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Lesen Sie auch unsere Sonderseite > Heilige Frauen

Auf dieser Seite lesen Sie:
1. Benedikt XVI.:  Heiligung bedeutet nicht Absonderung sondern Vereinigung
2. Die vier Lübecker Märtyrer
3. Weibischof Hans-Jochen Jaschke, Hamburg: Ökumene der Märtyrer für eine mutige und starke Kirche
4. Seligsprechung: Papst Paul VI.
5 Seligsprechung des Kardinals John Henry Newman - ein Lehrer des Gewissens
6. Zweites Heilungswunder auf Fürbitte des seligen John Henry Newman
7. Neue Selige in Japan: 188 Märtyrer des 17. Jahrhunderts zur Ehre der Altäre erhoben
8. Seligsprechung von Papst Johannes Paul I. rückt näher
9. Papst Benedikt XVI. am Grab der seligen Ordensgründerin Mary MacKillop, Sidney
10. Sohn eines Indianerhäuptlings seliggesprochen
11. Dun Gorg Preca, Malta, in Rom heiliggesprochen
12. Kardinal José Saraiva Martins - Heiligsprechungsprozess
13. Ein Wunder ermöglicht die Heiligsprechung. Interview mit Msgr. Michele Di Rberto
14. Pater Peter Gumpel SJ: Wir wollen den Menschen Vorbilder geben
15. Kardinal José Saraiva Martins: Das Wunder in Seleig- und Heiligsprechungsprozessen
16.   30 Giorni: Zum Procedere von Selig- und Heiligsprechungsprosessen
17. Erzbischof Angeolo Amato jetzt Leiter der Kongregation für Heiligsprechungen
18. Normen für Seligsprechungsprozesse in den Diözesen
19. Sieben große Heilige der Geschichte: Franziskus, Martin, Katharina von Siena,
Ignatius von Loyola, Edith Stein, Thomas von Aquin und Elisabeth von Thüringen
20. Santo Subito: Johannes Paul II.
21. Seligsprechung von Karl I., Kaiser von Oesterreich
22. Deutsche Mytikerin Anna Katharina von Emmerich seliggesprochen

  Benedikt XVI.: „Heiligkeit bedeutet Vereinigung“
  
Beim Angelusgebet ging der Papst auf die neuen Heiligen ein. An der Fassade des Petersdoms waren auf Wandteppichen Porträts der neuen Heiligen dargestellt. Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Papst mit folgenden Worten:
  „Jedes Mal ist es ein freudiges Fest, wenn die Kirche Menschen, die auf Erden ein tugendhaftes christliches Leben geführt haben, als Heilige zur Ehre der Altäre erhebt. Heiligkeit bedeutet nicht Absonderung, sondern Vereinigung und ist Einladung an uns, der erlösenden Liebe Christi auch in unserem Leben Raum zu geben. Bitten wir die neuen Heiligen um ihre Fürsprache, dass wir für diese Gemeinschaft, die Gott schenkt, bereitwillig unsere Herzen öffnen. Einen gesegneten Sonntag wünsche ich euch allen“. rv111023

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 Die vier Lübecker Märtyrer: Kaplan Johannes Prassek,32, Adjunkt Eduard Müller,32,
Pastor Karl F. Stellbrink,49, Vikar Hermann Lange,31 Fotos l-r

Seelsorger voller Mut -    Die 2011 in Lübeck geehrten Geistlichen sind nach Herkunft und Konfession zwar ver- schieden, haben in der Opposition zu den Verbrechen des Naziregimes aber zueinander gefunden - ein Überblick über die Lebensdaten der Lübecker Seelsorger:
Johannes Prassek: Der am 13. August 1911 in Hamburg geborene Sohn eines Dienstmädchens besucht die Jesuitenhochschule in Frankfurt und das Priesterseminar in Osnabrück.1939 kommt er als Kaplan nach Lübeck, betreut dort Soldaten und erteilt Religionsunterricht an den Gymnasien. Schon früh setzt er sich kritisch mit der nationalsolzialistischen Ideologie auseinander, predigt gegen die Ermordung Behinderter und die unmenschliche Behandlung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Als Gemeindemitglieder ihn vor so viel Offenheit warnen, antwortet Prassek: „Wer soll denn die Wahrheit sagen, wenn es nicht die Priester tun?"
Eduard Müller: Der Sohn einer Handwerkerfamilie kommt am 20. August 1911 in Neumünster zur Welt, macht auf dem zweiten Bildungsweg Abitur und studiert in Münster Theologie. 1940 kommt auch er als Kaplan nach Lübeck und betreut Jugendgruppen. Diese Arbeit gestaltet er in bewusstem Kontrast zur Hitlerjugend. Obwohl er nach eigener Einschätzung „eigentlich unpolitisch" ist, verbreitet Müller ebenso wie Prassek und Stellbrink regime- kritische Predigten von Kardinal von Galen.
Hermann Lange: Der am 16. April 1912 in Leer geborene Sohn aus gutbürgerlichen Verhältnissen engagiert sich bereits als Schüler im katholischen Bund Neudeutschland, der sich als Brücke zwischen Kirche und Intellektuellen versteht. Keinen Zweifel lässt er schon früh an seiner Ablehnung des Nationalsozialismus und des Krieges. Einem Soldaten sagt der Seelsorger, der 1939 Vikar in der Lübecker Herz-Jesu-Gemeinde wird, der Krieg sei ein riesiges Unrecht, an dem ein Christ eigentlich nicht teilnehmen dürfe. Durch solche Äußerungen gerät Lange ins Visier der Gestapo, wird wie die anderen Kapläne bespitzelt, schließlich verhaftet und zum Tode verurteilt.
Karl Friedrich Stellbrink: Der 1894 in Münster geborene Protestant besucht ein Auslandspredigerseminar, geht 1921 mit seiner Frau nach Brasilien und leitet dort eine deutsche evangelische Gemeinde. 1934 kommt er als Hauptpastor an die Luthergemeinde nach Lübeck. Zu dieser Zeit - Stellbrink war 1933 in die NSDAP eingetreten - ist er begeisterter Anhänger des Nationalsozialismus. Als die Nationalsozialisten in den folgenden Jahren Konfes- sionsschulen schließen und Kirchenzeitungen verbieten, erkennt Stellbrink, dass es kein Miteinander von Christen- tum und Nationalsozialismus geben kann. HAZ110627p.

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Hitler selbst soll ihren Tod gefordert haben. Nun haben die vier „Lübecker Märtyrer", die 1943 hingerichtet wurden, Kirchengeschichte geschrieben. Fotos: Seligsprechung der Märtyrer in Lübeck 2011

   Es war 2011 in Lübeck die erste Seligsprechung in Norddeutschland und die erste Seligsprechung überhaupt, die von Katholiken und Protestanten gemeinsam gestaltet wurde, obgleich die evangelische Kirche eine Selig- sprechung nicht kennt. Seliggesprochen wurden die drei von den Nationalsozialisten hingerichteten Kapläne Her- mann Lange, Eduard Müller und Johannes Prassek. Zugleich wurde des evangelischen Pfarrers Karl Friedrich Stellbrink gedacht, der gemeinsam mit den Kaplänen Hitlers Politik wortmächtig von der Kanzel kritisiert hatte und dafür mit ihnen am 10. November 1943 hingerichtet wurde. Die vier gelten seit langem als die „Lübecker Märtyrer" und als Helden eines ökumenischen Widerstandskampfes.
   Der frühere Ökumene-Beauftragte der katholischen Kirche, Walter Kardinal Kasper, zelebrierte die heilige Messe auf der Straße Parade, die auf den evangelischen Dom zuführt, an der aber auch die katholische Kirche Herz Jesu liegt. Nach Lübeck gereist war zudem der Präfekt der Heiligsprechungskongregation, Angelo Kardinal Amato, der das entsprechende Schreiben von Papst Benedikt XVI. verlas. Mit dabei waren der Hamburger Erzbischof Werner Thissen und der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Auch der Vorsitzende der Kirchenleitung Nordelbiens, Bischof Gerhard Ulrich, war nach Lübeck gekommen. Noch nie zuvor durfte sich ein evangelischer Bischof an einer Seligsprechung beteiligen - insofern hat Lübeck Kirchengeschichte geschrieben.
   Kardinal Kasper sagte in seiner Predigt: „Diese vier Männer, die für ihre christliche Überzeugung gestanden sind, die wörtlich den Kopf hingehalten haben, sind uns Zeugen des Glaubens an Jesus Christus und sein Evangelium." Dass ihr Blut an der Hinrichtungsstelle ineinandergeflossen ist, sei Symbol dafür, dass „unsere Ökumene auf- gebaut ist auf der Ökumene der Märtyrer". Kasper sagte weiter: „Wir brauchen ökumenisch gesinnte Christen, die ihre jeweilige katholische, evangelische oder orthodoxe Identität haben und davon Zeugnis geben; nur als solche können sie ernsthafte Schritte aufeinander hin tun."
   Hingerichtet worden waren die „Lübecker Märtyrer" innerhalb von neun Minuten im Hof der Hamburger Haftanstalt Holstenglacis. Sie hatten mit großer Gelassenheit den Tod erwartet. Prassek etwa schrieb: „Was mich erwartet, ist Freude und Glück." „Heute ist die große Heimkehr ins Vaterhaus, und da sollte ich nicht froh und voller Spannung sein?", schrieb Lange. Die Abschiedsbriefe wurden damals nicht an die Familien weitergeleitet. Erst 2004 wurden sie im Bundesarchiv gefunden.
   Die drei Kapläne waren im Osnabrücker Dom zum Priester geweiht worden. Der Münsteraner Bischof Clemens August von Galen, der dem Nationalsozialismus besonders kritisch gegenüberstand, war ihr Vorbild. Auf ihn bezo- gen sie sich, seine Predigten vervielfältigten und verbreiteten sie. Die Männer wurden von Spitzeln an die Gestapo verraten. Dass das Urteil so hart ausfiel, hatte damit zu tun, dass die Nationalsozialisten es nicht wagten, Galen direkt anzugreifen. An den Kaplänen sollte ein Exempel statuiert werden. Das Verfahren gegen die vier vor dem Volksgerichtshof wurde als Schauprozess inszeniert. bei „dem die Richter und Beisitzer demonstrativ gelangweilt Zeitung lasen und Postkarten schrieben". Müller etwa wurde nichts weiter nachgewiesen als das Abhören feind- licher Sender.
   Prassek war als Kaplan der Lübecker katholischen Gemeinde der „politische Kopf, auf den Vikar Lange und Adjunkt Müller hörten. Die Tötung von behinderten Menschen stieß Prassek ebenso ab wie die Misshandlungen der Zwangsarbeiter. Offen kritisierte er in Predigten, Briefen und Gesprächen die Politik der Nationalsozialisten: „Wer soll denn sonst die Wahrheit sagen, wenn es die Priester nicht tun." Prassek knüpfte 1941 auch den Kontakt zu Stellbrink. Nach dem verheerenden Bombenangriff auf Lübeck im März 1942 predigte Stellbrink, Gott habe „mit mächtiger Stimme" gesprochen - „die Lübecker werden wieder lernen zu beten". Eine Woche später wurde er ver- haftet, sieben Wochen danach folgte Prassek. Verhaftet wurden neben den beiden anderen Kaplänen auch noch 18 Laien. FAZgek.110627FrankPergande
Die vier Lübecker Märtyrer aus Lübeck wurden1943 in Hamburg hingerichtet
   In der Nacht zum Palmsonntag des Jahres 1942 erschütterte die britische Luftwaffe Lübeck mit einem Bomben- hagel. Außer der Marienkirche wurden viele andere Gotteshäuser getroffen. Am Morgen nach dem Angriff stand der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink auf der Kanzel seiner Lutherkirche im Süden der Hansestadt. „Heute Nacht hat Gott mit mächtiger Stimme zu uns gesprochen", predigte er.
   Karfreitag marschierte die Gestapo im Pfarrhaus ein. Nach Pastor Stellbrink wurden wenig später auch drei junge Geistliche der katholischen Gemeinde Herz Jesu in Lübeck verhaftet: der Adjunkt Eduard Müller, der Vikar Hermann Lange sowie der Kaplan Johannes Prassek. Jeder von ihnen hatte Predigten des Münsteraner Kardinals von Galen verbreitet, in denen die Ermordung behinderter und kranker Menschen gegeißelt wurde.
   Am 22. und 23. Juni 1943 wurden die vier vom 2. Senat des Volksgerichtshofes zum Tode verurteilt. Die Vor- würfe: Hochverrat, Zersetzung der Wehrkraft und landesverräterische Feindbegünstigung. Am Abend des 10. November desselben Jahres wurde das Urteil in Hamburg vollstreckt. Im Abstand von jeweils drei Minuten sauste das Fallbeil im Zuchthaus am Holstenglacis viermal herab.
   68 Jahre später wurde der vier Lübecker Märtyrer gedacht - in einmaligem Rahmen. Während die drei katholischen Geistlichen als erste ihrer Konfession in Norddeutschland selig gesprochen werden, wird dem Protes- tanten posthum ein ebenso ehrendes Andenken zuteil. „Bei dieser Zeremonie werden Glaubenszeugen als Vorbil- der herausgestellt, deren Leben und Sterben beispielhaften Charakter hat", sagte Erzbischof Werner Thissen dem Abendblatt. Mit den Kardinälen Angelo Amato und Walter Kasper feierte Thissen ein Pontifikalamt vor der Lübecker Propsteikirche Herz Jesu. Mehr als 20 katholische und evangelische Bischöfe nehmen daran teil. Zur Selig- sprechung kamen 8.000 Gläubige, darunter die Teilnehmer einer Fahrradwallfahrt von der Hauptkirche St. Trinitatis in Hamburg-Altona.
  Schon vorher erinnerte Erzbischof Thissen an Adolf Ehrtmann, einen jener 18 katholischen Laien, die von den Nationalsozialisten zusammen mit dem später enthaupteten Quartett verhaftet worden waren. „Sag niemals drei, sag immer vier!", hatte Ehrtmann gefordert. Damit wollte er klarmachen, dass es in grundsätzlichen Glaubens- fragen, bei Recht oder Unrecht keinen Unterschied zwischen den Konfessionen geben dürfe. Ebenso sieht es Thissen heute. „Wir wollen das Fest in guter ökumenischer Gemeinsamkeit begehen", sagte er. Zwar kenne die evangelische Kirche keine Seligsprechung, jedoch ein ehrendes Gedenken. „Ich unternehme alles, damit wir noch mehr zusammenkommen", sagte der Erzbischof. Mit Kardinal Kasper komme der langjährige Ökumenebeauftragte des Papstes nach Lübeck, der in der katholische Welt für die Annäherung der chistlichen Konfessionen stehe.
   In den Bibeln Müllers und Prasseks wurden nach der Enthauptung die letzten Worte gefunden, die beide unabhängig voneinander, indes gleichlautend niedergeschrieben hatten: „Heute wurde ich zum Tode verurteilt - sit nomen domini benedictum". Der Name des Herrn sei gepriesen. HAgek. 110706JensMeyerOdewald
Vor der verfassungsgebenden Synode
der Nordelbischen, der Mecklenburgischen und der Pommerschen Kirche hat Erzbischof Dr. Werner Thissen auf die ökumenische Bedeutung der Seligsprechung der Lübecker Märtyrer hingewiesen.
   „Seligsprechung und ehrendes Gedenken liegen in der heutigen theologischen Sicht unserer Kirchen längst nicht mehr so weit auseinander wie in früheren Zelten. In einer Seligsprechung werden Glaubenszeugen als Vorbilder herausgestellt, deren Leben und Sterben beispielhaften Charakter haben. Das heißt nicht, dass sie im Leben alles richtig gemacht hätten. Bei weitem nicht. Im Gegenteil: Es kann auch dramatische Bekehrungen gegeben haben. Aber  es bedeutet,dass sie Ihren Glauben so konsequent gelebt haben,  dass sie dafür In den Tod gegangen sind."
  Und an anderer Stelle sagte er: „Papst Benedikt XVI. hat beim Empfang des neuen Botschafters der Bundes- republik Deutschland beim Vatikan die vier Lübecker Märtyrer erwähnt. Wörtlich sagte er: ,Die bezeugte Freund- schaft der vier Geistlichen im Gefängnis ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Ökumene, des Gebets und des Lei- dens". Patoralblatt1107Dr.AloisJansen

Weihbischof Hans-Jochen Jaschke     epaHansJochenJaschke-xx

Ökumene der Märtyrer für eine mutige und starke Kirche
  
Holstenglacis Hamburg am 10. November 1943. Im Minutentakt: 18.20 Uhr, 18.23 Uhr, 18.26 Uhr, 18.29 Uhr köpft das Fallbeil Eduard Müller, Johannes Prassek, Hermann Lange, Karl-Friedrich Stellbrink. Ihr Blut fließt ineinander. Die drei katholischen Kapläne und der evangelische Pastor Stellbrink hatten Widerstand geleistet gegen das Nazi- Regime, das sich selber zum Höchsten, zu einem Götzen erhoben hatte, unschuldige Menschen, Behinderte gnadenlos morden ließ und dabei war, ganz Deutschland in den Tod zu stürzen. Die Mehrheit schaute weg, auch in der Kirche. Die Nazis griffen sich die vier heraus, nicht die Kirchenoberen. Sie wollten ein Zeichen setzen: Widerstand wird gnadenlos gebrochen und bestraft. Heute sind wir den Blut- zeugen dankbar. Die vier Lübecker stehen für mutige Menschen in der Kirche.
 Sie haben Unrecht und Verbrechen nicht hingenommen. Sie haben andere im Widerstand bestärkt. Sie gaben den Schwachen und Hilflosen ihre Stimme. So wünschen wir uns die Kirche. So müssen aufrechte Menschen sein. Im Glaubensbekenntnis der Kirche bekennen wir uns zur Gemeinschaft der Heiligen. Das sind Menschen, die Gottes Heiligkeit auf dieser Erde Ehre machen: Ungezählte, Bekannte und Unbekannte. Die Lübecker Geistlichen sind solche Heilige, ganz in unserer Nähe, Menschen unserer jüngeren, so leidvollen Geschichte. Sie herauszustellen, sie in katholischer Tradition selig zu sprechen, bedeutet keinen Menschenkult. Wir heben die Vier als Vorbilder her- vor: Seid tapfer wie sie! Habt keine Angst! Tretet für die Menschen ein! Gott, der Heilige, will in euch aufscheinen. Ökumene ist ein großes Wort.
   Wir wollen sie und machen uns doch immer wieder Schwierigkeiten. Die Vier bilden ein leibhaftiges Wort. Ihr Blut bindet stärker als alle klugen Debatten. Es schafft eine Realität, die die Kirche bestimmt und verpflichtet. Die Ökumene der Blutzeugen will in unserem Fleisch und Blut, in Herz und Verstand weiterwirken. Feiern wir die Vier als Geschenk, als bleibende Zeugen einer starken, mutigen, einigen Kirche. HA110706

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Papst Paul VI. ist selig gesprochen Paul-VI.xx

   Nun ist es offiziell: am 19. Oktober 2014 wurde Papst Paul VI. selig gesprochen. Die Feier auf dem Petersplatz war der Höhepunkt und Abschluss der vatikanischen Bischofssynode zum Thema Familie. Papst Paul VI., der von 1963 bis 1978 amtierte, führte das von seinem Vorgänger Johannes XXIII. einberufene Zweite Vatikanische Konzil zu Ende und leitete auch die Umsetzung seiner Beschlüsse ein. Die Bekanntgabe seiner Seligsprechung so kurz nach der Heiligsprechung von Johannes XXIII. gilt als Indiz dafür, wie sehr sich Papst Franziskus dem Konzil verpflichtet fühlt.
   Die Seligsprechung Giovanni Battista Montinis – so der Taufname von Paul VI. – erfolgt
e nach dem geläufigen Prozedere einschließlich des Nachweises eines Wunders. Zur Heiligsprechung von Johannes XXIII. hatte Franziskus von dieser Norm abgesehen. Das Wunder, das auf Montinis Fürsprache eingetreten sein soll, betrifft die medizinisch unerklärliche Heilung eines noch ungeborenen Kindes von einer unheilbaren Krankheit. Das Verfahren zur Seligsprechung Pauls VI. war 1993 in seiner Heimatdiözese Brescia eingeleitet worden.
   Papst Franziskus fühlt sich Paul VI. nach eigenen Angaben sehr verbunden. Sein erstes Apostolisches Schreiben „Evangelii gaudium“, „Die Freude des Evangeliums“, nahm Bezug auf ein entsprechendes Schreiben von Paul VI., der schon 1975 mit „Evangelii nuntiandi“ auf eine Erneuerung der Kirche durch eine Rückbesinnung auf das Evangelium gezielt hatte. Außerdem würdigte Franziskus an Paul VI. dessen Mut, nicht mit dem Strom der Mehrheit zu schwimmen. „Seine Genialität war prophetisch, er hatte den Mut, sich gegen die Mehrheit zu stellen, die moralische Disziplin zu verteidigen, eine kulturelle Bremse zu ziehen“, sagte Franziskus in einem Interview mit dem „Corriere della Sera“. Damit bezog sich Franziskus auf die Lehre zur Weitergabe des menschlichen Lebens. Paul VI. hatte 1968 mit „Humanae vitae" das Nein der Kirche zur künstlichen Verhütung festgeschrieben. Aufgrund dieser Enzyklika wird Papst Paul VI. bis heute als „Pillen-Paul“ verunglimpft.
   Giovanni Battista Montini, geboren 1897 in Concesio bei Brescia, hatte vor seiner Wahl zum Papst Jahrzehntelang als Diplomat im Vatikan gearbeitet. Er wirkte seit 1922 im Staatssekretariat und wurde 1937 als Substitut für die inneren Angelegenheiten der Kirche zuständig. In dieser Funktion half er während des Zweiten Weltkrieges Tausenden Juden und Verfolgten, in Klöstern und Kirchengebäuden unterzukommen. Montini galt als außerordentlich fähiger und unermüdlicher Arbeiter. 1954 machte ihn Papst Pius XII. zum Erzbischof von Mailand und ließ ihn auf diese Weise seelsorgerliche Erfahrung sammeln.
   In seinem Pontifikat setzte Paul VI. in einer schwierigen Umbruchphase die Öffnung der Kirche zur Welt und zum Dialog hin um. Zugleich vollzog er gegen manche innerkirchlichen Widerstände die Liturgiereform. Als erster Papst der Neuzeit unternahm er Auslandsreisen: 1964 besuchte er das Heilige Land, im Jahr darauf hielt er eine Rede vor der UNO in New York. Die umfassendste Kurienreform des 20. Jahrhunderts geht auf das Konto von Paul VI. Er verzichtete auf traditionelle päpstliche Statussymbole, löste die Nobelgarde auf und verschenkte die Tiara. Auch die Abschaffung des Index der verbotenen Bücher 1965 ist ein Werk Paul VI. Als einziger Papst seines Jahrhunderts hatte Montini Sympathie für zeitgenössische Kunst. Er starb am 6. August 1978 und liegt in einem schlichten Erdgrab in den Grotten des Petersdomes bestattet. 
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vat-PaulVI-ZZ   Seliger Paul VI. - Der dialogische Stil eines großen Papstes 

  Papst Paul VI. ist am Sonntag 19. Oktober 2015 auf dem Petersplatz selig gesprochen. „Der vergessene Papst“, so nennt ihn der deutsche Kirchenhistoriker Jörg Ernesti in seiner 2012 erschienenen Montini-Biografie, mit der Ernesti freilich auch antrat, das Bild Paul VI. zu entzerren. Zunächst rückt der Biograf die These zurecht, Paul VI. sei „sehr modern gestartet“ und habe dann mit der Enzyklika „Humanae Vitae“ von 1968 gewissermaßen sich selbst revidiert. Ernesti sieht dagegen drei Phasen des Pontifikates.  

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   Auf vielen Ebenen aber war Paul VI. außerordentlich fortschrittlich: schon die Tatsache des Reisens allein. Die Besuche in der ganzen Welt waren für den Papst sehr strapaziös, erinnert Biograf Ernesti. Foto:  UNO-New York
  „Die letzte Reise ging vom Libanon bis Australien, da ist er mehrere Male kollabiert, es ist auch ein Attentat auf ihn verübt worden, das aber erfolglos war, weil er einen Bußgürtel getragen hat, einen Stahlgürtel um den Leib, das Messer, das auf ihn zielte, hat ihn nicht erreichen können, die Reisen sind strapaziös gewesen. Aber nicht als touristisches Unternehmen, sondern es steht ein theologisches Konzept dahinter. Reisen sind eine Form von Universalität der Kirche: nicht alles Ortskirchen müssen sich – und das ist dem Konzil verpflichtet – nach Rom orientieren, das wäre Zentralismus, sondern das Petrusamt muss erlebbar sein in den Kirchen, Petrus muss vor Ort gehen und dadurch die Ortskirchen aufwerten und ernstnehmen.“
  Franziskus spricht Paul VI. jetzt, zum Abschluss der Synode zu Ehe und Familie, selig. Paul VI. war es, der 1965 das Instrument der Bischofssynode ins Leben rief. Auf gewisse Weise ist die Synode das vatikanische Gegenstück der Reisen des Petrus in die Welt.
  „Der Wunsch nach stärkerer kollegialer Arbeit, nach Ausdrucksformen dieser Kollegialität, die man im Konzil erlebt hat, ist im Konzil selbst schon unter den Konzilsvätern laut geworden, aber die eigentlich Initiative ist von Paul VI. ausgegangen für die Synode, und die Art und Weise wie die Synode organisiert wird, trägt ja auch seine Handschrift, als beratendes Organ, als Organ, das die Weltkirche repräsentiert, nicht nur die Kurie, als ein Organ, das theologische Kompetenz von außen hier in die vatikanische Arbeit hineinträgt. Das ist ganz der Stil, der dialogische Stil Pauls VI.“ rv141018ord-gs

Fotos unten links: Kardinal Montini (Paul VI.) mit Papst Pius XII. rechts: mit John F. Kennedy, Präsidendt der USA

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Zum Abschluss der Synode: Seligsprechung des Papstes Paul VI. Foto:  Paul VI. erhebt Wojtyla zum Kardinal
Seliger Paul VI.: -  Der dialogische Stil eines großen Papstes

     Papst Paul VI. ist am Sonntag auf dem Petersplatz selig gesprochen. „Der vergessene Papst“, so nennt ihn der deutsche Kirchenhistoriker Jörg Ernesti in seiner 2012 erschienenen Montini-Biografie, mit der Ernesti freilich auch antrat, das Bild Paul VI. zu entzerren. Zunächst rückt der Biograf die These zurecht, Paul VI. sei „sehr modern gestartet“ und habe dann mit der Enzyklika „Humanae Vitae“ von 1968 gewissermaßen sich selbst revidiert. Ernesti sieht dagegen drei Phasen des Pontifikates.

Papst Paul VI am Flugplatz Leonardo La Vinc iRom   ff-261-FlughRomLeonDaV-Zz

   „Paul VI. fängt mit starken Impulsen an, er beginnt das Reisen, es ist das erste Mal in 150 Jahren, dass ein Papst Italien verlässt und ein Flugzeug besteigt. Er führt das Konzil zu Ende als Mann, der sehr stark integrierend wirkt. Also die verschiedenen Strömungen im Konzil – progressiv, konservativ – zu integrieren versucht. Moderne Kunst schreibt er sich auf die Fahnen, und dann denke ich kommen die Jahre nach dem Konzil, die unerwartete Schwierigkeiten mit sich bringen, Priestermangel, Autoritätskonflikte, „Humanae Vitae“, und da muss er sich selber neu orientieren und neu finden.“
  Die dritte Phase des Pontifikates sind aus Sicht des Biografen die 1970er Jahre. Viele Beobachter sehen die letzten acht Jahre Pauls VI. im Vorzeichen des Pessimismus, der Resignation, Restauration und Müdigkeit.
   „Das kann ich so grob nicht sehen, weil er auch für sich ganz neue Themen entdeckt, etwa den Lebensschutz, den Schutz des menschlichen Lebens vom Anfang zum Ende. Die Würde des menschlichen Lebens. Er ist ein großer Prophet gegen den Terrorismus, bietet sich etwa als Geisel an, als das Flugzeug „Landshut“ nach Mogadischu entführt wird. Spiritualität wird ein großes Thema, Vertiefung des Glaubenswissens. All das kann ich einfach nicht verbuchen unter konservativ, resignativ, pessimistisch. Paul VI. ist wirklich jemand, der sich nach dieser Krise um 1968 herum neu erfindet und starke Impulse gibt.“
   Ein erklärter Verehrer von Paul VI. ist Papst Franziskus. Sein programmatisches Schreiben Evangelii Gaudium, das die Marschrichtung des Papstes aus Argentinien vorgibt, klingt nicht nur schon im Titel nach dem Evangelii Nuntiandi von Paul VI. Dieses Schreiben erschien 1975 und befasst sich auf geradezu prophetische Weise mit der Verbreitung des Glaubens in der Welt von heute.   „Nicht wenige halten dieses Dokument für sein stärkstes Dokument, weil es aus einer breiten Beratung entstanden ist.“
   Auch die Enzyklika Humanae Vitae von 1968 geht auf einen Beratungsprozess zurück. Allerdings entschloss sich Paul VI. in diesem Fall, einen eigenen Weg zu gehen. In der Frage, ob künstliche Empfängnisverhütung für die katholische Kirche zulässig ist oder nicht, hörte Paul VI. nicht auf die Mehrheit, sondern auf die Minderheit seiner Berater. Die Frage stellte sich erstmals in den späten 1950er Jahren, als die „Pille“ erst in den USA, dann Europa zugelassen wurde. Schon Johannes XXIII. rief eine kleine Kommission zur Prüfung der Frage ein.
   „Paul VI. hat die Dringlichkeit erst recht gesehen und hat die Kommission auf 40 Leute erweitert, auch Laien hinzugenommen, Moraltheologen, Philosophen. Diese Kommission hat bis 1967 gearbeitet und ist mit etwa zwei Drittel Mehrheit zu dem Schluss gekommen, dass künstliche Empfängnisverhütung im Rahmen einer verantworteten Elternschaft, also in einer christlichen Familienplanung, zugelassen werden sollten. Das Ganze ist dann noch einmal überprüft worden von einer Bischofskommission, die zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen ist, auch mit großer Mehrheit. 9:46 für meine Begriffe ist für Paul VI. schon sehr viel früher klar gewesen, wie er sich entscheiden muss, und es ist für ihn auch eine Gewissensentscheidung gewesen, dass er sich so entscheiden musste, wie er sich entschieden hat.“
  Paul VI. habe den Gegenwind, die fehlende Rezeption und den Widerstand in den Medien sogar vorausgesehen, sagt Ernesti. „Er hat sich allerdings, das ist auch wieder beeindruckend, durch diese Proteste nicht beeindrucken lassen. Noch in der letzten Predigt vor seinem Tod Peter und Paul 1978 erinnert er an Humanae Vitae, und einem Freund vertraut er an, er habe im Gewissen richtig entschieden und würde wieder so entscheiden. Im gewissen Sinn hat das etwas Tragisches, von der Persönlichkeit her, dass er modern beginnt und auch Impulse gibt bis zuletzt, aber wahrgenommen wird als Pillen-Paul, das ist ein bisschen ungerecht, aber der Historiker kann das nur so feststellen.“
  Der von der Welt enttäuschte und die Welt enttäuschende Papst: Dieses Verdikt, das Paul bis heute anhaftet, äußert sich nicht zuletzt in einer geringen Verehrung durch die Gläubigen. Ganz anders sieht es bei Johannes XXIII. aus. Jörg Ernesti fuhr einmal mit Studierenden nach Norditalien an die Geburtsorte der beiden Päpste, die nicht weit voneinander entfernt liegen.
  „Sotto il Monte, Johannes XXIII., da haben Zehntausende von Müttern ihre nach guten Geburten ihre Baby- lätzchen aufgehängt in dem Heiligtum, und da sehen Sie Betende und Leute auf Knien und Rosenkranzstände. Fahren Sie nach Brescia, an den Geburtsort Pauls VI., dort finden Sie heute eine wissenschaftliche Bibliothek, ein Archiv und eine Sammlung moderner Kunst. Aber keine Rosenkränze, keine Betenden, keine Babylätzchen. Das ist für die Studenten eine Schockerfahrung gewesen. Aber im Grund macht es die Persönlichkeit der beiden Männer deutlich.“
  Und doch sei gerade Giovanni Battista Montini - Paul VI. - ein außerordentlich mitfühlender Mann gewesen: „Ein Mann, der alle Probleme in eigener Person durchlebt“, wie einer seiner Sekretäre sagte.

ff-258-AldoMoro-PVI-xx Papst Paul VI. seit Studienzeiten ein Freund Aldo Moros

  „Dieser selbe Sekretär sagt, was ihm am Ende den Schlag gegeben hat: il colpo mortale, die Entführung von Aldo Moro, des Vorsitzenden der Italienischen Christdemokraten. Den er als jungen Studenten kannte und als Studenten begleitet hatte in seiner Studentengruppe. Für dessen Freilassung er sich eingesetzt hat. In diesen Wochen hat er gesundheitlich so stark abgebaut, das weiß man, im April / Mai 1978, weil er ein Mann ist, der die Sachen an sich heranlässt. Weil er ein Mann des Dialogs ist, ein Mann der im Gespräch war, und auch nach Humanae Vitae im Gespräch geblieben ist mit denen, die das abgelehnt haben. Ein nachdenklicher Papst, der auch im Grund ein großes Gespür hat für den modernen Menschen, für Menschen, die in Großstädten leben, für moderne Künstler. Weil er selber ein Großstadtmensch gewesen ist, ein Großbürger, das ist ein liberales großbürgerliches Elternhaus gewesen in Brescia, aus dem er kommt. Das bringt er ein mit ins Papsttum. Insofern ist es schon gut, dass nicht nur Ordensgründer selig gesprochen werden, sondern auch mal Intellektuelle, und vielleicht sogar kritische Intellektuelle aus dem Großstadtmilieu.“
   Auf vielen Ebenen aber war Paul VI. außerordentlich fortschrittlich: schon die Tatsache des Reisens allein. Die Besuche in der ganzen Welt waren für den Papst sehr strapaziös, erinnert Biograf Ernesti.

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Foto: zwei Selige - freundschaftlich verbunden: Paul VI. und Mutter Teresa
  „Die letzte Reise ging vom Libanon bis Australien, da ist er mehrere Male kollabiert, es ist auch ein Attentat auf ihn verübt worden, das aber erfolglos war, weil er einen Bußgürtel getragen hat, einen Stahlgürtel um den Leib, das Messer, das auf ihn zielte, hat ihn nicht erreichen können, die Reisen sind strapaziös gewesen. Aber nicht als touristisches Unternehmen, sondern es steht ein theologisches Konzept dahinter. Reisen sind eine Form von Universalität der Kirche: nicht alles Ortskirchen müssen sich – und das ist dem Konzil verpflichtet – nach Rom orientieren, das wäre Zentralismus, sondern das Petrusamt muss erlebbar sein in den Kirchen, Petrus muss vor Ort gehen und dadurch die Ortskirchen aufwerten und ernstnehmen.“
  Franziskus sprach Paul VI. jetzt, zum Abschluss der Synode zu Ehe und Familie, selig. Paul VI. war es, der 1965 das Instrument der Bischofssynode ins Leben rief. Auf gewisse Weise ist die Synode das vatikanische Gegenstück der Reisen des Petrus in die Welt.
  „Der Wunsch nach stärkerer kollegialer Arbeit, nach Ausdrucksformen dieser Kollegialität, die man im Konzil erlebt hat, ist im Konzil selbst schon unter den Konzilsvätern laut geworden, aber die eigentlich Initiative ist von Paul VI. ausgegangen für die Synode, und die Art und Weise wie die Synode organisiert wird, trägt ja auch seine Handschrift, als beratendes Organ, als Organ, das die Weltkirche repräsentiert, nicht nur die Kurie, als ein Organ, das theologische Kompetenz von außen hier in die vatikanische Arbeit hineinträgt. Das ist ganz der Stil, der dialogische Stil Pauls VI.“ rv141018ord-gs

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Foto oben: Das Arbeitszimmer von Papst Paul VI.Foto unten: Der Wunsch von Paul VI. auf ein einfaches Begränbnis

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 Zur Seligsprechung von Kardinal John Henry Newman am 19.September 2010: durch Papst Benedikt XVI.
Mit Recht wird der neue Selige bisweilen »Doctor conscientiae - Lehrer des Gewissens« genannt.

   Im Rahmen eines Symposiums im Jahr 1990 erzählte Kardinal Joseph Ratzinger - Benedikt XVI., wie er in jungen Jahren im Freisinger Priesterseminar durch den Studienpräfekten Alfred Läpple mit Newman vertraut wurde. Er sagte unter anderem: »Newmans Lehre vom Gewissen wurde für uns damals zu einer wichtigen Grundlegung des theologischen Personalismus, der uns alle in seinen Bann zog. Unser Menschenbild wie unser Bild von der Kirche wurde von diesem Ausgangspunkt her geprägt. Wir hatten den Anspruch einer totalitären Partei erlebt, die sich selbst als die Erfüllung der Geschichte verstand und das Gewissen des Einzelnen negierte. Göring hatte gesagt: „Ich habe kein Gewissen! Mein Gewissen ist Adolf Hitler“. Die ungeheure Verwüstung des Menschen, die daraus folgte, stand uns vor Augen. So war es für uns befreiend und wesentlich zu wissen, dass das Wir der Kirche nicht auf dem Auslöschen des Gewissens beruhte, sondern genau umgekehrt sich nur vom Gewissen her entwickeln kann.«
   Diese Worte unterstreichen die Bedeutung der Gewissenslehre Newmans. Das Gewissen ist ein innerer Schutzwall gegen jede Form des Totalitarismus und öffnet den Menschen zugleich für ein Mit-Wissen conscientia mit einem anderen. Wer den Weg des Gewissens geht, lässt sich nicht missbrauchen, er verschließt sich auch nicht in der eigenen Ich-Welt. Er hat ein offenes Herz - für die anderen und für den, der die Wahrheit und die Liebe ist. Newman deutete das Gewissen als Anwalt der Wahrheit im Inneren des Menschen. Sein persönlicher Lebensweg ist eine eindrucksvolle Bestätigung dieser Grundüberzeugung.

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   John Henry Newman, geboren am 21. Februar 1801 in London, wuchs in einem durchschnittlichen anglikani- schen Milieu auf. Seine Mutter machte ihn schon früh mit der Bibel vertraut, verstand es aber nicht, ihn zu einem persönlichen Glauben hinzuführen. Religion war in der Familie Newman eher Sache des Gefühls und der bloßen Gewohnheit. In der Schule zeichnete sich John Henry durch besondere Begabung aus, in religiöser Hinsicht hatte er aber kein festes Fundament. In seinem Tagebuch schrieb er über diese Zeit: „Ich erinnere mich (1815 war es, glaube ich) des Gedankens, ich möchte wohl tugendhaft sein, aber nicht fromm. Es lag etwas in der Vorstellung des letzteren, das ich nicht mochte. Auch hatte ich nicht erkannt, was es für einen Sinn hätte, Gott zu lieben.“ Die Versuchung des jungen Newman bestand darin, ethische Ideale zu bejahen, aber den lebendigen Gott von sich zu weisen. Inmitten dieser inneren Anfechtungen kam es zur ersten großen Wende seines Lebens, die er wiederholt seine „erste Bekehrung“ nannte.
Die erste Bekehrung
   In der Apologia pro vita sua schrieb Newman über seine Bekehrung: »Als ich 15 Jahre alt war (im Herbst 1816), ging in meinem Denken eine große Änderung vor sich. Ich kam unter den Einfluss eines bestimmten Glaubens- bekenntnisses und mein Geist nahm dogmatische Eindrücke in sich auf, die durch Gottes Güte nie mehr aus- gelöscht und getrübt wurden. „Wie kam es zu dieser großen Änderung im Denken des 15jährigen? Die Familie Newman war unerwartet in eine finanzielle Notlage geraten und der erkrankte John Henry musste während der Sommerferien 1816 im Internat bleiben. In dieser Zeit las er auf Anregung eines Lehrers das Buch „Die Macht der Wahrheit“ des Kalvinisten Thomas Scott. Die Lektüre dieses Buches veränderte ihn von Grund auf: Er fand zu einem persönlichen Glauben an Gott und erkannte, wie sehr die irdischen Dinge vergänglich sind. „Ich isolierte mich von den Dingen meiner Umgebung, befestigte mich in meinem Misstrauen gegen die Wirklichkeit der materiellen Erscheinungen und ließ mich in dem Gedanken Ruhe finden, dass es zwei und nur zwei Wesen gebe, die absolut und von einleuchtender Selbstverständlichkeit sind: ich selbst und mein Schöpfer.“
   Newmans Geist war so sehr von der Wirklichkeit Gottes ergriffen, dass er sich bald darauf entschloss, ehelos zu bleiben. Er wollte ganz für jene Aufgabe verfügbar sein, die Gott ihm zeigen würde. Aus dem tugendhaften Stu- denten, dem die Gottesliebe sinnlos schien, wurde ein gläubiger junger Mann, der Gott im Gewissen als die Mitte des Lebens erkannte und seinen zukünftigen Weg vertrauensvoll in dessen Hände legte. Treffend kommt New- mans Wandel in den beiden Worten zum Ausdruck, die er sich damals als Motto aneignete: „Heiligkeit vor Frieden“ und „Wachstum ist der einzige Beweis des Lebens“.
   Seit dieser „ersten Bekehrung“ hatte Newman in religiöser Hinsicht ein festes Fundament unter den Füßen. Dieses Fundament war das Dogma, die geoffenbarte Wahrheit. „Von meinem 15. Lebensjahr an war das Dogma das Fundamentalprinzip meiner Religion; eine andere Religion kenne ich nicht; den Begriff einer anderen Religion kann ich mir nicht denken; Religion als bloßes Gefühl ist für mich Traum und Blendwerk.“ Auf seinem religiösen Weg ließ sich Newman vor allem vom Gewissen leiten, das er an der Heiligen Schrift orientierte. Seit seiner Bekehrung erkannte er in der Stimme des Gewissens das Echo der Stimme Gottes. Er schrieb damals: „Ich bedarf gar sehr eines Monitors, der mich führt, und ich hoffe zuversichtlich, dass mir mein Gewissen, erleuchtet von der Bibel und geführt vom Heiligen Geist, ein treuer und sorgsamer Hüter der wahren religiösen Grundsätze sei.«

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Im kirchlichen Dienst
   Erst 16 Jahre alt, begann Newman das Universitätsstudium im »Trinity College« in Oxford Foto oben links. Er widmete sich intensiv seinen Studien. Er führte ein eher zurückgezogenes Leben und versuchte treu jenem lebendigen Gott zu folgen, der ihn im Innersten des Gewissens angesprochen hatte. Bereits nach drei Jahren machte er die Abschlußprüfung. Bald darauf wurde er Professor im berühmten „Oriel College“.
   In dieser Zeit traf er die Entscheidung, sein Leben ganz in den Dienst der Kirche zu stellen. Als er 1824 zum an- glikanischen Diakon geweiht wurde, schrieb er in sein Tagebuch die bezeichnenden Worte: »Ich trage Verant- wortung für die Seelen bis zum Tag meines Todes. „Newmans Grundhaltung war nach seiner ersten Bekehrung noch stark auf die persönliche Beziehung des eigenen Ich mit seinem Schöpfer konzentriert. Nun kam in einem zweiten Schritt die Dimension der Verantwortung für die anderen hinzu. Er erkannte, dass die Treue zu Gott den Dienst an den Mitmenschen forderte.
   Der Sinn für Verantwortung, der in Newman erwachte, drängte ihn, sich unablässig für das Wohl der Menschen einzusetzen und in ihnen den Sinn für die Pflicht gegenüber Gott und dem Nächsten zu wecken. Besonders wichtig war ihm dabei der persönliche Kontakt, das persönliche Zeugnis. Als Diakon in der ärmlichen Pfarrei St. Clement in Oxford begann er deshalb neben der traditionellen Predigttätigkeit mit Hausbesuchen. Dies war damals eine neue und ungewohnte Art der Seelsorge. Als er später zum anglikanischen Priester geweiht und zum Pfarrer der berühmten Universitätspfarrei St. Mary's ernannt wurde, strebte er danach, durch Predigten und persönliche Begegnungen die Gewissen anzurühren. Er wollte sie zur Umkehr rufen. Er wollte in ihnen den persönlichen Glau- ben an Gott und die Treue zu den Wahrheiten des Evangeliums wecken und festigen.
   Im „Oriel College“ strebte er danach, die Studenten nicht nur in ihrer intellektuellen Ausbildung zu begleiten. Er war darauf bedacht, ihnen auch Freund und Wegbegleiter zu sein. Newman war ein Erzieher durch und durch. Er hatte stets die Gewissen der anderen vor Augen. Er wusste um seine Verantwortung für die Seelen. Die mehr als 20.000 Briefe, die uns von ihm erhalten sind, bezeugen dies auf eindrucksvolle Weise. Newman wollte immer auf- bauen, nicht niederreißen. „Nichts war mir verhasster, als Zweifel auszustreuen und die Gewissen unnötigerweise zu verwirren.“ Er war ein Vollblut-Seelsorger, der sich jedem Menschen persönlich zuwandte. Es ist kein Zufall, dass er für sein Kardinalswappen fünfzig Jahre später den Spruch wählte: “Das Herz spricht zum Herzen” Cor ad cor loquitur.
Von Licht zu Licht
   Unter dem Einfluss der hochkirchlichen Richtung begann Newman im Sommer 1828 die Kirchenväter systematisch zu lesen, angefangen von Ignatius von Antiochien und Justin über die alexandrinischen Väter bis hin zu den großen Gestalten von Ambrosius, Augustinus, Basilius, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus und vor allem Athanasius. Diese Lektüre wurde für ihn zum Schlüssel, um die Offenbarung Gottes in ihrer Fülle zu entdecken. Die Heilige Schrift hatte er gründlich studiert und große Teile davon auswendig gelernt. Nun eröffnete sich ihm auch der Zugang zur Überlieferung, deren herausragende Zeugen die Kirchenväter sind.
   Man kann den Einfluss der Väter auf die religiöse Entwicklung Newmans kaum überschätzen. Er selbst bezeugte später: „Die Väter haben mich katholisch gemacht, und ich werde die Leiter nicht zurückstoßen, auf die ich in die Kirche hineingestiegen bin.“
  Im Jahr 1832 veröffentlichte Newman seine erste große Studie über »Die Arianer des vierten Jahrhunderts“. Doch während er nach der Fülle der Wahrheit forschte und sich von den Vätern inspirieren ließ, sah er mit großer Sorge, dass der Einfluss liberaler Strömungen in ganz England zunahm und religiöse Grundsätze mehr und mehr aus der universitären Bildung und dem öffentlichen Leben verdrängt wurden. Diese Erfahrung bewog ihn, zusammen mit einigen Freunden die „Oxford-Bewegung“ ins Leben zu rufen (1833). Die Grundüberzeugung dieser Bewegung war, dass England vom Glauben der Alten Kirche abgefallen war und es einer „zweiten Reformation“ bedurfte, um die „Church of England“ im Geist der Väter zu erneuern. Die führenden Köpfe der Bewegung wirkten durch das persönliche Zeugnis, eine intensive Predigttätigkeit und die Veröffentlichung sogenannter »Tracts«: Das sind Flugschriften, die in Oxford und später in anderen Städten Englands verteilt wurden und wie Blitze aus heiterem Himmel einschlugen.
   Drei Prinzipien leiteten die Bewegung: das dogmatische Prinzip, das gegen den religiösen Liberalismus gerichtet war und davon ausging, dass das Christentum in der geoffenbarten Wahrheit sein Fundament hat; das kirchlich- sakramentale Prinzip, gemäß dem Christus eine sichtbare Kirche mit Sakramenten gestiftet hat, die von Bischöfen als den Nachfolgern der Apostel geleitet wird; und das anti-römische Prinzip, durch das der bald aufkommende Vorwurf des „Papalismus“ abgewehrt werden sollte. Newman selbst trug diesen antirömischen Affekt tief in sich, weil er darin ganz und gar von seiner Umgebung geprägt war. Er rief die Gläubigen dazu auf, sich vor Rom zu hüten wie vor der Pest.
   In der Folge bemühte er sich, den Glauben an den Mensch gewordenen und in der Kirche gegenwärtig bleiben- den Sohn Gottes, den er bei den Kirchenvätern entdeckte, neu lebendig zu machen. Zugleich wurde ihm klar, dass es notwendig war, die „Church of England“ auf ein festeres theologisches Fundament zu stellen. Er hielt Vortrags- reihen über die Bedeutung des Lehramtes in der Kirche und über die Rechtfertigungslehre und entwickelte, ausgehend von den großen Gelehrten der anglikanischen Tradition, die Theorie der »Via Media«. Nach dieser Theorie haben die Reformatoren Wahrheiten des ursprünglichen Glaubens aufgegeben und die Katholiken den Glauben der Alten Kirche durch Zusätze und Irrtümer entstellt; die Anglikaner hingegen bilden die „Via Media“ und sind der Kirche Christi und der Väter treu geblieben. Bei seinen Studien wollte Newman schlicht und einfach der Wahrheit dienen. „Mein Wunsch war es, die Wahrheit zu meinem engsten Freund zu haben und keinen anderen Feind als den Irrtum.“
   Die Theorie der »Via Media« hatte jedoch einen Haken. Liegt die Wahrheit wirklich immer in der Mitte? Bei der Beschäftigung mit der Alten Kirche kam Newman zu der Auffassung, diese Frage mit Nein beantworten zu müssen. Er erkannte, dass es zum Beispiel im vierten Jahrhundert bereits eine „Via Media“ gegeben hatte: die Semi-Aria- ner, die zwischen den Arianern und Rom stehen wollten. Die Wahrheit lag jedoch nicht bei den Semi-Arianern, sondern auf der Seite Roms. Die ohnehin nur auf dem Papier existierende Theorie der „Via Media“ brach zusam- men.
   Im Jahr 1841 verfaßte Newman den letzten Traktat (Tract 90), in dem er versuchte, die 39 Artikel, die Grundlage des anglikanischen Glaubens, im Geist der Kirchenväter katholisch zu interpretieren. Die Reaktion auf diesen Versuch war für ihn erschütternd: Die Universitätsbehörde von Oxford verurteilte „Tract 90“, die anglikanischen Bischöfe Englands wiesen Newmans Interpretation entschieden zurück. So entschloss er sich, zusammen mit eini- gen Freunden nach Littlemore zu übersiedeln, einem kleinen Dorf bei Oxford, das er seit vielen Jahren seelsorglich betreut hatte. In Littlemore wollte er durch Gebet und Studium Klarheit über seine Zukunft erlangen. Er wusste damals nicht, wohin sein Weg führen würde. Er war aber entschieden, dem Licht der Wahrheit unbedingt zu fol- gen. Er liebte die Wahrheit.

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Die Konversion
   In den vier Jahren, die Newman in Littlemore verbrachte, strebte er danach, der inneren Stimme des Gewis- sens mit großer Treue zu folgen. Er war davon überzeugt, dass Gott ihm die nötige Erkenntnis schenken würde, wenn er auf seine Stimme hörte, eifrig betete und sich weder vom Gefühl noch von der Leidenschaft, sondern von der Pflicht leiten ließe. Während dieser Jahre hielt er sich an den Grundsatz: „Tue, was deine gegenwärtige An- sicht unter dem Gesichtspunkt der Pflicht verlangt, und lass dieses Tun sprechen; sprich durch Taten.“ 1843 wider- rief er alle Anklagen gegen die römisch-katholische Kirche, die er bis zu diesem Zeitpunkt für eine mit dem Anti- christen verbündete Gemeinschaft gehalten hatte. Des weiteren legte er schweren Herzens seine Aufgaben als Professor und Universitätspfarrer in Oxford nieder. Auch auf die seelsorgliche Begleitung der vielen Menschen, die sich ständig an ihn wandten, musste er aus Gewissensgründen verzichten, da er nun selbst ein Suchender war und wusste, dass Blinde nicht Blinde führen können.
   Wie sehr Newman im Gewissen um seine Zukunft rang, geht aus einem Brief hervor, den er mehrere Monate vor seiner Aufnahme in die katholische Kirche schrieb: „Nur ein unbezweifelbarer, unmittelbarer Ruf gibt einem Men- schen das Recht, unsere Kirche zu verlassen; jedoch nicht, weil er eine andere Kirche bevorzugt, an ihrem Gottes- dienst Freude hat oder hofft, in ihr größere Fortschritte zu machen, oder gar weil er empört ist und abgestoßen wird von Personen und Dingen, unter denen wir in der englischen Kirche leiden.
   Die Frage heißt einfach: Kann ich (ganz persönlich, nicht ein anderer, sondern kann ich) in der englischen Kirche selig werden? Könnte ich noch in dieser Nacht ruhig sterben? Ist es eine Todsünde für mich, nicht einer anderen Gemeinschaft beizutreten?“ Die Frage nach der Kirche war für Newman also nicht nebensächlich. Im Gegenteil: Er erkannte im Gewissen, dass es dabei um sein Heil ging.
   Aber noch hatte er Schwierigkeiten mit einigen „neueren“ römischen Lehren und Praktiken, etwa mit der Anru- fung Marias und der Heiligen, der Fegfeuerlehre, dem Ablasswesen und der Reliquienverehrung. Er fragte sich, ob es sich hier nicht um Entstellungen des reinen Glaubens der Alten Kirche handelte. Deshalb entschloss er sich, eine Studie „Über die Entwicklung der Glaubenslehre“ (1845) zu verfassen. Das Ergebnis dieser berühmt gewor- denen Studie war für ihn entscheidend. Er berichtet darüber: „Je weiter ich voranschritt, desto mehr klärten sich meine Schwierigkeiten auf, so dass ich aufhörte, von römischen Katholiken zu sprechen und sie ohne Bedenken einfach Katholiken nannte. Ehe ich zu Ende kam, entschloss ich mich zum Übertritt, und das Buch blieb in dem Zu- stande, in dem es damals war, unvollendet.“ Hier sehen wir die Konsequenz Newmans: Wenn er etwas in seinem Gewissen erkannte, folgte er sofort diesem Ruf. Am 09. Oktober 1845 wurde er vom seliggesprochenen italieni- schen Passionisten Dominicus Barberi in jene Kirche aufgenommen, die er als „die eine Herde Christi“ erkannt hatte.
   Im Alter von 44 Jahren ließ Newman Verwandte und Freunde, Beruf und Arbeitsplatz, Ehre und Karriere hinter sich. Im Glauben folgte er - wie ein zweiter Augustinus - dem Ruf Gottes, der ihn in seinem Gewissen getroffen hatte. In der katholischen Kirche hatte er viele Schwierigkeiten und Prüfungen zu bestehen, aber sein Gewissen war im Frieden. Etwa zwanzig Jahre nach seiner Konversion schrieb er in seiner „Apologia pro vita sua“: „Von der Zeit an, dass ich katholisch wurde, habe ich natürlich keine Geschichte meiner religiösen Anschauungen mehr zu schreiben. Damit will ich nicht sagen, dass mein Geist müßig geworden sei, oder dass ich aufgehört hätte, über theologische Fragen nachzudenken; sondern dass ich keine Änderungen mehr durchzumachen hatte und keinerlei Besorgnis mehr im Herzen trug. Ich habe in vollkommenem Frieden und ungestörter innerer Ruhe gelebt, ohne je von einem einzigen Zweifel heimgesucht zu werden... Es schien mir, als hätte ich nach stürmischer Fahrt den sicheren Hafen erreicht; und das Glück, das ich darüber empfand, hat bis heute ununterbrochen angehalten.“
  Newman machte die Erfahrung, dass Gewissen und Wahrheit komplementär zusammengehören, sich gegen- seitig stützen, ja dass der Gehorsam gegenüber dem Gewissen zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit führt. Das Gewissen wird heute oft mit dem subjektiven Empfinden, der persönlichen Meinung oder gar dem Eigenwillen verwechselt. Newman kann uns helfen, die wahre Bedeutung des Gewissens als Echo der Stimme Gottes neu zu erfassen und von unzureichenden Auffassungen abzugrenzen.
  Er verstand es, die Würde des Gewissens voll zur Geltung zu bringen, ohne von der objektiven Wahrheit abzu- weichen. Er würde nicht sagen: Gewissen ja, Gott oder Glaube oder Kirche nein!, sondern vielmehr: Gewissen ja, und gerade deswegen Gott und Glaube und Kirche ja! Das Gewissen ist der Anwalt der Wahrheit in uns. Es ist „der ursprüngliche Statthalter Christi“. OR100903PDrHermannGeißlerFSO

be-118-PDrHermGeißlerFSO-xx Der Autor Dr. Hermann Geißler FSO, Rom

Foto unten: Privatkapelle von Kardinal John Henry Newman in Birmingham

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Lass mich nie vergessen,
dass Du auf Erden ein eigenes Reich gegründet hast,
dass die Kirche Dein Werk, Deine Stiftung und Dein Werkzug ist,
dass wir unter Deiner Leitung, Deinen Gesetzen und Deinem Auge stehen,
dass Du es bist, der durch die Kirche spricht.
Lass nicht zu,
dass mich die Vertrautheit mit dieser wundervollen Wahrheit gegen sie gleichgültig mache -
trotz der Schwäche Deiner menschlichen Stellvertreter lass mich nie vergessen,
dass Du es bist, der durch sie spricht und handelt.
Meditationen von John Henry Newman

be-152b-Birmingham-z     Birmingham: Seligsprechung

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be-146-diakJackSullivan-xx    Diakon Jack Sullivan   

Eine zweite Heilung auf Fürbitte des Seligen John Henry Newman wird von der Erzdiözese Mexico-City untersucht

 In einer pränatalen Untersuchung wurde der Mutter bescheinigt, dass ihr ungeborenes Kind schwer behindert sei. Die Mutter flehte den Seligen John Henry Newman um Fürbitte an. Bei der Niederkunft war das Kind vollkommen gesund. Der Vorsteher des Birmingham Oratoriums hat bestätigt, dass die Kirche jetzt diesen Fall untersucht.
  Der vatikanischen Kirchenrechtler Andrea Ambrosi, der mit dem Heiligsprechungsprozess für Kardinal Newman be- traut ist, erklärte in einer BBC-Sendung am 18. Sept. 2010, er hoffe, dass diese medizinisch nicht erklärbare Hei- lung das für die Heiligsprechung der Seligen John Henry Newman erforderliche Wunder sein wird siehe unten auf dieser Seite den Bericht über die Bedingungen zur Heiligsprechung. Ambrosi sagt in dem TV-Interview: „Ich bin auf dem Weg nach Mexico-City, denn dies könnte das Wunder für die Kanonisation sein“. Aber ich jetzt dazu noch nicht viel sagen. Wir stehen ganz am Anfang der Untersuchung. Aber dieses Beispiel zeigt, wie der Kardinal auf die Gebete antwortet.“
 Diese Nachricht wurde von der Ministerin a.D. Ann Widdecombe bekannt gegeben. Das Kabinettsmitglied der briti- schen Regierung ist vor kurzem von der anglikanischen Gemeinschaft zur Katholischen Kirche konvertiert. In einem Interview mit dem Catholic News Service fügte sie hinzu, dass die vermutliche Heilung sich ereignete, nachdem die pränatale medizinische Untersuchung feststellte, das ungeborene Kind sei „körperlich schwerstbehindert.“ Die Ärzte äußerten ihre Überzeugung, sie könnten nichts für den Fötus tun. Die Mutter aber wollte aber als überzeug- te Katholikin das Kind austragen. „Die Mutter flehte zu Newman. Da Kind wurde vollkommen gesund geboren. Die Ärzte haben dafür keine Erklärung“, so die Ministerin Widdecombe.
  Der Vorsteher des Oratoriums in Birmingham Pater Richard Duffield bestätigt CNS, dass „die Erzdiözese von Mexi- co-City eine Untersuchungskommission für ein weiteres Wunder zusammenstellt.“ Diese nicht erklärbare Heilung fand im Juli 2009 statt, unmittelbar nach der offiziellen Ankündigung der Seligsprechung Newmans, die jetzt in Birmingham von Papst Benedikt vollzogen wurde. Wenn sich diese Heilung als echt erweist, wäre sie das für den Heiligsprechungsprozess erforderliche zweite Wunder. Die Zeugnisaussagen der Betroffenen und die Aussagen der medizinischen Untersuchungskommission werden Rom vorgelegt. Die Untersuchung ist sehr streng und um- sichtig.
   Ambrosi: “Es ist immer wieder überwältigend, Berichte über die Fürsprache von John Henry Newman zu hören. Es gibt eine starke Verehrung für den Seligen in der ganzen Welt.“
   Das erste Heilungswunder auf Fürsprache von Newman war die Heilung von einer Wirbelsäulenerkrankung im August 2001 des US-amerikanische Diakon Jack Sullivan, war die Voraussetzung für die Seligsprechung. Der jetzt 71jährige Diakon trug während der Papstmesse in Birmingham vor 60.000 Gläubigen die Lesung vor.
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Neue Selige in Japan: 188 Märtyrer des 17. Jahrhunderts zur Ehre der Altäre erhoben.
Foto: Die Seligsprechung für 188 Märtyrer im Baseball-Stadion von Nagasaki.
Die neuen Seligen wurden 1603 - 1639 an verschiedenen Orten Japans Opfer einer Religionsverfolgung.

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Foto: Die Schlagzeilen von zwei japanischen Zeitungen zur Seligsprechung der 188 Märtyrer unter Vorsitz
von Kardinal Saraiva Martins in Nagasaki. Wir bringen hier ein Interview mit Kardinal Jose Saraiva Martins, emeritierter Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, über die im November 2008
in Nagasaki abgehaltene Seligsprechungszeremonie.

  Der Großteil (183 von 188) waren getaufte Laien, eine darunter 18 Kinder im Alter von weniger als fünf Jahren. Sie alle wurden im Japan des 17. Jahrhunderts in odium fidei getötet, aus Glaubenshass. Ihr Martyrium wurde von der Kirche anerkannt; die Seligsprechungszeremonie fand am 24. November 2008 in Nagasaki statt. Dem Wunsch Benedikts XVI. zufolge fallen diese Zeremonien nun in den Zuständigkeitsbereich der Ortskirchen und werden im Beisein eines Repräsentanten des Papstes vorgenommen. Aus Rom war Kardinal Jose Saraiva Martins gekommen. Gianni Cardinale von der Monatszeitung 30Giorni hat sich mit ihm unterhalten:
Herr Kardinal wer sind die 188 neuen japanischen Seligen?
   Märtyrer, die von 1603 bis 1639 in 16 verschiedenen Episoden und an verschiedenen Orten Opfer der Religions- verfolgung durch Schogun Tokugawa wurden. Einer Verfolgung, die in Japan eine lange und absolute Verschlos- senheit gegenüber der westlichen Welt und der westlichen Kultur - und der katholischen Religion einläutete.
Handelte es sich um Märtyrer des katholischen Glaubens oder der westlichen Kultur?
  Diese Märtyrer wurden nicht Opfer einer allgemeinen Feindseligkeit, die man für die Europäer empfand - vor allem für die Portugiesen und Spanier und deren Handelsaktivitäten. Wie aus den historischen Dokumenten hervorgeht, wurden die Märtyrer auf besonders spektakuläre, grausame Art und Weise getötet. Und der Grund war allein der Hass auf ihren Glauben an Jesus Christus. Es gab keine anderen Gründe.
Viele der 188 selig Gesprochenen waren Kinder, die noch nicht im vernunftbegabten Alter waren. Wie hat man so kleine Kinder als Märtyrer anerkennen können?
   Das passiert nicht zum ersten Mal. Es ist inzwischen ein Kriterium der Kongregation, Kinder dann als Märtyrer anzuerkennen, wenn sie in einem Kontext der Religionsverfolgung getötet wurden und Teil einer christlichen Ge- meinschaft waren, in der sich die Erwachsenen sehr wohl bewusst waren, warum man ihren Tod wünschte. Unter den neuen Seligen sind nicht nur Kinder, sondern ganze christliche Familien. Und das zeigt, wie intensiv der christliche Glaube in der Familie gelebt wurde: Ein schönes Vorbild für viele Familien unserer Zeit.
Wie hat die japanische Gesellschaft die Zeremonie aufgenommen?
 Ich möchte vor allem daran erinnern, wie lebendig das Gedächtnis dieser Märtyrer unter den japanischen Christen bis heute geblieben ist - was man nicht nur an den zahlreichen Grabmälern sieht, sondern auch an den vielen Wallfahrten und Gedenkzeremonien. Die Zeremonie von Nagasaki fand ein großes Echo und eine starke Medien- resonanz, vor allem wenn man bedenkt, dass die Katholiken in Japan ja bekanntlich eine Minderheit sind. An der Zeremonie  nahm auch der Botschafter Japans beim Heiligen Stuhl teil, stellvertretend für Ministerpräsident Taro Aso, der zum ersten Mal in der Geschichte Japans - ein Katholik ist. 30Giorni0812

 Seligsprechung von Johannes Paul I. rückt näher

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   Mit einem Gottesdienst in der Kathedrale von Belluno ist das Seligsprechungsverfahren für den „33-Tage-Papst” Johannes Paul I. (1978) auf örtlicher Ebene beendet worden. Die versiegelten Akten gehen jetzt an die vatika- nische Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen, wo der Prozess neu aufgerollt wird. Im norditalienischen Belluno waren in den vergangenen drei Jahren 190 Zeugen befragt worden, die Albino Luciani aus seiner Kinder- und Jugendzeit sowie aus seiner Tätigkeit als Bischof von Vittorio Veneto (1958-69) kannten. Vor seiner Wahl im ersten Konklave von 1978 (26. August) war Luciani Kardinal und Patriarch von Venedig. DTkna061114

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Danke, Papst Luciani

   Dem ehemaligen Bankangestellten Giuseppe Denora, 60, aus Altamura in Italien Foto links wurde die Gnade der Fürsprache Papst Lucianis Foto rechts zuteil. Vor 16 Jahren wurde er von einem bösartigen Magentumor geheilt. Eine schnelle, vollkommene und dauerhafte Heilung, die zur Einleitung von Untersuchungen führte, die feststellen sollen, was es mit diesem Ereignis auf sich hat, das nun der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungs- prozesse  vorgelegt werden wird. Von dem, was 1992 passierte, spricht er jetzt, wo der vor dem diözesanen Kir- chengericht von Altamura eingeleitete Prozess offiziell vor dem Abschluss steht, zum ersten Mal. „Wir sind eine Familie wie viele andere”, stellt er gleich klar, als er uns die Haustür öffnet. „Ich habe mir einen Zeitungsausschnitt mit einem Foto von Papst Luciani aufgehoben. Genau genommen zwei. Einer ist unten in der Garage... Wenn Sie wollen, zeige ich sie Ihnen.” So beginnt seine Erzählung, ohne Umschweife, in der Garage seines Hauses. „Sehen Sie, da ist es. Da steht auch das Datum: 1978, 3. September 1978. Ich war damals mit meiner Frau in den Ther- men von Chianciano. Am Sonntag, dem 3. September, beschlossen wir dann, nach Rom zu fahren - und so kam es, dass wir uns gerade zum Angelus-Gebet des neuen Papstes auf dem Petersplatz befanden. Papst Luciani trat ans Fenster, und wir blieben dort, um ihm zuzuhören. ,Man sieht, dass das ein guter Mensch ist’, habe ich zu meiner Frau gesagt. Er hatte mich beeindruckt: Was für ein rechtschaffener Mann! Auf dem Rückweg kaufte ich mir die Zeitschrift Avvenire mit seinem Foto und nahm sie mit nach Hause. Ich habe den Ausschnitt sogar eingerahmt... Sehen Sie!” Und weiter? „Er ist dann ja bald gestorben...”. Und was haben Sie in all den Jahren gemacht? „Ich hatte meine Arbeit, musste zusehen, dass wir unser Auskommen haben, drei Kinder großziehen. .. ich bin seit 37 Jahren verheiratet, habe bis 2000 in der Bank gearbeitet... die täglichen Verpflichtungen und Sorgen eben.” Und das andere Foto? „Das ist oben. Kommen Sie. Sehen Sie, da ist er mit der roten Mozetta und der Stola, es ist eines seiner ersten Fotos als Papst... nicht das bekannteste und auch nicht das schönste. Es stammt ebenfalls aus einem Zeitungsausschnitt. Ein Zeitungsausschnitt, klein wie eine Visitenkarte, der eines Tages bei mir im Büro auf dem Schreibtisch lag. Wie er dort hingekommen ist, wer ihn dort hingelegt hat, weiß ich nicht.
  Man redete damals nicht mehr von diesem Papst. Ich nahm es, ließ es vergrößern und stellte es im Schlafzimmer auf, zwischen Fenster und Schrank; so, dass es zum Bett in meine Richtung schaut. Und dort ist es geblieben... Nicht, dass ich eine Manie für religiöse Dinge hätte.” Haben Sie das aus einer Geste der Frömmigkeit heraus ge- tan? „Ich habe es einfach nur getan. Er war auf diskrete Weise zu mir gelangt, wie jemand, der einem nahe steht, der loyal ist. Und auch nachher, als ich krank wurde, hatte ich ihn immer vor mir, schaute ihn immer an. Aber ich muss ehrlich sein: ich habe nicht zu ihm gebetet, wie man das bei großen Heiligen tut, habe mich an ihn nicht als einen großen Heiligen gewandt... Ich habe von Mensch zu Mensch mit ihm gesprochen.”
  Wann sind Sie krank geworden? „Anfang 1992. Ich bin hier in Altamura zum Arzt gegangen. Er machte eine Magenspiegelung und sagte zu mir: Das sieht leider gar nicht gut aus. Gehen Sie zu diesem Onkologen hier, ins Krankenhaus Bari. Auch der Onkologe ließ mich eine Magenspiegelung machen. Mit demselben Ergebnis: Non- Hodgkin-Lymphom: Magenkrebs. Ich ging nach Hause und begann mit der Chemotherapie.” Wurden Sie nicht operiert? „Nein.” Sie waren damals 44... „Ja, ich war gerade 44 geworden, meine jüngste Tochter war vier. Zwei Monate später war ich nur noch ein Schatten meiner selbst. Ich aß nichts mehr, konnte kaum noch aufstehen. Da lag ich also, vor mir das Foto dieses Mannes. Ich sah ihn an, ließ ihn an meinen Sorgen teilhaben, führte stille Gespräche mit ihm, sagte: ,Sieh nur, was aus mir geworden ist, ich kann nicht mehr arbeiten... was soll ich jetzt tun? Cecilia ist doch noch so klein ... meine Kinder brauchen mich.’ ,Ich bin hier, Du aber bist da oben,’ sagte ich noch zu ihm, ,Du kennst sie gut, die da oben; die, die noch weiter oben sind als Du. Bitte sie doch, mir zu helfen. Frag Du sie doch, ob sie mir nicht helfen können’. In der Nacht des 27. März brannte mein Magen wie Feuer. Ich hatte unerträgliche Schmerzen. Aber mehr noch schmerzte mich der Gedanke, meine Familie verlassen zu müssen. Ich sah ihn an und murmelte: ,Wenn ich jetzt sterbe, was wird dann aus meinen Kindern...’. Wie immer fiel in mein Zimmer auch in dieser Nacht das Licht der Straßenlaternen... und da sah ich ihn am Fußende des Bettes: einen dunklen Schatten, der näher kam und - eine Hand ausgestreckt - schnell an mir vorbeistrich; eine Hand, ein Augenblick, und genau in diesem Augenblick war es, als würde das Feuer in mir gelöscht. Ich schlief ein und wachte am nächsten Morgen vollkommen erholt auf, fühlte mich wie neu geboren. Ich hörte meine Frau, die mich sanft wachrüttelte, fragen: ,Peppe, Peppe hast Du Fieber?’, stand auf und ging frühstücken. Einen Tag später war ich wieder bei der Arbeit. Von diesem Moment an hatte ich nichts mehr. Ich fühlte mich sofort so, wie ich mich jetzt auch fühle: vollkommen gesund. Ja, so war es.” Haben Sie sich gleich untersuchen lassen? „Ja, und nachdem sie die Ergebnisse gesehen hatten, schrieben die Ärzte: ,Vollkommene Heilung’.” Von dem, was geschehen war, haben Sie nichts erzählt? „Nein. Warum hatte ich es auch herumerzählen sollen? Alle konnten ja sehen, dass es mir wieder gut ging.” Sie haben es nicht einmal Ihrer Familie erzählt?  „Doch, meiner Frau natürlich schon. Im Juni, drei Monate später, bin ich mit ihr nach Rom gefahren. Ich habe das Grab von Papst Luciani unten in der Peters- basilika aufgesucht und ihm einen Zettel hingelegt, auf dem stand: ,Ich bin’s, Giuseppe, ich bin gekommen, um Dir zu danken.’ Das tue ich seither jedes Jahr. 2003, zum 25. Jahrestag seiner Wahl, habe ich auch an die Kirche in seinem Geburtsort ein Dankesschreiben geschickt. Und bei diesem Brief nahm dann alles seinen Ausgang, dieser ganze Prozess, den ich mir nie hätte träumen lassen.” Waren Sie auch in Canale d'Agordo? „Ja, zum ersten Mal vor zwei Jahren, 2006. Ich blieb eine Woche dort. Es war mein erster Kontakt mit dem Leben dieses Mannes, der Papst geworden ist. Und mit der Würde dieser Familie, die es wirklich nicht leicht gehabt hat... Ich habe sein Geburtshaus gesehen, einen Neffen von ihm kennen gelernt, seinen Bruder Berto.” Und was hat Ihnen der Bruder des Papstes gesagt? „,Es freut mich, dass es Dir gut geht’, hat er gesagt.  
   Sehen Sie, ich weiß nicht, wie ich ihm diesen Gefallen abringen konnte. Wegen irgendwelcher Verdienste? Sicher nicht. Vielleicht war es die Art und Weise, wie ich ihn darum gebeten habe... ich weiß nicht. Ich frage mich heute noch, warum er gerade zu mir gekommen ist..”. Beim Rückweg nach Hause, vor unserem Abschied, geht er noch schnell in einen Bäckerladen und kommt mit einer Packung Tarallucci wieder heraus. „Das sind Weißweinplätzchen, die müssen Sie unbedingt probieren... nehmen Sie sie mit nach Rom. Eines möchte ich Ihnen aber noch sagen: schreiben Sie bitte nichts, was ich nicht gesagt habe. Sie wissen ja, wie die Leute sind, die glauben dann weiß Gott was... und wenn ich im Leben etwas getan habe, was ein bisschen ,außer der Reihe’ war, dann waren das höchstens die Überstunden im Büro.”  CT0808StefaniaFalasca

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  „Zur Heiligkeit fehlt nur der Name"
Benedikt XVI. betet am Grab der seligen Ordensgründerin Mary MacKillop in Sidney

  Unter den Heiligen der katholischen Kirche gibt es viele Querdenker. Allerdings könnte Mary Mac Killop demnächst zu den ganz wenigen Heiligen gehören, die zuvor förmlich von ihrem Bischof exkommuniziert waren. Ganz intensiv haben die Australier gehofft, Benedikt XVI. würde ihre selige Ordensgründerin (1842- 1909), deren Grab er be- suchte, während des Weltjugendtags ins Corps der Heiligen aufnehmen. Noch Anfang Mai reiste die Vize-Postu- latorin des Ordens, Schwester Mary Casey, zur zuständigen Kongregation nach Rom. Doch gab es keinerlei Hin- weise für einen Überraschungs-Coup des Papstes in Sydney. Die „Causa Killop” bleibt wohl in einer heißen Phase - denn im kommenden Jahr steht ihr 100. Todestag an. „Zur Heiligkeit fehlt nur der Name”„A Saint in all but name"- so wird Mary MacKillop in den australischen Medien beschrieben.
  Ihr Lebenslauf als ältestes Kind schottischer Einwanderer verzeichnet einige Härten. Marys Vater war ein leicht- sinniger Geschäftsmann, der ständig Geld verlor. Schon mit sechzehn Jahren wurde sie zur Hauptversorgerin der Familie: als Gouvernante, als Verkäuferin, schließlich als Lehrerin. 1866 fand sie in Penola im Süden Australiens Anstellung an einer neuartigen kirchlichen Schule, an der bedürftige Kinder umsonst unterrichtet wurden. Um die charismatische Mary entstand schon bald eine Ordensgemeinschaft - die erste Australiens -, die binnen fünf Jahren 130 Schwestern zählte: der „Orden des heiligen Josef - Josefsschwestern - (RSJ). Mit ihrer Seelsorge- und Bil- dungsarbeit im vernachlässigten Buschland gingen die Josefsschwestern dahin, wo es wehtut: zu den armen Kin- dern, den Alten, den Obdachlosen.
Der Bischof hob die Strafe auf dem Sterbebett auf
   In konservativen Kirchenkreisen stieß das zupackende und unangepasste Verhalten des Ordens auf Vorbehalte: „unmöglich” und „untragbar”, hieß es aus Teilen der kirchlichen Hierarchie. 1871 sprach Bischof Laurence Sheil von Adelaide wegen „Ungehorsams” gar die förmliche Exkommunikation über Mary MacKillop aus. Die Schwestern wur- den in alle Winde zerstreut. Nachdem der Bischof die Strafmaßnahme auf dem Sterbebett zurückgenommen hatte, pilgerte Mary nach Rom und erreichte bei Papst Pius IX. eine Anerkennung ihrer Ordensstatuten. Die zerschlagene Gemeinschaft versammelte sich neu. Ihr persönlicher Leidensweg in der Kirche war damit noch nicht zu Ende: 1883 wurde sie vom Bischof von Adelaide nach Sydney beordert und 1885 als Ordensobere abgesetzt. Erst 1899 wurde sie erneut mit der Leitung der Gemeinschaft betraut.
Berichte über Heilungen junger Menschen auf ihre Fürbitte hin
   Das rast- und aufopferungsvolle Leben forderte seinen Tribut: 1902 erlitt Mary MacKillop einen schweren Schlag- anfall, der sie bis zu ihrem Tod 1909 ans Bett fesselte. 1995 wurde sie von Papst Johannes Paul II. selig- gesprochen. Zu den Voraussetzungen für eine Heiligsprechung gehört nach dem Kirchenrecht der Nachweis zweier Wunder, die auf Fürsprache des Kandidaten bewirkt wurden. Ein erstes ereignete sich nach Angaben der Josefs- schwestern bereits 1961. Eine junge Leukämie-Patientin namens Rosa, als unheilbar zum Sterben nach Hause entlassen, sei nach dem Gebet der Familie und einiger Josefsschwestern um Fürsprache MacKillops vollständig geheilt worden. Und erst kürzlich wurde ein zweites mögliches Wunder bekannt, das noch weiterer medizinischer Untersuchung bedarf:ein Junge, von schwerer Multipler Sklerose genesen.
   Keine Wunder, aber viel Gutes bewirken die heute gut 900 Ordensschwestern. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit gilt dem Bemühen um Frieden, Menschenrechte und Gerechtigkeit, etwa im jungen Staat Osttimor. Auch die Seelsorge und Bildung für Aboriginals, die australischen Ureinwohner, steht ganz oben auf der Agenda. Schwester Monica Cavanagh aus Sydney: „Wir sind ein gutes Stück Australien. Wir haben diese australische Physis und Psyche, bodenständig und zäh.” Mit dieser Zähigkeit wird der Orden auch den Prozess seiner Gründerin weiter betreiben. Beim Weltjugendtag war die Mary-MacKillop-Kapelle im Norden Sydneys Startpunkt eines langen Pilgerzuges über die Hafenbrücke zur Pferderennbahn von Randwick, wo der Weltjugendtag mit einem großen Papstgottesdienst zu Ende ging. Eine der Patroninnen des WJT, Vorbild für die Jugend der Welt, ist Mary MacKillop, „a Saint in all but name". DTAlex.Brüggemann080719

1995 sprach Papst Johannes Paul II. Mary Mac Killop selig. Die Heiligsprechng fand statt am 17. Okt. 2010 in Rom.

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   Mary MacKillop wurde als erste Australierin vom Papst heiliggesprochen wurde. Die Ordensgründerin sei eine „Heilige für alle Australier", war auf einem Banner neben Sydneys bedeutendster Kirche zu lesen, der St. Mary's Cathedral. Premierministerin Gillard bezeichnete die Heiligsprechung Mary MacKillops als ein „historisches Ereignis" für Australien.
   Der Einsatz der Tochter schottischer Einwanderer und ihrer Ordensschwestern für Unterprivilegierte vor allem auf dem Land macht sie bis heute bei ihren Landsleuten beliebt. 1871 wurde die damals noch nicht 30 Jahre alte Gründerin der Josefsschwestern vom Bischof von Adelaide exkommuniziert - sie hatte sich geweigert, ihren Orden den Kirchenstrukturen unterzuordnen. Der Bischof nahm seine Entscheidung Monate später auf seinem Totenbett zurück. Australiens Katholiken, die mit rund einem Viertel der Bevölkerung die größte Glaubensgemeinschaft des Landes, hatten gehofft, dass Papst Benedikt XVI. Mary MacKillop bereits beim Weltjugendtag in Sydney, wo sie seit ihrem Tod 1909 begraben liegt, heilig sprechen würde. Doch erst am 17. Oktober 2010 war es soweit. Zur Zeremonie waren auch 8.000 Australier angereist, unter ihnen Außenminister Kevin Rudd, der frühere Premier- minister. FAZahof101018jöb

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Sohn eines Indianerhäuptlings seliggesprochen 

 Ein vatikanischer Kardinal hat Ceferino Namuncura, den Sohn eines Indianerhäuptlings der Mapuche selig gespro- chen, der im 19. Jahrhundert mit großer Begeisterung Miitglied der Kirche wurde. Der Staatssekretär des Vatikans, Tarcisio Kardinal Bertone, übernahm die Leitung der Liturgie zur Seligsprechung in Chimpay, der Heimatstadt des seligen Namuncura.
   Mehr als 200.000 Gläubige wohnten der heiligen Messe unter freiem Himmel bei, darunter der argentinische Vicepräsident Daniel Scioli und fast 100 lateinamerikanische Bischöfe. Der selige Namuncura wird unter den Armen Argentiniens wie ein Heiliger verehrt. Er war Novize der Salesianer in Rom, als er 1905 im Alter von 18 Jahren an Tuberkulose starb.
   Kardinal Bertone, der ebenso dem Salesinaner-Orden angehört, sagte in seiner Predigt, dass der Selige Namun- cura nie vergaß, dass er ein Mapuche war. Sein Lebensziel war, “seinem Volke zu dienen”. Sein Leben zeigt uns, dass der Reichtum des Evangeliums “niemals die authentischen Werte einer Kultur zerstört; mehr noch: die Bot- schaft des Evangeliums umgreift diese Werte, reinigt sie und bringt sie zur Vollkommenheit”. Ceferino Namuncura ist der erste selig gesprochene Indianer Argentiniens. CTAlfredoHospedales071118

Am 03. Juni 2007 wurde in Rom Dun Gorg Preca, Malta, Foto unten heiliggesprochen! 

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   Papst Benedikt XVI. sagte bei der Heiligsprechung: “Ein Freund Jesu und Zeuge der Heiligkeit, die von Ihm kommt, war Gorg Preca, der in La Valletta auf der Insel Malta geboren wurde. Er war ein Priester, der sich ganz der Evangelisierung widmete: durch seine Predigten, seine Schriften, die geistliche Leitung, die Spendung der Sakramente und vor allem durch das Vorbild seines Lebens. Die Worte aus dem Johannesevangelium: »Verbum caro factum est« (Das Wort ist Fleisch geworden) bestimmten immer seinen Geist und sein Handeln, und so konnte sich der Herr seiner bedienen, um ein verdienstvolles Werk ins Leben zu rufen, die »Societas Doctrinae Christianae« (Gesellschaft der christlichen Lehre) - danke für euren Einsatz! -, dessen Ziel es ist, in den Pfarreien den qualifizierten Dienst gut ausgebildeter und großherziger Katecheten sicherzustellen. Als tief priesterliche und mystische Seele lebte er in brennender Liebe zu Gott, zu Jesus, der Jungfrau Maria und den Heiligen. Er wieder- holte gern: »Mein Herr und Gott, wie sehr bin ich dir zu Dank verpflichtet! Danke, Herr, und vergib mir, Herr!« Ein Gebet das auch wir wiederholen und uns zu eigen machen können. Der heilige Gorg Preca helfe der Kirche stets, in Malta und auf der ganzen Welt, das treue Echo der Stimme Christi, des menschgewordenen Wortes, zu sein.
Einen ausführlichen Foto-Bericht über sein Leben finden Sie auf unserer Seite: Priester

Der Weg zur Heiligsprechung 

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Foto: Kardinal José Saraiva Martins
trägt dem Papst die Ergebnisse der Untersuchungen in einem Heiligsprechungsprozess vor.

 Erst ein Wunder ermöglicht die Heiligsprechung. Wie die Kirche es feststellt und warum es noch heute
ein Wunder für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse notwendig ist.
Interview mit Michele Di Roberto, von der Kongregation  für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse.

   Das Unglaublichste an Wundern ist, dass sie geschehen, hat der englische Schriftsteller G. K. Chesterton einmal gesagt.  Ja, das stimmt. Es ist reine Gnade. Daran hat Michele Di Ruberto keinen Zweifel. Im Gegenteil. In Sachen Wunder, oder besser, dem Erweis von Wundern, kann er sich als Experten betrachten.Er ist Fachmann für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse und hat Außergewöhnliches erlebt, worauf die Wissenschaft keine Antwort hatte.
   Seit 1984 ist er verantwortlich für den Bereich Wunder. 346 Fälle hat er untersucht, etwa neunzig stehen noch auf der Warteliste. Seit zwanzig Jahren sitzt er in der Ärztekommission, befasst er sich  mit Wundern. Ein Prozess für den Erweis eines Wunders ermöglicht erst die Heiligsprechung. Das Ergebnis wird in einem Dekret veröffent- licht.

HeiligProzMsMicheleDiRuberto.x         Interview mit Msgr. Michele Di Roberto

Können Sie uns sagen, worin dieses Dekret besteht?
   MICHELE DI RUBERTO: Das Dekret ist der letzte Akt einer Heiligsprechung und beschließt den juridischen Weg des Erweises eines Wunders. Der Papst bestätigt diesen Erweis, mit dem ein wundersames Ereignis zu einem Wunder erklärt wird. Der heilige Thomas von Aquin nennt ein Wunder „das, was außerhalb der Ordnung der Natur von Gott gemacht wird”. Ein Wunder übersteigt also die Kräfte der Natur und wird von Gott durch die Fürsprache eines im Ruf der Heiligkeit Verstorbenen gewirkt.
Ohne die Anerkennung eines Wunders, das sich auf die Fürsprache eines Seligen ereignet hat, kann ein Pro- zess also nicht zu Ende geführt werden?
   DI RUBERTO: Mit Ausnahme eines Märtyrers verlangt die Kirche für die Seligsprechung ein Wunder, für die Heilig- sprechung (auch eines Märtyrers) ein weiteres. Nur die vermutlichen, der Fürsprache des Verstorbenen Wunder, können einer Überprüfung unterzogen werden. Wenn dann die Untersuchung - ein richtiger Prozess - eingeleitet ist, werden alle mit dem wunderbaren Ereignis zusammenhängenden Beweise gesammelt und erwogen, auch der Umstand, ob dieses Faktum der Fürsprache eines bestimmten Kandidaten für die Erhebung zur Ehre der Altäre zugeschrieben werden kann.
Wie sieht der Weg für den Erweis eines Wunders aus?
   DI RUBERTO: Der Weg des Prozesses für die Anerkennung eines Wunders geht über zwei Instanzen:
1. auf der Ortsebene, wo sich das wunderbare Ereignis zugetragen hat und 2. bei der römischen Kongregation. Nehmen wir als Beispiel die Heiligsprechung von Gianna Beretta Molla in der Diözese Franca, im Staate Sao Paulo in Brasilien. Der Ortsbischof eröffnet die Untersuchung über das mutmaßliche Wunder, ein eigens dazu eingerichtetes Gericht befragt die Augenzeugen und erstellt eine vollständige klinische und instrumentale Dokumentation zu dem Fall. In der zweiten Instanz in Rom werden die gesammelten Akten und die eventuelle ergänzende Dokumentation überprüft und das Sachurteil gesprochen.
Aber warum sind Wunder so notwendig? Genügt dazu nicht der Erweis heroischer Tugenden?
  DI RUBERTO: Eine Heiligsprechung ist nicht mit einer Ordensverleihung zu vergleichen. Wie sachlich und akkurat auch immer ein Urteil über heroische Tugenden ausfällt, wir können uns stets auch irren, Täuschungen erliegen. Ein Wunder jedoch kann nur Gott allein wirken, und Gott täuscht nicht. Sie sind unentgeltliche Gabe Gottes, siche- res Zeichen seiner Offenbarung, dazu angetan, Gott zu verherrlichen, unseren Glauben zu stärken; und sie sind auch eine Bestätigung der Heiligkeit der angerufenen Person. Ihre Anerkennung ist jedenfalls  eine sichere Vor- aussetzung für die Zulassung des Kultes. 
Die Heiligen werden also durch die Wunder erwiesen und stellen in einem Heiligsprechungsprozess auch eine göttliche Sanktionierung für ein menschliches Urteil dar ...
 DI RUBERTO: Genau darin liegt die Bedeutung für Selig- und Heiligsprechungsverfahren.
Hat die Kirche das immer so gesehen?
  DI RUBERTO: Ja, immer. Den Wundern kam schon immer zentrale Bedeutung zu. Seit den ersten Jahrhunderten, als die Bischöfe vor dem Problem standen, den Kult für einen Nicht-Märtyrer zuzulassen, wurde ihr Lebenslauf und die besonderen Zeichen bedacht.  Dann, im Laufe der Jahrhunderte, wurden die Ermittlungsverfahren ausgefeilter gestaltet, bevor man zu einer Heiligsprechung schritt. Papst Urban II. bestimmte 1088, dass „keine Kandidaten in den Kanon der Heiligen aufgenommen werden können, wenn es keine Zeugen gibt, die erklären, die Wunder mit eigenen Augen gesehen zu haben und das durch die Zustimmung der Bischofssynode auch bestätigt wird”. Seit dem 13. Jahrhundert gewann der medizinisch-juridische Aspekt an Bedeutung, und mit der Schaffung der Riten- Kongregation im Jahr 1588 wurde das Ganze neu organisiert. Seither werden qualifizierte Zeugen befragt und eine ärztliches Urteil eingeholt.  Benedikt XIV. legte die Beurteilungskriterien genau fest und schuf die erste Ärzte- kammer. Diese jahrhundertelange Entwicklung floss 1917 in den Kodex des kanonischen Rechts mit ein. Aber die Prozedur hatte einen Schwachpunkt: das Fehlen einer Unterscheidung zwischen dem ärztlich-wissenschaftlichen und dem theologischen Urteil. Die Theologen mussten nämlich eine bindendes Urteil über medizinische Bewer- tungen abgeben, ohne hier kompetent zu sein. Darum schuf Pius XII. 1948 die Ärztekommission für die wissen- schaftliche Beurteilung. Seither ist die Untersuchung zweifach: ärztlicher und theologischer Art.
Worin besteht das Urteil der Ärztekommission?
   DI RUBERTO: Ihre Untersuchungen und die Schlussdiskussion geben eine Diagnose über die Krankheit ab, äußern sich zu Prognose, Therapie und deren Ergebnissen. Die Heilung muss, um als Wunder betrachtet werden zu können, von den Experten als schnell, vollständig, dauerhaft und zum derzeitigem wissenschaftlichen Stand unerklärlich beurteilt werden.
Wie setzt sich die Kommission zusammen? Sind alle Mitglieder katholische Ärzte?
  DI RUBERTO: Die Ärztekommission besteht aus fünf Fachärzten und einem Gutachter. Die Spezialisten wechseln, je nachdem, welcher klinische Fall gerade ansteht. Auch das Hinzuziehen von anderen Gutachtern, auch aus dem Ausland, ist möglich. Deren Urteil hat rein wissenschaftlichen Charakter, sie äußern sich nicht zu dem Wunder. Dabei ist es unerheblich, ob sie Atheisten sind oder anderen Religionen angehören. Einer der Gutachter, der im Falle Edith Stein hinzugezogen wurde, war, wie ich mich erinnere, ein berühmter Arzt aus Boston, ein Jude. Aber es gibt auch viele Gutachten, die von Muslimen oder Gutachtern anderer Konfessionen erstellt wurden.
Kann man etwas zu den Wundern sagen?
  DI RUBERTO: Man unterscheidet drei Arten von Wundern.
1. die Auferstehung von den Toten;
2. die Krankheit einer Person wird als unheilbar beurteilt, kann bereits Knochen oder lebenswichtige Organe be- schädigt haben; in diesem Fall hat man es nicht nur mit der vollständigen Heilung zu tun, sondern auch der völligen Wiederherstellung dieser Organe;
3. die sofortige Heilung von einer Krankheit, die die Medizin erst nach langer Zeit zustande hätte bringen können.
Auch Bekehrungen sind wundersame Ereignisse. Diese werden aber bei den Prozessen nicht berücksichtigt. Warum?
   DI RUBERTO: Niemand kann bestreiten, dass plötzliche Konversionen von Sündern oder Atheisten, wie die des guten Schächers, des Paulus, wahre Wunder sind. Aber obwohl diese Wunder wahr sind, sind sie nicht kontrollier- bar, könnten also nur schwer Beweiswert erlangen, weil es extrem schwierig wäre, diese Ereignisse zu beschrei- ben und zu definieren.
Nur die mit physischen Heilungen zusammenhängenden Wunder können also einer Prüfung unterzogen werden.
   DI RUBERTO: Nein, auch wundersame Ereignisse technischer Ordnung.
Können Sie das erklären?
   DI RUBERTO: In den Evangelien werden Wunder beschrieben wie diese: die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana oder die wunderbare Brotvermehrung. Dabei handelt es sich um Ereignisse, die wissen- schaftlich und technisch untersucht werden können, deren Unerklärbarkeit dargelegt werden kann.
Gibt es viele ähnliche Fakten?
  DI RUBERTO: Eine begrenzte Zahl. Aufsehenerregend war beispielsweise der Fall der Reisvermehrung, zu dem es in einer Armenmensa in Spanien durch Fürsprache von Fra Juan Macias kommen konnte, der 1975 heilig gesprochen wurde. Aber auch unter den jüngsten Selig- und Heiligsprechungen sind solche Fälle. Wie z.B. der des U-Boots „Pacocha”, das am 26. August 1988 bei Peru untergegegangen war. In einer Tiefe von 15 Metern, bei einem Wasserdruck von 3,8 Tonnen, gelang es dem Kommandanten, der die Hilfe der im Ruf der Heiligkeit verstorben Maria Petkovic erfleht hatte, mit extremer Leichtigkeit, die U-Boot-Tür zu öffnen und so die Besatzung zu retten. In diesen Fällen beurteilt eine ad-hoc-Kommission technischer Gutachter, das Geschehen.
Und wenn es Ungereimtheiten gibt?
  DI RUBERTO: Wenn Ungereimtheiten auftauchen, suspendiert die Kommission die Beurteilung und verlangt ande- re Gutachten und Dokumente. Wenn dann bei der Abstimmung eine Mehrheit oder Einstimmigkeit erreicht werden konnte, wird der Fall zur weiteren Überprüfung der Theologenkommission unterbreitet.
Welches spezifische Urteil geben die Theologen ab?
   DI RUBERTO: Die theologischen Fachberater sind gehen von den Schlussfolgerungen der Ärztekommission aus, erforschen den Zusammenhang zwischen den Gebeten zu dem im Ruf der Heiligkeit Verstorbenen und der Heilung oder anderen unerklärlichen Ereignissen technischer Art und geben ihr Urteil ab, dass es sich bei dem wunder- baren Ereignis um ein wahres Wunder handelt. Wenn auch die Theologen ihr Urteil zum Ausdruck gebracht und abgefasst haben, diskutiert die Kongregation der Bischöfe und Kardinäle diese Sache: jeder gibt sein Urteil ab, das dem Papst vorgelegt wird, der das Wunder bestätigt und dann verfügt, das Dekret zu veröffentlichen.
Ist es schon einmal vorgekommen,dass der Papst nach Anhörung des Urteils anders entschieden hat?
   DI RUBERTO: Es ist vorgekommen - wenn auch nicht in jüngster Zeit -, dass ein Papst einen Fall wieder aufrollen ließ. Früher war die Technik der wissenschaftlichen Untersuchung nicht so ausgefeilt und entwickelt, man hatte keine diagnostischen Mittel, keine hoch entwickelten Geräte wie die heutigen, die angemessene Garantien liefern. Außerdem war die Zahl der für die Selig- und Heiligsprechungen erforderlichen Wunder größer.
Die derzeitigen Normen legen jedoch nicht die Zahl der erforderlichen Wunder fest. Denken Sie, dass die Zahl wieder steigen könnte?
  DI RUBERTO: Die derzeitige Zahl ist eine unter Paul VI. festgelegte Praxis. Ich bin nicht der Meinung, dass man ein weiteres Wunder für die Heiligsprechung anfügen sollte. Es könnte ja sein, dass es für einen Kandidaten mehr wunderbare Ereignisse gibt, die die Voraussetzungen für einen Prozess erbringen. Zwei, für die die Beweise absolut unwiderlegbar sein sollen, dürften genügen.
Das außergewöhnliche Ereignis, das Gianna Beretta Molla zugeschrieben wird, hat sich vor weniger als vier Jahren ereignet, wurde sehr schnell anerkannt.
   DI RUBERTO: Die Ärztekommission hat sich sehr schnell einstimmig dazu geäußert, dass hier etwas Außer- gewöhnliches, wissenschaftlich Unerklärliches vorlag. Auch das Urteil der Theologen war einstimmig.
Sie waren Relator bei ihrem Heiligsprechungsverfahren . . .
   DI RUBERTO: Ihr Verfahren war von Paul VI. gewünscht worden. Er war sehr beeindruckt gewesen von dieser Frau, die Mitglied der Katholischen Aktion war, und hatte die Hingabe ihres Lebens als eine „meditierte Auf- opferung” bezeichnet.
Was hat Sie an der Geschichte des Gianna Beretta Molla zugeschriebenen Wunders am meisten beeindruckt?
   DI RUBERTO: Wenn sich ein Wunder ereignet, ziehen nicht nur die direkt Beteiligten daraus Nutzen, sondern alle Gläubigen. Das wunderbare Ereignis - dass ein Kind im Mutterleib wachsen konnte,  ohne dass da Fruchtwasser gewesen wäre - ist ein Wunder, das eng mit Leben und Werk von Gianna Beretta Molla zusammenhängt, die Mutter und Kinderärztin war. Außergewöhnlich ist auch, dass sich dieses Wunder, durch ihre Fürsprache, ebenso wie das vorherige für die Seligsprechung, in Brasilien ereignete, wo Gianna Beretta Molla in jungen Jahren als freiwillige Ärztin arbeiten wollte. Zu recht wollte das II. Vatikanische Konzil, wo von der Fürsprache der Heiligen die Rede ist, diese in der vitalen  Gemeinschaft der Liebe ausmachen,  die wir mit ihnen haben sollen, die uns Anteil geben an  ihren Verdiensten, und, indem wir sie mit jener Liebe lieben, die auf Gott zustrebt, bilden wir mit ihnen einen Leib, eine Familie, eine Kirche. StefFalasca30G0404 > Heilige Frauen

Pater Peter Gumpel SJ    cd.v.G.PPeterGumpelSJx   Relator für Heiligsprechungen

„Wir wollen den Leuten Vorbilder geben, Menschen, die mit dem Glauben im grauen Alltag des Lebens
 Ernst gemacht haben”, sagt Jesuitenpater Peter Gumpel.

  Der 83-jährige Jesuit, geboren und aufgewachsen in Hannover-Kleefeld, ist seit 24 Jahren „Relator” in der Heilig- sprechungskongregation - einer von fünf Untersuchungsrichtern, die im Vatikan das Leben potenzieller Heiliger unter die Lupe nehmen. Einer der Männer, die entscheiden, was als heilig gilt. Einen „Manager des Mysteriums” hat man ihn genannt. „Für eine Heiligsprechung ist eine Art Gerichtsverfahren nötig, nur dass am Anfang kein Verbrechen steht”, sagt Pater Gumpel. Der Weg zur Heiligkeit ist mit Formalitäten gepflastert: Wer einen Men- schen heiliggesprochen sehen will, muss sich an den Ortsordinarius des Bistums wenden. Allerdings muss der Kan- didat mindestens fünf Jahre tot sein. Nur in Fällen wie dem von Papst Johannes Paul II. macht der Vatikan mal eine Ausnahme.
   „So ein Verfahren wird nie von oben angeordnet”, sagt Gumpel. „Tausende müssen den Verstorbenen für heilig halten, sonst passiert gar nichts.” Er macht eine Pause. „Wenn irgendwo in der Kirche Gottes Stimme und Volkes Stimme eins sind, dann hier.” Das Bistum sammelt alle Schriften über den Kandidaten, stellt Aussagen von Zeit- zeugen zusammen, prüft Briefe und lässt Gutachten erstellen. Nach einigen Jahren gehen die Prozessakten, meist Tausende von Seiten, nach Rom. Übersetzte Abschriften, versiegelt und in doppelter Ausfertigung. Und dann beginnt der Prozess erst richtig.
   „Papstverfahren sind die schwierigsten”, sagt Pater Gumpel. „Es gibt Unmengen von Material, und oft gibt es Widerstand.” Wie etwa im Fall von Pius XII., dem Gegner vorwerfen, zum Holocaust geschwiegen zu haben. Pater Gumpel war mit dem Fall des Papstes befasst. Er war für dessen Seligsprechung - so nennt man die Vorstufe zur Heiligsprechung, mit der Rom schon einmal die lokale Verehrung eines Heiligkeitskandidaten genehmigt, etwa in dessen Heimatbistum. „Im Mai haben sich 13 Kardinäle aus sechs Ländern für die Seligsprechung von Pius XII. ausgesprochen”, sagt er. Jetzt muss der Papst entscheiden, der immer die letzte Instanz des Verfahrens ist.
  Hunderte Fälle bearbeitet die Kongregation derzeit, die meisten ziehen sich über Jahre hin. Ein Beauftragter, früher „Advocatus diaboli” (Anwalt des Teufels) genannt, muss dabei die Heiligkeit des Kandidaten anfechten. Kommissionen von Historikern, Theologen und am Ende von Kardinälen untersuchen den „heroischen Tugend- grad” eines Heiligen im Wartestand, ehe der Papst diesen für „venerabilis” erklärt, für „verehrungswürdig”.
 Als Krönung braucht es für die Seligsprechung allerdings noch etwas atemberaubend Anachronistisches: ein Wun- der, postmortal bewirkt vom Heiligen. Nur bei Märtyrern verzichtet der Vatikan auf diesen Fingerzeig von oben. „Es liegt eine gewisse Bescheidenheit darin, dass wir trotz genauer Untersuchungen noch eine Bekräftigung von Gott verlangen”, sagt Pater Gumpel.
   Mutter Teresa zum Beispiel wurde 2003, sechs Jahre nach ihrem Tod, die schnellste Seligsprechung der Neuzeit zuteil: Zuvor war eine junge Inderin von einem Tumor genesen. Sie hatte zur Verstorbenen gebetet, bei Gott ein gutes Wort für sie einzulegen. Heilige sind für Katholiken schließlich auch Fürsprecher, mit deren Hilfe man beim Höchsten antichambrieren kann. Die Heiligsprechung der inzwischen seligen Mutter Teresa stockt unterdessen. Nicht, weil Dokumente aufgetaucht sind, die belegen, wie wenig die Ordensfrau den Allmächtigen oft spürte („In mir ist kein Gott”). Dem Vernehmen nach fehlt es schlicht am nächsten Wunder, damit der Papst sie in einer feierlichen Zeremonie auf dem Petersplatz kanonisieren und somit ins offizielle Heiligenverzeichnis aufnehmen kann.
   Oft fürchten gerade katholische Mediziner, ihren guten Ruf mit einem „Wunderattest” zu ruinieren. „Dabei müs- sen sie nur erklären, dass eine solche Heilung nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft nicht erklärbar ist”, sagt Pater Gumpel. Allerdings würde auch er selbst lieber auf die Wunder verzichten:  Eines Tages, als der Jesuit aus Hannover mit Papst Johannes Paul II. beim Mittagessen saß, schlug er diesem vor, nicht länger auf Wunder zu bestehen. Der betagte Papst hörte aufmerksam zu, dann sagte er: „Bereden Sie das mit meinem Nachfolger.” Wer will schon als der Papst in die Geschichte eingehen, der die Wunder abgeschafft hat? „Ich glaube sehr wohl an Wunder”, sagt Gumpel. „Aber in armen Ländern gibt es nicht die modernen Geräte, um Heilungen zu untersuchen - und wir dürfen die Dritte Welt nicht benachteiligen.”
   Zum Management des Mysteriums gehört auch politischer Proporz: Jeder Orden, jedes Bistum, jedes Land drängt zuerst darauf, seine eigenen Vertreter zur Ehre der Altäre zu erheben. Und die Kosten des Verfahrens mit all seinen Medizinerhonoraren und Übersetzungsarbeiten trägt der Antragsteller. Ein Fonds unterstützt arme Regi- onen. „Fälle von Laien haben heute Priorität”, sagt Pater Gumpel. „Große Orden habe meist Vertreter in Rom, die das Verfahren voranbringen können - Laien nicht.
   Das Verfahren war nicht immer so kompliziert. In den Anfangsjahren des Christentums war einfach heilig, wer als heilig verehrt wurde. Zunächst waren das nur Märtyrer und später, als diese mangels fortgesetzter Christenverfol- gung ausblieben, auch Asketen und Eremiten, Wundertäter und Menschenfreunde. So entstanden ungezählte Kulte, die teils auch miteinander verschmolzen. Vor genau 400 Jahren fasste der niederländische Jesuit Heribert Rosweyde den Plan, in akribischer Kleinarbeit alle Heiligenviten zu sammeln. Es dauerte Jahrzehnte, bis 1643 der erste Band seiner „Acta Sanctorum” erschien. Seitdem stockte die Arbeit immer mal wieder, doch bislang haben Jesuiten in 68 Bänden Tausende von Kulten wissenschaftlich aufgearbeitet. Fertig sind sie noch lange nicht.
   Einen offizielleren Touch bekamen Heiligsprechungen erst im Mittelalter: Der verblichene Bischof Ulrich von Augs- burg wurde im Jahr 993 als Erster vom Papst kanonisiert, und allmählich zog Rom das alleinige Recht für Heilig- sprechungen an sich. Dabei bot just der Kult um die Heiligen den Kritikern immer wieder Angriffsflächen: Luther etwa lehnte es strikt ab, zu ihnen zu beten: „Über die Heiligen hat die Heilige Schrift nichts”, befand er - Jesus allein sollte Mittler zu Gott sein. Allerdings mäßigte Luther den Eifer der Bilderstürmer, die alle Heiligenstatuen zerschlagen wollten, und auch als Vorbilder im Glauben hielt er die Heiligen für nützlich: „Nehest der Heiligen Schrifft ist ja kein nutzlicher Buch für die Christenheit denn der lieben Heiligen Legenden”, befand er - denn dies „sterckt die schwach gleubigen”.
  Später entzauberten Aufklärer die Welt, wissenschaftliche Textkritik verwies so manche Heiligenvita ins Reich der Legenden. Doch als der aufgeklärte Monarch Joseph II. im 18. Jahrhundert in Österreich einige Heiligenkulte eindämmen wollte, brachen erregte Bauern geschlossene Kapellen mit Gewalt auf und verprügelten Beamte der „Religions-Polizey”. Beim Volk erfreuten sich die Heiligen ungebrochener Beliebtheit. Das änderte sich erst im ver- gangenen Jahrhundert: Auch manchem Katholiken, zumindest in Westeuropa, wurden die religiösen Heiligenkulte jetzt peinlich.  Ausgerechnet in einer Zeit, da deren Erscheinungsformen im säkularen Gewande zurückkehrten. Wie im Fall von Elvis, dem der Vatikan die Heiligsprechung verwehrte. Hoffnung bleibt dessen Fans dennoch - zumal die Kirche in der Konstitution Lumen Gentium (Licht der Völker) 1964 erklärt hat, dass alle Menschen „zur Heiligkeit berufen” seien, nicht nur wenige Auserwählte. Und alljährlich am 1. November gedenkt die katholische Kirche aller Heiligen, also auch derer, „um deren Heiligkeit niemand weiß außer Gott”. HAZ071027

cdSaraivaMartins-x    Der Ruf der Heiligkeit soll spontan sein, nicht künstlich

   Kardinal Saraiva Martins, Foto oben Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, kom- mentiert das Schreiben des Papstes anlässlich der jüngsten Vollversammlung seines Dikasteriums, bei der auch über die Themen Wunder und Martyrium diskutiert wurde.
  Die Ausarbeitung einer „Instruktion für die Durchführung der diözesanen Untersuchung bei Heiligsprechungs- prozessen”, „Das Wunder in Selig- und Heiligsprechungsprozessen”, „Martyrium, Gabe des Geistes und Erbe der Kirche aller Zeiten”. Diese drei Themen wurden bei der Vollversammlung der Kongregation für die Selig- und Heilig- sprechungsprozesse im Vatikan besprochen. Der Papst ließ den Teilnehmern ein Schreiben zukommen, das der portugiesische Kardinal Jose Saraiva Martins - seit 1998 Präfekt des Dikasteriums - in einem Interview erläuterte. „Der Heilige Vater Benedikt XVI.”, erzählt der Kardinal „wollte mit dieser Botschaft seine Hoffnung auf eine gute und fruchtbare Arbeit zum Ausdruck bringen. Es ist ein überaus wichtiger Text; Themen von großer Bedeutung, die für die komplexe Arbeit der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse im derzeitigen kirchlichen, sozialen und kulturellen Kontext überaus wichtig sind.”
In seiner Botschaft brachte der Papst vor allem seine Zufriedenheit über die Arbeit der Kongregation zum Ausdruck...
JOSE SARAIVA MARTINS
: Der Papst hat seine Empfindungen der Wertschätzung und Dankbarkeit für den Dienst, den diese Kongregation der Kirche leistet, indem sie die Selig- und Heiligsprechungsprozesse fördert, zum Ausdruck gebracht. „Die Heiligen sind die wahren Lichtträger der Geschichte, weil sie Menschen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sind”, wie er selbst in seiner ersten Enzyklika Deus Caritas est Nr. 40 schrieb. Gerade des- halb hat die Kirche - wie der Papst anfügte - von Anfang an ihr Andenken und ihre Verehrung hoch in Ehren gehalten und im Laufe der Jahhunderte den Verfahren, welche die Diener Gottes zur Ehre der Altäre führen, immer wachsamere Aufmerksamkeit gewidmet.
Das erste behandelte Thema war die Rolle der Diözesanbischöfe bei der Durchführung der diözesanen Unter- suchung bei Heiligsprechungsprozessen...
   Die Diözesanbischöfe sind gerufen, vor Gott coram Deo darüber zu befinden, welche Verfahren eingeleitet zu werden verdienen. Zu diesem Zweck müssen sie insbesondere abwägen, ob die Kandidaten für die Ehre der Altäre tatsächlich im dauerhaften und weitverbreiteten Ruf der Heiligkeit und der Wunder oder des Martyriums stehen; ob sie es also verdienen, auf den Leuchter gestellt zu werden, um „allen im Haus” zu leuchten Mt 5,15.
  Um eben diese Unterscheidung zu fördern, hat uns der Papst gebeten, eine geeignete „Instruktion für die Durch- führung der diözesanen Untersuchung bei Heiligsprechungsprozessen” auszuarbeiten.
Es hat den Anschein, dass die Diözesen dazu tendieren, möglichst viele Seligsprechungskausen einzuleiten...
   Der Papst hat die umsichtige Gesetzgebung Urbans VIII. in Erinnerung gerufen, den Codex des Kanonischen Rechtes von 1917, der beschrieben hat, wie dieser Ruf der Heiligkeit zu sein habe: „spontan, nicht künstlich auf- gebaut oder durch Eifer, von würdigen und namhaften Personen kommend, kontinuierlich, im Laufe der Zeit ge- wachsen und gegenwärtig beim Großteil des Volkes lebendig” can. 2050, § 2. Und nicht nur das. Der Papst wollte auch klarstellen, dass kein Selig- und Heiligsprechungsprozess eingeleitet werden kann, wenn ein nachge- wiesener Ruf der Heiligkeit fehlt, selbst wenn es sich um Menschen handelt, die sich durch Treue zum Evangelium und besondere kirchliche und soziale Verdienste ausgezeichnet haben.
Das zweite Diskussionsthema der Vollversammlung war: „Das Wunder in Selig- und Heiligsprechungspro- zessen”.
   Der Heilige Vater hat diesbezüglich herausgestellt, dass der „Amtsweg”, der zur Kanonisierung führt, bekanntlich schon seit der Antike den Nachweis der Tugenden verlangt sowie der Wunder, die der Fürsprache des Kandidaten für die Ehre der Altäre zugeschrieben werden. Die Wunder versichern uns nicht nur, dass der Diener Gottes im Himmel in Gemeinschaft mit Gott lebt, sondern sind auch eine göttliche Bestätigung des Urteils, das die kirchliche Autorität über sein tugendhaftes Leben zum Ausdruck gebracht hat. Mit anderen Worten: die Wunder sind wie das Siegel, das Gott der Person aufdrückt, die zur Ehre der Altäre erhoben werden soll und mit dem er ihre Heiligkeit garantiert.

Kongregation für Heiligsprechungen bekräftigt geltende Normen für Seligsprechungsprozesse
in den Diözesen. Das Volk hat das erste Wort.

   Auf fünfzig Seiten hat die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen nochmals genau dargelegt, wie der kirchliche Prozess abzulaufen hat, der heiligmäßige Menschen nach ihrem Tod zur Ehre der Altäre führt.
   Der Präfekt der Kongregation, Kardinal Jose Saraiva Martins Foto oben, stellte den Text mit dem Titel „Sanctorum Mater -Mutter der Heiligen” vor und hatte eher am Rande Interessantes zu berichten.  So werde es beim Seligsprechungsverfahren für Johannes Paul II. keine Ausnahmen und somit auch kein „Santo subito” geben: „Benedikt XVI.”, meinte der Kardinal, „hat 2005 eine schnelle Aufnahme des Verfahrens erlaubt, und der Prozess geht nun regulär weiter.” Was übrigens auch für den ermordeten Erzbischof Oscar Romero gilt. Hierzu gab der Präfekt bekannt, dass man daran arbeite, absolute Sicherheit darüber zu gewinnen, mit welchem Motiv der damalige Erzbischof von San Salvador umgebracht worden sei, sagte Saraiva Martins. Um als Märtyrer verehrt zu werden, müsse er aus „Hass gegen den Glauben” ermordet worden sein. Im Fall Romero seien politische und soziale Motive derzeit noch nicht auszuschließen. Der Vatikan werde aber in jedem Falle versuchen, den Seligsprechungsprozess Romeros weiterzuführen.
   Das Schreiben erinnert die Diözesen an die Normen für Seligsprechungen, die Papst Johannes Paul II. 1983 in der Apostolischen Konstitution Divinus perfectionis Magister niedergelegt hat. Die neue Instruktion sei notwendig geworden, erklärte Kardinal Saraiva Martins, weil es sich 25 Jahre nach der Veröffentlichung der aktuell geltenden Bestimmungen gezeigt habe, dass einige Richtlinien in manchen Diözesen nicht immer verstanden und nicht immer mit der gebotenen Genauigkeit in die Praxis umgesetzt worden seien. Dadurch habe sich für die Kongregation die Notwendigkeit ergeben, Klärungen zu liefern und die diözesanen Kurien aufzufordern, Irrtümer zu korrigieren. Die diözesane Phase eines Seligsprechungsprozesses so der Kardinal, bestehe nicht nur darin, Texte und Zeugnisse zu sammeln, sondern müsse auch zu konkreten Urteilen führen. So sei es für einige nicht klar gewesen sei, dass der Ortsbischof verpflichtet sei, den Ruf der Heiligkeit oder des Martyriums „fama sanctitatis vel martyrii"streng und genau zu überprüfen, erklärte Saraiva Martins.
   Dies bedeute, dass der Prozess nur eröffnet werden dürfe, wenn es unwiderlegbare Beweise dafür gebe, dass der Diener Gottes bei einer größeren Anzahl von Gläubigen im Ruf der Heiligkeit oder des Martyriums stehe. Der zweite Teil der Instruktion beschreibt die dem Prozess vorausgehenden Phasen bis zur Erlangung des „Nulla obstat”durch die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen.
   Wie der Präfekt weiter sagte, gehe es nicht darum, ein strengeres Verfahren bei den Seligsprechungen einzuführen und deren Zahl zu begrenzen. Ziel sei es allein, die geltenden Normen getreuer zu beachten. „Wir wollten die Bischöfe an ihre Aufgabe erinnern und dabei natürlich vor allem an die nötige Sorgfalt”, sagte Saraiva Martins. „Denn es handelt sich um eine sehr ernsthafte Angelegenheit für das Leben der Kirche. Die Kirche ist nur an der historischen Wahrheit interessiert, daran hat Papst Benedikt XVI. kürzlich erst in einer Vollversammlung unseres Dikasteriums erinnert.”
   Die Verehrung der Kandidaten für die Selig- und Heiligsprechung müsse „spontan” entstehen, meint der Kardinal: „Das heißt, sie muss von den Gemeinden ausgehen, von den Gläubigen, das ist äußerst wichtig. Denn ohne diesen Ruf der Heiligkeit, der sich sozusagen von alleine unter den Gläubigen in den Gemein- den ausbreitet, kann der Bischof keinen Seligsprechungsprozess beginnen, selbst wenn er wollte.
   Es müssen also die Gläubigen sein und die Gemeinden, die zum Bischof sagen: Unserer Meinung nach ist dieser Christ, dieser Diener Gottes, wirklich heilig für uns!” Damit würde die Kirche eine bereits bestehende Verehrung also nur bestätigen. „Heute wird viel über die Rolle der Laien in der Kirche geredet”, fügte Kardinal Saraiva Martins an. „Hier haben wir einen Fall, wo es aus kirchlicher Sicht die Laien sind, die den ersten Schritt tun. Der Bischof tut anschließend nichts anderes, als zu überprüfen, ob dieser Ruf begründet ist, um anschließend die Untersuchung nach Rom weiterzuleiten. Die Hauptrolle bei einer Seligsprechung spielen immer die Gläubigen.” DTGHorst080221

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Foto: Benedikt XVI. am Ende der Seligsprechungszeremonie von  Charles De Foucauld,
Maria Pia Masrena und Maria Crocifissa Curcio, unter Vorsitz von Kardinal Jose Saraiva Martins,
bei der Inzensation der Reliquien der neuen Seligen (13. November 2005).

Was halten Sie von der Hypothese, dass außer den physischen Wundern auch die moralischen in Betracht ge- zogen werden könnten?
   Dazu hat der Papst klare Anweisungen gegeben: „Man muss sich außerdem darüber im Klaren sein, dass die ständige Praxis der Kirche ein ,physisches’ Wunder für notwendig erachtet, und ein Wunder im moralischen Bereich nicht ausreicht.”
Das dritte Thema, mit dem sich die Mitglieder der Vollversammlung beschäftigen, betraf das „Martyrium, Gabe des Geistes und Erbe der Kirche aller Zeiten” vgl. Lumen gentium, Nr. 42.
  Die Kirche hat den Purpur des Martyriums in der Geschichte niemals abgelegt. Der Papst stellte diesbezüglich treffend fest: „Wenn auch die Ursache, die der Antrieb zum Martyrium ist, unverändert bleibt, da sie in Christus ihre Quelle und ihr Vorbild findet, so haben sich doch der kulturelle Kontext des Martyriums und die Vorgehens- weisen, seitens derer, die verfolgen ex parte persecutoris gewandelt: Der Verfolger versucht immer seltener, seine Abneigung gegen den christlichen Glauben oder gegen ein mit den christlichen Tugenden verbundenes Ver- halten explizit zum Ausdruck zu bringen, sondern er täuscht andere Gründe vor, die beispielsweise politischer oder gesellschaftlicher Art sein können.” „Ohne dieses Element”, schließt der Papst „gibt es nach der immerwährenden theologischen und juridischen Lehre der Kirche kein echtes Martyrium. In Bezug auf die seligen und heiligen Mär- tyrer und gemäß der Lehre Benedikts XIV. muss der Begriff des ,Martyriums’ verstanden werden als “das freiwillige Erdulden des Todes oder seine Akzeptanz (Toleranz) aufgrund des Glaubens an Christus, oder ein anderer, auf Gott bezogener Akt der Tugend” Dies ist die ständige Lehre der Kirche.
Heißt das, dass für jenes theologische Denken, das das Konzept des „Martyriums der Nächstenliebe” ein- führen möchte, kein Platz ist?
   Das steht wohl außer Frage.
In seiner Botschaft erinnert Benedikt XVI. auch an die neue Prozedur bei den Seligsprechungsriten.
   Am Ende seiner Botschaft spricht der Papst die Verfahrensdurchführung bei den Seligsprechungsriten an. Diese Innovation, die der Papst schon zu Beginn seines Pontifikats einführte, ist überaus wichtig. Sie zielt darauf ab, „bei der Gestaltung der Feier den substantiellen Unterschied zwischen Seligsprechung und Heiligsprechung stärker hervorzuheben und die Teilkirchen sichtbarer in die Zeremonien zur Seligsprechung einzubeziehen, unbeschadet der Tatsache, dass es nur dem römischen Papst zusteht, die öffentliche Verehrung eines Dieners Gottes zu er- lauben.”
   Repräsentiert wird der Heilige Vater bei den Seligsprechungszeremonien bekanntlich vom Präfekten der Kongre- gation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse. 30GiorniGianniCardinale0606

aepAngeloAmato     Ein Salesianer macht Heilige:  Erzbischof Angelo Amato

Erzbischof Angelo Amato wird Nachfolger von Kardinal Saraiva
   Der bisherige Sekretär der Glaubenskongregation, der siebzig Jahre alte Salesianer und Erzbischof Angelo Amato wird Nachfolger von Kardinal Jose Saraiva Martins an der Spitze der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen. Diese Ernennung durch Papst Benedikt XVI. gab der Vatikan bekannt.
   Unter Kardinal Joseph Ratzinger hat der Erzbischof an der vatikanischen Glaubenskongregation gearbeitet. Amato hatte als Sekretär der Kongregation 2003 den Salesianer Tarcisio Bertone beerbt, der als Erzbischof nach Genua ging, heute aber Kardinalstaatssekretär ist.

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Sieben große Heilige: St. Franziskus und St. Martin, St. Katharina von Siena und St. Ignatius von Loyola,
St. Edith Stein, St. Thomas von Aquin und St. Elisabeth von Thüringen

Franziskus
   Franz von Assisi (1181-1226), Sohn eines reichen Händlers, war ein Aussteiger. Die Kirchenfürsten seiner Zeit schwelgten in Genüssen, er lebte freiwillig in Armut, weil er Jesus nahe sein wollte. Mitten in einem Religionskrieg zwischen Christen und Muslimen diskutierte er mit dem feindichen Sultan. Schon zu Lebzeiten wurde der Bettel- ordengründer, der Gott in der Natur suchte, als „zweiter Christus” verehrt. Neben Katholiken bewundern ihn heute auch Italienurlauber, Pazifisten und Sozialarbeiter und natürlich auch der Papst - er wählte seinen Namen..
Martin
   Weil er vor 1600 Jahren seinen Mantel mit einem Bettler teilte, gibt es heute in unzähligen Kindergärten Laternenumzüge zu seien Ehren. St. Martin war römischer Offizierssohn und wurde widerwillig selbst Soldat. Später wurde er - ebenfalls widerwillig - Bischof von Tours. Er wurde Christ, weil Jesus ihm im Traum als der Bettler erschien und für die Mantelhälfte dankte. Später wurde Martin der erste Heilige, der keinen Märtyrertod gestorben war.

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Katharina von Siena
   Ursula von der Leyen hätte ihre Freude an dieser Familie gehabt: Katharina von Siena wurde 1347 als 24. Kind eines Pelzfärbers geboren. Die Mystikerin schloss sich dem Dominikanerorden an, lebte jedoch nicht zurück- gezogen, sondern wirkte - damals höchst ungewöhnlich für eine Frau - politisch: Kraft ihres Intellekts beriet sie bald Mächtige aus ganz Europa. Sie überzeugte 1376 sogar Papst Gregor XI., aus dem Exil in Avignon nach Rom zurückzukehren. Vielen Katholiken gilt sie heute als bedeutendste Frau des Christentums.
Ignatius von Loyola
   Bekehrungserlebnisse gehören zu Heiligenviten wie die Entlarvung des Täters zum Krimi: Der baskische Adels- spross wollte Kriegsheld werden, wurde aber verwundet und fand auf dem Krankenlager zum Glauben. Er grün- dete 1534 den Jesuitenorden, der gegen die Reformation kämpfte - deshalb gilt er bis heute als ebenso ge- schichtsmächtig wie umstritten. Die Jesuiten waren nicht nur besonders papsttreu, sondern auch besonders ge- bildet, was sie per se verdächtig macht. Oft wurde der Orden verboten. In der gründlichen Schweiz blieb er es sogar bis 1973.

St.EdithStein-x       St.Thomas-vAquin--x       Elisabet,TilmannRiemenschne

Edith Stein
   Sie wurde 1891 in Breslau geboren, war fromme Jüdin, bekannte sich dann aber zum Atheismus. Edith Stein stu- dierte Philosophie, unter anderem in Göttingen, wo sie sich erfolglos um eine Habilitation bemühte. Nachdem sie sich mit der heiligen Mystikerin Theresa von Avila beschäftigt hatte, wurde sie katholisch - und Nonne. Vergeblich drängte sie 1938 den Vatikan, gegen die Judenverfolgung einzuschreiten. Sie wurde 1942 in Auschwitz  ermordet. Der Papst sprach sie 1998 heilig, was Feministinnen und Juden teils als Vereinnahmung kritisierten.
Thomas von Aquin
   Als er 1244 in den Dominikanerorden eintrat, war seine Familie entsetzt. Angeblich sollen sie ihn ein Jahr lang im Schlossturm gefangen gehalten und ihm junge Mädchen zugeführt haben, um ihn umzustimmen - vergeblich. Thomas von Aquin wurde ein Jahrtausendtheologe. Einer der wichtigsten Philosophen aller Zeiten. Der Mann, der Aristoteles wiederentdeckte und gewissermaßen „taufte”. Metaphysik und Ontologie, Ethik und Logik - Thomas hatte zu allem etwas Kluges und vor allem viel zu sagen. Er hinterließ so viele Schriften, dass man vermutet, er habe ständig drei bis vier Sekretären simultan diktiert.
Elisabeth von Thüringen
   Ihre guten Taten wurden oft als betuliche Mildtätigkeit verkitscht, dabei verstieß sie radikal gegen die Konven- tionen ihrer Zeit. Die ungarische Königstochter verschrieb sich mit 15 Jahren dem Armutsideal. Sie gründete ein Hospital nahe der Wartburg und pflegte eigenhändig Kranke. Als missgünstige Schwäger sie von der Burg warfen, gründete sie ein Hospital in Marburg. Ausgezehrt von der Arbeit starb die Mutter dreier Kinder mit nur 24 Jahren. Zu ihrem 800. Geburtstag erinnerten Ausstellungen auf der Wartburg und in Marburg an sie.  HAZ071027

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   Johannes Paul II. hat die Medien eingesetzt für seine Botschaft wie vor ihm kein anderer Papst. Ausdrücklich er- innerte Kardinal Ratzinger nicht nur an die über 100 Auslandsreisen des langjährigen Oberhaupts der Kirche, aus- drücklich verweist er auf dessen politische Rolle, auf seine kompromisslose Friedenspolitik, seinen Kampf gegen Ausbeutung. „Er hat ein tiefes Zeichen in der Geschichte der Kirche und der Menschheit hinterlassen”, ruft Ratzinger über den Petersplatz.
   Seit  Jahren nun strömen die Pilger in Massen nach Rom. Niemand weiß genau, wie viele Hunderttausende gekommen sind. Über zehn Millionen Menschen haben seit dem Tode von Johannes Paul II. das schlichte Grab unter dem Petersdom besucht, gleich neben der Grabstätte des Apostels Petrus. Im April 2014 wurde er zusammen mit Papst Johannes XXIII. heiliggesprochen. HA060403

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   Nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. kommen mehr Besucher zu seinem Grab als zum römischen Kolos- seum. An Spitzentagen pilgerten zwanzigtausend Menschen zur Gruft unter dem Petersdom, sagte der General- vikar der Basilika, Angelo Comastri, der Tageszeitung „II Messaggero“. An normalen Werktagen seien es zwischen zwölf- und fünfzehntausend. Vor dem Tod des Kirchenoberhaupts aus Polen hätten täglich nur einige hundert Personen die Grablege der Päpste besucht. Generell sei das Besucherinteresse am Vatikan gestiegen, zitiert die Zeitung Comastri. Ebenfalls mehr Besucher gebe es beim sonntäglichen Angelus-Gebet mit dem Papst und bei den Generalaudienzen am MittwochknaDT060307

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   Benedikt XVI. lässt aufhorchen: Er will seinen Vorgänger Papst Johannes Paul II. möglichst früh selig sprechen. Schon an seinem Todestag forderten viele auf dem Petersplatz die sofortige Heiligsprechung “Santo subito” Foto oben links. Es soll keiner sagen, der neue Papst besitze keinen Sinn für Zeichen und für Zeiten: Am 13. Mai 1981 wäre Johannes Paul II. als Ziel eines Attentats beinahe den Märtyrertod gestorben Foto oben rechts.   

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Wunderheilung auf Fürbitte von Papst Johannes Paul II.? Sr. Marie-Simon-Petrus Foto rechts von Parkinson geheilt! „Das ist etwas sehr Starkes, das mit Worten schwer zu erklären ist”, sagt Sr. Marie-Simon-Pierre.

Französische Ordenssschwester litt wie Papst Johannes Paul II. unter der Parkinson-Krankheit. Sie sagt: “Johannes Paul II. hat mich geheilt”. Ob es sich um ein Wunder handelt, muss jetzt der Papst klären.

  Die französische Nonne Marie-Simon-Pierre hat ihren festen Glauben an eine Heilung durch den verstorbenen Papst Johannes Paul II. bekundet. Die bei ihr festgestellte Parkinson-Krankheit sei 2005 nach Gebeten an den kurz zuvor verstorbenen Heiligen Vater über Nacht verschwunden, sagte die 46jährige in Aix-en-Provence. „Johan- nes Paul II. hat mich geheilt.” Nun müsse sich die Kirche dazu äußern und entscheiden, ob das als Wunder ein- zustufen sei. Der Vatikan hatte mitgeteilt, dass die Heilung der Nonne für das Verfahren der Seligsprechung von Johannes Paul II. ausgewählt worden sei.
  „Das ist das Werk Gottes auf Fürbitte von Johannes Paul II.”, sagte die in weiße Tracht gekleidete Ordens- schwester sichtlich bewegt, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Für sie sei ihre Genesung „ein Rätsel”, so Marie-Simon-Pierre, die aus einer Familie von praktizierenden Katholiken mit fünf Kindern aus der Diözese Cambrai in Nordfrankreich stammt. Zur Zeit der Heilung arbeitete sie für den Orden der kleinen Schwestern in der Entbin- dungsstation Etoile in Puyricard in der Nähe von Aix-en-Provence. Die medizinisch unerklärliche Heilung trug sich nach Angaben der Schwester in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 2005 zu. Drei Jahre zuvor sei bei ihr Parkinson diagnostiziert worden - dieselbe Krankheit,  unter der auch Johannes Paul II. litt.  Nach und nach wurden laut Marie-Simon-Pierre ihr linker Arm und ihr linkes Bein von starkem Zittern befallen. Vom 2. April 2005 an - dem Todestag von Johannes Paul II. - habe sich ihr Zustand weiter verschlechtert, hatte die Nonne an den Vatikan ge- schrieben. „Ich sah mich schwinden, ich konnte nicht mehr schreiben.”
   Am 2. Juni habe sie deshalb ihre Oberin gebeten, sie von ihren Aufgaben zu entbinden. Wie die französische Zeitung „La Croix” berichtete, bat diese sie, noch durchzuhalten. „Johannes Paul II. hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen”, habe die Vorgesetzte gesagt. Laut der katholischen Zeitung hatte der ganze Orden zuvor tagelang für eine Heilung auf Fürsprache durch den verstorbenen Papst für Marie-Simon-Pierre gebetet. In der Nacht habe sie dann plötzlich wieder schreiben können, sagte Marie-Simon-Pierre am Freitag. „Ich habe eine Schwester getroffen ... und habe ihr meine linke Hand gezeigt: ,Schau meine Hand an, sie zittert nicht mehr'.” Sie könne nicht wirklich beschreiben, was sie damals gefühlt habe, sagte die klein g wachsene Frau. „Das ist etwas sehr Starkes, das mit Worten schwer zu erklären ist.”
  Ob es sich tatsächlich um ein Wunder handelte, muss nun Papst Benedikt XVI. entscheiden. Marie-Simon-Pierre, die wieder in einer Pariser Entbindungsstation arbeitet, wollte jetzt keine weiteren Details zu ihrem Leben preis- geben. Sie hält sich zur Zeit in Rom auf, um dort am Abschluss des zweiten Teils des Seligsprechungsverfahrens für Johannes Paul II. teilzunehmen. Laut der Diözese Aix-en-Provence wurde ihr Fall im Rahmen des ersten Teils von der Kirche in Frankreich ein Jahr geprüft. Papst Benedikt XVI. hatte im Mai 2005 die Seligsprechung seines Vorgängers eingeleitet. Gewöhnlich wartet der Vatikan mit der Eröffnung eines solchen Verfahrens fünf Jahre. Nochmals deutlich länger würde eine Heiligsprechung dauern. Bei Johannes Paul II. strebt der amtierende Papst aber eine Verkürzung des Verfahrens an. AFPdpaHA070331

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Ordensschwester geheilt von Parkinsonscher Krankheit

   Wie eine zweite Geburt sei es gewesen, eine vollständige Verwandlung des Körpers: Lächelnd und mit klarer Sprache schilderte die französiche Ordensschwester, deren medizinisch nicht erklärbare Heilung Johannes Paul II. der Seligsprechung näherbringen soll, öffentlich ihr Schicksal. Sie habe wie der Papst an der Parkinsonschen Krankheit gelitten, sagte Marie-Simon-Pierre in Aix-en-Provence. Zwei Monate nach dessen Tod seien die Sym- ptome auf unerklärliche Weise verschwunden.
   Ein Wunder? Es sei Aufgabe der katholischen Kirche, dies zu entscheiden, erklärte die Ordensschwester. Ihr Fall könnte für eine Seligsprechung Johannes Pauls entscheidend sein. Die eigentlich unheilbare Parkinsonsche Krank- heit sei bei ihr im Jahr 2001 diagnostiziert worden, sagte die Geheilte. Besonders schwer sei die linke Seite betroffen gewesen, der Arm habe schlaff am Körper gehangen. Ostern 2005 habe sie es nicht ertragen können, die Auftritte des schwer leidenden Papstes im Fernsehen zu verfolgen. „Ich sah in ihm mein eigenes Schicksal.”
   Marie-Simon-Pierre gerät ins Stocken. „Am 2. Juni konnte ich nicht mehr und bat um die Befreiung von meinem Dienst”, fährt sie fort. „Aber die Ordensoberin sagte mir, ich solle noch durchhalten, Johannes Paul habe sein letztes Wort noch nicht gesprochen.” Ein Versuch, mit ihrer zitternden Hand seinen Namen aufzuschreiben, scheitert.
   Doch die Stunde der Schicksalswendung hat geschlagen: Nach dem Abendgebet habe sie erneut zum Stift gegriffen,  einer inneren Stimme folgend. „Es war sehr merkwürdig, die Schrift war lesbar.” Um vier Uhr wachte sie auf. „Ich fühlte mich vollständig verwandelt.” Zittern und Schmerzen seien aus ihrem Körper gewichen. „Es war eine Gnade, Johannes Paul II. hat mich geheilt.” APTobiasSchmidtNOZ070331

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Papst Johannes Paul II. (1920-2005) wurde am 1. Mai 2011 in Rom selig gesprochen

   Der Seligsprechungsprozess für den Papst aus Polen, der nach 27 Amtsjahren im Jahr 2005 starb, ist damit in Rekordzeit zu Ende gegangen. Benedikt XVI., der direkte Nachfolger Johannes Pauls, hatte schon kurz nach seiner Wahl die Wartefrist für die Aufnahme des Verfahrens von den eigentlich üblichen fünf Jahren auf nur drei Monate verkürzt. Der Papst hat auch ein Wunder anerkannt, das der Fürsprache Johannes Pauls zuzuschreiben ist.
   „Dieses Dekret über die wundersame Heilung der Ordensfrau Marie Simon Pierre Normand wird am meisten Resonanz haben in der Kirche und in der Welt.“ Das sagt der Präfekt der Vatikan-Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen, Kardinal Angelo Amato. „Das Wunder geschah einige Monate nach dem Tod des großen Papstes. Das Dekret öffnete den Weg zur Seligsprechung, die hier in Rom erfolgte – am 1. Mai, dem ersten Sonntag nach Ostern, dem Fest der Göttlichen Barmherzigkeit.“
  Dieses Fest hatte der verstorbene Papst Wojtyla selbst eingeführt, bei der Heiligsprechung der von ihm besonders verehrten polnischen Mystikerin und Ordensfrau Faustina Kowalska (1905-38) im „Heiligen Jahr“ 2000. Mehr noch: Am Vorabend dieses Festes war Johannes Paul im April 2005 verstorben. Kein Seligsprechungs- verfahren ist bislang in der Kirchengeschichte so schnell ans Ziel gekommen wie das für Johannes Paul: Der große alte Mann aus Wadowice überholte damit posthum Mutter Teresa, die er selbst 2003 ins Buch der Seligen ein- schrieb.
   „Man muss sofort dazusagen, dass es bei diesem Prozess zwei Vereinfachungen gab“, erläutert Kardinal Amato: „Die eine war die päpstliche Dispens von der eigentlich geltenden Fünf-Jahres-Frist für die Aufnahme des Verfahrens, und die zweite war es, diesem Verfahren Priorität zu geben, so dass es nicht auf die Warteliste rutschte. Was allerdings die Genauigkeit und Strenge der Prozeduren betrifft: Da wurde kein Auge zugedrückt. Das Verfahren wurde durchgeführt wie alle anderen, mit allen Schritten, die von den Normen der Heiligen-Kon- gregation vorgeschrieben sind. Man kann sogar sagen, dass das Verfahren ganz besonders genau geführt worden ist, um wirklich jeden Zweifel zu zerstreuen und jede Schwierigkeit zu überwinden.“
   An solchen Zweifeln und Schwierigkeiten hat es denn unterwegs auch nicht gefehlt. So wurde den Verantwort- lichen des Verfahrens in einigen Zeitungen vorgehalten, sie hätten wichtige Papstmitarbeiter, etwa den heutigen Doyen des Kardinalskollegiums, Kardinal Angelo Sodano, nicht angehört. Andere monierten, der verstorbene Papst sei zu nachsichtig gewesen mit dem umstrittenen Gründer der „Legionäre Christi“, Marcial Maciel Degollado (1920- 2008) und habe in seinen letzten Lebensjahren die Kurie kaum noch geführt. Diesem letzten Punkt widersprach allerdings mit Entschiedenheit der heutige Papst – damals als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation ein enger Mitarbeiter Johannes Pauls – im Dezember in seinem Interviewbuch „Licht der Welt“. Zu guter Letzt gab es auch noch Anfragen an das Wunder, das für eine Seligsprechung unerlässlich ist: In einem ersten Durchgang hatte die Mediziner-Kommission der Seligen-Kongregation nicht den übernatürlichen Charakter der Heilung anerkannt – das tat sie erst später, als weitere Fakten auf den Tisch gekommen waren.
   „Die Krankheit - Parkinson - war 2001 vom behandelnden Arzt von Schwester Marie Simon Pierre und auch weiteren Spezialisten diagnostiziert worden“, so Kardinal Amato. „Die Schwester erhielt entsprechende Behand- lung, was zumindest ihre Schmerzen dämpfte. Auf die Nachricht vom Tod von Papst Wojtyla, der ja unter dem gleichen Morbus Parkinson gelitten hatte, begannen Schwester Marie und ihre Mitschwestern den verstorbenen Papst um eine Heilung anzurufen. Am 2. Juni 2005 teilt die Ordensfrau ihrer Superiorin mit, dass sie von ihrer Arbeit befreit werden will; sie ist erschöpft und zermürbt von den Schmerzen. Aber die Superiorin ermuntert sie, doch auf die Fürsprache von Johannes Paul II. zu vertrauen. Daraufhin hat die Schwester eine ruhige Nacht – und fühlt sich am nächsten Morgen beim Aufstehen geheilt. Die Schmerzen sind weg, und auch alle Symptome von Parkinson. Es ist der 3. Juni 2005, Fest des Heiligsten Herzens Jesu. Sie bricht sofort ihre Behandlung ab und geht zum Arzt, der nicht anders kann, als ihre Heilung festzustellen.“
   Die Grabstätte von Johannes Paul II. ist von den Grotten des Petersdomes in die Basilika selbst verlegt worden. Dies teilte Vatikansprecher Federico Lombardi  mit. Johannes Paul II. hat seine Ruhestätte unter dem Altar der Sankt-Sebastian-Kapelle, der zweiten Kapelle rechts im Petersdom, erhalten. Der Sarg des 2005 verstorbenen Papstes wurde jedoch nicht geöffnet, eine Exhumierung hat es nicht geben, hob Lombardi hervor. Der Leichnam des Papstes wird in einem geschlossenen Sarg aus einfachem Marmor aufbewahrt und nicht ausgestellt. Der Sarg trage die Aufschrift „Beatus Ioannes Paulus II“. Die sterblichen Überreste von Papst Innozenz XI. (1676-1689), die bislang in der Kapelle aufbewahrt wurden, sollen nach vatikanischen Angaben in die Transfigurationskapelle umgebettet werden. rv101114

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Foto: Johannes Paul II. an der Klagemauer in Jerusalem und rechts: in Jad Vaschem

Santo subito
   Kein Zweifel: Karol Wojtyla, von Oktober 1978 bis April 2005 unter dem Namen Johannes Paul II. Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, ist eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Und das weit über alle Grenzen von Kontinenten und Konfessionen hinweg.
   Das Eintreten des Polen, der während der nationalsozialistischen Besetzung seines Landes Zwangsarbeit ver- richtete, der seine jüdischen Freunde in Auschwitz verlor, der den kommunistischen Satrapen Moskaus die Stirn bot und der als erster Nichtitaliener seit Jahrhunderten zum Papst gewählt wurde, für die unveräußerlichen Rechte des Menschen, vor allem auf Leben und zur Freiheit, brachte Imperien zum Einsturz. Sein kompromissloses Eintreten gegen Gewalt machte ihn zum Stachel im Fleisch vieler Mächtiger dieser Welt, sein Einsatz für eine Kultur des Lebens schloss die Sorge um einen verantwortungsvollen Umgang mit den Gaben der Schöpfung und eine gerechte Form des menschlichen Wirtschaftens ein. Und selbst auf die Gefahr hin, in den eigenen Reihen nicht mehr, verstanden zu werden, suchte er die Spaltung der Christenheit und den Streit der Religionen mit Worten und Taten zu überwinden: Hinter die Bilder des Friedensgebets von Assisi und der Besuche an Klagemauer und in Moscheen kann jedenfalls kein Papst je zurück. Als Papst Johannes Paul II. nach langer, öffentlich ertragener Krankheit im Frühling 2005 starb, versammelten sich auf dem Petersplatz in Vatikan so viele weltliche und geist- liche Führer wie noch niemals an einem Ort zusammengekommen waren. Und aus dem Volk, das ihm zu Millionen die letzte Ehre erwies, erscholl „Santo subito!" - „Heiligsprechung jetzt". FAZ110115DanielDeckers
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Johannes Paul - das war sein Pontifikat
   Der Mann, der am 1. Mai auf dem Petersplatz ins Buch der Seligen eingetragen wird, war einer der Großen des 20. Jahrhunderts: Johannes Paul II., der Papst aus Polen, prägte nicht nur seine Kirche, er schrieb auch Welt- geschichte. Dieses Feature von Gabi Fröhlich gibt einen Überblick über die Höhepunkte aus 27 Amtsjahren Johannes Pauls. Es stammt von der Audio-CD In memoriam Johannes Paul II von Radio Vatikan. - mit den schönsten Aufnahmen aus 26 Jahren Amtszeit. Sie können diese Doppel-CD sofort bestellen: cd@radiovatikan.de. r110115

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Fester Platz in der modernen Gesellschaft. In seinem Leitartikel „Kirche in Bewegung" (F.A.Z. vom 28. April) würdigt Jörg Bremer die kirchengeschichtliche Bedeutung der beiden nun heiliggesprochenen
Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II.

   Wenn er allerdings feststellt, Johannes XXIII. habe „mit Entschlossenheit" seine Kirche „aus dem theologischen Gefängnis des 19. Jahrhunderts" befreit, „in das sich frühere Päpste aus Mangel an Antworten auf die Industrialisierung, den Nationalstaat und den Verlust des Kirchenstaats zurückgezogen hatten", dann trifft dies in keinem Fall auf die „Industrialisierung" zu. Vielmehr hat die Kirche - so der Freiburger Wirtschafts-historiker Clemens Bauer - durch die unter Papst Leo XIII. beginnende „systematische" Erneuerung ihrer „Soziallehren" ihre im 19. Jahrhundert zu konstatierende politische und soziale „Standortlosigkeit" überwunden und wieder einen soziologisch „festen Platz" in der modernen Gesellschaft gefunden.
   Die 1891 mit „Rerum novarum" beginnenden päpstlichen Sozialenzykliken befassten sich mit der „sozialen Frage" und den zu ihrer Lösung miteinander konkurrierenden Wirtschaftsordnungstheorien des Liberalismus und Sozialismus. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, jenen Weg zwischen diesen beiden Positionen zu finden, den wir heute mit dem Begriff „Soziale Marktwirtschaft" beschreiben. In der Enzyklika „Quadragesimo anno" erklärt 40 Jahre später (1931) Pius XI.: Bei aller Kritik am real existierenden Liberalismus sei die „kapitalistische Wirtschafts- weise ... nicht in sich schlecht".
   Der Wettbewerb sei „innerhalb der gehörigen Grenzen berechtigt und von zweifellosem Nutzen", sofern „höhere und edlere Kräfte die wirtschaftliche Macht in strenge und weise Zucht nehmen". Diese Kräfte bezeichnet Pius XI. als die „soziale Gerechtigkeit" und „soziale Liebe". Dies hätte auch Walter Eucken so formulieren können, bei dem der spätere Kardinal Joseph Höffner 1941 seine wirtschaftswissenschaftliche Dissertation schrieb.
   Ähnliches gilt für den Bereich der poli-tischen Ethik, in der Jörg Bremer zu Recht die Enzyklika „Pacem in terris" Johannes XXIII. (1963) hervorhebt. Aber auch diese Enzyklika fiel nicht „vom Himmel", denn Johannes XXIII. zitiert darin mehr als 30-mal Papst Pius XII. In dessen Weihnachtsrundfunkbotschaft von 1944, um nur ein Dokument zu nennen, fordert Pius XII. zum Beispiel politische Ordnungen, in denen die „Menschen selbst ... Träger, Fundament und Zweck der gesellschaftlichen Ordnung" seien. Insofern erscheine „die demokratische Form der Regierung ... vielen als eine Forderung der Natur, die von der Vernunft selbst aufgestellt ist". Der Völkerrechtslehrer Alfred Verdross bezeichnet Pius XII. als den „großer Weichensteller", auf dessen Vorarbeiten „Johannes XXIII. weiterbauen" konnte. FAZ140517ProfDrDrHCLotharRoosBonn 

  Papst Johannes Paul II. hat in seiner 26-jährigen Amtszeit 469 Heiligsprechungen vorgenommen - mehr als alle seine 263 Vorgänger zusammen. Die Heiligsprechung ist seit Ende des 12. Jahrhunderts ein Vorrecht des Papstes. Seit Urban VIII. (1623-1644) ist ein langwieriger Prozess dazu notwendig. Dessen erste Etappe ist die Selig- sprechung des Kandidaten. Dazu sind gewöhnlich zwei bezeugte Heilungswunder und das Martyrium erforderlich.
  Im Pontifikat Benedikt XVI. wird der Papst zukünftig nicht mehr Seligsprechungen vorstehen. Kardinäle oder Bischöfe werden diesen Auftrag übernehmen. So lebt eine bis zum Jahr 1971 gegenwärtige jahrhundertealte Tradition wieder auf. Der Papst wird in Zukunft nur noch die Feier der Heiligsprechungen vornehmen. Die Selig- sprechung von Maximilian Kolbe im Jahr 1971 war die erste gewesen, der ein Papst - damals Paul VI. - vorstand. Johannes Paul II. führte diese Praxis fort. Für die Heiligsprechung sind weitere zwei oder drei Heilungswunder Vor- aussetzung. HA030505
   Am 03. Oktober 2005 wurde Kaiser Karl I. selig gesprochen, der letzte Herrscher der k.u.k. Monarchie Österreich- Ungarns, der - wie es im Vatikan heißt - “beseelt war von den Soziallehren der Kirche”. Diese Kombination zwischen Pilgerreisen, Heiligen und Predigten kennzeichneten das Pontifikat von Johannes Paul II. CT040314

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 Seligsprechung von Karl I., Kaiser von Österreich: Ein Heiliger für unsere Zeit

Die englische Autorin Joanna Bogle hat ein Buch über Karl I. geschrieben. Hier ihr Bericht aus der Catholic Times: 
  Karl I. von Habsburg, der letzte Kaiser der österreichisch-ungarischen Monarchie, der vergeblich versucht hatte, das Blutbad des ersten Weltkrieges zu beenden, wurde jetzt in Rom selig gesprochen. Der „Friedenskaiser” kann ein Heiliger für unsere Zeit sein.
  Mich interessiert das sehr, denn über die Person, die selig gesprochen wurde, habe ich mit meinem Mann zusammen ein Buch geschrieben, für das der älteste Sohn des Kaisers ein Vorwort verfasst hat. Diese Feier wird der Höhepunkt einer außergewöhnlichen Serie von Ereignissen sein, die mit einer zufälligen Bemerkung in einem Berliner Bahnhof begann. Vor zwanzig Jahren lebten wir in Deutschland - in der damals geteilten Stadt Berlin, wo mein Mann in seinem Regiment diente. Wir lebten in einem komfortablen Haus der britischen Armee, lernten eifrig deutsch in dieser außergewöhnlichen Stadt. Unseren Freunden zeigten wir gern diese Stadt mit ihrer unvergleich- lichen Geschichte. 
  Damals besuchte uns ein Freund, der in Rom studierte. Ich wartete auf ihn im Bahnhof Zoo. Zur Begrüßung frag- ten wir ihn: „Was gibt es Neues in Rom?” Vielleicht war die Frage albern, aber seine Antwort überraschte mich. „Nun, wussten Sie,  dass  man den letzten österreichischen Kaiser seligsprechen will?” Beim Abendessen erklärte der Besucher, dass Papst Johannes Paul II. ein besonderes Interesse an der Lebensgeschichte des Habsburger Karls I., der den Thron von Österreich-Ungarn im Jahr 1916 mitten im 1. Weltkrieg erbte, und der wegen seiner Bemühungen den Krieg zu beenden als der „Friedenskaiser” bekannt wurde.
 Papst Johannes Paul II. wurde in Krakow,  einem Winkel dieses Kaiserreiches, geboren, in dem Teil von Polen, der damals seit über einem Jahrhundert unter der Herrschaft von Habsburg stand. Kaiser Karl I. scheiterte mit seinen Friedensbemühungen im 1. Weltkrieg, und die blutigen Kämpfe gingen unbarmherzig bis 1918 weiter. Der Krieg endete in der Zerschlagung seines Reiches. Neue Ideologien bereiteten den Boden für Adolf Hitler noch bevor zwei Jahrzehnte vergingen.    
   Ich hatte nie von Kaiser Karl I. gehört und die Sache interessierte mich um so mehr, als ich entdeckte, dass sein Sohn Erzherzog Otto ein bedeutendes Mitglied des Europäischen Parlaments ist und in Bayern lebt.
   Hier In Berlin, der Hauptstadt des cholerischen und schwierigen Verbündeten des österreichischen Kaisers, er- schien mir die ganze Geschichte unmittelbarer und wirklicher. Mein Mann Jamie war schon vertraut mit der Ge- schichte von Kaiser Karl - nicht zuletzt durch sein Studium der Militärgeschichte, und so kam mir die Idee, ein Buch gemeinsam darüber zu schreiben.  Mit meinem frisch gelernten Deutsch, ein wenig Schulfranzösisch und großem Enthusiasmus stieg in die Geschichte ein, die mich mehrere Jahre beschäftigte -  inzwischen waren wir längst wie- der in England, und die Militärzeit war längst abgeschlossen. 
   Von Beginn an war dieses Buch etwas Besonderes. Vergeblich begann ich meine Nachforschungen in einer Lon- doner Bibliothek,um eine Landkarte vom österreichischen Kaiserreich von vor 1918 zu besorgen. Während ich zurück zum Waterloo Bahnhof ging, sprach ich ein Stoßgebet und habe sogar Karl I. um Hilfe gebeten,  um eine solche Landkarte zu finden. Doch wieder zu Hause, hörte ich auf dem Anrufbeantworter die Stimme eines alten priesterlichen Freundes unserer Familie. Er fragte an, ob wir nicht Verwendung für eine alte Enzyklopädie hätten, die ihm gerade gegeben worden war. „Das wird Ihr Heim verschönern. Und denken Sie: darin findet sich eine vollständige Karte von Österreich-Ungarn ... “ 
   Nach einem Briefwechsel mit Erzherzog Lorenz, einem der Enkel des Kaisers, trafen wir ihn und seine Familie ziemlich unerwartet  in einer charismatischen Versammlung der Emmanuel-Gemeinschaft in Paray-le Monial in Frankreich.  
  Unsere Recherche für das Buch umfasste hauptsächlich das Leben Karls I. in Wien  und in verschiedenen Teilen seines Reiches. Wir entdeckten aber auch völlig unbekannte Verbindungen nach England: seine Anwesenheit bei der Krönung von George V. in London, oder auch,  dass zwei Schwestern seiner Ehefrau, der Kaiserin Zita, als Ordensschwestern in Sankt Cecilia auf der Insel Wight lebten. Je mehr wir uns in die Geschichte vertieften, desto mehr waren wir überzeugt, hier einen noblen und heroischen Menschen kennen zu lernen.
   Papst Benedikt XV. rief im 1. Weltkrieg in einem dramatischen Appell die Herrscher Europas auf, den Frieden zu suchen.  Nur ein einziger Fürst der Kriegsparteien antwortete: Kaiser Karl I. Er scheiterte mit seinem Friedensplan. Aber die Kirche kann auch Fehlschläge heilig sprechen.
   Karl I.  war Soldat und Patriot, aber er verabscheute die großdeutschen Pläne vieler Österreicher und sah sein Reich als ein friedliches Staatenbündnis von Slawen und Ungarn, Deutschen, Polen und Tschechen, die ohne ras- sische Vorherrschaft gemeinsam im Wohlstand leben sollten. Sein Familienleben war vorbildlich – treu und in liebevoller Sorge für seine Kinder. In tiefer religiöser Überzeugung schätzte er das Rosenkranzgebet und nahm gern an Fronleichnamsprozessionen Teil. 
   Allmählich verstanden wir, dass Karl I.  ein Heiliger für unsere Zeit ist - ein Mann des Friedens in einem Jahr- hundert der Kriege, ein christliches Leitbild für ein Europa, das sich vom Christentum abwendet, ein Mann der Familie in einer Zeit, da die Ehe an Kraft verliert. Hier ist ein Heiliger für West- und Osteuropa, in einer Zeit, in der Papst Johannes Paul II. die Kirche des Kontinents dazu drängte „mit beiden Lungen zu atmen“.
   Karl I.  ist auch ein Heiliger für das Leben: Der Kaiser hatte mit Zita acht Kinder, eins war noch nicht geboren als er, an Lungenentzündung erkrankt, im Jahr 1922 in seinem feuchten, ungeheizten Haus auf Madeira im Sterben lag. Charles und Zita waren ein Paar, das so viel zusammen erlebte: Brautwerbung in der glitzernden Welt des Adels der Vorkriegszeit, hohe Verantwortung im Krieg, in Gefahr, in der Trauer, in Armut und Exil. Erst nach dem Erscheinen unseres Buches habe ich erfahren, dass es eine besondere Verbindung zwischen Kaiser Karl I. und Papst Johannes Paul II. gab. Bei der Geburt wurde Karol Wojtyla im Jahr 1920 nach dem Kaiser benannt.
   Karol Wojtylas Vater diente in der k.u.k. Armee und war wie viele Polen ein Bewunderer des jungen Kaisers, von dem die Polen die staatliche Unabhängigkeit erwarteten. Kaiserin Zita lebte viele Jahre als Witwe, Großmutter und Urgroßmutter, zurückgezogen in der Schweiz. Bei einer Audienz berichtete sie dem Papst davon.  Karl I. von Habs- burg wurde von Papst Johannes Paul II. in Rom selig gesprochen. Er wird ein inspirierender Heiliger sein.    JoannaBogleCT040711
Foto unten: Otto von Habsburg bedankt sich bei Papst Johannes Paul II. für die Seligsprechung seines Vaters - Kaiser Karl von Österreich und König von Ungarn

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Werden Könige seltener heilig gesprochen?

   Trotz der großen Zahl der Selig- und Heiligsprechungen von Papst Johannes Paul II. – in den letzten 400 Jahren war selten ein König darunter. Im vatikanischen „Verzeichnis für Heiligsprechungsprozesse”, das seit 1588 geführt wird, trugen nur vier eine weltliche Krone, bevor sie heilig gesprochen wurden. Alle vier sind Frauen: Kunigunde von Polen, Hedwig von Schlesien, Isabel von Portugal und Johanna von Orléans. 
  Der polnische Papst Johannes Paul II.  sprach die polnische und schlesische Königin heilig. Karl I. ist der erste „männlichen Monarch” der modernen Zeit, als er am 3. Oktober zur Ehre der Altäre erhoben wurde. Er starb im Exil in Portugal im Jahr 1922.
   Der Heiligenkalender der Kirche hat eine stattliche Anzahl von männlichen Regenten: den römischen Kaiser Kon- stantin, Stefan von Ungarn, Ludwig IX. von Frankreich, den deutschen Kaiser Heinrich II., Wladimir von Kiew und den Bekenner Edward von England. Diese Regenten wurden vor dem 16. Jahrhundert heilig gesprochen, noch be- vor Papst Sixtus V. die Kanonisierung der Heiligen der Kirche an sich zog und neue Prozessordnungen aufstellte. Die geringe Anzahl gekrönter Häupter unter den Heiligen erlaubt die doppelte Frage: taugt blaues Blut nicht für die Heiligsprechung  - oder mindert die Regentschaft den Ruf der Heiligkeit? Andrea Ambrosi, der im Vatikan die causa Karls I. bearbeitet hat, verneint diese Frage. Der erste Grund, warum es so wenige königliche Heilige gibt, sagte er, ist einfach der, „dass es nicht gerade viele Kandidaten gibt, aus denen wir auswählen können”.  Es gibt eben nur wenige königliche Familien, und die Zahl der katholischen Monarchen ist noch kleiner. Ambrosi fährt fort: anders als bei den vielen heilig gesprochenen Laien ist die Sache eines Monarchen schwierig zu Ende zu bringen. Oft fehlt eine engagierte Gruppe zur Unterstützung des Prozesses, die auch bereit wäre, die Untersuchung und die Dokumentation zu finanzieren.
  Die Sache für Kaiser Karl I., sagt Ambrosi weiter, wurde stark von der „Gebetsliga” unterstützt, einem Gebets- Netzwerk, das schon zu Lebzeiten Karls I. gegründet wurde, um den Kaiser „während seiner Regentschaft mit Ge- beten zu unterstützen”. Nach seinem Tod förderte diese Gebetsliga die Heiligsprechung nach Kräften. Jesuiten- pater Paolo Molinari, Postulator dieses Prozesses, meint dass Monarchen keineswegs unterrepräsentiert seien, wenn man den Prozentsatz von Monarchen unter allen Katholiken berücksichtigt. „Unter dieser Rücksicht ist der Prozentsatz der Monarchen unter den Heiligen tatsächlich hoch”, sagt er. „Es sollte nicht überraschen, dass sich auch in königlichen Familien Frauen und Männer finden, die die Berufung zur Heiligkeit trotz ihrer schweren Verantwortung, die sie tragen, annehmen.” Der Jesuit sagte auch, dass er nicht überrascht sei über die Zahl der anerkannten heiligen Königinnen, die größer als die der Könige ist. Das sei nicht einfach dadurch zu begründen, weil „Frauen naturgemäß eine größere Feinfühligkeit gegenüber Menschen, die verletzt oder in Not sind, besitzen”. In Regentenfamilien sei die traditionelle Geschlechtsrolle oft sehr ausgeprägt:Die Königin ist die Mutter der Nation, der König Herrscher und Gesetzgeber. Auch haben Frauen im Adel wirtschaftliche Möglichkeiten, die ihnen woh- ltätige Gesten erlauben, die Anerkennung finden.
  Pater Molinari sagte, dass bei der Überprüfung der Kandidaten, die die weltliche Macht ausübten, „die Kirche nicht deren politische Entscheidungen im Einzelnen bewertet; wohl aber wird das ganze Leben der Personen untersucht, und ob es bis in das Regierungsamt hinein  vom Geist Gottes inspiriert war”. Politische Entschei- dungen würden daraufhin geprüft, ob sie den Zehn Geboten oder der Lehre der Kirche widersprechen.
   Ambrosi sagt weiter, dass die Untersuchung auf den persönlichen Glauben des Kandidaten gerichtet sei, und wie er diesen Glauben auf ein heiligmäßiges Leben übertrug, wobei nicht übersehen werden darf, dass Regie- rungsverantwortung oft Kompromisse einschließen. Zugleich würden politische und soziale Initiativen des Kaisers geprüft, ob sie „unklug oder ungerecht” gewesen seien. Der tiefe Glaube, die Wohltätigkeit und die Treue des Kaisers zum Papst sei besonders während und unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg erwiesen. Alles, was „zu größerem Blutvergießen, zur ernsten Gefährdung der Bürger oder zum wahllosen Gebrauch von Massenvernich- tungsmitteln geführt hätte, wurde von ihm absolut abgelehnt,  selbst wenn seine Armee dadurch einen Vorteil gehabt und den Kriegsverlauf vielleicht geändert hätte”, stellt Ambrosi fest. Der Postulator sagte, dass die Heiligkeit des Kaisers in seinem Tod im Exil offensichtlich war, „aber er war dazu durch sein ganzes Leben, das Gott und dem Nächsten gewidmet war”, vorbereitet. CindyWoodenCT04080

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Benedikt XVI. am Fest Allerheiligen: “Die Heiligen – Freunde und Lebensvorbilder”

   Am Anfang unserer Eucharistiefeier stand der Ruf: »Freut euch alle im Herrn«. Die Liturgie lädt uns ein, teil- zuhaben an der himmlischen Freude der Heiligen, sie lädt uns ein, diese Freude zu kosten. Die Heiligen sind keine kleine Gruppe Auserwählter, sondern eine unzählige Schar, zu der aufzuschauen die Liturgie uns heute aufruft. In dieser Menge finden sich nicht nur die offiziell anerkannten Heiligen, sondern die Getauften aller Zeiten und Nationen, die versucht haben, mit Liebe und in Treue den Willen Gottes zu erfüllen. Von den meisten von ihnen kennen wir nicht das Antlitz und nicht einmal den Namen, aber mit den Augen des Glaubens sehen wir sie am Firmament Gottes strahlen wie herrlich leuchtende Sterne.
  Am heutigen Tag feiert die Kirche ihre Würde als »Mutter der Heiligen, Abbild der himmlischen Stadt« (A. Manzoni) und zeigt ihre Schönheit als unbefleckte Braut Christi, Quelle und Vorbild jeder Heiligkeit. Gewiss fehlen in ihr widerspenstige, ja geradezu rebellische Söhne und Töchter nicht, aber die ihr eigenen Wesenszüge erkennt sie in den Heiligen, und an ihnen hat sie ihre höchste Freude. In der Ersten Lesung beschreibt sie der Verfasser des Buches der Offenbarung als»eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen« Offb 7,9. Dieses Volk umfasst die Heiligen des Alten Testaments, vom gerechten Abel und vom treuen Erzvater Abraham an, die des Neuen Testaments, die unzähligen Märtyrer aus der Anfangszeit des Christentums und die Seligen und Heiligen der nachfolgenden Jahrhunderte bis hin zu den Zeugen Christi unserer Zeit. Sie alle verbindet der Wille, in ihrem Leben das Evangelium zu verkörpern, unter dem Antrieb des Heiligen Geistes, der das Gottesvolk auf ewig beseelt.
  Aber »wozu dient den Heiligen unser Lob, wozu unsere Verherrlichung, wozu dieses ganze Hochfest«? Mit dieser Frage beginnt eine berühmte Predigt des heiligen Bernhard zum Allerheiligen fest. Es ist eine Frage, die man sich auch heute stellen könnte. Und aktuell ist auch die Antwort, die uns der Heilige gibt: »Die Heiligen brauchen unsere Ehren nicht. Unsere Frömmigkeit gibt ihnen nichts. ... Das also ist die Bedeutung des heutigen Hochfestes: durch den Blick auf das leuchtende Vorbild der Heiligen in uns das große Verlangen zu wecken, wie die Heiligen zu sein, also glücklich darüber zu sein, nahe bei Gott zu leben, in seinem Licht, in der großen Familie der Freunde Gottes. Ein Heiliger zu sein bedeutet, nahe bei Gott, in seiner Familie zu leben. Und das ist unser aller Berufung, die das Zweite Vatikanische Konzil nachdrücklich betont hat und auf die heute in feierlicher Form unsere Aufmerksamkeit gelenkt wird.
   Aber wie können wir Heilige, Freunde Gottes werden? Auf diese Frage kann man zunächst in negativer Form ant- worten: Um heilig zu sein, muss man weder außerordentliche Taten und Werke vollbringen noch außergewöhn- liche Charismen besitzen. Dann folgt die Antwort in positiver Form: Man muss vor allem auf Jesus hören und ihm dann nachfolgen, ohne angesichts der Schwierigkeiten den Mut zu verlieren. »Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren« Joh 12,26. Wer Jesus vertraut und ihn aufrichtig liebt, ist bereit, sich selbst zu entsagen wie das Weizenkorn, das in der Erde begraben liegt. Denn er weiß, dass derjenige, der sein Leben für sich selbst zu behalten sucht, es verliert, und dass derjenige, der sich hingibt - der sich verliert - gerade so das Leben findet vgl. Jo 12,24-25. Die Erfahrung der Kirche zeigt, dass jede Form der Heiligkeit, auch wenn sie unterschiedliche Wege geht, immer über das Kreuz, über die Selbstentsagung führt. Die Biographien der Heiligen beschreiben Männer und Frauen, die fügsam waren gegenüber den Plänen Gottes und die manchmal unbeschreibliche Prüfungen und Leiden, Verfolgungen und das Martyrium auf sich genommen haben. Sie harrten aus in ihrem Bemühen; es waren diejenigen - so ist in der Offenbarungzu lesen -, »die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht« Offb 7,14. Ihre Namen sind eingeschrieben in das Buch des Lebens vgl. Offb 20, 12; ihre ewige Wohnstatt ist das Paradies. Das Vorbild der Heiligen ist für uns eine Ermutigung, denselben Weg einzuschlagen, die Freude desjenigen zu erfahren, der Gott vertraut, denn die einzige wahre Ursache der Traurigkeit, des Unglücklich- seins liegt für den Menschen darin, fern von Gott zu leben.
   Die Heiligkeit erfordert ständiges Bemühen, sie ist aber für alle möglich, denn die Heiligkeit ist nicht so sehr das Werk des Menschen als vielmehr Geschenk des dreimal heiligen Gottes vgl. Jes 6,3. In der Zweiten Festlesung sagt der Apostel Johannes: »Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns ge- schenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es« 1 Joh 3,1. Gott ist es also, der uns zuerst geliebt und uns in Jesus als seine Kinder ange- nommen hat. In unserem Leben ist alles eine Gabe seiner Liebe: Wie könnten wir einem so großen Geheimnis gegenüber gleichgültig bleiben? Wie sollten wir auf die Liebe des himmlischen Vaters nicht mit einem Leben als dankbare Kinder antworten? In Christus hat er sich uns ganz geschenkt und ruft uns zu einer tiefen persönlichen Beziehung zu ihm.Je mehr wir also Jesus nachahmen und mit ihm verbunden bleiben, desto mehr treten wir ein in das Geheimnis der göttlichen Heiligkeit. Wir entdecken,  dass wir von ihm unendlich geliebt sind, und das spornt uns an, unsererseits unsere Brüder zu lieben. Die Liebe bringt immer einen Akt der Selbstentsagung mit sich, das »Sich-selbst-Verlieren«, und macht uns gerade auf diese Weise glücklich.
   Damit sind wir beim Evangelium des Hochfestes angekommen, bei der Verkündigung der Seligpreisungen, die wir eben in dieser Basilika gehört haben. Jesus sagt: Selig, die arm sind vor Gott; selig die Trauernden; die keine Gewalt anwenden; die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; die Barmherzigen; selig, die ein reines Herz haben; die Frieden stiften; die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden vgl. Mt 5,3-10. In Wahrheit ist der Selige schlechthin nur er, Jesus. Er ist nämlich derjenige, der wirklich arm ist vor Gott; der Trauernde; der, der keine Gewalt anwendet; der, der hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; der Barmherzige; der, der ein reines Herz hat; der, der Frieden stiftet; er ist es, der um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird.
  Die Seligpreisungen zeigen uns die geistliche Gestalt Jesu und bringen so sein Geheimnis zum Ausdruck, das Geheimnis des Todes und der Auferstehung, des Leidens und der Freude der Auferstehung.  Dieses Geheimnis, das das Geheimnis der wahren Seligkeit ist, lädt uns zur Nachfolge Jesu und damit auf den Weg der Seligkeit ein. In dem Maße, in dem wir sein Angebot annehmen und uns - jeder seiner Lebenssituation entsprechend - in seine Nachfolge stellen, können auch wir an seiner Seligkeit teilhaben. Mit ihm wird das Unmögliche möglich und geht sogar ein Kamel durch ein Nadelöhr vgl. Mk 10,25; mit seiner Hilfe, nur mit seiner Hilfe, ist es uns gegeben, voll- kommen zu werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist vgl. Mt 5,48.
   Liebe Brüder und Schwestern, wir treten nun in das Herzstück der Eucharistiefeier ein, die Ansporn und Nahrung für die Heiligkeit ist. Gleich wird Christus auf erhabenste Weise gegenwärtig werden. Er ist der wahre Weinstock, mit dem die Gläubigen auf Erden und die Heiligen im Himmel wie Reben verbunden sind. Die auf Erden pilgernde Kirche wird daher mit der Kirche, die in der Herrlichkeit triumphiert, in noch engerer Gemeinschaft stehen. In der Präfation werden wir verkünden, dass die Heiligen für uns Fürsprecher und Vorbilder sind.  Bitten wir sie, uns zu helfen, sie nachzuahmen, und bemühen wir uns, auf den Ruf Gottes hochherzig zu antworten, so wie sie es getan haben.
   Bitten wir besonders Maria, Mutter des Herrn und Spiegel aller Heiligkeit. Sie, die Ganzheilige, mache uns zu treuen Jüngern ihres Sohnes Jesus Christus! Amen. OR061102

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