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Buchbesprechung

 Auf dieser Seite finden Sie Hörbuch-Rezensionen von Hörbüchern, die auf Cassetten aufgesprochen sind,
von Dr. Günther Steinebach aus dem Organ der deutschen katholischen Blindenvereinigungen LUX VERA

Nr. 53                                                                       Bestellung:   Hörbücher
Benary-Isbert, Margot: Im Hause meines Großvaters
6 Cassetten gelesen von Annelie Kunert
   Wieder darf ich Ihnen ein Buch von Margot Benary-Isbert empfehlen. Das Datum der Erstausgabe konnte ich nicht feststellen, doch da es sich um eine Aufnahme des Borromäusvereins handelt, wird diese mindestens 35 Jahre zurückliegen. Das tut aber dem hochinteressanten Werk keinen Abbruch. Zudem ist es vorzüglich und engagiert aufgesprochen, so dass das Abhören einfach Freude macht.
   Der zentrale Mittelpunkt der Handlung ist Limburg an der Lahn, doch auch die nähere Umgebung des Wester- waldes sowie Bad Ems und vor allem Montabaur umgrenzen im Wesentlichen die Hauptorte der Geschehnisse. Die wichtigsten Personen sind die Mitglieder der Familie Isbert. Also liegt es nahe, dass die Schriftstellerin die Familie ihres Großvaters schildert. Es geht um das Jahr 1866. Die Hauptperson dürfte Paula sein, die einzige Tochter der Familie, die noch fünf jüngere Brüder hat. Wer selbst vom Land stammt oder Besuch bei den Großeltern im bäuerlichen Bereich erlebte, der findet sich mit seinen Erfahrungen bestätigt.
   Es macht Freude, die Großfamilie zu begleiten. Der Vater ist Hessisch-Nassauischer Amtmann und gehört damit zur Oberschicht. Er ist ein strenger, aber gerechter Hausherr. Die Mutter passt in die Rolle der Frau von damals. Paula kehrt nach 2 Jahren Klosterschule in Frankreich zurück nach Limburg und muss sich nun die Pflichten im häuslichen Dasein aneignen. Da sind die Brüder zu betreuen, die alten Tanten zu unterstützen, mit dem Onkel zu parlieren, für den Vater Schreibarbeiten zu erledigen und die anfallenden Arbeiten der Großfamilie zu bewältigen.
   In den ersten Sätzen des Buches erfahren wir, wie Paula aus Nancy zurückkehrt, und der in der Postkutsche mitreisende Herr Overbeck wird uns immer wieder im Verlauf der Handlung begleiten. Den weiteren und eigentlichen Inhalt des Familienromans möchte ich Ihnen nicht schildern. Dann wäre Ihre Spannung vermindert. So viel darf ich Ihnen aber sagen, die Zeitgeschichte spielt ebenfalls eine beachtliche Rolle. Schließlich wurde Hessen-Nassau 1866 von den Preußen besetzt. Die meisten Katholiken hatten Angst davor, was an Veränder- ungen auf sie zukommen würde, denn die Besetzer waren evangelisch. Sie erleben durch den Roman, welch eine trennende Rolle die Religion spielte, und die Reste davon waren noch zwei Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg zu spüren. Wenn Sie das Buch anhören, werden Sie sagen müssen: Ja, so war es! Vieles ist heute leichter, besser, aber auch umgekehrt ist es richtig: Das Standesbewusstsein prägte vieles im Ablauf der Tage. So wird z.B. der im Rang geringer Stehende von dem Höherstehenden nur mit Nachnamen angeredet, das Wort ,Herr' gehörte nicht dazu. Aber Sie werden erleben, wie die altbewährten Tugenden wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Pflichtbewusst- sein und Ehre selbstverständlich sind. Dr. Günther Steinebach

Nr. 4696                                                                       Bestellung:   Hörbücher
Seewald, Peter: Grüß Gott - Als ich begann wieder an Gott zu denken
Nr. 4696; 4 Cassetten; 280 Minuten - gelesen von Christoph Pfeiffer
   Peter Seewald, geboren 1954, aufgewachsen in einer katholischen Familie und in katholischem Umfeld, löst sich in den wilden 68er Jahren von seinem Glaubensgut, um nach Irrungen und Wirrungen nach zwei Jahrzehnten wieder zur Kirche zurückzufinden. Die entscheidenden Anstöße zur Rückkehr zu den Wurzeln des Christseins dürften durch die Gespräche mit Joseph Kardinal Ratzinger, die in mehreren Büchern ihren Niederschlag finden, gekommen sein.
   Peter Seewald lebt als freier Schriftsteller in München, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Bekannt wurde er durch seine Bestsellerbücher der vielen Gespräche mit dem früheren Vorsitzenden der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, wie es im Vorwort heißt.
   Der Anlass, dieses Buch zu schreiben, lag in den vielen Bitten von Freunden und Lesern der Süddeutschen Zeitung, in der ein Aufsatz von ihm unter dem gleichnamigen Titel erschien. Der Verfasser schreibt zur tieferen Veranlassung dieser Schrift: „Auch wenn Gottes Werk nicht nur alle Zeitlichkeit, sondern auch unser Fassungs- vermögen übersteigt, es ist eine spannende Geschichte nicht mehr so zu leben, als ob Gott gar nicht existiere.” Vor uns liegt ein Buch, das ich selber zweimal las, um seine Tiefe, das Selbstbekenntnis des Autors besser zu verstehen. Er zitiert Romano Guardini: „Herr, lehre uns beten, lehre mich einsehen, dass ohne Gebet mein Inneres verkümmert und mein Leben Halt und Kraft verliert.” Und über sich sagt er: „Ich bin in Fragen der Religion gerade mal ein Anfänger, der gerade einmal gelernt hat, dass es ein Vorteil sein kann, Kirchenfenster auch von innen zu betrachten, wo sie aufleuchten.”
   Peter Seewald war aus der katholischen Kirche ausgetreten, und er blieb ein Vierteljahrhundert der Kirchen- ferne treu. Aber er war mit dem Zustand keinesfalls zufrieden. Immer wieder macht er sich Gedanken über Sinn und Zweck seines Daseins. Es muss etwas geben, das nach dem Tode auf uns wartet. Er sagt wörtlich: „Ein Leben ohne Glauben wäre mir ab einem gewissen Punkt nicht nur zu wenig, sondern auch zu spießig und leer gewesen. So etwas wie eine Minimalausführung der menschlichen Existenz. Wie soll man es erklären? Ich glaube genau wie Hemingway daran, dass das Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist. Ich freue mich auf das Paradies. Ich nehme an, dass es uns gut tun wird, wie immer es auch aussehen mag. Und diese Geschichte ist so grundsätz- lich, dass sie alles andere entscheidend beeinflusst, das ganze Bild von Gott und der Welt. Kirche ist nichts Gestriges.  Glaube hat etwas zu sagen und das Christentum ist, wenn ich das richtig verstanden habe, nicht in erster Linie die Auseinandersetzung um Zölibat und Primat des Papstes, sondern die Auseinandersetzung um die Frage, wie wir richtig leben können.” Wenn Sie das kleine Buch lesen, wird Ihnen überzeugend dargelegt, wie er immer fester im Glauben verwurzelt wurde und damit seine Rückkehr zur Kirche für unumgänglich notwendig erachtet.
   Warum wir dieses Buch lesen sollten? Nun, das ist leicht gesagt. Viele Fragezeichen haben wir doch ab und zu in unserem Glaubensleben. Hier werden diese aufgezeichnet und viele scheinbar unlösbare Fragen beantwortet. Sie sind uns Hilfe, wenn wir nach dem Sinn des Lebens fragen. Die Kirche ist die feste Stütze, und so können wir mit ihr unseren Lebensweg ruhig und vertrauensvoll gehen. Ich kann Ihnen dringend empfehlen, das von Christoph Pfeiffer in altbewährter ruhiger Art aufgesprochene Buch anzuhören.  Dr. Günther Steinebach

Nr. 4710                                                                       Bestellung:   Hörbücher
Klingberg, Haddon: Das Leben wartet auf dich
Elly und Victor Frankl
11 Cassetten; 980 Minuten - gelesen von Christoph Pfeiffer
    Das vorliegende Buch von Haddon Klingberg zeigt in seinem Haupttitel nicht an, worum es eigentlich geht. Trotzdem gibt der Name einen wichtigen Hinweis, der mir aber erst klar wurde, als ich mir die elfte Kassette fast fertig angehört hatte. Vorausschicken darf ich: wie immer hat Christoph Pfeiffer das Werk zurückhaltend und damit vorzüglich aufgesprochen. Im Vorspann werden wir mit knappen Worten informiert. Victor E. Frankl wurde am 26. März 1905 in Wien geboren, studierte Medizin und arbeitete in seiner Geburtsstadt, bis er 1942 den grausamen Leidensweg durch vier Konzentrationslager antreten musste. Alle seine Angehörigen wurden wegen ihrer jüdischen Abstammung umgebracht. Bald nach seiner Befreiung schrieb er ein Buch, das in 27 Sprachen übersetzt und über 18 Millionen mal verkauft wurde. „Ein Psychologe erlebt das KZ”. Schon der Titel beinhaltet, dass er trotzdem ja zum Leben sagt. In unserer Blindenbücherei in Bonn steht ein Werk von Frankl zur Ausleihe, es sind Vorträge über Logopädie. Dr. Günther Steinebach

Nr.  3102                                                                                 Bestellung:   Hörbücher
Frankl, Victor: Der Wille zum Sinn, 
   Der Autor dieses Buches, Haddon Klingberg, ist ein Freund der Familie Frankl. Nur durch das jahrelange Miteinander konnte er so schreiben, als wäre es eine Autobiographie. Dazu tragen die vielen schriftlichen Zeugnisse Frankls, die wörtlich wiedergegeben werden bei. Klingberg ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität in Chicago, USA. Er lernte Frankl kennen, als er ein Jahr in Wien bei ihm studierte. Daraus entstand die lebenslange Freundschaft.
   Das Buch zerfällt in zwei grundverschiedene Teile. Erst umfasst es die Zeit der Naziherrschaft bis zur Verhaftung 1942 und Befreiung 1945. Der andere Teil beschreibt die Zeit der Erfahrungen nach Kriegsende und die Jahrzehnte bis zu seinem Tod. Eine wesentliche Rolle spielt seine Ehefrau Elly, die 52 Jahre seinen Lebens- weg begleitete. Wir erfahren vieles über seine Universitätstätigkeit, seine Begegnungen mit Sigmund Freud, Alfred Adler und CG. Jung.
  Wer zu der älteren Generation gehört, erinnert sich, wie der Naziterror war. Hier wird vieles wieder in Erinnerung gebracht und durch die unglaublichen Berichte aus den Konzentrationslagern ergänzt. Im März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Im Versailler Vertrag war festgelegt, es durfte keine Vereini- gung Deutschlands mit Österreich geben. Hitler setzte sich darüber hinweg, mit unbeschreiblichem Jubel von den österreichischen Nazis begrüßt. Wer in diesem Buch liest, wie selbst in Österreich die Nazis vorgingen, wie nach und nach die Juden und Nichtkonforme ausgebootet wurden, wird verstehen, wie wenig Möglichkeit es gab, Farbe zu bekennen. In den vier Jahren vor seiner Verhaftung hat Frankl Zug um Zug die enger werdende Schlinge gespürt, sei es, dass Juden keine Straßenbahn nutzen durften, den Judenstern zu tragen hatten, aus allen besseren Stellungen herausgetrieben wurden usw. Hier zu lesen und darüber nachzudenken, lohnt sich. Die Konzentrationslager dürften an Grausamkeit kaum zu überbieten sein. Aber die Erinnerung an das Entsetzliche wurde durch die Liebe von Elly und Victor ausgeblendet, und so ist der Titel gerechtfertigt: „Das Leben wartet auf dich”.  Dr. Günther Steinebach

Nr. 3031                                                                       Bestellung:   Hörbücher
Arnim, Elizabeth von: Die Reisegesellschaft
gelesen von Carola Ulmer - 8 Cassetten - 660 Minuten
   Der vorliegende Roman, eine Übersetzung aus dem Englischen, wurde 1995 in Deutschland veröffentlicht, jedoch ist er bereits 1905 in England erschienen. Der Handlungsträger ist der deutsche Baron Otto von Ottringen, der in England eine Reise zu Beginn des letzten Jahrhunderts unternimmt. Das Buch ist in Ich-Form geschrieben, und das bedeutet, dass die engagierte, vorzügliche weibliche Aufsprache uns Zuhörer zwingt, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass der Haupthandelnde ein Mann ist. Kein Wunder, ich glaube kaum, dass eine Frau diese arrogante Haltung an den Tag legen würde.
 Die Idee des Herrn Baron ist, einen möglichst sparsamen Urlaub zu machen. So greift er den Vorschlag der Nach- barin auf, mit seiner Frau nach Kent zu fahren, um dort seinen August-Urlaub zu verbringen. Genauer gesagt, es handelt sich um eine bunt zusammengewürfelte Reisegesellschaft, die mit drei pferdebespannten Wohnwagen durchs Land zieht. Doch es kommt ganz anders. Der überhebliche, arrogante Baron ist geprägt durch das preußische Junkertum, doch ist diese Färbung bis ins Gehtnichtmehr überzogen. Dabei ahnt er nicht, wie er zur Ursache des verkürzten Urlaubs wird. Der Bericht ist von Baron Otto aufgezeichnet, um seine Rechtfertigung dem Freundeskreis vorzulesen.
  So viel darf ich Ihnen von Person und Handlung schildern. Alles weitere müssen Sie den acht Cassetten entnehmen, wobei die letzte nur wenige Minuten Aufsprache hat.
   Den meisten Zuhörern wird es sicher so gehen wie mir. Immer wieder werden wir überrascht durch den Standesdünkel. Durch sein Verhalten ist die Reisegesellschaft entsetzt und betroffen. Ein Satz, den ihm seine Frau gegen Ende des Buches sagt, lautet: „Was hast Du nur gemacht, Otto?”
   Ich empfehle Ihnen diesen Roman als Ferienlektüre. Er zeigt ein Bild, zwar überzeichnet, von etlichen Adeligen in Deutschland vor dem ersten Weltkrieg. Ab und zu können wir aber auch über die Verbohrtheit zumindest schmunzeln. Unbewusst aber drängt sich einem die Frage auf, ob nicht dann und wann so ein klein wenig von dem Charakter des Barons in uns aufkommt, auch wenn wir keinen Standesdünkel haben, sondern nur etwas wenig Schmeichelhaftes von dem einen oder anderen Mitmenschen denken. Dr. Günther Steinebach

Nr. 1016                                                                       Bestellung:   Hörbücher
Erath, Vinzenz: So hoch der Himmel Trilogie Teil III
gelesen von Gerhard Otto - 10 Cassetten
   Auch im dritten Teil der Trilogie steht Florian als Haupthandlungsträger der Geschehnisse im Mittelpunkt. Der von ihm eingeschlagene Weg wird nicht von seinen Angehörigen, insbesondere seiner Mutter gutgeheißen. Es kommt zum völligen Zerwürfnis, das erst viel, viel später überwunden wird. Jetzt handelt es sich um die Zeit von 1926 bis zum Beginn des 2. Weltkrieges. Zunächst ist Florian gezwungen, als künftiger Werkstudent eine Arbeits- stelle zu finden, sparsamst zu leben und Geld für das Studium zu erübrigen. Er erhält die Zusage eines Werkes im Ruhrgebiet, dort eine Weile arbeiten zu können. Hier wird er von einem Vorarbeiter kurz eingewiesen, und dann ist er sich selbst überlassen, seine monotone Arbeit am Fließband zu erledigen. Eine harte Zeit beginnt, und in ihr spielen eine ganze Anzahl Menschen der unterschiedlichsten Charaktere eine Rolle. Oft ist er gezwungen, seinen Lebensweg ihnen anzupassen oder zumindest seinen Weg herauszufinden und einzuschlagen. Und der ist oftmals sehr steinig.
   Die Politik, die bisher für ihn keine Rolle spielte, entdeckt seine Fähigkeiten. Die drohenden Gewitterwolken künden den Deutschen und ganz Europa eine harte Zeit an. Ungewollt wird Florian auch in das politische Ränkespiel hineingezogen. Lange ahnt er nicht, dass er ausgenutzt wird. Im Nachwort erfahren wir, wie er durch einen unbekannten Helfer in der russischen Gefangenschaft vom Sterbelager weggeholt wird.
   Ich möchte nur einige Hinweise geben, weshalb ich auch diesen Band sehr gut finde. Hier erfahren wir auch, warum nach so vielen Irrungen und Wirrungen der veruntreute Himmel, wie es Florians Mutter empfinden musste, für ihn selber der einzig gangbare Weg ist.
   Das Buch ist ebenfalls sehr gut aufgelesen. Ich denke mir, es wird Ihnen ähnlich ergehen wie mir: Es packt einen so, dass man gern ohne Unterbrechung zuhören möchte. Dr. Günther Steinebach

Nr. 1015                                                                       Bestellung:   Hörbücher
Erath, Vinzenz: Das blinde Spiel
gelesen von Marius Langer, Marburg  - 9 Cassetten
   Der Träger der Handlung in Teil zwei der Trilogie ist nach wie vor Florian. Inzwischen ist er elf Jahre, und wir finden ihn in einem Dorf des Alpenvorlandes. Er sucht das Pfarrhaus, in dem sein Onkel ihn erwartet. Florian hat die von seiner Mutter ausgearbeiteten Reisepläne durchkreuzt, fährt über den Bodensee und setzt damit seinen Kopf durch.
   Schon gleich fällt uns auf, wie die ersten Eindrücke vom Dorf, dem Leben dort und der Landschaft in unauf- dringlicher Genauigkeit dargestellt werden. All das bleibt nicht ohne Wirkung auf Florian. Wie Kuhherden gemäch- lich mit ihrem Geläut zielsicher ihre Ställe finden, so sicher findet er den Weg zu einem netten Lebensabschnitt. Hier erinnert ihn noch vieles an sein zuhause in einem kleinen Bauerndorf im Schwarzwald. Die Angst vor dem Neuen wird durch den vertrauten landwirtschaftlichen Geruch gemildert. Hier zeigt sich schon zu Beginn der Erzählung, wie stark der Roman in den Bereich der Psyche greift. Auch hier wirkt, wie schon im ersten Teil, die Wechselbeziehung von Tier, Mensch und Landschaft prägend auf die Gefühlswelt des Jungen.
   Florians Mutter hat den größten Wunsch ihres Lebens im Blick, er möge doch Priester werden, und hierfür opfert sie vieles. Zwei ihrer Brüder sind Priester, nun soll einer ihrer Söhne den gleichen Weg einschlagen.
   Im Hause von Onkel Severin lebt ein blindes Mädchen, das er mit ihrem Bruder nach dem Unfalltod beider Eltern aufgenommen hat. Dieses Mädchen leidet sehr an ihrer Behinderung, und Florian ist eine echte Hilfe für sie. Hier wird der Titel des Buches teilweise verständlich.
   Mehr darf ich Ihnen nicht verraten. Sie werden aber beeindruckt sein vom Text, die eingehende Landschaftsbeschreibung korrespondiert mit dem Verhalten der Menschen. Eingehend und ach so verständlich nachdenkenswert geht der Verfasser in die Tiefe der menschlichen Seele.
Und wie geht Florians Weg weiter? Das finden wir im dritten Teil. Dr.Günther Steinebach  

Nr. 1014                                                                     Bestellung:   Hörbücher
Erath, Vinzenz: Größer als des Menschen Herz
gelesen von Norbert Gutberiet, Marburg  - 9 Cassetten
    Das vorliegende Buch wurde 1951 im Verlag Wunderlich in Tübingen veröffentlicht und 1983 in Marburg gut aufgesprochen und von unserer Blindenbücherei übernommen.
   Auch ein Roman, der vor über einem halben Jahrhundert geschrieben wurde, ist es wert, heute und auch nach weiteren Jahren angehört zu werden. Die Handlung ist im wesentlichen auf den Schwarzwald beschränkt. Die Haupthandlungsträger sind zwei Familien. Es ist die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, doch spielt der Verlauf der großen Weltgeschichte keine Rolle.
   Sehr eingehend ausgeleuchtet werden die Vorschulzeit und die ersten Schuljahre von Florian. Er ist das zehnte einer dreizehnköpfigen Kinderschar. Beim Zuhören sind wir schnell hineinversetzt in die Welt des kleinen Dörflers. Der ist einen Kopf größer als seine Altersgenossen, aber seine Wesensart ist geprägt durch Schüchternheit und Vermeidung jeden Streites. Das geht aber nicht lange gut, denn die Mitmenschen sind oft von anderem Charak- ter. In der Schulzeit wird das Dasein oftmals durch Ungerechtigkeit von Lehrer und Pfarrer bestimmt. Das soll als Einführung genügen. Die Zwistigkeiten der Familien, die schwierige familiäre Gemeinschaft, die Stellung von Vater und Mutter, das Hineinwachsen in die Welt der Erwachsenen mit gemeinsamem Tun, aber auch mit der Härte, die der Alltag fordert -all das werden Sie bestimmt mit gleichem Interesse miterleben wie ich.
   „Größer als des Menschen Herz” nennt der Verfasser den Titel. Wenn Liebe und Güte, Verzeihen, Helfen und Heilen das einzige wäre, was den Inhalt bestimmt, hätte der Verfasser den Roman nicht so nennen können. Folglich sind es die Charakteranlagen, das Erbgut, die Mitmenschen, die eigenen Unzulänglichkeiten, die die Grenzen ziehen. Es ist ein Buch, das viel zum Nachdenken anregt. Es sei noch vermerkt, das Buch ist der erste Teil einer Trilogie: Nr. 1015 „Das blinde Spiel" und Nr. 1016 „So hoch der Himmel" sind die Fortsetzungen.
Dr. Günther Steinebach

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Nr. 4092                                                                      Bestellung:   Hörbücher
Hermann Kempen: Lebenserinnerungen
gelesen von Karl. H. Herber, 4 Kassetten, 45 Minuten 
Fotos: Hermann Kempen als Autor mit seiner Frau Wilma
     Das vorliegende Buch ist im eigentlichen Sinne keine Autobiografie, doch sind in ihm viele Lebenserinnerungen möglichst chronologisch verarbeitet. Hermann Kempen, Jahrgang 1918, blickt auf charakteristische, prägende Begebenheiten seines über acht Jahrzehnte währenden Lebens zurück. So manches schrieb er selber auf, vieles diktierte er auf Tonträger, und seine Kinder halfen dabei, Erinnerungslücken auszufüllen wie auch das Buch mitzu- gestalten.
     Der Verfasser wird durch den Zwang der Ereignisse 1943 dazu gezwungen, die von den Nazis geforderte ari- sche Reinheit nachzuweisen. Aus dieser Pflicht erwächst ein Interesse, und Aufzeichnungen des eigenen Groß- vaters kommen ihm zu Hilfe, recht weit in die Vergangenheit zurückzublicken. Hermann Kempen war von Jugend an augenleidend und im Alter erblindete er völlig. Dies ist auch die Begründung dafür, dass er nicht Soldat wurde, doch stattdessen wie ein Ackergaul in einer Behördenstelle arbeiten durfte. Wilma, seine Frau, die treue, unver- zagte Helferin, die immer Rat wusste, Zuversicht hatte. Sie ist die Mutter von sechs Kindern, die ein glückliches Familienidyll entstehen lässt.
     Der eigentliche Ort der Handlung ist Papenburg und seine nähere Umgebung. Doch das spielt so keine Rolle. Es könnte überall in Deutschland sein, nur wäre dann der Fahrradeinsatz problematischer geworden.
     Der Krieg und die unmittelbare Zeit danach versetzen uns beim Zuhören wieder in eigene Erlebnisse. Ja, das ist es überhaupt, wir haben ein Buch vor uns liegen, das uns immer wieder sagen lässt: Ja, so war es! Eigene Erinnerungen, die längst im Schoß der Vergangenheit schlummern, werden wach, und ich kann mir gut vorstellen, der eine oder andere Hörer des Buches wird angeregt, das eigene Gestern in sich wach werden zu lassen, und für seine Mit- und Nachwelt manches festzuhalten, was einmal Enkeln und Urenkeln Einblicke in das 20. Jahr- hundert verschafft, die dazu noch den besonderen Wert erhalten, dass es Selbsterlebtes ist, keine Dichtung und Wahrheit, sondern so echt, wie es wirklich gewesen ist. Es ist das, was Leopold Rancke von der Ge- schichtsschreibung forderte: Man müsse die Geschichte darstellen, wie sie eigentlich gewesen sei. Wer ist dazu besser berufen als der, der seine Vergangenheit vor dem geistigen Auge entstehen lässt und bereit ist, das private Nähkästchen für alle Interessierten sichtbar zu öffnen.

Nr. 4719                                                                                  Bestellung: Hörbucher
Blüm, Norbert: Unverzagt und unverblümt
Menschliches und  Allzumenschliches
6 Cassetten; 505 Minuten gelesen von Karl Heinz Herber
     Dr. phil. Norbert Blüm, jahrzehntelang Mitglied der CDU, war von 1982 bis 1998 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung,  Mitglied der IG Metall, amnesty international, sowie der Kolpingfamilie. Er schrieb u.a. das vorlie- gende Buch, das 2002 erschien. Der Titel: “Unverzagt und unverblümt” lässt einiges erwarten. So habe ich das Buch mit großem Interesse und viel Freude,  aber auch mit manchem Nachdenken gelesen. Ich glaube, nicht nur der der CDU Nahestehende wird mit viel Gewinn und Zustimmung die Lektüre anhören.
     Wer sich noch an die Verleihung des Aachener Karnevalsordens vor etlichen Jahren erinnert, wird nicht den köstlichen Humor seiner Ansprache vergessen haben. Doch das ist die eine Seite unseres Autors, eine weitere und sehr wichtige ist das gründliche Nachdenken über sich selbst, woher komme ich, wer bin ich, wohin gehe ich? “Nur zum geringsten Teil habe ich über mein Leben selber entschieden, der größere war Fremdbestimmung, Schicksal oder Gnade. Und mehr als ich selbst gemerkt habe, bin ich von Menschen geprägt worden, die mich umgaben.” Auf den ersten Seiten des Buches erfahren wir wesentliche Einsichten über sein bisheriges Leben. Er zeichnet mit wenigen, aber ausdrucksstarken Sätzen Mitmenschen, die ihn geprägt haben. Hier berichtet er von seinem Arbeitsleben. Er machte in seinem Heimatort Rüsselsheim eine Lehre bei Opel. Gleichzeitig erwarb er im Abendgymnasium das Abitur, um anschließend zu studieren. Das war harte Doppelbelastung. Besonders hervorgehoben ist die Begegnung mit Prof. Pater Dr. Oswald von Nell-Breuning SJ, dem Nestor der katholischen Soziallehre. Liebevoll und spannend ist sein Rückblick auf das eigene Elternhaus, auf Eltern, Großeltern und dem Bruder, nicht zu vergessen Tanten und Onkel, Bekannte und Freunde. Die beiden letzten Kriegsjahre erhalten einen größeren Raum im Buch, doch hierbei überwiegt neben all dem Traurigen viel Positives.
  Norbert Blüm, der Hesse mit dem rheinischen Humor, lässt mit unnachahmlichem Charme im Verlaufe des Buches die Größen der letzten Jahrzehnte unserer Zeitgeschichte vor uns Revue passieren. Doch hierzu gehören nicht nur die politisch Handelnden, die seine Wege kreuzten, sondern auch einfache Leute aus dem Volk. Menschen, die zur Legende wurden, nahm er in seinem Lebensbild auf wie Fritz Walter und manchen anderen.
     Wenn Sie mich nach dem Wert des Buches fragen, so kann ich nur sagen, es ist eines der wenigen Bücher, die ich innerhalb von kurzer Zeit ein zweites Mal las. Ganz gleich, zu welcher politischen Richtung der Leser gehört, die vielen klugen Überlegungen und die meist humorvolle Art der Schilderung geben tiefe Einblicke in das Leben unseres Autors. Dr.Günther Steinebach

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Nr. 1828 und 3973                                                                                                             Bestellung: Hörbucher
Kamillus von Lellis: Schutzpatron der Kranken und Krankenhäuser

Nr. 4611                                                                        Bestellung: Hörbücher 
Grunwald, Henry: Dämmerlicht. Wie ich lernte, mit meiner Erblindung zu leben
gelesen von Günter Rohkämper, 3 Cassetten, 240 Minuten
   Im  Klappentext heißt es:  „Dieses  Buch  ist das eindrucksvolle Zeugnis eines Menschen, der eine schwere Krankheit akzeptiert, aber mit aller Kraft nach Wegen sucht, für sich ein neues Leben zu finden.” Der Autor, 1922 in Wien geboren, musste mit 17 Jahren in die USA emigrieren. Nach seinem Studium in New York ging er zur „Time”, wo er bis  1987 als leitender Herausgeber des „Time Magazine” und als Chefredakteur der „Time” arbeitete. Danach war er als amerikanischer Botschafter zwei Jahre in Österreich. 1999 gab er das vorliegende Büchlein heraus, das uns in die Welt seiner eigenen Erlebnisse und  seine Sicht der Macula Degeneration führt.  Er schildert seinen  Lebensweg von dem Augenblick an, da sich die schleichende Krankheit bemerkbar machte. Viele Möglichkeiten, die durch den Erfahrungsbereich eines Menschen mit gesunden Augen gegeben sind, werden im einzelnen verglichen mit der krankheitsbedingten Situation. Es fängt damit an, dass kleinere Druckbuchstaben nur schwach zu erkennen  sind,  dass  Menschen,  die zum täglichen Umgang gehören, verwechselt werden, dass peinliche Situationen entstehen, weil der eine gar nicht, der andere dreimal begrüßt wird. Ich glaube, ich sollte die weiteren Beispiele nicht bringen, da sie einem jeden, der mit dieser Augenerkrankung zu tun hat, hinlänglich bekannt sind. Interessant an dem Buch ist die gute Schilderung der immer schlechter werdenden Sicht, wobei bis heute die eigentliche Ursache des Leidens nicht genau bekannt ist. Leider gehen die Begriffe Blindsein, Schwach- sichtigkeit und Gesichtsfeld-Einengung durcheinander. Aber wir wissen immer, was gemeint ist.
   Der völlig erblindete Mitmensch wird beim Hören des Buches sich ein müdes Lächeln abringen, denn die Mög- lichkeit so viel zu sehen, wäre für ihn selber ein ganz großes Glück. Es fragt sich, ob der mit dieser Augen- erkrankung lebende Mensch, statt ständig seine jetzige mit der früheren Situation zu vergleichen, nicht vielmehr versuchen sollte, sich immer klarzumachen, welch ein Vorteil es ist zu sehen: hier ist ein Fenster, dort ist ein Licht, da steht ein Tisch, und sei das alles noch so verschwommen. So lange ich Tag und Nacht unterscheiden kann und noch ein bisschen mehr, habe ich ganz viel Grund, dem Herrgott dafür zu danken, dass ich durch meinen Sehrest leichter leben kann. Unbestritten ist freilich, Henry Grunwald lebte als Journalist, als Leseratte zwangsläufig vom Durchsehen der Zeitungen und Zeitschriften. Diese Möglichkeiten waren ihm genommen, doch durch manche Blindenhilfsmittel wurde sein Leben erleichtert. Seit sieben Jahren ist das Buch auf dem Markt und in dieser Zeit hat sich manches getan, was selbst dem völlig Erblindeten manche Erleichterung bringt. Dr. Günther Steinebach

Nr. 4184                                                                      Bestellung: Hörbücher 
Piet van Breemen: Erfüllt von Gottes Licht
gelesen von Karl-Heinz Herber, 6 Kassetten, 515 Minuten
   Heute darf ich Sie wieder einmal mit einem Buch bekannt machen, das Sie nicht im “Mähdreschverfahren” konsumieren können. Im Vorspann heißt es: “Der christliche Glaube zieht sich scheinbar unaufhaltsam in das Privatleben zurück. Die Kluft zwischen dem Evangelium und der modernen Welt wächst ständig. Darunter leiden viele Christen. Sie suchen daher neue Möglichkeiten  und  Wege,  um  ihr Leben bewusst  als Christen zu gestal- ten.” Genau das ist es, was den Autor zum Schreiben des Buches veranlasste und was er uns zu sagen hat: den Auftrag Jesu Christi für unser Leben, wie er im NT ausgeformt wurde, in unsere heutige Zeit, in unser konkretes Leben umzusetzen. Hierzu will er Hilfestellung geben, und dass er sie gibt, dürfte vielen Mitmenschen in den letzten Jahren klar geworden sein, sonst wäre das Buch, das 1994 in den USA erschien, nicht nach weniger als fünf Jahren in seiner vierten Auflage auf dem Büchermarkt. Es gibt viele Bücher, die für ihre jeweilige Zeit christ- liches Gedankengut dem Leser nahe zu bringen versuchen. Es genügt Piet von Breemen nicht, bestimmte An- forderungen der Bibel erneut zu aktivieren. Es genügt nicht zu sagen: “Lern vergessen und vergeben, dann führst du ein christliches Leben.” Er greift hautnah in unseren Alltag hinein, fragt nach unseren Beziehungs- fähigkeiten, nach Dankbarkeit, Hoffnung und vielem anderen. Unser gelebtes und zu lebendes Leben steht auf dem Prüfstand, wird hinterfragt. Deshalb heißt auch der Untertitel “Eine Spiritualität des Alltags.”
  Der Verfasser, Piet van Breemen, ist heute 74 Jahre alt, trat 1945 in den Jesuitenorden ein und war weltweit als Exerzitienleiter und insbesondere Leiter von Seminaren zum Ordensleben tätig. Dass er eine Reihe von Büchern zum Themenkreis seiner Berufung schrieb, ist schon fast selbstverständlich.
   Schon im Einleitungskapitel zeigt uns P. Piet van Breemen, in welchem Verhältnis Gott zu uns Menschen steht. Da dieses Verhältnis durch seine Liebe geprägt ist, ist auch der Gesamtinhalt des Werkes durch die Beziehung des liebenden Gottes zu uns sündigen Menschen gekennzeichnet. Er zieht sich nicht seine Argumentationsweise aus seinen Fingern, vielmehr belegt er mit vielen Bibelstellen, gerade auch des AT, seine Denkweise. Überhaupt hat das Buch sehr viele Zitate aus unserem modernen Schrifttum, nicht, weil er es selber nicht so sagen kann, sondern weil er manche Gedanken, bereits von anderen vorgedacht, vorfindet und sie entsprechend wörtlich wiedergibt: Karl Rahner, C. G. Jung, Kardinal Newman, Romano Guardini, Anthony de Mello und viele andere.
  Große Teile des Buches habe ich mir ein zweites Mal angehört. Ich war enttäuscht über mich selbst, wie vieles ich doch überhört hatte, bzw. mir wenig denkend zu Gemüte führte. Allein die Überlegungen des Autors zum Auftrag der Umkehr sind so lesens- und  bedenkenswert, dass sie einem eine neue Lebenssicht geben können. Denn die Nachfolge in Christi Auftrag, dieses unbedingt zu ihm Gehören und seinen Willen erkennen, das ist Aufgabe einer langen Meditation. Und dieses in die Mitte des eigenen Seins gehen, lässt uns auch den Auftrag der Sendung erkennen. Kurz gesagt, diesem Werk spüre ich an, es wurde gegen Ende des aktiven Berufsdaseins eines Priesters geschrieben, der die Fülle seiner Erkenntnisse niederschreiben musste, um seinen Lesern nicht nur Krücken fürs Fortkommen, sondern echte Hilfestellung zu geben. Ich kann Sie nur ermuntern, dieses Buch mit Sorgfalt anzuhören, innezuhalten und auf das eigene Ich hin,  das  eigene Leben und seine Ziel- richtung anzuhören, zu überlegen und damit die Konsequenzen zu ziehen.

Nr. 4228                                                                 Bestellung:    Hörbücher 
Joseph Kardinal Ratzinger: Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit
12 Kassetten, gelesen von Markus Menhofer
    Wer von Joseph Kardinal Ratzinger das Buch „Salz der Erde” mit Genuss gelesen hat, hat allen Grund, sich auf das Werk „Gott und die Welt” zu freuen. Wieder stellt der Journalist Peter Seewald an den Kardinal Fragen, die dieser offen beantwortet. Die Fragen sind oft sachlich und ihre Beantwortung dient der objektiven Information, diese Fragen sind aber auch sehr direkt, betreffen nicht nur seine Tätigkeit, sondern auch seine Einstellung zum Eigentlichen des Seins und wie er damit umgeht. So wird nicht nur die Frage, die seine Tageseinteilung betrifft, gestellt, vielmehr alles, was Leib, Geist und Seele angeht. So nimmt es nicht Wunder, wenn wir erfahren, wie sein Gebetsleben abläuft, wie er mit Mit- und Umwelt den Alltag gestaltet, wie er mit dem Papst, dem Kardinals- kollegium und seiner eigentlichen Tätigkeit in der Glaubenskongregation sein eigentliches Betätigungsfeld sieht.
     Für mich hat dieses Werk drei Ebenen. Die erste wird durch Peter Seewald vornehme, zeitweise auch sehr ins Eingemachte gehende Fragen bestimmt. Die zweite ist die Sachinformation auf Fragen, Gott und die Welt betreffend. Die dritte ist die ganz persönliche Einstellung, das Umgehen mit dem Glaubensleben. Gerade auf dieser Ebene erfahren wir so manches, das unser eigenes „ich” zur Stellungnahme herausruft. Wie ist das z. B. mit dem “Engel des Herrn”, ist das für mich ein Relikt aus Großmutters Zeiten oder fordert mich der Ruf der Glocken zum Innewerden auf. Der Kardinal hat trotz aller Arbeit, und die ist reichlich vorhanden, Zeit für ein Gebetsleben, das uns als Mitchristen zum Innehalten und eigener Stellungnahme auffordert. „Gott und die Welt” als Titel umfasst im vollen Sinne des Wortes alles, aber es sagt zu wenig über die Schwerpunkte. Und diese Schwerpunkte machen den Wert des Buches aus. Die nüchterne Sachinformation können wir auch von anderen Büchern, insbesondere dem Katechismus erfahren, doch wie er, der Kardinal, mit allem umgeht, das ist das, was das Buch so spannend, so ansprechend, so persönlich macht. Wäre der Titel „Gott, die Welt und ich”, wäre sicher mancher Neugierige herausgefordert. Auch am Ende dieser Aufsprache heißt es, ob dem Hörer das Buch gefallen habe. Meine Antwort: Die Aufsprache ist prima, und wenn es eine Steigerung für die Benotung des Inhalts gäbe, zur Eigenmeditation und vergleichenden Stellungnahme fürs eigene ich bestens geeignet. Es ist ein Standard- werk gelebten Glaubens, und ich darf Ihnen verraten, ich werde es noch einmal anhören. Ich bin überzeugt, wenn ich ein zweites Mal denselben Text höre, höre ich viel Neues, was mir zunächst entgangen war. Ob Sie es versuchen?

Nr: 83;                                                                       Bestellung:  Hörbücher
Benary-Isbert, Margot: Ich reise mit meinen Enkeln
4 Cassetten gelesen von Gerda Hanstein
     Für alle, die die beiden Bücher „Die Arche Noah“ (Nr. 2170) und „Der Ebereschenhof“ (Nr. 2171) gelesen bzw. gehört haben, ist die Schriftstellerin keine Unbekannte mehr. Gefreut habe ich mich, als ich von unserer Blindenbücherei in Bonn erfuhr, es gäbe noch weitere Bücher von Margot Benary-Isbert.
     Heute geht es um das Buch „Ich reise mit meinen Enkeln”. Die wichtigsten handelnden Personen sind diesmal leicht genannt, die 80jährige Oma und ihre beiden Enkel. Alle drei wohnen in Kalifornien, wo die Erzählung ihren Ausgangspunkt hat. Alles ist autobiographisch. Es ist die Reisebeschreibung der Oma; ergänzt von Auszügen aus den Tagebüchern der beiden 14- und 16jährigen Enkelsöhne. Oma zeigt ihnen ihre alte Heimat. Wenn ich einmal Großmutters Leben mit einem Kreis vergleichen darf, so ist diese Reise wie ein Stück Torte aus dem Leben herausgeschnitten. Die Autorin behält in der ganzen Erzählung einen heiteren, froh machenden Ton bei, und was sie zu erzählen hat, ist vieles von des Lebens Sonnenseite. Der Zweite Weltkrieg liegt fast ein Vierteljahrhundert zurück. Die Wiederaufbaugeneration hat zum großen Teil ihr Werk getan. Die Trümmerwüste ist beseitigt, vieles wurde neu geschaffen, und darunter war so manches, das im alten Stil wiedergebaut wurde. Der Höhepunkt der Reise ist Frankfurt am Main, da sich die Autorin stets als Frankfurterin gefühlt hat. Hier werden, wie in den Städten vorher, wichtige Sehens- würdigkeiten besucht. Immer wieder sind aber die Ansichten der älteren und der dritten Generation deutlich. Der Mensch, der den Zweiten Weltkrieg miterlebte, sieht heute nach rückwärts, frischt alte Erinnerungen auf oder erweitert diese durch die Gegenwart. Die Enkelgeneration interessiert sich weit weniger dafür, was gestern war, sie sieht nach vorn und ist gespannt,  was da noch alles auf sie zukommen wird.
     Ich möchte vermeiden, eine Inhaltsangabe zu machen. Das Gesagte soll genügen, um Ihnen zu zeigen, es lohnt sich, das Buch auch einmal zu bestellen. Das Werk ist flüssig geschrieben und auch entsprechend vorgelesen. Dass dabei die manchmal eingestreuten Englischvokabeln nicht so ganz der Aussprachevorschrift entsprechen, macht das Vorgelesene nicht nachteilig. Ich denke, die vier Cassetten werden Ihnen Freude machen und Ihnen dann, wenn sie nicht so gesund sind, positive Medizin sein. Dr. Günther Steinebach

Nr. 3877                                                               Bestellung:  Hörbücher
Gerd Ruge: Weites Land. Russische Erfahrungen
Gelesen von Ursula Vöge. 12 Kassetten - 1075 Minuten
    Gerd Ruge war der erste ständige Korrespondent aus Westdeutschland, der von 1956 bis 1959 in Moskau tätig war. Danach folgen Jahre in Washington, Peking und Bonn und noch in weiteren Staaten; als sorgfältiger Beobachter war er aktiv, und das gründlich. Russland ließ ihn aber nicht los. Als Leiter des ARD-Fernsehstudios ging er nach Moskau zurück. Im Vorspann heißt es sodann: “Seit 1993 berichtete er in der ARD-Reihe ‘Gerd Ruge unterwegs’ aus Russland,  China, den USA und Osteuropa.”
    Gerd Ruge ist aber auch bekannt als Autor einer Biografie Boris Pasternaks und einer über Gorbatschow, sowie zahlreicher Bücher über den kalten Krieg und den Zerfall der UdSSR. Kein Wunder, dass er für seine sorgfältigen Arbeiten mehrfach ausgezeichnet wurde. Dieses Buch mit seinen zwölf Kassetten hat nirgendwo einen Abschnitt, den ich als überflüssig oder weitschweifend betrachte. Es ist ein Buch, das nur jemand schreiben konnte, der die russische Sprache beherrscht wie seine Muttersprache, der Einfühlungsvermögen in fremde Völker und Lebensart hat, der Autorität und Wagemut besitzt und es versteht, dem Volk aufs Maul zu schauen.  Doch nicht nur Letzteres, er gewinnt Freunde in Russland, die ihn auch hinter die Kulissen schauen lassen, und dazu gehört auch das Herz so mancher Mitmenschen.
  Vier Jahrzehnte war Gerd Ruge wiederholt in Russland. Zunächst dachte ich, er würde von Moskau aus die russische Politik betrachten, durchleuchten und schildern. Aber seine Idee von der Arbeit eines Korrespondenten war anders. Er wollte Land und Leute kennen lernen, vor allem, wie sich die Zeit nach Stalins Tod in dem Riesenreich fortsetzte, was sich veränderte.  Er verließ  sich nicht auf irgendwelche Berichte anderer Korrespon- denten, er war auf der Krim, in Weißrussland,  bis weit in den Norden, er war in Sibirien und sogar in der kältesten Stadt mit ihren 67,5 Grad minus. Er reiste nicht, um sich dieses und jenes anzusehen - das tat er mehr oder weniger nebenbei - er ging auf die Menschen zu, nahm Verbindung auf; wurde eingeladen und die Gastfreundschaft der Russen wurde immer wieder von ihm bestätigt. Oftmals schildert er Begegnungen in ihrem Verlauf, bekommt auch Zugang zu dem so oft vorzufindenden Kommunismus alter Tage. Er beschreibt wie in den Gebieten fern der Hauptstadt die Menschen um das nackte Überleben kämpfen, wie monatelang kein Lohn bezahlt wird, weil kein Geld da ist, er vergleicht aber auch mit den Einkommen im Westen, und so müssen wir hören, welche bittere Armut da ist. Es warm und trocken zu haben und dazu genug zu Essen und Trinken, das sind die Grundbedürfnisse der Menschen. Oft aber fehlt es an allem, und deshalb schauen die Steinzeit- kommunisten zurück auf Stalins Tage, wo scheinbar alles so geordnet war, nur Freiheit und manches andere fehlte. Aber das sehr wenige war meist zur rechen Zeit da. Es wurde angeordnet, und wenn der Befehl ausgeführt war, war alles in Ordnung. Und jetzt, wo von Demokratie geredet wird, wo jeder selbst entscheiden soll, da wird das Leben problematischer, als es früher war. So sehnt sich mancher nach den alten Zeiten zurück.
   Der Verfasser hat die ausgezeichnete Fähigkeit, eigene Erlebnisse, Begegnungen, Gespräche mit der Geschichte des größten Staates der Welt zu verbinden. So gesehen ist es auch ein Lehrbuch für manchen Wissbegierigen, der Einblick in die Vergangenheit erhält, die unmittelbar mit Gegenwärtigem verbunden ist. Wer sich dieses Buch mit Interesse anhört, wird feststellen, der Weg in die Demokratie Russlands dürfte nur wenig kürzer sein als der Weg zum Mond.
   So vieles hat der Autor geschrieben über die Orte und Länder seines Wirkens. Sicher wird dieses Buch mit den tiefsten Eindruck auf Sie machen, und mancher wird es sich in wenigen Tagen anhören. Eine Welt, die für uns so fern ist und doch so nah. Größter Reichtum von wenigen, bitterste Armut von so vielen - und wie viel Zufrieden- heit von denen, die fast nichts ihr Eigen nennen.  Es ist ein Buch, das uns Hörer oft innehalten lässt, um das Gehörte Revue passieren zu lassen und Vergleiche anzustellen, wenn wir hier im Westen auch nur einen Teil von dem erleben müssten, was für mindestens Zweidrittel der russischen Bevölkerung harter, oftmals grausamer Alltag ist.   

4408                                                                      Bestellung:  Hörbücher
Clara und Bettina von Arnim:
Das bunte Band des Lebens Die märkische Heimat und der Neubeginn im Kupferhaus;
9 Cassetten, gelesen von Angelika Hofmann-Vaßmers
  Das vorliegende Buch wurde in Münster von Angelika Hofmann-Vaßmers sehr gut aufgesprochen. Es ist die Fortsetzung des Romans von Clara von Arnim „Der grüne Baum des Lebens” (Nr. 1943), den ich früher vorstellte und zur Lektüre für Jung und Alt sehr empfohlen habe. Um dieses Buch besser zu verstehen, sollten Sie den ersten Band zunächst bei Frau Dick bestellen und anhören. Denn hier haben Sie die Fortsetzung des Geschehens. Die ersten Sätze des ausgezeichneten Werkes geben kurze Sachinformationen, wie z.B. Geburt, Heirat und Flucht von Clara von Arnim mit ihren sechs Kindern und dem Tod ihres Mannes, der nicht mehr aus der russischen Gefangenschaft zurückkehrte. Die Tochter Bettina von Arnim, 1940 geboren, ist Künstlerin und lebt heute in Südwestfrankreich.
   Friedmund von Arnim war ein Urenkel des Dichterehepaares Achim und Bettina von Arnim, der selber auf dem Rittergut in der Mark blieb, als die Russen einmarschierten, und nur die einzige Sorge kannte, dass seine Frau mit den sechs Kindern heil in den Westen käme, um dort einen Neubeginn des Lebens aufzubauen. Clara von Arnim erzählt zunächst auf Grund der vielen Anfragen der Leser des ersten Buches, wie es denn mit der Familie weiterging, was die Familie zu erdulden hatte, bis sie schließlich in Württemberg eine Unterkunft und später eine Ersatzheimat fand. Sie erzählt das alles aus der Sicht der Mutter, unbeschönigt, doch sind alle Scheußlichkeiten der jämmerlichen und so tragischen Flucht ausgespart.
   Das Buch hat, wie im Titel angezeigt, zwei Verfasserinnen, Mutter Clara und Tochter Bettina. Sie schildert aus der Sicht des Kindes und dem Erlebnisbereich ihrer fünf Geschwister Flucht und Neubeginn. Die Sorgen und Nöte der Mutter sind völlig anders als die der Kinder. In dem Dorf bei Schwäbisch Hall hatte man vom Krieg nur erlebt, wer nicht mehr aus dem Soldatendasein zurückkehrte, natürlich auch etwas von dem Mangel der Nachkriegsjahre, doch ansonsten ging das Leben weiter, wären da nur nicht die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen gewesen. Bettina schildert ihren Neubeginn in der so fremden Umgebung, in der Schule, die Einsamkeit, die Sprach- schwierigkeiten waren da nur gering, das Fremdsein um so größer. Und doch ist aus allen sechs Kindern etwas geworden, und zwar nicht nur etwas. Wie es die Mutter schaffte, Geld für das Grundstück und Geld für das winzige Holzhaus zu besorgen, wie sie es fertig brachte, sich in der Krankengymnastik weiter zu bilden, all das müssen Sie anhören und im Rückblick auf jene Jahre das Buch lesen. Vieles werden Sie selber ausmalen und manches Schweigen mit eigenem Inhalt anfül- len. Jene Hörerinnen und Hörer, die die Zeit selber miterlebten, vielleicht selbst zu den Ver- triebenen gehören, werden durch das so lebendig und wirklichkeitstreue Buch sich an jene Zeiten erinnern, und die Nachgeborenen werden erfahren, wie es den Eltern und Großeltern durch die russische Besatzung und den schweren Wiederanfang im Westen erging.
   Ich muss sagen, das Buch hat mich ganz und gar gefesselt und durch seine spannende Darstellung so angehalten weiter zu hören, dass ich es in kurzer Zeit ganz anhörte und dabei dachte: Hut ab vor den Menschen, die da durch Dick und Dünn gingen und sich nicht unterkriegen ließen. Dr. Günther Steinebach

Nr. 4102                                                                      Bestellung:  Hörbücher
Fontane, Theodor: Jenseits von Havel und Spree
8 Cassetten; 690 Minuten gelesen von Volker Lohmann
   Auch wenn das Fontanejahr längst vorbei ist, Fontane bleibt Fontane und das soll heißen, hier haben wir es mit Literatur zu tun, die noch von vielen Generationen nach uns gern gelesen werden wird. Gleich zu Beginn meiner Buchvorstellung erlaube ich mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen, der Hilfe geben kann, das Buch leichter anzuhören. Nehmen Sie sich bitte zunächst die letzte der acht Kassetten, die das Nachwort beinhaltet. Als ich die nähere Erklärung zum Buchtitel hörte, dachte ich mir, es sei ähnlich wie der Briefwechsel zwischen Emilie und Theodor, also der Gedankenaustausch durch Veröffentlichung der Briefe der jeweils von dem Dichter angeschriebenen Personen. So ist es aber nicht. Vielmehr sind es nur Briefe von Theodor Fontane selber, und dann und wann können wir auch erschließen, was der Brief aus der Feder des Partners beinhaltete. Doch das ist auch nicht so nötig, denn im Grunde genommen sind die Briefe dem Namen nach Reiseberichte. „Mehr als Weisheit aller Weisen galt mir Reisen, Reisen, Reisen”, heißt es in einem späten Gedicht, überschrieben: Meine Reiselust.
   Nun könnten wir leicht denken, es handelt sich um einen größeren oder auch kleineren Baedeker. Keine Spur. Unser Reisedichter schreibt fast nur an seine Frau, später auch an seine Kinder und wenige Briefe an uns nicht weiter bekannte Persönlichkeiten. Im Unterschied zu einer Sachin- formation, wohin die Reise ging, sind bei Fontane die persönlichen Eindrücke, die Wertungen, die Darstellungen, wie wenn das Geschilderte ein Gespräch wäre. Und das macht den Wert des Buches aus. Es sind die feinen Beobachtungen, die oftmals humorvoll gebrachten Erlebnisse,  auch großzügige Vergleiche von Städten,  wie z.B. Paris und London. Kein Wunder, dass Paris ganz schlecht wegkommt, ist er doch ein begeisterter Bewunderer Englands. Immer wieder klingt auch durch, wie sparsam er mit dem Geld umgehen muss, wie er sich hütet, den großen Mann darzustellen. Schließlich finanziert er seine vielen Reisen innerhalb Deutschlands sowie nach England, Frankreich und Italien durch seine Dichtung, Gedichte und Briefe. „Ich puzzele täglich an Gedichten, deren ich gleichzeitig 10,12 auf dem Amboss oder unter der Feile habe.” Mein Eindruck ist, er nahm nicht leichte Reisen auf sich, denn das Zugfahren stand noch in den Kinderschuhen. Viele Wege wurden durch Kutschen bewältigt und die waren nicht gerade die komfortabelste Art, zum Ziel zu kommen. Ich sagte, er beobachtete mit Sorgfalt die Mitmenschen. „Er - der Apotheker Hübner - er machte einen fidelen, kratzbürstigen, im Ganzen aber sehr guten und anständigen Eindruck auf mich.” “Seine Frau, hübsche blonde Migräne-Dame mit viel Geld.” In einem seiner Briefe schreibt er: „Das Beobachten und Schlüsseziehen ist, wie Du weißt, meine Wonne.” Und noch ein Zitat, das wir uns auf der Zunge zergehen lassen müssen: „An der Küste hin schmeckt alles nach England, Skandinavien und Handel. In  Brandenburg  und  Lausitz schmeckt alles nach Kiefer und Kaserne.”
   Im Nachwort findet sich eine treffende Feststellung: „Als Fontane im Frühjahr 1852 auf dem Wege nach London in Brüssel Station machte, schrieb er zwar an seine Frau, dass er nicht über seine reichen Erlebnisse berichten könne, ,mein Brief würde sonst endlos werden. Man reist ohnehin um zu sehen und nicht um zu schreiben.' Keiner hielt sich indes weniger an diese Maxime als gerade er.”
   Seine Bescheidenheit zeigt sich in den folgenden Zitaten: „Es gibt nur ein Mittel, sich wohl zu fühlen: Man muss lernen, mit dem Gegebenen zufrieden zu sein und nicht immer das verlangen, was gerade fehlt.” Und: „Von mir und meinen Schicksalen wusste er kein Sterbenswort, so dass mir wieder Schwager Webers Wort einfiel: Be- rühmter Bruder, den keiner kennt! Niemals bin ich richtiger beurteilt worden. Endresultat von 45 Arbeitsjahren.”
   Für alle ist das Buch lesenswert, bereichernd. Besonders jenen, die langatmige Romane mit ihren verschie- denen Handlungsebenen nur wenig schätzen, sei die Lektüre der Briefe empfohlen. Dr. Günther Steinebach

Nr. 4713                                                                       Bestellung:   Hörbücher   
Anonyma: Eine Frau in Berlin
7 Kassetten; 620 Minuten; gelesen von Renate Lubowitzki
 Die Verfasserin des vorliegenden Buches nennt sich Anonyma, um ihren richtigen Namen nicht preiszugeben. Dadurch sind ihre Aussagen unmittelbarer, und es fällt ihr etwas leichter, manches Unsagbare umschreibend auszusprechen. Sie stellt sich selber in ihrem Buch vor, das auf sieben Kassetten Platz findet, durch ihre Erleb- nisse und ihre Gedanken dazu in verdeckter Offenheit.
  Das Buch entstand durch Tagebuchnotizen, die den Zeitraum zwischen dem 20. April und dem 22. Juni 1945 umfassen. Im Nachwort erfahren wir, die Verfasserin war damals ca. 30 Jahre alt, unverheiratet, aus bürgerlichem Haus mit hervorragender Schulbildung. Sie beherrschte mehrere westeuropäische Sprachen. Jahre vor Kriegsaus- bruch machte sie Fahrten quer durch Russland, wobei sie durch die vielen Kontakte mit der Bevölkerung recht gute Kenntnisse des Russischen erwarb. Die Tagebuchschreiberin beginnt mit der Auswirkung des Bomben- krieges in Berlin, das Leben im Bunker, das tägliche Anstehen, um für die Lebensmittelkarten das Zustehende zu erhalten. Die englischen und amerikanischen Bomber brechen ihr Werk erst ab, als die Front von der Oder immer weiter nach Westen kommt, ja, bis die Russen unmittelbar vor Berlin stehen.
   Ich möchte von dem Inhalt nichts weiter erzählen als nur noch anzudeuten, dass die unmittelbare Scheußlich- keit erst mit der Eroberung Berlins begann.  Denjenigen Lesern, die diese furchtbaren Wochen selber miterlebten, kann ich das Buch nicht empfehlen: es reißt zu viele vernarbte Wunden wieder auf. Um so mehr empfehle ich das Buch all den Hörern, die der mittleren oder jüngeren Generation angehören. Sie werden einen Eindruck bekom- men von dem Leben in dauernder Angst, dem Hunger und dem Durst. Durch die ungeheuerlichen Zerstörungen fielen die Wasser-, Gas- und Stromversorgung aus. Schlimmer war der direkte Zugriff, die Wehrlosigkeit des Menschen und die Verzweiflung so vieler, die in ihrem Leben keinen Sinn mehr sahen und ihm ein Ende machten. Es ist nicht zu glauben, wie der Wille zum Überleben sich immer wieder zeigt. Das ganze Entsetzen, die Demü- tigungen und so manches, das Sie selber hören müssen, um ein Bild von jenen zwei Monaten zu bekommen, wird hautnah berichtet. Ein Zitat zum Schluss: „Es lässt sich Gewisses nur vergessen, indem man es ausspricht.” 
Dr. Günther Steinebach       

Nr. 4753                                                                      Bestellung:   Hörbücher  
Byrski, Liz: Als wärst du immer da gewesen
5 Kassetten gelesen von Dagmar Bergmeister 
   Das Buch wurde in Stuttgart in der dortigen Blindenbücherei von Dagmar Bergmeister sehr gut aufgesprochen, und es beschleicht mich eine gewisse Traurigkeit, wenn ich mir denke, diese Hörbücherei mit ihren ausgezeich- neten Aufsprachen gibt es nicht mehr. Der Lauf der Zeit, ein Geschick, das nicht nur Einrichtungen widerfährt. Der heutige Roman ähnelt im Schicksal, wiewohl ein Vergleich schlecht möglich ist. Er wird sicher von manchem als gut geschriebene Liebesgeschichte angesehen, doch in Wirklichkeit ist es eine Autobiographie, die weit auseinander liegende Orte als Handlungsgegend hat. Genauer gesagt, es sind dies vor allem London, ein wenig Frankfurt, ein wenig San Francisco und schließlich eine Stadt in Australien. Zu den Orten der Handlungsabläufe gehören natürlich auch die Personen. Es sind dies im Wesentlichen Liz selber und Karl. Die Geschehnisse spielen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Liz verliebt sich unsterblich mit ihren 17 Jahren in Karl, der nicht nur fast doppelt so alt ist und eine Scheidung hinter sich hat. Als ich die erste Hälfte der ersten Kassette gehört hatte, dachte ich mir, es läuft alles auf eine Schnulze der bekannten Art hinaus. Doch statt das Buch nach Bonn zurückzuschicken, war ich neugierig, wie das weitergehen würde. Und daran tat ich gut, denn es wurde im Ablauf der Handlungen, die sich über fast vier Jahrzehnte erstreckten, immer spannender. Dazu kam der gepflegte Stil des Buches. So manche tief gehende Gedanken und die spannend geschilderte Darstellung ließen mich die fünf Kassetten bis zu Ende anhören. Ich tat gut daran. Karl war Deutscher und als solcher gerade in einem Land, das so schlecht vergessen kann, schon vorbelastet. Das störte Liz aber nicht, doch ihre Eltern bestimmten den Gang der Handlung. Karl richtete sich nach deren Wunsch, er ging nach San Fransisco und lebte dort; Liz baute sich ihr Leben in Australien auf und war Reporterin, Kolumnenschreiberin, hielt Vorträge und war weit über die Grenzen von Stadt und Land bekannt. Hier hatte sie ihren Freundeskreis, und es sah alles so aus, als würde sie dort auch ihren Lebensabend verbringen. Es kam anders. Keinesfalls ist es so, als ob nach bekanntem Muster alles ablaufen würde. Doch das müssen Sie selber lesen, müssen sich ihre Gedanken machen und an der spannenden Darstellung mit den vielen Umwegen Freude finden. Die vorliegende Lebensbeschreibung ist zurückhaltend vornehm aufgesprochen. So ist durch das Lesen selbst keine Interpretation gegeben. Da es eine klare Darstellung ist, dürfte das Buch auch in kranken Tagen, im Krankenhaus mit Kopfhörer, gut zu lesen sein. Der folgerichtige Ablauf der Handlungen bringt nur Personen in das Geschehen, die im Leben der Schriftstellerin vorkommen, keine Umschweife sind vorhanden.  Das vereinfacht das Abhören.Ich freue mich, wenn so mancher Hörer eben so viel Freude beim Lesen hat, wie ich sie empfand.  Dr. Günther Steinebach

Nr. 3982                                                                       Bestellung:  Hörbücher
Bernhard Häring: Ich habe deine Tränen gesehen
2 Kassetten; gelesen von Gernot Schilling
   Ausnahmsweise beginne ich mit den ersten Sätzen des Buches als Zitat: “Hier spricht Bernhard Häring nicht als der große Theologe, sondern als Mensch und Christ,  der selber im Leid die Grenzen des Lebens erfahren hat. Ich begebe mich auf den Weg der narrativen Annäherung und wage es von meinem Umgang mit Krankheit zu erzählen, nicht weil ich meine darin Vorbild zu sein,  sondern vielmehr in der Erwartung, dass der Leser sich auf weiten Strecken wiedererkennt.” Er geht der Frage nach, welche Rolle der Glaube in den dunklen Phasen seines Lebens bewirkt.
   Wer war Bernhard Häring? Geboren ist er 1912 und er starb 1998. Er war Doktor der Theologie, Redemp- toristenpater, Professor für Moraltheologie. Sicher einer der angesehensten Theologen der letzten sechzig Jahre.
   Im Wesentlichen geht es P. Häring in dieser Biographie um die Bedeutung des Glaubens für den Betroffenen wie in seiner Familie in der Auseinandersetzung mit dem Leid und dem Ertragen von Krankheit.  So mancher erwartet vom Glauben in den Zeiten schwerer Erkrankung im Hilferuf an Gott, dass er wie ein Deus ex machina hilft und heilt. Doch wenn keine Besserung erfolgt, dann wird der Glaube, das Gebet als überflüssig und unnötig angesehen. Dabei geht es doch vor allem um die Erkenntnis, die Sinngebung des Leides, um Kraft und Gnade, die Bürde zu tragen, vielleicht sogar sie zu bejahen.
   Pater Dr. Häring wurde oftmals von Menschen mit vielen Beschwernissen gebeten, doch zum Trost so mancher sein eigenes Leben zu schildern. Er beschreibt es mit den vielen schweren und schwersten Erkrankungen nicht, um zu sagen, wie gut er alles gemeistert hat, sondern um Hilfestellung zu geben all denen, die so oft und so schwer getroffen wurden wie er. Es ist im wahrsten Sinne ein Buch des Trostes, des Vertrauens, des Ja-Sagens und im Vordergrund steht vor allem der unerschütterliche Glaube in allen Situationen.
   Dieses Buch hat auf zwei Kassetten Platz, doch wenn es die zehnfache Zahl für den Inhalt braucht für Hunderte von Druckseiten, es könnte nicht mehr Bedenkenswertes und Helfendes gesagt werden. Der Hörer, der den Titel und meine Kurzinformation hört, soll keinesfalls denken, wenn ich mal siebzig oder achtzig Jahre alt bin, dann werde ich mir solche Bücher anhören. Auch dem wesentlich jüngeren Mitmenschen sagt es viel zumal dann, wenn er nicht egoistisch nur an sich denkt und in seinem Gesundsein alles Kranke weit von sich weist.
   Das Buch erschien im Todesjahr des Verfassers 1998, doch schon ein Jahr später war bereits die dritte Auflage auf dem Büchermarkt.  Das allein schon ist aussagekräftig. Mein Vorschlag: Bestellen Sie das Buch in Bonn, hören Sie es an und im Nachdenken über das Gehörte wird ihnen manche Hilfe für trostfordernde Tage zuteil.
Dr. Günther Steinebach    

Nr. 3845                                                                        Bestellung: Hörbücher
Majoros, Ferenc / Rill, Bernd: Das Osmanische Reich (1300-1922)
Die Geschichte einer Großmacht
11 Kassetten; 930 Minuten gelesen von Karlheinz Gabor
  Über ein halbes Jahrtausend hat das Osmanische Reich nicht nur den Südosten Europas erschüttert, sondern auch die Beziehungen und kriegerischen Handlungen  in vielen deutschen Landen nachteilig beeinflusst. Es liegt mir fern, in Kurzfassung den Inhalt des Buches zu bringen. Das ist unmöglich. Die Verfasser haben sich mit Sorgfalt und ausführlichen Studien an die Aufgabe gemacht, den Aufstieg, die Blüte und den Verfall des Osmani- schen Reiches herauszuarbeiten. Meist ist uns nur bekannt, dass 1453 Konstantinopel von den Osmanen erobert wurde und dass die Türken vor Wien 1683 bei der Schlacht auf dem Kahlenberg entscheidend geschlagen wurden. Das Eigentliche, warum die Osmanen bis Wien kamen, was vorher geschah, das werden Sie aus dem Buch erfahren. Die Verfasser schildern, warum so manche Schlacht für Kaiser und Reich verloren ging. Sie rücken die Haltung einzelner Mächte in das rechte Licht. Ludwig XIV. spielte die traurige Rolle als Helfer der Osmanen, Truppen des Kaisers zu binden, damit im Pfälzischen Erbfolgekrieg nicht noch mehr verbrannte Erde geschaffen wurde. Heute noch stehen die traurigen Überreste der Verwüstung der Pfalz als mahnende Zeichen vor uns. Darüber hinaus waren die wirtschaftlichen Interessen ein Antriebsmotor für Raubgier und Gewinn.
   Das Werk zeigt nicht nur den Werdegang des Osmanischen Reiches. Die europäische Geschichte zieht an unserem geistigen Auge vorüber, soweit sie nur die egoistischen Interessen der Staaten in Verbindung zu den Türken betrifft.
   Das Buch, das auf elf Kassetten Platz findet, möchte ich all jenen Hörern empfehlen, die ihre Sicht der histo- rischen Zusammenhänge nachprüfen oder ihr Wissen auf dem Gebiet dieses Geschichtsbereiches erweitern wollen.
   Erlauben Sie mir zum Abschluss einen Hinweis: Wer gern einen Kurzüberblick über die Namen der Herrscher und ihre Regierungszeit in den mehr als sechs Jahrhunderten haben möchte, sollte sich die letzte Kassette auf Spur eins zuerst anhören. Er gewinnt damit einen Überblick und eine zeitliche Einordnung. Darüber hinaus ist es gut, sich mit den geografischen Begebenheiten vom Balkan, Ungarn und von Russland bis zum Dnjepr zu befassen, denn so sind die Geschehnisse und ihre örtlichen Begebenheiten leichter einzuordnen. Dr. Günther Steinebach  

Nr. 1649                                                                         Bestellung: Hörbücher
Damm, Sigrid: Cornelia Goethe
6 Cassetten; 510 Minuten gelesen von Rosemarie Eick
   Es sei mir gestattet, diesmal mit der Vorstellung der Autorin des Buches zu beginnen. Sigrid Damm, Jahrgang 1940, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin, verbringt die Sommermonate in Lappland. Nach ihrem Studium der Germanistik und Geschichte in Jena folgten Promotion, Tätigkeit als Hoch- schullehrerin, Gastdozentin an mehreren englischen Universitäten, Gastprofessur in Hamburg. Sie ist eine Goetheforscherin, und als solche gab sie mehrere Bücher heraus. „Christiane und Wolfgang” erschien zum 250. Geburtstag Goethes im August 1999, war acht Wochen auf dem ersten Platz der meistverkauften Bücher.
   Die Autorin unseres Buches hat eine erstaunliche Fähigkeit: mit wissenschaftlicher Sorgfalt studiert sie die vorhandenen Quellen und baut aus ihnen ein Textgerüst zusammen.  Doch das allein führt zu einem Werk, das nur den Sachforscher selber interessieren würde. Dort aber kommt ihre Begabung ins Spiel, indem sie mit erstaunlicher Einfühlungsgabe den vorhandenen Text mit Leben füllt. Dieses Leben ist jenes, von dem Leopold von Rancke einmal sagte, der Historiker müsse die Geschichte so schreiben, wie sie „eigentlich gewesen sei”. Das bringt sie fertig, und so bekommt der unansehnliche, unausgefüllte Rohbau der vorhandenen Texte Leben, Geist und Spannung. Die Spannung ist es auch, die das Buch besonders auszeichnet.  Da ist keine Affekthascherei, da sind Geist und Können am Werk. Die Hörer werden mir sicher zustimmen, wenn ich sage, mit dem Anhören bin ich bereichert worden. Es hat sich gelohnt, die Zeit in dieser Weise zu nutzen und mich in die Materie, in die Personen, in die Zeit hineinversetzen zu lassen. So entsteht der Wunsch, mehr von dieser Autorin zu hören. Leider gibt es in den deutschen Blindenhörbüchereien nur das vorliegende Werk, doch noch ist nicht aller Tage Abend.
   Cornelia Goethe ist Wolfgangs jüngere Schwester. Zeit ihres Lebens hat sie ihren Bruder geliebt, hat um seine Liebe gebettelt. Wenn er weit fort von Frankfurt monatelang nichts von sich hören ließ, war sie tief betrübt. Johann Wolfgang Goethe hat alle Briefe Cornelias an ihn nach ihrem frühen Tod verbrannt. Aber die psychologisch so außerordentlich begabte Schriftstellerin hat aus seinen Briefen rekonstruiert, wie etwa Teile von der Schwester Briefe gelautet haben müssen. Cornelia wird mit Herrn Schlösser verheiratet, eine Ehe, die für die junge Frau bald  eine große Bürde wurde. Mit 26 Jahren war ihr Leben früh vollendet.
   Immer wieder spielt das Leben der beiden Eltern mit in die Darstellung. Dort, wo die Autorin nichts Klärendes sagen kann, lässt sie die Antwort offen.  Warum nur verhält sich Mutter Goethe so, dass keine frohmachende, herzliche Verbindung zu Cornelia aufkommt, warum nur schreibt Goethe in „Wilhelm Meister”  über seine Schwester so wenig positiv? Sigrid Damm kann sich keinen Reim drauf machen, wir auch nicht. Sie spüren, ich habe das Buch gern angehört. Trotz des frühen Todes Cornelias, der natürlich im Buch auch schon vorher angesteuert werden muss und das dadurch einen etwas wehmütigen Beigeschmack bekommt, ist es ein Buch, das uns nicht mit einem faden Geschmack zurücklässt.
   Zum Abschluss darf ich noch darauf hinweisen, wenn Sie das Buch anhören, erfahren Sie eine Menge über die Zeit der Jahre vor und nach 1800, und das allein schon ist es wert hinzuhören. Dr. Günther Steinebach

Nr. 319                                                                           Bestellungen: Hörbücher
Heinrich Seidel: Leberecht Hühnchen
7 Kassetten,  gelesen von Arvid Bosselmann  
   In den Naturwissenschaften ist das allerneueste Buch besser als die vorhergehenden, wenn  es folgerichtig auf den bisherigen Erkenntnissen aufbaut. In der schöngeistigen Literatur geht es ganz anders zu. Da ist jedes Werk auch ein Kind seiner Zeit, aber der Autor kann eigenständig schöpferisch tätig sein und  so etwas zu Papier bringen, das immer wieder gern gelesen wird. Von Heinrich Seidels “Leberecht Hühnchen” nehme ich an, es wird auch noch im 3. Jahrtausend die entspannende Lektüre vieler Leser bilden. Immerhin hat der Verfasser seine Darstellung vor mehr als 110 Jahren nieder- geschrieben und sein köstlicher Humor und die im Ganzen froh machende Art der Erzählung lassen es besonders geeignet sein, um es in Krankheitstagen oder in der Urlaubszeit sich zu Gemüte zu führen. Der Autor, dessen Lebensdaten die Jahre 1842 bis 1906 umfassen, schreibt in der “Ichform” und das dürfte seine Gründe haben, scheint es mir doch ein Teil seiner eigenen Biografie zu sein, was er uns berichtet. Sein Studienfreund, den er den Namen gibt, den wir im Buchtitel vorfinden, ist ein Lebenskünstler, der in bescheidendsten Verhältnissen sich zurechtfindet und aus allem das Beste zu machen weiß. Die einzelnen Begenbeheiten sind so erheiternd geschildert, dass es schwer fällt, die Lektüre unterbrechen zu müssen. Es ist das Kleinbürgertum der Bismarckzeit, der Gründerzeit, das den Hintergrund abgibt. Die Handlung ist im Berliner Raum angesiedelt und die handelnden Personen sind die beiden Freunde und die engsten Familienangehörigen. Wir erfahren, wie es überhaupt zu solchen Angehörigen kommt, wie Leberechts Freund nach “Silberner Brautzeit” doch noch zu Eheerlaubnis kommt und wie der Erzähler selbst er auch juristi- sche Bande zu seinem Freund knüpft.
     Ein wenig Zeitkritik leuchtet auch durch, wenn Hühnchen vor die Wahl gestellt wird, sein idyllisches Haus zu verkaufen oder buchstäblich durch neu entstehende Mietskasernen eingemauert zu werden. Nicht immer dominiert der Humor, denn auch ein trauriges Ereignis verändert das Leben der Erzählerfamilie.
     Der Autor selbst ist Ingenieur und auch der Erzähler im Buch hat diesen Beruf. Doch die gesamte Arbeitswelt findet in der Darstellung keinen Platz. Das Leben beginnt erst nach getaner Arbeit, und das zu einer Zeit, da die arbeitende Bevölkerung Deutschlands keinen Urlaubsanspruch hatte und für die meisten die Arbeitswoche sieben Tage hatte!
     Um Ihnen ein paar Kostproben von der Art zu geben, wie Heinrich Seidel schreibt, nehme ich einige, willkürlich herausgesuchte Zitate. Mir ist klar, Zitate sind aus dem Zusammenhang genommen. Das gibt einen geschmäler- ten Eindruck. Wenn ich die Schönheit eines Kronleuchters in einem herrlichen Raum schildere, sieht er anders aus, als wenn ich berichte, wie er sich mir darstellt, wen diese Lampe vor der Registrierkasse auf dem Ladentisch liegt und ich bekomme sie eingepackt. Trotzdem wage ich es, die Zitate zu bringen, wobei ich hier an die bezeichnende Wortwahl denke: “Denn hier hatte die Güte der Frau Schüttelbold ein Loch, das mit harter Verständnislosigkeit ausgefüllt war. Vögel waren ihr gleichbedeutend mit Schmutz, für den es in der Wohnung keinen Platz gab.  ...  Der Wurm der Liebe nagte schon an den Grundfesten ihres Charakters. ... Allerdings war sein Beweggrund (zur Ehe) Liebe und nicht Bequemlichkeit gewesen. ... Wie frei fühlte ich mich jetzt in einer Wohnung, wo alle Möbel und Geräte zum Gebrauch und nicht ausschließlich zur Schonung da sind.... Aber ich konnte mir doch nicht verhehlen, dass ich 38 Jahre alt war und es nicht mehr nötig hatte, mir einen Scheitel zu kämmen. ... Mit Schaudern kam mir zum Bewusstsein, mit welch einer endlosen Menge von Gegenständen der Kultmensch seine Hässlichkeit belastet. ... Die Frau Majorin belehrte meine Mutter über Hofgeschichten mit jener innigen Kammerzofenfreude kleinlich angelegter Naturen an den Schwächen hochgestellter Leute. ... Leberecht Hühnchen gehört zu den Bevorzugten, denen eine gütige Fee das beste Geschenk, die Kunst glücklich zu sein, in die Wiege legte. Er besaß die Gabe, aus allen Blumen, selbst aus den giftigen, Honig zu saugen.”
     Wenn Sie sich einmal ein Buch wünschen, das in seiner Unbeschwertheit doch manches zum Nachklingen bringt, was zumindest ein echtes Schmunzeln hervorbringt, so sollten Sie sich dieses Buch bestellen. Die bedächtige Vorleseart des leider viel zu früh verstorbenen Arvid Bosselmann passt gut zum Text. Hierdurch erhält die Idylle mehr Gewicht.  

3929                                                                   Bestellung:Hörbücher
Georges Duby: Kunst und Gesellschaft im Mittelalter 
4 Kassetten, 270 Minuten, gelesen von Fabio Eiselin 
   In meiner Jugend gab es eine Zeitungsreklame die lautete: Wer Zeitung liest, schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zaun. Zu der Zeit hatte kaum jemand ein Radio, und der Fernseher war noch nicht erfunden, denn wer heute diese Medien nutzt, ist durch sie ebenfalls mit dem Weltgeschehen vertraut. Bei der Bücherlektüre sieht es wesentlich anders aus. Wenn es nicht gerade um Romane, Erzählungen, Lebensbeschreibungen oder Lyrik geht, bestimmt die unmittelbare Vergangenheit das Handlungsfeld. Doch im vorliegenden Buch geht es um Kunst und Gesellschaft im Mittelalter, also in Zahlen ausgedrückt ungefähr von 500 bis 1500 nach Christus; anders gesagt vom Verfall des Römerreiches bis zur Renaissance und zum Humanismus, bzw. zum Beginn der Reformation.
   Wenn auch der Verfasser es nicht ausdrücklich sagt, so ist es verständlich, es geht ihm in der Hauptsache um die Entwicklung des späteren Frankreichs, doch bleiben Blicke über den Rhein ostwärts nicht ausgespart.
   In der heutigen Zeit, in der in Deutschland nur etwa die Hälfte der Neugeborenen getauft wird, ist ein Glaubensleben in künftigen Jahren kaum vorstellbar, denn wer will, wer kann hier Glaubensgut  vermitteln? Wenn heute viele nur einige Male in ihrem Leben eine Kirche von innen sehen, ist es nicht viel anders. Taufe, Erstkommunion und vorherige Beichte, Firmung, Eheschließung sind die Fixpunkte, die einige Glaubensberührungen bringen. 
   Hinzu kommen dann noch die Beerdigungsteilnahmen, die pflichtgemäß abgehakt werden, doch dem Glaubensleben wenig bringen.  - Ganz, ganz anders war es in dem Jahrtausend, das in diesem Buch Kunst und Gesellschaft unserer Generation etwas schildert, das für so viel unzugänglich geworden ist.
   Um es in einem Bild zu sagen, in der vom Verfasser untersuchten Zeit steht Gott im Mittelpunkt, alles Leben ist auf ihn ausgerichtet, in den letzten fünf Jahrhunderten stet der Mensch im Mittelpunkt und Gott ist irgendwo am Rand oder gar nicht vorhanden.    Dr. Günther Steinebach  

3929                                                                    Bestellung: Hörbücher 
Arthur Schopenhauer: Die Kunst, glücklich zu sein
4 Kassetten, 270 Minuten, gelesen von Fabio Eiselin 
   Als Arthur Schopenhauer im Jahre 1860 72-jährig starb, war die allgemeine Meinung, sein Hauptwerk “Die Welt als Wille und Vorstellung” (1819) würde seinen bleibenden Ruhm sichern. Doch sein vom Pessimismus geprägtes Denken, das sich natürlich in seinen Schriften widerspiegelt, war nicht jedermanns Geschmack und auch nur schwer zu lesen.  Erst nach seinem Tod fanden sich kürzere, einfachere Darstellungen, die auch leichter zu lesen waren. Wahrscheinlich hat niemand erwartet, dass bei den nachgelassenen Büchern sich eines mit dem Titel “Die Kunst, glücklich zu sein” fand.
   Das relativ kleine Buch hat auf vier Kassetten Platz, doch genügen für die eigentlichen Aussagen die beiden ersten Kassetten. Die dritte gibt jeweilige Anmerkungen wieder, sie sind für den Normalgebraucher überflüssig, doch wer sich wissenschaftlich mit dem Inhalt auseinandersetzen muss, kann auf die Anmerkungen nicht ver- zichten. Kassette vier ist im Eigentlichen ein Inhaltsverzeichnis und dann hilfreich, wenn bestimmte Kapitel auf- gesucht werden müssen. Deshalb ist in den Inhaltskassetten auch mit verschiedenen Tönen nach den einzelnen Kapiteln gearbeitet, so dass beim schnellen Vor- und Rücklauf die Texte leicht gefunden werden. Für den wissenschaftlich Arbeitenden empfehle ich, zwei Rekorder nebeneinander zu stellen, Kassette 1 und 2 in dem Vorleserekorder zu haben, während der zweite Apparat Kassette 3 hat, der dann die Anmerkungen gibt und ein dauerndes Umwechseln der Träger erübrigt.
   Erwähnen möchte ich noch, dass die griechischen Texte nur in der Übersetzung ins Deutsche gegeben werden, während alle lateinischen Zitate und die wenigen englischen und französischen Quellen in ihrer Sprache zitiert und dann in deutsch gebracht werden.
   Aus diesen wenigen Vorbemerkungen ist schon zu ersehen, Schopenhauer macht es sich mit seinem Büchlein nicht leicht, sondern er zieht zum Beleg seiner Aussagen Antike, Mittelalter und Neuzeit themenentsprechend als Beleg oder auch als Gegensatz zur eigenen Meinung ein.
   In den Zwanzigerjahren des vorletzten Jahrhunderts versuchte er an der Berliner Universität als Privatdozent sich mit Hegel zu messen, was natürlich scheitern musste. Hegels geniale Sicht vom Walten des Weltgeistes in der Geschichte seine Vorlesungen über die Rechtsgeschichte und so manches andere gaben dem jungen Dozenten keine Möglichkeit, hier gleichzuziehen. Aber eines verstand er: Als in Berlin 1831 die Cholera ausbrach, floh er eiligst, während Hegel blieb und der Seuche zum Opfer fiel.
  Schopenhauer schrieb viele kleine Abhandlungen, die nicht zum Druck gegeben wurden, vielleicht weil er sie später einmal mit verwenden wollte zu einer größeren Darstellung. Eines davon darf ich erwähnen: “Die Kunst, Recht zu behalten”. Wer sie liest wird oftmals mit den Ohren schlackern. Denn hier finden sich 38 Ratschläge, die zum Teil moralisch einwandfrei sind, viele andere aber sind im machiavellistischen Sinne mit Lug und Trug vollgestopft.
   Doch heute geht es mir um das das oben angezeigte Buch, nicht um die Kritik - Empfehlung oder Ablehnung - der Darstellung.
   Ich kenne keinen pessimistischeren Schriftsteller als unseren Autor. Wenn unser Leben aus Enttäuschungen, Unglück und Schmerz besteht, so ist sein Vorschlag, durch Erfindungsgabe und andere geistige Fähigkeiten zwar nicht das vollendete Glück, sondern durch die Beseitigung des Schmerzes wenigstens ein relatives Glück zu erreichen. Schopenhauer steht nicht auf dem Standpunkt, die Philosophie sei eine brauchbare geistige Übung, sondern dank seiner Studien von griechischen, lateinischen so wie der Philosophen von Mittelalter und Neuzeit und auch der indischen Weisheitslehre bekennt er, dass diese Denker viele praktischen Hilfen zur Bewältigung ihres Daseins bieten. - Der gläubige Mensch wird sagen, es gibt nur ein Glück in Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen in der Ewigkeit. Wer solche Aussagen erwartet, wird nichts dergleichen finden. Und doch lohnt es sich, die fünfzig Lebensregeln zu bedenken, ein zweites Mal anzuhören und innezuhalten. Deshalb darf ich Ihnen das kleine Buch empfehlen, zumal es sehr gut in der Schweiz für die dortige Blindenbücherei aufgesprochen wurde und in unserer Bonner Blinden- bücherei zur Ausleihe und als Grund zum sorgfältigen Nachdenken zur Verfügung steht. Dr. Günther Steinebach

Nr. 2097                                                                         Bestellung: Hörbücher
Jan Meyerowitz: Der echte jüdische Witz
 4 Kassetten, 335 Minuten, gelesen von Christoph Pfeiffer
   Vor 25 Jahren erschien im Kolloquium Verlag das Buch von Jan Meyerowitz: “Der echte jüdische Witz”. Es wurde in unserer Bonner Blinden-Bücherei von Christoph Pfeiffer unnachahmlich gut aufgesprochen und steht unter der Nummer 2097 zur Ausleihe bereit.
   In unserer schnelllebigen Zeit, in der es kaum etwas Älteres gibt als die Zeitung von gestern, könnten wir leicht meinen, ein vor so viel Jahren gedrucktes Buch wäre nicht mehr lesenswert. Dem ist nicht so. Ich bin überzeugt. Witze wird es überall auf der Welt geben, wo Menschen leben. Das Miteinander bringt oft komische Situationen hervor, aus denen humorvolle Menschen Witze herausfiltern; sie bringen die Sache auf den Punkt; die oft unerwartete Pointe ruft unser Lachen hervor. Witze sind oft zeitgebunden, dem Kulturkreis, aus dem sie stammen, verhaftet. Zum Verständnis gehört meist eine Menge Hintergrundwissen. So darf ich frei bekennen: Ich habe nicht alle Witze des Buches verstanden, soll heißen, das eine oder andere hat nicht einmal ein Schmunzeln bei mir hervorgerufen. Wenn ich das so offen sage, könnte jemand meinen, ich hielte das Buch für nicht lesenswert. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Der 1913 in Breslau geborene Autor emigrierte auf manchen Umwegen noch rechtzeitig in die USA. Von dort kam - kommt - er jedes Jahr auch nach Deutschland, um Vorträge im Rundfunk über Kunst, Literatur und viele andere Themen zu halten. Er ist Verfasser von Opern, Oratorien und Orchesterwerken.
   Jan Meyerowitz beginnt so: “Dieses Buch hätte eigentlich von einem Manne mit einem bedeutenden  universalen Gehirn geschrieben  werden sollen, von jemandem, der ein erstklassiger Historiker, Talmudgelehrter, Philosoph, Soziologe und Kabarettist in einer Person wäre, auch Jurist, Nationalökonom, Psychologe und christlicher Theologe zu sein hätte ihm nichts geschadet.   ... Der Verfasser dieser Schrift stellt jedenfalls eine Radikallösung dieses Problems dar: er ist nichts von allem! Nebenbei bemerkt, er ist Musiker!” 
   Zum Witz meint der Verfasser, er sei unter den Formen des Humors das, was das Epigramm in der Dichtung sei. Anders gesagt, er will in knappen Worten eine umfassendere Aussage machen. Witz und Weisheit gehören zusammen, eine geistvolle Aussage soll gemacht werden.
   In den 26 Kapiteln dieses Buches wird keinesfalls Witz an Witz gereiht. Der Autor versucht, die den Witzen zu Grunde liegende Denkweise der einzelnen Völker wie Italiener, Franzosen, Engländer, Amerikaner, Deutsche darzustellen und gibt entsprechende Beispiele, die schon für sich genommen höchst interessant sind. Das, was die einzelnen Völker komisch finden, ist halt recht verschieden. Im Buch sind eine ganze Anzahl Witze vorhanden, die nach der Abgrenzung zu den Nichtjuden das eigentlich Typische im jüdischen Bereich ausmachen. Ich meine, etliche Witze sind übernational und könnten irgendwo ihren Entstehungsort haben. Dazu: Ein Mann sieht einen galoppierenden Reiter, ruft ihm zu: “Wohin?” - Antwort: “Fragst mich? - Frag Pferd!”
   Die vier Kassetten sind sehr gut anzuhören, schon deshalb, weil die Dialogwitze vom Vorleser stimmlich so abgesetzt sind, dass wir meinen, ein Angehöriger jüdischen Umfeldes würde die Sache vortragen. All jenen möchte ich das Buch sehr empfehlen, die mehr als nur einen Blick in diesen Bereich der jüdischen Seele tun möchten. Der Gewinn ist ihnen sicher. Dr. Günther Steinebach

Nr. 2550                                                                      Bestellung: Hörbücher
Peter Härtling: Schubert: Zwölf Moments Musicaux und ein Roman
6 Kassetten, 540 Minuten, gelesen von Christine Trüb 
   Peter Härtlings Roman “Schubert” erschien 1992 im Luchterhand Verlag in Hamburg und Zürich. Er wurde für die Hörer der Blindenbüchereien von Christine Trüb in vornehmer Zurückhaltung in der Betonung gut aufgesprochen und steht unserer Hörbücherei in der Graurheindorfer Straße zur Ausleihe bereit.
   Alle, die gern die Vertonungen der Lieder und vieler anderer Kompositionen Franz Schuberts hören, die aber von seinem Leben nur Ungenaues wissen, ist es das rechte Buch, das in einer Art romanhafter Biografie das Leben dieses Genies schildert.
    Peter Härtling hat es sich nicht leicht gemacht. Im letzten Kapitel des Buches, gleichsam in einem Anhang, listet er die mehr als dreißig Titel der Bücher auf, aus denen er sein Wissen bezog und die ihm die Leitlinien für sein Werk lieferten. Besonders wichtig waren natürlich die Zeitzeugnisse, als da sind die Briefe von ihm und seinen Freunden, aber auch weitere Schriften wie Kirchenregister oder Abrechnungen, Verträge.
   Der Autor wollte nicht eine ausgiebige Interpretation des musikalischen Schaffens von Franz Schubert erarbeiten. Ihm lag daran, das durch Krankheit so früh vollendete Leben in seinen oft so schweren Ablauf dem Leser nahe zu bringen. Am 19. November 1825 starb Schubert, nicht einmal 32 Jahre alt. Doch was hatten die drei Jahrzehnte an Freud und Leid gebracht! Sein Vater musste als Schullehrer sein kleines Erbe von 86 Gulden zum Kauf von Bänken und Tafel und der Miete seines Schulraumes einsetzen und er hatte das Sagen in seiner Schule und erst recht in seiner Familie. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass eines seiner Kinder, und hier war es Franz, mit der Nebenbeschäftigung Musizieren sein Leben meistern könne. Aber Franz konnte nicht den Fußstapfen seines Vaters folgen  und  so war jahrelanger Zwist die notwendige Folge. Ein anderes lebens- belastendes Thema  war seine Liebe zum anderen Geschlecht. Sie blieb unerfüllt,  doch seine geniale musikali- sche Begabung fand Anerkennung und Bewunderung. Seine jahrelange Krankheit, die schließlich zur Todes- ursache wurde, hielt ihn nicht von seinem Schaffen ab. Mir scheint, sie stachelte ihn an, schneller zu arbeiten, um sein Lebenswerk zu erfüllen.
   Der Klappentext des Buches beginnt mit folgenden Sätzen: “Franz Schubert, das Genie, der letzte Rebell, der unglücklich Liebende. Mit sicherem Blick für das Wesentliche zeichnet Peter Härtling in seinem neuen Roman die Lebensstationen des großen Komponisten nach und entführt mit einer zur Musik geworden Sprache in die Welt schöner Klänge, deren heitere Leichtigkeit erkauft ist mit tiefem Leid ...”
   Der Verfasser hat sich nicht zur Aufgabe gestellt, das Gesamtwerk Franz Schuberts oder auch nur Teile davon interpretierend und in die Tiefe gehend zu durchforsten und zu erläutern. Er sah seine Aufgabe in des Lebensablaufes mit so vielem Schweren, aber auch dem einen oder anderen Schönen. Und noch einmal darf ich aus dem Klappentext zitieren:  “Härtlings Schubert hat die Abgründe der Gefühle kennen gelernt, die Vergäng- lichkeit des Menschen mitten im Leben. Aus der Schilderung dieser Untiefen empfängt der Roman seine Intensität, seine sinnlich-körperliche Gegenwart, seinen melancholischen Glanz.”
   Alle Hörerinnen und Hörer, die etwas mehr aus dem Leben dieses genialen Menschen erfahren wollen, sollten sich unbedingt diesen Roman kommen lassen.  Sie werden nicht entzückt,  aber tief beeindruckt sein. Es lohnt sich.  Dr. Günther Steinebach

Nr. 1583                                                                   Bestellung: Hörbücher
Pörtner, Rudolf: Mein Elternhaus - Ein deutsches Familienalbum
13 Cassetten; gelesen von verschiedenen Sprechern
   Der Untertitel „Ein deutsches Familienalbum” zeigt, hier ist Vielfältiges zu finden. In einem solchen Buch sind, gleichsam wie in einem bunten Blumenstrauß, viele bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur zu Wort gekommen. Sie berichten von ihrem Zuhause, und eine ganze Reihe der 42 Rückantworten auf die Anfrage des Autors, Rückschau zu halten und von ihren Elternhäusern zu berichten, schildert nicht nur ihr Miteinander mit den eigenen Eltern, sie greift auf die Generation der Großeltern zurück. Hier finden wir z.B. Max Schmeling, Eugen Gerstenmaier,Josef Kardinal Höffner, Luise Rinser bis hin zu Mildred Scheel, Norbert Blüm und Anke Fuchs. Aus der Einleitung erfahren wir, Rudolf Pörtner hat weit mehr als jene, die hier von sich selber berichten, angeschrieben. Doch es kam keine Antwort, und er hakte auch nicht nach, warum das so sei, hat niemand bedrängt, von der eigenen Kindheit und Jugend zu erzählen. Deshalb fehlen so manche Namen, die wir ebenfalls gern gesehen hätten. Aber auch so ist das vorliegende Buch eine Fundgrube von Fakten und Eindrücken, die in uns selber, dem Leser oder Hörer des Buches, manchen Schlüssel zum öffnen längst ver- schlossener Bereiche unserer eigenen Jugend auftun. Wie hart war oft die autoritäre Haltung der Eltern, wie hart die Jugendzeit, in der in so vielen Familien selbstverständlich der Arbeitseinsatz vor und nach der Schule in bäuerlichen oder handwerklichen Betrieb gefordert wurde.
   Die einzelnen Persönlichkeiten sind entsprechend Ihrer Geburtsdaten aufgezeichnet. Anders geht es nicht, denn wie will der Herausgeber z.B. Josef Ertl wertend mit Philip Rosenthal vergleichen? Die gute alte Zeit, die es nie gab, die nur in der Erinnerung vergoldet wird, zeigt, wie viel Armut, Be- scheidenheit, Kampf ums Dasein gegeben war. Wie verständlich ist es, wenn Angehörige der Großeltern- oder Elterngeneration darauf bedacht waren, die eigenen Kinder sollten es einmal besser haben, als es ihnen selber erging. Kulturgeschichtlich wird deutlich, wie der im 19. Jahrhundert geschehene Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft sich aus- wirkte. Waren die Groß- und Urgroßeltern noch Bauersleute oder Handwerker, so hatte recht oft die Generation der vor und nach dem ersten Weltkrieg Geborenen weit bessere Möglichkeit zum Schulbesuch und zur Weiter- bildung. In den weiterführenden Schulen war Schulgeld zu  bezahlen,  und  das  galt  noch  bis  viele  Jahre  nach  dem 2. Weltkrieg. Wie schwer ist es so manchen Familien gefallen. Und wir erfahren auch, dass wegen der finanziellen Gegebenheiten  das Gymnasium verlassen wer- den musste. Die Welt war im Wandel, und für so manchen waren die Wege keinesfalls schön geglättet.
   Das in Bonn aufgesprochene Buch hat weit mehr als 20 Vorleser, und das ist ebenfalls positiv zu vermerken.
   Dieses Buch von Rudolf Pörtner sollten Sie unbedingt anhören, und das nicht nur, weil Sie Einblicke in das Früh- stadium etlicher bekannter Persönlichkeiten tun, sondern weil Sie durch dieses Wegschieben des Vorhangs auch in die eigene Jugendzeit und deren schöne oder auch wenig schöne Seiten zurückblicken. Wie versöhnend wirkt auch, wenn der oder jener in der Rückschau nicht zufrieden ist, dass etliche Vergangenheitsberichter ganz und gar nicht auf Rosen gebettet waren. Wenn auch das Buch Mitte der achtziger Jahre abschließt, so finden wir gute alte bekannte Persönlichkeiten, deren Geburtsdaten zwischen 1900 und 1937 liegen. Dr. Günther Steinebach

Nr. 64                                                                   Bestellungen:   Hörbücher
Fontane, Theodor: Das Bild meines Vaters
3 Kassetten, 200 Minuten, gelesen von Günter Lampe
  Das vorliegende kleine Buch dürfte zu den weniger bekannten Veröffentlichungen Fontanes gehören. Die Groß- eltern väterlicherseits kamen aus Frankreich. Das klingt hier aber nur an, denn es ist von weniger Bedeutung für die Beobachtungen, die Theodor an seinem Vater machte. Das Buch ist liebevoll geschrieben, auch wenn der Sohn selber durchaus nicht einseitig bewundernd den Vater schildert. Nach dessen Heirat mit 23 Jahren besaß er eine Apotheke, doch Jahre später verkaufte er sie für den doppelten Anschaffungspreis, Der Wohlstand war deshalb nicht bei den Fontanes eingekehrt, denn der Vater hatte sehr viele Spielschulden. Nach Rückzahlung blieb nur wenig vom Verkaufserlös übrig. Jahre später zieht die Familie nach Swinemünde um und der Vater hat wieder eine Apotheke.
   Genug vom Inhalt. Es geht ganz einfach um die feine Beobachtungsgabe des Verfassers. Bis ins Kleinste wird festgehalten, wie sorgfältig der Vater seine Toilette machte, wie er bei jeder neuen Mietwohnung seine Anschauung von Schönheit kundtat, nicht zusagende Tapeten wurden durch mythologische Darstellungen aller Art ersetzt.
   Wer Theodor Fontanes Bücher zum größeren Teil kennt, erwartet auch hier zurecht diese sorgfältige Beschreibung von Menschen und ihrer Umwelt. Bitte lassen Sie sich das Buch einmal aus unserer Blindenbücherei in Bonn kommen. Ich bin sicher, es wird Ihnen zusagen. Kritik und Bewunderung, staunenswerte Überraschung und manches Vertraute wird Ihnen geboten. So ganz nebenbei erhalten wir aber immer wieder Einblicke in das Zeitgeschehen, die Stellung von Mann und Frau in der Gesellschaft und manches andere mehr. Ich wundere mich, auf wie wenigen Seiten bedruckten Papiers so viel und so gut gesagt werden kann. Dr. Günther Steinebach

Nr. 2587                                                                 Bestellungen:   HörbücherHörbücher
Anselm Grün: Glauben als Umdeuten. Glauben - Lieben - Loben
2 Kassetten, 125 Minuten, gelesen von Markus Offner
  Markus Offner hat das vorliegende Buch von Pater Anselm Grün OSB auf zwei Kassetten in ruhiger Sprache aufgelesen. Wieder einmal haben wir es mit einem Büchlein zu tun, das knapp im Umfang, aber reich an Aussage ist.
   Was Pater Grün aussagen möchte, gibt er durch eine kleine Episode aus Marc Twains Buch “Tom Sawyer” wieder. Das Seinsollende, das Muss wird umgeformt in ein Dürfen. Ergebnis wäre, so ge- sehen, ich soll und muss nicht beten, ich darf beten. Wer Tom Sawyer kennt, ahnt, um welche Episode es sich handelt. Der Junge, der den Zaun am herrlich sonnigen Nachmittag streichen muss, ist traurig über seine Pflicht und fürchtet obendrein den Spott seiner Kameraden. Die erlösende Idee, er macht die Last zur Lust, und aus dem Spott wird die Bitte der Kameraden, selber streichen zu dürfen. Im Folgenden gebe ich streiflichtartig einige Einblicke in Haupt- überschriften: 
    
Glauben - Sehen - Umdeuten
1. Die Umdeutung meines Lebens; 2. Die Welt neu sehen; 3. Den Nächsten neu sehen
     Lieben - Gut haben - Umwandeln
1. Sich selbst lieben; 2. Gott lieben; 3. Den Bruder lieben
     Loben - Gut nennen - umbenennen
1. Loben im Alltag; 2. Den Schöpfer loben; 3. Gut vom Menschen reden
   Dem interessieren Leser oder Hörer möchte ich besonders das sorgfältige Bedenken der Einleitung empfehlen. Hier werden die entscheidenden Impulse gegeben, die gewusst werden sollten, um der Gesamtgedankenführung gut folgen zu können.
   Es ist ein Buch der Meditation, und das heißt nun mal, in die Mitte gehen, in die Mitte des eigenen Daseins, er- kennen,  worum es im Eigentlichen geht, was wichtig im Leben ist, und was vernachlässigt werden kann und soll.
   Ich empfehle das Buch allen, die ein wenig Zeit für sich selber verwenden möchten, die ein bisschen klarer erkennen wollen, worum es geht, die noch zusätzlich Leitplanken für den Lebensweg nehmen möchten.
Dr. Günther Steinebach

Nr. 4269                                                                Bestellungen:   Hörbücher
Warwick Deeping: Außenseiter der Gesellschaft.
10 Kassetten, gelesen von Elisabeth Regenhard.
  Der 1950 im Alfred Scherz Verlag, erschienene Roman: “Außenseiter der Gesellschaft”, Englischer Titel: “Roper’s Row” wurde in der Bayerischen Blindenbücherei von Elisabeth Regenhard sehr gut aufgesprochen. Das Buch ist auch in unserer Bonner Blindenbücherei unter der Nummer 4269 zu beziehen. Das 1929 erstmalig erschienene Buch könnte in gleicher Weise nach der Jahrtausendwende geschrieben sein, doch dann wäre es nicht von George Warwick Deeping, dem 1877 geborenen englischen Erzähler, der ursprünglich Arzt war und 1950 starb, verfasst worden.
   Um es gleich zu sagen, die Probleme von damals haben sich bis heute nicht verändert. Die Orte der Handlung sind zum einen ein Dorf in einiger Entfernung von London und dann London selbst. Die Geschehnisse sind zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg angesiedelt, aber die Zeit selbst spielt eine geringe Rolle. Es sind nur wenige Personen, die die Handlung bestimmen, was für den Hörer der Kassettenaufsprache von großem Vorteil ist.
   Die Darstellung beginnt mit dem Leben im Dorf und mit Mutter und Sohn Heatherd. Beide sind Außenseiter, wiewohl aus völlig verschiedenen Grün- den. Die Mutter beteiligt sich nicht am Dorfklatsch und reagiert nicht oder nur selbstsicher auf so manche Gehässigkeit. Der Sohn ist durch ein verkrüppeltes Bein behindert und gibt in der Dorfschule den Mitschülern schon Anlass zu Spott und Verhöhnung. Mutter Heatherd spart jedes noch so kleine Geldstück, damit ihr Sohn die weiterführende Schule besuchen kann, um nach erfolgreichem Abschluss die medizinische Laufbahn einschlagen zu können. Die Probleme des jungen Studenten sind z.T. von ihm selbst hervorgerufen, denn statt sich in den Kneipen herumzutreiben und durch Nichtstun es den anderen gleichzutun,  arbeitet er und hat Erfolg. Ergebnis, er ist der Streber, der Außenseiter.
   Er verdient durch Repetitorien sein Studiengeld, arbeitet Tag und Nacht, macht ein aus- gezeichnetes Examen und durch seine Kenntnisse muss er manchem Professor widersprechen. So schafft er sich Feinde. Eine treue, scheue und stille Hilfe daheim und später ist Ruth. Wie viel Hass und Neid und Habsucht an Ungerechtigkeit und Kummer erzeugen können, ist kaum vorstellbar. Ruth wächst über sich hinaus, wird durch ihre Treue und Zurückhaltung und ihre beständige Liebe sogar seine Frau.
   Doch weiter berichte ich nichts, das müssen Sie sich selber anhören und manchmal ein wenig innehalten. Es ist kein Buch, das wir im Mähdreschverfahren verschlingen können. Die Übersetzung aus dem Englischen ist ausgezeichnet, so dass auch die Feinheiten von Gedankenformulierungen nicht verloren gehen. Kurz gesagt, es ist ein Roman der z.T. unter die Haut geht, aber wenn Sie bis zum Schluss kommen, werden Sie froh sein, das ganze Werk angehört zu haben.   Dr. Günther Steinebach  

Nr. 3660                                                                    Bestellung:     Hörbücher 
Eva Ibbotson: Ein Hauch von Jasmin
gelesen von Elke Große-Woestmann,  7 Kassetten, 620 Minuten
   Die Zeitschrift “Hörzu” schrieb zu dem 1985 in England und dann zehn Jahre später in Deutschland erschiene- nen Buch: “... eine neue Morgengabe von Eva Ibbotson, die weiß, was Frauen wünschen.” - Nun habe ich mir das Buch als Mann angehört und ich frage mich, warum es mir nicht zusagen sollte. Würde ich gefragt, ob ich das Werk eher als Liebesroman oder als Krimi bezeichnen würde, müsste ich mich eher der kriminellen Abteilung zuwenden, wiewohl die Liebe der 18-jährigen Harriet zu Roman wie die Liebe zum Tanz und die zum 8-jährigen Henry große Teile des Buches bestimmen.
  Orte der Handlung sind ein Landgut in England zum andern Manaos in Brasilien. Die Ereignisse selber finden vor dem 1. Weltkrieg und kurz danach statt. Im Mittelpunkt des Romans stehen Harriet und die Petersburger Ballett- Tänzerinnengruppe, und in Manaos ihr Freund Roman; die negativen Gegen- spieler, in erster Linie ihr Vater und die Tanten, zeichnen sich dagegen als ausgekochte Bösewichter aus.
   Es ist ein spannend geschriebenes Buch, in dem die Verfasserin zeigt, dass sie von der menschlichen Psyche eine Menge versteht und sie es fertig bringt, uns tiefe Einblicke in Handlungen und Fehlverhalten der handelnden Personen tun zu lassen. Manchmal sagen wir uns als Leser, es könne nicht so viele Zufälle und überraschende Wendungen geben, doch seien wir ehrlich, wem ist es noch nicht untergekommen, dass wir sagen: Wenn das in einem Roman stünde, würden wir sagen, dass dieses nur in einer solchen Dichtung passieren könne.
   Der Aristokrat Roman Verney ist der liebende, helfende und heilende Mitmensch, der gleichsam als Deus ex Machina vieles in Ordnung bringt, manches allerdings in der allerletzten Minute.
  Der Titel des Buches wird nur einmal im Text in den Handlungen in Manaos aufgegriffen, soll aber doch den Roman zu den herzerfreuenden Schriften zuweisen. Die in Wien geborene Autorin kam 1933 nach England,  machte Karriere als Physiologin, doch ihre eigentliche Herzensangelegenheit ist die Schriftstellerei. Auf Deutsch erschien bisher ihr erster Roman: “Die Morgengabe”, ferner “Die Vertraute” und “Sommerglanz”.
   Das Buch ist brillant aufgesprochen und das Engagement der Vorleserin stört dann nicht die Eigenbetonungen  der englischen Wörter. Der erfrischende und begeisterte Tonfall gibt dem Ganzen noch eine erfreuliche zusätzliche Seite.
   Ich darf zum Abschluss nur sagen, Hörerinnen wie Hörer werden an dem Buch Freude haben, die nicht durch Landschaftsbeschreibungen und tiefschürfende Gespräche entsteht,  sondern durch den Gang der Handlung, die man sicher gern in Tagen, die nur für nicht so schwere Kost geeignet sind, anhören wird. Wie wäre es, wenn Sie das Buch bei Frau Dick für ihre nächste Ferienlektüre anfordern? Dr. Günther Steinebach  

Nr. 3836                                                                          Bestellung:    Hörbücher
Frances H. Murnett: Der geheime Garten
5 Kassetten, 405 Minuten, gelesen von Hode Berin
   Wer das Buch “Der kleine Lord” von Frances Burnett kennt, weiß, dass ein Roman, bzw. eine Erzählung, die vor weit mehr als hundert Jahren geschrieben wurde, auch heute noch seinen/ihren Reiz hat und zu Recht in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Die Verfasserin wurde 1849 in England geboren, doch nach dem frühen Tod ihres Vaters zog die Mutter 1865 mit ihr nach Amerika, wo sie bald zu schreiben begann.
  Warum das Buch in deutscher Sprache erst 1998 im dtv-Verlag erschien, konnte ich nicht herausfinden. Jeden- falls hätte es sich auch für die Generation zwischen Ersterscheinung in englischer Sprache und unserer deutsch- sprachigen Ausgabe gelohnt, es früher in den Händen zu halten. Das Buch steht in unserer Bonner Bücherei zur Ausleihe bereit, doch wurde es von Stuttgart übernommen,wo es von Holde Berin sehr gut aufgesprochen wurde.
   Die Autorin nahm, als sie mit 16 Jahren in die USA auswanderte, nicht nur private Dinge, sondern vor allem Jugendeindrücke aus dem von ihr geliebten England mit. Diese verarbeitete sie in vielen Erzählungen, die auch als Kinderbücher gern angenommen wurden, und auch das vorliegende Buch kann jedem jungen Menschen bedenkenlos in die Hände gegeben werden. Das soll aber keinesfalls heißen, das wäre für die höheren Semester weniger geeignet. Machen Sie selbst einen Versuch: Die Atmosphäre, die gute Schilderung der handelnden Charaktere und das ganze Ambiente werden Ihnen zusagen, zumal es nicht unsere Welt ist und wir doch alle ganz gern einmal über den Zaun gucken.
  Zum Buch selbst möchte ich einige Sätze sagen, doch nicht zuviel, damit die Spannung, die von Anfang bis Ende vorhanden ist, nicht von meinen Sätzen vorweg gestört ist. Im Vorspann steht, dass die zehnjährige Mary nach dem frühen Tod ihrer Mutter zu ihrem sonderbaren Onkel nach England kommt. Sie ist die handlungstragende Person, doch nicht minder ihr zwei Jahre jüngerer Vetter, der durch sein Dasein Fragen über Fragen aufwirft. Das Schloss mit seinen hundert Zimmern birgt noch mehr als hundert Geheimnisse. Eines davon ist der geheime Garten, der zwar eine Tür, aber keinen Schlüssel zu haben scheint. So viel sei noch verraten, Mary findet den Schlüssel und hat in dem Garten, der seit zehn Jahren nicht betreten wurde, geheimnisvolle und für sie sehr erfreuliche Erlebnisse. Weshalb da aber nachts in dem Riesenschloss Schreie eines Kindes zu hören sind, das muss sie herausfinden - und sie hat Glück.
   Ganz gleich, ob Sie das Buch mit zwanzig oder achtzig Jahren anhören, es wird Ihnen durch die geschickt aufgebaute Schilderung, durch die gute Übersetzung wie durch unerwartete Ereignisse bestimmt nicht langweilig. Bitte hören Sie sich die fünf Kassetten des spannenden Romans an, Sie werden nicht enttäuscht sein. 
Dr. Günther Steinebach 

Nr. 4091                                                                    Bestellungen:   Hörbücher
Bonnie P. Tucker: Der Klang von fallendem Schnee
8 Kassetten, 685 Minuten, gelesen von Renate Lubowitzki 
   Eine völlig gehörlose Amerikanerin schildert ihr Leben. Sie sagt von sich selbst, es könne gut sein, sie habe in den ersten Wochen nach ihrer Geburt etwas gehört. Doch danach sei sie ganz ertaubt.
   Leicht könnte jetzt der Gedanke nahe liegen, es sei eine einzige Aneinanderreihung von den vielen Variationen des Isoliertseins, eine daraus resultierende totale Vereinsamung und Hoffnungslosigkeit. Dieser Gedanke ist falsch, wie wohl leicht auch viele Grenzsituationen entstehen, deren Über- schreitung eine völlige Hilflosigkeit bringen würde.
   Das große Plus der Autorin ist, sie kann schon früh hervorragend von den Lippen ablesen; und ein zweites kommt hinzu, sie flieht in die Welt der Bücher und liest und liest und liest. So erarbeitet sie sich einen über das Normalmaß hinausgehenden Wortschatz, der sonst bei Gehörlosen in engen Grenzen bleibt und das Nicht- verständnis der Mitwelt noch verstärkt. Ihre Sprache wird durch die eigenen Familienangehörigen kontrolliert und auf ein Normalmaß reduziert. Der Fehler der Eltern war, sie durfte nicht in eine Gehörlosenschule, sie musste der Normalschule, der Regelschule angehören und wurde dort als Schwerhörige geführt. Nur, was daraus an Schwierigkeiten, an Isolierung ent- stand, können Sie nur ahnen und deshalb sollten Sie sich das Buch anhören.
   Nach siebzehnjähriger Ehe erklärt ihr Mann, er wolle sich scheiden lassen. Der einzige Grund war ihre Taubheit, die aber schon vor Eheanbahnung vorhanden war. Nur, der Mann konnte nicht mehr damit leben und so war sie auf das Miteinander mir ihren drei Kindern angewiesen und hier bewährte sich der Familienzusammenhang.
  Der zehnjährige Sohn kommt einmal aus dem Unterricht und hier war die Frage aufgeworfen, was schlimmer sei, nicht Sehen oder nicht Hören. Alle meinten, nicht Sehen, nur der Sohn der Autorin widersprach. Und ich wider- spreche heute auch, nachdem ich nicht nur die Stolpersteine erlebte, die auf dem Lebensweg der Betroffenen lagen, sondern vielmehr die unüberwindlich scheinenden Felsbrocken erleben musste, die eine Abgrenzung, eine Selbstbeschränkung, eine völlige Hilflosigkeit und ein gnadenloses Nichtverstehen der Um- und Mitwelt notwendig hervorrufen.
  Können Sie sich vorstellen, dass eine Professorin, die das Manuskript des fertigen Buches gerade gelesen hatte, der Verfasserin den Telefonhörer in die Hand drückte und sagte, sie solle doch selber mit dem Verleger sprechen. Ihre Antwort: “Sprechen kann ich schon, allein ich höre ihn doch nicht.” Und dann die unglaubliche Frage:“Und warum können Sie ihn nicht hören?” Hier können wir nur sagen, die Zahl der Dummen ist grenzenlos, wie es schon im Buch der Sprüche steht.
   Die Autorin hat ihr Leben gemeistert, nicht wegen der vielen Hilfen, die sie von rechts und links erhielt,  sondern trotz der sagenhaften Schwierigkeiten, die ihr gemacht wurden.
   Bitte, hören Sie sich das Buch an. Sie werden viel Neues erfahren, viel Unglaubliches miterleben und manches Kopfschütteln wird Ihnen die Lektüre machen. Aber am Ende wird Ihnen klar, was ist schlimmer, nicht Sehen oder nicht Hören. Das Buch ist sehr sympathisch aufgesprochen und die acht Kassetten sind spannend von Anfang bis zum Schluss, und der reicht tief in die neunziger Jahre des letzten Jahrzehnts. Dr. Günther Steinebach

Nr. 4457                                                                       Bestellungen:   Hörbücher
Brenda Clarke : Ein Licht im Winter
7 Cassetten; 630 Minuten gelesen von Dagmar Bergmeister
  Zum Titel des Buches habe ich mir meine Gedanken gemacht. Jeder Winter ist grau, gewöhnlich frostig, wenn nicht bitterkalt - jedenfalls das Gegenteil von Frühling oder Sommer mit all den Schönheiten, die die Natur zu bieten hat. Hier ist also ein Gegensatz zu erwarten, wobei wir dem Winter unter bestimmten Gegebenheiten auch erfreuende Seiten abgewinnen können. Doch wir benötigen Licht, Feuer, Wärme. Licht erhellt die Herzen, das Gemüt, bringt Lebensfreude und Hoffnung auf kommende froh machende Tage.
  Die englische Schriftstellerin Brenda Clarke schrieb ab 1969 etliche Romane. 20 Jahre später erschien “Licht im Winter” und wurde in Stuttgart aufgesprochen und steht in Bonn zur Ausleihe bereit. Es hat 7 Cassetten, und ich darf jedem Hörer empfehlen, der einmal mit leichter Kost und doch mit berauschenden Wendungen und vielen spannungs- reichen Passagen zufrieden ist, sich das Buch anzuhören.
   Der Titel verrät nicht, dass es sich im eigentlichen um einen Liebesroman handelt. Fast bis zu den letzten Sätzen werden die Verstrickungen und unerklärliche Verhaltensweisen dargestellt, die die Lösung der Geschicke offen halten. Der eigentliche Handlungsort ist in Südengland, aber auch ein wenig in Hamburg und reichlich viel in den USA.
   Es wird ein Zeitabschnitt von rund zwanzig Jahren geschildert, angefangen 1944, also im vorletzten Kriegsjahr. Es gibt eine ganze Reihe von Handlungsträgern, und hier wird zunächst der in Afrika von den Engländern gefangen genommene Deutsche Werner Neumann geschildert, der 1947 nach Hamburg entlassen wird. Zufällig sieht er ein 15- jähriges Mädchen, das Eindruck auf ihn macht, und sie erfuhr sogar seinen Namen. Die kurze Begegnung ist die, dass er mit anderen Gefangenen von der Arbeit mit dem Laster abgeholt wird, Sally, das Mädchen, erkennt ihn wieder und ruft ihm nur einen Wunsch für ein gutes Weihnachtsfest zu. Viele aufregende Ereignisse, die aber keine näheren Beziehungen zwischen Werner und Sally ergaben, folgen. Da tritt in den Handlungsablauf Charles, ein Amerikaner, ein, der sich zunächst um die schöne Mutter des Mädchens bemüht und dann auch dieses selber sympathisch findet. Wie gesagt, der Roman hat so viele Wendungen, die wir nicht erwarten, so dass eine bleibende oder auch oft sehr steigernde Spannung vorherrscht. Das Buch ist gut aufgesprochen, wobei ich lieber kleine Pausen zwischen dem Wandel von Ort und Zeit gehabt hätte, aber dem aufmerksamen Zuhörer wird das sofort auffallen, und er wird sich an das unterbrechungsfreie Lesen schnell gewöhnen.
   Die Sprache ist gut, sehr gut sind viele interessante Beobachtungen, wie z. B., dass noch 1963 drei Holländer in einem Gasthaus aufstehen, den Raum verlassen, als sie bei Werners Bestellung in Englisch erkennen,  dass es sich um einen Deutschen handeln muss. Aber das Buch ist ohne Hass auf die Deutschen geschrieben, wiewohl zwischen den Hauptakteuren im Unterbewusstsein Auschwitz und andere Schandtaten, aber auch die totale Zerstörung deutscher Städte, wie z.B. Hamburg, Köln oder Dresden, stehen. So ist mit der Liebesgeschichte gleichzeitig auch ein Zeitbild gezeichnet, das dem Hörer im Blick zurück manche Erinnerungen wachruft. Wie gesagt, auch wenn es sich um einen Liebesroman handelt, er ist es wert, angehört zu werden, besonders dann, wenn man nicht ganz schwere Kost vertragen kann, wie bei Krankheit oder Einsamkeit oder anderen unerfreulichen Daseinsgegebenheiten.  Dr. Günther Steinebach 

Nr. 2116                                                                     Bestellungen:   Hörbücher  
Borst, Otto: Alltagsleben im Mittelalter
15 Kassetten; 1310 Minuten gelesen von Otto Borst / Michael W. Schroeter
  Sokrates sagte einmal zu seinen Schülern, dass mit dem Staunen die Weisheit beginne. Wenn er recht hat, so kann ich von mir nur sagen, ich habe einen beachtlichen Start in  Richtung auf Weisheit hin gemacht, als ich mir das vorliegende Buch anhörte. Ja, ich habe immer und immer wieder gestaunt über die intensive Feinarbeit, die der Verfasser des Buches von Anfang bis Ende durchführte, zum andern aber auch über so manches, das den Alltag unserer Vorfahren ausmachte und das für uns Nachgeborene in der heutigen Wohlstandsgesellschaft kaum vorstellbar ist.
   Leopold von Rancke forderte vor mehr als eineinhalb Jahrhunderten, man müsse die Geschichte schreiben, wie sie eigentlich gewesen sei. Der Autor des vorliegenden Werkes hat dieser Forderung entsprochen, soweit das überhaupt möglich ist.
  Der Titel des Buches wurde bestimmt sorgfältig gewählt. Es macht nun mal einen Unterschied, ob ich eine Kultur- und Sozialgeschichte des Mittelalters oder den Alltag im Mittelalter schildere. Meines Erachtens ist der „Alltag” facettenreicher, vielseitiger, ursprünglicher. Hier ist ein Professor für Geschichte am Werk, der uns keine Geschichte in Namen, Tatsachen und Daten vorlegt, sondern Leben in seiner Vielseitigkeit, eben: das Leben im Alltag.
   Das Buch, das mit einem Anspruch auf historische Wahrheit erscheint, hat gründliche Studien vorhandener zeit- genössischer Zeugnisse verarbeitet. Das sind Briefe, Lieferaufträge, Bestands- nachweise vorhandenen Eigen- tums, Gedichte, Urteile, Eheverträge, Zünfte- und Gildennachweise und vieles andere.  Allein Kleidungs- vorschriften, Vorschriften zur Begrenzung der Anzahl der Tische bei Hochzeitsfeiern geben dem Autor Grund, die Ursachen zu solchen Einengungen, aber auch deren Auswirkungen sorgfältig zu untersuchen. Er ordnet sie in die Zeit ein und filtert charakteristische Aussagen heraus. Wer das hier von mir Gesagte liest, könnte denken, es wird sich um ein recht trockenes Werk handeln. Keine Spur! Hier wird die Vergangenheit lebendig. Ein Neben- einander von Gehöften ist kein Dorf, ein Nebeneinander von Häusern macht noch keine Stadt aus, wie Rousseau sagte, und uns wird vor Augen gestellt, was das Dorf zum Dorf und die Stadt zur Stadt macht. Das Ende des Weströmischen Reiches bis zu Humanismus und Reformation umgrenzen die sog. 'Mittlere Zeit'. Alle waren in die vorgegebene Ordnung eingebunden, ob es ihnen passte oder nicht. 'Schuster bleib bei deinem Leisten!' Eine Gleichheit gibt es nicht in der Abstufung der Rechte, natürlich auch nicht zwischen Mann und Frau.
   Das Buch ist so klar, so instruktiv geschrieben, ja, eine Spannung eigener Art kommt auf, so dass ich mir innerhalb von sehr kurzer Zeit alle fünfzehn Kassetten anhörte. Ich stelle mir vor, Ihnen wird es ähnlich ergehen, wenn Sie sich das Buch Nr. 2116 von Bonn zusenden lassen.
   Das erste Kapitel des Buches liest der Verfasser selber; das ist etwas mehr als die erste Kassette. Dann fährt Michael Schroeter fort, das Buch bis zu Ende in seiner gewohnten Art aufzusprechen.
   Diesmal muss ich mal mit einem Seufzer enden: Ach hätte ich doch dieses Buch gehabt, als ich vor fünfzig Jahren mein Geschichtsstudium begann, es hätte mir vieles erleichtert. Dr. Günther Steinebach

Nr. 3028                                                                  Bestellungen:   Hörbücher  
Grimshaw, Anna: Ich hörte auf den Klang der Stille
5 Cassetten; 420 Minuten; gelesen von Annette Krause, Stuttgart
  Vor mir liegt ein Buch, das von Anna Grimshaw aus eigener Lebenserfahrung geschrieben wurde. Es erschien 1994 im Herder Verlag, Freiburg, und dürfte unmittelbar nach Rückkehr aus einem tibetischen Nonnenkloster im Himalaja niedergeschrieben worden sein. Das Buch ist recht eigentlich zeitunabhängig. Hier im Nonnenkloster scheint die Zeit seit Jahrhunderten stille zu stehen. Vor fünfhundert Jahren und in fünfhundert Jahren wird das Leben dort in gleicher oder ähnlicher Weise seinen Gang nehmen. Armut und Bedürfnislosigkeit bestimmen den Alltag, den auch Anna Grimshaw erlebte. Nach Anhören des Buches fragte ich mich, wie muss der Mensch beschaffen sein, der in solch grausamer Kälte und in den primitivsten Gegebenheiten sein Leben verbringt. Wer kann die Einsamkeit und Härte dieses Daseins ertragen? Die buddhistische Spiritualität gibt die Hilfestellung. Die englische Schriftstellerin wusste von der Existenz buddhistischer Klöster zunächst nichts. Bücher und Bilder informierten sie, ihr Interesse war geweckt und jegliches Schrifttum, das sie erreichen konnte, verfestigte den Wunsch, alles aus eigenem Erleben kennen zu lernen. Sie fährt zunächst zu einem Kloster am Fuße des Himalaja. Dort erfährt sie von einem Nonnenkloster hoch im Gebirge. Der beschwerliche Weg ist kein Hinderungsgrund, und schließlich erreicht sie ihr Ziel. Nach kurzer Zeit wird sie von den Nonnen in deren Kreis aufgenommen und durchlebt mit ihnen die für uns unvorstellbare Grausamkeit eines tibetischen Winters. Unweit des Klosters für Nonnen ist eines für Mönche, denen sie viele Arbeitsergebnisse abgeben müssen. Die Mönche leben besser, arbeiten weniger und sind mehr in die alten buddhistischen Schriften vertieft. Auch hier wird die Höher- stellung des männlichen Geschlechtes deutlich. Im Vorwort heißt es: „Einen Winter lang nimmt sie am Leben der Frauen teil und kommt so dem auf die Spur, was buddhistische Lehre und Leben meinen. Sie spürt, wie eng das Leben der Frauen mit dem Kreislauf der Jahreszeiten und den buddhistischen und ladakischen Festen verbunden ist. Sie erfährt das Gleichmaß der Arbeit, aber auch den plötzlichen Reichtum der Stille.” Ehrlich gesagt, eigentlich wollte ich das Buch gar nicht anhören, weil mir der Buddhismus zu fern liegt, die unerbittliche Kälte eines bitterkalten Winters aus russischer Erfahrung wieder negative Bilder in mir hervorruft; doch da ich ein Buch erst dann ungelesen zurückschicke, wenn ich von der ersten Cassette einen Großteil gehört habe, so war in mir das Interesse so geweckt, dass ich alles hören wollte. Allein schon die Vorstellung von einem Kloster wurde durch diese Information gründlich zerstört. Es waren keine Gebäude mit dicken Mauern, ordentlichen Zimmern, kleinen Schlafzellen usw., sondern auf einfachste Art zurecht- gemachte Behausungen, die wir uns nur wie in einer ganz anderen Welt denken können. Elektri- sches Licht oder einfachste Heizung gab es nicht, kein fließendes Wasser als das des Flusses oder des Regens oder des aufgetauten Schnees hatte den Durst zu löschen. In der Mitte des Hauptraums brannte ein Holzfeuer, das man umlagerte, wenn die sog. Sommer- oder Herbstzeit vorbei war und der lange Winter regierte. Der Rauch zog durch die Decke ab, alle waren Russ geschwärzt, und ein jedes Kleidungsstück hatte den Geruch von Rauch und Russ angenommen, und die Läuse fühlten sich nicht nur in den Kleidern wohl.
   Sie erfahren in dem Buch, wovon die Frauen lebten und wie sie überlebten, aber sie lernen auch, wie das Mönchskloster, das eine Ecke entfernt lag, seinen dominierenden Einfluss geltend machte. Das beste Gemüse, das in den Sommermonaten gewachsen war, wurde von ihnen weggenommen. Um doch noch etwas zu behalten, wussten die Nonnen Wege, um einen winzigen Vorrat anzulegen und sich vor dem Verhungern zu bewahren. Die Mönche hatten ja in den Schriften zu lesen und zu beten. Von ihrer Arbeit erfahren wir nichts, entweder weil der Einblick fehlte oder weil keine geleistet wurde. Unsere Schriftstellerin erlebte hier Freud und Leid, vor allem aber die sagenhafte Stille der Umgebung. Sie musste das Vieh in den Tagen, wo es draußen sein konnte, abends zusammentreiben und in die Ställe führen. Ja, und da gab es auch Feste, vor allem den Beginn des neuen Jahres. Doch das müssen Sie sich selber anhören. Dr. Günther Steinebach

Nr. 1990                                                                  Bestellungen:   Hörbücher  
Pausewang, Gudrun: Fern der Rosinkawiese
5 Cassetten; 420 Minuten gelesen von Margot Gödrös
Nr. 3756
Pausewang, Gudrun: Wie es den Leuten von der Rosinkawiese nach dem Krieg erging
4 Cassetten; 290 Minuten gelesen von Beate Braus
  Die beiden Bücher darf ich gleichsam als Fortsetzung des Buches „Wiedersehen mit Anna” zusammenhängend vorstellen. „Fern der Rosinkawiese” schließt sich an den Abschied Annas an. Jedem Leser oder Hörer wird sofort ersichtlich, jetzt geht es um die Flucht, mit all dem Argen, was die Zeit zu bieten hatte. Und doch ist die Darstellung im Ganzen gesehen nicht am Rand der Ver- zweiflung und auch darüber hinaus, sondern die Schriftstellerin zeigt ihre erstaunliche Fähigkeit, dem Selbsterlebten immer einen Hoffnungsschimmer mitzugeben. Es passt das englische Sprichwort hinein, es hätte als Buchtitel genommen werden können: ,Every cloud has its silver lining.' So, wie jede Wolke einen hellen Rand hat,  so ist es auch hier:  all das Schlimme führt letztendlich zum Guten.
  Während das erstgenannte Buch in der Ichform geschrieben ist, ist das nächste aus der Sicht eines oder einer Dritten dargestellt. „Wie es den Leuten von der Rosinkawiese nach dem Krieg erging” könnte auch von ihr kurz „Eine tapfere Mutter” genannt werden. Es ist das hohe Lied auf die Lebensleistung einer Frau mit ihren sechs Kindern. Die Naziideologie hinterlässt auch in Frau Pausewang ihre Spuren, doch mit Parolen lässt sich kein Durchhalten und Wiederaufbauen erreichen. Die Stationen des Fluchtweges werden zum Innehalten und Kraftsammeln genutzt. Doch der Weg führt weiter. Die Jahre in Wiesbaden mit den enttäuschenden Erlebnissen auf der Suche nach einer Anstellung als Kindergärtnerin werden selber zum Zündfunken für eigene Neugestaltung. Weshalb nicht selber einen Kindergarten errichten? Was es da alles als Barrieren, als Ballast, als Unverständnis gab, das müssen Sie selber hören und miterleben. Schließlich der letzte Lebens- abschnitt, der mir vorkommt, als wäre es ein wunderschöner Abendhimmel mit Sonnenuntergang am Meer. Doch bis es dazu kommt, dass die Mutter in dem umgestalteten Forsthaus am Waldrand lebt, wie die Dorfbewohner aus der Distanz heraustreten und sie zur helfenden und heilenden und gern gesehenen Frau wird, das müssen Sie hören. Beide Bücher sollten nicht zuletzt auch in die Hände junger Menschen kommen. Die Flucht- und Trümmerfrauen haben so unendlich viel erduldet, gelitten, geschafft, dass auch der Mitmensch aus der Reihe der Nachgeborenen manches vermittelt bekommt, wovon er wenig weiß und von dem wir hoffen, dass es nie mehr geschehen wird. Aber auch die ältere Generation ist gefragt. Vieles wird lebendig, z.T. selbst Erlebtes, hautnah Miterlittenes oder verzweifelt Geschildertes ersteht neu vor dem geistigen Auge. Doch, wie gesagt, jede Wolke hat einen silbernen Rand.  Dr. Günther Steinebach

Nr. 20517                                                                    Bestellung:   Hörbücher 
Benary-Isbert, Margot: Die Arche Noah
7 Cassetten; 590 Minuten Sprecherin: Bettina Römer 
  Wenn ich mich recht entsinne, so habe ich noch nie eine Buchvorstellung mit dem Satz begonnen: Die Arche Noah müssen Sie sich unbedingt anhören. Hier meine ich nicht nur die Gene- ration der Senioren, hier denke ich genauso an jene, die den Zweiten Weltkrieg und die Jahre danach nur vom Hörensagen kennen. Margot Benary- Isbert spricht nicht von den Kriegsereignissen, sie nimmt die Notjahre von 1945 bis 1948, um ein Familien- schicksal zu schildern. Eine Mutter mit vier Kindern ist aus Pommern rechtzeitig geflohen, und nach Wochen des Lagerlebens in der Nähe von Hamburg wird sie in einer Stadt, die zerbombt ist, vom Wohnungsamt einer Frau Verduz zugewiesen, bei der sie ein Zimmer bewohnen darf. Der Wohnungsinhaberin war zugesagt, sie erhalte ein Ehepaar - und jeder wird jetzt innehalten und sich fragen, welche Katastrophen werden kommen. Aber es kommt ganz anders. Zum Titel des Werkes darf ich erklären, die Familie kommt in ein Dorf in der Rhön, und in einem Bauernhof finden sie neue Unterkunft. Es ist ein alter D-Zug-Wagen, der zum zentralen Mittelpunkt für die Familie samt Tieren wird. Eines der Kinder schreibt ein großes Schild an den Wageneingang: Arche Noah.
   Hier wird eine spannungsgeladene Darstellung der tapferen Familie geschildert. Das Miteinander und Für- einander ist großartig. Der Inhalt verrät, es ist eine Schriftstellerin am Werk, die sich kenntnisreich in die Zeit und in die Menschen versetzt. Sie hütet sich, negative Erfahrungen zu schildern, lässt sie höchstens kurz anklingen, um dann das positive Ergebnis sorgfältig und detailliert darzustellen. Das Werk ist von Bettina Römer engagiert vorgelesen. Wir können glauben, sie sei dabei gewesen. Es ist leicht, ihr zuzuhören und wir haben das Gefühl, mitten in den Verlauf der vier Jahre hinein genommen zu sein.
   Abschließend möchte ich sagen, die Arche Noah hat es bestimmt nicht nur einmal gegeben, wenn auch die Tiere meist andere Plätze hatten.  Bestellen  Sie sich das  Buch,  und  Sie werden  bei allem geschilderten Leid immer wieder das Gute und Beglückende zu Ihrer Herzenssache zu machen.  Dr. Günther Steinebach

Nr. 482                                                 Bestellung:   Hörbücher
Seneca, Lucius: Vom glückseligen Leben
Cassetten: 240 Min. gelesen von Gerhard Hasler (BHB Stuttgart)
   Das uns vorliegende Buch von Lucius Seneca „Vom glückseligen Leben” verdient von möglichst vielen Ausleihern bei unserer Bonner Blindenbücherei gehört zu werden. Das 1967 erschienene Buch wurde von Gerhard Hasler in der BHB Stuttgart sehr gut aufgesprochen.
   Sein Inhalt ist in wesentlichen Aussagen nach wie vor aktuell. Viele Zitate könnten heute geschrieben sein. Wir werden aber auf das erste nachchristliche Jahrhundert durch seine Berufung auf die römischen und griechischen Götter hingewiesen, was heutige Schriftsteller, auch wenn sie dem christlichen Glaubensgut fernstehen, nicht verwenden würden.
   Seneca wurde 4 vor Christus in Corduba (heute Cordoba) geboren und im Jahre 65 von Kaiser Nero zum Selbstmord gezwungen. Seneca beruft sich sehr oft auf den Stoizismus. Seine Schriften haben in ihren Aussagen im Bereich der Humanität auch heute noch allerhöchste Bedeutung. Den Griechen wird immer wieder das philosophische Denken, den Römern aber die aktive Tat und das Rechtsdenken zugeschrieben. Der Römer erkennt ein Ziel und prüft, welch ein realer Nutzen in ihm liegt. Das philosophische Denken war den Römern kaum zugänglich.
   „Ein glückseliges Leben” - so die Griechen - „bestehe darin, einen freien, hoch gesinnten, uner- schrockenen und standhaften, über Furcht und Begierde erhabenen Geist zu besitzen, für den es nur ein Gut gibt: Sittlichkeit, und nur ein Übel: Unsittlichkeit... Wer solchen Grund in sich hat, den muss notwendig ununterbrochene Heiterkeit und eine hohe, dem Innersten entspringende Freude begleiten, die sich nur des Ihrigen erfreut und nichts Größeres wünscht, als was ihr eigen ist. Sollte dies nicht die kleinlichen, armseligen und unbeharrlichen Triebe des elenden Körpers reichlich aufwiegen? Dem Schmerze unterliegt, wer dem Sinnengenusse unterliegt ... Glückselig kann auch der genannt werden, der von der Vernunft geleitet nichts mehr wünscht und nichts mehr fürchtet... Denn, wenn die, welche der Tugend folgen, habsüchtig, wollüstig, ehrgeizig sind, was seid denn ihr, denen der Name der Tugend verhasst ist ... Anständigen Bitten will ich entgegenkommen. Ich will mir bewusst sein, mein Vaterland sei die Welt, und seine Vorsteher die Götter, die über mir und um mich her stehen als Richter über meine Taten und Worte. Und sobald entweder die Natur mein Leben zurückfordern oder mein Entschluss es hingeben wird, so werde ich mit dem Zeugnisse abtreten, dass ich ein gutes Gewissen, edles Bestreben geliebt habe und dass niemandes Freiheit durch mich beschränkt worden sei, am wenigsten meine eigene.”
Dr. Günther Steinebach

Nr. 4720                                                                                 Bestellung:     Hörbücher
Ratzinger, Joseph: Glaube-Wahrheit-Toleranz  
6 Kassetten; 535 Minuten gelesen von Christoph Pfeiffer
     Wer den Titel des Buches und den Namen seines Verfassers hört, wird keinen Roman, keine Lebensgeschichte oder wie auch immer leicht zu lesende Darstellung erwarten. Es ist keinesfalls ein Buch, das wir im Mäh- dreschverfahren an- und abhören können. Um gleich zu Beginn meine Erfahrung mit diesem Werk zu sagen, so muss ich bekennen, ich habe das Abhören oft unterbrochen, habe zurückgeschaltet, um bestimmte Passagen noch einmal zu hören, und dann musste ich Pausen einlegen, um das Gehörte zu reflektieren, um möglichst die Gedankengänge des Verfassers nachzuvollziehen und einordnen zu können. Da ich kein Theologe bin, fällt es mir nicht leicht, Ihnen eine dem Werk entsprechende Vorstellung vorlegen zu können. Wenn ich trotzdem das Buch sehr empfehlen möchte, hat das mehrfache Gründe. Ich erfuhr wesentliche, für mich neue Erkenntnisse und erhielt damit eine wirkliche Bereicherung im Glaubensbereich. Ich denke mir, wenn Sie das Buch in Bonn bestellen und abhören, wird es Ihnen möglicherweise ähnlich wie mir ergehen. Keinesfalls möchte ich das Werk ablehnend vorstellen, im Gegenteil, greifen Sie zu und Sie werden nicht enttäuscht sein. Das Buch ist in der altbewährten ausgezeichneten Vorleseweise von Christoph Pfeiffer sehr gut auf- gesprochen und so ist es gut anzuhören.
   Es sei mir gestattet, aus dem Vorspann zu zitieren: „Weltweit begegnen einander die Kulturen und Religionen. Der Austausch zwischen ihnen wird immer selbstverständlicher, ihre Rolle für den Frieden immer deutlicher. Dürfen Christen da noch sagen, allein Jesus Christus ist der Grund für die Erlösung der Menschen? Muss das Christentum seinen Wahrheitsanspruch aufgeben, um modern und tolerant sein zu können? Ein Theologe von Weltrang zeigt, christliches Selbstverständnis und wertschätzendes Miteinander der Religionen, Glaube und Dialog, Freiheit und Toleranz, hängen gleichermaßen an der entscheidenden Frage:  Was ist eigentlich wahr?”
   Schon wenn wir das Inhaltsverzeichnis hören, sehen wir leicht, was alles angesprochen und durchdacht wird. Hier einige Überschriften:
   I.  Teil: Der christliche Glaube in der Begegnung mit den Kulturen und Religionen. Einheit und Vielfalt der Religionen. Der Ort des christlichen Glaubens in der Religionsgeschichte.
   II.  Teil: Die Wahrheitsfrage und die Religionen. Zur Lage von Glaube und Theologie heute. Wahrheit, Toleranz, Freiheit.
   Die Fragen und Antworten, die Kardinal Ratzinger bewegen, sind hoch aktuell. Wie verhalten sich Frieden und Religionen? Die Kulturen sind im Miteinander und Gegeneinander nicht nur beleuchtet, vielmehr hinterfragt der Verfasser tief gehend die nicht einfach zu durchschauenden Stand- punkte, und er nimmt klar Stellung. So manche Fremdwörter, die der Kardinal in seinem Buch benutzt, sollten uns nicht vom Anhören abschrecken, denn im Gesamtzusammenhang der jeweiligen Stellen kommt der gemeinte Sinn klar heraus. Ich erspare mir, einzelne Kapitel herauszugreifen. In jedem Fall würde ich nur fragmentarisch, und damit ungenau das Geschilderte wiedergeben. Hören Sie sich das Buch bitte an, Sie werden nicht enttäuscht sein, und wenn es Ihnen so geht wie mir, dann erfahren Sie eine Erweiterung Ihres Glaubensgutes. Dr. Günther Steinebach

   Weitere Buchbesprechungen für Kassetten-Hörbücher erwarten wir nicht mehr. Alle Neueinstellungen der Deutschen Katholischen Blindenbücherei Bonn werden auf CDs im Daisy-Format aufgesprochen.  Die Rezensionen dieser Daisy-Hörbücher von Dr. Günther Steinebach  finden Sie unter: für Sie gelesen.

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