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Engel

Sie lesen auf dieser Seite:
1.  Die Welt der Engel bei Hildegard von Bingen
2. Engel. Ausstellung im Glasgow Museum
3. Foto-Strecke: Die Engel von Rom
4. Der Bilderzyklus des Triumpfbogens der Basilika Santa Maria Maggiore, Rom
5. Auf eine Sarkophag aus dem 4. Jahrhundert tragen die Engel Bärte - und sind auch nicht hübsch
6. Die Chöre der Engel - nach Pseudo-Dyonisius Areopagita
7. Fra Angelico: Chor der Engel
8. Engel im Gewölbe von Santa Prassede
9. Seraf in der restaurierten Kuppel der Hagia Sophia
10. Sandra Boticelli: Madonne del Magnificat
11. Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, Hamburg: Engel brauchen keine Flügel
12. Marc Chagall: Abraham bewirtet die drei Engel
13. Malerei der Florentiner: Engel
14. aktuelle Bücher über die Engel
15. Die Erzengel Miachel, Gabiel und Raphael
16. Serafim, Cherubim und Satan
17. Pater Anselm Grün: Der Schutzengel
18. Schutzengel und Putten
19. Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein - die Engel
20. Die Frohe Botschaft. Zum Jesus-Kind im Stall zu Betlehem gehören immer die Engel
21. Pietro Cavallini: Verkündigung, Trastevere

  Hildegard von Bingen   buc-Engel-bennoV-x  Wer sind Engel und welche Aufgaben haben sie?

Die Welt der Engel bei Hildegard von Bingen
 » Hildegards Engel-Mystik erstmals verständlich erschlossen
 » Trend-Thema »Engel«: Hildegards Wissen neu entdeckt
 » seriös aufbereitet von Deutschlands bekanntester Hildegard-Expertin
   In diesem Buch wird ein bisher kaum bekanntes Thema aus dem Werk der heiligen Hildegard für heutige Leser verständlich aufbereitet: die Engel. Durch ihre prophetische Gabe hat Hildegard von Bingen tiefe Einblicke in die geistige Welt Gottes und die großen Zusammenhänge zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt erhalten. In diesem Buch finden Sie unter anderem Antworten auf die Fragen: Wer sind Engel und welche Aufgaben haben sie? Was sind die neun Chöre der Engel, die Hildegard in ihren Visionen gesehen hat? Wie sind Engel mit den Men- schen verbunden? Was hat es mit »verlorenen Engeln« auf sich?
Autorin: Hildegard Strickerschmidt, 106 Seiten, 20 x 22,5 cm, gebunden, durchgehend farbig illustriert,
14,95 Euro    Benno Verlag  ISBN  783746230573

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Engel-Ausstellung im Museum in Glasgow.
Foto oben: Der Engel von Edward Burne-Jones Fotos unten: Blick in die Ausstellung im Glasgow Museum

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   Das St.Mungo Museum für religiöses Leben und Kunst ist Gastgeber für die Ausstellung “Himmlische Wesen: Engel im Glaube, Geschichte und Volkskultur von Oktober 2015 bis zum 17. April 2016. Die Besucher werden ermutigt, die vielen Wege zu entdecken, wie Engel um uns herum gegenwärgtig sind und auch, wie sie gemalt wurden in frommen Bildern, in Traditionen, in der Kunst und Volkskultur. 
   Der Kurator der Ausstellung Harry Dunlop hofft, dass die Besucher ihre eigenen Interpretationen, Erfahrungen und Empfindungen mitbringen zu den Bildern der Ausstellung.  Diese Ausstellung sei das Ergebnis unterschiedlicher Gespräche mit Gläubigen und Ungläubigen.

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   Gemälde, Skulpturen, Kirchenfenstern, Fotografien und andere Objekte werden gezeigt, verbunden mit zahlreichen Gesprächen, Evnets und Filmen für Erwachsene und Familien. Viele Menschen glauben, dass Engel die Macht haben, sie zu beschützen und zu leiten auf Erden und auch nach ihrem Tod. Engel des Lichts und der Finsternis werden gezeigt als Repräsentanten von Gut und Böse. Diese Ausstellung will Engel als Beschützer, Heiler und Führer zeigen.

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   Das preisgekrönte St. Mungo Museum für religiöses Leben und Kunst ist benannt nach dem Schutzpatron von Glasgow und ist ein Ort anregender Exponate und Kunstwerke und zeigt die Bedeutung der Religion im Leben der Menschen auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten.   CH150907DannyWiser  -  www.glasgowmuseums.com

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Die Engel von Rom: aus dem Wandkalender des Osservatore Romano
   „Die Engel existieren seit der Welterschaffung und überragen alle sichtbaren Geschöpfe an Vollkommenheit, weil sie ewig sind und Gott sehr nahe stehen“, Eva-Maria Jung-Inglessis
   Eine „Begegnung mit Engeln“ hat in Rom jeder Besucher: Der Gang über die Engelsbrücke, der Blick auf die Engelsburg, wenn nicht sogar ihr Besuch, gehören zum Programm. Wir laden Sie auf einen Rundgang durch die Ewige Stadt ein und stellen Ihnen dabei die faszinierenden und geflügelten Wesen vor, die noch heute Triumphbögen und Siegessäulen schmücken oder sich auf Fresken, Mosaiken und Sarkophagen tummeln.
   Begleiten Sie uns zu den schönsten Engeln Roms und erfreuen Sie sich an zwölf meisterlich aufgenommenen großformatigen Farbbildern in brillanter Druckqualität. Wir lassen Sie hier an der Herrlichkeit dieser Geschöpfe mit opulenten, einzigartigen Bildern und literarisch wertvollen Beiträgen teilhaben. Nachfolgend zeigen wir zwölf ausgesuchte Monatsbilder dieses Wandkalenders.

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Frühchristliche Kunst: Die Engel von Rom - Dienende Geister zur Hilfe für den Menschen

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Bild oben:  Rom.  Engelsbrücke mit Blick auf die Engelsburg  

  Schon die antiken Römer kannten geflügelte Wesen, die als Genien oder Viktorien ihre Triumphbögen und Sieges- säulen schmückten oder sich als Eroten und Amoretten auf Fresken und Mosaiken tummelten. Selbst auf den Sar- kophagen und an den Wänden der Grabkammern finden sich diese geschäftigen, mal fröhlichen, mal trauernden kleinen Wesen.
   Im Unterschied zu den heidnischen Vorstellungen sind die christlichen Engel keine Götter oder Naturkräfte, sondern sie sind Geschöpfe Gottes, körperlose, personale und unsterbliche Wesen, die am Heilsplan Gottes und am ewigen Lobpreis seiner Herrlichkeit teilhaben.
   Die Heiligen Schriften des Alten und des Neuen Testaments sprechen immer wieder von Engeln als von Boten Gottes. Das lateinische Wort angelus, aus dem sich das deutsche Wort “Engel” ableitet, bedeutet “Bote” im wört- lichen Sinn. Damit ist aber nur seine Funktion ausgesagt, nicht das Wesen. Im Laufe der Geschichte erhalten die Engel die verschiedensten Wesensmerkmale und Aufgaben. Sie sind zunächst die Stimme Gottes, die Zeugen Got- tes, sie bilden die “himmlischen Heerscharen”, sie stehen als Hofstaat um den Thron Gottes, sie nehmen teil an der göttlichen Liturgie. Sie bewachen die Bundeslade, den Garten von Eden, das Himmelstor. Sie begleiten das ganze Leben Christi und der Menschen. Der Hebräerbrief 1,14 fasst die bliblische Engellehre zusammen in den Worten, sie seien “dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen”.
   Nur drei Engel werden in der Bibel mit Namen genannt: Michael (“Wer ist wie Gott?”), Gabriel (“Mann Gottes”) und Rafael (“Gott hat geheilt”). Nach nachbiblischer, jüdischer Tradition zählt auch Uriel (“Gott ist Licht”) hinzu. Alle  anderen Namen sind reine Phantasie.
   Mit den ersten schüchternen Versuchen einer christlichen Kunst entstand im dritten Jahrhundert gleichzeitig auch die Darstellung der Engel. Das vermutlich älteste Bild befindet sich in der Priscilla-Katakombe am Scheitel des Ge- wölbes eines “cubiculum”, einer Grabkammer. Es ist in grau-brauner Farbe auf den weißen Verputz der Decke ge- malt. Umrahmt von drei Kreisen sitzt eine Frau auf einem Thron oder Lehnstuhl und blicktauf einen jungen Mann, der mit ausgestreckter Hand auf sie zugeht, als wolle er ihr etwas mitteilen. Dass es sich dabei um eine christliche Darstellung handelt, geht aus dem Zusammenhang mit den anderen Fresken an der Wand hervor, die alle bibli- sche Szenen zeigen.
   Dass es um eine Verkündigung geht, deutet die Geste des Engels an. Die Verkündigungsszene ist nicht nur die älteste, sondern auch die beliebteste Darstellung der Engel in der christlichen Kunst.
   Ein ähnliches Bild finden wir auch in der Katakombe von Petrus und Marcellinus, in beiden Fällen ist der Engel ein junger Mann ohne Flügel und ohne Heiligenschein.
   So ist der Engel auf den frühchristlichen Sarkophagen dargestellt, meistens im Zusammenhang mit dem Opfer Abrahams, mit Daniel in der Löwengrube und den jungen Männern im Feuerofen. Manchmal trägt er sogar einen Bart, wie auf dem Sarkophag des 4. Jahrhunderts im Vatikanischen Museum, wo die Engel weder jung noch schön sind.
   Die frühchristlichen Engel tragen meistens eine Schriftrolle in der Hand, die sie als Boten Gottes ausweist. Später werden aus der Schriftrolle der Botenstab und noch später der Lilienzweig.
   Die ersten Engel haben also keine Flügel. In der Fachsprache heißen sie apteri, d. h. flügellos. Sie sind im Unter- schied zu den heidnischen Genien und Eroten männlich und von Kopf bis Fuß nach römischer Art mit Tunika und Pallium bekleidet. Die heidnischen Genien und Eroten, die weiblich waren, konnten somit kein Vorbild für die christ- lichen Künstler sein.
   Im 5. Jahrhundert ändert sich der Typus des Engels. Jetzt werden die Engel schöne junge Männer mit einem Band wie ein Diadem im kurzen lockigen Haar. Sie tragen leuchtend weiße Gewänder, um ihre Lichtnatur zu be- tonen. Und, um ihr feuriges Wesen zu kennzeichnen, haben sie eine rötliche Hautfarbe, denn man dachte, dass die Engel aus Licht und Feuer bestehen. Der Äther galt als fünftes Element, als himmlisches Element im Unter- schied zu den vier irdischen Elementen: Feuer, Wasser, Luft und Erde.
   Die Engel existieren seit der Welterschaffung und überragen alle sichtbaren Geschöpfe an Vollkommenheit, weil sie ewig sind und Gott sehr nahe stehen. Wie Rainer Maria Rilke in der zweiten seiner Duineser Elegien schreibt:
              ”Frühe Geglückte, ihre Verwöhnten der Schöpfung.
               Höhenzüge, morgenrötliche Grate aller Erschaffung.”
   Die Christen der ersten Stunden müssen eine besondere Liebe für die Engel gehabt haben, denn in in der römi- schen Basilika “Santa Maria Maggiore” herrscht ein solcher Überschwang an Engeln, dass man sie gar nicht alle zählen kann.

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Der Bilderzyklus des Triumph-Bogens der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom

   Die ältesten oberirdischen Mosaiken Roms in der Basilika Santa Maria Maggiore, in der über Jahrhunderte das päpstliche Weihnachtsfest gefeiert wurde, zeigen Szenen der Weihnachtsgeschichte. 
   In diesen Bildern geht es nicht um Geschichte. Im Mittelpunkt der Darstellung steht das Heilsgeschehen mit Maria und Jesus. Das Krippenbild fehlt überraschend. Dafür thront Maria auf einem antiken Herrschersessel und empfängt vom Engel die Botschaft, debattiert mit einem ägyptischen Statthalter und hört aufmerksam ihrem Sohn zu.
   Farbenprächtig auf goldenem Untergrund glänzen die Mosaiken, die zur Weihnacht die Göttlichkeit Jesu doku- mentieren. Wer den dämmrigen Raum betritt, wird fasziniert von den Bildern ergriffen, braucht allerdings evtl. ein Opernglas, um jedes Detail zu erkennen. Aber wer sieht, fühlt sich hineingezogen in eine Verkündigung der Heils- botschaft durch das Mosaik und versteht: In dem vordergründigen Bild ist das Sichtbare dargestellt, aber dahinter liegt mehr. Das Bild wird zum Schaufenster in die Ewigkeit, es dokumentiert die Wahrheit, dass dieser Gott Mensch geworden ist. 
   Der Künstler hat die Mosaiken, die in vier Register auf jeweils einer Seite aufgeteilt sind, nicht chronologisch angeordnet. Ihm ging es nicht um Geschichtsschreibung, sondern um die Botschaft, die Maria und Jesus zum Mit- telpunkt macht. Kurz nach dem Konzil von Ephesus, 431 nach Christus, gab Papst Sixtus III. den Auftrag, den Triumphbogen zu gestalten, in den Jahren darauf wurden die ersten Felder fertig. Das Kunstwerk war Dank für das, was in Ephesus zur Entscheidung kam: Maria ist nicht nur Christusgebärerin, sie ist auch Gottesgebärerin, theotókos im Griechischen.
  
Die Konzilsväter hatten mit diesem Dogma vorweggenommen, was sich 20 Jahre später in Chalcedon verschär- fen sollte, nämlich dass dieser an Weihnachten zur Welt gekommene Jesus Christus zwei Naturen hat: eine gött- liche und eine menschliche. In diese theologische Aussage stellt der Künstler Maria: Pose und Kleidung verleihen ihr kaiserliche Züge, denn sie hat den Weltenherrscher geboren.

   Allein am Triumphbogen sind es 18 Engel. In der Verkündigungsszene sehen wir nicht nur einen Engel, wie es üblich ist, sondern sechs. Vier Engel grüßen Maria, ein Engel schwebt über ihr und weist auf die Taube des Heiligen Geistes hin, und ein sechster Engel wendet sich an Josef, der hier mit im Bild ist, was ganz ungewöhnlich ist. In der folgenden Szene der Anbetung der drei Weisen aus dem Morgenland, stehen vier Engel als Thronassistenten hinter dem Thron, auf dem der Jesusknabe sitzt, allein für sich.
   Alle diese Engel sind junge, schöne Männer, die aufrecht und hoheitsvoll stehen, die rechte Hand zum Gruß erhoben, die linke im Pallium verborgen.

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   Jetzt tragen alle Engel einen Heiligenschein. Besonders beachtenswert ist die Szene in dem Mosaikzyklus über den Säulen des linken Seitenschiffs in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom Foto oben links, der das Leben Abrahams schildert. Hier erschienen drei junge Männer, von Abraham ehrfurchtsvoll begrüßt, denn er erkennt sofort, dass es Engel sind. Während die beiden äußeren Engel nur einen Heiligenschein um den Kopf haben, ist der mittlere Engel in einem mandelförmigen Heiligenschein von Kopf bis Fuß eingehüllt. Dasselbe Motiv von Marc Chagall oben rechts und Konstantinopel, 14. Jh., unten.

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   Alle Engel wurden im Alten Testament als “Gottessöhne” bezeichnet, aber die mittlere Gestalt in der “Mandorla” meint vielleicht keinen Engel, sondern den Sohn Gottes, Jesus Christus, selbst. Daher gilt dieses Bild aus dem 5. Jahrhundert als die erste und älteste Darstellung der göttlichen Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit.
Foto oben rechts: Dieselbe Szene mit Abraham und den drei Engeln von Marc Chagall
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Auf einem Sarkophag aus dem 4. Jh. tragen die Engel Bärte - und sind weder jung noch hübsch

Das Mittelalter: Wächter des Paradieses

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Foto oben: Engel beim Jüngsten Gericht  
(von Nicolò und Giovanni, 12. Jh., Tempera  auf Holz)  Vatikanische Pinakothek

   Während die Engel zunächst allein, allenfalls zu zweit oder zu dritt auftraten, werden es jetzt sieben und neun und schließlich ganze Chöre von Engeln. Das geschah unter Einfluss der Engellehre, die ein griechischer oder syri- scher Mönch im 5., spätestens im 6. Jahrhundert entwickelt hat. Er wird Pseudo-Dyonisius Areopagita genannt, denn er gab vor, er sei der Dionysius, den Paulus auf dem Areopag in Athen bekehrt habe Apg 17,34. Er be- zeichnete sich als “Freund der Engel”, für ihn waren sie “die Stimme des Schweigens Gottes”. In seiner Schrift: An seinen Mitpresbyter Timotheus über die himmlische Hierarchie stellt Dionysius, entsprechend der hierarchischen Ordnung der irdischen Welt, eine hierarchische Ordnung der himmlischen auf, von neun Engelchören gebildet, die wiederum in drei Gruppen in hierarchischer Rangordnung aufgeteilt sind. Zu den Engeln und Erzengeln des Alten Testaments und zu den fünf überirdischen Wesen, die Paulus im Neuen Testament “Mächte, Gewalten, Fürsten- tümer, Herrschaften und Thronen” nennt, fügte Dionysius noch die Cherubim und Seraphim hinzu, um zu der Zahl “neun” zu gelangen, denn die neun besteht aus dreimal drei, und drei ist nach nach der Zahlenmystik dieser Zeit die Zahl der göttlichen Vollendung, eben der Trinität. An der Spitze der Hierarchie stehen die Seraphim, Cherubim und die Throne. Sie stehen Gott am nächsten und geben sein Wort und sein Licht an den nächsten unteren Grad weiter. Jede Rangstufe empfängt und gibt zugleich wie die Schalen eine überlaufenden Brunnens, wie die Brunnen auf dem Petersplatz, die uns diese Idee des Dionysius versinnbildlichen. Die Engel stehen auf der unteren Stufe der Hierarchie, sind aber, vielleicht weil sie uns Menschen am nächsten stehen, zum Sammelbegriff der Engel geworden.
   Angeregt  durch  die  Vermutung,  die einst der heilige Augustinus ausgesprochen hat, kam in der Mystik des Mit- telalters ein zehnter Chor, nämlich der erlösten Menschen, der Seligen im Himmel. Sie galten als Ersatz für die ab- gefallenen Engel. 
  Die schönste poetische Beschreibung der Engelchöre findet sich in Dantes Göttlicher Komödie, im 28. und 31. Gesang  des Paradieses. Hier schildert Dante, wie die neun Chöre in neun konzentrischen Kreisen um den gött- lichen Lichtpunkt schwingen:
                        “Und in der Mitte sah ich wonniglich
                        vieltausend Engel ihre Flügel schwingen,
                        und keines Schwung und Glanz dem anderen glich.”
  
Ein Juwel der Kunst ist das kleine Bild von Fra Angelico Bild unten. Er soll es auf Knien gemalt haben, weil für ihn die Malerei ein Ausdruck des Gebets und der Verehrung war. Und eben weil er sozusagen wie ein Engel lebte und malte, bekam er den Beinamen Beato Angelico.

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Foto oben: Chor der Engel: Fra Angelico um 1430,  Tempora auf Holz, Vatikanische Pinakothek

 Zu Seiten der Madonna mit Kind stehen je neun Engel auf Goldgrund. Von den hinteren sind nur noch die Heiligen- scheine und eine kleine rote Flamme über den Engelköpfen zu sehen,  die an das Pfingstwunder erinnern.
  Oft stehen neun Engel stellvertretend für die neun Engelchöre. Das sehen wir, um nur das bekannteste Beispiel zu nennen, in der Apsis von “Santa Maria Maggiore”. Hier umschweben neun Engel auf jeder Seite das Weltall, als würden sie es stützen und tragen. Ihre kostbaren Gewänder und mächtigen Flügel schimmern in allen Farben des Regenbogens. In der Seitenkapelle der Kirche “Santa Prassede”, die von Paschalis I. kurz nach 800 errichtet wur- de, befinden wir uns wie im Paradies; sie wird daher auch Paradiesgarten genannt. Der ganze Raum schimmert in goldenen Mosaiken, und auf dem Wiesengrund blühen rote Paradiesrosen. Die Rosen des Paradieses sind immer rot gefärbt von dem Blut Christi und der Martyrer. An den vier Ecken stehen Granitsäulen, auf denen vier durch- sichtige gläserne Weltkugeln ruhen. Sie bedeuten die von Christus erleuchtete und verklärte Welt. Und auf jeder der vier Kugeln steht ein Engel mit hochgestreckten Armen, als wollte er die Decke darüber stützen. Die Engel halten das Himmelsgewölbe. Und sie tragen gemeinsam ein clipeus, einen Kranz im Zenit des Gewölbes, in dem das Brustbild Christi erscheint. Bild unten

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Engel im Gewölbe von  ”Santa Prassede”. Mosaik nach 800. Zenonkapelle.

   Dieselbe Funktion erfüllten die Engel in der Kapelle “Sancta Sanctorum”, der Papstkapelle im Laterankomplex über der “Scala Sancta”. Hier sind die Engel uns noch näher, man kann geradezu den Saum ihrer Gewänder berühren, wie sie im Kreis um das Brustbild Jesu Christi schwingen und es gemeinsam hochhalten.
   Wie die Zahl der Engel nahm auch die Zahl der Flügel zu. Gewöhnliche Engel tragen zwei Flügel, die Cherubim meistens vier Flügel und die Seraphim sechs. Davon sind zwei hinter dem Kopf zusammengefügt, zwei bedecken den Körper und zwei die Beine, so dass nur der Kopf und die Hände, manchmal auch die Füße zu sehen sind. Die Flügel der Engel kennzeichnen ihre Leichtigkeit und Geschwindigkeit. Sie sind jederzeit zur Stelle, wo immer und wie immer es der Herr befiehlt.
   In den mittelalterlichen Bildern stehen sie sogar auf Rädern, wie der Prophet Hesekiel im Alten Testament es gesehen hat. Oft sind die Flügel mit Augen übersät, wie Straußenfedern, was ihre Wachsamkeit besagt gemäß der Offenbarung des Johannes 4,8. Meistens schimmern die Flügel in allen Farben des Regenbogens. Manchmal aber sind sie blütenweiß und zart wie Daunenfedern. Die schönsten Flügel hat Petro Cavallini um 1280 im Chor der Kirche “Santa Cecilia” gemalt Bild unten.

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Foto oben: Fresco - Santa Cecilia  von Pietro Cavallini, um 1300

   Sie vergegenwärtigen uns die Vision des Hesekiel 1,24: “Ich hörte das Rauschen ihrer Flügel, es war wie das Rauschen gewaltiger Wassermassen, wie die Stimme des Allmächtigen.”
   Mit der Zahl der Engel und ihrer Flügel nehmen auch ihre Funktionen und ihre Attribute zu. Als Wächter des Paradieses und der Himmelspforten sind sie mit Lanze und Schwert ausgerüstet. Das Schwert brauchen sie auch zum Kampf gegen den Teufel und seine Drachen. Als Seelenbegleiter haben sie die Rolle des griechischen Gottes Hermes oder des römischen Merkur übernommen. Sie führen die Toten ins Jenseits, wägen das Gewicht ihrer sündigen Seelen ab und führen sie “in Abrahams Schoß”, wie es in Lukas 16,22 so tröstlich heißt. Sie blasen mit Posaunen zum Jüngsten Gericht. Sie tragen Leuchter und Weihrauchfässer, Bücher, Spruchbänder und Schilder in den Händen. Sie halten Kränze und Kronen über der Madonna und Siegespalmen über den Märtyrern.
   Sie müssen sogar dazu herhalten, die Windeln des Jesuskindes zu wickeln, wie man auf dem Bild von Claude Gelée, genannt Lorrain, um 1650, in der Kirche “San Luigi dei Portughesi” sehen kann. Ja wir finden die Engel bei einer Beschäftigung, die eher dämonisch erscheint.  Auf dem Tafelbild des 12. Jahrhunderts, das gleich am Eingang der Vatikanischen Pinakothek hängt, stoßen zwei Engel im heiligen Eifer mit langen Stangen die Verdammten, die aus dem Feuer der Hölle entkommen wollen, in die lodernden Flammen zurück. Und ein dritter Engel zieht einen widerspenstigen Sünder an seinen Haaren und mit eisernen Ketten herbei, um ihn in das ewige Feuer zu werfen. Was ist aus den schönen, sanften Engeln geworden?  Eva-MariaJung-Inglessis/OR020920

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Endlich ohne Gerüst: die restaurierte Kuppel der Hagia Sophia
Fotos oben und unten: vor der Restaurierung links und nachher rechts ein Seraf

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   Nur sechs Jahre brauchten die byzantinischen Baumeister, um die Hagia Sophia zu errichten. Ganze achtzehn Jahre benötigten die türkischen Restauratoren, um einen Teil der Innenkuppel so weit herzustellen, dass das Gerüst wieder abgebaut werden konnte. Seit dem Jahr 1992, kurz nachdem die byzantinische Kuppelbasilika in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen worden war, verstellte ein tonnenschweres Gerüst den Blick in den wunderbaren Kuppelraum. Doch das ist jetzt vorbei - zumindest vorläufig. Aus Anlass des Europäischen Kulturhauptstadtjahres in Istanbul wurde das Stahlungetüm für die verbleibenden elf Monate des Jahres entfernt. Was danach passiert, ist ungewiss. Von einem neuen Gerüst ist die Rede, da die Arbeit der Restauratoren noch nicht abgeschlossen sei. Und wie lange wird es diesmal stehen? Die Antwort ist ein freundliches türkisches Schulterzucken, das übersetzt bedeutet: Wer die Hagia Sophia in ihrer ganzen Herrlichkeit erleben will, hat bis Ende Dezember Zeit.
  Erhaben ist das Wort, das einem in den Sinn kommt, wenn man jetzt die frühere Hauptkirche Konstantinopels, spätere Moschee und das heutige Museum Hagia Sophia betritt. Offen liegt das Hauptschiff vor dem Betrachter, zum ersten Mal wiederauferstanden in seiner ganzen Schönheit. Einzig am Eingangsportal wird noch weiter restauriert. In der Apsis grüßt die Gottesmutter mit ihrem Kind, beschützt von den Erzengeln Gabriel und Michael.
   Das Mosaik stammt aus dem neunten Jahrhundert. Links oberhalb davon aber erscheint nun erstmals der im vergangenen Sommer unter sechs Schichten Putz entdeckte Seraf den Besuchern. Wachsam blickt der sechs- flügelige Engel von schwindelerregender Höhe hinab in den Kuppelraum. Ganz so, als wolle er sich vergewissern, dass unten, bei den Weltlichen, alles mit rechten Dingen zugeht. FAZ100208kkr

Sandra Boticelli    am-MadonnaDelMagnificat-xxx    Madonna del Magnificat

Aus Anlass des 500. Todestages von Sandra Boticelli bringen wir hier eine Kunstbeschreibung seines Rundbildes “Madonna del Magnificat, das die Gottesmutter mit Kind und fünf Engeln zeigt

Die »Madonna del Magnificat« -Demut ist das Maß wahrer Schönheit
   Der Kreis ist seit der Antike ein Symbol der Vollkommenheit. In der christlichen Ikonographie kann er auch die Schönheit und Harmonie des Himmelreiches symbolisieren. Runde Bilder, sogenannte Tondi, wurden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Florenz häufig gemalt. Auf den meisten Tondi ist Maria mit dem Jesuskind darge- stellt. Auch Botticelli, der 1481 nach eigenen Angaben eine florierende Malerwerkstatt unterhält und vier Gehilfen beschäftigt, stellt sich dieser Aufgabe. Sie ist eine besondere Herausforderung, weil es gilt, die Figuren zwanglos in eine Kreisform einzupassen. Botticelli ist das in einem seiner berühmtesten Tondi durch ein geschicktes Spiel von Blickbezügen und Gesten mit einer komplizierten, harmonisch in den Kreis eingepassten Komposition (fast) perfekt gelungen - gelegentlich wurde die etwas forcierte Haltung des Engels am oberen linken Rand kritisiert, der zudem einen besonders langen Arm haben muss, um die Krone zu erreichen. Das Rundbild mit einem Durchmesser von 118 cm wird meist zwischen 1480 und 1485 datiert, es ist in Tempera auf Holz gemalt und befindet sich heute in den Uffizien in Florenz. Zu sehen ist die Gottesmutter mit Kind, umgeben von fünf Engeln. Die Engel sind jung und ohne Flügel dargestellt, die Szene wirkt eher dem privaten Bereich entnommen, nicht wie bei der thronenden Muttergottes, die von ihrem »himmlischen Hofstaat« umgeben zu sein scheint. In den Gesichtern der Engel drückt sich ihre tiefe seelische Anteilnahme aus.
   Das Bild trägt den Titel: „Madonna del Magnificat – Muttergottes des Magnificats“. Die Tatsache, dass mindes- tens sechs zeitgenössische Kopien erhalten sind, ist ein Beweis dafür, dass das Bild ein großer Erfolg war. Seinen Titel erhielt es, weil Maria gerade im Begriff ist, das Magnificat in ein Buch zu schreiben, das zwei Engel ihr hinhalten – ein sehr ungewöhnliches Motiv für eine Darstellung der Muttergottes mit Kind.
   Der Schlüssel zum Verständnis des Bildinhaltes liegt über dem Mittelfinger des Jesuskindes.  Dieser weist präzise auf ein Wort, das Maria in das Buch geschrieben hat: »humilitas« - Demut. Es ist klar lesbar, was auch zeigt, dass der Text wichtig für die Ikonographie des Bildes ist.
   Mit der Demut ist sicher die Haltung Marias gemeint, wie sie sie selbst im Magnifikat zum Ausdruck bringt: »quia respexit humilitatem ancillae suae« - »denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er ge- schaut«. Es ist »die tiefe Demut des Herzens, das, frei von der Versuchung des Stolzes, offen ist für das Hereinbrechen der göttlichen Gnade« Benedikt XVI., Generalaudienz am 15.2.2006. Zwei weitere Engel halten eine Krone über ihren Kopf, die aus kleinen Sternen besteht. Diese scheinen zum Teil frei zu schweben, was keinen Goldschmied dieser Welt gelingen dürfte: ein Hinweis darauf, dass die Königswürde der Muttergottes nicht von dieser Welt ist. Maria wird mit der Krone als Königin des Himmels ausgezeichnet, denn »Gott erhöht die Niedrigen« - »fecit mihi magna« - Großes hat an mir getan -, so werden die von ihr geschriebenen nächsten Worte lauten.
   Aber auch Christus ist in diese Haltung der Demut einbezogen. Es ist »die Demut Gottes, der Mensch geworden ist, und die Demut Mariens, die ihn in ihrem Schoß aufgenommen hat: aus dieser Begegnung der Demut wurde Jesus geboren« Benedikt XVI., Predigt beim Internationalen Jugendtreffen in Loreto-Montorso am 2.9.2007.
   Bildlich ausgedrückt wird dies durch die übereinstimmende Haltung von Mutter und Kind, die sich in der Paral- lelführung der Arme und Hände zeigt. Mit der linken Hand halten zudem beide gemeinsam einen Granatapfel, ein Symbol der Erlösung, weil er unter der Schale viele kleine Früchte enthält, deren rote Farbe auf Liebe und Marty- rium hindeuten. Die letzten Worte in dem Text, der auf der dem Magnifikat gegenüberliegenden Seite steht lauten: »umbra mortis« - Todesschatten -. Es handelt sich um das Benediktus, und mit diesen Worten mag der Zustand vor der Erlösung beschrieben sein, dessen Überwindung der Granatapfel andeutet. Maria nimmt gerade unter dem Kreuz Anteil an der Sendung des Gottessohnes, auch wenn sie zuerst alles, was sie ist, der Gnade Gottes ver- dankt, die im Lebens- opfer Christi Erlösung gebracht hat.
   Auch die Landschaft im Hintergrund, die auf das damals moderne Vorbild der niederländischen Malerei zurück- greift, könnte man in dieser Richtung interpretieren: Die Frucht der Erlösung ist die Transparenz der Schöpfung, ihre Transparenz für Gott. So kann die Natur zur Kenntnis des unsichtbaren Gottes führen.
   Am oberen Rand des Bildes ist mit der Hilfe einer knappen Chiffre die Gottheit Jesu dargestellt. Das Jesuskind blickt nach oben auf die Goldscheibe, die Strahlen aussendet wie die Sonne: gemeint ist das unzugängliche Licht Gottes, von dem Christus ausgegangen ist. Er hat sich entäußert, ist herabgestiegen vgl. Phil 2,9. Der von den Humanisten geschätzte Autor Tertullian, dessen Schriften im 15. Jahrhundert auch in ersten Druckausgaben weit verbreitet waren, versucht in seinem 197 n. Chr. verfassten Apologeticum die Menschwerdung Gottes, um die es ja auch im Gemälde Botticellis geht, mit dem Bild der Sonne zu erklären: Wie ein Sonnenstrahl dieselbe Substanz habe wie die Sonne, so sei auch der von Gott ausgegangene Gottessohn von derselben Substanz wie Gott selbst. Dieser Strahl Gottes sei nun in eine Jungfrau herabgekommen und in ihrem Mutterschoße Fleisch geworden vgl. Kap. 21.
   Leider ist die Herkunft des 1784 von den Offizien erworbenen Bildes nicht bekannt, und so weiß man auch nichts über den Auftraggeber. Tondi gehörten zur Ausstattung Florentiner Paläste, aber auch öffentlicher Gebäude. Sie waren nicht auf Augenhöhe angebracht, sondern weit darüber, oberhalb von einer hölzernen Vertäfelung. Das zwang den Betrachter, seinen Blick ehrfurchtsvoll nach oben zu richten. Dort erblickte er dann diese himmlische Welt der Demut.
   In der privaten Frömmigkeit sollte das Bild Anreiz zum Nachdenken sein und auch zur Nachahmung anregen. Der sehr wohlhabende Auftraggeber jedenfalls wollte dieses Vorbild der Demut vor Augen haben. Im Zusammenspiel von Auftraggeber und Künstler ist so ein ikonographisch ungewöhnliches und kreatives Bild entstanden. Normaler- weise arbeitete der Maler für eine bestimmte Person, den Auftraggeber, der den Künstler aussuchte, das Werk anregte und meist bereits eine bestimmte Vorstellung im Kopf hatte. Doch ebenso scheint Botticelli die Themen seiner Gemälde immer auch intellektuell durchdrungen und ein großes künstlerisches Selbstbewusstsein besessen zu haben: so blickt er um 1475 in seinem Selbstporträt in der Anbetung der Könige selbstbewusst aus seinem Werk heraus.
   Das Bild mit seiner reichen Verwendung von Gold und Lapislazuli, den wertvollsten Farben, die es damals gab, ist vom Materialaufwand her eines der teuersten Gemälde, die Botticelli gemalt hat: der transparente Schleier Marias und die meisten Gewänder sind mit Goldborten verziert, sogar die Haare der Gottesmutter und der Engel enthalten Goldspuren. Sicher war das Bild für den Besitzer auch ein Prestigeobjekt. Gleichzeitig wollte er sich dadurch aber an die Haltung der Demut erinnern lassen. Ob es ihm gelungen ist, sein Leben davon beeinflussen zu lassen, ist nicht mehr festzustellen.
   Sicher war es nicht leicht, diese Haltung in einer Stadt zu leben, die vom Handel lebte und wo Bankiers reiche (auch illegitime) Gewinne erzielten; in der Arroganz und Gewalt an der Tagesordnung waren; in der 1478 mit der Pazzi-Verschwörung ein gewaltsames Attentat die Politik beherrschte. Florenz war damals das Zentrum der Re- naissance und erlebte mit Lorenzo de'Media einen zur Schau gestellten Prunk, an dem auch die bildenden Künste Anteil hatten. Ein unerhörter Prachtaufwand gehörte zum Alltag der oberen Schichten, die ihre Porträts auch auf Altarbildern verewigen ließen. Es gab auch Gegenbewegungen: So kam es Mitte des 15. Jahrhunderts in der Mode zum Beispiel zu einer Abkehr von der Goldpracht, es wurde mehr schwarz getragen, die nach dem heiligen Antonius, Bischof von Florenz, die Farbe der Demut ist. Aber auch darin versuchte man bald, durch die Kostbarkeit der Stoffe einander zu übertreffen. Die Florentiner scheinen eitel wie eh und je gewesen zu sein. So hatte der Florentiner Dominikaner Iacopo Passavanti bereits Mitte des 14. Jahrhunderts einen Specchio di vera penitenza – Spiegel der wahren Buße verfasst, der ein Traktat über die Demut enthielt. Das Vorbild Christi solle die Menschen zur Demut führen. »Spiegel« ist hier Synonym für Betrachtung und Reflexion: Der Spiegel soll eine Hilfe zur Kor- rektur des eigenen Lebens sein, das dem angeglichen werden soll, was er zeigt. Vielleicht erzeugt auch deshalb Botticelli durch die fiktive Konvexität der Bildoberfläche den Eindruck eines Rundspiegels, der im späten 15. Jahr- hundert nach vorn ausgewölbt war. Noch der Bußprediger allerdings, der von 1494 bis 1498 die Geschicke der Stadt Florenz bestimmte, schrieb einen Traktat über die Demut, veranstaltete sogenannte »Feuer der Eitelkeiten«, in dem Bilder, Kleider, Bücher (alles, was als »eitel« galt) verbrannt wurden. In den 1490er Jahren predigte er auch gegen die Darstellung der reich geschmückten Müttergottes, die er lieber einfach dargestellt sehen wollte: der Inhalt solle im Vordergrund stehen, nicht die Schönheit des Kunstwerks.
   Mit der vollkommenen und idealen Schönheit wollte Botticelli der Heiligkeit der Gottesmutter Ausdruck verleihen. Sie ist in wertvolle Stoffe gekleidet, aber sie darum zu beneiden, wäre verkehrt. Schon Passavanti richtete an die Frauen eine Mahnung gegen die Eitelkeit besonderer Kleider. Was nachgeahmt werden soll, ist die Demut Marias und des Gottessohnes. Das Bild lädt ein, in allen Nöten bei Maria Schutz zu suchen, auch gegen den eigenen Stolz und Hochmut, denn »Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade« Jak 4,6. »Beugt euch also in Demut unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöht, wenn die Zeit gekommen ist« 1 Petr 5,6. Vielleicht hat der Besitzer des Bildes mit seiner Familie vor diesem »Vorbild« allabendlich selbst das Mag- nifikat gebetet. OR100514DrJohanna Weißenberger

Gottes Engel brauchen keine FlügelepaJaschkeHH Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, Hamburg

Unsere Vorstellungen von Engeln sind zeitbedingt. Die Idee des Engels zeigt:
   Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir Menschen uns träumen lassen. Gott will uns mit seiner Hilfe begleiten. Darum werden den Engeln verschiedene Aufgaben zugeordnet. Wir kennen die Schutzengel und die großen drei Erzengel: Michael, nach dem der deutsche Michel benannt ist, Gabriel, den Überbringer der frohen Botschaft, und Raphael, den Helfer und Heiler.
   Die Engel kommen in der ganzen Bibel vor und haben die Menschen immer beschäftigt. Sie haben viele Bilder von Engeln gemalt und sich in ihrer Fantasie anregen lassen. Ich denke an Chagall siehe Bild unten, Fra Angelico, an Ikonen. Mit Freude sehe ich, wie liebevoll wir uns mit den Engeln befassen können. Engel machen unser Leben reicher und schöner. HA021128

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Malerei der Florentiner

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   In der Malerei spielte das Florentiner Vorbild eine große Rolle: Die Verkündigung des Florentiners Filippo Lippi zeigt die große Kunst der perspektivischen Darstellung und daneben das ungewöhnliche Motiv des Engels, der Maria eine Lilie überreicht Bild oben. Der musizierende Engel Bild unten stammt aus einem Fresko, das - wie vieles andere aus dem 15. Jahrhundert - zerstört worden ist, weil man die Kirche neu ausstatten wollte: 1711 wurde die Apsis der Basilika »Santi XII Apostoli« erneuert. Bis zu diesem Zeitpunkt war dort eine von Melozzo da Forli geschaffene Darstellung der Himmelfahrt Christi zu sehen. OR080725

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aktuelle Bücher zum Thema Engel

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Hörbuch bei Herder: Anselm Grün: Das kleine Buch der Engel Wünsche, die von Herzen kommen

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Mögen die Engel Gottes dich behüten. Segenswünsche für ein neues Lebensjahr

   Gott behüte uns an jedem neuen Tag. Mutmachende Segenswünsche für ein neues Lebensjahr für Menschen, die einem besonders wichtig sind - das ist das Anliegen dieses eindrucksvollen Geschenkbuches.  
    32 Seiten, 16x19 cm, durchgehend gestaltet, gebunden, Bestell-Nr. 018 827 bei St. Benno-Verlag, Leipzig, nur 6,50 Euro. www.vivat.de

Mögen die Engel dich beschützen

   In diesem Buch finden Sie die beliebtesten Segenswünsche aus Irland. Die uralten Gedanken und stimmungs- vollen Bilder sind inspirierend und ermutigend. 32 Seiten, 16x19 cm, durchgehend Farbfotos, gebunden, Bestell-Nr. 017 563 bei St. Benno-Verlag, Leipzig, nur 5 Euro. www.vivat.de

 Andere Zeiten e.V. Hamburg (Hg.): Ich geb' dir einen Engel mit ...

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Er ist ein Riesenerfolg, der kleine Bronzeengel aus Hamburg.
  Entwickelt von dem Künstler Christoph Fischbach aus Maria Laach in Zusammenarbeit mit dem Verein „Andere Zeiten”, hat sich der Bronce-Engel seit 1999 über 400.000mal verkauft. Immer wieder erreichen den Verein Briefe von Menschen, die aus ihren Erfahrungen mit dem Engel berichten. Der Verein hat nun diese Erfahrungen als Buch herausgegeben. „Ich geb' dir einen Engel mit - Erfahrungen mit einem Symbol” heißt das rund 100 Seiten starke Werk. Hier finden sich Erfahrungsberichte ebenso wie Gedichte und Erzählungen über Begegnungen mit Engeln. Die Herausgeber wollen in keiner Weise irgendeiner esoterisch angehauchten Engelwissenschaft huldigen. Der Vorsitzende des Vereins „Andere Zeiten”, der evangelische Theologe Hinrich C. Westphal, schreibt dazu im Vor- wort als Antwort auf die Frage, ob er an Engel glaube: „Vor allem glaube ich an Gott ... Dass Gott mich behütet, glaube ich gewiss. Ob er sich dabei menschlicher Helfer oder unsichtbarer Boten bedient, ist für mich weniger wichtig. Allerdings finde ich die Vorstellung beruhigend und anrührend, dass mich Engel wie liebende Gedanken Gottes begleiten.”
   Das Buch ist als Lesebuch gedacht, eine passende Ergänzung zur Bronzefigur. Wer möchte kann in Zukunft Figur und Texte gemeinsam verschenken, eine Stanzung im Buchdeckel ermöglicht das. Die Texte sind sowohl für Menschen gedacht, die andere begleiten, selber für andere zum Engel werden, wie auch für diejenigen, denen man einen Engel „mitgeben” möchte. Ein Buch zum Selberlesen und zum Verschenken.
   Leider ist es nicht im Buchhandel erhältlich. Aber auch das ist für den Hamburger Verein ein Prinzip. Man möchte direkten Kontakt haben mit den Leserinnen und Lesern und den gibt es eben nur, wenn man Verlag und Versand in einer Hand bündelt. MartinLätzelPast.Bl.0409
   Dieser kleine Bronze-Engel wird im Kloster Maria Laach hergestellt. € 6,50 Bestellung: über den Verein “Andere Zeiten e.V.” Fischers Allee 18, 22763 Hamburg - www.anderezeiten.de Tel.:  040 - 4711 27 43 Fax: 040 - 4711 27 77. Ich geb’ dir einen Engel mit ... (€ 16,50). HA021128-070816

Ob als Männer, Frauen oder Kinder: Die Künster haben die Engel sehr unterschiedlich gemalt - und manche setzten auf den Niedlichkeitseffekt. Bilder: Erzengel haben einen Namen: Michael, Gabriel, Raphael und “Uriel”

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Foto l-r: Michael (“Wer ist wie Gott”), der bekannteste Engel, einer der drei Erzengel, die in der Bibel erwähnt werden. Er tritt erst spät im Buch Daniel auf und zwar als Erzengel Israels. Die Offenbarung des Johannes sagt, er habe Satan als Drachen besiegt. Sein Kult zuerst in der Ostkirche, verbreitete sich seit der Erscheinung auf dem Monte Gargano (Süditalien) im 5. Jahrhundert in Italien und im übrigen Abendland. In das fränkische Reich kam die Michaelsverehrung vom Süden her durch die Langobarden, deren Schutzpatron er war und vom Westen her durch die angelsächsischen Glaubensboten. Die Franken verehrten Michael als den Schutzherrn der Christen im Kampf gegen die Heiden, als den Überbringer der Opfergaben zum Throne Gottes, sowie als Wäger und Geleiter der See- len nach dem Tode. Ihm geweihte Bergkirchen (Michaelsberge) verdrängten bisweilen heidnische Wodanskult- stätten. Michael als Patron des deutschen Volkes (“der deutsche Michel”).
  Gabriel (“Mann Gottes”) ist einer der Engel, “die vor Gott stehen”, tritt in der Heiligen Schrift als Bote Gottes in Erscheinung. Gabriel erklärt dem Propheten Daniel den Sinn der messianischen Gesichte, verkündete dem Zacharias die Geburt des Johannes des Täufers und Maria die Geburt Jesu. [Nach Ansicht der Moslems soll Gabriel(“Jibril”) Mohammed den Koran übermittelt haben].
  Raphael (“Gott heilt”) erscheint in der Heiligen Schrift ebenfalls als Bote Gottes in menschlicher Gestalt. Er be- gleitet den jungen Tobias auf der Reise und schützt ihn vor Gefahren, den Vater Tobit heilt er von seiner Blindheit. Gilt als Inbegriff des Schutzengels.
  Uriel (“Flamme Gottes”)  wird in der Heiligen Schrift nicht erwähnt. Der Name ist aus der spätjüdischen Literatur bekannt. 

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Bilder oben von links nach rechts:
  Seraphim, der höchste Chor der Engel, doch die einzelnen haben keinen Namen. In der Bibel werden sie vor- gestellt als himmlische Wesen mit Angesicht, Händen und sechs Flügeln, die lobpreisend den Thron Gottes umgeben (“heilig, heilig, heilig”) und Mittler zwischen Gott und den Menschen; sie sind erfüllt von Liebe und Verehrung.
  Cherubim, die zweithöchste Engelschar, haben viele Augen, weil sie Gott, den Inbegriff des Wissens, unmittelbar erblicken dürfen. Im 1. Buch Mose (Genesis) werden sie als Wächter im Paradies erwähnt. Ihre Gestalt in bildlichen Darstellungen und prophetischen Visionen entspricht wohl den Mischwesen, die uns aus dem vorisraelitischen Megiddo, bei den Assyrern, Ägyptern und Hethitern bekannt sind.
  Satan (“Widersacher”). Ein gefallener Engel, der sich einst gegen den Schöpfer aufgelehnt hatte. Er ist der Ver- sucher, der im Paradies aus der Schlange sprach. Ursprünglich heißt Satan in der hebräischen Sprache jeder, der sich gegnerisch oder feindlich verhält.
  Die zentrale Frage bleibt: gehören die neutestamentlichen Engelsaussagen zum zeitgebundenen Weltbild und sind sie daher aufgebbar oder enthalten die Aussagen wenigstens implizit die Offenbarung von engelgleichen Wesen im Kern und sind dazu geeignet, den Menschen sowohl die Größe Gottes als auch die seiner Schöpfung in Erinnerung zu rufen. Die Engelstexte sagen uns: Gott ist einer, der für uns da ist, der sich uns zuwendet und sich uns zugewendet hat.

Bestseller-Autor: Pater Anselm Grün      kip-DrAnselmGrün-x       “Die Engelstöne”

Der Schutzengel

    Nach einem Vortrag über Engel kam ein 10-jähriges Mädchen auf mich zu und fragte mich: „Glauben Sie wirklich, dass mein Engel mich nicht verlässt?” Ich antwortete:  „Ja, das glaube ich.” „Ja, aber auch dann, wenn ich böse bin ...”, bohrte es weiter. „Auch wenn du böse bist”, gab ich zur Antwort. „Auch wenn ich immer wieder böse bin?” „Ja, auch wenn du immer wieder böse bist.” Da fragte es ganz ernst: „Woher wissen Sie das?” Ich sagte: „Das steht so in der Bibel.” Da ging das Mädchen getröstet weg. Es war ihm ganz ernst um diese Fragen.
   Die Begegnung mit diesem Mädchen beschäftigte mich noch lange auf der Heimfahrt. Warum war es für dieses Mädchen so wichtig, dass sein Engel es nicht verlässt? Vermutlich hat es daheim oft andere Bot- schaften gehört: „Du bist unmöglich. Mit dir kann es keiner aushalten. Du bist eine Zumutung.” Da war es für das Mädchen wichtig zu hören, dass sein Engel es aushält, dass sein Engel sich nicht von ihm abwendet, sondern Geduld mit ihm hat.
Jeder Mensch hat einen Engel
   Im Matthäusevangelium sagt uns Jesus,  dass die „Engel  der Kleinen” im Himmel stets das Angesicht des himm- lischen Vaters sehen. Von diesem Wort Jesu her haben die Kirchenväter die Lehre vom Schutzengel entfaltet. Jeder Mensch bekommt mit seiner Geburt einen Engel zur Seite, der ihn begleitet bis zum Tod und ihn auch über die Schwelle des Todes in Gott hineinträgt. Für Kinder ist diese Vorstellung vom Schutzengel lebensnotwendig. Sie vermittelt ihnen, dass sie nie und nirgends allein gelassen sind, sondern geschützt, geliebt, begleitet und verstanden werden. Aber wir dürfen die Vorstellung vom Schutzengel nicht zu naiv sehen, sonst würde uns jeder Unfall, jede Krankheit und jedes Sterben eines Kindes den Glauben an den Schutzengel zerstören. Der Schutzengel schützt uns nicht vor Unfall, vor Krankheit und vor dem Tod, aber ganz gewiss in der Krankheit und im Sterben. Unser innerster Kern bleibt geschützt.
  Die Theologie sagt, dass Engel geschaffene geistige Wesen und personale Mächte sind. Das klingt sehr abstrakt. Aber geschaffene Wesen sind erfahrbar. Engel sind erfahrbar. Ein Mensch kann für uns zum Engel werden, wenn er uns im richtigen Augenblick beisteht. Ein innerer Impuls kann vom Engel kommen, der uns anregt, gerade auf diesen Menschen zuzugehen und ihn anzusprechen. Im Traum kann uns ein Engel erscheinen und eine Botschaft vermitteln. Engel können auch Lichterscheinungen sein. Und es gibt Menschen, die den Engel sehen können. Engel sind keine Personen, so wie Menschen es sind. Aber Engel schützen unsere Personwerdung. Das kleine Mädchen, das sich vom Schutzengel begleitet wusste - auch wenn es „böse” war -, zerfiel nicht in innere Zerrissenheit, in Selbstentwertung und Selbstverachtung. Der Engel half ihm, zu sich zu stehen und seine Person zu entwickeln.
Engel verhelfen zu einem positiven Selbstbild
   Manche wollen genau wissen, wie Engel aussehen. Doch über Engel kann man nur schwebend sprechen, sonst fliegen sie weg. Wenn ich zu genau wissen will, wo mein Engel jetzt ist und wie er sich von andern Engeln unter- scheidet, dann entzieht er sich mir.  Nicht umsonst haben die Künstler den Engeln Flügel gegeben. Engel sind unverfügbar - wie Gott. Und Engel sind leicht. Sie bringen die Leichtigkeit des Seins in unser Leben. Sie öffnen den Himmel über unserem Leben.
   Die Engelgeschichten der Bibel zeigen uns, dass Gott in jede Situation unseres Lebens seinen Engel sendet: in die Ohnmacht und Angst am Ölberg, in die Verlassenheit von Hagar und Ismael in der Wüste, in den Feuerofen und in die Löwengrube, in der wir uns in den alltäglichen Konflikten oft vorfinden. Engel zeigen, dass Gott sich um uns kümmert, dass er einen Boten zu uns schickt, den wir erfahren dürfen.
   Und Engel verhelfen uns zu einem positiven Selbstbild. Auch wenn wir nicht perfekt sind, dürfen wir oft genug für einen anderen zum Engel werden. Ich kann mir das nicht vornehmen. Der Engel wird mich aber durch einen leisen Impuls anstoßen, den andern anzusprechen, ihm beizustehen. Wenn ich diesem leisen Impuls folge, dann werde ich zum Engel für ihn. Ich kann mir dann aber nicht auf die Schulter klopfen und stolz darauf sein, dass ich ein Engel bin. Denn ich weiß, dass ich vom Wesen her kein Engel bin, sondern ein Mensch, durchschnittlich, egoistisch, fehlerhaft.
   Trotzdem sendet Gott auch mich zu einem Mitmenschen, damit ich in diesem Augenblick für ihn zum Engel werde. Dann erfüllt mich eine tiefe Dankbarkeit. Und ich spüre, dass der Engel auch mein Leben hell und leicht werden lässt. LuxVerao710

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Zu Schutzengel und Putten lesen Sie, bitte, den folgenden Artikel:
   Als die junge Christenheit noch unterdrückt war, malte sie in Katakomben und anderswo die Engel ohne Flügel. Das war durchaus im Sinne der Bibel, denn sie erwähnt Flügel nur bei den Seraphim und Cherubim. In dieser Frühzeit wollte man wohl die Engel nicht aussehen lassen wie antike Götter. Nur keine Nike, keinen Hermes (heidnische Wesen, die meist mit Flügeln dargestellt wurden).
   Seit dem Sieg des Christentums hatten Engel doch Flügel. Die Goldscheibe, der Nimbus oder Heiligenschein, durfte nun ebenfalls nicht fehlen. Man sieht strahlende Jünglinge, gekleidet wie Diakone oder Priester. In der östlichen, byzantinischen Kirche trugen sie sogar Hoftracht, ganz im Sinne einer triumphierenden Staatskirche.
   Während des Hochmittelalters finden wir ritterliche Gestalten, die sich unter dem Einfluss eines neuen Idols, des heiligen Franz von Assisi, bald gefühlvoller zeigen und Freude oder Trauer ausdrücken können. Beim Maler Giotto, der die vielleicht herrlichsten Engel gemalt hat, finden sich schon deutlich weibliche Züge. Man hat sich gefragt, warum nun die Engel wie Frauen erscheinen, und eine These lautet, es sei der Marienkult gewesen, der einen weiblichen Hofstaat erfordert habe. Daher kann selbst der Verkündigungsengel Gabriel auf manchen Dar- stellungen nun als Frau durchgehen; bald haben die Engel sogar Blumen im Haar und spielen Musikinstrumente. Es scheint, als habe der weibliche Engel sich seitdem durchgesetzt.

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  Berühmt sind die „geflügelten Engelsköpfchen”, die sich am unteren Rand der sixtinischen Madonna zeigen. Raphael hat diesen Typ nicht erfunden, nur am unwiderstehlichsten dargestellt. Diese Kindlein tauchen meist in der Nähe des Jesusknaben auf, als seien sie zu seiner Gesellschaft da. Dieser Kind-Engel hat sich ausgeprägt bis zur fast unerträglichen Niedlichkeit der Putten, die auf heidnische „Eroten” zurückgehen, geflügelte Knaben, mit denen in der Antike manches Grab geschmückt wurde.
   Unvergleichlich geheimnisvoll und eindringlich wirken die Engelgestalten bei Rembrandt. Etwas von dieser Hoheit und verborgenen Würde findet sich - nach den pompösen Engeln des Barocks - auch wieder in der Romantik. Hier gab es sogar die fromme Malerschule der Nazarener, die sich Raphael und das Mittelalter zum Vorbild nahm. Niemand aus diesem Kreis hat wohl unsere Vorstellung von Engeln so geprägt  wie der Zeichner Julius Schnorr von Carolsfeld, der mit seinen Holzschnitten zur Bibel im 19. Jahrhundert berühmt war. Sie werden heute noch gern nachgedruckt, wenn Magazine einen Engel zeigen wollen. In wallenden antiken Gewändern, mit ihren riesigen Flügeln und milden Gesten drücken sie Anmut und Kraft, Hoheit und Wohlwollen aus.
   Über dem Ehebett hing damals auch oft das Bild eines mädchenhaft lieblichen Schutzengels, der über Kindern schwebt, die gerade einen Bach auf schwankendem Steg überqueren. Billige Öldrucke des späten 19. Jahrhun- derts, aber unverwüstlich, wenigstens in den Köpfen der Menschen, wenn es darum geht, wie ein Engel aussieht.
    Im zwanzigsten Jahrhundert haben sich viele Maler sehr persönlich mit dem Engelmotiv beschäftigt, wobei sich kein Typ mehr ergab, sondern sich verschiedene höchst eigenwillige Deutungen fanden. Am bekanntesten sind wohl die Engel von Marc Chagall Foto weiter oben und Paul Klee.
   Während Chagall oft Traumgestalten malte, wirken Klees Engel nur naiv, gar wie verspielte Kinderzeichnungen mit heiteren Titeln, was aber niemanden täuschen darf. Er wusste wohl, dass man diese Wesen nur als Symbole sehen, nur andeuten darf. Jeder Realismus könnte lächerlich wirken.
Quellen: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Kohlhammer, Stuttgart,  Praktisches Bibellexikon, Herder Freiburg,  Der Namenstagskalender, Benziger/Herder, Freiburg, ech/EikeChristianHirsch/HA031220 und kbwn

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Foto oben links: Das Mosaik “Die Farbe des Lichts” von Jesuitenpater und Künstler Marko Ivan Rupnik in der St. Michaelskirche in Grosuplje, Slowenien, zeigt einen Engel der Jesus begleitet beim Abstieg in das Reich des Todes.  CT/CWooden031116 Foto oben rechts: Krypta Kloster Marienburg 8. Jh.

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.
Ein Gedicht von dem Schriftsteller Rudolf Otto Wiemer, Göttingen

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.
sie gehen leise, sie müssen nicht schrein
oft sind sie alt und hässlich und klein, die Engel.
Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, die Engel.
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel.
Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, der Engel.
Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
er hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht, der Engel.
Er steht im Weg und er sagt: Nein, der Engel,
groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein -
es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.

An meinen Schutzengel

Komm, mein Engel, komm!
Nimm die Angst von meiner Seele,
dass die Last sich leise löse,
hebe allen Kummer auf.
Trage von mir all die Schmerzen
und berühr’ mich still bei Nacht
zart mit sanftem Flügelschlag.
Dass ich mich geborgen weiß,
in der Obhut Deiner Kraft.

Christa Spilling-Nölker in Lux Vera 03/10

Was die Engel uns zu sagen haben 

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Die frohe Botschaft. Zum Jesuskind im Stall von Betlehem gehören immer die Engel.
Hauptpastor Helge Adolphsen, Hamburg, erklärt, warum Engel Gottes Boten und seine Krisenagenten sind.

Foto oben: “Die Geburt Christi” - Gemälde aus der Werkstatt des Malers und Baumeisters Giotto di Bondone aus Florenz (1267-1337). Maria mit dem Jesuskind beherrscht die Bildmitte. Ein Engel verkündet den Hirten rechts die frohe Botschaft. Fotos darüber: Helge Adolphsen. daneben: Barockengel aus “DuMonts Engelkalender”.

   Weihnachten um 1300. Gemalt von Giotto di Bondone. Mit allem, was dazu gehört: Maria mit dem göttlichen Kind im Zentrum. Josef wie so oft scheinbar uninteressiert wegschauend, mit Schafen und Ziegen. Und mit auffallend vielen Engeln.
   Verschiedene Aufgaben werden den Engeln hier wie in der Bibel und in der Kunst zugeschrieben. Die größte Gruppe schwebt über dem Stall. Sie schauen nach oben, nicht auf den Stern, sondern zu Gott. Sie sind ein Teil der himmlischen Heerscharen, die Gott dienen und ihn loben, wie in der Weihnachtsgeschichte aus Lukas 2: “Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.” Dass Engel Gott und seinen Frieden in Gestalt des Kindes zu den Menschen bringen, zeigen die je sechs Engel im Stall, die von oben auf das Jesuskind schauen. Ihre Botschaft lautet: “Euch, allen Menschen, der ganzen Welt, ist der Retter geboren.”
   Die Engel schlagen die Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen: Sie sind Zwischen- wesen und Boten Gottes. Allein ihre Botschaft zählt, nicht ihr Aussehen. Sie verkünden Freude und Frieden, Gottes Nähe und Zuwendung, seinen Schutz und sein Geleit. So verkörpern sie - körperlos und geistig - Gott in seinen vielfältigen Möglichkeiten.
   Das zeigt auf unserem Bild auch der einzelne Engel, der aus dem Stall herausfliegt und seinen Arm einladend den beiden Hirten entgegenstreckt. Ein Verkündigungsengel, der auf die überraschten und verängstigten Ge- sichter mit froher Kunde antwortet. So, wie Gabriel in der Bibel Maria die Geburt Jesu angekündigt hat, im göttlichen Auftrag. Wo so verkündigt wird, entsteht aus Furcht Freude, aus Entsetzen Lob, aus Unfrieden Friede. Damals und heute immer wieder.
   Dreihundert Mal begegnen uns Engel in der Bibel. Sie erleichtern die Verbindung zwischen Gott und den Men- schen. Wie bei Jesu Geburt, so auch bei seinem Tod (Engel am Grab als Wächter), und dann bei seinem Wie- derkommen. Das letzte Buch der Bibel schildert den endzeitlichen Kampf des Erzengels Michael und seiner Engel mit dem Drachen, dem Teufel und seinen Engeln. Michael steht für Christus. Er siegt, der Teufel fällt aus dem Himmel; und seine Engel werden zu gefallenen Engeln, sie sind seitdem Inbegriff dämonischer, gott- und men- schenfeindlicher Mächte. Es gibt also nicht nur die lieben, sondern auch die unheimlichen Engel!
   Der himmlische und engelische Flugverkehr hat seit einigen Jahren in Deutschland zugenommen. In Krisen- und Notzeiten sehnen die Menschen immer die Engel herbei. Wenn Gott in weite Fernen zu rücken scheint, werden sie zu seinen hilfreichen Krisenagenten. Wenn die Menschen ein ausgeprägtes  Schutzbedürfnis haben, weil die Welt zerrissen und ihre Seelen bedroht sind, wenn die Sehnsucht nach Transzendenz stark wird, dann öffnen Engel den Himmel einen Spalt breit.  Sie begegnen uns im Traum, in der Musik, in der Kunst - und manchmal in einem Menschen: “Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein ...” Selbst Atheisten sprechen von ihrem Schutzengel. Christlich gesehen sind Engel Manifestationen Gottes und seiner Geheimnisse, die rational nicht begriffen, sondern erlebt und erfahren sein wollen. In diesem Sinn sind Engel“Gott für mich und für dich”.  

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Pietro Cavallini: Verkündigung, Trastevere

                                   kbwn:Engel

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