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Europa II

Europa als Wertegemeinschaft

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Sie lesen auf dieser Seite:
1. Papst Franziskus erhält den Karlspreis
2. Papst Franziskus vor dem Europarat und dem Europaparlament
3. Franziskus: Einheit Europas bedeutet Offenheit für Gott
4.  Zunächst aber bringen wir hier einen Fotobericht der ersten Reise von Papst Franziskus
in ein europäisches Land außerhalb Italiens - nach Albanien
5. Der Herzog von Cambridge Prinz William besucht eine katholische Messe in Malta
6. Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering: Gespräch mit  Pater Bernd Hagenkord SJ, Radio Vatikan
7. Festrede des Präsidenten des europäischen Parlaments: Dialog der Religionen auf der Basis der Wahrhaftigkeit
8. Papst Benedikt XVI.: “EU hat christliche Wurzeln”
9. Hans-Gert Pöttering: “Christliches Menschenbild ist tragendes Element der europäischen Politik”
10. Benedikt XVI.: Ereuerung Eruropas auf den Spuren des Heiligen Benedikt
11. Papst Benedikt und seine Europa-Kritik
12. Erneuerung Europas auf den Spuren des heiligen Benedikt

13. Bundespräsident Horst Köhler: Der gelebte Glaube der Christen hat unsere Kultur geformt
14. Säkulare Veränderung unseres Kontinents: Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht
15. Jeder Dritte zweifelt an der Stabilität des Euro 

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Papst Franziskus erhält den Karlspreis

   Papst Franziskus hat den Internationalen Karlspreis zu Aachen für die Einheit Europas erhalten. Damit geht der Preis nicht nur an das Oberhaupt der katholischen Weltkirche, sondern auch an einen Lateinamerikaner, der bislang als Papst vor allem auf die Ränder Europas geschaut hat: Sein erster Besuch als Pontifex führte ihn auf die Mittelmeerinsel Lampedusa, wo jährlich tausende Flüchtlinge sterben. Er besuchte Albanien, Sarajevo und erst kürzlich die griechische Insel Lesbos, neuer Hotspot der europäischen Flüchtlingspolitik. Nicht zu vergessen seine Rede vor dem Europäischen Parlament im November 2014 in Straßburg, wo er die Würde des Menschen anmahnte und von einer müden Großmutter Europa sprach.
   Jürgen Linden, Vorsitzender des Direktoriums der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen, gab in seiner Ansprache die Begründung für die Verleihung des prestigeprächtigen Preises an Papst Franziskus: „Sie sind eine Stimme des Gewissens, die uns mahnt, bei all unserem Tun den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Sie sind eine herausragende moralische Autorität, die uns als Mahner und Mittler daran erinnert, dass wir in Europa den Auftrag und die Verpflichtung haben, aufbauend auf den Idealen der europäischen Gründerväter Frieden und Freiheit, Recht und Demokratie, Solidarität und die Bewahrung der Schöpfung zu verwirklichen.“
   Der Text der Medaille lautet: „Karlspreis zu Aachen 2016 Papst Franziskus Europa – eine Gesellschaft der Werte“. Linden schloss mit den Worten: „Heiliger Vater, geben Sie uns Mut und Zuversicht, Europa wieder zu dem Traum zu machen, den wir seit mehr als 60 Jahren zu träumen gewagt haben.“
   Zu Ehren des Preisträgers waren auch die Spitzen der Europäischen Union und frühere Karlspreisträger gekommen, der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, und der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel war gekommen und hatte bereits am Vormittag eine Privataudienz bei Franziskus erhalten. Des Weiteren waren der König von Spanien, Felipe VI. und der Großherzog Henri von Luxemburg sowie  Ministerpräsident Matteo Renzi und die Staatspräsidentin der Republik Litauen, Dalia Grybauskaité, anwesend.                                 
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„Was ist mit dir los, Europa?“  fs-147-Karlspreis-Zxx

   Politiker verlangen Obergrenzen für Flüchtlinge. Diese oder jene Summe sei schaffbar, alles was mehr ist nicht. Diese oder jene Summe stelle auch sicher, dass Integration gelinge. Wo die das her haben, erschließt sich mir nicht, aber es kommt scheinbar gut an.
   Ein weiterer Schnipsel Europa heute: Ungarn schulde Deutschland nichts, genauso wenig wie Deutschland Ungarn etwas schulde, so im Januar Ministerpräsident Orban in der Bild-Zeitung. Europäischer Zusammenhalt am maximalen Eigennutz, auf der Abrechnungstabelle sozusagen, gedacht.

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Die Medallie zum Preis
   Wenn ich solche Sätze höre, wird es immer weniger verwunderlich, dass mit Papst Franziskus jemand in dieser Woche den Karlspreis bekommt, der noch nicht wirklich mit vielen Aussagen zu Europäischer Einigung etc. hervorgetreten ist. Wer wäre denn noch in Frage gekommen? Die Grenzzäune vielleicht? Weit und breit sehe ich kaum jemanden, der auf hohem Niveau für die Einheit Europas Verdienste trägt. Und nun verweisen die Preisverleiher auf die Reden in Straßburg, die der Papst gehalten hat und auf seine aufrüttelnden und mahnenden Worte. Aber all das weist auf das Zentrum, weist auf Politik und weist auf die Entscheider.
   Wenn ich an den Papst und an Europa denke, dann fällt mir nicht als erstes Straßburg und der Papstbesuch im politischen Europa ein. Mir fallen Besuche in Sarajewo, Lesbos, Albanien und auf Lampedusa ein.
   Der Papst sagt immer wieder, dass die Welt anders aussieht, wenn man sie von der Peripherie aus sieht. Die Wirklichkeit stellt sich anders da, und das sei die Perspektive, die ein Christ einnehmen müsse, denn es sei die Perspektive Christi.
Wohlstand, vom Rand aus gesehen
   Von Sarajewo, Albanien, Lesbos und Lampedusa aus hat der Papst das getan. Es waren Besuche und Begegnungen, aber darüber hinaus natürlich auch Symbolhandlungen. Europa, wie es den Papst nun würdigt, sieht von dort aus anders aus. Da sind Menschen, die sehnsüchtig auf unseren Wohlstand blicken. Dieser Wohlstand ist von der Peripherie aus gesehen nicht etwas zu Verteidigendes, sondern etwas, was anderen Menschen vorenthalten wird. Albanien ist immer noch von Vendettas [Blutrache] und Arbeitslosigkeit geprägt, der Balkan ist Route für viele Flüchtlinge zu uns. Die Augen von dort sehen ein anderes Europa.
   Sie sehen Sicherheit und Chancen, sie sehen Demokratie und Toleranz, sie sehen die Abwesenheit von Waffen und Hunger, sie sehen Infrastruktur und Arbeitsplätze. Und sie wollen teilhaben daran. Und die Werbung bringt die Botschaft vom reichen Europa in alle Teile dieser Welt, kein Wunder, dass so viele Menschen glauben, wir alle lebten in dieser bonbonbunten Idealwelt.
   Papst Franziskus bekommt den Aachener Karlspreis für Verdienste für die Einigung Europas. Ich denke, darin liegt eine Chance. Der genuine Beitrag des Papstes, der über Mahnungen hinausgeht, liegt in der Betonung dieser Perspektive. Europa sieht anders aus, als wir uns das vorstellen. Die Augen der Sehnsüchtigen, der Hungernden und Verfolgten, die schildern uns ein anderes Europa. Und dieses Europa – so stelle ich mir das vor – verleiht diesem Papst seinen Preis.   Vatikan150505PaterBerndHagenkort SJ

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   Der Präsident des EU-Parlaments Martin Schulz nennt Papst Franziskus einen „großen Europäer“. Mit Blick auf die Verleihung des Internationalen Karlspreises an den Papst am Freitag sagte der deutsche Europapolitiker im Gespräch mit Radio Vatikan, Franziskus verkörpere die „Solidarität der Tat“, die schon die Gründungsväter der Europäischen Union angemahnt hätten. Das Gespräch mit Martin Schulz führte Gudrun Sailer.
RV: Der Karlspreis für Verdienste um die Sache Europas geht an Papst Franziskus, einen Argentinier, der offen sagt, er halte Europa für blutleer und unkreativ. Ist das der Grund, warum der Papst den Preis verdient? Weil er mit seiner Kritik an Europa nicht zurückhält?
   „Dann würden, wenn das so wäre, viele andere den Preis ja auch verdienen. Die Zahl der Kritiker Europas ist ja groß. Der Papst unterscheidet sich aber von den meisten da- durch, dass er nicht nur kritisiert, sondern uns erinnert, dass wir es besser machen würden, wenn wir uns auf unsere traditionellen Kooperationsformen und Werte besinnen würden. Deshalb ist es der Papst, der als Kind italienischer Einwanderer in Argentinien und langjähriger Erzbischof von Buenos Aires eine andere Welt kennengelernt hat als die privilegierte, in der wir Europäer leben, der uns die Augen dafür öffnet, wie dankbar wir sein müssen für diese großartige Welt, in der wir in Europa leben dürfen: das macht ihn zu einem großen Europäer.“
RV: Es heißt, 2016 werde ein Schicksalsjahr für Europa. Die Briten entscheiden, ob sie aus der EU austreten, die Krise in Griechenland ist noch lange nicht vorbei, und die Flüchtlingsfrage bringt die EU scheinbar an den Rand des Abgrunds. Was erhoffen Sie sich in dieser Lage von Papst Franziskus?
   „Ich glaube, dass der Satz von Jean Monnet, einem Gründervater der Europäischen Union, dass Europa aufgebaut werden sollte auf dem Grundsatz der Solidarität der Tat, exakt das ist, was der Papst auf Lesbos gemacht hat. Wenn es Staatsführer gibt in Europa, die sagen, wir führen ein katholisches Land und deshalb können wir keine Muslime aufnehmen bei uns, und der Papst fährt nach Lesbos und nimmt drei Familien muslimischen Glaubens mit in den Vatikan, um ihnen dort Zuflucht zu gewähren – dann ist das eine Lektion außergewöhnlicher Art für diejenigen, die so denken wie dieser von mir zitierte Regierungschef. Und das ist die Solidarität der Tat. Genau das ist die Botschaft der Gründerväter der Europäischen Union gewesen.“
RV: Meinen Sie, dass diese Lektion der Solidarität in Form der Papstreise nach Lesbos wirklich in den Ländern ankommt, für die sie gedacht war?
   „Da bin ich ganz sicher. Die hohe moralische Autorität, die das Oberhaupt der katholischen Kirche gerade in katholischen Ländern genießt, bringt dort sicher eine Menge Menschen zum Nachdenken.“
RV: Als 2004 Papst Johannes Paul II. den Außerordentlichen Karlspreis entgegennahm, da kam zu dieser Feier ein Staatssekretär. Diesmal ist es anders, da schart sich die ganze europäische Spitze plus Bundeskanzlerin Merkel um den Papst, und das nicht nur deshalb, weil Sie alle schon den Karlspreis verliehen bekommen haben. Warum kommen all diese EU-Granden in den Vatikan?
   „Die Europäische Union sieht sich einer ganz dramatischen Herausforderung gegenüber. Zu dem Zeitpunkt, als Johannes Paul II. den Außerordentlichen Karlspreis bekam, war die Lage eine andere und die jetzige Situation ist nicht vergleichbar mit der damaligen. Im Übrigen hat das Karlspreisdirektorium die Präsidenten der EU-Institutionen gebeten, also Junker, Tusk und mich selbst, die wir ja auch selbst Karlspreisträger sind, zu dritt, als gemeinsame, kollektive Repräsentanten der Europäischen Union dem Papst unsere Reverenz zu erweisen. Dieser Einladung sind wir mit großer Freude und Selbstverständlichkeit nachgekommen. Und ich finde, wenn eine deutsche Bundeskanzlerin sagt, das ist mir eine Reise nach Rom wert, um meinen Respekt vor dem Papst auszudrücken, habe ich das nicht nur nicht zu kommentieren, sondern im Gegenteil mit großer Freude zur Kenntnis zu nehmen.“
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    Tusk bezog sich ganz explizit auf die Bedeutung und den Beitrag der Kirche für Europa und zitierte den Begriff des Papstes vom „Feldlazarett“: „Ich bin zutiefst überzeugt, dass heute in diesen unsicheren Zeiten tiefgreifender Veränderungen und dramatischer Herausforderungen alle Gläubigen und Nichtgläubigen eine Kirche brauchen, die niemanden ausschließt, sondern vielmehr alle einschließt.“
  
Der Papst stelle von dort aus ganz Europa die Frage, was es sein wolle, so Tusk. „Mitfühlend und hilfsbereit oder abweisend und egoistisch? Gegründet auf die zutiefst christlichen Grundsätze der Menschenrechte, der bürgerlichen Freiheiten und der Achtung eines jedes Menschen oder auf den heidnischen Kult von Gewalt und Verachtung?“ „Wir sind und bleiben Europäer“, betonte er. Europa sei „gewissermaßen ein Glaubensgrundsatz“, um den alle Sorge tragen sollten. Andernfalls bleibe von Europa lediglich eine „leere Worthülse“ übrig, so Tusk. Europa solle sein wie Papst Franziskus, ein Hoffnungsträger, wünschte er sich. „You are the Pope of the Hope“, schloss Tusk mit einem aufmunternden Lächeln an den Papst seine kurze und letzte der vier Ansprachen vor der Papstrede ab. Rv160506ord

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Rede des Papstes an das Europaparlament
Am 25. November 2014  sprach Papst Franziskus vor dem Europaparlament

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Herr Präsident, meine Damen und Herren Vizepräsidenten, verehrte Europaabgeordnete 
und alle, die in den verschiedenen Arbeitsbereichen dieser Einrichtung tätig sind, liebe Freunde,
ich danke Ihnen für die Einladung, vor dieser Institution, die für das Leben der Europäischen Union grundlegend ist, das Wort zu ergreifen, und für die Gelegenheit, die Sie mir bieten, mich über Sie an die über fünfhundert Millionen Bürger zu wenden, die Sie in den 28 Mitgliedsstaaten vertreten. Meinen besonderen Dank möchte ich Ihnen, Herr Parlamentspräsident, ausdrücken für die freundlichen Worte, mit denen Sie mich im Namen aller Mitglieder der Versammlung willkommen geheißen haben.
  Mein Besuch findet in einem zeitlichen Abstand von mehr als einem Vierteljahrhundert nach dem von Papst Johannes Paul II. statt. Vieles hat sich seit jenen Tagen in Europa und in der ganzen Welt verändert. Es existieren nicht mehr die gegensätzlichen Blöcke, die damals den Kontinent in zwei Teile teilten, und langsam erfüllt sich der Wunsch, dass „Europa sich souverän freie Institutionen gibt und eines Tages sich in die Dimensionen entfalten kann, die die Geografie und mehr noch die Geschichte ihm gegeben haben“. Johannes Paul II., Ansprache an das Europaparlament, 11. Oktober 1988, 5.
  Neben einer weiträumigeren Europäischen Union gibt es auch eine Welt, die komplexer geworden und stark in Bewegung ist. Eine Welt, die immer stärker vernetzt und global und daher auch immer weniger „eurozentrisch“ ist. Einer ausgedehnteren, einflussreicheren Union scheint sich jedoch das Bild eines etwas gealterten und erdrückten Europas zuzugesellen, das dazu neigt, sich in einem Kontext, der es oft nüchtern, misstrauisch und manchmal sogar argwöhnisch betrachtet, weniger als Protagonist zu fühlen.
  Indem ich mich heute an Sie wende, möchte ich aufgrund meiner Berufung zum Hirten an alle europäischen Bürger eine Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung richten.
  Eine Botschaft der Hoffnung, die auf der Zuversicht beruht, dass die Schwierigkeiten zu machtvollen Förderern der Einheit werden können, um alle Ängste zu überwinden, die Europa – gemeinsam mit der ganzen Welt – durchlebt. Eine Hoffnung auf den Herrn, der das Böse in Gutes und den Tod in Leben verwandelt.
  Eine Ermutigung, zur festen Überzeugung der Gründungsväter der europäischen Union zurückzukehren, die sich eine Zukunft wünschten, die auf der Fähigkeit basiert, gemeinsam zu arbeiten, um die Teilungen zu überwinden und den Frieden und die Gemeinschaft unter allen Völkern des Kontinentes zu fördern. Im Mittelpunkt dieses ehrgeizigen politischen Planes stand das Vertrauen auf den Menschen, und zwar weniger als Bürger und auch nicht als wirtschaftliches Subjekt, sondern auf den Menschen als eine mit transzendenter Würde begabte Person.
  Es liegt mir vor allem daran, die enge Verbindung hervorzuheben, die zwischen diesen beiden Worten besteht: „Würde“ und „transzendent“.
  Die „Würde“ ist das Schlüsselwort, das den Aufschwung der zweiten Nachkriegszeit charakterisiert hat. Unsere jüngere Geschichte zeichnet sich dadurch aus, dass die Förderung der Menschenwürde zweifellos ein zentrales Anliegen war gegen die vielfältige Gewalt und die Diskriminierungen, an denen es im Laufe der Jahrhunderte auch in Europa nicht gefehlt hat. Das Wahrnehmungsvermögen für die Bedeutung der Menschenrechte entsteht gerade als Ergebnis eines langen, auch aus mannigfachen Leiden und Opfern bestehenden Weges, der dazu beigetragen hat, das Bewusstsein für die Kostbarkeit, Einzigkeit und Unwiederholbarkeit jedes einzelnen Menschen heranzubilden. Dieses kulturelle Bewusstsein hat seine Grundlage nicht nur in den Ereignissen der Geschichte, sondern vor allem im europäischen Denken, das gekennzeichnet ist durch ein reichhaltiges Zusammenfließen, dessen vielfältige, weit zurückliegende Quellgründe „aus Griechenland und aus Rom, aus keltischem, germanischem und slawischem Boden und aus dem Christentum [stammen], das sie tief geprägt hat“ Johannes Paul II., Ansprache an die Parlamentarische Versammlung des Europarates, Straßburg, 8. Oktober 1988, 3. und so zu der Idee der „Person“ führte.
  Heute spielt die Förderung der Menschenrechte eine zentrale Rolle im Engagement der Europäischen Union, mit dem Ziel, die Würde der Person zu stützen, sowohl innerhalb Europas als auch in der Beziehung zu den anderen Ländern. Es handelt sich um ein wichtiges und bewundernswertes Engagement, denn es bestehen immer noch zu viele Situationen, in denen Menschen wie Objekte behandelt werden, deren Empfängnis, Gestaltung und Brauchbarkeit man programmieren und sie dann wegwerfen kann, wenn sie nicht mehr nützlich sind, weil sie schwach, krank oder alt geworden sind.
  In der Tat, welche Würde besteht, wenn die Möglichkeit fehlt, frei die eigene Meinung zu äußern oder ohne Zwang den eigenen Glauben zu bekennen? Welche Würde ist möglich ohne einen klaren juristischen Rahmen, der die Gewaltherrschaft begrenzt und das Gesetz über die Tyrannei der Macht siegen lässt? Welche Würde kann jemals ein Mensch haben, der zum Gegenstand von Diskriminierung aller Art gemacht wird? Welche Würde soll jemals einer finden, der keine Nahrung bzw. das Allernotwendigste zum Leben hat und – schlimmer noch – dem die Arbeit fehlt, die ihm Würde verleiht?
  Die Würde des Menschen zu fördern, bedeutet anzuerkennen, dass er unveräußerliche Rechte besitzt, deren er nicht nach Belieben und noch weniger zugunsten wirtschaftlicher Interessen von irgendjemandem beraubt werden kann.
  Man muss aber Acht geben, nicht Missverständnissen zu verfallen, die aus einem falschen Verständnis des Begriffes Menschenrechte und deren widersinnigem Gebrauch hervorgehen. Es gibt nämlich heute die Tendenz zu einer immer weiter reichenden Beanspruchung der individuellen Rechte, hinter der sich ein aus jedem sozialen und anthropologischen Zusammenhang herausgelöstes Bild des Menschen verbirgt, der gleichsam als „Monade“ μονάς zunehmend unsensibel wird für die anderen „Monaden“ in seiner Umgebung. Mit der Vorstellung des Rechtes scheint die ebenso wesentliche und ergänzende der Pflicht nicht mehr verbunden zu sein, so dass man schließlich die Rechte des Einzelnen behauptet, ohne zu berücksichtigen, dass jeder Mensch in einen sozialen Kontext eingebunden ist, in dem seine Rechte und Pflichten mit denen der anderen und zum Gemeinwohl der Gesellschaft selbst verknüpft sind.
  Ich meine daher, dass es überaus wichtig ist, heute eine Kultur der Menschenrechte zu vertiefen, die weise die individuelle, oder besser die persönliche Dimension mit der des Gemeinwohls – mit jenem „’Wir alle’, das aus Einzelnen, Familien und kleineren Gruppen gebildet wird, die sich zu einer sozialen Gemeinschaft zusammenschließen“ Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in Veritate,717; vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Past.Konst. Gaudium et spes, 26. – zu verbinden versteht. Wenn nämlich das Recht eines jeden nicht harmonisch auf das größere Wohl hin ausgerichtet ist, wird es schließlich als unbegrenzt aufgefasst und damit zur Quelle von Konflikten und Gewalt.
   Von der transzendenten Würde des Menschen zu sprechen, bedeutet also, sich auf seine Natur zu berufen, auf seine angeborene Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, auf jenen „Kompass“, der in unsere Herzen eingeschrieben ist und den Gott dem geschaffenen Universum eingeprägt hat. Vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, 37. Vor allem bedeutet es, den Menschen nicht als ein Absolutes zu betrachten, sondern als ein relationales Wesen. Eine der Krankheiten, die ich heute in Europa am meisten verbreitet sehe, ist die besondere Einsamkeit dessen, der keine Bindungen hat. Das wird speziell sichtbar bei den alten Menschen, die oft ihrem Schicksal überlassen sind, wie auch bei den Jugendlichen, die keine Bezugspunkte und keine Zukunfts-Chancen haben; es wird sichtbar bei den vielen Armen, die unsere Städte bevölkern; es wird sichtbar in dem verlorenen Blick der Migranten, die hierhergekommen sind, auf der Suche nach einer besseren Zukunft.
  Diese Einsamkeit ist dann durch die Wirtschaftskrise verschärft worden, deren Wirkungen noch andauern mit Konsequenzen, die unter gesellschaftlichem Gesichtspunkt dramatisch sind. Zudem kann man feststellen, dass im Laufe der letzten Jahre mit dem Prozess der Erweiterung der Europäischen Union eine Steigerung des Misstrauens der Bürger gegenüber Institutionen einhergeht, die als fern betrachtet werden, damit beschäftigt, Regeln aufzustellen, die als weitab von der Sensibilität der einzelnen Völker, wenn nicht sogar als schädlich wahrgenommen werden. Von mehreren Seiten aus gewinnt man den Gesamteindruck der Müdigkeit und der Alterung, die Impression eines Europas, das Großmutter und nicht mehr fruchtbar und lebendig ist. Demnach scheinen die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben zugunsten von bürokratischen Verwaltungsapparaten seiner Institutionen.
  Dazu kommen einige etwas egoistische Lebensstile, die durch einen mittlerweile unhaltbaren Überfluss gekennzeichnet und oft ihrer Umgebung, vor allem den Ärmsten gegenüber gleichgültig sind. Mit Bedauern ist festzustellen, dass im Mittelpunkt der politischen Debatte technische und wirtschaftliche Fragen vorherrschen auf Kosten einer authentischen anthropologischen Orientierung. Vgl. Evangelii gaudium, 55. Der Mensch ist in Gefahr, zu einem bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden, der ihn nach dem Maß eines zu gebrauchenden Konsumgutes behandelt, so dass er – wie wir leider oft beobachten – wenn das Leben diesem Mechanismus nicht mehr zweckdienlich ist, ohne viel Bedenken ausgesondert wird, wie im Fall der Kranken im Endstadium, der verlassenen Alten ohne Pflege oder der Kinder, die vor der Geburt getötet werden.
  Es ist das große Missverständnis, das geschieht, „wenn sich die Verabsolutierung der Technik durchsetzt“, Benedikt XVI., Caritas in Veritate,71. die schließlich zu einer »Verwechslung von Zielen und Mitteln“ ebd. führt. Das ist ein unvermeidliches Ergebnis der „Wegwerf-Kultur“ und des „hemmungslosen Konsumismus“. Dagegen bedeutet die Menschenwürde zu behaupten, die Kostbarkeit des menschlichen Lebens zu erkennen, das uns unentgeltlich geschenkt ist und deshalb nicht Gegenstand von Tausch oder Verkauf sein kann. Sie sind in Ihrer Berufung als Parlamentarier auch zu einer großen Aufgabe ausersehen, die vielleicht unnütz erscheinen mag: sich der Gebrechlichkeit der Völker und der einzelnen Menschen anzunehmen. Sich der Gebrechlichkeit anzunehmen bedeutet Kraft und Zärtlichkeit, bedeutet Kampf und Fruchtbarkeit inmitten eines funktionellen und privatistischen Modells, das unweigerlich zur „Wegwerf-Kultur“ führt. Sich der Gebrechlichkeit der Menschen und der Völker anzunehmen bedeutet, das Gedächtnis und die Hoffnung zu bewahren; es bedeutet, die Gegenwart in ihrer nebensächlichsten und am meisten beängstigenden Situation auf sich zu nehmen und fähig zu sein, sie mit Würde zu salben. Vgl. Evangelii gaudium, 209.
  Wie kann man also der Zukunft wieder Hoffnung verleihen, so dass – angefangen bei den jungen Generationen – das Vertrauen wiedergewonnen wird, das große Ideal eines vereinten und friedvollen, kreativen und unternehmungsfreudigen Europas zu verfolgen, das die Rechte achtet und sich der eigenen Pflichten bewusst ist?

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 Raffael (1510) Die Schule von Athen, 1510: 
Bildmitte links: Platon, Bildmitte: Aristoteles

   Um diese Frage zu beantworten, gestatten Sie mir, auf ein Bild zurückzugreifen. Eine der berühmtesten Fresken Raffaels im Vatikan stellt die sogenannte Schule von Athen dar. In ihrem Mittelpunkt stehen Platon und Aristoteles. Der erste deutet mit dem Finger nach oben, zur Welt der Ideen, zum Himmel, könnten wir sagen; der zweite streckt die Hand nach vorne, auf den Betrachter zu, zur Erde, der konkreten Wirklichkeit. Das scheint mir ein Bild zu sein, das Europa und seine Geschichte gut beschreibt, die aus der fortwährenden Begegnung zwischen Himmel und Erde besteht, wobei der Himmel die Öffnung zum Transzendenten, zu Gott beschreibt, die den europäischen Menschen immer gekennzeichnet hat, und die Erde seine praktische und konkrete Fähigkeit darstellt, die Situationen und Probleme anzugehen.
  Die Zukunft Europas hängt von der Wiederentdeckung der lebendigen und untrennbaren Verknüpfung dieser beiden Elemente ab. Ein Europa, das nicht mehr fähig ist, sich der transzendenten Dimension des Lebens zu öffnen, ist ein Europa, das in Gefahr gerät, allmählich seine Seele zu verlieren und auch jenen „humanistischen Geist“, den es doch liebt und verteidigt.
  Gerade ausgehend von der Notwendigkeit einer Öffnung zum Transzendenten möchte ich die Zentralität des Menschen bekräftigen, der andernfalls zum Spielball der Moden und der jeweiligen Mächte wird. In diesem Sinne halte ich nicht nur das Erbe, welches das Christentum in der Vergangenheit der soziokulturellen Gestaltung des Kontinentes überlassen hat, für grundlegend, sondern vor allem den Beitrag, den es heute und in der Zukunft zu dessen Wachstum zu leisten gedenkt. Dieser Beitrag stellt nicht eine Gefahr für die Laizität der Staaten und für die Unabhängigkeit der Einrichtungen der Union dar, sondern eine Bereicherung. Das zeigen uns die Ideale, die Europa von Anfang an geformt haben,  wie der Friede, die Subsidiarität und die wechselseitige Solidarität – ein Humanismus, in dessen Zentrum die Achtung der Würde der Person steht.
  Darum möchte ich erneut die Bereitschaft des Heiligen Stuhls und der katholischen Kirche betonen, durch die Kommission der Europäischen Bischofskonferenzen COMECE einen gewinnbringenden, offenen und transparenten Dialog mit den Institutionen der Europäischen Union zu pflegen. Ebenso bin ich überzeugt, dass ein Europa, das fähig ist, sich die eigenen religiösen Wurzeln zunutze zu machen, indem es ihren Reichtum und ihre inneren Möglichkeiten zu ergreifen versteht, auch leichter immun sein kann gegen die vielen Extremismen, die sich in der heutigen Welt verbreiten – auch aufgrund des großen ideellen Vakuums, das wir im sogenannten Westen erleben, denn „es ist gerade die Gottvergessenheit und nicht seine Verherrlichung, die Gewalt erzeugt“. Benedikt XVI., Ansprache an die Mitglieder des Diplomatischen Korps, 7. Januar 2013.
  Wir können hier die zahlreichen Ungerechtigkeiten und Verfolgungen nicht unerwähnt lassen, die täglich die religiösen und besonders die christlichen Minderheiten in verschiedenen Teilen der Welt treffen. Gemeinschaften und Einzelne, die sich barbarischer Gewalt ausgesetzt sehen: aus ihren Häusern und ihrer Heimat vertrieben; als Sklaven verkauft; getötet, enthauptet, gekreuzigt und lebendig verbrannt – unter dem beschämenden und begünstigenden Schweigen vieler.
  Das Motto der Europäischen Union ist Einheit in der Verschiedenheit, doch Einheit bedeutet nicht politische, wirtschaftliche, kulturelle oder gedankliche Uniformität. In Wirklichkeit lebt jede authentische Einheit vom Reichtum der Verschiedenheiten, die sie bilden: wie eine Familie, die umso einiger ist, je mehr jedes ihrer Mitglieder ohne Furcht bis zum Grund es selbst sein kann. In diesem Sinn meine ich, dass Europa eine Familie von Völkern ist, welche die Institutionen der Union als nah empfinden können, falls diese es verstehen, das ersehnte Ideal der Einheit weise mit der je verschiedenen Eigenart eines jeden zu verbinden, indem sie die einzelnen Traditionen zur Geltung bringen, sich der Geschichte und der Wurzeln dieses Kontinents bewusst werden und sich von vielen Manipulationen und Ängsten befreien. Den Menschen ins Zentrum zu setzen bedeutet vor allem zuzulassen, dass er frei sein eigenes Gesicht und seine eigene Kreativität ausdrückt, sowohl auf der Ebene des Einzelnen als auch auf der des Volkes.
  Andererseits bilden die Eigenarten eines jeden in dem Maß, wie sie in den Dienst aller gestellt werden, einen echten Reichtum. Man muss sich immer an die besondere Struktur der Europäischen Union erinnern, die auf den Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität gründet, so dass die gegenseitige Hilfe vorherrscht und man, beseelt von gegenseitigem Vertrauen, vorangehen kann.
  In dieser Dynamik von Einheit und Eigenart ist Ihnen, meine Damen und Herren Europaabgeordnete, auch die Verantwortung übertragen, die Demokratie der Völker Europas lebendig zu erhalten. Es ist kein Geheimnis, dass eine vereinheitlichende Auffassung der Globalität der Vitalität des demokratischen Systems schadet, indem es dem reichen fruchtbaren und konstruktiven Gegensatz der Organisationen und der politischen Parteien untereinander seine Kraft nimmt. So läuft man Gefahr, im Reich der Idee, des bloßem Wortes, des Bildes, des Sophismus zu leben… und schließlich die Wirklichkeit der Demokratie mit einem neuen politischen Nominalismus zu verwechseln. Die Demokratie in Europa lebendig zu erhalten erfordert, viele „Globalisierungsarten“ zu vermeiden, die die Wirklichkeit verwässern: die engelhaften Purismen, die Totalitarismen des Relativen, die geschichtswidrigen Fundamentalismen, die Ethizismen ohne Güte, die Intellektualismen ohne Weisheit. Vgl. Evangelii gaudium, 231.
  Die Wirklichkeit der Demokratien lebendig zu erhalten ist eine Herausforderung dieses geschichtlichen Momentes: zu vermeiden, dass ihre reale Kraft – die politische Ausdruckskraft der Völker – verdrängt wird angesichts des Drucks multinationaler nicht universaler Interessen, die sie schwächen und in vereinheitlichende Systeme finanzieller Macht im Dienst von unbekannten Imperien verwandeln. Das ist eine Herausforderung, die Ihnen die Geschichte heute stellt.
 Europa Hoffnung geben bedeutet nicht nur die Zentralität des Menschen anzuerkennen, sondern schließt auch ein, seine Begabungen zu fördern. Es geht deshalb darum, in ihn und in die Bereiche zu investieren, in denen seine Talente sich entwickeln und Frucht bringen. Der erste Bereich ist gewiss der der Erziehung, angefangen von der Familie, welche die grundlegende Zelle und ein kostbarer Bestandteil jeder Gesellschaft ist. Die geeinte, fruchtbare und unauflösliche Familie bringt die fundamentalen Elemente mit sich, um Zukunftshoffnung zu geben. Ohne diese Festigkeit baut man letztlich auf Sand, mit schweren gesellschaftlichen Folgen. Andererseits dient die Betonung der Bedeutung der Familie nicht nur dazu, den neuen Generationen Aussichten und Hoffnung zu vermitteln, sondern auch den zahlreichen alten Menschen, die oft gezwungen sind, in Situationen der Einsamkeit und der Verlassenheit zu leben, weil es nicht mehr die Wärme einer häuslichen Gemeinschaft gibt, die imstande ist, sie zu begleiten und zu unterstützen.
  Neben der Familie gibt es das Erziehungswesen: Schulen und Universitäten. Die Erziehung darf sich nicht darauf beschränken, eine Ansammlung von technischen Kenntnissen zu vermitteln, sondern muss den äußerst komplexen Wachstumsprozess des Menschen in seiner Ganzheit fördern. Die Jugendlichen von heute verlangen, eine angemessene und vollständige Ausbildung erhalten zu können, um mit Hoffnung in die Zukunft zu schauen und nicht mit Enttäuschung. Zahlreich sind zudem die kreativen Möglichkeiten Europas auf verschiedenen Gebieten der wissenschaftlichen Forschung, von denen einige noch nicht ganz erkundet sind. Man denke beispielsweise nur an die alternativen Energiequellen, deren Entwicklung dem Umweltschutz von großem Nutzen wäre.
  Europa hat in einem lobenswerten Einsatz zugunsten der Ökologie immer in der vordersten Reihe gestanden. Diese unsere Erde braucht tatsächlich eine ständige Pflege und Aufmerksamkeit, und jeder trägt eine persönliche Verantwortung in der Bewahrung der Schöpfung, dieses kostbaren Geschenkes, das Gott in die Hände der Menschen gelegt hat. Das bedeutet einerseits, dass die Natur uns zur Verfügung steht, wir uns an ihr freuen und sie in rechter Weise gebrauchen können. Andererseits bedeutet es jedoch, dass wir nicht ihre Herren sind. Hüter, aber nicht Herren. Wir müssen sie deshalb lieben und achten, stattdessen sind wir „oft vom Hochmut des Herrschens, des Besitzens, des Manipulierens, des Ausbeutens geleitet; wir ‚hüten’ sie nicht, wir achten sie nicht, wir betrachten sie nicht als unentgeltliches Geschenk, für das wir Sorge tragen müssen.“ Papst Franziskus, Generalaudienz, 5. Juni 2013. Die Umwelt achten bedeutet aber nicht nur, sich darauf zu beschränken, sie nicht zu verderben, sondern auch, sie für das Gute zu nutzen. Ich denke vor allem an den landwirtschaftlichen Sektor, der berufen ist, dem Menschen Unterstützung und Nahrung zu liefern. Es ist nicht tolerierbar, dass Millionen von Menschen in der Welt den Hungertod sterben, während jeden Tag Tonnen von Lebensmitteln von unseren Tischen weggeworfen werden. Außerdem erinnert uns die Achtung gegenüber der Natur daran, dass der Mensch selbst ein grundlegender Teil von ihr ist. Neben der Ökologie der Umwelt bedarf es daher jener Ökologie des Menschen, die in der Achtung der Person besteht, die ich heute in meinen Worten an Sie ins Gedächtnis rufen wollte.
  Der zweite Bereich, in dem die Talente des Menschen zur Blüte kommen, ist die Arbeit. Es ist Zeit, die Beschäftigungspolitik zu fördern, vor allem aber ist es notwendig, der Arbeit wieder Würde zu verleihen, indem man auch angemessene Bedingungen für ihre Ausübung gewährleistet. Das schließt einerseits ein, neue Methoden zu finden, um die Flexibilität des Marktes mit der Notwendigkeit von Stabilität und Sicherheit der Arbeitsperspektiven zu verbinden, die für die menschliche Entwicklung der Arbeiter unerlässlich sind. Andererseits bedeutet es, einen angemessenen sozialen Kontext zu begünstigen, der nicht auf die Ausbeutung der Menschen ausgerichtet ist, sondern durch die Arbeit die Möglichkeit garantiert, eine Familie aufzubauen und die Kinder zu erziehen.
  Gleichermaßen ist es notwendig, gemeinsam das Migrationsproblem anzugehen. Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird! Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landen, sind Männer und Frauen, die Aufnahme und Hilfe brauchen. Das Fehlen gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Europäischen Union läuft Gefahr, partikularistische Lösungen des Problems anzuregen, welche die Menschenwürde der Einwanderer nicht berücksichtigen und Sklavenarbeit sowie ständige soziale Spannungen begünstigen. Europa wird imstande sein, die mit der Einwanderung verbundenen Problemkreise zu bewältigen, wenn es versteht, in aller Klarheit die eigene kulturelle Identität vorzulegen und geeignete Gesetze in die Tat umzusetzen, die fähig sind, die Rechte der europäischen Bürger zu schützen und zugleich die Aufnahme der Migranten zu garantieren; wenn es korrekte, mutige und konkrete politische Maßnahmen zu ergreifen versteht, die den Herkunftsländern der Migranten bei der sozio-politischen Entwicklung und bei der Überwindung der internen Konflikte – dem Hauptgrund dieses Phänomens – helfen, anstatt Politik der Eigeninteressen zu betreiben, die diese Konflikte steigert und nährt. Es ist notwendig, auf die Ursachen einzuwirken und nicht nur auf die Folgen.
  Herr Präsident, Exzellenzen, meine Damen und Herren Abgeordnete,
das Bewusstsein der eigenen Identität ist auch notwendig, um konstruktiv mit den Staaten zu verhandeln, die gebeten haben, in Zukunft der Union beizutreten. Ich denke vor allem an jene aus dem balkanischen Raum, für die der Eintritt in die Europäische Union dem Friedensideal entsprechen kann, in einer Region, die unter den Konflikten der Vergangenheit so sehr gelitten hat. Und schließlich ist das Bewusstsein der eigenen Identität unerlässlich in den Beziehungen zu den anderen Nachbarländern, besonders zu denen, die ans Mittelmeer grenzen, von denen viele aufgrund innerer Konflikte und unter dem Druck des religiösen Fundamentalismus und des internationalen Terrorismus leiden.
  Ihnen, verehrte Mitglieder des Parlaments, kommt als gesetzgebende Instanz die Aufgabe zu, die europäische Identität zu bewahren und wachsen zu lassen, damit die Bürger wieder Vertrauen in die Institutionen der Union und in den Plan des Friedens und der Freundschaft gewinnen, der das Fundament der Union ist. „Je mehr […] die Macht der Menschen wächst, desto mehr weitet sich ihre Verantwortung, sowohl die der Einzelnen wie die der Gemeinschaften.“ Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes, 34. In diesem Wissen appelliere ich daher an Sie, daran zu arbeiten, dass Europa seine gute Seele wiederentdeckt.
  Ein anonymer Autor des 2. Jahrhunderts schrieb, dass „die Christen in der Welt das sind, was die Seele im Leib ist“. Vgl. Brief an Diognet, 6. Die Aufgabe der Seele ist es, den Leib aufrecht zu erhalten, sein Gewissen und sein geschichtliches Gedächtnis zu sein.  Und eine zweitausendjährige Geschichte verbindet Europa mit dem Christentum. Eine Geschichte, die nicht frei von Konflikten und Fehlern, immer aber beseelt war von dem Wunsch, am Guten zu bauen. Das sehen wir an der Schönheit unserer Städte und mehr noch an der Schönheit der vielfältigen Werke der Liebe und des gemeinschaftlichen Aufbaus, die den Kontinent überziehen. Diese Geschichte ist zum großen Teil erst noch zu schreiben. Sie ist unsere Gegenwart und auch unsere Zukunft. Sie ist unsere Identität. Und Europa hat es dringend nötig, sein Gesicht wiederzuentdecken, um – nach dem Geist seiner Gründungsväter – im Frieden und in der Eintracht zu wachsen, denn es selbst ist noch nicht frei von Konflikten.
  Liebe Europaabgeordnete, die Stunde ist gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Werte; das Europa, das mutig seine Vergangenheit umfasst und vertrauensvoll in die Zukunft blickt, um in Fülle und voll Hoffnung seine Gegenwart zu leben. Es ist der Moment gekommen, den Gedanken eines verängstigten und in sich selbst verkrümmten Europas fallen zu lassen, um ein Europa zu erwecken und zu fördern, das ein Protagonist ist und Träger von Wissenschaft, Kunst, Musik, menschlichen Werten und auch Träger des Glaubens ist. Das Europa, das den Himmel betrachtet und Ideale verfolgt; das Europa, das auf den Menschen schaut, ihn verteidigt und schützt; das Europa, das auf sicherem, festem Boden voranschreitet, ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit! Danke. RV141125ord

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Ansprache des Papstes an den Europarat
bei seinem Besuch in Straßburg sprach der Papst vor dem Europarat. Hier die offizielle Übersetzung.

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Herr Generalsekretär, Frau Präsidentin, Exzellenzen, meine Damen und Herren,
  ich freue mich, vor diesem Plenum das Wort ergreifen zu können, in dem eine bedeutende Gruppe der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, die Vertreter der Mitgliedsländer, die Richter des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte wie auch die verschiedenen Einrichtungen, die den Europarat bilden, zusammengekommen sind. Tatsächlich ist fast ganz Europa in dieser Aula zugegen, mit seinen Völkern, seinen Sprachen, seinen kulturellen und religiösen Ausdrucksformen, die den Reichtum dieses Kontinentes ausmachen. Besonders dankbar bin ich dem Generalsekretär des Europarats, Herrn Thorbjørn Jagland, für die freundliche Einladung und für die liebenswürdigen Worte, mit denen er mich willkommen geheißen hat. Ich begrüße die Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung, Frau Anne Brasseur, sowie die Vertreter der verschiedenen Institutionen, die gemeinsam den Europarat bilden. Ihnen allen danke ich von Herzen für Ihren großherzigen Einsatz und den Beitrag, den Sie zum Frieden leisten durch die Förderung der Demokratie, der Menschenrechte und des Rechtsstaates.
  In der Absicht seiner Gründungsväter entsprach der Europarat, der in diesem Jahr sein 65. Bestehen feiert, einem geistigen Streben nach Einheit, welches das Leben des Kontinents von alters her immer wieder beseelt hat. Dennoch haben im Laufe der Jahrhunderte wiederholt partikularistische Impulse überwogen, die durch eine Folge verschiedener Vormachtsbestrebungen gekennzeichnet waren.  Man denke nur daran, dass zehn Jahre vor jenem 5. Mai 1949, an dem in London das Gründungsabkommen des Europarates unterzeichnet wurde, der blutigste und erschütterndste Konflikt begann, den diese Länder je gesehen haben und dessen Teilungen über lange Jahre fortdauerten, als der sogenannte Eiserne Vorhang den Kontinent von der Ostsee bis zum Golf von Triest in zwei Teile trennte. Der Plan der Gründungsväter sah vor, Europa wiederherzustellen in einem Geist gegenseitigen Dienstes, was noch heute, in einer Welt, die mehr zum Fordern als zum Dienen neigt, der Schlussstein der Mission des Europarates sein muss, um den Friedens, die Freiheit und die Menschenwürde zu fördern.
  Andererseits besteht der bevorzugte Weg zum Frieden – und zur Vermeidung einer Wiederholung dessen, was in den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts geschehen ist – darin, im anderen nicht einen Feind zu sehen, der bekämpft werden muss, sondern einen Bruder, der anzunehmen ist. Es handelt sich um einen ständigen Prozess, der niemals als gänzlich vollendet betrachtet werden kann. Genau das haben die Gründungsväter erfasst; sie verstanden, dass der Friede ein Gut ist, das fortwährend errungen werden muss und das größte Wachsamkeit erfordert. Sie waren sich bewusst, dass die Kriege aus der Absicht entstehen, Räume in Besitz zu nehmen, die Prozesse einzufrieren und zu versuchen, sie aufzuhalten; dagegen suchten sie den Frieden, der nur verwirklicht werden kann in der ständigen Haltung, Prozesse in Gang zu setzen und sie voranzubringen.
  Auf diese Weise bekräftigten sie den Willen zu einem Weg der Reifung in der Zeit, denn die Zeit ist es, die über die Räume herrscht, sie hell macht und in eine Kette fortlaufenden Wachstums verwandelt, ohne Rückschritte. Darum ist es für den Aufbau des Friedens erforderlich, die Handlungen zu fördern, die eine neue Dynamik in der Gesellschaft erzeugen und weitere Menschen sowie Gruppen einbeziehen, die diese entwickeln, bis sie in wichtigen historischen Ereignissen Frucht bringen Vgl. Evangelii gaudium, 223.
  Aus diesem Grund riefen die Gründungsväter diese ständige Einrichtung ins Leben. Einige Jahre später erinnerte der selige Papst Paul VI. daran, dass „die Institutionen selbst, die in der Rechtsordnung und im internationalen Zusammenleben die Aufgabe und das Verdienst haben, den Frieden zu verkünden und zu erhalten, […] ihr providentielles Ziel [nur erreichen], wenn sie sich unablässig darum bemühen, wenn sie es verstehen, in jedem Augenblick den Frieden zu wecken, den Frieden herbeizuführen“. Botschaft zum 8. Weltfriedenstag, 8. Dezember 1974. Es bedarf eines ständigen Weges der Humanisierung: „Es genügt nicht, die Kriege einzudämmen, die Kämpfe einzustellen […] es genügt kein aufgezwungener Friede, kein zweckbedingter und provisorischer Friede. Wir müssen nach einem Frieden trachten, der geliebt wird, frei und brüderlich ist, das heißt in der Versöhnung der Menschen gründet.“ Ebd. Das bedeutet, die Prozesse ohne Ängstlichkeit voranzubringen, aber gewiss mit klaren Überzeugungen und mit Entschlossenheit.
  Um das Gut des Friedens zu gewinnen, muss man vor allem zum Frieden erziehen, indem man eine Kultur des Konfliktes fernhält, die auf die Angst vor dem anderen, auf die Ausgrenzung dessen, der anders denkt oder lebt, ausgerichtet ist. Freilich darf der Konflikt nicht ignoriert oder beschönigt werden; man muss sich ihm stellen. Wenn wir uns aber in ihn verstricken, verlieren wir die Perspektive, die Horizonte verengen sich, und die Wirklichkeit selbst zerbröckelt. Wenn wir in der Konfliktsituation verharren, verlieren wir den Sinn für die tiefe Einheit der Wirklichkeit Vgl. Evangelii gaudium, 226, halten die Geschichte an und verfallen der inneren Zermürbung durch fruchtlose Widersprüche.
  Leider wird der Friede noch allzu oft verletzt. Er ist es in vielen Teilen der Welt, wo Konflikte verschiedener Art wüten. Er ist es auch hier in Europa, wo Spannungen nicht aufhören. Wie viel Schmerz und wie viele Tote gibt es noch in diesem Kontinent, der den Frieden herbeisehnt und doch leicht den Versuchungen von einst verfällt! Darum ist das Werk des Europarates auf der Suche nach einer politischen Lösung der gegenwärtigen Krisen wichtig und ermutigend.
  Der Friede wird jedoch auch durch andere Formen des Konflikts wie den religiösen und internationalen Terrorismus auf die Probe gestellt, der eine tiefe Verachtung für das menschliche Leben hegt und unterschiedslos unschuldige Opfer fordert. Dieses Phänomen wird leider durch einen sehr oft ungestörten Waffenhandel gefördert. Die Kirche betrachtet den Waffenhandel als „eine der schrecklichsten Wunden der Menschheit, er schädigt unerträglich die Armen“. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2329; Zweites Vatikanisches Konzil, Gaudium et spes 81. Der Friede wird auch verletzt durch den Menschenhandel, die neue Sklaverei unserer Zeit, welche die Menschen in Handelsware verwandelt und sie jeder Würde beraubt. Nicht selten stellen wir dann fest, dass diese Phänomene miteinander verbunden sind. Der Europarat spielt durch seine Komitees und die Expertengruppen eine wichtige und bedeutsame Rolle bei der Bekämpfung solcher Formen von Unmenschlichkeit.
  Doch der Friede ist nicht das bloße Nichtvorhandensein von Kriegen, Konflikten und Spannungen. Aus christlicher Sicht ist er zugleich Geschenk Gottes und Frucht des freien und vernünftigen Handelns des Menschen, der in Wahrheit und Liebe das Gemeinwohl im Auge hat. „Diese geistige und sittliche Ordnung stützt sich gerade auf die Gewissensentscheidung der Menschen für eine Harmonie in ihren wechselseitigen Beziehungen, und dies unter Beachtung der Gerechtigkeit für alle.“ Johannes Paul II., Botschaft zum 15. Weltfriedenstag, 8. Dezember 1981, 4.
Wie kann man also das hochgesteckte Ziel des Friedens verfolgen?
  Der vom Europarat gewählte Weg ist vor allem der der Förderung der Menschenrechte, mit der die Entwicklung der Demokratie und des Rechtsstaates verbunden ist. Es ist eine besonders wertvolle Arbeit mit bemerkenswerten ethischen und gesellschaftlichen Auswirkungen, denn von einem rechten Verständnis dieser Begriffe und ihrer fortwährenden gedanklichen Vertiefung hängt die Entwicklung unserer Gesellschaften, ihr friedliches Zusammenleben und ihre Zukunft ab. Dieses Studium ist einer der großen Beiträge, die Europa der ganzen Welt geliefert hat und noch liefert.
  An diesem Ort sehe ich mich daher in der Pflicht, an die Bedeutung des europäischen Beitrags und der europäischen Verantwortung für die kulturelle Entwicklung der Menschheit zu erinnern. Ich möchte dies tun, indem ich von einem Bild ausgehe, das ich einem italienischen Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts, Clemente Rebora, entnehme. Er beschreibt in einem seiner Gedichte eine Pappel mit ihren gen Himmel ausgestreckten und vom Wind bewegten Zweigen, ihrem starken und festen Stamm und den tiefen Wurzeln, die sich in die Erde hinabsenken. (Il pioppo, in: Canti dell‘Infermità, ed. Vanni Scheiwiller, Mailand 1957, 32: „Vibra nel vento con tutte le sue foglie / il pioppo severo; / spasima l’aria in tutte le sue doglie / nell’ansia del pensiero: / dal tronco in rami per fronde si esprime / tutte al ciel tese con raccolte cime: / fermo rimane il tronco del mistero, / e il tronco s’inabissa ov’è più vero”.) In einem gewissen Sinn können wir im Licht dieses Bildes an Europa denken.
 Im Laufe seiner Geschichte hat es sich immer nach oben hin ausgestreckt, neuen und ehrgeizigen Zielen entgegen, bewegt von einem unersättlichen Sehnen nach Erkenntnis, Entwicklung, Fortschritt, Frieden und Einheit. Doch das Sicherheben des Denkens, der Kultur, der wissenschaftlichen Entdeckungen ist nur möglich aufgrund der Festigkeit des Stammes und der Tiefe der Wurzeln, die ihn nähren. Wenn die Wurzeln eingehen, höhlt sich der Stamm allmählich aus und stirbt, und die Zweige – einst üppig und aufrecht – neigen sich zur Erde und fallen herunter. Hier liegt vielleicht eines der Paradoxe, die einer isolierten wissenschaftlichen Mentalität am wenigsten verständlich sind: Um der Zukunft entgegenzugehen, bedarf es der Vergangenheit, braucht es tiefe Wurzeln und bedarf es auch des Mutes, sich nicht vor der Gegenwart und ihren Herausforderungen zu verstecken. Es braucht Gedächtnis, Mut und eine gesunde menschliche Zukunftsvision.
  Andererseits, bemerkt Rebora, senkt sich der Stamm hinab, wo er der Wahrheit näher kommt. Vgl. ebd. Die Wurzeln nähren sich von der Wahrheit, welche die Nahrung, der Lebenssaft jeder Gesellschaft ist, die wirklich frei, menschlich und solidarisch sein will. Die Wahrheit aber appelliert an das Gewissen, das sich keiner Beeinflussung beugt und darum fähig ist, die eigene Würde zu erkennen und sich dem Absoluten zu öffnen. So wird es zur Quelle von Grundentscheidungen, die von der Suche nach dem Guten für die anderen und für sich selbst geleitet sind, und zum Ort einer verantwortlichen Freiheit. Johannes Paul II., Ansprache an die Parlamentarische Versammlung des Europarates, Straßburg, 8. Oktober 1988, 4.
  Man muss sich zudem vor Augen halten, dass ohne diese Suche nach der Wahrheit jeder zum Maß seiner selbst und seines Handelns wird und so den Weg zur subjektivistischen Behauptung der Rechte bahnt. Auf diese Weise wird der Begriff der Menschenrechte, der von sich aus Allgemeingültigkeit besitzt, durch die Idee des individualistischen Rechts ersetzt. Das führt dazu, sich im Grunde für die anderen nicht zu interessieren und jene Globalisierung der Gleichgültigkeit zu fördern,  die aus dem Egoismus entspringt und Frucht eines Menschenbildes ist, das unfähig ist, die Wahrheit aufzunehmen und eine authentische soziale Dimension zu leben.
  Ein solcher Individualismus macht menschlich arm und kulturell unfruchtbar, denn er schneidet tatsächlich jene ertragfähigen Wurzeln ab, in denen der Baum gründet. Aus dem gleichgültigen Individualismus geht der Kult des Überflusses hervor, welcher der Wegwerf-Kultur entspricht, in die wir eingetaucht sind. Wir besitzen wirklich zu viele Dinge, die oft nutzlos sind, aber wir sind nicht mehr fähig, authentische menschliche Beziehungen aufzubauen, die von der Wahrheit und von gegenseitiger Achtung geprägt sind. Und so haben wir heute das Bild eines verletzten Europas vor Augen, aufgrund der vielen Prüfungen der Vergangenheit, aber auch aufgrund der gegenwärtigen Krisen, die es anscheinend nicht mehr mit der früheren Lebenskraft und Energie zu bewältigen vermag. Ein etwas müdes und pessimistisches Europa, das sich durch die Neuheiten, die von den anderen Kontinenten kommen, belagert fühlt.
  Wir können Europa fragen: Wo ist deine Kraft? Wo ist jenes geistige Streben, das deine Geschichte belebt hat und durch das sie Bedeutung erlangte? Wo ist dein Geist wissbegieriger Unternehmungslust? Wo ist dein Durst nach Wahrheit, den du der Welt bisher mit Leidenschaft vermittelt hast?
  Von der Antwort auf diese Fragen wird die Zukunft des Kontinentes abhängen. Andererseits – um zum Bild Reboras zurückzukehren – kann ein Baumstamm ohne Wurzeln weiter den Anschein von Leben erwecken, aber in seinem Innern wird er hohl und stirbt ab. Europa muss darüber nachdenken, ob sein gewaltiges Erbe auf menschlichem, künstlerischem, technischem, sozialem, politischem, wirtschaftlichem und religiösem Gebiet ein bloßes museales Vermächtnis der Vergangenheit ist, oder ob es noch imstande ist, die Kultur zu inspirieren und seine Schätze der gesamten Menschheit zu erschließen. Bei der Beantwortung dieser Frage spielt der Europarat mit seinen Institutionen eine primäre Rolle.
  Ich denke besonders an die Funktion des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, der in gewisser Weise das „Gewissen“ Europas bei der Achtung der Menschenrechte darstellt. Es ist mein Wunsch, dass dieses Gewissen immer mehr reift, nicht für einen bloßen Konsens zwischen den Parteien, sondern als Frucht des Strebens nach jenen tiefen Wurzeln, die die Grundlagen bilden, welche die Gründungsväter des heutigen Europas wählten, um auf sie zu bauen.
  Zugleich mit den Wurzeln – die man suchen, finden und durch die tägliche Übung des Gedächtnisses lebendig erhalten muss, denn sie bilden das genetische Erbe Europas – sind da die aktuellen Herausforderungen des Kontinentes, die uns zu ständiger Kreativität verpflichten, damit diese Wurzeln im Heute fruchtbar sind und sich ausstrecken zu Utopien der Zukunft. Ich erlaube mir, nur zwei davon zu erwähnen: die Herausforderung der Multipolarität und die Herausforderung der Transversalität.
  Die Geschichte Europas kann uns nahelegen, sie naiver Weise als eine Bipolarität zu begreifen, oder höchstens als eine Tripolarität (denken wir an die historische Konzeption: Rom – Byzanz – Moskau), und uns bei der Interpretation der Gegenwart und der Projektion auf die Utopie der Zukunft hin  innerhalb dieses Schemas bewegen, das ein Ergebnis geopolitisch-hegemonischer Reduktionismen ist.
Heute liegen die Dinge anders, und wir können zu Recht von einem multipolaren Europa sprechen. Die Spannungen – die aufbauenden wie die zersetzenden – treten zwischen vielfältigen kulturellen, religiösen und politischen Polen auf. Europa steht heute vor der Herausforderung, diese Multipolarität in einmaliger Weise zu „globalisieren“. Die Kulturen sind nicht unbedingt deckungsgleich mit den Ländern: Einige Länder beherbergen verschiedene Kulturen, und einige Kulturen drücken sich in mehreren Ländern aus. Das gleiche gilt für politische, religiöse und gemeinschaftliche Ausdrucksformen.
  Die Multipolarität in einmaliger Weise zu globalisieren schließt die Bemühung um eine konstruktive Harmonie ein, die frei ist von Vormachtstellungen, die unter pragmatischem Gesichtspunkt den Weg zwar zu vereinfachen scheinen, aber letztlich die kulturelle und religiöse Ursprünglichkeit der Völker zerstören.
  Von der europäischen Multipolarität zu sprechen bedeutet, von Völkern zu sprechen, die entstehen, wachsen und sich auf die Zukunft hin orientieren. Die Aufgabe, die Multipolarität Europas zu globalisieren, können wir uns nicht mit dem Bild der Kugel vorstellen – in der alles gleich und geordnet ist, die sich aber als einschränkend erweist, denn alle Punkte sind gleich weit vom Zentrum entfernt –, sondern vielmehr mit dem des Polyeders, wo die harmonische Einheit des Ganzen die Besonderheit jedes einzelnen Teils bewahrt. Europa ist heute multipolar in seinen Beziehungen und seinen Bestrebungen; Europa ist weder denkbar noch konstruierbar, ohne diese multipolare Wirklichkeit von Grund auf anzunehmen.
  Die andere Herausforderung, die ich erwähnen möchte, ist die Transversalität. Ich gehe von einer persönlichen Erfahrung aus: In den Begegnungen mit Politikern verschiedener Länder Europas habe ich feststellen können, dass die jungen Politiker die Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive angehen als ihre reiferen Kollegen. Vielleicht sagen sie dem Anschein nach Ähnliches, doch der Ansatz ist anders. Das geschieht bei den jungen Politikern unterschiedlicher Parteien. Diese Erfahrungstatsache weist auf eine Realität des heutigen Europas hin, die man auf dem Weg der kontinentalen Konsolidierung und seiner Öffnung auf die Zukunft hin nicht übersehen darf: Diese Transversalität, die in allen Bereichen festzustellen ist, muss berücksichtigt werden. Das geht nicht ohne den Dialog auch zwischen den Generationen. Wenn wir heute den Kontinent beschreiben wollten, müssten wir von einem dialogisierenden Europa sprechen, das dafür sorgt, dass die Transversalität der Meinungen und Reflexionen den harmonisch vereinten Völkern dienlich ist.
  Diesen Weg der transversalen Kommunikation einzuschlagen, verlangt nicht nur ein Einfühlungsvermögen zwischen den Generationen, sondern eine geschichtsbewusste Wachstumsmethodologie. In der aktuellen politischen Welt Europas erweist sich der Dialog, der nur innerhalb der je eigenen (politischen, religiösen, kulturellen) Organismen stattfindet, als unfruchtbar. Die Geschichte verlangt heute die Fähigkeit, aus den Strukturen, welche die eigene Identität „einschließen“, zur Begegnung hinauszugehen, mit dem Ziel, ebendiese Identität in der brüderlichen Gegenüberstellung der Transversalität zu stärken und fruchtbarer zu machen. Ein Europa, das nur innerhalb der geschlossenen Zugehörigkeitsgruppen dialogisiert, bleibt auf halbem Wege stehen; es bedarf des jugendlichen Geistes, der die Herausforderung der Transversalität annimmt.
  Aus dieser Sicht begrüße ich den Willen des Europarates, sich im interkulturellen Dialog einschließlich seiner religiösen Dimension zu engagieren durch die Begegnungen über die religiöse Dimension des interkulturellen Dialogs. Es handelt sich um eine günstige Gelegenheit für einen offenen, respektvollen und bereichernden Austausch zwischen Menschen und Gruppen verschiedener Herkunft und unterschiedlicher ethnischer, sprachlicher und religiöser Tradition in einem Geist gegenseitigen Verständnisses und gegenseitiger Achtung.
  Solche Begegnungen scheinen bei der Suche nach einem eigenen Gesicht im aktuellen multikulturellen, multipolaren Umfeld besonders wichtig, um die europäische Identität, die sich in den Jahrhunderten herausgebildet hat, weise mit den Ansprüchen der anderen Völker zu verbinden, die sich nun auf dem Kontinent zeigen.
  In dieser Perspektive ist der Beitrag zu verstehen, den das Christentum heute zur kulturellen und gesellschaftlichen europäischen Entwicklung im Rahmen einer rechten Beziehung zwischen Religion und Gesellschaft leisten kann. Aus christlicher Sicht sind Vernunft und Glaube, Religion und Gesellschaft berufen, einander zu erhellen, indem sie sich gegenseitig unterstützen und, falls nötig, sich wechselseitig von den ideologischen Extremismen läutern, in die sie fallen können. Die gesamte europäische Gesellschaft kann aus einer neu belebten Verbindung zwischen den beiden Bereichen nur Nutzen ziehen, sei es, um einem religiösen Fundamentalismus entgegenzuwirken, der vor allem ein Feind Gottes ist, sei es, um einer „beschränkten“ Vernunft abzuhelfen, die dem Menschen nicht zur Ehre gereicht.
  Sehr zahlreich und aktuell sind die Themen, in denen es meiner Überzeugung nach eine gegenseitige Bereicherung geben kann und in denen die katholische Kirche – besonders durch den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) – mit dem Europarat zusammenarbeiten und einen grundlegenden Beitrag leisten kann. Im Licht des eben Gesagten ist da zunächst der Bereich einer ethischen Reflexion über die Menschenrechte, über die nachzudenken Ihre Organisation oft gefordert ist. Ich denke besonders an die Themen, die mit dem Schutz des menschlichen Lebens zusammenhängen – heikle Fragen, die einer aufmerksamen Prüfung unterzogen werden müssen, die die Wahrheit des ganzen Menschen berücksichtigt, ohne sich auf spezifische medizinische, wissenschaftliche oder juristische Bereiche zu beschränken.
  Ebenso zahlreich sind die Herausforderungen der modernen Welt, die untersucht werden müssen und eines gemeinsamen Einsatzes bedürfen, angefangen von der Aufnahme der Migranten; sie brauchen zunächst das Lebensnotwendige, hauptsächlich aber haben sie es nötig, dass ihre Menschwürde anerkannt wird. Dann ist da das ganze schwere Problem der Arbeit, vor allem wegen des hohen Niveaus der Jugendarbeitslosigkeit, das es in vielen Ländern gibt – eine echte Hypothek für die Zukunft –,  aber auch wegen der Frage nach der Würde der Arbeit.
  Ich habe den nachdrücklichen Wunsch, dass eine neue soziale und wirtschaftliche Zusammenarbeit entsteht, die frei ist von ideologischen Bedingtheiten und der globalisierten Welt zu begegnen weiß, indem sie den Sinn für Solidarität und gegenseitige Liebe lebendig erhält, der dank des großherzigen Wirkens von Hunderten von Männern und Frauen das Gesicht Europas so sehr geprägt hat. Diese Menschen – einige von ihnen betrachtet die katholische Kirche als Heilige – haben sich im Laufe der Jahrhunderte bemüht, den Kontinent zu entwickeln, sowohl durch unternehmerische Aktivität als auch im Erziehungswesen, in Hilfswerken und im Einsatz für Förderung des Menschen. Vor allem letztere stellen einen wichtigen Bezugspunkt für die zahlreichen Armen dar, die in Europa leben. Wie viele davon gibt es auf unseren Straßen! Sie bitten nicht nur um das Brot zum Leben, das elementarste der Rechte, sondern auch darum, den Wert des eigenen Lebens wiederzuentdecken, den die Armut leicht in Vergessenheit geraten lässt, und die Würde wiederzuerlangen, welche die Arbeit verleiht.
 Schließlich ist unter den Themen, die unser Nachdenken und unsere Zusammenarbeit erfordern, der Umweltschutz, die Verteidigung dieser unserer geliebten Erde, die unser großer Reichtum ist, den Gott uns gegeben hat und der uns zur Verfügung steht, nicht damit er verdorben, ausgebeutet und erniedrigt wird, sondern damit wir in Freude über seine grenzenlose Schönheit mit Würde leben können.
Herr Generalsekretär, Frau Präsidentin, Exzellenzen, meine Damen und Herren,
  der selige Papst Paul VI. hat die Kirche definiert als „Expertin in allem, was den Menschen betrifft“. Enzyklika Populorum progressio, 13. In der Nachfolge Christi sucht sie in der Welt – trotz der Sünden ihrer Kinder – nichts anderes, als zu dienen und Zeugnis für die Wahrheit abzulegen. Ebd. Nichts außer diesem Geist leitet uns in der Unterstützung des Weges der Menschheit.
  Mit dieser Grundeinstellung möchte der Heilige Stuhl seine Zusammenarbeit mit dem Europarat fortsetzen, der heute eine grundlegende Rolle bei der Formung des Denkens zukünftiger Generationen von Europäern spielt. Es geht darum, gemeinsam eine umfassende Überlegung anzustellen, damit eine Art „neuer Agora“ entsteht, in der jede zivile und religiöse Instanz – obschon in der Trennung der Bereiche und in der Verschiedenheit der Positionen – sich frei den anderen gegenüberstellen kann, ausschließlich bewegt von der Sehnsucht nach Wahrheit und dem Wunsch, das Gemeinwohl aufzubauen. Die Kultur geht nämlich stets aus der wechselseitigen Begegnung hervor, die darauf ausgerichtet ist, den geistigen Reichtum und die Kreativität ihrer Teilnehmer anzuregen; und das ist – außer der Verwirklichung des Guten – Schönheit. Mein Wunsch ist, dass Europa mit der Wiederentdeckung seines historischen Erbes und der Tiefe seiner Wurzeln sowie mit der Annahme seiner lebendigen Multipolarität und des Phänomens der dialogisierenden Transversalität jene geistige Jugend wiederfindet, die es fruchtbar und bedeutend gemacht hat. Danke! Rv141125ord

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EU-MartinSchulz-1x EU-Parlamentspräsident: „Papst beschäftigt sich mit Europas Politik“

Lobende Worte nach dem Papstbesuch: Europaparlamentspräsident Martin Schulz Foto ist zufrieden mit dem Besuch des Papstes. Im Gespräch mit unserer Korrespondentin vor Ort, Gudrun Sailer, geht der SPD-Politiker auf die Besonderheiten der Papstrede an die EU-Abgeordneten ein.
Überrascht, dass Papst, der Europa nicht richtig kennt, Patienten Europa so treffend analysiert?
  „Nein, überrascht war ich nicht. Ich glaube, dass sich der Papst sehr intensiv mit der europäischen Politik auseinandersetzt, wie man heute hören konnte auch mit der Geschichte der Migration in Europa. Ich glaube, das Bereichernde für uns ist, dass es der Blick eines lateinamerikanischen Priesters auf Europa ist. Das hilft uns, zwei Dinge zu erkennen: Erstens, wie wichtig eigentlich für andere Teile der Welt Europa immer noch ist und wie wichtig es deshalb von uns ist, Europa vom Kopf auf die Füße zu stellen.“
Sein wichtigstes Konzept, dass er in seiner Grundsatzrede präsentiert hat, war das Konzept eines Menschen mit unabdingbarer Würde. Was folgt daraus?
  „Zunächst einmal bin ich sehr dankbar dafür, dass das die Botschaft ist, weil es eine sehr katholische, sehr christliche Botschaft ist, aber es ist auch eine universelle Botschaft. Der Papst hat in seiner Rede Bezug genommen auf die christlichen Wurzeln Europas, aber eben auch auf die humanistischen. Das macht es für Nicht-Katholiken und Nicht-Christen sehr einfach, sich dieser sehr universellen Botschaft anzuschließen. Und das ist das Faszinierende an Papst Franziskus: Er schafft es, in dieser Vorgehensweise Menschen, die sich selbst vielleicht gar nicht als religiös betrachten, mitzunehmen und deshalb wiederhole ich das, was ich seit langer Zeit beobachten darf, sage: Das ist ein Mann, der Orientierung gibt in Zeiten der Orientierungslosigkeit. Jede Zeit hat diese Figuren nötig und in unserer Zeit ist ganz sicher Papst Franziskus eine solche Persönlichkeit, die Orientierung gibt in einer doch ziemlich starken Desorientierung.“
Papst Franziskus hat auch vor einem falschen Begriff von Menschenrechten gewarnt. Er sieht die Gefahr, dass sozusagen individuelle Rechte immer mehr Oberwasser gewinnen gegenüber dem Recht der Allgemeinheit. Ist das wirklich eine Ermahnung, die wir uns ins Stammbuch schreiben müssen?
  „Ohne jeden Zweifel, ja. Ich kann für mich persönlich nur sagen, dass ich das selten so präzise formuliert gehört habe. Ich bin seit langer Zeit zutiefst darüber besorgt, dass wir in einer Mischung aus Hedonismus auf der einen Seite – der zulässig ist, aber übertrieben wird – und einer bereichert-euch-hemmungslos-Philosophie, nehmt-was- ihr-nehmen-könnt-für-euch, dass wir in dieser Mischung einem gesellschaftlichen Kollaps entgegengehen. Nicht alles, was man machen kann, nicht alles, was machbar ist, ist auch verantwortbar. Und er hat ja auch von dieser technologischen Verwertung des Menschen gesprochen. Ein Freund von mir hat mal die Rolle von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen in Großunternehmen als Kostenfaktoren mit Ohren bezeichnet. Die werden dort als Kostenfaktoren mit Ohren betrachtet – aber nicht als Individuen, die eine Würde haben. Deswegen fand ich auch die Passage „Die Würde durch Arbeit, aber auch die Würde in der Arbeit“ ganz wichtig. Er hat absolut recht: Wenn wir nicht zurückkehren zu einer Gesellschaft, in der individuelle Freiheit ihre Grenzen dort findet, wo sie die Freiheit der anderen einschränkt, was übrigens so fast wörtlich im deutschen Grundgesetz steht, wenn wir nicht zu so einer Gesellschaft zurückkehren, dann werden sich die Gräben unserer Gesellschaft vertiefen. Und dann gehen wir sehr konfrontativen Zeiten entgegen.“
Das transzendente Menschenbild, das Papst Franziskus beschworen hat, meinen Sie, das wird bei manchen Parlamentariern auf taube Ohren stoßen oder vielleicht sogar Widerstand erregen?
  „Bestimmt. Es gibt sicher Mitglieder dieses Hauses, die das anders sehen. Ich fand das Bild der Schule von Athen sehr interessant: Der Finger, der auf die Erde und den Himmel weist. Es ist eindeutig, dass unsere Existenz sich zwischen Himmel und Erde abspielt – das ist schon so. Wir sind mit zwei Füßen auf der Erde, aber unser Kopf geht in Richtung Himmel, wenn wir den aufrechten Gang haben. Und das unser Leben verbunden ist mit Fragen, auf die wir ewig Antworten suchen, egal ob wir gläubig oder nicht gläubige Menschen sind. Auch die nicht-gläubigen Menschen suchen nach Antworten. Und die finden sie nicht nur im Materiellen, sondern die finden sie auch im Im- Materiellen. Und im Spirituellen. Ich glaube, es wird nicht allzu viele Abgeordnete geben, die diesen spirituellen Teil in der Rede ablehnen – dazu war er zu einnehmend vorgetragen. Denn er war ja einladen. Es war ja nicht so, dass der Papst eine Predigt gehalten hat: „Das ist ex cathedra, so, wie ich das jetzt sage.“ Sondern ganz im Gegenteil: Er hat ja vorgeschlagen, darüber nachzudenken, ob dieses Bild nicht auch beschreibt, was wir als Gesetzgeber zu tun haben. Nämlich: Gesetze zu machen, die nicht seelenlos sind. Sondern Gesetze zu machen, die eine Seele haben.
Der Besuch des Papstes war in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: Es war die kürzeste Papstreise überhaupt jemals im Ausland, für Franziskus-Verhältnisse zwei außergewöhnlich lange Reden und dann war noch bemerkbar für Leute wie unsere Kollegen von Radio Vatican, die den Papst bei jeder Reise begleiten, es war die kälteste Reise – einfach deswegen, weil keine Begegnung mit Gläubigen vorgesehen waren. Aber dieser Punkt mit der Kälte, das kam im Plenum nicht mehr so richtig zum Tragen, richtig?
  „Nun muss ich Ihnen sagen: Das sind Dinge, die außerhalb meines Einflussbereichs liegen. Wenn’s nach mir gegangen wäre, hätten wir mit dem Papst ein Bad in der Menge gemacht und andere Veranstaltungen. Ich erlebe das ja auch, wie der Papst auf Jugendtagen ist oder wenn er auf Menschen zugehen kann. Das sehr restriktive Zeitmanagement hier war ein ausdrücklicher Wunsch unserer Gäste, der Papst hat einen sehr kurzen Besuch hier gemacht, ich habe von Kälte nichts gespürt. Ganz im Gegenteil: Ich hatte im Plenum das Gefühl einer sehr warmherzigen Begegnung des Parlaments mit dem Papst. Und ich muss sagen, in den bilateralen Gesprächen war der Papst außergewöhnlich zugewandt zu den Gesprächspartnern – nicht nur zu mir, auch zu anderen. Ich kann dieses Gefühl nicht teilen. Im Gegenteil: Ich hatte persönlich einen sehr emotionalen Austausch mit ihm.“
Rv141125gs

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Ein intensiver Tag in Tirana - Foto: St.Paulus-Kathedrale in der Hauptstadt Albaniens

   Auch wenn sie nur einen Tag gedauert hat – die Reise von Papst Franziskus nach Albanien am Sonntag, 21. September, war seine erste offizielle Europareise, genauer: die erste ins nicht-italienische Europa. Geplant waren zwei Hauptakzente: die Ehrung der Märtyrer während des kommunistischen Regimes und, zweitens, der interreligiöse Dialog.
   „Der atheistische Kommunismus hat die Katholiken einer furchtbaren Verfolgung ausgesetzt; Albanien sah sich selbst als erster atheistischer Staat der Welt, der Atheismus wurde sogar in der Verfassung festgeschrieben. Das ist ein erstes Motiv für die Reise. Das zweite hat der Papst selbst bei seiner Rückkehr von der Reise nach Korea (Fotobericht > Papst) genannt: Es liegt ihm sehr am Herzen, zu einem Klima guten interreligiösen Zusammenlebens zu ermuntern. Die Koexistenz der verschiedenen Konfessionen und Religionen in Albanien soll eine Botschaft auch für andere Länder, für andere Teile der Welt sein.“
   Insgesamt sechs Ansprachen hat der Papst in der albanischen Hauptstadt Tirana gehalten – alle auf italienisch, wie Jesuitenpater Lombardi präzisierte. Höhepunkte des albanischen Sonntags war die Messe im Stadtzentrum, ein interreligiöses Treffen an der Katholischen Universität und die Vesper in der Kathedrale; beim letztgenannten Termin haben auch einige Überlebende der kommunistischen Verfolgung das Wort ergriffen.  

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   Fotos l-r: Mutter Teresa MC aus Albanien, Segensautogramm, Pfadfinder beten an ihrem Grab

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Papst Franziskus ist am Sonntag, 21. September, um 9 Uhr auf dem nach Mutter Teresa benannten Flughafen in Tirana von Ministerpräsident Edi Rama empfangen worden.
   Auf eine Willkommenszeremonie vor dem Präsidentenpalast folgte ein Höflichkeitsbesuch des Papstes beim Präsidenten und die Begegnung mit Repräsentanten der Öffentlichen Institutionen. Um 11 Uhr hat der Papst auf dem ”Mutter Teresa Platz” im Zentrum Tiranas die Messe gefeiert. Nach dem Mittagessen mit den Bischöfen des Landes kam es zur Begegnung mit Vertretern der anderen Konfessionen und Religionen. Um 17 Uhr betete der Papst mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen die Vesper in der Kathedrale. Vor seinem Rückflug nach Rom hat Franziskus das Bethanien-Haus besucht, wo die Kirche bedürftige Kinder betreut. DT-net-sb

at-Albanien-Religionsführer-x Albanien: Vom religiösen „Ground Zero“ zum Musterschüler

  Papst Franziskus führt seine erste innereuropäische Auslandsreise ausgerechnet in ein Land, das sich selbst 1967 - unter kommunistischem Regime - zum „ersten atheistischen Staat“ erklärt hatte: Albanien. Noch bis 1990 wurde jede Ausübung von Religion mit Gefängnis, Zwangsarbeit oder gar mit dem Tod bestraft. Heute, 14 Jahre nach der Wende, sind die Strukturen der Religionsgemeinschaften größtenteils wieder aufgebaut. Von den rund drei Millionen Einwohnern bekennen sich rund 20 Prozent zur orthodoxen, 15 Prozent zur katholischen, und ein Prozent zu protestantischen oder evangelikalen Kirchen. Der Anteil der Muslime beträgt rund 20 Prozent.
  Nach dem Fall des kommunistischen Regimes und der Aufhebung der Anti-Religionsgesetze hat die religiöse Landschaft in Albanien einem „ground zero“ geglichen: Kirchen, Klöster und Moscheen waren abgerissen oder in Lagerhallen, Sportstadien, Theater und andere säkulare Gebäude umgewandelt; Priester, Mönche, Nonnen und Imame ins Gefängnis geworfen, hingerichtet und in Arbeitslagern zu Tode geschunden worden. „Wer ein Kreuz- zeichen schlug und erwischt wurde, wanderte ins Gefängnis“, verdeutlichte Franziskanerprovinzial Pater Gazmend Tinaj die damalige Zeit der Verfolgung gegenüber „Kathpress“.
   Die Katholische Kirche habe die Verfolgung am härtesten getroffen. Ihr gut ausgebautes Netz an Schulen und Gesundheitseinrichtung und die Bildung der damaligen Elite, hätten die Kirche zum „Staatsfeind Nummer 1“ gemacht, so der Franziskanerpater. 30 Priester haben die Verfolgung überlebt, der Rest sei entweder hingerichtet oder in Arbeitslagern interniert worden. Der Franziskanerorden sei beispielgebend dafür, wie mit kirchlichen Einrichtungen und Gläubigen während des Kommunismus verfahren wurde: Die beiden Klöster in Shkodra sind in Sporthalle und Theater umgewandelt worden, 55 der damals 70 Patres haben das Regime nicht überlebt.

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Gottesdienst nach Befreiung
  Die politische Wende von 1990 ging auch mit einer „religiösen Wende“ einher: So feierten damals 50.000 Gläubige in Shkodra die Befreiung vom kommunistischen Regime. Von dort aus habe sich dann auch die Demokratie- bewegung weiter ausgebreitet, so der Franziskanerpater. Innerhalb der Kirche lief langsam der Wiederaufbau an. Nachdem Papst Johannes Paul II. im Rahmen seines Albanienbesuches 1993 die ersten vier Bischöfe geweiht hatte, waren zumindest die Grundstrukturen der Kirche wieder hergestellt. Der Heilige Stuhl eröffnete in Folge ein Priesterseminar in Shkodra und beauftragte die Jesuiten mit der Priesterausbildung.
  Im Jahr 2000 wurde der erste albanische Priester geweiht. Heute hat die katholische Kirche in Albanien rund 200 Priester, davon 34 Albaner, die sich um die Seelsorge der rund 450.000 Gläubigen in fünf Diözesen und einer apostolischen Administratur im Süden kümmern. Die meisten der ausländischen Priester kommen aus Italien.
  Trotzdem fehle es noch an Priestern, denn die Zahl der Gläubigen sei im Steigen begriffen: Erst in der letzten Osternacht hätten sich 104 Menschen, vorwiegend aus muslimischen Milieu, taufen lassen und immer mehr Leute kämen aus den Dörfern in die Städte. Eine zentrale Rolle beim Wiederaufbau spielte die Weltkirche: religiöse Organisationen aus aller Welt haben sich an der Wiederbelebung des religiösen „Ground Zero“ beteiligt, bestätigte auch der vatikanische Nuntius in Albanien, Ramiro Moliner Ingles, gegenüber „Kathpress“. Der Löwenanteil der finanziellen Aufwendungen für den Wiederaufbau sei aus dem Ausland geflossen, hier vor allem aus den europäischen Ländern. Caritas, Bischofskonferenzen und andere religiöse Vereine aber auch Einzelpersonen hätten beachtliche Summen gespendet. Und auch heute sei die albanische Kirche zu einem großen Teil durch Spenden finanziert.

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Interreligiöser Dialog ist vorbildlich
  Heute leben rund 20 Prozent orthodoxe, 15 Prozent katholische, ein Prozent evangelische Christen und 20 Prozent Muslime in Albanien. Die offiziellen Zahlen der Volkszählung von 2011 weichen zum Teil beträchtlich von den Angaben der Religionsgemeinschaften ab. So gibt es laut Zensus rund zehn Prozent katholische, sechs Prozent orthodoxe, rund ein Prozent evangelische Christen und 60 Prozent Muslime. Die Differenz erklärte der Nuntius mit Unregelmäßigkeiten bei der Volkszählung. Nicht alle Menschen seien erreicht worden oder hätten eine Angabe gemacht. Religiöse Fragen seien „delikate Angelegenheiten“, viele Gläubige hätten noch immer die Angst aus der kommunistischen Zeit im Hinterkopf und deshalb keine Angabe gemacht, so der Nuntius.
  Geradezu vorbildhaft sei heute der interreligiöse Dialog in Albanien, so Ingles weiter: Das Zusammenleben zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften beschränke sich nicht nur auf ein Nebeneinander, man habe etwa eine gemeinsame Erklärung gegen die Gräueltaten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ verabschiedet und gemeinsam für die verfolgten Christen im Irak gebetet. „Wir besuchen uns auch gegenseitig bei unseren religiösen Feiern.“ In einer vom Staat eingerichteten Kommission beraten Vertreter der orthodoxen, der katholische Kirchen und der Freikirchen gemeinsam mit den Muslimen.
  Neben den kirchlichen Strukturen habe unter der kommunistischen Herrschaft vor allem auch der Glaube und die christliche Wertehaltung gelitten, betonte Ingles weiter. Daraus ergebe sich der Auftrag der Kirche im Heute, den Gläubigen diese christliche Wertehaltung wieder zu vermitteln. Gegenseitiger Respekt und die Menschenrechte müssten wieder mehr in der Gesellschaft verankert werden. Staatlichen Religionsunterricht gebe es nicht, in den Pfarren werde aber in sogenannte Katechismus-Schulen Glaubensunterweisung angeboten.
  Die große Hoffnung der Kirche liege heute auf der Jugend. Zwar gebe es keinen staatlichen Religionsunterricht, sondern pfarrlich organisierte „Katechismus-Schulen“, aber anders als in den meisten europäischen Ländern sei die Jugend in Albanien sehr gut in die pfarrliche Struktur eingebunden, unterstrich dazu Tiranas Erzbischof Rrok Kola Mirdita. Aber auch in der Elterngeneration sei durch das Engagement der Kinder ein neuer Zugang zum kirchlichen Leben gelegt, obwohl die antireligiöse Propaganda des kommunistischen Regimes noch immer gewisse Ressentiments und eine Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche vor allem in der „Generation 60-plus“ hinterlassen habe.

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Wichtige Rolle der Laien
  Aktiv zeigen sich in Albanien auch die Laienbewegungen, von denen es gegenwärtig rund 20 gibt. Freiwilliges Engagement sei in Albanien aber immer noch negativ konnotiert. Zu tief sitze noch der „Zwang zur freiwilligen Arbeit im Kommunismus“, so Erzbischof Mirdita. Vor allem bei gläubigen Menschen habe sich hier aber schon viel getan. Bester Beweis dafür sei das freiwillige Engagement beim Rat der Europäischen Bischofskonferenzen gewesen, der 2011 in Tirana tagte. Auch beim Papstbesuch werden die Laien eine entscheidende Rolle spielen.
  Für die Zukunft der Kirche in Albanien wünscht sich der Erzbischof unter anderem mehr mediale Präsenz: Die katholische Kirche finde einen nur geringen Niederschlag in der albanischen Medienlandschaft. Da gebe es Aufholbedarf. Den Zugang wolle man sich vor allem durch verstärkte Aktivitäten im Erziehungs- und Gesundheitsbereich legen. Auf der „To-do-Liste“ der Kirche steht dem Erzbischof zufolge außerdem der Ausbau des kirchlichen Schulwesens: Zurzeit gebe es mehr Nachfrage als Angebot.  RVgs140902JenniferMostögl

St-MutterTeresa-Grab-x Albanien: „Enthusiasmus und große Freude“ vor Papstbesuch

 Foto: Gebet am Grab der Albanerin Agnes Gonxha Bojaxhiu, auch bekannt als "Mutter Teresa".
   Dreiundzwanzig Jahre lang hat das kommunistische Regime jegliche Religionsausübung im 1967 zum „ersten atheistischen Staat“ ausgerufenen Albanien unterdrückt und sämtliche kirchliche Strukturen beinahe völlig zerstört: Wenn nun am 21. September Papst Franziskus das Land besucht, so sei dies vor allem eine „Würdigung der albanischen Gläubigen, die trotz Verfolgung in dieser Zeit treu zur Kirche standen“. Das betonte im Gespräch mit „Kathpress“ der gastgebende Erzbischof von Tirana, Rrok Kola Mirdita. Unter den Katholiken des Landes herrsche angesichts des Besuchs „große Freude und Enthusiasmus“, so der Erzbischof. Zugleich werde durch die Visite ein Land, „dessen Image nicht immer das beste war“ als Ganzes gewürdigt.
  Anders als etwa in China habe die katholische Kirche in Albanien den kommunistischen Versuchen widerstanden, eine eigene, von der Weltkirche abgespaltene albanische Volkskirche zu etablieren. Der Papstbesuch streiche aber auch Albaniens Modellcharakter für den interreligiösen Dialog heraus und ermutige die Mitglieder der verschiedenen Glaubensgemeinschaften, „den Weg der Harmonie und Toleranz weiter miteinander zu gehen und die gemeinsamen Werte zu bewahren“, so Mirdita weiter, den Johannes Paul II. 1993 bei seinem Albanien-Besuch zum Erzbischof von Tirana geweiht hatte.
  Für den Franziskanerpater und Erzbischof der Diözese Shkodra-Pult, Angelo Massafra, ist der Papstbesuch eine Chance, den „etwas zurückgegangenen Enthusiasmus der Wende“ wieder neu zu entfachen. Er wünsche sich eine Entwicklung weg von einer klerikalen Kirche hin zu einer Volkskirche und hoffe, „dass der Papst die Gläubigen auffordern wird, sich in den Gemeinden mehr einzubringen und Verantwortung zu übernehmen“. Denn immer noch seien die Gläubigen daran gewöhnt, „dass die Priester die alleinige Verantwortung übernehmen“.
  Massafra erhoffe sich vom Papstbesuch außerdem einen Impuls für eine noch europafreundlichere Haltung. Auch die soziale Frage sei in einem armen Land wie Albanien ein großes Thema. Die oberen zehn Prozent der Bevölkerung seien vermögend, der Großteil der Albaner lebe aber in bitterer Armut. Problematisch sei vor allem die Lage vieler alter Menschen, die höchstens 100 Euro Pension pro Monat bekommen, zeigte sich Massafra besorgt.
  Die Ankündigung des Besuches sei in der gesamten Bevölkerung und auch von der Regierung mit „großer Freude und Zustimmung“ aufgenommen worden, betonte auch der vatikanische Nuntius in Albanien, Erzbischof Ramiro Moliner Ingles gegenüber „Kathpress“. Der Besuch stärke das Selbstbewusst des sonst eher im europäischen Hintergrund stehenden Landes. Er erhoffe sich auch Impulse für die Mission, denn auch 14 Jahre nach dem Fall des kommunistischen Regimes sei das Land vor allem im Süden, so wie der Papst schon gesagt habe, „Missionsland“.
Programm des eintägigen Besuches
  Franziskus wird am 21. September in der Hauptstadt Tirana mit Ministerpräsident Edi Rama und Staatspräsident Bujar Nishani zusammentreffen. Außerdem sind Begegnungen mit Vertretern anderer Religionen und christlicher Konfessionen sowie mit Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen vorgesehen. Höhepunkt soll ein Gottesdienst unter freiem Himmel in der Innenstadt von Tirana sein.
 Mit seinem Kurzbesuch stelle der Papst das Land vor gewisse logistische und organisatorische Herausforderungen, räumte Erzbischof Massafra ein. Zwei Kommissionen sind dafür zuständig, in die auch die Regierung eingebunden ist. Finanziert wird der Besuch teils von der Katholischen Kirche selbst, von der Regierung und zu einem großen Teil durch Spenden.
  Die Zahl der Katholiken in Albanien beläuft sich auf 450.000. Das entspricht rund 15 Prozent der Gesamt- bevölkerung. Organisiert ist die katholische Kirche des Landes in fünf Diözesen und einer apostolischen Administratur. Um die Seelsorge kümmern sich 200 Priester, von denen nur 34 aus Albanien selbst stammen. Die Kirche war nach dem kommunistischen Regime von 1967 bis 1990 beinahe ausgelöscht. Papst Johannes Paul II. reiste 1993 nach Albanien, weihte dort die ersten vier Bischöfe und errichtet somit eine neue Basisstruktur der Kirche. Das einzige Priesterseminar der Kirche befindet sich in Shkodra. Dort werden auch Seminaristen aus dem Kosovo und Montenegro ausgebildet.
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   Zwei große Gestalten des katholischen Glaubens im letzten Jahrhundert werden am Sonntag sozusagen Pate stehen: Mutter Teresa nämlich, die ursprünglich aus Albanien stammte, und Johannes Paul II. Der polnische Papst hatte im April 1993, wenige Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft, als erster Nachfolger Petri Albanien besucht. Dabei mußte er die von den Kommunisten zerstörte katholische Hierarchie im Land wiederherstellen, er weihte auf seiner Reise vier albanische Bischöfe.
   „Es ist der Mühe wert, sich an diese sehr emotionale Reise von damals zu erinnern: Alle, die damals mit dabei waren, werden sie nicht vergessen haben. Sehr starke Ansprachen – ich empfehle, sie noch einmal zu lesen, das ist nicht schwierig, denn so viele Reden waren das nicht. Am Nachmittag dachte Johannes Paul im Zentrum von Tirana über diese Erfahrung des Atheismus nach, der versucht hatte, Gott zu verneinen und den Menschen zu zerstören, und dass sich jetzt auf einmal eine neue Perspektive öffnete. Also, die Reise von Johannes Paul haben wir natürlich im Hinterkopf, während wir diese neue Reise von Papst Franziskus nach Albanien erleben.“
   In der katholischen Universität von Tirana wird sich Franziskus mit Repräsentanten von sechs Glaubens- gemeinschaften treffen. Neben der katholischen und der orthodoxen Kirche sind der sunnitische Islam und der dem Sufitum nahestehende Bektashi-Orden vertreten, der in Albanien viele Anhänger hat. Ausserdem werden an der Begegnung ein Protestant und ein Jude teilnehmen. Im Gefolge des Papstes reist auch der Präsident des päpstlichen Dialogrates, Kardinal Jean-Louis Tauran. Rund 60 Prozent der Albaner sind Muslime, jeder sechste gehört der katholischen Kirche an. Rv140916kap

ff-131-K-cdPietroParolin-x   Kardinal Pietro Parolin: Albanien ist ein Modell

   Der Papst wird bei seinem Besuch in Albanien amkommenden Sonntag betonen, dass das Land am Rand Europas in mancherlei Hinsicht „ein Modell“ ist. Das sagte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin jetzt in einem Gespräch mit Radio Vatikan. Die „Gründungsväter Albaniens“ hätten „auf die Möglichkeit gesetzt, dass sich eine multireligiöse Gesellschaft aufbauen lässt“, so der Regierungschef des Vatikans: „Und die Geschichte hat ihnen recht gegeben.       „Ich glaube, dass der Papst mit seiner Reise genau dies unterstreichen will! Natürlich hat Albanien in der jüngeren Vergangenheit viel gelitten, weil die Religionsfreiheit unterdrückt wurde und eine atheistische Ideologie die Religionen verfolgte. Aber heute präsentiert sich das Land der Welt als erneuert – auch in seinen Institutionen. Ein neuer Geist belebt es, und vor allem zeigt es sich imstande, in seinem Inneren religiöse Gruppen zusammenleben zu lassen, die trotz aller Verschiedenheiten doch gemeinsam zum Gemeinwohl des Landes beitragen. Das ist wirklich ein großes Beispiel, das der Papst herausstellen möchte, und ich hoffe, dass das in diesem schwierigen Moment, den wir gerade erleben, doch wahrgenommen wird.“
   Das religiöse Mosaik Albaniens ist bunt: Orthodoxe, Katholiken, Muslime verschiedener Couleur. Die Katholiken machen nur 15 Prozent der Bevölkerung aus. Während des kommunistischen Regimes, das sich als atheistisch definierte, wurden die Glaubensgemeinschaften im Land unterdrückt – so eine Erfahrung schweißt zusammen. Aber Edmond Godo, Vertreter der albanischen Gemeinschaft in Italien, meint: „Trotz der 46 Jahre Diktatur ist das religiöse Leben wieder ganz wie früher. Ich muss sagen, das hat etwas von einem Wunder. Wir haben unserer Regierung empfohlen, auf alle Landkarten und Touristen-Broschüren den Satz zu drucken: ‚In Albanien herrscht Religionsfreiheit’. Das ist eine klare Botschaft, die in unserem kleinen Land hoffentlich den Menschen hilft.“  Rv140915ska

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Franziskus kommt nicht bis Shkoder

  Der Papst reiste am Sonntag für elf Stunden nach Albanien: Es war seine erste Europareise, wenn man Italien einmal ausnimmt. Der Papst aus der Neuen Welt hat den sogenannten Alten Kontinent warten lassen, und – typisch für ihn – er fängt an der „Peripherie“ an. Albanien gehört nicht zur EU, es ist eine der ärmsten Ecken Europas, und abgesehen vom Kosovo ist Albanien Europas einziges Land mit einer muslimischen Mehrheit der Bevölkerung.
  Bis Shkoder kommt Papst Franziskus nicht – dabei wird seine Reise vor allem von dieser Stadt aus aufmerksam verfolgt. Es ist die größte im Norden von Albanien, nur ein paar km von der Grenze zu Montenegro entfernt. Hier und im dazugehörigen Bergland leben viele Katholiken, und hier litten die Menschen besonders, als Albanien – zu kommunistischer Zeit – offiziell ein atheistischer Staat war, der keine Religionen zuließ. Aus Shkoder kommt ein Großteil der katholischen Märtyrer dieser etwa fünfzig Jahre: Hunderte von Priestern, Ordensleuten und Laien. Verfolgt, gefoltert, umgebracht. Johannes Paul II. ehrte sie bei seinem Besuch im Jahr 1993. Von Franziskus erwarten die Menschen in Shkoder jetzt vor allem eine Ankündigung, wann er vierzig albanische Märtyrer seligsprechen wird.
  Die Spuren der Religionsverfolgung sind noch überall zu sehen in Shkoder. Etwa in dem Kloster mitten im Zentrum, wo heute Klarissen leben. „Die Zimmer waren damals Sitz der Geheimpolizei, Büros der Geheimpolizei“, berichtet Schwester Sonia. „Und die Räume neben dem Kloster waren Gefängniszellen, dort wurden auch Verhöre durchgeführt und Menschen gefoltert. Heute ist das alles renoviert, und man hat da eine Gedenkstätte eingerichtet. Hier bei uns sprechen die Steine, das Blut unserer Brüder ist in diesen Fluren vergossen worden. Heute kann man das alles besichtigen: etwa zwanzig kleine Zellen, in denen es vollkommen dunkel ist, der Hof, wo gefoltert wurde, und an den Mauern Inschriften, die an die Verfolgung aller Religionen erinnern. Da sind Kirchen genauso abgebildet wie Moscheen.“
  Die Verfolgung, die das Regime von Enver Hodscha in einem der damals isoliertesten Staaten lostrat, traf unterschiedslos alle: die muslimische Mehrheit, die nach heutigen Schätzungen bei fast sechzig Prozent der Bevölkerung liegt, wie die Orthodoxen oder Katholiken. 1968 hatten die Kommunisten auch in die Verfassung geschrieben, dass Albanien ein „atheistischer Staat“ sei; erst Ende 1990 wurden Religionen wieder zugelassen

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Die moslemischen Nachbarn halfen beim Bau dieser kleinen Kirche in Shen Koll

„Wir haben gelitten wie Jesus Christus“
  „In fünfzig Jahren der Verfolgung hat es so etwas wie eine Ökumene des Leidens gegeben, würde ich sagen... Denn in den Gefängniszellen trafen ja unsere muslimischen Brüder auf unsere katholischen Priester, und sie haben gemeinsam Unglaubliches erlitten. Wir erleben es auch heute noch öfters, dass Muslime aus der älteren Generation, die diese Verfolgung miterlebt haben, zu uns kommen und sagen: ‚Wir haben gelitten wie Jesus Christus.’
  Ein paar hundert Meter weiter: ein Kloster der Stigmata-Schwestern, das nach dem Sturz der Kommunisten 1991 dem Orden zurückgegeben wurde. Hier leben fünf Schwestern, alle älter als 85. Schwester Pina erinnert sich, wie das war, als sie wieder in ihren früheren Konvent zurückkehren durfte: „Ich habe vor Freude geweint; es war für mich eine Wiedergeburt. Das war wirklich eine Wiedergeburt! Geistlich, aber auch materiell. Die hatten das Kloster vollkommen zerstört. Niedergebrannt. Hier war nichts mehr drin zu finden. Wir haben soviel Schreckliches erlebt – ich kann es bis heute kaum glauben, dass ich wieder hier bin! Stellen Sie sich vor, welcher Terror hier gewütet hat: Alle Priester, die wir kannten, auch die ganz jungen, haben sie umgebracht. So war der Kommunismus.“
  Die genaue Zahl der katholischen Opfer des Regimes ist bis heute nicht ermittelt – fest steht nur: Es waren Hunderte. Nur vierzig davon, eine Auswahl, ist derzeit auf dem Weg zur Seligsprechung (unter ihnen sind übrigens zwei Deutschstämmige). Pater Mario Imperatori leitet die Abteilung für Philosophie und Theologie am Priesterseminar von Shkoder. Er sagt: „Schade, dass es nicht noch mehr Frauen unter den vierzig albanischen Märtyrern gibt! Denn die waren ja sehr zahlreich. Etwa die Frauen, die alles Mögliche getan haben, um den Inhaftierten Nahrung zukommen zu lassen. Auch diese haben gelitten...“
  Unter den vierzig albanischen Märtyrern ist nur eine Frau: Maria Tuci, gestorben mit 22 Jahren, nach vier Jahren im Gefängnis. Sie war eine Postulantin bei den Stigmata-Schwestern. Rv140920sk

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Versöhnungs- und Erinnerungsarbeit der Kirche

  Zu dieser Vertiefung gehört auch die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit. Vor allem der jungen Generation dürfe hier kein einseitiges Bild vermittelt werden – damit sie die Zukunft besser gestalten kann. Dieser Ansicht ist Pater Antonio Leuzi, Generalvikar von Lezha und Superior des dortigen Rogationistenordens. Der Geistliche leitet zusammen mit seinen Mitarbeitern Bildungsprojekte für albanische Jugendliche. Er sagte gegenüber Renovabis:
  „Wir setzen viel auf die intellektuelle Bildung. Denn durch die Erziehung kann man die Art und Weise des Denkens verändern; das Studium öffnet den Geist und bewirkt, dass es keine Unterscheidungen nach Rassen mehr gibt. Bildung bringt uns wirklich zu dem Bewusstsein, die anderen Völker zu respektieren. Und das wollen wir den Schülern vermitteln.“
  Im kommunistischen Albanien des Diktators Enver Hodscha wurden Regimekritiker rigoros verfolgt und brutal ermordet. Besonders auch gläubige Menschen und Vertreter der Kirche fielen der Verfolgung zum Opfer. Im „Staat ohne Gott“ überlebten nur wenige Opfer in Arbeitslagern oder Gefängnissen. Heute bemüht sich die nationale Justitia et Pax-Kommission in Zusammenarbeit mit europäischen Partnern darum, solche ehemaligen Orte des Schreckens zu Museen und Denkmälern umzugestalten, um dem Vergessen entgegenzuwirken. Ein solches Mahnmal ist das ehemalige Internierungslager Spaç im nordalbanischen Mirdita-Gebirge. Der Albaner Zenel Dragu saß dort früher ein – heute ist er Wortführer derjenigen, die den Horror überlebten. Er hofft, dass der Papst mit seiner Albanienreise Augenmerk auch auf diese Menschen richten wird:
  „Wir repräsentieren eine soziale Kategorie, die sehr unterdrückt wurde und die durch enormes Leiden hindurchging. Teil unserer Gruppe waren auch 62 katholische Priester, die während der Zeit des Kommunismus hingerichtet wurden. Im Namen unseres Leidens, ihres Lebensopfers und aller der ca. 3.000 Menschen, die in Shkodra (der größten Stadt Nordalbaniens, Anm.) prozessiert wurden, wäre es uns eine Ehre, wenn wir mit einer Gruppe von Überlebenden den Papst sehen und seine Hand küssen könnten. Das wäre uns die größte Ehre.“
  Vorgesehen ist eine solche Begegnung im Zuge der vierzehnstündigen Reise des Papstes leider nicht; jedenfalls nicht laut offiziellem Programm für den kommenden Sonntag. Beste Gelegenheit für die Gläubigen, den Papst zu sehen, dürfte aber die Messe am Sonntagmorgen in Tirana sein, die der gebürtigen Albanerin Mutter Teresa gewidmet ist. Rv140919renovabis

eu-Alb-11-- Papst trifft Waisenkinder und Pfleger im Bethanien-Zentrum

   Letzter Termin des Papstes in Albanien war am Sonntagabend der Besuch in einer Sozialeinrichtung am Stadtrand von Tirana. Eine Stunde verbrachte der Papst in dem „Bethanien-Zentrum“. Kleine Besonderheit: Die Gründerin der „Bethanien“-Gemeinschaft, eine Italienerin, ist geschieden, und ihre Gemeinschaft hat am Hauptsitz, im Bistum Verona, noch keine kirchliche Anerkennung. Viele von denen, die sich bei „Bethanien“ für benachteiligte Kinder und Jugendliche in Italien, Albanien und Kenia engagieren, sind keine „typischen“ Katholiken, sondern von der Kirche oft Enttäuschte. Eine umso größere Überraschung war es für „Bethanien“, dass der Papst gerade zu ihnen an den Stadtrand kam.
Papst Franziskus betonte bei seiner Ansprache die Besonderheit des Ortes:
   „An Orten wie diesem werden wir alle im Glauben gestärkt, wird uns allen geholfen zu glauben, denn wir sehen, wie der Glaube zu konkreter Liebe wird.“
  Für ihn sei die Einrichtung ein Beweis der Existenz einer friedlichen und brüderlichen Gemeinschaft zwischen unterschiedlichen Ethnien und religiösen Bekenntnissen, so der Papst. In seiner Ansprache lobte er weiter die Stärke der Güte, die zu den wichtigsten Werten zähle: Sie schenke ein ruhiges Gewissen und helfe vor allem dabei, auf Vergeltung zu verzichten. Wie auch schon beim Angelus-Gebet warnte der Papst vor Habgier und im Speziellen vor Geldgier, denn Geld könne nie so dankbar sein, wie ein anderer Mensch für eine gute Tat
   „Das Gute belohnt uns unendlich mehr als das Geld, das hingegen enttäuscht, denn wir sind geschaffen, um die Liebe Gottes anzunehmen und unsererseits wiederzuschenken, und nicht, um alles auf der Grundlage des Geldes oder der Macht zu beurteilen.“
  Papst Franziskus hob in diesem Kontext insbesondere die Geschichte von Mirjan Paolo hervor. Er ist ein Helfer des Bethanien Zentrums, der bei der Begrüßung erzählte, dass er sich seit 15 Jahren ‚freudig aufopfern würde‘, um anderen zu helfen. Diese Hingabe sei das Geheimnis eines gelungenen Lebens, so der Papst. Viele Menschen hätten dies leider aus den Augen verloren, da wir in einer Zeit lebten, wo viele Menschen nur dem Vergnügen und irdischen Reichtümern nachhetzen würden, so Franziskus:
   „Das Geheimnis eines gelungenen Lebens ist dagegen, zu lieben und sich aus Liebe hinzugeben. Dann findet man die Kraft, sich ,freudig aufzuopfern', und der Einsatz, der am meisten einfordert, wird zur Quelle einer größeren Freude. Dann machen endgültige Lebensentscheidungen keine Angst mehr, sondern erscheinen in ihrem wahren Licht, als eine Weise, die eigene Freiheit vollkommen zu verwirklichen.“
  Nach dem Besuch im Bethanien-Zentrum, insgesamt sechs Ansprachen und elf Stunden in Albanien ging es für Papst Franziskus um acht Uhr abends wieder zurück nach Italien mit einem Dinner am Bord des Flugzeuges. Rv140921no

eu-Alb-07-zz   Papst an Journalisten: „Meine Reise war ein Signal“

   Papst Franziskus hat seine erste Europareise außerhalb Italiens beendet: Am Sonntagabend kehrte er von seinem eintätigen Besuch aus Albanien in den Vatikan zurück, am Montagmittag betete er in der römischen Basilika Santa Maria Maggiore zum Dank für die gelungene Reise. In der Hauptstadt Tirana hatte sich der Papst unter anderem mit Überlebenden der religiösen Verfolgung getroffen; fünfzig Jahre lang hatte das kommunistische Regime Albaniens, bis Ende 1990, Christen und Muslime unterdrückt, verfolgt, ermordet. Es habe ihn sehr beeindruckt, im Stadtzentrum von Tirana die überlebensgroßen Fotos der Opfer von damals zu sehen, erzählte der Papst auf dem Rückflug mitreisenden Journalisten.
   „Seit zwei Monaten habe ich diese schwierige Epoche Albaniens ein wenig studiert, um sie zu verstehen; die Grausamkeit in dieser Epoche war furchtbar. Als ich diese Fotos gesehen habe, habe ich daran gedacht, dass nicht nur Katholiken, sondern auch Orthodoxe und Muslime damals verfolgt wurden. Und dass man sie einfach erschoss, wenn sie sagten: ‚Ich glaube an Gott.’ Alle drei religiösen Gruppen haben Zeugnis für Gott abgelegt, und jetzt geben sie ein Zeugnis der Brüderlichkeit untereinander.“
   Diese Brüderlichkeit sei viel mehr als einfach nur „Toleranz“, so Papst Franziskus. Er hofft, dass das gute Auskommen der religiösen Gruppen Albanien zu einem Vorbild für andere Gegenden der Welt machen kann. ‚Nein zu Gewalt im Namen der Religion’, das war am Sonntag mehrfach der Appell des Papstes.
   „Albanien hat einen Weg des Friedens, des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit zurückgelegt, der auch andere Länder interessieren könnte. Länder, die ebenfalls ethnisch unterschiedliche Wurzeln haben. Albanien hat eine muslimische Bevölkerungsmehrheit, aber es ist sozusagen kein muslimisches, sondern es ist ein europäisches Land! Das hat mich überrascht: Albanien, ein europäisches Land – von seiner Kultur des Zusammenlebens und auch von seiner historischen Kultur her.“
   Er habe sich mit Bedacht Albanien als erstes europäisches Reiseziel außerhalb Italiens ausgesucht, so der Papst auf die Frage eines Journalisten: „Das ist eine Botschaft, ein Signal, das ich geben will.“ Franziskus bestätigte Pläne, im November zum EU-Parlament nach Straßburg sowie in die Türkei zu reisen. Der beeindruckendste Moment seiner Albanienreise war für den Papst offenbar die Begegnung mit zwei überlebenden Opfern der Religionsverfolgung in der Kathedrale – einem Priester und einer Ordensfrau.
   „Einen Märtyrer über das eigene Martyrium sprechen zu hören – das haut einen um! Ich glaube, wir alle dort waren tief bewegt – alle. Und diese Zeugen sprachen ganz natürlich, mit Demut, als ob gerade von einem anderen die Rede wäre. Mir hat das gut getan.“ Rv140922sk

eu-Alb-01-Z          Albanienreise: Was bleibt?

   Ein weinender und gleichzeitig lachender Franziskus: Das Bild des Papstes in der Kathedrale von Tirana wird lange in Erinnerung bleiben. Papst Franziskus umarmt lange einen Priester, der vom kommunistischen Regime 27 Jahre lang gefangen gehalten wurde und seinem Glauben abschwören sollte. Franziskus war bewegt von dieser Geschichte. Ein anderes Bild bei der Ankunft des Papstes: fröhliche Gesichter - des Gastes und der Gastgeber. Unser Korrespondent vor Ort, Mario Galgano fasst zusammen.
   Die albanischen Medien sind begeistert: Papst Franziskus kam, um zu hören und nicht, um zu belehren, so ein Bericht des albanischen Fernsehens. Der erste Teil der eintägigen Reise stand am Sonntagmorgen im Zeichen der Beziehungen zwischen Staat und Kirche. Beim Treffen mit Albaniens Staatspräsident und Vertretern aus Politik und Gesellschaft verwies Franziskus auf den erfolgreichen Weg des interreligiösen Dialogs Albaniens. Die größte Tageszeitung „Gazeta Shqiptare" – die „Albanien-Zeitung" – beschreibt in ihrer Online-Ausgabe am Sonntagabend die Reise folgendermaßen: „Papst segnet Albanien – das Land der Adler ist ein Vorbild für alle". Der doppelköpfige Adler ist das nationale Symbol, das auch auf der roten Fahne dargestellt wird. Der Papst benutzte dieses Symbol, um zu sagen, dass dieses Tier zwar am Himmel fliegt, aber immer wieder zu seinem Nest zurückkehrt. So soll auch das künftige Albanien sein, schreibt die andere große Zeitung „Koha Jone" – „Tagesthemen" – und fügt in einem Beitrag auf ihrer Homepage am Sonntagabend an: „Unser Zuhause Albanien gehört Gott und allen Freunden." Und unter diesen Freunden sei auch Franziskus. Das albanische Nachrichtenportal „24-ore" betont zum Abschluss der elfstündigen Reise des Papstes: „Tirana hat einen neuen Ehrenbürger – ein Friedensstifter besuchte unser Land." Der Abschluss bei den Kindern und Familien im Zentrum „Betania" außerhalb Tirana ist bei der Zeitung „Shekulli" – „Zeiten" – ein großes Thema: „Bevor der Papst nach Rom zurückreist, zeigte uns der Papst, für wen sein Herz schlägt: Kinder, Familien und Benachteiligten." Rv140921MarioGalgano,Tirana

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Prinz William besucht eine katholische Messe in Valetta

   Aus Anlass der 50-Jahr-Feier der Unabhängkeit  Maltas wurde in eine Festmesse gefeiert in Anwesenheit führender nationaler Persönlichkeiten und des Herzogs von Cambridge. In der majestätischen Anlage der Johannis- Kathedrale in der Hauptstadt Valetta wurde gebetet und gesungen zum Dank für fünf Dekaden Selbstverwaltung. William musste im  letzten Augenblick seine schwangere Frau vertreten. Der Prinz saß während der heiligen Messe in der ersten Reihe neben dem britischen Hochkommissar für Malta Rob Luke Fotos
   Die Catholic Times berichtet, dass zum ersten Mal ein Thronanwärter (zweiten Ranges) an einer öffentlichen Messe teilnahm. Für Kate musste von dieser zwei-Tage-Reise zurücktreten – der Trip war geplant als ihr erster offizieller Solo-Besuch – weil sie an einer schweren Morgenerbrechen schwangerschaftsbedingt leidet.
    Die Präsidentin von Malta Marie-Louise Coleiro Preca fragte in ihrer offiziellen Begrüßung Prinz William nach dem Wohlergehen seiner Frau; der Herzog antwortete, es ginge ihr “so-so”, und fügte dann hinzu: “Sie ist sehr traurig, nicht hier zu sein.”
   Die Kathedrale wurde im 16. Jahrhundert vom Souveränen Malteserorden St. Johann gegründet und und wurde großzügig erbaut im barocken Stil. Ct141011~TonyJones 
  Die Agentur CathNewsNewZealand berichtet: Prinz William ist entfernt verwandt zu Pater Ignatius (George) Spencer, für den zur Zeit ein Heiligsprechungsprozess im Vatikan vorbereitet wird. Ein Groß-Groß-Großonkel von Diana, der Mutter des Prinzen, war ein anglikanischer Pfarrer bevor er im Alter von 31 Jahren zur katholischen Kirche übertrat und Priester im Orden der Passionisten wurde.

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Prinz William vor dem Altarbild von der Enthauptung Johannes des Täufers von Caraveggio in der Kathedrale Malta

 

EU-Hans-GertPöttering-Z Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering, Bad Iburg:

   „Das große Privileg, von der ersten Europawahl 1979 bis jetzt zu dieser letzten Europawahl formell bis zum 1. Juli 2014, also 35 Jahre, dem Europäischen Parlament anzugehören. Und im Übrigen, wenn ich das hinzufügen darf, als einziger. Wenn ich Europa von heute betrachte, in der rückwärtigen Schau von 1979, dann muss ich sagen, es ist ein Wunder, wie Europa heute aussieht.”

                  Das Interview führte Pater Bernd Hagenkord SJ von Radio Vatikan va-PBerndHagenkortSJrv-xx

Europa: Erneutes Bewusstsein für friedliche Lösungen –
  Wenn wir heute an Europa denken, dann denken wir oft an seine Ränder, an die Ukraine, wo Krieg herrscht, oder an Lampedusa, wo die Opfer des Krieges ankommen. Von den internationalen Organisationen hört man dagegen recht wenig. Hans-Gert Pöttering war lange Zeit in einer dieser Organisation prägend aktiv: Er ist der einzige Abgeordnete, der dem Europaparlament von Anfang an ununterbrochen bis zu diesem Sommer angehört hat. Er war Präsident des Parlamentes und hat die christdemokratische Fraktion geleitet.
Pater Bernd Hagenkord hat ihn gefragt, ob die Zeit des Zusammenwachsens vorbei sei.
   „Gerade, wenn man über die Ukraine redet, dann muss man darauf hinweisen, dass die Europäische Union zwar Europa ist, aber nicht das ganze Europa. Die Ukraine gehört zu Europa, aber nicht zur Europäischen Union. Und die Aggression Russlands gegenüber der Ukraine - neben der Krim die Einmischung in der Ostukraine - ist auch nur möglich, weil die Ukraine nicht Teil der Europäischen Union ist. Und diese schlimmen Vorgänge um die Ukraine sollten uns Europäer in der Europäischen Union, also der Staatengemeinschaft von 28 Ländern mit 500 Millionen Menschen, ein neues oder erneutes Bewusstsein vermitteln, das wir das Glück haben, in der Europäischen Union in friedlicher Weise die Herausforderungen und Probleme in der Europäischen Union zu lösen. Wir lösen unsere gemeinsamen Herausforderungen, die wir in der Europäischen Union haben, auf Grundlage des Rechtes. Und das Recht sichert den Frieden. Das ist das historisch völlig Neue, dass die Herausforderungen, vor denen wir in dieser großen Gemeinschaft der Europäischen Union stehen, auf der Grundlage des Gesprächs bewältigen, des Dialogs und friedlicher Abstimmung. Wir sollten wegen der schlimmen Ereignisse in der Ukraine durch das Verhalten Russlands und durch andere Ereignisse dort in der Ukraine erneut den Wert der Europäischen Union erkennen – auch als einer wirklichen Wertegemeinschaft. Sie haben auch die Grenzen Europas angesprochen, das war Teil meiner Gespräche hier in Rom zum Beispiel mit dem Innenminister Angelino Alfano. Als Europäische Union müssen wir unseren Beitrag zur Grenzsicherung leisten, damit die Menschen, die zu uns wollen, nicht im Meer ertrinken. Andererseits müssen wir aber auch den Ländern helfen, aus denen diese bedauernswerten Menschen kommen: Also unsere Handlungsfähigkeit insbesondere nach außen müssen wir als Europäischen Union stärken.“

Wir gedenken des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vor genau 100 Jahren, und etwa 70 Jahre sind vergangen seit dem 2. Weltkrieg - also der Initialzündungen, wenn man so will, für das Zusammenwachsen Europas. Aber davon reden wir im Augenblick weniger. Die Öffentlichkeit nimmt das Zusammenwachsen weniger wahr. Ist es derzeit keine politische Perspektive mehr?
   „Mein Eindruck ist doch, dass im Europawahlkampf, die Wahlen liegen ja noch nicht viele Wochen zurück, das Thema Frieden wieder eine größere Rolle gespielt hat, wegen der Ereignisse um die Ukraine. Aber Sie haben recht, der Friedensgedanke, der ja die Grundlage der europäischen Einigungspolitik war und nach meiner Überzeugung auch noch heute der Hauptgrund ist, wenn auch nicht der einzige, der Friedensgedanke ist wieder etwas deutlicher geworden als er in den vergangenen Jahren war. Und deswegen begrüße ich es, wenn wir auch wieder über die Grundlagen mehr diskutieren, die uns zur europäischen Einigungspolitik geführt haben. Dazu gehört der Friedensgedanke, der aber immer verbunden werden muss mit dem Freiheitsgedanken.“

Europa steckt, wenn wir so wollen, in der Krise. Katalonien möchte sich selbständig machen und Schottland stimmt am 18. September ab, ob es sich von Großbritannien trennen will. Thema der Stunde scheint also eher das Voneinander-Abgrenzen und nicht so sehr eine größere Einheit. Würden Sie dem zustimmen?
   „Das ist die Frage, wie man das sieht. Wenn Sie von Schottland reden, oder auch Katalonien, die wollen sich möglicherweise, wir wissen ja nicht, wie das Referendum in Schottland ausgeht, aus ihrer eigenen staatlichen Nationalität lösen. Aber sowohl die Schotten als auch die Katalanen sind sehr europäisch. Und die Frage stellt sich, wie wird das Europa der Zukunft organisiert sein? Und wir, oder ich, vertrete die Meinung mit meinen politischen Freunden in der Europäischen Volkspartei, also den Christdemokraten, dass wir verschiedene Ebenen Europas haben: Wir haben die kommunale Ebene, wie haben die Ebene der Regionen, in Deutschland würden wir sagen, der Bundesländer, wir haben die Nationale Ebene und wir haben die Ebene der Europäischen Union. Und man sollte diese vier Ebenen nicht verstehen als im Gegensatz zueinander, sondern als etwas sich etwas Ergänzendes. Das heißt, wir haben nicht nur ein Europa der Regionen, das einige gerne alleine hätten, wir haben nicht nur ein Europa der Nationalstaaten, was manche gerne sähen. Nein, wir haben auch das Europa der Kommunen, was ganz wichtig ist, und die europäischen Institutionen, die über den Nationen stehen, den 28 Ländern der Europäischen Union. Das heißt, der Europäische Rat, die Regierung mit den Staats- und Regierungschefs, dann die Europäische Kommission mit einem Präsidenten und das direkt gewählte Europäische Parlament. Also man darf diese verschiedenen Ebenen und Institutionen nicht im Gegensatz zueinander befindlich verstehen, sondern sie ergänzen sich und gehören zusammen.“

Der politische Diskurs, so scheint es mir jedenfalls, scheint aber dann doch ein bisschen in eine andere Richtung zu gehen: Ich war zum Beispiel in Barcelona während des Wahlkampfes der letzten Abstimmung und habe in Schottland die Fernsehdebatten verfolgt. Man könnte auch die Debatte um die „Ausländermaut“ in Deutschland anführen. Es scheint also von der Debattenkultur her doch eher auf Konfrontation zu gehen, auf Abgrenzung.
   „Ja, aber im Falle von Schottland und Katalonien [sehe ich] nicht gegen die Europäischen Union eine Abgrenzung, sondern eine Abgrenzung gegenüber dem Nationalstaat, in dem sich Schottland und Katalonien befinden. Also im Falle Schottlands das Vereinigte Königreich, wobei sich die Schotten auch als eine eigene Nation verstehen, die aber wiederum zu einem anderen Staat gehört, nämlich dem Vereinigten Königreich. Ich weiß nicht, ob es dafür eine Mehrheit gibt, ich hoffe, dass die Schotten und die Engländer und die Waliser und die Nordiren zusammen bleiben, auch als ein starker Teil der Europäischen Union. Das heißt, Schottland richtet sich nicht gegen die Europäischen Idee. Die Schotten waren historisch immer sehr freundlich gegenüber dem Orient, dem Kontinent, weil die Engländer eben, mit denen sie im Disput waren, eine andere Haltung hatten, sodass man das Unabhängigkeitsstreben von Schottland wie auch in Katalonien nicht als gegen Europa gerichtet verstehen muss, sondern als gegen den Nationalstaat gerichtet - im Falle von Katalonien also gegen den spanischen Staat und im Falle von Schottland gegen das Vereinigte Königreich.“

Also quasi wären diese konfrontativen Stimmungen eher lokal zuzuordnen, würden Sie sagen. Das hat nichts Innereuropäisches, keine Sprengkraft?
   „Ja, es ist schon eine Sprengkraft, weil das ja eine Wirkung hat, wenn Schottland sich aus dem vereinigten Königreich lösen sollte. Dann müssten ja Verhandlungen stattfinden, wenn Schottland Mitglied der Europäischen Gemeinschaft werden wollte mit der Europäischen Union. Und es würde alles sehr viel komplizierter, wenn die Nationalstaaten sich zum Teil auflösen in Regionen und nicht mehr das Band der Nationalität haben und die sich lösenden Regionen dann aber wieder Mitglied werden wollen in der Europäischen Union. Dann wird Europa noch komplizierter als es heute ist. Deswegen ist es meine sehr deutliche Meinung, dass wir ein Interesse daran haben sollten, dass die Nationalstaaten in ihrer bisherigen Formation, in ihrer bisherigen Gliederung erhalten bleiben, dass aber die Nationalstaaten ihren Regionen auch ein stärkeres Gewicht geben - nicht der Autonomie, der vollständigen Selbstständigkeit, das würde zu weit gehen, aber der Wahrnehmung mehr regionaler Rechte. Im Prinzip sollte es bei den vier Ebenen bleiben: die kommunale Ebene, die regionale, die nationale und die europäische, aber mit auch größeren Möglichkeiten für die Region dort, wo es gewünscht wird.“

Themawechsel. Herr Pöttering, Sie waren lange Jahre im Zentrum Europas politisch engagiert. In der Rückschau: Was waren aus Ihrer Sicht Ihre Erfolge, die Zeit, wo Sie sagen würden, das hat Europa mit geprägt und das hat Sie besonders beeindruckt?
   „Das große Privileg, von der ersten Europawahl 1979 bis jetzt zu dieser letzten Europawahl formell bis zum 1. Juli 2014, also 35 Jahre, dem Europäischen Parlament anzugehören. Und im Übrigen, wenn ich das hinzufügen darf, als einziger. Wenn ich Europa von heute betrachte, in der rückwärtigen Schau von 1979, dann muss ich sagen, es ist ein Wunder, wie Europa heute aussieht. Wir sind hier bei Radio Vatikan, und ich möchte besonders die Rolle von Papst Johannes Paul II. hervorheben, der seinen polnischen Landsleuten in den 1980er Jahren zugerufen hat: „Habt keine Angst, verändert die Welt, verändert diese Welt“. Und Polen gehörte zum Warschauer Pakt, zur kommunistischen Welt. Dass Polen und andere Länder Mitteleuropas, Estland, Lettland, Litauen, die zur Sowjetunion gehörten, heute Mitglied der Wertegemeinschaft der Europäischen Union sind, ist für mich eine Entwicklung, die aus der Perspektive des Jahres 1979 wie eine Vision erschienen wäre, oder wenn wir das sagen wollen, wie ein Wunder. Deswegen möchte ich uns in der Europäischen Union ermutigen, dass wir, bei aller Demut, die wir natürlich haben müssen, politisch und auch als Christen, dass wir etwas selbstbewusster sind: Unsere Werte haben sich durchgesetzt - und nicht der Kommunismus. Der totalitäre Kommunismus mit dem Prinzip der Klasse ist, wie vorher auch der Nationalsozialismus mit dem Prinzip der Rasse, gescheitert. Die Organisierung der Menschen in einem totalitären Land ist gescheitert. Der Mensch als Person ist mit einer Würde behaftet - und das entspricht ja auch unserem christlichen Menschenbild: Jeder Mensch ist einzigartig als Person, hat Verantwortung für sich, Verantwortung für die Gemeinschaft. Wir haben unsere Werte, die Würde des Menschen, die Freiheit, die Demokratie, das Recht, der Frieden. Und das hat sich durchgesetzt. Und darauf sollten wir stolz, oder vielleicht anders, dafür sollten wir sehr dankbar sein. Nur darf uns das niemals selbstzufrieden machen. Die Menschen und Staaten und Staatenorganisationen bleiben immer gefährdet, und jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Und da Sie gefragt haben nach meinen eigenen Möglichkeiten: Ich unglaublich dankbar dafür, dass ich die Aufgaben im Europäischen Parlament wahrnehmen durfte, die ich wahrnehmen konnte, zum Beispiel auch stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Christdemokraten in den Jahren 1994 bis 1999. Ich konnte viel dafür tun, dass nicht nur Estland Mitglied der Europäischen Union wurde, sondern auch Lettland und Litauen. Dann die siebeneinhalb Jahre als Fraktionsvorsitzender der größten Fraktion von 1999 bis 2007. Da konnte ich die Europäische Verfassung fördern, die dann am Ende der Vertrag von Lissabon wurde. Die Charta der Grundrechte, die ich als Präsident des Europäischen Parlamentes am 12. Dezember 2007 im Europäischen Parlament unterschreiben konnte, zusammen mit dem Kommissionspräsidenten und dem Ratspräsidenten. Oder auch die Berliner Erklärung vom 25. März 2007 in Erinnerung an die Römischen Verträge, was dann zum Vertrag von Lissabon führte. Die Öffnung der Grenzen kurz vor Weihnachten 2007 nach Polen und den anderen Mitteleuropäischen Staaten. Es war eine großartige, erfüllte Zeit für die europäische Einigung. Dass ich dieses mitbegleiten, zum Teil mitgestalten durfte, empfinde ich mit großer Dankbarkeit. Aber wir bleiben gefährdet: Und deswegen muss die Generation, die jetzt die Verantwortung hat, natürlich den Weg der Einigung weitergehen. Wir haben neue Herausforderungen mit der gemeinsamen europäischen Währung, mit der Rückführung von Defiziten, mit der Förderung von Wachstum, mit der Reform und Flexibilisierung unserer Wirtschaft, damit wir wettbewerbsfähig bleiben, mit der Sicherung unserer Grenzen, einer humanen, menschlichen Asyl- und Immigrationspolitik. Das alles sind neue Aufgaben, die die gegenwärtige politische Generation lösen muss. Und als Vorsitzender der Konrad Adenauer Stiftung bemühe ich mich so gut ich kann, diese Herausforderung mit zu begleiten.“

Sie haben ein Buch geschrieben, Herr Pöttering: „Zum Glück vereint“. Sind wir das, vereint?
   „Die Formulierung des Buchtitels heißt, wir sind zu unserem Glück vereint. Das ist eine Formulierung der Berliner Erklärung, also einer gemeinsamen Erklärung der Regierungen der Länder der Europäischen Union, der Kommission und des Parlamentes. Bundeskanzlerin Angela Merkel, in ihrer damaligen Eigenschaft als Präsidentin des Europäischen Rates, der Präsident der Kommission, José Manuel Durao Barroso, und ich als Präsident damals haben gemeinsam diese Erklärung unterschrieben. Ja, wir sind zu unserem Glück vereint. Aber es bleibt gefährdet, und wir müssen unseren Beitrag dazu leisten, dass das so bleibt, dass wir vereint bleiben. Wenn jeder sich anstrengt, jeder die Interessen, die Überlegungen, die Überzeugungen, die Absichten des Partners in den Ländern der Europäischen Union, in den europäischen Institutionen anhört, reflektiert, dann, glaube ich, haben wir in einer unglaublich gefährdeten Welt als Europäer in der Europäischen Union eine gute Chance, durch dieses 21. Jahrhundert zu gehen. Aber wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, sondern wir müssen täglich weiterarbeiten. Und Europa entsteht ja nicht mit einem großen Knall oder wie eine reife Frucht, die vom Baum fällt, sondern Europa bedeutet das tägliche Bemühen um Details und Einzelheiten. Daraus entsteht dann das Große.“

Also quasi wären dieser konfrontativen Stimmungen eher lokal zuzuordnen, würden Sie sagen. Das hat nichts innereuropäisches, keine Sprengkraft?
   „Ja, es ist schon eine Sprengkraft, weil das ja eine Wirkung hat, wenn Schottland sich aus dem vereinigten Königreich lösen sollte. Dann müssten ja Verhandlungen stattfinden, wenn Schottland Mitglied der Europäischen Gemeinschaft werden wollte mit der Europäischen Union. Und es würde alles sehr viel komplizierter, wenn die Nationalstaaten sich zum Teil auflösen in Regionen und nicht mehr das Band der Nationalität haben und die sich lösenden Regionen dann aber wieder Mitglied werden wollen in der Europäischen Union. Dann wird Europa sehr viel komplizierter noch als es heute ist. Und deswegen ist es meine sehr deutliche Meinung, dass wir ein Interesse daran haben sollten, dass die Nationalstaaten in ihrer bisherigen Formation, in ihrer bisherigen Gliederung erhalten bleiben, dass aber die Nationalstaaten ihren Regionen auch ein stärkeres Gewicht nicht der Autonomie geben, der vollständigen Selbstständigkeit, das würde zu weit gehen,. Aber der Wahrnehmung mehr regionaler Rechte, sodass es im Prinzip dabei bleiben sollte, die kommunale Ebene zu haben, die regionale, die nationale und die europäische, aber mit auch größeren Möglichkeiten für die Region dort, wo es gewünscht wird.“

Themawechsel. Herr Pöttering, Sie waren lange, lange Jahre im Zentrum Europas politisch engagiert. In der Rückschau: Was würden Sie sagen, waren Ihre Erfolge, die Zeit, wo Sie sagen würden, das hat Europa mit geprägt und das hat Sie besonders beeindruckt?
   „Ja, das große Privileg von der ersten Europawahl im Jahr 1979 bis jetzt zu dieser letzten Europawahl formell bis zum 1. Juli 2014, also 35 Jahre dem Europäischen Parlament anzugehören, und im Übrigen, wenn ich das hinzufügen darf, als einziger, und wenn ich Europa von heute betrachte, in der rückwertigen Schau von 1979, dann muss ich sagen, ist es ein Wunder, wie Europa heute aussieht. Und wir sind hier bei Radio Vatikan und ich möchte besonders die Rolle von Papst Johannes Paul II. hervorheben, der seinen polnischen Landleuten in den 80er Jahren zugerufen hat: „Habt keine Angst, verändert die Welt, verändert diese Welt“. Und Polen gehörte zum Warschauer Pakt, zur kommunistischen Welt. Und dass Polen mit anderen Ländern Mitteleuropas, Estland, Lettland, Litauen, die zur Sowjetunion gehörten, heute Mitglied der Wertegemeinschaft der Europäischen Union sind oder Polen ist und die anderen Länder dazu sind, das ist für mich eine Entwicklung, die aus der Perspektive des Jahres 1979 wie eine Vision oder wenn wir sagen wollen, wie ein Wunder erschienen wäre. Und deswegen möchte ich uns in der Europäischen Union ermutigen, dass wir, bei aller Demut, die wir natürlich haben müssen, politisch und auch als Christen, dass wir etwas selbstbewusster sind: Unsere Werte haben sich durchgesetzt und nicht der Kommunismus. Der totalitäre Kommunismus mit dem Prinzip der klasse wie vorher auch der Nationalsozialismus mit dem Prinzip der Rasse sind gescheitert. Die Organisierung der Menschen in einem totalitären Land ist gescheitert. Der Mensch als Person ist mit einer Würde behaftet - und das entspricht ja auch unserem christlichen Menschenbild: Jeder Mensch ist einzigartig als Person, hat Verantwortung für sich, Verantwortung für die Gemeinschaft. Wir haben unsere Werte, die Würde des Menschen, die Freiheit, die Demokratie, das Recht, der Frieden. Und das hat sich durchgesetzt. Und darauf sollten wir stolz, oder vielleicht anders, dafür sollten wir sehr dankbar sein. Nur darf uns das niemals selbstzufrieden machen. Die Menschen und Staaten und Staatenorganisationen bleiben immer gefährdet und jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Und da sie gefragt haben nach meinen eigenen Möglichkeiten: Ich unglaublich dankbar dafür, dass ich die Aufgaben im Europäischen Parlament wahrnehmen durfte, die ich wahrnehmen konnte, zum Beispiel auch stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Christdemokraten in den Jahren 94 bis 99. Ich konnte sehr viel tun, dass nicht nur Estland Mitglied der Europäischen Union wurde, sondern Lettland und Litauen. Dann die siebeneinhalb Jahre als Fraktionsvorsitzender der größten Fraktion von 99 bis 2007. Ich konnte sehr fördern die europäische Verfassung, die dann am Ende der Vertrag von Lissabon wurde. Die Charta der Grundrechte, die ich unterschreiben konnte als Präsident des Europäischen Parlamentes am 12. Dezember 2007 im Europäischen Parlament zusammen mit dem Kommissionspräsidenten und dem Ratspräsidenten. Oder auch die Berliner Erklärung vom 25. März 2007 in Erinnerung an die römischen Verträge, was dann zum Vertrag von Lissabon führte. Die Öffnung der Grenzen kurz vor Weihnachten 2007 nach Polen und den anderen Mitteleuropäischen Staaten. Und es war eine großartige, erfüllte Zeit für die europäische Einigung und dass ich dieses mitbegleiten, zum Teil mitgestalten durfte, empfinde ich mit großer Dankbarkeit. Aber wir bleiben gefährdet: Und deswegen muss die Generation, die jetzt die Verantwortung hat, natürlich den Weg der Einigung weitergehen. Wir haben neue Herausforderungen mit der gemeinsamen europäischen Währung, mit der Rückführung von Defiziten, mit der Förderung von Wachstum, mit der Reform und Flexibilisierung unserer Wirtschaft, damit wir wettbewerbsfähig bleiben, mit der Sicherung unserer Grenzen, einer humanen, menschlichen Asyl- und Immigrationspolitik. Das alles sind neue Aufgaben, die die gegenwärtige politische Generation lösen muss. Und als Vorsitzender der Konrad Adenauer Stiftung bemühe ich mich, so gut ich kann, diese Herausforderung mit zu begleiten.“

Sie haben ein Buch geschrieben, Herr Pöttering: „Zum Glück vereint“. Sind wir das, vereint?
   „Die Formulierung des Buchtitels heißt, wir sind zu unserem Glück vereint. Das ist eine Formulierung der Berliner Erklärung, also einer gemeinsamen Erklärung der Regierungen der Länder der Europäischen Union, der Kommission und des Parlamentes. Bundeskanzlerin Angela Merkel, in ihrer damaligen Eigenschaft als Präsidentin des Europäischen Rates, der Präsident der Kommission, José Manuel Durao Barroso, und ich als Präsident damals haben gemeinsam diese Erklärung unterschrieben. Ja, wir sind zu unserem Glück vereint. Aber es bleibt gefährdet und wir müssen unseren Beitrag dazu leisten, dass das so bleibt, dass wir vereint bleiben. Und, wenn jeder sich anstrengt, jeder die Interessen, die Überlegungen, die Überzeugungen, die Absichten des Partners in den Ländern der Europäischen Union, in den europäischen Institutionen anhört, reflektiert, dann, glaube ich, haben wir in einer unglaublich gefährdeten Welt als Europäer in der Europäischen Union eine gute Chance, durch dieses 21. Jahrhundert zu gehen. Aber wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, sondern wir müssen täglich weiterarbeiten. Und Europa entsteht ja nicht mit einem großen Knall, wie eine reife Frucht, die vom Baum fällt, sondern Europa bedeutet, dass tägliche Bemühen um Details und Einzelheiten und daraus entsteht dann das Große. Rv140831ord 

bu-Tagespost-zZ  Hans-Gert Pöttering:

“Wir werden nur so stark sein wie unsere Werte.” Festrede des Präsidenten des Europäischen Parlaments zum Jubiläum der “Tagespost”.  Pötterings Plädoyer für Dialog der Religionen auf der Basis der Wahrhaftigkeit.

   Die sechs Jahrzehnte, in denen „Die Tagespost” bisher unser Leben publizistisch begleitet hat, fallen nicht zufällig zusammen mit den sechs Jahrzehnten, seitdem die erfolgreichste Demokratie auf deutschem Boden besteht. Es ist auch kein Zufall, dass „Die Tagespost” der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Verabschiedung unseres Grundgesetzes vorausging. Das Beispiel dieser Zeitungsgründung aus katholischem Geist im Jahr 1948 zeigt, dass die Gründung der Bundesrepublik nicht aus einer leeren Stunde Null heraus entstand. So grauenhaft die totalitäre Diktatur des Nationalsozialismus war, die mit einem wahnsinnigen Vernichtungsfeldzug Europa überzog, die systematisch die Juden Europas ermordete und die am Ende aller Zerstörung auch Zerstörung und Vertreibung für Deutschland brachte, so sehr gab es doch inmitten der Dunkelheit Stimmen der Hoffnung und des Neubeginns. „Die Tagespost” gehört zu diesen Stimmen der Hoffnung und des Neubeginns in Deutschland. Sie ist eine prononcierte Stimme im publizistischen Chor unseres Landes geblieben, ein starker Fels in der politischen Kultur geworden. Meine Gratulation zum 60. Geburtstag der „Tagespost” verbinde ich mit meinen besten Wünschen für den weiteren Weg dieser Zeitung, die wir mit ihrem unverwechselbar katholischen Profil heute und in den Jahren, die vor uns liegen, mehr denn je benötigen.  
   Die geschichtliche Spanne, die der erfolgreiche Weg der „Tagespost” umfasst, war gekennzeichnet von elementaren Entwicklungen, Umbrüchen und großen Veränderungen. „Die Tagespost” war inmitten dieser Entwicklungen stets ein unbestechlicher Kompass an moralischer Integrität, journalistischer Kompetenz und politischem Engagement. Auch in den vor uns liegenden Zeiten werden wir die Herausforderung nur bestehen, wenn uns die geistigen Orientierungsmarken begleiten und leiten, die wir dazu benötigen. Im Kern der vergangenen sechs Jahrzehnte stand für uns in Deutschland das Ringen um Einigkeit und Recht und Freiheit. Diese Werte werden uns weiterhin fordern, wenn es um die Einigung Europas geht, um die weltweite Sicherung des Rechts und um unsere moralische Verantwortung in der Freiheit, die wir heute so selbstverständlich genießen.
   Die Würde des Menschen wird und muss der zentrale Maßstab jeder menschenwürdigen Politik bleiben, vor allem einer Politik aus christlicher Verantwortung. In der Europäischen Union teilen wir das Leben mit Menschen der unterschiedlichsten weltanschaulichen Strömungen, Überzeugungen und Ziele. Dies ist eine Herausforderung, denn wir leben im christlichen Abendland schon lange nicht mehr nur unter Christen. Wir haben große religiöse Minderheiten unter uns: Juden, für deren Präsenz in Deutschland wir nach allem, was in der furchtbaren Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist, besonders dankbar sein dürfen; Muslime, mit über drei Millionen Menschen die größte nichtchristliche Glaubensgemeinschaft in Deutschland und mit über 15 Millionen in der EU; orthodoxe Christen, die aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu uns kamen und die in vier EU-Mitgliedstaaten - Griechenland, Zypern, Bulgarien und Rumänien - Unionsbürger sind wie wir.  Unter uns leben Buddhisten und Hindus, Sikhs und Parsen, Bahai und Konfuzianer sowie Angehörige aller anderen Religionsgemeinschaften dieser Welt.
Religion hat ihren Platz im öffentlichen Raum
   In der EU führen wir seit einigen Jahren einen strukturierten Dialog der politischen Institutionen mit den Ver- tretern aller in Europa lebenden Religionsgemeinschaften. Dieser Dialog ist für mich zu einem bewegenden Zei- chen der Lebendigkeit und öffentlichen Präsenz der Religionen im politischen Raum geworden. In einem Artikel des Verfassungsvertrages, der bedauerlicherweise gescheitert ist, auch im Reformvertrag, von dem wir hoffen, dass wir ihn verwirklichen können, ist dieser Dialog als Forderung festgeschrieben: Damit werden die Kirchen immer einen besonderen Status in der EU haben. Wir haben den Dialog schon antizipatorisch begonnen, und ich glaube, das ist ein Grund, alles in allem Vertrauen in diese Europäische Union zu haben, trotz ihrer Defizite.
  Religion hat im öffentlichen Raum Europas ihren Platz. Religion ist nicht einfach nur eine private oder zivilgesell- schaftliche Aktivität unter vielen. Wir wissen, dass in Europa heftige Kontroversen um die öffentliche Rolle der Re- ligion ausgetragen werden. Dabei geht es meist nicht um Konflikte zwischen Religionen und ihren Vertretern, sondern um Dispute zwischen Religionsangehörigen und Vertretern laizistischer Standpunkte. Laizistische Posi- tionen sind heute eine stärkere Herausforderung an die öffentliche Rolle der Religion in Europa als die Säkulari- sierung unseres Kontinents. Es macht einen Unterschied, ob man eine Trennung der weltlichen von der religiösen Sphäre fordert, oder ob man die strikte Privatisierung aller Religion verficht. Menschen aus anderen Kontinenten sind darüber verwundert, dass Europa in Bezug auf die öffentliche Präsenz des Religiösen eine Sonderrolle ein- nimmt. Der Dialog mit Menschen anderer Kulturkreise und Religionen wird nicht leichter, wenn sie den Eindruck ha- ben, Europa sei technologisch und materiell führend, geistig und religiös aber eher ein Randkontinent geworden.
   Viele Menschen nehmen ihre Religion auch in Europa ernst. Immer noch besuchen mehr Europäerinnen und Europäer am Sonntag einen Gottesdienst als ein Fußballspiel - wobei man ja auch gut und gerne das eine tun kann, ohne das andere zu lassen. Wir sind gut beraten, dass die Bilder, die wir von uns der Welt vermitteln, auch die Werte spiegeln, die wir befördern und mit denen wir in Verbindung gebracht werden möchten. So wenig wir uns einen Kampf der Kulturen aufreden lassen dürfen, so wenig dürfen wir uns mit der Behauptung zufriedengeben, Europa sei kulturell und religiös ein erschöpfter Kontinent.
   Ich darf darauf hinweisen, dass ich siebeneinhalb Jahre Vorsitzender einer Fraktion war und die von mir geführte Fraktion einstimmig beschlossen hat, dass wir uns für den Gottesbezug und für die Benennung des jüdisch- christlichen Erbes im Verfassungsvertrag einsetzen. Aber wir waren am Ende nicht erfolgreich. Hätten wir es durchgesetzt und hätten uns dann als Christen und als Katholiken zurückgelehnt und nicht mehr unsere Meinung ver- fochten, dann wäre das das falsche Signal gewesen. Entscheidend kommt es darauf an, dass wir in der Öffentlichkeit, in der Politik, in der Gesellschaft als Christen und Katholiken unsere Stimme erheben.
   Technisch sind wir heute weltweit vernetzter denn je und mit der Geschwindigkeit eines Mausklicks gelangen wir an Informationen vom anderen Ende der Erde. Wir sind in das Netz der einen Welt hineinverwoben und erleben doch, wie zerrissen diese Welt ist. Armut und Naturkatastrophen, politischer Terrorismus, der sich in seiner totalitären Anmaßung religiöser Motive bedient und unsere Wut über die Unterdrückung der Menschenrechte in fernen Ländern - kein politischer oder moralischer Konflikt bleibt heute mehr ungehört in dieser Welt, aber gleichwohl möglich. Wir erleben, dass die ethischen Konflikte keineswegs entlang von Kulturgrenzen verlaufen, sondern mitten durch sie hindurch. Die meisten Muslime - das ist meine persönliche Erfahrung - lehnen radikalen Islamismus und terroristische Gewalt im Namen des Islam ab. Christen streiten über Abtreibung und Sterbehilfe, Stammzellforschung und Kernenergie.
   In seinem Disput mit dem Philosophen Habermas hat Papst Benedikt XVI. wesentliche Überlegungen vorgetragen, die uns zum Kern des Themas führen. Der damalige Kardinal Ratzinger beschrieb, dass weder die Kultur des christlichen Glaubens noch die Kultur der säkularisierten Rationalität faktische Universalität beanspruchen können, „so sehr sie beide in der ganzen Welt und in allen Kulturen auf je ihre Weise mitprägend sind”. Kardinal Ratzinger zeigte sich skeptisch über die Möglichkeit, eine einzige rationale oder ethische oder religiöse Weltformel zu formulieren, auf die sich alle Welt einigen könnte. Aber, so folgerte er, es gibt eine „Korrelationalität von Vernunft und Glaube, Vernunft und Religion, die zu gegenseitiger Reinigung und Heilung berufen sind und die sich gegenseitig brauchen und das gegenseitig anerkennen müssen”.
  Diese Gedanken des heutigen Papstes sind ein guter Ausgangspunkt für die Frage nach dem interkulturellen Dialog. Ich bin davon überzeugt, dass das Zeitalter der Globalisierung nur dann gut und menschenwürdig wird, wenn der interkulturelle und religiöse Dialog sie begleitet und ihren Rahmen bildet. Globalisierung ist nicht nur eine Fra- ge von schnellen Flugrouten und weltweiten Handelsströmen. Sie verlangt, dass wir ihre bedrückenden Folgen be- wältigen, etwa die freiwillige und unfreiwillige Migration, den Druck auf das Weltklima und die sozialen Spannun- gen, die aus steigenden Nahrungs- und Energiepreisen erwachsen können. Globalisierung bedarf einer ethischen Komponente.Diese kann nur auf Basis eines intensiven, aufrichtigen Dialogs der Kulturen und Religionen wachsen.
Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit
   Deshalb ist es für uns Europäer zwingend, dass wir Auskunft darüber geben, mit welchen Überzeugungen und Zielen wir in diesen Dialog eintreten. Es muss ein Dialog sein innerhalb des pluralistischen Europa, und ein Dialog über die Grenzen von Kontinenten hinweg. Wir müssen überzeugt sein von dem, wofür wir eintreten und wir müssen überzeugen können durch unser Beispiel und unsere Argumente. Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern einen eigenen Standpunkt zu haben und den Standpunkt des anderen nicht zu akzeptieren - dann wäre es ja mein eigener -, sondern zu respektieren. Das tolerante Zusammenleben zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Lebensweisen zu fördern, ist eine lohnende Aufgabe - und dieser Aufgabe stellt sich „Die Tagespost”. Der interkulturelle Dialog muss in der inneren Annahme von uns selbst gründen, sonst kann niemand auf Dauer einen interkulturellen Dialog gestalten oder gar weiterführen.
   Der interkulturelle Dialog ist auch an materielle Voraussetzungen gebunden. Deshalb haben wir dazu aufgerufen, einen europäischen Mobilitätsfonds für den Austausch von Lehrern und jungen Künstlern einzurichten.  Das Erasmus-Programm für den Austausch von Studenten ist ein großer Erfolg. Herr Bischof Kapellari, ich erinnere mich gut, als Sie mit Ihrem früheren Bundeskanzler Wolfgang Schüssel während der österreichischen Präsidentschaft über diese Fragen diskutiert haben und es am Ende möglich war, dass wir die Mittel, die gestrichen werden sollten, für das Erasmus-Programm wieder anheben konnten. Der damalige österreichische Bundeskanzler war sehr hilfreich dabei.
  Ich bin überzeugt, dass interkultureller Dialog ein wichtiges Element bei der Verhinderung von Konflikten ist. Wir haben eine vorsorgende Politik der Verständigung und der Versöhnung zu betreiben. Die EU ist der Inbegriff kul- tureller Vielfalt und toleranten Umgangs untereinander. Die politische Kunst besteht darin, die Einheit aus der Viel- falt zu schaffen; die Vielfalt zu erhalten, aber die Einheit zu schaffen, damit diese Einheit die Vielfalt garantieren kann. Wir wissen, dass dies keinesfalls immer so war in Europa. Heute gehen wir friedlich miteinander um, solange es manchmal auch dauert - aber wir sprechen miteinander und am Ende entscheiden wir demokratisch. Ich hoffe, dass wir diese Errungenschaft unseres Kontinents niemals aus dem Blick verlieren. Als Christen wissen wir, dass das Paradies auf dieser Erde nicht zu schaffen ist. Diejenigen, die das behaupten, haben, wie der Kommunismus und der Nationalsozialismus, die Hölle hinterlassen.
  Wir leben heute Vielfalt in Einheit. Der längste Friede, den Europa in seiner Geschichte gekannt hat, ist die Frucht dieser Kultur des Dialogs. Die europäische Einigung hat die politische Kultur in Europa fundamental geändert. Des- halb spreche ich davon, dass die Europäische Union eine Wertegemeinschaft ist. In ihrem Kern steht die Achtung der Würde des Menschen. Die Menschenrechte, die Freiheit, die Demokratie, die Rechtsordnung und der Frieden sind zentrale Faktoren dieser Werte. Diese Grundsätze müssen unser Gespräch über die Grenzen Europas hinaus leiten. Wir müssen weltweit so auftreten, dass Glaubwürdigkeit die Basis unseres Erfolges ist. Wir sind nicht naive Romantiker und werden nicht mit dem Kopf durch die Wand gelangen. Aber wenn wir die Werte ernst nehmen, die wir in Europa hochhalten, dann müssen wir für Menschenwürde und Menschenrechte weltweit eintreten: in China, in Burma, in Darfur und in Simbabwe, gegenüber Venezuela und gegenüber Irans Präsidenten. Wo wir konsequent sind, werden wir ernst genommen.
  Besonders am Herzen liegen mir ein gerechter Frieden im Nahen Osten und der Ausgleich zwischen Christen, Juden und Muslimen. Die Völker, die ihre religiösen Wurzeln auf einen gemeinsamen Gott und einen gemeinsamen Stammvater Abraham zurückführen, sind auf Einheit in Vielfalt angelegt, nicht aber auf Konflikt, Verdrängung oder Vernichtung. Es ist die Aufgabe menschengemäßer Politik, die Bedingungen für einen Ausgleich zwischen Christen, Muslimen und Juden zu verbessern. Deshalb setzt sich das Europäische Parlament für einen gerechten Ausgleich im Nahen Osten ein, damit Israel in gesicherten Grenzen und ein lebensfähiger Staat der Palästinenser nebeneinander und immer stärker miteinander existieren können. Wenn wir die Würde jedes Menschen ernst nehmen, dann ist die Würde eines Israelis die gleiche wie die Würde eines Palästinensers, eines Europäers oder Amerikaners. Es gibt nicht die Würde erster, zweiter oder dritter Klasse. Deshalb wollen wir, dass Christen eine Zukunft im Libanon, im Irak und in anderen muslimischen Ländern haben. Wo ihnen dies aber verwehrt wird, müssen wir ihnen Zuflucht und Asyl bei uns gewähren.
  Wir werden für unsere Werte im Dialog mit anderen werben. Wir müssen unsere Werte aber auch leben. Deshalb besteht ein enger Zusammenhang zwischen einer überzeugenden Europäischen Union als Wertegemeinschaft und ihrer globalen Rolle. Wir werden immer nur so stark sein, wie unsere Werte überzeugen können. In den letzten Jahren ist das Verhältnis Europas zur arabisch-islamischen Welt in besonderer Weise problematisiert worden. Wir sind Nachbarn und werden es bleiben. Allein schon aus Eigeninteresse müssen wir alles daransetzen, dass in den arabisch-islamischen Nachbarstaaten Europas stabile rechtsstaatliche und demokratische Verhältnisse möglich werden. Unsere arabischen und islamischen Nachbarn müssen überzeugt davon sein, dass Partnerschaft mit uns für sie von Nutzen ist. Wir wissen, dass die großen sozialen Unterschiede im Lebensstandard Spannungen und Frustrationen erzeugen.
   Wenn der Dialog mit der muslimischen Welt erfolgreich sein soll, muss er sich gründen auf Wahrhaftigkeit. Ich wurde einmal von einem hohen geistlichen Würdenträger in Saudi-Arabien gefragt:„Wie leben Muslime in Deutsch- land, in Europa?” Meine Antwort war: „Sie sind nicht so integriert, wie wir uns das wünschen, aber sie können ihren Glauben leben, haben ihre Gebetshäuser. Aber wie ist es, wenn jemand hier in Ihrem Land Christin oder Christ werden möchte? Stimmt es, dass darauf die Todesstrafe steht?” Ich habe keine Antwort bekommen. Wenn der Dialog erfolgreich sein soll, müssen wir die Wahrheit und unsere Überzeugung aussprechen. Ich war in Syrien und im Libanon, und bin dort mit vielen Vertretern der Kirchen zusammengekommen. Ich habe dort die Kreuze auf den Kirchen gesehen, mitten in der moslemischen Welt, erkennbar. Auch das gibt es.
  Wir müssen Brücken bauen und zu einer Entwicklung beitragen, um gleichberechtigte Partner zu werden. Das ist das Ziel der Mittelmeer-Union. Auch Deutschland liegt am Mittelmeer, wenn es darum geht, zu definieren, wodurch unsere Zukunft bestimmt wird: Klimawandel und Migration, Umweltzerstörung und Radikalisierung verarmter Jugendlicher, Fanatisierung frustrierter Menschen, die bereit sind, terroristische Gewalt auszuüben - dies sind keine Themen, die uns nur berühren, wenn wir unmittelbar am Mittelmeer leben. Strategisch ist das Mittelmeer die Brücke von uns allen, die wir Europäer sind, zu den Arabern auf der anderen Seite des Meeres. Dort hat auch der Staat Israel seinen Platz, ein demokratischer Staat, dessen Existenzrecht von niemandem in Frage gestellt werden darf. Zum Ausgleich aller Völker in dieser einzigartigen kulturellen Zone müssen wir alle beitragen. Am Saum des Mittelmeeres wurden die drei großen Buchreligionen geboren - dort entscheidet sich in erheblicher Weise unsere gemeinsame Zukunft.
   Es kann keine Zukunft gegeneinander geben. Es kann auch keine gute Zukunft geben, wenn wir uns gegenseitig gleichgültig sind. Die Römer haben vom Mittelmeer als „mare nostrum” gesprochen. Heute sprechen wir vom gemeinsamen Mittelmeer der Europäer und Araber, der Juden, Christen und Muslime. Es ist das Mittelmeer junger Generationen, die sich gemeinsam dem großen sozialen und ökologischen Druck ausgesetzt sehen, der sich in Afrika südlich der Sahara aufgestaut hat. Unterdessen gibt es auch Migrationsströme mit ökologischen Ursachen. Die Wüsten am Rande Europas breiten sich aus. Mit ihnen wächst der soziale Druck auf Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Es ist beschämend, dass Menschen vor den Küsten Europas ertrinken oder in erbärmlichen Booten an Europas Küsten landen. Alle Menschen haben ein Recht auf Würde, und wir als Christen sollten es verteidigen. Wir brauchen eine gemeinsame Politik der Migration. Wir dürfen Spanien und Italien nicht damit alleine lassen. Wir brauchen ein intensiveres Engagement für die Entwicklung Afrikas. Dort verlaufen Linien, die sich rasch zu kultu- rellen Konflikten steigern könnten. Deshalb sind wir gefordert, uns mehr als bisher für die Zukunft Afrikas zu engagieren. Es ist unsere eigene Zukunft, über die die Zukunft Afrikas mitentscheidet.
Das Ziel bleibt, Europa eine Seele zu geben
   Die Aufgaben, die vor uns liegen, gehen über das alltägliche Politikgeschäft hinaus. Unsere Medien berichten ja in der Regel nur über die Aufgeregtheiten des Tages. „Die Tagespost” ist ein schönes Beispiel dafür, dass in die Tiefe gedacht und berichtet wird. Die Europäische Union kann als Wertegemeinschaft nur überzeugen, wenn wir auf dem formalen Miteinander zu gemeinsamen politischen Zielen finden. Unsere christlichen - und ich sage ausdrücklich auch: katholischen - Prinzipien sind in der EU-Charta der Grundrechte verankert. Wo immer wir in wichtigen ethischen Fragen zu einem Konsens in der EU finden, der über religiöse Grenzen hinweggeht, bauen wir mit an dem Ziel, Europa eine Seele zu geben. Der interkulturelle Dialog als eine logische Weiterentwicklung der EU als Wertegemeinschaft - ich meine, in dieser Idee liegt viel Inspirations- kraft für alle, die geistig gerüstet sind, um zu neuen Ufern aufzubrechen. DT080830   

Benedikt mit EVP-Vorsitzenden Pöttering B-Pöttering,xx Papst: EU hat christliche Wurzeln

  Papst Benedikt XVI. hat dazu aufgerufen, die christlichen Wurzeln im europäischen Einigungsprozess angemessen zu berücksichtigen. Das christliche Erbe habe entscheidend zur Herausbildung einer europäischen Identität beigetragen; die Achtung der christlichen Wurzeln könne dazu beitragen, die Herausforderungen in einer von Globalisierung und demographischem Wandel gekennzeichneten Welt zu meistern, sagte der Papst in einer Audienz für die Fraktion der Christlichen Demokraten und Europäischen Demokraten (EVP-ED) des Europäischen Parlaments. Auffallend war, dass Benedikt XVI. sich zwar darüber erfreut zeigte, dass der derzeit auf Eis liegende europäische Verfassungsvertrag die Identität und den Beitrag der Religionsgemeinschaften anerkenne und einen umfassenden Dialog mit ihnen vorsehe. Der Papst äußerte sich aber nicht zu der Forderung nach einem ausdrücklichen Gottesbezug im Verfassungsvertrag. Unter Abgeordneten des Europäischen Parlaments hieß es, damit werde offenbar auch den innerhalb der christlich-demokratischen Parteienfamilie bestehenden Differenzen in dieser Frage Rechnung getragen.
   Der Präsident des Europäischen Parlaments Hans-Gert Pöttering sagte hingegen zu Beginn der Audienz, auch wenn es nicht gelungen sei, einen ausdrücklichen Gottesbezug in den Text des Verfassungsvertrags aufzunehmen, sei es entscheidend, dass dieser „entscheidende christliche Werte” umfasse. Es gehe nicht um einen Konflikt zwischen Zivilisationen. „Wir glauben an Zusammenarbeit, Verständnis, Partnerschaft und wenn möglich Freundschaft zwischen Kulturen und Religionen”. Papst Benedikt XVI. bekräftigte den Anspruch von Kirchen und Glaubensgemeinschaften, in gesellschaftspolitischen Fragen klar Stellung zu beziehen. Von einer Form der Intoleranz und der Einmischung könne nicht die Rede sein: Es gehe der katholischen Kirche insbesondere darum, die Würde des Menschen zu schützen und zu fördern. Der Papst forderte in diesem Zusammenhang insbesondere das menschliche Leben - von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod - zu schützen und die „natürliche Struktur” der auf der Ehe von Mann und Frau beruhenden Familie sowie die Rechte der Eltern zu achten. FAZ060331

B-Pöttering-xx

Europa nicht zum Sündenbock nationaler Enttäuschungen machen. Das christliche Menschenbild
ist für den Präsidenten des Europa-Parlaments Hans-Gert Pöttering tragendes Element europäischer Politik

   Mit der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament 1979 zog der damals 34-jährige Politikwissenschaftler und Jurist Hans-Gert Pöttering für die niedersächsische CDU nach Brüssel und Straßburg. 1999 wählten ihn seine Kollegen zum Fraktionsvorsitzenden der christdemokratisch-konservativen EVP (Europäische Volkspartei). Er wurde er zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt. In der “Tagespost” fanden wir ein Interview von Stephan Baier mit ihm über seine Vision einer Politik für Europa.  DT070115gekürzt

Früher war vielfach von „Europamüdigkeit” die Rede, heute spricht man von einer Vertrauens- und einer Identitätskrise des vereinten Europa. Welches Rezept haben Sie, als überzeugter und leidenschaftlicher Europäer, dagegen?
   Das Wichtigste ist, dass Politiker, die Verantwortung in Europa tragen, viel öfter davon sprechen, was Europa alles für die Lösung der Probleme der Menschen tut. Dazu gehört zum Beispiel die wichtige Gesetzgebung, wie die Richtlinie über Dienstleistungen, die grenzüberschreitend in Europa erbracht werden können. Das Europäische Parlament als Mitgesetzgeber hat hier einen fairen Ausgleich zwischen dem Schutz der Verbraucher und der Förderung des Wettbewerbs von Dienstleistungsangeboten hergestellt. Oder die Chemikalienverordnung, die soviel Umweltschutz wie möglich garantiert, ohne dass dies zur Auswanderung der Chemieindustrie und damit zum Abbau von Arbeitsplätzen in Europa führt. Es gibt viele andere Beispiele, etwa in der Umweltpolitik, bei der Bekämpfung von Kriminalität und Terrorismus, bei der äußeren Sicherheit der Europäischen Union und damit der Friedenssicherung in Europa. Wir müssen viel mehr über diese Erfolge reden und nicht Europa zum Sündenbock für Enttäuschungen in der nationalen Politik mächen.
Ist ein Durchbruch zur Europäischen Verfassung, die ja in vielen Staaten bereits ratifiziert wurde, noch möglich? Kann die deutsche Ratspräsidentschaft unter Bundeskanzlerin Merkel hier etwas erreichen?
   Die Europäische Verfassung umfasst zum einen notwendige Reformen, um die Handlungsfähigkeit der erwei- terten Europäischen Union  für die Zukunft zu sichern, zum andern schreibt sie unsere gemeinsamen Werte fest. Dies ist die Substanz der Verfassung, die in die rechtliche und politische Wirklichkeit umgesetzt werden muss. Die deutsche  Ratspräsidentschaft kann  einen neuen Anstoß für die Verfassung geben, wird allerdings noch keine vollständige Lösung für die Zukunft der Verfassung finden können.
Viele Christen waren enttäuscht, dass ein Gottesbezug in der Präambel der Verfassung nicht durchsetzbar war. Sehen Sie dafür noch eine Perspektive?
  Als Christen geben wir die Hoffnung nie auf. Die christdemokratische Fraktion hat sich unter meinem Vorsitz ja in- tensiv bemüht, den Gottesbezug und das christlich-jüdische Erbe in der Verfassung zu verankern, was uns aber leider nicht gelungen ist. Dennoch ist der Text der Verfassung auch aus kirchlicher Sicht positiv bewertet worden, da durch die Festschreibung der Werte und durch einen eigenen Artikel über die Kirchen und Religions- gemeinschaften wichtige Anliegen des christlichen Glaubens und der Kirchen sich in der Verfassung wiederfinden. Jeder Versuch, den Gottesbezug noch mit einzuführen, wäre aus Sicht der Christdemokraten natürlich sehr positiv. Sollte das aber nicht mehr gelingen, darf dies nicht zu einer Ablehnung des Textes, der ausgewogen und für die Zukunft der Europäischen Union enorm wichtig ist, führen.
Welche Rolle spielen das christliche Menschenbild und die christliche Soziallehre heute in der europäischen Politik?
  Christliches Menschenbild und christliche Soziallehre sind seit den Gründervätern Europas - denken Sie an Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schuman - das tragende Fundament der europäischen Politik. Das christliche Menschenbild findet sich übrigens im Teil „Werte”, beziehungsweise in Teil II der Verfassung sehr klar wieder. Solidarität und Subsidiarität, die Leitprinzipien der europäischen Politik, sind Prinzipien, die aus der christlichen Soziallehre kommen. Solidarität steht für das füreinander Einstehen, und Subsidiarität für die Verantwortlichkeit des Einzelnen im Gemeinwesen und daraus folgend die Notwendigkeit, politische Entscheidungen auf der Ebene zu treffen, die möglichst nah beim einzelnen Bürger ist, also aufsteigend von der kommunalen, regionalen und nationalen zur europäischen Ebene. Dabei wird auf der jeweils höheren Ebene die Entscheidung nur dann getroffen, wenn das politische Handeln hier effizienter ist. Diese Prinzipien kommen zum Ausdruck im Begriff „Person”, der mehrfach in der Verfassung genannt wird.
Welche Bedeutung haben der christliche Glaube und die Lehre der Kirche für Sie persönlich, in Ihrem politischen Handeln?
   Für mich persönlich sind dies die Leitlinien meines politischen Handelns. Konkret bedeutet das für mich, dass das wichtigste Prinzip der Achtung der Würde eines jeden Menschen ist, die unter allen Umständen und überall auf der Welt zu verteidigen ist. Daraus leiten sich die meisten politischen Aufgaben letztlich ab. Es gibt keine wichtigere und keine schönere Aufgabe für einen Politiker und die Definition seiner Arbeit.  

be-30-.z2Papst Benedikt XVI.: Erneuerung Europas auf den Spuren Benedikts

   Eine „ethische Erneuerung, die auf die Wurzeln des Christentums zurückgeht”, hat Papst Benedikt XVI. für den europäischen Einigungsprozess gefordert. Andernfalls drohe bei der derzeitigen Suche nach der Identität Europas die Gefahr einer „ichbezogenen Selbstverwirklichung”, die im 20. Jahrhundert Ursache vieler Katastrophen gewesen sei. Papst Benedikt äußerte sich in der Generalaudienz am 09. April 2008 vor 22000 Gläubigen auf dem Petersplatz. In freier Rede sprach der Papst über den heiligen Benedikt - Patron Europas und sein päpstlicher Namensgeber.
Auf Deutsch sagte der Papst:
   „Heute möchte ich zu euch über den heiligen Benedikt von Nursia, den Vater des abendländischen Mönchtums, sprechen. Über sein Leben berichtet uns Papst Gregor der Große, der diesem ,Mann Gottes’ im zweiten Buch seiner ,Dialoge’ ein hagiographisches Denkmal gesetzt hat. Um 480 bei Nursia in Umbrien geboren, kam Benedikt zum Studium nach Rom. Des städtischen Treibens und Lebensstils überdrüssig und getragen vom Wunsch, Gott zu gefallen, zog er sich bald in die Einsamkeit zurück. Die Jahre des Eremitenlebens in Subiaco sind für Benedikt eine Zeit der Prüfung, der Reifung und der Überwindung tiefster Versuchungen des Menschseins. Im Jahre 529 gründete der Heilige sein berühmtes Kloster auf der Anhöhe von Montecassino als ,Leuchturm auf dem Berg’, wo er 547 verstarb. Durch sein Wirken, vor allem durch seine Mönchsregel, hat Benedikt entscheidenden Einfluss auf die Formung der europäischen Kultur und Zivilisation ausgeübt.  1964 hat Papst Paul VI. ihn zum Patron Europas erklärt. Benedikt beschreibt in seiner Regel das Kloster als ,Schule für den Dienst des Herrn’. Dabei nimmt das Gebet, ohne das es keine Gotteserfahrung gibt, einen zentralen Platz ein. Aus dem betenden Hinhören auf Gott muss aber konkretes Handeln folgen. Nicht um eine ich-bezogene Selbstverwirklichung geht es beim monastischen Leben, sondern um die aufrichtige Suche nach Gott und die nach dem Beispiel Christi in Glauben und Liebe geübte Demut. So kann der Mensch immer mehr Christus ähnlich werden und seiner Bestimmung als Geschöpf nach dem Abbild Gottes gerecht werden.” rv080409

Der Papst und seine Europakritik     be-117-z

  Nach der Regensburger Vorlesung hat Benedikt XVI. klar gestellt, dass er nicht die Muslime anprangern, sondern den Islam zu einem “freimütigen und aufrichtigen Dialog einladen” wollte. Damit ist der Blick frei auf den weiten Rest seiner Rede, und deren Grundthese ist durchaus gegen den Zeitgeist der Heimat, gegen den Westen gewandt: Europa, sagt der Professor-Papst wenig schmeichelhaft, lege seit Jahrhunderten in immer neuen Hieben die Axt an die eigenen geistigen Wurzeln und sei als Folge in seiner heutigen Gestalt zum geforderten interkulturellen Dialog unfähig.
   Der Papst sagt, religiöser Glaube und menschliche Vernunft seien untrennbar miteinander verbunden; “nicht vernunftgemäß zu handeln ist dem Wesen Gottes zuwider”. Dies gelte für Abend- wie für Morgenland. Speziell der christliche Glaube indes habe sich historisch und systematisch mit der organisierten Vernunft verbunden: mit der Welt der griechischen Philosophie.
   Den Gott der Christen sieht der Papst als Gott, der sich in Vernunftkategorien offenbart: “Auch wenn die Un- ähnlichkeiten unendlich größer sind als die Ähnlichkeiten, so gibt es doch zwischen dem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie.” Den Gott des Islam hingegen beschreibt Benedikt XVI. als einen weltentrückten Willkürgott: “Für die muslimische Lehre ist Gott absolut transzendent; sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden, und sei es an die Vernünftigkeit.”
   Eine für Europa selbst bedeutendere theologische Grenze steckt Benedikt XVI. gegenüber dem Protestantismus und seinen kulturellen Folgen ab. Die Forderung der Reformation, aus der christlich-hellenistischen Symbiose auszusteigen, deren theologisches Gebäude zu verlassen und “allein auf die Heilige Schrift” zu rekurrieren, ist für Benedikt ungeschichtlich, fatal und unchristlich.
   Seitdem sei in Europa nach und nach ein Vernunftbegriff eingezogen, der die Religion aus dem “modernen” Denken hinauswarf: Der Glaube wurde mit der Aufklärung zu einer frommen Übung, zur bürgerlichen Moral, zur Seelentröstung für intellektuell unbedarfte Gemüter degradiert. Das Gewissen als innerste Instanz des Menschen fand keinen Halt mehr an Ewigem, Allgemeingültigem, sondern nur noch an sich selbst - also an gar nichts. “So verlieren Ethos und Religion ihre gemeinschaftsbildende Kraft und verfallen der Beliebigkeit. Dieser Zustand ist für die Menschheit gefährlich: Wir sehen es an den uns bedrohenden Pathologien der Religion und der Vernunft, die not- wendig ausbrechen müssen, wo die Vernunft so verengt wird, dass ihr die Fragen der Religion und des Ethos nicht mehr zugehören.”
   Der Papst erstaunt seine Hörer indes auch mit Zugeständnissen, die sich für einen so kulturkritischen Kirchenführer revolutionär ausnehmen: “Die Größe der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt.” Aber er verlangt - das ist die Synthese seiner Vorlesung - eine “Selbstkritik der modernen Vernunft”, eine Integration von Wissenschaft und Glaube: “Nur so werden wir zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen.”
   Gefordert ist also nicht nicht eine Rückkehr zu schlichter Frömmigkeit und schon gar nicht ein kreuzzugartiger Aufmarsch gegen islamische Kulturen, die laut Papst gläubiger sind als wir. Aber Benedikt XVI. verlangt nichts we- niger als eine Umkrempelung des westlichen Denkens.
   Was der Papst mit den Krankheitsausbrüchen des Glaubens meinte, ließ er offen. Dass er jede religiös motivierte Gewalt für eine der Religion selbst zuwiderlaufende Fehlentwicklung hält, hatte er zuvor vielfach gesagt. Ob er Europa zur befreienden Wende überhaupt für fähig hält, dazu hat Benedikt nichts gesagt. PaulKreinerHA060919

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Bundespräsident Horst Köhler: Der gelebte Glaube der Christen hat unsere Kultur geformt
Eine europäische Rede in der Universität Tübingen auf Einladung der “Stiftung Weltethos”

   Der Bundespräsident sprach über Bedingungen für das gelingende Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen. Mit Nachdruck verwies der Bundespräsident dabei auf die Bedeutung des Christentums. Wenn Europa seine Iden- tität bewahren wolle, dürfe die kulturprägende Kraft des Glaubens nicht in Vergessenheit geraten.

  Nur einen guten Monat nach dem Sturm auf die Bastille - am 26. August 1789 - verabschiedete die französische Nationalversammlung die Erklärung der Allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte. Diese Erklärung wurde zum Bezugspunkt für viele Freiheitsbewegungen seitdem und für das Verlangen nach Durchsetzung der Menschenrechte in aller Welt. Sie wurde ein Hoffnungssignal - weit über Frankreich und Europa hinaus.
   Bald aber stellte sich derselben Nationalversammlung die Frage, ob diese Rechte tatsächlich für alle Menschen gelten sollen, also auch für die schwarzen Sklaven und die so genannten Mischlinge in den französischen Überseekolonien. Ein Ende der Sklaverei hätte wohl ein Ende der Pflanzungen bedeutet - und wirtschaftliche Interessen auch von Mitgliedern der Nationalversammlung betroffen.
   Mit verschämten Formulierungen erlaubte es die Versammlung dann, dass in den Kolonien letztendlich alles so bleiben konnte, wie es war. Sie handelte also praktisch gegen die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte, die sie selber gerade erst formuliert hatte.
   Moralische Inkonsequenzen und Doppelstandards machen uns noch heute zu schaffen. Auf der einen Seite gibt es die allgemeine moralische Überzeugung, dass alle Menschen das Recht auf ein menschenwürdiges Leben, auf Freiheit und Selbstbestimmung haben. Auf der anderen Seite lassen wir uns oft von politischen und auch ökonomischen Interessen daran hindern, dieses Ideal zu verwirklichen oder ihm wenigstens näher zu kommen.
  Gerade wir in den westlichen Demokratien ziehen uns oft den Vorwurf der Heuchelei zu - und manchmal sicher zu Recht. Zwar tragen wir gern  die Banner von Freiheit und Demokratie vor uns her, handeln aber tatsächlich oft nur im Sinne der eigenen Interessenwahrung.
   Ein ganz anderer Vorwurf wird oft in anderen Kulturkreisen vorgebracht. Man sagt dort manchmal, die Forderungen nach Einhaltung der Menschenrechte seien in dieser Form ihren Kulturen fremd.
   Es gibt in diesem Zusammenhang den Vorwurf des „Kultur”- oder gar „Menschenrechtsimperialismus“. Da ist von „westlichen Werten” die Rede, womit deren universale Gültigkeit bestritten werden soll. Für mich steht fest: Keine Kultur hat Grund zur Arroganz und zu Hochmut. Alle müssen Respekt haben vor jeweils anderen Kulturen, vor der Würde des anderen in seiner Verschiedenheit. Der Respekt vor einer anderen Kultur darf aber keine pseudokulturelle Bemäntelung von Unterdrückung, Diktatur und Armut hinnehmen.
   Manche geben sogar den Rat, dass man sich überhaupt nicht mehr in die Angelegenheiten anderer einmischen solle. Alle Länder und Kulturen müssten auf ihre Weise mit den Herausforderungen von Armut und Ungerechtigkeit fertig werden. Jede noch so gut gemeinte Hilfe bringe meist noch größeres Chaos, noch größere Ungerechtigkeit, vertiefe die Gräben in der Welt. Kurz: Jeder müsse selber sehen, wo er bleibt.
  Eine solche Haltung ist nach meiner Auffassung nicht nur moralisch fragwürdig, ich halte sie auch politisch für fatal. Wir können einander in unserer vernetzten Welt nicht aus dem Weg gehen, und wir können vor dem Schicksal der anderen nicht die Augen verschließen.
   Es gibt, wie ich finde, eine moralische Verpflichtung, sich vor allem um die zu kümmern, denen es schlechter geht. Das ist ein moralisches Gebot, das noch über das so genannte aufgeklärte Eigeninteresse hinausgeht. Über den ethischen Impuls, der über das eigene Interesse hinausgeht, möchte ich sprechen.
   Ich danke Ihnen, Herr Professor Küng, und der Stiftung Weltethos, dass ich dazu hier und heute die Gelegenheit habe. Sie, Herr Küng, haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr verdient gemacht um den Dialog zwischen den Religionen und den Kulturen. Wir erleben derzeit schmerzlich, wie wichtig dieser Dialog ist, um Frieden in der Welt zu sichern. Ich glaube allerdings auch, dass wir uns - gerade im interkulturellen Dialog - zuallererst über unsere eigenen Grundlagen, über unsere eigenen Wurzeln klar werden müssen. Wenn wir einen Dialog führen, dann wollen wir ganz gewiss zuhören, aber wir müssen auch selber etwas zu sagen haben. Also müssen wir wissen, wer wir sind und woher wir kommen.
  Was gehen uns die anderen an? Das ist eine zentrale ethische Frage. Mit den „anderen” sind diejenigen gemeint,  die nicht auf den ersten Blick zu uns gehören, die nicht Mitglieder unserer Familie, unseres Freundeskreises sind, mit denen uns wenig verbindet und die uns fremd sind.
   Wie kommen wir eigentlich dazu, uns um diese Fremden zu kümmern? Wie kommt es, dass wir einen ethischen Impuls zu helfen empfinden, auch bei Menschen, die wir gar nicht kennen, von deren Leben wir nichts wissen, außer dass sie in Not sind und Hilfe brauchen?
   Das alles ist - historisch gesehen - nicht selbstverständlich. Selbst die hochentwickelten antiken Kulturen Griechenlands oder des Römischen Reiches kannten zwar ein Bedauern über ein böses Schicksal, aber keine Pflicht zur Fürsorge für Arme und Notleidende.
   Mit dem Eintritt des Christentums in die antike Welt bekam die moralische Pflicht zur Hilfe und Fürsorge für den anderen eine Dringlichkeit, die es vorher und anderswo so nicht gegeben hatte. Das Gebot der Nächstenliebe wurde direkt mit dem Verhältnis zu Gott verknüpft. Und der Nächste, das war potenziell jeder andere, gerade der Ärmste. Wie es im Neuen Testament heißt: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
  Tatsächlich haben die ersten Christen etwas in die Praxis umgesetzt, was auch einige antike Philosophen bereits gefordert hatten. Darum konnte das Christentum eine so gesellschaftsprägende Kraft werden. Die tägliche Praxis der ersten Christen, sich um die Armen und Kranken, die Witwen und Waisen zu kümmern,  war die sichtbare Seite eines neuen Verhältnisses zum anderen, der einen angeht. Hier zeigte sich eine historisch neue Solidarität, die sich auch dem Fremden nicht verschloss. Diese gelebte Solidarität und der Geist, aus dem sie stammt, haben Europa tief geprägt, zivilisiert und mit zu dem gemacht, was es ist.
   Natürlich hat es lange gedauert, bis ein solcher Zivilisierungs- und Humanisierungsprozess die Gesellschaften bis in die einzelnen Mentalitäten hinein wirklich durchdrungen hat. Natürlich hat es von Zeit zu Zeit auch schon so etwas wie einen „Kampf der Kulturen” gegeben. Zum Beispiel als die christliche Botschaft der Nächstenliebe, die auch dem Fremden gilt, auf die germanische Kultur der Fehde und der Rache traf.
  Das Beispiel zeigt: Nicht jeder Aspekt einer Kultur verdient Respekt. Wir finden es heute selbstverständlich, dass bei uns die Tradition der Sippenhaft und Blutrache verschwunden ist. Und wir können froh darüber sein. Genauso werden sich sicher auch die Mädchen und Frauen in Afrika freuen, wenn die kulturelle Tradition der Beschneidung keinen Respekt mehr findet, sondern endlich abgeschafft wird.
  Der langsame Prozess der Zivilisierung ging nicht ohne fürchterliche Rückfälle in Gewalt und Grausamkeit ab, gerade auch im Namen des Christentums. Aber das Gebot der Nächstenliebe, die den Fremden einschließt und besonders den Ärmsten im Blick hat, das ist nicht mehr verschwunden: Es bleibt das Gewissen Europas.
   Wenn wir heute „unterlassene Hilfeleistung“ als einen Straftatbestand kennen, dann ist auch das noch eine ferne Folge des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Diese praktische Nächstenliebe, die nicht danach fragt, wie nah mir der andere steht, gehört zum festen Wertebestand Europas, trotz aller Verbrechen, die gegen dieses Gebot verübt worden sind.
   Es kommt nicht von ungefähr, und es hat unsere Mentalität tief geprägt, dass wir von Kindesbeinen an mit solchen Figuren vertraut sind wie Sankt Martin, der den Mantel mit dem Bettler teilt, oder dem Heiligen Nikolaus, der den  Armen bringt, was sie brauchen. Dass uns der Fremde, der Arme, der Hungernde etwas angeht, das gehört zur Seele Europas, das ist europäische Tradition.
   Noch einmal: All das hat Europa - und Deutschland zumal - nicht davon abgehalten, immer wieder in grausame Barbarei und Unmenschlichkeit zurückzufallen, im Dreißigjährigen Krieg sogar aus konfessionellen Motiven. Es hat uns in Europa nicht davor bewahrt, andere Völker zu bekriegen und zu unterwerfen. Und in zwei Weltkriegen hat sich Europa beinahe selbst ausgelöscht. Gerade wir Deutschen tragen auf Grund unserer Geschichte Verant- wortung dafür, dass sich so etwas nie wiederholt.
   Immer wieder aber hat Europa einzelne oder Gruppen hervorgebracht, die die Unterdrückung, die Gewaltherrschaft, den Krieg kritisiert und der Unmenschlichkeit Widerstand entgegengesetzt haben. Sie haben unser Gewissen immer wieder aufgerüttelt und uns an das kostbare Erbe erinnert, aus dem die Zivilität Europas gewachsen ist.  Ob der aus Umbrien stammende Franz von Assisi, der Elsässer Albert Schweitzer, die Albanierin Mutter Teresa oder der Breslauer Dietrich Bonhoeffer: Immer wieder hat sich Europa selbst daran erinnert, wo seine guten Wurzeln liegen.
   Wird dieser ethische Impuls lebendig bleiben? Werden wir das auch weiterhin einbringen können in den Dialog der Kulturen? Werden wir glaubwürdig bleiben in den Augen der Welt?
   Ich habe manchmal den Eindruck, als sei Europa müde geworden, als sei es dabei, seine Identität zu verlieren, seine Wurzeln selber nicht mehr zu kennen. Zu diesen Wurzeln gehören ganz sicher die Aufklärung, die Menschenrechte, die verschiedenen Emanzipationsbewegungen. Aber eben auch das Christentum und die christliche Ethik.
   Immer mehr Menschen kommen zu uns, die aus anderen Wurzeln leben und eine andere kulturelle Herkunft haben. Das Zusammenleben ist nicht leicht und kann zu Auseinandersetzungen führen.
   Aus den Erfahrungen, die wir mit kulturellen und konfessionellen Konflikten in unserer Geschichte gemacht haben, müssen wir darauf bestehen, dass unter uns zivilisatorische Standards unbedingt eingehalten werden, wie sie zum Beispiel unser Grundgesetz formuliert. Ohne gemeinsame Basis ist kein Zusammenleben möglich. Keine Gruppe darf aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, keine aber darf sich auch selber ausschließen.
   Toleranz ist deshalb nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit, auch nicht mit Ignoranz. Toleranz fordert meinen Respekt vor dem Anderssein des anderen, aber sie fordert auch den Respekt des anderen vor meiner Haltung und Lebensweise. Nur so wird sich Toleranz letzten Endes nicht als Schwäche, sondern als zivilisatorische Stärke erweisen. Unsere Erfahrung zeigt: Nur im zivilisierten Umgang miteinander können Geltungs- und Wahrheitsan- sprüche so gelebt werden, dass sie nicht auf Kosten anderer durchgesetzt werden. Das gehört zu den kostbaren, überlebenswichtigen Erfahrungen Europas. DT041202

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Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht

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Foto: Feierliche Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht durch die Außenminister der damals zwölf Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft, die damit zur Europäischen Union wurde

Säkulare Veränderung unseres Kontinents

    Im Dezember 1991 einigten sich die Staaten der Europäischen Gemeinschaft (EG) in Maastricht über die Eck- punkte des Vertrags, mit dessen Unterzeichnung am 7. Februar 1992 die Europäische Union (EU) gegründet wurde. Eigentlich ein epochaler Akt, doch der Vertrag von Maastricht tritt im allgemeinen Bewusstsein in Deutsch- land weit hinter die Wiedenereinigung zurück.

   Als im März 2011 in das Haus von Hans-Dietrich Genscher eingebrochen worden war, schmerzte den langjähri- gen deutschen Außenminister weniger der gestohlene Schmuck seiner Frau als vielmehr der Verlust eines Füllfe- derhalters - jenes Schreibgeräts, mit dem er am 7. Februar 1992 den Vertrag von Maastricht unterzeichnet hatte. Die Zeremonie in der knapp 120.000 Einwohner zählenden Stadt im äußersten Südosten der Niederlande, an der die Außen- und Finanzminister der damals zwölf Mitgliedsstaaten teilnahmen, ist nicht als bildmächtiger Erin- nerungsort in das kollektive Bewusstsein eingegangen, ebenso wenig wie die vorangegangene  Verabschiedung des Vertrags durch Regierungschefs am 10. Dezember 1991 nach über 30-stündigem Sitzungmarathon ebenfalls in Maastricht. Überhaupt fand dieser Integrationsschritt hin zur Europäischen Union viel weniger öffentliche Aufmerk- samkeit als die friedliche Revolution in der DDR, die Wiedervereinigung und der Irak-Krieg kurze Zeit zuvor. Die Diskrepanz zwischen zeitgenössischem Interesse und langfristiger Bedeutung zählt indessen zu den kennzei- chnenden Merkmalen des europäischen Integrationsprozesses seit den 50er Jahren, der mit dem  Vertrag von Maastricht zu eionem Abschluss kam und zugleich einen neuen Abschluss nahm-
   Diese Dimension erschließt sich aus dem Vertragstext selbst zunächst freilich kaum. Er umfasst weniger als 20 Druckseiten und ist in eine Präambel sowie sieben „Titel" aus insgesamt 39 Artikeln aufgeteilt, die ihrerseits nicht durchnummeriert, sondern nach einer ziemlich unübersichtlichen Buchstaben-Zahlen-Kombination angeordnet sind. Zugleich wird die Errichtung der Wirtschafts- und Währungsunion, die gemeinhin als Herzstück des Vertrags von Maastricht angesehen wird, im eigentlichen EU-Vertrag nur als allgemeines Ziel erwähnt. Die entscheidenden Pas- sagen dazu finden sich stattdessen im geänderten Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschafts- gemeinschaft von 1957 (kurz: EWG-Vertrag), auf den der EU-Vertrag mit einem einzigen Satz verweist - dort freilich in einem Umfang, der über den des gesamten restlichen Vertragswerks hinausgeht.
   Kurzum: Der Vertrag von Maastricht ist so kompliziert, dass es einigen Aufwand erfordert, um ihn zu durch- schauen. Auch dies ist typisch für den europäischen Integrationsprozess. Denn ihm liegt nicht ein kohärentes Gründungsdokument zugrunde, sondern seine Basis sind verschiedene einzelne Verträge, die immer wieder geän- dert und ergänzt, zusammengelegt und umbenannt wurden. Der Versuch, dieses Durcheinander zu ordnen, wurde durchaus unternommen: mit dem europäischen Verfassungsvertrag von 2004, der allerdings am Widerstand der Volksabstimmungen in Frankreich und in den Niederlanden scheiterte.
   Die vertragsrechtliche Seite der europäischen Integration war und ist daher ebenso verwickelt wie grund- legend, und der Vertrag von Maastricht nimmt darin eine Scharnierfunktion ein. Mit diesem Vertrag vom 7. Februar 1992 gründeten die zwölf Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft (EG) - die sechs Gründungsstaaten Frankreich, Italien, Bundesrepublik Deutschland, Niederlande, Belgien und Luxemburg, die in den 70er Jahren hin- zugekommenen Mitglieder Großbritannien, Irland und Dänemark sowie die in den 80er Jahren aufgenommenen Staaten Spanien, Portugal und Griechenland - die Europäische Union (EU). Sie war sozusagen die Dachorga- nisation der drei Europäischen Gemeinschaften, die in den 50er Jahren gegründet und in den 60er Jahren zur EG zusammengefasst worden waren: der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), der Europäischen Gemein- schaft für Kohle und Stahl (EGKS) sowie der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom). Diese bildeten die sogenannte erste Säule. Hinzu kamen in Maastricht die zweite Säule der neu eingerichteten Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) und als dritte die Zusammenarbeit in der Innen- und Rechtspolitik. Diese Bestimmungen von 1992 wurden durch die Verträge von Amsterdam (1997), Nizza (2001) und Lissabon (2007) wiederholt geändert, so dass der Vertragstext von Maastricht nicht mehr dem gültigen EU-Vertrag entspricht.

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Foto: Pressekonferenz der deutschen Delegation im Dezember 1991 in Maastricht
nach Abschluss der Verhandlungen über die vereinbarte Änderung der EG-Verträge

   Dieser EU-Vertrag (EUV) stellt eine von zwei primärrechtlichen Grundlagen der EU dar. Die andere ist der deutlich umfangreichere Vertrag, der seit 2009 Vertrag über die Arbeitsweise der Union (AEUV) heißt und der die konkreten Funktionsweisen der EU regelt. Hier nun kommt der vermeintlich lapidare Verweis auf den geänderten EWG- Vertrag im Vertrag von Maastricht ins Spiel. Denn der AEUV geht auf den EWG-Vertrag von 1957 zurück, der wiederum mit dem Vertrag von Maastricht entscheidende Änderungen erfuhr - freilich auch dies nicht ohne begriff- liche Komplikationen, wurde doch mit der Gründung der EU der EWG-Vertrag in EG-Vertrag umbenannt und geändert (und weiter geändert, bis 2009 die EG aufgelöst und in die EU überführt sowie der EG-Vertrag in AEUV umbenannt wurde...). Um den Vertrag von Maastricht zu verstehen, muss man also den EU-Vertrag mit dem EG- Vertrag in der Fassung vom 7. Februar 1992 kombinieren - und ihn im Zusammenhang zweier grundlegender historischer Entwicklungen sehen: dem westeuropäischen Integrationsschub seit Mitte der 80er Jahre zum einen und der europäischen Zeitenwende von 1989/90 zum anderen.
   Dass eine Krise der Ausgangspunkt für einen neuen Integrationsschritt darstellt, auch dies gehört zu den Mustern des europäischen Einigungsprozesses seit den 50er Jahren. Dies war auch Mitte der 80er Jahre der Fall, als die sogenannte Eurosklerose zu Beginn des Jahrzehnts einen unerwarteten Reformimpuls wich, der insbeson- dere von dem Zusammenspiel des französischen Präsidenten François Mitterrand, des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl und des EG-Kommissionspräsidenten Jacques Delors ausging, und in dem sich verschiedene Motive und Ziele miteinander verbanden.
   Den ersten großen Schritt stellte die 1986 beschlossene Einheitliche Europäische Akte (EEA) dar, die zugleich die Vorzeichen für die weitere Entwicklung setzte: Es ging erstens um Reformen der europäischen Institutionen, um sie leistungsfähiger und demokratischer zu gestalten, zweitens um eine Ausdehnung der Felder der Zusammen- arbeit (insbesondere auf die Außen- und Sicherheitspolitik) und drittens um die wirtschaftliche Integration, die durch die Einführung des europäischen Binnenmarkts bis Ende 1992 vorangebracht werden sollte. Mit dem Be- schluss zur Abschaffung materieller, fiskalischer und technischer Schranken zwischen den Mitgliedsländern wurde eine erhebliche Integrationsdynamik freigesetzt, ein wahrer Europäisierungsboom, der auch die Frage einer gemeinsamen Währung erfasste. Ebendann lag das zentrale Ziel von Jacques Delors ebenso wie von François Mitterrand, und dahinter standen handfeste nationale Interessen: Eine gemeinsame Währung nämlich würde es möglich machen, die Dominanz der D-Mark und der Deutschen Bundesbank in Europa zu brechen, die sich in den 80er Jahren angesichts der boomenden Bundesrepublik für die westeuropäischen Nachbarn immer drückender bemerkbar gemacht hatte.

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Foto: Während des EG-Sondergipfels fordern Demonstranten vor dem Tagungsgebäude eine Volksabstimmung über die Änderung der EG-Verträge und die Gründung der Europäischen Union.

   Die deutsche Frage stand auch im Zentrum der zweiten einschneidenden Entwicklung, den europäischen Revo- lutionen von 1989/90: Mit einem Schlag nämlich stellte sich nun die Frage, wie es das zunehmend vereinte West- europa mit den vom Kommunismus befreiten Staaten des ehemaligen sowjetischen Herrschaftsbereichs halte - und, drängender noch als zuvor: was mit dem wiedervereinigten, vergrößerten und wie man meinte, wirtschaftlich und politisch noch stärkeren Deutschland werden solle. Vor diesem Hintergrund beantwortete François Mitterrand die Frage nach Vertiefung oder Erweiterung mit aller Entschiedenheit: Der bereits eingeleitete (westeuropäische Integrationsschub musste mit Vorrang fortgesetzt und das vereinte Deutschland durch eine gemeinsame Währung europäisch eingebunden werden.
   Nun wird oftmals behauptet, Helmut Kohl habe die D-Mark als Preis für die französische Zustimmung zur deut schen Wiedervereinigung geopfert. Das ist so nicht richtig. Denn der Europäische Ministerrat hatte schon Ende Juni 1989, auf dem Madrider Gipfel, den sogenannten Delors-Bericht angenommen, den der Kommissionspräsident gemeinsam mit den Präsidenten der Notenbanken 1988/89 erarbeitet hatte. Somit hatte die EG bereits vor den revolutionären Umwälzungen in Osteuropa den Grundsatzbeschluss zur Europäischen Wirtschafts- und Währungs- union gefasst. In trockenen Tüchern war die gemeinsame Währung damit allerdings noch keineswegs, und in der Tat wurde ihre konkrete Umsetzung durch die Wiedervereinigung erheblich beschleunigt. Denn auch wenn Kohl wegen der deutschen Einheit nicht mehr der Einführung einer Gemeinschaftswährung an sich zustimmen musste, so gab er doch Mitterrands Drängen nach, Nägel mit Köpfen zu machen und eine Regierungskonferenz für die Wirtschafts- und Währungsunion einzusetzen, während das vorrangige deutsche Ziel einer politischen Union, vor allem einer stärker parlamentarisch-demokratischen Ausgestaltung des geeinten Europa, demgegenüber deutlich zurücktrat.
   Dem Europäischen Parlament wurde zwar ein neues „Verfahren der Mitentscheidung" zugebilligt, doch blieb die EU weit von einem parlamentarisch-demokratischen System entfernt, in dem ein gewähltes Parlament die Letzt- entscheidungskompetenz besitzt. Statt dass die neugeschaffene Europäische Union eine echte politische Union geworden wäre, ruhte sie auf der sogenannten Tempelkonstruktion von „drei Säulen", wie es in der europäischen Verfassungsmetaphorik heißt. Die Zusammenarbeit in der Innen- und Justizpolitik bezog sich vor allem auf die Verbrechensbekämpfung und die Kontrolle der Außengrenzen. Dies war notwendig geworden, nachdem die europäischen Staaten mit den Schengen-Abkommen beschlossen hatten, die Kontrollen an den Binnengrenzen ab- zuschaffen (wie es seit 1995 der Fall ist). Die zweite Säule, die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, beruhte ebenfalls auf Regierungszusammenarbeit und sah vor allem eine verstärkte Abstimmung in außen- und sicher- heitspolitischen Fragen von allgemeiner Bedeutung vor. In den internationalen politischen Krisen - von den Balkan- Kriegen bis zum Irak-Krieg 2003 - stellte sich freilich heraus, dass die EU nicht in der Lage war, als handlungs- fähige internationale Akteurin aufzutreten.

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Foto: Bundesaußenminister Hans- Dietrich Genscher und Bundesfinanzminister Theo Waigel unterzeichnen
am 7. Februar 1992 den Vertrag von Maastricht

   Supranational statt intergouvernemental war allein die erste Säule konstruiert: die veränderte Europäische Ge- meinschaft, und in ihrem Kern die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion, die bis spätestens 1. Januar 1999 vollendet werden sollte. Voraussetzung für den Beitritt war dabei, dass die Mitgliedsstaaten bestimmte Kon- vergenzkriterien von Preis- und Währungsstabilität, soliden Staatsfinanzen und stabilen Zinsen erfüllten. Dem entsprach, dass die neu zu gründende Europäische Zentralbank dem vorrangigen Ziel der Preisstabilität ver- pflichtet und - nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank - mit politischer Unabhängigkeit ausgestattet wurde.
   Gegenüber dieser zentralen Geldpolitik beruhte die europäische Wirtschafts- und Währungsunion auf einer dezentralen Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Verantwortung der Mitgliedsstaaten, die nicht für die Verbind- lichkeiten der anderen Mitgliedsstaaten haften oder eintreten sollten. Auf deutsches Drängen wurde daher 1997 zusätzlich der europäische Stabilitätspakt beschlossen, der - über die Konvergenzkriterien bei der Euro-Einführung hinaus - dauerhaft strikte Grenzen der Staatsverschuldung und Sanktionen für den Fall von deren Nichteinhaltung garantieren sollte.
   Das Problem der Staatsverschuldung war von Anfang an präsent - und zugleich besaß die Politik der Integration von vornherein die Oberhand gegenüber ökonomischer Konsequenz. Dies zeigte sich, als mit Belgien und Italien sowie vor allem mit Griechenland Teilnehmer in die Währungsunion aufgenommen wurden, die den Konvergenz- und Stabilitätskriterien erkennbar nicht genügten. Und es zeigte sich, als - auf Initiative Frankreichs und Deutsch- lands - die Sanktionsmechanismen des Stabilitätspakts 2004 ausgesetzt wurden, nachdem die beiden Länder die Stabilitätskriterien verfehlt hatten. Damit war der Stabilitätspakt bereits nach wenigen Jahren praktisch obsolet, und als dann zwei Jahre nach der Finanzkrise von 2008 die Staatschuldenkrise über die Euro-Länder kam, brach die gesamte Konstruktion der Wirtschafts- und Währungs- union in sich zusammen.

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Foto: Eine Folge des Vertrags war die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Binnenmarkts. Dies wiederum machte zahlreiche Zollämter an den Binnengrenzen überflüssig - wie auf der Fotografie an der deutsch-französi- schen Grenze.

   Aber auch dies war ein Muster in der Geschichte der europäischen Einigung: dass nämlich Schwierigkeiten der Intgrationspolitik eine verstärkte Integration nach sich zogen, und allgemein: dass ein europäischer „Integra- tionssog" gleichsam wie von selbst zu einer „immer engeren Union der Völker Europas" führen sollte, wie es schon im EWG-Vertrag von 1957 und explizit wieder im Vertrag von Maastricht heißt. Jedenfalls war Helmut Kohl davon überzeugt, dass der Vertrag von Maastricht eine „säkulare Veränderung unseres Kontinents" bewirken würde: „Vieles von dem, was in den Amtsstuben in ganz Europa - ich schließe dabei Deutschland nicht aus - heute noch gedacht wird, ... wird durch die Entwicklung hinweggefegt werden." Er ahnte wohl selbst nicht, wie sehr er damit recht haben sollte.
Wir empfehlen unseren Mitgliedern das interessante Magazin für Geschichte “DAMALS”, aus dem wir diesen Artikel von Prof. Dr. Andreas Rödder: “Säkulare Veränderung unseres Kontinents” entnommen haben.
www.damals.de

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