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Dialog der Religionen

          Auf dieser Seite finden Sie die Grundlagen für den Dialog der Religionen:
1. Die für die katholische Kirche verbindliche Erklärung des II. Vatikanischen Konzils:
Nostra aetate
2. Papst Franziskus: Generalaudienz “50 Jahre Nostra Aetate”

3. Die Vorlesung von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. in der Universität Regensburg
4. Antwort von 38 moslemischen Gelehrten
5. Aufruf zum moslemischen-christlichen Dialog von 130 moslemischen Gelehrten
6. Ein Jahr danach: Gibt es eine islamische Ökumene?
7. Dialog mit dem Islam: Andersgläubige oder andere Gläubige?
8. Der Dialog zwischen der Al-Azhar-Universität und dem Vatikan wird weitergeführt
9. Pfarrer Christian Delorme, Lyon, und die islamistischen Terroristen.
10. Prof. Robert Spaemann: Beleidigung Gottes oder der Gläubigen?
Was muss der Staat schützen und mit welchen Mitteln?

Reli-gReligionen-x  Weltweit leben 2,2 Milliarden Christen

   Mit insgesamt 2,2 Milliarden sind die Christen die weltweit größte religiöse Gruppe. Davon sind 1,25 Milliarden Katholiken. Das geht aus einer in Washington veröffentlichten Studie des Pew Research Center hervor. Die zweitgrößte Religionsgemeinschaft ist der Islam mit 1,6 Milliarden Angehörigen. Hindus kommen demnach auf eine Milliarde, Buddhisten auf fast 500 Millionen und Juden auf 14 Millionen. Insgesamt gehörten 5,8 Milliarden oder 84 Prozent der 6,9 Milliarden Menschen auf der Welt einer Religion an. Die drittgrößte Gruppe überhaupt nach Christen und Muslimen bilden mit 1,1 Milliarden jene, die sich keiner Religion zugehörig fühlen. Für die Untersuchung hatte das Forschungsinstitut 2.500 Volkszählungen und Bevölkerungsregister auf der Basis des Jahres 2010 ausgewertet. RVmg121218KNA  weltweite Statistik der Religionen auf unsere Seite > weltweit

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Die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen

  Nostra aetate wurde in der Urfassung auf Wunsch Papst Johannes XXIII. Foto oben vom Sekretariat für die Förderung der Einheit der Christen ausgearbeitet und im Juni 1962 der Zentralkommission vorgelegt. Das Schema war gegen den Antisemitismus gerichtet und wurde auf arabischen Druck hin zurückgezogen. Eine Intervention Kardinal Beas beim Papst erreichte, dass es in der 2. Sitzungsperiode im November 1963 als Kapitel IV des Schemas über den Ökumenismus vorgelegt wurde. Aufgrund der heftigen Einwände wurde es dort wieder ausgegliedert und mit dem Text über die Religionsfreiheit in den Anhang des Ökumenismusschemas versetzt. Die im September 1964 vorgelegte selbständige neue Fassung war so abgeschwächt in ihrer Substanz, dass die Diskussion eine neue Bearbeitung forderte. Versuche, das Schema der Zuständigkeit des Sekretariats zu entziehen, scheiterten. Der im November 1964 vorgelegte neue Text enthielt Ausführungen auch über andere nichtchristliche Religionen. In dieser erweiterten Form wurde das Schema im November 1964 grundsätzlich angenommen. Eine leicht abgeschwächte Fassung wurde im Oktober 1965 den Einzelabstimmungen unterzogen und gebilligt. Die feierliche Schlussabstimmung ergab 2.221 Ja- gegen 88 Nein-Stimmen; am gleichen Tag, dem 28. Oktober 1965, wurde die Erklärung feierlich verkündet. 
         Zu einer gerechten Würdigung der Erklärung darf nicht vergessen werden, dass sie sich ursprünglich auf das Verhältnis der Kirche zu den Juden beschränken sollte und dass die Aussagen über die anderen nichtchristlichen Religionen zunächst eher als eine Art Vehikel dienen sollten, mit dessen Hilfe eine möglichst große Zustimmung der Konzilsväter zu der “Judenerklärung” gewonnen werden sollte. So können dem Dokument heute verschiedene Vorwürfe gemacht werden: Es sei theologisch nicht gerade angemessen, den “Stamm Abrahams” global mit anderen nichtchristlichen Religionen zusammen zu behandeln; es sei auch im Hinblick auf die Intention Johannes XXIII., der Feindschaft zwischen Juden und Christen ein für allemal ein Ende zu setzen, psychologisch nicht sehr geschickt, diese Frage in einer bloßen “Erklärung” zusammen mit anderen wichtigen Problemen anzupacken; schließlich  seien auch die allzu kurzen Deskriptionen der anderen Religionen nicht über alle Zweifel erhaben. Über solchen und anderen möglichen Einwänden darf nicht übersehen werden, dass die Erklärung nach ihrem heute vorliegenden Wortlaut und nach ihrer inneren Dynamik in der Geschichte der Kirche, ihrer Konzilien und ihrer Theologie einzigartig ist.
   Artikel 1, der das Vorwort darstellt, wirft gleich zu Beginn eine Frage auf, der sich die Kirche bisher in dieser Deutlichkeit noch nicht gestellt hat: Es gibt ein Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen als solchen und nicht nur ein Verhältnis der Kirche zu nichtchristlichen Einzelnen. Die Frage wird von vornherein gar nicht unter dem Gesichtspunkt gestellt, wie die Kirche sich nach ihrem Selbstverständnis als einmalige Größe von allen anderen Religionsgemeinschaften unterscheide. Der gewohnte apologetisch-“missionarische” Weg wird hier also nicht beschritten. Das Motiv der Erklärung wird nicht aus dem Missionsbefehl genommen, sondern aus der Aufgabe der Kirche, “Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern”. Damit bezweifelt das Konzil weder das Selbstverständnis der Kirche als der “einzig wahren” noch ihre dringliche Verpflichtung zur Mission; es eröffnet aber eine Perspektive zu größerer Gelassenheit in der Mission selbst wie auch zu einer ganz neuen Missionsmethode, nämlich unter der Voraussetzung einer geduldigen und positiven Koexistenz der Kirche mit den anderen Religionsgemeinschaften und in einem Dialog mit diesen als solchen. Diesem Ansatz entsprechend erinnert das Konzil im zweiten Absatz an die theologische Basis dafür, d.h. an den universalen Heilswillen des souveränen und gütigen Gottes, des Urhebers der allgemeinen, vom Anfang bis zur Endvollendung dauernden, auch durch die Sünde nicht aufgehobenen Heilsgeschichte. Der dritte Absatz nennt als Gründe, warum es auch heute noch Religion und somit konkret auch Religionen geben muss, die Daseinsfragen des Menschen. Auf die vieldiskutierte Religionsproblematik (Glaube oder Religion?) konnte sich das Konzil verständlicherweise nicht einlassen.
   Der 2. Artikel erkennt in klaren und eindeutigen Worten die religiöse Erfahrung der verschiedenen Völker, insofern sie Erfahrung einer verborgenen Macht, eines höchsten Gottes oder sogar eines Vaters ist, als authentisch an. Die “Religionen” werden als genauere Artikulationen dieser Erfahrung verstanden, wobei nun Hinduismus und Buddhismus besonders gewürdigt werden. Das Konzil sagt feierlich, dass es in den verschiedenen Religionen “Wahres” und “Heiliges” gebe und dass es selbst die konkreten Formen und Lehren dieser Religionen mit aufrichtigem Ernst betrachte. Zur Würdigung dieser Aussagen müsste freilich herangezogen werden, was in der Kirchenkonstitution
Artikel 16, im Missionsdekret Artikel 7, in der pastoralen Konstitution Artikel 22 gesagt wird: auch ein Mensch sogar, der von der geschichtlichen Botschaft des Christentums nicht erreicht wurde, ja auch ein Atheist, kann schuldlos sein und so, von der erlösenden Gnade Gottes (“auf Gott bekannten Wegen”) erreicht, einen heilswirkenden Glauben (und Liebe) haben und so das Heil erlangen.  
   Von da aus ist es eigentlich selbstverständlich, dass sich von diesem in ungeheuerem Heilsoptimismus anerkannten inneren Besitz des eigentlichen Heilsgutes auch im “Heiden” Auswirkungen in den Religionen selbst finden müssen, in denen er konkret sein Verhältnis zu Gott lebt. Zu der eigenen Sendung der Kirche bekennt sich das Konzil in einer ausgewogenen Formulierung: die Kirche muss unablässig Jesus Christus verkünden, in dem die “Fülle des religiösen Lebens” zu finden ist, “in dem Gott alles mit sich versöhnt hat”. Aber auch an dieser Stelle bleibt die frühere Sendungsauffassung der Kirche, alle Menschen möglichst schnell sich eingliedern zu können, unerwähnt. Vielmehr werden die Glieder der Kirche zum Gespräch und zur Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen ermahnt, ja sogar: sie sollen die geistlichen und sittlichen Güter und die sozialkulturellen Werte der anderen anerkennen, wahren und fördern, dabei immer das Zeugnis des eigenen Glaubens geben. Auf eine weitere Konkretisierung dieses Dialogs, dem das an Pfingsten 1964 gegründete Sekretariat für die Nichtchristen dienen will, wird hier nicht eingegangen.
   Artikel 3 spricht voller Hochachtung vom Islam, dem ebenfalls eine kurze Beschreibung gewidmet wird. Die Tatsache, dass dieser Artikel wohl eher aus taktischen Erwägungen zustande kam, sollte dessen sachliche Bedeutung nicht mehr beeinträchtigen vgl. Kirchenkonstitution, Artikel 16. Der Appell an alle, das Vergangene beiseite zu lassen und sich in Zukunft zu verstehen und zusammenzuarbeiten, ist wichtig genug und eines der Zeugnisse aufrichtiger Großherzigkeit des Konzils.
   Der 4. Artikel
bringt nun das Thema, um dessentwillen die ganze Erklärung entstand: das Verhältnis von Juden und Christen. In dieser Frage gab es mehr zu bereinigen als nur eine grausame, unbewältigte Vergangenheit, in der sich die Christen vieler Sünden, blutiger und moralischer Verfolgungen der Juden und heute offenkundiger Lügen (z.B. Ritualmordlüge und Verzerrungen der jüdischen Lehre) schuldig gemacht hatten. Tatsache ist, dass bis zu diesem Konzil der unmenschliche und unchristliche Antisemitismus auch aus vielen Bestandteilen der katholischen Liturgie, Katechese und Predigt immer neue Nahrung erhielt. Johannes XXIII. war entschlossen, dem ein Ende zu machen, was jedoch mit nur administrativen Maßnahmen (Säuberung der liturgischen Bücher) angesichts der Hartnäckigkeit unterschwelliger Komplexe und Aggressionstriebe nicht möglich war. Neben alldem fehlte in der katholischen Theologie eine “Theologie Israels” (im Unterschied zu der primitiven Auseinandersetzung “Kirche” - “Synagoge”) so gut wie ganz. Die Art und Weise, wie der Artikel in 7 knappen Absätzen diese komplexen Probleme angeht, ist bewundernswert.
   Der erste Teil ruft nachdrücklich in Erinnerung, dass der Glaube, die Erwählung und die Berufung der Kirche in Israel ihren Anfang haben und Israel die bleibende Wurzel der Kirche aus Juden und Heiden ist. Die Worte, dass die Kirche das “dankbaren Herzens” anerkenne, sind aus unbegreiflichen Gründen in der letzten Textfassung gestrichen worden. Im Fortgang Abrahams aus seiner Heimat, im Auszug Israels aus Ägypten: in dieser Pilgerschaft im Glauben erkennt sich die Kirche in Wahrheit vorgebildet. Der zweite Absatz sagt mit Paulus Röm 9, was alles in der Kirche den Juden gehört und von den Juden stammt, nicht zuletzt Jesus, dem Fleische nach ein Jude. Mit Nachdruck erklärt der dritte Absatz, dass nach dem Zeugnis des Apostels die Juden immer noch von Gott geliebt sind. Die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unwiderruflich. Für die katholische Theologie wird diese neuerliche Betonung des souveränen Heilswillens Gottes von großer Bedeutung sein. Darüber hinaus sind hier wertvolle Elemente für eine Theologie der Heilsgeschichte und für eine christliche Eschatologie enthalten.
   Als praktische Folgerung ergibt sich schon aus diesem Absatz, dass trotz der hier erwähnten Ablehnung Jesu in Israel die Juden niemals als “verworfen” bezeichnet werden dürfen. Der vierte Absatz weist auf die nötige gegenseitige Kenntnis und Achtung hin, der vor allem biblische und theologische Studien und brüderliche Gespräche dienen.
   Im fünften Absatz wird auf die Verantwortlichkeit der Juden für den Tod Jesu eingegangen. In historischer Argumentation wird festgestellt, dass die Ereignisse des Lebens Jesu weder allen damals lebenden Juden noch den heutigen Juden (eine bare Selbstverständlichkeit) zur Last gelegt werden dürfen. Historisch gesehen, sind für den Tod Jesu verantwortlich: “eine kleine Gruppe Juden, ein Römer und eine Handvoll Syrer, die zur 10., in Palästina stationierten Kohorte gehörten”. Und all diesen hat der Herr am Kreuz vergeben. Eine solche historische Argumentation ist nur angesichts einer unbegreiflichen menschlichen Borniertheit notwendig, die den Sinn des Todes Jesu nicht zu erfassen vermag, der wegen der “Sünde der Welt”, also auch wegen unserer eigenen, unser Todesschicksal erlitt. Dass in der Endfassung des Textes die Anklage der Juden wegen “Gottesmord” nicht mehr zurückgewiesen wird, ist verständlich, weil die Worte “Mord” und “Gottesmord” in diesem Zusammenhang zu pathologisch-dumm sind, als dass das Konzil darauf hätte eingehen müssen. Statt dessen wird im Blick auf die Zukunft allen Katholiken untersagt, in Katechese und Predigt die Juden als von Gott verworfen oder verflucht darzustellen. Der sechste Absatz beklagt alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen, namentlich und ausdrücklich aber den Antisemitismus jedweder Spielart. Der Wortlaut ist eindeutig und wird künftig jeden Zuwiderhandelnden in der Kirche bloßstellen. Dennoch hätte das Konzil gerade an dieser Stelle mit größerem Autoritätseinsatz als nur mit dem schwächlichen “beklagt” sprechen können. Um alle theologischen Zweifel zu zerstreuen, geht der siebte Absatz noch einmal auf die Freiheit des Leidens Christi ein, auf die Sünden aller Menschen, auf das Kreuz als Zeichen der universalen Liebe Gottes.
  Artikel 5 spricht zum Schluss von der Brüderlichkeit aller Menschen, von der  Gleichheit von Mensch und Mensch, von Volk und Volk. Feierlich wird jede Diskriminierung eines Menschen, jeder Gewaltakt gegen einen Menschen wegen seiner Rasse oder Farbe, wegen seines Standes oder seiner Religion verurteilt. Dieser Appell wird “mit leidenschaftlichem Ernst” vorgetragen.

va-Vat.II-zII. Vatikanisches Konzil

Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra Aetate

  1. In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit um so größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht. Gemäß ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern, fasst sie vor allem das ins Auge, was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt.
   Alle Völker sind ja eine einzige Gemeinschaft, sie haben denselben Ursprung, da Gott das ganze Menschengeschlecht auf dem gesamten Erdkreis wohnen ließ
vgl. Apg 17,26
; auch haben sie Gott als ein und dasselbe letzte Ziel. Seine Vorsehung, die Bezeugung seiner Güte und seine Heilsratschlüsse erstrecken sich auf alle Menschen vgl. Weish. 8,1; Apg 14,17; Röm 2,6-7;1 Tim 2,4, bis die Erwählten vereint sein werden in der Heiligen Stadt,  deren Licht die Herrlichkeit Gottes sein wird; werden doch alle Völker in seinem Lichte wandeln vgl. Apg 21,23f.
   Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?
   2. Von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist, und nicht selten findet sich auch die Anerkenntnis einer höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters. Diese Wahrnehmung und Anerkenntnis durchtränkt ihr Leben mit einem tiefen religiösen Sinn. Im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Kultur suchen die Religionen mit genaueren Begriffen und in einer mehr durchgebildeten Sprache Antwort auf die gleichen Fragen. So erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Geheimnis und bringen es in einem unerschöpflichen Reichtum von Mythen und in tiefdringenden philosophischen Versuchen zum Ausdruck und suchen durch aszetische Lebensformen oder tiefe Meditation oder liebendvertrauende Zuflucht zu Gott Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Lage. In den verschiedenen Formen des Buddhismus wird das radikale Ungenügen der veränderlichen Welt anerkannt und ein Weg gelehrt, auf dem die Menschen mit frommem und vertrauendem Sinn entweder den Zustand vollkommener Befreiung zu erreichen oder - sei es durch eigene Bemühung, sei es vermittels höherer Hilfe - zur höchsten Erleuchtung zu gelangen vermögen. So sind auch die übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen bemüht, der Unruhe des menschlichen Herzens auf verschiedene Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen: Lehren und Lebensregeln sowie auch heilige Riten.
   Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist “der Weg, die Wahrheit und das Leben”
Jo 14,6, in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat  vgl. 2 Kor 5,18-19.
  
Deshalb mahnt sie ihre Söhne, dass sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.
   3. Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde vgl. Gregor VII., Ep. III, 21 ad Anazir (Al-Nãsir), regem Mauritaniae, ed. E. Caspar in MGH, Ep. sel. II, 1920, I, 288, 11-15; PL 148, 451 A, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten.
   Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.

   4. Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist. So anerkennt die Kirche Christi, dass nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Mose und den Propheten finden. Sie bekennt, dass alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach vgl. Gal 3,7 in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und dass in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, dass sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind vgl. Röm 11,17-24. Denn die Kirche glaubt, dass Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat vgl. Eph 2,14-16. Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stamm- verwandten sagt, dass “ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und dass aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt” Röm 9,4-5, der Sohn der Jungfrau Maria. Auch hält sie sich gegenwärtig, dass aus dem jüdischen Volk die Apostel stammen, die Grundfesten und Säulen der Kirche, sowie die meisten jener ersten Jünger, die das Evangelium Christi der Welt verkündet haben. Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt vgl. Lk 19,44, und ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt vgl. Röm 11,28. Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich vgl. Röm 11, 28-29; vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen Gentium: AAS 57 (1965) 20. “Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm Schulter an Schulter dienen" Soph 3,9; vgl. Is 66, 23; Ps 65,4; Röm 11, 11- 32.
   Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist. Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben vgl. Jo 19,6, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, dass niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht.
   Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.
   Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden.

   5. Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern. Das Verhalten des Menschen zu Gott dem Vater und sein Verhalten zu den Menschenbrüdern stehen in so engem Zusammenhang, dass die Schrift sagt: “Wer nicht liebt, kennt Gott nicht” 1 Jo 4,8. So wird also jeder Theorie oder Praxis das Fundament entzogen, die zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk bezüglich der Menschenwürde und der daraus fließenden Rechte einen Unterschied macht.
   Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht. Und dementsprechend ruft die Heilige Synode, den Spuren der heiligen Apostel Petrus und Paulus folgend, die Gläubigen mit leidenschaftlichem Ernst dazu auf, dass sie “einen guten Wandel unter den Völkern führen”
1 Petr 2,12 und womöglich, soviel an ihnen liegt, mit allen Menschen Frieden halten vgl. Röm 12,18, so dass sie in Wahrheit Söhne des Vaters sind, der im Himmel ist vgl. Mt 5,45.

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Papst: Nein zu Fundamentalismus, Ja zu Elendsbekämpfung  - Generalaudienz: 50 Jahre “Nostra aetate”

   Eine Generalaudienz im Zeichen des interreligiösen Dialogs: Papst Franziskus hat vor tausenden Pilgern und Besuchern auf dem Petersplatz am Mittwoch die Konzilserklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen gewürdigt. Dieses Dialogdokument wurde vor genau 50 Jahren veröffentlicht. Ungewöhnlich bei einer Generalaudienz: Zwei Kardinäle erläuterten die Bedeutung der Erklärung „Nostra aetate“ und anschließend wurden einige Abschnitte aus dem Dokument vorgelesen. Die Präsidenten der Päpstlichen Räte für den interreligiösen Dialog und für die Förderung der Einheit der Christen – also Kardinal Jean-Louis Tauran und Kardinal Kurt Koch – umarmten den Papst. Ein internationaler und vor allem interreligiöser Kongress findet in diesen Tagen an der römischen Papst-Universität Gregoriana statt.
„Nostra aetate“ ist aktuell
   Das Dialogdokument „Nostra aetate“ sei auch in unserer Zeit aktuell, so der Papst in seiner Ansprache bei der Generalaudienz. Die Abhängigkeit unter den Völkern sei gewachsen und gleichzeitig auch die „Suche nach dem Sinn des Lebens, des Leides und des Todes“, so der Papst. Auch gehöre es zu den Grundfragen der Menschheit seit jeher, nach ihrem Ursprung und dem gemeinsamen Schicksal zu suchen. Das Konzilsdokument habe aber auch auf die Einzigartigkeit der Menschheitsfamilie hingewiesen, erinnerte der Papst. So gehöre es auch zur Aufgabe der Kirche, immer offen für den Dialog mit allen zu sein und gleichzeitig der Wahrheit treu zu bleiben.
Viel erreicht
   Es sei schon viel erreicht worden, fügte Franziskus an. Er erinnerte an die Treffen in Assisi, angefangen bei jenem vom 27. Oktober 1986 auf Initiative des heiligen Papstes Johannes Paul II. Einen besonderen Hinweis richtete der Papst auf die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Kirche und dem Judentum. Aus einander fremden „Feinden“ seien Freunde und Brüder geworden, so der Papst. Das Konzilsdokument „Nostra aetate“ habe den Weg geebnet für ein „Ja“ zur Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums und ein entschiedenes „Nein“ zu jeder Form von Antisemitismus sowie die Verurteilung jeder Diskriminierung und Verfolgung, die sich daraus ergäben. Gegenseitiges Kennen, Respekt und Achtung seien der Weg, der besonders für die Beziehung mit dem Judentum, aber auch für jene mit den anderen Religionen gelte. Was für den Dialog mit dem Judentum gelte, sei auch beim Gespräch mit dem Islam wichtig: es bedürfe eines offenen und ehrlichen Dialogs. Im Übrigen teilten Christen und Muslime denselben Glauben an den einen lebendigen und barmherzigen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde.
Offen und achtungsvoll
   Zum interreligiösen Dialog sagte der Papst, es sei wichtig, dass das Gespräch immer offen und achtungsvoll sei. Ziel und Zweck dieses Dialogs: der gegenseitige Respekt, fügte er an. Deshalb mahnte er zu mehr Zusammenarbeit zwischen den Religionsgemeinschaften und allen „Menschen guten Willens“. Hier seien auch jene miteinbezogen, die sich keiner Religion zugehörig fühlten. Jeder Mensch sei aufgerufen, bei der Lösungsfindung der Weltprobleme mitzuhelfen. Dies bedeute nicht, dass Gläubige a priori Patentrezepte hätten, um die vielen Hürden und Hindernisse des Alltags zu überwinden. Aber einen „Ass im Ärmel“ hätten sie jedoch und zwar das Gebet.
Kein Platz für Gewalt und Terrorismus
   Der Papst erinnerte daran, dass jegliche Gewalt und terroristische Akte nichts mit Religion zu tun hätten. Leider seien die Religionen dadurch verdächtig geworden. Deshalb würden viele sogar der Religion die Schuld am Elend geben. Es sei ihm bewusst, dass keine Glaubensgemeinschaft vor fundamentalistischen oder extremistischen Tendenzen – sei es von Einzelnen, sei es von Gruppen – gefeit sei. Franziskus empfahl, die positiven Werte in den Blick zu nehmen. Jeder Religion schlage er dies vor und sie könnten so „zu Quellen der Hoffnung“ werden.
Samen des Guten
   Der interreligiöse Dialog könne viel Gutes für alle bringen und das Elend bekämpfen, so der Papst. Ein Dialog, der sich auf vertrauensvollem Respekt gründe, werde so zu einem „Samen des Guten“. Daraus keime dann Freundschaft, Zusammenarbeit und neues Vertrauen. Davon würden vor allem junge und ältere, arme und ausgestoßene Menschen profitieren. Man müsse deshalb gemeinsam gehen und sich gegenseitig einander annehmen sowie sich aber auch um die Schöpfung kümmern, erinnerte der Papst. Hierzu gehörten auch der Schutz des menschlichen Lebens, der Respekt der Grundrechte und Freiheiten sowie die Gewissens- und Religionsfreiheit. In der katholischen Kirche heiße dies schlicht und einfach „Nächstenliebe“. Eine gute Gelegenheit hierzu bilde das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“, so der Papst weiter. Es handele sich um ein Jahr, das auch an Menschen gerichtet sei, die nicht glaubten oder einfach nur auf der Suche nach Gott und der Wahrheit seien. Mit Gott sei alles möglich, so der Papst abschließend. Rv151028mg

 50 Jahre Jahre nach “Nostra aetate” . Reflexion und Weiterführung Lesen Sie weiter > > > Nostra aetate

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Islam-Gast im Vatikan: „Papst ist unser Freund“ -   Papst Franziskus traf bei der Generalaudienz
Vertreter der unterschiedlichen Weltreligionen. Anlass war die 50-Jahr-Feier des Dekrets "Nostra aetate"

   Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften haben im Anschluss an die Generalaudienz am Mittwochmittag Papst Franziskus kurz getroffen und danach im vatikanischen Pressesaal darüber berichtet. Das Treffen fand im Rahmen des 50-Jahr-Jubiläums der Erklärung „Nostra aeate“ statt. Dieses Dokument sei ein „grundlegender Schritt, der den Weg des Dialogs zwischen der Kirche und Muslimen geebnet hat“. Das sagte der Islam-Vertreter, Abdellah Redouane, bei dem interreligiösen Treffen. Er ist Generalsekretär des muslimischen Kulturrates in Italien. Bei der Pressekonferenz im Vatikan sagte er weiter: „14 Jahrhunderte lang gab es keinen offiziellen Dialog zwischen der Kirche und uns. Dieses Dokument von 1965 hat Tore geöffnet und die Zusammenarbeit gefördert,“ so Redouane. Er würdigte Papst Franziskus „als Freund der Muslime“ und fügte an: „Der Papst hat in der Generalaudienz ein grundlegendes Anliegen des Islam wiederholt: Gott als Mittelpunkt unseres Lebens. Damit verbunden sind die Pflichten des Gebets, des Almosengebens und des Fastens. Mit diesen Worten haben wir gespürt, wie nahe der Papst sich uns fühlt. Das ist im Übrigen nicht das erste Mal. Seit seiner Amtseinführung hat er gezeigt, wie offen er für den Dialog mit uns ist.“
   Die Muslime unterstützten weltweit die Anliegen des Papstes, wenn es darum gehe, die Würde eines jeden Menschen zu schützen und zu fördern, fügte Redouane an. Die Welt brauche eine solche moralische Autorität wie Papst Franziskus.
   An dem Treffen mit dem Papst nahmen über 50 Vertreter von islamischen Verbänden teil. An der Pressekonferenz im Vatikan nahmen auch Vertreter des Judentums, Buddhisten, Hindus, Jainisten und Sikh teil. Rv151028mg

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   Die Vorlesung des Papstes in der Universität Regensburg Foto oben über Glaube und Vernunft führte zu Irritationen bei einigen Muslimen. Besonders diese Worte von Papst Benedikt XVI. führten zum Widerspruch: “Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten - später entstandenen - Bestimmungen über den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von 'Schriftbesitzern' und 'Ungläubigen' einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer, uns überraschend schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: 'Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten'.”
  “Der Kaiser begründet ... dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. 'Gott hat kein Gefallen am Blut', sagt er, 'und nicht vernunftgemäß... zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider'...” “Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.
  Theodore Khoury, kommentiert dazu: “Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit.”

APOSTOLISCHE REISE VON PAPST BENEDIKT XVI. NACH MÜNCHEN, ALTÖTTING UND REGENSBURG
 (9.-14. SEPTEMBER 2006). TREFFEN MIT DEN VERTRETERN AUS DEM BEREICH DER WISSENSCHAFTEN.
Ansprache von Papst Benedikt  in der Aula Magna der Universität Regensburg am 12. September 2006.
Hier bringen wir die Vorlesung des Papstes im Wortlaut: 

Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen.

  Eminenzen, Magnifizenzen, Exzellenzen, verehrte Damen und Herren! Es ist für mich ein bewegender Augenblick, noch einmal in der Universität zu sein und noch einmal eine Vorlesung halten zu dürfen. Meine Gedanken gehen dabei zurück in die Jahre, in denen ich an der Universität Bonn nach einer schönen Periode an der Freisinger Hochschule meine Tätigkeit als akademischer Lehrer aufgenommen habe. Es war – 1959 – noch die Zeit der alten Ordinarien-Universität. Für die einzelnen Lehrstühle gab es weder Assistenten noch Schreibkräfte, dafür aber gab es eine sehr unmittelbare Begegnung mit den Studenten und vor allem auch der Professoren untereinander. In den Dozentenräumen traf man sich vor und nach den Vorlesungen. Die Kontakte mit den Historikern, den Philosophen, den Philologen und natürlich auch zwischen beiden Theologischen Fakultäten waren sehr lebendig. Es gab jedes Semester einen sogenannten Dies academicus, an dem sich Professoren aller Fakultäten den Studenten der gesamten Universität vorstellten und so ein Erleben von Universitas möglich wurde – auf das Sie, Magnifizenz, auch gerade hingewiesen haben – die Erfahrung nämlich, dass wir in allen Spezialisierungen, die uns manchmal sprachlos füreinander machen, doch ein Ganzes bilden und im Ganzen der einen Vernunft mit all ihren Dimensionen arbeiten und so auch in einer gemeinschaftlichen Verantwortung  für den rechten Gebrauch der Vernunft stehen  –  das wurde erlebbar. Die Universität war auch durchaus stolz auf ihre beiden Theologischen Fakultäten. Es war klar, dass auch sie, indem sie nach der Vernunft des Glaubens fragen, eine Arbeit tun, die notwendig zum Ganzen der Universitas scientiarum gehört, auch wenn nicht alle den Glauben teilen konnten, um dessen Zuordnung zur gemeinsamen Vernunft sich die Theologen mühen. Dieser innere Zusammenhalt im Kosmos der Vernunft wurde auch nicht gestört, als einmal verlautete, einer der Kollegen habe geäußert, an unserer Universität gebe es etwas Merkwürdiges: zwei Fakultäten, die sich mit etwas befassten, was es gar nicht gebe – mit Gott. Dass es auch solch radikaler Skepsis gegenüber notwendig und vernünftig bleibt, mit der Vernunft nach Gott zu fragen und es im Zusammenhang der Überlieferung des christlichen Glaubens zu tun, war im Ganzen der Universität unbestritten.
   All dies ist mir wieder in den Sinn gekommen, als ich kürzlich den von Professor Theodore Khoury - Münster - herausgegebenen Teil des Dialogs las, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit führte. Der Kaiser hat vermutlich während der Belagerung von Konstantinopel zwischen 1394 und 1402 den Dialog aufgezeichnet; so versteht man auch, dass seine eigenen Ausführungen sehr viel ausführlicher wieder- gegeben sind, als die seines persischen Gesprächspartners. Der Dialog erstreckt sich über den ganzen Bereich des von Bibel und Koran umschriebenen Glaubensgefüges und kreist besonders um das Gottes- und das Menschenbild, aber auch immer wieder notwendigerweise um das Verhältnis der, wie man sagte, „drei Gesetze” oder „drei Lebensordnungen”: Altes Testament – Neues Testament – Koran. Jetzt, in dieser Vor- lesung möchte ich darüber nicht handeln, nur einen – im Aufbau des ganzen Dialogs eher marginalen – Punkt berühren, der mich im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft fasziniert hat und der mir als Ausgangspunkt für meine Überlegungen zu diesem Thema dient.
   In der von Professor Khoury herausgegebenen siebten Gesprächsrunde (dialéxis-Kontroverse) kommt der Kaiser auf das Thema des Djihād, des heiligen Krieges zu sprechen. Der Kaiser wusste sicher, dass in
Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns die Kenner sagen, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Bestimmungen über den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von „Schriftbesitzern” und „Ungläubigen” einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer, uns überraschend schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vor- geschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten” (*1). Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. „Gott hat kein Gefallen am Blut”, sagt er, „und nicht vernunftgemäß, nicht „σyn logo” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung … Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann ...”.
   Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln  ist dem Wesen Gottes zuwider
(*2). Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, dass Ibn Hazn so weit gehe zu erklären, dass Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und dass nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.
   An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert. Hier tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert. Ist es nur griechisch zu glauben, dass vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst?  Ich denke, dass an dieser Stelle der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar wird. Den ersten Vers der Genesis, den ersten Vers der Heiligen Schrift überhaupt abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft. Johannes hat uns damit das abschließende Wort des biblischen Gottesbegriffs geschenkt, in dem alle die oft mühsamen und verschlungenen Wege des biblischen Glaubens an ihr Ziel kommen und ihre Synthese finden. Im Anfang war der Logos, und der Logos ist Gott, so sagt uns der Evangelist. Das Zusammentreffen der biblischen Botschaft und des griechischen Denkens war kein Zufall. Die Vision des heiligen Paulus, dem sich die Wege in Asien verschlossen und der nächtens in einem Gesicht einen Mazedonier sah und ihn rufen hörte: Komm herüber und hilf uns
Apg 16,6–10 – diese Vision darf als Verdichtung des von innen her nötigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen gedeutet werden.
   Dabei war dieses Zugehen längst im Gang. Schon der geheimnisvolle Gottesname vom brennenden Dornbusch, der diesen Gott aus den Göttern mit den vielen Namen herausnimmt und von ihm einfach das „Ich bin”, das Dasein aussagt, ist eine Bestreitung des Mythos, zu der der sokratische Versuch, den Mythos zu überwinden und zu übersteigen, in einer inneren Analogie steht. Der am Dornbusch begonnene Prozess kommt im Innern des Alten Testaments zu einer neuen Reife während des Exils, wo nun der landlos und kultlos gewordene Gott Israels sich als den Gott des Himmels und der Erde verkündet und sich mit einer einfachen, das Dornbusch-Wort weiterführenden Formel vorstellt: „Ich bin’s.” Mit diesem neuen Erkennen Gottes geht eine Art von Aufklärung Hand in Hand, die sich im Spott über die Götter drastisch ausdrückt, die nur Machwerke der Menschen seien
vgl. Ps 115. So geht der biblische Glaube in der hellenistischen Epoche bei aller Schärfe des Gegensatzes zu den hellenistischen Herrschern, die die Angleichung an die griechische Lebensweise und ihren Götterkult erzwingen wollten, dem Besten des griechischen Denkens von innen her entgegen zu einer gegenseitigen Berührung, wie sie sich dann besonders in der späten Weisheits-Literatur vollzogen hat. Heute wissen wir, dass die in Alexandrien entstandene griechische Übersetzung des Alten Testaments – die Septuaginta – mehr als eine bloße (vielleicht sogar wenig positiv zu beurteilende) Übersetzung des hebräischen Textes, nämlich ein selbständiger Textzeuge und ein eigener wichtiger Schritt der Offenbarungsgeschichte ist, in dem sich diese Begegnung auf eine Weise realisiert hat, die für die Entstehung des Christentums und seine Verbreitung entscheidende Bedeutung gewann. Zutiefst geht es dabei um die Begegnung zwischen Glaube und Vernunft, zwischen rechter Aufklärung und Religion. Manuel II. hat wirklich aus dem inneren Wesen des christlichen Glaubens heraus und zugleich aus dem Wesen des Griechischen, das sich mit dem Glauben verschmolzen hatte, sagen können: Nicht „mit dem Logos” handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.
  Hier ist der Redlichkeit halber anzumerken, dass sich im Spätmittelalter Tendenzen der Theologie entwickelt haben, die diese Synthese von Griechischem und Christlichem aufsprengen. Gegenüber dem sogenannten augustinischen und thomistischen Intellektualismus beginnt bei Duns Scotus eine Position des Voluntarismus, die schließlich in den weiteren Entwicklungen dahin führte zu sagen, wir kennten von Gott nur seine
Voluntas ordinata. Jenseits davon gebe es die Freiheit Gottes, kraft derer er auch das Gegenteil von allem, was er getan hat, hätte machen und tun können. Hier zeichnen sich Positionen ab, die denen von Ibn Hazn durchaus nahekommen können und auf das Bild eines Willkür-Gottes zulaufen könnten, der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist. Die Transzendenz und die Andersheit Gottes werden so weit übersteigert, dass auch unsere Vernunft, unser Sinn für das Wahre und Gute kein wirklicher Spiegel Gottes mehr sind, dessen abgründige Möglichkeiten hinter seinen tatsächlichen Entscheiden für uns ewig unzugänglich und verborgen bleiben. Demgegenüber hat der kirchliche Glaube immer daran festgehalten, dass es zwischen Gott und uns, zwischen seinem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie gibt, in der zwar – wie das vierte Laterankonzil 1215 sagt – die Unähnlichkeiten unendlich größer sind als die Ähnlichkeiten, aber eben doch die Analogie und ihre Sprache nicht aufgehoben werden. Gott wird nicht göttlicher dadurch, dass wir ihn in einen reinen und undurchschaubaren Voluntarismus entrücken, sondern der wahrhaft göttliche Gott ist der Gott, der sich als Logos gezeigt und als Logos liebend für uns gehandelt hat. Gewiss, die Liebe „übersteigt“, wie Paulus sagt, die Erkenntnis und vermag daher mehr wahrzunehmen als das bloße Denken vgl. Eph 3,19, aber sie bleibt doch Liebe des Gottes-Logos, weshalb christlicher Gottesdienst ”logikä latreia” ist – Gottesdienst, der im Einklang mit dem ewigen Wort und mit unserer Vernunft steht vgl. Röm 12,1.
   Dieses hier angedeutete innere Zugehen aufeinander, das sich zwischen biblischem Glauben und griechischem philosophischem Fragen  vollzogen hat, ist ein nicht nur religionsgeschichtlich, sondern weltgeschichtlich entscheidender Vorgang, der uns auch heute in die Pflicht nimmt. Wenn man diese Begegnung sieht, ist es nicht verwunderlich, dass das Christentum trotz seines Ursprungs und wichtiger Entfaltungen im Orient schließlich seine geschichtlich entscheidende Prägung in Europa gefunden hat. Wir können auch umgekehrt sagen: Diese Begegnung, zu der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann.
   Der These, dass das kritisch gereinigte griechische Erbe wesentlich zum christlichen Glauben gehört, steht die Forderung nach der Enthellenisierung des Christentums entgegen, die seit dem Beginn der Neuzeit wachsend das theologische Ringen beherrscht. Wenn man näher zusieht, kann man drei Wellen des Enthellenisierungs- programms beobachten, die zwar miteinander verbunden, aber in ihren Begründungen und Zielen doch deutlich voneinander verschieden sind.
   Die Enthellenisierung erscheint zuerst mit den Anliegender Reformation des 16. Jahrhunderts verknüpft. Die Reformatoren sahen sich angesichts der theologischen Schultradition einer ganz von der Philosophie her bestimmten Systematisierung des Glaubens gegenüber, sozusagen einer Fremdbestimmung des Glaubens durch ein nicht aus ihm kommendes Denken. Der Glaube erschien dabei nicht mehr als lebendiges geschichtliches Wort, sondern eingehaust in ein philosophisches System. Das
Sola Scriptura sucht demgegenüber die reine Urgestalt des Glaubens, wie er im biblischen Wort ursprünglich da ist. Metaphysik erscheint als eine Vorgabe von anderswoher, von der man den Glauben befreien muss, damit er ganz wieder er selber sein könne. In einer für die Reformatoren nicht vorhersehbaren Radikalität hat Kant mit seiner Aussage, er habe das Denken beiseite schaffen müssen, um dem Glauben Platz zu machen, aus diesem Programm heraus gehandelt. Er hat dabei den Glauben ausschließlich in der praktischen Vernunft verankert und ihm den Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit abgesprochen.
   Die liberale Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts brachte eine zweite Welle im Programm der Enthellenisierung mit sich, für die Adolf von Harnack als herausragender Repräsentant steht. In der Zeit, als ich studierte, wie in den frühen Jahren meines akademischen Wirkens war dieses Programm auch in der katholischen Theologie kräftig am Werk. Pascals Unterscheidung zwischen dem Gott der Philosophen und dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs diente als Ausgangspunkt dafür. In meiner Bonner Antrittsvorlesung von 1959 habe ich mich damit auseinanderzusetzen versucht, und möchte dies alles hier nicht neu aufnehmen. Wohl aber möchte ich wenigstens in aller Kürze versuchen, das unterscheidend Neue dieser zweiten Enthellenisierungswelle gegenüber der ersten herauszustellen. Als Kerngedanke erscheint bei Harnack die Rückkehr zum einfachen Menschen  Jesus und zu seiner einfachen Botschaft, die allen Theologisierungen und eben auch Hellenisierungen voraus liege: Diese einfache Botschaft stelle die wirkliche Höhe der religiösen Entwicklung der Menschheit dar. Jesus habe den Kult zugunsten der Moral verabschiedet. Er wird im letzten als Vater einer menschenfreundlichen moralischen Botschaft dargestellt. Dabei geht es Harnack im Grunde darum, das Christentum wieder mit der modernen Vernunft in Einklang zu bringen, eben indem man es von scheinbar philosophischen und theologischen Elementen wie etwa dem Glauben an die Gottheit Christi und die Dreieinheit Gottes befreie. Insofern ordnet die historisch- kritische Auslegung des Neuen Testaments, wie er sie sah, die Theologie wieder neu in den Kosmos der Universität ein: Theologie ist für Harnack wesentlich historisch und so streng wissenschaftlich. Was sie auf dem Weg der Kritik über Jesus ermittelt, ist sozusagen Ausdruck der praktischen Vernunft und damit auch im Ganzen der Universität vertretbar. Im Hintergrund steht die neuzeitliche Selbstbeschränkung der Vernunft, wie sie in Kants Kritiken klassischen Ausdruck gefunden hatte, inzwischen aber vom naturwissenschaftlichen Denken weiter radikalisiert wurde. Diese moderne Auffassung der Vernunft beruht auf einer durch den technischen Erfolg bestätigten Synthese zwischen Platonismus (Cartesianismus) und Empirismus, um es verkürzt zu sagen. Auf der einen Seite wird die mathematische Struktur der Materie, sozusagen ihre innere Rationalität vorausgesetzt, die es möglich macht, sie in ihrer Wirkform zu verstehen und zu gebrauchen: Diese Grundvoraussetzung ist sozusagen das platonische Element im modernen Naturverständnis. Auf der anderen Seite geht es um die Funktionalisierbarkeit der Natur für unsere Zwecke, wobei die Möglichkeit der Verifizierung oder Falsifizierung im Experiment erst die entscheidende Gewissheit liefert. Das Gewicht zwischen den beiden Polen kann je nachdem mehr auf der einen oder der anderen Seite liegen. Ein so streng positivistischer Denker wie J. Monod hat sich als überzeugter Platoniker bezeichnet.
   Dies bringt zwei für unsere Frage entscheidende Grundorientierungen mit sich. Nur die im Zusammenspiel von Mathematik und Empirie sich ergebende Form von Gewissheit gestattet es, von Wissenschaftlichkeit zu sprechen. Was Wissenschaft sein will, muss sich diesem Maßstab stellen. So versuchten dann auch die auf die menschlichen Dinge bezogenen Wissenschaften wie Geschichte, Psychologie, Soziologie, Philosophie sich diesem Kanon von Wissenschaftlichkeit anzunähern. Wichtig für unsere Überlegungen ist aber noch, dass die Methode als solche die Gottesfrage ausschließt und sie als unwissenschaftliche oder vorwissenschaftliche Frage erscheinen lässt. Damit aber stehen wir vor einer Verkürzung des Radius von  Wissenschaft und Vernunft, die in Frage gestellt werden muss.
   Darauf werde ich zurückkommen. Einstweilen bleibt festzustellen, dass bei einem von dieser Sichtweise her bestimmten Versuch, Theologie „wissenschaftlich” zu erhalten, vom Christentum nur ein armseliges Fragmentstück übrigbleibt. Aber wir müssen mehr sagen: Wenn dies allein die ganze Wissenschaft ist, dann wird der Mensch selbst dabei verkürzt. Denn die eigentlich menschlichen Fragen, die nach unserem Woher und Wohin, die Fragen der Religion und des Ethos können dann nicht im Raum der gemeinsamen, von der so verstandenen „Wissenschaft” umschriebenen Vernunft Platz finden und müssen ins Subjektive verlegt werden. Das Subjekt entscheidet mit seinen Erfahrungen, was ihm religiös tragbar erscheint, und das subjektive „Gewissen” wird zur letztlich einzigen ethischen Instanz. So aber verlieren Ethos und Religion ihre gemeinschaftsbildende Kraft und verfallen der Beliebigkeit. Dieser Zustand aber ist für die Menschheit gefährlich: Wir sehen es an den uns bedrohenden Pathologien der Religion und der Vernunft, die notwendig ausbrechen müssen, wo die Vernunft so verengt wird, dass ihr die Fragen der Religion und des Ethos nicht mehr zugehören. Was an ethischen Versuchen von den Regeln der Evolution oder von Psychologie und Soziologie her bleibt, reicht einfach nicht aus.
   Bevor ich zu den Schlussfolgerungen komme, auf die ich mit alledem hinaus will, muss ich noch kurz die dritte Enthellenisierungswelle andeuten, die zurzeit umgeht. Angesichts der Begegnung mit der Vielheit der Kulturen sagt man heute gern, die Synthese mit dem Griechentum, die sich in der alten Kirche vollzogen habe, sei eine erste Inkulturation des Christlichen gewesen, auf die man die anderen Kulturen nicht festlegen dürfe. Ihr Recht müsse es sein, hinter diese Inkulturation zurückzugehen auf die einfache Botschaft des Neuen Testaments, um sie in ihren Räumen jeweils neu zu inkulturieren. Diese These ist nicht einfach falsch, aber doch vergröbert und ungenau. Denn das Neue Testament ist griechisch geschrieben und trägt in sich selber die Berührung mit dem griechischen Geist, die in der vorangegangenen Entwicklung des Alten Testaments gereift war. Gewiss gibt es Schichten im Werdeprozess der alten Kirche, die nicht in alle Kulturen eingehen müssen. Aber die Grundentscheidungen, die eben den Zusammenhang des Glaubens mit dem Suchen der menschlichen Vernunft betreffen, die gehören zu diesem Glauben selbst und sind seine ihm gemäße Entfaltung.
   Damit komme ich zum Schluss. Die eben in ganz groben Zügen versuchte Selbstkritik der modernen Vernunft schließt ganz und gar nicht die Auffassung ein, man müsse nun wieder hinter die Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden. Das Große der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt: Wir alle sind dankbar für die großen Möglichkeiten, die sie dem Menschen erschlossen hat und für die Fortschritte an Menschlichkeit, die uns geschenkt wurden. Das Ethos der Wissenschaftlichkeit – Sie haben es angedeutet Magnifizenz – ist im übrigen Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern Ausdruck einer Grundhaltung, die zu den wesentlichen Entscheiden des Christlichen gehört. Nicht Rücknahme, nicht negative Kritik ist gemeint, sondern um Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs geht es. Denn bei aller Freude über die neuen Möglichkeiten des Menschen sehen wir auch die Bedrohungen, die aus diesen Möglichkeiten aufsteigen und müssen uns fragen, wie wir ihrer Herr werden können. Wir können es nur, wenn Vernunft und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden; wenn wir die selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen. In diesem Sinn gehört Theologie nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie, als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein.
   Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen. In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen. Dabei trägt, wie ich zu zeigen versuchte, die moderne naturwissenschaftliche Vernunft mit dem ihr innewohnenden platonischen Element eine Frage in sich, die über sie und ihre methodischen Möglichkeiten hinausweist. Sie selber muss die rationale Struktur der Materie wie die Korrespondenz zwischen unserem Geist und den in der Natur waltenden rationalen Strukturen ganz einfach als Gegebenheit annehmen, auf der ihr methodischer Weg beruht. Aber die Frage, warum dies so ist, die besteht doch und muss von der Naturwissenschaft weitergegeben werden, an andere Ebenen und Weisen des Denkens – an Philosophie und Theologie. Für die Philosophie und in anderer Weise für die Theologie ist das Hören auf die großen Erfahrungen und Einsichten der religiösen Traditionen der Menschheit, besonders aber des christlichen Glaubens, eine Erkenntnisquelle, der sich zu verweigern eine unzulässige Verengung unseres Hörens und Antwortens wäre. Mir kommt da ein Wort des Sokrates an Phaidon in den Sinn. In den vorangehenden Gesprächen hatte man viele falsche philosophische Meinungen berührt, und nun sagt Sokrates: Es wäre wohl zu verstehen, wenn einer aus Ärger über so viel Falsches sein übriges Leben lang alle Reden über das Sein hasste und schmähte. Aber auf diese Weise würde er der Wahrheit des Seienden verlustig gehen und einen sehr großen Schaden erleiden. Der Westen ist seit langem von dieser Abneigung gegen die grundlegenden Fragen seiner Vernunft bedroht und könnte damit nur einen großen Schaden erleiden. Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe – das ist das Programm, mit dem eine dem biblischen Glauben verpflichtete Theologie in den Disput der Gegenwart eintritt. „Nicht vernunftgemäß, nicht mit dem Logos handeln ist dem Wesen Gottes zuwider”, hat Manuel II. von seinem christlichen Gottesbild her zu seinem persischen Gesprächspartner gesagt. In diesen großen Logos, in diese Weite der Vernunft laden wir beim Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner ein. Sie selber immer wieder zu finden, ist die große Aufgabe der Universität.
        Der Text ist nach der Vorlesung mit wissenschaftlichen Anmerkungen versehen. Zwei davon zitieren wir hier:
(*1) Dieses Zitat ist in der muslimischen Welt leider als Ausdruck meiner eigenen Position aufgefasst worden und hat so begreiflicherweise Empörung hervorgerufen.  Ich hoffe, dass der Leser meines Textes sofort erkennen kann, dass dieser Satz nicht meine eigene Haltung dem Koran gegenüber ausdrückt, dem gegenüber ich die Ehrfurcht empfinde, die dem heiligen Buch einer großen Religion gebührt. Bei der Zitation des Texts von Kaiser Manuel II. ging es mir einzig darum, auf den wesentlichen Zusammenhang zwischen Glaube und Vernunft hinzuführen. In diesem Punkt stimme ich Manuel zu, ohne mir deshalb seine Polemik zuzueignen. (*2) Einzig um dieses Gedankens willen habe ich den zwischen Manuel und seinem persischen Gesprächspartner geführten Dialog zitiert. Er gibt das Thema der folgenden Überlegungen vor.

B-M4xx Uni Regensburg

   Mit dieser Vorlesung in Regensburg hat Papst Benedikt XVI. zu einem Dialog der Religionen eingeladen, der von 38 islamischen und dann auch von 130 weiteren moslemischen Gelehrten erwidert wurde.  “Die Rede war und ist in ihrer Gesamtheit eine Einladung zum offenen und ehrlichen Dialog, mit großem gegenseitigen Respekt.” Beide Schreiben folgen hier in eigener Übersetzung:

Islamführer aus aller Welt bieten einen „Dialog der Herzen" an. Offener Brief an Papst Benedikt XVI.
 als Antwort auf die Regensburger Vorlesung des Papstes:

   38 muslimische Religionsführer und Theologen von herausragender politischer Stellung und intellektuellem Prestige aus aller Welt haben in einem offenen Brief an Papst Benedikt XVI. dessen Einladung zum Dialog aufgenommen und sachliche Vorschläge für Gespräche zwischen der katholischen Kirche und der Welt des Islams unterbreitet. Die Religionsführer weisen auf die besondere Verantwortung von Christen und Muslimen für den Weltfrieden hin. Die Auseinandersetzung müsse vom „Zorn der Straßen” zu einem offenen und ernsthaften Dialog der Herzen und des Geistes finden. Dabei gehe es um gegenseitiges Verständnis und Respekt der beiden religiösen Traditionen.
   Mit dem im Internet zugänglichen Brief der 38 muslimischen Führer, sowohl Sunniten als auch Schiiten, der am Sonntag in dem in Los Angeles erscheinenden „Islamica Magazine” veröffentlicht wurde, bahnt sich zum ersten Mal in der Geschichte zwischen dem Islam und der katholischen Kirche ein ernsthafter Dialog auf höchster Ebene an.
   Dafür spricht der Rang der Unterzeichner des sieben Seiten umfassenden Dokuments. Es sind unter anderen die Großmuftis von Ägypten, Bosnien, Kroatien, Istanbul, dem Kosovo, Oman, Russland, Slowenien, Usbekistan, dazu religiöse Autoritäten aus Saudi-Arabien, den Arabischen Emiraten, Indien, Indonesien, Iran, dem Irak, Kuweit, Malaysia, Marokko und Pakistan. Das sei, so wurde in Rom kommentiert, nicht die ganze islamische Welt, die weder eine höchste Autorität noch ein verbindliches Lehramt kennt, jedoch ein bemerkenswerter Teil, der Einfluss im Islam habe.
   Die Unterzeichner anerkennen das Eintreten des Papstes in seiner Regensburger Vorlesung gegen den in der westlichen Welt vorherrschenden Relativismus, weisen jedoch - ohne die aus der islamischen Welt bisher gewohnte Erregung - mit dem gebotenen Respekt auf einige „Irrtümer” hin, denen Benedikt offenbar anhänge. Sie nehmen mit Befriedigung zur Kenntnis, dass Benedikt mehrfach sein Bedauern über Missverständnisse ausgedrückt habe. Vor allem, so heißt es in dem Brief, werde geschätzt, dass das Zitat des byzantinischen Kaisers über Mohammed nicht die Meinung des Papstes wiedergebe und er sich davon „mit vollem und tiefen Respekt für die muslimischen Gläubigen” distanziert habe.
   Mit besonderer Aufmerksamkeit wurde im Vatikan vermerkt, dass die religiösen Führer auf Sachfragen eingegangen seien und darüber klärende Gespräche für geboten hielten. Das betrifft vor allem die Hauptfragen: ob die Bestimmung des Korans „kein Zwang in Glaubenssachen” auch für den Islam an der Macht gelte.
   Es geht auch um die Frage, wie die auch vom Islam vertretene Transzendenz Gottes sich zur Vernunft, zur Gewalt als Vernunftwidrigkeit verhalte; ob Zwangsbekehrungen dem Koran entsprächen; und schließlich, ob Mohammed etwas Neues darin gebracht habe, was die Glaubensüberzeugung eines anderen betreffe. Damit nehmen die Unterzeichner des Briefes genau die Anfragen des “Regensburger Manifests” über das Verhältnis von Glauben und Vernunft, Religion und Gewalt in den Weltreligionen auf. Zudem erinnert der Brief daran, dass Christen und Muslime 55 Prozent der Weltbevölkerung bildeten und dass deshalb ihr Dialog in gegenseitigem Respekt und Verstehen notwendig für den Frieden in der Welt sei.   
   Im Verhältnis zwischen der katholischen und der russisch-orthodoxen Kirchenführung mehrten sich in letzter Zeit die Zeichen wachsenden Verständnisses und des Wunsches nach Annäherung, auch dank der Bemühungen des zuständigen Präsidenten im vatikanischen Rat zur Förderung der Einheit der Christen, des deutschen Kardinals Kasper. Auch schienen durch Briefe des Papstes und des Patriarchen Alexij II. an die Konfe- renz der katholischen europäischen Bischöfe (CCEE) zu größerem Engagement für die Einheit der Christen Missverständnisse der Vergangenheit gemindert.
   Zugleich zeichnete sich in Rom  - sechs Wochen vor dem Besuch Benedikts in der Türkei, bei dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel in Istanbul - eine Verständigung zwischen dem Vatikan und der Russischen Orthodoxen Kirche ab, die schon im nächsten Jahr in einen Besuch des Papstes in Moskau bei dem Patriarchen Alexij II. münden könnte. Eine solche Visite war von Johannes Paul II., dem polnischen Vorgänger des deutschen Papstes auf dem Stuhl Petri, stets gewünscht, ihm jedoch immer versagt worden.
FAZhjf061016

38Mxx

Offener Brief von 38 führenden Muslim-Gelehrten und Führern an Papst Benedikt XVI.

   Ein beispielloser Vorgang, ein offener Brief wurde an Papst Benedikt XVI. am 12. Oktober 2006 gesandt, unterschrieben von 38 geistlichen Gelehrten und Führern aus aller Welt. Dieser Brief ist das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit der unterzeichneten Repräsentanten des Islam: Scheich Ali Jumu’ah, Großmufti von Ägypten, Scheich Abdullah bin Bayyah, Hoher islamischer Geistlicher und Vizepräsident von Mauretanien a.D., Scheich Sa’id Ramadan Al-Buti, Syrien, und die Großmuftis von Russland, Bosnien, Kroatien, Kosovo, Slowenien, Istanbul, Usbekistan und Oman, sowie Führer der Schiiten wie Ajatolla Muhammad Ali Taskhiri, Iran. Der Brief trägt weiter die Unterschriften von Seiner Königlichen Hoheit Prinz Ghazi bin Muhammad bin Talal von Jordanien und muslimischen Gelehrten im Westen wie Scheich Hamza Yusuf, Kalifornien, Prof. Seyyed Hossein Nasr von der George Washington Universität in Washington DC, und Prof. Tim Winter von der Universität Cambridge.
   Sämtliche acht geistliche und juristische Schulen des Islam sind durch ihre Unterzeichner vertreten, darunter eine Professorin. Insofern ist dieser Brief einzigartig in der Geschichte der interreligiösen Beziehungen.
   Der Brief wurde im Geist des Guten Willens geschrieben, als Antwort auf einige Bemerkungen des Papstes in seiner Vorlesung an der Universität Regensburg am 12. September 2006. Der Brief befasst sich mit den hauptsächlichen Streitfragen der Diskussion zwischen dem mittelalterlichen Kaiser Manuel II. Paläologos und einem „gebildeten Perser”, zu den Themen „Vernunft und Glaube”, „Zwangskonversion”, „Dschihad” und „Heiliger Krieg”, sowie der Beziehung zwischen Christentum und Islam. Diese Kernthemen beschäftigten den Papst auf hohem Niveau, das weit über das strittige Zitat des Kaisers hinausging. Der Brief weist hin auf die vermeintlichen Fehler und Vereinfachungen der päpstlichen Rede über den islamischen Glauben und seine Praxis.
   Die islamischen Unterzeichner des Briefes würdigen den persönlichen Ausdruck des Bedauerns des Papstes über die moslemische Reaktion und sind dankbar, dass die vom Papst zitierten Worte des byzantinischen Kaisers nicht seine eigene Meinung widerspiegeln. Die Unterzeichner folgen den Richtlinien des Korans zu einer „fairen” Diskussion und hoffen so ein gegenseitiges Verständnis zu erreichen, die Wahrheit wieder herzustellen, um des Friedens willen die Diskussion zu beruhigen und die moslemische Würde zu bewahren.
   Christen und Moslems bilden mehr als die Hälfte einer zusammenwachsenden Menschheit. Beide Seiten sind dem Frieden verpflichtet und müssen auf einen freien und ernsten Dialog des Herzens und des Verstandes hinarbeiten, der zu tieferem Verständnis und Respekt der beiden religiösen Traditionen führt. Die moslemischen Gelehrten unten betonen, dass beide Religionen lehren, was die Christenheit nennt:„die beiden größten Gebote”. Das Gebot, dass „der Herr unser Gott ein einziger ist” und dass wir Ihn lieben müssen mit allem, was wir im Urzeugnis des Islam bewahren: „Es gibt keinen Gott außer Gott”. Das zweite Gebot „den Nächsten zu lieben wie dich selbst” wird auch im Wort des Propheten gefunden: „Keiner von euch glaubt, wenn er nicht für seinen Nachbarn (in anderer Überlieferung ‚für seinen Bruder’) wünscht, was er für sich selbst wünscht”. Die Unterzeichner des Briefes verbinden die positiven Beziehungen, die der Vatikan mit der islamischen Welt in der Vergangenheit hatte, mit der Hoffnung, dass diese in Zukunft weitergeführt werden und noch wachen.
IslamicaMagazine061015

Im Namen Gottes, des Mitfühlenden, des Barmherzigen, Frieden und Segen sei mit dem Propheten Mohammad 

B-38Isl1xxB-38Isl2xx

Fotos (v.l.n.r.): Ravil Gainutdin, Obermufti von Russland, Ahmad Hassoun, Obermufti von Syrien, Ali Jumuah, Obermufti von Ägypten. Mustafa Ceric, Obermufti von Bosnien-Hercegowina, Mustafa Cagrici, Obermufti von Istanbul, Ahmad Hasyim Muzadi, Vorsitzender der Nahdat al-Ulema, Indonesien.   FAZ061024
Offener Brief an Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI.      Eigene Übersetzung: kbwn.
Im Namen Gottes des Mitfühlenden, des Barmherzigen, streitet mit den Leuten des Buches nie anders als auf eine möglichst gute Art ... Der Heilige Koran, al-Ankabut, 29:46

Eure Heiligkeit,
   unter Bezugnahme auf Ihre Vorlesung in der Universität Regensburg in Deutschland am 12. September 2006 halten wir es im Geist einer offenen Begegnung für angemessen, die Diskussion zwischen Kaiser Manuel II. Paläologos und einem „persischen Gelehrten” anzusprechen,  die Sie zum Ausgangspunkt  für einen Diskurs über die Beziehung zwischen Vernunft und Glaube nahmen. Während wir Ihren Kampf gegen die Herrschaft des Positivismus und Materialismus im menschlichen Leben begrüßen, müssen wir doch einige Irrtümer ansprechen, wie Sie den Islam als Gegenbild zum ordentlichen Gebrauch der Vernunft darstellen, wie auch einige fehlerhafte Behauptungen, die Sie zur Unterstützung Ihrer Argumentation anführen.
Kein Zwang in Glaubenssachen
 Sie erwähnen, dass „nach Meinung der Experten” der Vers, der beginnt „In der Religion gibt es keinen Zwang ...” al-Baqarah 2:256 aus der frühen Periode stammt, „in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war”, aber das ist nicht richtig. In Wirklichkeit gehört diese Sure in die Zeit der Offenbarung des Korans und somit in den politischen und militärischen Aufstieg der jungen moslemischen Gemeinschaft. Kein Zwang in Glaubenssachen war nicht ein Gebot für die Moslems, standhaft zu bleiben angesichts der Bedrängnis unter Zwang den Glauben zu widerrufen, sondern war eine Ermahnung für die Muslime selbst, wenn sie einst Macht besäßen, könnten sie nicht das Herz eines anderen zwingen zu glauben.
   Kein  Zwang in Glaubenssachen meint jene in der Position der Stärke, nicht der Schwäche. Die ältesten Kommentare zum Koran (wie der von Al-Tabari) machen deutlich, dass einige Muslime von Medina ihre Kinder zwingen wollten, vom Judentum oder Christentum zum Islam zu konvertieren  - und diese Sure war für sie eine klare Antwort, nicht ihre Kinder mit Gewalt zum Islam zu zwingen.  Mehr noch werden Muslime geführt durch Suren, die sagen: „Und sag, es ist die Wahrheit, die von eurem Herrn kommt. Wer nun will, möge glauben, und wer will, möge nicht glauben ...” al-Kahf 18:29; und: „Sag, Ihr Ungläubigen! Ich verehre nicht, was ihr verehrt, und ihr verehrt nicht, was ich verehre. Und ich verehre nicht, was ihr bisher immer verehrt habt, und ihr verehrt nicht, was ich verehre. Ihr habt Eure Religion und ich die meine.”
al-Kafirun: 109:1-6.
Die Transzendenz Gottes
Sie haben auch gesagt, „für die muslimische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent” – eine Vereinfachung, die zu Missdeutung führen kann. Der Koran hält fest: „Er ist der Schöpfer von Himmel und Erde ...”
asch-shura 42:11
, aber der Koran lehrt auch: “Allah ist das Licht von Himmel und Erde ...” al- Nur 24:35; und: Wir sind ihm näher als seine Halsadern  Qaf 50:16;  und: „Er ist der Erste und der Letzte, (deutlich) erkennbar und (zugleich) verborgen ...” al-Hadid 57:3 und:... er ist mit euch, wo ihr auch seid ...” al- Hadid 57:4; und: “... wohin ihr euch wenden möget, da habt ihr Allahs Antlitz vor euch ...” al- Baqarah 2:115. Lasst uns also das Wort des Propheten in Erinnerung rufen, das festhält, dass Gott sagt: „Wenn ich ihn liebe (den Beter), bin ich sein Gehör, wenn er hört, bin ich sein Auge, wenn er sieht, die Hand, mit der er greift und der Fuß, mit dem er geht.” Sahih al-Bukhari Nr. 6502, Kitab al Riqaq.
   In der islamischen Spiritualität, in der theologischen und philosophischen Tradition, ist der von Ihnen erwähnte Denker Ibn Hazm (+1069) eine verdienstvolle, aber doch Randfigur. der zur Zahiri-Rechtsschule gehörte, der in der heutigen islamischen Welt niemand mehr folgt. In der klassischen Transzendenzlehre gibt es bedeutendere Muslime wie al-Ghazali (+1111) und viele andere, die einflussreicher und repräsentativer für den Islam sind als Ibn Hazm. 
   „Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner”, so argumentieren Sie mit einem Zitat, „ist evident: Gott hat kein Gefallen am Blut”. Als Gegenbeispiel führen Sie die moslemische Lehre an: „Gott ist absolut transzendent.” Es ist aber eine Vereinfachung, die missverstanden werden kann, wenn Sie sagen: „Gottes Wille (im Islam) ist an keine unserer Kategorien gebunden (und sei es die der Vernünftigkeit). Gott hat viele Namen im Islam wie: der Barmherzige, der Gerechte, der Sehende, der Hörende, der Wissende, der Liebende, der Sanftmütige. Die tiefste Überzeugung von Gottes Einzigartigkeit und dass es in der
Sure al-Ikhlas 112:4 heißt: „keiner kann sich mit ihm messen,” hat die Muslime nicht dazu geführt Gottes Zuschreibung dieser Eigenschaften zu ihm selbst und zu (einigen) seiner Geschöpfe zu leugnen (wobei der Begriff ‚Kategorie’ zunächst beiseite gestellt werden soll; dieser Begriff bedarf im Kontext noch einer weiteren Klärung). Was nun Seinen Willen anbetrifft - daraus zu schließen, dass Muslime an einen launischen Gott glauben, der vielleicht oder auch nicht zum Bösen verführt, heißt zu vergessen, dass Gott im Koran sagt: „Allah befiehlt (zu tun), was recht und billig ist, gut zu handeln, und den Verwandten zu geben (was ihnen zusteht). Und er verbietet (zu tun),  was abscheulich und verwerflich ist, und gewalttätig zu sein. Er ermahnt euch (damit).  Vielleicht würdet ihr die Mahnung annehmen.” al-Nahl, 16:90. Auch würde man vergessen, dass Gott im Koran sagt: (Allah) „hat sich (den Gläubigen gegenüber?) zur Barmherzigkeit verpflichtet.” al-An’aam, 6:12, siehe auch: 6:54. Weiter sagt Gott im Koran: „... aber meine Barmherzigkeit kennt keine Grenzen ...” al- A’raaf 7:156. Das Wort für Barmherzigkeit, rahmah, kann auch übersetzt warden mit Liebe, Freundlichkeit und Mitleid. Von diesem Wort rahmah kommt die heilige Formel, die Muslime täglich sprechen: Im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Mitfühlenden. Ist es nicht evident, dass Vergießen von unschuldigem Blut sich gegen Barmherzigkeit und Mitleid richtet?
Der Gebrauch der Vernunft

   Die islamische Tradition ist reich an Erforschungen der Natur der menschlichen Intelligenz und ihre Beziehung zur  Natur Gottes und Seines Willens, einschließlich der Frage, was evident ist und was nicht. Jedoch besteht der Gegensatz zwischen „Vernunft” einerseits und „Glaube” andererseits nicht exakt in der gleichen Weise im islamischen Denken. Eher haben sich Muslime mit der Kraft und den Grenzen menschlicher Intelligenz auf eine Hierarchie der Erkenntnis geeinigt, von der die Vernunft ein äußerst wichtiger Teil ist. Im allgemeinen hat die islamische Lehrtradition zwei Extreme vermieden: 1. den analytischen Verstand zum letzten Richter der Wahrheit zu machen, und 2. die Fähigkeit menschlichen Verstehens, letzte Fragen anzusprechen, zu leugnen. Bedeutender aber ist, dass muslimische Forschung Jahrhunderte hindurch in ihrer reifsten Hauptrichtung eine Übereinstimmung gefunden hat zwischen der Wahrheit der koranischen Offenbarung und den Erfordernissen menschlicher Intelligenz, ohne eins für das andere zu opfern. Gott sagt: „ ...  Wir werden sie (draußen) in der weiten Welt und in ihnen selber unsere Zeichen sehen lassen, damit ihnen klar wird, dass es die Wahrheit ist(was ihnen verkündet ist)...”
Fussilat 41:53. Vernunft selbst ist eines der vielen Zeichen in uns, wodurch Gott uns einlädt zu meditieren und uns damit zu befassen als einen Weg zur Erkenntnis der Wahrheit.
Was ist „Heiliger Krieg”?
   Wir möchten hier feststellen, dass “Heiliger Krieg” kein Begriff ist, der in den islamischen Sprachen existiert. Dschihad – das muss deutlich gesagt werden – bedeutet Kampf, und im besonderen Einsatz für die Sache Gottes. Dieser Kampf kennt viele Formen, einschließlich den Gebrauch von Gewalt. Obgleich ein Dschihad ein entschlossener  Kampf für ein heiliges Ideal sein kann, ist er nicht notwendigerweise ein „Krieg”. Außerdem ist es bemerkenswert, dass Manuel II. Paläologos sagt, dass „Gewalt” im Widerspruch zum Wesen Gottes steht, dabei hat doch Christus selbst Gewalt gegen die Geldwechsler im Tempel ausgeübt und selbst gesagt: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert...”
Mt 10,34-36. Als Gott den Pharao ertränkte – war das gegen Sein eigenes Wesen? Vielleicht wollte der Kaiser sagen, dass Grausamkeit, Brutalität und Agression gegen Gottes Willen ist, dann hätte er das klassische und überlieferte Gesetz des Dschihad im Islam absolut richtig verstanden.
   Sie sagen: „Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Be- stimmungen über den heiligen Krieg.”  Aber wie wir oben in Bezug auf „Kein Zwang in Glaubenssachen” sagten, sind diese erwähnten Bestimmungen keineswegs später entstanden. Mehr noch: die Feststellung des Kaisers über Zwangskonversionen zeigen, dass er nicht weiß, was diese Bestimmungen sind und immer waren.
 Die maßgebenden und überlieferten islamischen Kriegsregeln können wie folgt zusammengefasst werden:
   1. Nicht-Kriegsteilnehmer sind keine erlaubten oder legale Ziele. Dies wurde ausdrücklich und immer wieder vom Propheten betont, auch von seinen Begleitern und von der weitergegebenen Tradition.
   2. Der religiöse Glaube allein macht niemand zum Angriffsziel. Die ursprüngliche moslemische Gemeinschaft kämpfte gegen Heiden, die sie vertrieben, verfolgt, gemartert und ermordet hatten. Die späteren islamischen Eroberungen waren politischer Natur.
   3. Muslime können und sollen friedlich mit ihren Nachbarn leben. „Und wenn sie dem Frieden zuneigen, dann neige (auch du) dich ihm zu (und lass vom Kampf ab)! Und vertrau auf Allah! ...”
al- Anfaal, 8:61. Das schließt jedoch nicht eine legitime Selbstverteidigung und Erhaltung der Souveränität aus.
   Muslime sind im Gehorsam ebenso an diese Bestimmungen gebunden, wie sie Diebstahl und Ehebruch unterlassen müssen. Wenn eine Religion Regeln für den Krieg aufstellt und die Voraussetzungen festlegt, wann dieser notwendig und gerecht ist, bedeutet das nicht, dass sie kriegerisch ist, ebenso wie die Aufstellung von Normen der Sexualität eine Religion anzüglich macht. Wenn einige eine lange und wohlbegründete Tradition missachtet haben wegen utopische Träume, in denen das Ziel die Mittel rechtfertigt, haben sie auf eigene Faust gehandelt und nicht in Übereinstimmung mit Gott, mit Seinem Propheten oder der überlieferten Tradition. Gott sagt im Heiligen Koran: „ ... Und der Hass, den ihr gegen (gewisse) Leute hegt soll euch ja nicht dazu bringen, dass ihr nicht gerecht seid. Das entspricht eher der Gottesfurcht ...”
al-Ma’ida, 5:8. In diesem Zusammenhang müssen wir feststellen, dass der Mord am 17. September an einer unschuldigen katholischen Ordensschwester in Somalia – und jede andere ähnliche Tat mutwilliger Gewalt einer Einzelperson – als Antwort zu Ihrer Vorlesung  in der Universität Regensburg – völlig unislamisch ist, und wir solche Taten absolut verurteilen.
Zwangskonversion 
   Die Bemerkung, Muslimen sei geboten ihren Glauben “durch das Schwert” auszubreiten oder dass der Islam faktisch und weithin “durch das Schwert” ausgebreitet wurde, hält einer Überprüfung nicht Stand. In der Tat breitete sich der Islam als politisches Gebilde als Folge der Eroberungen aus. Weit mehr aber war die Ausbreitung Folge von Predigt und Mission. Die islamische Lehre schreibt nicht vor, dass besiegte Völker durch Zwang oder Gewalt konvertieren müssen. So blieben viele der zuerst von Muslimen besiegten Länder mehrheitlich über Jahrhunderte nicht-muslimisch. Hätten die Muslime gewollt,  dass alle anderen mit Gewalt zum Islam konvertierten, wäre nirgendwo in der islamischen Welt auch nur eine einzige Kirche oder Synagoge zurückgeblieben. Das Gebot „Es gibt keinen Zwang in Glaubenssachen“ meint dasselbe – heute wie damals. Die bloße Tatsache, dass jemand nicht Moslem ist, war zu keiner Zeit ein Kriegsgrund im islamischen Gesetz oder Glauben. Was die Kriegsregeln angeht so zeigt die Geschichte, dass einige Moslems islamische Grundsätze bezüglich der Zwangskonversion verletzt haben, das betrifft auch die Behandlung anderer religiöser Gemeinschaften. Aber die Geschichte zeigt auch, dass dies bei weitem die Ausnahme ist, die die Regel bestätigt. Nachdrücklich stimmen wir zu, dass andere zum Glauben zu zwingen – wenn das überhaupt möglich ist – Gott nicht gefällt und Gott hat kein Gefallen an Blut. Wir glauben wirklich, und Moslems haben immer geglaubt, „... dass, wenn einer jemanden tötet (und zwar) nicht (etwa zur Rache) für jemand (anderes, der von diesem getötet worden ist) oder (zur Strafe für) Unheil, (das er) auf der Erde (angerichtet hat), es so sein soll, als ob er die Menschen alle getötet hätte...” al-Ma’ida, 5:32
Etwas Neues?

    Sie erwähnen die Behauptung des Kaisers: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten”. Was der Kaiser nicht verstanden hat – unabhängig von der Tatsache  (die wir oben erwähnten)  dass  es  nie  ein solches Gebot im Islam gab – ist dies: Der Prophet  hat  nie  behauptet, irgend etwas grundlegend Neues zu bringen. Gott sagt im heiligen Koran: „... Zu dir (Muhammad) wird nichts anderes gesagt,  als  was zu den Gesandten vor dir gesagt worden ist...” Fussilat 41:43. Und, sage (Muham- mad): „... ich bin kein Wunder von einem Gesandten (der über alles und jedes Auskunft geben könnte). Und ich weiß nicht, was mit mir, und was mit euch geschehen wird.  Ich  folge nur dem, was mir (als Offenbarung) eingegeben wird, und bin nichts als ein deutlicher Warner ...” Al-Ahqaaf 49:9. So ist der Glaube an den Einen Gott nicht Besitz einer einzigen religiösen Gemeinschaft. Nach islamischen Glauben verkündeten alle wahren Propheten dieselbe Wahrheit verschiedenen  Völkern zu unterschiedlichen Zeiten. Die Gesetze mögen unterschiedlich sein, aber die Wahrheit ist unveränderlich.
„Die Experten“
   Sie beziehen sich an einer unbedeutenden Stelle auf „Kenner” (des Islams) und zitieren dann zwei katholische Gelehrte mit Namen: Prof. (Adel) Theodor Khoury und Prof. Roger Arnaldez. Es genügt hier zu erwägen, dass sie sympathische Nicht-Muslime und katholische Christen sind, die echt als „Kenner” des Islams angesehen werden können. Muslime aber sehen diese nicht als „Experten” an, auf die Sie sich berufen, und kennen sie auch nicht an als Vertreter der Moslems oder deren Sichtweise. Am 25. September 2006 wiederholten Sie Ihre bedeutende Aussage in Köln vom 20. August 2005, „der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.” Während wir hier mit Ihnen in vollkommen übereinstimmen, erscheint uns ein wesentliches Ziel des interreligiösen Dialogs darin zu bestehen,  die Bereitschaft zuzuhören und sorgfältig die aktuelle Stimme derer zu erwägen, die am Dialog teilnehmen und nicht nur der unserer eigenen Überzeugung.

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Christentum und Islam
  Christentum und Islam sind die die größte und zweitgrößte Religion in der Welt und in der Geschichte. Christen und Muslime – so wird berichtet – machen über ein Drittel und über ein Fünftel der Menschheit aus. Zusammen umfassen sie mehr als 55 % der Weltbevölkerung. Die Beziehungen zwischen diesen beiden religiösen Gemeinschaften ist ein sehr bedeutender Faktor für die Friedensarbeit in der ganzen Welt. Als Führer von mehr als einer Milliarde katholischer Christen und als moralisches Vorbild für viele andere auf der Erde sind Sie vermutlich die einzige maßgebliche Stimme, die diese Beziehung vorantreiben kann mit dem Ziel der gegenseitigen Verständigung. Wir teilen Ihr Verlangen nach einem freien und ernsthaften Dialog und erkennen seine Bedeutung in einer zunehmend miteinander verbundenen Welt. Auf der Grundlage dieses ernsthaften und freien Dialogs hoffen wir weiterzuarbeiten an einer friedvollen und freundlichen Beziehung in gegenseitigem Respekt, in Gerechtigkeit und in der wesentlichen  Teilhabe an unserer gemeinsamen abrahamitischen Tradition,  vor allem in den ‚zwei größten Geboten’ in  Markus 12,29-31 und auch Matthäus 22,37-40 „... der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.”
Muslime würdigen die folgenden Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils:

  „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten.
Nostra Aetate, 28. Oktober 1965.
   Und in gleicher Weise die Worte des verstorbenen Papstes Johannes Paul II., für den viele Moslems große Achtung und Wertschätzung empfinden:
  „Wir Christen anerkennen mit Freude die religiösen Werte, die wir gemeinsam haben mit dem Islam. Heute möchte ich wiederholen, was ich vor einigen Jahren jungen Moslems in Casablanca sagte: ‚Wir glauben an denselben Gott, den einzigen Gott, den lebendigen Gott, den Gott, der die Welt geschaffen hat und seine Geschöpfe zur Vollendung führt”
Insegnamenti VIII/2  [1985], P497, zitiert aus der Generalaudienz vom 5. Mai 1999.
   Muslime schätzen auch Ihren beispiellosen persönlichen Ausdruck der Trauer, Ihre Klarstellung und Versicherung (am 17. September), dass Ihr Zitat nicht Ihre persönliche Meinung wiedergibt, aber auch die Bestätigung des Konzilsdokumentes
„Nostra Aetate” des Staatssekretärs Tarcisio Bertone (vom 16. September). Und schließlich anerkennen Muslime, dass Sie vor den versammelten Botschaftern islamischer Staaten (am 25. September) Ihre „Wertschätzung und den tiefen Respekt für alle Muslime“. Wir hoffen, dass wir all die Fehler der Vergangenheit vermeiden und in Zukunft zusammenleben in Frieden, in gegenseitiger Annahme und Achtung.
Und alles Lob gebührt Gott, und es gibt keine Macht noch Stärke außer durch Gott.
UNTERSCHRIFTEN IN ALPHABETISCHER ORDNUNG
 1. Allamah Abd Allah bin Mahfuz bin Bayyah, Professor, King Abd Al-Aziz Universität, Saudiarabien, Vizepräsident em.; Justizminister;
Erziehungsminister und Minister für Religiöse Angelegenheiten, Mauritanien
 2. Professor Dr.Allamah Muhammad Sa'id Ramadan Al-Buti, Dekan des Fachbereichs für Religion, Universität Damaskus, Syrien
 3.  Prof. Dr. Mustafa Cagrici, Obermufti von Istanbul
 4.  Scheich Professor Dr. Mustafa Ceric, Obermufti and Vorsitzender der Ulema  von Bosnien und Hercegowina 
 5.  Scheich Ravil Gainutdin, Obermufti von Russland
 6.  Scheich Nedzad Grabus, Obermufti von Slowenien
 7.  Scheich Al-Habib Ali Mashhour bin Muhammad bin Salim bin Hafeez, Imam der Tarim Moschee, Vorsitzender des Fatwa Rates, Tarim, Jemen
 8.  Scheich Al-Habib Umar bin Muhammad bin Salim bin Hafeez
Dekan, Dar Al-Mustafa, Tarim, Jemen
 9.  Professor Dr. Farouq Hamadah, Professor der
Traditionswissenschaften, Mohammad V. Universität,  Marokko
10. Scheich Hamza Yusuf Hanson, Gründer und Direktor des Zaytuna Instituts, Kalifornien, USA
11. Scheich Dr. Ahmad Badr Al-Din Hassoun, Obermufti der Republik Syrien
12. Dr. Scheich Izz Al-Din Ibrahim, Kulturberater, Amt des
Ministerpräsidenten, Vereinigte Arabische Emirate
13. Professor Dr. Omar Jah, Vorsitzender des Muslim-Gelehrten-Rates, Gambia, Professor der Islamischen Kultur und Ideengeschichte, Universität Gambia
14. Scheich Al-Habib Ali Zain Al-Abideen Al-Jifri, Gründer und Direktor des Taba Institutes, Vereinigte Arabische Emirate
15. Scheich Professor Dr. Ali Jumu'ah, Obermufti der Republik Ägypten
16. Professor Dr. Abla Mohammed Kahlawi, Dekan für Islamische und Arabische Studien, Al-Azhar Universität (Frauenkolleg), Ägypten
17. Professor Dr. Mohammad Hashim Kamali, Dekan am Internationalen Institut für Islamische Ideengeschichte und Kultur (IS TAC), Malaysien, Professor für Islamisches Recht, Internationale Islamische Universität, Malaysien
18. Scheich Nuh Ha Mim Keller, Scheich im Shadhili Orden und Leitendes Mitglied des Aal al-Bayt Institutes für Islamische Ideengeschichte (Jordan),USA.
19. Scheich Ahmad Al-Khalili, Obermufti des Sultanats Oman
20. Scheich Dr. Ahmad Kubaisi, Gründer der  Ulema Organisation, Irak
21. Allamah Scheich Muhammad bin Muhammad Al-Mansouri
Hohe Autorität (Marja',) der Zeidi Muslime, Jemen
22. Scheich Abu Bakr Ahmad Al-Milibari, Generalsekretär der Ahl Al-
Sunna-Gesellschaft, Indien
23. Dr. Moulay Abd Al-Kabir Al-Alawi Al-Mudghari, Generaldirektor der Bayt Mal Al-Qods Al-Sharif Agentur, Religions- minister em., Marokko
24. Scheich Ahmad Hasyim Muzadi, Generalpräsident der Nahdat al-Ulema, Indonesien
25. Professor Dr.Seyyed Hossein Nasr, Professor für Islamische Studien, George Washington Universität, Washington D.C, U.S.A.
26. Scheich Sevki Omerbasic, Obermufti von Kroatien
27. Dr. Mohammad Abd Al-Ghaffar Al-Sharif, Generalsekretär im Ministerium für Religionsangelegenheiten, Kuwait,
28. Dr.Muhammad Alwani Al-Sharif, Chef der Europäischen Akademie für Islamische Kultur und Wissenschaft, Brüssel, Belgien
29.  Scheich M. Iqbal Sullam, Stellvertr. Generalsekretär der Nahdat al-Ulema, Indonesien
30. Scheich Dr. Tariq Sweidan, Generaldirektor des Risalah Satelliten Fernsehens
31. Professor Dr.H.R.H. Prince Ghazi bin Muhammad bin Talal, Vorstandsvorsitzender des Aal al-Bayt Institutes für Isla- mische Ideengeschichte, Jordanien
32.   Ayotollah Muhammad Ali Taskhiri, Generalsekretär der Weltvereinigung für Islamische Denk- Schulen (WAPIST), Iran
33.   Shaykh Nairn Trnava, Obermufti des Kosovo
34. Dr. Abd Al-Aziz Uthman Al-Tweijri, Generaldirektor für die Organisation Islamische Erziehung, Wissenschaft und Kultur (ISESCO), Marokko
35.   Justice Mufti Muhammad Taqi Uthmani, Vizepräsident, Dar Al-Ulum, Karachi, Pakistan
36.  Scheich Muhammad Al-Sadiq Muhammad Yusuf, Obermufti von Usbekistan
37.  Scheich Abd Al-Hakim Murad Winter, Scheich Zayed Dozent für Islamische Studien, Divinity School, Universität Cambridge, U.K. Direktor des Muslim Academic Trust, UK.
38.  Scheich Muamer Zukorli, Mufti des Sanjak, Bosnien                 
IslamicaMagazin06101

B-B02xx

Auf dem Weg zu einem Kernkonsens von Christen und Muslimen? 
130 muslimische Autoritäten rufen auf zu christlich-muslimischer Versöhnung und Zusammenarbeit.

   In der vierzehnhundertjährigen Geschichte der muslimisch-christlichen Beziehungen hat es eine solche Initiative noch nicht gegeben: 138 muslimische Führungspersönlichkeiten und Gelehrte haben zum Fest des Fastenbrechens einen gemeinsam unterzeichneten „Offenen Brief und Aufruf” veröffentlicht. Die Regensburger Vorlesung des Papstes erweist sich trotz oder gerade wegen ihres provokativen Gehaltes als fruchtbar. Vor einem Jahr bereits hatten 38 muslimische Gelehrte an Papst Benedikt geschrieben. Nun scheint sich ein dauerhafter Dialog auf breiter Grundlage zu entwickeln. Der neue Brief richtet sich nicht nur an Papst Benedikt XVI., sondern auch an den Patriarchen der Orthodoxen Kirche von Konstantinopel, den Erzbischof von Canterbury und die Leiter der Lutherischen, Methodistischen, Baptistischen und Reformierten christlichen Gemeinschaften. Der Titel “Ein uns und euch gemeinsames Wort” ist dem bekannten Koranvers entnommen, der sich an die „Leute des Buches”, also Juden und Christen, wendet: „Kommt her zu einem zwischen uns und euch gleich angenommenen Wort: dass wir Gott allein dienen und ihm nichts beigesellen, und dass wir nicht einander zu Herren nehmen neben Gott” Q 3:64.
   Der Aufruf vergleicht ausgewählte Textstellen des Koran und der Bibel und kommt zu dem Schluss, dass beide „den Vorrang umfassender Liebe und Hingabe gegenüber Gott” sowie die Nächstenliebe betonen. Muslime und Christen, heißt es weiter, machten zusammen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Darum sei die Beziehung zwischen ihnen „der wichtigste Faktor im Hinblick auf einen echten Frieden weltweit”. „Als Muslime”, heißt es in dem Brief weiter, „sagen wir den Christen, dass wir nicht gegen sie sind und dass der Islam nicht gegen sie ist – so lange wie sie nicht aus religiösen Gründen Krieg gegen die Muslime führen, sie unterdrücken und sie aus ihren Häusern vertreiben”
vgl. Q 60:8. Und der Brief fügt an: „Denen, die dennoch Geschmack an Konflikt und Zerstörung um ihrer selbst willen finden oder die meinen, dass sie letztlich aus Konflikt und Zerstörung Gewinn ziehen, sagen wir: unsere unsterblichen Seelen selbst sind in Gefahr, sollten wir es versäumen, ehrlich und mit allen Kräften alles zu unternehmen um Frieden und Harmonie zu erreichen.”
   Mit dieser Initiative schält sich so etwas wie eine „islamischen Ökumene” heraus. Zu den Unterzeichnern gehören die Großmuftis von Bosnien und Herzegowina, von Russland, Kroatien, dem Kosovo und Syrien, der Generalsekretär der Organisation der Islamischen Konferenz, der frühere Mufti von Ägypten und der Gründer der Ulama Organisation im Irak, aber auch zwei Ayatollahs und weitere hochrangige schiitische, ibaditische und ismailitische Würdenträger und Gelehrte. Das königliche Aal al-Bayt Institut für Islamisches Denken in Jordanien ist der Impulsgeber, wie schon bei dem vorangegangenen Brief an den Papst. Einer der treibenden Intellektuellen hinter der beispiellosen Initiative, Dr. Aref Ali Nayed vom Interfaith Program an der Universität Cambridge (UK), sagt, es handle sich um „einen Konsens [der Muslime weltweit]” und „einen Meilenstein”.  
   Unübersehbar fehlen Vertreter der islamistischen Richtung, etwa so gewichtige Namen wie Tariq Ramadan und Yusuf al-Qaradawi, beide dem Umfeld der Muslimbrüder zuzurechnen. Auch fehlt der Scheikh der einflussreichen ägyptischen al-Azhar-Universität, Muhammad Saiyid Tantawi. Dagegen sticht bei den sunnitischen Unterzeichnern die relativ starke Präsenz von Personen und Institutionen ins Auge, die der offiziellen saudischen Richtung zuzurechnen sind.
   Kein Zweifel, der Brief der muslimischen Religionsführer und -gelehrten verdient wache Aufmerksamkeit, nicht zuletzt auf christlicher Seite. Für jemanden, der sich wie ich schon Jahrzehnte lang im religiösen Dialog der Christen und Muslime engagiert hat, ist schon der Versuch bemerkenswert, einen breiten Konsens unter muslimischen Führungspersönlichkeiten zu erreichen. Diese Anstrengung hat sicher nicht zuletzt das Ziel, dass der Islam im globalen Konzert weltanschaulicher Stimmen als eine distinkte und klar artikulierte Stimme vernommen und ernst genommen wird. Die Kirche kann das nur begrüßen. Wer die beeindruckende Liste der Unterzeichner aus allen Teilen der Welt und aus verschiedenen sozialreligiösen Kontexten liest, wird erkennen, dass es die islamische und die christliche Welt im Sinne geographisch abgrenzbarer Bereiche nicht mehr gibt. Christen und Muslime nehmen heute weltweit am Leben verschiedenartiger Gesellschaften und Staatsgebilde teil, die allesamt plural zusammengesetzt sind. Zunehmend werden selbst Gesellschaften wie die pakistanische und die saudische religiös plural. Der Brief der Gelehrten kann als eine tastende Anerkennung dieser Tatsachen gelesen werden. Die neue Runde im Dialog wäre dann auch ein positives Ergebnis der Globalisierung.
   Die Gelehrten stellen die „allumfassende, konstante und aktive Liebe Gottes” als das zentrale Gebot aller drei monotheistischen Religionen heraus. Das ist bemerkenswert, zumal das Schreiben dazu nicht nur Texte des Koran sondern auch der jüdischen und christlichen Bibel heranzieht. Seltsam berührt dann allerdings, wenn die Gemeinschaft der jüdischen Gläubigen, deren kurze Bekenntnisformel in Deuteronomium
6,4-6 das Schreiben selbst als den „Zentraltext des Alten Testaments und der jüdischen Liturgie” bezeichnet und dem sich – richtig verstanden – sowohl das Neue Testament wie auch der Koran verdanken, in diesem Aufruf einfach übergangen wird. Kann es aber eine tragfähige muslimisch-christliche „Übereinkunft” und eine fruchtbare Zusammenarbeit der Monotheisten auf der Basis des Doppelgebotes der Liebe geben - ohne Einbeziehung der jüdischen Gläubigen?
   Allein die Tatsache, dass dieses Schreiben auf biblische Texte eingeht, die wortwörtlich autorisierten jüdischen und christlichen Bibelübersetzungen entnommen sind, ist Aufsehen erregend. Deutet sich hier etwa ein Bruch mit der klassischen muslimischen Lehre an? Nach dem Koran gelten die Heiligen Schriften der Juden und Christen ja eigentlich als Dokumente der „Korruption” (tahrīf) der Überlieferung - mit der Folge, dass Muslime diesen Texten die Zuverlässigkeit absprechen und sie deshalb auch nicht als gemeinsame Grundlage für den Dialog anerkennen. Das Buch der Psalmen wird zum Beispiel von Muslimen weder liturgisch noch privat rezitiert, obwohl der Koran wiederholt von den Psalmen spricht, die David gegeben wurden
vgl. Q 4:163; 17:55. So darf gefragt werden: Suchen die Autoren des Schreibens die aus der Bibel zitierten Texte wirklich aus ihrem eigenen, genuin biblischen, näheren und weiteren Kontext zu verstehen und zu interpretieren? Oder könnte es sein, dass diese im Schreiben zitierten biblischen Texte von den muslimischen Autoren nur insofern als autoritativ akzeptiert und zitiert werden, weil sie vermeintlich mit dem Koran ganz und gar identische Aussagen machen? Die zitierten biblischen Texte wären dann für Muslime und alle übrigen Menschen deshalb als offenbart und damit normativ zu akzeptieren, weil und sofern sie genau dasselbe sagen wie die entsprechenden Texte des Koran. Wie dem auch sei, die eben erwähnte für das jüdisch-christlich-muslimische Gespräch äußerst wichtige islamische Lehre von der willentlichen Veränderung der biblischen Texte durch Juden und Christen wird in diesem Schreiben weder erwähnt, noch explizit modifiziert.
   Vor allem aber: Auch für dieses Schreiben und seine Autoren bleiben Muhammad, sein Leben und seine Auslegung der koranischen Weisungen Gottes (ahkam) der absolute Maßstab für die korrekte Auslegung des Kerngebots von Gottes- und Nächstenliebe. Mit anderen Worten, Muhammads spezifische Weise, das Kerngebot der Liebe des einen Gottes und des Nächsten zunächst in Mekka und dann in Medina in die Praxis zu übersetzen, bleibt unbedingt maßgebend für die Muslime heute, sofern sie nach seinem Vorbild ihr individuelles und kollektives Leben gestalten. Die islamischen Gelehrten entnehmen das Motto ihres Briefes einer relativ frühen medinensischen Sure (meist in die Jahre 624-625 datiert). Sie stellen sich aber nicht dem Problem, wie die einladende Haltung dieses Verses mit der unduldsamen Haltung späterer Suren
vgl. vor allem Sure 9 zu vereinbaren sei. Auch wenn die Theologen sich über die zentrale Bedeutung des Doppelgebots der Liebe in den drei Religionen einigen könnten, wären weiter massive Differenzen substantieller Art zu erwarten, wenn es um die Umsetzung dieses Kerngebots in die konkreten Lebenswelten pluraler Gesellschaften im Hier und Jetzt geht. Denken wir nur an Fragen wie die des Umfangs und der Stellung der Scharia, der Menschenrechte und des Verhältnisses von Staat und Religion. Bietet das Kerngebot der Gottes- und Nächstenliebe allein tatsächlich schon eine tragfähige Basis für ein friedliches und harmonisches Leben in Verschiedenheit? 
   Es trifft sich, dass fast gleichzeitig mit dem Schreiben der 138 muslimischen Autoritäten die Botschaft des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog an die Muslime veröffentlicht worden ist. In diesem Jahr lautet ihr Thema: Christen und Muslime: aufgerufen, eine Kultur des Friedens zu fördern. Die jährlichen Botschaften des päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog „an die lieben muslimischen Freunde”, die seit 1967 jährlich anlässlich des Fest des Fastenbrechens veröffentlicht worden sind, gehören sicherlich einer anderen literarischen Gattung an als der „Offene Brief” der 138 muslimischen Führer. Allerdings darf man davon ausgehen, dass der Autor der diesjährigen Botschaft, Jean-Louis Kardinal Tauran, den der Papst erst vor einigen Monaten zum neuen Präsidenten des Rates ernannt hat, nicht nur die Positionen des Zweiten Vatikanischen Konzils sondern auch die besonderen Akzentsetzungen Benedikts XVI. zum Ausdruck bringt. Der Kardinal spricht im Namen der katholischen Weltkirche, einer Gemeinschaft, deren Mitgliederzahl der Zahl der Muslime in etwa entspricht und die ebenso wie die Gemeinschaft der Muslime in virtuell allen Ländern der Erde vertreten ist.  

 Präsident des Rates für interreligiösen Dialog   cdJean-LouisTauran-x     Kardinal Jean-Louis Tauran

   Kardinal Tauran betrachtet das Verlangen nach „freundschaftlichen und konstruktiven Beziehungen” als solchen und nicht diese oder jene Auswahl von Texten der jeweiligen Heiligen Schriften von Juden, Christen und Muslimen als gemeinsamen Ausgangspunkt. Die Heiligen Schriften nehmen im Glauben der Christen und Muslime einen verschiedenen Stellenwert ein und werden von ihnen jeweils recht verschieden interpretiert. Tauran betont die Bedeutung des „Planes des Schöpfers”, d.h. der vernunftgemäßen Gesetze und Strukturen, die nicht nur Christen und Muslime sondern grundsätzlich jeder Mensch wahrnehmen kann. Diesem „Plan” entsprechen in unserem Zusammenhang Werte wie etwa: Dienst an den Schwestern und Brüdern, Solidarität und Brüderlichkeit „mit den Mitgliedern der anderen Religionen und mit allen Menschen guten Willens”. Hier wird auch auf den Auftrag an alle hingewiesen, für den Frieden zu arbeiten, auf dem Weg über „Achtung der persönlichen und gemeinschaftlichen Überzeugungen eines jeden einzelnen” sowie mittels der „Freiheit der Religionsausübung, die sich nicht auf die einfache Kultfreiheit einschränken lässt” und die als Teil der Gewissensfreiheit jeder Person zusteht und einen Eckpfeiler der Menschrechte darstellt. Es ist erfreulich, wenn islamische Theologen die Bibel im Geiste der Gemeinsamkeit zitieren. Wenn sich jedoch zugleich die Lage der Christen in vielen islamisch mehrheitlichen Ländern verschlechtert und ihre Religionsfreiheit weiter eingeschränkt wird, zeigt sich, wo die wahren Herausforderungen für das Leben in einer auch religiös globalisierten Welt liegen.
   Der Aufruf des Kardinals weist auf die Bedingung der Möglichkeit für jegliches gerechte, friedliche und gegenseitig respektvolle Leben in kultureller und religiöser Verschiedenheit hin: die Unterscheidung und Trennung des staatlich-politischen vom religiösen Bereich. In diesem Sinn sieht der Päpstliche Rat für den Dialog Christen und Muslime aufgerufen, aus dem Kern ihrer jeweiligen Glaubensvision heraus ihren Beitrag zur Herausbildung und Stärkung des „Gemeinwohls” der pluralen, demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten, säkularen (im Sinne von religiös neutralen) Gesellschaft zu leisten. Denn: Wie wertvoll auch immer eine theologische Übereinstimmung in Fragen des Doppelgebots der Liebe sein mag, allein für sich genommen kann es ein gerechtes und friedliches Zusammenleben in Verschiedenheit kaum garantieren.   
DieZeit071018

aepMichaelFitzgeraldKairoMichael Fitsgerald / Kardinal TaurancdJean-LouisTauran-x-

Muslime rufen zu Frieden mit Christen auf

   Erstmals haben mehr als 130 muslimische Religionsgelehrte in einem gemeinsamen Brief zu Frieden zwischen dem Islam und dem Christentum aufgerufen. „Unsere gemeinsame Zukunft steht auf dem Spiel. Das blanke Überleben der Welt selbst steht möglicherweise auf dem Spiel”, schrieben sie an Papst Benedikt XVI. und andere Kirchenführer. Die Unterzeichner des Briefes sind einflussreiche Rechtsgelehrte aus dem Nahen Osten, Asien, Afrika, Europa und Nordamerika. ReutersNOZ071012
Kardinal Tauran und Erzbischof Fitzgerald loben Moslem-Brief
   Fast 130 islamische Theologen und Religionsgelehrte aus aller Welt haben in einem gemeinsamen Brief an christliche Führer, darunter den Papst, zum Dialog aufgerufen. Das Schreiben, das in dieser Form ohne Beispiel in der Geschichte ist, geht von einem jordanischen islamischen Dialog-Studienzentrum aus. Der anglikanische Primas Rowan Williams begrüßt ihn in einer ersten Stellungnahme als “klares Bekenntnis zum Potential für eine Verbesserung des Dialogs und gemeinsamen Handelns”. Freudig überrascht zeigt sich Erzbischof Michael Fitzgerald, lange der Dialog-Beauftragte des Papstes und jetzt Nuntius in Kairo. “Ich glaube, das ist eine interessante Ausweitung des früheren Briefes, den 36 islamische Gelehrte und Führer letztes Jahr nach der Regensburger Rede des Papstes geschrieben haben. Interessant, dass jetzt eine viel größere Zahl von islamischen Vertretern einen solchen Brief unterschrieben haben - ein interessanter Schritt. Ich hoffe, die islamische Seite wird dem jetzt vielleicht auch eine Einladung zum Gespräch folgen lassen. Ich hoffe, dass sie es nicht bei einem gemeinsamen Wort belässt, sondern jetzt einen konkreten Schritt tut, um Christen und Moslems einander näherzubringen.” Fitzgerald lobte die Arbeit des Aal al Bayt-Instituts für islamisches Denken in Amman. Es habe sich früher sehr für den christlich-islamischen Dialog engagiert; mittlerweile lege es den Schwerpunkt aber etwas anders, indem es versuche, die islamische Welt untereinander zu einen.
   Auch der jetzige Dialog-Verantwortliche des Vatikans, Kardinal Jean-Louis Tauran, nennt den Brief aus Amman ein “sehr ermutigendes Zeichen”. Guter Wille und Gespräch könnten auch noch das “hartnäckigste Vorurteil” überwinden, meinte Tauran zu Radio Vatikan.  Der Dialog-Brief aus der islamischen Welt sei auch deswegen “neu”, weil er sowohl von Sunniten wie von Schiiten unterschrieben worden sei. 
rv071012sk

Prof. Adel Theodor Khury     KoranProfKhoury

   Hohe Persönlichkeiten des Islam laden Christen zur Zusammenarbeit ein. 130 Islamgelehrte aus aller Welt schreiben einen Brief an Papst Benedikt XVI. und die Oberhäupter von Anglikanern und Orthodoxen. Der Autor des folgenden Artikels, Adel Theodor Khoury, ist emeritierter Professor für Religionswissenschaft an der Universität Münster

   Vor einem Jahr wurde ein „Offener Brief” an den Papst veröffentlicht, unterschrieben von 38 Gelehrten aus verschiedenen Ländern. Dieses Dokument, vornehm im Ton und um Sachlichkeit bemüht, verzichtete auf Polemik. Es wollte den Faden des inhaltlichen und produktiven Dialogs zwischen der katholischen Kirche und dem Islam nicht abreißen lassen. In dieser Form kann man diesen Brief als eine neue Seite in den Bemühungen um Beseitigung von Missverständnissen, Klärung von Sachfragen beziehungsweise Richtigstellung un- differenzierter Aussagen bezeichnen.
   Diese Initiative der muslimischen Gelehrten fand nun anlässlich des islamischen Festes des Fastenbrechens
Id al-fitr eine viel breitere Fortsetzung mit einem eindringlichen Appell zum Dialog und zur Zusammenarbeit: Es ist ein „Offener Brief und Aufruf vonseiten muslimischer Religionsführer”. Adressiert ist der Brief an die Oberhäupter aller christlichen Kirchen und Konfessionen: an den Papst (für die gesamte katholische Kirche), an die Patriarchen und Metropoliten der Byzantinisch-Orthodoxen Kirchen in aller Welt, an die Patriarchen und Oberhäupter der altorientalischen Kirchen im Vorderen Orient und in der Welt, an den Patriarch der Assyrischen Kirche des Ostens, an die Oberhäupter der Anglikaner, der Lutheraner, der Methodisten, der Baptisten, der Reformierten Kirchen, an den Generalsekretär des Weltkirchenrates, und an alle Religionsführer der christlichen Kirchen überall.
   Unterschrieben ist der Brief von 138 herausragenden Persönlichkeiten des Islams in vielen Teilen dieser Welt: aus Nordafrika, aus dem Vorderen und Mittleren Orient, aus asiatischen Ländern, aus weiteren verschiedenen Ländern der Welt, in denen muslimische Gemeinschaften leben. Sie vertreten ihre Gemeinden als Großmufti, als bekannte Gelehrte mit ziemlicher Autorität, als Richter, als Generalsekretäre islamischer Organisationen, als Wissenschaftler und Universitätsprofessoren. Sie gehören dem sunnitischen und dem schiitischen Islam an. Einige von ihnen sind mir persönlich bekannt: Sie zeichnen sich aus durch Sachlichkeit, Offenheit, Bereitschaft zum konstruktiven Dialog, scharfes Bewusstsein für die großen Probleme unserer gemein- samen Welt und nicht zuletzt durch ihre Fachkompetenz in Islam-Fragen.
   Ihr Aufruf an die Adresse der Christen in der Welt gründet auf dem Appell des Korans, den er nirgends wieder zurückgezogen hat: „Sprich: O ihr Leute des Buches, kommt her zu einem zwischen uns und euch gleich angenommenen Wort: dass wir Gott allein dienen und Ihm nichts beigesellen, und dass wir nicht einander zu Herren nehmen neben Gott. Doch wenn sie sich abkehren, dann sagt: Bezeugt, dass wir gottergeben sind
Koran 3,64. Der Appell gründet auch auf der Feststellung, dass Muslime und Christen zusammen 55 Prozent der Weltbevölkerung bilden und dass ohne Frieden und Gerechtigkeit zwischen diesen beiden Religions- gemeinschaften kein sinnvoller Friede in der Welt möglich ist. „Die Zukunft der Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab.”
   Basis der ersten grundlegenden Verständigung über die Hauptlehren der beiden Religionen sind die vor- handene Übereinstimmung der Lehren beider Religionen über den Monotheismus und das Gebot der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Hier werden zum Monotheismus Belege aus dem Koran
112,1–2; 73,8 und der Überlieferung Hadith auf islamischer Seite und aus dem Evangelium auf christlicher Seite Markus 12, 29–31 angeführt. Zur Liebe zu Gott und zu den Menschen, von der Jesus im Evangelium sagte, sie sei die Summe des Gesetzes und der Propheten vgl. Matthäus 22, 40; Markus 12,29–31, werden Aussagen aus Koran und Überlieferung zitiert.
   Die Autoren wissen, dass Islam und Christentum zwei „verschiedene Religionen” sind und daher ihre Unterschiede nicht verschleiert werden sollen. Sie betonen jedoch, dass die Christen Folgendes wissen sollen: „Als Muslime sagen wir den Christen, dass wir nicht gegen sie sind und dass der Islam nicht gegen sie ist, solange sie nicht Krieg gegen die Muslime wegen ihrer Religion führen, sie nicht unterdrücken und aus ihren Wohnungen vertreiben
vgl. Koran 60,8. Diese Botschaft enthält positiv gesehen die Konsequenz, dass Muslime und Christen dessen bewusst werden sollen, dass sie, die ja über die Hälfte der Weltbevölkerung bilden, ihre Beziehungen zueinander als der bedeutendste Faktor bei „der Leistung ihres Beitrags zum sinnvollen Frieden überall in der Welt” betrachten sollen. Die Pflicht der Stunde sei, dass beide Religionen den Frieden sichern und harmonisch miteinander umgehen und zusammenarbeiten.
   Die Unterschiede sollen nicht zu Konflikten führen, sondern ein Anlass sein „zum Wetteifern in den guten Dingen”, wie der Koran sich ausdrückt 5,48.
   Es ist beachtenswert, wie diese Haltung der Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils ähnelt. In seinem Dokument
Nostra aetate weist das Konzil auf das Zusammenrücken der verschiedenen Länder der Welt hin und wendet sich, über die Unterschiede hinweg, eher den Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen zu Nr.1. Alle, Christen und Muslime, ruft es dazu auf, „das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam die soziale Gerechtigkeit, die sittlichen Güter sowie Frieden und Freiheit für alle Menschen zu schützen und zu fördern” Nr. 3.
   Der Dialog zwischen Christen und Muslimen wurde nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, noch intensiver als vorher in vielen Ländern der Welt in West und Ost geführt. Besondere Impulse erhielt er von Papst Johannes Paul II. durch seine Begegnungen mit Muslimen in verschiedenen Ländern des Vorderen Orients und Afrikas. Der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog knüpfte immer engere Beziehungen zu Ländern und Gruppen der islamischen Welt. Viele Initiativen sind vielerorts in der Welt heute noch zu verzeichnen. Im deutschsprachigen Raum hat sich das Religionstheologische Institut St. Gabriel (Mödling/Österreich) besonders hervorgetan, und dies seit über dreißig Jahren.
   Es ist wohltuend, eine solche Stimme, wie diesen offenen Brief so vieler muslimischer Gelehrter und Wissenschaftler, zu hören. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch in die Tat umgesetzt wird. Es ist dafür nötig, auf islamischer Seite Organisationen oder Institute zu finden beziehungsweise solche zu bilden, die nach Möglichkeit jeweils als eine Instanz für dieses Vorhaben fungieren können. Einige sind zwar bereits vorhanden. Ihrer müssen mehr werden. Eine Intensivierung des Dialogs und der Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen auf breiter Basis ist dringend notwendig.
   Unsere „eine Welt” hat dringend nötig die Sicherung der Gerechtigkeit und des Friedens, die Schaffung einer humaneren Gesellschaftsordnung und die Verwirklichung der universalen Solidarität aller mit allen zur Milderung und ständigen Beseitigung der Armut und der Unterdrückung in der Welt.
   Christen und Muslime, wie die muslimischen Gelehrten zu Recht betonen, besitzen zusammen große Potentiale. Wenn sie ihre Kräfte bündeln und sich zu einer fruchtbaren und dezidierten Zuammenarbeit entschließen, können sie den Menschen in aller Welt den bitter nötigen Beistand leisten. Warum sollte es ihnen nicht gelingen, im Geiste dieses neuen „Offenen Briefs” eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, einen ehrlichen, von kritischer Sympathie getragenen Dialog zu führen und eine effektive Zusammenarbeit zu leisten, die ein Strahl dessen sein kann, der „die Liebe ist”
1 Johannes 4,8.16, und ein Zeichen für das, was der Koran meinte, als er sagte, dass die Christen diejenigen sind, die den Muslimen „in Liebe am nächsten stehen” Koran 5,82
ProfessorAdelTheodorKhouryDT071016

Yavus-Sultan-SelimM'MHxx Yavus-Sultan-Selim-Moschee, Mannheim

Unsere unsterblichen Seelen stehen auf dem Spiel. Offener Brief und Appell von 138 muslimischen Theologen
 an Papst Benediikt XVI. und Vertreter christlicher Kirchen und Glaubensgemeinschaften

Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Gnädigen
anlässlich des Eid al-Fitr al-Mubarak 1428 A.H. / 13. Oktober 2007 und des Jahrestages des Offenen Briefes von 38 islamischen Wissenschaftlern an Papst Benedikt XVI.
Ein Offener Brief und ein Ruf von muslimischen religiösen Führern an:
Papst Benedikt XVI., Bartholomaios I., Patriarch von Konstantinopel, Neu-Rom…
[…es folgen in der Anrede die Patriarchen der Ostkirche und die Leiter der aus der Reformation hervor- gegangenen christlichen Gemeinschaften]
Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Gnädigen

   Ein gemeinsames Wort zwischen uns und Ihnen. Muslime und Christen gemeinsam stellen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Ohne Frieden zwischen diesen beiden religiösen Gemeinschaften kann es keinen wirklichen Frieden in der Welt geben. Die Zukunft der Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab. Die Basis für diesen Frieden und dieses gegenseitige Verständnis ist bereits gegeben. Sie ist Teil der Grundprinzipien beider Glaubensüberzeugungen: Liebe den einen Gott und liebe deinen Nächsten. Diese Prinzipien finden sich immer wieder in den heiligen Texten des Islam und des Christentums. Die Einzigkeit Gottes, die Notwendigkeit, ihn zu lieben und die Notwendigkeit der Liebe zum Nächsten ist daher eine gemeinsame Basis für den Islam und das Christentum. Die folgenden Zitate sind dafür einige Beispiele:
  Zum Thema Einzigkeit Gottes sagt Gott im Heiligen Koran: „Er ist Allah, der Einzige; Allah, der Unabhängige und von allen Angeflehte.”
Reinheit des Vertrauens, 112:1-2
Zum Thema Liebe zu Gott, sagt Gott im Heiligen Koran: „So gedenke des Namens deines Herrn und weihe dich Ihm ausschließlich.” Der in Gewänder Gekleidete, 73:8 Zum Thema Nächstenliebe sagt der Prophet Mohammed: „Niemand von euch hat den Glauben, es sei denn ihr liebt euren Nächsten mit derselben Liebe, mit der ihr euch selbst liebt.”
Im Neuen Testament sagt Jesus Christus: „Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
Markus 12, 29-31

   Im Heiligen Koran fordert der Allerhöchste Gott die Muslime auf, den folgenden Aufruf an die Christen (und die Juden - das Volk der Bibel) zu richten: Sprich: „O Volk der Schrift (Bibel), kommt herbei zu einem Wort, das gleich ist zwischen uns und euch: dass wir keinen anbeten denn Allah und dass wir Ihm keinen Nebenbuhler zur Seite stellen und dass nicht die einen unter uns die anderen zu Herren nehmen statt Allah.” Doch wenn sie sich abkehren, dann sprecht: „Bezeugt, dass wir uns (Gott) ergeben haben.” Das Sippe Imrams, 3:64
  
Die Worte „und dass wir Ihm keinen Nebenbuhler zur Seite stellen” beziehen sich auf die Einzigkeit Gottes und die Worte: „dass wir keinen anbeten denn Allah” bedeuten, dass man sich völlig Gott widmet. Also beziehen sie sich alle auf das älteste und größte Gebot. Nach einem der ältesten und wichtigsten Kommentare des Heiligen Korans sind die Worte „niemand von uns soll einen anderen Gott neben sich haben” so zu verstehen, dass „niemand einem anderen gehorchen soll, wenn dessen Befehle im Gegensatz zu Gottes Anordnungen stehen”. Dies bezieht sich auf das Zweite Gebot, weil Gerechtigkeit und Religionsfreiheit ein essentieller Teil der Nächstenliebe sind. Im Gehorsam gegenüber dem Heiligen Koran laden wir als Muslime die Christen ein, mit uns auf der Basis dessen, was uns gemeinsam ist, zusammenzukommen, nämlich auf der Basis dessen, was für unser beider Glauben und Praxis essentiell ist: die beiden Gebote der Liebe.
Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Gnädigen
Und möge der Friede und der Segen auf dem Propheten Mohammed ruhen
Ein gemeinsames Wort zwischen uns und Ihnen
Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Gnädigen
Rufe auf zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen auf die beste Art. Wahrlich, dein Herr weiß am besten, wer von Seinem Wege abgeirrt ist; und Er kennt am besten jene, die rechtgeleitet sind.
Der Heilige Koran, Die Biene, 16:125
Die Liebe zu Gott. Die Liebe zu Gott im Islam. Glaubensbekenntnisse

   Der zentrale Glaube des Islam beruht auf zwei Glaubensbekenntnissen oder „Shahadahs”, in denen es heißt: „Es gibt keinen Gott außer Gott, Mohammed ist der Bote Gottes.” Diese beiden Glaubensbekenntnisse sind das sine qua non des Islam. Derjenige oder diejenige, die sich dazu bekennen, sind als Muslim zu bezeichnen; derjenige oder diejenige, die diese ablehnen, sind nicht als Muslim zu bezeichnen. Darüber hinaus hat der Prophet Mohammed gesagt: „Das Wichtigste ist, dass es keinen Gott außer Gott gibt.”
Das wichtigste, was die Propheten gesagt haben

   Um den Gedanken des „Wichtigsten” weiter auszuführen, hat der Prophet Mohammed auch gesagt: „das wichtigste, was ich gesagt habe, ich selbst und die Propheten, die vor mir gekommen sind, ist: Es gibt keinen Gott außer Gott, er allein, er hat niemanden neben sich, sein ist die Herrschaft und ihm allein gebührt die Ehre und er hat die Macht über alle Dinge.” Diese Zitate, die auf das erste Glaubensbekenntnis folgen, sind alle aus dem Heiligen Koran; alle beschreiben eine Art und Weise der Liebe zu Gott und der Verehrung für ihn.
   Die Worte „Er allein” erinnern Muslime daran, dass ihre Herzen Gott allein geweiht sein müssen, weil Gott im Heiligen Koran sagt: „Allah hat keinem Manne zwei Herzen in seinem Innern gegeben.”
Die Verbündeten, 33:4. Gott ist absolut und deshalb muss seine Verehrung aus tiefster Überzeugung kommen.
   Die Worte „Er hat niemanden neben sich” erinnert Muslime daran, dass sie allein Gott lieben müssen, ohne jegliche Rivalen in ihrer Seele zu haben, weil Gott im Heiligen Koran sagt: „Und doch gibt es Leute, die sich andere zur Anbetung nehmen und sie heben, als sei das die Liebe zu Allah. Doch die Gläubigen sind stärker in ihrer Liebe zu Allah...”
Die Kuh, 2:165
In der Tat, „dann erweicht sich ihre Haut und ihr Herz zum Gedenken, Allahs...”  Die Gruppen, 39:23 Die Worte „Sein ist die Herrschaft” erinnert Muslime daran, dass all ihre Gedanken und jegliches Verstehen völlig Gott gewidmet sein muss, denn „die Herrschaft” ist präzise alles in der Schöpfung und alles, was der Verstand wissen kann. Und alles ist aus Gottes Hand, weil Gott im Heiligen Koran sagt: „Segensreich ist Der, in Dessen Hand die Herrschaft ist; und Er vermag alle Dinge zu tun.” Die Herrschaft, 67:1
   Die Worte „Ihm gebührt Verehrung” erinnert Muslime daran, dass sie Gott dankbar sein müssen und dass sie ihm vertrauen müssen mit all ihren Gefühlen und Empfindungen.
Gott sagt im Heiligen Koran:
   „Und wenn du sie fragst: „Wer hat die Himmel und die Erde geschaffen und die Sonne und den Mond dienstbar gemacht?” dann werden sie gewisslich sagen: „Allah”. Wieso lassen sie sich dann abwendig machen? Allah weitet und beschränkt die Mittel zum Unterhalt, wem Er will von Seinen Dienern. Wahrlich, Allah hat volle Kenntnis von allen Dingen. Und wenn du sie fragst: „Wer sendet Wasser vom Himmel nieder und belebt damit die Erde nach ihrem Tod?” - dann werden sie gewisslich sagen: „Allah”. Sprich: „Aller Preis gebührt Allah” Jedoch die meisten von ihnen verstehen es nicht.”
Die Spinne, 29:61-63
Für all diese Gaben und für vieles mehr müssen die Menschen immer wahrhaft dankbar sein: „Allah ist es, der die Himmel und die Erde erschuf und Wasser niederregnen ließ von den Wolken und damit Früchte hervorbrachte zu eurem Unterhalt, und Er hat euch die Schiffe dienstbar gemacht, dass sie das Meer durchsegeln nach Seinem Gebot, und Er hat euch die Flüsse dienstbar gemacht. Und dienstbar machte Er euch die Sonne und den Mond, die unablässig ihren Lauf Vollziehenden. Und dienstbar machte Er euch die Nacht und den Tag. Und Er gab euch alles, was ihr von Ihm begehrtet; und wenn ihr Allahs Wohltaten aufzählen wolltet, ihr würdet sie nicht berechnen können. Siehe, der Mensch ist wahrlich frevelhaft, undankbar.” Abraham, 14:32-34
   In der Tat beginnt „Die Öffnung” - das bedeutendste Kapitel im Heiligen Koran - mit dem Lobpreis Gottes: „Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen. Aller Preis gehört Allah, dem Herrn der Welten, dem Gnädigen, dem Barmherzigen, dem Meister des Gerichtstages. Dir allein dienen wir, und zu Dir allein flehen wir um Hilfe. Führe uns auf den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, die nicht (Dein) Missfallen erregt haben und die nicht irregegangen sind.” Die Öffnung, 1:1-7
   „Die Öffnung”, die von den Muslimen im Rahmen der vorgeschriebenen Gebete siebenmal täglich gesprochen wird, erinnert uns an den Lobpreis und die Dankbarkeit, die wir Gott schulden für alle seine Eigenschaften der unendlichen Güte und der allmächtigen Barmherzigkeit, nicht nur für seine Güte und Barmherzigkeit uns gegenüber während unseres Lebens, sondern letztendlich auch am Tag des Gerichts, wenn es am wichtigsten ist und wenn wir die Hoffnung haben, dass uns unsere Sünden vergeben werden. Daher endet (diese Sure) mit Gebeten um Gnade und Führung, damit wir - durch das, was mit Lobpreis und Dank beginnt - Rettung und Liebe erlangen, denn Gott sagt im Heiligen Koran: „Diejenigen, die da glauben und gute Werke tun - ihnen wird der Gnadenreiche Liebe bereiten.” Maria, 19:96
  
Die Worte „Und er hat Macht über alle Dinge” erinnern Muslime daran, dass sie Gottes Allmacht niemals vergessen dürfen und deshalb Gott fürchten müssen. Gott sagt im Heiligen Koran: „Und fürchtet Allah und wisset, dass Allah mit den Gottesfürchtigen ist. Spendet für Allahs Sache, und stürzt euch nicht mit eigener Hand ins Verderben, und tut Gutes; wahrlich, Allah liebt die Gutes Tuenden... Die Kuh, 2:194-5... Und fürchtet Allah und wisset, dass Allah streng im Strafen ist.” Die Kuh, 2:196 Aus der Furcht Gottes heraus sollen alle Handlungen, alle Kraft und alle Gewalt der Muslime völlig auf Gott gerichtet sein. Gott sagt im Heiligen Koran: „.. und wisset, dass Allah mit den Gottesfürchtigen ist. Die Buße, 9:36... O die ihr glaubt, was ist mit euch, dass ihr euch schwer zur Erde sinken lasset, wenn euch gesagt wird: „Ziehet aus auf Allahs Weg”? Würdet ihr euch denn mit dem Leben hienieden, statt mit jenem des Jenseits, zufrieden geben? Doch der Genuss des irdischen Lebens ist gar klein, verglichen mit dem künftigen.
   Wenn ihr nicht auszieht, wird Er euch strafen mit schmerzlicher Strafe und wird an eurer Stelle ein anderes Volk erwählen, und ihr werdet Ihm gewiss keinen Schaden tun. Und Allah hat Macht über alle Dinge.”
Die Buße, 9:38- 39 Die Worte „Sein ist die Herrschaft und ihm allein gebührt die Ehre und er hat die Macht über alle Dinge”, wenn man sie in ihrer Gesamtheit betrachtet, erinnern Muslime daran, dass, ebenso wie alles in der Schöpfung Gott verherrlicht, auch all das, was in ihren Seelen ist, Gott gewidmet sein muss: „Was in den Himmeln ist und was auf Erden, preist Allah; Sein ist das Königreich und Sein das Lob, und Er vermag alle Dinge zu tun.” Wechselseitiger Betrug, 64:1 Denn tatsächlich ist all das, was in den Seelen der Menschen ist, Gott bekannt und dafür muss vor Gott Rechenschaft gegeben werden: „Er weiß, was in den Himmeln und auf Erden ist, und Er weiß, was ihr verhehlt und was ihr offenbart; und Allah kennt alles, was in den Herzen (der Menschen) ist.” Wechselseitiger Betrug, 64:4
  Wie wir aus den oben zitierten Textstellen erkennen können, wird die Seele im Koran als mit drei Haupt- eigenschaften ausgestattet dargestellt: die Eigenschaft der Intelligenz, die dazu dient, die Wahrheit verstehen zu können; der Wille, der dazu dient, die Freiheit der Wahl zu haben, und die Gefühle, die zur Liebe des Guten und des Schönen da ist. Oder, anders ausgedrückt, wir können auch sagen, dass der Menschen durch die Gabe des Verständnisses die Wahrheit erkennen kann, durch die Gabe des Willens das Gute und durch edle Emotionen und Gefühle Gott lieben kann. Weiter heißt es im selben Kapitel des Heiligen Koran (so wie oben zitiert), dass Gott den Menschen befohlen hat, ihn so weit als möglich zu fürchten, auf ihn zu hören (und so die Wahrheit zu verstehen); ihm zu gehorchen (und so das Gute zu wollen)  und gute Werke zu tun (und so also Liebe und Tugendhaftigkeit auszudrücken), was, wie Er sagt, besser für unsere Seelen ist. Indem wir alles in unserer Seele einsetzen - die Fähigkeiten des Verstandes, des Willens und Gott im Heiligen Koran. „Sprich: ,Er ist Allah, der Einzige; Allah, der Unabhängige und von allen Angeflehte.’” Reinheit des Vertrauens,112:1-2. Deshalb stellen die Einzigkeit Gottes, die Liebe zu Ihm und die Liebe zum Nächsten eine gemeinsame Basis dar, auf der der Islam und das Christentum (und der Judaismus) gegründet sind.
   Das kann auch gar nicht anders sein, denn Jesus hat gesagt
Matthäus 22,40:
„An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten”. Darüber hinaus hat Gott im Heiligen Koran bestätigt, dass Mohammed nichts fundamental oder essentiell Neues gebracht hat: „Nichts anderes wird dir (Mohammed) gesagt, als was schon den Gesandten vor dir gesagt ward.” Der Goldschmuck, 41:43 Und: „Sprich (Mohammed): „Ich bin keine neue Erscheinung unter den Gesandten, und ich weiß nicht, was mit mir oder mit euch geschehen wird. Ich folge bloß dem, was mir offenbart ward; und ich bin nur ein aufklärender Warner.” Die Dünen, 46:9. Ebenso bestätigt Gott im Heiligen Koran, dass die gleichen ewigen Wahrheiten über die Einzigkeit Gottes, über die Notwendigkeit einer totalen Liebe zu und Hingabe an Gott (und damit die Ablehnung aller falschen Götter) und die Notwendigkeit der Liebe zu den Mitmenschen (und damit Gerechtigkeit) allen wahren Religionen zugrunde liegen:
 „Und in jedem Volke erweckten Wir einen Gesandten (der da predigte): „Dienet Allah und meidet den Bösen.” Dann waren unter ihnen einige, die Allah leitete, und es waren unter ihnen einige, die sich Verderben zuzogen. So reiset umher auf der Erde und seht, wie das Ende der Leugner war!”
Die Biene, 16:36 „Wahrlich, Wir schickten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und das Maß herab, auf dass die Menschen Gerechtigkeit üben möchten.” Das Eisen, 57:25
Kommen Sie zu einem gemeinsamen Wort!
   Im Heiligen Koran sagt der Allerhöchste Gott den Muslimen, sie sollten den folgenden Aufruf an die Christen (und Juden - die Völker der Bibel) richten: „Sprich: ‘0 Volk der Schrift (Bibel), kommt herbei zu einem Wort, das gleich ist zwischen uns und euch: dass wir keinen anbeten denn Allah und dass wir Ihm keinen Nebenbuhler zur Seite stellen und dass nicht die einen unter uns die anderen zu Herren nehmen statt Allah.’ Doch wenn sie sich abkehren, dann sprecht: ‘Bezeugt, dass wir uns (Gott) ergeben haben.’” Das Sippe Imrans, 3:64 Ganz klar beziehen sich die gesegneten Worte „dass wir Ihm keinen Nebenbuhler zur Seite stellen” auf die Einzigkeit Gottes. Ganz klar bezieht sich auch das „keinen anbeten denn Allah” auf die völlige Hingabe an Gott und damit an das „Erste und Wichtigste Gebot”. Laut einem der ältesten und maßgeblichsten Kommentare tafsir zum Koran Jami Al-Bayon fi Ta'will Al-Qur'an von Abu Ja'far Muhammed bin Jari Al-Tabri (d. 310 A.H. / 923 C.E.) - bedeutet dies, „dass niemand von uns sich andere Götter als Gott nehmen soll” sowie „dass niemand etwas befolgen soll, was sich gegen die von Gott gegebenen Gebote richtet” und dass niemand sich „vor anderen (Göttern) so verbeugt, wie er es vor Gott tut”. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass Muslime, Christen und Juden jeweils die Freiheit haben sollten, den von Gott gegebenen Geboten Folge zu leisten und sich nicht „vor Königen und ähnlichem verbeugen” zu müssen; denn Gott sagt an anderer Stelle im Heiligen Koran: „Es soll, kein Zwang sein im Glauben...” Die Kuh, 2:256. Dies bezieht sich ganz unmissverständlich auf das Zweite Gebot und auf die Liebe zum Nächsten, wobei Gerechtigkeit und Religionsfreiheit dabei eine ausschlaggebende Rolle spielen. Gott sagt im Heiligen Koran: „Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht bekämpft haben des Glaubens wegen und euch nicht aus euren Heimstätten vertrieben haben, gütig zu sein und billig mit ihnen zu verfahren; Allah liebt die Billigkeit Zeigenden.” Die Prüfung, 60:8
 
  Aus diesem Grund laden wir als Muslime die Christen ein, sich an Jesu Worte im Evangelium zu erinnern Markus 12,29-31: „... der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Dies ist das erste Gebot. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.” Als Muslime sagen wir den Christen, dass wir nicht gegen sie sind und dass der Islam nicht gegen sie - solange sie keinen Krieg aus religiösen Gründen gegen Muslime führen, diese unterdrücken und aus ihren Häusern vertreiben (in Übereinstimmung mit dem Vers des Heiligen Koran Die Prüfung, 60:8 wie oben zitiert). Darüber hinaus sagt Gott im Heiligen Koran: „Sie sind nicht (alle) gleich. Unter dem Volke der Schrift ist eine Gemeinde, die fest (zu ihrem Vertrag) steht; sie sprechen Allahs Wort in den Stunden der Nacht und werfen sich nieder (vor Ihm). Sie glauben an Allah und an den Jüngsten Tag und gebieten das Gute und verwehren das Böse und wetteifern miteinander in guten Werken. Und sie zählen zu den Rechtschaffenen. Und was sie Gutes tun, nimmer wird es ihnen bestritten; und Allah kennt die Gottesfürchtigen wohl.” Das Sippe Imrans, 3:113-115
   Ist das Christentum grundsätzlich gegen den Islam? Im Evangelium sagt Christus: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. Matthäus 12,30 „Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.”  Markus 9,40  „Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.” Lukas 9,50. Dem seligen Theophylact zufolge - „Erklärungen des Neuen Testamentes” - sind diese Äußerungen kein Widerspruch, denn die erste Aussage (in dem tatsächlichen griechischen Text des Neuen Testaments) bezieht sich auf Dämonen, während sich die zweite und dritte Aussage auf die Menschen bezieht, die Jesus anerkannt haben, aber keine Christen waren. Die Muslime erkennen Jesus Christus als den Messias an, allerdings nicht in der gleichen Weise, wie es die Christen tun (aber auch die Christen selbst haben sich niemals untereinander über die Frage nach der wahren Natur Jesu Christi einigen können), sondern in der folgenden Weise: „Der Messias, Jesus, Sohn der Maria, war nur ein Gesandter Allahs und eine frohe Botschaft von Ihm, die Er niedersandte zu Maria, und eine Gnade von Ihm.” Die Frauen, 4:171 Deshalb laden wir die Christen ein, Muslime nicht als „gegen” sie gerichtet zu sehen, sondern als „mit” ihnen, so wie es mit den Worten Jesu Christi hier übereinstimmt. Schließlich möchten wir als Muslime, gehorsam gegenüber dem Heiligen Koran, die Christen bitten, mit uns in den übereinstimmenden Grundlagen unser beider Religionen zusammenzukommen, „... dass wir keinen anbeten denn Allah und dass wir Ihm keinen Nebenbuhler zur Seite stellen und dass nicht die einen unter uns die anderen zu Herren nehmen statt Allah”. Das Sippe Imrans, 3:64
   Lassen Sie uns diese gemeinsamen Grundlagen als Basis für jeglichen zukünftigen interreligiösen Dialog zwischen uns nehmen, denn an diesen gemeinsamen Grundlagen hängt „das ganze Gesetz samt den Propheten” Matthäus 22,40. Gott sagt im Heiligen Koran: „Sprecht (Ihr Muslime): ‘Wir glauben an Allah und was zu uns herabgesandt worden, und was herabgesandt ward Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und (seinen) Kindern, und was gegeben ward Mose und Jesus, und was gegeben ward (allen anderen) Propheten von ihrem Herrn. Wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen; und Ihm ergeben wir uns.’ Und wenn sie glauben, wie ihr geglaubt habt; dann sind sie rechtgeleitet; kehren sie jedoch um, dann bringen sie Spaltung, aber Allah wird dir sicherlich genügen gegen sie, denn Er ist der Allhörende, der Allwissende.” Die Kuh, 2:136-137
Zwischen Ihnen und uns

   Die Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und Christen ist nicht einfach eine Frage des höflichen ökumenischen Dialogs zwischen ausgewählten religiösen Führern. Das Christentum und der Islam sind die größte beziehungsweise die zweitgrößte Religion in der Welt und in der Geschichte. Christen und Muslime stellen nachweislich mehr als ein Drittel beziehungsweise mehr als ein Fünftel der Menschheit. Gemeinsam machen sie 55 Prozent der Weltbevölkerung aus, und damit ist die Beziehung zwischen diesen beiden Religions- gemeinschaften der wichtigste Faktor, um zu einem bedeutungsvollen Frieden auf der ganzen Welt beizutragen. Wenn Muslime und Christen nicht miteinander im Frieden leben, kann es auf der Welt keinen Frieden geben. Angesichts der schrecklichen Waffen auf der Welt, angesichts der nie zuvor dagewesenen Verflechtung zwischen Muslimen und Christen kann keine Partei einseitig einen Konflikt gewinnen, in den mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung involviert sein würde. Deshalb geht es um unsere gemeinsame Zukunft. Vielleicht steht sogar das reine Überleben der Welt auf dem Spiel.
   Und all diejenigen, die dessen ungeachtet um ihrer eigenen Zwecke Willen in Konflikten und Zerstörung schwelgen oder der Ansicht sind, letztendlich aus diesen Gewinn ziehen zu können, wollen wir sagen, dass auch unsere unsterblichen Seelen auf dem Spiel stehen, wenn wir keine ernsthaften Anstrengungen unternehmen, miteinander in Frieden und Harmonie zu leben. Gott sagt im Heiligen Koran: „Allah gebietet Gerechtigkeit und uneigennützig Gutes zu tun und zu spenden wie den Verwandten; und Er verbietet das Schändliche, dass offenbar Schlechte und die Übertretung. Er ermahnt euch, auf dass ihr es beherzigt.”
Die Biene, 16:90. Jesus Christus hat gesagt: „Selig, die Frieden stiften...” Matthäus 5,9, und ebenso: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?” Matthäus 16,26.
   Deshalb sollten unsere Differenzen nicht zu Hass und Streit zwischen uns führen. Lasst uns vielmehr miteinander um Rechtschaffenheit und gute Werke wetteifern. Lasst uns einander respektieren, lasst uns fair, gerecht und freundlich zueinander sein, lasst uns in einem echten Frieden, in Harmonie und in gegenseitigem Wohlwollen miteinander leben. Gott sagt im Heiligen Koran: „Wir haben dir das Buch hinabgesandt mit der Wahrheit, als Erfüllung dessen, was schon in dem Buche war, und als Wächter darüber. Richte darum zwischen ihnen nach dem, was Allah hinabgesandt hat, und folge nicht ihren bösen Neigungen gegen die Wahrheit, die zu dir gekommen ist.Einem jeden von euch haben Wir eine klare Satzung und einen deutlichen Weg vorgeschrieben. Und hätte Allah gewollt, Er hätte euch alle zu einer einzigen Gemeinde gemacht, doch Er wünscht euch auf die Probe zu stellen durch das, was Er euch gegeben. Wetteifert darum miteinander in guten Werken. Zu Allah ist euer aller Heimkehr; dann wird Er euch aufklären über das, worüber ihr uneinig wart.” Der Tisch, 5:48 
                     
Wal-Salaamu ‘Alaykum’ Pax Vobiscum - Friede sei mit euch!
©2007 C.E., 1428 A.H. Das Königliche Aal ahBayt Institut für Islamisches Gedankengut, Jordanien.
Nicht autorisierte Arbeitsübersetzung aus dem Englischen von Margret Still.
Die Liste der Unterzeichner steht im Internet:
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Der Brief an den Papst - Ein Jahr danach: Gibt es eine islamische Ökumene?

   Der Vorgang war beispiellos: Am 13. Oktober 2007 wandten sich 138 Muslime in einem offenen Brief an Papst Benedikt XVI. und andere hohe kirchliche Würdenträger. Anlass für dieses aufsehenerregende Schreiben waren die Rede des Papstes in Regensburg ein Jahr zuvor und der beträchtliche Aufruhr, den sie in der islamischen Welt verursacht hatte. „Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch” überschrieben die Muslime ihre Botschaft. Diese lautete: Das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe sei das einende Band zwischen den beiden Religionen. Papst Benedikt XVI. antwortete im November 2007 mit einem Brief an den jordanischen Prinzen Ghazi bin Muhammad bin Talal als ranghöchsten Unterzeichner des Schreibens und nahm das Angebot zum Dialog an.
   Wie stellen sich diese Initiative und ihre Folgen im Rückblick dar? Und was lässt sich hieraus für den Stand des christlich-islamischen Dialoges ableiten? Der emeritierte Bonner Islamwissenschaftler Stefan Wild formulierte in einem Vortrag an seiner Universität jetzt eine These, die zumindest jene, die gebetsmühlenartig wiederholen, dass der Islam ein disparates Gebilde sei, überraschen musste: Der Islam nämlich bietet aus Wilds Sicht ein Bild unerwarteter Geschlossenheit, das Christentum vermittelt hingegen den Eindruck von Uneinigkeit. Erstmals in der Geschichte des Islams hätten Muslime in dem Schreiben an die Führer der Christenheit mit einer Stimme gesprochen und so die „Umrisse einer muslimischen Ökumene” sichtbar werden lassen. Einer Ökumene mit einem „bemerkenswerten Gewicht” des europäischen Islams, wie er mit Blick auf die Liste der Unterzeichner konstatierte, die Würdenträger und Gelehrte etwa aus Bosnien-Hercegovina, Slowenien oder Deutschland enthält. Ein „neuer Typus” islamischer Gelehrter tritt hier nach Wilds Worten in Erscheinung, der sich durch Aufgeschlossenheit für den Dialog der Religionen auszeichnet. Die deutlichste Abkehr von einer früher verbreiteten Skepsis, ja Feindseligkeit gegenüber einem Gespräch mit Vertretern des Christentums machte Wild in Saudi-Arabien aus, wo die Monarchie sich mittlerweile für den Dialog starkmache.
   Auf christlicher Seite nahm Wild gegensätzliche Reaktionen auf das Schreiben der Muslime zur Kenntnis; vom hiesigen katholischen Theologen,  die am liebsten das Judentum gleich auch mit in den Dialog einbeziehen würden, bis hin zu evangelikalen Stimmen, die in einem Gespräch mit den Muslimen schon die erste Stufe zur Islamisierung sähen. Die christliche Ökumene, mutmaßte Wild, würde derzeit jedenfalls keinen Brief mit einer derart breiten Unterstützung an die Führer des Islams zustande bringen. Freilich erinnerte er auch daran, dass ein muslimisch-christlicher Dialog auf höchster theologischer Ebene geringen Nutzen habe, solange die Auswirkungen nicht im Alltag, zum Beispiel dem der christlichen Minderheiten in muslimischen Ländern, zu spüren seien.
   Doch wie sinnvoll ist überhaupt ein Dialog, der sich auf Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und Christen beruft, die vorhanden sind, aber um des Dialogs willen in ihrer Bedeutung für die jeweilige Religion überbewertet werden? Mit anderen Worten: Wenn der offene Brief auf das Gebot der Nächstenliebe als „grundlegendes Prinzip” beider Religionen verweist, zum Beleg dafür aber kein Zitat aus dem Koran, sondern nur aus der Prophetentradition anführen kann und ohne Bezug auf Jesus Christus einfach das neutestamentliche Doppelgebot der Menschen- und Gottesliebe genannt wird, bleibt hier nicht das Spezifische der beiden Religionen auf der Strecke? Diese Frage warf der evangelische Neutestamentier Günter Röhser in der Diskussion auf. Seine Antwort: Methodisch sei ein solches Vorgehen durchaus problematisch, hermeneutisch aber dennoch zu rechtfertigen. Nur so könne der Dialog zwischen den Religionen befördert werden. Er sprach sich dafür aus, gemeinsame Traditionen, auch wenn sie bisher keine zentrale Rolle in der jeweiligen Religion gespielt haben, zu stärken. An dieser Stelle hätte man gern erfahren, wie sich ein solches Diktat der Hermeneutik zur „Hierarchie der Wahrheiten” verhält, von der das Zweite Vaticanum sprach, um den unterschiedlichen Stellenwert von Dogmen anzudeuten, oder zu dem, was auf evangelischer Seite als „Mitte der Schrift” bezeichnet wird. 2

Dr. Felix Körner SJ:  KK-FelixKörnerSJ-x    Andersgläubige oder andere Gläubige?

Um einen Dialog mit Muslimen bemüht sich die katholische Kirche seit dem II .Vatikanischen Konzil.
Erst Papst Benedikt XVI. bemüht sich um eine Klärung der theologischen und praktischen Fragen,
die ein Gespräch zwischen einander ausschließenden Religionen aufwirft.

  Der Leiter des türkischen Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) ist nicht als Scharfmacher bekannt. Im September 2006 war Ali Bardakoglu aber der erste muslimische Kritiker Papst Benedikts XVI. und der Regensburger Rede: „Aus den Worten des Papstes spricht eine Kreuzfahrermentalität", befand der Diyanet- Vorsitzende; die Warnung Benedikts vor einer Religion, die Gewalt im Namen Gottes nicht ausschließt, sei selbst gefährlich: „Die Anhänger einer Religion kann man kritisieren. Aber das Heilige einer Religion, ihren Propheten, ihre Schrift beleidigen, das ist Arroganz, das ist ein Ausdruck von Feindschaft, das ist ein Unglück und stiftet Streit zwischen den Religionen."
   Vier Jahre später lassen sich die Folgen jenes stürmischen Herbstes besser abschätzen als unmittelbar nach dem Unwetter. Hat Benedikt dem Gespräch zwischen Katholiken und Muslimen wirklich die Grundlage entzogen, wie viele damals wissen wollten? Rückblickend kann man die katholisch-islamischen Beziehungen in den letzten fünfzig Jahren in drei Phasen einteilen. Jede von ihnen lässt sich mit einem Stichwort charakterisieren: Wahrnehmung, Wohlwollen, Wissenschaftlichkeit.
   Während des Pontifikats von Paul VI. (1963 bis78) verabschiedete das II. Vatikanische Konzil eine Erklärung zu den nichtchristlichen Religionen: den verhältnismäßig kurzen Text
„Nostra Aetate" (siehe oben auf dieser Seite). Dies ist das erste Konzilsdokument, das die Muslime erwähnt. Es ist also von Menschen die Rede, nicht von deren Religion an sich, dem Islam. Das Glaubensleben der Muslime wird mit Respekt beschrieben; deshalb verweist man auch von muslimischer Seite gern auf diesen Text. Türkische Theologen können den entscheidenden Satz mitunter auswendig zitieren: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat." Anschließend ermutigen die Konzilsväter Christen und Muslime, nach so viel Streit in der Vergangenheit einander verständnisvoll zu begegnen und gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden einzutreten.
   Was war an dieser Äußerung neu? Seit der Entstehung des Islams haben sich Christen mit dieser Religion beschäftigt. Der Glaube der Muslime geriet jedoch nur insoweit in den Blick, als man überlegte, wie er zu widerlegen sei; oder er wurde harmoniefreudig, als eine andere Ausdrucksweise der einen wahren Religion dargestellt. Mit Respekt vor dem Islam als Ausdruck nichtchristlicher Frömmigkeit äußerten sich Bischöfe und Theologen in der Geschichte der Kirche nur dann, wenn sie unmittelbar zu Muslimen sprachen. Jetzt aber findet eine anerkennde innerkirchliche Reflexion über Andersgläubige statt.
   Am umstrittensten zwischen Christen und Muslimen ist, was als Offenbarung Gottes gelten kann. Während die Frage der Reformation gelautet hatte, ob die Katholiken die Bibel als den Text der Offenbarung richtig ausgelegt haben, so behauptet der Koran, der Offenbarungstext der Christen selbst sei nicht der richtige
Sure 5:13-15. Der Koran wollte also die Bibel richtigstellen, die Christen für das zentrale Offenbarungszeugnis halten.
   Der Koran war jedoch nicht nur darauf aus, das eine oder andere Bibelwort richtigzustellen. Er bestritt und bestreitet die grundlegende Glaubensaussage des Christentums, nämlich den biblisch bezeugten Anspruch Jesu Christi, durch ihn sei das Gottesreich eröffnet. Die aufschließende und abschließende Endgültigkeit Jesu wird im Islam nicht anerkannt. Wer nämlich meint, nach Jesus sei eine neue göttliche Offenbarung erforderlich oder gar schon ergangen, der erkennt nicht an, was nach Ausweis des Neuen Testaments und der historischen Forschung Jesus selbst von sich sagte.
   Damit aber wird faktisch das Christentum zurückgewiesen. Denn die christliche Kirche hält an dem Anspruch Jesu fest, dass man sich für die ewige Erlösung ganz auf ihn einlassen müsse. Wer diese Herausforderung auch nur erweitern will, hat sie in Wirklichkeit ersetzt Der Wahrheitsanspruch des Islams widerspricht damit rundheraus dem Christentum.
      Das II. Vaticanum gab die Radikalität der Herausforderung Jesu mitnichten auf: die Entscheidungsfrage, ob man sich ihm persönlich, seiner Lebenshaltung und seiner Gemeinschaft anschließt. Es gelang dem Konzil aber, ohne das Christliche zu verwässern, die religiösen Bemühungen von Nichtchristen so darzustellen, dass sie spürten, ihr Glaube sollte nicht einfach für wertlos erklärt werden. Vielmehr wollte das Konzil zum Ausdruck bringen, dass eine freundschaftliche Nähe zwischen allen Menschen besteht, die auf ihr Gewissen hören.
   Papst Paul VI., der während des Konzils gewählt worden war, brachte die Beziehung zwischen Glauben und Unglauben, Kirche und Welt, „uns" und „anderen" auf einen vorher ungewohnten Begriff: Er sprach vom Dialog. Sollte der Missionsauftrag Christi mit einem Dialogauftrag des Zeitgeistes ersetzt werden? Mit Dialog meinte der Papst aber nicht, die Kirche "böte neuerdings nur noch Vermutungen an, Dialog galt dem Papst vielmehr als ein Prozess, der entsteht, wenn man etwas als gültig erkannt hat und sich für die interessiert, die es anders sehen.
   Im Dialog muss argumentiert werden, im Dialog kann jeder den anderen überzeugen. Dialog ist also nichts Vages. Dialog ist damit auch nicht die Ablösung von Mission. Die Kirche erkennt vielmehr, dass wahre Bekehrung nur eine aus Einsicht sein kann. Die Kirche hofft, dass Nichtchristen die Wahrheit des Christentums erkennen. Aber sie kann das nur hoffen, nicht mit List oder Druck bewirken. Dialogisch handelt, wer Freiheit ermöglicht. In dieser Freiheit ist Bekehrung als Einsicht möglich.
   Der neue Tonfall des Konzils wurde innerkirchlich als Ermutigung zur Auseinandersetzung empfunden. In der Gesellschaft wurde die Kirche vielerorts zu einem ernstzunehmenden Gesprächspartner. Während der Umbrüche der späten sechziger und der siebziger Jahre aber wandten sich in Europa und Nordamerika zahlreiche Katholiken von der Kirche ab. Zehntausende Priester gaben ihr Amt auf, nicht wenige aus Enttäuschung darüber, dass die Kirche die durch das Konzil geweckten Reformhoffnungen nicht eingelöst habe.
   Allerdings lasen und lesen manche in die Konzilstexte Dinge hinein, die darin nicht standen. So vertreten bis heute einige Kommentatoren die Ansicht, das Konzil habe andere Religionen als Erlösungswege anerkannt. Das ist schlicht falsch. Respekt heißt nicht Relativismus. Den Wert des anderen betonen heißt nicht, Gleichwertigkeit aller Lebensentwürfe zu behaupten. Die Konzilsväter hatten formuliert, dass Nichtchristen auf die Kirche „hingeordnet" seien. Denn hinter jeder religiösen Lebensform stehe das menschliche Verlangen nach Ganzheit; dieses Verlangen findet nach katholischem Glauben seine irdische Erfüllung im Christsein.

   Die erste christliche Gemeinde entstand aus dem Bekenntnis, dass der zu Tode gefolterte Jesus „auferweckt" wurde; das heißt, dass er ein neues, grenzenloses und anderen erfahrbares Leben bekommen hat. Der Vollzug des christlichen Glaubens besteht im gottesdienstlichen Nachvollziehen des Lebens Jesu. Das Besondere, das nur die Kirche bietet, nennt sie „Sakramente der Erlösung". Sie bieten Christen die Möglichkeit, sich dem Leben Jesu anzuschließen.
   Dass das Konzil die anderen als Gesprächspartner wahrnahm, ist eine bleibende Leistung jener Zeit. Was zwischen den Religionen theologisch und gesellschaftlich kontrovers war, hat das Konzil allerdings nicht behandelt. Im Blick auf den Islam gehören dazu vor allem die Fragen: Ist Mohammed ein Prophet? Können Christen und Muslime zusammen beten? Können beide Religionen gemeinsam für Religionsfreiheit eintreten?
   Mit des Wahl des Krakauer Erzbischofs Karol Wojtyla zum Papst begann eine neue Phase. Aus dem Verhalten Johannes Pauls II. schien ein grundsätzliches Wohlwollen zu sprechen. Verstehen lässt sich sein interreligiöses Programm nur im Blick auf seinen Lebenslauf: Früher Verlust von Mutter und Bruder, Zwangsarbeit, Untergrundkirche, Nachkriegsnot — all das schien den neuen Papst nicht verbittert, sondern versöhnungsbereit gemacht zu haben. Die einstige jüdische Präsenz in seiner polnischen Heimat nahm er als Gelegenheit wahr, Andersgläubigen Sympathie und Freundschaft zu zeigen. Ihn prägte außerdem die jahrzehntelange Gewalt- erfahrung eines totalitären Atheismus, erst unter Nazi-Deutschland, dann seitens der Sowjetunion.
   Der Papst folgerte im Umkehrschluss: Wer die Wirklichkeit Gottes anerkenne, der könne mitwirken bei der Gestaltung der Welt als „Kultur Gottes". Das machte ihn zu einem Brückenbauer zwischen den Religionen. In Muslimen und Juden sah er weniger Andersgläubige als andere Gläubige. Fachleute berieten den Papst und wurden gehört.
   Die Auskunft eines Islamwissenschaftlers, der lange als Ressortleiter im Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog gearbeitet hat, spiegelt dies wider: „Das Wichtigste, was ich damals getan habe, war: Wörter streichen. Der Papst wollte gelegentlich ein Zitat einleiten mit der Formel ‚Mohammed sagt im Koran‘. Das wäre für muslimische Zuhörer verletzend gewesen, denn für sie spricht hier nicht Muhammad, sondern Gott. Wir kürzten die Einleitungsformel stets auf: ,Der Koran sagt‘. Das ist sowohl für christliche als auch für muslimische Ohren annehmbar." Der junge Karol Wojtyla war als Fußballer und Schauspieler ein körperlich anstrengendes und ein öffentliches Leben gewohnt. Im Vatikan verbreitete sich unter Johannes Paul II. denn auch eine nachgerade aktivistische Atmosphäre. Und sie strahlte auch auf die Beziehung zu anderen Religionen aus. Gebets- und Gesprächstreffen wurden allerorten initiiert oder mitorganisiert. Während der zahlreichen Reisen signalisierten Reden und Gesten Nähe. Eine über das Wohlwollen hinausgehende, theologisch begründete Linie zeichnete sich indes nicht ab. Das sollte sich im Jahr 2005 mit der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst ändern.
   Man kann in der interreligiösen Politik des deutschen Pontifex eine Zäsur sehen, gar einen Rückfall hinter das Erreichte. Ein interreligiöser Dialog „im eigentlichen Sinne" sei nicht möglich, hatte schon Joseph Kardinal Ratzinger mehrfach verlauten lassen; möglich sei nur ein interkultureller Dialog. Wer hier einen Bruch diagnostiziert, missversteht Benedikt. Offenkundig ist er eine andere Persönlichkeit als seine Vorgänger. Er ist vor allem Theologe und Wissenschaftler.
   Der Intellektuelle brachte Debattenerfahrung in seine Ämter mit: Kurz vor seiner Wahl zum Papst disputierte der Kardinal mit dem Philosophen Jürgen Habermas und fand mit ihm eine gemeinsame Sprache. Den alten Kollegen und Kritiker Hans Küng lud er noch im ersten Jahr seines Pontifikats in den Vatikan ein. Die Diskussionsrunden seines Schülerkreises setzte er fort, und zwar als Gesprächspartner. In der katholisch- evangelischen Debatte an einer deutschen Universität wäre sogar die Schroffheit des Regensburger Zitates „Zeig mir doch, was Muhammad Neues gebracht hat" als kollegialer Rippenstoß verstanden worden; als es sich im interreligiösen Gespräch als unannehmbar erwies, entschuldigte sich der Papst. Er ist gesprächsbereit, es wird nachgedacht und nachgebessert. Der Mann des Wortes liest und denkt und schreibt viel, er kann abstrakte Gedankengänge auf verblüffende Kurzformeln bringen.
   Die erste Enzyklika des neuen Papstes, „Deus Caritas Est", war auf muslimischer Seite fasziniert zur Kenntnis genommen worden. Sie warf jedoch auch eine Frage auf: Wer spricht so intellektuell attraktiv und zugleich so erkennbar traditionsverbunden für den Islam, wie es der katholischen Kirche in der Gestalt von Papst Benedikt gelingt? Eine weltweite Vereinigung muslimischer Gelehrter unterschrieb schließlich einen offenen Brief unter dem Titel „A Common Word"; das war ein Gesprächsangebot, das belegen sollte, dass Islam und Christentum eine gemeinsame Botschaft hätten: das Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben.
   Einen solchen Einigungsvorschlag hätte man großzügig gutheißen und zur nächsten Geste übergehen können. Doch der gelehrte Papst entschied sich anders. Wenn ein muslimisches Schreiben „Liebe" erwähnt, ist das erst einmal ein Wort. Selbst wenn es Muslimen gelänge, Liebe als Zentralbegriff ihres Glaubens zu erweisen, wäre noch nicht entschieden, dass hier etwas Ähnliches benannt ist wie im Liebesgebot Jesu und im neutestamentlichen „Gott ist Liebe".
   Der Papst griff das Gesprächsangebot auf und rief das sogenannte Katholisch-Muslimische Forum ins Leben. Als katholische Ansprechpartner bot Benedikt zwei päpstliche Einrichtungen in Rom an: sein Islam-Institut, das von der Kongregation der „Weißen Väter" gegründet worden war, und die Jesuiten-Universität Gregoriana. Der Jesuit Christian Troll, Islamfachmann und einst ein Hörer Ratzingers, schlägt als Verfahren für das interreligiöse Miteinander vor: Unterscheiden, um zu klären. Mit Unterscheidung ist ein auf drei Ebenen wirksames Verfahren gemeint: die philosophische distinctio, die geistliche discretio und die gesellschaftliche differentia, also begriffliches Präzisieren, sensible Handlungsorientierung sowie Bejahung von Andersheit.
   Die Option für Wissenschaftlichkeit hat längst in der Debatte über Fragen der Glaubenslehre wie der Politik Einzug gehalten. Etwa in dem Sinne: Ein einflussreicher Mann mit einer für göttlich gehaltenen Botschaft war Mohammed zweifellos. Er hat Menschen zu Monotheismus und geordneteren, Lebensstrukturen geführt. Sollte die christliche Theologie also Mohammed deswegen als weiteren Propheten ansehen? Propheten bereiten auf die Begegnung mit Christus vor. Eine derartige Vorbereitung geschah nun aber weder durch die von Mohammed überbrachte Schrift noch durch sein Lebensbeispiel. Wer ihn theologisch als Propheten bezeichnen wollte, müsste auch sein Buch als von Gott offenbart anerkennen.
   Der Koran widerspricht aber dem Zeugnis des Neuen Testamentes, da er Jesus nicht als die Eröffnung der Gemeinschaft mit Gott gelten lässt. Es ist daher bei aller Hochachtung vor dem anderen nicht ratsam, ein Zugeständnis zu machen, das sich bei Nachfrage als nicht ernst gemeint erweisen muss. Angesichts seiner Ablehnung der Endgültigkeit Christi ist Zurückhaltung geboten bei einer christlichen Anerkennung der Prophetie Mohammeds.
   Das Gottesbekenntnis von Christen und Muslimen ist ebenfalls nicht identisch. Benedikt XVI. hat schon eine weiterführende Formel angeboten, als er während des Besuchs der türkischen Religionsbehörde im November 2006 ein Wort Papst Gregors VII. zustimmend aufgriff: „Wir glauben und bekennen einen einzigen Gott; wenn auch in verschiedener Weise." Was ist der Unterschied? Das islamische Glaubensbekenntnis benennt die Existenz Gottes. Die Muslime stellen sich damit stets neu der Tatsache, dass die Menschheit vor Gott steht, ihrem Schöpfer und Richter. Auf Gott bezieht sich das Credo der Christen auch. Es sagt aber nicht „Es gibt Gott", sondern benennt Gottes Zuwendung zu den Menschen als Vater; da das Credo das Taufbekenntnis ist, ist es zugleich die antwortende Zuwendung zu Gott. Christlich ist das Bekenntnis nicht dann, wenn es die Existenz Gottes benennt, sondern wenn es die Geschichte Gottes bekennt.
   Das christliche Gottvertrauen gründet in der Kenntnis der Geschichte Jesu. Aus dieser lässt sich auch die dritte Frage beantworten, ob Christen und Muslime gemeinsam beten können. Offenbar ja: Papst Benedikt hat in der Blauen Moschee von Istanbul an der Seite von Mufti Cagrici gebetet. Andererseits sprechen sich viele Bischöfe gegen „interreligiöse Gebete" aus, auf denen Muslime und Christen denselben Text rezitieren. Auf den Gebetstreffen der Gemeinschaft Sant'Egidio im Anschluss an das Gebetstreffen von Assisi hat sich die Formel eingebürgert: „Wir kommen zusammen, um zu beten, aber nicht, um zusammen zu beten." Für Christen ist es Christus, der menschliche Gemeinschaft mit Gott ermöglicht; Muslime meinen, ohne eine derartige Vermittlung vor Gott treten zu können.
   Ein theologisches Fachgespräch über die Religionsgrenzen hinweg darf kein Ort werden, an dem man zwar Wissenschaft treibt, aber die Lebenswirklichkeit ausgeblendet bleibt, in der Menschen religiös diskriminiert oder gar verfolgt werden. Daher wird die Forderung laut, der Islam müsse sich offiziell zu einer Religionsfreiheit bekennen, in der es keine Schutzbürger zweiter Klasse und kein Verbot des Religionswechsels gibt. Muslimische Vordenker müssen auch noch zeigen, wieso die Unterstützung einer demokratisch-pluralistischen Lebensform authentisch koranisch zu vertreten ist.
   Und wie lässt sich zeigen, dass ein Rechtsgut wie Religionsfreiheit die islamische Tradition nicht sprengt und dem Koran entspricht?
   Eine mögliche Begründung verläuft in folgenden Gedankenschritten; Der Grundgestus des Korans ist ein Ruf zur persönlichen Lebensentscheidung, nämlich zur Bekehrung des Einzelnen. Eine solche Entscheidung setzt voraus, dass der Mensch die Freiheit hat, sich auch tatsächlich umzuorientieren. Der Koran verlangt damit von jeder Gesellschaft, dass sie allen Handlungsfreiheit gewährt.
   Dieser Begründungsweg hängt nicht an einem einzelnen Koranvers; über dessen Deutung würde immer Dissens bestehen. Ein Gedankengang wie ihn etwa der Tunesier Muhammad Talbi vorträgt, will vielmehr zeigen, dass Freiheit kein Oktroi des Westens ist, sondern von Muslimen innerlich mitvollzogen werden kann, weil der Koran selbst sie voraussetzt.
FAZ100615DrFelixKörnerSJ
  Der Verfasser ist Mitglied der Jesuitenkommunität in Ankara und Lehrbeauftragter an der Philosophisch- Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main.

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Nach dem Angelusgebet Sonntag, 02. Januar 2011 … sagte Benedikt XVI.:  

   „Gestern vormittag haben wir voll Schmerz die Nachricht von dem schweren Attentat auf die christliche koptische Gemeinde erfahren, das in Alexandria (Ägypten) verübt worden ist. Diese feige Geste des Todes wie auch die Tatsache, dass im Irak Bomben in der Nähe von Wohnungen von Christen gelegt wurden, um sie zur Flucht zu zwingen, ist eine Beleidigung gegenüber Gott und der ganzen Menschheit, die gerade gestern für den Frieden gebetet und voll Hoffnung ein neues Jahr begonnen hat. Angesichts dieser Strategie der Gewalt, die auf die Christen abzielt und Folgen für die ganze Bevölkerung hat, bete ich für die Opfer und Familienangehörigen und ermutige die kirchlichen Gemeinschaften, im Glauben und im Zeugnis für die Gewaltlosigkeit, wie sie uns das Evangelium lehrt, beharrlich zu bleiben. Ich denke auch an die zahlreichen in der Pastoral tätigen Menschen, die 2010 in verschiedenen Teilen der Welt getötet wurden: Ihnen gilt in gleichem Maße unser liebevolles Gedenken vor dem Herrn. Bleiben wir vereint in Christus, unserer Hoffnung und unserem Frieden!“

Ägypten: Vatikanische Delegation bei al-Azhar          fs-124-P-MiguelÀngelAyusoGuixot-xx
Foto: Der Sekretär des Päpstlichen Rates für Interreligiösen Dialog, Pater Miguel Àngel Ayuso Guixot

   Im Februar hat der Sekretär des Päpstlichen Rates für Interreligiösen Dialog, Pater Miguel Àngel Ayuso Guixot, die al-Azhar-Universität in Kairo besucht. Er befand sich dabei in Begleitung des apostolischen Nuntius in Ägypten, Erzbischof Bruno Musarò und wurde durch Abbas Shuman, seines Zeichens Stellvertreter des Großimams Ahmad Al- Tayyib, empfangen. Das gab der Vatikan  bekannt. Beide Seiten seien sich einig darüber gewesen, dass der gegenseitige Dialog „zum Wohl der Menschheit“ vertieft und intensiviert werden müsse. Dies entspreche auch in vollem Umfang dem Wunsch des Papstes selbst. Aus dem Vatikanstatement geht weiter hervor, dass der Präsident des päpstlichen Rates für Interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, den Großimam in einem ihm bei dieser Gelegenheit überreichten Schreiben offiziell nach Rom eingeladen habe. Dort solle er auch mit Papst Franziskus zusammentreffen.
   Die Al-Azhar-Universität zählt zu den angesehensten sunnitischen Lehrinstituten weltweit. Sie steht seit längerer Zeit in einem offiziellen Dialog mit dem Vatikan, der jedoch von Januar 2011 bis März 2015 aufgrund einer ägyptenkritischen Aussage in einer Ansprache von Papst Benedikt XVI. unterbrochen war. Rv160217cs

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Foto: Ägypten: Warum es hilft, mit Al-Azhar zu reden
Der Vatikan hat den Groß-Imam von Al-Azhar, Sheikh Ahmed el-Tayeb, in den Vatikan eingeladen.

   Die Idee, den Groß-Imam der Al-Azhar-Universität in den Vatikan einzuladen, war eine gute Wahl zum rechten Zeitpunkt. So kommentiert im Gespräch mit Radio Vatikan der ägyptische Jesuit und Islamforscher Pater Samir Khalil Samir den jüngsten Besuch einer vatikanischen Delegation bei der Kairoer Universität, die als bedeutendste theologische Bildungsstätte des sunnitischen Islam gilt.
   Während des Pontifikats von Benedikt XVI. seien die Beziehungen zu Al-Azhar „gespannt“ gewesen, resümiert Pater Samir. Der Konflikt zwischen dem Heiligem Stuhl und der Kairoer Islam-Universität „entstand, weil einige der Worte von Benedikt zum Vorwand genommen wurden, Worte, die sich gegen niemanden richteten, aber die Religionsfreiheit verteidigten. Diese Einladung an den Groß-Imam ist ein Versuch, den Dialog mit dem sunnitischen Islam wieder aufzunehmen“, so Samir. Benedikt hatte einen schweren Terroranschlag auf Christen in Alexandria bei einem Angelusgebet 2011 als „feige Geste des Todes“ verurteilt. Daraufhin hatte Al-Azhar den Dialog mit dem Heiligen Stuhl ausgesetzt.
      Al-Azhar wurde vor rund tausend Jahren gegründet und ist die weltgrößte Ausbildungsstätte für sunnitische Religionsgelehrte. „Die islamische Welt erlebt heute vielleicht ihre tiefste Krise in den letzten Jahrzehnten“, so Samir weiter. „Das ist ein echter innerer Zusammenprall, ausgelöst von der Ideologie, die der sogenannte Islamische Staat verbreitet. Eine inakzeptable Ideologie, die der islamischen Welt Unrecht antut. Genau deshalb hilft es, die islamische Welt zu unterstützen. Sie zu bekämpfen, führt nicht weiter, vielmehr muss man die eigene Erfahrung anbieten, wo wir doch in der katholischen Kirche ähnliche Probleme erfahren haben.“
    Die Grundfrage im islamischen Denken sei heute die Auslegung des Koran, diagnostiziert der ägyptische Jesuit. „Die wörtliche Auslegung besonders jener Passagen, die Gewalt betreffen, ist heute unmöglich. Unmöglich ist folglich auch die Anwendung dieser Prinzipien, wie der Islamische Staat „IS“ sie predigt. Die Universität Al-Azhar stellt sich dieser wörtlichen Koran-Auslegung rundweg entgegen. Wahr ist aber auch, dass die IS-Terroristen sich an Auslegungen und Texte von sunnitischen Imamen halten, die die wörtliche Koran-Auslegung nicht direkt verurteilen.“
   Er selbst bemühe sich im Gespräch mit muslimischen Islamgelehrten immer daran zu erinnern, dass der Islam diesen Streit selbst bereits im Mittelalter beigelegt habe, fuhr Samir fort. „Man war zu dem Schluss gekommen: der Text muss interpretiert werden. Und erst seit einem Jahrhundert dominiert die Tendenz, ihn wörtlich zu nehmen. Diese Änderung kam unter dem Einfluss fundamentalistischer Strömungen wie dem Wahabismus zustande. Diese Doktrin stammt aus Saudi-Arabien und Qatar, den reichsten Provinzen der islamischen Welt, die aus diesem Grund ihre Ideologie – Ideologie, mehr als Theologie - überall verbreiten und auferlegen können. Deshalb halte ich es für hochbedeutsam, die Freundschaft mit Al-Azhar zu erhalten, um dieser Bildungsstätte zu helfen und sie zu ermutigen, diesen Tendenzen entgegenzutreten.“
   Auf diese Weise könne man dazu gelangen, Terrorismus nur noch als Terrorismus anzusehen, „ohne Verbindung zum wahren Islam“, so der Jesuit. „Den Islam neu auszulegen, ist heute der Weg des Heils. Wir als Christen können diesen Prozess unterstützen, indem wir zeigen, dass auch in unserer Tradition die wörtliche Auslegung der Bibel überwunden wurde.“ Der Schüssel sei es, Glaube und Vernunft miteinander leben zu lassen, so wie Papst Benedikt XVI. es in seiner berühmten, missverstandenen Regensburger Rede 2006  [siehe oben auf dieser Seite] tat. Glaube und Vernunft, „das ist der echte Schritt nach vorne, um aus der Krise des Islam herauszukommen“, so Pater Samir. Rv160222

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Frankreich: Der Pfarrer aus der Banlieue und die Terroristen   - Foto: Pfarrer Christian Delorme aus Lyon

   In Deutschland sympathisieren etwa drei, vier Prozent der Bevölkerung mit den Dschihadisten vom Islamischen Staat. In Großbritannien sind es sieben Prozent. Und in Frankreich? 16 Prozent.  Es ist eine schier unglaubliche Zahl, die eine Umfrage vom August zutage gefördert hat. Bei den jungen Franzosen zwischen 18 und 24 Jahren liegt der Anteil der IS-Sympathisanten sogar noch höher: 27 Prozent. Gegenprobe: Die britischen Altersgenossen können nur zu vier Prozent Sympathie für die Terrorgruppe aufbringen.
   Pfarrer Christian Delorme weiß, was falsch läuft in Frankreich, genauer: in den „Banlieues“. Er arbeitet selbst als Pfarrer in einem solchen Vorort, einer Trabantenstadt im Umland von Lyon. Hier leben viele Muslime, sie kommen aus den früheren französischen Kolonien, viele sind arbeitslos. Eine Ausgangslage, die für wachsenden Antisemitismus, für viel Hass auf die vermeintlich Reichen und Etablierten sorgt.
   „Die französischen Muslime insgesamt sind sehr beunruhigt über das, was sich im Moment in der muslimischen Welt tut. Und eine überwältigende Mehrheit von ihnen weist mit Abscheu dieses Bild des Islam zurück, diese Realität des Islam, für die der ‚Islamische Staat’ steht. Da gibt es wirklich keinerlei Zweideutigkeiten, sie sind gegen den Terrorismus! Aber gleichzeitig wird die muslimische Welt derzeit von Denkschulen und Situationen der Gewalt durchzogen wie noch nie in ihrer Geschichte. Diese Gewalt richtet sich als allererste gegen die Muslime selbst, aber dann natürlich auch gegen andere.“
    Delorme engagiert sich schon seit vierzig Jahren im christlich-islamischen Dialog – unter verschärften Bedingungen, Banlieue eben. Eine Erklärung dafür, dass der ‚Islamische Staat’ so eine Anziehungskraft auf junge Franzosen hat, kann aber auch er nicht geben.
   „Ich wäre da nicht so eilig mit dem Erklären. Man spricht ja von etwa tausend jungen Leuten, die Frankreich in Richtung ‚Islamischer Staat’ verlassen haben, und etwa fünfhundert aus Belgien; einige von ihnen kommen noch nicht einmal von einem islamischen Hintergrund her. Da sind vielleicht sogar getaufte Christen dabei, und spätestens hier versagen doch die Erklärungsversuche. Was man sagen kann, ist, dass es in unseren Ländern eine völlig von der Bahn abgekommene Jugend gibt, die keine Bezugspunkte hat – oder keine Bezugspunkte mehr hat – und die in einem Zustand ist, in dem sie sich auf verrückte und blutige Ideologien einlässt. Wissen Sie, so etwas haben wir auf andere Weise auch in früheren Jahrzehnten erlebt: Rote Brigaden, die RAF in Deutschland. Das sind ein bisschen dieselben Phänomene des Nihilismus: Man will zu etwas nützlich sein, glaubt aber nicht mehr an die Gesellschaften. Man will alles kaputtschlagen, verbrennen, zerstören.“
   Pfarrer Delorme kennt die schrillen Töne, mit denen Marine Le Pens ‚Front National’ in Frankreich Stimmung gegen Muslime macht. Vor ein paar Tagen war der Geistliche allerdings mit einer Gruppe von Kirchenleuten aus Lyon im Irak – und da haben ihn dortige Christen im Gespräch ebenfalls eindringlich vor Muslimen gewarnt. Das bringt den Seelsorger ins Grübeln.
   „Da sagen uns Christen aus dem Orient: ‚Ihr macht euch die Lage nicht klar. Ihr habt inzwischen eine sehr starke islamische Bevölkerung in Frankreich – da werdet ihr eines Tages dieselben Schwierigkeiten, ja sogar dieselben Dramen erleben wie die, die wir erlebt haben!’ Das müssen wir schon ernstnehmen, was uns die Christen des Orients sagen. Sie haben das selbst erlebt und erlitten. Mit der muslimischen Welt zusammenzuleben war nie einfach, anders als was einem manchmal so erzählt wird. Wir werden 2015 wieder in den Nahen Osten reisen zum 100. Jahrestag des Völkermords an Armeniern und syrisch-chaldäischen Christen; also, das ist eine sehr schmerzliche Geschichte.“
    Doch, man muss auf die Christen des Orients hören, sagt Pfarrer Delorme noch einmal. Aber er glaubt dennoch, dass die Realität in Frankreich „eine andere“ ist.
Es gibt sichtbare und unsichtbare Muslime
   „Vor allem: Die überwältigende Mehrheit der Muslime in Frankreich kommt aus dem Maghreb, und der maghrebinische Islam ist anders als der ägyptische oder irakische. Menschen mit algerischem, marokkanischem und tunesischem Hintergrund haben einen Islam, der schon eine lange Erfahrung mit der Republik hat, auch wenn das teilweise unter dem kolonialen Joch war. Diese Situationen kann man nicht einfach vergleichen. Wir haben dort auch keine Stammes- oder Clan-Gesellschaften, sondern wir haben es mit Menschen zu tun, die schon in der Gesellschaft der Individuen angekommen sind.“
   Nur dass eben viele Individuen unter Frankreichs jungen Leuten den Schlächtern des ‚Islamischen Staats’ ins Netz gehen. Dass breite Kreise im französischen Katholizismus durchaus mit dem ‚Front National’ sympathisieren, macht die Sache vertrackt. Was tun, Pfarrer Delorme?
   „Viele Muslime in den Moscheen in Frankreich wünschen sich heute, einmal Christen zu treffen und mit ihnen zu diskutieren. Sie finden aber gar nicht viele Gesprächspartner. Und in einem Moment der Krise versiegt auch bei vielen gutwilligen Muslimen die Gesprächsbereitschaft, sie igeln sich ein. Ich glaube, man muss sich die Realität in unserer Gesellschaft klarmachen. Da gibt es natürlich viele Probleme in den Banlieues, Elendsghettos, Zehntausende von arbeitslosen Jugendlichen, und bei einigen von ihnen Wut, ja Hass. Das stimmt schon. Aber es gibt auch eine Realität der Integration, die man oft nicht wahrnimmt! Die überwältigende Mehrheit der Muslime in Frankreich ist vollkommen integriert, ist voll in die Maschinerie der französischen Gesellschaft integriert. Und diese Muslime sieht man nicht! Es gibt sichtbare und unsichtbare Muslime. Die sind so unsichtbar, dass sie vollkommen das Leben der französischen Republik mitleben – und die stellen den sozialen Frieden bei uns überhaupt nicht in Frage.“ Rv141211sk

kk-pRobertSpaemann-Zz    Philosoph Prof. Robert Spaemann

Beleidigung Gottes oder der Gläubigen? - Martin Mosebachs Äußerungen zur Strafbarkeit von Blasphemie
haben eine Diskussion entfacht. Was muss der Staat schützen und mit welchen Mitteln?

     Irgendetwas  stimmt  nicht.   Das  deutsche  Recht  und  mehr noch die deutsche Rechtsprechung muten es dem religiösen Bürger zu, dass das, was ihm das Heiligste ist, ungestraft öffentlich verhöhnt, lächerlich gemacht und mit Schmutzkübeln Übergossen werden darf. Dann und wann einmal findet ein Richter, es sei irgendwo zu weit gegangen worden, und verhängt eine Bewährungsstrafe. In der Regel geschieht das nicht. Vor allem nicht mehr, seit nur noch diejenige Beleidigung strafbar ist, die den „öffentlichen Frieden gefährdet".
   Das heißt auf Deutsch: Nur noch die mohammedanische Religion genießt den Schutz des Gesetzes, nicht die christliche. Denn Christen reagieren auf Beleidigung nicht mit Gewalt, Muslime aber wohl - und keineswegs nur „Islamisten". Als in London vor Jahren der Film „Die letzte Versuchung Jesu" in die Kinos kam, wurde er nach drei Tagen wieder abgesetzt, weil Muslime die Theater wissen ließen, dass sie die Beleidigung Jesu, der bekanntlich für den Islam ein Prophet ist, nicht hinnehmen würden. Dass die Christen es bei folgenlosen Protesten bewenden ließen, konnte bei Muslimen nur stille Verachtung auslösen. Den Christen, so folgern sie, ist offenbar nichts wirklich heilig.
   Die Schlussfolgerung verkennt indessen, dass Christen, der Lehre Jesu entsprechend, auf Unrecht, das ihnen geschieht, nicht mit Gewalt antworten. Christen haben von jeher dem Staat das Gewaltmonopol zuerkannt. Sie haben für die Kaiser gebetet, von denen sie verfolgt wurden, ebenso wie später für die christlichen Obrigkeiten. Aber sie haben natürlich auf Schutz durch die Staatsgewalt gehofft. Die römischen Behörden haben im Übrigen Christen zwar zur Anbetung der Kaiserbilder zu zwingen versucht und haben die „Bekenner" getötet. In der Praxis der Verächtlichmachung dessen, was den Christen heilig war und wofür sie starben, haben sie sich nie den Grad von Niedertracht erlaubt, der heute gang und gäbe ist.
   Gewiss, Christen sind nach dem Wort des Apostels Paulus „Fremdlinge in dieser Welt". Sie sind es auch dort, wo sie Staatsbürger sind. Aber das heißt nicht, dass sie auf ihr Bürgertum freiwillig verzichten. Derselbe Paulus hat, wie die Apostelgeschichte berichtet, bei Gelegenheit gegenüber einem Gefängnisdirektor mit Erfolg auf seinem römischen Bürgerrecht bestanden.
   Die Frage lautet: Sollte Religionsbeleidigung überhaupt strafbar sein - und wenn ja, warum? Ferner: Worin besteht eigentlich der einschlägige Tatbestand? Und drittens: Sollten Strafen für Religionsbeleidigung drakonisch oder hauptsächlich symbolisch sein? Wessen Ehre soll das Gesetz schützen: die Ehre Gottes oder die Ehre von Gläubigen? Darüber muss zunächst Klarheit herrschen
Die doppelte Strafe ist angemessen
   Im alttestamentlichen Judentum ebenso wie im heutigen Islam geht es um die Ehre Gottes. Gott als höchster Gesetzgeber wird durch Übertretung seiner Gebote beleidigt. Diese Beleidigung muss geahndet werden, und zwar, wo es direkt um die Person Gottes geht, durch die höchste Strafe, das heißt die Todesstrafe. Das strafende Subjekt ist entweder - wo es sich um einen islamischen Staat auf der Grundlage der Scharia handelt - der Staat. Wo nicht, da die Umma, die übernationale Gemeinschaft aller Muslime. Es ist eine Theokratie, die den Täter, wo immer sie seiner habhaft werden kann, durch jeden Muslim ermorden lassen darf. Die barbarischen Exekutionen der letzten Jahrzehnte oder die Verhängung der Morddrohung gegenüber Schriftstellern sind die logische Konsequenz einer solchen Theokratie. Wenn es nämlich überhaupt im staatlichen Recht um Gott geht, dessen Ehre strafrechtlich zu schützen wäre, so wäre jede geringere als die Höchststrafe selbst Gotteslästerung.
   Christen verstehen sich als Menschen, denen Gott die höchste Wirklichkeit ist, bei der es um Tod und Leben geht. Christsein schließt die prinzipielle Bereitschaft ein, das Bekenntnis zu Gott und zu Jesus mit dem Tod zu bezahlen - allerdings mit dem eigenen Tod, nicht mit dem eines anderen. Darum hat der Tatbestand der Blasphemie in unserem Strafrecht keinen Platz. Nicht um Gott geht es im säkularen Recht, sondern um Menschen, um Menschen allerdings, denen es um Gott geht. Gott braucht nicht geschützt zu werden. Er ist es, der schützt. Geschützt werden aber müssen Menschen, denen es um Gott geht, Menschen, die an Gott glauben. Sie sind es, die durch Religionsbeleidigung beleidigt werden, und zwar schwerer und tiefer als durch Beleidigung ihrer eigenen Person.
   Gott ist ihnen heilig. Ein Staat, der seine Bürger nicht gegen die Verunglimpfung dessen, was ihnen das Heiligste ist, schützt, kann nicht verlangen, dass diese Menschen sich als Bürger ihres Gemeinwesens fühlen. Wenn es sich um Christen handelt, so bleiben sie loyale Untertanen, aber nicht mehr. Wem die Beleidigung der Religion so wichtig ist, dass er den Preis des Vorbestraftseins dafür zu zahlen bereit ist, soll ihn auch zahlen. Und was die Höhe betrifft, so müsste sie etwa das Doppelte dessen betragen, was auf Beleidigung von Menschen steht, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
   Die Crux der Strafen für Religionsbeleidigung liegt seit je in der Schwierigkeit, den Tatbestand eindeutig zu definieren. Es ist klar, dass es sich nicht um ein Offizialdelikt handeln kann, bei dem es nicht darauf ankommt, ob irgendjemand sich wirklich beleidigt fühlt. Es bedarf eines Klägers. Aber das Gefühl eines Klägers, beleidigt worden zu sein, kann wiederum nicht der alleinige Maßstab sein, weil damit absurde Empfindlichkeit honoriert würde. Man wird hier nicht auskommen ohne einen Spielraum richterlichen Ermessens. Aber das gilt schließlich für jede Beleidigung. Auch hier muss der Richter beurteilen, ob jemand sich zu Recht beleidigt fühlt oder nicht. Und das funktioniert ja auch in der Regel. Es müsste eben auch auf Religionsbeleidigung Anwendung finden.
Ehrfurcht vor Gott als Schulziel
   Wir haben trotz der Religionsneutralität des säkularen Staates ein Ereignis, dem eine Sakralität zuerkannt wird wie dem Kreuzestod Jesu. Stellen wir uns vor, es erschiene irgendwo das Bild einer Gaskammer mit der Überschrift „Arbeit macht frei", in der sich zahllose halbtote Frösche befänden. Niemand würde hier bestreiten, dass das Beleidigtsein von Menschen objektiv gerechtfertigt ist. Die Leugnung des Mordes an sechs Millionen Juden sollte zwar so wenig strafbar sein wie die Leugnung des Kreuzestodes Jesu zum Beispiel im Koran. Sie ist einfach eine falsche Tatsachenbehauptung. Für Wahrheitsfragen aber ist der Staat nicht die entscheidende Instanz. Die Verhöhnung der Opfer dagegen wäre eine objektive Beleidigung, die mit Recht nicht straffrei bliebe.
  Der Völkermord an den Juden in Europa ist seit den siebziger Jahren in eine quasi sakrale Ebene erhoben worden. Manche, zum Beispiel der ehemalige Außenminister Joschka Fischer, wollen in ihm den „Gründungsmythos" der Bundesrepublik Deutschland sehen - gegen alle Vernunft übrigens. Denn im Unterschied zum Tod Jesu wird diesem Mord keinerlei Erlösungscharakter zugeschrieben. Ein pures Verbrechen als Gründungsmythos eines Staates, das kann nicht gutgehen.
   Es ist eine bisher offene Frage, wie der säkulare Staat mit den Voraussetzungen umgehen soll, ohne die er nicht leben kann, die er doch nach dem bekannten Böckenförde-Diktum auch nicht garantieren kann. Muss er sie, gegebenenfalls gegen besseres Wissen, ignorieren? Oder kann und sollte er sie pflegen, fördern und privilegieren? Also vor allem die Religion, und zwar speziell die christliche Religion, die zu den wichtigsten Wurzeln unserer Zivilisation gehört. Das Grundgesetz setzt sich sogar in ein direkt affirmatives Verhältnis zum Gottesglauben, wenn es von der Verantwortung der Gründungsväter vor Gott spricht. Und die Verfassung von Nordrhein-Westfalen erklärt „Ehrfurcht vor Gott" zu einem der obligatorischen Erziehungsziele der Schulen. Dennoch beschränkt sich die Religionsgesetzgebung aus guten Gründen auf den Schutz der Gefühle der Gläubigen, nicht auf den Gegenstand dieser Gefühle.
   In den siebziger Jahren sah ich am Eingang von Notre-Dame in Paris eine Tafel, die die Besucher aufforderte zum „Respekt gegenüber dem Gefühl derer, die diese Kathedrale als einen heiligen Ort betrachten". Die Kathedrale gehört dem französischen Staat, und insofern wäre die Inschrift halbwegs korrekt. Aber Besitzer von Notre-Dame ist die Kirche. Und aus ihrem Mund ist diese Verlautbarung skandalös. Die Kathedrale ist, wofür die Gläubigen sie halten, nämlich ein Ort des Gebetes, und muss als solcher respektiert werden. Zum Glück ist die sehr zeitbedingte Inschrift inzwischen verschwunden und durch eine akzeptable ersetzt. Sie war ein zu krasser Ausdruck des französischen Verständnisses von Laizität. Der Staat muss aber seine ungeschriebenen Voraussetzungen nicht ignorieren. Er kann sie auch nicht garantieren. Aber er kann sie pfleglich behandeln, und das ist seine Pflicht. Pflegliche Behandlung schließt effektiven gesetzlichen Schutz ein. FAZ120726RobertSpaemann

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