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Holocaust

Ein Schrecken, der uns bis heute gefangen hält. Erklärung der deutschen Bischöfe
anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz

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 I.  Am 27. Januar 1945 wurden die Konzentrationslager Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau von sowjetischen Truppen befreit. 60 Jahre danach erinnern wir uns an die Geschehnisse, die sich mit dem Namen Auschwitz verbinden. In diesem Gedenken finden sich unzählige Menschen aus allen Teilen der Welt zusammen. Dies zeigt, wie sehr das Grauen von Auschwitz auch in unserer Zeit noch präsent ist, wie tief die Verletzungen sind, die es im Verhältnis der Völker und der Menschen hervorgerufen hat, mehr noch: wie sehr Auschwitz das Bild des Menschen von sich selbst zutiefst erschüttert hat. Die Erinnerung der Deutschen an die Verbrechen in den Vernichtungslagern wird und muss sich immer von der Erinnerung anderer Völker und Gruppen, zumal der der Opfer, unterscheiden. Und doch ist es ein Hoffnungszeichen für Gegenwart und Zukunft, wenn es heute immer öfter - und nicht zuletzt am Ort der Untaten selbst - möglich ist, dass sich Polen und Deutsche, Juden und Christen im gemeinsamen Gedenken begegnen.
   Wie kein anderer Ort steht Auschwitz als Symbol für die Vernichtung des europäischen Judentums. Auch Hun- derttausende Sinti und Roma wurden Opfer des massenhaften Mordens im Zeichen des national-sozialistischen Rassenwahns. Auschwitz - das bedeutet auch die Vernichtung menschlichen Lebens durch pseudowissenschaft- liche medizinische Versuche und die mörderische Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener. Viele tausend Sol- daten der Roten Armee wurden gezwungen, als Zwangsarbeiter das Lager Auschwitz-Birkenau zu errichten, und dabei systematisch zu Tode gebracht. Allen diesen Opfern, auch den christlichen Glaubenszeugen, gilt unser Gedenken. Nicht zuletzt nimmt Auschwitz in der polnischen Leidensgeschichte einen herausragenden Platz ein. Im besetzten Polen wurden das gesamte polnische Judentum und ein großer Teil der polnischen Intelligenz er- mordet. Gerade angesichts jüngst wieder aufgebrochener Kontroversen zwischen Deutschen und Polen über noch unbewältigte Kriegsfolgen muss daran nachdrücklich erinnert werden.
   Am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz schließen wir in unser Gedenken die ungezählten alliierten Soldaten ein, die für die Befreiung Europas vom verbrecherischen System des Nationalsozialismus ihr Leben gelassen ha- ben. Wir erinnern heute besonders an die getöteten Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte. Es war die Rote Armee, die die noch lebenden Opfer der Lager in Auschwitz befreite. Wir verkennen nicht die furchtbaren Folgen, die die Eroberung weiter Teile Deutschlands durch die Rote Armee für die dortige Bevölkerung mit sich brachte. Von ihrer Führung ermutigt, für die ungeheueren Verbrechen der Deutschen an der russischen Bevölkerung Rache zu nehmen, standen sowjetische Soldaten nicht nur im gerechten Kampf gegen Hitler, sondern auch im Dienst der Verbrechen Stalins. Das erlittene Leid, das als Rache für die deutschen Verbrechen auf die deutsche Bevölkerung zurückschlug, darf uns jedoch nicht dafür blind machen, dass ohne den ungeheuren Blutzoll, den vor allem die russischen, weißrussischen und ukrainischen Soldaten entrichtet haben, das Morden in Auschwitz nicht beendet worden wäre.

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Die Todgeweihten: Auf der Rampe hinter dem Lageretor von Auschwitz-Birkenau

II.   Eingerichtet im April 1940 als Konzentrationslager für zumeist polnische Häftlinge, war Auschwitz - um über 40 Nebenlager erweitert und nach und nach mit Gaskammern ausgestattet - zwischen 1942 und Ende 1944 das größte Zentrum für die systematische, industriell betriebene Massenvernichtung menschlichen Lebens. Die Gas- kammern der nationalsozialistischen Vernichtungslager im besetzten Polen dienten als Instrument für die von der deutschen Staatsführung so genannte »Endlösung der Judenfrage«.
   Wenngleich hier auch viele Tausend nichtjüdische Opfer umgebracht wurden, steht der deutsche Name für das polnische Städtchen Oswiecim deshalb wie kein anderer für den größten Genozid in der Geschichte der Mensch- heit: die Vernichtung von rund sechs Millionen Juden.
  In Auschwitz ist unsere Zivilisation in furchtbarer Weise mit dem Abgrund ihrer eigenen Möglichkeiten konfron- tiert worden. Der Schrecken über das Ausmaß des Bösen, das in Auschwitz begangen wurde, hält uns bis heute gefangen. Noch immer haben wir für dieses Verbrechen, das die hebräische Sprache als »Schoa« bezeichnet, kein angemessenes deutsches Wort gefunden. Dem bekannten Ausspruch, nach Auschwitz könne es keine Dichtung mehr geben, liegt die Erfahrung dieser Unfähigkeit zugrunde, mit den Mitteln der Sprache das Geschehen von Auschwitz und dessen andauernde Folgen für das Selbstverständnis des Menschen, für Zivilisation und Gesell- schaft angemessen zu fassen. Gerade die Opfer selbst aber haben sich immer wieder auf die Suche nach einer Sprache begeben, die diesem Menschheitsverbrechen Ausdruck verleihen könnte.
   Manche von denen, die nur knapp der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie entkommen sind - wie der Wiener Psychologe Viktor E. Frankel und die Schriftsteller Elie Wiesel, Primo Levi, Paul Celan, Imre Kertesz, Louis Begley und Cordelia Edvardson - haben durch ihre Werke den Nachgeborenen den Blick in die Abgründe menschlicher Existenz und zugleich Möglichkeiten der Auseinandersetzung eröffnet. Einige von ihnen sind daran persönlich zerbrochen. Das Zeugnis der Opfer kann uns helfen, den Schock zu ertragen, dass wir auch bei den Tätern in das Antlitz von Menschen blicken.

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III.   Unser Volk hat lange gebraucht, um sich der Verantwortung für das monströse Verbrechen zu stellen, das von Deutschen und im deutschen Namen begangen wurde. Bis heute sind Mechanismen der Verdrängung wirk- sam. Zweifellos ist es richtig, die Vorstellung einer Kollektivschuld abzulehnen. Wahr ist aber auch, dass sich weit mehr Deutsche persönlich schuldig gemacht haben, als ihre Mitschuld einzugestehen bereit waren. Schuld tragen nicht allein die Täter vor Ort und die politische Führung. In verschiedenem Grad haben auch die Mitläufer und alle diejenigen, die weggesehen haben, Mitschuld auf sich geladen.
   Dabei wissen wir sehr wohl, welchem Druck die Bevölkerung damals ausgesetzt war, wir kennen das Ausmaß staatlicher Desinformation und die Wirksamkeit der Methoden von Einschüchterung und Verängstigung. Über- heblichkeit im Urteil ist uns deshalb nicht gestattet. Dennoch bleibt unserem Volk das Eingeständnis zugemutet, dass Auschwitz auch deshalb möglich wurde, weil zu wenige den Mut zum Widerstand hatten.
  Die Frage von Mitverantwortung stellt sich auch unserer Kirche. Wir sind gehalten, uns über eine lange Tradi- tion des Antijudaismus unter den Christen und in unserer Kirche Rechenschaft abzulegen. So hat das vatikani- sche Dokument Wir erinnern im März 1998 die Frage aufgeworfen, »ob die Verfolgung der Juden nicht doch auch von antijüdischen Vorurteilen begünstigt wurde, die in den Köpfen und Herzen einiger Christen lebendig waren«. Das Schuldbekenntnis der katholischen Kirche, vor aller Welt am 12. März 2000 von Papst Johannes Paul II. ausgesprochen, enthält auch das »Schuldbekenntnis im Verhältnis zu Israel«: »Lass die Christen der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden. Lass sie ihre Sündenanerkennen, die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Verheißungen begangen haben.« Während seiner anschließenden Pilgerreise nach Israel hat der Papst in der Gedenkstätte Yad Vaschem dieses Bekenntnis vertieft und es symbolkräftig an der Klagemauer hinterlegt.

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   Dieser Akt von Papst Johannes Paul II. ist zu einer Quelle der Erneuerung geworden. Entschlossen schreitet der Papst im Bemühen um eine Verbesserung des Verhältnisses zum Judentum voran und ermutigt die ganze Kirche, gemeinsame Wege mit unseren »älteren Brüdern im Glauben« zu finden. So danken wir allen, die sich, oft mit großem Einsatz, für den Dialog zwischen Judentum und Christentum engagieren.
IV.    Die Ernsthaftigkeit unseres Gedenkens an Auschwitz erweist sich nicht zuletzt an unserem Interesse an den Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen. Bis an ihr Lebensende bleiben sie von der Erfahrung der Vernichtungslager geprägt. Fast durchweg in hohem Alter, haben sie ein Recht darauf, in ihren letzten Lebensjahren menschliche Begleitung zu finden, die den Schmerz nicht betäubt, aber human zu ertragen hilft.
  Die Erinnerung an Auschwitz lässt uns auch fragen, wie nachhaltig Deutschland und Europa aus dieser alle Maße übersteigenden Katastrophe gelernt haben. Immer wieder flackert der Antisemitismus auf. Auch in unserem Land scheint er zu erstarken, jedenfalls wird er wieder sichtbarer. So liegt weiterhin ein langer Weg der Läuterung und der Auseinandersetzung vor uns. Wir sind dankbar, dass in den letzten Jahren viele Juden den Mut aufgebracht haben, nach Deutschland zu kommen.  Als Christen leitet uns dabei auch die Hoffnung, dass die Begegnung im Glauben uns allesamt - Christen wie Juden - bereichert und uns dem gemeinsam verehrten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs näher bringt. L’OsservatoreRomano050211

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Die deutschen Bischöfe gedenken der Schoah. Die Geschichte nicht verleugnen:
Kardinal Lehmann hat in Jad Vaschem an den millionenfachen Mord an den Juden erinnert

    In der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem haben die deutschen katholischen Bischöfe bei einer gemeinsamen Reise durch das Heilige Land  der sechs Millionen im Nationalsozialismus ermordeten Juden ge- dacht. Zugleich rief der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann dazu auf, Anti- semitismus zu bekämpfen. Die Kirche müsse auch überall dort präsent sein, wo Fremdenfeindlichkeit und Rassis- mus gedeihten. In der „Halle des Gedenkens” legten die Bischöfe während des gut zweieinhalbstündigen Be- suchs einen Kranz nieder und entzündeten symbolisch das Ewige Feuer.
   „Niemand kann frei sein, der frei sein will vom Gedenken an die Schoah”, schrieb Kardinal Lehmann in das offi- zielle Gästebuch von Jad Vaschem. Die Bischöfe seien an diesen Ort gekommen, um sich „vor den Opfern jener Verbrechen gegen Gott und die Menschen zu verneigen”, sagte der Kardinal. Die beispiellosen Verbrechen dürften nie vergessen werden. Lehmann betonte, auch die Kirche müsse sich nach wie vor einer schmerzhaften Gewissenserforschung stellen. „Dies schulden wir denen, die millionenfach zu Tode gebracht wurden und dem ganzen jüdischen Volk”, sagte der Kardinal. Weiter verwies er auf die „lange Geschichte des Antijudaismus unter den Christen und in der Kirche”.
   Die Bischöfe besuchten auch jene Stelle, an der der Staat Israel den früheren Kölner Kardinal Josef Höffner(1906-1987) und dessen Schwester Helena als „Gerechte unter den Völkern” ehrt. Beide hatten ein jüdisches Mädchen versteckt und ihm so geholfen, die Schoah zu überleben. Lehmann legte vor dem Gedenkstein im Namen der Konferenz ein Blumengesteck ab.
  Der Münchner Kardinal Friedrich Wetter bewertete den Besuch in Jad Vaschem im Vorfeld als wichtiges Zeichen. Daran werde deutlich, „dass wir die Last, die auf unserem Volk liegt, auch mit zu tragen haben und uns ihr nicht entziehen”. Die hebräischen Worte „Jad Vaschem” bedeuten „ein Denkmal und ein Name”. Neben mehreren Gedenk-Orten und einem Holocaust-Museum beherbergt Jad Vaschem auch ein großes Forschungszentrum zur Schoah. KNAkgmDT070303

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Trauer um die Tragödien: Johannes Paul II. in Yad Vaschem in Jerusalem  OR040924

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  Im Heiligen Jahr 2000 unternahm Papst Johannes Paul II. eine Pilgerreise in das Heilige Land. Dabei besuchte er am 23. März die bedeutendste Gedenkstätte des jüdischen Volkes für die Verbrechen des Nationalsozialismus, Jad Vaschem, in Jerusalem. Bei einer Stunde der Erinnerung hielt der Papst die folgende Ansprache:

Aus unseren Herzen erheben sich die Worte des altehrwürdigen Psalms:
»Ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.
Ich höre das Zischeln der Menge - Grauen ringsum.
Sie tun sich gegen mich zusammen;
sie sinnen darauf, mir das Leben zu rauben.
Ich aber, Herr, ich vertraue dir,
ich sage: >Du bist mein Gott<«

Ps 31,13-15.

  1. An dieser Stätte der Erinnerungen empfinden Verstand, Herz und Seele ein ganz starkes Bedürfnis nach Stille. Stille zum Erinnern. Stillschweigen, in dem wir versuchen, etwas Besinnung in die Erinnerungen zu bringen, die uns überfluten. Stille, weil es keine Worte gibt, die stark genug wären, um die grauenhafte Tragödie der »Schoah« zu beklagen. Meine eigenen, persönlichen Erinnerungen betreffen all die Ereignisse, die sich damals zugetragen haben, als die Nazis Polen während des Krieges okkupierten. Ich erinnere mich an meine jüdischen Freunde und Nachbarn: Manche von ihnen kamen um, andere haben überlebt.
  Ich bin nach »Jad Vaschem« gekommen, um den Millionen Juden die Ehre zu erweisen, denen alles genommen wurde, besonders ihre Würde als Menschen, und die im Holocaust ermordet worden sind. Über ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen, aber die Erinnerung bleibt.
  Hier, wie in Auschwitz und an vielen anderen Orten in Europa, sind wir überwältigt vom Widerhall der herz- zerreißenden Klage so vieler Menschen. Männer, Frauen und Kinder schreien zu uns auf aus den Tiefen des Gräuels, das sie erfahren mussten. Wie sollten wir ihren Aufschrei nicht hören? Niemand kann das, was damals geschah, vergessen oder ignorieren. Niemand kann die Ausmaße dieser Tragödie schmälern.

  2. Wir möchten uns erinnern. Wir möchten uns aber mit einer bestimmten Zielsetzung erinnern, nämlich um zu gewährleisten, dass das Böse nie mehr die Überhand gewinnen wird, so wie es damals für Millionen unschuldiger Opfer des Nazismus der Fall war. Wie konnte der Mensch eine solche Verachtung des Menschen entwickeln? Weil er den Punkt der Gottesverachtung erreicht hatte. Nur eine gottlose Ideologie konnte die Ausrottung eines gan- zen Volkes planen und ausführen.
   Die Ehrung als »Gerechte der Völker«, die der Staat Israel hier in Jad Vaschem denen zuerkannt hat, die sich heldenhaft - manchmal sogar bis zur Preisgabe ihres eigenen Lebens - für die Rettung von Juden eingesetzt ha- ben, ist eine Anerkennung der Tatsache, dass nicht einmal in der dunkelsten Stunde jedes Licht ausgelöscht ist. Das ist der Grund, weshalb die Psalmen und die ganze Bibel, die sich zwar der Fähigkeit des Menschen zum Bösen wohl bewusst sind, auch verkünden, dass das Böse nicht das letzte Wort haben wird. Aus den Tiefen des Leids und der Trauer kommt der Aufschrei des Herzens des Gläubigen: »Ich aber, Herr, ich vertraue dir, ich sage: >Du bist mein Gott<« Ps 31,15.

  3. Juden und Christen teilen ein unermessliches geistliches Erbe, das aus der Selbstoffenbarung Gottes hervor- gegangen ist. Unsere religiösen Lehren und unsere geistliche Erfahrung fordern von uns, das Böse mit Gutem zu überwinden.
  Wir erinnern uns, aber ohne jedes Verlangen nach Rache oder als Ansporn zum Hass. Für uns bedeutet Erin- nerung, für Frieden und Gerechtigkeit zu beten und uns dieser Sache zu verpflichten. Nur eine Welt im Frieden mit Gerechtigkeit für alle kann eine Wiederholung der Verfehlungen und grauenvollen Verbrechen der Vergangenheit verhindern.
   Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katho- lische Kirche - vom Gebot des Evangeliums zur Wahrheit und Liebe und nicht von politischen Überlegungen motiviert - zutiefst betrübt ist über den Hass, die Taten von Verfolgungen und die antisemitischen Ausschreitun- gen von Christen gegen die Juden, zu welcher Zeit und an welchem Ort auch immer. Die Kirche verwirft jede Form von Rassismus als ein Leugnen des Abbildes des Schöpfers, das jedem Menschenwesen innewohnt 
vgl. Gen 1,26.

   4. An diesem Ort des feierlichen Erinnerns bete ich inständig dafür, dass unsere Trauer um die Tragödie, die das jüdische Volk im zwanzigsten Jahrhundert erlitten hat, zu einer neuen Beziehung zwischen Christen und Juden führen möge.
   Lasst uns eine neue Zukunft aufbauen, in der es keine antijüdischen Gefühle seitens der Christen und keine antichristlichen Empfindungen seitens der Juden mehr geben wird,  sondern vielmehr die gegenseitige Achtung, wie sie jenen zukommt, die den einen Schöpfer und Herrn anbeten und auf Abraham als unseren gemeinsamen Vater im Glauben schauen.
   Die Welt muss die Warnung hören, die die Holocaust-Opfer und das Zeugnis der Überlebenden an uns richten. Hier in Jad Vaschem lebt die Erinnerung fort und brennt sich in unsere Seelen ein. Sie lässt auch uns rufen:

»Ich höre das Zischeln der Menge - Grauen ringsum  ...
Ich aber, Herr, ich vertraue dir, ich sage: ‘Du bist mein Gott’« Ps 31,14-15

                                                                           Johannes Paul II.

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Papst Johannes Paul II. schrieb zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz:
„Als ich im Jahre 1979 als Papst und Pilger das Lager von Auschwitz-Birkenau besuchte, verweilte ich vor den Gedenktafeln der Opfer. Ein wenig länger verweilte ich dann bei der Gedenktafel in hebräischer Schrift. Diese Inschrift weckt die Erinnerung an das Volk, dessen Söhne und Töchter zur völligen Vernichtung bestimmt sein sollten. Der Versuch, ein ganzes Volk planmäßig zu vernichten, liegt wie ein Schatten über Europa und der ganzen Welt; es ist ein Verbrechen, das für immer die Geschichte der Menschheit befleckt.” 

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Papst Benedikt XVI. in Auschwitz / Birkenau

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  „An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen ist fast unmöglich - ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt. An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschüttertes Schwei- gen stehen - Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden? In solchem Schweigen verbeugen wir uns inwendig vor der ungezählten Schar derer, die hier gelitten haben und zu Tode gebracht worden sind; dieses Schweigen wird dann doch zur lauten Bitte um Vergebung und Versöhnung, zu einem Ruf an den lebendigen Gott, dass er solches nie wieder geschehen lasse.
  Vor 27 Jahren, am 7. Juni 1979, stand hier Papst Johannes Paul II. Er sagte damals: „Heute komme ich hierher als Pilger. Es ist bekannt, dass ich viele Male hierher gekommen bin. Wie oft! Und oft bin ich hinab gestiegen in die Todeszelle von Maximilian Kolbe und bin stehen geblieben vor der Hinrichtungsmauer, durch die Trümmer der Krematorien von Birkenau gegangen. Ich konnte als Papst unmöglich nicht hierher kommen.” Papst Johannes Paul II. stand hier als Kind des Volkes, das neben dem jüdischen Volk am meisten an diesem Ort und überhaupt im Laufe des Krieges hat leiden müssen: „Sechs Millionen Polen haben ihr Leben während des Zweiten Welt- kriegs verloren, ein Fünftel der Nation”, sagte der Papst damals erinnernd. Er hat hier den Mahnruf zur Achtung der Rechte des Menschen und der Nationen erhoben, den zuvor seine Vorgänger Johannes XXIII. und Paul VI. vor der Welt erhoben hatten, und hat hinzugefügt: „Ich verkündige diese Rechte als Sohn der Nation die in ihrer ent- fernten und jüngeren Geschichte vielfältige Qualen durch andere erlitten hat. Ich sage dies nicht, um anzuklagen, sondern um zu erinnern. Ich spreche im Namen aller Nationen, deren Rechte verletzt und vergessen werden ...” Papst Johannes Paul II. stand hier als Sohn des polnischen Volkes. Ich stehe hier als Sohn des deutschen Volkes, und gerade deshalb muss ich, darf ich wie er sagen: Ich konnte unmöglich nicht hierher kommen. Ich musste kommen. Es war und ist eine Pflicht der Wahrheit, dem Recht derer gegenüber, die gelitten haben, eine Pflicht vor Gott, als Nachfolger von Johannes Paul II. und als Kind des deutschen Volkes hier zu stehen - als Sohn des Volkes, über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zer- störens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte.

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  Ja, ich konnte unmöglich nicht hierher kommen. Am 7. Juni 1979 hatte ich als Erzbischof von München und Frei- sing unter den vielen Bischöfen hier gestanden, die den Papst begleiteten, auf ihn hörten und mit ihm beteten. 1980 war ich dann noch einmal mit einer Delegation deutscher Bischöfe an diese Stätte des Grauens gegangen, erschüttert ob des Bösen und dankbar dafür, dass über dieser Finsternis der Stern der Versöhnung aufgegangen war. Dazu bin ich auch heute hier: die Gnade der Versöhnung zu erbitten - von Gott zuerst, der allein unsere Herzen auftun und reinigen kann; von den Menschen, die hier gelitten haben, und schließlich die Gnade der Ver- söhnung für alle, die in dieser unserer Stunde der Geschichte auf neue Weise unter der Macht des Hasses und der vom Hass geschürten Gewalt leiden.
  Wie viele Fragen bewegen uns an diesem Ort! Immer wieder ist da die Frage: Wo war Gott in jenen Tagen? Warum hat er geschwiegen? Wie konnte er dieses Übermaß von Zerstörung, diesen Triumph des Bösen dulden? Die  Worte des Psalms 44 kommen uns in den Sinn, die Klage des leidenden Israel: „... Du hast uns verstoßen an den Ort der Schakale und uns bedeckt mit Finsternis ... Um deinetwillen werden wir getreten Tag für Tag, behan- delt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Wach auf, warum schläfst du, Herr? Erwache, verstoß uns nicht für immer! Warum verbirgst du dein Gesicht, vergisst unsere Not und Bedrängnis? Unsere Seele ist in den Staub hinabgebeugt, unser Leib liegt am Boden. Steh auf - hilf uns! In deiner Huld erlöse uns!” Ps 44, 20.23-27. Dieser Notschrei des leidenden Israel an Gott in Zeiten der äußersten Bedrängnis ist zugleich der Notruf all derer in der Geschichte - gestern, heute und morgen -, die um Gottes willen, um der Wahrheit und des Guten willen leiden, und das sind viele, auch heute. Wir können in Gottes Geheimnis nicht hineinblicken - wir sehen nur Frag- mente und vergreifen uns, wenn wir uns zum Richter über Gott und die Geschichte machen wollen. Dann würden wir nicht den Menschen verteidigen, sondern zu seiner Zerstörung beitragen. Nein - im letzten müssen wir bei dem demütigen, aber eindringlichen Schrei zu Gott bleiben: Wach auf! Vergiss dein Geschöpf Mensch nicht! Und unser Schrei an Gott muss zugleich ein Schrei in unser eigenes Herz hinein sein, dass in uns die verborgene Gegenwart Gottes aufwache - dass seine Macht, die er in unseren Herzen hinterlegt hat, nicht in uns vom Schlamm der Eigensucht, der Menschenfurcht und der Gleichgültigkeit, des Opportunismus verdeckt und nieder- gehalten werde. Wir stoßen diesen Ruf an Gott, diesen Ruf in unser eigenes Herz hinein, gerade auch in dieser unserer gegenwärtigen Stunde aus, in der neue Verhängnisse drohen, in der neu alle dunklen Mächte aus dem Herzen des Menschen aufzusteigen scheinen - auf der einen Seite der Missbrauch Gottes zur Rechtfertigung blinder Gewalt gegen Unschuldige, auf der anderen Seite der Zynismus, der Gott nicht kennt und den Glauben an ihn verhöhnt. Wir rufen zu Gott, dass er die Menschen zur Einsicht bringe, damit sie erkennen, dass Gewalt keinen Frieden stiftet, sondern nur wieder Gewalt hervorruft - eine Spirale der Zerstörungen, in der alle am Ende nur Verlierer sein können. Der Gott, dem wir glauben, ist ein Gott der Vernunft - einer Vernunft, die freilich nicht neutrale Mathematik des Alls, sondern eins mit der Liebe, mit dem Guten ist. Wir bitten Gott, und wir rufen zu den Menschen, dass diese Vernunft, die Vernunft der Liebe, der Einsicht in die Kraft der Versöhnung und des Friedens die Oberhand gewinne inmitten der uns umgebenden Drohungen der Unvernunft oder einer falschen, von Gott gelösten Vernunft.

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   Der Ort, an dem wir stehen, ist ein Ort des Gedächtnisses. Das Vergangene ist nie bloß vergangen. Es geht uns an und zeigt uns, welche Wege wir nicht gehen dürfen und welche wir suchen müssen. Wie Johannes Paul II. bin ich die Steine entlanggegangen, die in den verschiedenen Sprachen an die Opfer dieses Ortes erinnern: in Weiß- russisch, Tschechisch, Deutsch, Französisch, Griechisch, Hebräisch, Kroatisch, Italienisch, Jiddisch, Ungarisch, Niederländisch, Norwegisch, Polnisch, Russisch, Roma, Rumänisch, Slowakisch, Serbisch, Ukrainisch, Jüdisch- Spanisch und Englisch. All diese Gedenksteine künden von menschlichem Leid, lassen uns den Zynismus der Macht ahnen, die Menschen als Material behandelte und sie nicht als Personen anerkannte, in denen Gottes Ebenbild aufleuchtet. Einige Steine laden zu einem besonderen Gedenken ein. Da ist der Gedenkstein in hebräi- scher Sprache. Die Machthaber des Dritten Reiches wollten das jüdische Volk als Ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen; auf furchtbare Weise haben sich da die Psalmworte bestätigt: „Wie Schafe werden wir behandelt, die zum Schlachten bestimmt sind.”
  Im tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat. Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören - ihnen selber, die sich für die Starken hielten, die es verstanden hatten, die Welt an sich zu reißen. Mit dem Zerstören Israels sollte im letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht, und endgültig durch den neuen, selbst gemachten Glauben an die Herrschaft des Menschen, des Starken, ersetzt werden.
  Da ist dann der Stein in polnischer Sprache: Man wollte zunächst und zuerst die geistige Führung Polens ausl- öschen und damit das Volk als eigenes geschichtliches Subjekt austilgen, um es, soweit es weiter bestand, zu einem Volk von Sklaven zu erniedrigen. Dann lädt besonders der Stein zum Nachdenken ein, der in der Sprache der Sinti und Roma geschrieben ist. Auch hier sollte ein ganzes Volk verschwinden, das quer durch die einzelnen Völker wandert und lebt. Es wurde zu den unnützen Elementen der Weltgeschichte gerechnet, in einer Weltan- schauung, in der nur noch der messbare Nutzen zählen sollte; alles andere wurde nach deren Vorstellungen als lebensunwertes Leben eingestuft. Da ist dann der Gedenkstein in Russisch, der uns in die ungeheuren Blutopfer der russischen Soldaten im Kampf gegen das nationalsozialistische Terrorregime erinnert und freilich zugleich an die tragische Doppelbedeutung ihres Einsatzes denken lässt: dass sie, während sie Völker von der einen Diktatur befreiten, doch auch dazu dienen mussten, dieselben Völker einer neuen Diktatur, derjenigen Stalins und der der kommunistischen Ideologie, zu unterwerfen. Auch alle anderen Steine in den vielen Sprachen Europas sprechen uns von dem Leiden der Menschen aus diesem ganzen Kontinent; sie würden erst vollends zu unserem Herzen sprechen, wenn wir nicht mehr nur der Opfer im großen und ganzen gedächten, sondern die einzelnen Gesichter von Menschen sehen würden, die hier im Dunkel des Terrors endeten.

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  Es war mir eine innere Pflicht, auch vor dem Gedenkstein in deutscher Sprache besonders inne zu halten. Von dort tritt das Gesicht von Edith Stein, Theresia Benedicta vom heiligen Kreuz, auf uns zu - Jüdin und Deutsche, die zusammen mit ihrer Schwester im Grauen der Nacht des nazideutschen Konzentrationslagers verschwunden ist, die als Christin und als Jüdin mit ihrem Volk und für ihr Volk sterben wollte. Die Deutschen, die damals nach Auschwitz-Birkenau verbracht wurden und hier gestorben sind, wurden als Abschaum der Nation hingestellt. Aber nun erkennen wir sie dankbar als die Zeugen der Wahrheit und des Guten, das auch in unserem Volk nicht unter- gegangen war. Wir danken diesen Menschen, dass sie sich der Macht des Bösen nicht gebeugt haben und so als Lichter in einer dunklen Nacht vor uns stehen. Wir beugen uns in Ehrfurcht und Dankbarkeit vor all denen, die wie die drei Jünglinge angesichts der Drohung des babylonischen Feuerofens geantwortet haben: „Wenn überhaupt jemand, so kann nur unser Gott ... uns retten. Tut er es aber nicht, so sollst du, König, wissen: Auch dann ver- ehren wir deine Götter nicht und beten das goldene Standbild nicht an, das du errichtet hast!” Dan 3,17 f.
   Ja, hinter diesen Gedenksteinen verbirgt sich das Geschick von unzähligen Menschen. Sie rütteln unser Gedächtnis auf, sie rütteln unser Herz auf. Nicht zum Hass wollen sie uns bringen: Sie zeigen uns, wie furchtbar das Werk des Hasses ist. Sie wollen uns zur Einsicht bringen, die das Böse als Böses erkennt und verneint; sie wollen den Mut zum Guten, zum Widerstand gegen das Böse in uns wecken. Sie wollen uns zu jener Gesinnung bringen, die sich in den Worten ausdrückt, die Sophokles der Antigone angesichts des Grauens um sie herum in den Mund gelegt hat: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.” Gottlob wachsen im Umkreis dieser Stätte des Grauens mit der Reinigung des Gedächtnisses, zu der sie uns drängt, vielfältige Initiativen, die dem Bösen eine Grenze setzen, dem Guten Kraft geben wollen. Eben durfte ich das Zentrum für Dialog und Gebet segnen. Ganz nah dabei vollzieht sich das verborgene Leben der Karmelitinnen, die sich besonders dem Geheimnis des Kreuzes Christi verbunden wissen und uns an den Glauben der Christen erinnern, dass Gott selbst in die Hölle der Leiden abgestiegen ist und mit uns leidet. In Oswiecim besteht das Zentrum des heiligen Maximilian und das Internatio- nale Zentrum für die Erziehung über Auschwitz und den Holocaust. Es gibt das Internationale Haus für Jugend- begegnungen. Bei einem der alten Gebetshäuser besteht das Jüdische Zentrum. Schließlich ist die Akademie für die Menschenrechte im Aufbau begriffen. So dürfen wir hoffen, dass aus dem Ort des Grauens Besinnung wächst und dass das Erinnern hilft, dem Bösen zu widerstehen und der Liebe zum Sieg zu verhelfen.
 Die Menschheit hat in Auschwitz-Birkenau eine „finstere Schlucht” durchschritten. So möchte ich gerade an dieser Stelle mit einem Gebet des Vertrauens schließen - einem Psalm Israels, der zugleich ein Gebet der Christenheit ist: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht ... Im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit” Ps 23,1-4.6.

                                                              Benedikt XVI.

Zum Phänomen des Regenbogens bei der Ansprache des Papstes Foto oben rechts
weisen wir hin auf unsere Seite >  Zeichen am Himmel

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 Papst Benedikt XVI. hat in Jerusalem der von den Nationalsozialisten ermordeten Juden gedacht.
Die Leiden der Opfer dürften niemals geleugnet, heruntergespielt oder vergessen werden,
sagte der Papst in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem.

   „Ich bin hierher gekommen, um in Stille vor diesem Denkmal innezuhalten, das errichtet wurde, um die Erinne- rung an die Millionen Juden zu ehren, die in der entsetzlichen Tragödie der Schoah ermordet wurden.“
   Der deutsche Papst sprach während seines Besuchs mit mehreren Holocaust-Überlebenden; einer von ihnen wird in Yad Vashem auch als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Die sechs Millionen Juden hätten ihr Leben verloren, nicht aber ihren Namen, sagte Benedikt XVI.
   „Mögen die Namen dieser Opfer niemals verblassen! Möge ihr Leiden niemals verleugnet, herabgesetzt oder vergessen werden! Und mögen alle Personen guten Willens darüber wachen, vom menschlichen Herzen alles auszurotten, was zu ähnlichen Tragödien wie dieser führen könnte!“
  Die Namen der Opfer seien eingeschrieben in die Herzen ihrer Angehörigen, der überlebenden Leidensgenossen und all jener, die sich gegen jede Wiederholung solcher Gräueltaten einsetzten. Zugleich seien die Namen „für immer verankert im Gedächtnis des Allmächtigen Gottes“. Benedikt entzündete eine Flamme zum Gedenken an die Ermordeten der Konzentrationslager und legte er einen Kranz nieder. Israels Staatspräsident Schimon Peres und die Leiter der Gedenkstätte, Avner Shalev und Rabbi Meir Lau, begleiteten den tief bewegten 82-jährigen Papst durch die „Halle der Erinnerung“ in Yad Vashem.
   „Während wir hier in Stille stehen, hallt der Schrei der Opfer in unseren Herzen nach. Es ist ein Schrei, der sich gegen jeden Akt der Ungerechtigkeit und Gewalt erhebt. Es ist eine bleibende Anklage gegen das Vergießen unschuldigen Blutes.“ 
  Die katholische Kirche „empfindet tiefes Mitgefühl für die Opfer, an die hier erinnert wird“, betonte der Papst. Auf dieselbe Weise stelle sie sich heute an die Seite derer, die wegen Rasse, Hautfarbe, ihrer Lebensbedingungen oder Religion verfolgt würden. „Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus bekräftige ich wie meine Vorgänger die Verpflichtung der Kirche, unermüdlich zu beten und zu wirken, damit der Hass nie mehr in den Her- zen der Menschen regiert“, so das Kirchenoberhaupt. Rv-kna090511bp-gs

In der Gedenkstätte Jad Vaschem richtete der Papst die Anwesenden er die folgende Ansprache:
   »Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen ... Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals ausgetilgt wird« Jes 56,5.
   Diese Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja liefert die beiden schlichten Worte, die feierlich die tiefe Be- deutung dieser ehrwürdigen Stätte zum Ausdruck bringen: jad - »Denkmal«; schem - »Name«. Ich bin gekommen, um in Stille vor diesem Denkmal zu stehen, das zur ehrenvollen Erinnerung an die Millionen in der schrecklichen Tragödie der Schoah getöteten Juden errichtet wurde. Sie haben ihr Leben verloren, doch niemals werden sie ihre Namen verlieren: Diese sind fest in die Herzen ihrer Lieben, ihrer Mitgefangenen, die überlebt haben, und all jener eingeschrieben, die entschlossen sind, niemals zuzulassen, dass eine solche Grausamkeit wieder über die Menschheit hereinbricht. Mehr als alles andere sind ihre Namen für immer in das Gedächtnis des Allmächtigen Gottes eingeprägt.
   Man kann einen Mitmenschen seines Besitzes, seiner Chancen oder seiner Freiheit berauben. Man kann ein heimtückisches Netz von Lügen spinnen, um andere zu überzeugen, dass gewisse Gruppen keine Achtung ver- dienen. Doch so sehr sich einer auch bemüht, man kann niemals den Namen eines Mitmenschen wegnehmen.
   Die Heilige Schrift lehrt uns die Wichtigkeit der Namen, wenn jemandem eine einzigartige Aufgabe oder eine besondere Gabe verliehen wird. Gott nannte Abram »Abraham«, weil er zum »Stammvater einer Menge von Völ- kern« werden sollte Gen 17,5. Jakob wurde »Israel« genannt, weil er »mit Gott und mit Menschen gestritten und gewonnen« hat Gen 32,29. Die in diesem ehrwürdigen Denkmal bewahrten Namen werden auf immer einen heiligen Platz unter den zahllosen Nachfahren Abrahams einnehmen. Wie bei ihm wurde ihr Glaube geprüft. Wie Jakob wurden sie in das mühevolle Ringen, die Pläne des Allmächtigen zu erkennen, hineingestellt. Mögen die Na- men dieser Opfer niemals vergehen! Möge ihr Leid nie geleugnet, herabgesetzt oder vergessen werden! Und mö- gen alle Menschen guten Willens weiter wachsam darauf achten, aus dem Herzen des Menschen auszumerzen, was immer zu Tragödien wie dieser führen könnte!
   Die katholische Kirche, in Verpflichtung zur Lehre Jesu und in der Absicht, seine Liebe zu allen Menschen nach- zuahmen, empfindet tiefes Mitgefühl für die Opfer, derer hier gedacht wird. Ebenso ist sie all denen nahe, die heute aufgrund von Volkszugehörigkeit, Hautfarbe, Lebensbedingungen oder Religion verfolgt werden - sie teilt ihre Leiden und macht sich ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit zu eigen. Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus bekräftige ich - wie meine Vorgänger -, dass die Kirche verpflichtet ist, unablässig zu beten und zu arbeiten, um zu gewährleisten, dass der Hass nie wieder in den Herzen der Menschen herrsche. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist der Gott des Friedens vgl. Ps 85,9.
  
Die Schriften lehren, dass es unsere Aufgabe ist, die Welt daran zu erinnern, dass Gott lebt, auch wenn wir es manchmal schwierig finden, seine geheimnisvollen und unergründlichen Wege zu verstehen. Er hat sich selbst geoffenbart und wirkt weiterhin in der menschlichen Geschichte. Er allein regiert die Welt in Gerechtigkeit und spricht den Völkern ein gerechtes Urteil vgl. Ps 9,9.
   Wenn man auf die Gesichter blickt, die sich im Becken spiegeln, das innerhalb der Gedenkstätte in Stille ruht, kann man nicht anders, als sich daran erinnern, dass ein jedes davon einen Namen trägt. Ich kann mir nur die freudige Erwartung ihrer Eltern vorstellen, als sie sehnsüchtig auf die Geburt ihrer Kinder warteten. Welchen Namen sollen wir diesem Kind geben? Was wird aus ihm oder ihr werden? Wer hätte sich vorstellen können, dass sie zu einem solch beklagenswerten Schicksal verurteilt werden würden!
   Wenn wir hier in Stille stehen, hallt ihr Schrei in unseren Herzen wider. Es ist ein Schrei gegen jeden Akt von Ungerechtigkeit und Gewalt. Es ist ein ständiger Vorwurf gegen das Vergießen von unschuldigem Blut. Es ist der Schrei Abels, der vom Erdboden zum Allmächtigen aufsteigt. Wir bekennen unser unerschütterliches Vertrauen in Gott und verleihen diesem Schrei Stimme mit den Worten aus dem Buch der Klagelieder, das für Juden wie für Christen voller Bedeutung ist:
                                      »Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft,
                                        sein Erbarmen ist nicht zu Ende.
                                        Neu ist es an jedem Morgen;
                                        groß ist deine Treue.
                                        Mein Anteil ist der Herr, sagt meine Seele,
                                        darum harre ich auf ihn.
                                        Gut ist der Herr zu dem,
                                        der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht.

                                        Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn«. Klgl 3,22-26.
  Liebe Freunde, Gott und Ihnen bin ich äußerst dankbar für die Gelegenheit, hier in Stille zu verweilen: eine Stille, um zu gedenken, eine Stille, um zu beten, eine Stille, um zu hoffen. OR090615

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  Benedikt XVI. hat das Erbe seines Vorgängers bei seinem Polen-Besuch im Jahr 2006 entschieden weitergeführt. Allein, dass er dies als «Sohn des deutschen Volkes» getan hat, zeigt bei aller Kontinuität doch auch das Neue. Der polnische Pontifex gehörte einer Nation an, die selbst gezieltes Opfer des NS-Regimes geworden ist; Bene- dikt hingegen stammt aus Deutschland, dem Land der Täter. Schon im Vorfeld  hatte er betont, dass er als  Ober- haupt der katholischen Kirche Überlebende des Nazi-Terrors treffen und um die Heilung der Wunden der Vergan- genheit beten wolle.
 Die Szenenabfolge seines Besuches war denn auch wohl überlegt. Anders als die NS-Größen fuhr der Papst nicht mit einer Limousine, sondern schritt zu Fuß durch das Lagertor, das mit der zynischen Aufschrift «Arbeit macht frei» versehen ist, und begab sich zur Todesmauer, an der unzählige KZ-Insassen willkürlich erschossen worden waren. An dieser Stätte des Leidens hielt der Papst inne, betete einige Minuten schweigend, verneigte sich und entzündete eine Kerze. Stillstand der Zeit, um der verstummten Schreie der Toten zu gedenken, ihr Geschick dem Gott des Lebens anzuempfehlen. Erst danach begrüßte Benedikt XVI. zweiunddreißig Überlebende des Grauens aus unterschiedlichen Nationen, jeden einzeln, jeden persönlich. Die Sprache der Gesten - Gesichter, Tränen, Hände — war hier sicherlich sprechender als die wenigen Worte, die gewechselt werden konnten. Menschen, die von den Nazis zu antlitzlosen Nummern gestempelt und zur Vernichtung bestimmt worden waren, wurden vom Papst als Personen mit Stimme und Gesicht gewürdigt, wobei ins Auge fiel, dass es Altersgenossen waren, die hier zusammenkamen. Der Schauspieler August Kowalcyk sagte später: «Ist das nicht ein Wunder, dass ich genau 64 Jahre nach den Exekutionen auf der anderen Seite des Zellengitters stehe? Mit einem Menschen, der die gleiche Nationalität hat wie meine Peiniger, aber die Soutane des höchsten Würdenträgers der Kirche trägt?» - Ein stilles Gebet in der unterirdischen Todeszelle von Maximilian Kolbe schloss sich an, der 1941 freiwillig an Stelle eines Familienvaters in den Hungerbunker gegangen war und von Johannes Paul II. 1981 als erster Märty- rer der NS-Zeit heiliggesprochen wurde.
  Den Höhepunkt bildete zweifellos die eigens für den Besuch in Auschwitz-Birkenau komponierte Gedenkfeier. Der Papst hatte auf eine Messe verzichtet, um die religiösen Gefühle andersgläubiger, vor allem jüdischer Überle- bender nicht zu verletzen. Er schritt zunächst die zweiundzwanzig Gedenktafeln ab, die in unterschiedlichen Sprachen an die unzähligen Opfer des ehemaligen Vernichtungslagers erinnern. Auschwitz, der größte Friedhof der Welt, ist ohne Gräber, so dass die Tafeln stellvertretend an die unbestatteten Opfer erinnern. Jugendliche aus den betreffenden Nationen stellten zum Zeichen des Gedenkens Kerzen an den Steintafeln ab. In der Nähe der Krematorien wurde sodann mit Psalm 22 ein Klagegebet intoniert, welches das beklemmende Gefühl der Gottesfinsternis eindringlich ins Wort bringt: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» - Worte, die der Gekreuzigte vor seinem Tod gebetet hat, wenn man dem Passionsbericht des Matthäus-Evangliums folgt vgl. Mt 27,46. Die anschließenden Fürbitten, die in sechs Sprachen von unterschiedlichen religiösen Repräsentanten des Juden- und Christentums vorgetragen wurden, galten vor allem den Opfern. Menschen können und sollen anamnetische Solidarität mit den Toten üben und sie vor dem zweiten Tod, dem Tod des Vergessens, bewahren. Es ist ihr Auftrag, zu mahnen und gegen die aufkeimende Saat des Bösen Widerstand zu leisten. Sie können allerdings den Tod nicht widerrufen. Das ist die Ohnmacht menschlicher Erinnerung. Daher war es zutiefst ange- messen, dass in der Gedenkliturgie ein jüdisches Totengebet einkomponiert wurde, das nicht nur die Namen der Konzentrationslager eigens aufführte, sondern auch die Opfer der memoria Dei anempfahl. Erst wenn die Namen in die Hand Gottes eingeschrieben sind vgl. Jes 49,18f, werden sie endgültig dem Strom des Vergessens ent- rissen sein. Der Papst selbst beschloss das Gebet mit einer Fürbitte, die er in deutscher Sprache vortrug: «Herr, Du bist der Gott des Friedens, Du bist der Frieden selbst ... Gib, dass alle, die in Eintracht leben, in Frieden aus-- harren, und dass alle, die entzweit sind, sich wieder versöhnen.» An die Vergebungsbitte, die Johannes Paul II. im Jahr 2000 für die von Christen an Juden verübten Verbrechen vorgetragen hatte, schloss sich damit die Bitte Benedikts XVI. um die Gabe der Versöhnung an - eine Bitte, deren Dringlichkeit auf der Hand liegt, da es Wunden gibt, die so tief sind, dass sie Menschen unfähig machen, zu vergeben. War es Zufall, dass an dieser Stelle der Zeremonie am Himmel ein Regenbogen erschien - Zeichen des Bundes, den Gott nach der Sintflut mit Noah ge- schlossen hat? Nie wieder werde er eine Flut über alle Wesen aus Fleisch kommen lassen. «Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwi- schen mir und euch» Gen 9,14f. Die abschließende Ansprache, die der Papst als Oberhaupt der katholischen Kirche in italienischer Sprache vortrug, hatte zweifelsohne besonderes Gewicht. Eingangs betonte der Papst die Singularität der Verbrechen von Auschwitz und wandte sich damit gegen geschichtsrevisionistische Tendenzen, welche die Schoah zu einer Marginalie der Weltgeschichte herunterstufen oder - wie der iranische Präsident Mah- mud Ahmadinedschad - schlichtweg als Mythos betrachten. Auch wenn die Rede insgesamt weniger auf die histo- rische Beurteilung der Schoah abzielte, so lässt sich die Aussage, die Verbrechen seien «ohne Parallele in der Ge- schichte», doch als ein später pontifikaler Kommentar zum Historikerstreit lesen, in dem die Auffassung, dass sich die NS-Verbrechen historisch vergleichen, einordnen und objektivieren lassen, durch den Hinweis auf die Ana- logielosigkeit und Einzigkeit emphatisch bestritten wurde. Gleichzeitig stellte Benedikt XVI. seine Sprachnot am Ort des Grauens heraus: Es falle ihm schwer, als Christ und Papst, der aus Deutschland stamme, die richtigen Worte zu finden. Das bestürzte Schweigen geriet ihm daher zu einem inwendigen Schrei nach Gott: «Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden?» Die diskursive Sprache des Theologen wich hier für einen Augenblick der von Trauer und Ratlosigkeit angereicherten Sprache des Gebets in den Spuren Hiobs. Die bedrängenden Fragen, die ein Ort des Verbrechens wie Auschwitz aufwirft, wurden durch Benedikt XVI. nicht nie- dergehalten oder beiseite geschoben, sondern ausdrücklich in theodizee-empfindlicher Sprache vor Gott ge- bracht. Damit näherte er sich der Perspektive der Betroffenen, vor deren unsagbarem Leid er sich zugleich inner- lich verbeugte. Mehrfach stellte Benedikt heraus, unmöglich habe er als «Sohn des deutschen Volkes» nicht hier- her kommen können. Die bloße Präsenz des Papstes in Auschwitz zeigte, dass die Vergangenheit nicht vergan- gen ist. Sie geriet zur Mahnung, das jüdische Leid nicht zu vergessen, es im Gegenteil gegenwärtig zu halten, um in Zukunft andere, bessere Wege gehen zu können. Die historische Aussage allerdings, das «deutsche Volk» sei von einer «Schar von Verbrechern» ideologisch instrumentalisiert und missbraucht worden, war gewiss heikel, weil sie die Demokratiemüdigkeit und Ideologieanfälligkeit weiter Teile der deutschen Bevölkerung nicht eigens ins Wort brachte. Die teils scharfe Kritik, die dieser Passus der Rede in der internationalen Presse gefunden hat, dürfte allerdings übersehen haben, dass sich der Papst auf die «feinstufige Begrifflichkeit des Historikers» und «seine quellengestützten Unterscheidungen von Mittätern, Mitwissern und Mitläufern» nicht eingelassen hat. Falls Benedikt deutlich machen wollte, dass nicht alle Deutschen Nazis waren, eine pauschale Schuldzuweisung den historischen Realitäten also nicht gerecht wird, hat er dies in einer Formulierung getan, die für manche Ohren eine entschuldigende Note hatte. Bemerkenswerter waren demgegenüber die theologischen Fragen, die sich Benedikt XVI. angesichts des Ortes aufdrängten: Wo war Gott in Auschwitz? Warum hat er geschwiegen? Wie konnte der Triumph des Bösen geschehen?
   Statt einer theologischen Antwort oder eines theoretischen Theodizeeversuches griff der Papst - wiederum kaum zufällig - auf die Gebetssprache Israels zurück und machte sich die Worte des Klagepsalms zu eigen: «Du hast uns verstoßen an den Ort der Schakale und uns bedeckt mit Finsternis ... Um deinetwillen werden wir getreten Tag für Tag, behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Wach auf! Warum schläfst du, Herr? Erwache, verstoß uns nicht für immer! Warum verbirgst du dein Gesicht, vergisst unsere Not und Bedrängnis? Unsere Seele ist in den Staub hinabgebeugt, unser Leib liegt am Boden. Steh auf - hilf uns! In deiner Huld erlöse uns!» Ps 44,20.23-27 In diesem Psalm hat das Leiden Israels paradigmatischen Ausdruck gefunden, und der Respekt vor dieser jahrhundertelangen Leidensgeschichte verbietet es, diesem Leiden mit überkom- menen Deutungskategorien einen klaren geschichtstheologischen Sinn zu unterlegen. Die Schoah als Strafe Gottes für begangene Verfehlungen zu deuten, ist zynisch und theologisch inakzeptabel. Nicht minder problema- tisch wäre es für den Papst, aufgrund der sich auftürmenden Trümmer der menschlichen Freiheitsgeschichte Gott selbst vor das Tribunal der Vernunft zu zitieren und ihn schuldig zu sprechen. Vor beiden Deutungsmustem, die in der Diskussion um eine Theologie nach Auschwitz durchaus vertreten worden sind, warnte der Papst, als er sagte: «Wir können in das Geheimnis Gottes nicht hineinblicken - wir sehen nur Fragmente und vergreifen uns, wenn wir uns zum Richter über Gott oder die Geschichte machen wollen.» Der Mensch könne im letzten nur bei diesem Schrei zu Gott bleiben, wobei der Schrei nicht nur Gott, sondern auch dem eigenen Herzen gelten müsse, auf dass dort die verborgene Gegenwart Gottes wachgehalten und nicht vom «Schlamm der Eigensucht, der Menschenfurcht und der Gleichgültigkeit, des Opportunismus» verdeckt und niedergehalten werde. Die Frage nach Gott angesichts des Leids ist demnach nicht abzukoppeln von der nach dem Menschen und dessen abgrün- diger Bosheit. Dieser Zusammenhang ist um so wichtiger, als das Problem der Theodizee nicht von der Frage nach der Verantwortung des Menschen, der Anthropodizee, ablenken darf. An dieser Stelle seiner Rede schlug der Papst den Bogen in die Gegenwart, in der er neue Verhängnisse heraufziehen sieht: zum einen den Missbrauch des Gottesnamens zur Rechtfertigung von blinder Gewalt - eine unzweideutige Anspielung auf den militanten Islamismus, der täglich unschuldige Opfer fordert; zum anderen einen schleichenden Zynismus,«der Gott nicht kennt und den Glauben an ihn verhöhnt». An anderer Stelle hatte Joseph Ratzinger diese Symptome bereits als Pathologien des Glaubens und der Vernunft angesprochen. Eine Religion, die den Glauben gegen Fragen der Vernunft immunisiert und fanatische Züge annimmt, ist demnach ebenso heilungsbedürftig wie eine «falsche, von Gott gelöste Vernunft», die im Machbarkeitswahn aufgeht und keine Grenzen mehr anerkennt. Auch in und nach Auschwitz empfahl der Papst den Glauben an einen Gott, der als Logos zugleich Liebe ist, als Thera- peutikum gegen religiöse Gewalt und gottvergessenen Zynismus.
  Im letzten Teil seiner Rede betonte der Papst noch einmal, dass Auschwitz ein Ort des Gedächtnisses sei, und ließ einige der Steintafeln beredt werden, an denen er zuvor vorübergeschritten war. Der Gedenkstein in hebräi- scher Sprache erinnere an den Versuch der Nationalsozialisten, das Volk der Juden als ganzes zu zertreten und aus der Landkarte der Menschheit zu tilgen. Dieser Versuch sei letztlich ein Attentat auf Gott selbst gewesen. Denn «im Tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham beru- fen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschenseins aufgerichtet hat.» Mit den Juden, den geschichtlichen Trägern des Ein-Gott-Glaubens und des Dekalogs, den Zeugen des Bundes, sollte Gott selbst ermordet werden, auf dass sich die gottlose Herrschaft der nazistischen Ideologie ohne Schranken eta- blieren könne. Die theologische Absage an den Antisemitismus konnte gar nicht schärfer artikuliert werden. Bene- dikt XVI. schrieb dadurch auf seine Weise die Tradition seines Vorgängers Pius XI. fort, der am 6. September 1938 in einer Ansprache gesagt hat: «Der Antisemitismus ist unannehmbar. In geistigem Sinn sind wir alle Semiten.» Dies scheint denjenigen entgangen zu sein, die vom Papst in der üblichen und durchaus abgenutzten Sprache der Politik eine Absage an den Antisemitismus erwartet hatten und anschließend ihre Enttäuschung bekundeten, Benedikt XVI. habe sich nicht entschieden genug gegen Judenfeindschaft und aufkeimenden Rechtsradikalismus ausgesprochen. Seine These aber, dass Antisemitismus eine Form von Anti-Theismus ist, dass - biblisch gespro- chen - Gottes Augapfel überall dort angetastet wird, wo sein erwähltes Volk bedroht und verfolgt wird vgl. Sach 2,12, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Außerdem verwies der Papst darauf, dass mit der Vernich- tung Israels auch die Wurzel des christlichen Glaubens ausgerissen worden wäre. Nachdem der Papst die Leiden der Polen, der Sinti und Roma und Russen eigens gewürdigt hatte, ging er auch auf die Gedenktafel in deutscher Sprache ein. Während des Dritten Reiches seien die Deutschen, die nach Auschwitz deportiert wurden, als «Ab- schaum der Nation» hingestellt worden, während sie heute dankbar als Zeugen der Wahrheit und des Guten anerkannt würden. Namentlich erwähnte der Papst Edith Stein, die Jüdin und Deutsche, die  zusammen mit ihrer Schwester in Auschwitz umgebracht worden war und ihrem Sterben als Judenchristin und Karmelitin zuvor eine kreuzestheologische Deutung gegeben hatte. So streifte denn auch der Papst am Ende seiner Rede flüchtig das Motiv, dass Gott sich in der Passion seines Sohnes gewissermaßen selbst dem Inferno des Leidens ausgesetzt und zusammen mit den Opfern gelitten habe. Das Mysterium des Kreuzes mag für Nichtchristen kaum erschwing- lich sein; es birgt für Christen die Hoffnung, dass der scheinbar so schwache Gott am Ende doch stärker ist als die Mächte des Bösen - ein Geheimnis, das Licht auch in der finstersten Finsternis verbreiten kann. Gerade in Au- schwitz-Birkenau aber habe die Menschheit - wie Benedikt XVI. abschließend andeutete - eine «finstere Schlucht» durchschreiten müssen. Daher sollte das letzte Wort in der Rede des Papstes wiederum ein Psalm Israels haben, der zugleich ein Gebet der Christenheit ist - ein Psalm überdies, der die klagenden Rückfragen an Gott, wie sie die Psalmen 22 und 44 ins Wort bringen, einmünden lässt in eine Sprache des Vertrauens: «Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich furchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.» Ps 23,4

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 „Auschwitz bleibt eine Frage ohne Antwort”-
In der Auseinandersetzung christlicher und jüdischer Theologen, ob und wie nach Auschwitz noch von Gott gesprochen werden kann, nimmt Elie Wiesel Foto oben vor der UNO einen hervorragenden Platz ein

  Der Nobelpreisträger Elie Wiesel gehört zu den großen literarischen Zeugen des nationalsozialistischen Massen- mordes an den Juden. Dreitausend Jahre Kulturgeschichte interpretiert der Gelehrte zeitnah und leidenschaftlich fragend.
   Er stellt Adam als den Prototyp des Menschen vor und deutet den Brudermord Kains im Lichte einer durch den Holocaust geprägten Erfahrung. Immer stehen zutiefst Ängste und Hoffnungen im Mittelpunkt. Abraham, der Mächtige und Weise wird unser aller Vater durch seinen Gehorsam, die Opferung Isaaks aber bleibt ein überzeit- liches Symbol: „Ob es Pogrome, oder ob es Kreuzzüge, Massaker und Katastrophen sind, ob die Vernichtung durch das Schwert oder durch das Feuer erfolgt, es ist immer Abraham, der seinen Sohn von neuem zum Opfer- altar führt.”
   Jakob, der die Angst bis zum Ende durchstehen muss, der mit Gott ringt und am Morgen mit einem neuen Namen (Israel) ausgezeichnet wird, ist für Elie Wiesel der Sohn eines Überlebenden (Isaak). Den Traum von der Himmelsleiter versetzt er ins 20. Jahrhundert: „Sie existiert immer noch. Einige haben sie vor Jahren irgendwo in Polen ganz nah bei einem abgelegenen Bahnhof gesehen. Ein ganzes Volk stieg hinauf, stieg zu den glühenden Wolken empor. So sieht das Grauen aus, das unser Ahnherr Jakob empfunden haben muss.” Elie Wiesel zitiert die Legenden des Midrasch, die sich um den ägyptischen Josef, den Gerechten, ranken. Er porträtiert Moses, den treuesten Diener des Ewigen, den alle Elemente siebenmal rühmen. Moses ist der mächtigste Prophet und Führer Israels. Als er im Kuss Gottes stirbt, weint die ganze Schöpfung.
   Schließlich aber befasst der Gelehrte sich mit Hiob und dessen revolutionärem Schweigen. Die ihm wider- fahrenen Prüfungen trägt er mit unbegreiflicher Ergebenheit: „... warum soll ich nicht sagen, dass Hiob mich vor allem nach dem Kriege in Verwirrung gestürzt hat. Man traf ihn damals auf allen Wegen Europas, verwundet, beraubt, verstümmelt, sicher nicht glücklich, aber auch nicht resigniert.” Die Tragödie Hiobs deutet Elie Wiesel als ein Verharren im Widerstand als listige Selbstaufgabe wider besseres Wissen. „Es war einmal in einem fernen Lande ein sagenhafter, gerechter und großherziger Mann, der in seiner Einsamkeit und Verzweiflung den Mut fand, Gott die Stirn zu bieten, ihn zu zwingen, sich seine Schöpfung genau anzusehen und mit den Menschen zu reden, die manchmal schwerwiegende und beunruhigende Siege über ihn davontragen, wider ihren und wider seinen Willen.”
   In der Auseinandersetzung christlicher und jüdischer Theologen, ob und wie nach Auschwitz noch von Gott gesprochen werden kann, nimmt Elie Wiesel einen hervorragenden Platz ein. Wiesel ist der Ansicht, Auschwitz bleibe eine Frage ohne Antwort und das Einzige, was wir tun könnten, wäre eben, Fragen zu stellen und uns zu wundern. Billige Erklärungen bietet er nicht. Vielmehr warnt seine grüblerische Intelligenz vor einem Verrat an der Qual: „Die Aussage, wir hätten für Gott gelitten, enthielte die Behauptung einer Rechtfertigung und versähe das Leiden, das Menschen über uns ver- hängt haben, mit religiöser Bedeutung.” gekDTMagdalenaSGmehling080930

Holocaust,GedStParis-xx  Pariser Gedenkstätte

Holocaust - Ein gekürzter Bericht aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Der Begriff Holocaust   -   Bezeichnung für die Vernichtung der Juden
„Nuklearer oder atomarer Holocaust”
  Der Begriff Holocaust ist indes schon früher auf den Bombenkrieg angewandt worden, erst seit dem Ende der siebziger Jahre wird er zunehmend ausschließlich auf den Judenmord der Nationalsozialisten bezogen.
   Verfestigt hat sich das erst in den neunziger Jahren, noch in den Achtzigern benutzte die Friedensbewegung das in eine befürchtete Zukunft weisende Wort vom nuklearen oder atomaren Holocaust. So beschwor der ehe- malige Bundesinnenminister Schily (SPD, damals Sprecher der Grünen) den „atomaren Holocaust”; Ludger Volmer, zeitweise Staatsminister im Auswärtigen Amt, benutzte diesen Ausdruck noch 2002 in einem Aufsatz.
  In der deutschen Sprache gibt es für die Judenvernichtung keinen festen Begriff. Eingebürgert hat sich seit den Frankfurter Strafprozessen der sechziger Jahre „Auschwitz” als konkretes Symbol des bürokratisch geregelten Massenmordes vor allem an Juden, aber auch anderen Minderheiten. Der Ausdruck Holocaust ist aus dem Ameri- kanischen nach Deutschland gekommen; mit der Ausstrahlung der Fernsehserie gleichen Namens im Januar 1979 begann er sich zügig durchzusetzen. Das auch im Deutschen zuvor existierende Fremdwort „Holokaust” war un- gebräuchlich, auch in wichtigen Wörterbüchern wird es nicht verzeichnet (wie bis in die achtziger Jahre hinein auch nicht die angelsächsische Schreibung mit „c”).
Der Ursprung
  Die Schreibung mit „k” entspricht der Herkunft aus dem Griechischen; „holo-”, und das Verbaladjektiv „kaustos” bedeuten „ganz” und „verbrannt”. Bei dem Geschichtsschreiber Xenophon ist das Wort zum ersten Mal nachweis- bar für ein Ganzbrandopfer, also ein vollständig zu verbrennendes Opfertier (gewöhnlich wurden nur die unge- nießbaren Teile geopfert).
  In der griechischen vorchristlichen Bibelübersetzung, der Septuaginta, kommt das Wort „holokaustos” als Über- setzung des Hebräischen „ola” mehr als hundertmal vor. In der lateinischen Vulgata wurde daraus holocaustum, das so, als „holocaust” Eingang in die angelsächsischen Sprachen fand und zu einem vergleichsweise gängigen Begriff auch in der schönen Literatur wurde. In Deutschland kam es nicht zu dieser Entwicklung, weil in Luthers Bibelübersetzung grundsätzlich deutsch von „Brandopfer” die Rede ist.
  Tatsächlich ist das Wort wegen seiner sakralen Konnotationen in seiner Anwendung auf den Massenmord an den Juden immer wieder auch der Kritik begegnet. Dennoch wurde es schon im Dezember 1942 auf die Vernich- tungsmaschine angewandt, die in Auschwitz bereits im Sommer in Gang gesetzt worden war. Der Begriff meinte schon damals nicht etwa ein gottwohlgefälliges Opfer, sondern die umfassende Vernichtung. Die britische Tages- zeitung „News Chronicle” verknüpfte als erste mit dem Stichwort Holocaust die Einschätzung, dass Hitler die Auslöschung der Juden plane (”the Jewish peoples are to be exterminated”). Im März des darauffolgen- den Jahres verlautete im Londoner Oberhaus die Einschätzung, womöglich würden nur einige hundert oder tausend Juden diesem „holocaust” entfliehen können - so der Viscount Samuel.
Die vollkommene Einäscherung
   Eine Ausschließlichkeit des Begriffs „Holocaust” für die Judenvernichtung gab es nicht und konnte es damals auch nicht geben. Vielmehr wurde er auch auf die Bombenopfer angewandt. Das entsprach seiner Bedeutung im angelsächsischen Sprachraum. Amerikanische Offiziere benutzten ihn zu Beginn der Besatzungszeit in Japan zur Beschreibung dessen, was sie in Hiroshima und Nagasaki gesehen hatten - eben die vollkommene Einäscherung vormals dicht besiedelter Stadtzentren -, doch auch für die vorhergehenden Angriffe auf japanische Städte mit Brandbomben. Das wurde schließlich von der Militärzensur unterbunden; hierdurch wurde die Ablösung des etymologisch keineswegs unpassenden Holocaust-Begriffs von Hiroshima eingeleitet. Doch schrieb beispielsweise der amerikanische Kommandeur des Angriffs auf Tokio am 9. März 1945, Brigadegeneral Powers, noch 1965 in seinen Erinnerungen: „Ich sah Häuserblock auf Häuserblock in Flammen aufgehen, bis der Holocaust sich zu einem kochenden, wirbelnden Feuerozean ausgebreitet hatte, der die Stadt unter mir auf Meilen in jeder Rich- tung umschloss.”
   Zu diesem Zeitpunkt hatte sich in einem Teil der englischsprachigen Geschichtsschreibung der Holocaust als Sammelbegriff für die Judenvernichtung bereits verbreitet, im populären Sprachgebrauch erscheint er zum ersten Mal 1972 in Frederik Forsyths Roman „Akte Odessa”. In Israel wurde der Holocaust zunächst nicht als zentraler Terminus verwandt; dort stand und steht bis heute der eher säkulare hebräische Ausdruck „Schoa” im Vorder- grund. Er hat sich in den späten vierziger Jahren dort durchgesetzt und bereits Eingang in die Unabhängig- keitserklärung von 1948 gefunden. Der Tag des Gedenkens an die Schoa - Jom Haschoa we Hagwura, kurz: Jom Haschoa - wird in Israel seit 1951 mit zunehmender Verbindlichkeit begangen; zentraler Ort des Gedenkens ist Jad Vaschem, das den Gedenktag in englischsprachigen Publikationen indes auch als „Holocaust Martyrs’ and Heroes' Remembrance Day” bezeichnet. Er fällt auf den 27. Nisan des jüdischen Kalenders, liegt also nach unse- rem im April oder Mai. Das Datum knüpft an den Aufstand im Warschauer Ghetto an (als Stichtag gilt der 19. April 1943).
Gedenktage weltweit
 Der Jom Haschoa hat auch im Jahreskreis der jüdischen Gemeinden in der Diaspora seinen festen Platz. Seit den neunziger Jahren hat eine Vielzahl von Staaten offiziell einen Tag eingeführt, an welchem der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten gedacht wird, oft, aber nicht allenthalben, unter dem Oberbegriff Holocaust. Staaten mit solchen Gedenktagen in Europa sind Italien, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und Schweden. Nicht überall hat man, von Auschwitz ausgehend, den 27. Januar gewählt; in Frankreich etwa dekretierte Präsident Chirac 1995 dafür den 16. Juli; an diesem Tag im Jahr 1942 begann die Deportation der französischen Juden. In Holland wird, schon seit dem Weltkriegsende, am 4. Mai der Opfer insgesamt gedacht.
  In den osteuropäischen Ländern gibt es ebenfalls unterschiedliche (Holocaust-) Gedenktage: den 29. Septem- ber in der Ukraine, den 3. Mai in der Tschechischen Republik, den 16. April in Ungarn, den 10. September in der Slowakei. Die drei baltischen Staaten haben (auch so benannte) Holocaust-Gedenktage am 29. September (Litauen), 4. Juli (Lettland) und 27. Januar (Estland). In Polen konzentriert sich das Gedenken auf den 19. April. In den Vereinigten Staaten hat ein Bundesgesetz den 27. Nisan festgehalten, die Bundesstaaten sind aber frei, über Gedenktage, Inhalt und Gestaltung von Zeremonien zu entscheiden.
   In Afrika, Lateinamerika und Asien gibt es keine solchen Gedenktage. In Deutschland wurde der Vorschlag für einen Gedenktag im Mai 1995 vom damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, gemacht. Er fand sofort bei allen Parteien Zustimmung unter der Voraussetzung, dass es kein arbeitsfreier Tag sein sollte. Unter den in Frage kommenden Daten kristallisierte sich schnell der 27. Januar heraus; Bundespräsident Herzog erklärte ihn am 3. Januar 1996 durch Proklamation zum Tag des Gedenkens. FAZ050127VolkerZastrow/gekürzt

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Warum "Holocaust" der falsche Begriff ist

  Zur Buch-Premiere der „Geschichte der Juden in Deutschland” hielt Ernst Cramer, Foto oben Vorstandsvorsitzen- der der Axel-Springer-Stiftung, im Warburg-Haus eine bewegende Rede. Wir dokumentieren sie hier im Wortlaut:
   „Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht formell und mit Ihren Titeln anrede. Aber ich habe das Gefühl, hier unter Freunden zu sein. Wer den Weg zu dieser Buch-Präsentation ins Warburg-Haus findet, kann nur ein Freund sein. Deshalb: Liebe Freunde!
   Gleich nach dem Krieg wurde ein Gedicht bekannt, dessen erschütterndste Strophe lautet: ,Der Tod ist ein Meis- ter aus Deutschland.’ Heute, mehr als sechzig Jahre später, können wir gottlob sagen: ,Der Tod war ein Meister aus Deutschland.’
   Wir stellen heute das reich bebilderte Buch ,Die Geschichte der Juden in Deutschland’ vor. Das ist eine Ge- schichte, die wohl schon unter den Römern begann, lange also, ehe es ein Deutschland gab. Eine Geschichte zudem, die viele immer wieder auslöschen wollten, nicht nur Hitler, die aber trotzdem noch immer weitergeht. Der letzte große deutsch-jüdische Rabbiner, Dr. Leo Baeck, hatte zwar gesagt, die Geschichte der Juden in Deutsch- land sei ein für alle Mal vorbei; er hatte aber auch darauf hingewiesen, dass es jüdische Bestimmung sei, immer wieder aufzubauen, gleichgültig, was geschehen sein mag.
   Es gibt heute in Deutschland wieder jüdische Gemeinden. Aber die Juden sind fast alle Zuwanderer. Einige sind schon ein halbes Jahrhundert im Land, andere wanderten nach dem Untergang der Sowjetunion ein. Doch es sind keine deutschen Juden,  wie sie in deutschen Landen über Jahrhunderte heimisch geworden sind. Menschen, die sich hier in diesem herrlichen Rahmen, diesem  zutiefst deutschen  Raum, sehr wohl gefühlt hätten.
   Die deutschen Juden wurden von den Nationalsozialisten entrechtet, vertrieben, ja umgebracht. Das deutsche Judentum von einst, über das auch das Buch ,Die Geschichte der deutschen Juden’ viel erzählt, gibt es nicht mehr.
   Wenn wir das Buch in die Hand nehmen, finden wir auf der Titelseite die Berliner ,Neue Synagoge’. Wir sehen ein Bild dieses großen Tempels, der im Jahre 1866 seiner Bestimmung übergeben wurde; der preußische Minister- präsident, Otto von Bismarck, war anwesend. Eingeweiht wurde die Synagoge also vor der Gründung des Deut- schen Reiches, im Jahre der Schlacht von Königgrätz, in der der alte ‘Deutsche Bund’ endgültig zugrunde gerichtet wurde.
  Theodor Fontane, dessen Bücher auch in diesem Saal sind, empfahl einen Besuch dieses Gotteshauses in der Berliner Oranienburger Straße, ,das an Pracht und Großartigkeit alles weit in den Schatten stellt, was die christ- lichen Kirchen unserer Hauptstadt aufzuweisen haben’.
   Als Nazi-Horden 72 Jahre später - in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 - die Synagoge nieder- brennen wollten, rettete sie ein mutiger Polizist, der Reviervorsteher Wilhelm Krützfeld. (Es gab eben doch, auch damals, noch mutige Menschen in Deutschland, wenn auch leider viel zu wenig!) Im Krieg wurde die Synagoge durch Bomben teilweise zerstört. Im Sommer 1958 wurde sie - abgesehen von der an der Straße gelegenen Bausubstanz - abgerissen. Seit dem 10. November 1988 residiert dort die Stiftung “Neue Synagoge - Centrum Iudaicum”. Die auf der Titelseite sichtbare Hauptkuppel wurde renoviert, die Synagoge selbst aber nur markiert. Und so - halb fertig und unvollkommen - wurde sie ein Sinnbild, ein Symbol des heutigen Judentums in Deutsch- land.
   Das Buch erzählt die Geschichte der Juden in deutschen Landen, aber es zeigt auch deutsche Geschichte. Von Karl dem Großen über das Mittelalter zur Emanzipation und zur Moderne. Es führt in die zwiespältige Kaiserzeit und die nie von allen Deutschen geliebte Weimarer Republik. Und das Buch berichtet natürlich auch über die Jahre der Verfolgung im letzten Jahrhundert und von der Vergangenheitsbewältigung durch die Nachkommen der Täter und die Nachkommen der Opfer.
  Obwohl das Buch die Gesamtgeschichte der Juden in deutschen Ländern über viele Jahrhunderte deutlich macht, nehmen doch die Untaten im 20. Jahrhundert den größten Raum ein. Das gilt auch für meine heutigen Betrach- tungen. Was in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschah und geschehen konnte, ist unerklärlich. Was hauptsächlich zwischen dem 01. September 1939 und dem 08. Mai 1945 den Juden in Deutschland und in allen besetzten Teilen Europas angetan wurde, wird von Jahr zu Jahr unfassbarer. Hannah Arendt soll vorausgesagt haben - ich habe das Zitat allerdings nicht in ihren Büchern gefunden -, dass von den ‘social diseases’ (Sozialkrankheiten) des vorigen Jahrhunderts Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus erledigt seien, der Antisemitismus aber überleben werde. Leider muss man ihr recht geben, wenn man sich in der Weltpolitik, wenn man sich sogar in einigen Winkeln der deutschen Politik umsieht. Ehe Wiesel erinnert daran, dass Stalin und Hitler Todfeinde waren; beide aber hassten die Juden.
   Man bezeichnet den Mord an sechs Millionen Juden häufig als ‘Holocaust’. Das heißt aber auf Deutsch ‘Heilige Verbrennung der Opfer’. Aber das war es nicht; kein Opfer, sondern Mord, tausend-, millionenfacher Mord. Auch das hebräische Wort ,Schoah’ ist nicht richtig, das heißt Katastrophe. Aber was damals geschah, war viel mehr als eine Katastrophe. Es war Massenmord, ein Zivilisationsbruch, wie es in der deutschen Geschichte vorher keinen gab, und auch die schlimmste Heimsuchung in der jüdischen Geschichte. Dass heute junge Deutsche auch nicht erfassen können, wieso ihre Großväter und Großmütter solche Untaten begehen oder dazu, schweigen konnten, ist verständlich, ja sogar erfreulich. Von uns erwarten sie Antworten, die aber auch wir nicht geben können. Auch das Buch, das heute vorgestellt wird, gibt sie nicht. Aber es zeigt zweierlei: die Geschichte der Juden in diesem Land und die nie versiegende Hoffnung. Man wünscht ihm viele Leser.”
Die Geschichte der Juden in Deutschland. Cay Rademacher, Arno Herzig (Hg.), Ellert & Richter, 352 S., 29,95 €. Ernst Cramer ist Vorstandsvorsitzender der Axel-Springer-Stiftung. Er war 1938 aufgrund seiner jüdischen Herkunft in Buchenwald interniert und konnte 1939 in die USA emigrieren.

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Papst gedenkt in Wien der Opfer des Holocaust

    Besonderen Wert hatte der Papst bei der Planung der Österreichreise darauf gelegt, das Mahnmal für die er- mordeten österreichischen Juden in Wien zu besuchen. Benedikt XVI. begrüßte dort die Vertreter der jüdischen Gemeinden und verweilte in kurzem stillen Gebet vor dem großen Steinblock, auf dessen Boden die Namen von 42 Konzentrationslagern eingeschrieben sind. Seine stumme Geste solle „unsere Traurigkeit, unsere Reue und unsere Freundschaft mit den jüdischen Brüdern, in Gemeinschaft und im Dialog” ausdrücken, hatte der Papst zuvor während des Fluges nach Österreich gesagt - wohl als Erklärung dafür, dass er keine Ansprache an dem Mahnmal halten wolle. FAZhjf070908
   Im strömenden Regen verneigt sich Benedikt XVI. am Holocaust-Mahnmal auf dem Judenplatz in der Wiener Innenstadt. Dort waren im 15. Jahrhundert Hunderte Juden ermordet worden. Am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Wiener Judenplatz der Papst gemeinsam mit Oberrabbiner Chaim Eisenberg ein stilles Gedenken an die Ermordeten. Der österreichische Kardinal Christoph Schönborn ging in seiner Begrüßungs- rede für Papst Benedikt XVI. auf die jüdischen Wurzeln der christlichen Kirche ein. Es gehöre zur Tragik der Stadt Wien, dass gerade dort diese Wurzeln vergessen, ja verleugnet worden seien bis hin zum gottlosen Willen, jenes Volk zu vernichten, dem Gottes erste Liebe gelte, sagte der Wiener Erzbischof. NZZol070907
Der Judenplatz in Wien
   war früher - im 13. Jahrhundert - das soziale und intellektuelle Zentrum des Judenviertels. Haus des Rabbiners, Spital, Schule, Synagoge. Aber auch Schauplatz vieler Gräueltaten: 1420 z.B. Vertreibung der Bewohner, Morde, Zwangstaufen. Die schlimmsten Pogrome dann im Zweiten Weltkrieg: 65.000 österreichische Juden werden von den Nationalsozialisten ermordet.
  Heute: Mahnmal und steinernes Gewissen. Eine Bibliothek, eine Gedenktafel - der Text stammt vom Wiener Kar- dinal Schönborn und endet mit den Worten: “Heute bereut die Christenheit ihre Mitschuld an den Judenver- folgungen und erkennt ihr Versagen”. rv070907

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Brandopferaltar, Rekonstruktion des Brandopferalteres im Tempelentwurf Hesekiels
Eine Auswahl von Texten zum Brandopferaltar aus der hebräischen Bibel.

1. Buch der Könige 8,64:
  “An jenem Tag weihte der König auch die Mitte des Hofes, der vor dem Haus des Herrn war, als er dort das Brandopfer,  das Speiseopfer und die Fettstücke der Heilsopfer darbrachte. Der bronzene Altar, der vor dem(Tempel des) Herrn stand, war nämlich zu klein, um das Brandopfer, das Speiseopfer und die Fettstücke der Heilsopfer fassen zu können.”
2. Buch der Könige 16,14:
  “Den bronzenen Altar aber, der zwischen dem neuen Altar und dem Tempel vor dem Herrn stand, ließ er von seinem Platz vor dem Tempel wegrücken und nördlich vom neuen Altar aufstellen.”
2. Buch der Chronik 4,1:
  “Er ließ einen bronzenen Altar herstellen, zwanzig Ellen lang, zwanzig Ellen breit und zehn Ellen hoch.”
2. Buch der Chronik 15,8:
   “...erneuerte er (Asa) den Altar des Herrn, der vor dem Tempel des Herrn stand.”
2. Buch der Könige 16,10-16:
   10 Als König Ahas zu Tiglat-Pileser, dem König von Assur, nach Damaskus kam und den Altar in Damaskus sah, schickte er dem Priester Urija ein Abbild und eine genaue Beschreibung des Altars.
   11 “Daraufhin baute der Priester Urija einen Altar; genau nach dem Auftrag, den König Ahas von Damaskus aus erteilt hatte, ließ er ihn anfertigen, bevor der König aus Damaskus zurückkehrte.
   12  Als dann Ahas nach seiner Rückkehr aus Damaskus den Altar sah, ging er zu ihm hin, stieg hinauf
   13 und verbrannte auf ihm sein Brand- und Speiseopfer, goss sein Trankopfer aus und besprengte den Altar mit dem Blut seiner Heilsopfer.
   14 Den bronzenen Altar aber, der zwischen dem neuen Altar und dem Tempel vor dem Herrn stand, ließ er von seinem Platz vor dem Tempel wegrücken und nördlich vom neuen Altar aufstellen.
   15 Zugleich gab er dem Priester Urija die Anweisung: Auf dem neuen großen Altar sollst du das Brandopfer am Morgen und das Speiseopfer am Abend, das Brandopfer des Königs und sein Speiseopfer sowie das Brandopfer aller Bürger des Landes, ihr Speiseopfer und ihre Trankopfer darbringen. Auf ihn sollst du auch das Blut aller Brand- und Schlachtopfer sprengen. Was aber mit dem bronzenen Altar geschehen soll, will ich noch überlegen.
   16 Der Priester Urija tat alles, was König Ahas angeordnet hatte.”
Der Beginn des Kults und des Tempelbaus: Esra 3,2-5
   2 Jeschua, der Sohn des Jozadak, mit seinen Brüdern, den Priestern, und Serubbabel, der Sohn Schealtiëls, mit seinen Brüdern gingen daran, den Altar des Gottes Israels wieder aufzubauen, um auf ihm Brandopfer darzubrin- gen, wie es im Gesetz des Gottesmannes Mose vorgeschrieben ist.
   3 Sie errichteten den Altar an seiner alten Stelle, obwohl die Völker der Nachbarländer sie davon abzuschrecken suchten, und brachten auf ihm dem Herrn Brandopfer dar, je ein Brandopfer am Morgen und am Abend.
   4  Dann feierten sie der Vorschrift entsprechend das Laubhüttenfest und brachten Tag für Tag so viele Opfer dar, wie es für die einzelnen Tage festgesetzt ist.
   5 Von da an brachten sie auch das ständige Brandopfer wieder dar, ferner die Opfer an den Neumondtagen und an allen dem Herrn geheiligten Festzeiten sowie alle freiwilligen Opfer, die jemand dem Herrn spendete.
1. Buch der Makkabäer 1,59:
   “Am fünfundzwanzigsten des Monats (Kislew) brachten sie auf dem Altar, den sie über dem Brand- opferaltar errichtet hatten, ein Opfer dar.”
1. Buch der Makkabäer 4,44-47:
   44 “Sie berieten, was sie mit dem entweihten Brandopferaltar tun sollten.
   45 Es kam ihnen der gute Gedanke, ihn niederzureißen; denn er hätte ihnen Schande gebracht, da die fremden Völker ihn entweiht hatten. So rissen sie den Altar nieder
   46 und legten die Steine an einen passenden Ort auf dem Tempelberg nieder, bis ein Prophet komme und entscheide, was damit geschehen solle.
   47 Dann nahmen sie unbehauene Steine, wie es das Gesetz vorschreibt, und errichteten einen neuen Altar, der genauso aussah wie der alte.”
Der Altar im Innenhof und die Altarweihe: Hesekiel 43,13-17:
   13 “Das waren die Maße des Altars, gemessen in Ellen, die Elle zu einer gewöhnlichen Elle und einer Handbreit gerechnet: Der Graben (um den Altar) war eine Elle tief und eine Elle breit und die gemauerte Einfassung an seinem Rand war eine Spanne breit. Die Höhe des Altars maß:
   14 vom Boden des Grabens bis zur unteren Stufe zwei Ellen; die Stufe war eine Elle breit; auf diese niedrige Stufe folgte eine höhere Stufe von vier Ellen, die oben wieder eine Elle zurücksprang.
   15 Der (darauf folgende) Opferherd war vier Ellen hoch und an dem Opferherd ragten vier Hörner empor.
   16 Der Opferherd hatte eine Länge von zwölf Ellen und eine Breite von zwölf Ellen; er war quadratisch.
   17 Auch die (mittlere) Stufe war quadratisch, vierzehn Ellen lang und vierzehn Ellen breit. Rings um die untere Stufe lief eine gemauerte Einfassung von einer halben Elle (Höhe). Der Graben, der sie umgab, maß ringsum eine Elle. Im Osten führte eine Treppe zum Altar hinauf.”  
Das Altargesetz: Ex 20,24-25 
   24 “Du sollst mir einen Altar aus Erde errichten und darauf deine Schafe, Ziegen und Rinder als Brandopfer und Heilsopfer schlachten. An jedem Ort, an dem ich meinem Namen ein Gedächtnis stifte, will ich zu dir kommen und dich segnen.
   25 Wenn du mir einen Altar aus Steinen errichtest, so sollst du ihn nicht aus behauenen Quadern bauen. Du entweihst ihn, wenn du mit einem Meißel daran arbeitest.

Brandopfer: Lev 1,1-17 Vorschriften für das Volk Israel: 
   1 Der Herr rief Mose, redete ihn vom Offenbarungszelt aus an und sprach: Brandopfer sind Tieropfer, bei denen das ganze Tier auf dem Altar verbrannt wird, im Unterschied zu anderen Opfern, bei denen nur ein Teil verbrannt, der andere Teil aber den Priestern übergeben oder von der Gemeinschaft, die das Opfer stiftet, beim Opfermahl verzehrt wird.
   2 Rede zu den Israeliten und sag zu ihnen: Wenn einer von euch dem Herrn von den Haustieren eine Opfer- gabe darbringt, könnt ihr das mit Rind und Kleinvieh tun.
    3 Ist seine Opfergabe ein Brandopfer vom Rind, so bringe er ein männliches Tier ohne Fehler dar; er soll es an den Eingang des Offenbarungszeltes bringen, damit es vor dem Herrn Annahme findet.
    4 Er lege seine Hand auf den Kopf des Opfertiers, damit es für ihn angenommen werde, um ihn zu entsühnen.
   5 Er soll dann den Stier vor dem Herrn schlachten und die Söhne Aarons, die Priester, sollen das Blut darbrin- gen. Sie sollen es ringsum an den Altar sprengen, der am Eingang des Offenbarungszeltes steht.
   6 Dann soll er das Opfer abhäuten und es in Stücke zerlegen.
   7 Die Söhne Aarons, die Priester, sollen Feuer auf den Altar bringen und Holz darauf schichten.
   8 Hierauf sollen die Söhne Aarons, die Priester, die Stücke sowie den Kopf und das Fett auf das Holz über dem Altarfeuer legen.
   9 Der Priester soll dann die Eingeweide und die Beine mit Wasser waschen und das Ganze auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen. Ein Brandopfer ist es, ein Feueropfer zum beruhigenden Duft für den Herrn. Feueropfer sind alle Opfer, bei denen die Opfergabe ganz oder teilweise verbrannt wird.
  10 Ist seine Opfergabe ein Brandopfer vom Kleinvieh, von den Schafen oder Ziegen, dann soll er ein fehlerloses männliches Tier bringen.
  11 Er soll es an der Nordseite des Altars vor dem Herrn schlachten  und die Söhne Aarons, die Priester, sollen sein Blut ringsum an den Altar sprengen.
  12 Dann soll der Priester es in Stücke zerlegen und diese sowie den Kopf und das Fett auf das Holz über dem Altarfeuer legen.
  13 Er soll dann die Eingeweide und die Beine mit Wasser waschen und der Priester soll das Ganze darbringen und auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen. Ein Brandopfer ist es, ein Feueropfer zum beruhigenden Duft für den Herrn.
  14 Ist seine Opfergabe für den Herrn ein Brandopfer vom Geflügel, dann soll er eine Turteltaube oder eine junge Taube bringen.
  15 Der Priester soll sie zum Altar bringen, ihren Kopf abtrennen und ihn auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen; ihr Blut soll gegen die Altarwand ausgepresst werden.
  16 Dann soll er ihren Kropf mit den Federn entfernen und ihn an der Ostseite des Altars auf den Platz der Fett- Asche werfen.
  17 Darauf soll der Priester den Vogel an den Flügeln einreißen, ohne ihn dabei zu teilen, und ihn auf dem Altar, auf dem Holz über dem Feuer, in Rauch aufgehen lassen. Ein Brandopfer ist es, ein Feueropfer zum beruhigenden Duft für den Herrn. Einheitsübersetzung

Brandopfer, auch Ganzopfer

   ist ein Opfer, das nach Handauflegung und Besprengung mit Blut vollständig verbrannt wurde. Lev 1, 3-17 bestimmt genau die Tiere und Riten des Brandopfers. Täglich wurde im Tempel zu Jerusalem morgens und abends ein Brandopfer dargebracht (Morgen- und Abendopfer). Wegen seiner Regelmäßigkeit heißt es auch immerwäh- rendes Opfer. Neben den offiziellen gab es auch private Brandopfer. PraktischesBibellexikonHerder

 

 

 Brandopfer oder Ganzopfer

   ist das Opfer, das nach Handauflegung und Besprengung mit Blut vollständig verbrannt wird und dessen Rauch zum Himmel aufsteigt. Die priesterliche Gesetzgebung Lev 1,3-17 enthält genaue Bestimmungen über die zu opfernden Tiere (Rinder, Kleinvieh, Tauben) und die Opferriten. Im Tempel von Jerusalem wurde täglich, morgens und abends, ein Brandopfer dargebracht (Abendopfer, Morgenopfer), das daher als das regelmäßige, immer- währende Opfer bezeichnet wird.

 Privat-Brandopfer

werden Lev 12,6-8 (Reinigung einer Wöchnerin), 14,10-31 (Reinigung eines Aussätzigen), 15,15.29f (Reinigung eines oder einer Geschlechtskranken), Num 6,10f (Reinigung eines Nasiräers) erwähnt.

   Brandopferaltar

   Im Vorhof des salomonischen Tempels war «vor Jahwe» ein eherner Brandopferaltar aufgestellt, der im 1. Buch der Könige beiläufig erwähnt, aber nicht näher beschrieben wird. Das 2. Buch der Chronik kennt noch seine Maße (20x20x10 Ellen). Nach der Prophetenerzählung im 2. Buch der Könige hätte König Asa diesen Brandopferaltar «in der Vorhalle» erneuert. Jedenfalls ließ ihn König Ahas durch einen Brandopferaltar nach damaskenischem Muster(vielleicht ein aramäischer Stufenaltar) ersetzen. Nach dem Exil wurde der Brandopferaltar «auf seinem alten Fun- dament» wieder aufgerichtet (Buch Esra), wohl aus Steinen. Nach seiner Entweihung durch Antiochus Epiphanes weihte man nach dem Muster des früheren aus unbehauenen Steinen einen neuen Altar ein. Der Brandopferaltar des herodianischen Tempels wird im Neuen Testament nicht erwähnt. (Beschreibung bei Flavius Josephus und im Mischnatraktat Middoth). Wohin der Brandopferaltar Hesekiels einzuordnen ist, bleibt ungewiss; der Beschrei- bung nach ist er den babylonischen Stufentürmen ähnlich.
   Den nachexilischen Brandopferaltar werden wir uns nach den schlichten Angaben Ex 20, 24-26 vorzustellen haben. Der salomonische Brandopferaltar war also etwas ganz Einmaliges. Dieser Altar ist vielleicht auch im 2. Buch der Chronik gemeint (ein ehernes Gestell mitten im Tempelhof). Eine Beschreibung liegt im Entwurf vom Brandopferaltar des heiligen Zeltes vor Ex 27,1 Haag/Bibellexikon/Benziger

  Beim Brandopfer (Holokaútoma)

   wurde das Opfertier vollständig verbrannt. Holokaútoma ist ein Wort der Septuaginta (einer vorchristlichen Übersetzung der Bibel in die griechische Sprache). Dieses Wort kommt im profanen Griechisch nicht vor.
ExegetischesWörterbuch zum NeuenTestament

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Foto: Pater Patrick Desbois bei einem Besuch des Benediktinerklosters in Abu Gosh, Israel –
dem biblischen Emmaus. Fotos unten: Wappen von Abu Gosh, Benediktinerkloster

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Der Holocaust der Gewehrkugeln. Der französische Priester Patrick Desbois, 52,  
hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Zeugen der Massenermordung von Juden in der Ukraine zu finden

   Im Rückblick auf sein Leben war es wohl unvermeidbar, dass Pater Patrick Desbois es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die letzen Augenzeugen der Massenhinrichtungen von Juden in abgelegenen Dörfern der Ukraine zu suchen. Als kleiner Junge lauschte er gespannt den Erzählungen seines Großvaters über die Zeit seiner Kiregs- gefangenschaft als französischer Soldat im deutschen Lager Rava-Ruska in der Ukraine. Es sei eine harte Zeit ge- wesen, sagte der Großvater, aber es war schlimmer für “die anderen da draußen”.
  Diese Kindheitserinnerungen haben ihn nicht ruhen lassen, nachzuforschen, wer diese “anderen” waren.  Kürz- lich war Pater Patrick Debois, der zur französischen Priestergemeinschaft der Lyoner Prado-Patres gehört, in Israel mit einer Pilgergruppe.
   In den letzten vier Jahren ist Pater Desbois kreuz und quer durch die Ukraine gezogen, um die Erinnerungen der noch lebenden Zeugen dieser grausamen Morde ihrer jüdischen Nachbarn zuzuhören – jenen “anderen”, von denen sein Großvater gesprochen hatte. Sein Ziel war – wie er selbst sagt – zuerst und vor allem “die Wahrheit festzustellen” über das, was sich dort zugetragen hat. “Ich möchte die wie Tiere umgebrachten Juden in die Menschlichkeit zurückholen”, sagt der Priester.  
   Über 1,5 Millionen Juden wurden von den Nationalsozialisten in den ukrainischen Wäldern und Schluchten ermordet. Pater Desbois nennt das in seinem jetzt in Frankreich erschienen Buch den “Holocaust der Gewehr- kugeln” – eine weniger bekannte Seite der nationalsozialistischen Judenvernichtung, die sechs Millionen Juden vernichtete – oft vergast und verbrannt in den KZ-Lagern.
   Aufgewachsen in einer ausgesprochen laizistischen Familie, die aktiv in der französischen Widerstandsbewe- gung war, schockte Patrick Debois seine Eltern als junger Mann, als er nach einem dreimonatigen Aufenthalt bei Mutter Teresa in Calcutta, sich entschied, Priester zu werden. Während einer Pilgerfahrt nach Polen wurde sich die Gruppe bewusst, wie wenig sie über den Holocaust informiert war. Um diesem Unwissen zu begegnen, be- gann er ein Studium über Judaistik und nahm an sieben Seminaren über den Holocaust in Jerusalems Memorial Jad Vaschem teil – dazu lernte er hebräisch. Seitdem wurde sein Kampf gegen den Antisemitismus integraler Be- standteil seines priesterlichen Lebens. Ab 1997 organisierte Pater Debois Studienreisen nach Auschwitz und an- deren KZ-Lagern. Während eines Aufenthalts mit einer Gruppe im Rava-Ruska-Lager entdeckte er eine ver- wilderte Gedenkstätte eines Kriegsgefangenenlagers. Auf einer weiteren Reise, als er diese Gedenkstätte wieder in Stand setzte wurde ihm bewusst, dass auch der 12.000 ermordeten Juden dieses Dorfes gedacht werden sollten. Pater Debois fragte den Bürgermeister, wo die Gräber der Juden seien, dieser aber sagte ihm, er wisse es nicht. Bei einer weiteren Reise in die Ukraine mit einer anderen Gruppe konnte der neue Bürgermeister ihm weiterhelfen und zeigte ihm die Grabstätten und konnte ihm noch hundert Zeugen des damaligen Massakers benennen. Alte Dorfbewohner begannen zu berichten, wie sie noch als Kinder Zeugen dieser Morde wurden; manchmal wurden sie auch gezwungen, nach dem Massaker die “Drecksarbeit” zu leisten. Sie mussten Berge von Leichen durchsuchen, Goldzähne ausbrechen, große Mengen von Kleidern sortieren, während deren Freunde noch auf die Hinrichtung warteten, und schließlich Leichname ihrer Nachbarn begraben. “Es war, als ob sie auf uns gewartet hätten”, sagt Pater Desbois von den älteren Dorfbewohnern, die geradezu erleichtert waren, dass ihnen diese Last von der Seele genommen wurde. Offenbar also fanden diese Ermordungen in aller Öffentlichkeit statt. “Es war unerträglich”, sagt Pater Debois, “und ich fühlte, dass ich an meine Grenzen stieß. Sie sprachen sehr direkt und ohne Umschweife. Ich war geschockt und beschloss, wieder her zu kommen, um auch die ande- ren Massengräber der Juden zu finden.”
   Sein Team umfasst nun elf ukrainische und französiche Forscher, darunter auch Spezialisten für Ballistik, die hier gefundene Geschosshülsen untersuchen können. Durch 800 Zeugen wurden 700 unbekannte Massengräber gefunden, wobei auch die Sowjet-Archive in Washington und deutsche Archive herangezogen werden konnten. Einige Augenzeugen erzählten, dass die Soldaten nur eine Kugel pro Person verwenden durften. Viele Menschen fielen deshalb noch lebend in die Grube. Kinder wurden einfach den Eltern hinterhergeworfen. Einige Dorfbewohner erlitten einen Nervenzusammenbruch, als sie von Gräben berichteten, wo sich noch verletzte Opfer drei Tage nach dem Massaker bewegten, bevor sie starben. Eine Frau wusste zu berichten dass sie einen Leich- nam in einem Baum fand, der durch die Explosion einer Handgranate dorthin geschleudert worden war. Eine andere Augenzeugin berichtete, wie die Nationalsozialisten Kinder zwangen die toten Körper niederzutreten, um Platz für die nächste Gruppe Juden zu schaffen. Sie erinnerte sich mit Schrecken, als sie über die Leichen ging, und sie unter sich eine blutende Klassenkameradin erkannte. Diesen Aussagen schenkt Pater Desbois Glauben, weil er nur nach Tatsachen fragt und so die Dorfbewohner zum Sprechen bringt. “Es ist ein sehr konkretes Inter- view. Ich versuche die Szene des Verbrechens zu realisieren. Meine einzige Frage ist: Was geschah? Dann folgte die Frage nach Einzelheiten: die Farbe der Autos, ob die Nationalsozialisten Hunde mit sich führten, aus welcher Richtung die Soldaten kamen, wo die Zeugen standen und wie nahe sie dabei waren. Diese Interviews an der Stelle der Massengräber wurden gefilmt. “Der einzige Weg, diese Interviews zu führen, war nicht zu urteilen. Ich bin hier nicht zu urteilen. Es gibt nur diese Frage: Was geschah hier – und wo sind die Leichen?”
  Pater Desbois ist sicher, dass die Unterstützung durch den Priester der Geminde ihm sehr geholfen hat, das Ver- trauen der Dorfbewohner zu finden. Auch mit einem orthodoxen Rabbi aus England hat er eng zusammen- gearbeitet, um sicher zu gehen, dass alle Arbeit in Übereinstimmung mit den jüdischen Bestattungsgesetzen übereinstimmt. Ein Buch über diese Untersuchung ist jetzt in Frankreich erschienen und  August 2008 in Englisch: “A priest reveals His Holocaust by Bullets”. Pater Desbois meint, dass er seine Arbeit in der Ukraine in drei Jahren abschließen kann. Vielleicht wird er dann weitersuchen in Weißrussland und auch in Russland. “Wenn ich von den vielen Geschichten müde werde, denke ich an meinen Großvater, wie er drei Jahre in diesem Kriegs- gefangenenlager überlebte. Ich weiß, dass meine Arbeit hier nach 60 Jahren nichts dagegen ist. Ich versuche in innerer Ruhe zu leben und im Gebet; und manchmal bin ich mit mir allein vor dem Angesicht Gottes.”
CTJudithSudilovsky071104

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  Jüdische Chronik von Rava-Ruska, Ukraine, im 2. Weltkrieg
Foto oben: Pater Patrick Desbois in Rava-Ruska mit einer Augenzeugin des Holocaust

   Zu Beginn des 2. Weltkrieges kamen jüdische Flüchtlinge auf dem Weg zur rumänischen Grenze nach Rava- Ruska. Einige blieben im Dorf und wurden von der örtlichen jüdischen Gemeinde unterstützt. Am 10. September 1939 besetzte die Wehrmacht Rava-Ruska. Auf Befehl der Besatzungsmacht mussten alle Juden den “Juden- stern” tragen, durften sich nicht frei bewegen und wurden zur Zwangsarbeit erfasst. Ein Jude wurde nachts auf der Straße erschossen, weil er die Ausgangssperre nicht beachtet hatte. Deutsche Soldaten drangen in die Syn- agogen ein und vergriffen sich an Thorarollen. Schon vierzehn Tage später verließ die Wehrmacht das Gebiet, das nach dem Hitler-Stalin-Vertrag den Sowjets überlassen wurde. Die Rote Armee wurde zunächst als Erleichterung gegenüber der deutschen Besatzung empfunden, aber schon sehr bald traten Änderungen ein, die einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung betraf. Jüdische Organisationen wurden verboten, Vereinigungen und viele Syn- agogen wurden geschlossen und hohe Steuern auferlegt. Auf Grund der Nationalisierungspolitik wurden zahl- reiche jüdische Geschäfte enteignet. Nur wenige jüdische Jugendliche wurden Mitglieder der von den Sowjets ein- gerichteten Miliz, aber einige schon 1940 wieder daraus entfernt. Einige jüdische Familien wurden im März 1940 aus wirtschaftlichen Gründen verhaftet und in das Innere der Sowjet-Union verbracht. Viele jüdische Flüchtlinge aus dem Westen Polens, die nach Rava- Ruska geflohen waren, wurden im Mai und Juni 1940 zwangsdeportiert. Zu Beginn des Russlandfeldzuges wurde den Juden die Flucht nach Osten durch Straßensperren unmöglich ge- macht. Die Wehrmacht besetzte erneut Rava-Ruska. Wenige Tage später nahm die ukrainische Miliz nach vorbe- reiteten Listen 100 Juden gefangen. Sie wurden in der Nähe im Wolkowitza-Wald erschossen. Viele unter ihnen waren Akademiker.
   Im Juli 1941 wurde auf Befehl der Wehrmacht der “Judenrat” gegründet. Der deutsche Jude Schweitzer wurde zum Leiter ernannt. Unter der dominanten Persönlichkeit von Yosef Mendel, der in diesem Rat einen großen Ein- fluss ausübte, versuchte der Judenrat das Schicksal der leidenden Juden von Rava-Ruska zu erleichtern. Als er sich jedoch der Besatzungsmacht widersetzte, wurde er verhaftet und verschwand spurlos. Das Verhältnis zwischen dem Leiter des Judenrates und Mendel war gespannt, weil Schweitzer die deutschen Befehle genau ausführen wollte. Der Judenrat erhielt den Befehl, die jüdische Bevölkerung in Listen zu erfassen und die Zwangsarbeit zu unterstützen, so wie für die Deutschen Werte zu beschaffen. Bis zum August 1941 hatte der Judenrat 5.000 Rubel aufzubringen.
   Neben dieser Durchführung der deutschen Befehle, konnte der Judenrat materielle Unterstützung und medizi- nische Hilfe den Bedürftigen gewähren. Er richtete eine Suppenküche ein, wo an Hungernde täglich einhundert Portionen einer Wassersuppe ausgegeben wurde. Sie organisierten auch ein jüdisches Krankenhaus. Ein Ärzte- team und Krankenschwestern konnte vielen Hilfe leisten, sehr begrenzt jedoch durch den bestehenden Material- mangel.
   1942 wurde Schweitzer bei einer Sonderaktion ergriffen und zur Vernichtung überstellt. Seine Nachfolger waren der Apotheker Vatenberg und Hermann Lippel. Im Herbst 1941 und während des 1942er Winters wuchs der Druck auf die Juden. Die Deutschen forderten eine größere Zahl von Juden für die Zwangsarbeit. Außerdem wurde ihnen eine Sonderabgabe von zwei Kilogramm Gold auferlegt. Auf Befehl der Wehrmacht mussten im Winter 1941 alle Pelzkleidung abliefern. Viel starben an Hunger und Krankheiten. Am 17. Januar 1942 brachten die Deutschen 250 in ein Arbeitslager der Region. Zahlreiche Juden versuchten dem Lager zu entkommen, aber die Deutschen setzten sich durch und zwangen den Judenrat die Quote zu erfüllen.
   Die erste Großaktion gegen Juden erfolgte am 20. März 1942. Deutsche und ukrainische Polizeieinheiten kamen in die Stadt, begannen mit Judenverhaftungen auf den Straßen und in den Häusern. Einige von diesen ergriffenen Juden wurden zur Zwangsarbeit ausgewählt. Ungefähr 1.500 wurden in das Vernichtungslager Belzec gebracht. Einige wurden in der Stadt erschossen und andere im nahen Wald. Am Tag darauf wurde auf Befehl der Wehr- macht der alte jüdische Fiedhof im Zentrum der Stadt zerstört. Die Juden wurden gezwungen, die Grabsteine abzuräumen, das Gelände zu pflügen und mit den zerbrochenen Grabsteinen eine Straße zu bauen. Im Frühling wurden die Juden in einem Ghetto zusammengefasst, wo sie unter der Enge litten und Typhus ausbrach.
   Eine weitere Sonderaktion begann am 29. Juli 1942 und dauerte mehrere Tage an. Es gab viele Tote in der Stadt. Juden aus den Nachbarstädten wurden nach Rava-Ruska gebracht und von dort in die Vernichtungslager geschickt. Etwa 800  von  Niemirow  wurden  nach  Belzec  verbracht und mehr als 1.200 Juden von Rava-Ruska. Die Deutschen und ihre Helfer suchten im jüdischen Quartier nach Verstecken. Einige der dort gefundenen Juden wurden auf der Stelle erschossen.
  Etwa dreißig Menschen wurden erschossen, weil sie sich weigerten, in die Waggons des Güterzuges zu steigen. Ungefähr sechzig von den bei der Aktion in Rava-Ruska ergriffenen sprangen auf dem Weg nach Belzec aus dem Zug und kehrten verletzt und müde zurück. Viele wurden beim Versuch zur Flucht erschossen. Täglich während der Sommermonate im Jahre 1942 fuhren Transportzüge von West-Galizien durch Rava-Ruska in das Vernich- tungslager Belzec. Eine Schätzung besagt, dass 500 Juden, die aus den Zügen sprangen, in Rava-Ruska ange- kommen sind. Sie fanden im Ort Unterstützung, bevor sie in ihre Heimatstädte weiterzogen. Der örtliche Judenrat half den Flüchtenden, auch einigen Verletzten. Die Juden von Rava-Ruska waren nun in großer Gefahr, für diese Handlungen kollektiv bestraft zu werden. Die Juden von Rava-Ruska hatten über das in der Nähe befindliche Vernichtungslager Belzec den Verdacht, dass dort Fürchterliches geschehen müsse, aber sie hatten noch keine sichere Erkenntnis. Anfang September 1942 wurden 250 Juden von Potylich, weitere von Niemirow, Magierow und Uhnow hergebracht. Das Ghetto wurde Anfang Dezember 1942 verschlossen, und von dieser Zeit an konnten die Juden es nicht mehr verlassen. Am 7. Dezember wurden alle Alten und Kranken des Ghettos zusammengefasst, viele von ihnen starben in den Güterwagen auf dem Weg nach Belzec, andere wurden im nahen Wald ermordet. Die Liquidierung des Ghettos begann am 9. Dezember 1942. Deutsche und ukrainische Polizeieinheiten verluden die im Ghetto verbliebenen auf Lastwagen und brachten sie in den Shidietsky Wald, wo sie erschossen und in vorher ausgehobenen Gräben verscharrt wurden. Nur etwa 300 Juden, die sich nach der Sonderaktion um das Eigentum der Juden kümmerten lebten noch Ende Dezember 1942 in dem Ghetto. Durch den Abtransport in Arbeitslager in der Umgebung sank diese Zahl auf 60. Es gab ein Arbeitslager in Rava-Ruska, nahe dem Fluss Rata. Einige Dutzend der letzten Juden von Rava-Ruska und aus der Nachbarschaft lebten dort mit den letzen Juden von Mosty Velikye. Die Deutschen erfuhren, dass sich etwa 250 Juden im Ghetto verborgen hielten oder auch bei christlichen Freunden. Um diese zu finden gaben sie bekannt, dass jeder – auch die Kinder – der sich den Behörden stellte in ein Arbeitslager überführt würde und ihm nichts geschehen werde. Wegen der schwierigen Bedingung in den Verstecken, und im Wissen darum, dass die Menschen sie nicht über längere Zeit verstecken könnten, beschlossen einige Dutzend Juden aufzutauchen und gingen das örtliche Arbeitslager. Iim Juni 1943 wurde die Mehrzahl von ihnen im Lager ermordet, besonders die Frauen und Kinder. Nur wenige fanden bei christlichen Freunden Verstecke oder in den Bunkern im nahen Waldgebiet, bis die Rote Armee am 20. Juli 1944 zurückkam.
   Jüdisches Leben in Rava-Ruska konnte nach dem Krieg nicht wieder entstehen.

Robert B. Goldmann: Mehr als Kristalljud-RobertGGoldmann-Z

  Wieso kam Ihr Vater aus Buchenwald zurück? Warum gingen die Juden nicht früher weg? Warum taten die Deut- schen nicht mehr, um den Juden zu helfen? Es sind Fragen über die am 9. November 1938 angeordnete Ter- roraktion, die den Juden einschärfen sollte, Deutschland so bald wie möglich und nach Zahlung der „Reichs- fluchtsteuer” in Armut zu verlassen.
   In Amerika und auch bei manchen der Nachkriegsgenerationen in Deutschland weiß man nicht, dass es in der „Kristallnacht” - ein verharmlosender Name für den Terror jener Nacht und des folgenden Tages, an dem die Männer nach Buchenwald verschleppt wurden - um mehr als zerbrochenes Glas und Porzellan ging. Es geschah drei Jahre vor dem Beginn der „Endlösung”, des Massenmords in den Todeslagern, was später „Holocaust” genannt wurde.
   Mein Vater und viele der jüdischen Männer kamen nach fünf Wochen aus Buchenwald zurück. Vater war mager und geschoren und wurde im Lager verletzt. Endlich war nun meine Mutter bereit, ihrem patriotischen Vater nicht mehr zu gehorchen und die Auswanderung nach Amerika zu betreiben.
   Kurz nach Vaters Verhaftung am frühen Morgen des 10. November stürmten ein Dutzend Männer in Zivilkleidung unsere Wohnung in Frankfurt am Main, sperrten Großvater, Mutter und mich in die Küche ein und - wir konnten es aus der Küche hören - warfen Möbel in Wohn- und Esszimmer um. Dann öffnete einer der Rohlinge die Küchentür und sagte: „Sie könne rauskomme, mer sin fertig.” Wir standen vor einem Haufen Scherben und zerbrochener Möbel, aber unsere Hauptsorge war mein Vater. Wohin hatten sie ihn verschleppt? Wie konnten wir etwas über sein Schicksal erfahren?
   Vater wurde von einem Polizisten und einem anscheinend ihn kontrollierenden SS-Mann, der kein Wort sprach, verhaftet. Der Polizist sagte: „Ich habe die Pflicht, den Arzt Dr. Goldmann zu verhaften. Bitte ziehen Sie sich an.” Wir standen vor den zwei Vertretern der Macht, und meine immer sehr vorsichtige, sogar ängstliche Mutter wurde uncharakteristisch wütend, zeigte auf mich und sagte: „Den wollt ihr nun auch mitnehmen?” „Wie alt bist du?”, fragte der Polizist, „Siebzehn”, antwortete ich. Sichtlich erleichtert sagte er dann: „Nein, Ihr Sohn bleibt hier, wir verhaften nur Männer über achtzehn.”
   Kurz nachdem Polizist, SS-Mann und Vater gegangen waren, kam der „Schupo” zurück - in Uniform, am Morgen des 10. November! Er stellte sich als „Roth” vor und übermittelte die Bitte meines Vaters, meine Mutter solle ihm das Postscheckbuch geben, so dass mein Vater Schecks unterschreiben könne, da meine Mutter nicht autorisiert war, Geld abzuheben. „Jetzt wollt ihr auch noch unser Geld”, schrie sie Roth an. „Nein, Frau Doktor, ich erfülle den Wunsch Ihres Gatten, bitte glauben Sie mir!” Mutter warf ihm das Scheckbuch zu. Nach einer Stunde kam Roth zurück mit einem Heft unterschriebener Schecks! Meine Mutter entschuldigte sich. Der Schupo bat sie um warme Kleider, die er meinem Vater bringen wolle. In Nazi-Deutschland war das eine Heldentat. Mein Vater sagte später: „Die wahren Helden sind die, die nicht wissen, dass sie es sind.” Nach dem Krieg besuchte ich Roth im Frankfurter Polizeipräsidium, und noch immer konnte er nicht begreifen, dass er etwas Außerordentliches getan hatte!
   Warum gingen die Juden nicht früher weg? Weil sie sich als Deutsche jüdischen Glaubens fühlten und Jahr- hunderte in deutschen Städten und Dörfern gelebt hatten. Wie mein Großvater, der erst im April 1941 zu uns nach Amerika kam, immer wieder gesagt hatte: „Das geht vorbei, wir leben doch in einem Rechtsstaat!”
   Selbst wenn man entschlossen war auszuwandern, brauchte man Einreisevisen in Länder der Zuflucht - in erster Linie Amerika. Uns gelang es, dank der Geldhinterlegungen der früh ausgewanderten Schwester meines Vaters in New York, die neun Monate des Wartens auf die ersehnte „Nummer” fürs Visum nach Amerika in Eng- land auszuharren. Die deutsche Quote für Einwanderung nach Amerika war längst ausgeschöpft, was viele Juden zwang, Wartezeiten in Kuba oder gar China zu verbringen. Im Oktober 1941 war dann Auschwitz die Endstation für deutsche Juden, die nicht auswandern konnten.
   Warum halfen nicht mehr Deutsche den Juden? Weil es, wie im Fall Roth, Heldentaten erforderte, und nur wenige Menschen sind Helden. Es war den Deutschen im totalitär kontrollierten Staat hoch anzurechnen, dass sie nicht, wie Bürger in Polen und Russland, von sich aus an Pogromen teilnahmen. In Nazi-Deutschland waren die Verfolgungen organisiert. Wohl gab es von jeher Antisemitismus, aber nur die Nazis brachten es fertig, die Juden massenhaft zu ermorden. Dies entschuldigt nichts, aber die Geschichte erfordert, dass Zeitzeugen die Tage jenes Novembers wahrhaft beschreiben und der Geschichte hinterlassen. Wir und andere, die 1940 das Glück hatten zu entkommen, haben kein Recht, uns „Holocaust-Überlebende” zu nennen, denn wir waren es nicht und müssen uns enthalten, das Andenken der in den Todeslagern Ermordeten zu entehren.  
Der Autor ist freier Journalist und lebt in New York. FAZ071109

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Das Wunder von Osnabrück - Oflag VI  Foto oben
Eine kleine jüdische Gruppe überlebt den Holocaust - ihre Mitglieder sind Kriegsgefangene
Foto unten: Gefangene jugoslawische Offiziere während des Zweiten Weltkriegs in Osnabrück.

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   Manchmal kann ein Zaun auch Leben retten - etwa in Osnabrück, wo eine kleine jüdische Gruppe die Massenvernichtung der Nazis überlebte. Sie gehörte zu den 5.000 Offizieren aus Jugoslawien, die während des Zweiten Weltkriegs in Osnabrück gefangen gehalten wurden. Es war die militärische Elite des von den Nazis zerschlagenen Königreichs. Unter den Gefangenen waren auch mehrere Hundert Offiziere jüdischen Glaubens. Im Lager Oflag VI-c am Osnabrücker Stadtrand Foto oben, das der Wehrmacht unterstand, durften sie ihre Gottes- dienste feiern, während außerhalb des Stacheldrahtzaunes Juden deportiert und getötet wurden. Die Universität Osnabrück will die Geschichte des Lagers jetzt genauer erforschen.
   Juli 1942. Viele Osnabrücker Häuser sind bereits von Bomben zerstört. Auf dem kleinen jüdischen Friedhof in der Magdalenenstraße kommt es zu einer seltsamen Begegnung. Streng bewacht von deutschen Soldaten tragen kriegsgefangene Offiziere des jugoslawischen Königsreichs ihren jüdischen Kameraden Leutnant Nikola Neymann zu Grabe. Ihr Rabbi bemerkt unter den Deutschen am Rande des Friedhofs einen Mann, der an seiner Jacke den Davidstern trägt. Ohne dass die Wachleute etwas bemerken, kommt es zu einem kurzen Gespräch: „Wie viele Juden gibt es hier", fragt der Rabbi aus dem Kriegsgefangenenlager. „Zehn bis zwölf", antwortet der Osna- brücker Glaubensbruder. Der Deutsche heißt Hermann Heymann. Er ist der letzte jüdische Gemeindevorsteher in Osnabrück. 1943 wird auch Heymann nach Auschwitz deportiert. Dort verliert sich seine Spur. Der Rabbi aus dem Oflag VI-c heißt Hermann Helfgott, Feldgeistlicher der jugoslawischen Armee. Er überlebt die Gefangenschaft im Lager. Als Zvi Asaria ist er von 1966 bis 1970 Landesrabbiner von Niedersachsen in Hannover.

Der ehemalige Landesrabbiner Zvi Asaria (geb. als Hermann Helfgott)   jud-Os-OflagVI-3x

   1941 hatte Nazi-Deutschland in einem kurzen Feldzug das Königreich Jugoslawien vernichtet. Die gefangenen Offiziere des jungen Königs Petar II. schafft die Wehrmacht unter anderem nach Osnabrück. Dort werden die Sol- daten in ein Barackenlager gepfercht. Bis zu 200 Menschen teilen sich eines der Holzhäuser. Weil die Wehrmacht rund um das Lager Flak-Stellungen postiert, fallen im Dezember 1944 auch Bomben auf die Baracken. 116 Gefan- gene sterben. Und doch wird die doppelte Stacheldraht-Reihe zum Schutzzaun für die jüdischen Kriegsgefan- genen.
   Während draußen die jüdischen Gemeinden in Osnabrück und anderswo vernichtet werden, feiern ihre Glau- bensbrüder im Oflag VI-c streng nach dem Ritus den täglichen Gottesdienst. Der Altar wird aus Pappresten gebastelt, der siebenarmige Leuchter aus Konservenbüchsen. Auch wenn die Predigt des Rabbis die Zensur des Lagerkommandanten passieren muss, so kann doch im Lager die jüdische Kultur gepflegt werden wie nirgendwo sonst in Nazi-Deutschland oder in den eroberten Gebieten. Als im September 1944 ein Vertreter des Roten Kreuzes das Lager besucht, sagt er heimlich zum jugoslawischen Rabbi: „Euer Glück ist, dass ihr Uniform tragt."
   „Dieses Lager verdient einen Platz im kollektiven Gedächtnis der Stadt", sagt knapp 70 Jahre später Christoph Rass, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück. Kürzlich beschäftigte sich auch eine Konferenz mit dieser „besonderen Lagergesellschaft". Eingeladen waren dazu auch Wissenschaftler aus Israel und Serbien. Denn die Gegensätze und Konflikte des Balkanstaates spiegeln sich im Oflag VI-c wider. Kommu- nisten und Juden werden 1943 von ihren einstigen Kameraden abgesondert und in einen eigenen Lagerbezirk gesperrt. Einige Offiziere dürfen zurück in die Heimat, um sich dort den mit Nazi-Deutschland verbündeten Ein- heiten anzuschließen. Als 1945 britische Truppen das Lager befreien, trauen sich wiederum königstreue Offiziere nicht zurück in das jetzt kommunistische Jugoslawien. Einige bleiben sogar in Osnabrück und gründen dort die bis heute existierende serbisch-orthodoxe Gemeinde.
  Viele Jahrzehnte nutzen britische Soldaten das Lager als Kaserne. Erst als diese 2008 die „Quebec-Barracks" aufgeben, kommt in Osnabrück eine Diskussion über das Oflag VI-c auf. Der Verein Antikriegsbaracke Atter möch- te eine der erhaltenen Baracken zu „einem lebendigen Diskussions- und Erfahrungsort" ausbauen, sagt deren Vorsitzender Walter Gröttrup. Die Zeit drängt, denn das Gelände soll verkauft werden. HAZ121117BernhdRemmers

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