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Frühförderung

Sie lesen auf dieser Seite:
1. Ein Hamburger Kinderarzt setzt bei ADS-Patienten das Neurofeedback ein
2. Frühförderung blinder Kinder im Landesbildungszentrum für Blinde 
3. Starkes Blinzeln oder Kneifen der Augen? Vorsicht, Sehfehler!
4. Mit spziellem Training das Auge heilen - Schielen oder Doppelbilder
5. Manchmal brauchen auch Babys eine Brille
6. Augenärzte raten, Kinder spätestens zum dritten Geburtstag vorsorglich untersuchen zu lassen
7. Für das Sehscreening von Kindern im Vorschulalter wurde eine Lösung gewählt, die keine ist
8. Was hat es mit Winkelfehlsichtigkeit und Prismenbrillen auf sich?
9. Warum sind die Prismenbrillen umstritten?
10. Sehtest: Kleinkinder
11. Frühförderung: Kassen bezahlen Hörtest bei Babys ab 2009
12. Förderschule, Schwerpunkt Lernen
13. Eine Schule für alle. Die Grundschule Am Lindener Markt in Hannover
14. Regelschulen wollen Behinderte oft nicht

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Ein Hamburger Kinderarzt setzt bei ADS-Patienten das Neurofeedback ein. Bei dem zehn Jahre alten Jonas
hat die Methode Erfolg. “Wichtig bleibt jedoch, dass der Klient bereit ist, selbst etwas verändern zu wollen”, Nicolaus Lingens, Kinderarzt. Der zehn Jahre alte Jonas sitzt vor dem Monitor.
Durch Konzentration bemüht er sich, die grüne Raupe auf dem Bildschirm vorwärts zu bewegen
.

   Das Wettrennen scheint schnell entschieden. Die grüne Raupe auf der Mittelbahn hat schon nach einer halben Minute einen klaren Vorsprung, die rote und die blaue kriechen oben und unten hoffnungslos hinterher. Jonas sitzt ruhig und entspannt in einem schwarzen Ledersessel, seine Arme lässt er entlang seines Körpers baumeln, die Handflächen hat er nach außen gedreht. Den virtuellen Dreikampf auf dem Flachbildschirm des Computers einen Meter vor ihm steuert er ausschließlich mit seinen Gedanken, und als wenig später die grüne Raupe mit Abstand als Erste die Ziellinie überquert, lächelt Dagmar Fröse zufrieden.
   Die 33-Jährige ist Neurofeedbacktrainerin im Lingens-Institut im Hamburg-Blankeneser Mühlenberger Weg und Jonas ihr Klient. Vor einem halben Jahr litt der Zehnjährige noch an für seine Lehrer und Eltern auffälligen Aufmerk- samkeitsdefiziten, an ADS oder gepaart mit Hyperaktivität ADHS, wie die Mediziner sagen. Inzwischen kann sich Jonas immer öfter über einen längeren Zeitraum auf eine Sache konzentrieren, Wichtiges von Unwichtigem unter- scheiden, Geräusche im Umfeld ausblenden. Das macht auch Mutter Tine stolz: „Nicht nur Jonas' Noten in der Schule haben sich entscheidend verbessert, er ist auch viel selbstbewusster geworden und sicherer und geschick- ter im Auftreten." Als sie vor ein paar Monaten mit ihrem Sohn nach einer der Sitzungen nach Hause fuhr, erzählt sie, habe er plötzlich voller Erstaunen zu ihr gesagt: „Mama, ich glaube, ich bin vielleicht doch nicht so blöd, wie ich mal dachte." Da habe sie „eine gewisse Erleichterung verspürt". Jonas, laut IQ-Tests ein intelligenter Junge, be- sucht heute eine Gemeinschaftsschule. Er ist jetzt ein guter und beliebter Schüler.
Über wiederholte Erfolgserlebnisse entsteht der erhoffte Lerneffekt
   Beim Neurofeedback werden - ähnlich der Elektroenzephalografie (EEG) - über drei an der Kopfhaut befestigte Elektroden Gehirnströme gemessen. Je nach Frequenz geben sie Auskunft über die neuronalen Aktivitäten. Die Theta-Wellen, für Jonas dargestellt als rote Raupe, sind Signale im Frequenzbereich zwischen vier und acht Hertz. Sie treten vermehrt auf im Zustand der Entspannung, bei Müdigkeit oder eben dann, wenn man unaufmerksam ist. High-Beta-Wellen sind Signale im Frequenzbereich von mehr als 23 Hertz. Sie entstehen, wenn das Gehirn sehr viele Ressourcen verbraucht, um Aufmerksamkeit herzustellen. Das ist nicht erwünscht. Deshalb setzt sich dann bei Jonas die blaue Raupe in Gang.
   Um die grüne, die „gute" Raupe voranzutreiben, muss Jonas sich bewusst stark konzentrieren. Das ist das Ziel der Übungen. In diesem Fall registriert der Computer Frequenzen im Bereich von zwölf bis 15 Hertz. Der soge- nannte sensomotorische Rhythmus (SMR) ist ein Band der Beta-Wellen, 13 bis 30 Hertz.
   Auf dem Bildschirm, über die Bewegung der drei Raupen, kann Jonas zu jeder Zeit den Grad seiner Aufmerksam- keit nachvollziehen, und er ist heute auch in der Lage, sie zu kontrollieren. Im Laufe der Sitzungen, das ist der therapeutische Ansatz des Computerspiels, hat er gelernt, seine Konzentrationsfähigkeit selbst zu steuern. Trainerin Dagmar Fröse begleitet den Lernprozess, notiert Veränderungen, greift jedoch nicht in ihn ein. Der Klient soll eigene Techniken entwickeln, wie er Konzentration und Achtsamkeit positiv beeinflussen kann. Über wieder- holte Erfolgserlebnisse, die das Gehirn als Modell für künftige Handlungen für sich abspeichert, entsteht der erhoffte Lerneffekt. Jedes Erfolgserlebnis, jeder Sieg der grünen Raupe, fördert ebendiesen Lernverlauf und die Bildung neuer Synapsen im Gehirn. Weil zuvor einige dieser Schaltstellen nicht perfekt funktionierten, kamen wichtige Botenstoffe nicht an den richtigen Gehirnstellen an - und führten zu den Verhaltensdefiziten. „Mit ihren individuellen Strategien lernen die Kinder, ihre Unaufmerksamkeit ab- zutrainieren und sich Konzentration anzu- trainieren. Dabei entwickeln sie Automatismen, die sie später abru- fen können", sagt Fröse.
   Der Hamburger Kinderarzt Dr. Nicolaus Lingens, 50, hat vor sechs Jahren das Lingens-Institut gegründet, um im Team mit erfahrenen Spezialisten Kinder und Jugendliche bei Problemen des Heranwachsens zu begleiten. Dabei ist der Einsatz von Neurofeedback bei Aufmerksamkeitsdefiziten das Hauptaufgabengebiet. „Die Anwendung von Neurofeedback führt bei einer großen Zahl von ADS- oder ADHS-Klienten in absehbarer Zeit zu nachvollziehbaren Ergebnissen", sagt Lingens. Medikamente wie der ADS-Hemmer Ritalin könnten oft schon nach dem ersten Sitzungsblock von 25 bis 30 Stunden, verteilt auf drei Monate, ganz abgesetzt oder deutlich reduziert werden. „Wichtig bleibt jedoch, dass der Klient von Beginn an bereit ist, selbst etwas verändern zu wollen, dass er einen gewissen Leidensdruck spürt und seine Lebenssituation verbessern möchte. Ansonsten wären wir machtlos", sagt Lingens.
   Jonas spürte vor einem Jahr dieses undefinierte Unwohlsein, er glaubte, nicht das leisten zu können, was er wollte. Den Eltern fiel diese Diskrepanz bei Diktaten auf. Bei häuslichen Übungen unterliefen Jonas kaum Recht- schreibfehler, bei Klassenarbeiten dagegen zu Hauf. Die Lehrerin reagierte hilflos auf die Symptome. „Sie war mit der Situation überfordert", sagt Jonas' Mutter, „und statt ihn im Klassenraum vorn mit einem Tischnachbarn hinzusetzen, wie es bei ADS-Kindern empfohlen wird, platzierte sie ihn hinten an einen Einzeltisch." Heute kann sie darüber lachen. Jonas ist ein fröhliches Kind und ein begabter Fußballer. Der HSV hat ihn bereits zum Probe- training eingeladen.
   Neurofeedback hat längst den engen Bereich der Therapie verlassen. Im Hochleistungssport findet die Methode immer öfter Anwendung, gesprochen wird darüber aber oft nur hinter vorgehaltener Hand. Im täglichen Konkur- renzkampf werden selbst kleine Geheimnisse wie Schätze gehütet. Gerade das Steigern der Konzentration, die Fähigkeit, sich auf bestimmte Anforderungen und Aufgaben fokussieren zu können, entscheidet im Wettstreit der Weltbesten über Erfolg und Misserfolg. Als prominente Anwender des Neurofeedbacks gelten die kanadische Olympiamannschaft, die bei den heimischen Winterspielen 2010 in Vancouver zum ersten Mal die inoffizielle Medaillenwertung gewann, und die italienische Fußball-Nationalmannschaft, die 2006 in Deutschland Weltmeister wurde.
   Jonas will ebenfalls Fußballprofi werden. Erst einmal ist er aber „sehr müde". 45 Minuten volle Konzentration können sehr anstrengend sein. „Ich merke jedoch, wie ich immer besser werde", sagt er. Spass mache es auch - „wenn die grüne Raupe gewinnt!" Und woran denkt er bei dem Raupenspiel? „An nichts", sagt Jonas.
   Neurofeedback wird bislang nur von privaten Krankenkassen bezahlt. Eine Sitzung im Lingens-Institut in Blan- kenese kostet für Selbstzahler 65 Euro. HA110829RainerGrünberg

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Die Welt nur als Oberfläche und Klang:
Frühförderung blinder Kinder im Landesbildungszentrum für Blinde 

   Die Sprache der Blinden ist anders. „Horch mal!”, ruft das Mädchen, und „Fühl mal!” Dagegen kommt „Guck mal” in ihrem Wortschatz nicht vor. Wie andere Zweijährige auch, will Raika ihrer Mutter mitteilen, wenn sie etwas Interessantes entdeckt hat. Doch anders als die Altersgenossen kann das Kind die Dinge schon von Geburt an nicht sehen. Keiner weiß, warum Raikas Sehnerven defekt sind. Klar ist, dass Gehör, Tast- und Geruchssinn be- sonders gestärkt werden müssen, um das Fehlen des Augenlichts auszugleichen.
  Alle zwei Wochen kommt deshalb Hans-Joachim Wesemann vom Landesbildungszentrum für Blinde (LBZB) vorbei. Das Zentrum in Hannover übernimmt die vorschulische Hilfe für Blinde und hochgradig Sehbehinderte in ganz Niedersachsen, mit Außenstellen in Leer und Osnabrück. Die Frühförderung versucht die Kinder, zur Zeit 164, auf ein möglichst selbstständiges Leben vorzubereiten. Noch ist das jedenfalls so - Fachleute befürchten, dass sie auf der Strecke bleibt, wenn sich das Land wie geplant vom LBZB trennt und dieses womöglich auf verschiedene Träger aufgeteilt wird.
   An diesem Morgen hat Wesemann Klangsäckchen mit nach Rethem (Kreis Soltau-Fallingbostel) gebracht. Der 50- Jährige lässt das Kind hellen und dunklen, lauten und leisen Töne lauschen. Anschließend soll Raika, die schon „rechts” und „links” unterscheiden kann, die raschelnden, klingenden und glucksenden Säckchen einzeln zurück- geben und so wieder Ordnung schaffen. „Das Aufräumen ist für Blinde besonders wichtig, damit sie sich in der Welt zurechtfinden”, sagt der Pädagoge.
  Die Zweijährige in Rethem hat neben dem Klang längst andere Arten des Zurechtfindens erkundet. Begeistert ertastet sie die Oberflächen von Spielfiguren mit Fingern und Zehen. Die „Bilderbücher”, die ihre Mutter aus flau- schigen und struppigen Stoffen gebastelt hat, verbindet die Kleine mit Geschichten, die sie mit überdurch- schnittlichem Wortschatz erzählt. Nicole Burfien hat mit dem Buch eine Anregung des Blindenfrühförderers auf- gegriffen. „Er bringt immer so schöne Sachen mit”, erzählt die gelernte Malerin. Seine Besuche alle zwei Wochen seien eine wichtige Ergänzung zu denen der Lebenshilfe und der Krankengymnastin. Gegenüber Raika benutzt Nicole Burfien Worte, die das Mädchen versteht: kalt, glatt, hart, schwer. Stolz führt die Mutter vor, wie sich ihre Tochter zu Hause orientieren kann: Auf ihrem Schoß am Schlagzeug findet Raika mit den Stöcken problemlos Pauke und Trommel, schlägt rhythmisch im Takt - und lacht dabei fröhlich.
   Viele blinde Kinder haben es schwerer. Die Möglichkeit, etliche Wochen zu früh Geborene am Leben zu halten, hat die Zahl der Mehrfachbehinderten wachsen lassen. Nach Angaben des Sozialministeriums in Hannover besu- chen zurzeit 30 „nur” blinde Kinder die Schule des LBZB, halb so viele wie vor fünf Jahren. 88 Schüler sind mehrfach behindert.
  Zu dieser größeren Schülergruppe wird vom kommenden Sommer an Michaela gehören. Blindenlehrer Wesemann besucht sie an diesem Tag im heilpädagogischen Kindergarten in Altencelle. Er bringt Leuchtstäbe und anderes Förderspielzeug mit. Michaela muss er im Rollstuhl in den Dunkelraum schieben. Die Fünfjährige kann weder laufen noch sprechen noch eigenhändig essen. Einen Lichtblick gibt es indes, seit Wesemann das Mädchen fördert. „Sie reagiert auf starke Lichtreize”, erzählt der Lehrer. „Das hatte keiner geglaubt.”
   Viele Eltern blinder Kinder fürchten, dass bei einem Trägerwechsel des LBZB, wie er im Sozialministerium disku- tiert wird, diese Form der Frühförderung unter den Tisch fällt.  Rechtlich wäre die Aufgabe, wenn sich ihr sonst keiner annimmt, von den Kommunen zu übernehmen. „Unsere speziell ausgebildeten Blindenlehrer können aber besonders gezielt arbeiten“, meint LBZB-Leiterin Mechthild Backsmann. Das Ministerium beteuert, die Vorschul- förderung für Blinde bleibe erhalten. „Es wäre eine Bedingung des Landes, dass ein neuer Träger das in gleicher Weise weiterführt”, sagt Sprecher Jens Flosdorff.
   Raika hat die Förderung schon weitergebracht. Sie kann bald in Rethem einen integrativen Kindergarten und später wohl eine normale Schule besuchen.        GabrieleSchulteHAZ051129S

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Foto oben: Blindenlehrer Hans-Joachim Wesemann lässt die sechsjährige Michaela im dunklen Raum nach Licht- Spielzeug greifen.
Foto ganz oben: Raika kann nicht sehen – und trommelt dennoch zielsicher vom Schoß ihrer Mutter aus. In ge- wohnter Umgebung kann sich die zweijährige recht gut orientieren.

Schulen bleiben getrennt

   Die Blindenschule und die Schule für Sehbehinderte in Hannover bleiben selbstständig. Die Landesregierung hat Überlegungen, sie räumlich zusammenzulegen, vorerst auf Eis gelegt. Die Sehbehindertenschule wird in eine umgebaute Berufsschule in der hannoverschen Südstadt einziehen. „Eine Fusion ist zurzeit kein Thema”, sagte ein Sprecher des Sozialministeriums auf Anfrage. Der in die Bundesregierung gewechselte frühere Staatssekretär Gerd Hoofe hatte betont: „Es geht uns nicht darum, Geld zu sparen oder eine Schule zu schließen, sondern darum die Qualität zu verbessern.”
    Fachleute halten eine Zusammenlegung der Schulen zwar wegen der ähnlichen Schülergruppen für sinnvoll. Hindernis ist aber die unterschiedliche Trägerschaft: Das Landesbildungszentrum für Blinde in Hannover-Kirchrode wird vom Land, die Sehbehindertenschule von der Region Hannover verwaltet. Beide Einrichtungen haben als ein- zige ihrer Art in Niedersachsen ein großes Einzugsgebiet.   gs

Sehstörung

   “Papi, ich seh schlecht!” - das können Kleinkinder noch nicht ausdrücken. Dabei ist das Sehen für ihre Entwick- lung von besonderer Bedeutung: 80 Prozent all unserer Informationen werden über die Augen aufgenommen.
   Eltern sollten daher ihre Kinder genau beobachten und bei sichtbaren Auffälligkeiten sofort einen Augenarzt aufsuchen, fordert der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) in Düsseldorf und nennt als Beispiele für Auffälligkeiten: Augenzittern, Hornhauttrübungen, lichtscheue Augen oder Lichtveränderungen.
   Das Problem: Etwa zehn Prozent der Kleinkinder haben zwar eine Sehschwäche, aber nur jede zwanzigste Fehlentwicklung wird bei den frühen Versorgeuntersuchungen erkannt.
    Auch Stellungsfehler der Augen (Strabismus) bleiben in 90 Prozent der Fälle unentdeckt, vor allem, wenn sie nur an einer Seite auftreten.
   Die Prüfung der Augenfunktionen ist bei den Vorsorgeuntersuchungen allerdings erst im vierten bis sechsten Lebensjahr vorgesehen, für schwachsichtige Augen ist das allerdings oft zu spät.
   “Die ersten sechs Monate sind entscheidend”, sagt Augenarzt Roland Berger von der Sehschule des Universi- tätsklinikum Eppendorf (UKE).
    Gerade Eltern, die selbst unter Augenerkrankungen leiden, sollten am besten schon während des ersten Lebensjahres ihres Kindes einen Augenarzt aufsuchen.  DeikeUhtenwoldHA020730

Häufiges Augenreiben kann auf Sehstörung hinweisen
   Wenn Kinder oft die Augen reiben oder blinzeln, oft hinfallen oder den Kopf schief halten, kann das auf Seh- störungen hinweisen, warnt die Krankenkasse DAK. Nach einer Auswertung von DAK-Versichertendaten tragen immer mehr Kinder eine Brille. Dies liege daran, dass Sehschwächen früher erkannt werden. HA101007dpa

Die Sehschule des UKE im Internet mit Infos für Patienten:
www.uke.uni-hamburg.de /kliniken/augenklinik/sehschule/index.de.html

Dr. Roland Berger, Oberarzt der UKE-Augenklinik   medi-RolandBerger-x

Starkes Blinzeln oder Kneifen der Augen? Vorsicht, Sehfehler!

   Gutes Sehen ist für Kinder nicht nur wichtig, um die Welt zu erkunden und für sich zu erobern. „Sehschwächen im Kindesalter können Folgen für das gesamte spätere Leben haben, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden. „Deswegen sollten Eltern bei Auffälligkeiten mit ihrem Kind einen Augenarzt aufsuchen", empfiehlt Dr. Roland Berger, Oberarzt und Leiter der Sehschule in der Augenklinik des Hamburger Universitäts- klinikums Eppendorf (UKE).
   Mit einfachen Mitteln können sich Eltern zunächst selbst einen Eindruck verschaffen, ob mit den Augen ihres Kindes alles in Ordnung ist. Schon bei Babys können sie mit einem kleinen Stablämpchen in die Augen leuchten und das vom Auge reflektierte Licht beobachten. Das ist vergleichbar mit dem Blitzlicht von Fotografien, wobei man die roten Lichtreflexe in den Augen sieht. Dabei handelt es sich um die Spiegelung des Lichts, das vom Augen- hintergrund zurückgeworfen wird.
  Normalerweise ist ein hellrotes Aufleuchten der Pupille zu sehen. „Wenn man dabei Trübungen, Schwärzungen oder sonstige Abweichungen sieht, kann das ein Zeichen dafür sein, dass Trübungen der Hornhaut oder der Augenlinse bestehen.  Wenn gar kein Licht zurückgeworfen wird, kann eine Kurz- oder Weitsichtigkeit der Grund dafür sein. Wenn ein heller gelblicher Reflex in der Pupille aufleuchtet, kann zum Beispiel eine Netzhautablösung dahinterstecken, außerdem sollten beide Pupillen gleich aufleuchten", erklärt er.
   Beide Augen sollten gleich groß sein. „Wenn die Augen insgesamt sehr groß sind, kann das ein Hinweis auf einen erhöhten Augeninnendruck sein", erklärt der Augenarzt. Man kann auch die Augen einzeln abdecken und die Re- aktion des Kindes prüfen. Wenn das Kind sich bei einem Auge stark wehrt und beim anderen das Abdecken klaglos zulässt, ist zu befürchten, dass es mit dem Auge, bei dem es das gut toleriert, vielleicht nichts erkennen kann und die Abdeckung nicht wahrnimmt. Beim älteren Kind kann man schauen, ob es helles Licht vermeidet. Blinzeln und Kneifen sind Zeichen für erhöhte Lichtempfindlichkeit, wie sie zum Beispiel beim grauen Star oder bei Pigment- störungen wie Albinismus vorkommt.
   Was man den Augen nicht ansehen kann, sind Kurz- und Weitsichtigkeit, wobei man den Kurzsichtigen noch eher erkennen kann, weil er die Dinge sehr nah vor das Auge hält. Weitaus häufiger ist die Weitsichtigkeit. „Bei der Geburt sind fast alle Kinder weitsichtig, bei etwa der Hälfte liegt die Weitsichtigkeit zwischen zwei und vier Dioptrien, bei einem Viertel über vier Dioptrien. Diese Kinder sind am meisten gefährdet, wenn sich das nicht verwächst. Denn mit höherer Weitsichtigkeit steigt das Risiko des Schielens", sagt Berger. Wenn eine Weitsichtigkeit von plus vier Dioptrien über das erste Lebensjahr hinaus besteht, liegt das Risiko, dass das Kind zu schielen beginnt, bei fast 50 Prozent. „Jedes Schielen, das nicht nur kurzfristig auftritt und über die ersten Lebensmonate hinaus anhält, sollte vom Augenarzt untersucht werden, weil sich sonst eine einseitige Sehschwäche auf dem schielenden Auge entwickeln kann", empfiehlt der Augenarzt.
  Die Behandlung hat immer das Ziel, dass das Kind mit beiden Augen parallel und gleich gut sehen kann. Des- wegen würde man dem Kind erst mal eine optimale Brille verordnen, wenn Kurz- oder Weitsichtigkeit vorliegt. Wenn sich bereits eine Sehschwäche eingestellt hat, kann eine Klebebehandlung erfolgen. Dabei wird das gesunde, stärkere Auge mit einem speziellen Okklusionspflaster abgeklebt und so das schwächere Auge trainiert.
   Bei starkem Schielen oder starker Weitsichtigkeit kann diese Behandlung schon bei Babys erfolgen. Sind die Sehfehler nicht so ausgeprägt, wartet man in der Regel den ersten Geburtstag ab.
   „Dann wird Weitsichtigkeit vor mehr als drei Dioptrien mit einer Brille korrigiert und Unterschiede in der Brech- kraft beider Augen durch entsprechend unterschiedliche Brillengläser ausgeglichen", erklärt Berger. Eine Brille wird auch verordnet bei einer Kurzsichtigkeit ab etwa minus 1,5 Dioptrien und bei Hornhaut- krümmungen von mehr als einer Dioptrie.
   Die Kinder sollten in halbjährlichen Abständen kontrolliert werden und einmal im Jahr eine große Untersuchung mit medikamentöser Erweiterung der Pupille erfolgen, um einen objektiven Messwert für die Brillenstärke zu ermitteln, rät Dr. Berger. HA090514CorneliaWerner

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Mit speziellem Training das Auge heilen
Schielen oder Doppelbilder - in der klassischen Sehschule werden unterschiedliche Krankheitsbilder behandelt

  „Sehschule", schmunzelt Dr. Friedrich Flohr, „ist ein alter Begriff, der vermutlich aus den 1920er-Jahren stammt, sich aber bis heute für die Bezeichnung einer augenheilkundlichen, medizinischen Spezialabteilung von Kliniken, Facharztpraxen oder anderen Gesundheitseinrichtungen gehalten hat. Bei Erwachsenen führt das manchmal zu Irritationen, sie denken zunächst wirklich an eine Schule." Auch der niedergelassene Augenarzt hat eine Sehschule, in der speziell ausgebildete Fachkräfte, sogenannte Orthoptisten, gemeinsam mit ihm arbeiten.
   Diese Fachleute verfügen über eine staatlich anerkannte Ausbildung, die gesetzlich genau geregelt ist. Sie dauert drei Jahre und kann nur an staatlich anerkannten Lehranstalten, die alle Universitätskliniken angegliedert sind, absolviert werden.
   In den Sehschulen, deren Behandlung auf nachweislich erfolgreichen Methoden beruhen, werden unterschiedliche Augenschwächen von Teams aus Augenärzten und Orthoptistinnen diagnostiziert und behandelt. Dazu zählen beispielsweise Gleichgewichtsstörungen der Augenmuskeln wie beim Schielen (Strabismus) oder dem Augenzittern (Nystagmus), funktionelle Schwachsichtigkeit (Amblyopie) oder Mängel beim beidseitigen Sehen, die dazu führen, dass die räumliche Wahrnehmung (Stereosehen) gestört ist oder Doppelbilder erscheinen.
   „Das bekannteste Beispiel für die Arbeit von Sehschulen ist die Behandlung von Schielen. Um dieses zu beheben, wird als erstes geprüft, ob eine Brillenverordnung notwendig ist, und danach decken wir das Auge, das über eine größere Sehkraft verfügt, ab, damit das benachteiligte Auge trainiert wird", sagt Dr. Flohr und fügt hinzu: „Konkret trainieren wir natürlich nicht das Auge, sondern wir schulen die Nervenzellen in der Sehrinde des Großhirns." Und von diesem „Schulen" habe die Sehschule auch ihren Namen.
„Dabei ist natürlich entscheidend, dass wir genau die Gründe für das Krankheitsbild erheben und im Notfall schnell mit Experten zusammen arbeiten", betont der Augenarzt. Doppelbilder beispielsweise können die Folge eines Sturzes mit Schädel-Hirn-Trau- ma sein, durch einen Schlaganfall sowie einen Hirntumor ausgelöst werden. Auch bei Menschen, die an Multipler Sklerose (MS) erkranken, treten häufig Doppelbilder auf. Eine gute Sehschule ist also immer Teil eines Netzwerkes, das auch Neurologen und Internisten umfasst. HA160410AngelaGrosse

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Manchmal brauchen auch Babys eine Brille

Brillengestell auf kleiner Nase: Zugegeben, nicht alle dieser Babys tragen eine Sehhilfe, damit sie besser gucken können. Viele Babys sind aber weitsichtig. Das ist ganz normal und gibt sich mit dem Älterwerden. Liegt die Fehlsichtigkeit jedoch bei über vier bis fünf Dioptrien Weitsichtigkeit, sollte auch ein Baby eine Brille bekommen - erst recht, wenn ein Auge wesentlich stärker fehlsichtig ist als das andere. Ähnliches gilt bei Kurzsichtigkeit: Ab -2 Dioptrien Kurzsichtigkeit brauchen Kinder und Babys eine Brille. Zum einen, damit sie richtig sehen und ihre Umwelt erkennen können, zum anderen, damit ihr Gehirn lernt, die Seheindrücke zu verarbeiten. Diese Entwicklung findet in der Zeit bis etwa zum fünften Lebensjahr statt und ist hinterher kaum noch nachzuholen. NOZ120925

aum-baby-sehschwäche-- Frühe Diagnostik verhindert spätere Sehschwächen 

Sehschwäche bei einem Baby ist für Laien schwer festzustellen
   Augenärzte raten, Kinder spätestens zum dritten Geburtstag vorsorglich untersuchen zu lassen 

   Harry Potter trägt eine, Anastacia auch. Dennoch, trotz der Star-Vorbilder reißen sich weder Kinder noch Jugend- liche darum, eine Brille zu bekommen. Besonders für junge Augen ist sie aber manchmal dringend notwendig, sagt Dietlind Friedrich vom Berufsverband der Augenärzte Deutschland (BVA).
   „Im Säuglings- und Kleinkindalter entwickelt sich das Auge noch, und das Gehirn lernt, das Gesehene zu verarbeiten. Das heißt, wenn die Sehkraft jetzt - aus welchen Gründen auch immer - geschwächt ist, lässt sie sich, später nur in seltenen Fällen bessern, weil die entscheidenden Verschaltungen für das Sehen im Gehirn nicht optimal entwickelt wurden." So entstandene Schwächen könnten dann unter Umständen nicht mehr korrigiert werden. Für Laien sei kaum erkennbar, ob ein Kind richtig sehe oder nicht, da ihnen nicht auffalle, wenn nur ein Auge beeinträchtigt sei. „Dann übernimmt das andere dessen Aufgabe mit. Die Sehleistung des schwachen Auges kann dabei regelrecht verkümmern", warnt Dietlind Friedrich. Deshalb rät sie den Eltern dringend, das enge Zeitfenster im frühen Kindesalter für die Augenvorsorge zu nutzen. „Während dieser Zeit steht für die künftige Sehentwicklung viel auf dem Spiel, und die Aussichten auf eine erfolgreiche Therapie sind noch gut."
   Immerhin fünf Prozent aller Kinder im Vorschulalter haben laut Augenärztin Friedrich unentdeckte Sehschwächen. Damit das erkannt wird, rät sie allen Eltern, zum Augenarzt zu gehen, „wenn sie auch nur das leiseste Gefühl haben, dass mit den Augen ihres Kindes etwas nicht stimmt". Auch wenn die Augenlider des Kindes unsymmetrisch seien und beispielsweise einen Teil der Pupille bedeckten, sei eine ärztliche Untersuchung geboten, ebenso wenn die vorderen Augenabschnitte getrübt seien, die Augen zitterten, ständig tränten, auffallend lichtscheu reagierten oder wenn das Kind häufig unter Kopfschmerzen leide. Unabhängig davon empfiehlt der Berufsverband der Augenärzte, Kinder spätestens zum dritten Geburtstag vorsorglich vom Facharzt untersuchen zu lassen. „Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen die augenärztliche Vorsorge allerdings nicht", betont Friedrich. „Sie gehört nicht in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)."
   Im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorge gebe es Tests auf Schielen oder Sehschwächen, weitere seien in Zusammenarbeit mit dem Institut für Qualitätssicherung im Gesundheitswesen geplant, sagt Florian Lanz, Ver- treter des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen. Ergäben sich dabei Hinweise auf eine Sehschwäche oder ein Augenleiden, „dürfen und sollen die Betroffenen auf Kosten der Krankenkasse zur weiteren Behandlung zum Augenarzt gehen".
   Kindern mit besonderen Risiken, zum Beispiel Frühgeborenen, empfehle der Verband ebenfalls eine Unter- suchung beim Augenarzt. Das gelte auch, wenn es in der Familie schwere Augenerkrankungen gebe.  NOZ120925S

Augen zu und durch
Für das Sehscreening von Kindern im Vorschulalter wurde eine Lösung gewählt, die keine ist

   Augenerkrankungen, die bereits im Vorschulalter auftreten, sind nicht selten. Etwa 70.000 Kinder leiden an einer Hornhautverkrümmung oder an Weitsichtigkeit, weitere 35.000 schielen, und 21.000 leiden an Schwachsichtigkeit(Amblyopie). Behandelt man sie nicht, lernt das Auge, das beeinträchtigt ist oder sein Bild nicht optimal scharf stellen kann, nicht richtig sehen. Es überlässt dem besseren Partner die gesamte Arbeit. Das bedeutet, dass die Betroffenen lebenslang nur über ein einziges sehtüchtiges Auge verfügen.
   In den Vereinigten Staaten ist die Schwachsichtigkeit die häufigste Ursache eines einseitigen Sehverlustes bei Menschen unter 40 Jahren. Meistens bemerken weder das Kind noch seine Eltern oder die Erzieherin im Kinder- garten das einseitige Defizit, so gut kann das bessere Auge dies kompensieren. Erkennen lassen sich diese frühen unscheinbaren Beeinträchtigungen lediglich durch professionelle Untersuchungen. Ein systematisches Sehscreening im Vorschulalter durch die Augenärzte ist jedoch vorläufig gescheitert. Wie Wolf A. Lagreze von der Universitätsklinik in Freiburg im „Deutschen Ärzteblatt" schreibt, können offensichtlich selbst professionelle Gutachter nicht entscheiden, ob eine solche Vorsorgeuntersuchung sinnvoll und nützlich wäre.
   Beauftragt durch den Gemeinsamen Bundesausschuss hatte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, IQWiG, vor zwei Jahren einen Bericht veröffentlicht, der den Nutzen eines augenärztlichen Screenings in Frage stellte. Der Bericht war von Seiten der Augenärzte massiv kritisiert worden. Fast gleichzeitig wurde in England vom National Institute of Health Research ein ähnlich umfassender Bericht vorgelegt, der letztlich dasselbe Datenmaterial zur Verfügung hatte und zu dem Schluss gelangt ist, dass ein flächendeckendes Sehscreening die Häufigkeit von einseitiger Schwachsichtigkeit senken könnte.
   Zum einen stellt sich also die Frage, wie verlässlich Antworten einer nationalen Prüfinstanz sind. Zum anderen ist damit immer noch keine Lösung gefunden, wie man kindliche Sehstörungen am besten angeht. Einig ist man sich immerhin darin, dass die Häufigkeit der kindlichen Sehstörungen es rechtfertigt, nach ihnen zu suchen. Klar ist auch, dass es eine wirksame Behandlung gibt. Denn wenn man entweder eine Verkrümmung der Hornhaut mittels Brille ausgleicht oder das schwächere Auge quasi zu Sehübungen zwingt, indem man mit einer Augenklappe das stärkere abdeckt, holt das Kind den Rückstand wieder auf. Zudem lässt sich Schielen operativ durch Verkürzung der Augenmuskeln angehen. Das IQWiG bewertet indes den möglichen psychischen Schaden, den die Kinder er- leiden können, weil sie etwa von anderen gehänselt werden, deutlich höher als die britische Kommission.
   Der Gesamtnutzen einer Vorsorgeuntersuchung hängt ebenfalls davon ab, wie man das Risiko für das sehtüchtige Auge beziffert. Geht es durch einen Unfall oder infolge der im Alter häufigen Makuladegeneration verloren, bedeutet dies den Verlust des gesamten Sehvermögens. Je nachdem, wie man die Lebensqualität bei Erblinden einschätzt, bemisst sich der Nutzen eines Screenings jeweils anders. Da aber die Datenlage offenbar keine definitive Entscheidung zulässt, sind die Beteiligten auf andere Kriterien angewiesen. In Deutschland hat man den Schwarzen Peter den Kinderärzten zugeschoben und ein zusätzliches, aber letztlich minderwertiges Sehscreening in die neue Vorsorgeuntersuchung U7a hineingepackt - ohne dass die geforderten Untersuchungen auch nur annähernd honoriert würden.
   Denn schon für Augenärzte ist eine solche Untersuchung keine Anfängerübung. Lagreze verweist auf eine von der Bertelsmannstiftung geförderte Studie, in der 665 Kindergartenkinder im Alter von dreieinhalb bis viereinhalb Jahren untersucht wurden. Spezialisten für das Schielen sind bestens darin geschult, die Sehfähigkeit von Kindern zu testen. Sie sind beispielsweise in Augenkliniken oder bei einem niedergelassenen Augenarzt tätig. 28 Prozent der von ihnen untersuchten Kinder zeigten Auffälligkeiten beim Sehen, aber diese waren zu 70 Prozent bei der Untersuchung von den Kinderärzten nicht entdeckt worden.
   Die Berufsverbände der Kinderärzte und der Augenärzte sind sich darin einig, dass ein Vorschul-Sehscreening in die Hand der Augenärzte gehört hätte. Das nützt Eltern, die um diese Hintergründe wissen, aber wenig. Sie sind gut beraten, wenn sie im Kindergartenalter eine umfassende Vorsorgeuntersuchung von Spezialisten, die sich auf rund fünfzig Euro beläuft, selbst bezahlen. Denn auch dann, wenn das sehtüchtige Auge vieles zu kompensieren vermag, ist doch das räumliche Stereosehen schlechter oder funktioniert gar nicht. FAZ100804MartinaLenzenSchulte

Winkelfehlsichtigkeit / Prismenbrillen   au-VolkhardtSchrodt  Volkhard Schroth, opti-school

Was hat es mit Winkelfehlsichtigkeit und Prismenbrillen auf sich?
   Viele Probleme des Sehens entstehen durch nicht-ideale Zusammenarbeit der gesunden Augen. Dies wird auch Winkelfehlsichtigkeit genannt.
   Die Prismenbrille unterstützt das Augenpaar, das bestmögliche Gleichgewicht zu finden, und damit den Energie- umsatz zu optimieren.  Gleichzeitig mit der Korrektion der Winkelfehlsichtigkeit wird auch eine eventuell vorhan- dene astigmatische Fehlsichtigkeit ("Hornhautverkrümmung") und eine Kurz- oder Übersichtigkeit korrigiert. Die Prismenbrille bei Kindern ist für das Sehen in allen Entfernungen geeignet, also keine reine Nahbrille.
Was ist Winkelfehlsichtigkeit?
   Winkelfehlsichtigkeit ist ähnlich wie Kurz- oder Übersichtigkeit eine „Normvariante“ oder funktionelle Abweichung der gesunden Augen. Sie ist ein optischer Fehler der Bildlage: Beim Sehen mit beiden Augen findet die Abbildung meistens nicht exakt in der Netzhautmitte statt, sondern leicht neben der Stelle des optimalen Sehens. Beide Augen arbeiten dann nicht ideal zusammen und sind nicht genau auf das jeweils fixierte Objekt ausgerichtet. Je nach Seh-Anforderung bedeutet dies einen erhöhten Aufwand der Steuerung durch das Gehirn. 
Wie wird eine Winkelfehlsichtigkeit gemessen?
   Das Messverfahren wird MKH (Mess- und Korrektionsmethodik nach H.-J. Haase) genannt. Eine Serie spezieller Testbilder wird am Polatest-Sehprüfgerät gezeigt. Falls eine Verschiebung der Testteile wahrgenommen wird, werden Prismengläser zur Zentrierung verwendet. Die MKH wird von darin ausgebildeten Augenoptikern und Augenärzten angewandt.
   Wenn man mit beiden Augen sieht, sorgt das Gehirn dafür, dass ständig die zwei Bilder zu einem verschmolzen werden. Die Abweichung vom Gleichgewicht der beiden Augen kommt erst dann zum Vorschein, wenn man dem rechten Auge ein anderes Bild anbietet als dem linken Auge. Beim Kreuztest sieht das eine Auge nur den senkrechten Teil, das andere den waagerechten Teil.

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 Der Kreuztest, wenn beide Augen im Gleichgewicht sind

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Kreuztest:  eine Abweichung in der Höhe in Kombination mit einer Seitenabweichung

   Im Unterschied zu anderen Messverfahren wird bei der MKH mit normaler Raumhelligkeit und mit Sehbedingun- gen gearbeitet, die dem natürlichen Sehen sehr ähnlich sind. Eine Besonderheit ist die Verwendung von Stereo- Bildern, um die Fähigkeit, feinste Tiefenunterschiede zu erkennen zu prüfen und ggf. mit Prismengläsern zu opti- mieren. Die Messung findet in der Ferne und in der Nähe im normalen Leseabstand statt.
Werden die Augen “faul” oder schielt man mit Prismenbrillen?
   Die Prismen werden nur dann verordnet, wenn das Augenpaar zu viel Anstrengung bei den normalen Sehauf- gaben aufbringen muss. Mit Prismen werden einerseits die Augen entlastet, andererseits können sie dazu führen, dass Sehfunktionen wieder besser werden. Und weil die Augenmuskeln zu jeder Tages- und Nachtzeit sehr aktiv sind, kann von Faulwerden keine Rede sein.
   Bei den selten vorkommenden großen Winkelfehlsichtigkeiten scheinen die Augen hinter der Prismenbrille tatsächlich zu 'schielen'. Dies ist jedoch kein echtes Schielen, sondern nur das Sichtbarwerden der großen Winkelfehlsichtigkeit, das nach Absetzen der Prismenbrille wieder verschwindet.
   Große Winkelfehlsichtigkeiten können aber – nicht zuletzt wegen der Dicke und des Gewichtes der Prismen- gläser – nach ausreichender Tragedauer der Prismenbrille operativ beseitigt werden.  Dies wird man jedoch nur empfehlen, wenn zuvor die Sehprobleme durch das Prismentragen eindeutig reduziert wurden.
Faltblatt der IVBV aus www.ivbv.org
Braucht jedes Kind, das Lese-Rechtschreibprobleme hat, eine Brille?
   Sicher nicht! Die Brille kann vor allem im Zusammenhang mit anderen Hilfen (pädagogischer, therapeutischer oder anderer Art) eine sehr gute Unterstützung sein. Es aber wäre falsch, allein mit der besten optischen Kor- rektion zu viel zu erwarten.
   Entscheidend ist die Frage, ob ein Kind mit dem Sehen Probleme hat. Diese lassen sich am besten von den Eltern oder vom Kind beobachten:
    z.B. beim Schreiben nicht in der Linie bleiben oder beim Ausmalen über die Umrandung malen; Ermüdung bei anspruchsvollen Seh-Aufgaben (Video-Spiele, Computer, TV...); kein freiwilliges Lesen; auffällige Kopfhaltung beim Lesen/Schreiben; beim Lesen in die falsche Zeile rutschen ... (siehe auch Fragebogen)
   In einer Verlaufsbeobachtung mit 141 Kindern hat sich herausgestellt, dass die Prismenbrille bei etwa 80% zu einer Verbesserung geführt hat. Insbesondere die anstrengungsbedingten Kopfschmerzen konnten meist in kurzer Zeit deutlich verringert werden.  Näheres siehe: www.legasthenie-info.de/studien
  Sind keine der Seh-Probleme zu beobachten, kann aus meiner Erfahrung heraus meist auf die Brillen-Verordnung verzichtet werden.  
Warum sind die Prismenbrillen umstritten?
   Es gibt verschiedene Messmethoden und verschiedene Lehrmeinungen zum Thema Binokularsehen (Sehen mit beiden Augen).  Als Kritik wird oft angeführt, dass Prismengläser extrem teuer seien. Der Preiszuschlag zu einem normalen Brillenglas beträgt ca. 25 EUR in den gängigsten Stärken und nur bei sehr hohen Werten bis ca. 90 EUR (Preisliste Zeiss, 2007).
   Vor einigen Jahrzehnten war noch sehr umstritten, ob eine Übersichtigkeit mit Brillengläsern auszugleichen sei, weil die Augen vielleicht"faul" werden könnten. Heute ist die Brillenkorrektion bei Übersichtigkeit gängige Methode.
   Bei der Beurteilung, ob Prismen verordnet werden sollen, verhält es sich ähnlich und die Gegenargumente sind wieder dieselben wie vor Jahrzehnten. Allerdings kommt eine weitere Besonderheit hinzu: Je nach verwendeter Mess-Methode können unterschiedliche Werte herauskommen.
   Von vielen Augenoptikern wird die MKH (Mess- und Korrektionsmethodik nach H.-J. Haase) angewandt. Hierzu gibt es ein enormes Erfahrungswissen aus über 40 Jahren der Anwendung und Erforschung. Wenn mit der MKH das beidäugige Sehen überprüft und gemessen wird, sind die Ergebnisse erfahrungsgemäß sehr gut repro- duzierbar. Aufgrund unterschiedlicher Lehrmeinungen und weil sie relativ zeitaufwendig ist, wird diese Methode von Fachärzten für Augenerkrankungen kaum verwendet.
  Dass Prismenbrillen umstritten sind, liegt meines Erachtens häufig an der fehlenden Sach- und Praxiskenntnis der Kritiker. Neuere Studien zu den theoretischen Grundlagen sind an der Uni-Augenklinik in Freiburg durchgeführt worden, bei denen Teile der Theorie der MKH sich nicht bestätigt haben. Im Studio optischool führe ich in Zusammenarbeit mit der Uni Dortmund, Institut für Arbeitsphysiologie (IfADo) einige dieser Untersuchungen fort und bin dabei, eine größere Anzahl geeigneter Probanden zu messen. Erste Ergebnisse haben in Teilen die theoretischen Annahmen bestätigt, in anderen Teilen nicht. Eine abschließende Bewertung ist daher verfrüht, weil viele der theoretischen Grundlagen des normalen Binokularsehens noch nicht bekannt sind.
   Die aktuellen Projekte beschäftigen sich u.a. mit Grundlagen-Forschung zur Augenprävalenz.
   Diese Seiten wurden erstellt von Volkhard Schroth, BSc (optom), staatl. gepr. Augenoptiker und Augenoptiker- Meister,  opti-school, Hirschenhofweg 4, 79117 Freiburg-Ebnet, Telefon  07 61 - 211 79 47, Fax  (+49) 0761 - 211 79 48, info@opti-school.de

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Foto links: Prismenbrille Foto rechts: Prismenfolie

   Ein Prisma ist ein im Querschnitt dreieckiger Körper aus Glas oder Kunststoff, der einen Lichtstrahl in Richtung Basis (Breitseite) ablenkt, je nach Dicke des Körpers verschieden stark. In der Augenoptik kann zusätzlich zu den Dioptrien des Brillenglases ein Prisma eingeschliffen werden ... eine Prismenbrille entsteht. Sie wird verordnet, wenn eine Fehlstellung der Augen mit Doppeltsehen vorliegt.  Die Prismenbrillen verschieben die Bilder eines dop- pelt wahrgenommenen Objekts derart,  dass diese  in die Netzhautmitte beider Augen fallen und so beidäugig, jedoch einfach gesehen werden. Prismenbrillen werden bei Einwärtsschielen mit Basis schläfenwärts und um- gekehrt angefertigt. Die Stärke der Prismen entspricht der Größe der Schielabweichung, die Grenze der Anwend- barkeit liegt bei 10 Grad Schielwinkel. Solche Prismenbrillen haben neben dem hohen Preis weitere Nachteile: Die Gläser sind dicker, schwerer erfordern Gewöhnung, anfangs tritt Schwindelgefühl beim Tragen auf. Daher werden eingeschliffene Prismenbrillen nur bei dauerhaften Stör- ungen verordnet, bei denen keine rasche Änderung zu erwarten ist. Univ. Prof. Dr. Elfriede Stangler-Zuschrott, Fachärztin für Augenheilkunde und Optometrie, Hintzerstraße 2/1, A-1030 Wien, T: 01 – 714 77 60, F: 718 77 60

Prismenbrille

wird im Allgemeinen bei der Behandlung von bestimmten Schielerkrankungen verwendet. Sie besitzt mindestens ein Glas, bei dem der optische Mittelpunkt nicht der Hauptdurchblickspunkt eines Auges ist. Ein Lichtstrahl, der von einem weit entfernten Objekt ausgeht, wird auf seinem Durchgang durch das Brillenglas so zur Basis hin gebro- chen. Dadurch kann trotz der Fehlstellung eines Auges beidäugiges Einfachsehen ermöglicht werden.
   Die prismatische Wirkung kann hierbei durch dessen Dezentrierung erzielt werden, oder aber durch Aufbringen einer entsprechenden Prismenfolie auf ein Brillenglas, die leicht auch wieder entfernt werden kann. Die Regel sind aber von vornherein prismatisch geschliffene Brillengläser, die darüber hinaus mit der entsprechenden sphäri- schen, zylindrischen und ggf. einer Gleitsichtwirkung versehen sind. Dies bietet sich deshalb an, weil Dezentrie- rungen nur im Bereich kleinerer Winkel optisch möglich sind und Prismenfolien aufgrund ihrer konstruktiven Be- schaffenheit eine geringere Abbildungsqualität besitzen als geschliffene Brillenlinsen. Sie kommen somit eher für Interimslösungen (diagnostische Zwecke, Wartezeit bis zur Operation) in Frage.
  Die ausgeprägteren Fehlstellungen der Augen (ab ca. 30 Prismendioptrien, was etwa 15° entspricht) stoßen Prismenbrillen allerdings nicht nur fertigungstechnisch/optisch, sondern auch kosmetisch an ihre Grenzen. Je nach Größe der Brillenlinse weisen sie dann z.T. erhebliche Randdicken auf und erzeugen Farbsäume (chromatische Aberration). Zudem entsteht unter Umständen ein hohes Gewicht und eine kosmetische Entstellung des Trägers durch optischen „Verlagerungseffekt“ der Augen. Neben medizinischen Indikationen sollten deshalb auch diese Aspekte bei der Diskussion einer operativen Korrektur (Schieloperation) der Augenfehlstellung Berücksichtigung finden.
   Einige Augenoptiker und Augenärzte nutzen Prismenbrillen auch zur Korrektur einer so genannten Winkelfehl- sichtigkeit. Diese Bezeichnung ist in der Medizin nicht existent und wird von den meisten Augenoptikern, Augen- ärzten und Strabologen als Kunstbegriff mit zweifelhaftem und wissenschaftlich nicht validiertem Behandlungs- konzept abgelehnt. Wikipedia

Service Gesundheit - Winkelfehlsichtigkeit

Der WDR befasste sich jetzt in seiner wissenschaftlichen Sendung Loeonardo mit dem Thema:
Winkelfehlsichtigkeit - Echtes Leiden oder Geldmacherei?
Was ist das?
   Vorwiegend Optiker beschreiben mit Winkelfehlsichtigkeit einen von außen nicht sichtbaren Sehfehler, eine Art verstecktes Schielen. Winkelfehlsichtigkeit soll besonders bei Schulkindern zu einer Reihe von Symptomen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Zappeligkeit, Tollpatschigkeit, Migräne und Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben führen. Optiker empfehlen daher häufig Prismenbrillen gegen die Winkelfehlsichtigkeit – Augenärzte halten das oft nicht für richtig.
Was genau ist Winkelfehlsichtigkeit?
   Winkelfehlsichtigkeit bedeutet, dass beide Augen eine kleine Fehlstellung aufweisen und sich daher nicht ganz gerade auf ein nahes Objekt ausrichten können. Meist liegt das daran, dass die Muskulatur der Augen nicht gleichmäßig lang gebaut ist. Anders als beim normalen Schielen sieht man es den Betroffenen nicht an, wenn sie daran leiden.
Augenoptiker warnen: Winkelfehlsichtigkeit ist belastend
   Denn: Winkelfehlsichtige müssen den Sehfehler ständig durch motorische Eigenarbeit ihrer Augenmuskeln aus- gleichen – z.T. mehrmals pro Sekunde. Und das sei sehr belastend für die Betroffenen. Besonders bei Schulkindern zeige sich das in vielfältigen Auffälligkeiten wie Konzentrationsmangel, Zappeligkeit, Migräne und Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, warnt der Berufsverband der Augenoptiker.
Was tun gegen die Winkelfehlsichtigkeit?
  Viele Augenoptiker bieten ihren Kunden Tests an, mit denen sie die Winkelfehlsichtigkeit feststellen können. Um den Sehfehler auszugleichen, empfehlen sie meist Prismenbrillen – mit keilförmigen Gläsern. Wenn die kein Arzt verschrieben hat, müssen Betroffene die knapp 500 Euro für die speziellen Gläser, die Fassung und den Test aus eigener Tasche bezahlen. Der Berufsverband der Augenoptiker ist überzeugt davon, dass solche Prismenbrillen fast immer den Augen helfen, um die Winkelfehlsichtigkeit auszugleichen. Wenn die Augenmuskeln sich durch die Prismenbrille entspannen können, dann würden sich auch meist die Symptome wie Unkonzentriertheit und Kopfschmerzen legen.
Augenärzte sehen das oft anders
   Schon bei der Bezeichnung sind sich Optiker und Augenärzte uneinig: Augenärzte verwenden den Begriff Winkelfehlsichtigkeit nicht. Sie nennen das: verstecktes Schielen oder Heterophorie. Und nicht nur das: Augen- ärzte und Optiker sind sich uneinig darüber, ab wann eine Abweichung der Augenstellung von der Norm krankhaft ist und mit einer Prismenbrille ausgeglichen werden muss. Aus Sicht des Berufsverbandes der Augenärzte schielen viele Menschen ganz naturgemäß ein kleines bisschen – meist brauchen sie aber keine Behandlung.
Augenärzte: Prismenbrillen sind teuer und helfen nicht jedem
   Nach Ansicht des Berufsverbandes der Augenärzte empfehlen viele Optiker zu schnell, schon bei kleineren Win- kelfehlsichtigkeiten, Prismenbrillen. Nur bei etwa zwei von Hundert Betroffenen sei das versteckte Schielen so stark, dass eine Prismenbrille helfen könne – sagen die Mediziner.
   Augenärzte warnen: Prismenbrillen können sogar schaden Bei vielen Betroffenen mit sehr kleinen Abweichungen im normalen Sehen können die dicken Gläser den Augen sogar eher schaden als nutzen: Tragen Menschen mit sehr kleinen Schielabweichungen z.B. Prismenbrillen, dann kann es sein, dass Ihre Augen anschließend stärker schielen als ohne Prismenbrille, warnt der Berufsverband der Augenärzte.
   Zitat Professor Esser, Universitäts-Augenklinik Essen: „Sie können dann, durch verschiedene Prismenbrillen aus diesem zwei Grad schielen nachher eine Prismenbrille provozieren, die zehn, 14, 16 Grad hat. Dieses kleinwinklige Schielen wird dann in ein großwinkliges Schielen überführt – sie müssen das operieren.“
Augenoptiker sehen das anders
   Zwar bestätigen Optiker, dass viele Betroffene nach einer Prismenbrille noch weitere, stärkere Gläser brauchen, weil sich ihr Schielwinkel im Laufe der Anwendung verschlechtert. Doch dieser größere Schielwinkel sei nicht künstlich durch die Brillen herbeigeführt –  durch die Prismengläser zeige er sich nur erstmals richtig, weil die Augenmuskeln sich durch die Brille Stück für Stück entspannen.
 Angeblich helfen Prismenbrillen fast allen Menschen, die an Winkelfehlsichtigkeit leiden, ihre Beschwerden wie z.B. Migräne oder Konzentrationsschwierigkeiten in den Griff zu bekommen, sagt der Berufsverband der Augenoptiker.
Das sagt die Unabhängige Patientenberatung Deutschland UPD
   Zitat Barbara Tödte von der UPD: „Hier wird also eine Behandlungsmethode auf dem Markt der gesundheit- lichen Vorsorge angeboten, die behauptet, hier Einfluss nehmen zu können auf solche Konzentrationsschwierig- keiten, auf die Lese-Rechtschreib-Schwäche. Und hier muss man tatsächlich so lange kommerzielle Interessen unterstellen, bis es gelungen ist, auch einen wissenschaftlichen Nachweis über die Wirksamkeit dieser behaup- teten Behandlungsmethode zu erbringen.“
   Gesichert wissenschaftlich belegt ist der Zusammenhang bislang nicht, dass Prismenbrillen bei Winkelfehl- sichtigkeit bei den Betroffenen gegen die vielseitigen Symptome (Unaufmerksamkeit,Unruhe, Migräne) helfen.
Ein paar Tipps
   Natürlich können hinter Symptome wie Konzentrationsstörungen, Migräne und Tollpatschigkeit auch ganz andere Ursachen stecken, als die so genannte Winkelfehlsichtigkeit – das sollte zuerst abgeklärt werden, von einem Arzt oder Psychologen.
   Die Unabhängige Patientenberatung berät und unterstützt Interessierte bei der Suche nach einer geeigneten medizinischen oder psychologischen Behandlung. Generell rät sie allen Betroffenen, kritisch zu sein, und sich im Zweifel  auch eine zweite (ärztliche) Meinung einzuholen. Letztendlich müssen Eltern oder Be- troffene selber entscheiden, was sie glauben. Leonardo090909

Sehtest: Kleinkinder

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  Je kleiner das Kind, desto schwieriger ist das Testen seines Sehvermögens. Für eine Vorabklärung zu Hause kann das oben stehende Bild verwendet werden. Dieser Test muss einäugig durchgeführt werden. Lassen Sie das Kind zuerst das eine, dann das andere Auge abdecken. Sieht das eine Auge besser als das andere?

Testanleitung
    Bei Tageslicht in Augenhöhe aufhängen und aus 4 Metern Entfernung betrachten lassen.
Frage: Was siehst Du?  - (Gegenstände aufzählen lassen)
Sollte das Kind Mühe haben, die Bilder zu erkennen, empfiehlt sich eine Abklärung durch den Augenarzt.

Frühförderung: Kassen bezahlen Hörtest bei Babys ab 2009

   Ein bundesweit angebotener Hörtest soll in Deutschland bis zu 2000 schwerhörige Babys pro Jahr vor einem Leben mit Folgeschäden bewahren. Die gesetzlichen Krankenkassen hätten auf Initiative von Medizinern einen Rechtsanspruch auf ein solches „Hör-Screening” zum 1. Januar 2009 beschlossen, sagte Fachmedizinerin Prof. Antoinette Am Zehnhoff-Dinnesen in Düsseldorf. Dann sind die Kassen verpflichtet, die Kosten zu übernehmen. NOZ090818dpa

Frühförderung blinder Kinder in Niedersachsen

   Das Landesbildungszentrum für Blinde bietet in Niedersachsen und Bremen Frühförderung an, um Familien mit blinden oder hochgradig sehbehinderten Kindern zu unterstützen.
  Eltern von Kindern im Alter von 0 - 7 Jahren (Einschulung) können diese Frühförderung kostenlos in Anspruch nehmen.

Die Frühföderung umfasst verschiedene Angebote:
Regelmäßige Betreuung im Elternhaus
- Spielerische Beschäftigung mit dem Kind
- Förderung im Bereich der Wahrnehmung
- Erweiterung von Umwelterfahrungen
- Förderung der Sprache und des Sprechens.
Elternarbeit.
- Informationen über Auswirkungen der Sehschädigung auf die Gesamtentwicklung des Kindes
- Hilfestellung bei der Auswahl geeigneten Spielzeugs
- Beratung über Hilfsmittel
- Beratung über spezielle Therapien
- Unterstützung in sozialrechtlichen Fragen
- Hilfen beim Übergang in den Kindergarten und Schullaufbahnberatung
- Eltern-Kind-Seminar.
Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen
- Kontakt zu Fachleuten und Institutionen (Behörde, Krankenhaus,
  Gesundheitsamt,  Sozialamt, örtliche Frühförderstelle, Arzt, Blindenverein).
- Zusammenarbeit mit Kindergarten und anderen Frühförder-Einrichtungen
  (Beobachtung des Kindes, Erfahrungsaustausch, Beratung der Kollegen).
- Fortbildungsveranstaltung für Angehörige und Fachpersonal.

  Das Landesbildungszentrum  für Blinde ist die niedersächsische Schule für blinde und sehbehinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Einrichtungsträger ist das Land Niedersachsen. Sie erreichen uns:

30559 Hannover, Bleekstr. 22
Tel. (0511) 524 73 53 Fax 524 73 52
Außenstelle 26789 Leer, Hauptstr. 70
Tel. (0491) 992 19 99 Fax 992 19 99
Außenstelle 49082 Osnabrück, Iburger Str. 30
Tel. (0541) 584 52 30 Fax 584 52 30
Außenstelle 27356 Rotenburg/Wümme, Brauerstr. 8
Tel. (04261) 84 83 80 Fax 84 83 8

Internet: www.lbzs.de  eMail: Blindenfruehfoerderung.Niedersachsen@lbzs.de

Sonderschulen

Pestalozzischule, Förderschule, Schwerpunkt Lernen

Schule für Blinde
Landesblindenzentrum Hannover
Klasse 1 - 13
Richtlinien der jeweiligen Schulformen (GS, OS, HS, RS, GYM)
häufig mit Internatunterbringung gekoppelt
Information:
Pestalozzischule Meppen, Schillerring 20, 49716 Meppen,
Tel: 05931 - 127 36,    Fax: 05931 - 127 89

Formen der sonderpädagogischen Förderung

so-gSonderpädFörderg---

Neue Stiftung hilft Behinderten

   In Schleswig-Holstein gibt es erstmals eine Stiftung, die behinderten Menschen in Notlagen finanziell unter die Arme greifen will, etwa wenn sie eine neue Brille brauchen. Die Stiftung „wir+” solle einspringen, wenn es weder familiäre noch staatliche Unterstützung gebe, sagte der Landes-Behindertenbeauftragte Ulrich Hase in Kiel. Große Sprünge kann „wir+” mit einem Kapital von 50.000 Euro allerdings noch nicht machen.  HA080523ubi

KultusministerNS-xx       Förderung in Niedersachsen

Kultusminister lobt die blinde Abiturientin Christina Ernst Busemann: Bestnote ist Belohnung für Mut und Einsatzbereitschaft. Foto: Ministerpräsident Christian Wulff mit Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann und ihrem Amtsvorgänger Bernd Busemann (jetzt Justizminister)

   Mit der Traumnote 1,0 hat Christina Ernst aus Scherenbostel ihr Abitur am Gymnasium Mellendorf bestanden. Der Niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann hat ihr seine besondere persönliche Anerkennung und die besten Wünsche für ihre Zukunft übermittelt. Denn Christina hat nicht nur außerordentliche schulische Leistungen aufzuweisen. Sie ist nach Ansicht des Kultusministers auch ein überzeugendes Beispiel dafür, dass eine Körper- behinderung kein Hindernis sein muss, wenn Leistungswillen und geeignete Unterstützung sich ergänzen. Christina Ernst ist blind.
   Seit 1996 wurde die Schülerin am Gymnasium Mellendorf nach einem so genannten "integrativen Konzept” unterrichtet. Die Kosten trug dabei die Gemeinde Wedemark. Unterstützt von einer Lehrerin aus dem Landesblin- denzentrum in Hannover erarbeitete die jetzt 19jährige sich ihren Erfolg gemeinsam mit sehenden Mitschülerin- nen und Mitschülern im gleichen Unterricht mit gleichen Unterrichtszielen. Der Unterschied: Ihr Hauptarbeitsmittel ist ein Laptop mit einer zusätzlichen Tastatur in Blindenschrift. Auch ihre Bücher und andere Arbeitsmittel be- schaffte sie sich in der Punktschrift. Hörbücher, Radio und Internet sind weitere Informationsquellen. Jetzt will Christina Ernst in Göttingen Theologie studieren. Ein Zimmer in der Universitätsstadt hat sie sich bereits orga- nisiert.
   “Sie haben viel Mut und Einsatzbereitschaft gezeigt, um Ihre Ziele zu erreichen. Das Abitur mit der Bestnote 1,0 als Belohnung haben Sie sich redlich verdient” lobte Kultusminister Busemann.

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Eine Schule für alle. Die Grundschule Am Lindener Markt in Hannover unterrrichtet behinderte und nicht behinderte Kinder aus ihrem Bezirk gemeinsam. Die Eltern wissen das zu schätzen. Die Betreuung ist hier besser als in den herkömmlichen Integrationsklassen. Foto oben: Welche Gegenstände wiegen gleich viel? Gemeinsam lernen mit unterschiedlichen Voraussetzungen

  Schon als ihr Sohn sechs Monate alt war, merkte Emine Katme, dass der kleine Yusuf sich nicht normal entwickelt. „Wir sind mit ihm zur Frühförderung gegangen und zur Krankengymnastik", berichtet die Mutter. Später kam Yusuf in einen speziellen Kindergarten und danach in eine Förderschule. Doch glücklich wurden die Eltern mit dieser Ent scheidung nicht. Bei den Elternabenden sei es nie darum gegangen, was die Kinder lernen, sagt Emine Katme.
  Als sich auch bei Yusufs kleiner Schwester Hatice-Kübra eine Verzögerung der geistigen Entwicklung zeigte, suchten die Eltern vor drei Jahren eine andere Schule für sie - und lernten quasi durch Zufall ein ganz anderes Modell kennen. Hatice sollte auf die Wilhelm-Schade-Schule gehen, eine Förderschule für geistige Entwicklung. Doch die Lehrer dort unterrichten ihre Grundschüler schon lange nicht mehr im eigenen Haus. Hatice kam deshalb auf die Grundschule Am Lindener Markt. In Kooperations­Klassen arbeiten hier Grundschul- und Förderschullehrer gemeinsam mit behinderten und nicht behinderten Kindern. „Hatice kann schon fast lesen", sagt Emine Katme. Für eine normale Drittklässlerin wäre das spät, für Hatice und ihre Eltern bedeuten diese Lernfortschritte einen großen Erfolg. Auch Yusuf wechselte an die Grundschule seiner Schwester und beschäftigt sich dort in der dritten Klasse mit manchem, was Hatice-Kübra schon in der ersten Klasse lernte. „Wir sind froh. Er hat schon viele Fortschritte gemacht", sagt Emine Katme.
  Die Grundschule Am Lindener Markt hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt. „Alle Kinder aus dem Stadtteil sollen hier zur Schule gehen können", sagt Schulleiterin Anne Wolters. Auch Kinder mit geistigen, körperlichen oder emo- tionalen Handicaps, die bisher in der Regel spezielle Schulen weit vom eigenen Stadtteil entfernt besuchen. Neuerdings spricht man von Inklusion, dem Einschluss aller, wer in eine Schule Kinder mit solch unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam unterrichtet.
   Am Lindener Markt haben die Lehrer diesen Weg früh beschritten. 1992 starteten sie mit der ersten Integra- tionsklasse, im Jahr 2000 kamen Kooperationsklassen dazu. Komplizierte bürokratische Bestimmungen setzen bisher der Arbeit der staatlichen Grundschule, die allen offen stehen will, Grenzen. Und längst nicht allen Eltern, die ihr Kind hier in einer der begehrten Kooperationsklassen unterbringen wollen, gelingt das auch.
   In den Kooperationsklassen kümmern sich ein Grundschullehrer und ein fest an der Wilhelm-Schade-Schule angestellter Förderschullehrer gemeinsam um die Kinder. An manchen Tagen springt anstelle des Förderlehrers ein Erzieher ein. Pro Klasse gibt es drei Schüler, die in ihrer geistigen Entwicklung eingeschränkt sind. Darüber hinaus sind in diesen Klassen, wie heutzutage in fast allen Grundschulen, auch weitere Kinder mit unterschiedlichen Lernschwierigkeiten anzutreffen. Alle profitieren davon, dass zwei Erwachsene mit ihnen arbeiten. „Wir sind da und können unsere Arbeit so verteilen, wie die Kinder es brauchen", sagt Förderschullehrerin Birgit Dege-Haster. Die Förderschullehrer als Profis beraten ihre Kollegen an der Grundschule aber vor allem auch dabei, wie sie Kinder mit unterschiedlichen Handicaps am besten unterstützen können, und zwar ohne dass andere Schüler dabei zu kurz kommen.

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Ein Beispiel: In der zweiten Klasse beschäftigen Grundschullehrerin Claudia Landmann und Förderschullehrer Sascha Splanemann ihre Schüler mit dem Thema Größe, Masse und Gewicht von Gegenständen. Während die meisten Kinder ausprobieren, ob Kugeln aus Knetmasse, Glas und Metall gleich viel wiegen können, und sie dabei Größen und Formen vergleichen, ist es für einen der Schüler ein Erfolg, wenn er die Farben erkennt und sich an den Namen für das kalte grau schimmernde Material erinnert. Seine Mitschüler wundern sich nicht darüber, die Situation ist alltäglich für sie.
   Für Kinder wie den Erstklässler Finn, der mit Downsyndrom zur Welt kam, ist es ein Ansporn, dass sie auch von ihren Mitschülern lernen können. „Er erzählt zu Hause begeistert, dass es neben dem Kleinbuchstaben „l" auch noch das große „L" gibt", berichtet Finns Mutter Antje Frey. Doch auch Eltern mit nicht behinderten Kindern schwören auf den gemeinsamen Unterricht. „Mit zwei Lehrern ist einfach viel mehr möglich", sagt Barbara We- vering, von der mehrere Kinder die Grundschule besuchten. Besonders beeindruckten Wevering Aktionen wie eine gemeinsame Theateraufführung. „Kinder mit Sprachschwierigkeiten stehen selbstbewusst auf der Bühne. Die anderen Kinder lachen sie nicht aus, weil es das normale Leben für sie ist."
   Die Situation in den herkömmlichen Integrationsklassen ist für Kinder und Lehrer dagegen deutlich schwieriger. Nur wenn einem Kind per Gutachten eine Entwicklungsstörung bescheinigt wird, billigt das Land der Klasse Zu- satzstunden zu. Für ein Kind mit geistiger Behinderung können das fünf Förderstunden pro Woche sein, für ein Kind mit emotional-sozialer Störung drei Stunden. „Das Kind lernt aber die ganze Woche in seiner Klasse", sagt Förderschullehrer Sascha Splanemann. Für einen Lehrer allein seien die Anforderungen oft nicht zu erfüllen. Und viele Eltern scheuten sich zudem, ihr Kind begutachten zu lassen, sagt Barbara Wevering. Bei zwei oder drei be- gutachteten Schülern steigt die Zahl der Stunden mit Förderlehrer und bleibt doch Flickwerk. Mit dem Engagement der Lehrer an der Grundschule ist Wevering jedoch sehr zufrieden. Und für Emine Katme steht der Wert des Modells sowieso außer Frage. „Es müsste in jedem Stadtteil so eine Schule geben." HAZ100125BärbelHilbig

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Der Vorteil der Kooperation.
Die Grundschule Am Lindener Markt nennt sich bereits seit Längerem „Eine Schule für alle". Sie hat den Anspruch, behinderte und nicht behinderte Kinder aus dem Stadtteil möglichst gemeinsam zu unterrichten.

   Von den insgesamt 16 Grundschulklassen werden vier in Kooperation mit Förderschullehrern der Wilhelm- Schade-Schule in Doppelbesetzung betreut. Zu den Schülern der Kooperationsklassen gehören jeweils drei Kinder mit geistiger Entwicklungsverzögerung, aber meist auch andere Kinder mit Lernschwierigkeiten. Außerdem gibt es aktuell neun Integrationsklassen und drei normale Regelklassen. In den Integrationsklassen bemisst sich die Zahl der Stunden, in denen ein Förderschullehrer parallel zum Grundschullehrer unterrichtet, an der Diagnose, die einzelnen Kindern gestellt wird und ist deshalb stark eingeschränkt.
   Normale Regelklassen, in denen offiziell kein Kind mit Beeinträchtigung lernt, können zu Integrationsklassen umgewandelt werden. Dazu muss aber einem oder mehreren Kindern eine Lern-, Verhaltens- oder Entwicklungs- störung attestiert werden. Aus Sicht der Lehrer der Grundschule nützt der gemeinsame Unterricht allen Schülern. Die „normalen" Kinder lernten, geduldig zu sein, Verantwortung zu übernehmen und zu helfen, sagt Schulleiterin Anne Wolters. Für Kinder mit Entwicklungshemmnissen sei ein solcher Umgang mit anderen Schülern enorm motivierend.
   Doch trotz des starken Engagements der Lehrer setzen auch praktische Probleme dem Ziel der Integration Grenzen. Bei der Sanierung hat die Stadt zum Beispiel keinen Fahrstuhl eingeplant. „Rollstuhlfahrer können noch nicht einmal klingeln, denn unser Eingang ist nur über eine Treppe zu erreichen", sagt Schulleiterin Anne Wolters. Die Verwaltung liegt im ersten, die Aula im zweiten Stock.
  Die Wilhelm-Schade-Schule, eine Schule für geistige Entwicklung, unterhält bereits seit 1993 Kooperationsklassen mit der Grundschule Am Stöckener Bach, seit 1996 mit der Egestorffschule in Linden-Süd und seit dem Jahr 2000 mit der Grundschule Am Lindener Markt. HAZ100125bil

po-BerndAlthusmannKultMs-xx  niedersächsischer Kultusminister Bernd Althusmann

Regelschulen wollen Behinderte oft nicht
Eltern klagen über verschleppte Verfahren und Behörden, die ihnen Steine in den Weg legen

  Seit anderthalb Jahre gilt in Deutschland die UN-Behindertenkonvention, wonach auch für Kinder mit Beeinträchti- gungen der Besuch einer normalen Schule die Regel und nicht die Ausnahme sein soll. Mit der Umsetzung dieser Vorgabe hapert es in Niedersachsen noch gewaltig, klagen jedoch Eltern behinderter Kinder. Sie fühlen sich alleingelassen - von den Lehrern, Schulleitern, auch von den Behörden. Sie klagen über mangelnde Gesprächs- bereitschaft, verschwundene Akten, verzögerte Verfahren. Anstatt Kinder in ihrer vertrauten Umgebung einen Schulbesuch zu ermöglichen, müssten sie per Bus in eine oft 30 Kilometer weit entfernte Förderschule gekarrt werden.
   Das ist zum Beispiel der Fall eines Neunjährigen aus der Region Hannover. Drei Jahre lang ging der Junge, der an ADHS und am Tourette-Syndrom leidet, auf eine normale Grundschule. „Jetzt will man ihn dort nicht mehr haben", sagt seine Mutter. Anstatt ihn in der Klasse über einen Integrationshelfer individuell zu fördern, was nach Ansicht der Eltern das Beste wäre, soll er nun auf eine Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung.
   Dagegen wehrt sich die Familie mit aller Macht. Sie fürchtet, dass ihr Sohn dort nicht entsprechend seiner Intelli- genz gefördert wird. Dabei habe er eine schnelle Auffassungsgabe. Es falle ihm aber schwer, sich länger zu kon- zentrieren. Ob das in einer Förderschule, in der die Klassen zwar kleiner, die Schüler aber schwieriger seien, besser gelingen könne, bezweifelt die Mutter. Und an ein Zurück auf die Regelschule sei auch nicht zu denken: „Wer einmal auf der Förderschule gelandet ist, kommt nicht mehr weg."
   Auf der alten Grundschule ist der Neunjährige nicht mehr willkommen, die neue Förderschule lehnen seine Eltern ab. Das ganze Hin und Her hat den Jungen erst mal krank gemacht. „Eine Lösung ist das natürlich nicht", sagt seine Mutter. Sie wisse nicht mehr weiter. Bei der Landesschulbehörde heißt es, man sei mit der Familie im Ge- spräch, am wichtigsten sei eine Entscheidung zum Wohl des Kindes.
   Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) betont, dass noch bis Jahresende die Wahlmöglichkeit für Eltern behin- derter Kinder - ob Regel- oder Förderschule - im Schulgesetz verankert werden soll. Zahlen darüber, wie viele Kinder jährlich von einer Regel- zu einer Förderschule oder umgekehrt wechseln, liegen dem Ministerium nicht vor. „Das erheben wir nicht“, sagt ein Sprecher der Landesschulbehörde. Es gebe allerdings nur wenige Fälle, in denen Kinder von der Förderschule zurück zur Regelschule kämen, heißt es. So ein Fall ist Lukas B. (Name geändert). „Wir haben zwei Jahre hart gekämpft, bis unser Sohn von einer Förderschule zur Hauptschule wechseln durfte, uns wurden immer wieder Steine in den Weg gelegt", berichtet seine Mutter. Voraussetzung ist ein sechsmonatiger Probeunterricht an der neuen Schule. Zunächst habe man Lukas monatelang den Probeunterricht verweigert, dann sei er nur in Englisch getestet worden, einem Fach, das an der Förderschule nur Wahl- und nicht Pflichtfach gewesen sei. „Alles Schikane“, sagt die Mutter. Schließlich habe der Wechsel zur Hauptschule doch geklappt. „Eltern, die ihre Kinder auf Förderschulen geben, haben keine Rechte mehr, nur noch Pflichten“, resümiert sie.
   Für Familie G. aus der Nähe von Bremen, die ihren neunjährigen Sohn auf keinen Fall zu einer Förderschule für geistige Entwicklung geben wollten, hat der lange Kampf mit den Behörden ein vorerst glückliches Ende gefunden. Ben (Name geändert) darf zunächst auf seiner alten Grundschule, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Ler- nen, bleiben - zumindest ein Jahr noch. „Wir wollen unserem Sohn eine Bildung ermöglichen“, sagt Bens Vater, „er soll nicht aufs Abstellgleis.“
   Landeselternratsvorsitzender Pascal Zimmer kennt solche Konflikte. „Zwei Dinge sind besonders wichtig“, sagt er, „Verlässlichkeit und Behutsamkeit.“ Eine Umstellung auf ein inklusives Schulsystem könne nicht im Hauruck- verfahren, sondern nur schrittweise eingeführt werden. Wichtig sei es, auch die weiterführenden Schulen im Blick zu haben. HAZ100823SaskiaDöhner
Förderschullehrer helfen vor Ort
   Mittlerweile ist jede dritte Grundschule in Niedersachsen mit einer sonderpädagogischen Grundversorgung ausgestattet. Das Land stellt dafür insgesamt rund 10.500 Lehrerstunden zur Verfügung. Für die Mobilen Dienste, bei denen Förderschullehrer behinderte Kinder in ihren Regelschulen unterstützen, sind es 2.000 Lehrerstunden. Die Zahl der Integrationsklassen an niedersächsischen Schulen ist seit 2003 von rund 230 auf jetzt mehr als 400 gestiegen. Die schrittweise Umsetzung der UN-Konvention sei eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen, heißt es im Kultusministerium.
   Wichtig sei eine enge Abstimmung mit den Kommunen als Schulträgern, dabei müsse man auch die finanziellen Rahmenbedingungen im Blick haben. Nicht nur die Kindergärten und Grundschulen, sondern auch Haupt- und Real- schulen sowie Gymnasien sollten sich Kindern mit Beeinträchtigungen mehr öffnen, fordert CDU-Schulexperte Karl- Ludwig von Danwitz. HAZ100823SaskiaDöhner

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