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Hamburg im Dunkeln

Wer nicht sehen kann, muss fühlen

  Das Hamburger Abendblatt und die Hannoversche Allgemeine Zeitung bringen regelmäßig (und öfter als alle uns bekannten überregionalen Zeitungen) Berichte, Impressionen und Nachrichten über Blinde, die auch für blinde Mitbürger von hohem Wert sind. Wir möchten Ihnen hier barrierefrei daran Anteil geben.
        Auf dieser Seite sehen Sie schwarz. Das hat seinen Grund: Wir versetzen uns in die Welt der Blinden - beim DIALOG IM DUNKELN in der Speicherstadt in Hamburg. Alexandra zu Knyphausen und Nicole Wehr haben den Selbstversuch mitgemacht: die Umwelt nicht mit den Augen, aber mit allen anderen Sinnen zu erfassen. Probieren Sie es auch mal!

DIALOG IM DUNKELN:
   Die Ausstellung zum Selber-Erfahren befindet sich in Hamburg-Speicherstadt. Zunächst bringen wir Ihnen einen aktuellen Bericht von Nicole Wehr in der HAZ 090825, anschließend beschreibt Alexandra zu Knyphausen ihre Erelbnisse beim ihrem Besuch im Dunkeln vor fünf Jahren HA040222. In Frankfurt am Main hat das
Dialogmuseum
eröffnet - eine hochinteressante Dauerausstellung.  Wir berichten darüber unten auf dieser Seite.

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Dialog im Dunkeln
“Die einzige Form zu lernen, besteht in der Begegnung.« Martin Buber, Das dialogische Prinzip”

   Die Idee ist denkbar einfach: In völlig abgedunkelten Räumen führen blinde Menschen das Publikum in kleinen Gruppen durch eine Ausstellung. Aus Düften, Wind, Temperaturen, Tönen und Texturen wird ein Park, eine Stadt oder eine Bar gestaltet. Alltagssituationen, die in unsichtbarer Form eine völlig neue Erlebnisqualität erhalten.
   Ein Rollentausch findet statt: Sehende Menschen werden herausgelöst aus sozialer Routine und gewohnter Rezeption. Blinde Menschen sichern Orientierung und Mobilität und werden zu Botschaftern einer Kultur ohne Bilder. Der Zuspruch ist beachtlich: Dialog im Dunkeln wurde bisher in 26 Ländern Europas, Asiens und in Amerika präsentiert und beeindruckte über sechs Millionen Besucher weltweit.
   Seit April 2000 ist Dialog im Dunkeln in Hamburg zu erleben. Startete die Ausstellung zunächst öffentlich gefördert und zeitlich begrenzt, ist sie diesem Projektstatus längst entwachsen: Der Dialog im Dunkeln ist seit 2007 als eigenständige GmbH ein Sozialunternehmen, das auch international auf Erfolgskurs ist.
   Durch ihren Einsatz in den Ausstellungen haben weltweit schon fast 6.000 blinde Menschen im Dialog eine feste Arbeitsstelle gefunden; in Hamburg arbeiten 50 blinde Menschen – als Guides, Trainer oder in anderen Funktionen.
Weitere Informationen zum Dialog im Dunkeln: 
www.dialogue-in-the-dark.com

Im Stadion: HSV-Fan Raman verfolgt das Spiel HH-DialogImD-Raman-x

Ich sehe, was du nicht siehst
   Roman Goswani ist blind. In der Hamburger Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ führt er Sehende durch eine Imitation seiner Welt. Er will ihnen Berührungsängste nehmen. Nicole Wehr schreibt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung über eine dunkle Reise.  

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   Nach grün kommt schwarz. Nichts als schwarz. Zumindest für die nächsten 90 Minuten. Das DDR-Ampel- männchen springt von „stehen" auf „gehen" - dann beginnt die Finsternis. Mit nichts als einem Taststock ausgerüstet, wagen meine sieben Mitstreiterinnen und ich uns in den Tunnel, an dessen Ende uns eine fröhliche Stimme zu sich ruft.
   Es ist 14 Uhr, ein Sommertag in Hamburgs Speicherstadt. Ich bin Teil einer Gruppe, die von Raman Goswami durch die Ausstellung „Dialog im Dunkeln" geführt wird. Laut Gesetz ist der 20-Jährige blind: Seine Sehkraft liegt bei unter zwei Prozent, doch hier hat nur er den Durchblick. Raman ist einer von etwa 50 blinden oder sehbehinderten Guides, die täglich Menschen die Welt des Nichtsehens näherbringen - auf 600 m2, in sieben stockdunklen Räumen.
   „Vorsicht, rechts neben mir ist eine Stufe", sagt Raman in fürsorglichem Ton, kurz nachdem wir unsere Tour gestartet haben. Vögel zwitschern, ein Bach rauscht, der Boden ist weich. Wir sind im Park. Trotz völliger Dunkelheit halte ich meine Augen weit offen. Es flimmert, als hätte ich zu lange im Handstand gestanden. Wie ein Schutzschild schwenke ich meinen rechten Arm vor meinem Körper hin und her. Auf den Taststock will ich mich nicht verlassen. Alle paar Meter kommt mir ein Körperteil in die Quere. Meinen Tourgenossinnen geht es nicht anders. Ständig murmelt jemand ein verlegen- vergnügtes „Entschuldigung". Ich stelle mir vor, wie bescheuert ich wohl gerade aussehen muss. Aber das ist hier ja egal. In kleinen Schritten geht es voran.
   „Was könnt ihr riechen?", fragt Raman, als wir in einem dumpfen Raum mit vielen Fässern stehen. Er lenkt nicht nur unsere Füße, sondern auch unsere Sinne. Ich kann nur die Hälfte der Düfte zu-ordnen, Anita und Maria sind da besser. Wie riecht eigentlich Kardamom? Durchzählen, weitergehen. Raman hält seine Schäfchen souverän beisammen. Ich versuche, immer ganz vorne dabei zu sein. Selbst bei Tageslicht verlaufe ich mich schließlich oft genug. Auf dem Markt erkenne ich fast jede der ausgelegten Obst-und Gemüsesorten - Fühlen klappt gut. Beim Wochenendeinkauf auf dem Klagesmarkt urteile ich für gewöhnlich nur nach dem Aussehen. Ganz schön ignorant. Das Geschnatter meiner Mitläuferinnen strengt mich an. Ich will mich lieber auf die Umweltgeräusche konzentrie- ren.
   Davon gibt es in der „Innenstadt" genügend: Autos hupen, Metall scheppert, ein Brei aus Menschenstimmen verstopft mein Ohr. Wo bitte ist die Ampel? „Ihr müsst versuchen, die Geräusche zu filtern", rät Raman. Es funktioniert. Ich höre ein Klopfen, dann ein Surren. Und marschiere los. Wie er denn eine Straße ohne Blindenampel überquere, frage ich Raman. „Ich verlasse mich auf Motorgeräusche. Wenn es still wird, kann ich gehen", sagt er. Doch jetzt steht er erst einmal: Als Kapitän bugsiert er unser Schiff schunkelnd durch den simulierten Hamburger Hafen und animiert uns zum Singen. Auf mehr als „Alle meine Entchen" können wir uns nicht einigen. Und selbst das ist eher ein Jaulen - das flaue Gefühl im Magen schlägt auf die Stimmbänder.
   Zurück an Land dürfen wir uns im Klangraum entspannen. Ich liege auf dem Teppich, die Bässe wummern in meinem Brustkorb. Endlich sind alle mal still und lauschen. Im Dunkeln sind Geräusche irgendwie intensiver. Die zehn Minuten sind viel zu schnell um. Ich bin erschöpft. Zum Glück steht nur noch ein Abschiedsgetränk in der Bar an - natürlich auch im Dunkeln. Gut, dass ich meine Geldstücke vorher abgezählt habe. Mit dem Zeigefinger im Glas schenke ich mir meinen Orangensaft ein und trinke so zaghaft wie schon lange nicht mehr.
   Wir sind zurück im Tunnel. Aus Schwarz wird Schmerz: Das Licht brennt in meinen Augen. Trotzdem bin ich froh, wieder Farben zu sehen.  Im Foyer treffe ich Raman.  Er trägt Baseballcap und Brille. Brille? „Aus Gewohnheit", sagt der junge Mann aus Wandsbek und lächelt verschmitzt. „ Sonst habe ich das Gefühl, dass der Wind meine Augen austrocknet." Ich hake ihn ein, gemeinsam verlassen wir das Gebäude Richtung Innenstadt. Jetzt hat Raman den Taststock und ich das Kommando. Das Dirigieren konnte er vorhin besser. Ich muss mich konzentrieren, um rechtzeitig Hindernisse anzusagen.
   Kurzsichtig ist Raman, solange er denken kann. Als er jedoch trotz Brille immer häufiger abends über Bordsteine stolperte, ging er zum Augenarzt. Damals war er elf Jahre alt. Der Arzt diagnostizierte Retinitis Pigmentosa, eine Krankheit, die die Netzhaut zerstört.  „Mit 15 Jahren wurde es dann richtig schlimm, da musste ich auf eine Blinden- und Sehbehindertenschule wechseln", erzählt Raman. Sein nächstes Ziel ist das Fachabitur: „Ich möchte den höchsten Bildungsgrad erreichen, damit mir alle Wege offen stehen", sagt er entschlossen. Ein möglicher Weg wäre für ihn die Ausbildung zum Industriekaufmann. Die dafür nötigen Hilfsmittel stellt das Beratungs- und Unterstützungszentrum sowie das Integrationsamt.
   Inzwischen sitzen wir uns auf zwei Holzbänken gegenüber. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass Raman blind ist - seinen großen, braunen Augen sieht man die Krankheit nicht an. Doch alles, was er von mir erkennt, sind schemenhafte Konturen. Seit dreieinhalb Jahren ist er Teil des „Dialog im Dunkeln"-Teams. Es ist sein erster Job. Manchmal sei es schon schwierig, die Teilnehmer zu unterhalten. Viele hätten einfach Angst.„Dann versuche ich, sie zum Lachen zu bringen", sagt Raman. Ohne Reden funktioniert die Tour nicht: „Einmal haben mich ein Vater und seine Tochter die ganze Zeit ignoriert, das war echt blöd. Aber dann habe ich es einfach genau so gemacht. Eine Beschwerde gab es hinterher trotzdem nicht", erzählt er.
   Von Sehenden wünscht sich Raman mehr Offenheit. Viele seien blockiert. „Die sollten einfach ausprobieren, mit uns zu sprechen. An der Reaktion merken sie dann schon, ob das gut war", sagt Raman. Ein Kellner habe statt ihn selbst mal seine Eltern gefragt, was er denn essen möge. Solche Situationen ärgern Raman, „aber ich finde mich dann damit ab. Sie sind es nicht wert, sich darüber aufzuregen."
   In seiner Familie ist Raman der einzige Blinde. Mit seinen beiden älteren Geschwistern versteht er sich gut. Sein Bruder hat ihm sogar das Schlagzeug spielen beigebracht - er begleitet Raman oft auf dem Keyboard. „Ich war nie das arme blinde Kind. Meine Eltern haben mich nie betüddelt", sagt er. Wenn er schlechte Noten nach Hause brachte, bekam er den gleichen Ärger wie seine Geschwister. In seiner Schule hätte er sich auch mehr Kritik gewünscht: „Wenn bei einer Aufführung jemand zu einem schlechten Playback gesungen hat, fanden es trotzdem alle toll. Sowas nervt."
   Auch wenn er Äußerlichkeiten nicht wahrnehmen kann, achtet er darauf, dass seine Kleidung farblich zusammenpasst. „Ich weiß ja, dass andere sehen, wie ich aussehe", sagt Raman. Beim Einkaufen hilft ihm seine Schwester: „Sie weiß genau, was mir gefällt." Seine lässigen Hip-Hop-Klamotten kann er am Stoff erfühlen. Die Blindenbinde trägt er nur, wenn er muss - bei Klassenausflügen zum Beispiel. Für Raman ist sie ein zusätzliches Stigma: „Ich habe damit noch viel mehr das Gefühl, dass die Leute mich angucken."
   Obwohl er mehr blinde als sehende Freunde hat, macht Raman in seiner Freizeit die gleichen Dinge wie ein „normaler" Teenager: „Ich gehe gern ins Kino", sagt er. Letztens habe er die Komödie „Hang-over" gesehen. „Man ist natürlich immer ein wenig Spätzünder, Situationskomik muss ich mir oft von Freunden erklären lassen. Aber ansonsten mache ich mir eben meine eigenen Bilder“, sagt Raman.
   Im HSV-Stadion genießt er die Atmosphäre, auch wenn er das Passspiel seiner Lieblingsmannschaft nicht sehen kann. „Auf den Audiodeskriptionsplätzen bekomme ich dafür viel mehr Informationen als die anderen Stadionbesucher - und ich kann sogar gratis eine Begleitperson mitnehmen", sagt Raman.
   In die Disko geht er nicht gerne - er mag es nicht, abhängig zu sein. Viel lieber geht er mit seinen Freunden bowlen: „Ich kann die Umrisse der Kegel und die Seitenstreifen erkennen. Das reicht schon mal für einen Strike", sagt er und grinst. Auch reisen findet Raman gut, am besten in fremdsprachige Länder. „Das ist eine größere Herausforderung", sagt er. Seine Lieblingsstadt ist London. „Die Leute sind total freundlich - sie begleiten dich sogar bis zu deinem Ziel. Hier in Hamburg ist jeder nur auf seinen eigenen Weg fixiert." Diesen Tunnelblick möchte er mit seiner Arbeit bei „Dialog im Dunkeln" weiten. „Die meisten Leute brauchen einfach nur einen Schub, weil sie nicht wissen, wie sie mit Blinden umgehen sollen", sagt Raman. Für ihn kann man dabei nichts falsch machen. Außer Schweigen.

Hier nun die Erlebnisse von Alexandra zu Knyphausen:

     Ich reiße die Augen auf - und sehe nichts, wie nachts ohne Mondschein. Nur noch dunkler. Keine Schatten, keine Unterschiede. Nichts, an das man sich halten könnte. So ist das also, blind zu sein. Mir wird heiß.
     Ich empfinde Enge, als wären die Wände ganz nah und die Decke ganz niedrig; fasse zu den Seiten hin, zur Decke: nichts dergleichen. Ich taste mich voran, in der Hoffnung, dass ich die anderen nicht anstoße. Stockdunkel - hat dieser Ausdruck mit dem Blindenstock zu tun den ich umklammere. Blödsinn.
     Jeder kann heute jederzeit abbrechen, hat uns jemand am Eingang der Ausstellung versprochen, in der wir das Unsichtbare entdecken sollen. Dieser „Dialog im Dunkeln” versteht sich als „Plattform zur Begegnung von behinderten und nicht behinderten Menschen”. Hier ist der Sehende der Behinderte, sogar Uhren mit Leuchtziffern müssen eingesteckt werden. Aber abbrechen wäre schade: Welche Ausstellung zieht den Besucher wohl so mitten ins Geschehen hinein wie diese?
     „Halten Sie den Stock 20, 30 Zentimeter vor sich und nach unten, damit Sie andere nicht verletzen” - so hat der Türsteher uns ins Ungewisse geschickt. Dort hören wir als Erstes Eva, unseren weiblichen Guide. Eva ist blind.
     „Jetzt gehen wir erst in den Park, da stehen Bäume”, sagt sie. „Sie müssen also aufpassen. Wenn Sie Ihren Stock verlieren: in die Hocke gehen und aufheben. Denn wenn Sie sich nach vorne bücken, könnten Sie jemanden anstoßen.” Ich versuche, die natürliche Grenze einzuhalten, die zwischen Menschen liegen sollte, damit jeder sich wohl fühlt. Keine Chance: Immer wieder stoße ich mit dem Stock an die Füße und Waden der anderen.
     Eva zieht weiter. „Gleich kommen Sie auf Rasen, dann gehen Sie schräg nach oben rechts, auf den Kiesweg. Bleiben Sie da stehen. Kommen Sie auf meine Stimme zu. “Hierbinich!” - Geflüstere. „Nee, Eva soll rechts liegen bleiben", höre ich. Das würde ich wirklich gerne sehen, aber nicht mal für diese Vorstellung bleibt Zeit, denn jetzt stoße ich jemanden an. „Sie haben einen schönen Pullover an”, sagt eine Stimme.
     Ja, wer nicht sehen kann, muss fühlen; muss hören, riechen und schmecken. Hier riecht es nach Nässe, Erde und Rasen. Dann sind die Ohren dran: Plätschern. Doch lange lauschen ist nicht drin, denn Eva fordert: „Fühlen Sie links, da sind Pflanzen.” Ich strecke meine Hand aus, berühre nasse Fäden. Pflanzen? Vielleicht exotische mit ledrigen Blättern. Ich gewöhne mich an das Dunkel und scharre im Kiesbett mit den Füßen: Muss echt sein. Evas „Hierbinich” lotst uns über eine Brücke. Bloß nicht ins Wasser fallen! „Gibts hier Spinnen?”, tönt es ängstlich hinter mir. „Nein, dann hätte ich meinen Arbeitsvertrag nicht unterschrieben”, beruhigt Eva. Alles grinst. Oder schließe ich nur von mir auf andere? Endlich wird das Plätschern klar: Ich fasse in einen Wasserfall. Er ist so laut, dass ich das Gefühl verliere, ob jemand in meiner Nähe ist. Jetzt federt der Boden. „Rasen“, verrät Eva.
     „Wir werden nun eine Hängebrücke überqueren, die wackelt.” Das vermittelt Jahrmarktsgefühle von Irrgärten und Zitterfußböden. Eine Frauenstimme stellt aber nur fest: „Hier ist es windig.” Stimmt: War uns eben noch heiß, streift uns jetzt ein kühler Luftzug. Keine Zeit, es zu genießen, denn Eva fordert: „Jetzt in den Dschungel, da gibts auch keine Spinnen und Schlangen.” Abhängig von ihrem „Hierbinich” fühle ich mich ziemlich orientierungslos. Im Urwald schreien Papageien und andere Tiere - vom Band. „Da sind auch Lianen, da müssen Sie durch”, ruft Eva.  Leicht gesagt. Ich öffne die Augen, so weit es geht, aber außer den Helligkeitserscheinungen, die man auch bei geschlossenen Augen hat, sehe ich nichts. „Das ist die Netz- haut, deshalb sehen Sie vielleicht graue oder weiße Ränder, sogar Gespenster”;  erklärt einer, der nach Augenarzt klingt.
   „Haben alle ihn angefasst?”, fragt plötzlich Eva. „Wen?”, hake ich nach. „Den Marterpfahl”, antwortet sie, erwischt meine Hand und führt sie an eine Rundung. „Das”, sagt sie, „ist das Auge einer Eule.” Ich befühle die gut einen Meter hohe Holzskulptur.
     Weiter geht es durch die „Stadt”, Evas Stimme nach, auf Kopfsteinpflaster. „Einmal Bordsteinkante nach oben.” Es klirrt. Ist jemand gegen das angekündigte Straßenschild gerannt? Auf einmal riecht es nach Sellerie, meine Hand berührt etwas: einen Apfel, zwei Äpfel, ein ganze Kiste voll. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie knackig-grün da liegen. Wir sind auf dem Markt.
     Ich trete auf etwas Weiches, bücke mich laut Anweisung und hebe das Etwas auf: Porree. Stimmen, Straßenlärm und Hundegebell lenken mich vom Gefühl für den Ort und die Position der anderen ab. Ich glaube, ich stehe im Menschengewühl. Leicht hat man es als Blinder nicht, und gefährlich kann es auch werden.
     Jemand haut auf etwas hohl Klingendes. Mühsam finde auch ich den Gegenstand, befühle ihn. „Ein Fiat”, spekuliere ich. „Eine Ente”, antwortet Eva und ruft ihr „Hierbinich” schon wieder aus einer anderen Ecke. Verwirrend. Da gefällt mir unsere ruhige Bootsfahrt besser. Es schwankt zwar, aber man kann genauer auf eigene Empfindungen achten.
   „Glaubst du”, fragt mein Nachbar, „dass wir in 'nem echten Boot sitzen? Vielleicht haben die einfach nur eine riesige Wasserwanne aufgestellt und schaukeln uns ein bisschen.” Immerhin mit Möwengeschrei und Hafengeräuschen. „Willst du 'n Pfefferminz?” Ich will, obwohl die Übergabe nicht  ganz einfach ist.
    „Haben wir hier einen schönen Blick”, schwärmt eine Dame: „Venedig!” Schon sehe ich uns in einer Gondel im Rhythmus der Wellen im Canal Grande schaukeln. Dann werden wir nass gespritzt - das ist nun schon wieder Realität. Im Sitzen, auf den Blindenstock gestützt, die Augen halb geschlossen, den Kopf so gewendet, dass ich gut hören kann, gebe ich dabei vermutlich genau das Bild ab, das Sehende von Blinden haben: nach innen gekehrt.
     Im Ruheraum danach darf man liegen. Tropfen hallen laut durch die künstliche Nacht, Trommeln, Rasseln und afrikanische Gesänge. Oft vibriert der Boden mit. Bis Eva kommt und uns mit ihrem „Hierbinich, ich komm auf Sie zuhuuuuuu” in die Bar mitnimmt. Dort kann man trinken, essen und sich mit den Guides unterhalten. „Hier steht ein Schild mit den Worten ,Willkommen in unserer Unsichtbar’, behauptet Eva.
     Alle lachen, keiner glaubts. Andererseits: Schließlich soll hier alles so sein wie in der Welt der Sehenden, die hier eben nichts sehen. Doch draußen wartet das Licht. Die erste kleine Dosis nach anderthalb Stunden scheint schon zu viel fürs Auge zu sein. Trotzdem sind wir heilfroh: endlich wieder sehen können!

Das ist „Dialog im Dunkeln" - Ein Sinn fehlt

  Sehende zu Blinden zu machen und Blinde zu Sehenden - die Idee zu diesem Rollentausch kam Dr. Andreas Heinecke bereits 1988. Damals arbeitete er bei der Stiftung Blindenanstalt und bildete blinde Journalisten für die Arbeit beim Rundfunk aus. Beeindruckt von ihrer Kompetenz, beschloss Heinecke, einen „sozialen Lernort zur Akzeptanz von Unterschiedlichkeit" zu gestalten, um Minderheiten mehr Respekt zu zollen. Das Konzept zur „Entdeckung des Unsichtbaren" begeistert: Die Ausstellung wurde bisher in 26 Ländern Europas, Asiens und in Amerika präsentiert und führte mehr als sechs Millionen Besucher in die Dunkelheit. Rund 6.000 Arbeitsplätze für blinde Menschen hat „Dialog im Dunkeln" bisher geschaffen. 2007 wurde das Projekt als eigenständige GmbH zu einem international erfolgreichen Sozialunternehmen.
   Seit April 2000 ist die Ausstellung in Hamburgs Speicherstadt zu erleben. Neben der kurzen und der langen Führung gibt es Sonderangebote für Schulklassen, Kindergeburtstage und Managementtraining. Beim „Dinner in the Dark" können Gourmets ein Vier-Gänge-Menu genießen. Alle Infos stehen im Internet unter
www.dialog-im- dunkeln. de.  HA090825ole

DIALOG IM DUNKELN

     Eva Kliebisch, 25, in Bremerhaven geboren und ausgebildete Sekretärin, arbeitet seit August 2002 beim “DIALOG IM DUNKELN”  Alexandra zu Knyphusen schreibt über sie im Hamburger Abendblatt: “Wie Eva zu Hause die Buntwäsche erkennt - und sich als Blinde im Alltag zurecht findet”.
    Eva Kliebisch ist Guide beim „Dialog im Dunkeln" und von Geburt an blind. Hier erzählt sie, wie sie lebt: „Ich kann Blau nicht sehen, aber ich finde die Farbe schön. Wie das Meer. Rot mag ich nicht. Ich denke da an Blut, irgendwie klebrig. Ich sehe nur schwache Helligkeitsunterschiede und weiß nicht, wie man sich Farben vorstellen muss. Ich verbinde damit, was ich von ihnen kenne: Gelb mit Sonne, Blau mit Wasser, und so weiter.
    Gesichter anzufassen finde ich zu persönlich. Ich fühle die Hände: kleine, große, glatte, raue. Das sagt schon viel. Ich brauche Hilfsmittel: Meine Armbanduhr, der Wecker und meine Speisewaage können sprechen. Für Wäsche benutze ich einen Farberkenner, der mir sagt: ,Dies ist blau, Richtung grün, das rot, das gelb.’
     Ich gehe mit Blindenstock, kann aber nur wichtige Strecken erfassen: Wo ist ein Arzt, eine Apotheke, eine Kneipe oder der Weg zu meiner Freundin? Zur Arbeit gehe ich mit meinem Freund. Der ist auch bei ,Dialog im Dunkeln’.
     Ich lebe in einer eigenen Wohnung. Zuerst dachte ich immer, die Badezimmertür sei die Eingangstür, die liegen sich gegenüber. Aber nach drei Tagen klappte es dann. Ich geh auch gern ins Kino. Ich hab „Good Bye Lenin” gesehen. Fand ich toll. Witzig, ziemlich ergreifend. Man kriegt die Handlung durch Dialoge und Musik ganz gut mit.
     Bei der Filmwahl verlass ich mich aufs Urteil meiner Freunde. Im Kino frage ich meinen Freund, wenn ich was wissen muss, das zur Handlung gehört. Von Actionfilmen habe ich nichts.
    Manches muss ich anders bewältigen als Sehende. Wenn ich einkaufen gehe oder in Schwierigkeiten stecke, brauche ich immer einen, der sehen kann.  Finde ich eine Kneipe nicht, muss ich Taxi fahren; teuer auf die Dauer. Wenn es regnet, denk ich manchmal: ,Jetzt könnte ich schön Autofahren.’ Aber das geht ja nicht, und mittlerweile steh ich da drüber. Manchmal glaube ich, es ist schwerer für jemanden, der mal sehen konnte und dann erst blind geworden ist.”
kny/HA040222

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Führungen
   Den Dialog im Dunkeln kann man nicht auf eigene Faust durchwandern. Nur in Begleitung eines blinden Mitarbeiters werden kleine Gruppen durch die Ausstellung geführt.
   Die Besucher treten ein in eine Welt völliger Dunkelheit. Düfte, Temperaturen, Windströme und Geräusche kreieren nicht-visuelle Erlebnisräume, die auf dem Weg etwa durch eine Parklandschaft, eine Großstadt oder am Ende an einer Bar erschlossen werden.
   Die Standardtour beinhaltet vier Stationen und dauert 60 Minuten. Eine erweiterte Tour, die wir nachmittags und auch an Wochenenden und Feiertagen anbieten, umfasst zwei weitere, überaus spannende Erlebnisräume; sie dauert 90 Minuten.
   Wir bitten unbedingt um Reservierung!
Bookingline: 0700 44 33 20 00 (max. 12 Ct./Min.) oder 040 309 63 40

         BL-DörteMaack-HundLila-ZZ Dörte Maack mit Blindenführhund Lila

Dörte Maack ist blind - und pädagogische Leiterin der Speicherstadt-Ausstellung „Dialog im Dunkeln".
Hier entwickelt sie auch ihre Konzepte, die in 20 Ländern eingesetzt werden

   An jedem Wochentag fährt sie von ihrem Wohnort Prisdorf mit der Nordbahn zum Dammtorbahnhof, läuft dann über die Dag-Hammarskjöld-Brücke, steigt meist ein wenig in Eile die Treppen zur U-Bahn-Station Stephansplatz hinunter und nimmt dann die U1, die sie bis zum Bahnhof Messberg bringt. Von dort sind es nur noch wenige Schritte bis zu ihrem Büro am Alten Wandrahm 4. Der Arbeitsweg ist ihr seit 13 Jahren vertraut, gesehen hat sie ihn aber nie. Dörte Maack ist blind. Trotzdem läuft sie sicher durch den morgendlichen Verkehr, denn sie nimmt ihre Umgebung auf andere Weise wahr. Außerdem hat sie Lila bei sich, ihren sechs Jahre alten Blindenhund. „Ich bewege mich wie jeder andere auch, für mich ist der Arbeitsweg völlig normal. Eigentlich ist es, als könnte ich sehen", sagt sie. Nur wenn etwas Außergewöhnliches passiere, wenn es zum Beispiel Schienenersatzverkehr gebe, „dann merke ich, dass ich ein Handicap habe".
   Der Computer begrüßt sie mit der Ansage, dass die Sprachausgabe aktiv ist. Wenn Dörte Maack nun ihre Mails checkt oder Texte bearbeitet, benutzt sie grundsätzlich die Tastatur, mit der Maus könnte sie nicht arbeiten. Eine synthetische Stimme liest erst einmal die Liste der Mails und auf Anforderung auch deren Inhalt vor. Dann rückt sie die Tastatur zurecht, beantwortet die erste Mail und tippt den Text mit zehn Fingern. Schreibmaschineschreiben hat sie gelernt, als sie noch sehen konnte. Wenn der Text fertig ist, lässt sie ihn über die Sprachausgabe vorlesen, um eventuell noch Korrekturen vorzunehmen. „Am Ende lass ich den Text noch einmal durch die Rechtschreibprüfung laufen, manche Fehler höre ich aber schon vorher, weil die Wörter dann falsch ausgesprochen werden", sagt sie. Wichtige Texte gibt sie anschließend ihrer Assistentin, damit diese sie noch einmal gegenliest.

In Hamburg konzipiert und aufgebaut, überall in der Welt betrieben

   Mit wichtigen Texten hat Dörte Maack täglich zu tun, denn sie arbeitet als Führungskraft, ist pädagogische Leiterin des Social-Franchise-Unternehmens „Dialog im Dunkeln", das seine Zentrale seit 15 Jahren in der Hamburger Speicherstadt hat. Die Idee, dass blinde Menschen kleine Besuchergruppen durch völlig abgedunkelte Räume führen und mit diesem Rollentausch Sehenden ein völlig neues Erlebnis ermöglichen, ist inzwischen weltweit erfolgreich. „Dialog im Dunkeln" hat zurzeit Ausstellungen in mehr als 20 Ländern, die von Hamburg aus konzipiert und aufgebaut, vor Ort dann aber auf Franchise-Basis betrieben werden.
   „Ich bin für die gesamte Pädagogik zuständig, die sich in zwei Bereiche gliedert: Zum einen ist das die Arbeit mit Lehrern und Schülern, für die wir Angebote und Projekte entwickeln, die den Ausstellungsbereich flankieren. Das andere ist der Business-Bereich, in dem wir Seminare für Führungskräfte aus Unternehmen anbieten", sagt Frau Maack, die diese Projekte nicht nur konzipiert, sondern oft auch selbst durchführt. Bei diesen ein- bis zweitägigen Seminaren geht es darum, in einem völlig abgedunkelten Raum gemeinsam zu agieren, Aufgaben zu lösen und völlig ungewohnte Formen der Kommunikation zu erproben. Dabei nimmt die gemeinsame Erfahrung in der Dunkelheit nur einen Teil des Trainings ein, darüber hinaus geht es in normalen Seminarräumen um die Auswertung der Erfahrungen, aber auch um die üblichen Themen der Teambildung: Was erwartet das Team vom Leiter? Wie ist es umgekehrt und wo gibt es Klärungs- und Diskussionsbedarf? Ein bisschen stolz darauf, dass dieses Format unter ihrer Leitung in Hamburg entwickelt und damit sozusagen „erfunden" wurde, ist Dörte Maack schon, zumal die Seminare inzwischen weltweit durchgeführt werden.
Wenn die pädagogische Leiterin solche Angebote konzipiert, muss sie viel recherchieren, was inzwischen zum großen Teil schon „barrierefrei", also über Sprachausgabe, möglich ist. „Manchmal stoße ich aber auch an Grenzen, einige Websites funktionieren noch nicht auf diese Weise und spätestens mit Fotos oder Grafiken komme ich nicht mehr weiter. Die lasse ich mir im Bedarfsfall von meiner Assistentin erklären", sagt Dörte Maack, die in ihren Seminaren durchaus mit Bildern, vor allem mit Cartoons, arbeitet. Dass sie das kann, hängt mit ihrer persönlichen Geschichte zusammen, damit, dass sie früher selbst gesehen hat und daher über eine bildliche Vorstellung verfügt. „Mit diesem Bildvorrat arbeite ich viel, gar nicht mit Absicht, sondern eher unwillkürlich. Es klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber man könnte sagen: Ich bin ein visueller Typ", sagt die pädagogische Leiterin lachend.
   Sie war 26 Jahre alt und konnte immer schlechter sehen, als sie die Diagnose erfuhr. Sie habe Retinitis pigmentosa, eine unheilbare Erkrankung, die zur Zerstörung der Netzhaut und damit zur Erblindung führt, sagte ihr Arzt. Damals studierte Dörte Maack Sport, Englisch und Erziehungswissenschaften, war aber außerdem recht erfolgreich mit ihrer freien Theatergruppe Kirschkern Companie unterwegs.

Zunächst versuchte sie, mit aller Macht gegen die Erblindung zu kämpfen

   Erst konnte sie die Diagnose nicht akzeptieren, dachte, die Untersuchungsergebnisse müssten fehlerhaft sein. Es war doch gar nicht möglich, dass sie eine unheilbare Krankheit hatte! Mit aller Macht versuchte sie, dagegenzukämpfen. So ließ sie sich zum Beispiel drei Monate lang in einer Augenklinik in Peking behandeln, aber auch die Traditionelle Chinesische Medizin konnte ihr auf Dauer nicht helfen.
   „Der Weg bis zu dem Moment, in dem ich die Krankheit für mich akzeptiert habe, war mit schlimmen Ängsten und schrecklichen Vorstellungen verbunden, das war wirklich kein Spaziergang", erinnert sich Dörte Maack, fügt dann aber hinzu: „Doch als ich dann so weit war, für mich festzustellen, du bist jetzt blind, ging das merkwürdigerweise auch mit einer Erleichterung einher." Nun drohte die neue Situation nicht mehr, sondern war da. Damit gab es aber auch die Chance, sich darauf einzustellen. Sie lernte, mit dem Blindenstock umzugehen und stellte fest, dass das Leben eben nicht zu Ende war. Sie sagt: „Es war natürlich nicht super, aber es war auch nicht die Tragödie, die ich lange befürchtet hatte."
   Theaterspielen konnte sie nun nicht mehr, aber das Studium schloss sie noch ab, obwohl ihr klar war, dass sie kaum als Sportlehrerin würde arbeiten können. Vieles war nicht mehr möglich, aber vieles ging dann eben doch. In Ihrer Theaterzeit hatte sie zum Beispiel Einrad fahren gelernt, und das tut sie noch heute. „Ich bin wahrscheinlich die einzige blinde Ein- rad-Fahrerin", sagt sie lachend und erzählt, mit welcher Technik ihr das auch heute noch gelingt. So schnallt sich ihre Tochter Eileen ein iPhone auf den Rücken, stellt Musik ein und fährt direkt vor der Mutter, die sich dadurch akustisch orientieren kann.
   Als sie ihren Mann heiratete, war sie schon blind. „Zum Glück habe ich ihn aber vorher noch sehen können", sagt sie schmunzelnd. „Als ich wusste, dass ich blind sein werde, hatte ich kurioserweise nicht etwa Angst davor, dass mich niemand haben wollte, sondern dass ich bei der Wahl meines Partners vielleicht völlig danebenliege, weil ich ihn ja nicht sehen kann. Wie gesagt, ich bin ein visueller Typ und wenn man Anfang 20 ist, spielt das ja schon eine Rolle", sagt Dörte Maack, die inzwischen 15 Jahre verheiratet ist und mit Eileen, 11, und Emil, 7, zwei Kinder hat.
   Während für fast alle Menschen, denen sie begegnet, ihr Blindsein immer noch eine Rolle spielt, sei das bei ihren Kindern ganz anders, weil sie sie nicht anders kennen und sie einfach die Mama ist. Deshalb würden sie manchmal auch keine Rücksicht nehmen, aber gerade diese Selbstverständlichkeit und Normalität schätzt die Mutter. Dass es nicht immer leicht ist, Familienleben und Berufsalltag zu synchronisieren, liegt auf der Hand, aber auch hier macht sich Dörte Maacks Organisationstalent bezahlt.
   Denn manchmal fährt sie morgens eben nicht mit ihrem Blindenhund Lila von Prisdorf nach Hamburg, sondern allein mit dem Flugzeug irgendwo hin, moderiert Konferenzen oder Fachtagungen, gibt Seminare oder organisiert irgendwo den Aufbau einer neuen Filiale von „Dialog im Dunkeln". Auf die Frage, ob es nicht schwierig sei, als Blinde allein um die Welt zu fliegen, antwortet sie: „Nein, das funktioniert gut. Schwierig wird es nur, wenn niemand Englisch spricht, denn Zeichensprache geht natürlich nicht. Aber das kommt zum Glück nur selten vor."
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Preise, Buchung etc.

Öffnungszeiten: Di - Fr 9 - 17 Uhr / Sa. 10 - 20 Uhr, So/Feiertags 11 - 19 Uhr, Montags geschlossen!
Tickets: Standardtour (60 Minuten): dienstags bis freitags von 9:00 - 13:00 Uhr
€ 15,- Erwachsene  / € 9,- ermäßigter Eintritt (Schüler / Studenten / Schwerbehinderte…)
€ 6,- Kinder (bis 14 Jahre)  / € 40,- Familien (max. 5 Personen: Eltern mit 3 Kindern bis 14 Jahre)
Erweiterte Tour (90 Minuten): dienstags bis freitags ab 13 Uhr und an den Wochenenden ganztags
€ 4,- Zuschlag
Bookingline:
040 309 63 40 oder 0700 44 33 2000 (max. 12 Ct. /Min.)
Mo - Fr 9 - 17 Uhr (12 Ct. / Min.); Sa/So/Feiertags 11 - 19 Uhr (6 Ct. / Min.)
Reservierte Tickets bitte 30 Minuten vor Führungsbeginn abholen, danach erlischt der Anspruch! Ein Nacheinlass ist leider nicht möglich.
Geschenkgutscheine
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Wie wäre es denn mit einer aufregenden Tour durch den Dialog im Dunkeln für Ihre Freunde oder Familie oder mit einem Essen im Dunkeln mit Ihrer/Ihrem Liebsten?
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Setzen Sie sich einfach mit unserer Bookingline unter 040 309 63 40 oder 0700 44 33 20 00 in Verbindung, um die Details zu besprechen.

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Dinner in the Dark
    Für Gourmets ist das Dinner in the Dark ein Genuss. Diese kulinarische Reise ist eine Herausforderung für Gaumen und Tischkultur. In völliger Dunkelheit servieren blinde Servicekräfte den Gästen ein Vier-Gänge-Über- raschungs-Menü. Kommentare und „Wiederkehrer” sprechen von einem unvergesslichen Abend …
   Ob als Firmenevent oder privates Abendprogramm, im Rahmen offizieller Termine oder als Sonder- Veranstaltung. Dinner in the Dark ist immer ein ganz besonderes Erlebnis. Kosten: 55 € pro Person.
Reservierung unter: 0700 44 33 20 00 (max. 12 Ct./Min.) oder 040 309 63 40
Weitere Informationen finden Sie unter: www.dinner-in-the-dark.com

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 Eine in der Main-Metropole geborene Idee kehrt nach Jahren zurück und wird in Frankfurt dauerhaft realisiert. Sehende versetzen sich dabei in die Lage von blinden Menschen. Die Rede ist vom Dialog im Dunkeln, der bald in Frankfurt mit einer Dauerausstellung startet. In sechs Erlebnisräumen können die Besucher den Alltag der Menschen ohne Augenlicht nachvollziehen. Beim Dialog im Dunkeln gibt es nichts zu sehen, aber allerlei zu hören, fühlen, riechen und zu schmecken.
   Eine Gruppe junger Frauen und Männer. Nervös spielen sie mit den weißen Stöcken, die sie an der Kasse bekommen haben. „Gehen Sie bitte um die Kurven und lassen Sie sich nicht durch das abnehmende Licht verunsichern. Wenn Sie nichts mehr sehen, werden Sie von unseren blinden Kolleginnen und Kollegen angesprochen und sicher durch die Räume geführt”, sagt ihnen die Kassiererin. So geht es an der Kasse des Dialogmuseums zu, wenn sich Kinder, Frauen und Männer zum ersten Mal für ein paar Stunden in die Welt der blinden Menschen entführen lassen wollen. Die Idee kam dem Leiter des Dokumentarischen Instituts der Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt, Andreas Heinecke, 1987, als dort einige blinde Frauen und Männer zu wissen- schaftlichen Dokumentarinnen und Dokumentaren für Rundfunk und Zeitungen ausgebildet wurden. „Wie wär's, wenn wir alle, die uns nach Fähigkeiten und Leistungen nichtsehender Menschen fragen, für kurze Zeit in die Lage dieser Menschen versetzen”, dachte Heinecke. So wurde als Test an einem Nachmittag ein Raum total abgedunkelt und die Gäste von einem blinden Menschen dort hin geführt. Sie fühlten Tische und Stühle, bekamen Kaffee und Kuchen, den sie im Dunkeln verzehrten. Nach der unerwartet positiven Resonanz entwickelte die Stiftung Blindenanstalt aus der Idee das Projekt „Dialog im Dunkeln”. Die mehrwöchige Präsentation im Sommer 1990 im Künstlerhaus Mousonturm übertraf alle Erwartungen: „Schulklassen, Betriebsausflüge, Touristengruppen, Vereine wollten zum ‘Dialog im Dunkeln’, bei dem es nichts zu sehen, aber allerlei zu hören, fühlen, riechen und zu schmecken gab”, sagt Andreas Heinecke. Daraufhin entschloss sich der promovierte Germanist, die Ausstellung weltweit zu präsentieren. Er kaufte die Rechte von der Stiftung Blindenanstalt und veranstaltete “Dialog im Dunkeln” seitdem in 100 Städten Europas, Amerikas, Afrikas und Asiens mit gleichem Zuspruch wie in der Mainstadt.
   Nun hat die Ausstellung als Teil des Dialogmuseums einen Dauerplatz in Frankfurt bekommen. Markenzeichen des Museums in der Hanauer Landstraße 139-145, einem aufstrebenden Viertel im Osten der Stadt, sind unterschiedliche Angebote rund um die Themen Kommunikation und Wahrnehmung. Der Parcours für „Dialog im Dunkeln” ist auf einer Fläche von 500 Quadratmetern angelegt. In sechs Erlebnisräumen können die Besucherinnen und Besucher den Alltag der Menschen ohne Augenlicht nachvollziehen. Ein Park mit Bäumen, unebenen Sandböden, Sitzbänken und einem Holzs- teg unterscheidet sich kaum von gleichen Anlagen in der Natur. Ein anderer Raum vermittelt die Atmosphäre einer Innenstadt mit verwirrenden Straßengeräuschen, unübersichtlichen Übergängen, vorbeifahrenden Fahrzeugen usw. Im Klangraum hört man nicht nur diverse Geräusche, sondern nimmt durch Bodenvibrationen auch musikalische Eindrücke wahr. „Die Methode hat sich in der Gehörlosentherapie bewährt”, sagt Klara Kletzka, Geschäftsführerin des Dialogmuseums. Neben „Dialog im Dunkeln” bietet das Dialogmuseum zunächst zweimal in der Woche ein Restaurant an, das ebenfalls die Dunkelheit als Medium nutzt. Motto: „Taste of Darkness”.

au-Dialogmuseum-x- Dialogmuseum, Frankfurt a.M.

  Gereicht wird ein Überraschungsmenü, das von blinden Servicekräften im Dunkeln serviert wird. „Mit dieser Art kulinarischer Reise möchten wir eine Gruppe erreichen, die sich weniger von der päd- agogischen Botschaft als von dem Wunsch nach einem ungewöhnlichen Erlebnis angesprochen fühlt”, erklärt Andreas Heinecke. Das dritte Angebot des Dialogmuseums heißt Casino for Communication. Im nicht abgedunkelten „Kommunikations-Casino” sollen die Besucherinnen und Besucher an neun Feldern und Tischen spielerisch ihre kommunikativen Fähigkeiten und Talente entdecken und erproben. Dabei legt ein Spieler eine Augen- binde an.  Sein Gegenüber beschreibt ihm beispielsweise ein unfertiges Modell eines Bauwerks auf dem Tisch. Der Spieler unter der Augenbinde muss nun Anweisungen geben, wie das Werk zu vollenden ist. Das Dialogmuseum in Frankfurt beseitigt auf künstlerische Art und Weise Mauern zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen und schafft zudem mindestens 30 wirtschaftlich vollwertige Arbeitsplätze für behinderte Menschen. Und wie an vielen Orten, an denen „Dialog im Dunkeln” längere Zeit veranstaltet wurde, haben auch in der Main-Metropole Wirtschaftsrepräsentanten schon den Wunsch angemeldet, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Dunkeln in der Kunst der Kommunikation trainieren zu lassen. Hier können sie ohne optische Ablenkung ihre verbalen Fähigkeiten testen. Denn: „Wer da nicht spricht, existiert nicht”, sagt Andreas Heinecke.
   „Dialog im Dunkeln” ist nun eröffnet. Mit dem gesamten Angebot steht das Dialogmuseum für Besucherinnen und Besucher nach der feierlichen Eröffnung durch die Oberbürgermeisterin Petra Roth als Schirmherrin bereit.
Informationen gibt es unter der kostenlosen Hotline: 0700-44 55 60 00.
Internet: www.dialogmuseum.de  Dialog im Dunkeln

Dialogmuseum: eine Ausstellung zur Entdeckung des Unsichtbaren
   Die Idee ist denkbar einfach: In völlig abgedunkelten Räumen führen blinde Menschen das Publikum in kleinen Gruppen durch eine Ausstellung bestehend aus unterschiedlichen Alltagssituationen, die ohne Augenschein eine völlig neue Erlebnisqualität erhalten. Ein Rollentausch findet statt. Blinde Menschen werden zu Botschaftern einer Kultur ohne Bilder. Mit einem Museumsraum wird die Ausstellung in Frankfurt dem Ruf der Stadt als Museumsmetropole gerecht. Jetzt  ist das Deutsche Architekturmuseum (DAM) zu Gast im Dunkeln und wird hoffentlich andere Museen anstecken zu folgen.
   Dialog im Dunkeln kann nur in Begleitung eines unserer blinden Guides besucht werden. Eine telefonische Reservierung ist daher erforderlich! Bookingline 069 - 90 43 21 44

Casino for Communication - Spiele zwischen Menschen
 
  Hier wird nicht um Geld gespielt. Die Herausforderung besteht darin, sich möglichst schnell “aufeinander einzuspielen”. Inspiriert durch bekannte und unbekannte Gesellschaftsspiele hat Orna Cohen – eine erfolgreiche Ausstellungsmacherin aus Paris - diese neun Spieltische entwickelt. Casino for Communication ist ein Spaß für Mitspieler jeden Alters zur Erprobung kommunikativer und sozialer Kompetenz gleichermaßen. Wer mag, kann am Ende sein Kommunikationsprofil mitnehmen. Casino for Communication kann jederzeit individuell besucht werden. Gruppentrainings auf Anfrage.
Öffnungszeiten:Dienstag bis Freitag von 9.00 - 17.00 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage 11.00 - 19.00 Uhr; Montags geschlossen

Taste of Darkness - Das Restaurant im Dunkeln.
Mit allen Sinnen genießen, nur das Auge isst nicht mit!
Im Taste of Darkness können Sie diese ganz besondere kulinarische Reise antreten. Blinde Servicekräfte servieren Ihnen ein 3-Gänge-Menü. Was für eins? Das bleibt eine Überraschung und eine Frage des Vertrauens.
Mittwoch und Freitag 19.00 Uhr oder nach Vereinbarung. Preis ab 55,- Euro zuzüglich Getränke.
Platzreservierung ist über unsereBookingline 069 - 90 43 21 44 erforderlich. 

Dialogmuseum Hanauer Landstraße 145; 60314 Frankfurt am Main
Telefonische Reservierung unter Bookingline  0700 - 44 55 60 00; Telefax:  +49 - 69 90 43 21 90
www.dialogmuseum.de            info@dialogmuseum.de         www.dialog-im-dunkeln.de
Telefon Backoffice 069 - 90 43 21 0 Geschäftsführung: Klara Kletzka
Anfahrt: Parkplätze sind rar. Wir empfehlen öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen:
Straßenbahn 11, Haltestelle Osthafenplatz

Dunkelrestaurant Berlin: neuer Name, altes Konzept -
Betreiberwechsel nach Pleite der einstigen Unsicht-Bar

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   Die ehemalige Unsicht-Bar in der Gormannstraße hat einen neuen Besitzer: Sebastian WackerFoto von der Agentur Wacker Events Berlin hat das Lokal seit November 2004 unter dem Namen „Dunkelrestaurant Berlin” wieder eröffnet. Den Titel hat er gewählt, weil er die Lizenz von 2.500 Euro pro Monat für den alten Namen nicht mehr zahlen wollte.
  Die Unsicht-Bar mit 120 Plätzen war vor zwei Jahren vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) und dem Blindenhilfswerk eröffnet worden, um für blinde und sehbehinderte Menschen Arbeitsplätze zu schaffen. Bis zu 22 Voll- und Teilzeitjobs gab es zwischenzeitlich für sie. Im Sommer musste das Lokal aber Insolvenz anmelden. Es sei von Anfang an zu viel Personal beschäftigt worden, sagte rückblickend ABSV- Geschäftsführer Manfred Scharbach. Die Krise der Gastronomie und fehlgeschlagene Experimente im Restaurant und der Dunkelbühne seien weitere Ursachen für  das  Scheitern  der Unsicht-Bar.
   Der neue Betreiber Sebastian Wacker bleibt beim Konzept der Erlebnis-Gastronomie: Die Gäste betreten durch eine Lichtschleuse den absolut finsteren Raum, wo ihnen ein Menü serviert wird. Indem der Sehsinn ausgeschaltet wird, nehmen die Besucher andere Sinne wie Schmecken und Riechen viel schärfer wahr. „Ein Dunkelrestaurant kann rentabel geführt werden, wir investieren weiter in diese Idee”, sagt Wacker.
   Das Foyer wurde umgestaltet und der Küchenschluss von 21.30 auf 23 Uhr verlängert. Dunkelrestaurant Berlin, Gormannstraße 14,  geöffnet täglich 18-24 Uhr, T: 24 34 25 00, Menüs 29-48 €.

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Foto oben: UnsichtBar und Dunkelrestaurant in Hamburg Foto unten: UnsichtBar und Dunkelrestaurant in Köln.

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   Die Hände auf meinen Schultern wurden plötzlich ganz schwer. Der dynamische Mittdreißiger, der eben im Hellen noch vorlaut Sprüche geklopft hatte, stützte sich nun still auf mich. "Kann ich mich hier stoßen?", fragte er. Für ihn waren die ersten Schritte in vollkommener Dunkelheit verunsichernd, er fühlte sich hilflos, ausgeliefert ... Begegnung im Dunkeln - Autor: Heiko Kunert Foto unten

au-aktionMensch-x:    www.aktion-mensch.de/inklusion  

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In diesem Restaurant kommt es (auch) aufs Hören an
   So ging es vielen Besucherinnen und Besuchern, die ich 2007 in dasHamburger Dunkelrestaurant Unsicht-Bar führte. Doch bei fast allen löste sich die Anspannung schnell, sobald ich sie zu ihrem Tisch geführt hatte, sie Platz genommen hatten. Schnell begannen die Gäste, den Tisch, das Besteck mit den Händen zu erkunden.
   Manchmal saßen sie neben Fremden. Anders als in einem hellen Restaurant, sprachen hier in absoluter Dun- kelheit die Gäste einander unverkrampft an. Hier kamen Menschen ins Gespräch, die sich in der Welt der Se- henden sicherlich niemals angesprochen hätten – visuelle Vorurteile spielten einen Abend lang keine Rolle. Das waren schöne Momente – auch für mich, den blinden Kellner.
   Die Gäste genossen ihr Essen, versuchten zu schmecken, zu riechen, zu fühlen, was sie da auf dem Teller hatten. Manchmal errieten sie es sofort, häufig lagen sie komplett daneben. Und sie versuchten, Vermutun- gen über den Raum anzustellen. Viele meinten, sie seien in einem Keller, obwohl wir beim Eintritt keine einzige Stufe gegangen waren. Sie waren fasziniert davon, wie sicher und selbstverständlich wir blinden Kellnerinnen und Kellner durch den Raum gingen, wie wir servierten – in der Regel, ohne Gläser umzuschmeißen oder Suppen über die Gäste zu gießen. Und immer wieder bot sich die Möglichkeit zu einem kleinen Plausch: Ich beantwortete hunderte von Fragen über Blindheit – das eine oder andere Vorurteil konnte abgebaut werden.
   "Ein wundervoller Abend", "ich bin ganz bewegt", "hat großen Spaß gemacht", sagten die Gäste, nachdem ich sie wieder ins Licht geführt hatte. Der Abend hatte sich für sie gelohnt – genau wie für die blinden Menschen, die mit ihrer Arbeit für ein Stück Normalität gesorgt hatten.

Blind im Internet: Kommunizieren auf Augenhöhe
   Immer mehr Menschen mit einer Behinderung nutzen das Internet, um sich zu informieren und zu kom- munizieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Erhebung der Aktion Mensch, die im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht wurde. Hierbei handelt es sich um die erste umfassende Studie zum Nutzungsverhalten von Menschen mit Behinderung. Während der durchschnittliche Bundesbürger an 5,1 Tagen pro Woche ins Netz geht, besuchen Nutzer mit Behinderung rund 6,5 mal in der Woche das World Wide Web, heißt es in der Untersuchung „Web 2.0 / barrierefrei“.
   Ich bin blind, und auch aus meinem Leben ist das Internet nicht mehr wegzudenken. Auf meinem PC ist eine Screenreader-Software installiert, die den Bildschirminhalt so ausliest, dass er von einer Sprach- ausgabe vorgelesen werden kann. Außerdem nutze ich eine Braillezeile, auf der Word-Texte, Excel-Dateien, eMails und Webseiten in Blindenschrift dargestellt werden. Dank moderner Technik kann ich arbeiten, im Internet selbstständig einkaufen und bloggen.
   Gerade das moderne Mit-mach-Web bietet behinderten Menschen viele Chancen: Wir können uns in Echtzeit informieren, wir können mit anderen Menschen - seien sie behindert oder nicht - auf Augenhöhe kommunizieren. Meine Erfahrung bei Facebook, Twitter und Co. ist,  dass es weniger Berührungsängste gibt als im "echten Leben". Die Spielregeln sind durch den Webdienst vorgegeben. Unsicherheiten spielen beim Kennenlernen eine geringe Rolle.  Man "plaudert" ganz unverkrampft über den Job, den Alltag, Gott und die Welt. Häufig entsteht im Web 2.0 die Basis für eine Freundschaft im echten Leben.
   Leider sind längst nicht alle Web-Angebote barrierefrei. Beim Design der Seiten ist zukünftig noch mehr Sensibilität gefordert, damit zum Beispiel meine Sprachausgabe den Inhalt in strukturierter und verständ- licher Form wiedergeben kann. AktionMenschHeikoKunert Die Ergebnisse der Aktion-Mensch-Studie können unter folgendem Link heruntergeladen werden: publikationen.aktion-mensch.de

Blind wohnen: Über Füße im Futter und verschollene Korkenzieher
   "Benutzt Du den weißen Stock auch in Deiner Wohnung?", "Kannst Du als Blinder kochen und putzen?", "Hast Du einen Betreuer?" – Fragen wie diese stellen mir sehende Menschen. Sie hatten in ihrem Leben keinen Kontakt mit blinden Menschen – nicht in der Schule, nicht in der Uni, nicht im Beruf.
   Wenngleich das Wort "normal" häufig nicht viel aussagt, hier passt es mal: Ich wohne ganz normal, in einer ganz normalen Wohnung, ich putze mit einem normalen Schwamm und normalen Putzmitteln, ich nutze einen normalen Herd mit normalen Töpfen und Pfannen, ich habe eine normale Katze und eine nor- male Freundin.
   Ich nutze meinen Tastsinn, mein Gehör, meine Nase. Ich habe tastbare Markierungspunkte an Backofen und Waschmaschine. Und ich habe ein Training in Lebenspraktischen Fähigkeiten (LPF) hinter mir. Hier zeigen einem Rehabilitationstrainer, wie man mit Messer und Gabel isst, wie man systematisch ein Zimmer staubsaugt oder ein Hemd bügelt. Ganz gleich ob man von Geburt an blind ist oder im hohen Alter sehbehindert wird – so ein Training ist sehr wichtig, um selbstständig zu sein. Leider gibt es gerade bei LPF häufig Schwierigkeiten bei der Kostenübernahme und Gerangel zwischen Krankenkasse und Sozialamt.
   Blinde Menschen benutzen den weißen Stock nicht in ihrer Wohnung. Hier kennen wir uns aus. Wir wissen, wo ein Hindernis steht. Zugegeben, das stimmt nicht immer: Wenn die sehende Freundin das Katzenfutter 20 cm weiter rechts hinstellt, tritt der blinde Hausherr schon mal in den Hühnchen-Rind-Schleim. Ich bin nicht immer ordentlich, aber ich weiß, wo sich was in meiner Wohnung befindet. Ich kann den Blick nicht durchs Wohnzimmer schweifen lassen, auf der Suche nach dem Korkenzieher. Da ist es besser, sich zu merken, wo er liegt. Sonst heißt es suchen, erst den Tisch abtasten, dann alle Regalfächer. Das kann dauern.
   Ich habe keinen Betreuer. In den ersten Jahren in der eigenen Wohnung hatte ich einen pädagogischen Betreuer im eigenen Wohnraum (PBW). Er unterstützte mich beim Organisieren des Alltags. Ich könnte mir vorstellen, dass auch viele Menschen ohne Handicap so einen Helfer gut gebrauchen könnten. Heute brauche ich kein PBW mehr. Das heißt nicht, dass ich keine Hilfe benötige. So nehme ich lieber keine Bohrmaschine in die Hand, ich streiche nicht die Wände oder verlege nicht den Teppich. Da bitte ich lieber Freunde und Familie um Hilfe. Das Ergebnis sieht dann wahrscheinlich besser aus. AktionMenschHeikoKunertLink: Die Ergebnisse der Aktion-Mensch-Studie > publikationen.aktion-mensch.de

Ein Blinder erzählt: So fühlt sich Hamburg an

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Andre Rabe erkennt Grünanlagen am Geruch, Plätze am Echo der Autos

  Das Rathaus hat er nie gesehen. Den Michel nicht. Die Elbe nicht. Und die Alster auch nicht. Andre Rabe ist von Geburt an blind. Trotzdem kennt der 33jährige aus Hörn seine Stadt ganz genau. Hamburg sieht er nicht. Hamburg fühlt, riecht und hört er. Ein Herbstspaziergang durch das Hamburg der Blinden.
   Nur hell und dunkel kann Andre unterscheiden. Dass er bei Sonnenschein durch Hamburg spaziert, das spürt er. „Ich merke die Helligkeit”, sagt er. Ansonsten ist da nichts - und doch ganz viel. Er steht mit seinem weißen Taststock auf dem Rathausmarkt. „Ich sehe, dass da was ist.” Er sagt sehen, „weil ich das Wort gelernt habe”. Sehen ist für ihn eine Vokabel. Was Andre Rabe sieht, ist das Rathaus. „Ich spüre das Gebäude.” In der Blindenschule am Borgweg in Winterhude gab es Modelle von Häusern zum Ertasten. „Ein schlichtes Reihenhaus kann ich mir vorstellen”, sagt Andre. Vom Rathaus weiß er nur,  „dass das Ding eine Uhr hat,  also hat es wohl auch einen Turm.”
   Ein genaueres Bild hat er vom Brunnen im Innenhof. Er orientiert sich am Plätschern des Wassers, so entsteht ein Bild in seinem Kopf. „Das Wasser fließt von einer Mauer herunter. Vom Klang her ist der Brunnen etwa sechs Quadratmeter groß im Durchmesser und zehn Meter hoch.” Das kommt hin.
   Mit seinem Stock tastet sich Andre Rabe durch die Innenstadt. Den Weg von Hörn mit der Bahn zum Berliner Tor und auf die Mönckebergstraße kennt er auswendig. Am Berliner Tor steigt er jeden Tag aus, geht zur Arbeit in die Telefonzentrale von E-ON Hanse.  Aber die Strecke vom Rathaus zu den Landungsbrücken ist unbekanntes Gebiet. „Unser Gedächtnis ist unsere Straßenkarte.” Zügig geht er durch den Großen Burstah. „Zwischen Rathaus und Gehweg gibt es kein Grün” sagt er, „das höre ich.” Wie bitte? „Büsche und Bäume, die rieche ich. Teilweise höre ich sie auch. Der Schall beim Gehen und das Echo der Autos ist anders.”
   Die nächste Kreuzung erkennt er an einem abbiegenden Bus und an der fehlenden Bebauung. „Hier ist die Fläche frei und weit”, sagt er. Er hat recht. Und den Bäcker in der Spar-Filiale am Rödingsmarkt hat er längst gerochen, bevor Sehende den Bäcker überhaupt erblickt haben.
   An der Kreuzung am Rödingsmarkt bleibt er stehen. „Wenn ich mir den Verkehr anhöre, ist das ein großer Platz. Eine unübersichtliche Kreuzung.” Stimmt. Sein Gehör sei kein absolutes, sondern einfach nur gut ausgeprägt. „Sehende bekommen dieselben Informationen, filtern die bloß anders.”  Auch in den Augen blinder Menschen ist jeder Bezirk anders. „In Ottensen ist es eng, lebendig und laut. Hörn ist offener bebaut und grün. An den Landungsbrücken, am Hafen riecht die Luft am bes- ten.” Auch ohne Augenlicht weiß Andre Rabe, dass der Michel groß und imposant ist. Er fühlt es einfach. Möchte er gern sehen können? „Manchmal schon. Ich könnte lesen, was ich wollte, und Auto fahren.” Die Unabhängigkeit wäre größer.
   Am wohlsten fühlt sich der Datenverarbeitungskaufmann im Grünen, im Stadtpark und an der Elbe. „Hamburg ist schön”, sagt er. Schöner als Barcelona oder Heidelberg. Da war er schon. Barcelona ist ihm zu laut und das Klima in Heidelberg zu anstrengend. Auch wenn Andre Rabe seine Heimatstadt noch nie gesehen hat, wohl niemals sehen wird: „Hamburg ist etwas Besonderes.” GenevieveWoodHA04102

         kbwn:Hamburg im Dunkeln

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