Geschichte ist nie zuvor erzählt worden.
Kampf gegen die Kirche
  Im Februar 1960 genehmigte Nikita Chrustschew einen streng geheimen Plan, die moralische Autorität des Vati- kans in Westeuropa zu zerstören. Das war eine Lieblingsidee von KGB-Chef Aleksandr Shelepin und Aleksey Kirichenko, die beide im Sowjet-Politbüro verantwortlich für internationale Politik waren. Bis zu jener Zeit kämpfte der KGB gegen seinen “Todfeind” in Osteuropa, wo der Heilige Stuhl grausam verfolgt wurde als “Jauchegrube der Spionage” im Sold des amerikanischen Imperialismus. Die Vertreter des Vatikans wurden generell als Spione ver- haftet. Nun wollte Moskau den Vatikan als Nazi-Bastion diskreditieren, durch seine eigenen Priester und auf dem eigenen Territorium. 
   Als Hauptziel wurde vom KGB Eugen Pacelli – damals Papst Pius XII. – ausgesucht, weil er 1958 starb und der KGB in ihm die Inkarnation des Bösen sah. “Tote können sich nicht verteidigen”, war die neueste Parole des KGB.
   Moskau hatte sich gerade ein blaues Auge geholt durch die Angriffe und die Verhaftung eines lebenden vatikanischen Prälaten, des Primas von Ungarn József Kardinal Mindszenty im Jahre 1948. Während des Ungarn- Aufstandes 1956 konnte er aus dem Gefängnis entkommen und erhielt Asyl in der amerikanischen Botschaft in Budapest, wo er begann, seine Memoiren zu schreiben. Als nun den westlichen Journalisten  die Einzelheiten bekannt wurden,  wie man ihn behandelt hatte, sah man in ihm einen Heiligen, einen Held und Martyrer.
   Weil Pius XII. vorher Nuntius in München und Berlin war, als die Nazis die Macht an sich rissen, wollte der KGB ihn als einen Antisemiten darstellen, der Hitler zum Holocaust ermutigt hatte. Der Haken war nur, es gab nicht die leiseste Verbindung zum Ostblock. Die ganze schmutzige Arbeit müsste von Leuten aus dem Westen gemacht werden mit einem Hinweis auf den Vatikan. Dass würde den Fehler im Fall Mindszenty zurechtrücken, der in Ver- bindung von sowjetischen und ungarischen Beweisen gebracht wurde. (Am 06. Februar 1949, kurz bevor der Prozess gegen Mindszenty zum Abschluss kam, setzte sich Hanna Sulner nach Wien ab. Sie hatte als ungarische Handschriften-Expertin die “Beweise” hergestellt, die zur Anklage gegen den Kardinal führten. Nach der Flucht zeigte sie in Wien die Microfilme dieser “Beweise”, worauf der Schauprozess sich stützte. Hanna demonstrierte in einem entsetzlich detaillierten Zeugnis, dass alle Dokumente gefälscht waren, “einige angeblich in der Handschrift des Kardinals, andere trugen seine Unterschrift, die sie nachgeahmt hatte”).
  Um eine weitere Mindszenty-Katastrophe zu vermeiden, benötigte der KGB einige Original-Dokumente des Vatikans, besonders solche, die nur entfernt mit Pius XII. verbunden waren, welche durch die Desinforma- tionsexperten leicht verändert werden könnten, um so klar den Papst in seinem “wahren Licht” zu zeigen. Die Schwierigkeit war aber, dass der KGB keinen Zugang zu den Archiven des Vatikans hatte. Das war genau der Punkt, an dem die rumänische Auslandsspionage “DIE”, eingesetzt wurde. Der neue Chef des sowjetischen Aus- landsspionagedienstes, General Aleksandr Sakharovsky, hatte 1949 den DIE gegründet und war bis in die jüngste Zeit unser sowjetischer Chefberater. Er wusste, dass der DIE in einer ausgezeichneten Lage war, Kontakte zum Vatikan zu knüpfen, um eine Genehmigung zur Forschung in den Archiven zu bekommen. 1959 wurde ich zum stellvertretender Leiter der rumänischen Botschaft in Westdeutschland ernannt und musste den Austausch von zwei DIE-Spionen, die auf frischer Tat gefasst worden waren (Colonel Gheorghe Horobet und Major Nicolae Ciuciulin), gegen den römisch-katholischen Bischof Augustin Pacha erreichen. Auf Grund einer gefälschten Spiona- ge-Azeige wurde er vom KGB inhaftiert – und jetzt konnte er über Westdeutschland in den Vatikan zurückkehren.
Infiltration in den Vatikan
   “Seat-12” war der Deckname dieser Operation gegen Pius XII., und ich wurde der rumänische Mann für diesen Auftrag. Um meinen Job zu erleichtern, erhielt ich von Sakharovsky Vollmacht, dem Vatikan die (falsche) Informa- tion zuzuspielen, die unterbrochenen Beziehungen zwischen Rumänien und dem Heiligen Stuhl wieder aufzuneh- men. Im Gegenzug werde ein Zugang zu den vatikanischen Archiven erwartet und ein zinsfreier Kredit von 1 Milli- arde Dollar für 25 Jahre.
   (Die diplomatischen Beziehungen Rumäniens zum Vatikan wurden 1951 abgebrochen, als Moskau die vatikani- sche Nuntiatur in Rumänien anklagte, verdeckt für die CIA zu arbeiten. So wurde die Botschaft geschlossen, die Gebäude in Bukarest wurden der DIE übergeben. Heute befindet sich dort eine ausländische Sprachschule.) Der Zugang zu den vatikanischen Archiven sei erforderlich – so hatte ich dem Vatikan zu sagen -, um historische Quel- len zu finden, die es der rumänischen Regierung erlaube, öffentlich die Hinwendung zum Heiligen Stuhl zu recht- fertigen. Die Milliarde (das ist kein Schreibfehler) würde in diesem Spiel dazu verwendet, um die Kehrtwendung plausibel erscheinen zu lassen. “Wenn es etwas gibt, was diese Mönche verstehen, ist es Geld”, bemerkte Sakharovsky.
   Meine frühere Mitwirkung beim Austausch von Bischof Pacha für die zwei DIE-Beamten öffnete mir in der Tat die Türen. Einen Monat nach Erhalt meiner Anweisungen hatte ich den ersten Kontakt mit vatikanischen Vertretern. Wegen der Geheimhaltung fand dieses Treffen – und die meisten der noch folgenden – in einem Hotel in Genf, Schweiz, statt. Dort wurde ich bekannt gemacht mit einem “einflussreichen Mitglied des diplomatischen Korps”,der, so wurde mir gesagt, seine Karriere in den vatikanischen Archiven begonnen hatte. Sein Name war Agostino Casaroli, und ich sollt schon bald erfahren, dass er wahrlich einflussreich war. Auf der Stelle verschaffte mir dieser Monsignore Zugang zu den vatikanischen Archiven, und schon bald gruben drei Geheimagenten der DIE in den Archiven – verkleidet als rumänische Priester. Casaroli stimmte auch “im Prinzip” dem Wunsch Bukarests nach einem zinsfreien Darlehen zu, aber der Vatikan erwartete bestimmte Bedingungen. (Bis 1978, als ich Rumänien verließ, war ich noch mit diesem Darlehen beschäftigt, dass auf 200 Millionen Dollar heruntergegangen war). 
   In den Jahren 1960-62 der DIE wurden erfolgreich hunderte von Urkunden, die in irgendeiner Weise mit Papst Pius XII. zusammenhingen, aus den vatikanischen Archiven und der Apostolischen Bibliothek unterschlagen und herausgebracht.
   Alles wurde sofort mit einem Sonderkurier dem KGB überstellt. Eigentlich ist kein inkriminierendes Material gegen den Papst in all den geheim fotografierten Dokumenten gefunden worden. Meistens waren es Durchschriften persönlicher Briefe und Aktennotizen von Treffen und Reden, alles formuliert in der höflichen Diplomatensprache, die man auch erwartet hatte zu finden. Gleichwohl verlangte der KGB weitere Dokumente. Und wir überstellen mehr.
Der KGB entwickelt ein Spiel
  Im Jahre 1963 flog General Ivan Agayants, der berühmte Chef der KGB-Desinformationsabteilung, nach Buka- rest, um uns für die Unterstützung zu danken. Er sagte uns, dass “Seat-12” würde nun verwirklicht in einem machtvollen Spiel, um Papst Pius XII. anzugreifen. Der Titel lautet: “Der Stellvertreter” eine indirekte Aussage über den Papst als Christ Stellvertreter auf Erden. Agayants umriss die Grundlinien dieses Theaterstücks und erwähnte die sehr umfangreichen Anhänge, die als Hintergrund-Information von seinen Experten zusammengestellt seien mit Hilfe der Dokumente, die wir aus dem Vatikan entwendet hatten. Agayants informierte uns auch, dass “Der Stellvertreter” von Erwin Piscator auf die Bühne gebracht würde, einem überzeugten Kommunisten, der eine ausgeprägte Verbindung zu Moskau habe.
  1929 hatte er das Proletarische Theater in Berlin gegründet, später als Hitler die Macht übernahm, suchte er Asyl in der Sowjetunion.  Einige Jahre später emigrierte er in die USA. 1962 kehrte Piscator nach Westberlin zurück und produzierte den “Stellvertreter”.
   In all meinen Jahren in Rumänien habe ich immer meine KGB-Führer unter einem gewissen Vorbehalt akzeptiert, weil sie gewöhnlich mit den Tatsachen jonglierten als ob die russische Intelligenz Vater und Mutter von allem sei. Aber ich hatte Grund, Agayants selbstsüchtigen Behauptungen zu glauben. Er war eine lebende Legende auf dem Feld der Desinformation. 
   Als Resident des KGB im Iran hat Agayants 1943 die Desinformation verbreitet, Hitler hätte eine Sondereinheit entsandt, um Präsident Franklin Roosevelt aus der amerikanischen Botschaft in Teheran während des Allierten Gipfeltreffens zu entführen. Das Ergebnis: Roosevelt stimmte zu, sein Quartier in einem Haus auf dem Gelände der sowjetischen Botschaft zu beziehen, die von einer größeren Militäreinheit bewacht wurde. Das gesamte sowje- tische Personal dieses Hauses bestand aus Geheimagenten, die englisch sprachen, aber – mit wenigen Aus- nahmen – bewahrten sie dieses Geheimnis, um besser die Gespräche abhören zu können. Trotz der begrenzten Fähigkeiten jener Tage, konnte Agayants Stalin stündlich Berichte über die amerikanischen und britischen Gäste vorlegen. Das hat Stalin geholfen, von Roosevelt die schweigende Zustimmung zu erhalten, um die Baltischen Länder zurückzuerhalten und auch die übrigen von der Sowjetunion 1939-40 besetzten Gebiete. Von Agayants wird auch überliefert, dass er Rosevelt dazu gebracht hat, für Stalin das familiäre “Onkel Joe”  auf dem alliierten Gipfel zu gebrauchen. Sakharovsky erzählte uns später, Stalin sei mehr darüber begeistert als über den territo- rialen Gewinn. “Der Krüppel gehört mir!” wird von ihm überliefert.
   Nur ein Jahr vor der Uraufführung des “Stellvertreters” hatte Agayants eine andere Trumpfkarte gezogen. Er fabrizierte ein erstunken und erlogenes Manuskript in der Absicht, den Westen zu überzeugen, dass der Kremel zutiefst eine hohe Meinung von den Juden habe. Dieses Machwerk wurde in Westeuropa mit großem Erfolg veröffentlicht mit dem Titel “Notes for a Journal”. Das Manuskript wurde Maxim Litvinov, geb. Meir Walach zu- geschrieben,  dem früheren Sowjet-Kommissar für Auswärtige Angelegenheiten, der 1939 entlassen wurde, als Stalin seinen diplomatischen Dienst von Juden säuberte, um den “Nicht-Angriffspakt” mit Hitler zu schließen (der am 23. August 1939 in Moskau unterzeichnet wurde. In einem geheimen Zusatzprotokoll wurde die Teilung Polens zwischen den beiden Unterzeichnern festgelegt, den Sowjets freie Hand in Estland, Lettland, Finnland, Bess- arabien und der nördlichen Bukowina zu lassen). Dieses Agayants-Buch war so tadellos zusammengestellt, dass der hochangesehene britische Historiker über Sowjet-Russland, Edward Hallet Carr, völlig von der Echtheit über- zeugt war und ein Vorwort dafür schrieb. (Carr hatte ein 10-bändiges Werk über die Geschichte von Sowjet-Russ- land geschrieben).
  “Der Stellvertreter erschien dann 1963 als Werk eines unbekannten Westdeutschen mit Namen Rolf Hochhuth unter dem Titel: “Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel”. Seine Hauptthese war, dass Pius XII. Hitler unter- stützt und ihm zum Holocaust ermutigt hatte. Das Buch löste sofort eine breite Kontroverse über Pius XII. aus, der als kalt und herzlos gezeichnet wurde – mehr interessiert am vatikanischen Besitz als am Schicksal von Hitlers Opfern. Der Original-Text umfasst eine acht-Stunden-Aufführung, mit 40 bis 80 Seiten (abhängig von der jeweili- gen Ausgabe) Hintergrundmaterial, was Hochhuth “historische Dokumentation” nannte.
    In einem Zeitungsartikel verteidigte Hochhuth 1963 in Deutschland seine Darstellung von Pius XII. und sagte: "Das sind Tatsachen – vierzig engbeschriebene Seiten  als Dokumentation zu meinem Spiel”. In einem Radio-Inter- view sagte Hochhuth 1964 in New York, bei der Uraufführung des “Stellvertreters”: “Ich halte es für erforderlich, dem Schauspiel einen historischen Anhang von 50–80 Seiten (abhängig vom Satz der Druckbuchstaben) anzufügen”. In der Originalausgabe trägt dieser Anhang den Titel “Historische Streiflichter”. “Der Stellvertreter” wurde in etwa 20 Sprachen übersetzt, drastisch verkürzt und häufig ausgelassenem Anhang.
   Bevor Hochhuth, der keinen Hochschulabschluss besitzt, den “Stellvertreter” schrieb, arbeitete er an unauffäl- ligen Aufgaben im Bertelsmann-Verlag. In Interviews behauptete er, das er 1959 von seiner Arbeit freigestellt wurde und nach Rom ging, wo er drei Monate verbrachte und mit den Leuten sprach und dann die erste Seite seines Stückes schrieb, und wo er “eine Reihe Fragen” an einen Bischof richtete, dessen Namen er nicht preis- geben wollte. Das ist kaum zu glauben. In eben dieser Zeit besuchte ich regelmäßig den Vatikan als akkreditierter Botschafter eines Staatsoberhauptes, und es ist mir niemals gelungen, einen sprechbereiten Bischof zu finden, der sich darauf einließ – und das lag sicher nicht an zu wenigen Versuchen.
  Die illegalen DIE-Agenten, die wir in den Vatikan eingeschleust haben, sahen sich ebenso unübersteigbaren Hürden gegenüber, in die Geheimarchive des Vatikans einzudringen, obgleich sie doch wasserdicht als Priester verkleidet waren.
   In meinen alten Tagen in der DIE, wenn ich meinen Personalchef General Nicolae Ceausescu (der Bruder des Diktators) bat, mir die Akte eines Mitarbeiters zu geben, fragte er stets zurück: “Zum Aufbau oder Abbau?” In den ersten zehn Jahren führte “der Stellvertreter” zur Herabsetzung des Papstes. Einige aufgeregte Bücher und Artikel griffen den Papst an oder verteidigten ihn. Einige gingen so weit und legten die Schande für die Gräuel in Auschwitz auf die Schultern des Papstes, einige zerrissen Hochhuths Argumente peinlich genau in Fetzen; alle aber schenkten bis auf den heutigen Tag dem ziemlich gestelzten Stück eine hohe Aufmerksamkeit.
   Obschon viele Leute heute noch nie von dem “Stellvertreter” gehört haben, sind sie doch ernstlich überzeugt, dass Pius XII. ein kalter und böser Mann gewesen sei, der die Juden hasste und Hitler dabei half, sie los zu werden. Wie der KGB-Chef Yury Andropov, der unvergleichliche Meister sowjetischer Irreführung mir zu sagen pflegte: die Menschen sind ehr bereit den Dreck zu glauben als die Heiligkeit.
Lüge untergräbt
   Mitte der 1970er Jahre ließ das Interesse am “Stellvertreter” nach. Andropov gab uns gegenüber zu, dass wir niemals gegen Papst Pius XII. vorgegangen wären, wenn wir gewusst hätten, was wir heute wissen. Der Unter- schied ist der: neu enthüllte Informationen zeigen uns heute, dass Hitler weit davon entfernt war, Pius XII. gegenüber freundlich zu sein, in Wirklichkeit plante Hitler eine Verschwörung gegen den Papst. Wenige Tage vor Andropovs Entlassung wurde der kommandierende SS-General in Italien im 2. Weltkrieg aus dem Gefängnis ent- lassen und bekannte, dass Hitler 1943 ihm den Befehl gegeben habe, Papst Pius XII. aus dem Vatikan zu ent- führen. Der Befehl war so streng geheim, dass er nach dem Krieg nirgendwo in einem Archiv des 3. Reiches gefunden wurde. Auch bei den vielen Verhören von Gestapo- und SS-Führern nach dem Sieg der Alliierten wurde das nicht bekannt. In seinem Bekenntnis nahm Wolff für sich in Anspruch, er hätte Hitler geantwortet, er brauche für die Ausführung des Befehls sechs Wochen. Hitler, der dem Papst die Schuld gab für den Umsturz Italiens unter Benito Mussolini, bestand auf sofortige Erfüllung des Befehls. Schließlich konnte Wolff Hitler überzeugen, dass die Durchführung dieses Plans große negative Folgen nach sich ziehe, und so ließ der Führer den Plan fallen.
  1974 veröffentlichte Kardinal Mindszenty seine Memoiren, in denen er qualvolle Einzelheiten beschreibt, wie er im kommunistischen Ungarn angeklagt wurde. Mit offensichtlich gefälschten Dokumenten wurde er folgender Verbre- chen beschuldigt: Hochverrat, Missbrauch fremder Währungen und der Spionage. Auf jede Anschuldigung stand die Todesstrafe oder lebenslängliche Haft. Er schrieb auch über sein gefälschtes “Geständnis”. Und er beschrieb auch, wie sein “Geständnis” verfälscht wurde. “Mir schien es, dass jeder sofort dieses Dokument als plumpe Fäl- schung erkennen würde; denn dieses Machwerk ist das Ergebnis einer stümperhaften Fälschung eines ungebil- deten Menschen”, schreibt der Kardinal. “Aber als ich mir intensiv die ausländischen Bücher, Zeitungen und Zeit- schriften ansah, die über meinen Fall berichteten und mein ‘Geständnis’ kommentierten, musste ich erkennen, dass die Öffentlichkeit annahm, dieses ‘Geständnis’ sei wirklich von mir selbst verfasst, wenn auch in benom- menem Zustand unter dem Einfluss der Gehirnwäsche … Dass die Polizei ein Beweismittel veröffentlichte, das sie selbst angefertigt hatte, schien doch schlichtweg unglaublich.”  Außerdem bestätigte Hanna Sulner, die als ungarische Handschrift-Expertin den Kardinal belasten musste, als sie nach Wien geflüchtet war, dass sie Mind- szentys “Geständnis” gefälscht hatte.
   Einige Jahre später begann Johannes Paul II. mit dem Heiligsprechungsprozess für Pius XII. und Zeugen aus aller Welt haben bestätigt, dass Pius XII. ein Gegner Hitlers war, nicht Freund. Israel Zoller, der 1943-44 Ober- rabiner in Rom war, als Hitler die Macht über die Stadt übernahm lobt in seinen Memoiren in einem eigenen Kapitel die Leitung der Kirche unter Pius XII.: “Der Heilige Vater sandte einen handgeschriebenen Brief an die Bischöfe und wies sie an, die Klausur in den Ordenshäusern und Klöstern aufzuheben, damit sie Zufluchtsstätten für die Juden werden konnten. Ich weiß von einem Kloster, wo die Schwestern auf dem Fußboden schliefen und ihre Betten den jüdischen Flüchtlingen zur Verfügung stellten.” Am 25. Juli 1944 wurde Zoller von Papst Pius XII. empfangen. Aktennotizen, die vom vatikanischen Staatssekretär Giovanni Battista Montini (dem späteren Papst Paul VI.) aufgezeichnet wurden, dass Rabbi Zoller dem Heiligen Vater seinen Dank aussprach für alles, was der zur Rettung der Juden in der Stadt Rom getan hatte – das wurde im Radio übertragen. Am 13. Februar 1945 wurde Rabbi Zoller von dem römischen Weihbischof Luigi Traglia in der Kirche Santa Maria degli Angeli getauft. Aus Dankbarkeit gegenüber Pius XII. nahm er den christlichen Namen Eugenio (den Taufnamen des Papstes) an. Ein Jahr darauf wurden auch die Ehefrau von Rabbi Zoller und seine Tochter getauft.
   David G. Dalin, veröffentlichte sein Buch: The Myth of Hitler’s Pope: How Pope Pius XII Rescued Jews From the Nazis. Hier finden sich weitere überzeugende Beweise der Freundschaft von Eugenio Pacelli für die Juden, schon lange bevor er zum Papst gewählt wurde. Zu Beginn des 2. Weltkrieges, veröffentlichte Papst Pius XII. seine erste Enzyklika, die so sehr gegen Hitler gerichtet war, dass die Royal Air Force und die französische Luftwaffe 88.000 Kopien davon über Deutschland abwarfen.   
   In den vergangenen 16 Jahren wurde in Russland die freie Religionsausübung wiederhergestellt. Eine junge Generation müht sich, eine neue nationale Identität zu finden. Wir können nur hoffen, dass Präsident Vladimir Putin bereit sein wird, die Archive des KGB zu öffnen und alles auf den Tisch zu legen, damit alle sehen können, wie böse die Kommunisten einem der bedeutendsten Päpste des letzten Jahrhundert mitgespielt haben.
   Generalleutnant Ion Mihai Pacepa ist der höchstrangigste Nachrichtenoffizier, der je aus dem Ostblock zum Westen übergelaufen ist.  Sein Buch Red Horizons ist in 27 Ländern erschienen. 
   Foto unten links: Red Horizons, Foto unten rechts: Generalleutnant Ion Mihai Pacepa

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Deutsch-italienischer Historienfilm: Pius XII.

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Von der Christen Pflicht - Gegenbild des Stellvertreters: Ein Film über Pius XII.

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Foto der Zeitgeschichte: Pius XII. nach Luftangriff auf Rom 1943

   Fotografien zeigen Papst Pius XII. hager, mit römischer Adlernase und teils stechendem, teils verschleiertem Blick; unnahbar, ernst, entrückt. All das passt ins Klischee vom erstarrten Papsttum. Dass Thomas Mann, loyaler Protestant, nach einer Privataudienz 1953 notierte, er habe vor der „weißen Verkörperung der zweitausend- jährigen religiösen Geschichte Roms" die Knie gebeugt, ist längst vergessen. Nicht aber, was 1963 die Berliner Uraufführung von Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter" in Umlauf brachte: Pius XII., bürgerlich Eugenio Pacelli, ge- bürtiger Römer, Sohn einer vatikanischen Diplomaten- und Klerikerfamilie, am 02. März 1939 zum Papst gewählt, soll zu lange über den Massenmord an den europäischen Juden geschwiegen und damit deren Tod mit zu verant- worten haben.
  Der von italienischen und deutschen Fernsehanstalten produzierte Zweiteiler „Pius XII." schildert nun das Gegen- teil: Gestützt auf neuere Forschungen wie die des Historikers Klaus Kühlwein, wird, beginnend mit der deutschen Besetzung Roms und des Gettos durch die SS, von den dramatischen Monaten erzählt, (Drehbuch: Fabrizio Betteli, Francesco Arlanch), während derer Kirchen und Klöster Roms auf Anweisung Pius XII. Zuflucht römischer Juden wurden.
   Eine Reinwaschung, so einseitig wie zuvor die Verdammnis? Das hätte der Film werden können, hätte nicht der grandiose James Cromwell die Hauptrolle übernommen. Er zeigt einen vom Schmerz um die Opfer Zerrissenen - und einen Diplomaten - Pacelli war zwischen 1919 und 1929 Nuntius in Deutschland der weiß, dass schon ein unbedachtes Wort das Regime zu tödlicher Vergeltung reizen könnte.
   „Dieser Mensch geht über Leichen", sagte Pacelli 1929 seiner deutschen Haushälterin (im Film Christine Neu- bauer, blass und brav). Als Sekretär Pius' XI. fügte er dessen Rundbrief „In brennender Sorge" den Satz hinzu: „Wer die Rasse zur höchsten Norm macht, verkehrt die gottgeschaffene Ordnung." Der Papst des Films erwidert General Wolff (glaubhaft getrieben Mathias Hermann); „Ich wirke Mitten unter den Leidenden: Pius XII. (James Cromwell) nicht für die Geschichte,  sondern für die Nächstenliebe", als dieser anmerkt, die Historie vergesse nichts, und dem gläubigen Katholiken General Stahel (einprägsam Holger Daemgen) entgegnet er zornig-kühl, nicht Soldatenpflicht, sondern die des Christen sei die oberste.
   Bemüht, ein Millionenpublikum zu fesseln, webte man ein Liebesdrama in die Handlung: Nach bewährtem Muster wird die junge Jüdin Miriam (Alessandra Mastronardis Spiel übersteigt Serienformat) von zwei Männern umworben: dem jüdischen Schwarzmarkthändler Davide (Marco Foschi, erstaunlich wandelbar), der sich vom gewitzten Klein- gauner zum Helden wandelt, und Marco (Ettore Bassi, von Regisseur Christian Duguay mit Föhntolle auf Tele- novela gedrückt), der vom Student zum Partisan wird.
  Hinzu kommen Schicksalsepisoden der Gettoinsassen - ein greiser Rabbiner und der Leiter der Jüdischen Gemein- de, die vor der SS an ihrem Judentum festhalten, Miriams Vater, der sich opfert, um seine Kinder zu retten, der bayerische Pater Pfeiffer, den man den „Engel Roms" nannte. Allesamt typisiert, lassen sie doch zittern und hoffen.
   Als Schattenseite aber der Serienroutine unterläuft dem Zweiteiler einige Male Entsetzliches: dass man es sich gleichsam gemütlich macht im Grauen. Doch dann mahnen immer wieder das aschfahle Gesicht Pater Pfeiffers (überzeugend Miguel Herz-Kestranek), der versteckte Juden an die SS verliert, oder die Lauheit des Botschafters Ernst von Weizsäcker (Heinz Trixners Rolle wäre, hätte man schon „Das Amt" gekannt, wohl größer gewesen), an die furchtbare Wahrheit.
  Am Ende, als Pius XII. Monsignore Montini mit tränenerstickter Stimme zu einem Gang ohne Leibwache durch das befreite Rom einlädt, ist man sicher, einen nicht großen, doch wichtigen Film gesehen zu haben - und einem Mann nähergekommen zu sein, der ein überwältigendes Bekenntnis hinterließ: „Die Vergegenwärtigung der Mängel und Fehler hat mir meine Unzulänglichkeit klar vor Augen geführt." FAZ101101DieterBartetzko

Wer sich vom Bischof von Rom trennt, trennt sich von der Kirche -
Ein Blick zurück in zweitausend Jahre Geschichte
Foto unten: St.Petrus, Rom Foto unten rechts: Prof. Walter Brandmüller, Bischof und Kardinal

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   Noch nie im Laufe der Geschichte war der Papst in den Medien so präsent wie Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Aber das Amt des Papstes als Nachfolger des Apostels Petrus, als Stellvertreter Christi, als Fundament der Kirche Jesu Christi wird oftmals nicht verstanden.
   Das Papsttum erscheint nach wie vor als das entscheidende Hindernis auf dem Weg zur Einheit aller Christen. Dennoch mehren sich die Vorschläge bei Orthodoxen und Protestanten, wie ein Papsttum beschaffen sein müsste, das auch nicht-katholische Christen annehmen könnten. Vielen ist ja klar, wie sehr es notwendig wäre, dass alle Christen mit einer Stimme sich einer zunehmend säkularisierten Welt stellen und ihr das Evangelium verkünden, dass die Christenheit gegenüber dieser Welt durch einen gemeinsamen Wortführer vertreten würde. Der Papst als Sprecher aller Christen, als Generalsekretär der vereinten christlichen Kirchen nach dem Muster der Vereinten Nationen. So kann man von protestantischer Seite hören. Auch die Orthodoxen könnten sich einen Papst vorstel- len, der den Ehrenvorrang unter allen Kirchenführern inne hätte.
Es geht um den Willen Jesu, des Stifters der Kirche
   Die Frage ist aber nicht, ob und in welcher Form ein Papsttum bei allen Anklang finden könnte. Vielmehr ist zu fragen, ob und in welcher Gestalt Jesus Christus dieses Papsttum gestiftet hat. Diesen Willen des Stifters seiner Kirche entnehmen wir den Schriften des Neuen Testaments, insbesondere den Evangelien. Natürlich wird hier sogleich eingewandt, dass die Evangelien viel eher die Auffassungen der zweiten oder dritten Generation von Christen widerspiegeln, den Glauben, wie ihn die Gemeinden der nachapostolischen Zeit entwickelt hätten. Das gelte besonders von Texten, die die Strukturen, die Ämter der Kirche betreffen. Deshalb müssten auch die Texte, die für die Begründung des Papsttums angeführt zu werden pflegen, im wesentlichen als Ausdruck der Gemeinde- theologie, nicht aber als authentische Jesus-Worte verstanden werden. Schließlich seien die Evangelien - sieht man einmal von Markus ab, den man um 70 n. Chr. datiert - erst im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts entstanden.
  Die neueste Forschung erkennt, dass alle Evangelien zu einer Zeit abgefasst wurden, als noch zahlreiche Augen- und Ohrenzeugen des Lebens und Wirkens Jesu am Leben waren. Was bedeutet, dass wir in den bekannten Texten der Evangelien das Zeugnis der Apostel vor uns haben.
  In den drei Evangelien von Matthäus, Lukas und Johannes ist nun ausdrücklich von den Aufträgen und Vollmach- ten die Rede, die Jesus dem heiligen Petrus übertragen hat. Jesus erklärt, er werde auf ihn, Petrus, den Felsen, seine Kirche bauen, und zwar so dauerhaft, dass die Mächte der Unterwelt sie nicht überwältigen werden. Damit aber nicht genug: Jesus sagt auch: „Ich werde Dir die Schlüssel des Himmelreiches geben.” Was bedeutet, dass Petrus die hausväterliche Gewalt über die Kirche auf Erden ausübt. Dann aber folgt die Zusage: „Was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein.”
   Petrus verkündet demnach mit Vollmacht, was der Wille Gottes ist und stellt auch richterlich fest, ob dieser Wille Gottes im Einzelfall erfüllt wird. Dagegen wird nun sogleich der Einwand erhoben, dass nach Matthäus 18 auch den übrigen Aposteln die Binde- und Lösegewalt übertragen wird. Indes ist klar, dass die Schlüssel allein Petrus übergeben sind. Die verschiedenen Versuche, nachzuweisen, dass diese Worte an Petrus nicht von Jesus gespro- chen seien, sondern Formulierungen der Urgemeinde sind, können nicht überzeugen. Es ist zu offensichtlich, dass man nicht anerkennen will, dass das Papsttum der katholischen Kirche auf Jesus selbst zurückgeht.
   Es ist nicht nur das Matthäus-Evangelium, das von Petrus und seinem Auftrag spricht. Ebenso deutlich tut dies das Johannes-Evangelium. Um es nochmals zu betonen: Das Johannes-Evangelium ist keineswegs erst gegen Ende des ersten oder gar anfangs des zweiten Jahrhunderts nach Christus geschrieben, also durch lange Jahrzehnte von den Ereignissen entfernt. Vielmehr mehren sich die Stimmen der Forscher, die es sogar als das zuerst abgefasste Evangelium betrachten, jedenfalls aber, wenn nicht auf die fünfziger, so doch auf die sechziger Jahre datieren. Damit aber stehen wir  noch in der ersten Generation  nach Tod und Auferstehung Jesu.
   In diesem Evangelium wird nun berichtet, der auferstandene Jesus habe dreimal zu Petrus gesagt: „Weide meine Lämmer”, beziehungsweise: „weide meine Schafe.” Mag sein, dass die dreimalige Frage und die drei- malige Versicherung Petri „du weißt, dass ich dich liebe” auf die dreimalige Verleugnung Jesu durch den Apostel hinweist. Wichtiger ist, dass durch das dreimalige „weide meine Schafe” nicht nur eine Art Rehabilitierung des Petrus durch Jesus gemeint ist, sondern auch eine Übertragung von Vollmacht und Autorität.  Im alten Orient wur- den Rechtsformeln vor Zeugen dreimal wiederholt.
   Und wenn Jesus „meine Schafe, meine Lämmer” sagt, dann meint er alle, die an ihn glauben, dann meint er die ganze Kirche. Eben darin aber besteht, ebenso wie in den nur Petrus übergebenen Schlüsseln, der Unterschied des Petrus-Amtes zu dem der übrigen Apostel. Der Nachfolger Petri ist als oberster Lehrer und Hirte der Kirche Stellvertreter Christi auf Erden, alle Gläubigen sind ihm gegenüber zu Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam verpflichtet. Auf der anderen Seite garantiert das unfehlbare Lehramt des Papstes den Gläubigen die Unversehrtheit der Lehre Jesu Christi.
   Nun wird aber sofort eingewendet, dass im ganzen Neuen Testament mit keinem Wort von einem Nachfolger des Apostels Petrus die Rede sei. Darauf ist zunächst zu antworten, dass auch von manchen selbstverständ- lichen Dingen in der Heiligen Schrift nichts zu lesen ist. Das bedeutet in der Tat wenig. Man wird aber doch den gesunden Menschenverstand bemühen und fragen dürfen, was das denn bedeuten würde, wenn Jesus seine Kirche nur auf die Person des Petrus baut, Petrus also als Fundament der Kirche betrachtet, und dann mit dem Tode des Apostels der Kirche das Fundament weggebrochen wäre.
  Zudem ist die Frage nach dem Petrusamt durch die früheste Überlieferung eindeutig beantwortet. Ein erstes Zeugnis dafür stellt der Clemens-Brief dar. Dies ist ein Brief, den der römische Bischof Clemens an die Christen von Korinth geschrieben hat.  Die frühere Forschung glaubte, seine Abfassung auf die Jahre um 95 n. Chr. ansetzen zu sollen. Nun aber ist in diesem Brief die Rede vom Martyrium der Apostel Petrus und Paulus als einem Ereignis aus „unserer Generation”. Dies und andere Überlegungen begründen die Abfassung dieses Schreibens in den Jahren unmittelbar nach der neronischen Verfolgung, also vor dem Jahr Siebzig und damit noch zur apostolischen Zeit.
   In Korinth hatte es eine Rebellion von Gemeindemitgliedern gegen die Amtsträger der Kirche gegeben. Dies war offenbar in Rom bekannt geworden und nun greift Rom ein: Drei Abgesandte werden mit der Überbringung dieses Briefes betraut, in dem mit ernsten, freundlichen Worten die Wiederherstellung der Ordnung gefordert wird. Diese Forderung wird mit allem Nachdruck erhoben, ja sogar verlangt, dass die Unruhestifter aus Korinth auswandern und so der Kirche ihren Frieden wiedergeben sollten. Als Absender dieses an die Kirche zu Korinth geschriebenen Briefes wird die Kirche zu Rom genannt. Obwohl im Brief auch immer der Plural gebraucht wird, wenn „die Kirche zu Rom” zu den Korinthern spricht, ist von einem einzelnen Verfasser auszugehen, der im Namen der Kirche von Rom schreibt.  Dass es sich hierbei um Clemens von Rom, wohl den zweiten Nachfolger Petri handelt - die Reihenfolge der ersten drei Petrusnachfolger ist nicht zweifelsfrei geklärt -, bezeugen schon Clemens von Alexandrien (+ 215) und andere, insbesondere Bischof Dionysius von Korinth um 170. Und dieser Petrusnachfolger sagt den Korin- thern, dass es der Heilige Geist, dass es Christus ist, der durch ihn spricht, weshalb er fortfährt: „Wenn aber einige von euch dem, was von Ihm (= Christus!) durch uns gesagt wird, nicht gehorchen, so mögen sie erkennen, dass sie in Sünde und nicht geringe Gefahr geraten.” Der Nachfolger Petri fordert also von den Christen in Korinth Gehorsam im Namen Christi und dies, obwohl zu Ephesus noch der letzte der Apostel, Johannes lebt, und Ephesus nur ein Drittel der Strecke von Korinth entfernt ist, die diese Stadt von Rom trennt. Nicht umsonst schreibt darum der Bischof Dionysius von Korinth um das Jahr 170 an Papst Soter zu Rom, dass der Brief des Clemens ebenso wie Soters eigenes Schreiben an die Korinther dort nach altem Brauch im Sonntagsgottesdienst verlesen wird. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass die Autorität des römischen Bischofs in Korinth außer Zweifel stand.
Unbestritten und zugleich Grund von Protesten
   Was bereits in der Ursprungszeit der Kirche unbestritten war - das oberste Hirtenamt des Bischofs von Rom über die gesamte Kirche -, hat sich im Laufe der Kirchengeschichte nach den Erfordernissen der Zeitumstände deutlicher entfaltet und schließlich durch die beiden Vatikanischen Konzilien von 1869/70 und 1962/65 seine gültige Formulierung gefunden.
 Es kann nicht verwundern, dass im Laufe der Geschichte dagegen Protest erhoben wurde. Im 15.Jahrhundert war es die Lehre des Konziliarismus, die die Unterwerfung des Papstes unter das Allgemeine Konzil forderte. Später erhoben die Reformatoren des 16. Jahrhunderts, Luther, Zwingli, Calvin, ihren Protest gegen das Papsttum.
   Innerhalb der katholischen Kirche des 18. Jahrhunderts gab es die Anschauung des Episkopalismus, die die Voll- macht des Papstes zu Gunsten jener der Bischöfe einschränken wollte. 1786 versammelten sich die Erzbischöfe von Mainz, Köln, Trier und Salzburg in Bad Ems, um ihre diesbezüglichen Forderungen zu formulieren. Die folgende politische Entwicklung - Französische Revolution und Ende des Heiligen Römischen Reiches - führte zum Untergang der fürstbischöflichen Herrlichkeit und damit auch zum Scheitern dieser Bestrebungen.
   Eine neue antirömische Welle wurde 1845 durch die schlesischen Kapläne Ronge und Czerski ausgelöst, die beide vom Glauben abgefallen waren. Sie propagierten eine deutsch-katholische Kirche, deren Protest sich nicht nur gegen Priesterrum und Sakramente,  sondern auch gegen das Papsttum richtete. Ronge rief „seine deutschen Mitbürger” auf, „nach Kräften und endlich einmal entschieden der tyrannischen Macht der römischen Hierarchie zu begegnen und Einhalt zu thun”. Er hatte nicht geringen Erfolg mit seinem Aufruf, und im Hochgefühl, eine Großtat vollbracht zu haben, rief Ronge aus: „Der große Wurf ist gelungen, der Fortschritt des Jahrhunderts ist gerettet. Der Genius Deutschlands greift schon nach dem Lorbeerkranz  - und Rom muss fallen.”  Rom indes fiel nicht, Ronges Protestbewegung löste sich binnen zwanzig Jahren auf.
   Um eben diese Zeit kam es im Vorfeld des Ersten Vatikanischen Konzils, das Papst Pius IX. auf den 8. Dezember 1869 einberufen hatte, zu einem weiteren Protest. Dieser richtete sich nunmehr gegen eine befürchtete Definition der Glaubenslehre von der lehramtlichen Unfehlbarkeit und dem Obersten Hirtenamt, dem so genannten Juris- diktionsprimat des Papstes. Zentrum dieses Protestes war der Münchener Theologieprofessor Johann Joseph Ignaz von Döllinger. Ergebnis seiner Polemik war die Abspaltung der so genannten Altkatholischen Kirche.
   Damit nicht genug. Um die Wende zum 20. Jahrhundert erlebte der Deutschkatholizismus eine etwas veränderte Neuauflage in der vor allem in Österreich erfolgreichen „Los-von-Rom-Bewegung”. Die Führer des 1893 gegründe- ten ebenso antikatholischen wie antisemitischen „Alldeutschen Verbandes” erstrebten die Eingliederung Deutsch- Österreichs in das Deutsche Reich sowie die Lostrennung der österreichischen Katholiken von Rom als Voraus- setzung für die Gründung einer „deutschrassigen” nationalen Einheitsreligion. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dann - ebenfalls im Protest gegen Rom - die Tschechische Nationalkirche gegründet. In den vergangenen Jahr- zehnten trat dann Hans Küng als Streiter gegen das Papsttum auf den Plan und fand damit bis heute zahlreiche Gefolgschaft.
  Überblickt man nun das Entstehen und die weitere Entwicklung dieser Protestbewegungen gegen das Papsttum, so ergibt sich eine auf sie alle zutreffende Feststellung: Am Anfang geht es um die Ablehnung des päpstlichen Lehr- und Hirtenamtes und um eine größere Selbstständigkeit der Ortskirchen. Dabei bleibt es jedoch nicht. Manchmal bedurfte es keiner einzigen Generation, bis allmählich zunächst der Zölibat abgeschafft wurde. Dann traf die Ablehnung auch Messopfer und Bußsakrament. Wiederverheiratung nach einer Ehescheidung wurde als legitim erklärt - und schließlich nahm man dann auch vom Glauben an die Gottheit Jesu Christi, an seine jungfräu- liche Empfängnis und Geburt und seine leibliche Auferstehung Abschied.
   Starke nationale, gar nationalistische Töne gesellten sich hinzu - und Antisemitismus. „Ohne Juda, ohne Rom bauen wir den deutschen Dom”, so ein Slogan nicht nur von der Los-von-Rom-Bewegung, sondern auch des Nationalsozialismus. Es ist evident: Wer sich vom Papst trennt, trennt sich von der Kirche,  und wer sich von der Kirche trennt, trennt sich von Christus. Die Kehrseite dieser Ablehnung des römischen, petrinischen Primats ist - und auch das lehrt die Geschichte - eine zunehmende Abhängigkeit einer solchen romfreien Kirche vom Staat.
   Es dauerte nur wenige Jahre und Luthers Reformation führte zur Bildung von Landeskirchen, deren oberste Bischöfe die Fürsten und Könige waren. Nicht viel anders war es schon den orthodoxen Kirchen des Ostens ergangen, die sich nach der Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahre 1204 in zunehmendem Maße vom Papsttum losgelöst hatten. Die Patriarchen von Konstantinopel wurden von den Kaisern häufig ein- und abgesetzt, wie es die politische Situation ergab. Gerade im Bereich der Orthodoxie ist es evident, dass sich die Kirchen in dem Maße voneinander trennten, in dem das byzantinischen Reich in Einzelfürstentümer beziehungs- weise Reiche zerfiel. Jede dieser Nationalkirchen erstrebte oder erzwang sich Autokephalie, das heißt Unabhän- gigkeit vom Patriarchen von Konstantinopel. Der Preis dafür war und ist noch heute Abhängigkeit vom Staat.
   Seit Jahrzehnten scheitern aus eben diesen und anderen Gründen bisher alle Bemühungen um ein gemein- sames Konzil aller orthodoxen Kirchen, ein so genanntes Panorthodoxes Konzil. Die Bewahrung der Einheit der Kirche Jesu Christi, die eine einzige für die ganze Menschheit ist und die keine nationalen Grenzen kennt, ist ohne den Papst nicht möglich. Noch drastischer als im Bereich der Orthodoxie, die wenigstens in der Glaubenslehre einig ist, zeigt sich die Zersplitterung nicht nur in nationale Kirchentümer, sondern auch in mittlerweile zahllose einander in der Glaubenslehre widersprechende Konfessionen im Bereich der protestantischen Reformation. Ein Phänomen, das schon zu Luthers, Calvins und Zwinglis Zeiten zu entstehen begann.
Eine starke Stütze für die Freiheit der Kirche
   Demgegenüber erweist sich der römische Primat nicht nur als Hort der Einheit im Glauben und in der kirchlichen Gemeinschaft, sondern auch als starke Stütze für die Freiheit der Kirche in den einzelnen Ländern von ungerecht- fertigten Einflüssen seitens der staatlichen Gewalten. Der Umstand, dass der Heilige Stuhl als Völkerrechtssubjekt souverän, das heißt keiner staatlichen Gewalt unterworfen ist, setzt den Papst in die Lage, der Kirche in den einzelnen Ländern seinen Schutz gegen staatliche Unterdrückung angedeihen zu lassen. Dies ist eine der Haupt- aufgaben der päpstlichen Diplomatie.
   Um so erstaunlicher ist es, dass trotz alledem und trotz der großen Hilfe, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg durch Pius XII. und dann bei der deutschen Wiedervereinigung durch Johannes Paul II. erfahren hat, hierzulande der antirömische Affekt, die Tendenz zu einer von Rom mehr oder weniger unabhängigen National- kirche anhält. Beredter Ausdruck ist der anhaltende Widerstand gegen das Oberste Lehramt. Es genügt Humanae Vitae zu nennen oder die Unterstützung  von „Donum vitae” durch prominente Katholiken. Ein besonderes Problemfeld stellen zudem die theologischen Fakultäten der Universitäten dar. Hier werden in zahlreichen Fällen Lehren vertreten, die mit Lehre und Recht der Kirche, ja mit den Geboten Gottes in Widerspruch stehen.
   Keine Frage: Der deutsche Katholizismus befindet sich in weiten Kreisen und hinsichtlich sehr wichtiger Punkte im Widerspruch zum Papst - und damit in einer existenzbedrohenden Krise. Dass unter diesen Umständen ein kraftvolles Glaubenszeugnis gegenüber einer säkularisierten Gesellschaft, ein kraftvolles religiöses Leben nicht möglich ist, wen könnte es wundern? Wenn aber dieser Zustand sich ändern, wenn wieder Glaubensfreude, Zuversicht, Bereitschaft zum Einsatz für das Evangelium der Liebe Platz greifen sollen, dann bedarf es eines neuen engen Anschlusses an das Zentrum der Kirche, an den Papst.
   Dem steht freilich zweierlei im Wege. Das erste ist, dass wir uns allzu sehr daran gewöhnt haben, in einer demokratischen Gesellschaft alles durch Mehrheit entscheiden zu können. Das ist allerdings schon in einer wohl geordneten Demokratie schwierig, aber gar nicht möglich in der Kirche, die eine sakramental-hierarchisch ver- fasste Gemeinschaft ist, in der Vollmacht nicht durch demokratische Wahl und Beauftragung verliehen wird, son- dern durch Sendung von oben.
   Zum zweiten ist es der der Moderne besonders eigene emanzipatorische Impuls: Der Einzelne will keine über- geordnete Autorität über sich, er will sein eigener Herr sein. Aber auch für unser Verhältnis zur obersten Hirten- Vollmacht des Papstes ist das Vorbild Jesu maßgeblich, der „gehorsam wurde bis zum Tod” - und gerade dadurch die Welt erlöst hat.
   Wenn aufs neue Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam unser Verhältnis zum Obersten Hirten der Kirche und Stell- vertreter Christi auf Erde bestimmen, dann haben wir eine wichtige Vorbedingung dafür erfüllt, dass die katho- lische Kirche in Deutschland einer neuen Blüte des Glaubens und der Liebe entgegen geht.
Prof.Walter Brandmüller, Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften in Rom, em.
Von 1970 bis 1997 lehrte er Kirchengeschichte an der Universität Augsburg.
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Pius XII.  -  Der Sellvertreter

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  Der Borgo Santo Spirito ist eine stille Straße, die vom Petersplatz zum Tiber führt, gesäumt von den strengen Fassaden päpstlicher Palazzi. Haus Nr. 4 ist das Hauptquartier des Jesuitenordens, der Elitetruppe des Papstes. 21.000 Soldaten Christi in über 100 Ländern werden von hier aus geführt. Jeder Einzelne von ihnen ist dem Papst durch ein Treuegelöbnis zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet.
  Pater Gumpel residiert im dritten Stock. Eine hagere, asketische Gestalt, der man die 80 Lebensjahre nicht an- sieht. Der aus Deutschland stammende Pater ist der Chefermittler in Sachen Heiligkeit. Der Fall, den er seit 20 Jahren bearbeitet, ist der brisanteste unter den rund 1.000 schwebenden Verfahren zur Selig- und Heilig- sprechung: die Causa Eugenio Pacelli.
   Es geht um Pius XII. Sein Pontifikat fiel in die Schreckenszeit des 20. Jahrhunderts: Es war der Papst des faschistischen Zeitalters. Der Papst, der schwieg, als er hätte reden müssen -  so jedenfalls die Anklage, seit der junge deutsche Theaterautor Rolf Hochhuth 1963 diesen Papst zur düsteren Bühnenfigur machte: “Der Stell- vertreter”.
   Seither kämpft der Vatikan erbittert gegen den “Rufmord” an einem Pontifex, den das Kirchenvolk als Heiligen verehrte. Wer war dieser Mann, der für die einen ein Held ist, für die anderen ein moralischer Versager? Pius XII. hat es der Nachwelt nicht leicht gemacht. Etwas Sphinxhaftes, Undurchsichtiges umgab den römischen Patrizier- sohn Eugenio Pacelli schon zu Lebzeiten.
   Pius brauchte keine Gesellschaft. Er nahm seine Mahlzeiten stets allein ein und wünschte keine Begleitung auf seinem täglichen Nachmittagsspaziergang in den Vatikanischen Gärten. Wenn sein Auto auf der Fahrt nach Castel Gandolfo, der päpstlichen Sommerresidenz in einer engen Dorfstaße aufgehalten wurde, stieg er nicht aus, um die ausgestreckten Hände zu schütteln, sondern blieb, das Brevier lesend, wortlos im Wagen sitzen, bis der Weg frei war.
   Askese war ihm ein Lebensbedürfnis. Er kam mit vier Stunden Schlaf aus und verbrachte den Rest der Nacht im Gebet. Im Winter ließ er nicht heizen, sondern arbeitete in der Eiseskälte der vatikanischen Gemäuer mit einer Decke über den Knien.  Zur Entspannung las er Cicero, selbstverständlich in Latein. Aber es gab auch den anderen Pacelli, den nüchternen Realisten mit feiner Witterung für die Imponderabilien der Macht, den peniblen Akten- menschen, der auf Pünktlichkeit und äußerste Genauigkeit bestand.
   Eugenio Pacelli war nicht aus Zufall Papst geworden. Sein Weg lief in gerader Linie auf das Amt zu. Nach der Priesterweihe war er in den Dienst des vatikanischen Staatssekretariats getreten und hat ihn nie wieder verlas- sen. Seine Welt war die politische Zentrale des Vatikans.
   Sein Leben war auf schicksalhafte Weise mit Deutschland verknüpft. 1917 hatte ihn Papst Benedikt XV. als Nuntius, als Botschafter beim Königreich Bayern, nach München geschickt. Daraus wurde ein zwölfjähriger Aufent- halt im Land Martin Luthers.
   1920 wurde Pacelli in Berlin der erste Nuntius beim Deutschen Reich - und rasch zu einer prominenten Figur auf dem diplomatischen Parkett der Weimarer Republik: ein umworbener Gast auf allen Staatsempfängen, unüberseh- bar in seinem Seidencape, eine exotische Erscheinung in der protestantischen Preußenhauptstadt. Als der Nuntius 1929 nach Rom zurückbeordert wurde, gaben ihm Tausende mit einem Fackelzug das Geleit zum Bahnhof.
    Papst Pius XI. bereitete diesen Mann als seinen Nachfolger vor. Er ernannte ihn zum Kardinal und berief ihn 1930 als Staatssekretär an die politische Spitze des Vatikans. Drei Jahre später war Hitler an der Macht.
    Nachdem in Deutschland der Polizeistaat etabliert war, landete Hitler einen Überraschungscoup: Er bot dem Vatikan ein Konkordat an, einen Staatsvertrag, der die Rechte der Kirche einschließlich der Bischofswahl garan- tierte. Verlangte Gegenleistung: die politische Enthaltsamkeit des Klerus.
   Der Vertrag mit Hitler war die erste politische Versuchung, die an Eugenio Pacelli herantrat. Er wusste, mit wem er es zu tun hatte. Der britische Gesandte im Vatikan, Ivone Kirkpatrick, hatte darüber im August 1933 ein langes Gespräch mit Pacelli  und meldete nach London, der Kardinal habe “keinen Versuch gemacht, seinen Abscheu vor den Taten der Regierung Hitler zu verbergen - der Verfolgung der Juden, dem Vorgehen gegen politische Gegner, der Herrschaft des Terrors”.
 Warum ging er dann auf Hitlers Offerte ein? Weil ihm Hitler, so Pacelli zu Kirkpatrick, Konzessionen gemacht habe, die “weiter gingen als alles, was jede vorausgegangene deutsche Regierung zuzugestehen bereit gewesen wäre”. Das war zweifellos richtig. Die Frage war nur, ob Hitler sich an den Text halten würde.
  Die Antwort kam schneller als erwartet. Der Druck auf die Kirche, die letzte Institution in Deutschland, die noch nicht völlig gleichgeschaltet war, nahm zu. Verhaftungen, Misshandlungen, Schikanen. Diplomatische Demarchen des Vatikans verpufften wirkungslos. Da entschloss sich Pius XI. auf Drängen der deutschen Kardinäle zu einer En- zyklika - der schärfsten Waffe, über die er verfügte. “Mit brennender Sorge” - so der Titel - prangerte der Papst das Hitler-Regime an und dessen angriffslüsternes, von einflussreicher Seite leider vielfach begünstigtes Neuhei- dentum”.
   So war in Deutschland seit 1933 nicht mehr gesprochen worden, und so wurde auch nie wieder gesprochen. Die Gestapo reagierte sofort. Die Enzyklika war illegal ins Land geschmuggelt und gedruckt worden. Die Verbreitung wurde noch am selben Tag unter Strafe gestellt. Pacelli, ohnehin keine Kämpfernatur, zog aus dieser Erfahrung den fatalen Schluss, dass öffentliche Proteste die Lage nur verschlimmerten.
   Am 10. Februar 1939 starb Pius XI.; erwartungsgemäß wurde Pacelli zu seinem Nachfolger gewählt und bestieg als Pius XII. den päpstlichen Thron. Der Krieg stand unabweisbar vor der Tür. Innerhalb eines knappen Jahres war fast ganz Europa in der Hand Hitlers. Der Vatikan glich einer winzigen Insel in der tobenden See, ohne einen anderen Schutz als die Autorität des Papstes, der letzten verbliebenen moralischen Instanz.
   Diese Moral stand nun auf dem Spiel. Die vatikanische Staatsräson gebot, sich unter keinen Umständen vereinnahmen zu lassen, von welcher Seite auch immer. Die Frage, auf welcher Seite der Papst “wirklich” stand, beschäftigte die Allierten wie die Deutschen während des gesamten Krieges. Die Westmächte unterstellten ihm heimliche Sympathien für das nationalsozialistische Regime, während Hitler ihn für einen “Feind Deutschlands” hielt.
  Nach dem Kriegseintritt Amerikas versuchte auch Washington, den Vatikan auf seine Seite zu bringen. Präsident Roosevelt schickte seinen Sonderbotschafter nach Rom. Pius empfing den Botschafter freundlich, ließ ihn aber in der Sache durch seinen “Außenminister” Domenico Tardini abblitzen: Wenn der Papst Hitler verdamme, müsse er auch Stalin verdammen. Diese “Unparteilichkeit” war der Schutzwall, hinter dem sich der Vatikan sicher glaubte vor Drohungen und Erpressungen der Kriegsparteien. Er opferte dafür die moralische Integrität des Heiligen Stuhls. Denn Moral verlangt Parteinahme.
   Seit dem Überfall auf Polen hatte man in Rom detaillierte Kenntnis über die Gräuel in Osteuropa. Fast täglich erreichten den Vatikan Hilferufe, der Papst möge seine Stimme gegen den Terror erheben. Der britische Gesandte beim Papst, Sir Francis d’Arcy Osborne, schrieb 1942 nach London: “Tatsache ist, dass die moralische Autorität des Heiligen Stuhls sich nun aufs Betrüblichste verringert. Angesichts der deutschen Verbrechen hört jede Neutralität auf. Das Schweigen des Papstes schadet seinen eigenen Absichten.” Zu dieser Zeit war die Ausrottung der Juden bereits in vollem Gange. Der Vatikan wusste von den Massenmorden im Osten.
    Im Frühjahr 1942 begann in den Niederlanden die “Endlösung”. Die katholischen und protestantischen Kirchen- führer protestierten beim deutschen Reichskommissar Seyß-Inquart in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Massenverhaftungen. Der Erzbischof von Utrecht machte den Protest öffentlich, indem er ihn in einem Hirtenbrief von den Kanzeln verlesen ließ. Die Folge war, dass die SS die Deportationen nun auch auf Juden katholischer Konfession ausdehnte. Die niederländische Tragödie bestärkte Pacelli endgültig in der Auffasung, dass öffentliche Proteste das Gegenteil von dem bewirkten, was sie bezweckten.
   Zweifellos gab es im Vatikan wie in der Kirche generell antisemitische Ressentiments, die auf der judenfeind- lichen Tradition des Christentums beruhten.  Pacelli mochte kein Freund der Juden sein, doch ein Rassist war er mit Sicherheit nicht. Der Nationalsozialismus war in Pacellis Augen Gotteslästerung und Hitler als Person eine abstoßende Erscheinung. Umgekehrt hegte Hitler den gleichen Abscheu gegen Pius.
  Das Schweigen dauerte bis zum Ende. In seiner Weihnachtsansprache 1942 erwähnte der Papst die Judenver- nichtung mit einem einzigen verklausulierten Satz: Die Bitte um Frieden gelte auch “den Hunderttausenden, die, persönlich schuldlos, bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstimmung willen, dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind”. Dies war das Äußerste, das der Stellvertreter Christi während des Krieges zum größten Massenmord der Geschichte verlauten ließ.
    Im September 1943, nach der Kapitulation Italiens, wurde Rom von der Wehrmacht besetzt. Der Papst konnte die Stahlhelme vom Fenster aus sehen: Der Krieg war vor seiner Haustür angekommen. Im Morgengrauen des 16. Oktober 1943 startete die SS eine Razzia im historischen Getto von Rom und begann mit dem Abtransport der Juden. Der Papst wurde gegen 7 Uhr unterrichtet. Er alarmierte seinen Staatssekretär Maglione, der sofort den deutschen Botschafter beim Vatikan, Ernst von Weizsäcker, einbestellte.
   Die Razzia wurde abgebrochen. Für mehr als 1.000 Menschen kam die Rettung jedoch zu spät. Sie waren schon in eine Militärkaserne abtransportiert worden und wurden drei Tage später nach Auschwitz verladen. Nur 15 kehrten zurück. Ungezählte andere Juden verdankten dagegen dem Papst ihr Leben: Sie fanden Zuflucht in römi- schen Kirchen, Klöstern und Instituten.
   Am 4. Juni 1944 rückten die Amerikaner in Rom ein. Tausende strömten zum Petersplatz und bejubelten den Papst als “Retter Roms” - seinem Einsatz war es zu danken, dass die Ewige Stadt kampflos übergeben worden war. Es war vielleicht Pacellis beste Stunde.
    Pius XII. überlebte den Krieg um 13 Jahre. Er wurde noch unnahbarer, noch asketischer - eine Ikone seiner selbst. Vom Krieg und vom Holocaust sprach niemand mehr. Bis ein Theaterstück fünf Jahre nach seinem Tod das Bild vom unerschrockenen Beschützer der Verfolgten zerstörte. Es gab für den Vatikan nur einen Weg, Pius XII. von dem Makel zu befreien: die Selig- und mögliche Heiligsprechung.
     Das  politisch brisante Verfahren ist seit 38 Jahren anhängig. Pater Gumpel kennt jeden Tag im Leben Pius XII.; er hat Dutzende Zeugen unter Eid befragen lassen. Die Zeugenaussagen füllen zwei Bände von je 1.000 Seiten.  Das Schlusswort in der Causa Pacaelli liegt beim Papst. HeinrichJaeneckeHA030419 -
  Aus dem Innenleben des Vatikans: Dies ist eine stark gekürzte Reportage aus dem Magazin GEO EPOCHE, das sich der 2000-jährigen Geschichte der Stellvertreter Christi widmet - von Petrus bis Johannes Paul II. “Die Macht der Päpste” schildert die Historie einer der mächtigsten Institutionen aller Zeiten und zieht ein Resümee der lichten und düsteren Epochen des Papsttum sowie ihrer Oberhirten, zu denen Heilige und Höflinge gehörten, Märtyrer und Machtpolitiker. 180 Seiten 8€.

Bernard-Henri Lévy verteidigt den Papst      po-Bernard-HenriLevy-xx

Gegen die wohlfeile Desinformation: Der Papst und das jüdische Volk

  … und dann ist da noch die Sache mit Pius XII. Ich komme gerne darauf zurück. Ich komme auch gerne noch mal auf Rolf Hochhuth zurück, den Autor des „Stellvertreters" - des Stücks, mit dem 1963 die Polemik gegen das „Schweigen des Papstes" begann. Diesem eifrigen Rächer warf Paul Spiegel, damals Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bekanntlich vor, selbst den Holocaust zu leugnen, wenn er in einem Interview mit der rechten „Jungen Freiheit" den mehrfach verurteilten Holocaust-Leugner David Irving als „seriösen Historiker" bezeichnet.
   Zunächst einmal möchte ich aber daran erinnern, dass der spätere Pius XII. noch als Kardinal Pacelli 1937 die Enzyklika „Mit brennender Sorge" mitverfasste, bis heute eines der entschlossensten und wortgewaltigsten Mani- feste gegen die Nazis, Pius XII. sorgte aber nicht nur im Stillen dafür, dass den verfolgten römischen Juden die Klöster offenstanden, er hielt auch wichtige Rundfunkansprachen, die ihm später die Anerkennung Golda Meirs einbrachten, die erklärte: „In den zehn Jahren des Naziterrors, als unser Volk ein fürchterliches Martyrium durch- lebte, hat der Papst seine Stimme erhoben, um die Henker zu verurteilen."  Die ganze Welt schwieg über die Schoa, und da will man nahezu die gesamte Verantwortung für dieses Schweigen auf die Schultern des Souveräns legen, der weder Kanonen noch Flugzeuge zur Verfügung hatte; der sich zweitens bemühte, seine Informationen mit denen zu teilen, die solche Waffen hatten, und drittens der in Rom und anderswo eine große Zahl derer zu retten vermochte, für die er die moralische Verantwortung trug. FAZ100128
Aus dem Französischen von Nils Minkmar. Bernard-Henri Lévy ist Philosoph und Publizist. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Briefwechsel mit Michel Houellebecq: „Volksfeinde: ein Schlagabtausch" (2009).

„Ideologiefreier Blick auf Pius XII.”
   Der bevorstehende 50. Todestag von Papst Pius XII. ist ein guter Anlass, gründliche und ideologiefreie histo- rische Studien über das Wirken des Weltkriegs-Papstes anzuregen, „um jedes bestehende Vorurteil zu überwin- den”. Das sagte Papst Benedikt XVI. einer Gruppe der amerikanischjüdischen „Pave the way Foundation”. Diese Stiftung hatte in Rom einen dreitägigen Kongress über den Pacelli-Papst und seine Aktivitäten zur Rettung von Juden vor dem Holocaust ausgerichtet. Benedikt äußerte sich allerdings nicht zu einer möglichen Seligsprechung des Papstes.
   „Sehr viel wurde über Pius in diesen 50 Jahren seit seinem Tod geschrieben und gesagt, wobei nicht alle der Facetten seiner verschiedenen pastoralen Aktivitäten im rechten Licht betrachtet wurden. Das Ziel Ihres Sympo- siums war es nun, einige dieser Mängel anzugehen, indem Sie eine vorsichtige und gut dokumentierte Unter- suchung über viele seiner Interventionen durchführten - besonders über solche zugunsten der Juden, die in jenen Jahren in ganz Europa verfolgt wurden, gemäß des kriminellen Plans jener, die sie vom Antlitz der Welt auslöschen wollten.”
   Betrachte man Pius „frei von ideologischen Vorurteilen”, werde sein edler spiritueller und menschlicher Charakter offensichtlich, würdigte Papst Benedikt seinen Vorgänger. Schätzenswert sei auch die „menschliche Weisheit und pastorale Intensität”, von denen sich der Pacelli-Papst in den langen Jahren seines Amtes leiten ließ, „besonders bei der Bereitstellung organisierter Hilfe für das jüdische Volk”.
  „Dank der großen Menge an dokumentiertem Material, das Sie mit Hilfe wertvoller Zeugen gesammelt haben, bie- tet Ihr Symposium die Möglichkeit, vollständiger zu erfahren, was Pius XII. für die vom Nazi- und vom faschis- tischen Regime verfolgten Juden erreichte. Auf diese Weise versteht man, dass er, wo immer es möglich war, keine Mühe scheute, sich zu ihren Gunsten einzusetzen – sei es direkt, sei es durch Anweisungen an Einzelne oder an Einrichtungen der Katholischen Kirche.” Benedikt äußerte Verständnis dafür, dass dieser Einsatz des Papstes nach außen hin „schweigend” ablief. „Seine Interventionen waren geheim und still, weil es in der gegebenen Situation des schwierigen historischen Momentes nur so möglich war, das Schlimmste zu verhindern und die größtmögliche Zahl von Juden zu retten.”
   Benedikt verwies auch darauf, dass nach dem Krieg viele jüdische Autoritäten dem Papst für sein Engagement gedankt hatten. So habe Pius am 29. November 1945 eine Delegation von 80 Überlebenden deutscher Konzen- trationslager in Audienz empfangen, die ihm für seine „Großzügigkeit während der schrecklichen Periode der nazi- faschistischen Verfolgung dankten”.
  Für Papst Pius XII. läuft seit 1965 ein Verfahren zur Seligsprechung. Die historischen Erhebungen, die so genannte Positio, umfasst 3.500 Seiten und liegt seit mehreren Jahren vor. Vom Vatikan beauftragte Historiker, Theologen sowie Bischöfe und Kardinäle der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen haben in den verschiedenen Instanzen des Verfahrens die Seligsprechung des Pacelli-Papstes befürwortet. Die letzte Unter- schrift allerdings fehlt: Benedikt XVI. hat bisher davon abgesehen, grünes Licht für die Seligsprechung zu geben. rv080918gs

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Juden loben Papst Pius XII, der “viele gerettet hat”.
Foto oben: Benedikt XVI. begrüßt Gary Krupp, Präsident der Pave-The-Way-Stiftung

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   Papst Pius XII wurde nach Meinung führender Juden dämonisiert und seine Hilfe für Juden während des 2. Welt- krieges wurde durch ungenaue und unvollständige Berichte entstellt. “Wir müssen die Geschichte neu schreiben” und der Welt die Wahrheit sagen über den Papst, der “im 2. Weltkrieg so viele Leben rettete”, sagte Gary Krupp, der jüdische Gründer und Präsident der Pave the Way-Stiftung. Er sprach zu Beginn eines Symposiums über Studien zum Pontifikat von Papst Pius XII. Die amerikanische Stiftung förderte diese Fachtagung, auf der katho- lische und jüdische Referenten unter anderem auch Filmmaterial vorführten von Interviews mit Menschen, die durch die Intervention der Kirche vom Holocaust gerettet wurden.
   Gary Krupp erklärte, er sei mit Hass auf Papst Pius aufgewachsen in der Meinung, dass Papst Pius nichts gegen die Tötung von sechs Millionen Juden unternommen hätte. Aber Jahre später war er geschockt, als er durch For- schungen entdeckte, dass der Papst sich sehr stark in einem geheimen Netzwerk für die vor der Verfolgung durch die Nazis fliehenden Menschen eingesetzt hat, durch die Öffnung der Klausuren, Klöster, religiöser Konvente und Priesterseminare in Europa.  
   Krupp führte weiter aus, dass Erfahrung gezeigt hätte, dass öffentlicher Widerspruch europäischer Führer gegen die Nazi-Verfolgung die Verfolgung der Juden verstärkt hätte – und letztlich sich auch gegen diese Sprecher wandte. Daher sei es eine große Hilfe gewesen, diesen Einsatz von Papst und Kirche geheim zu halten.
   Krupp sagte, für die Welt sei nun die Zeit gekommen, “Papst Pius XII. zu vergeben, dass er nicht groß öffentlich geredet hat, sondern wirklich anzuerkennen, dass er seinen Weg der Hilfe gegangen ist” (Krupp:to forgive Pius XII for not talking the talk but truly commend him for walking the walk”).CT080928CarolGlatz
US-Stiftung will Pius XII. als Judenretter anerkennen lassen
   Die US-amerikanische Stiftung „Pave the Way" will Papst Pius XII. (1939-58) von der Jerusalemer Holocaust- Gedenkstätte Jad Vaschem als „Gerechten der Völker" anerkennen lassen. Der jüdische Präsident der Stiftung, der New Yorker Unternehmer Gary Krupp, habe Benedikt XVI. eine entsprechende Initiative am Rande einer General- audienz vorgestellt, berichtet die Vatikanzeitung „Osservatore Romano". Krupp habe Benedikt XVI. auch ein Buch mit historischen Dokumenten zu Pius XII. überreicht. Es handle sich um „ein Zeichen der Dankbarkeit für die Initia- tiven, die Benedikt XVI. zugunsten des Dialogs zwischen Katholiken und Juden unternommen hat", sagte Krupp laut der Zeitung. Die Stiftung „Pave the Way" macht sich unter anderem für eine historische Rehabilitierung des Weltkriegs-Papstes Pius XII. stark. Krupp ist der Auffassung, der Papst habe „das Beste getan, was er in seiner Epoche tun konnte". Auch Benedikt XVI. verteidigte seinen Vorgänger wiederholt. Das teilweise geheime und diskrete Vorgehen von Pius XII. sei in der konkreten Situation oft der einzige Weg gewesen, „um das Schlimmste zu verhindern und die größtmögliche Zahl von Juden zu retten", sagte Benedikt XVI. anlässlich der Gedenkfeiern zum 50. Todestag des Pacelli-Papstes.   DT090919KNA

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Foto oben links: Papst Pius XII.  Foto oben rechts: Gary Krupp richtet eine Grußadresse
an Papst Johannes Paul II. in der größten jüdischen Audienz der Geschichte im Vatikan

Unqualifizierter Angriff
   Rabbiner Cohen hat vor der Weltbischofssynode mit Blick auf Pius XII. nicht als Vertreter einer jüdischen „Hierarchie” gesprochen, sondern allein seine persönlich Meinung zum Ausdruck gebracht. Dabei verwundert es, dass er nichts davon gewusst haben soll, dass der Todestag Pius' XII. der 9. Oktober ist und sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt. Gleichzeitig ist zu bedauern, dass ein hoher Repräsentant des Judentums das Rampenlicht seiner Einladung zu einer Bischofssynode dazu nutzt, ungerechtfertigte und persönliche Ansichten über einen Papst der katholischen Kirche zu äußern. Des Weiteren erstaunt es, feststellen zu müssen, dass ein als Sonder- gast eingeladener Rabbiner Papst Benedikt XVI. auf der Grundlage von anerkannten „schwarzen Legenden” des- avouiert.
   Rabbiner Cohen kann am besten mit den Worten des Oberrabbiners von Jerusalem Isaak Herzog aus dem Jahr 1944 geantwortet werden. Herzog schrieb an Pius XII.: „Das Volk Israel wird nie das vergessen, was Eure Heiligkeit und Eure verehrten Delegaten, inspiriert von den ewigen Prinzipien der Religion, die an der Basis einer wahren Zivilisation stehen, für unsere unglückseligen Brüder und Schwestern in der tragischsten Stunde unserer Geschichte tun: ein lebendiger Beweis der göttlichen Vorsehung in dieser Welt.” Nach dem Tod des Papstes hatte derselbe Herzog verlautbaren lassen: „Der Tod Pius XII. ist ein schwerer Verlust für die ganze freie Welt. Die Katholiken sind nicht die einzigen, die seinen Tod beweinen.”
   Beweise des Dankes des jüdischen Volkes gegenüber Pius XII. sind zahlreich und ausführlich dokumentiert. Die jüdische Stiftung „Pave the Way” erhebt zum Beispiel ihre Stimme gegen die „schwarze Legende” über den „Papst Hitlers". Die Stiftung veröffentlichte Mitte September dieses Jahres eine beeindruckende Dokumentation beste- hend aus den Fotokopien der Dankbriefe sowie der privaten und öffentlichen Zeugnisse von Juden, die dank des Eingreifens des Papstes der Vernichtung entgangen waren. Eine der wichtigsten Stimmen in diesem Zusammen- hang ist die des Kongresses der Delegaten der italienischen jüdischen Gemeinden aus dem Jahr 1946. Der Kongress erklärte, dass er die dringende Pflicht verspüre, Seiner Heiligkeit Pius XII. seinen tiefsten Dank zum Ausdruck zu bringen; dieser beseele alle Juden. Der Kongress stellte fest: „Die Juden werden auf alle Ewigkeit das im Gedächtnis bewahren, was die Kirche auf Anordnung der Päpste für sie in der vergangenen Schreckenszeit getan hat.” In einem Interview gegenüber Radio Vatikan beklagte dann am 7. Oktober der Postulator des Selig- sprechungsprozesses Pius' XII., E Paolo Molinari SJ, die Verantwortung der Medien für die Verbreitung von Falsch- heiten über Pius XII. Heute sei es eindeutig belegt, wie der Papst gehandelt habe: „Mit Weisheit und verant- wortlicher Vorsicht, wobei er sich der Nuntiaturen, der Bischöfe, der Priester, der Laien, der Konvente und der Klöster bediente, um Abertausenden von Menschen Asyl zu verschaffen und sie am Leben zu erhalten.”   DTArminSchwibach081009

Benedikt: Pius handelte oft im Stillen
   Benedikt XVI. hat in einer Messe auf der Bischofssynode in Rom des 50. Todestages von Papst Pius XII. gedacht. Pius war am 2. März 1939 zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt worden; er starb am 9. Oktober 1958. Gegenüber den Vorwürfen, Pius XII. habe nicht gegen die Verfolgung der Juden im „Dritten Reich" protestiert, verwies Benedikt in der Predigt in der Petersbasilika auf die Radioansprache des Papstes zu Weihnachten 1942. Darin habe Pius „mit hörbar bewegter Stimme" gesprochen von „Hunderttausenden von Personen, die ohne irgendeine eigene Schuld, sondern nur auf Grund ihrer Nationalität oder Rasse zum Tode oder zu weiterem Verderben bestimmt sind". Das sei, so Benedikt, ein klarer Hinweis auf Deportation und Vernichtung der Juden. Pius XII. handelte laut Benedikt XVI. „häufig im Geheimen und Stillen, weil er angesichts der konkreten Situationen jener besonderen Zeit erkannte, dass man nur so Schlimmeres verhindern und die größtmögliche Zahl von Juden retten konnte". In der katholischen Kirche gibt es eine Initiative zur Seligsprechung von Pius XII. FAZ081010hjf
Der SS-Staat und die Weihnachtsbotschaft
   „Das Bild von Pius XII.” wird in den Schatten gestellt, wenn man seine Weihnachtsansprache von 1942 ein „Versagen” des Papstes nennt, weil im Wortlaut seiner Rede nicht ausdrücklich die Verfolgung der Juden beim Namen genannt wird. Das heißt: Der Papst habe zwar gesprochen, aber nicht deutlich genug. Zur besseren Bewertung der Ansprache ist es hilfreich, darauf hinzuweisen, dass der Wortlaut im Reichssicherheitshauptamt in Berlin sehr wohl im richtigen Sinne verstanden wurde. In einer Analyse kam die zentrale Überwachungsbehörde des SS-Staates im Januar 1943 zu dem Ergebnis, der Papst habe in seiner Rede „seinen grundsätzlichen Gegen- satz und seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus” bekundet. „Auch wenn er seinen Namen nicht nennt.” Pius XII. habe „praktisch dem deutschen Volk ein Unrecht an Polen und Juden vorgeworfen”. Damit habe sich der Papst „zum Fürsprecher und Vorkämpfer für diese wahrsten Kriegsverbrecher” gemacht. FAZ081023LB

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Die Meinung über Pius XII. wandelt sich. -
Würde die jüdische Welt das anerkennen, ginge es weiter mit der Seligsprechung des Pacelli-Papstes.
Foto links: Schimon Peres und Benedikt XVI. Foto rechts: Pater Peter Gumpel SJ.

   Ein Sturm im Wasserglas? Zeitungen in England, Israel, Italien und den Vereinigten Staaten haben wieder einmal über die mögliche Seligsprechung von Papst Pius XII. spekuliert. Ausgangspunkt waren diesmal die Er- klärungen zweier römischer Jesuiten. Die erste stammte von Pater Peter Gumpel, dem langjährigen Postulator im Seligsprechungsprozess für den Pacelli-Papst, dessen fünfzigster Todestag jetzt begangen wurde. Gegenüber der italienischen Nachrichtenagentur ANSA hatte Gumpel gemeint, dass es schwer vorzustellen sei, dass Papst Bene- dikt Israel - und dann sicherlich die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem - besuche, solange dort das Bild von Pius XII. im Museum von Yad Vashem im sogenannten Saal der Schande hänge und mit jener bereits mehrfach kriti- sierten Bildzeile versehen sei, derzufolge dieser Papst zu den Staatsoberhäuptern gehöre, die für die Juden nichts getan haben. Die Nachrichtenagentur machte daraus die Meldung, laut Pater Gumpel sei eine Israel-Reise des deutschen Papstes unmöglich, was zahlreiche Zeitungen dann so übernahmen. Das rief den zweiten Jesuiten auf den Plan, Pater Federico Lombardi, den Direktor des vatikanischen Pressesaals und damit Sprecher des Papstes. „Es ist bekannt”, lautete ein Mitteilung Lombardis auf der Internet-Seite des Pressesaals, „dass der Repräsentant der Heiligen Stuhls in Israel schon in der Vergangenheit Einwände gegen den Text der Bildzeile über Pius XII. im Museum von Yad Vashem vorgetragen hat. Es wäre zu wünschen, dass diese Gegenstand einer neuen, objektiven und vertieften Prüfung durch die Verantwortlichen des Museums wären. „Dennoch”, so heißt es in der Erklärung des Vatikansprechers weiter, „kann man diese Tatsache nicht als ausschlaggebend für eine Entscheidung über eine mögliche Reise des Heiligen Vaters ins Heilige Land betrachten, eine Reise, die der Papst wünscht, die aber noch nicht konkret geplant ist.”
   Jetzt hat sich  der israelische  Staatspräsident Schimon Peres in die Debatte eingeschaltet. Peres wiederholte die Einladung Papst Benedikts. Ein Besuch des katholischen Kirchenoberhauptes sei sehr willkommen. Er habe Benedikt XVI. zwei- oder dreimal getroffen, so Peres. Das Thema Pius XII. sei dabei aber „niemals angesprochen” worden. „Sollte Papst Pius XII. den Juden geholfen haben, dann müsste das nachgewiesen werden; genauso müsste bewiesen werden, wenn jener Papst den Juden nicht geholfen hat.”Dass Pius XII. den Juden geholfen hat, ist bewiesen und kann nachgelesen werden. DTGuidoHorst081023
  
In einem römischen Kloster in der Nähe des Laterans ist ein wichtiges Dokument zu Papst Pius XII. aufgetaucht. Die Notiz vom November 1943 führt 24 Verfolgte des Nazi-Regimes auf; diese sollten auf Wunsch des Papstes ge- rettet werden. Darum habe – so das Dokument wörtlich – der Heilige Vater angeordnet, „diesen Verfolgten in den Klöstern Gastfreundschaft zu gewähren“. Viele oder alle der auf der Liste aufgeführten Personen waren offenbar Juden. Der Relator im Seligsprechungsprozess für Pius, Jesuitenpater Peter Gumpel Foto oben, spricht von einem „seltenen Zeugnis“. Es gebe zwar viele mündliche Hinweise auf solche Rettungsaktionen des Pacelli-Papstes für verfolgte Juden, aber so gut wie keine schriftlichen Belege. Das Dokument kam jetzt im Kloster der Augusti- nerinnen von „Santi Quattro Coronati“ zum Vorschein. Es ist einer von nur zwei existierenden schriftlichen Hinweisen auf die Rettungsaktion; ein zweites, schon länger bekanntes Dokument aus dem Vatikan in dieser Hinsicht galt dem Bistum Assisi. Rv090305

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Foto rechts: Professor Dr. Hubert Wolf: Forschungen über Papst Pius XII. Foto links
Eine deutsche Mission und zwei Traumata

 Als Papst Pius XII. am 9. Oktober 1958 starb, wurden auch in Deutschland Trauerflaggen gehisst.
Fünf Jahre später war der Papst zum „Stellvertreter” geworden und durch sein Schweigen
angeblich mitschuldig an der Ermordung der Juden Europas durch die Nationalsozialisten.
Haben die „deutschen Jahre” als Nuntius in München und Berlin Eugenio Pacelli zur Nachsicht veranlasst?

   „Meine deutsche Mission ist zu Ende. Eine größere, umfassendere am geistigen und übernatürlichen Brennpunkt der universalen Kirche hebt an. Ich kehre zurück, wovon ich ausgegangen bin. Zu dem Grab des Felsenmannes unter der Kuppel Michelangelos, zu dem lebendigen Petrus im Vatikan. Nahe bei Petrus stehen heißt nahe bei Christus sein.”  Mit diesen Worten verabschiedete sich Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., 1929 von den Berliner Katholiken. Zwölf Jahre hatte der Römer als Nuntius, als päpstlicher Gesandter im Rang eines Botschaf- ters, in München und Berlin gelebt. Er versicherte seinen Zuhörern in der Reichshauptstadt: „Ihr Gebet begleitet mich. Ihre Liebe stärkt mich, Ihre Hingabe an Christi Werk, Ihr Glaubenseifer in schwieriger und gefahrvoller Um- welt ist mir ein Unterpfand dafür, dass ich nicht ganz umsonst unter Ihnen geweilt und gewirkt habe.”
  Nicht mit einem Wort indes deutete Pacelli an, dass er während seiner Zeit in Deutschland seine Überzeugungen oder gar Handlungsmaximen gewechselt haben könnte, dass er vielleicht sogar als „halber Deutscher” zurück nach Rom ging. Auf den ersten Blick überrascht das kaum, denn Pacelli war schon mit einem unverrückbaren Welt- bild nach Deutschland gekommen. Er entstammte dem „schwarzen Rom”, war am 02. März 1876 in eine papst- treue römische Familie hineingeboren worden. Seine Schulhefte lassen einen hochbegabten und sensiblen Chara- kter erkennen. Obwohl er ein laizistisches Gymnasium besuchte, bewahrte sich Pacelli eine kindlich anmutende Frömmigkeit und strebte wie selbstverständlich das Priestertum an. Theologie und Jura studierte er an katho- lischen Seminaren, wo er vor allem mit der Neuscholastik vertraut wurde. 1901 startete er seine kuriale Karriere als „Azubi” Pietro Gasparris, des Sekretärs der Kongregation für die Außerordentlichen Kirchlichen Angelegen- heiten - ein Amt, das Pacelli 1914 selbst übernahm, als sein Mentor zum Kardinalstaatssekretär und damit zum „Außenminister” des Papstes aufstieg.
   Wer, wie Pacelli, in Rom ewige Wahrheiten gelernt und bleibende Antworten auf alle Fragen bei Thomas von Aquin gefunden hat, was kann der im Lande Luthers und Kants, im Lande Rankes und Humboldts noch wirklich Neues und Prägendes erfahren? Hatte Pacelli in Deutschland Schlüsselerlebnisse, die auch mit Blick auf sein spä- teres Pontifikat aufschlussreich sind? Immer wieder wurde und wird ihm ja sein angebliches Schweigen zum Holo- caust vorgeworfen. Ist vielleicht sogar dieses „Schweigen” zum Teil auf Erlebnisse während seiner Berliner Jahre zurückzuführen?
   Pacellis Mission in Deutschland begann nicht in Berlin, sondern in München: Am 21. April 1917 wurde er zum Nuntius in Bayern ernannt. Erst 1920 wurde eine Vertretung des Heiligen Stuhles beim Deutschen Reich eingerichtet, deshalb war Pacelli von 1920 bis 1925 in einer Doppelakkreditierung gleichzeitig in München und Berlin und von 1925 bis 1929 ausschließlich in Berlin tätig. Von dort mischte er sich nicht nur in die deutsche Politik, sondern auch in die Weltpolitik ein. Im Zuge der seelsorgerischen Hilfe für Flüchtlinge aus der UdSSR entstanden zahlreiche Kontakte in die osteuropäischen Länder. So bot Pacelli Stalin nicht weniger als dreimal eine diplo- matische Anerkennung der Sowjetunion durch den Heiligen Stuhl an, falls die Christenverfolgungen aufhörten.

ppMoskauSchaupr250323-z  Schauprozess Moskau 1923

Im Dezember 1922 besetzten Polizeiaufgebote und Militär sämtliche Kirchen von Petrograd (Leningrad). Erzbischof Jan Cieplak Foto unten 1. Reihe Mitte und weitere katholische Priester wurden vor das Revolutionstribunal geladen. Am 03. März 1923 wurden sie wegen “Hochverrat” in Moskau verhaftet. Am Palmsonntag, dem 25. März 1923 fand der Schauprozess statt. Foto oben: Verteidigungsrede von Budkiewicz. Zehn Minuten nach Mitternacht erfolgte der Urteilsspruch: Todesstrafe für Erzbischof Jan Cieplak und Budkiewicz auf dem Foto unten: erste Reihe 2. von rechts; links neben ihm: Exarch Fedorov wurde zu 10 Jahren Isolationshaft verurteilt, ebenfalls 10 Jahre Haft für vier weitere Priester.

Prozess gegen die katholische Kirche  pp-MoskauSchauprozess250323

   Auch die erste Mission, mit der Pacelli als Nuntius betraut wurde, besaß weltpolitische Dimensionen: Er sollte bei der deutschen Reichsregierung die Möglichkeiten für eine päpstliche Friedensinitiative sondieren. Papst Benedikt XV. hatte - gegen den Rat seines Kardinalstaatssekretärs Gasparri beschlossen, sich nicht mit der Rolle eines neutralen und abseits stehenden padre commune zufriedenzugeben, sondern als Anwalt aller leidenden Men- schen eine Vermittlungs- und Friedenspolitik aufzunehmen. Doch als der Papst sich am 1. August 1917 mit einem Friedensappell an die Öffentlichkeit wandte, fühlte sich die neue deutsche Regierung nicht mehr an Zusagen gebunden, die der inzwischen gestürzte Reichskanzler von Bethmann Hollweg dem Nuntius gegeben hatte. Auch bei den Alliierten stieß die Friedensinitiative auf Ablehnung. Alles in allem erwies sich die Mission als diplomatischer Misserfolg ersten Ranges.

Aus der Diskussion der FAZ:

Warten auf eine Öffnung der Vatikan-Archive
  Im Artikel der FAZ „Das Bild von Pius XII.” von Rainer Blasius  zur Kontroverse über Papst Pius XII. heißt es, das Porträt des Papstes werde in Yad Vashem in einer „Hall of Shame” präsentiert. Es ist mir ein Anliegen, an dieser Stelle klarzustellen, dass es in Yad Vashem keine sogenannte „Hall of Shame” gibt. Das Foto und die Bildunter- schrift, die sich auf Papst Pius XII. beziehen, sind im Holocaust History Museum in Yad Vashem ausgestellt, und zwar in der Galerie, die sich mit den Themen Widerstand und Rettung im Allgemeinen, und mit der Frage nach den Reaktionen der Welt im Besonderen auseinandersetzt. Die Erforschung der Geschichte des Holocaust, ebenso die Rolle von Papst Pius XII., ist ein nicht abgeschlossener, dynamischer Prozess.
   Das Verhalten von Papst Pius XII. während des Holocausts wird weltweit von Forschern und Historikern disku- tiert. Die Darstellung im Museum von Yad Vashem entspricht dem aktuellen Forschungsstand zu diesem Thema. Die Historiker in Yad Vashem verfolgen aufmerksam die neuesten Entwicklungen in Forschung und Dokumentation und setzen sich weiterhin intensiv mit sämtlichen Aspekten der Holocaust-Forschung auseinander.
  In Yad Vashem besteht kein Zweifel darüber, dass eine Öffnung der Archive des Vatikans einen wichtigen Beitrag zur Erforschung dieses historischen Kapitels und damit zur Klärung dieses spezifischen Themas leisten würde. IrisRosenberg,SprecherinJadVashem,Jerusalem
Hätte Papst Pius XII. mehr tun können?
   Dr. Hans Hermann Henrix bittet um ein Moratorium in der Frage der Seligsprechung von Papst Pius XII., die aber noch gar nicht auf der Tagesordnung steht. Vielmehr geht es um die Frage des „Heroischen Tugendgrades”, einer unabdingbaren Voraussetzung für ein Seligsprechungsverfahren. Die zuständige Kommission von 13 Bischöfen und Kardinälen hat sich einstimmig für die Zuerkennung dieses Heroischen Tügendgrades im Falle von Pius XII. ausgesprochen. Sie bedarf lediglich der bisher noch nicht erfolgten Unterzeichnung durch den Papst.
   Vom 15. bis 17. September dieses Jahres fand in Rom ein Symposion von 50 bis 60 repräsentativen Rabbinern und Professoren statt, die einmütig die vorbildliche Haltung des Pacelli-Papstes in seinem Einsatz für die Juden würdigten. Am 18. September wurden die Repräsentanten von Papst Benedikt empfangen, der bei dieser Gele- genheit die beispielhafte Haltung seines Vorgängers hervorhob. Er habe alles getan, was in der Zeit des braunen Terrors möglich war, um so viele Juden wie möglich zu retten. In einer Rede vom 9. Oktober bekräftigte der Papst diese Worte noch einmal.
  Leser Dr. Henrix meint, eine Seligsprechung von Pius XII. - die eben noch gar nicht vorgesehen ist - würde „die verbliebenen jüdischen Überlebenden und ihre Familien zutiefst verstören und ihnen großen Schmerz zufügen”. Dies träfe lediglich für diejenigen zu, die nicht die historische Wahrheit kennen. Der 1997 verstorbene jüdische Theologe und Historiker Pinchas E. Lapide, der seine dreijährige Forschungsarbeit auf zumeist jüdische Quellen stützt, stellt in seinem Buch „Rom und die Juden” (1967) fest, dass die katholische Kirche unter Papst Pius XII. weit mehr Juden gerettet hat als „von allen anderen Kirchen, religiösen Einrichtungen und Hilfsorganisationen zusammengenommen”. „The Jewish Chronicle”, London, stellte hierzu fest: „Es handelt sich nicht um eine Rein- waschung, sondern um eine wesentliche Berichtigung zum ‘Stellvertreter’ von Rolf Hochhuth ... Hätten denn Papst Pius XII. und seine Kirche überhaupt mehr tun können?”
   Im Jahr 1944 schrieb der Oberrabbiner von Jerusalem, Isaak Herzog, an Papst Pius XII.: „Das Volk Israel wird nie vergessen, was Eure Heiligkeit und Eure verehrten Delegaten, inspiriert von den ewigen Prinzipien der Reli- gion, die an der Basis einer wahren Zivilisation stehen, für unsere unglückseligen Brüder und Schwestern in der tragischsten Stunde unserer Geschichte tun: ein lebendiger Beweis der göttlichen Vorsehung in dieser Welt.” Bekanntlich wurde „Rom und die Juden” von jüdischer Seite totgeschwiegen. Dies ist aber nicht möglich beim jüdischen Historiker Sir Martin Gilbert, dem offiziellen Churchill-Biographen, der als profunder Holocaust-Forscher gilt. Er äußerte sich wiederholt empört über die unqualifizierten Angriffe auf Pius XII. und den „Saal der Schande” in Jad Vashem, in den 2005 das Porträt von Papst Pius XII. aufgenommen wurde. Sir Martin Gilbert vertritt aufgrund seiner Forschungen die Überzeugung, dass Papst Pius XII. alles in einer Diktatur Mögliche getan hat, um Menschenleben zu retten. P.LotharGroppeSJ,Köln

jud-jadVashem-PiusXII-x  Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem

hat am 01. Juli 2012 ihre umstrittene Inschrift zur Rolle Papst Pius XII. während der NS-Judenverfolgung geändert. Zwar wird Pius XII. (1939-1958) in dem neuen Text weiter dafür gerügt, dass die Kirche nicht öffentlich für die verfolgten Juden eingetreten sei. RV120701

Israel: Nuntius zufrieden mit neuer Yad Vashem-Inschrift zu Pius XII.
   Der Apostolische Nuntius in Israel, Erzbischof Antonio Franco, ist zufrieden mit dem Beschluss, die umstrittene Inschrift zur Rolle Papst Pius XII. bei der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu ändern. Die Umge- staltung wurde am 01. Julli 2012 durchgeführt. Zwar werde Pius XII. in dem neuen Text weiter vorgeworfen, dass die Kirche nicht öffentlich für die verfolgten Juden eingetreten sei. Allerdings werden die komplexen Vorgänge differenzierter dargestellt. Seit 2007 hat sich der Vatikan um eine Änderung dieser Inschrift bemüht, so der Nunti- us im Gespräch mit Radio Vatikan.
   „Das ist nun ein erster Schritt, um die Sicht auf die historischen Fakten auszuweiten und sichtbar zu machen, welche bedeutende Rolle Pius XII. und der Heilige Stuhl damals einnahmen. Die neue Inschrift scheint zumindest neutraler zu sein, denn bisher waren die Anschuldigungen auch sehr emotional und trugen überhaupt nicht des- sen Rechnung, was die konkreten historischen Fakten sind.“
   Die aktualisierte Version kritisiert implizit, dass der Vatikan immer noch nicht seine Archive für die historische Er- forschung der fraglichen Jahre geöffnet habe. Erzbischof Franco: „Ich habe in den letzten sechs Jahren oft mit den Museumsleitern hier gesprochen. Die Gespräche waren immer offen und ehrlich. Es gibt keine Vorurteile oder ideologische Voreingenommenheit gegenüber dem Papsttum oder dem Heiligen Stuhl. Wir hoffen, dass wir auch weiterhin mit dem Museum für weitere kulturelle Projekte zusammenarbeiten können.“
   Die Leitung von Yad Vashem erklärte dazu, die Neufassung trage jüngeren Forschungsergebnissen Rechnung. Entgegen anderslautender Berichte sei sie nicht auf Druck des Vatikans erfolgt. Die Forschungsstätte freue sich bereits auf den Tag, an dem der Vatikan weitere historische Forschungen und damit eine neue Sicht auf die Rolle des Heiligen Stuhls ermögliche.
Hintergrund
   Die 2007 neu installierte Inschrift hatte damals für einen diplomatischen Eklat gesorgt. Der päpstliche Nuntius in Israel, Erzbischof Antonio Franco, hatte ihretwegen seine Teilnahme an der Zeremonie zum Holocaust-Gedenktag abgesagt. In dem alten Text mit dem Titel „Papst Pius XII. und der Holocaust“ hieß es: „Die Reaktion Pius XII. auf die Ermordung von Juden während des Holocaust ist Gegenstand einer Kontroverse.“ 1933 habe Eugenio Pacelli als Kardinalstaatssekretär „aktiv den Abschluss eines Konkordates mit dem deutschen Regime betrieben“, um die Rechte der deutschen Kirche zu wahren, „auch wenn dies eine Anerkennung des Nazi-Regimes bedeutet“ habe. Nach seiner Papstwahl habe Pius XII. dann vorbereitete Schreiben seines Vorgängers gegen Rassismus und Antisemitismus unter Verschluss gehalten, hieß es dort weiter. Und selbst als Berichte über die Ermordung von Juden den Vatikan erreicht hätten, hätte der Papst weder mündlich noch schriftlich protestiert.
   Der neue Text trägt den Titel: „Der Vatikan und der Holocaust“. Darin ist vermerkt, dass Pius' Vorgänger Pius XI. das Konkordat abgeschlossen habe. Er betont weiter, dass Pius XII. zwar die alliierte Erklärung nicht unter- zeichnet habe, fügt aber hinzu, dass der Papst wenige Tage später in einer Radioansprache jene „Hundert- tausende Personen“ erwähnt habe, „die ohne jede persönliche Schuld, teils nur aufgrund ihrer Nationalität oder ethnischen Herkunft, dem Tode oder dem langsamen Verfall preisgegeben“ würden. Dabei, so heißt es, seien jedoch die Juden nicht ausdrücklich genannt worden. Im Fortgang spricht die neue Tafel von einem „moralischen Versagen“ des Papstes. RVmg120702KNA

Mordeachaay Lewy, israelischer Botschafter beim Vatikan: „Pius XII. kein Held, kein Übeltäter“

  Pius XII. als „Hitlers Papst“ zu bezeichnen, ist historisch falsch. Das sagte Israels Botschafter beim Heiligen Stuhl, Mordechay Lewy, in einem längeren Interview der US-Zeitung „Boston Globe“. Allerdings habe die Sorge des Weltkriegs-Papstes in erster Linie dem Heil der Katholiken gegolten, nicht dem der Juden. Dies sei freilich die Linie der vorkonziliaren Kirche gewesen, und das Problem sei, dass man Pius XII. heute aus „postkonziliarer Sicht“ betrachte, so der israelische Botschafter.
   „Historisch gesehen war der Papst, denke ich, weder ein Held noch ein Übeltäter“, zitiert die Zeitung den jüdi- schen Diplomaten. Fraglos habe sich Pius für verfolgte Juden eingesetzt. „Jeder, der die Geschichte der römischen Juden kennt, weiß, dass sie sich in Kirchen, Klöstern und im Vatikan versteckten.“ Gleichzeitig sei Pius „sehr, sehr schüchtern“ gewesen, ein Diplomat und Befürworter der Neutralität, was für ihn Vertrauen in eine „stille Diplo- matie“ bedeutet habe. Schon Papst Benedikt XV. Foto unten, Pacellis politischer Lehrer, habe sich im Ersten Weltkrieg zur Neutralitä bekannt und sei mit allen im Gespräch geblieben, um in Friedensverhandlungen und humanitäre Hilfsaktionen miteinbezogen zu werden. Pius habe dieselbe Einstellung für den Zweiten Weltkrieg gewählt. „Er schätzte die Lage vollkommen verkehrt ein, und dafür kann er nicht verantwortlich gemacht werden“, sagte der Israelische Botschafter.
   Die Frage der Seligsprechung des Pacelli-Papstes sei, so Lewy wörtlich, „nicht unsere Sorge“. Die Kurie be- fürwortet seiner Einschätzung nach die Seligsprechung, weil Pacelli Diplomat war. Israel würde sich vielmehr um die historische Rolle Pius XII. sorgen. Diese Frage ist seiner Meinung nach „vorsätzlich, aber zu Unrecht, mit der Seligsprechung kombiniert“ worden.
   Der Aufhebung der Exkommunikation für die vier Bischöfe der Piusbruderschaft kann der israelische Botschafter zum Teil eine positive Seite abgewinnen. „Es wurde klar gesagt, dass jemand, der den Holocaust leugnet, kein Amt als Bischof in der katholischen Kirche haben kann. Jetzt sind die Vorgaben klar.“ Den Besuch Papst Benedikts in Israel bewertet Lewy als „zweifelsfreien Erfolg“. Er würdigte in dem Interview auch die Rede des Papstes in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem.“  adnRV090622kronos

Zehntausende widerstanden bis aufs Blut. - Pater Lothar Groppe SJ,  Köln, nimmt Stellung
in der FAZ zu einem Bericht über den Brand vieler Synagogen in der "Reichs-Kristallnacht”

  Niemand wird den Worten der Bundeskanzlerin widersprechen wollen, jedoch lagen ihr offenkundig erheblich überhöhte Zahlen vor, als sie sagte: „Die Flammen, die aus den 1.400 Synagogen in Deutschland in dieser Nacht schlugen, sind unübersehbar gewesen, und doch hat sich ,kein Proteststurm' erhoben.” Niemand kann die Verbre- chen der „Reichskristallnacht” - ein Begriff, der von der Berliner Bevölkerung, keineswegs von den Nazis geprägt wurde - leugnen, jedoch muss man sich an die Fakten halten, die grausig genug sind. Der berüchtigte Reinhard Heydrich meldete am 11. November 1939, es seien 815 Geschäfte, 29 Warenhäuser und 171 Wohnhäuser in Brand gesteckt oder zerstört, 191 Synagogen angezündet oder völlig demoliert, 20.000 Juden festgenommen, 36 getötet und 36 schwer verletzt worden. Am folgenden Tag korrigierte er bei der Konferenz mit Göring die Zahlen auf 35 Tote, 101 verbrannte Synagogen und 7.500 zerstörte Geschäfte. Der oberste Parteirichter Walter Buch sprach später von 91 „Tötungen”. Wenn Frau Merkel beklagt, dass sich „kein Proteststurm” erhoben habe, spricht sie als Vertreterin einer Generation, der die „Gnade der späten Geburt” zuteil wurde. Die Deutschen, welche die Nazidiktatur hautnah miterlebt haben, wissen um die Möglichkeit von Protesten gegen die braunen Machthaber.
   Der inzwischen seliggesprochene Dompropst Bernhard Lichtenberg betete am Abend des Pogroms auf der Kanzel der Hedwigskathedrale: „Lasst uns beten für die verfolgten nichtarischen Christen und für die Juden. Was gestern war, wissen wir, was morgen ist, wissen wir nicht, aber was heute geschehen ist, das haben wir erlebt: Draußen brennt der Tempel - das ist auch ein Gotteshaus.”
   Zum 40. Jahrestag des 9. November 1938 brachte der Deutschlandfunk die Sendung „Als die Synagogen brann- ten - Christen während der ,Reichskristallnacht’ 1938”. In ihr schildert er das heroische Verhalten einer Reihe von Christen zugunsten der bedrängten und verfolgten Juden. So durchbrach ein ganzer Kölner Nonnenkonvent mutig das von SA abgesperrte Israelitische Asyl, um Verwundete zu verbinden. Der Kölner Domvikar und spätere Gene- ralvikar Josef Teusch rettete aus einer brennenden Synagoge eine Thorarolle.”
   Es ist richtig, dass es keinen Aufruf oder ein gemeinsames Hirtenwort der Bischöfe anlässlich der Ereignisse des 9. November gab. Nur versprachen sich die Oberhirten von einem spektakulären Schritt offenbar keinen Erfolg. Von Ausnahmen abgesehen, bevorzugten sie den Weg stiller, unauffälliger Hilfe für die Verfolgten. Denken wir an die Bonner Regierungspraxis hinsichtlich der Landsleute, die dem SED-Regime den Rücken kehren wollten.
   Da der Antisemitismus zu den Kernaussagen der Nazis gehörte, reagierten die Bischöfe sehr bald auf die Nöte der Juden. 1935 errichtete Bischof Konrad Graf von Preysing das Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin, das bis zu seiner Verhaftung Dompropst Lichtenberg leitete. In Freiburg im Breisgau baute Frau Doktor Gertrud Luck- ner einen Helferkreis für Juden und andere Verfolgte des Naziregimes in der Zentralstelle des Caritasverbandes auf. Sie leitete ihn bis zu ihrer Deportation nach Ravensbrück.
 In Wien organisierte der Jesuit P. Bichlmaier nach dem „Anschluss” eine Hilfsorganisation für die verfolgten katho- lischen Juden, die er mit Hilfe der Gräfin Kielmannsegg so lange fortführte, bis er verhaftet und verbannt wurde. 1940 gründete Kardinal Innitzer die „Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken” - so der von der Gesta- po vorgeschriebene Name -, die er in seinem Palais unterbrachte. Mit ihrer Leitung beauftragte er den deutschen Jesuiten P. Born. Von den 23 Mitarbeiterinnen kamen neun ins KZ, nur eine überlebte.
   Es trifft zu, dass es keine Demonstrationsmärsche oder Lichterketten von Bischöfen, Priestern oder Laien gab. Aber was beweist dies? Im besetzten Holland kam es zu Streiks gegen die Deportation Von Juden. Ein gewiss unverdächtiges Publikationsorgan, der „Israel Digest”, schrieb hierzu am 12. März 1965: „Der vergebliche Streik am 25. Februar 1941 verbesserte die Lage der Juden nicht - tatsächlich führte die Protestaktion zu einer Ver- schärfung der antijüdischen Maßnahmen durch die Deutschen”
   So unumstößlich wahr es ist, dass zahlreiche Deutsche in die Verbrechen des Naziregimes verstrickt waren, so unbestreitbar ist es, dass Zehntausende dem Nationalsozialismus bis aufs Blut widerstanden und auch in der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte die Fackel der Menschlichkeit hochhielten. Der jüdische Fernsehmo- derator Gerhard Löwenthal schrieb in „Ich bin geblieben”: „Die Tatsache, dass, wie man heute weiß, über 5.000 Juden illegal in Berlin lebten, ... zeigt, dass Tausende von Berlinern dem Gebot der Menschlichkeit auch unter den schwierigsten Verhältnissen folgten und halfen, wo es ging.” Als Augenzeuge des Pogroms vom November 1938 berichtet er, dass „viele Menschen stumm und betroffen, einige offenbar in ohnmächtiger Wut, die Feuersbrunst beobachteten”.

Ein christliches Trauerspiel
   Als Papst Pius XII. im Herbst 1958 nach einem fast zwanzig Jahre währenden Pontifikat starb, erreichten den Vatikan Beileidsbekundungen aus aller Welt, nicht zuletzt aus Israel. Wie schon unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, so erinnerten sich auch jetzt viele Israelis, allen voran die israelische Außenministerin Golda Meir an den Einsatz des Papstes für die Juden zur Zeit des national-sozialistischen Terrors in Europa.
   Ein halbes Jahrhundert später ist von der Hochachtung kaum noch etwas zu spüren, die Pius XII. während sei- nes Pontifikats von Zeitgenossen weit über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus entgegengebracht wurde. Schon wenige Jahre nach seinem Tod verwandelte sich der „engelgleiche Hirte” („pastor angelicus”) unter den Händen eines deutschen Autors in den „Stellvertreter”, der aus Sorge um das Heil der Seelen seiner eigenen Herde zum Genozid an den europäischen Juden geschwiegen habe. Das Ende dieses „christlichen Trauerspiels” - so der Untertitel des Dramas von Rolf Hochhuth - ist nicht abzusehen.
  Zwar hat der Vatikan seit den sechziger Jahren durch Akteneditionen einiges Licht in das Dunkel der Kriegs- jahre gebracht. Mittlerweile sind alle Akten des Vatikanischen Geheimarchivs aus dem Pontifikat Pius XI. (1922- 1939) für jeden Wissenschaftler zugänglich. Doch die öffentliche Debatte über Größe und Grenzen des Römers auf dem Stuhl Petri verläuft bis heute weitgehend unbeeindruckt von den Fakten, die vorwiegend deutsche Historiker aus den Tiefen der vatikanischen Archive zutage gefördert haben. Vor allem britische und amerikanische Schrift- steller schreiben in bester antikatholischer Tradition weiter an der „schwarzen Legende" von „Hitlers Papst”, was für sich genommen schon Stoff für eine Geschichte der Geschichte wäre, gar nicht zu reden von der Vermutung, dass auch die Sowjetunion und ihre osteuropäischen Vasallen-Regime zur Hochzeit des Kalten Krieges größtes Interesse daran gehabt haben, die Reputation des Vatikans als einer der wenigen „Gegenmächte” auf jede nur mögliche Weise zu unterminieren.
   Nicht leicht tun sich mit der Fülle des neuen Aktenmaterials und den ersten Versuchen einer historischen Re- konstruktion der kirchenpolitischen Vorgänge in Rom während der zwanziger und dreißiger Jahre freilich auch die Apologeten Pius XII.. Zwar ist es auf der Basis des neu zugänglichen Aktenmaterials möglich, langjährige Kontro- versen über das Zustandekommen des Reichskonkordates von 1933 definitiv beizulegen. Der erfahrene Diplomat war sich immer darüber im Klaren, dass es sich im einen „Pakt mit dem Teufel” handele. Doch gab nicht Rom den politischen Katholizismus in der Gestalt der Zentrumspartei preis. Und der Vatikan wirkte auch nicht auf die deut- schen Bischöfe ein, damit sie ihre Verurteilung des Nationalsozialismus zurücknähmen: Der politischen und kirch- lichen Führung der deutschen Katholiken war im Frühjahr 1933 vieles recht, um einen Kulturkampf wie im Kaiser- reich zu vermeiden – wenn man sich nicht ohnehin im Einklang mit der „Bewegung” fühlte.
   Andererseits gibt das Verhalten Pacellis in den weltanschaulichen Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Totalitarismen vom italienischer Faschismus über den deutschen Nationalsozialismus bis zum sowjetischer Bol- schewismus während der dreißiger Jahre manches neue Rätsel auf. Weder kam es 1937 zu der lange vorbe- reiteten Verurteilung des Rassismus und damit auch zu einer öffentlichen Verurteilung von Hitlers „Mein Kampf”, noch scheint die „Reichskristallnacht” im November 1938 auf Pacelli großen Eindruck gemacht zu haben. Zudem machte er sich als neu gewählter Papst weder die geplante Rassismus-Enzyklika seines Vorgängers zu eigen noch eine bereits gedruckte Rede Pius XI., mit der dieser vom Sterbebett aus die Greuel des Faschismus in Italien und Deutschland hatte anklagen wollen.
  Doch führt von diesen Rätseln keine direkte Linie zu dem angeblichen Schweigen des Papstes zur Verfolgung der Juden während des Zweiten Weltkriegs. Denn eine Bewertung der öffentlichen Äußerungen des Papstes, etwa der Weihnachtsansprache des Jahres 1942, die nicht nur in Berlin so verstanden wurde, als habe das Kirchen- oberhaupt Deutschland wegen des Unrechts an Polen und Juden an den Pranger der Weltöffentlichkeit gestellt, wie der Einschätzungen etwa von Pinchas Lapide, wonach mehrere hunderttausend Juden dem Pacelli-Papst ihr Leben verdanken, wird erst dann möglich sein, wenn die Archive des Pontifikats Pius XII. geöffnet werden können. Ehe es so weit ist, werden wohl noch einige Jahre vergehen: Sechzehn Millionen Archivalien harren der Aufbe- reitung.
   Eines aber steht jetzt schon fest: Auch wenn Pius XII. glaubte, der Papst müsse als über den Parteien stehende Friedensmacht mitunter schweigen, so war es den Bischöfen nicht nur unbenommen, ihrerseits für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft einzutreten. Pacelli hat sie dazu immer wieder ermuntert. Dass sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich oder Belgien kaum eine Stimme zugunsten der Verfolgten erhob, kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. FAZ081127DanielDeckers

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Der 1. Weltkrieg und die Friedensnote von Papst Benedikt XV. Foto rechts.
 Foto links: Überreichung der Friedensnote durch Nuntius Eugenio Pacelli
(dem späteren Papst Pius XII.) beim Deutschen Kaiser in Bad Kreuznach 26. Juni 1917.

   Eugenio Pacelli konnte sich jetzt dem „Tagesgeschäft” eines päpstlichen Nuntius zuwenden. Wie alle Nuntien sollte er die politischen Interessen des Heiligen Stuhles gegenüber den Regierungen vertreten und zugleich die Ortskirche überwachen. Dafür hatte er klare Vorgaben aus Rom im Gepäck, unter derem den Codex Iuris Canonici, das neue Kirchenrecht von 1917, an dem Pacelli als Mitarbeiter Gasparris entscheidend mitgewirkt hatte. Es war vor allem von der „societas-perfecta-Lehre” beeinflusst, die jeden staatlichen Einfluss auf die weit gefasste „inner- kirchliche” Jurisdiktion eliminieren wollte; Zudem stand das neue Kirchenrecht ganz im Zeichen des universellen päpstlichen Jurisdiktionsprimats, wie ihn das Erste Vatikanische Konzil formuliert hatte. Es entsprach einer zentra- listischen Papstkirche. Der Codex Iuris Canonici besagte denn auch unmissverständlich: „Der Papst ernennt die Bischöfe frei” - eine Forderung, der in Deutschland Nominationsrechte der Landesherren ebenso entgegenstanden wie die Wahlrechte der Domkapitel. Pacelli bemühte sich sehr, diese traditionellen Rechte durch neue Konkordate einzugrenzen oder sogar komplett abzuschaffen.
   Der Nuntius trat den Deutschen als strenger Verfechter des päpstlichen Zentralismus und der „reinen römischen Lehre” entgegen. Auf die Besonderheiten des deutschen Katholizismus gedachte er offenbar nicht viel Rücksicht zu nehmen. Man sollte meinen, dass er sich damit wenig Freunde machte. Dem war aber ganz und gar nicht so. So fest seine grundsätzlichen Überzeugungen und Ziele standen, so gewandt und einnehmend konnte der gewiefte Diplomat sein. Immer wieder erwies er sich, zumindest in der Form, als „politicante”, als Gemäßigter, der nicht starr auf seinen grundsätzlichen Forderungen beharrte, sondern aus Opportunitätsgründen auch zurückstecken konnte.
   Zudem besaß Pacelli ein gewinnendes und respekteinflößendes Auftreten, das seine Gesprächspartner immer wieder zu wahren Lobeshymnen stimulierte. Nicht von ungefähr brachten Zeitgenossen gern das Wort eines pro- testantischen Theologen „Angelus, non nuntius” (ein Engel, kein Nuntius) mit ihm in Verbindung – ein Wortspiel, das auch darauf beruht, dass im Lateinischen „angelus” ursprünglich, ähnlich wie „nuntius”, „Bote” bedeutet. Diese Wirkung kam nicht von ungefähr. Pacelli achtete peinlich auf sein Äußeres und sein Auftreten. Es ist wohl kein Zufall, dass keine Fotos existieren, die ihn bei seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen, dem Schwimmen und dem Reiten, zeigen.
   Eine erste Auswertung von Dokumenten aus den Jahren 1922 bis 1939, dem Pontifikat Pius' XI., die 2003 und 2006 im Vatikanischen Geheimarchiv neu zugänglich geworden sind, zeigt,  dass Pacelli eifrig bemüht war, die ihm aufgetragenen Aufgaben zu erfüllen. Besonders viel Energie verwandte er darauf, den Einfluss des Heiligen Stuhls auf die Besetzung von Bischofsstühlen auszubauen. Staatsbischöfe alten Zuschnitts wie der Breslauer Kardinal Adolf Bertram, der selbstbewusste Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, waren ihm ein Dorn im Auge. Wenn Bischofssitze neu zu vergeben wären, setzte der Nuntius alles daran, ihm genehme Kandidaten durchzusetzen. Diese hatten in der Regel eine Ausbildung an kirchlichen Seminaren, möglichst in Rom, durchlaufen und sich durch Ergebenheit gegenüber dem Heiligen Stuhl hervorgetan. Wer dagegen an den Katholisch-Theologischen Fakultä- ten der staatlichen Universitäten auch mit der kantianischen Philosophie und der historisch-kritischen Methode konfrontiert worden war, blieb Pacelli zumeist suspekt.
   Die Besetzung der Bischofsstühle war immer auch ein zentrales Thema bei den Konkordatsverhandlungen, die Pacelli mit verschiedenen Länderregierungen und dem Reich führte. Die Konkordate, die er aushandelte, sind mit einigen Ergänzungen heute noch gültig. Am erfolgreichsten war der Nuntius in Bayern. Er stellte klar, dass das alte Nominationsrecht des Königs keineswegs auf den demokratisch gewählten Ministerpräsidenten übergegan- gen sei. „In der Ernennung der Erzbischöfe und Bischöfe hat der Heilige Stuhl volle Freiheit”, lautet die - aus Pacel- lis Sicht ideale - Formulierung im Konkordat von 1924. Die bayerischen Domkapitel und die bayerischen Bischöfe durften dem Vatikan immerhin alle drei Jahre „Listen von Kandidaten unterbreiten, die für das bischöfliche Amt würdig und für die Leitung der erledigten Diözese geeignet sind”.
   Mit Preußen schloss der Vatikan erst 1929 ein Konkordat ab. Hier behielten die Domkapitel immerhin das Recht, aus einer Dreierliste des Heiligen Stuhls den neuen Bischof zu wählen. An die Vorschläge der Domkapitel und der preußischen Bischöfe war Rom dabei nicht gebunden. Es war übrigens ebendieses Preußenkonkordat, durch das Berlin überhaupt erst einen eigenen Bischof erhielt. Bis dahin hatte die Reichshauptstadt zur Diözese Breslau ge- hört. In gewisser Weise ist Pacelli daher der Gründungsvater des Bistums Berlin.
   Zur Weimarer Republik, die von liberalen und sozialdemokratischen Prinzipien geprägt war und in deren Ver- fassung der Gottesbezug fehlte, hatte Pacelli ein pragmatisch-distanziertes Verhältnis. Ein Staat, der ausschließ- lich auf der Volkssouveränität gründete und nicht in unveränderlichem göttlichen Recht, entsprach selbstverständ- lich nicht dem römischen Ideal. Pacelli setzte sich in den mehr als 6.000 Berichten, die er als Nuntius schrieb, im- mer wieder mit dem politischen Arm des deutschen Katholizismus auseinander, der nicht nur aus der Zentrums- partei, sondern auch aus ihrem bayerischen Ableger, der Bayerischen Volkspartei, bestand. Das deutsche Modell eigenständiger, von der kirchlichen Hierarchie unabhängiger katholischer Parteien, in der vorwiegend Laien das Sagen hatten, entsprach keineswegs den Vorstellungen Roms. Pacelli musste aber anerkennen, dass es den Vertretern der katholischen Zentrumspartei in den Verfassungsberatungen gelungen war, in den Kirchenartikeln eine nie dagewesene Autonomie und Rechtssicherheit für die katholische Kirche und ihre Einrichtungen zu veran- kern.
   Pacelli war sicher kein Freund der „Weimarer Koalition”, dem Bündnis zwischen Zentrum, SPD und der liberalen DDP. Das römische Lehramt hatte Liberalismus und Sozialismus mehrfach als äußerst verderbliche Irrtümer verur- teilt und beide Weltanschauungen für mit dem katholischen Glauben prinzipiell unvereinbar erklärt. Allerdings urteilte der Diplomat sehr differenziert und vorsichtig. Letztlich nahm er die katholische Partei und ihre Koalitions- politik gegenüber seinen Vorgesetzten in Rom sogar mehrfach in Schutz.
   Das Zentrum blieb für Pacelli „trotz seiner Schwächen und Irrtümer” immer die einzige Partei, die katholische Interessen im Reichstag verlässlich vertrat. Diese positive Einschätzung verstärkte sich noch einmal durch die Wahl von Ludwig Kaas zum Parteivorsitzenden im Jahr 1928. Prälat Kaas war ein langjähriger Vertrauensmann und Mitarbeiter Pacellis, und der Nuntius hoffte, über den Geistlichen endlich die Kontrolle ausüben können, von der man in Rom seit Gründung der katholischen Partei in Deutschland immer geträumt hatte.
   Die Ereignisse im Jahr 1933 zeigen allerdings, dass Pacelli dieses Ziel nicht erreichte. Die sogenannte Junktims- these hat sich nicht bestätigt. Sie besagt, dass Rom die deutschen Bischöfe und die Zentrumspartei zur Annähe- rung an den Nationalsozialismus drängte, um dem Deutschen Reich im Gegenzug ein Konkordat abzutrotzen. Dem war nicht so. Als die Zentrumspartei dem Ermächtigungsgesetz zustimmte und als die deutschen Bischöfe ihre Warnungen vor dem Nationalsozialismus zurücknahmen, handelten sie selbständig. Eindeutiger Beleg dafür sind die verärgerten Reaktionen des Kardinalstaatssekretärs Pacelli. Er konnte nicht begreifen, dass die deutschen Bischöfe und das Zentrum von den Nationalsozialisten keine Gegenleistungen für ihr Entgegenkommen verlangt hatten. Hätte er noch im Hintergrund die Fäden gezogen, wäre es mit Sicherheit anders gekommen. Pacellis Bestrebungen, die deutschen Katholiken auf die Linie Roms zu bringen, sie in diesem Sinne römisch-katholisch zu machen, waren also allenfalls zum Teil erfolgreich.
   Nun wusste Pacelli aber durchaus auch Löbliches über die deutschen Katholiken zu berichten. Besonders ihr Betragen im Gottesdienst imponierte ihm. Im Gegensatz zu den jahrmarktähnlichen Tumulten, die Pacelli von der Feier römischer Gottesdienste kannte, war ihm das „anständige” Betragen der deutschen Katholiken während der Heiligen Messe äußerst sympathisch. Insgesamt kamen die „einfachen” katholischen Gläubigen in seinen Beur- teilungen gut weg, während er die Intellektuellen eher als aufmüpfig, wenn nicht ketzerisch betrachtete.
   Die Hochschätzung des Römers galt außerdem den als typisch deutsch geltenden Tugenden, die er überwie- gend teilte: Er war pünktlich, außerordentlich ordentlich, zuverlässig und fleißig. Wie zahlreiche Zeugnisse seiner Zeitgenossen belegen, hatte er sich eine geradezu protestantisch-deutsche Leistungsethik zugelegt. Bischof von Galen soll über ihn gesagt haben: „Was wird wohl einmal aus unserem Nuntius? Er ist die personifizierte Ge- wissenhaftigkeit und Pünktlichkeit. So etwas hält doch kein Mensch aus!”
   Bemerkenswert ist vor allem, dass der spätere Papst Pius XII. die deutsche Sprache sehr schätzte und perfekt beherrschte. Mit den deutschen Verhältnissen kannte er sich blendend aus, so dass er sich auch als Kardinal- staatssekretär die deutschen Angelegenheiten ausdrücklich vorbehielt und allenfalls noch mit dem Papst selbst diskutierte. Es ist anzunehmen, dass Pius XI. mit Blick auf den Nationalsozialismus und die beginnende Juden- verfolgung in den dreißiger Jahren keine wichtige Entscheidung traf, ohne sich mit seinem Kardinalstaatssekretär zu besprechen. Denn der hatte in Rom nicht nur etliche Vertraute in Deutschland, unter ihnen Bischof Preysing, sondern auch etliche Vertraute aus Deutschland um sich herum - allen voran den deutschen Jesuiten Pater Leiber und seine Haushälterin Schwester M. Pascalina Lehnert. Pacelli ging also keineswegs unbeeinflusst aus Berlin zurück nach Rom.
   Zwei Erfahrungen scheinen ihn in Deutschland sogar derart beeinflusst zu haben, dass sie sich bei ihm unbe- wusst zu Handlungsmustern verdichteten und damit wenigstens zum Teil das „Schweigen” Piüs' XII. zum Holo- caust erklären könnten.
   Beim ersten Trauma handelt es sich um den Fehlschlag der Friedensinitiative Benedikts XV. von 1917. Pacelli zog daraus ein für alle Mal den Schluss, dass sich der Heilige Stuhl bei internationalen Konflikten strikt unparteilich zu verhalten habe. In seinen Briefen an die deutschen Bischöfe erläuterte Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs seine Vorstellungen von dieser päpstlichen Unparteilichkeit wiederholt. Ganz bewusst sprach er dabei von „Unparteilichkeit”, nicht von Neutralität. „Neutralität könnte im Sinne einer passiven Gleichgültigkeit verstanden werden, die dem Oberhaupt der Kirche einem solchen Geschehen gegenüber nicht anstünde”, erklärte der Papst, „allen Völkern ohne Ausnahme mit gleicher Liebe zugetan”, dem Münchener Bischof Faulhaber.
   Gleichmäßige Rücksicht auf alle Katholiken gegen menschliche Erwägungen: Papst Pius XII. hat sich seine Ent- scheidung nicht leichtgemacht. „Wo der Papst laut rufen möchte, ist ihm leider manchmal abwartendes Schweigen, wo er handeln und helfen möchte, geduldiges Harren geboten”, schrieb er 1941 dem Würzburger Bischof Matthias Ehrenfried.
   Das zweite Trauma, das Pacelli in seiner Zeit in Deutschland erfahren hatte, drängte den späteren Papst ebenfalls nicht zu schnellen Entschlüssen. Der Nuntius hatte von den deutschen Katholiken die Erinnerung an den Kulturkampf der siebziger und achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts vermittelt bekommen. Infolge der Auseinan- dersetzungen mit Bismarcks Preußen waren Tausende Pfarreien unbesetzt geblieben, zahlreiche Gläubige starben ohne die Gnadenmittel der Kirche, ohne die heiligen Sakramente der Letzten Ölung, der eucharistischen Weg-- zehrung und der Absolution von allen Sünden. Deswegen mussten sie vielleicht ins Fegfeuer oder gar in die Hölle - ein seelsorgliches Desaster, das sich auf keinen Fall wiederholen durfte.
   Pacelli verlor sein wichtigstes Ziel, die Seelsorge, nie aus den Augen. Der Kampf um politischen Einfluss, aber auch das Engagement für die Rechte anderer Verfolgter, hatten im Zweifelsfall zurückzustehen. Unnötige Ausein- andersetzungen mit dem Staat waren zu vermeiden. So fühlte sich der Papst zwar für die Katholiken mit jüdischen Vorfahren zuständig, für die Menschen jüdischen Glaubens zunächst aber nicht. Pius XII. versuchte konsequent, wenn es sich um öffentliche Kundgebungen Unsererseits handelte, „der Lage der Kirche in den einzelnen Ländern alle nur mögliche Rücksicht angedeihen” zu lassen, „um den Katholiken dortselbst vermeidbare Schwierigkeiten zu ersparen”. Diese Einstellung macht den „Rückzug in die Sakristei” verständlicher, der schon Bedingung und Ergeb- nis des Reichskonkordats war.
   Weil er unparteilich bleiben und die Seelsorge nicht unnötig gefährden wollte, überließ Pius XII. die un- mittelbare Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten den deutschen Bischöfen - und in gewisser Weise erwartete er sie auch von ihnen. Das zeigt nicht nur seine zustimmende Reaktion auf die berühmten Predigten Bischof von Galens gegen die Kirchenverfolgung und die Euthanasie. Pius XII. lobte auch mehrfach den Berliner Bischof Preysing für seine öffentlichen Proteste und die Berliner Katholiken für ihre Unterstützung der „Nichtarier”. Er ermutigte Preysing, bischöfliche Kundgebungen, die gegenüber der eigenen Regierung die Rechte der Kirche und der Schutzlosen einforderten, könnten sich in Zukunft sehr zum Besten des Vaterlandes auswirken. Er stellte aber auch klar: „Den an Ort und Stelle tätigen Oberhirten überlassen Wir es abzuwägen, ob und bis zu welchem Grade die Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen und Druckmitteln im Falle bischöflicher Kundgebungen sowie andere vielleicht durch die Länge und Psychologie des Krieges verursachten Umstände es ratsam erscheinen lassen, trotz der angeführten Beweggründe, ad maiora mala vitanda Zurückhaltung zu üben. Hier liegt einer der Gründe, warum Wir selber Uns in Unseren Kundgebungen Beschränkungen auferlegen.”
   Vor fünfzig Jahren, am 9. Oktober 1958, verstarb Pius XII. in Castel Gandolfo an den Folgen seines dritten Schlaganfalls. In Italien und Spanien wurde Staatstrauer angeordnet, in Deutschland, wo man ihn bis dato in bester Erinnerung hatte, Trauerbeflaggung. Fünf Jahre später wurde von Erwin Piscator in Berlin „Der Stellver- treter” uraufgeführt. Rolf Hochhuth erhebt in diesem fiktionalen Drama mit dokumentarischem Anspruch schwere Vorwürfe gegen Pius XII. wegen seines angeblichen Schweigens zum Holocaust, das er schlicht und einfach auf den Antikommunismus und den opportunistischen Egoismus der Institution Kirche zurückführt. Doch solche vor- schnellen Verurteilungen sind ebenso unangebracht wie kritiklose Apologien. Pius XII. hat ein Recht auf eine diffe- renzierte, wissenschaftliche Biographie, die nicht sein ganzes Leben im Licht - oder auch im Schatten - seiner ersten Pontifikatsjahre beurteilt, sondern jeden Lebensabschnitt für sich ernst nimmt - nicht zuletzt seine „deut- schen” Jahre in München und in Berlin.
Der Verfasser lehrt Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Münster und gehört seit 1999 dem wissenschaftlichen Beirat des Archivs der Römischen Glaubenskongregation an. Der Beitrag beruht auf einem in der Katholischen Akademie Berlin gehaltenen Vortrag. FAZ081009gekürzt.

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Avraham Burg: Friede jetzt! “Hitler besiegen!”

   Im Corriere della Sera erschien eine Rezension des Buches Sconfiggere Hitler [Hitler besiegen] von Avraham Burg (Neri-Pozza-Verlag). Dort steht zu lesen: „Der hartnäckig praktizierte, unablässige Schoa-Kult hat die poli- tische Kultur des israelischen Staates modifiziert. Er wurde zur öffentlichen Rechtfertigung der Polizeistaat- ähnlichen Härte, mit der Israel in den besetzten Gebieten vorgeht und hat auch die israelische Gesellschaft militarisiert. Er hat eine fanatisch-brutale extreme Rechte hervorgebracht, die den Autor paradoxerweise an den Nationalsozialismus erinnert; und er hat in inzwischen breiten Sektoren des Judaismus - vor allem des amerikani- schen und israelischen - die Überzeugung geschaffen, dass die Schoah ein unvergleichliches Ereignis sei und nicht wie andere tragische Ereignisse der Weltgeschichte historisch analysiert werden könne ... Aber die schlimmste Auswirkung des Schoah-Kults ist moralischer Art. Beherrscht von der Erinnerung an den Völkermord scheint der Judaismus nicht nur seinen Humanismus aufgegeben zu haben, sondern auch seine universale Sendung, seine Sensibilität für die Demütigen und Unterdrückten und die außerordentlichen moralischen Werte seines philoso- phischen und religiösen Denkens." Avraham Burg ist ein namhafter Vertreter der pazifistischen Labor-Bewegung Peace Now und war von 1999 bis 2003 Präsident der Knesset. Mehr > Holocaust     30Giorni0810

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Der Felsen - Prinzipientreu und wandelbar: Jan Roß blickt auf 2000 Jahre Papsttum zurück 

  Das Papsttum ist die erstaunlichste Institution der Weltgeschichte. Schon seine Langlebigkeit grenzt an ein Wunder. George W. Bush ist der 43. Präsident der Vereinigten Staaten. Johannes Paul II. aber hat seinen Dienst als 264. Bischof von Rom versehen. Das Papsttum hat in den zwei Jahrtausenden seines Daseins nicht nur Impe- rien stürzen  und Dynastien erlöschen sehen.
   Es ist durch alle Geschichtsepochen und Gesellschaftsformen hindurchgegangen. In Hütten wie in Kaiserpalästen hat man sich zu ihm bekannt. Zu den treuen oder rebellischen Söhnen Roms zählten mittelalterliche Ritter und zählen moderne Molekularbiologen.
   Im Neuen Testament, im Matthäus-Evanglium, steht eine Prophezeiung, welche die katholische Kirche als Grün- dungsurkunde des päpstlichen Amtes liest.  “Du bist Petrus”, sagt Jesus zu seinem Erzapostel, “und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.”
   Wie immer es mit der überirdischen Bestandsgarantie bestellt sein mag, nach historischen Maßstäben wirkt die Petrusnachfolge in der Tat wie für die Ewigkeit gesichert.
   Es ist aber nicht allein seine Dauer, die das Papsttum einzigartig macht. Keinen Vergleich gibt es auch für seine Doppelnatur zwischen Religion und Politik, Himmel und Erde. Der Papst ist das geistliche Oberhaupt einer Welt- religion und zugleich ist er ein Staatschef, ein weltlicher Souverän, der Herr des “Heiligen Stuhls”, der ein eigenes Völkerrechtssubjekt darstellt, an internationalen Konferenzen teilnimmt und Verträge schließt. Wenn Johannes Paul II. gegen Abtreibung und Pille zu Felde zog, dann konnte er die religiöse Karte ziehen, Enzykliken veröffent- lichen und von den Kanzeln herab die kirchliche Sexualmoral predigen lassen. Er konnte aber auch politisch-diplo- matisch agieren und gemeinsam mit der Regierung Bush, ein paar katholischen Ländern und der islamischen Welt bevölkerungspolitische Programme der Vereinten Nationen zu torpedieren versuchen.
   Wie Glaube und Macht, das Heilige und das Menschlich-Allzumenschliche sich mischen, gehört zu den Wider- sprüchen, zugleich jedoch zur Faszination dieses Amtes. Der Papst führt eine Reihe volltönender, ins Übermensch- liche sich steigernder Titel - er ist Bischof von Rom, Primas von Italien, Nachfolger des Apostels Petrus, Stell- vertreter Christi auf Erden. Und dann gibt es einen Titel, der wie ein ironischer oder demütiger Kommentar zu all dem Ehrenprunk wirkt, wie die Stimme des schlechten Gewissens inmitten von Gold und Purpur: Der Papst ist auch “der Diener der Diener Gottes”.
   Es klingt wie eine kleine Erinnerung an den in Schanden hingerichteten Zimmermannssohn aus Nazareth, in dessen Namen der ganze Zauber entfaltet wird. Den Kontrast zwischen dem ärmlichen Stall aus Betlehem und dem prächtigen Petersdom haben die Gegner des Katholizismus immer angeprangert - nicht nur die Aufklärer und Religionsfeinde, sondern auch tiefernste Gläubige wie Dostojewskij in seiner “Legende vom Großinquisitor”, wo die römische Kirche in ihrer Macht und Herrlichkeit geradezu  als Inbegriff der Unchristlichkeit, als Teufelszeug er- scheint.
   Aber das Papsttum hat es auch stets verstanden, Kritiker zu integrieren, ihnen entgegenzukommen und im katholischen Kosmos Raum zu schaffen. Ausgerechnet Innozenz III., der den päpstlichen Weltherrschaftsanspruch im Mittelalter auf die Spitze trieb, hat den heiligen Franziskus und seine Bettelmönche als Ordensgemeinschaft anerkannt und ins große Ganze der Kirche eingemeindet. So weit es sich auch von den urchistlichen Anfängen entfernen mag, abreißen lassen darf das Papsttum den Faden  nicht, der ihn mit dem Evangelium, mit Krippe und Kreuz verbindet.
   Nichts illustriert das Eigentümliche des päpstlichen Amtes und der in ihm gipfelnden Kirche so sinnfällig, wie seine besondere Beziehung zu Rom. Das Christentum ist im spätantiken Imperium Romanum lange und blutig verfolgt worden, doch schließlich hat es den Sieg über die heidnischen Kaiser und Statthalter davongetragen.
   Rom wurde gleichsam getauft, anstelle seiner alten Tempel erhoben sich nun Kirchen über Heiligengräbern, das Lateinische setzte sich als Weltsprache des Katholizismus durch, und in den feinen Ziselierungen des Kirchen- rechts lebt bis heute die römische Jurisprudenz weiter. Nicht zerstören, sondern umformen und beerben war das Prinzip der Päpste.
   Es ist das Prinzip der katholischen Kirche überhaupt, die trotz ihrer dogmatischen Strenge und hierarchischen Disziplin zugleich eine fast unheimliche Anziehungs- und Assimilationskraft besitzt. Für Intellektuelle hält sie eine Theologie bereit, die mit allen Wassern der griechischen Philosophie gewaschen ist, und auf dem Dorf gibt es den Rosenkranz und die Fronleichnamsprozession. Wer heute die Wörter “Papst” oder “Papsttum” hört, denkt zuerst an den langjährigen Inhaber des Amtes, an Johannes Paul II.
  Ein Vierteljahrhundert residierte er im Vatikan, jüngere Leute haben bis zur Wahl von Benedikt XVI. keinen ande- ren Nachfolger Petri erlebt.  Man neigt dazu, die Wesenszüge dieses ebenso großen wie problematischen Mannes für Eigenschaften des Papsttums überhaupt zu halten. Aber schon der Rückblick auf seine unmittelbaren Vorgän- ger zeigt, wie grundverschieden sie waren und wie unterschiedlich auch das Amt sich in wechselnden Zeiten ausnahm.
   Paul VI., der Papst der 1960er und 1970er Jahre, war ein zunehmend melancholischer Intellektueller, der von der Fortschrittshoffnung zur Resignation überging wie so viele Zeitgenossen von 1968. Davor regierte Johannes XXIII., bis heute der Lieblingspapst der Reformkatholiken, ein Mann von einer völlig unangekränkelten bäuerlichen Frömmigkeit. Und dessen Vorgänger, Pius XII. bewegte sich in einer ganz anderen Welt, in der sich die Päpste noch die Tiara aufsetzten, die dreifache Krone, und in einer Sänfte getragen wurden, mit Straußen- und Pfauen- federn vorweg und hinterher.
   Johannes Paul II. hatte das Amt mit seiner persönlichen Spontaneität und mit seinem Sinn für die Massenme- dien geprägt, kann man sich kaum noch vorstellen, was für ein entrücktes, in dünnster und kältester Luft stattfindendes Phänomen das Papsttum bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus gewesen ist.
   So wird es auch weiter für Metamorphosen und Überraschungen gut sein. Vieles, was uns als selbstverständ- lich und wie von Ewigkeit gültig erscheint, ist in Wahrheit recht jungen Datums. Der römische Zentralismus etwa, die Totalherrschaft des Papstes über die katholische Kirche durch den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls und quasi befehlsabhängige Bischöfe in aller Welt - dieses System stammt keineswegs aus dem finsteren Mittel- alter, sondern ist erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert voll ausgebaut worden.  Um sich in einer feindli- chen modernen Welt zu  behaupten, griffen die Päpste selber zu modernen Mitteln.
    Es war das gleiche Muster, nach dem ausgerechnet Johannes Paul II., der Konservative, das Fernsehen und die Eventkultur der katholischen “Weltjugendtreffen” als Mittel der Glaubensverkündigung entdeckte. Mit den Waffen der Zeit gegen den Geist der Zeit.
    Man weiß am Ende nicht, worüber man sich mehr wundern soll: über die historische Zähigkeit des Papsttums und die Prinzipientreue, mit der es an seiner Mission festgehalten hat, oder über die Biegsamkeit, mit der es in immer neue Rollen und Kostüme geschlüpft ist? Vielleicht ist das alles kein Wunder, aber ein Rätsel ist es doch.   JanRoßHAZ030417
     Das Magazin “Geo Epoche” widmet sich  dem Innenleben des Vatikans. Die Ausgabe “Die Macht der Päpste” beschreibt die 2000jährige Tradition der Stellvertreter Christi von Petrus bis zu Johannes Paul II. und schil- dert die Historie einer der mächtigsten Institutionen aller Zeiten. 180S.,8 € HAZ030417 

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Mordechay Lewy: Das Schweigen des Papstes. Die Haltung Pius' XII. zur Vernichtung der Juden lässt sich nicht nur als politisches Kalkül während der Herrschaft der Nationalsozialisten erklären. Was hielt er vom Zionismus, was dachte er über Israel? Foto links: Pius XII. wird on dem schottischen Maler Leonard Boden porträtiert.
Foto rechts: Der Botschafter Israels im Vatikan Mordechay Lewy begrüßt Papst Benedikt XVI.

   Auch wenn wir uns nicht immer dessen bewusst sind, hat das Schauspiel „Der Stellvertreter" des Schriftstellers Rolf Hochhuth die Forschung über Papst Pius XII. wesentlich mitbestimmt. Die Sorge der Kirche, die Vorwürfe Hochhuths nicht unbeantwortet zu lassen, hat die katholische Apologetik seit den sechziger Jahren beschäftigt. Dabei sind andere, nicht weniger wichtige Fragen ausgeblendet worden.
   Das Bild, das Hochhuth von Pius XII. zeichnete, hatte folgende Konturen: Der Papst sei nazifreundlich gewesen; er habe keine Anweisung gegeben, Juden zu retten; sein Schweigen angesichts der Vernichtung gehe auf seine Indifferenz zurück; und er sei von einem traditionellen Antijudaismus geprägt gewesen. Die Apologetik hat sich mit viel Aufwand und vielen Emotionen auf diese Problemfelder gestürzt.
   War Pacelli Hitlers Papst? Hat der Papst keine Juden gerettet? Die erste Frage sollte nach heutigem Wissens- stand klar verneint werden. Ob Pius XII. aber Anweisungen gegeben hat, Juden zu retten, bleibt hingegen um- stritten. Schriftliche Anweisungen Pacellis wurden noch nicht gefunden. Mündliche Anweisungen sind nicht auszu- schließen; deren Existenz wird aber von nicht wenigen Historikern bezweifelt. Pacelli hat einen oder mehrere jüdi- sche Jugendfreunde im Vatikan versteckt. Hinsichtlich der Haltung des Papstes zur Judenvernichtung bietet sich kein Schwarzweißbild, sondern ein schmerzhaft nuanciertes Grau.
   Der Forschung entging, dass es bei Rettungsaktionen nebensächlich war, ob Pacelli selbst, der Vatikan oder die ihm angeschlossenen Institutionen wie Klöster oder Bistümer die Akteure waren. Nur der Polemik wegen orien- tierte sich die Forschung in dieser Frage an der Person Pius XII. Die Erforschung der Handlungsmotive der Gerech- ten der Völker hat ergeben, dass nicht jede Rettungsaktion von einem Philosemitismus motiviert war. Die meisten Gerechten der Völker taten instinktiv das Richtige, ohne sich eine Rechenschaft ideologischer Natur abzulegen.
   Die Erforschung des päpstlichen Schweigens ist methodologisch schwer zu fassen. Im Vergleich zu Taten lassen sich Motive für das Unterlassen, wenn überhaupt, viel schwerer rekonstruieren, da endlose Variablen zur Begrün- dung vorgelegt werden können. Die Frage nach Pacellis Schweigen wurde seit Hochhuths Dokudrama polemisch behandelt. Sie ist als moralisches Fallbeil benutzt worden, unter anderem, um sich selbst moralisch zu entlasten. Eine wertfreiere Beurteilung zwingt uns, unsere postkonziliaren Brillen abzunehmen auch wenn das Schweigen des Papstes schon während seiner bis 1958 währenden Amtszeit mit Befremden registriert wurde.
   Kirchenhistorikern, aber nicht unbedingt Sozial- und Politikwissenschaftlern, leuchten die damaligen Prioritäten der katholischen Kirche ein. Für die Kirche war es eine Hauptsorge, die Sakramentspendung zwecks Seelenheils auch unter den widrigsten Bedingungen eines gottlosen Regimes zu garantieren. So gesehen kann der Abschluss des Konkordats mit Hitlerdeutschland plausibel erklärt werden. Pacellis Handeln als Papst ist seit 1939 dadurch charakterisiert, dass er die Judenverfolgung nicht in seinen Prioritätenkatalog einbezogen hat.
   „Was wird die Geschichte wohl zu meinem Schweigen sagen?" Selbstzweifel plagten Pacelli in einer Unter- redung mit Angelo Roncalli, dem späteren Papst Johannes XXIII., um 1941. Die Frage, welchen Ruf der Heilige Stuhl in der Nachwelt genießen würde, hat Pacelli schon 1933 beschäftigt. Nach einer Unterredung mit Pius XI., in der Anfragen wegen antisemitischer Exzesse der SA Gegenstand der Besprechung waren, wurde der junge Kardi- nalstaatssekretär Pacelli gebeten, beim Nuntius in Berlin anzufragen, ob und, wenn ja, was man dagegen tun könne. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat eine vielsagende handschriftliche Notiz Pacellis hierzu veröffentlicht: „Es könnten Tage kommen, in denen man sagen können muss, dass in dieser Sache etwas gemacht worden ist." Pius XII. offenbarte sein Dilemma auch im Gespräch mit dem Rektor der Päpstlichen Universität Grego- riana, dem Jesuiten Paolo Dezza, im Dezember 1942: „Man beklagt, dass der Papst nicht spricht. Aber der Papst kann nicht sprechen. Wenn er es täte, würde die Situation schlimmer werden."
   Ist dieses Motiv haltbar? Eine klare Antwort gibt es nicht. Es verdichtet sich aber der Eindruck, dass das Schweigen zur diplomatischen Überlebenstaktik um der Neutralität willen gehörte. Dieses Schweigen, das unter widrigen Umständen ein notwendig erscheinendes politisches Kalkül war, wurde von Pacelli konsequent aufrecht- erhalten, wohl wissend, dass es auf Kosten des moralisch-ethischen Erscheinungsbilds des Vatikans in der Welt- öffentlichkeit gehen könnte.
   Man könnte das Schweigen des Papstes angesichts der Judenvernichtung aber auch in einem weiteren Kontext sehen. Hierzu muss man über die offensichtliche Gleichgültigkeit des Papstes hinausgehen und auf Pacellis Anti- semitismus zu sprechen kommen. Dafür bietet sich eine in New York geläufige Definition an. Demnach ist ein Anti- semit derjenige, der die Juden mehr als notwendig hasst. War Pacelli antisemitischer als die meisten ranghohen Kleriker seiner Generation ohnehin?
   Das geistige Klima in der römischen Kurie war zu Zeiten von Papst Pius XI. (1922-1939) nicht nur antijüdisch, sondern stark antisemitisch geprägt. Die Zerschlagung der „Amici Israel" im Jahr 1928 kann als Indiz für das da- malige Ausmaß der im Vatikan herrschenden Judenfeindlichkeit gelten. Vor diesem Hintergrund bedarf auch die von der Jesuitenzeitung „Civiltá Cattolica" damals mehrfach vertretene Unterscheidung zwischen einem legitimen Antijudaismus und einem bösartigen Antisemitismus einer Revision. So hat der lateinische Patriarch Jerusalems, Louis Barlassina, im Bulletin des Patriarchats vom Januar 1926 allen Arabischlesenden empfohlen, die neue ara- bische Übersetzung der „Protokolle der Weisen von Zion" zu kaufen und zu lesen. Die Protokolle wurden von dem katholischen Priester Antoine Yemin ins Arabische übersetzt und in Kairo herausgegeben. Jüdische Vertreter sollen im Vatikan dagegen vergeblich protestiert haben. Wir wissen derzeit nicht mehr darüber - die Archive dazu sind aber schon offen.
   Im Sommer 1939 hob Pacelli die Exkommunikation der antisemitischen Führung der „Action Francaise" auf, die von seinem Vorgänger Pius XI. ausgesprochen worden war. War das eine politische Maßnahme oder nur eine kir- cheninterne Aufhebung eines Disziplinarverfahrens? Pacelli war wie sein Vorgänger bereit, sich mit den faschisti- schen Rassegesetzen anzulegen - aber nur, wenn auch katholisch getaufte Juden entrechtet wurden. Die Ent- rechtung der Juden an sich war für ihn kein Anlass zu intervenieren. Diese Haltung scheint sowohl aus Berichten des Botschafters der Vichy-Regierung beim Heiligen Stuhl, Leon Berard, im Jahr 1941 wie aus Berichten von Pater Tacchi Venturi, dem Verbindungsmann des Vatikans zu Mussolini und später zu Badoglio, hervorzugehen.
  Derzeit werden die Akten aus der Amtszeit Pius' XI. emsig erforscht. Es steht jedoch zu befürchten, dass die Nuntiaturberichte Pacellis aus jener Zeit einer Überbelichtung auf Kosten anderer Nuntiaturberichte ausgesetzt werden. Die geordneteren Akten der jeweiligen Nuntiaturberichte werden bei Forschern beliebter sein als die Er- forschung von Querschnittproblemen. Gleichwohl ist die Rekonstruktion des personellen Geflechtes, des Innen- lebens und der Entscheidungsprozesse innerhalb der Kurie unabdingbar.
   Hat Pius XII. sich nach 1945 über das jüdische Schicksal in der Schoa jemals geäußert? Es lohnt sich, Pacellis Äußerungen aus einer Zeit nachzulesen, in der er nicht aus einer Notsituation heraus agierte und es keinen Zwang gab, das eine oder andere aus höherem Interesse zu tun oder zu unterlassen. Die offene Parteinahme Pacellis für die westruthenische Kirche in der Enzyklika „Orientales omnes ecclesias" vom 23. Dezember 1945 sollte als Beispiel für Pacellis Vermögen dienen, Klartext zu sprechen. In diesem Dokument erwähnt Pacelli 32 Mal namentlich die Ruthenier, obwohl zur selben Zeit in der westlichen Ukraine die Sowjets die dortige ukrainisch- katholische Kirche zu vernichten suchten, indem sie gewaltsam in die Russisch-Orthodoxe Kirche überführt wurde. Ein wirklicher Albtraum für den Heiligen Stuhl. Für Pacelli stand eine neutrale Haltung außer Frage.
   Pacelli schreibt in dieser Enzyklika, dass „oft in der Geschichte die Gegner der Kirche nicht offen, sondern heim- tückisch und verschroben ihre Beschuldigung verbreiten, die Christen unterminierten mit Intrigen den Staat, wie in ähnlicher Weise die Juden (ebrei) den göttlichen Erlöser selbst vor dem römischen Gouverneur beschuldigten". Eine sehr bedenkliche Einflechtung der „ebrei" in den Kontext eines traditionellen Antisemitismus.
   Auch sonst gab sich Pacelli in der Nachkriegszeit kaum beeindruckt vom jüdischen Schicksal. Der katholische Philosoph Jacques Maritain, der als französischer Botschafter beim Heiligen Stuhl 1946 von Pius XII. zu einer Pri- vataudienz empfangen wurde, versuchte, Pacelli zu einer offiziellen Erklärung zu bewegen, mit der der Anti- semitismus im Kontext der Judenvernichtung der Nationalsozialisten einschließlich der Mitschuld von Katholiken verdammt werden sollte. Pacelli lehnte die Bitte Maritains mit den Worten ab, er habe dazu schon Stellung ge- nommen, eine Wiederholung seinerseits sei nicht nötig.
   Tatsächlich hat Pacelli am 29. November 1945 vor 70 jüdischen Überlebenden eine heute kaum beachtete Rede gehalten. Sie wurde einen Tag danach im „Osservatore Romano" abgedruckt. Im Vorspann der Veröffentlichung kann man den offiziösen Vatikanstil wiedererkennen: „Die 70 Flüchtlinge haben um das Treffen ersucht, um die große Ehre, dem Heiligen Vater persönlich Dank abzustatten für seine ihnen erwiesene Großherzigkeit, als sie in der schrecklichen Zeit vom Nazifaschismus verfolgt wurden." Diese Rede scheint die einzige zu sein, mit der sich Pius XII. jemals direkt an Juden wandte. Obwohl an sie gerichtet, vermeidet Pacelli den Begriff „ebrei".
  Wie soll man es verstehen, dass der Papst etwa einen Monat später den Begriff ebrei dennoch erwähnt, und zwar in dem abträglichen Kontext der ruthenischen Enzyklika? Die Vermutung liegt nahe, dass der Begriff Jude oder ebrei in Pacellis Verlautbarungen negativ besetzt war. In den wenigen Fällen, in denen der Papst sich ge- zwungen sah, auf das Leid der Juden öffentlich hinzuweisen, etwa in der Weihnachtsansprache des Jahres 1942, hat er sie sehr vage umschrieben: „Hunderttausende von Menschen, obzwar selbst schuldlos, sind einzig und allein wegen ihrer Volkszugehörigkeit und Herkunft dem Tode oder zur allmählichen Vernichtung bestimmt."
   Auch sonst fällt auf, dass in der Kanzleisprache des Vatikans in den Jahren von 1939 bis 1945 von „non-ariani" oder „non-ariani cattolici" gesprochen wird. Weiter fällt auf, dass Pacelli den Begriff Konzentrationslager nur ein- mal in seinen Verlautbarungen benutzt hat. Er verwendete diesen Begriff erst im Jahr 1949, und zwar in der Enzyklika „Redemptoris Nostri Cruciatus", die politischen Druck auf den neugegründeten Staat Israel erzeugen sollte. Der für jüdische Ohren sehr beladene Begriff wird in Zusammenhang mit palästinensischen Flüchtlingen benutzt, die gezwungen wurden, infolge des katastrophalen Krieges zu emigrieren und sogar im Exil in Konzentra- tionslagern zu leben.
   Auf jeden, der heute Pacellis Rede vor den 70 Überlebenden liest, wirkt sie fremd, da der Papst in einer katholischen Begriffswelt lebte, die uns nur 65 Jahre danach wie von einem entfernten Planeten erscheint. Dennoch scheint sie eine authentische Quelle für seine Meinung über Juden zu sein. Der Papst betonte, „dass der Apostolische Stuhl ... zu keinem wie auch immer kritischen Moment einen Zweifel an seiner Grundhaltung wie auch an seiner Handlung ließ". Er „hat und wird auch keine dieser Auffassungen erlauben, die in der Geschichte der Zivilisation zu den meist beklagenswerten und unehrenhaften Verirrungen des Gedankens und des menschlichen Gefühls zählen ... Eure Präsenz belegt ein intimes Zeugnis von der Dankbarkeit der Männer und Frauen, die in einer für sie qualvollen Zeit und oft unter der Bedrohung einer immanenten Lebensgefahr erfahren konnten, wie die katholische Kirche und ihre wahren Anhänger, über die engen und willkürlichen Grenzen des menschlichen Egoismus und des Rassenwahnes [passioni razziste] hinaus, ihre Barmherzigkeit spendeten."
  Über die Verdammung des Rassenhasses hinaus hat Pacelli, wenn auch verklausuliert, vermutlich den Über- lebenden ein Bekehrungsangebot gemacht. So könnte man zumindest die folgenden Worte verstehen: „Während Eurer Qualen habt Ihr den Lohn der Zartheit der Liebe gefühlt, nicht die Liebe, die sich aus irdischen Motiven, sondern eher von tiefem Glauben an den Himmlischen Vater nährt, dessen Licht auf allen Menschen glänzt, un- abhängig von ihrer Sprache oder ihrer Herkunft, und dessen Gnade allen jenen offensteht, die den Herrn im Geist der Wahrheit suchen." Dieser Bekehrungsdrang war in der katholischen Kirche allgegenwärtig. Pius XII. machte darin keine Ausnahme. Vielleicht wurde Pacelli durch den Erfolg bei der Konversion des Oberrabbiners von Rom, Israel Eugenio Zolli,zusätzlich ermutigt.
   Auch Maritain ist nicht frei vom Bekehrungswillen. So lässt er dieses Motiv in seiner Anfrage zur Audienz an Pacellis engen Mitarbeiter Giovanni Battista Montini (den späteren Papst Paul VI.) nicht unerwähnt. Maritain schreibt, das Gewissen Israels „sei besonders angeschlagen". Viele Juden fühlten „tief in ihrem Inneren die Anzie- hung der Gnade Christi, und ein Wort des Papstes wird bei Ihnen sicherlich Widerhall von außergewöhnicher Bedeutung hervorrufen."
   Die Überlebenden, die angesichts der Schoa oft an der Gerechtigkeit ihres eigenen Gottes zweifelten, könnten für die Bekehrungsinstinkte der Kirche besonders empfänglich gewesen sein. Vermutlich hat man im Vatikan die Gunst der Stunde erkannt und sich deswegen der Rückgabe jüdischer Waisenkinder widersetzt. So geht aus einem Schreiben des damaligen Außenministers des Vatikans Domenico Tardini an Roncalli in Paris vom September 1946 Folgendes hervor: Das Gesuch, das der Oberrabbiner Palästinas, Herzog, während seiner Audienz bei Pius XII. im März 1946 vorgetragen hatte, sollte, wenn überhaupt, nur mit äußerster Vorsicht beantwortet werden. Die Bitte Herzogs bezog sich auf etwa 8.000 jüdische Kinder, die in Europa in katholischen Einrichtungen überlebt hatten und nun katholisch erzogen wurden. Sie sollten jüdischen Institutionen anvertraut werden, wenn ihre Eltern oder Familienangehörigen die Schoa nicht überlebt hätten und sie daher nicht zurückfordern könnten.
   Tardini war sich der delikaten Thematik bewusst und verfügte, dass nur jüdische Kinder ihren Familien- angehö- rigen zurückgegeben werden sollten. Es steht zu vermuten, dass die Absage an Oberrabbiner Herzog auch poli- tische Gründe hatte. Die Waisenkinder wären ja von jüdischen Institutionen nach Mandatspalästina gebracht worden. Dem Vatikan aber war nicht daran gelegen, den Zionismus zu stärken.
   Pacelli hielt offenbar nichts von einem Zusammenhang zwischen der Judenvernichtung der Nationalsozialisten und der traditionellen Judenfeindschaft, deren Wurzeln in der Haltung des Christentums gegenüber Juden liegen. Jules Isaac, der Kronzeuge der „Sprache der Verachtung", versuchte 1949, Pacelli die „Zehn Seelisberger Thesen" über das Verhältnis von Juden und Christen nahezubringen. Der Papst blieb unberührt. Mehr als zehn Jahre später legte Jules Isaac die Thesen dem neuen Papst Johannes XXIII. vor. Der Text gilt seither als Schlüsseltext, den Roncalli Kardinal Bea anvertraute und auf diesem Weg zu der Erklärung „Nostra Aetate" des Zweiten Vatikanischen Konzils führte.
   Nach 1945 hat Pacelli sich einmal über Judenverfolgung klar geäußert, und zwar in einer Rede vor einer ara- bischen Delegation am 03. August 1946: „Es ist überflüssig zu betonen, dass wir jegliche Anwendung von Gewalt, komme sie von irgendeiner Partei, tadeln, wie wir auch oftmals in der Vergangenheit die Verfolgungen gegen das jüdische Volk, die ein fanatischer Antisemitismus entfachte, verdammt haben." Um den Schein der Unparteilichkeit aufrechtzuerhalten, verglich Pius XII. die Judenverfolgung mit den Gewaltausbrüchen in Mandatspalästina. Die Frage, wie oft Pius XII. die Judenverfolgungen wirklich öffentlich verdammt hat, lasse ich anstandshalber offen.
   Was hielten Pacelli und der Vatikan vom Zionismus und von der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948? Aus theologischer Perspektive waren die Juden das Volk der Gottesmörder. Sie hatten dadurch die Gnade Gottes ver- wirkt und auch das Anrecht auf das Heilige Land verloren. Die Ziele der zionistischen Bewegung standen daher im offenen Gegensatz zur traditionellen katholischen Doktrin. In einer Privataudienz mit Mosche Scharett, dem Leiter der politischen Abteilung der Jewish Agency, soll Pacelli laut Scharetts Tagebuch einen Tag nach Kriegsende Fol- gendes gesagt haben: „Das Land war nicht menschenleer, bevor die Juden in größerer Anzahl kamen. Da die Araber die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, haben sie das Recht, das Land zu beherrschen."
   Ein Memorandum des vatikanischen Vertreters in Washington, Cicognani, an Roosevelts Berater Myron Taylor vom Juni 1943 und ebenso Tardinis Memorandum an Pius XII. vom August 1944 geben zu erkennen, dass der Vatikan die Idee einer jüdischen Staatsgründung in Palästina eindeutig ablehnte. Prominente katholische Kirchen- führer in Palästina wie der melkitische Bischof Hakim und der damalige Kustos ließen den Vatikan in den Jahren 1946 und 1947 wissen, sie zögen eine arabische Herrschaft vor. Zugleich warnten sie vor einem den Christen gegenüber intoleranten Zionismus.
   Die von den Vereinten Nationen am 29. November 1947 verabschiedete Resolution 181 wurde im Vatikan mit gemischten Gefühlen aufgenommen. In den Äußerungen von Pius XII. tauchen in diesen Jahren des Palästina- konflikts die Begriffe „Terra Sacra" (geheiligtes Land) und „neuer Kreuzzug des Gebetes" (nuova crociata di pre- ghiere) auf. In der Gründung des Staates Israel sah der Vatikan eine kommunistisch-atheistische Bedrohung. Am Tage der Staatsgründung beschrieb der „Osservatore Romano" die Situation als einen weiteren Meilenstein auf dem Kreuzweg Palästinas. Der Hinweis auf die Passion Christi ist nicht zufällig. Am 12. März 1948 hieß es in einem Kommentar des „Osservatore": „Die Geburt Israels gibt Moskau eine Basis im Nahen Osten, von der sich die Mikroben vermehren und ausbreiten können." 1953 kam es zum Bruch zwischen Israel und der Sowjetunion.
   „Es gibt eine große Weltreligion, die mit uns eine historische Rechnung begleichen will", sagte der israelische Staatspräsident Ben Gurion, als der Vatikan versuchte, den Antrag Israels auf Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen diplomatisch zu vereiteln. Das Bulletin der Kongregation Propaganda Fide ging zu dieser Zeit sogar so weit, dass es den Zionismus als neuen Nazismus diffamierte.
   Die Gründe für Israels diplomatische Annäherungsversuche an Papst Pius XII. liegen auf der Hand. Man wollte die feindselige Haltung des Vatikans gegenüber dem jungen jüdischen Staat abmildern. Als der Vatikan sein Einverständnis zum Konzert der Israelischen Philharmonie in der Sala Clementina des Apostolischen Palastes im Mai 1955 gab, hieß es im „Osservatore", es handele sich um einen „Dank für die von der katholischen Kirche veranlasste Judenrettung". Am Tage danach war zu lesen, „S. H." habe sich „mit jüdischen Musikern aus 14 verschiedenen Nationen" getroffen. Von Israel war nicht die Rede.
  Noch zu Lebzeiten Pius' XII., im November 1957, antwortete Tardini dem französischen Botschafter auf die Frage, ob das Schicksal des christlichen Libanons mit dem Schicksal Israels verbunden sei: „Ich war immer der Meinung gewesen, dass es nie einen zwingenden Grund gab, diesen Staat zu gründen. Es war ein Fehler der westlichen Staaten. Seine Existenz ist ein immanenter Faktor für Kriegsgefahr im Nahen Osten. Seitdem Israel existiert, gibt es freilich keine Möglichkeit, es zu zerstören, aber wir zahlen jeden Tag den Preis dieses Fehlers."
   Golda Meir, die Außenministerin Israels, kannte diesen Bericht, da er über den israelischen Botschafter in Paris nach  Tel Aviv gekabelt wurde. Trotzdem formulierte sie in ihrem Kondolenzschreiben zum Tode Pius XII.: „Als während der zehn Jahre des nationalsozialistischen Terrors das furchtbarste Martyrium unser Volk traf, hat sich die Stimme des Papstes zugunsten der Opfer erhoben ... Wir beweinen den Verlust eines großen Dieners des Friedens."
   Ich tendiere dazu, dieses höfliche Schreiben als Teil der israelischen Annäherungsversuche zu betrachten. Noch im Mai 1963 intervenierte das israelische Außenamt beim Habima Theater in Tel-Aviv, es solle die geplante isra- elische Aufführung von Hochhuths „Stellvertreter" unterlassen, um damit die Kontakte Israels zum Heiligen Stuhl während des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht zu belasten. Dem wurde zeitweilig entsprochen. Das Stück wurde erst im Juni 1964 aufgeführt.
   Die hier kurz umrissene, keineswegs einfach zu beschreibende Haltung Pacellis gegenüber den Juden, dem Zionismus und dem Staat Israel konnte bislang nicht auf der Basis der vatikanischen Archive erforscht werden. Es ist an der Zeit, auch dieses historische Kapitel abzuschließen. Mit der Öffnung der Archive für die Amtszeit Pius' XII. von 1939 bis 1958 könnte die Person Eugenio Pacelli der historischen Forschung anvertraut und dadurch der bisherigen Polemik entzogen werden. FAZ100326
  
Der Verfasser ist Botschafter des Staates Israel beim Heiligen Stuhl. Mit diesem Vortrag wurde  das Inter- nationale Symposion „Eugenio Pacelli als Nuntius in Deutschland" in Münster eröffnet.

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