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Einheit in Vielfalt

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Auf dieser Seite lesen Sie:
1. Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I.
2. Kardinal Walter Kasper: Ökumene - Einheit in Vielfalt
3. Interview mit dem Rektor der Universität San Tommaso Charles Morerod OP - Der Primat des Papstes
4.  Kardidanl Kurt Koch - Präsident des Einheitsrates
5. Erzbischof Rowan Williams, Canterbury, spricht vor de Einheitsrat: Die Trennung überwinden
6. Ökumene: Einheitsrat gibt ein Hndbuch heraus
7. Orthodoxie in der Ukraine vor der Einigung?
8. Leiter der russisch-orthodoxen Delegation Metropolit Hilarion im Vatikan
9. Kardinal Walter Kasper überreicht zum Andreasfest im Phanar ein Grußwort an die Orthodoxie
10. Patriarch Bartholomaios I. nennt Kardinal Kasper einen “Glücksfall für die Ökumen”
11. Patriarch Bartholomaios I. kritisiert die orthodoxe Uneinigkeit
12. Metropolit Hilarin jetzt “Außenminister” der russischen Orthodoxie
13.Neuer Patriarch der Assyrischen Kirche des Ostens gewählt
14. Dekret über den Ökumenisums des II. Vatikanischen Konzils: Unitatis Redintegratio

fr-68-Bartholomaios-I-Zz   Gemeinsames christliches Zeugnis: Petrus und Andreas  

Gemeinsamen Essen, Gebet und Handeln fördert den ökumenischen Dialog
 Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios im Vatikan

  Geistliche und Theologen legen bei ökumenischen Gesprächen Wert auf gemeinsames Essen während der langen theologischen Gespräche, dem gemeinsamen Gebet und auch dem gemeinsamen Tun. Am 20. März sprach Papst Franziskus  über seine ökumenische Vision und betete mit den orthodoxen und anderen christlichen Delegationen in seiner heiligen Messe zur Amtsübernahme am 19. März. Bereits am 17. März konnten die Vertreter der Ortho- doxie, die zur Inaugurationsfeier eingeladen waren, mit dem Papst gemeinsam frühstücken,  zu Mittag und auch zu Abend essen. Franziskus hat seine Wohnung im Gästehaus des Vatikans bezogen. Im gleichen Haus über- nachtete auch die orthodoxe Delegation. Sie begrüßten einander und nahmen die Mahlzeiten gemeinsam im Spei- sesaal des Hauses ein.
   Der griechisch-orthodoxe Metropolit Tarasios von Buenos Aires und Südamerika war einer der Delegaten, die an den gemeinsamen Mahlzeiten und dem Gebet mit dem Papst teilnahmen. Genau so gastfreundlich war Papst Franziskus schon in Argentinien, seit er - damals noch als Kardinal Jorge Mario Bergoglio - 2001 zum Erzbischof von Buenos Aires von Papst Johannes Paul II. ernannt wurde. Als Tarasios jetzt den Papst am 17. März im Vatikan herzlich begrüßte, fragte er den Papst: „Was hast Du gemacht?“ Franziskus sagte:“Nicht ich. Sie haben es getan“, dabei zeigte er auf die Kardinäle.
    Während der eher formalen Audienz der ökumenischen Delegation beim Papst übergab ihm Metropolit Tarasios zwei sehr persönliche Geschenke: Einen Krug mit heimatlicher Erde von Argentinien, „damit der Papst sich nicht weit entfernt von uns fühlen muss - so kann er sich allzeit uns nahe fühlen. Das zweite Geschenk ist ein kleiner Kelch mit der biblischen Inschrift in spanischer Sprache: “Dass alle eins seien.“
   Im Gespräch mit der ökumenischen Delegation wies der Papst auf den gemeinsamen Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums, auf die Verteidigung der Würde des Menschen und auf die Bewahrung der Schöpfung hin. Der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I. lenkte bei dieser Begegnung die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der Fortführung des theologischen Dialogs, damit „unser christliches Zeugnis glaubwürdig wird bei allen, die uns nah oder fern stehen“.
    Metropolit Tarasios, war Mitglied der Delegation des Patriarchats meinte, dass Ökumene „nicht nur Sache des theologischen Dialogs oder des praktischen gemeinsamen Handelns sei - die Einheit der Christen erfordere beides. Der theologische Dialog selbst kann die Einheit der Christen nicht bewirken. Aber er bringt die Kirchen näher zusammen und hilft ihnen, tiefer zu verstehen, wo die Kirchen übereinstimmen und wo sie sich unterscheiden. Aber die Einheit der Christen macht es auch erforderlich, gemeinsam zu beten und gemeinsam zu handeln. Wenn aber die Menschen den Dialog nicht wollen oder das Ergebnis des Dialogs nicht annehmen werden, wird es die christliche Einheit nicht geben.“
   In den letzten fünf Jahren befasste sich der katholische-orthodoxe Dialog mit dem dornenreichsten Thema, das beide Gemeinschaften trennt: den Primat des Papstes und den und die Art, wie dieses Petrus-Amt seit dem Großen Schisma 1045 ausgeübt worden ist. Die Theologen untersuchten zuerst die Rolle des Bischofs von Rom im ersten christlichen Jahrtausend. Sie hofften so eine Grundlage für eine gemeinsame Erklärung zu finden über den Platz und die Rolle des Papstes in einer vereinigten Christenheit.
   Der Papst hat in den ersten Tagen nach seiner Wahl gern seine Position als „Bischof von Rom“ bezeichnet, der den Vorsitz in der Liebe führt, und Franziskus bestand darauf, dass die Macht des Papstes in der „Macht des Die- nens“ besteht, nach dem Auftrag Jesu: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe.“ „Genau so sehen wir ihn - als Bischof von Rom“, meint Tarasios, „dass der Papst immer von sich als Bischof von Rom spricht, ist „Musik in unseren Ohren“.
   Die frühen Jahre des katholisch-orthodoxen Dialogs befassten sich mit der Taufe, der Eucharistie und weiteren Themen, worin die beiden Kirchen weithin übereinstimmen. Die harten Themen des Primates des Papstes wurden bis später zurückgestellt, wenn die Beziehungen der Kirchenführer soweit gefestigt seien, auch diese Fragen an zugehen.
   Metropolit Tarasios sagte, die Anwesenheit des Patriarchen Bartholomaios bei der Einführungsmesse des Papstes geschehe nicht nur zum ersten Mal nach der Trennung der Ost- und Westkirche im Jahre 1054, es sei vielmehr das erste Mal überhaupt, dass ein Patriarch von Konstantinopel beim Amtsantritt eines Papstes dabei war. Auch als die Kirche im ersten Jahrtausend noch vereint war, sandte der Papst oder Patriarch seinem neu- gewählten Bruder einen Brief oder einen Sonderdelegaten. Patriarch Bartholomaios I. sagte, dass er denke, „wenn wir zur Einheit der Kirche beitragen wollen, müssen wir bei solchen Ereignissen präsent sein, und  sie nicht nur zur Kenntnis nehmen.“ Der Patriarch kannte Kardinal Joseph Ratzinger, der 2005 zum Papst erwählt wurde, dachte aber damals keineswegs, in Rom mit dabei zu sein. „Das ist eine Frage der Zeit, und nun ist die Zeit reif“, sagt der Metropolit. „Es ist Zeit für die christlichen Kirchen, einige historische Hindernisse zur Einigung beiseite zu legen.“ In einem positiven Papier arbeiten orthodoxe und katholische Christen eng zusammen bei umweltfreundlichen Themen. Patriarch Bartholomaios wird „der grüne Patriarch“ genannt. Er ist einer der führenden christlichen Förderer der theologischen Betrachtung und der moralischen Verpflichtung zur Bewahrung der Schöpfung. Der neue Papst wählte den Namen „Franziskus von Assisi“. Schon in den ersten Tagen in seinem neuen Amt forderte er Respekt für die Schöpfung - das sei bedeutsam für die Orthodoxie. Patriarch und Papst „können die Stimme der Kirche verstärken, wenn sie gemeinsam handeln“, sagt Metropolit Tarasios.

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   Der Metropolit sagte, er hätte auch davon gehört, das Patriarch Bartholomaios Papst Franziskus eigeladen habe, mit ihm zusammen nach Jerusalem im Jahre 2014 zu pilgern, in Erinnerung daran, dass dort vor 50 Jahren der erste historische Schritt der Annäherung der Ost- und Westkirche getan wurde: Die Begegnung von Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras im Heiligen Land im Jahre 1964.
CT130331CindyWooden  Foto links: Paul VI. und Athenagoras  Foto rechts: Bartholomaios I. und Franziskus

   Das gute Verhältnis von Kirche und Staat und die Zusammenarbeit der Kirchen in Österreich hat der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. gewürdigt. Er befindet sich seit einigen Tagen in Österreich, wo er zuerst an zwei interreligiösen Konferenzen in Wien teilnahm und am Wochenende Einrichtungen der orthodoxen Kirche in Wien besuchte. Vor den zahlreichen Vertretern der orthodoxen Kirchen bekräftigte der Patriarch die Pflicht zur Ökumene und zum Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt. Er äußerte zugleich seine Hoffnung, dass auch jene Teile der Orthodoxie umdenken, die sich bisher gegen den Dialog mit anderen Kirchen ausgesprochen hatten. RV131125kap

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Walter Kardinal Kasper war 22 Jahre Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.
Durch seinen Einsatz wurde das Klima zwischen den Kofessionen spürbar verbessert. Foto oben: Der Kardinal im herzlichen Gespräch mit Patriarch Aleksij II in Moskau. Das Resümee seiner reichen Erfahrung lesen Sie hier:

Ökumene: Einheit in Vielfalt

   Wenn man von der katholischen Kirche spricht, dann versteht man das Adjektiv katholisch gewöhnlich als unterscheidende Konfessionsbezeichnung für die römisch-katholische Kirche sowie für die Ostkirchen, welche in voller Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom stehen. Dieses Verständnis stößt sich jedoch mit der Tatsache, dass auch die orientalisch-orthodoxen, die orthodoxen Kirchen wie alle traditionellen evangelischen Kirchen und Kirchengemeinschaften sich mit dem Glaubensbekenntnis der alten Kirche zu der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche bekennen. Auch sie nehmen für sich in Anspruch katholische Kirche zu sein. Die evangelischen Kirchen tun dies auch dann, wenn sie in der deutschen Übersetzung statt von der katholischen Kirche von der allgemeinen oder von der christlichen Kirche sprechen. Das wirft die Frage auf: Was bedeutet katholisch?, und was meinen wir, wenn wir von der katholischen Kirche sprechen?
1. Patristische Grundlegung
   Der Begriff «katholisch» meint in seinem ursprünglichen Wortsinn das Allgemeine und umfassende Ganze, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Dieser Begriff «katholisch» findet sich im Unterschied zu dern anderen Attributen der Kirche -  Einheit, Heiligkeit und Apostolizität - Neuen Testament noch nicht als Attribut der Kirche. Er begegnet uns jedoch bereits in sehr frühen Glaubensbekenntnissen und in den Canones des ersten ökumenischen Konzils von Nikaia.

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Erstes Konzil von Nicäa, 325: Kaiser Konstantin entrollt das Nicänische Glaubensbekenntnis

   Von dort ist er in das Große Glaubensbekenntnis von Nikaia-Konstantinopel (381) eingegangen, das in allen östlichen wie westlichen Kirchen Teil der Liturgie geworden ist. Auch das Apostolische Glaubensbekenntnis, ursprünglich ein Taufbekenntnis, bekennt sich in der allen westlichen Kirchen gemeinsamen endgültigen Fassung zur «heiligen katholischen Kirche».
   Alle diese Bekenntnisaussagen sind älter als die erst späteren Spaltungen, sowohl die von den orientalisch- orthodoxen Kirchen (5. Jahrhundert), von den orthodoxen Kirchen (11. Jahrhundert) und erst recht die von den evangelischen Kirchen und Kirchengemeinschaften (16. Jahrhundert). Sie sind nach der Heiligen Schrift das wohl stärkste Band, welches die getrennten Kirchen ökumenisch verbindet und zusammenhält. Sie sind eine Zusammenfassung der biblischen Botschaft und deren maßgebliche kirchliche Interpretation.
   Fragt man nun, was das Adjektiv <katholisch> in Bezug auf die Kirche sagt, dann muss man bei dem Märtyrerbischof Ignatius von Antiochien ansetzen, der es in seinem Brief an die Smyrnäer (nach der Frühdatierung schon vor dem Jahr 117, nach anderen erst gegen Mitte des 2. Jahrhunderts) erstmalig gebraucht. Er schreibt: «Wo der Bischof erscheint, da ist die Gemeinde pläthos wie da, wo Christus Jesus ist, die katholische Kirche katholikä ekkläsía  ist». Ignatius will damit sagen: Die einzelne Ortskirche, deren Haupt der Bischof ist, ist die Vergegenwärtigung der katholischen Kirche, die überall dort ist, wo man auf Jesus Christus hört vgl. Eph 6,2. Katholisch ist die Kirche also letztlich von Christus her; in ihm ist ja Gott in seiner ganzen Fülle pläroma erschienen Kol 1,19; 2,9, ein Begriff, den man in einem gewissen Sinn als biblisches Äquivalent von katholisch verstehen kann. Diese christologische Fülle ist in der vom Bischof geleiteten Ortskirche präsent. Damit gehört sowohl die christologische Begründung wie die bischöfliche Verfasstheit von Anfang an zur Katholizität der Kirche.
   Diese bei Ignatius nur angedeuteten Zusammenhänge kommen bereits um 160 in dem Bericht vom Martyrium des Polykarp zum Ausdruck. Der Bericht ist als Brief «an alle Gemeinden der heiligen katholischen Kirche an allen Orten» (Praeskript) gerichtet. Alle auf dem ganzen Erdkreis zerstreuten Gemeinden 8,1 sind katholisch, weil sie Jesus Christus als den einen Hirten der katholischen Kirche haben 19,2. Entsprechend wird Polykarp Bischof der katholischen Kirche von Smyrna bezeichnet 16,2. Das Bekenntnis zur katholischen Kirche bedeutet also ursprünglich das Bekenntnis zu der einen universalen Kirche Jesu Christi, die in den vielen, über den ganzen Erdkreis zer- streuten Ortskirchen lebt und die von Anfang an unlöslich mit der bischöflichen Verfassung der Kirche verbunden ist. Katholizität meint universale Einheit in ortsgebundener Vielfalt.
    Damit sind bereits um die Mitte des 2. Jahrhunderts die Linien vorgezeichnet, die dann bei Augustinus nur noch ausgezogen werden. Nach Augustinus (+ 430) kommt der Ausdruck catholica von kath‘olon und meint secundum totum, das heißt die ganze über die ganze Welt ausgebreitete Kirche. Die katholische Kirche meint also die weltweite universale Kirche im Unterschied zu den lokalen schismatischen Abspaltungen. Damit konnte Augustinus den schismatischen nordafrikanischen Donatisten, die nicht in universaler Gemeinschaft stehen, absprechen katholische Kirche zu sein. Es wäre jedoch verkehrt, Augustins Verständnis allein als geographische Universalität zu verstehen. Dahinter steht bei Augustinus eine tiefere qualitative Bedeutung. Die Einheit der Kirche besteht für ihn in der Liebe; sie ist das Herz seines Kirchenverständnisses. Weil die Spaltungen aus der Liebe herausfallen, zerstören sie die Kirche und das Kirchesein.
   Schon kurz vor Augustinus fasst Cyrill von Jerusalem (+ 386/7) die qualitative und die quantitative Bedeutung zusammen: «Die Kirche heißt katholisch, weil sie auf dem ganzen Erdkreis, von dem einen Ende bis zum anderen verbreitet ist, und weil sie allgemein und ohne Unterlass all das lehrt, was der Mensch von dem Sichtbaren und Unsichtbaren, von dem Himmlischen und Irdischen wissen muss, weil sie das ganze Menschengeschlecht, Herrscher und Untertanen, Gebildete und Ungebildete zur Gottesverehrung fuhrt, weil sie allgemein jeder Art von Sünden, die mit der Seele und dem Leib begangen werden, behandelt und heilt, endlich weil sie in sich jede Art von Tugend, die es gibt, besitzt, mag sich dieselbe in Werken oder Worten oder in irgendwelchen Gnadengaben offenbaren.
   Nach Augustin und nicht ohne kritischen Blick auf dessen von ihm als neuartig empfundene Gnadenlehre hat Vinzenz von Lerin (+ um 435) das bekannte, später oft, auch noch vom I. Vatikanischen Konzil zitierte Axiom aufgestellt, als katholisch habe zu gelten, was überall, immer und von allen geglaubt wurde und wird. Die Katholizität hat nach Vinzenz also sowohl eine diachrone die Zeiten übergreifende und auf den Ursprung zurückweisende wie eine synchrone den gegenwärtigen Glaubenskonsens bezeichnende Bedeutung. Sie meint sowohl Ganz- und Rechtgläubigkeit wie geographische Universalität. Cyrill von Jerusalem hat außerdem deutlich gemacht, dass das Kriterium «was von allen geglaubt wird» soziale, ethnische, kulturelle Katholizität einschließt und alle sozialen Gruppen, Arme wie Reiche, Gebildete wie Ungebildete. Hoch- und Niedriggestellte umfasst.
2. Konfessionelle Engführungen
   Von seinem Wortsinn her hat der Begriff «katholisch»  eine universale und integrale Bedeutung. Es wurde aber bereits bei den Kirchenvätern deutlich, dass die Wesensbezeichnung der Kirche als katholisch schon früh zu einem Kriterium der Abgrenzung von schismatischen und als häretisch betrachteten Gemeinschaften wurde. Das war schon bei Ignatius von Antiochien der Fall, der sich in seinen Briefen gegen auseinander tendierende Strömungen in den Gemeinden wandte und sich mit Nachdruck für die Einheit um den Bischof einsetzte Eph. 2,2; 4,1f; 20,2; Vollends ist diese Tendenz bei Augustinus deutlich geworden.
   Die weitere Geschichte wurde vor allem durch zwei Entwicklungen, die zugleich epochale Umbrüche waren, bestimmt. Durch den Codex des Theodosius (438) wurde die Kirche formell zur Reichskirche erklärt. Reichsrechtlich anerkannt waren aber allein die Kirchen, welche in Gemeinschaft mit Rom stehen. Diese Bestimmung wurde in den Codex des Justinian (529-534) übernommen und ist von dort in das Recht des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reichs eingegangen. Damit waren Häresie und Schisma nicht mehr nur eine Bedrohung der inneren Einheit der Kirche, sie stellten vielmehr auch die Einheit des Reichs in Frage. Schisma und Häresie wurden darum nun auch reichsrechtlich geahndet und meist blutig verfolgt.
   Durch die Gregorianische Reform im 11. Jahrhundert kam ein weiteres einschneidendes Element hinzu. Sie stellte «die größte Wende dar, die die katholische Ekklesiologie erfuhr.» Die Zusammengehörigkeit mit den Kirchen des Ostens hatte sich gelockert beziehungsweise war zerbrochen. Die Päpste bezeichneten nun die römische Kirche als mater omnium catholicorum. Am Eingang der Lateran-Basilika in Rom findet man bis heute in Stein gemeißelt in großen Lettern: Caput et Mater omnium ecclesiarum. Das letztere konnte und kann historisch bestenfalls von den Kirchen der westlichen Reichshälfte gelten und zeigt wie sehr der Osten bereits weitgehend aus dem Blickfeld entschwunden war. So konnten die Päpste nach Trennung vom Osten die ecclesia catholica als ecclesia romana bezeichnen. Das ging bis hin zu der Zuspitzung bei Papst Bonifaz VIII., der in der Bulle Unam sanctam (1302) feierlich erklärte, dass das Heil allein in der römischen Kirche und in der Unterordnung unter den römischen Ponti- fex möglich sei. Ganz aus dem Blick geraten waren die Ostkirchen freilich auch im Mittelalter nicht. Es gab immer wieder Bemühungen um die Einheit. Noch das Konzil von Florenz (1439-1445) sprach ausdrücklich von der Einheit der östlichen und westlichen Kirche.
   Für die seit dem 11. Jahrhundert von Rom getrennten Ostkirchen war und blieb es selbstverständlich, sich mit dem Großen Glaubensbekenntnis zu der einen heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zu bekennen; ja sie legten und legen sogar größten Wert auf ihre Katholizität, die sie bis heute als Teilnahme an der Fülle des trinitarischen Lebens Gottes verstehen. In der slawophilen russisch-orthodoxen Tradition des 19. Jahrhunderts kam freilich ein völkisch-nationales Element mit ins Spiel. Katholizität dort mit dem nur schwer zu übersetzenden Wort «sobornost» wiedergegeben, was die überindividuelle Einheit und Ganzheit des Volkes und der Kirche meint. Aus katholischer Perspektive wurden die orthodoxen Kirchen in der Neuzeit ohnedies als nationale Partikularkirchen wahrgenommen, denen die katholische Universalität abgeht. Von dieser soziologischen und nationalen Sicht versucht sich die patristisch erneuerte neuere orthodoxe Theologie freizumachen. Sie verbindet den Begriff katholisch mit der eucharistischen communio-Ekklesiologie, nach der die orthodoxen Kirchen durch den einen Glauben und die eine Eucharistie in synodaler Gemeinschaft in der einen katholischen Kirche verbunden sind.
   Eine neue Problemstellung kam durch die Reformation des 16. Jahrhunderts auf. Die Reformatoren intendierten, wie man sich heute wieder deutlicher bewusst macht, keine protestantische Sonderkirche; sie verstanden sich in der Tradition der alten Kirche, wollten eine Reform der ganzen Christenheit und hielten mit dem Bekenntnis der alten Christenheit auch am Bekenntnis zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche fest. Als sich im Prozess der Konfessionsbildung eigene reformatorische Kirchen herausbildeten, mussten diese schon aus reichsrechtlichen Gründen Wert darauflegen, als katholische Kirche anerkannt zu werden. Was sich herausbildete, war freilich ein neuer Typ von Kirche, bei dem im Unterschied zu den orthodoxen Kirchen nicht nur die Gemeinschaft mit Rom sondern auch die bischöfliche Verfasstheit verloren ging. Der Verlust der Einheit im Episkopat und im Primat führte zu einem landeskirchlichen Partikularismus und zu immer wieder neuen Abspaltungen. Die Katholizität wurde mit Hilfe des reformatorischen Kirchenverständnisses als Eigenschaft der geglaubten verborgenen bzw. unsichtbaren Kirche verstanden.
   Demgegenüber versuchte die katholische Apologetik aufzuzeigen, dass alle vier im Glaubensbekenntnis genannten Kennzeichen der Kirche (Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität) allein in der katholischen mit Rom vereinten Kirche verwirklicht sind. Katholizität wurde damit praktisch mit Romanität gleichgesetzt. Das Tridentinische Glaubensbekenntnis (1564) brachte diese Identifizierung zum Ausdruck, indem es vom Bekenntnis zur sancta catholica et apostolica Romana ecclesia sprach.
   Zu wieder einer neuen Situation kam es durch die Säkularisation von 1803. Sie besiegelte das Ende der alten Reichskirche. Damit entfiel für die evangelischen Kirchen der Grund aus Gründen der politischen und rechtlichen Anerkennung auf ihre Katholizität zu pochen. Jetzt erst konnte katholisch zu einer unterscheidenden, meist polemisch abgrenzenden und auf evangelischer Seite meist negativ besetzten Konfessionsbezeichnung werden. Katholisch galt jetzt im Unterschied zur evangelischen Kirche der Freiheit des Christenmenschen als Ausbund eines ultramontanen römischen, zentralistischen, institutionellen, unfrei machenden Kirchenverständnisses.

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3. Überwindung des Konfessionalismus
   Bereits im 19. Jahrhundert setzten Gegenbewegungen zu diesem engen und verhärteten Konfessionalismus ein. Auf   katholischer Seite haben Theologen wie Johann Sebastian Drey und Johann Adam Möhler Foto links aus dem Geist der Romantik und ihres ganzheitlichen organologischen Denkens aus den konfessionellen Verengungen herauszuführen und das ursprüngliche patristische Verständnis zu erneuern versucht. Vertreter eines hochkirchlichen Neuluthertums (A.F.C. Vilmar Foto rechts, W. Löhe u.a.) haben von anderen Voraussetzungen her das Katholische im Evangelischen wieder entdeckt. In der anglikanischen Gemeinschaft kam es in der Oxford- Bewegung zu einer patristischen Rückbesinnung, aus der John Henry Newman hervorging, der dieses Erbe nach seiner Konversion in die katholische Kirche einbrachte. Möhler und Newman wurden so zu den beiden großen Vorläufern der katholischen kirchlichen Erneuerung im 20. Jahrhundert.

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   Von ihnen angeregt haben Henri de Lubac, Fotos l-r Yves Congar, Karl Adam, Hans Urs von Balthasar u.a. schon vor dem II. Vatikanischen Konzil den ursprünglichen ganzheitlichen Sinn des Katholischen wieder ins Bewusstsein gehoben.
   Das II. Vatikanische Konzil konnte an diese Erneuerungsbewegungen anknüpfen und hat die ganzheitliche, umfassende universale Weite des Katholischen in seiner Einheit wie seiner inneren Vielfalt der Völker, Kulturen, Ortskirchen und Charismen neu zur Geltung gebracht Lumen Gentium 13. Damit hat es eine bedeutsame ökumenische Öffnung verbunden. Es anerkannte, dass sich außerhalb der institutionellen Grenzen der katholischen Kirche vielfältige Elemente des Katholischen finden. Es hat aber im Sinn der alten Kirche an der Bindung des Katholischen an das Bischofs- und an das Petrusamt festgehalten und betonte dabei sogar, dass die Fülle der Heils- mittel nur in der katholischen Kirche gegeben ist, die in Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus und der Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm subsistiert LG 8; Unitatis Redintegratio 3. Dieses subsistit in hat zu einer breiten kontroversen Diskussion geführt, auf die in diesem Zusammenhang nicht eingegangen werden kann. In der Sache wollte das Konzil damit im Sinn der altkirchlichen Tradition das Proprium des Katholischen festhalten und sich zugleich der ökumenischen Frage öffnen. Wichtig war ihm vor allem, dass das ganze geistliche, liturgische, disziplinäre und theologische Erbe der Ostkirchen mit seinen verschiedenen Traditionen zur vollen Katholizität und Apostolizität der Kirche gehört UR17.
   Auf evangelischer Seite kam es zu einem ähnlichen ökumenischen Wandel. Schon im 19. Jahrhundert entstanden konfessionelle Weltbünde, nach dem II. Weltkrieg kam es zur Gründung des Ökumenischen Rats der Kirchen. Während dessen erste Vollversammlung in Amsterdam (1948) katholisch noch im Sinn eines sakramental, episkopal und zentral verfassten Kirchentyps verstand und diesem den ereignishaften evangelischen Kirchentyp entgegensetzte, verstand die Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Uppsala (1968) Katholizität als wesensmäßige Qualität der Kirche.

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   Evangelische Theologen wie Nathan Söderblom, Fotos l-r Friedrich Heiler, Paul Tillich u.a. hatten vorgearbeitet, die Katholizität auch für die evangelische Kirche neu entdeckt und von einer evangelischen Katholizität gesprochen. Heute nehmen alle maßgeblichen Vertreter der evangelischen Theologie die Bezeichnung katholisch auch für die evangelische Kirche in Anspruch. Zumindest in der seriösen Theologie hat der Begriff katholisch seine Abgrenzungs- und Abschreckungsfunktion verloren.
    Doch damit ist die Frage nach dem spezifisch katholischen und nach dem spezifisch evangelischen Verständnis von Katholizität neu aufgeworfen. Als Antwort genügt es nicht, das Katholische selbstbewusst im Sinn des katholischen «und» Glaube und Liebe, Gnade und Werke, Schrift und Tradition im Unterscheid zum protestantischen «allein» sola fides, sola gratia, sola scriptura zu definieren; denn eben mit diesem vermeintlich ganzheitlichen Verständnis des Katholischen kommt wider Willen doch wieder eine konfessionelle Ab- und Ausgrenzung zum Ausdruck.
4. Katholizität als concretum universale
   Um weiterzukommen empfiehlt es sich, von dem gemeinsamen trinitarischen und christologischen Verständnis der Katholizität auszugehen. In Jesus Christus wohnt die Gottheit leibhaftig in ihrer ganzen Fülle pläroma: Kol 2,9; vgl. 1,19; in und durch Jesus Christus will Gott alles ta pánta zusammenfassen Eph 1,10. Die Kirche ist sein Leib; sie ist die Fülle pläroma dessen, der in ihr und durch sie das All erfüllt Eph 1,23. Die Universalisierung und Kon- kretisierung dieser wesensmäßigen Katholizität ist das Werk des Heiligen Geistes, der die Kirche in alle Wahrheit einführt Joh 16,13 und sie nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte zur Mission unter allen Völkern und in allen Kulturen drängt.
   Im Heiligen Geist soll die Kirche auf dem Weg der Mission die ihr geschenkte Katholizität konkret einholen und konkret einlösen. Die Katholizität hat damit eine ihr wesentliche eschatologische und geschichtlich dynamische Dimension. Die Kirche steht zwischen dem Schon und dem Noch-nicht. Sie ist in ihrer Katholizität sozusagen das Vorwegereignis der eschatologischen Fülle, zu deren voller konkreter Verwirklichung sie noch unterwegs ist. Sie muss in der Erkenntnis der ihr schon geschenkten Fülle der Reichtümer Christi wachsen, sie in allen Dimensionen ihres Lebens zu verwirklichen suchen und sie auf dem Weg der Mission bei allen Völkern und in allen Kulturen gegenwärtig machen. In ihren eigenen Reihen muss sie immer wieder Spaltungen, Verengungen und Verkrustungen überwinden und dem Reichtum der ihr geschenkten vielfältigen Charismen Raum geben.
  So kann man sagen: Katholische Kirche ist dort, wo kein Auswahlevangelium und keine parteiische Ideologie, sondern der ganze Glaube aller Zeiten und Räume in seiner Fülle ohne Abstriche verkündet wird, wo man Jesus Christus bei allen Völkern und in allen Kulturen für alle Menschen ungeachtet ihrer Standes, ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihrer Kultur bezeugt und der Christusglaube alle Dimensionen des Menschen ganzheitlich zu durchdringen sucht, wo innerhalb der Einheit einer größtmöglichen Vielfalt Raum gegeben wird und wo man im Heiligen Geist hör- und lernbereit ist für das je Größere und je Neue der in Jesus Christus in menschlicher Gestalt erschienen Fülle. Katholizität besagt Ganzheitlichkeit, Universalität, und Fülle und meint das Gegenteil von bornierter Engstirnigkeit und Abgrenzungsmentalität. Sie ist keine statische sondern eine dynamische Wirklichkeit.
  Doch Corruptio optimi pessima, das Verderbnis des Besten ist das Schlimmste. Das offene, universale und ganzheitliche Verständnis der Kirche darf nicht im Sinn einer unbestimmten Allgemeinheit und einer ins Diffuse und Unbestimmte verschwimmenden Offenheit missverstanden werden. Katholizität bedeutet keinen Synkretismus von Religionen und Weltanschauungen, in dem einander fremde und sich widersprechende Elemente zu einem undefinierbaren Amalgam vermischt werden und so alle Eindeutigkeit und Unterscheidung des Christlichen verloren gehen.
   Die Katholizität hat ihren Grund und ihre Identität in Jesus Christus. Das christologische Wunder, man kann sagen: das christologische Paradox und Skandalon besteht darin, dass Gott, die alles umfassende und alles übersteigende Wirklichkeit, in Jesus Christus nicht eine allgemeine Menschheit angenommen hat, sondern «dieser» Mensch, ein konkreter Mensch in einer konkreten Zeit, in einem konkreten Raum, in einem konkreten Volk und in einer konkreten Kultur geworden ist. Jesus Christus ist das concretum universale, das konkret gewordene Universale. Analog zu Jesus Christus meint die Katholizität der Kirche nicht unbestimmte, vage Allgemeinheit sondern konkrete, sichtbare, gestalthafte Universalität in Raum und Zeit. In der Kirche soll die in Jesus Christus erschienene Fülle des Heils in konkreter sichtbarer Gestalt anwesend sein. Es geht also um Katholizität in konkreter Gestalt. Zur Katholizität gehört darum Entschiedenheit; sie meint das Gegenteil von Unverbindlichkeit.
   In diesem Sinn ist die katholische Kirche überzeugt, dass in ihr, die in Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus und mit den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm steht, die Kirche Jesu Christi in konkreter Gestalt geschichtlich verwirklicht ist und ihre konkrete geschichtliche Existenzform hat LG 8. Für das katholische Kirchenverständnis ist die Katholizität christologisch begründet. Die Bindung an das Bischofsamt in historischer Sukzession macht den universalen Anspruch Jesu Christi sakramental zeichenhaft deutlich. Durch sie ist die Kirche in ihrer gegenwärtigen Gestalt synchron wie in ihrer Verbindung mit der Kirche aller Zeiten diachron allumfassend. Die Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus gibt ihr eine alle Völker und Kulturen umfassende Universalität und zugleich eine innere Einheit, wie sie keine andere Kirche aufweisen kann. Die Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus und mit den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm sind keine institutionelle Einengung der Katholizität; sie sind vielmehr Zeichen und Werkzeug der in Jesus Christus be- gründeten Katholizität.
5. Ökumenische Katholizität
   Mit diesem Verständnis stößt die katholische Kirche auf den Widerspruch der orientalischen und orthodoxen Kirchen wie der Kirchen und Kirchengemeinschaften in der Tradition der Reformation. Ihnen erscheint die Bezeichnung römisch-katholisch, die Partikularität und Universalität verbindet, als ein Widerspruch und die Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom als konstitutive Bedingung für die volle Kirchengemeinschaft als eine konfessionalistische Verengung, die von keiner anderen Kirche anerkannt wird und die deshalb nicht als katholisch im Sinn von allumfassend verstanden werden kann. Das christologische Skándalon, dass Gott in konkreter Gestalt erscheint, wiederholt sich in einer gewissen Weise im Selbstverständnis der katholischen Kirche.
   Schon im 16./17. Jahrhundert suchten humanistisch eingestellte evangelische Theologen einen Ausweg. Als Aus- gangspunkt bot sich ihnen das bereits zitierte Axiom des Vinzenz von Lerin an, das sie in dem Sinn interpretierten, dass nur das als maßgeblich und für alle verbindlich gelten soll, was allen Kirchen in den Glaubensbekenntnissen der ersten Jahrhunderte gemeinsam ist. Sie sprachen von einem consensus quinquesaecularis. Auf der Grundlage dieses Basiskonsens in den fundamentalen Glaubensartikeln der ersten fünf Jahrhunderte kamen sie zu dem Vorschlag, dass alle Kirchen auf dieser Grundlage zur Einheit finden und die voneinander abweichenden später hinzugekommenen Glaubensartikel als Adiaphora betrachten sollen. In anderer Weise findet sich dieses Konzept auch in der Oxford-Bewegung des 19. Jahrhunderts und in deren Versuch einer via media zwischen Katholizismus und Protestantismus.
   Die Idee eines Basiskonsens, der unterschiedliche, auch einander widersprechende konfessionelle Sonderlehren aushält, ist in neuer Form in neuere ökumenische evangelische Einheitskonzepte eingegangen. So geht die Leuenberger Konkordie (1973) der europäischen protestantischen Kirchen von dem Konzept einer Einheit in versöhnter Verschiedenheit aus, die aber in wichtigen Lehrfragen auch Widersprüche (etwa im Eucharistie- und Amtsverständnis) sachlich unversöhnt neben einander stehen lässt. In abgewandelter Form spielt eine ähnliche Idee auch im Dialog mit den orthodoxen Kirchen eine Rolle, wenn man die Einheit unter weitgehender Ausklammerung des zweiten Jahrtausends auf der Grundlage der gemeinsamen Tradition der ersten Jahrtausends anstrebt.
   Die Idee einer solchen Einheit durch Rückgriff auf eine goldene, als klassisch betrachtete, für alle verbindliche Ursprungszeit übergeht die Unterscheidung zwischen einer legitimen, ja wünschbaren Vielfalt, die Ausdruck von Reichtum und Fülle ist, und Widersprüchen, welche die Einheit auflösen und, wenn man sie nicht auflöst, zu neuen Spaltungen fuhren müssen. Eine solche Einheit kann keinen Bestand haben; letztlich fuhrt sie zu Relativismus und Indifferentismus in der Wahrheitsfrage.
   Deshalb ist die katholische Kirche mit ihren «Katholischen Prinzipien des Okumenismus» UR 2-4 einen anderen Weg gegangen. Sie geht nicht von verschiedenen Kirchen aus, die sozusagen gleichberechtigt, oder wie man heute zu sagen pflegt: die auf gleicher Augenhöhe Teile einer nirgends konkret verwirklichten unsichtbaren katholischen Kirche sind, die sich auf einer gemeinsamen Basis gegenseitig anerkennen und dabei lehrhafte Differenzen stehen lassen. Die katholische Kirche geht von der Katholizität aus, die in ihr «subsistiert», wenngleich sie konkret nur in unvollkommener Weise verwirklicht ist. Gleichzeitig anerkennt sie, dass die anderen Kirchen und Kirchengemeinschaften in unterschiedlicher Dichte auf vielfältige Weise an ihrer Kirchenwirklichkeit Anteil haben. Darunter finden sich auch Elemente, welche der katholischen Kirche zwar nicht fehlen, die in ihr aber wenig entwickelt oder etwas aus dem Blick geraten sind, in den anderen Kirchen aber ausdrücklicher entfaltet sind und gelebt werden.
   Der ökumenische Dialog ist nicht nur ein Austausch von Ideen, sondern von Gaben Ut unum sint 28. Er soll die Gaben der anderen Kirchen dankbar aufgreifen, auch die legitimen Anliegen, die im Widerspruch zu katholischen Lehren liegen können, er soll diesen Anliegen ihren Widerspruchscharakter nehmen, sie gleichsam entgiften und sie gereinigt ins Ganze des Katholischen integrieren. Auf diese Weise kann der Dialog die anderen Kirchen in ihrer Katholizität bereichern wie die katholische Kirche selbst zu einem tieferen Verständnis und zu einer umfassenderen konkreten Verwirklichung der ihr eigenen Katholizität finden kann.
   John Henry Newman hat auf seinem Weg vom Anglikanismus und von der Oxfordbewegung zur katholischen Kirche lange um das rechte Verständnis der Katholizität gerungen. Schließlich kam er zu der Erkenntnis, dass eine via media nicht möglich ist, dass die Kirche der Kirchenväter vielmehr in der katholischen Kirche gegenwärtig ist und dass darum katholisch und römisch dasselbe meinen. Er spitzte diesen Gedanken sogar zu und sagte, dass es «kein Mittelding zwischen Atheismus und Katholizismus gebe, und dass ein vollkommen konsequenter Geist unter den Umständen, in denen er hienieden lebt, sich entweder zum einen oder zum anderen bekennen müsse.» Das mag manchem als ein aufreizender Gedanke erscheinen. Aber nach seinem Übertritt zur katholischen Kirche war Newman keineswegs blind für Mangelerscheinungen in der katholischen Kirche so wie er sie vorfand. Er klagte über engstirnigen Bürokratismus in Rom, in dem er mangelnden Wirklichkeitssinn sah, und er brachte seine Hoff- nung auf Erneuerung zum Ausdruck.
  In der Tat kann es in der konkreten Gestalt der katholischen Kirche pathologische Formen des Katholischen geben, und es hat sie immer wieder gegeben. Sie entsprechen nicht, sondern widersprechen recht verstandener Katholizität und desavouieren sie, da sie aus Engherzigkeit, Engstirnigkeit, Arroganz und nicht selten auch aus Ignoranz kommen. Nicht trotz sondern aufgrund ihrer Katholizität ist die katholische Kirche ecclesia semper purificanda, stets zur Reinigung und Erneuerung gerufen LG 8. Immer wieder muss sie sich an ihrem in Jesus Christus ein für alle Mal gelegten Grund orientieren und sich aus ihren Quellen erneuern. Ohne die Bereitschaft zu Umkehr, Buße, Erneuerung und Reform ist der Anspruch auf Katholizität nicht glaubwürdig. Recht verstandene Katholizität setzt darum recht verstandene Ökumenizität voraus. Sie macht uns nicht weniger katholisch, sondern hilft uns, in der Wahrheit und in der Liebe in unserer Katholizität zu wachsen und zu reifen um Jesus Christus in seiner vollendeten Gestalt darzustellen Eph 4,13.
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Walter Kardinal Kasper, geb. 1933, Professor für Dogmatik in Münster und Tübingen 1964-89, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart 1989-99 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen (bis 2010), Mitherausgeber der Internationalen Zeitschrift Communio in seinem Beitrag: Katholizität als christologisch und pneumatologisch begründete Einheit in Vielfalt. IkaZ41(2012) S 360-371. Dokumene des II. Vatikanischen Konzils finden Sie > http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/index_ge.htm

ep-CharlesMorerodOPLausanne

Primat des Bischofs von Rom  - Der Dialog zwischen Orthodoxen und Katholiken
„Nein“ zum Protagonismus im Namen der Ökumene

   Interview mit dem Dominikaner Charles Morerod Foto oben, Generalsekretär der Internationalen Theologenkommission und Rektor der Päpstlichen Universität San Tommaso: „Die Repräsentanten der orthodoxen Kirchen schätzen Benedikt XVI., weil er ein Papst ist, der nicht seine Person in den Vordergrund stellt, sondern sich bei der Ausübung seines Amtes auf das Wesentliche konzentriert. So ein Papst muss den Orthodoxen ganz einfach gefallen.“
Interview mit Charles Morerod von Gianni Valente
 
Treffpunkt Wien. Die Mitglieder der gemischten internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche haben in der österreichischen Hauptstadt ein Thema besprochen, das den Be- ziehungen zwischen Katholizismus und Orthodoxie seit Jahrhunderten zu schaffen macht: den universalen Primat des Bischofs von Rom.
    Diskussionsgrundlage ist ein Dokument über die Rolle des Bischofs von Rom in der kirchlichen Gemeinschaft im ersten Jahrtausend, das schon bei der Vollversammlung der gemischten Kommission im Oktober letzten Jahres in Zypern im Mittelpunkt siehe dazu den Bericht auf unserer Seite > Ökumene stand. Der Text, der in den vergangenen Monaten bei den Medien große Beachtung fand, ist noch in der Entwicklungsphase. Es gibt noch viel zu tun.
   Der Dominikaner Charles Morerod, Generalsekretär der Internationalen Theologenkommission, Rektor der Päpstlichen Universität San Tommaso und seit 2005 Mitglied der gemischten Kommission für den theologischen Dialog mit den Orthodoxen, war gerne bereit, Gianni Valente einige Fragen zu beantworten.
An welchem Punkt sind die Arbeiten angelangt? Was sind die nächsten Schritte?
   CHARLES MOREROD: Der erste Schritt wurde mit der Unterzeichnung des Dokuments von Ravenna vor drei Jahren getan, das sich mit der Frage beschäftigt, ob es eine theoretische Definition des universalen Primats gibt, die auch von den orthodoxen Synoden anerkannt werden könnte. Normalerweise wird anerkannt, dass der Bischof von Rom primus inter pares ist. Aus dem Dokument von Ravenna ging hervor, dass man sich über die Rolle der Bischöfe weitgehend einig ist, die in keiner Hinsicht pares sind, nicht einmal im Innern der orthodoxen Kirchen. Auf regionaler, sozusagen „patriarchaler“, Ebene spielen einige Bischöfe eine wichtigere Rolle als andere, üben einen Primat aus, auch wenn sie sakramental gesehen Bischöfe sind wie alle anderen. Seit der Begegnung in Zypern im Oktober letzten Jahres versucht man herauszufinden, ob das einem besseren gemeinsamen Verständ- nis der Rolle des Bischofs von Rom dienlich sein kann. Man will praktisch ergründen, ob und wie man das, was bezüglich eines gewissen regionalen „Primats“ festgehalten wurde, auf universaler Ebene anwenden kann. Bei der Klärung dieser Frage stützt man sich auf historische Daten und das theologische Denken des ersten Jahr- tausends, also auf die Zeit des Schismas und davor.
Der Grundsatz ist klar: man muss sich das Vergangene vor Augen halten und es an die neuen Kontexte anpassen. Was bedeutet das?
  
MOREROD: Schon im ersten Jahrtausend hatte der Osten eine andere Auffassung von der Rolle des Bischofs von Rom als der Westen. Man konnte sich auf Folgendes einigen: Rom wird als Prima Sedes anerkannt, der Sitz von Rom ist für die Lösung der Konflikte zuständig. Es gab Momente, in denen der Bischof von Rom nachdrücklich eingeschritten ist, beispielsweise im Falle des so genannten Tomus Leonis von Papst Leo I. an den Patriarchen von Konstantinopel im Jahr 449 (ein Dokument, das der christologischen Definition des Konzils von Chalcedon [451] den Weg ebnete). Es stimmt jedoch, dass sich die Bischöfe des Ostens und des Westens nicht einig werden konnten, welche Bedeutung man ihm beimessen sollte. Deutlich geworden war das schon beim Konzil von Chalcedon: Kanon 28 des Konzils wurde vom Papst nicht approbiert, während der Kanon, mit dem die Jurisdiktion Konstantinopels als Neues Rom definiert wird, von den Griechen sofort akzeptiert wurde. Allen Differenzen zum Trotz blieb die Gemeinschaft intakt. Unsere Aufgabe ist es nun, sicherzugehen, dass die Verschiedenheit nicht zu Lasten der sakramentalen Gemeinschaft geht – sie kann als Vorbild dienen, um in unserer Zeit zur vollen Einheit zurückzufinden.
„Wo Eucharistie ist, ist Kirche“, sagte der russische Theologe Nicolai Afanasieff. Die Orthodoxen bekräftigen, dass die Kontroversen in Sachen Primat erst dann beigelegt werden können, wenn man anerkennt, dass jede Sonderkirche,  die sich um ihren Bischof versammelt und die Eucharistie gültig feiert, im vollen Sinne Kirche ist. Wird dieses Kriterium von katholischer Seite in Frage gestellt?
  
MOREROD: Gewiss, wo Eucharistie ist, ist Kirche. Einer Gemeinde, die nicht in voller Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom steht, fehlt aus katholischer Sicht etwas. Das Zweite Vatikanisches Konzil besagt: „Glied der Körperschaft der Bischöfe wird man durch die sakramentale Weihe und die hierarchische Gemeinschaft mit Haupt und Gliedern des Kollegiums “ Konstitution Lumen gentium, § 22. Bischof wird man mit der Bischofsweihe, nicht mit der Ernennung durch den Papst: die sakramentale Dimension ist die grundlegendste Dimension, und die einzig unabdingbare. Aber ohne Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom kann der Bischof nicht wirklich Teil des Bischofskollegiums werden, was auch die Rolle beeinträchtigt, die er in der universalen Kirche spielt.
Dieses Dokument besagt auch, dass der Anspruch Roms, seinen Primat mit der Beziehung zu Petrus zu begründen, der in der Ewigen Stadt gelebt hat, gestorben und begraben ist, von den Kirchen des Orients zwar nie gutgeheißen, am Anfang aber auch nicht strikt abgelehnt wurde. Man beschränkte sich vielmehr darauf, die Auffassung herauszustellen, dass alle Bischöfe Nachfolger Petri sind und somit an dessen Primat Anteil haben, weil sie ihr Amt im gemeinsamen Glauben der Apostel ausüben. Ist es korrekt zu sagen, dass diese Auffassung nicht der Lehre der katholischen Kirche entspricht?
   MOREROD: Die Orthodoxen erkennen an, dass der Papst der Bischof einer Kirche ist, die von Petrus gegründet wurde, und das ist wichtig für sie. Sie erkennen auch an, dass die Position des Bischofs der petrinischen Kirche von Rom der des Patriarchen von Antiochia übergeordnet ist, obwohl Petrus diese Kirche noch vor der Kirche von Rom gegründet hat. Aber sie sehen die Rolle der Kirche von Rom vor allem in Verbindung mit der politischen Rolle, die die Stadt Rom im Römischen Reich spielte: aus demselben Grund rechtfertigen sie die Rolle Konstantinopels, wenn sie auch den Bezug auf die Gestalt des heiligen Andreas hinzufügen (womit sie gleichzeitig die wichtige Position der Stadt und die Rolle eines Apostel herausstellen). Für die Katholiken äußert sich die Beziehung zwischen diesen beiden Aspekten auf eine andere Weise. Dem Bischof von Rom wird ein Primat zuerkannt, weil er auf einzigartige Weise der Nachfolger des Apostelfürsten ist, der unter den Aposteln und im Neuen Testament eine Sonderstellung einnimmt. Wahrscheinlich sind Petrus und Paulus gerade deshalb nach Rom gekommen, weil die Stadt eine so große politische Bedeutung hatte. Das ist aber nicht der Grund für die herausragende Rolle, die der Bischof von Rom heute unter allen Bischöfen einnimmt.
In einer Ansprache aus dem Jahr 2004 zitiert der russische Bischof Hilarion Simeon von Thessaloniki: „Der Papst soll nur zeigen, dass er dem Glauben Petri und der Nachfolger Petri treu bleibt; und dass er in diesem Sinne alle Voraussetzungen des Petrus besitzt, dass er der erste unter allen, das Oberhaupt aller und deren Vater ist.“ Ist das nicht auch das, was die Katholiken sagen?
   MOREROD: Das gilt für alle Christen, darin sind wir uns einig. Der Ausgangspunkt des Glaubens der Christen ist nicht der Umstand, auf der Seite des Papstes zu sein. Der Ausgangspunkt ist die Begegnung mit Jesus, wie Benedikt XVI. am Anfang seiner Enzyklika Spe salvi schreibt. Und jeder Christ – wenn er tatsächlich ein solcher ist – tut eigentlich nichts anderes, als im Glauben des Petrus und der Apostel zu bleiben. Als Katholik kann man sich an diesem Punkt aber fragen: woher wissen wir, ob wir den Glauben der Apostel teilen? Gibt es „Überprüfungsmethoden“, wie beispielsweise die Übereinstimmung dessen, was jemand heute behauptet mit dem, was im Neuen Testament geschrieben steht, oder mit den Stellungnahmen der ersten Konzile, der Kirchenväter, usw. Manchmal löst diese Übereinstimmung Debatten aus. Und das ist dann der Punkt, an dem die Katholiken betonen, dass ihre Nähe zum Papst „ein großes Glück und ein großer Trost“ ist, wie Paul VI. schrieb.
Wann hat er das gesagt?
   MOREROD: Am 22. Januar 1964, bei der Gebetswoche für die Einheit der Christen: „Wenn ihr klug genug seid, das Problem der Wiederherstellung der von Christus gewollten Einheit der Christen zu erkennen, wenn ihr seine Bedeutung und seine geschichtliche Entwicklung versteht, dann werdet ihr aus den Tiefen eurer Seele ein wunderbares, präzises Zeugnis jener katholischen Sicherheit aufsteigen spüren, die eure innere Stimme sagen lässt: ich bin bereits in der von Christus gewollten Einheit, ich bin bereits in seiner Nähe, weil ich Katholik bin, weil ich mit Petrus bin. Und das ist ein großes Glück, ein großer Trost, den ihr Katholiken zu schätzen wissen solltet. Gläubige, seid euch eurer privilegierten Situation bewusst, die ihr sicher nicht euch selbst zu verdanken habt, sondern der Güte Gottes, der euch ein solch glückliches Schicksal beschieden hat.“
Hilarion machte auch darauf aufmerksam, dass es gerade die wesentliche Einheit im Glauben, die in Abwesenheit einer hierarchischen Rechtsstruktur von den orthodoxen Kirchen bewahrt wird, offensichtlich macht, dass diese Einheit ein Wunder des Herrn ist.
   MOREROD: Es ist schön, dieses Ausharren im Glauben in der orthodoxen Kirche sehen zu können. Aber man kann nicht sagen, dass die orthodoxen Kirchen keine Struktur hätten. Das können vielleicht die Mitglieder der Pfingstkirchen sagen, nicht aber die Orthodoxen, die eine sehr robuste Struktur haben und diese auch seit Jahrhunderten bewahren konnten. Auf der anderen Seite rechtfertigt nicht einmal die katholische Kirche ihren Bestand mit ihrer Struktur. Niemand kann glauben, dass die Quelle der Einheit die „zentrale Macht“ des Papstes sei. In Wahrheit können wir Katholiken über die Struktur und die vom Heiligen Geist bewirkte wunderbare Überlieferung des Glaubens über so viele Jahrhunderte hindurch dasselbe sagen wie die Orthodoxen. Es geht nicht darum, die Strukturen und die vom Heiligen Geist bewirkten Wunder einander gegenüber zu stellen. Es ist vielmehr wesentlich anzuerkennen, dass keine Autorität in der Kirche durch sich selbst gegeben ist. Nicht einmal die Kirche geht aus sich selbst hervor. Und auch die Apostel haben sie nicht durch ihr Zeugnis in die Geschichte gestellt. Sie beginnt nur deshalb mit den Aposteln, weil diese Christus gesehen haben, weil sie ihm begegnet sind, weil sie mit dem auferstandenen Herrn gelebt haben.
Hilarion (und mit ihm die Orthodoxen) bekräftigt, dass das Unfehlbarkeitsprinzip, so wie es vom Ersten Vatikanischen Konzil definiert wird, den Papst über die Kirche stellt. Mit der Unfehlbarkeit werden die Papstdokumente zu Dokumenten, die „durch ihren Autoritätsanspruch“ nicht modifizierbar und „unabhängig von der kirchlichen Approbation“ sind. Stimmt das?
   MOREROD: Ich verstehe, warum er sich so ausgedrückt hat: er bezieht sich auf das Erste Vatikanische Konzil, laut dem eine Definition des Papstes  – wenn er sich in unfehlbarer Weise äußert – aufgrund der eigene Autorität und nicht wegen des Konsenses der Kirche bindend ist. Wenn das aber geschieht, beschränkt sich der Papst darauf, auf diese Weise den Glauben der Kirche zum Ausdruck zu bringen. Und dieser Glaube ist niemals das Ergebnis einer Meinungsumfrage, bei der die Mehrheit das Sagen hat. Auch die Orthodoxen beharren, wenn sie ihr Panorthodoxes Konzil abhalten, nicht darauf, dass der Glaube der Meinung der Mehrheit entspricht. Sehr klare und verständliche Stellungnahmen hierzu stehen in dem Dokument über die Gabe der Autorität zu lesen, das die Internationale Anglikanisch/Römisch-Katholische Kommission ARCIC in ihrer Gemeinsamen Erklärung des Jahres 1998 ausgearbeitet hat.
Was steht dort geschrieben?
   MOREROD: In besagtem Dokument heißt es, dass „jede feierliche Definition, die vom Stuhl Petri in der Kirche St. Peter und Paul verkündet wird, jedoch nur den Glauben der Kirche zum Ausdruck bringen kann.“ Und weiter: „Es ist dieser Glaube, der Glaube aller in der Gemeinschaft Getauften. […] Es ist dieser Glaube, den der Bischof von Rom unter bestimmten Umständen zu erkennen und deutlich zu machen die Pflicht hat. […]. Die Annahme des Primats des Bischofs von Rom bedeutet auch die Anerkennung dieses besonderen Amtes des universalen Primats. Wir glauben, dass dies eine Gabe ist, die von allen Kirchen angenommen werden sollte.“
Verschiedene Bereiche der Orthodoxie beschreiben den Primat des Bischofs von Rom noch immer als etwas, das mit Herrschsucht zu tun hat. Aber würde ein mit diesem Ziel ausgeübter Primat denn überhaupt der katholischen Lehre entsprechen?
   MOREROD: Der Primat, wie übrigens jede Autorität in der Kirche, kann nur nach dem Kriterium der caritas interpretiert und ausgeübt werden, die auch in rechtlicher Form zum Ausdruck kommt. Für Thomas von Aquin wurden die Tugenden auf eine gewisse Weise in der Liebe verkörpert, der einzigen Tugend, die im Himmel bleibt. Und der Primat wird aufgrund seiner besonderen Natur gemäß der caritas ausgeübt. Der Titel Servus servorum Dei, den Papst Gregor der Große angenommen hat, bringt das zum Ausdruck. Es handelt sich nicht um eine Definition, die man als eine Art ökumenische Höflichkeitsfloskel bezeichnen kann. Der Papst dient, weil er liebt. Und das kann man unter den derzeitigen historischen Umständen immer deutlicher erkennen. Wenn das Papsttum in der Vergangenheit mit einem unleugbaren Prestige und gesellschaftlicher Macht verbunden war, steht es heute oft im Kreuzfeuer der Kritik.
In den Reflexionen über die Ökumene wird oft die so genannte „Ratzinger-Formel“ zitiert: in den Dingen, die den Primat des Papstes angehen, darf Rom von den orthodoxen Kirchen nicht mehr verlangen als das, was im ersten Jahrtausend festgelegt und gelebt wurde. Was aber ist mit den dogmatischen Definitionen des zweiten Jahrtausends?
  MOREROD: Die Dogmen, die während des zweiten Jahrtausends in der katholischen Kirche definiert wurden, werden als Teil der Glaubenslehre von uns anerkannt. Und dort, wo einige glauben, dass die unbefleckte Empfängnis und die Aufnahme Mariens in den Himmel Teil des Glaubens sind, andere aber nicht, kann es keine volle Gemeinschaft geben. Was hier besondere Probleme macht, ist natürlich vor allem die Definition der Unfehlbarkeit des Nachfolgers Petri. Aber wenn der theologische Dialog fortgeführt werden sollte, wird man auch darüber sprechen können.
Welchem Kurs soll man also diesbezüglich folgen?
  
MOREROD: In dem von mir zitierten Dokument über den katholisch-anglikanischen Dialog wird anerkannt, dass der Bischof von Rom unter besonderen Umständen auch allein den Glauben der ganzen Kirche zum Ausdruck bringen kann. Diese Möglichkeit wird als eine Gabe betrachtet, die alle Kirchen als solche annehmen sollten. Den Orthodoxen müsste als Ausgangspunkt gezeigt werden, dass gerade das Erste Vatikanische Konzil ein wichtiger Schritt in Richtung eines rechten Verständnisses der Unfehlbarkeit war und dass die Anwendung dieses Prinzips drastisch eingeschränkt worden ist. Zuvor haben manche gedacht, dass der Papst in vielen seiner Stellungnahmen unfehlbar wäre .
Und was ist mit den anderen dogmatischen Definitionen?
   MOREROD: Auch hier kann der Vergleich mit der Situation des ersten Jahrtausends hilfreich sein, als es zwischen der Kirche des Westens und der des Ostens verschiedene Differenzen gab, die allerdings nicht zu einer Spaltung führten. Man muss anerkennen, dass es verschiedene Arten gibt, denselben apostolischen Glauben zum Ausdruck zu bringen. Nehmen wir beispielsweise das Filioque: auch der Papst hat manchmal das Glaubensbekenntnis ohne das Filioque gesprochen, und das tun seit einigen Jahrzehnten auch die Katholiken des lateinischen Ritus in Griechenland und die Katholiken des griechischen Ritus in Süditalien, einem von Papst Benedikt XIV. im Jahr 1742 anerkanntem Brauch entsprechend. Das heißt, dass der Glaube an die Dreifaltigkeit mit oder ohne Filioque zum Ausdruck gebracht werden kann. Und das daher die Anfügung des Filioque keinen Bruch mit der Gemeinschaft bedeutet, die diesen Glauben gemeinsam bekennt.
Manche Beobachter sind der Meinung, dass die Orthodoxen für Benedikt XVI. eine besondere Sympathie hegen. Können Sie das bestätigen?
   MOREROD: Das habe ich bei meinen Begegnungen mit den Repräsentanten verschiedener orthodoxer Kirchen auch feststellen können. Sie schätzen den Heiligen Vater sehr, vielleicht auch, weil er für sie eine Art monastisches Ideal verkörpert; schließlich sind alle orthodoxen Bischöfe Mönche. Wenn der Papst nicht sich selbst in den Vordergrund stellt, sondern nur das wiederholt, was er selbst empfangen hat, wenn er sein Amt vor seine Person stellt, dann ist das der Ökumene sehr hilfreich. Ein Papst, der in sein Amt sowenig Persönliches wie möglich mit einbringt und sich stattdessen auf das Wesentliche beschränkt, kann den Orthodoxen nur gefallen. TrentaGiorni-net

cdWalterKasper cd-KurtKoch-2x

Bischof Kurt Kardinal Koch - Präsident des Einheitsrates

   Der Basler Bischof Kurt Koch Foto oben rechts ist von Papst Benedikt XVI. zum Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen ernannt worden. Dies teilte der Bischof in einem persönlichen Schreiben an die Seelsorgerinnen und Seelsorger seiner Diözese mit. 
   Der Papst habe betont, dass es ihm ein wichtiges Anliegen sei, dass diese Aufgabe von jemandem wahrgenommen werde, der die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen nicht nur aus der Literatur, sondern „aus der unmittelbaren Erfahrung“ kenne. Damit habe der Papst erneut gezeigt, dass ihm nicht nur die Ökumene mit den Orthodoxen, sondern auch diejenige mit den Protestanten am Herzen liege, so Koch in seinem Schreiben. Er freue sich darauf, der Ökumene, einem seit dem Zweiten Vatikanum wichtig gewordenen Anliegen, in besonderer Weise dienen zu können. RVpm100630kipa
   Walter Kasper Foto oben links, der 2001 zum Kardinal und Präsidenten des Einheitsrates ernannt worden war, wird in Rom bleiben. Der 78-Jährige sagte FOCUS, er wolle sich wieder mehr theologischen Fragen widmen. Er gehe zufrieden in den Ruhestand und freue sich, dass er nun auch weniger reisen müsse: „Man merkt ja schon, dass man schneller müde wird und dass das Gedächtnis ein wenig nachlässt.“ Focus100626
Der gebildetste und eloquenteste Oberhirte
  Der bischöfliche Informationsbeauftragte Giuseppe Gracia bestätigt, dass Bischof Koch vom Papst zu einer Privataudienz eingeladen worden sei. Bischof Kurt Koch galt immer schon als der geistig agilste, gebildetste und eloquenteste katholische Oberhirte in der Schweiz . Er hat selbst als Bischof zahlreiche Werke verfasst, so 2005 das Ökumene-Buch «Dass alle eins seien».
  Bekannt geworden war Koch in den Achtzigerjahren als reformorientierter Theologieprofessor in Luzern.
Klar für Rom Partei ergriffen
   In letzter Zeit hat der Bischof immer wieder klar für Rom und den Papst Partei ergriffen. Vor allem im Februar 2009, als sich Benedikt XVI. mit den traditionalistischen Pius-Bischöfen, darunter Holocaust-Leugner Richard Williamson, aussöhnte. . Ende 2009 trat er nach dreijähriger Amtszeit vom Präsidium der Schweizer Bischofskonferenz zurück. TagesAnzeiger100628

Kardinal Koch: Ökumene ist „nicht Kür, sondern Pflicht“   cdd-KurtKoch-xx

   Ein Engagement in der Ökumene ist für die katholische Kirche „nicht Kür, sondern Pflicht“ - und zwar eine Pflicht, der sich jeder Gläubige, aber auch die Kirchenspitze verpflichtet fühlen muss. Das sagte der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, bei einem Vortrag an der Universität Wien. Die Spaltungen der Christenheit seien eine bis heute schmerzende Wunde, deren Heilung „dem Willen Jesu Christi“ selbst entspreche und der sich das gesamte Zweite Vatikanische Konzil zutiefst verpflichtet fühlte, so Koch bei dem Vortrag. Christliche Ökumene sei „kein bloßer Zusatz oder ein Anhängsel im Leben der Kirche, sondern gehört elementar zum Wesen der Kirche“.
  Ganz oben auf der ökumenischen Agenda müsse heute laut Koch die Frage nach dem Kirchenverständnis stehen. Dabei  seien  vor  allem  die  aus  der Reformation hervorgegangenen Kirchen angefragt,  die beantworten müssten, ob  sie  die  Reformation  als „totalen Bruch“ verstehen oder sich in „bleibender Kontinuität mit den vorangehenden 1.500 Jahren“ sehen, so Koch. Von der Klärung dieser Frage hänge „die weitere Zukunft des ökumenischen Dialogs“ ab. Sorge bereite ihm in diesem Zusammenhang eine „zunehmende und vielfältige Fragmentierung“ innerhalb des Weltprotestantismus, der zugleich eine Vervielfältigung der Ökumene-Begriffe und des Verständnisses von Kircheneinheit mit sich bringe.
   Koch wies in seinem Vortrag alle Rufe nach einer raschen Eucharistiegemeinschaft als nächste Schritte in der ökumenischen Bewegung von sich. Die katholische Kirche halte sich im ökumenischen Dialog an klare katholische Prinzipien wie sie das Konzil etwa mit der Idee eines gestuften Kirchenverständnisses vorgelegt hat. „Eingangstor“ zur Kirche und zugleich Fundament der Ökumene bleibe demnach vor allem die Taufe und deren wechselseitige Anerkennung, so Koch. Man müsse auf diesem Punkt so beharren, da gerade von protestantischer Seite diese Frage oftmals aufgeweicht werde. Gleiches gelte für einen weiteren ökumenischen Streitpunkt: die Eucharistie. Auch in diesem Punkt gebe es evangelische Gemeinschaften, so Koch, bei denen er den Eindruck habe, „das ökumenische Ziel sei nicht mehr die kirchliche Communio, sondern die eucharistische Interkommunion“ - und er fügte hinzu: „Das gemeinsame Mahl gehört insgesamt an das Ende und nicht an den Anfang ökumenischer Bestrebungen.“
RVkap120424sk

cd-KurtKoch-4z7  Kardinal Koch: „Kirche ist kein Sündenbock“

   Die katholische Kirche muss derzeit vieles erdulden. Unbegründete Kritik bekommt sie auch hinsichtlich ihrer ökumenischen Haltung zu spüren. Das sagt im Gespräch mit Radio Vatikan der päpstliche Ökumene-Verantwortliche, Kurienkardinal Kurt Koch. Seit etwas mehr als ein Jahr leitet der Schweizer den Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Seine Bilanz:
   „Ich kann immer weniger die Kritik verstehen, die sagt, dass Rom schuld daran sei, dass die Ökumene nicht weiterkommt. Ehrlich gesagt kenne ich keine Kirche, die so viel in die Ökumene investiert wie die katholische Kirche. Trotzdem ist sie immer an allem schuld. Diese Sündenbock-Theorie möchte ich in Frage stellen, weil Ökumene einfach Zeit und Geduld braucht.“
   Bei den Begegnungen mit Patriarchen, Metropoliten und Vertreter von anderen christlichen Kirchen habe er festgestellt, dass „der Heilige Vater schon längst so etwas wie einen ökumenischen Petrusdienst ausübt. Viele suchen das Gespräch mit dem Papst und so ist er ein Bezugspunkt für viele Kirchen geworden . Das finde ich sehr schön. Das müssen wir vertiefen und weiterführen. Denn die Ökumene lebt, steht und fällt mit der persönlichen Begegnung.“ RVpm110917mg

Das Ziel der Ökumene bleibt die Wiederherstellung der vollen Einheit der Kirche

  Das hat Kurienkardinal Kurt Koch in einem Interview mit der Kärntner Kirchenzeitung „Sonntag“ unterstrichen. Eine bloße Anerkennung einzelner Kirchentypen mache die Einheit zu einer „bloßen Addition“ - dies könne jedoch nicht mit dem „einen Leib Christi“ gemeint sein, den die Kirche darstellen solle. „Das ist nicht nur schwer mit der römischen Vorstellung zu vereinbaren, sondern auch mit der biblischen“, betonte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Dennoch dürfe Einheit nicht mit „Vereinheitlichung“ verwechselt werden. So sei Ökumene stets ein Dialog, der beide Seiten bereichere. Zugleich wandte sich Koch gegen jene Stimmen, die eine Ermüdung in der Ökumene feststellen. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil seien die Erwartungen an die Ökumene in der Tat sehr hoch gewesen – „vielleicht zu hoch“ -, aber man schreite dennoch weiter voran, auch wenn die Lage komplexer geworden sei: so führe die katholische Kirche derzeit parallel 16 ökumenische Dialoge.
RV120629

   Der vatikanische „Ökumeneminister“, Kardinal Kurt Koch sagte, eine Überwindung der Spaltung der Christenheit könne nur durch gemeinsame Lektüre der Bibel „im Geist ihrer Niederschrift“ gelingen. Eine entscheidende Frage sieht der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen darin, wie Katholiken und Protestanten heute die Reformation verstünden: als Reformbestrebung in der einen Kirche oder als die Entstehung einer neue Kirche als Bruch mit der alten Kirche. Nach Angaben des Direktors des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn, Wolfgang Thönissen, bereitet die katholisch-lutherische Dialogkommission auf Weltebene im Blick auf 2017 ein ausführliches gemeinsames Dokument vor, das derzeit beiden Kirchen zur Beratung vorliegt. Dazu solle es ein kürzeres Papier geben, das die Kernthesen zusammenfasse. Diskutiert werde auch darüber, ob es außerdem „etwas wie eine gemeinsame Gedenkveranstaltung“ geben könne, ohne dass dabei „die Spaltung der Kirche bejubelt“ werde, so Thönissen. RV120602

Bischof Kurt Koch     cd-KurtKochBasel-1z

Bischof Kurt Koch schreibt an die Gläubigen seiner Diözese Basel
einen persönlichen Brief  zur schwierigen Situation in der Kirche heute

   In den vergangenen Tagen und Wochen dürfte es Ihnen ähnlich ergangen sein wie mir: Nach der Bekanntgabe der Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft durch Papst Benedikt XVI. am 24. Januar sind wir mit einer Flut von Informationen, Meldungen und Gegenmeldungen, Kommentaren und Stellung- nahmen nicht nur zum Akt der Aufhebung der Exkommunikation, sondern auch und vor allem zu der ungeheuerlichen Leugnung des Holocaust durch Bischof Williamson überschüttet worden, so dass es kaum mehr leicht gefallen ist, Orientierung zu gewinnen und sich zurecht zu finden. In den zurückliegenden Tagen hat sich die öffentliche Kritik immer mehr auf die Person unseres Papstes konzentriert. Auch einzelne Theologen haben dem Papst massive Vorhaltungen gemacht und damit zumindest insinuiert, das Geschehene passe irgendwie zu ihm. Die Integrität von Papst Benedikt, das Papsttum und unsere Kirche als ganze haben einen schweren Schaden erlitten, den auch Sie in den alltäglichen Begegnungen zu spüren bekommen haben. Es ist mir deshalb ein Anliegen, Ihnen persönlich zu sagen, dass ich wie Sie unter dieser Situation leide, und Ihnen mitzuteilen, wie ich die Situation heute sehe. Ich will einfach versuchen, das Vorgefallene in einem größeren Kontext zu verstehen.

1. Die Aufhebung der Exkommunikation bedeutet keine Änderung des rechtlichen Status der Pius-Bruderschaft
   Am 27. Januar habe ich mich in meiner Verantwortung als Präsident der Schweizer Bischofskonferenz in einem Communiqué ganz klar von den dummen und beleidigenden Äußerungen von Bischof Williamson distanziert, unsere jüdischen Mitbürger und Bürgerinnen um Entschuldigung für diese Irritationen gebeten und unmissverständlich darauf hingewiesen, dass die Aufhebung der Exkommunikation in keiner Weise eine Rehabilitierung oder eine Versöhnung mit den vier Bischöfen bedeuten kann, sondern nur die Öffnung einer Tür, um die Bereinigung der offenen und strittigen Fragen in Angriff zu nehmen.
   Trotzdem wurde in verschiedenen Medien immer wieder von Aufnahme in die Kirchengemeinschaft, von Begnadigung und von Rehabilitierung gesprochen. Davon kann aber gemäß dem Kirchenrecht der katholischen Kirche bei der Aufhebung einer Exkommunikation noch nicht die Rede sein. Ich will dies an einem geschichtlichen Beispiel verdeutlichen: Als am 07. Dezember 1965 Papst Paul VI. die Exkommunikation über die orthodoxe Kirche von Konstantinopel im Jahre 1054 und am gleichen Tag Patriarch Athenagoras die umgekehrte Exkommunikation aufgehoben haben, war die Kirchengemeinschaft noch keineswegs erreicht. Dieser Schritt hat es aber ermöglicht, dass während über vierzig Jahren ein intensiver ökumenischer Dialog geführt werden konnte, der nun die Besiegelung der Kirchengemeinschaft am Horizont aufscheinen lässt.
  Nicht anders ist die Aufhebung der Exkommunikation über die vier Bischöfe zu verstehen. Was war diesem Schritt vorausgegangen? Als Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt worden war, haben die Bischöfe der Pius-Bruderschaft ihn gebeten, den Dialog mit Rom wieder aufzunehmen, und sie haben die doppelte Forderung gestellt, dass der Papst den Ritus der Heiligen Messe in der Form von 1962 wieder allgemeiner zulasse und dass er die im Jahre 1988 vollzogene Exkommunikation wieder aufhebe. Beide Forderungen hat Papst Benedikt XVI. nun erfüllt. Er ist damit zugegebenermaßen sehr weit gegangen. Aber ich denke, dass er sich den barmherzigen Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn als Vorbild genommen hat. Bekanntlich hat dieser nicht zunächst Vorbedingungen gestellt, sondern ist auf den verlorenen Sohn zugegangen, als dieser Umkehrbereitschaft signalisiert hat. Genauso hat der Papst die gewiss große Hürde der Exkommunikation weggenommen, um den Weg des Dialoges beginnen zu können, wie auch der Vatikan in seiner Erklärung vom 04. Februar festgehalten hat: „Die Aufhebung der Exkommunikation hat die vier Bischöfe von einer schwerwiegenden kanonischen Strafe befreit, hat aber nicht die juridische Lage der Bruderschaft St. Pius X. geändert, die sich gegenwärtig keiner kanonischen Anerkennung in der katholischen Kirche erfreut. Auch die vier Bischöfe haben, auch wenn ihre Exkommunikation aufgehoben ist, keine kanonische Funktion in der Kirche und üben in ihr kein berechtigtes Amt aus.“ Die Aufhebung der Exkommunikation stellt also nur einen allerersten Schritt für einen möglicherweise langen Weg der Versöhnung dar.

2. Das Zweite Vatikanische Konzil steht nicht zur Disposition
   Bereits bei der Generalaudienz vom 28. Januar hat Papst Benedikt XVI. von den Bischöfen „echte Treue und echtes Anerkennen des Lehramtes und der Autorität des Papstes und des II. Vatikanischen Konzils“ gefordert. Und in seiner Stellungnahme vom 4. Februar hat der Vatikan nochmals betont: „Für eine künftige Anerkennung der Bruderschaft St. Pius X. ist die volle Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Lehramtes der Päpste Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. sowie Benedikt XVI. eine unerlässliche Bedingung.“
   Wer Papst Benedikt, sein theologisches Denken und seine bisherige Verkündigung als Papst kennt, wird diese konsequente Haltung nicht überraschen. Denn es kann nicht zweifelhaft sein, dass er das Zweite Vatikanische Konzil in Frage oder zur Disposition stellen könnte; er selbst benützt es immer wieder als Referenzpunkt, an dem er sich orientiert. Bereits als Kardinal ist er mit den Verhandlungen mit Erzbischof Lefebvre beauftragt gewesen und hat auch damals die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils gefordert. Auch als Papst hat er deutliche Zeichen in diese Richtung gegeben. Sie wurden freilich in der Öffentlichkeit zumeist in der umgekehrten Richtung gedeutet.
   Mit seinem Apostolischen Schreiben „Summorum pontificum“ im Jahre 2007 hat er die Feier der Heiligen Messe in der Form von 1962 allgemeiner zugelassen und ist damit gewiss der ersten Forderung der Bischöfe der Pius- Bruderschaft entgegengekommen. Er hat ihnen aber zugleich das stärkste Argument aus der Hand genommen, das schon Erzbischof Lefebvre geltend gemacht hatte, dass mit der Messreform nach dem Konzil eine neue Kirche mit einer neuen Messe entstanden sei. Diesem Argument hat der Papst kategorisch mit der Überzeugung widersprochen, dass es in der katholischen Kirche nicht zwei Riten gebe, sondern nur zwei Formen des einen Ritus, dass Priester, die in der Form des Ritus von 1962 zelebrieren, „selbstverständlich die Zelebration nach den neuen liturgischen Büchern nicht ausschließen“ können, und dass folglich mit der Zulassung der beiden Formen die Auto- rität des Zweiten Vatikanischen Konzils in keiner Weise in Frage gestellt sei. Lesen Sie dazu unsere ausführlichen Berichte >
alte Messe
   Bereits in seiner ersten programmatischen Weihnachtsansprache an die Mitglieder der römischen Kurie am 22. Dezember 2005 hat der Papst sehr grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Interpretationen des Konzils unterschieden. Die eine bezeichnete er als Interpretation im Sinn der Diskontinuität und des Bruches, dergemäß bewusst über die Konzilstexte hinausgegangen werde, um den so genannten „Geist des Konzils“ in die Zukunft hinein weiter zu schreiben. Die zweite nannte er Interpretation im Sinne der Reform, der Erneuerung der Kirche in bleibender Verbundenheit mit der Tradition. Für Papst Benedikt versteht es sich von selbst, dass das Zweite Vatikanische Konzil keinen Bruch in der Kirchengeschichte darstellt, dass es sich vielmehr um eine Erneuerung der Kirche in Kontinuität mit der Tradition handelt. Diese eindeutige Verbindung von Treue und Dynamik in der Interpretation des Konzils  war eine klare Aussage nicht nur in progressistischer, sondern auch in traditionalistischer Richtung, die freilich in der Beurteilung des Konzils als Bruch gar nicht so weit auseinander liegen, wie es auf den ersten Blick scheint.
   Schließlich wies für mich auch die Datierung der Aufhebung der Exkommunikation in die Richtung der notwendigen Anerkennung des Konzils als Voraussetzung für die Aufnahme in die kirchliche Gemeinschaft. Den Tag vor dem Ende der Gebetswoche für die Einheit der Christen und vor dem 50. Jahrestag der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils habe ich dahingehend gedeutet, dass mit der Aufhebung der Exkommunikation ein Weg auf Einheit hin eröffnet wird, den die Pius-Bruderschaft nur zusammen mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gehen kann.
  Die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch die Bischöfe der Pius-Bruderschaft muss sich dabei besonders auf jene Lehren richten, die von letzteren immer wieder bestritten werden, hinter denen aber Papst Benedikt überzeugt steht: die Erklärung der Religionsfreiheit, die bereits der Theologe Joseph Ratzinger als „das Ende des Mittelalters, ja das Ende der konstantinischen Ära in der Peterskirche“ beurteilt hat; die Hinwendung der katholischen Kirche zur Ökumene, die der Papst stets als besonderes Anliegen seines Pontifikates bezeichnet hat; und vor allem die in der Erklärung über die nichtchristlichen Religionen zum Ausdruck gebrachte heilsgeschichtliche Sicht des Judentums, die der Papst in verschiedenen Begegnungen mit jüdischen Autoritäten als „Meilenstein auf dem Weg der Versöhnung zwischen den Christen und dem jüdischen Volk“ gewürdigt hat .

3. Antisemitismus hat in der Kirche keinen Platz
   Es erfüllt mich deshalb mit tiefer Trauer, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen konnte, der Papst distanziere sich nicht in genügender Weise von antisemitischen Äusserungen aus den Reihen der Pius-Bruderschaft und die Leugnung des Holocaust habe in der katholischen Kirche einen legitimen Platz. An den vielen positiven Äusserungen des Papstes zum Judentum, der bereits die sympathische Zuwendung von Papst Johannes Paul II. zu den jüdischen Geschwistern theologisch begleitet hat, hat der leider entstandene Eindruck keinen Anhalt ebenso wenig wie an den vielen Zeichen einer besonderen Wertschätzung der Juden: Den ersten Brief als Papst schrieb er dem Rabbiner von Rom; er begegnete den Juden in der geschichtsträchtigen Synagoge von Köln  und im vergangenen Herbst lud er zum ersten Mal einen Rabbiner ein, um vor der Bischofssynode zu sprechen. Deutlicher könnte die judenfreundliche Sprache des Papstes nicht sein.
    Bei der Generalaudienz vom 28. Januar hat sich Papst Benedikt klar von jeder Leugnung oder Reduzierung des Grauens des Holocaust distanziert, und in der Erklärung vom 04. Februar hält der Vatikan unmissverständlich fest: „Die Stellungnahmen von Bischof Williamson zur Schoah sind absolut inakzeptabel und sind vom Heiligen Vater klar zurückgewiesen worden … Bischof Williamson wird, um zu bischöflichen Funktionen in der Kirche zugelassen zu werden, auch auf absolut unzweideutige und öffentliche Weise auf Distanz zu seinen Stellungnahmen zur Schoa gehen müssen - Stellungnahmen, die der Heilige Vater im Moment der Aufhebung der Exkommunikation nicht kannte.“
   Wenn einzelne Theologen in den vergangenen Tagen meinten darauf hinweisen zu müssen, das Verhältnis des Papstes zu den anderen Religionen und zum Judentum sei theologisch verkrampft und ungeklärt, dann sind dies Fragen, die in einer wissenschaftlichen Diskussion erörtert werden können. Wenn sie jetzt aber ins Feld geführt werden, insinuieren sie – gewollt oder ungewollt –, der Papst stehe eigentlich nicht zu seinen eigenen Aussagen und Zeichenhandlungen. Eine solche Insinuation ist in der gegenwärtigen Situation genauso fatal wie der Zusammenfall der Aufhebung der Exkommunikation mit der Veröffentlichung der unhaltbaren Aussagen Williamsons. Als verletzend muss ich es werten, wenn Journalisten wiederholt an die Mitgliedschaft des jungen Ratzinger in der Hitlerjugend erinnern. Wer die Lebenserinnerungen von Papst Benedikt gelesen hat, weiß, dass er in einer Familie aufwachsen durfte, in der die Nazi-Ideologie von allem Anfang an durchschaut wurde: „Mein Vater litt darunter, dass er nun einer Staatsgewalt dienen musste, deren Träger er als Verbrecher ansah“. Sein Vater sah deshalb mit einer unbestechlichen Hellsicht, „dass ein Sieg Hitlers nicht ein Sieg Deutschlands sein würde, sondern ein Sieg des Antichristen, der apokalyptische Zeiten für alle Gläubigen, und nicht nur für sie, heraufführen müsste.“ Papst Benedikt hat auch nie verschwiegen, dass er seine priesterliche Berufung seinem Widerstand gegen den nationalsozialistischen Nihilismus verdankte. Ich frage mich, warum ausgerechnet ein solcher Mensch und Katholik von antisemitischen Zwischentönen nicht frei sein sollte.
  Papst Benedikt hat in seinen bald vier Jahren des Pontifikates sehr deutlich gezeigt, dass Antisemitismus mit dem christlichen Glauben schlechterdings nichts zu tun haben kann. Es darf auch nicht vergessen werden, dass diese positive Einstellung zum Judentum bereits im Pontifikat von Papst Pius XI. vorbereitet worden ist, der den Antisemitismus als eine „abstoßende Bewegung“ verurteilt hat, „an der wir Christen keinerlei Anteil haben können“, und der, als Hitler im Jahre 1938 Rom besuchte, die Stadt verlassen und sich nach Castelgandolfo mit der Begründung zurückgezogen hat, es sei eine sehr „traurige Tatsache“, dass in der Stadt der Märtyrer und Päpste ausgerechnet am Fest des heiligen Kreuzes „das Zeichen eines anderen Kreuzes aufgepflanzt“ werde, das „nicht das Kreuz Jesu Christi“ sei. Zu erinnern ist auch an das Pontifikat von Papst Pius XII., der vom antichristlichen Geist des national- sozialistischen Judenhasses überzeugt gewesen ist und bekannt hat, dass dem Geist nach wir Christen alle Semiten seien. Insofern nehmen gewisse Bischöfe und andere Vertreter der Pius-Bruderschaft nicht einmal ihren eigenen Grundsatz ernst, dass sie zum Lehramt der katholischen Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil stehen.

4. Ist der Preis für die Bemühung um Einheit nicht zu groß?
   Eine Frage bleibt, die Sie sich vielleicht auch stellen: Wäre es nicht am besten gewesen, wenn der Papst Bischof Williamson gleich wieder exkommuniziert hätte? Wäre uns da vieles nicht erspart geblieben? Ich verfüge diesbezüglich auch nicht über mehr Informationen als Sie, liebe Schwestern und Brüder. Ich kann nur Vermutungen äußern. Meine Vermutung geht dahin, dass der Papst überzeugt ist, dass auf diesem Weg der Akt der Aufhebung der Exkommunikation nachträglich eine Bedeutung bekommen hätte, die er ihm nicht gab und die er nach katholischem Kirchenrecht nicht haben kann, und dass er sich damit seine Verantwortung zu leicht gemacht hätte. Nach den vielen weiteren Dummheiten, die sich einzelne Bischöfe und andere Vertreter der Pius-Bruderschaft auch nach der Aufhebung der Exkommunikation geleistet haben – der Papst sei dies vor seinem Ableben noch schuldig gewesen, die Pius-Bruderschaft vertrete die wahre katholische Kirche und sie werde den Papst bekehren –, und die nicht anders gedeutet werden können als Schlag ins Gesicht des Papstes, hätte er allen Grund gehabt, sich von dieser Gemeinschaft wieder zu distanzieren.
   Aber wäre damit das Problem wirklich gelöst gewesen? Trotz aller Tragik und trotz des großen Schadens, der für unsere Kirche entstanden ist, gehe ich davon aus, der Papst dürfte aufgrund folgender Überlegungen gehandelt haben: Weil wir erstens aus der Psychologie wissen, dass der Fundamentalismus ein erzreaktives Phänomen ist, das sich durch Ablehnung erst recht bestätigt weiß, wären viele fundamentalistische Tendenzen in der Pius- Bruderschaft noch verstärkt worden. Dass sie jetzt an die Öffentlichkeit gekommen sind und dass der Papst Bischof Williamson zum öffentlichen Widerruf der größten Dummheit verpflichtet hat, hat zumindest den Vorteil, dass jetzt die Pius-Bruderschaft Farbe bekennen muss, ob sie zum Zweiten Vatikanischen Konzil steht und die schwere Sünde des Antisemitismus öffentlich zu bekennen bereit ist.
   Der Weg dahin dürfte jedenfalls beschwerlich werden – wenn die Pius-Bruderschaft ihn nicht bereits selbst verspielt hat. Wie lange dieser Weg werden könnte, kann man an der Tatsache ablesen, dass die Pius-Bruderschaft noch im Oktober 2008 eine lange Auseinandersetzung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ins Internet stellte und in die Aufforderung münden ließ: „Rom muss die verheerenden Zeitbomben des II. Vatikanischen Konzils entschärfen und vollkommen beseitigen. Dafür zu arbeiten und zu beten ist Pflicht eines jeden aufrechten Katholiken. Der verheerende Konzilsgeist muss niedergerungen, der Spalt, durch den der Rauch Satans in die Kirche eingedrungen ist, sofort geschlossen werden. Inzwischen gilt es, heldenhaft unter dem Kreuz der Ausgrenzung auszuharren.“
   Hinzu kommt eine zweite Überlegung. Ich gehe davon aus, dass der Papst bei der Aufhebung der Exkommunikation nicht nur an die vier Bischöfe, sondern auch an die 600.000 Gläubigen und über vierhundert Priester gedacht hat, die sich der Pius-Bruderschaft zugehörig wissen, und dass er die Verantwortung des Guten Hirten gespürt hat, den verlorenen Schafen nachzugehen. Papst Benedikt hat sich gewiss von jener Überzeugung leiten lassen, die er bereits in seinem Begleitschreiben zum Motu proprio so ausgesprochen hat: „In der Rückschau auf die Spaltungen, die den Leib Christi im Lauf der Jahrhunderte verwundet haben, entsteht immer wieder der Eindruck, dass in den kritischen Momenten, in denen sich die Spaltung anbahnte, vonseiten der Verantwortlichen in der Kirche nicht genug getan worden ist, um Versöhnung und Einheit zu erhalten oder neu zu gewinnen; dass Versäumnisse in der Kirche mit schuld daran sind, dass Spaltungen sich verfestigen konnten. Diese Rückschau legt uns heute die Verpflichtung auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um all denen das Verbleiben in der Einheit oder das neue Finden zu ihr zu ermöglichen, die wirklich Sehnsucht nach Einheit tragen.“
   Ich gehe weiter davon aus, dass bei der grossen Zahl von Menschen, die sich der Pius-Bruderschaft zugehörig wissen, die Motive ihrer Zugehörigkeit sehr verschieden sind, und dass die Aufhebung der Exkommunikation – wie bereits deren Verhängung im Jahre 1988 - zu einer notwendigen Scheidung der Geister in der Pius-Bruderschaft führen wird, so dass die einen den Weg in die Kirche finden und die anderen noch mehr in ihren letztlich unkatholischen Positionen verharren werden.
   Trotzdem bleibt die Frage: Ist der Preis für dieses Mühen um Einheit nicht zu groß? Ich habe Verständnis für alle, die so denken. In der gegenwärtigen Situation ist es sehr schwierig, das Positive sehen zu können. Aber ich bin überzeugt, dass die Geschichte Papst Benedikt darin Recht geben wird, bis zum Äußersten gegangen zu sein, um die Spaltung, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (wie übrigens nach verschiedenen Konzilien) eingetreten ist, zu heilen. Das Gelingen dieses Weges müssen wir Gott überlassen; aber ich hoffe darauf – wider alle Hoffnung.
   Schließlich ist in verschiedenen Stellungnahmen die Hoffnung geäußert worden, dass nun die Hand der Ver- söhnung auch in eine andere Richtung ausgestreckt werden möge, vor allem in die Richtung einzelner Befreiungstheologen. Exkommunikation und Lehrverurteilung liegen zwar nicht auf derselben Ebene. Doch auch in dieser Hin- sicht könnte die Zeit reif sein. Wenn ich die ganze Problematik richtig überschaue, bezogen sich nicht wenige kritische Vorhaltungen des Lehramtes gegen einzelne Befreiungstheologen auf eine zu unkritische Übernahme des Marxismus und die etwas vorschnelle Angleichung des sozialistischen Denkens an die biblische Reich-Gottes- Botschaft. Dass diesbezüglich Papst Johannes Paul II., der den Staatssozialismus am eigenen Leib erfahren musste,  und Kardinal Ratzinger, der in einer anderen Diktatur groß werden musste, eine besondere Sensibilität hatten, kann man verstehen. Doch nach der Wende von 1989, mit der das kommunistische System mit seiner ganzen Unmenschlichkeit zu Tage getreten ist und auch die Befreiungstheologen vieles neu sehen dürften, könnte die Zeit für eine neue Verständigung reif sein. Mir will scheinen, dass Papst Benedikt mit seiner Teilnahme an der Eröffnung der fünften Generalversammlung des Episkopates von Lateinamerika und der Karibik in Aparecida im Mai 2007 einen guten Anfang gesetzt hat, auf dem man weiterbauen könnte.

5. Das Gespräch – und das Gebet muss weitergehen
    Liebe Schwestern und Brüder, dies sind meine Gedanken, die ich nach langem Erwägen niedergeschrieben habe und die ich Ihnen anbiete. Ich muss freilich zugleich hinzufügen, dass ich über die konkreten Vorgänge und Hintergründe nicht über mehr Informationen als Sie verfüge. Damit muss ich ein Problem ansprechen, das im Vatikan dringend und wirksam angegangen werden muss, nämlich eine offensichtlich viel zu wenig vorhandene Koordination zwischen den verschiedenen Verantwortungsträgern im Vatikan. Denn es ist schwer nachvollziehbar, dass im Vatikan niemand von den unhaltbaren Aussagen in der Pius-Bruderschaft Kenntnis gehabt hat. Hinzu kommt erschwerend eine sehr restriktive Informationspolitik. Zum ersten Mal habe ich von einer möglichen Aufhebung der Exkommunikation drei Tage zuvor in Paris gehört, wo die Präsidien der Bischofskonferenzen von Deutschland, Frankreich und der Schweiz zu ihrem jährlichen Treffen versammelt waren. Freilich wusste niemand etwas Genaues. Wir Präsidenten der drei mit der Aufhebung der Exkommunikation unmittelbar betroffenen Bischofskonferenzen wurden nicht vorinformiert, sondern mussten am Veröffentlichungstag auf die Mittagsstunde warten, um mehr Bescheid zu wissen. Da wurde nichts anderes bekannt gegeben als das Dekret des Präfekten der Bischofskongregation (ohne jede weitere Erklärung) und eine Mitteilung, dass die Äußerungen von Bischof Williams „völlig inakzeptabel“ sind. Wenn man bedenkt, von welcher Brisanz die Aufhebung der Exkommunikation(auch abgesehen von den unhaltbaren Äußerungen von Bischof Williamson) in der Öffentlichkeit sein werden – und da erscheint allein ein Dekret: Eine solche Informationspolitik muss zum Wohl der Kirche und zum Heil der Seelen dringend revidiert werden; und einen derartigen medialen Supergau, den wir jetzt erleben mussten, darf es nicht mehr geben!
   Hier liegt auch der Grund, dass ich nicht früher in umfassender Weise reagieren konnte. Ich musste mir selbst zuerst ein Bild über die ganze Problematik machen. Das Ergebnis meiner Überlegungen biete ich Ihnen jetzt an, weil es zu meiner Verantwortung als Bischof gehört, Sie in dieser schwierigen Situation nicht allein zu lassen, sondern zu helfen, so gut wie ich es eben vermag. Ich nehme für mich zudem nicht in Anspruch, alles richtig zu sehen und zu werten. Es ist einfach mein Versuch, Realitäten und Zusammenhänge aufzuzeigen, die in der öffentlichen Diskussion entweder ausgeblendet oder nur verkürzt zur Darstellung kommen. Wenn Sie die Situation anders einschätzen, wäre ich schon dankbar, wenn Sie meine Überlegungen wenigstens als eine andere Sicht erwägen würden.
   Ich gebe gerne zu, dass ich mit einem Vertrauensvorschuss über Papst Benedikt geschrieben habe. Doch ohne Vorverständnis wird wohl kein Mensch urteilen können. Einem Katholiken steht es gut an, zunächst mit einem positiven Vorzeichen hinzuschauen. Ich tue dies aber auch in meiner Überzeugung, dass man nur glaubwürdig gegen geschehenes Unrecht wie die Holocaustleugnung ankämpfen kann, wenn man dabei nicht neue Ungerechtigkeit schafft oder zumindest in Kauf nimmt, wie dies in den letzten Tagen auch gegenüber Papst Benedikt geschehen ist. Denn Vieles, was in den vergangenen Tagen über Papst Benedikt in der Öffentlichkeit gesagt worden ist, war bösartig. Zudem bin ich überzeugt, dass die seit dem Konzil vergangenen vierzig Jahre über unsere Kirche und auch über unseren Papst unendlich viel mehr aussagen als die in der Öffentlichkeit umstrittene Frage,  wie oft und auf welche Weise sich der Papst zu entschuldigen habe.
   Mein Brief ist lang geworden, wofür ich Sie um Verständnis bitte. Doch so kann zumindest ansatzhaft deutlich werden, dass die Fragen, die jetzt im Raum stehen, sehr komplex sind, und dass wir uns nicht mit kurzen Schlagzeilen begnügen dürfen. Dass das Anliegen Papst Benedikts, eine ihn als Pastor besonders belastende Spaltung zu überwinden, nun so viel Zwiespalt und Uneinigkeit hervorgerufen hat, dürfte auch zu den Zeichen der Zeit ge- hören, die wir im Glauben zu deuten haben: “Hominum confusione, sed Dei providentia“ und damit in der Hoffnung, dass Gott auch heute auf krummen Zeilen gerade schreiben wird.
   Allen, die in diesen schwierigen Tagen trotz aller Zweifel und Verunsicherungen treu zur Kirche und zu Papst Benedikt gehalten und ihn im Gebet mitgetragen haben, möchte ich herzlich danken. Alle aber möchte ich jetzt einladen, die schwierige Situation unserer Kirche vor Gott ins Gebet zu nehmen und ihn zu bitten, dass er uns hilfreiche Wege in die Zukunft weisen möge.
Mit lieben Grüßen und herzlichen Segenswünschen
+ Kurt Koch
Bischof von Basel

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Zum 60. Geburtstag von Bischof Dr. Kurt Koch - Interview mit der Schweizerischen Kirchenzeitung
Dr. Kurt Koch - 15 Jahre Bischof von Basel.
Ein Rückblick, um einen Ausblick zu ermöglichen

Lieber Herr Bischof Koch, wir nehmen Ihren 60. Geburtstag, den Sie am 15. März 2010 feiern dürfen, zum Anlass, um auf Ihr Leben, Ihre priesterliche Existenz und auf Ihr fünfzehnjähriges Wirken als Bischof zurückzublicken.
Was sind Ereignisse und Erlebnisse, die Sie in Ihrem Leben als Mensch und in Ihrem Wirken als Priester und Bischof besonders geprägt haben?
  Es waren immer wieder Menschen, die auf diesem Wege für mich wichtig waren: In der Jugendzeit war es ein guter Pfarrer, der bleibende Eindrücke hinterlassen hat. In meinem Theologiestudium war es Wolfhart Pannenberg, der mich theologisch sehr angeregt hat und dessen Theologie dann zur Grundlage meiner Dissertation geworden ist: Der Gott der Geschichte: Theologie der Geschichte bei Wolfhart Pannenberg als Paradigma einer philosophischen Theologie in ökumenischer Perspektive. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1988
  Nach den theologischen Herausforderungen darf ich nun als Bischof vielen Mitbischöfen aus der ganzen Welt begegnen, die mir aufzeigen, dass Kirche-Sein in den verschiedenen Regionen der Welt ganz unterschiedlich gelebt wird und die Schweizer Variante bei weitem nicht die einzige ist. Zwei Bischöfe beeindruckten mich dabei besonders: Carlo Maria Kardinal Martini, der die Exegese mit der Spiritualität zu verbinden weiß und so ein Meister der «lectio divina» geworden ist, und Franz Kardinal König mit seiner Offenheit den Weltreligionen gegenüber – ein Thema, dem wir uns, wie die unmittelbare Vergangenheit gezeigt hat, vermehrt zu stellen haben.
Was war Ihre Motivation,Priester zu werden? Wie waren Ihre Erfahrungen als Seelsorger und Professor?
   Anstöße, diesen Weg zu gehen, gaben mir gute Priester, die in mir den Wunsch weckten, ebenfalls priesterlich zu wirken und die Freude am Glauben weiterzugeben. Als Priester kann man ja die Frohbotschaft nicht nur im Wort verkünden, sondern auch in der Feier der Sakramente weitergeben und so Heil und Heilung durch Berührung mit Christus ermöglichen.
  Meine drei Jahre als Vikar in Bern waren dabei eigentlich die schönste Zeit. Ich hatte das Glück, mit Walter Stähelin einen Pfarrer als Lehrmeister zu haben, der theologisch sehr interessiert und ökumenisch offen und solide war. Von ihm konnte ich sehr viel profitieren.
  Meine Tätigkeit als Professor und als Seelsorger war später eine gute Kombination von Wissenschaft und Pastoral, wobei ich gleichsam gezwungen war, das intellektuell Erarbeitete in der Predigt den Gläubigen nahezubringen. Meine regelmäßigen Aushilfen in drei verschiedenen Pfarreien gaben mir so einen guten Bezug zum Pfarreileben und zu den Gläubigen – ein Bezug, den man als Professor nicht automatisch hat, aber mir wichtig scheint, wenn man Menschen für den kirchlichen Dienst ausbildet.
Welche neuen Herausforderungen und Aspekte brachte das Bischofsamt und das Präsidium der Schweizer Bischofskonferenz mit sich?
   Statt «Mund» zu sein wie als Professor galt es nun vermehrt, «Ohr» zu sein. Eine große und gewiss nicht immer leichte Veränderung brachte die Tatsache mit sich, dass ich als Bischof nun Sorge für den Glauben der Kirche zu tragen habe, was etwas Anderes ist, als Theologie zu betreiben. Als Präsident der Schweizer Bischofskonferenz war ich schließlich Ansprechpartner für alle Fragen und Anfragen, was bedeutet, dass man in dieser Funktion der Öffentlichkeit ausgesetzt ist.
   Das vergangene Jahr war dabei das anstrengendste, wies es doch mit der Beendigung der Praxis von Bußfeiern mit Kollektivabsolution, mit der Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe und mit der Annahme der Anti-Minarett-Initiative sehr viele Turbulenzen auf. Bei allen drei Fragen kam zum Ausdruck, dass in der Öffentlichkeit weithin ein Unverständnis dafür festzustellen ist, was die katholische Kirche ist.
   Sehr oft begegnen einem einfach vorgefasste Meinungen; manchmal habe ich den Eindruck, dass kaum etwas so resistent ist wie Vorurteile. Zudem gibt es im Medienbereich leider zu wenig Journalisten, die sich auch in theologischen und kirchlichen Fragen wirklich gut auskennen. In diesem Bereich müssen wir uns als Kirche noch einiges einfallen lassen und uns selbst um journalistischen Nachwuchs mit theologischer Kompetenz sorgen.
   Die aktuellen gesellschaftlichen Fragen sind enorm herausfordernd, für die ich als Bischof weit mehr Zeit haben müsste, als die Alltagsgeschäfte erlauben. Die personelle Aufstockung im Kommunikationsbereich der SBK schafft hier gewiss erste Abhilfe. Aber sie kann natürlich das Studium komplexer Fragen durch die Bischöfe nicht ersetzen.
Wie lässt sich das schwierige Bischofsamt leben, im Bistum, in der Schweizer Bischofskonferenz, im Kollegium der Bischöfe? Was gibt Hoffnung, wo liegen die Chancen und Schwierigkeiten?
   Das Bischofsamt ist in der Schweiz sehr anspruchsvoll, weil das durch das Zweite Vatikanische Konzil geprägte Bild des Bischofs noch kaum bekannt ist: Der Bischof ist in erster Linie Verkünder und damit auch Lehrer des gemeinsamen Glaubens, für den er im Namen der Kirche einzutreten hat.
   Das Bischofsamt ist dabei deshalb sakramental begründet, weil die katholische Kirche selbst eine sakramentale Struktur hat. Bei uns hingegen herrscht ein weithin funktionales Kirchen- und deshalb auch Amtsverständnis vor, was nicht selten zu einer Selbstsäkularisierung der Kirche führt.
   Ich habe den starken Eindruck, dass die Kirchenkonstitution des Konzils bei uns einseitig rezipiert worden ist. Man hat beinahe nur das zweite Kapitel über die Kirche als Volk Gottes zur Kenntnis genommen, und auch dieses nicht konsequent genug. Dieses Kapitel ist vor allem deshalb aufgenommen worden, um sichtbar zu machen, dass alle Getauften – Laien, Diakone, Priester, Bischöfe – zur Kirche gehören. Diese Sicht wird aber Lügen gestraft, wenn zwischen «Basiskirche» und «Amtskirche» unterschieden wird, gleichsam als gäbe es in der Kirche zwei verschiedene «Kirchen». Man unterscheidet im weltlichen Bereich ja auch nicht zwischen einem «Bürgerstaat» und einem «Regierungsstaat». Diese problematische Sicht dürfte auch damit zusammenhängen, dass das erste Kapitel, das sich mit der Kirche als Mysterium befasst, kaum beachtet zu werden pflegt.
   Viele Spannungen und Auseinandersetzungen, die wir erleben, haben ihren Grund auch darin, dass alle über das Konzil reden, aber darunter recht Verschiedenes verstehen und deshalb aneinander vorbeireden. Es scheint mir jedenfalls wichtig, dass wir uns einer vertieften gemeinsamen Lektüre der Konzilstexte widmen, was besonders bereits im Theologiestudium geschehen muss. Denn für die jungen Menschen, die heute das Studium beginnen, ist das Konzil bereits Geschichte.
   Ich bin überzeugt, dass das Konzil noch immer einen großen Reichtum in sich birgt, den wir noch zu entdecken haben. Das Konzil hat vor allem das frühere stark juridisch geprägte Kirchenverständnis mit einer sakramentalen Konzeption überwunden: Die Kirche ist Sakrament des Heils für die Welt. Der eigentliche Gegensatz zu «konservativ» lautete auf dem Konzil deshalb nicht «progressiv», sondern «missionarisch». Mit dieser Sicht verträgt sich das heutige Kreisen der Kirche um sich selbst sehr schlecht. Die Kirche muss ihren Weltauftrag wahrnehmen und dabei vor allem Gott zu den Menschen tragen. Denn die Kirche gibt es um Gottes willen und von ihm her dann auch in rechter Weise um der Menschen willen.
   Dies sind einige Grundanliegen, die die großen Theologen Hans Urs von Balthasar, Walter Kasper, Henri de Lubac und Joseph Ratzinger vom Konzil her vertreten und deshalb im Konzil weder einen Verrat an der Tradition(wie die Traditionalisten meinen) noch einen Bruch und völligen Neubeginn (wie viele Progressisten denken), sondern eine Erneuerung in bleibender Kontinuität sehen. Diese vernünftige Mitteposition ist aber in der Kirche in der Schweiz zu wenig rezipiert worden.
   Trotz dieser vielen kritischen Bemerkungen nehme ich natürlich in der Kirche in der Schweiz auch sehr viel Positives und Innovatives wahr: Vor allem in den Pfarreien begegne ich viel Engagement sowohl bei den hauptamtlichen Seelsorgenden wie bei vielen ehrenamtlich Tätigen, sei dies in den pastoralen oder in den staatskirchenrechtlichen Strukturen. Wir dürfen auf keinen Fall die kirchenöffentliche Sicht mit der veröffentlichten Sicht in verschiedenen Medien identifizieren. In ihnen – jedenfalls bei den größeren, nicht hingegen bei den lokalen – geschieht zumeist eine Negativauslese, so dass der «Normalbetrieb» im kirchlichen Leben kaum mehr wahrgenommen wird.
   Ich wünsche uns allen, dass wir das veröffentlichte Negativbild der Kirche nicht noch selbst verstärken, sondern mit gesundem Selbstvertrauen den Mut aufbringen, all das Positive, das in unserer Kirche geschieht, zu sehen und zum Sehen zu bringen. Dies müssten wir noch vermehrt tun – um es ganz weltlich auszudrücken: bereits aus eigenem «Geschäftsinteresse».
Wie sieht die Kirche in der Schweiz aus weltkirchlicher Optik aus? Wo liegen die Chancen, wo die Gefahren?
  Als ich im Oktober 2008 an der Weltbischofssynode in Rom teilgenommen habe, da habe ich in der Aula buchstäblich «schwarz» gesehen. Eine große Zahl der Synodenväter war schwarzhäutig; ich selbst war der einzige Schweizer Bischof an dieser Synode. Da sind mir die realen Verhältnisse in der Universalkirche erneut bewusst geworden; und insgeheim hätte ich diesen Anblick manchen Schweizer Katholiken von Herzen gegönnt!
   Natürlich wird man bei solchen Begegnungen auch auf Ereignisse in der Schweiz angesprochen, beispielsweise auf die Postulate der Luzerner Synode. Bei meinem Versuch der Erklärung begann dann bereits die babylonische Sprachenverwirrung. Denn es ist einem Nicht-Schweizer Bischof nur mit höchstem Aufwand verständlich zu machen, dass es ein Gremium geben soll, bei dem der Bischof nichts zu sagen hat, geschweige denn nicht den Vorsitz hat, und das sich trotzdem «Synode» nennt.
  Noch irritierter waren viele Bischöfe, wenn es um Inhalte ging, beispielsweise um das in der Kirche in der Schweiz oft vertretene Postulat, das Priesteramt müsse auch für verheiratete Männer und Frauen geöffnet werden. Bereits die Frage von «viri probati» war für nicht wenige Bischöfe nicht vorstellbar, teilweise bereits aus ökonomischen Gründen. Wir sollten in der Schweiz nie vergessen, dass es nur in unserem Land, in Österreich und Deutschland so etwas wie Kirchensteuern gibt und dass die katholische Kirche weltweit ohne sie lebt und auskommt.
   Auf mehr Verständnis stößt man, wenn das Gespräch auf den Priestermangel und seine pastoralen Folge- wirkungen kommt. Ich persönlich habe die große Sorge, dass unsere Kirche in der Schweiz aufgrund der fehlenden Priester so reformiert wird, wie die reformierten Kirchen nie gewesen sind. Die heutige pastorale Situation führt zudem zu einer weitgehenden Diffusion im Priesterbild, was wiederum Konsequenzen in der Berufungspastoral hat. Hinzu kommt, dass in unseren Breitengraden die zölibatäre Lebensweise der Priester beinahe unter einem Generalverdacht steht – nicht nur wegen der sexuellen Missbräuche, die in den vergangenen Jahren bekannt geworden sind, sondern auch, weil man diese Lebensweise für unnatürlich hält.
   Meine Überzeugung ist aber, dass verheiratete Priester nur dann denkbar sind, wenn eine andere, nämlich posi- tive Einstellung zum Zölibat gegeben wäre. Sonst würden diejenigen, die nicht heiraten, obwohl sie könnten, noch mehr verdächtigt werden, was über kurz oder lang zu einem völligen Verschwinden des zölibatären Priesters führen würde – wie dies in allen Kirchen geschehen ist, die den Lebensstand als frei wählbar eingeführt haben.
   In der Kirche in der Schweiz brauchen wir dringend eine Neubesinnung darauf, dass unsere Kirche ohne Priester nicht katholisch sein kann. Die schizophrene Einstellung, die mir immer wieder begegnet, dass man die Priester- weihe für verheiratete Männer und Frauen fordert und das Priestertum zugleich zu einem «Auslaufmodell» erklärt, führt gewiss nicht in die Zukunft, sondern bewirkt ein Treten des «blockierten Riesen» (Manfred Lütz) an Ort.
    Zu dieser Selbstvergewisserung gehört in meinen Augen auch, dass wir den Priestermangel zum Anlass neh- men, unsere pastorale Situation zu überdenken. Ich sage aber bewusst «Anlass», weil er nicht der eigentliche Grund ist, um pastorales Neuland zu betreten. Ich habe den starken Eindruck, dass wir hierzulande insgeheim, dh. im Herzen, immer noch von volkskirchlichen Verhältnissen ausgehen und eine flächendeckende Pastoral fordern, obwohl wir im Kopf genau wissen, dass dies weithin nicht mehr der Fall ist. Der Pastorale Entwicklungsplan in unserem Bistum jedenfalls will dieser Situation Rechnung tragen und zu einer missionarischen Pastoral einladen, deren Hauptanliegen darin besteht, die Gottesfrage in unserer Gesellschaft wach zu halten. Dies ist aber ohne geistliche Erneuerung der Kirche selbst nicht möglich.
Wie nahmen und nehmen Sie die Stimmung in der Kirche in der Schweiz vor dreißig oder vierzig Jahren wahr, wie heute?
   Heute scheint mir die Stimmung weit depressiver und gereizter als vor einigen Jahrzehnten zu sein. Die Kirche ist polarisierter und das Gespräch zwischen den verschiedenen Fronten schwieriger. Vielleicht müssen wir uns in einem ersten Schritt neu bewusst werden, dass es in dieser Welt keine Wahrheit ohne ein Körnchen Häresie, aber auch keine Häresie ohne ein Körnchen Wahrheit gibt, und dass wir uns gegenseitig auf das hin ansprechen, was als wahr einleuchtet, und von daher uns auf die Suche nach gemeinsamer Wahrheit machen, statt überall die Fun- damentalismuskeule zu werfen. Wenn jeder zugeben könnte und sich darauf ansprechen ließe, dass er in seinem Herzen auch eine fundamentalistische Nische kennt, wären wir wahrscheinlich einen großen Schritt weiter.
Wo konnte die katholische Kirche in den vergangenen Jahrzehnten Gutes tun und auf die Bedürfnisse der Zeit Antworten geben, wo sehen Sie kirchliche «Schwachstellen»?
   In vielen Bereichen des kirchlichen Lebens wurde und wird viel Gutes getan, vor allem auch auf dem sozialkaritativen Feld. Nicht zu vernachlässigen sind vielfältige Neuaufbrüche: das Interesse an Glaubensfragen und an theologischen Studien, aber auch verschiedene neue kirchliche Bewegungen, die von sich selbst und ohne kirchenamtlichen Auftrag entstanden sind. Am meisten vermisse ich die Wahrnehmung der öffentlichen Dimension von Glaube und Kirche. Wir dürfen uns von der Gesellschaft nicht in den rein privaten Bereich abdrängen lassen.
   Wir brauchen diesbezüglich mehr Selbstbewusstsein und Mut zu auch flexibleren Strukturen in der Pastoral. Das Territorialprinzip ist zwar wichtig, aber darf nicht zum nicht hinterfragbaren Dogma erklärt werden. Vielleicht nähern wir uns immer mehr der Situation der frühen Christenheit, in der der Glaube vor allem in den Städten  Fuß fassen konnte und in diesen auch die Öffentlichkeit gesucht hat.
Sehen Sie neue Formen der Seelsorge, der Personalrekrutierung, der Ausbildung?
   Die Personalrekrutierung ist eines der dringlichsten Probleme. Dabei dürfen wir uns aber nicht allein auf die hauptamtlich tätigen Seelsorger und Seelsorgerinnen abstützen. Ich bin vielmehr überzeugt, dass wir in Zukunft die ehrenamtliche Arbeit viel intensiver fördern müssen und dass gerade darin eine wesentliche Aufgabe der Hauptamtlichen besteht, die zudem vermehrt zu delegieren lernen müssen.
   Das Bewusstsein, dass alle Getauften im Blick auf die Zukunft der Kirche sagen: «Mea res agitur», scheint mir noch nicht so weit entwickelt zu sein, wie ich mir dies wünsche. Ich denke, dass auch im Bereich der theologischen Befähigung noch einiges Innovatives angedacht werden muss.
Welche Perspektiven ergeben sich aus der heutigen kirchlichen und gesellschaftlichen Situation für die Zusammenarbeit der katholischen Kirche mit anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften?
   Das 100-Jahr-Jubiläum der Missionskonferenz im schottischen Edinburgh ruft uns in Erinnerung, dass es zur Glaubwürdigkeit der Christenheit unabdingbar gehört, dass sie in den wesentlichen Fragen mit einer Stimme sprechen können. Vor allem in der heutigen Gesellschaft, in der Gott gleichsam auf die Ersatzbank verwiesen wird, sind wir zum Zeugnis für das Wirken Gottes in der Welt herausgefordert, und zwar in der Überzeugung, dass nur derjenige dem Menschen genug gibt, der ihm Gott gibt. Hier könnte ökumenisch noch viel mehr getan werden, als es heute der Fall ist.
Welches ist Ihr größter Wunsch, für Sie persönlich, für Ihr Bistum, für die Schweiz, für die Kirche in der Welt?
   Eine große Sorge für mich ist die politische Kultur in unserem Land, die gerade im Zusammenhang mit der Anti- Minarett-Initiative intensiven Schaden genommen hat. Dass einige Kreise bereits in der ersten Woche nach der Abstimmung Vorkehrungen treffen wollten, die Initiative mit einer neuen außer Kraft zu setzen, passt nach meiner Überzeugung ebenso wenig zur Tradition der schweizerischen Demokratie wie die Vergötzungen von Mehrheitsentscheiden auf der anderen Seite, die selbst vor den fundamentalsten Menschenrechten nicht Halt zu machen bereit sind.
   Nach dem Spiel mit dem Feuer, das im Zusammenhang mit dieser Initiative in verschiedenen Varianten geprobt wurde, sollten wir alle über die Bücher gehen und uns gemeinsam darum sorgen, dass die Schweiz wieder in guter «Verfassung» leben kann.
   Was die ganze Welt betrifft, stehen wir vor riesigen globalen Problemen: Atombombe, Hunger, Klimawandel, Terrorismus und die Wirtschaftskrise sind reale Bedrohungen der Menschheit. Ich muss mit einiger Fassungslosigkeit immer wieder feststellen, wie die Nationen die Lösung dieser Herausforderungen vor sich herschieben und wenig globalisierte Verantwortung wahrnehmen.
  Für die katholische Kirche in der Schweiz bin ich zuversichtlich, sofern sie sich den notwendigen Herausforderungen stellt, und dazu gehören auch eine schwelende Glaubenskrise und ein weitgehendes Verdunsten des Glaubenswissens, auch wenn diese Phänomene gerne verschwiegen werden. Vor allem wünsche ich, dass wir Schweizer Katholiken uns der Schönheit unseres Glaubens wieder mehr bewusst werden und ihn mit demütigem Selbstbewusstsein auch vertreten.
   Für die Universalkirche wünsche ich, dass sie das eigentliche Charisma von Papst Benedikt entdeckt, dass er die Kirche nicht, wie ihm immer wieder unterstellt wird (teilweise sogar entgegen besserem Wissen) in die Vergangenheit, sondern in die Tiefe führen will und dass es ihm deshalb um eine Elementarisierung des Glaubens geht. Ich bin überzeugt, dass nur mit einem Tauchgang in die unauslotbaren Tiefen des Glaubens auch die strukturellen Probleme wirklich angegangen werden können. Deshalb bleibe ich auch nach vierzehn Jahren Bischofsamt bei meinem Leitwort: «Damit Christus in allem den Vorrang habe.» Und dass dies auch mir immer besser gelingt, wünsche ich mir selbst.
Ich danke Ihnen, lieber Herr Bischof, ganz herzlich für das Gespräch und gratuliere Ihnen ebenso herzlich zu Ihrem runden Geburtstag! 
Das Interview mit Bischof Dr. Kurt Koch führte Urban Fink-Wagner

cdd-KurtKoch5-x      Kardinal Koch plant für 2013 drei große Reisen:

   Zu den orientalischen Kirchen zählen die Kirchen, die bereits in den ersten Jahrhunderten - insbesondere nach dem Konzil von Chalcedon (451 n. Chr.) - eigene Wege gegangen waren, wie die Kopten, die Armenier, Äthiopier, Syrer oder Assyrer.  Diese Kirchen sind heute in den Ländern des Nahen Ostens, inzwischen aber auch in Gemeinden in Europa, Nord- und Südamerika vertreten. RVsta1301225kipa
Drei große Reisen
   Kardinal Koch plan für dieses Jahr drei große Reisen: in die Ukraine, nach Lettland und nach Russland.
Gute Beziehungen zu den Kopten
   Als sehr positiv bewertete Koch das Verhältnis des Vatikans zu den Kopten, der größten altorientalischen Kirche. Koch habe dem neuen Papst-Patriarchen bei der Inthronisation in Ägypten eine Grußbotschaft Benedikts XVI. und einen Kelch als Geschenk überbracht. „Das hat den neuen koptischen Papst sehr gefreut und meiner Ansicht nach wesentlich dazu beigetragen, dass die Beziehungen vertieft werden können“, betonte der Präsident des Einheitsrates.
Kein Frühling, sondern „Islamistischer Winter“
   Er verwies auf die große Sorge des Vatikans um die Lage der Christen in der krisenhaften MENA-Region (Middle East/North Africa). In vielen Ländern, etwa in Ägypten, Syrien, im Libanon und auch in der Türkei, seien Islamisten auf dem Vormarsch. Die Christen in der Region machten sich große Sorgen und befürchteten eine Verschlechterung ihrer Lage. „Ich habe Probleme, von einem Arabischen Frühling zu reden, manchmal habe ich eher den Eindruck, es sei ein Islamistischer Winter“, so der Kardinal. In dieser Situation sei mehr Aufmerksamkeit und Solidarität seitens der Weltchristenheit nötig. „Wir müssen unseren Mitbrüdern in diesen Regionen sehr sensibel zuhören und sollten nicht unsere Vorstellungen in ihre Situation hineinprojizieren“, so Koch. RVmg130123kna

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Foto: Links neben Erzbischof Rowan Williams der Metropolit Johannes von Pergamon,
und rechts der emeritierte Kardinal Walter Kasper

Die Trennung überwinden – Der anglikanische Erzbischof Rowan Williams von Canterbury,
sprach auf dem 50. Jahrestag des Päpstlichen Rates für die Christliche Einheit im November im Vatikan

   Seit Jahren erkennen christliche Führer einen abnehmenden Enthusiasmus für die Ökumene, aber jetzt warnen sie, dass zu viele Christen sich mit den Trennungen und Unterschieden abfinden wollen und meinen, das bedeute nicht viel. Ob eine getrennte Christenheit anormal ist - wie ein bedeutender orthodoxer Theologe sagt – oder das Resultat von Sünde – wie ein Kardinal sagt – der ökumenische Dialog, der vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Kirche vorangetrieben wird, ist ein Zeichen, dass die katholische Kirche und andere große christliche Gemeinschaften nichts weniger anstreben, als die volle Einheit im Glauben.
   Der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen feierte seinen 50. Jahrestag am 17. November im Vatikan. Seine Mitglieder wurden am Tag darauf vom Papst empfangen. Anlässlich der Feier sprachen der neu ernannte Ratspräsident Kardinal Kurt Koch, der anglikanische Erzbischof Rowan Williams von Canterbury, der orthodoxe Metropolit Johannes von Pergamon und Kardinal Walter Kasper, der emeritierte Präsident des Rates. Kardinal Kurt Koch gebrauchte eine Metapher, um die 50 Jahre der vatikanischen Aktivitäten zu umschreiben. Er sagte, es ist wie eine Flugreise – da gibt es viele Vorbereitungen und auch Begeisterung in der Reisevorbereitung, alle haben Glücksgefühle beim Abflug, aber als die Reisehöhe erreicht ist, kümmert sich keiner mehr darum, wie schnell die Maschine fliegt und viele Reisende werden unruhig und fragen sich, ob sie nun wohl bald am Ziel ankommen.
   Der Einsatz für die Ökumene scheint sich abzuschwächen, sagt der Kardinal, aber es geht weiter vorwärts, und die Menschen dürfen darauf vertrauen, dass das Ziel erreicht wird. Kardinal Koch erwähnte nicht die neuen Turbulenzen auf dem ökumenischen Flug wegen ernstlicher Probleme in Sachen Frauenordination, Segnung homosexueller Lebensgmeinschaften, Abtreibung und weiteren Themen.   
   Kardinal Walter Kasper sprach „von den Sünden der Christen durch all die Jahrhunderte, die Leib Christi zerbrochen haben. Die große Gefahr liegt darin, dass wir uns an diese Teilung gewöhnen und sie einfach als Tatsache hinnehmen. Die Existenz von Konfessions-Kirchen, eine neben der anderen, ist eine Realität, widerspricht dem Willen des Herrn und ist eine Frucht der Sünde. Die Christen können keine Abkürzung zur Einheit nehmen und Unterschiede vertuschen, die enthüllen würden, dass wir nicht vereint im Glauben sind. Eine freundliche Koexistenz, Kooperation bei sozialen Projekten und gemeinsame Aktionen während der Gebetswiche für die christliche Einheit – all das sind positive Entwicklungen, aber sie sind nicht genug, um Christi Willen für seine Kirche zu erfüllen.“
   In der Tat warnten sowohl Erzbischof Rwan Williams, der Primas der anglikanischen Gemeinschaft, wie auch Metropolit Johannes von Pergamon, der orthodoxe Vertreter im katholisch-orthodoxen theologischen Dialog, über einen neuen Trend im Ökumenismus: der „versöhnten Verschiedenheit“. Einheit könne nicht erreicht werden durch unterschiedliche Glaubensinhalte oder zu meinen, diese Unterschiede seien nicht  bedeutend oder zu schwierig, um sie zu lösen und einfach noch vorn zu springen durch die gegenseitige Anerkennung der Ämter und gemeinsame Eucharistiefeiern.
   Die orthodoxen Kirchen, ähnlich auch die katholische Kirche haben längere und ins einzelne gehende Listen von Unterschieden, die geklärt werden müssten, bevor die Einheit der Kirche wiederhergestellt werden könne. Erzbischof Rowan Williams sagte, auch die Anglikaner und viele traditionsgebundenen Protestanten hätten ihre Schwierigkeiten mit der „versöhnten Verschiedenheit“ und sehen darin nicht die befriedigende Antwort auf „die biblische Gründung für eine Theologie der christlichen Einheit“. Erzbischof Williams erinnert daran, das Neue Testament lehre die Einheit der Christen in Jesus Christus, die Einheit untereinander, die Einheit mit dem Zeugnis der Apostel und der apostolischen Lehre.
   Der zentrale Ort, wo Christen in der Einheit mit Christus stehen, ist die Eucharistie, weil das der Ort ist, wo das Gebet Jesu Christi zu unserem Gebet wird, meint Erzbischof Williams. Jedoch stehe das Wachsen der Eucharistie nicht im Fokus vieler christlicher Gemeinschaften, auch nicht bei Teilen der anglikanischen Gemeinschaft. Deswegen fordert der anglikanische Primas einen erneuerten Einsatz zur Entwicklung einer ökumenischen Theologie der Eucharistie.
   Während fast alle Christen zustimmen würden, dass sie festhalten müssen an der Überlieferung der Apostel, gehen ihre Meinungen weit auseinander in der Frage, wie dies garantiert werden könne. Der katholischen Vision, dass der Papst die Einheit der Kirche und die apostolische Kontinuität garantiert, steht die evangelikale Vision entgegen, dass der einzelne Christ die Bibel liest und grundsätzlich selbst entscheidet. Die meisten Christen würden ein Modell der Einheit der Kirche als „versöhnte Verschiedenheit“ unterstützen, meint Rowan Williams, und diese würden die Frage der Amtsautorität zu schwierig finden, um sich damit abzugeben. So würden sie einfach weitergehen. 
   Metropolitan Johannes von Pergamon, Vertreter des ökumenischen Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel, sieht eine wirkliche Behinderung der Ökumene heute darin, dass nicht alle Christen übereinstimmen in dem, was Einheit bedeutet und bedingt. Für die Orthodoxie sagte der Metropolit: „Einheit kann nicht von der Frage der Wahrheit getrennt werden, was die orthodoxe theologische Position ist und was Irrglauben.“ Weil einige Christen „glücklicher sein würden, wenn sie getrennt blieben“ könne nur ein ernstlicher Dialog in die volle Einheit führen, den Christus für seine Kirche wollte.
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Ökumene: Einheitsrat gibt Handbuch heraus

   Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen ein Ökumene-Handbuchs herausgegeben. Wie der Präsident des Rats, Kardinal Walter Kasper, gegenüber der italienischen Nachrichtenagentur APCOM erklärte, solle es helfen, die bereits im „Direktorium für die Anwendung von Prinzipien und Normen in der Ökumene” aus dem Jahr 1993 angeführten Bestimmungen zu verbreiten. Das Handbuch, so jetzt der Kardinal gegenüber APCOM, soll alle Aktivitäten fördern, die zur Unterstützung einer geistlichen Begegnung unter den Christen dienen. Es stelle eine Zusammenfassung der kirchlichen Leitlinien und Lehramtsaussagen zur Ökumene dar. Kasper zufolge sind Ausgaben in italienischer und englischer Sprache erschienen, denen weitere ÜberPasetzungen folgen sollen. Der Kardinal erklärte außerdem, dass man vor dem Beginn einer neuen Ökumene stünde,  die zuinnerst mit der Neuevangelisierung verbunden sei.  DT0606gho

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Ukrainische Orthodoxie vor Einigung?
Patriarchen von Konstantinopel und Moskau vereinbaren in Kiew Dialog zur Überwindung der Spaltung

   Nach der Unabhängigkeit des Landes hatte sich ein erheblicher Teil der orthodoxen Geistlichen vom Moskauer Patriarchat losgesagt und 1992 eine eigene ukrainisch-orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats gegründet. Der Moskauer Patriarch erklärte, die Verhandlungen sollten die Kontroverse beenden. „Wir werden Entscheidungen treffen, die den Interessen unserer Kirchen entsprechen.”
   In der Ukraine bestehen gegenwärtig drei große  orthodoxe  Gruppierungen. Neben dem Kiewer sowie dem Moskauer Patriarchat gibt es noch die „Ukrainische Autonome Orthodoxe Kirche”.
   Das Treffen von Bartholomaios I. und Alexij II. fand nach einem von beiden Patriarchen zelebrierten Gottesdienst zum 1020. Jahrestag der Christianisierung der Ukraine statt.Das Verhältnis von Bartholomaios I., dem Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, und Alexij II. gilt als angespannt, weil sich einige nationale orthodoxe Kirchen von Moskau abwenden und die Nähe von Konstantinopel suchen, darunter die Kirchen in der Ukraine und in Estland.
  Präsident Juschtschenko hatte bei einem Empfang vor dem Platz der Sophienkathedrale in Kiew - in Anwesenheit des zum Moskauer Patriarchat gehörenden Kiewer Metropoliten Wladimir (Sabodan) - die Gelegenheit ergriffen und den Ökumenischen Patriarchen aufgefordert, die Errichtung einer vom politischen und kirchlichen Moskau unabhängigen orthodoxen Nationalkirche in der Ukraine zu unterstützen. Juschtschenko zeichnete den Ökumenischen Patriarchen auch mit dem höchsten ukrainischen Orden - dem Großkreuz des Fürsten Jaroslaw des Weisen - aus. In seiner Dankansprache erinnerte Bartholomaios während dieser Ehrung daran, dass die Kirche von Konstantinopel das ukrainische Volk nicht nur bei seinen „ersten Schritten im christlichen Glauben” unterstützt habe, sondern auch während des ganzen letzten Jahrtausends.  DTkna080729AP

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Papst Franziskus sprach auch mit Metropolit Hilarion Foto
   Auch den Leiter der russisch-orthodoxen Delegation bei der Amtseinführung des Papstes, Metropolit Hilarion (Alfejew), empfing Franziskus zu einem privaten Gespräch. Der Chef des Außenamts des Moskauer Patriarchats überbrachte dem Papst die Grüße von Patriarch Kyrill I. und die Geschenke des Patriarchen (unter anderem eine Ikone der Gottesmutter). Metropolit Hilarion versicherte Papst Franziskus, dass die russisch-orthodoxe Kirche auf dem Weg zur Einheit weiter voranschreiten wolle,  wies aber auch auf die Hindernisse hin, die einer persönlichen Begegnung zwischen Papst und Moskauer Patriarch im Weg stehen, insbesondere die Situation in der westlichen Ukraine. RVsta130401kipa

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„Dialog ist auf völlige Einheit ausgerichtet“

   Der Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche muss auf die „Wiederherstellung der völligen Einheit“ ausgerichtet sein. Das betonte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. Foto oben: mit Kardinal Kasper. In seinem Grußwort an Kardinal Walter Kasper beim Andreas-Fest im Phanar in Istanbul erinnerte er daran, wie Paul VI. und Athenagoras I. in den sechziger Jahren den Brauch eingeführt hatten, dass Delegationen aus der jeweils anderen Kirche an den Patronatsfesten in Rom und Konstantinopel teilnehmen. Dahinter sei der brennende Wunsch gestanden, die beiden Kirchen, die tausend Jahre getrennt waren, im „Dialog der Liebe und Wahrheit“ zusammenzuführen. Kardinal Kasper hatte als Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen die Glückwünsche Papst Benedikts XVI. zum Patronatsfest der Kirche von Konstantinopel persönlich überbracht.
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 „Kardinal Kasper ist ein Glücksfall” Foto: Papst Benedikt XVI. - Patriarch Bartholomaios I.

   Als einen „Glücksfall für die gesamte Ökumene” sieht der ökumenische Patriarch Patriarch Bartholomaios I. den deutschen Kurienkardinal Walter Kasper. In Rom habe sich in den Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen „viel zum Guten geändert”, seit Kasper dort verantwortlich sei, sagte das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur in Istanbul. Er empfinde Wert- und Hochschätzung für den vatika- nischen „Ökumene-Minister”. Der Patriarch bezeichnete den Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates als aner- kannten Theologen und lauteren, gläubigen und frommen Menschen. Das seien „Qualifikationen und Eigen- schaften, auf die es beim Ringen um die Einheit der Christen besonders ankommt”.  kna080226mg

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Bartholomaios I. Foto kritisiert orthodoxe Uneinigkeit

   Der ökumenischer Patriarch Bartholomaios hat die orthodoxe Uneinigkeit Kritisiert. Er präsentierte in seiner Eröffnungsansprache der „Synaxis” im Phanar ein Fünf-Punkte-Programm zur Überwindung der innerorthodoxen Differenzen. Wörtlich hieß es in dem Redetext des Patriarchen: „Wir erscheinen den Nichtorthodoxen manchmal  als gespalten - wenn es etwa um theologische Dialoge und anderes geht, wenn wir nicht fähig sind, zur Verwirklichung eines Heiligen und Großen Konzils der orthodoxen Kirche zu gelangen, wenn uns die einheitliche Stimme zu Fragen der Gegenwart fehlt und wir stattdessen bilateral Dialoge mit Nichtorthodoxen darüber abhalten, und wenn wir die Konstituierung einer einzigen orthodoxen Kirche für die Diaspora - in Einklang mit den ekklesiologischen und kanonischen Prinzipien - nicht schaffen. Wie können wir da das Entstehen des Bildes einer Gespaltenheit der Orthodoxie verhindern - insbesondere wenn nichttheologische, säkulare Kritierien angewendet werden?“
   Bartholomaios I. verwies darauf, dass in der Orthodoxie seit dem Schisma von 1054 der “Dienst an der Einheit” dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel zukomme. Die Einberufung von panorthodoxen Konzilien sei Ausdruck dieses Dienstes. Dabei werde die Autokephalie (Selbständigkeit) der einzelnen orthodoxen Kirchen respektiert, eine Ausuferung in einen „Autokephalismus” werde aber abgelehnt. Dabei gehe es um ein „radikales Unabhängigkeitsstreben”, das ein Faktor der Trennung sei und die Einheit der Orthodoxie verhindere. Heute habe das Ökumenische Patriarchat keine Staatsmacht mehr hinter sich, so Bartholomaios I.: „Unsere Einigkeit hängt jetzt von unserem Gewissen ab. Die Einsicht in die Notwendigkeit und Verpflichtung, einen einzigen Leib zu bilden, eine Kirche, ist ausreichend, um unsere Einheit zu garantieren, ohne dass es eine externe Intervention braucht”.
   Als die fünf wichtigen Schritte für die nächsten Jahre bezeichnete Bartholomaios I. die Intensivierung der Vorbereitung des Panorthodoxen Konzils, die Lösung der Diaspora-Streitigkeiten auf Basis des nicht realisierten interorthodoxen Agreements von 1993, das Mittragen aller an den gesamtorthodoxen theologischen Dialogen mit den nichtorthodoxen Kirchen, die gemeinsame Unterstützung der Initiative des Ökumenischen Patriarchats zur "Bewahrung der Schöpfung" sowie die Einrichtung eines interorthodoxen Bioethik-Studienkomitees.
   Die „Synaxis” ist dem bis 29. Juni 2009 dauernden Paulus-Jahr gewidmet. Das ökumenisch begangene Jahr im Gedenken an die Geburt des „Völkerapostels” vor 2.000 Jahren war in Rom von Papst Benedikt XVI. und Patriarch Bartholomaios I. gemeinsam eröffnet worden. RV081012mc
Estnische Kirche verärgert Moskauer Patriarchat
 Das Moskauer Patriarchat hat seine Mitgliedschaft in der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) ausgesetzt. Grund sei das Vorhaben der Kirchenvereinigung, die estnisch-orthodoxe Kirche aufzunehmen. Moskau betrachtet die estnische Kirche als ihr kirchliches Teilgebiet, doch die Esten wollen vom Moskauer Patriarchat unabhängig sein. Daraus ist ein Streit entstanden.
  In Konstantinopel fand ein gesamtorthodoxes Treffen statt, auf dem über die künftige Einheit der orthodoxen Kirchen diskutiert wurde. Der russische Patriarch Alexij II. war dabei. Ein Vertreter der estnischen Kirche war aber nicht anwesend.
   Die Aussetzung der Mitgliedschaft KEK sei ein klares Zeichen für den Anspruch den das Moskauer Patriarchat erhebt, sagt der Ostkirchen-Experte des Instituts „Glauben in der zweiten Welt” in Zürich, Gerd Stricker: „Dem Moskauer Patriarchat ging es immer wieder darum, dass der gegenwärtige Status der estnischen Kirche – der zwar zähneknirschend auch von Moskau anerkannt worden war – nicht von internationalen kirchlichen Gremien akzeptiert werden sollte. Mit anderen Worten: Das Moskauer Patriarchat versucht mit allen Mitteln, die kleine estnische und unter Konstantinopel befindliche orthodoxe Kirche aus allen internationalen Institutionen fern zu halten.”
   In Konstantinopel wurde vereinbart, dass sich die orthodoxen Kirchen künftig besser miteinander absprechen müssen. Die Zukunft der orthodoxen Kirchen hängt aber auch vom Verhältnis zur katholischen Kirche ab. Gerd Stricker: „In dieser Hinsicht glaube ich, dass die Zeichen aus dem Treffen in Konstantinopel positiv zu bewerten sind. Nach der jahrelangen Reisediplomatie von Einheits-Kardinal Walter Kasper ist es gelungen, die Beziehungen zwischen Moskau und dem Heiligen Stuhl zu entspannen. Das hat auch das gesamte Verhältnis der katholischen Kirche zur Orthodoxie positiv verändert. Man muss zugeben, dass die Beziehung und der Einfluss der russisch- orthodoxen Kirche den Ton angeben. Wenn es dort Verbesserungen gibt, dann kann man zuversichtlich sein, dass in den nächsten Jahren die Annäherung zwischen Katholiken und Orthodoxen – die ja immer erträumt wird – nun näher kommt. rv081013mg 

   Der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I., Konstantinopel, und Patriarch Alexij II., Moskau, wollen gemeinsam ein Ende der Spaltung der orthodoxen Kirche in der Ukraine erreichen. Bei einem Treffen in Kiew vereinbarten die Kirchenführer einen Dialog zur Lösung des Problems. Nachdem die Ukraine 1991 unabhängig geworden war, hatte sich ein erheblicher Teil der orthodoxen Geistlichen dort vom Moskauer Patriarchat losgesagt und 1992 eine eigene ukrainische-orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats gegründet. „Wir haben uns entschieden, für die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Kirchen von Russland und Konstantinopel zu arbeiten, da wir beide für die Einheit der Orthodoxie verantwortlich sind”, sagte Bartholomaios I. Der Moskauer Patriarch sagte, die Verhandlungen sollten die Kontroverse beenden. „Wir werden Entscheidungen treffen, die den Interessen unserer Kirchen entsprechen.” Der Außenamtschef des Moskauer Patriarchats, Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad, nannte die Verhandlungen ein „historisches Ereignis für die Beziehungen beider Kirchen und generell in der neuesten Geschichte der orthodoxen Kirche”. In der Ukraine bestehen gegenwärtig drei große orthodoxe Gruppierungen. Neben dem Kiewer sowie dem Moskauer Patriarchat gibt es noch die „Ukrainische Autonome Orthodoxe Kirche”. Das Treffen von Bartholomaios I. und Alexij II. fand nach einem von beiden Patriarchen zelebrierten Gottesdienst zum 1020. Jahrestag der Taufe von Kiew statt, mit der 988 die Ostslawen christianisiert wurden. Das Verhältnis von Bartholomaios I., dem Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, und Alexii II. gilt als angespannt, weil sich einige nationale orthodoxe Kirchen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion von Moskau abwenden und die Nähe des Patriarchats von Konstantinopel suchen.  FAZ080729JNA

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Hilarion neuer orthodoxer „Außenminister“. Foto: Bischof Hilarion Alfejew und Kardinal Schönborn, Wien

   Der russisch-orthodoxe Bischof von Wien und ganz Österreich, Hilarion Alfejew, ist neuer „Außenminister“ des Moskauer Patriarchats. Das beschloss der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche. Hilarion ist der neue Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats Nachfolger des neuen Patriarchen Kyrill. Sein Nachfolger in Wien wird Bischof Mark Golowkow von Jegorjewsk; Alfejew wird künftig allgemein für die Diözesen, Pfarreien und Institutionen des Moskauer Patriarchats im Ausland zuständig sein. Die Nachfolge von Bischof Hilarion in seiner Eigenschaft als Leiter der Vertretung des Moskauer Patriarchats bei den EU-Institutionen in Brüssel übernimmt der Priester Antonij Iljin.
  Der neue Außenamtsleiter Bischof Hilarion ist Jahrgang 1966. Er studierte zunächst am Moskauer Musik- Konservatorium; in den letzten Jahren ist der Bischof auch als Komponist großer sakraler Werke hervorgetreten, unter anderem einer „Matthäus-Passion“ und eines „Weihnachtsoratoriums“. 1987 trat er in der litauischen Hauptstadt Vilnius ins Kloster ein und studierte anschließend Theologie in Sergijew Posad. Von 1993 bis 1995 studierte er in Oxford, wo er auch sein Doktorat in Philosophie erwarb; 1999 folgte ein theologisches Doktorat in Paris. Er habilitierte sich 2005 im Fach Dogmatik an der katholischen Universität Fribourg, wo er seither auch als Privatdozent wirkt. Von 1995 bis 2002 war Hilarion Pfarrseelsorger im Moskauer Gebiet und lehrte zugleich Patristik an den Seminaren in Kaluga und Smolensk. Von 1997 bis 2002 war er auch Leiter der Abteilung für zwischenkirchliche Beziehungen im Außenamt des Moskauer Patriarchats; in dieser Eigenschaft begleitete er Kardinal Christoph Schönborn während dessen Russland-Besuchs auf Einladung von Patriarch Alexij II. im September 1997.
   Am 14. Januar 2002 wurde Hilarion Alfejew zum Bischof ernannt und wirkte zunächst als Vikarbischof des Londoner russisch-orthodoxen Metropoliten Anthony (Bloom). Im Juli 2002 wurde er zum Titularbischof von Podolsk und Leiter der Ständigen Delegation des Moskauer Patriarchats bei der Europäischen Union ernannt. Am 8. Mai 2003 ernannte ihn der Heilige Synod zum Bischof von Wien und Österreich. Er löste Bischof Pawel (Ponomarjow) ab, der Erzbischof von Rjasan wurde. Als neuer Leiter des Außenamtes zählt Bischof Hilarion jetzt zu den ständigen Mitgliedern des Heiligen Synods.
   Im ökumenischen Dialog ist Bischof Hilarion seit langem engagiert. Seit vielen Jahren ist er mit der Wiener Stiftung „Pro Oriente“ verbunden, er gehört der offiziellen internationalen Kommission für den Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche an und ist Mitglied des Zentralkomitees und des Exekutivausschusses des Weltkirchenrates sowie des Präsidiums der Weltkirchenrats-Kommission für Glaube und Kirchenverfassung. Rv090401kap

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Kardinal Kasper sieht Überwindung der Schwierigkeiten mit Moskauer Patriarchat

   Bei Erzbischof Hilarions gegenwärtigem Besuch in Rom zeigt sich, dass die Spannungen zwischen römisch-  katholischer und russisch-orthodoxer Kirche überwunden sind. Das sagte Kardinal Walter Kasper, der vatikanische Ökumene-Verantwortliche, im Interview mit Radio Vatikan. Bei den gegenwärtigen Gesprächen gehe es nicht mehr um Anschuldigungen gegen die katholische Kirche, sie betreibe Proselytismus in Russland. Erzbischof Hilarion (Alfejew), Außenamtsleiter des Moskauer Patriarchats, hält sich fünf Tage lang zu Gesprächen und Begegnungen in Rom auf. Papst Benedikt empfing ihn zu einer persönlichen Unterredung in Castelgandolfo.
   Kardinal Kasper: „Bischof Hilarion wird vermutlich seine Hochachtung für den gegenwärtigen Papst aussprechen. Papst Benedikt verfügt über eine große Achtung und Zuneigung auch in der orthodoxen Kirche für seine konsequenten Stellungnahmen in Glaubensfragen und in moralischen Fragen. Dieses Treffen wird wesentlich eine Bestätigung sein. Es handelt sich aber nicht um eine Ankündigung einer Begegnung des Moskauer Patriarchen mit dem Papst. Wir haben ja so viele Kanäle, um mit Moskau zu sprechen. Das gilt auf der universalen bis hin auf lokaler Ebene der entsprechenden Diözesen. Wenn die Zeit dann reif wird, wird es zu einem Treffen kommen. Bis dahin arbeiten wir in gewöhnlicher Weise zusammen.“
   Diese Zusammenarbeit beruhe auf einer „festen Basis von Verständnis und gegenseitigem Respekt“, so der deutsche Kurienkardinal.
   „Und so wollen wir auch bilateral zusammenarbeiten. Das ist auch möglich, denn in den ethischen Fragen – wie beispielsweise im Bereich Familie, soziale Gerechtigkeit oder menschliche Sexualität – haben wir die gleiche oder zumindest eine ganz ähnliche Vorstellung, sodass wir gemeinsam darüber Zeugnis geben können. Gemeinsam wird unsere Stimme stärker sein. Wir haben deshalb auch diskutiert, wie die Orthodoxen eine Art Institution schaffen können, damit wir Katholiken einen Partner haben, der alle europäischen orthodoxen Kirchen einschließt. Diese Institution soll vor allem gut mit dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) zusammenarbeiten.“
   Hilarion hält sich zum ersten Mal seit seiner Ernennung zum Außenamtschef der russisch-orthodoxen Kirche in Rom auf. Der erst 43-jährige Dogmatiker und Musikwissenschaftler übernahm seinen Posten von dem im Februar gewählten Patriarchen Kyrill I. Davor war er seit 2003 russisch-orthodoxer Bischof von Wien und Österreich. Rv090917kap

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. hat die Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche gelobt. In den vergangenen Jahren hätten sich die katholisch-orthodoxen Beziehungen deutlich verbessert, sagte Kyrill bei einer Begegnung mit Italiens Ministerpräsident Mario Monti am 22. Juli 2012 in Moskau. „In vielen Fragen sind wir Gleichgesinnte, vor allem bei pastoralen Fragen rund um das Leben des modernen Menschen“, zitierte das Patriarchat Kyrill I. Beide Konfessionen berieten etwa über die spirituelle Krise, die mit der Erosion traditioneller moralischer Werte zusammenhänge. RV120723kna

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 Gespräch über Besuch von Kirill I. - Metropolit Hilarion zu Gast im Vatikan / „Neue Etappe"

   Der Leiter des Außenamts der russischen orthodoxen Kirche, Metropolit Hilarion Foto oben links, hat in Rom Gespräche mit Kurienkardinal Kasper Foto oben rechts geführt. Kasper, der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen ist, sprach von einer „neuen Etappe" in der Beziehung beider Kirchen. Hilarion äußerte die Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit erstmals zu einer Begegnung zwischen dem Moskauer Patriarchen Kirill I. und Papst Benedikt XVI. kommen werde. Der deutsche Papst werde in Russland wegen seiner Verteidigung traditioneller christlicher Werte besonders geschätzt. „Die Zeit und die Personen haben sich geändert", sagte der orthodoxe Metropolit. Beide Glaubensgemeinschaften seien „Verbündete beim Kampf gegen die Vertreibung Christi aus der Welt". Hilarion befindet sich in Rom, um an den erstmals veranstalteten „Tagen der russischen Kultur und Spiritualität" im Vatikan" teilzunehmen.
   Kasper sagte, diese Initiative spiegele „eine neue Dimension und Qualität" in den Beziehungen zwischen den beiden Kirchen wider. Der Unterschied zwischen Orient und Okzident sei weniger religiös als durch „kulturelle Entfremdung" geprägt. Diese Distanz müsse überwunden werden, „aber nicht durch Nivellierung, sondern durch gegenseitige Bereicherung in einer Gemeinschaft ohne Fusion und Absorbierung".
  Genaueres über einen möglichen Besuch Kirills im Vatikan wollte Hilarion nicht sagen. Man „wünsche" und „hoffe" auf ein solches Treffen, vorher seien jedoch noch grundlegende Fragen zu klären. Eine solche Zusammenkunft sei nur sinnvoll, wenn sie auch Ergebnisse zeitige, sagte Hilarion. Bei einer Begegnung mit Benedikt im September 2009 hatte Hilarion die Hindernisse einer vom Vatikan seit Jahren angestrebten Begegnung zwischen dem Moskauer Patriarchen und dem Papst benannt. So lange etwa der Konflikt über die mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche in der Ukraine nicht gelöst sei, könne eine solche Begegnung nicht stattfinden, sagte Hilarion damals. Im Februar hatte Kirill den Papst als Kämpfer für die christlichen Werte gelobt und von Protestanten angestrebte „Liberalisierungen" beklagt. FAZ100520jöb

„Treffen irgendwann“ be-182Patr.Kyrill-xx Metropolit Hilarion Moskau

    Ein Treffen zwischen Papst Benedikt und dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. – dazu wird es „irgendwann in Zukunft“ kommen. Das glaubt Metropolit Hilarion, der Außenamtsleiter des Moskauer Patriarchats, der mit dem Papst sprach. Einige Beobachter der Ökumene führen als möglichen Anlass einer Begegnung zwischen Papst und Patriarch die 1700-Jahr-Feiern des Edikts von Mailand im Jahr 2013 ins Treffen. Von Radio Vatikan darauf angesprochen, sagte der „zweite Mann“ der russisch-orthodoxen Kirche:
   „Wir glauben dass ein solches Treffen irgendwann in Zukunft stattfinden wird. Wir sind aber noch nicht so weit, einen Ort oder Termin oder das Programm einer solchen Begegnung zu diskutieren. Denn worauf es uns in erster Linie ankommt, ist der Inhalt des Treffens. Sobald wir uns eins sind über den Inhalt, also die Punkte, über die wir immer noch divergierende Ansichten haben, dann glaube ich können wir dieses Treffen angehen. Es erfordert aber sicher eine sorgfältige Vorbereitung.“
   Die Begegnung zwischen Papst Benedikt und Metropolit Hilarion in Castelgandolfo war die dritte seit dem Amtsantritt des russisch-orthodoxen „Außenministers" im Februar 2009. Hilarion würdigte im Gespräch die ökumenischen Anstrengungen Papst Benedikts mit der Orthodoxie.
   „Seine Heiligkeit ist ein Mann des Glaubens. Jedes Mal wenn ich ihn treffe, bin ich ermutigt von seinem Geist, seinem Mut, seiner Hingebung für das Leben der Kirche auf der Welt. Und natürlich bin ich überaus beeindruckt von seinem Wissen auch über die orthodoxe Tradition und die Aufmerksamkeit, die er dem Dialog zwischen Katholiken und Orthodoxen schenkt. Ich denke, seine Haltung wird uns sehr helfen auf unserem Weg hin zu besserem gegenseitigen Verständnis.“ RV110930gs

Papst Benedikt XVI. hat für in Frankreich lebende Maroniten eine eigene Diözese in Paris errichtet.
    Gleichzeitig berief er den libanesischen Priester Nasser Gemayel zum ersten Eparchen, teilte der vatikanische Pressesaamit. Gemayel ist nicht nur für sein neu geschaffenes Bistum zuständig, sondern auch für alle Maroniten in Nord- und Westeuropa. Von den gut drei Millionen Mitgliedern dieser mit Rom unierten Ostkirche lebt rund ein Drittel im Libanon, wo auch ihr Patriarch Bechara Rai seinen Sitz hat. Maronitische Gemeinden bestehen in mehreren Ländern des Nahen Ostens, aber auch in Nord- und Südamerika sowie in Europa und Australien.Rv120722kna

Orthodoxe danken dem Papst in der New York Times
  
Mit einer ganzseitigen Anzeige in der auflagenstärksten nordamerikanischen Tageszeitung “New York Times” haben sich die orthodoxen Christen Amerikas bei Papst Benedikt XVI. bedankt. “Apostel des Friedens” steht über dem Foto, dass den Papst mit Patriarch Bartholomaios I. zeigt. “Die orthodoxen Christen Amerikas bedanken sich bei Papst Benedikt XVI. für seine fortwährende Unterstützung seines Mitstreiters und Apostels des Friedens, Patriarch Bartholomaios I.”, heißt es wörtlich
  Die “New York Times” hat eine tägliche Gesamtauflage von 1,1 Millionen. In der prominent platzierten Anzeige ruft der Apostel-Andreas-Orden die türkische Regierung auf, der Weltöffentlichkeit zu beweisen, dass es gerechtfertigt sei, ihr Land als eine aufgeklärte Nation zu bezeichnen.
   Dies könne sie erreichen, indem sie den Status des Ökumenischen Patriarchen als Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie anerkenne, beschlagnahmten Besitz der orthodoxen Kirche zurückgebe, alle christlichen Glaubensgemeinschaften rechtlich anerkenne und sich bei der Wahl künftiger Patriarchen nicht mehr einmische.
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Leiden wie Christus
In der Frühzeit des Christentums hatte die assyrische Kirche Mesopotamiens eine größere Verbreitung als andere Kirchen. Zum Ende eines langen Niedergangs beschleunigt nun der Terror des „Islamischen Staats" den Exodus.

  Foto oben: Karakosch.  Ein Gottesdienst, bevor die Stadt im August 2014 vom „Islamischen Staat“
erobert wurde. Heute werden keine Messen mehr gefeiert. Karakosch ist eine Geisterstadt.
Foto unten links: Patriarch Mar Dinkha IV. - rechts: mit Papst Benedikt XVI.

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   Am Donnerstag, dem 26. März 2015 verstarb das Oberhaupt der Assyrischen Kirche des Ostens, Katholikos- Patriarch Mar Dinkha IV. Die Kirche, die ihre Blüte in Mesopotamien erlebt hatte, ist eine der drei großen Kirchentraditionen; sie hatte in der Frühzeit des Christentums von allen die größte Verbreitung. Zu Beginn der drei Traditionen stehen große Namen: Paulus, der Evangelist Markus und der Apostel Tomas. Paulus hatte seine Missionsreisen in Antiochien begonnen, sie führten ihn nach Kleinasien und bis nach Rom. Der Evangelist Markus brachte das Christentum nach Alexandrien und Nordafrika. Der Apostel Tomas hingegen reiste nach Osten, nach Mesopotamien und von dort weiter nach Indien, wo er im Jahr 72 den Märtyrertod starb.
   Zwei dieser drei Kirchentraditionen hielten sich über zwei Jahrtausende. Bestand hat, was auf Paulus zurückgeht: Rom ist unverändert Sitz der katholischen Kirche. In der Nachfolge des Evangelisten Markus ist der koptische Papst weiter der Patriarch von Alexandrien, auch wenn er seinen Sitz nilaufwärts nach Kairo verlegt hat. Im Osten aber ging die Zahl der Christen immer weiter zurück, so dass sie heute vor dem Ende stehen.
   Vor dem Islam hatten in Mesopotamien Juden, Christen und Zarathustrier gelebt. Christen bauten selbst in Nadschaf und Kerbela Kirchen, in zwei Städten, die in der Gegenwart den schiitischen Muslimen heilig sind. Die Diözesen der Kirche, die der Lehre des Theologen Nestor, der von 381 bis 451 lebte, verpflichtet ist, reichten entlang der Seidenstraße von Samarkand über Karakorum bis Peking, am Golf bis an die heutigen Staaten Qatar und Bahrein, auch im jemenitischen Sanaa ernannte die Kirche Bischöfe.
   Vor allem die Gemeinden im Süden Indiens gehen auf die Missionsreisen der Christen Mesopotamiens zurück. Dort leben heute 20 Millionen Christen; im Irak waren es 1987 noch 1,4 Millionen, nur ein Drittel ist geblieben. Und jeden Tag verlassen weitere Familien den Irak und ziehen dorthin, wo die große assyrische Kirche, deren Christen sich als Nachkommen des großen Assyrischen Reiches sehen, heute ihren Sitz hat.
   Immer wieder musste die einst große Assyrische Kirche des Ostens seit ihrer Gründung ihren Sitz verlegen, bedrängt durch politische Umwälzungen. In den ersten Jahrhunderten nach Christus residierte ihr Oberhaupt in Seleukia-Ktesiphon, der Hauptstadt der persischen Reiche der Parther und dann der Sassaniden. 775 zog es nach Bagdad, in die neu gegründete Hauptstadt des arabisch-muslimischen Abbasidenreiches. Eine Odyssee setzte für die Mutterkirche in den Wirren des Ersten Weltkriegs ein. Der Katholikos residierte mal in Urmia, mal im Mossul, auf Zypern, schließlich in San Francisco und kurz in Teheran.

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Foto oben links: Kreuz an der Kirchentür in Alqosh rechts: Patriarch Catholicos Mar Dinkha IV. und Papst Johannes Paul II. unterzeichnen ein gemeinsmes Abkommen. Foto unten: Bestätigung durch Papst Franziskus im Vatikan

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   Katholikos-Patriarch Mar Dinkha IV., dessen Pontifikat in der Nachfolge des Apostels Tomas fast vier Jahrzehnte dauerte, verlegte den Sitz 1980 nach Chicago, wo er nun auch verstarb. In der Stadt am Michigansee leben heute fast 100.000 Mitglieder der Assyrischen Kirche des Ostens, mehr als in jeder anderen Stadt - und der Exodus aus Mesopotamien, das christlich war, lange bevor das Christentum in Europa ankam, hält unvermindert an.
   Auch Spaltungen setzten der Kirche zu. Eine Linie, die sich heute die „Alte Assyrische Kirche des Ostens" nennt, spaltete sich 1552 ab, nahm mal in Diyarbakir, mal in Urmia und schließlich 1672 in Qodshanis im schwer zugänglichen Bergland von Hakkari ihren Sitz. Als die Jungtürken die Armenier und Assyrer verfolgten, zerstörten sie 1915 auch diesen Ort, und die Alte Assyrische Kirche suchte Zuflucht in Bagdad. Seit 1683 besteht zudem die mit Rom unierte Chaldäische Kirche, auch ihr Patriarch Louis Raphael Sakko residiert in Bagdad.
   Außerdem unterhielt die syrisch-orthodoxe Kirche, die im Westen dem Byzantinischen Reich unterstand und das Patriarchat von Antiochien war, Kirchengemeinden in Mesopotamien. Ihr Oberhaupt, der Maphrian, residierte zunächst in Tikrit, einem der bedeutendsten spirituellen Zentren jener Zeit, und zog 1095 weiter in das bereits im Jahr 363 gegründete Kloster Mar Mattai. Nie erreichte die syrisch­orthodoxe Kirche in Mesopotamien aber den Einfluss und die Größe der assyrischen Kirche.
   Seit vergangenem Sommer tragen die Christen Mesopotamiens ein neues Kreuz. Der „Islamische Staat" (IS) hat weite Teile des Nordiraks, des historischen Siedlungsgebiets der assyrischen Christen, unter seine Terrorherrschaft gebracht. Zuletzt hatte der zentralasiatische Eroberer Tamerlan, der von 1336 bis 1405 lebte, die Christen verfolgt wie der IS. Tamerlan ließ in Bagdad und Tikrit fast 200.000 Christen töten, er zerstörte Städte wie Assur, die große Handelsstadt, die der assyrischen Hochkultur den Namen gab, und auch die assyrische Kirche, die damals weit nach Asien hinein reichte. Damit reduzierte er sie auf ihr historisches Kernland, wo nun der IS zur endgültigen Auslöschung der Christenheit in Mesopotamien angesetzt hat.
   Am Palmsonntag hielten die Gläubigen in einer Kirche von Alqosh Olivenzweige in der Hand, um des Einzugs Jesu in Jerusalem zu gedenken. Mönch Issa. der dem Orden der chaldäischen Antonaner angehört, sagte in seiner Predigt: „Wir Christen sind auf das Leiden des Herrn getauft. Verfolgung ist also etwas, mit dem wir rechnen müssen. Außerdem feiern wir in ein paar Tagen Ostern. Wir wissen, dass Ostern, das heißt das Leben, den Sieg davontragen wird. Das gibt uns Hoffnung trotz aller Schwierigkeiten." Der IS sei eine „Armee des Teufels", sagte er, die Krieger des IS bezeichnete er als „Söhne des Teufels". Anders könne man es nicht erklären, was sie den Menschen antun. Im vergangenen Sommer sind im Nordirak 120.000 Christen vor dem IS geflüchtet. Die meisten brachten sich in der Region Irakisch-Kurdistan in Sicherheit.
   Bruder Issa aber, bis zum Juni 2014 Mönch im Kloster des heiligen Georg von Mossul, fand in Alqosh Zuflucht. Der IS hatte sein Kloster nach der Vertreibung der Mönche zerstört, der Friedhof um das Kloster wurde geschändet, ebenso das Kloster des heiligen Bernhard in Karakosch, der Stadt, die im 11. Jahrhundert die Christen Tikrits aufgenommen hatte. Seit dem 6. August 2014 ist sie eine Geisterstadt. Was mit vier weiteren Klöstern geschah, die in die blutigen Hände des IS gefallen sind, ist nicht bekannt. Im Kloster Mar Behnam, das im vierten Jahrhundert gegründet wurde, ist mutmaßlich die Bibliothek mit den alten Handschriften zerstört worden. Mitte März soll das Grabmal des Märtyrers Behnam gesprengt worden sein.
   Von den historischen Städten der assyrischen Christen im Nordirak blieb indes Alqosh wie durch ein Wunder verschont.
   Die Krieger des IS lauern noch immer 15 Kilometer vor der Stadt und dem Kloster Rabban Hormiz, das wie ein Adlernest über der Ebene hängt, von der aus der IS jederzeit angreifen könnte. Die Einwohner hatten ihre christliche Stadt im Sommer 2014 fluchtartig verlassen, nach einer Woche kehrten sie zurück. Engel mit ihren Flügeln hätten die Krieger vertrieben, sagen die Gläubigen. Die Rettung war in der Tat aus der Luft gekommen, es waren aber amerikanische Kampfflugzeuge.
   In einer Kirche von Alqosh wird das Grab des Propheten Nahum verehrt, dessen Buch Eingang in das Alte Testament gefunden hat. Es enthält die Prophezeiung, dass Ninive, die große Hure der Zeit, untergehen werde. Bekannter als Nahum ist der Prophet Jona, der von Gott den Auftrag erhielt, nach Ninive zu gehen und dessen Bewohnern wegen ihres Sittenverfalls Gottes Strafgericht anzudrohen. Jona entzog sich dem Auftrag, wurde im Meer von einem großen Fisch verschlungen und ging nach seiner Rettung doch nach Ninive. Er ließ sie Buße tun, so dass sie vom Strafgericht verschont blieben.

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Foto links: Hatra: Das Weltkulturerbe, bevor der „Islamische Staat" mit der Zerstörung durch Bulldozer und Sprengstoff begann. Foto rechts: Schutzdämon Lamassu

   Ninive löste mit seinen prächtigen Palästen Assur als Hauptstadt des Assyrischen Reiches ab. In der Bibliothek des Assurbanipal, in der 24.000 Keilschrifttafeln gefunden wurden, enthielten Tafeln den Gilgamesch-Epos, der die Grundlage ist für die Erzählung der Sintflut in der Bibel. Ninive mit seinen 15 monumentalen Stadttoren wurde 612 vor Christus von den Medern zerstört; die archäologischen Stätten platt gewalzt hat in den vergangenen Monaten der IS. So zerstörten Krieger des IS vor einem Monat mit Bulldozern die Ruinen der ausgedehnten Palastanlage, etwa die Schutzdämonen Lamassu Foto oben, die menschengesichtigen Stiere an den Pforten, auch die Reliefs auf großen Steinplatten. Gesprengt haben die Gotteskrieger des IS zudem das Grabmal Jonas.
  Auch Nimrud wurde Opfer der Zerstörungswut des IS. Genesis 10,9b-11: Ein tüchtiger Jäger vor dem Herrn wie Nimrod. Kerngebiet seines Reiches war Babel, Erech, Akkad und Kalne im Land Schinar. Von diesem Land zog er nach Assur aus und erbaute Ninive. Nach dem biblischen König Nimrud wurde die gleichnamige spätere Hauptstadt des assyrischen Reiches benannt.
   Im Westen war bis zum Feuersturm des IS nahezu in Vergessenheit geraten, dass Mesopotamien einst christliches Kernland war. Auf die Frage der Apostelgeschichte 2,8-11: Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten,  Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. Ferner schreibt Petrus in seinem ersten Brief Kapitel 5,13: „Es grüßen euch die Mitauserwählten in Babylon und mein Sohn Markus."
  
Die Krieger des IS zerschlugen, zermalmten und sprengten die materiellen Zeugen einer großen historischen Vergangenheit, die eine der Wiegen der menschlichen Zivilisation ist. Sie waren bislang eines der wenigen Bänder, das die Menschen in Mesopotamien geeint hat. Den Europäern ist in der Gegenwart die ägyptische Zivilisation der Pharaonen näher. Schließlich hatte die griechische und römische Antike enge Beziehungen zu Griechenland, und Ägypten kommt im Alten Testament besser weg als Mesopotamien und vor allem Babylonien, das die Juden versklavte, das im Turmbau von Babel Gott gleichkommen wollte und das Metapher für die sündige Welt wurde.
   Die Menschheit verdankt Mesopotamien - mit seinen großen Reichen der Sumerer und Akkader, der Babylonier und Assyrer - aber so vieles: das Rad wurde dort erfunden und das Segelboot; die Keilschrift entstand, Sprachen wurden verfeinert, die Geschichte und Gesetzeskodizes wurden geschrieben, der Satz des Pythagoras wurde erstmals formuliert, Metall wurde verarbeitet , die Künste und die Architektur erlebten eine Hochblüte, es gab Philosophie.

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   In diesem gebildeten und toleranten Umfeld verbreitete sich das Christentum schneller als in Kleinasien und Nordafrika. Am Hof der islamischen Abbasiden, die von 750 an in Bagdad herrschten, übersetzten Christen die antiken griechischen Philosophen, vor allem Aristoteles, ins Arabische. Auch in Nisibis, dem heutigen Nusaybin, einem der bedeutendsten spirituellen Zentren der christlichen Antike, übersetzten Christen Werke der griechischen Wissenschaft ins Arabische. Aus Nisbis stammte der heute wieder rezipierte Theologe und Mystiker Ephraem der Syrer, der 373 starb.
   Die Christen Mesopotamiens lebten aber außerhalb des Herrschaftsgebiets von Rom und Byzanz. Sie nahmen daher an vielen Konzilien nicht teil, akzeptierten auch deren Beschlüsse nicht, etwa nicht die des Konzils von Ephesus von 431, das die Lehre Nestors ablehnte und diesen exkommunizierte; Nestor lehnte den aufkommenden Marienkult ab und damit die Bezeichnung „Mutter Gottes", er sprach von „Mutter Jesu", worauf er als Häretiker verstoßen wurde. Die Ostkirchen, die bereits 424 ihre Unabhängigkeit von den Patriarchaten des Westens erklärt hatten, beugten sich diesem Entscheid der byzantinischen Staatskirche nicht und gingen einen eigenen Weg. Dabei schützten sie die sassanidischen Herrscher, die in Konkurrenz zu Byzanz standen. Der Bruch wurde mit dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451 vollzogen. Es legte gegen die Lehre des Miaphysitismus der Ostkirche verbindlich fest, dass Christus wahrer Gott und wahrer Menschen zugleich sei, unvermischt und ungetrennt. Noch heute folgt die in aramäischer Sprache gefeierte Liturgie der assyrischen Kirche dem heiligen Theodor aus Mopsuetia, der Nestor nahestand und 428 starb. Die Ostkirche wandte sich von Byzanz ab und expandierte nach Asien.
   Heute treten diese Meinungsverschiedenheiten in den Hintergrund. Denn es geht um das Überleben der Christen nicht allein in Mesopotamien, sondern überall im Nahen Osten. Für ihren Mut belohnt wurde eine Schwester von der Gemeinschaft der Schwestern vom Heiligsten Herzen. Schwester Sanaa war in Mossul Oberin des Konvents ihres Ordens, als der IS die Stadt überrannte. Den Ordensfrauen war in buchstäblich letzter Minute die Flucht gelungen. Dreimal sei sie heimlich an allen Kontrollen des IS vorbei nach Mossul zurückgekehrt, um das Archiv des Ordens in Sicherheit zu bringen, erzählte sie dem pastoralen Hilfswerk „Kirche in Not". Sie rettete das Archiv, bevor der IS das Gebäude am 24. November sprengte. Seither lebt sie in Ankawa, dem christlichen Viertel der kurdischen Hauptstadt Arbil.
   Christen lebten in Arbil bereits zum Ende des ersten Jahrhunderts. Arbil hieß damals Arbela und war Hauptstadt des Königreiches Adiabene, dessen Dynastie sich zum Judentum bekannte. Vom Jahr 104 an war Arbil vier Jahrhunderte ein bedeutender Bischofssitz. In der Gegenwart genießen die Christen unter kurdischer Regierung wieder Freiheit und Sicherheit wie an wenigen anderen Orten, über die Muslime herrschen. So haben die meisten Vertriebenen des Sommers 2014 in Arbil Zuflucht gefunden.
   In der Kirche von Alqosh betete am Palmsonntag auch der junge Familienvater Fadil. Er war aus Mossul vor dem IS geflohen. „Wir Christen müssen leiden wie Christus gelitten hat. Das lehrt uns unser Glaube. Aber das tröstet uns auch", sagt er. „Der Glaube ist das Einzige, was uns geblieben ist. Alles andere mussten wir schließlich in Mossul lassen." Er will den Irak dennoch nicht verlassen. „Das ist unsere Heimat. Wir gehören hierher."
   Der chaldäische Erzbischof Baschar Warda von Arbil weiß aber, dass die Arbeit der Kirche ein Wettlauf mit der Zeit ist. „Jeden Tag verlassen christliche Familien den Irak", sagte er dem Hilfswerk „Kirche in Not". Seine Arbeit konzentriert sich darauf, Schulen für die Kinder einzurichten und ordentliche Unterkünfte für die Menschen zu schaffen, von denen die ersten zunächst in Zelten oder unter freiem Himmel kampiert hatten. Die Menschen sollen ihre Würde zurückerhalten, sollen wieder eine Perspektive haben. Dank „Kirche in Not" sind bereits acht Schulen für Flüchtlingskinder in Betrieb. Dann bittet er: „Beten Sie für die Christen und für alle Menschen, die im Irak leiden." FAZ150405Rainer Hermann

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Neuer Patriarch der Assyrischen Kirche des Ostens gewählt

   Papst Franziskus hat dem neuen Patriarchen der Assyrischen Kirche des Ostens, Mar Gewargis III. Sliwa, angesichts der Christenverfolgung im Irak und Syrien seine Solidarität zugesichert. Ihm schließe er sich im Gebet für die Leidenden an, heißt es in einer am Montag vom Vatikan veröffentlichten Papstbotschaft an den Patriarchen. Der 73-Jährige war vergangenen Freitag von der Synode seiner Kirche zum Nachfolger des im März verstorbenen Mar Dinkha IV. gewählt worden.
   Die Amtseinführung Gewargis' III. soll nach einem vatikanischen Bericht kommenden Sonntag in Erbil stattfinden. Die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak war bisher Sitz von Gewargis Sliwa als Metropolit für Irak, Jordanien und Russland. Sein Vorgänger im Patriarchenamt, Dinkha IV., residierte in Chicago.
   Gewargis Sliwa wurde 1941 im Irak geboren. Als Metropolit des Irak, Jordaniens und Russlands ist er nach Angaben von Fides der einzige Metropolit seiner Kirche, der noch im Irak lebt. Der Hauptsitz der Assyrischen Kirche des Ostens ist in Chicago, USA. Es gibt aber Pläne, den Sitz in die kurdische Hauptstadt Erbil zu verlegen.
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Kardinal im Auftrag des Papstes unterwegs   cdd-LeonardoSandri-Z-OstKi  Kardinal Leonardo Sandri

   Kardinal Leonardo Sandri wird den Papst in dieser Woche in Armenien vertreten. Der Präfekt der Kongregation für die Ostkirchen wurde von Papst Franziskus damit beauftragt, ihn am kommenden Sonntag in der westarmenischen Stadt Etschmiadsin bei der Zeremonie der Weihe von Santo Myron, dem Sitz des Obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier, Karekin II. Nersissian, zu vertreten. Der sich alle sieben Jahre wiederholender Weihe-Ritus wird von der Bischofkonferenz der armenisch-katholischen Kirche sowie von vielen ökumenischen Delegationen aus aller Welt begleitet.
   Auf dem Programm seiner Reise stehen außerdem Besuche der armenischen katholischen Gemeinde, von Flüchtlingslagern, Schulen und ein Zusammentreffen mit den Barmherzigen Schwestern. Dem Programm rund um die Zeremonie wird eine ökumenische Feier am Samstagabend sowie eine Liturgiefeier am Sonntagmorgen vorausgehen. Die Weihe findet am Sonntag statt.
   Neben Kardinal Sandri besteht die Delegation des Heiligen Stuhls aus Marek Solczyński, apostolischer Nuntius in Armenien, Gabriel Quicke vom Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen und Don Flavio Pace von der Kongregation für die orientalischen Kirchen.  Rv150922vs

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In der öffentlichen Diskussion wird unterstellt, dass die Kirche in Sachen Ökumene hinter das Konzil  zurückgeht. Doch was ist wirklich  auf  dem  Zweiten Vatikanum Foto oben beschlossen worden?
Wir bringen hier im Wortlaut das Dokument des 2. Vatikanischen Konzils zur Wiederherstellung der Einheit
der Christen:“Unitatis redintegratio” Lesen Sie selbst: Dekret über den Ökumenismus.

VORWORT
     1. Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils. Denn Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet, und doch erheben mehrere christliche Gemeinschaften vor den Menschen den Anspruch, das wahre Erbe Jesu Christi darzustellen; sie alle bekennen sich als Jünger des Herrn, aber sie weichen in ihrem Denken voneinander ab und gehen verschiedene Wege, als ob Christus selber geteilt wäre cf. 1 Kor 1,13. Eine solche Spaltung widerspricht aber ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen. Der Herr der Geschichte aber, der seinen Gnadenplan mit uns Sündern in Weisheit und Langmut verfolgt, hat in jüngster Zeit begonnen, über die gespaltene Christenheit ernste Reue und Sehnsucht nach Einheit reichlicher auszugießen. Von dieser Gnade sind heute überall sehr viele Menschen ergriffen, und auch unter unsern getrennten Brüdern ist unter der Einwirkung der Gnade des Heiligen Geistes eine sich von Tag zu Tag ausbreitende Bewegung zur Wiederherstellung der Einheit aller Christen ent- standen. Diese Einheitsbewegung, die man als ökumenische Bewegung bezeichnet, wird von Menschen getragen, die den dreieinigen Gott anrufen und Jesus als Herrn und Erlöser bekennen, und zwar nicht nur einzeln für sich, sondern auch in ihren Gemeinschaften, in denen sie die frohe Botschaft vernommen haben und die sie ihre Kirche und Gottes Kirche nennen. Fast alle streben, wenn auch auf verschiedene Weise, zu einer einen, sichtbaren Kirche Gottes hin, die in Wahrheit allumfassend und zur  ganzen Welt gesandt ist, damit sich die Welt zum Evangelium bekehre und so ihr Heil finde zur Ehre Gottes. Dies alles erwägt die Heilige Synode freudigen Herzens und, nachdem sie die Lehre von der Kirche dargestellt hat, möchte sie, bewegt von dem Wunsch nach der Wieder- herstellung der Einheit unter allen Jüngern Christi, allen Katholiken die Mittel und Wege nennen und die Weise aufzeigen, wie sie selber diesem göttlichen Ruf und dieser Gnade Gottes entsprechen können.

ERSTES KAPITEL: DIE KATHOLISCHEN PRINZIPIEN DES ÖKUMENISMUS
  2. Darin ist unter uns die Liebe Gottes erschienen, dass der eingeborene Sohn Gottes vom Vater in die Welt gesandt wurde, damit er, Mensch geworden, das ganze Menschengeschlecht durch die Erlösung zur Wiedergeburt führe und in eins versammle cf. 1 Jo 4, 9; Kol 1,18-20; Jo 11,52. Bevor er sich selbst auf dem Altar des Kreuzes als makellose Opfergabe darbrachte, hat er für alle, die an ihn glauben, zum Vater gebetet, “dass alle eins seien, wie Du, Vater, in mir, und ich in Dir, dass auch sie in uns eins seien: damit die Welt glaubt, dass Du mich gesandt hast” Jo 17,21, und er hat in seiner Kirche das wunderbare Sakrament der Eucharistie gestiftet, durch das die Einheit der Kirche bezeichnet und bewirkt wird. Seinen Jüngern hat er das neue Gebot der gegenseitigen Liebe gegeben cf. Jo 13,34 und den Geist, den Beistand, verheißen cf.Jo 16,7, der als Herr und Lebensspender in Ewigkeit bei ihnen bleiben sollte. Nachdem der Herr Jesus am Kreuze erhöht und verherrlicht war, hat er den verheißenen Geist ausgegossen, durch den er das Volk des Neuen Bundes, das die Kirche ist, zur Einheit des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe berufen und versammelt, wie uns der Apostel lehrt: “Ein Leib und ein Geist, wie ihr berufen seid in einer Hoffnung eurer Berufung. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe” Eph 4,4-5. Denn “ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid,  habt Christus angezogen ... Ihr alle seid ja einer in Christus Jesus” Gal 3,27-28. Der Heilige Geist, der in den Gläubigen wohnt und die ganze Kirche leitet und regiert, schafft diese wunderbare Gemeinschaft der Gläubigen und verbindet sie in Christus so innig, dass er das Prinzip der Einheit der Kirche ist.  Er selbst wirkt die Verschiedenheit der Gaben und Dienste 1 Kor 12,4-11, indem er die Kirche Jesu Christi mit mannigfaltigen Gaben bereichert “zur Vollendung der Heiligen im Werk des Dienstes, zum Aufbau des Leibes Christi” Eph 4,12. Um nun diese seine heilige Kirche überall auf Erden bis zum Ende der Zeiten fest zu begründen, hat Christus das Amt der Lehre, der Leitung und der Heiligung dem Kollegium der Zwölf anvertraut cf. Mt 28,18-20 in Verbindung mit Jo 20, 21-23. Unter ihnen hat er den Petrus ausgewählt, auf dem er nach dem Bekenntnis des Glaubens seine Kirche zu bauen beschlossen hat; ihm hat er die Schlüssel des Himmelreiches verheißen cf. Mt 16,19 in Verbindung mit Mt 18, 18 und nach dessen Liebesbekenntnis alle Schafe anvertraut, damit er sie im Glauben stärken cf. Lk 22,32 und in vollkommener Einheit weiden solle cf. Jo 21,15-17, wobei Christus Jesus selbst der höchste Eckstein cf. Eph 2, 20 und der Hirt unserer Seelen cf. 1 Petr 2,25; I.Vatikanisches Konzil, Sessio IV(1870), Constitutio Pastor Aeternus:  Coll. Lac.7, 482a in Ewigkeit bleibt. Jesus Christus will, dass sein Volk durch die gläubige Predigt des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente durch die Apostel und durch ihre Nachfolger, die Bischöfe  mit dem Nachfolger Petri als Haupt, sowie durch ihre Leitung in Liebe unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes wachse, und er vollendet seine Gemeinschaft in der Einheit: im Bekenntnis des einen Glaubens, in der gemeinsamen Feier des Gottesdienstes und in der brüderlichen Eintracht der Familie Gottes. So ist die Kirche, Gottes alleinige Herde, wie ein unter den Völkern erhobenes Zeichen  cf. Is 11,10-12. Indem sie dem ganzen Menschengeschlecht den Dienst des Evangeliums des Friedens leistet cf. Eph 2,17-18, in Verbindung mit Mk 16,15, pilgert sie in Hoffnung dem Ziel des ewigen Vaterlandes entgegen cf. 1 Petr 1,3-9. Dies ist das heilige Geheimnis der Einheit der Kirche in Christus und durch Christus, indes der Heilige Geist die Mannigfaltigkeit der Gaben schafft. Höchstes Vorbild und Urbild dieses Geheimnisses ist die Einheit des einen Gottes, des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist in der Dreiheit der Personen.
     3. In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen entstanden cf. 1 Kor 11,18-19; Gal 1, 6-9; 1 Jo 2,18-19, die der Apostel aufs schwerste tadelt und verurteilt cf. 1 Kor 1,11ff; 11, 22; in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Verfeindungen entstanden, und es kam zur Tren- nung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten. Den Menschen jedoch, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, darf die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden - die katholische Kirche betrachtet sie als Brüder, in Verehrung und Liebe. Denn wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche. Da es zwischen ihnen und der katholischen Kirche sowohl in der Lehre und bisweilen auch in der Disziplin wie auch bezüglich der Struktur der Kirche Diskrepanzen verschiedener Art gibt, so stehen sicherlich nicht wenige Hindernisse der vollen kirchlichen Gemeinschaft entgegen, bisweilen recht schwerwiegende, um deren Überwindung die ökumenische Bewegung bemüht ist. Nichtsdestoweniger sind sie durch den Glauben in der Taufe gerechtfertigt und Christus eingegliedert cf. Konzil v.Florenz, Sess.VIII(1439), Dekret Exsultate Deo: Mansi 31,1055 A, darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Söhnen  der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt cf. Augustinus, In Ps.32, Enarratio II, 29: PL 36, 299. Hinzu kommt, dass einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente oder Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können: das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente: all dieses, das von Christus ausgeht und zu ihm hinführt, gehört rechtens zu der einzigen Kirche Christi. Auch zahlreiche liturgische Handlungen der christlichen Religion werden bei den von uns getrennten Brüdern vollzogen, die auf verschiedene Weise je nach der verschiedenen Verfasstheit einer jeden Kirche und Gemeinschaft ohne Zweifel tatsächlich das Leben der Gnade zeugen können und als ge- eignete Mittel für den Zutritt zur Gemeinschaft des Heiles angesehen werden müssen. Ebenso sind diese getrenn- ten Kirchen cf. IV. Laterankonzil (1215), Constitutio IV: Mansi 22,990; II. Konzil v. Lyon (1274), Professio Fidei Michaelis Palaeologi: Mansi 24,71 E; Konzil v. Florenz, Sessio VI (1439), Definitio Laetentur caeli: Mansi 31, 1026 E und Gemeinschaften trotz der Mängel, die ihnen nach unserem Glauben anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles. Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu ge- brauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet. Dennoch erfreuen sich die von uns getrennten Brüder, sowohl als einzelne wie auch als Gemeinschaften und Kirchen betrachtet, nicht jener Einheit, die Jesus Christus all denen schenken wollte, die er zu einem Leibe und zur Neuheit des Lebens  wieder  geboren und lebendig gemacht hat, jener Einheit, die die Heilige Schrift und die verehrungswürdige Tradition der Kirche bekennt. Denn nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben. Denn einzig dem Apostelkollegium, an dessen Spitze Petrus steht, hat der Herr, so glauben wir, alle Güter des Neuen Bundes anvertraut,  um den einen Leib Christi auf Erden zu konstituieren, welchem alle völlig eingegliedert werden müssen, die schon auf irgendeine Weise zum Volke Gottes gehören. Dieses Volk Gottes bleibt zwar während seiner irdischen Pilgerschaft in seinen Gliedern der Sünde ausgesetzt, aber es wächst in Christus und wird von Gott nach seinem geheimnisvollen Ratschluss sanft geleitet, bis es zur ganzen Fülle der ewigen Herrlichkeit im himmlischen Jerusalem freudig gelangt.
 4. Unter dem Wehen der Gnade des Heiligen Geistes gibt es heute in vielen Ländern auf Erden Bestrebungen, durch Gebet, Wort und Werk zu jener Fülle der Einheit zu gelangen, die Jesus Christus will. Daher mahnt dieses Heilige Konzil alle katholischen Gläubigen, dass sie, die Zeichen der Zeit erkennend,  mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilnehmen. Unter der “Ökumenischen Bewegung”  versteht man Tätigkeiten und Unternehmungen, die je nach den verschiedenartigen Bedürfnissen der Kirche und nach Möglichkeit der Zeitverhältnisse zur Förderung der Einheit der  Christen ins Leben gerufen und auf dieses Ziel ausgerichtet sind. Dazu gehört: Zunächst alles Bemühen zur Ausmerzung aller Worte, Urteile und Taten, die der Lage der getrennten Brüder nach Gerechtigkeit und Wahrheit nicht entsprechen und dadurch die gegenseitigen Beziehungen mit ihnen erschweren; ferner der “Dialog”, der bei Zusammenkünften der Christen aus verschiedenen Kirchen oder Gemeinschaften, die vom Geist der Frömmigkeit bestimmt sind, von wohlunterrichteten Sachverständigen geführt wird, wobei ein jeder die Lehre seiner Gemeinschaft tiefer und genauer erklärt, so dass das Charakteristische daran deutlich hervortritt. Durch diesen Dialog erwerben alle eine bessere Kenntnis der Lehre und des Lebens jeder von beiden Gemeinschaften und eine gerechtere Würdigung derselben. Von hier aus gelangen diese Gemeinschaften auch zu einer stärkeren Zusammenarbeit in den Aufgaben des Gemeinwohls, die jedes christliche Gewissen fordert, und sie kommen, wo es erlaubt ist, zum gemeinsamen Gebet zusammen. Schließlich prüfen hierbei alle ihre Treue gegenüber dem Willen Christi hinsichtlich der Kirche und gehen tatkräftig ans Werk der notwendigen Erneuerung und Reform. Wenn dies alles von den Gläubigen der katholischen Kirche unter der Aufsicht ihrer Hirten mit Klugheit und Geduld vollzogen wird, trägt es zur Verwirklichung der Gerechtigkeit und Wahrheit, Eintracht und Zusammenarbeit, der brüderlichen Liebe und Einheit bei, so dass dadurch allmählich die Hindernisse, die sich der völligen kirchlichen Gemeinschaft entgegenstellen, überwunden und alle Christen zur selben Eucharistiefeier, zur Einheit der einen und einzigen Kirche versammelt werden, die Christus seiner Kirche von Anfang an geschenkt hat, eine Einheit, die nach unserem Glauben unverlierbar in der katholischen Kirche besteht, und die, wie wir hoffen, immer mehr wachsen wird bis zur Vollendung der Zeiten. Es ist klar, dass die Vorbereitung und die Wiederaufnahme solcher Einzelner, die die volle katholische Gemeinschaft wünschen, ihrer Natur nach etwas von dem ökumenischen Werk Verschiedenes ist; es besteht jedoch kein Gegensatz zwischen ihnen, da beides aus dem wunderbaren Ratschluss Gottes hervorgeht. Ohne Zweifel müssen die katholischen Gläubigen bei ihrer ökumenischen Aktion um die getrennten Christen besorgt sein, indem sie für sie beten, sich über kirchliche Angelegenheiten mit ihnen austau- schen, den ersten Schritt zu ihnen tun. Aber in erster Linie sollen sie doch ehrlich und eifrig ihr Nachdenken darauf richten, was in der eigenen katholischen Familie zu erneuern und was zu tun ist, damit ihr Leben mit mehr Treue und Klarheit für die Lehre und die Einrichtungen Zeugnis gebe, die ihnen von Christus her durch die Apostel überkommen sind. Obgleich nämlich die katholische Kirche mit dem ganzen Reichtum der von Gott geoffenbarten Wahrheit und der Gnadenmittel beschenkt ist, ist es doch Tatsache, dass ihre Glieder nicht mit der entsprechenden Glut daraus leben, so dass das Antlitz der Kirche den von uns getrennten Brüdern und der ganzen Welt nicht recht aufleuchtet und das Wachstum des Reiches Gottes verzögert wird. Deshalb müssen alle Katholiken zur christlichen Vollkommenheit streben cf. Jak 1,4; Röm 12,1-2 und, ihrer jeweiligen Stellung entsprechend, bemüht sein, dass die Kirche, die die Niedrigkeit und das Todesleiden Christi an ihrem Leibe trägt cf. 2 Kor 4,10; Phil 2,5-8, von Tag zu Tag geläutert und erneuert werde, bis Christus sie sich dereinst glorreich darstellt, ohne Makel und Runzeln cf. Eph 5,27. Alle in der Kirche sollen unter Wahrung der Einheit im Notwendigen je nach der Aufgabe eines jeden in den verschiedenen Formen des geistlichen Lebens und der äußeren Lebensgestaltung, in der Verschiedenheit der liturgischen Riten sowie der theologischen Ausarbeitung der Offenbarungswahrheit die gebührende Freiheit walten lassen, in allem aber die Liebe üben. Auf diese Weise werden sie die wahre Katholizität und Apostolizität der Kirche immer vollständiger zum Ausdruck bringen. Auf der anderen Seite ist es notwendig, dass die Katholiken die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe mit Freude anerkennen und hoch- schätzen, die sich bei den von uns getrennten Brüdern finden. Es ist billig und heilsam, die Reichtümer Christi und das Wirken der Geisteskräfte im Leben der anderen anzuerkennen, die für Christus Zeugnis geben, manchmal bis zur Hingabe des Lebens: Denn Gott ist immer wunderbar und bewunderungswürdig in seinen Werken. Man darf auch nicht übergehen, dass alles, was von der Gnade des Heiligen Geistes in den Herzen der getrennten Bruder gewirkt wird, auch zu unserer eigenen Auferbauung beitragen kann. Denn was wahrhaft christlich ist, steht nie- mals im Gegensatz zu den echten Gütern des Glaubens, sondern kann immer dazu helfen, dass das Geheimnis Christi und der Kirche vollkommener erfasst werde. Aber gerade die Spaltungen der Christen sind für die Kirche ein Hindernis, dass sie die ihr eigene Fülle der Katholizität in jenen Söhnen wirksam werden lässt, die ihr zwar durch die Taufe zugehören, aber von ihrer völligen Gemeinschaft getrennt sind. Ja, es wird dadurch auch für die Kirche selber schwieriger, die Fülle der Katholizität unter jedem Aspekt in der Wirklichkeit des Lebens auszuprägen. Mit Freude bemerkt das Heilige Konzil, dass die Teilnahme der katholischen Gläubigen am ökumenischen Werk von Tag zu Tag wächst, und empfiehlt sie den Bischöfen auf dem ganzen Erdkreis, dass sie von ihnen eifrig gefördert und mit Klugheit geleitet werde.

ZWEITES KAPITEL:
DIE PRAKTISCHE VERWIRKLICHUNG DES ÖKUMENISMUS

  5. Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht einen jeden an, je nach seiner Fähigkeit, sowohl in seinem täglichen christlichen Leben wie auch bei theologischen und historischen Untersuchungen. Diese Sorge macht schon einigermaßen deutlich, dass eine brüderliche Verbindung zwischen allen Christen schon vorhanden ist; sie ist es, die schließlich nach dem gnädigen Willen Gottes zur vollen und vollkommenen Einheit hinführt.
   6. Jede Erneuerung der Kirche cf. V.Laterankonzil, Sessio XII (1517), Constitutio Constituti: Mansi 32,988 B-C besteht wesentlich im Wachstum der Treue gegenüber ihrer eigenen Berufung, und so ist ohne Zweifel hierin der Sinn der Bewegung in Richtung auf die Einheit zu sehen. Die Kirche wird auf dem Wege ihrer Pilgerschaft von Christus zu dieser dauernden Reform gerufen, deren sie allzeit bedarf, soweit sie menschliche und irdische Einrichtung ist; was also etwa je nach den Umständen und Zeitverhältnissen im sittlichen Leben, in der Kirchenzucht oder auch in der Art der Lehrverkündigung - die von dem Glaubensschatz selbst genau unterschieden werden muss - nicht genau genug bewahrt worden ist, muss deshalb zu gegebener Zeit sachgerecht und pflichtgemäß erneuert werden. Dieser  Erneuerung kommt also eine besondere ökumenische Bedeutung zu. Und so sind die verschiedenen Lebensäußerungen der Kirche, in denen diese Erneuerung sich schon verwirklicht wie etwa die biblische und die liturgische Bewegung, die Predigt des Wortes Gottes und die Katechese, das Laienapostolat, neue Formen des gottgeweihten Lebens, die Spiritualität der Ehe, die Lehre und Wirksamkeit der Kirche im sozialen Bereich - als Unterpfand und als gute Vorbedeutung zu sehen, die den künftigen Fortschritt des Ökumenismus schon verheißungsvoll ankündigen.
   7. Es gibt keinen echten Ökumenismus ohne innere Bekehrung. Denn aus dem Neuwerden des Geistes cf. Eph 4, 23, aus der Selbstverleugnung und aus dem freien Strömen der Liebe erwächst und reift das Verlangen nach der Einheit. Deshalb müssen wir vom göttlichen Geiste die Gnade aufrichtiger Selbstverleugnung, der Demut und des geduldigen Dienstes sowie der brüderlichen Herzensgüte zueinander erflehen. Der Völkerapostel sagt: “So ermahne ich euch denn, ich der Gefangene im Herrn, wandelt würdig der Berufung, zu der ihr berufen seid, mit aller Demut und Sanftmut, ertraget einander geduldig in Liebe; bestrebt euch, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens” Eph 4,1-3. Diese Mahnung gilt besonders denen, die die heiligen Weihen empfangen haben, damit die Sendung Christi, der zu uns kam, “nicht um bedient zu werden, sondern um zu dienen” Mt 20,28, ihre Fortsetzung finde. Auch von den Sünden gegen die Einheit gilt das Zeugnis des Heiligen Johannes: “Wenn wir sagen, wir hätten nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns” 1 Jo 1,10. In Demut bitten wir also Gott und die getrennten Brüder um Verzeihung, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben. Alle Christgläubigen sollen sich bewusst sein, dass sie die Einheit der Christen um so besser fördern, ja sogar einüben, je mehr sie nach einem reinen Leben gemäß dem Evangelium streben. Je inniger die Gemeinschaft ist, die sie mit dem Vater, dem Wort und dem Geist vereint, um so inniger und leichter werden sie imstande sein, die gegenseitige Brüderlichkeit zu vertiefen.
    8. Diese Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit der Christen als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen; sie kann mit Recht geistlicher Ökumenismus genannt werden. Es ist unter Katholiken schon üblich geworden, dass sie häufig zu diesem Gebet für die Einheit der Kirche zusammenkommen, die der Heiland selbst am Vorabend seines Todes vom Vater inständig erfleht hat: “Dass alle eins seien” Jo 17,21. Bei besonderen Anlässen, zum Beispiel bei Gebeten, die “für die Einheit” verrichtet werden, und bei ökumenischen Versammlungen, ist es erlaubt und auch erwünscht, dass sich die Katholiken mit den getrennten Brüdern im Gebet zusammenfinden. Solche gemeinsamen Gebete sind ein höchst wirksames Mittel, um die Gnade der Einheit zu erflehen, und ein echter Ausdruck der Gemeinsamkeit, in der die Katholiken mit den getrennten Brüdern immer noch verbunden sind: “Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen” Mt 18,20. Man darf jedoch die Gemein- schaft beim Gottesdienst communicatio in sacris nicht als ein allgemein und ohne Unterscheidung gültiges Mittel zur Wiederherstellung der Einheit der Christen ansehen. Hier sind hauptsächlich zwei Prinzipien maßgebend: die Bezeugung der Einheit der Kirche und die Teilnahme an den Mitteln der Gnade. Die Bezeugung der Einheit verbietet  in den meisten Fällen die Gottesdienstgemeinschaft, die Sorge um die Gnade empfiehlt sie indessen in manchen Fällen. Wie man sich hier konkret zu verhalten hat, soll unter Berücksichtigung aller Umstände der Zeit, des Ortes und der Personen die örtliche bischöfliche Autorität in klugem Ermessen entscheiden, soweit nicht etwas anderes von der Bischofskonferenz nach Maßgabe ihrer eigenen Statuten oder vom Heiligen Stuhl bestimmt ist.
  9. Man muss den Geist und die Sinnesart der getrennten Brüder kennen. Dazu bedarf es notwendig des Studiums, das der Wahrheit gemäß und in wohlwollender Gesinnung durchzuführen ist. Katholiken, die dazu gebührend gerüstet sind, sollen sich eine bessere Kenntnis der Lehre und der Geschichte, des geistlichen und liturgischen Lebens, der religiösen Psychologie und Kultur,  die den Brüdern eigen ist, erwerben. Dazu sind gemeinsame Zusammenkünfte, besonders zur Behandlung theologischer Fragen, sehr dienlich, bei denen ein jeder mit dem anderen auf der Ebene der Gleichheit spricht “par cum pari agat”, vorausgesetzt, dass die, die unter der Aufsicht ihrer Oberen daran teilnehmen, wirklich sachverständig sind. Aus einem solchen Dialog kann auch klarer zutage treten, was die wirkliche Situation der katholischen Kirche ist. Auf diesem Wege wird auch die Denkweise der getrennten Brüder besser erkannt und ihnen unser Glaube in geeigneterer Weise auseinandergesetzt.  
  10. Die Unterweisung in der heiligen Theologie und in anderen, besonders den historischen Fächern muss auch unter ökumenischem Gesichtspunkt geschehen, damit sie um so genauer der Wahrheit und Wirklichkeit entspricht. Denn es liegt viel daran, dass die zukünftigen Hirten und Priester über eine Theologie verfügen, die ganz in diesem Sinne und nicht polemisch erarbeitet wurde, besonders bei jenen Gegenständen, die die Beziehungen der getrennten Brüder zur katholischen Kirche betreffen. Von der Ausbildung der Priester hängt ja die notwendige Unterweisung und geistliche Bildung der Gläubigen und der Ordensleute ganz besonders ab. Auch die Katholiken, die in denselben Ländern wie andere Christen im Dienst der Mission stehen, müssen gerade heute erkennen, welche Fragen sich hier ergeben und welche Früchte für ihr Apostolat der Ökumenismus heranreifen lässt.
   11. Die Art und Weise der Formulierung des katholischen Glaubens darf keinerlei Hindernis bilden für den Dialog mit den Brüdern. Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird. Zugleich muss aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann. Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen. Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder “Hierarchie” der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens. So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden cf. Eph 3,8.
   12. Vor der ganzen Welt sollen alle Christen ihren Glauben an den einen, dreifaltigen Gott, an den mensch- gewordenen Sohn Gottes, unsern Erlöser und Herrn, bekennen und in gemeinsamem Bemühen in gegenseitiger Achtung Zeugnis geben für unsere Hoffnung, die nicht zuschanden wird. Da in heutiger Zeit die Zusammenarbeit im sozialen Bereich sehr weit verbreitet ist, sind alle Menschen ohne Ausnahme zu gemeinsamem Dienst gerufen, erst recht diejenigen, die an Gott glauben, am meisten aber alle Christen, die ja mit dem Namen Christi aus- gezeichnet sind. Durch die Zusammenarbeit der Christen kommt die Verbundenheit, in der sie schon untereinander vereinigt sind, lebendig zum Ausdruck, und das Antlitz Christi, des Gottesknechtes, tritt in hellerem Licht zutage. Diese Zusammenarbeit, die bei vielen Völkern schon besteht, muss mehr und mehr vervollkommnet werden, besonders in jenen Ländern,  wo die soziale und technische Entwicklung erst im Werden ist. Das gilt sowohl für die Aufgabe, der menschlichen Person zu ihrer wahren Würde zu verhelfen, für die Förderung des Friedens, für die Anwendung des Evangeliums auf die sozialen Fragen, für die Pflege von Wissenschaft und Kunst aus christlichem Geiste, wie auch für die Bereitstellung von Heilmitteln aller Art gegen die Nöte unserer Zeit, wie gegen Hunger und Katastrophen, gegen den Analphabetismus und die Armut, gegen die Wohnungsnot und die ungerechte Verteilung der Güter. Bei dieser Zusammenarbeit können alle, die an Christus glauben, unschwer lernen, wie sie einander besser kennen und höher achten können und wie der Weg zur Einheit der Christen bereitet wird.

DRITTES KAPITEL: DIE VOM RÖMISCHEN APOSTOLISCHEN STUHL
GETRENNTEN KIRCHEN UND KIRCHLICHEN GEMEINSCHAFTEN

   13. Zwei besondere Kategorien von Spaltungen, durch die der nahtlose Leibrock Christi getroffen wurde, wollen wir nun näher ins Auge fassen. Die erste dieser Spaltungen geschah im Orient, und zwar entweder aufgrund einer dogmatischen Bestreitung von Glaubensformeln der Konzilien von Ephesus  und Chalkedon oder, in späterer Zeit, durch die Aufhebung der kirchlichen Gemeinschaft zwischen den Patriarchaten des Orients und dem Römischen Stuhl. Andere Spaltungen entstanden sodann mehr als vier Jahrhunderte später im Abendland aufgrund von Ereignissen, die man die Reformation nennt. Seither sind mehrere nationale oder konfessionelle Gemeinschaften vom Römischen Stuhl getrennt. Unter denjenigen von ihnen, bei denen katholische Traditionen und Strukturen zum Teil fortbestehen, nimmt die Anglikanische Gemeinschaft einen besonderen Platz ein. Indessen sind diese einzelnen Trennungen untereinander sehr verschieden, nicht allein bedingt durch ihre Entstehung und durch die Umstände von Ort und Zeit, sondern vor allem nach Art und Bedeutsamkeit der Probleme, die sich auf den Glauben und die kirchliche Struktur beziehen. Deshalb hat das Heilige Konzil, das weder die andersartige Situation der verschiedenen Gemeinschaften der Christen gering achtet noch die trotz der Spaltung unter ihnen bestehenden Bande übergehen will, beschlossen, folgende Erwägungen zur Verwirk- lichung einer besonnenen ökumenischen Arbeit vorzulegen.
I. Die besondere Betrachtung der orientalischen Kirchen
  
14. Die Kirchen des Orients und des Abendlandes sind Jahrhunderte hindurch je ihren besonderen Weg gegangen, jedoch miteinander verbunden in brüderlicher Gemeinschaft des Glaubens und des sakramentalen Lebens, wobei dem Römischen Stuhl mit allgemeiner Zustimmung eine Führungsrolle zukam, wenn Streitigkeiten über Glaube oder Disziplin unter ihnen entstanden. Mit Freude möchte die Heilige Synode neben anderen sehr bedeutsamen Dingen allen die Tatsache in Erinnerung rufen, dass im Orient viele Teilkirchen oder Ortskirchen bestehen, unter denen die Patriarchalkirchen den ersten Rang einnehmen und von denen nicht wenige sich ihres apostolischen Ursprungs rühmen. Deshalb steht bei den Orientalen bis auf den heutigen Tag der Eifer und die Sorge im Vordergrund, jene brüderlichen Bande der Gemeinschaft im Glauben und in der Liebe zu bewahren, die zwischen Lokalkirchen als Schwesterkirchen bestehen müssen. Es darf ebenfalls nicht unerwähnt bleiben, dass die Kirchen des Orients von Anfang an einen Schatz besitzen, aus dem die Kirche des Abendlandes in den Dingen der Liturgie, in ihrer geistlichen Tradition und in der rechtlichen Ordnung vielfach geschöpft hat. Auch das darf in seiner Bedeu- tung nicht unterschätzt werden, dass die Grunddogmen des christlichen Glaubens von der Dreifaltigkeit und von dem Wort Gottes, das aus der Jungfrau Maria Fleisch angenommen hat, auf ökumenischen Konzilien definiert wor- den sind, die im Orient stattgefunden haben. Jene Kirchen haben für die Bewahrung dieses Glaubens viel gelitten und leiden noch heute. Das von den Aposteln überkommene Erbe aber ist in verschiedenen Formen und auf ver- schiedene Weise übernommen, und daher schon von Anfang an in der Kirche hier und dort verschieden ausgelegt worden, wobei auch die Verschiedenheit der Mentalität und der Lebensverhältnisse eine Rolle spielten. Dies alles hat, neben äußeren Gründen, auch infolge des Mangels an Verständnis und Liebe füreinander zu der Trennung Anlass geboten. Deshalb ermahnt das Heilige Konzil alle, besonders diejenigen, die sich um die so erwünschte Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zwischen den orientalischen Kirchen und der katholischen Kirche be- mühen wollen, dass sie diese besonderen Umstände der Entstehung und des Wachstums der Kirchen des Orients sowie die Art der vor der Trennung zwischen ihnen und dem Römischen Stuhl bestehenden Beziehungen gebüh- rend berücksichtigen und sich über dies alles ein rechtes Urteil bilden. Die genaue Beachtung dieser Frage wird zu dem beabsichtigten Dialog im höchsten Maße beitragen.
  15. Es ist allgemein bekannt, mit welcher Liebe die orientalischen Christen die liturgischen Feiern begehen, be- sonders die Eucharistiefeier, die Quelle des Lebens der Kirche und das Unterpfand der kommenden Herrlichkeit, bei der die Gläubigen, mit ihrem Bischof geeint, Zutritt zu Gott dem Vater haben durch den Sohn, das fleischge- wordene Wort, der gelitten hat und verherrlicht wurde, in der Ausgießung des Heiligen Geistes, und so die Ge- meinschaft mit der allerheiligsten Dreifaltigkeit erlangen, indem sie “der göttlichen Natur teilhaftig” 2 Petr 1,4 ge- worden sind. So baut sich auf und wächst cf. Johannes Chrysostomus, In Ioannem Homelia XLVI: PG 59,260-262 durch die Feier der Eucharistie des Herrn in diesen Einzelkirchen die Kirche Gottes, und durch die Konzelebration wird ihre Gemeinschaft offenbar. Bei diesem liturgischen Kult preisen die Orientalen mit herrlichen Hymnen Maria, die allzeit Jungfräuliche, die das Ökumenische Konzil von Ephesus feierlich als heilige Gottesgebärerin verkündet hat, damit dadurch wahrhaft und eigentlich Christus als Gottes- und Menschensohn gemäß der Schrift anerkannt werde. Ebenso verehren sie viele Heilige, unter ihnen Väter der gesamten Kirche. Da nun diese Kirchen trotz ihrer Trennung wahre Sakramente besitzen, vor allem aber in der Kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die Eucharistie, wodurch sie in ganz enger Verwandtschaft bis heute mit uns verbunden sind, so ist eine gewisse Gottesdienstgemeinschaft unter gegebenen geeigneten Umständen mit Billigung der kirchlichen Autorität nicht nur möglich, sondern auch ratsam. Im Orient finden sich auch die Reichtümer jener geistlichen Traditionen, die besonders im Mönchtum ihre Ausprägung gefunden haben. Denn seit den glorreichen Zeiten der heiligen Väter blühte dort jene monastische Spiritualität, die sich von dorther auch in den Gegenden des Abendlandes ausbrei- tete und aus der das Ordenswesen der Lateiner als aus seiner Quelle seinen Ursprung nahm und immer wieder neue Kraft erhielt. Deshalb wird mit Nachdruck empfohlen, dass die Katholiken sich mehr mit diesen geistlichen Reichtümern der orientalischen Väter vertraut machen, die den Menschen in seiner Ganzheit zur Betrachtung der göttlichen Dinge emporführen. Alle sollen um die große Bedeutung wissen, die der Kenntnis, Verehrung, Erhaltung und Pflege des überreichen liturgischen und geistlichen Erbes der Orientalen zukommt, damit die Fülle der christ- lichen Tradition in Treue gewahrt und die völlige Wiederversöhnung der orientalischen und der abendländischen Christen herbeigeführt werde.
   16. Schon von den ältesten Zeiten her hatten die Kirchen des Orients ihre eigenen Kirchenordnungen, die von den heiligen Vätern und Synoden, auch von ökumenischen, sanktioniert worden sind. Da nun eine gewisse Ver- schiedenheit der Sitten und Gebräuche, wie sie oben erwähnt wurde,  nicht im geringsten der Einheit der Kirche entgegensteht, sondern vielmehr ihre Zierde und Schönheit vermehrt und zur Erfüllung ihrer Sendung nicht wenig beiträgt, so erklärt das Heilige Konzil feierlich, um jeden Zweifel auszuschließen, dass die Kirchen des Orients, im Bewusstsein der notwendigen Einheit der ganzen Kirche, die Fähigkeit haben, sich nach ihren eigenen Ordnungen zu regieren, wie sie der Geistesart ihrer Gläubigen am meisten entsprechen und dem Heil der Seelen am besten dienlich sind. Die vollkommene Beobachtung dieses Prinzips, das in der Tradition vorhanden, aber nicht immer be- achtet worden ist, gehört zu den Dingen, die zur Wiederherstellung der Einheit als notwendige Vorbedingung durchaus erforderlich sind.
  17. Was oben von der legitimen Verschiedenheit gesagt wurde, dasselbe soll nun auch von der verschiedenen Art der theologischen Lehrverkündigung gesagt werden. Denn auch bei der Erklärung der Offenbarungswahrheit sind im Orient und im Abendland verschiedene Methoden und Arten des Vorgehens zur Erkenntnis und zum Be- kenntnis der göttlichen Dinge angewendet worden. Daher darf es nicht wundernehmen, dass von der einen und von der anderen Seite bestimmte Aspekte des offenbarten Mysteriums manchmal besser verstanden und deut- licher ins Licht gestellt wurden, und zwar so, dass man bei jenen verschiedenartigen theologischen Formeln oft mehr von einer gegenseitigen Ergänzung als von einer Gegensätzlichkeit sprechen muss. Gerade gegenüber den authentischen theologischen Traditionen der Orientalen muss anerkannt werden,  dass sie in ganz besonderer Weise in der Heiligen Schrift verwurzelt sind, dass sie durch das liturgische Leben gefördert und zur Darstellung gebracht werden, dass sie genährt sind von der lebendigen apostolischen Tradition und von den Schriften der Väter und geistlichen Schriftsteller des Orients und dass sie zur rechten Gestaltung des Lebens, überhaupt zur vollständigen Betrachtung der christlichen Wahrheit hinführen. Dieses Heilige Konzil erklärt, dass dies ganze geistliche und liturgische, disziplinäre und theologische Erbe mit seinen verschiedenen Traditionen zur vollen Katholizität und Apostolizität der Kirche gehört; und sie sagt Gott dafür Dank, dass viele orientalische Söhne der katholischen Kirche, die dieses Erbe bewahren und den Wunsch haben, es reiner und vollständiger zu leben, schon jetzt mit den Brüdern, die die abendländische Tradition pflegen, in voller Gemeinschaft leben.
   18. Im Hinblick auf all dies erneuert das Heilige Konzil feierlich, was in der Vergangenheit von Heiligen Konzilien und von römischen Päpsten erklärt wurde, dass es nämlich zur Wiederherstellung oder Erhaltung der Gemein- schaft und Einheit notwendig sei, “keine Lasten aufzuerlegen, die über das Notwendige hinausgehen”Apg 15,28. Es spricht den dringenden Wunsch aus, dass von nun an alle ihr Bestreben darauf richten, diese Einheit  allmählich zu erlangen in den verschiedenen Einrichtungen und Lebensformen der Kirche, besonders durch das Gebet und den brüderlichen Dialog über die Lehre und über die drängenden Notwendigkeiten der Seelsorgsaufgaben in unserer Zeit. In gleicher Weise empfiehlt das Heilige Konzil den Hirten und den Gläubigen der katholischen Kirche eine enge Verbundenheit mit denen, die nicht mehr im Orient, sondern fern von ihrer Heimat leben, damit die brü- derliche Zusammenarbeit mit ihnen im Geist der Liebe und unter Ausschluss jeglichen Geistes streitsüchtiger Eifersucht wachse. Wenn dieses Werk mit ganzer Seele in Angriff genommen wird, so hofft das Heilige Konzil, dass die Wand,  die die abendländische und die orientalische Kirche trennt, einmal hinweggenommen werde und schließlich nur eine einzige Wohnung sei, deren fester Eckstein Jesus Christus ist, der aus beidem eines machen wird cf.. Konzil von Florenz, Sessio VI (1439), Definitio Laetentur caeli: Mansi 31,1026 E.
II. Die getrennten Kirchen und Kirchlichen Gemeinschaften im Abendland
    9. Die Kirchen und Kirchlichen Gemeinschaften, die in der schweren Krise, die im Abendland schon vom Ende des Mittelalters ihren Ausgang genommen hat, oder auch in späterer Zeit vom Römischen Apostolischen Stuhl getrennt wurden, sind mit der katholischen Kirche durch das Band besonderer Verwandtschaft verbunden, da ja das christli- che Volk in den Jahrhunderten der Vergangenheit so lange Zeit sein Leben in kirchlicher Gemeinschaft geführt hat. Da jedoch diese Kirchen und Kirchlichen Gemeinschaften wegen ihrer Verschiedenheit nach Ursprung, Lehre und geistlichem Leben nicht nur uns gegenüber, sondern auch untereinander nicht wenige Unterschiede aufweisen, so wäre es eine überaus schwierige Aufgabe, sie recht zu beschreiben, was wir hier zu unternehmen nicht beabsich- tigen. Obgleich die ökumenische Bewegung und der Wunsch nach Frieden mit der katholischen Kirche sich noch nicht überall durchgesetzt hat, so hegen wir doch die Hoffnung, dass bei allen ökumenischer Sinn und gegen- seitige Achtung allmählich wachsen. Dabei muss jedoch anerkannt werden, dass es zwischen diesen Kirchen und Gemeinschaften und der katholischen Kirche Unterschiede von großem Gewicht gibt, nicht nur in historischer, so- ziologischer, psychologischer und kultureller Beziehung, sondern vor allem in der Interpretation der offenbarten Wahrheit. Damit jedoch trotz dieser Unterschiede der ökumenische Dialog erleichtert werde, wollen wir im folgen- den einige Gesichtspunkte hervorheben, die das Fundament und ein Anstoß zu diesem Dialog sein können und sollen.
   20. Unser Geist wendet sich zuerst den Christen zu, die Jesus Christus als Gott und Herrn und einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen offen bekennen zur Ehre des einen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir wissen zwar, dass nicht geringe Unterschiede gegenüber der Lehre der katholischen Kirche bestehen, insbesondere über Christus als das fleischgewordene Wort Gottes und über das Werk der Erlösung, sodann über das Geheimnis und den Dienst der Kirche und über die Aufgabe Mariens im Heilswerk. Dennoch freuen wir uns, wenn wir sehen, wie die getrennten Brüder zu Christus als Quelle und Mittelpunkt der kirchlichen Gemeinschaft streben. Aus dem Wunsch zur Vereinigung mit Christus werden sie notwendig dazu geführt, die Einheit mehr und mehr zu suchen und für ihren Glauben überall vor allen Völkern Zeugnis zu geben.
    21. Die Liebe und Hochschätzung, ja fast kultische Verehrung der Heiligen Schrift führen unsere Brüder zu einem unablässigen und beharrlichen Studium dieses heiligen Buches: Das Evangelium ist ja “eine Kraft Gottes zum Heile für jeden, der glaubt, für den Juden zuerst, aber auch für den Griechen” Röm 1,16. Unter Anrufung des Heiligen Geistes suchen sie in der Heiligen Schrift Gott, wie er zu ihnen spricht in Christus, der von den Propheten vorher verkündigt wurde und der das für uns fleischgewordene Wort Gottes ist. In der Heiligen Schrift betrachten sie das Leben Christi und was der göttliche Meister zum Heil der Menschen gelehrt und getan hat, insbesondere die Geheimnisse seines Todes und seiner Auferstehung. Während die von uns getrennten Christen die göttliche Autorität der Heiligen Schrift bejahen, haben sie jedoch, jeder wieder auf andere Art, eine von uns verschiedene Auffassung von dem Verhältnis zwischen der Schrift und der Kirche, wobei nach dem katholischen Glauben das authentische Lehramt bei der Erklärung und Verkündigung des geschriebenen Wortes Gottes einen besonderen Platz einnimmt. Nichtsdestoweniger ist die Heilige Schrift gerade beim Dialog ein ausgezeichnetes Werkzeug in der mächtigen Hand Gottes, um jene Einheit zu erreichen, die der Erlöser allen Menschen anbietet.
    22. Der Mensch wird durch das Sakrament der Taufe, wenn es gemäß der Einsetzung des Herrn recht gespendet und in der gebührenden Geistesverfassung empfangen wird, in Wahrheit dem gekreuzigten und verherrlichten Christus eingegliedert und wieder geboren zur Teilhabe am göttlichen Leben nach jenem Wort des Apostels: “Ihr seid in der Taufe mit ihm begraben, in ihm auch auferstanden durch den Glauben an das Wirken Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat”  Kol 2,12; cf. Röm 6,4. Die Taufe begründet also ein sakramentales Band der Einheit zwischen allen, die durch sie wieder geboren sind. Dennoch ist die Taufe nur ein Anfang und Ausgangspunkt, da sie ihrem ganzen Wesen nach hinzielt auf die Erlangung der Fülle des Lebens in Christus. Daher ist die Taufe hingeordnet auf das vollständige Bekenntnis des Glaubens, auf die völlige Eingliederung in die Heilsveranstaltung, wie Christus sie gewollt hat, schließlich auf die vollständige Einfügung in die eucharistische Gemeinschaft. Obgleich bei den von uns getrennten Kirchlichen Gemeinschaften die aus der Taufe hervorgehende volle Einheit mit uns fehlt und obgleich sie nach unserem Glauben vor allem wegen des Fehlens des Weihesakramentes die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit (substantia) des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, bekennen sie doch bei der Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung des Herrn im Heiligen Abendmahl, dass hier die lebendige Gemeinschaft mit Christus bezeichnet werde, und sie erwarten seine glorreiche Wiederkunft. Deshalb sind die Lehre vom Abendmahl des Herrn, von den übrigen Sakramenten, von der Liturgie und von den Dienstämtern der Kirche notwendig Gegenstand des Dialogs.
    23. Das christliche Leben dieser Brüder wird genährt durch den Glauben an Christus, gefördert durch die Gnade der Taufe und das Hören des Wortes Gottes. Dies zeigt sich im privaten Gebet, in der biblischen Betrachtung, im christlichen Familienleben und im Gottesdienst der zum Lob Gottes versammelten Gemeinde. Übrigens enthält ihr Gottesdienst nicht selten deutlich hervortretende Elemente der alten gemeinsamen Liturgie. Der Christusglaube zeitigt seine Früchte in Lobpreis und Danksagung für die von Gott empfangenen Wohltaten; hinzu kommt ein lebendiges Gerechtigkeitsgefühl und eine aufrichtige Nächstenliebe. Dieser werktätige Glaube hat auch viele Einrichtungen zur Behebung der geistlichen und leiblichen Not, zur Förderung der Jugenderziehung, zur Schaffung menschenwürdiger Verhältnisse im sozialen Leben und zur allgemeinen Festigung des Friedens hervorgebracht. Wenn auch viele Christen das Evangelium auf dem Gebiet der Moral weder stets in der gleichen Weise auslegen wie die Katholiken noch in den sehr schwierigen Fragen der heutigen Gesellschaft zu denselben Lösungen wie sie gelangen, so wollen sie doch ebenso wie wir an dem Worte Christi als der Quelle christlicher Tugend festhalten und dem Gebot des Apostels folgen, der da sagt: “Alles, was immer ihr tut in Wort oder Werk, tut alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus, und danket durch ihn Gott dem Vater” Kol 3,17. Von da her kann der ökumenische Dialog über die Anwendung des Evangeliums auf dem Bereich der Sittlichkeit seinen Ausgang nehmen.
    24. Nach dieser kurzen Darlegung der Bedingungen für die praktische Durchführung der ökumenischen Arbeit und der Prinzipien, nach denen sie auszurichten ist, richten wir unsern Blick vertrauensvoll auf die Zukunft. Das Heilige Konzil mahnt die Gläubigen, jede Leichtfertigkeit wie auch jeden unklugen Eifer zu meiden, die dem wahren Fortschritt der Einheit nur schaden können. Ihre ökumenische Betätigung muss ganz und echt katholisch sein, das heißt in Treue zur Wahrheit, die wir von den Aposteln und den Vätern empfangen haben, und in Übereinstimmung mit dem Glauben, den die katholische Kirche immer bekannt hat, zugleich aber auch im Streben nach jener Fülle, die sein Leib nach dem Willen des Herrn im Ablauf der Zeit gewinnen soll. Das Heilige Konzil wünscht dringend, dass alles, was die Söhne der katholischen Kirche ins Werk setzen, in Verbindung mit den Unternehmungen der getrennten Brüder fortschreitet, ohne den Wegen der Vorsehung irgendein Hindernis in den Weg zu legen und ohne den künftigen Anregungen des Heiligen Geistes vorzugreifen. Darüber hinaus erklärt es seine Überzeugung, dass dieses heilige Anliegen der Wiederversöhnung aller Christen in der Einheit der einen und einzigen Kirche Christi die menschlichen Kräfte und Fähigkeiten übersteigt. Darum setzt es seine Hoffnung gänzlich auf das Gebet Christi für die Kirche auf die Liebe des Vaters zu uns und auf die Kraft des Heiligen Geistes. “Die Hoffnung aber wird nicht zuschanden: Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt ist” Röm 5,5.

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