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Islam

  is-AhmedAl-TayyebGroßimamAl-Azhar-Z   Al-Azhar-Großimam Ahmed Al-Tayyeb stimmt mit Papst überein

   Ahmed Al-Tayyeb, Großimam der Al-Azhar-Universität in Kairo und führende Autorität des sunnitischen Islam, sieht eine „vollkommene Übereinstimmung“ zwischen den Zielen seiner Einrichtung und „dem neuen Kurs“ der katholischen Kirche unter Papst Franziskus. Der Papst sei „eine Person, die in ihrem Herzen den Respekt für andere Religionen und für die Probleme der Armen“ trage, sagte Al-Tayyeb in einem Interview der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“. Der Großimam nahm am Montag und Dienstag an einer internationalen Konferenz der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio in Florenz teil. Die Konferenz trug den Titel „Orient und Okzident. Dialoge der Kultur“.
   Der Dialog zwischen dem Vatikan und der Al-Azhar-Universität ist seit Jahren eingeschränkt. Die islamische Hochschule hatte die seit 1998 stattfindenden regelmäßigen Zusammenkünfte Anfang 2011 abgebrochen. Begründet wurde dieser Schritt damals mit Kritik von Papst Benedikt XVI. an der Religionsfreiheit in Ägypten und am Schutz christlicher Kirchen und Einrichtungen.
   Der Vatikan hatte mehrfach seine Gesprächsbereitschaft bekundet. In jüngerer Zeit war es wieder zu gelegentlichen Begegnungen zwischen Vertretern von Al-Azhar und dem Vatikan gekommen, aber noch nicht zu einer formellen Wiederaufnahme des Dialogs. Rv150609mg 

 Der Großimam der Al-Azhar-Universität, Scheich Ahmed al-Tayyeb besucht Papst Franziskus

   Papst Franziskus hat am 23. Mai 2016 den Großimam der Al-Azhar-Universität empfangen. Die Universität in Kairo gilt als das wichtigste theologisch-akademische Institut im sunnitischen Islam. Einzelheiten zum Besuch des Imams Ahmed al Tayyeb teilte Vatikansprecher Federico Lombardi nicht mit. Die Al-Azhar-Universität hatte 2011 den Dialog mit dem Heiligen Stuhl ausgesetzt, weil Papst Benedikt einen Terrorakt auf eine koptische Kirche in Alexandria verurteilt hatte. Seither gab es eine schrittweise Annäherung. Im Februar hatte der Sekretär des päpstlichen Dialogrates, Bischof Miguel Ángel Ayuso Guixot, die Al-Azhar-Universität besucht und dem Imam eine Einladung in den Vatikan überbracht. Beide Seiten seien sich einig über die Notwendigkeit eines Treffens zur Überwindung der Aussetzung der bilateralen Gespräche, hieß es danach aus Kairo. Rv160519gs

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Interview mit Großimmam Dr. Ahmed Mohammed al Tayyeb, Scheich der Al-Azhar
Einigt euch, um den Strömen des Blutes ein Ende zu setzen Foto: Al-Aszhar in Kairo

   Einen Appell an die ganze Welt, »sich zu vereinen und die Reihen zu schließen, um dem Terrorismus entgegenzutreten und ihm ein Ende zu setzen«, richtete Ahmed al-Tayyeb, Großimam der Al-Azhar, zum Abschluss seiner Begegnung mit Papst Franziskus am 23. Mai. In einem Exklusivinterview mit den vatikanischen Medien unterstrich der Scheich, dass »der Islam nichts mit Terrorismus zu tun hat«, denn wer töte, habe »die Texte des Islam missverstanden, sei es absichtlich sei es aus Unwissenheit«. Ein gemeinsamer Einsatz der großen Religionen sei grundlegend, um der Menschheit in dieser Zeit schwerer Krisen, »eine neue Orientierung in Richtung der Barmherzigkeit und des Friedens« zu geben. Nach der Audienz begab sich der Großimam in die Residenz des Botschafters von Ägypten beim Heiligen Stuhl, wo er mit zwei Redakteuren von Radio Vatikan - Jean-Pierre Yammine, Leiter der arabischen Abteilung, und Cyprien Viet von der französischen Redaktion - und Maurizio Fontana vom Osservatore Romano zusammentraf. Das Interview wurde von Radio Vatikan und dem Vatikanischen Fernsehzentrum in Bild und Ton aufgezeichnet. Es wurde in arabischer Sprache geführt. Dem deutschen Text liegt die italienische Übersetzung zugrunde, die die arabische Abteilung von Radio Vatikan angefertigt hat.
Johannes Paul II. war der erste Papst; der auf seiner Reise nach Ägypten im Rahmen des Großen Jubiläums 2000 den Großimam der Al-Azhar besucht hat. Heute ist der Großimam zum ersten Mal zu Besuch beim Papst im Vatikan aus Anlass des Jubiläums der Barmherzigkeit? Welche Bedeutung haben diese so wichtigen Ereignisse?
 
Ahmed al-Tayyeb: Im Namen Gottes des Gütigen und Barmherzigen möchte ich zu Beginn Seiner Heiligkeit dem Papst des Vatikans, Papst Franziskus, meinen Dank aussprechen, dass er mich gemeinsam mit meiner Delegation der Al-Azhar empfangen hat, sowie für den freundlichen Empfang und die warmherzige Zuneigung, die er mir entgegengebracht hat. Heute statten wir diesen Besuch ab mit einer Initiative von Al-Azhar und der Organisation zwischen Al-Azhar und Vatikan, um unsere heilige Sendung fortzuführen, die die Sendung der Religionen ist: den Menschen überall glücklich zu machen. Al-Azhar führt einen Dialog - oder besser hat eine interreligiöse Dialogkommission mit dem Vatikan der aus bestimmen Umständen abgebrochen worden war. Aber jetzt, wo diese Umstände abgebrochen worden war. Aber jetzt, wo diese Umstände nicht mehr bestehen, nehmen wir den Weg des Dialogs wieder auf und hoffen, dass er besser wird, als er vorher war. Und ich bin glücklich, der erste Scheich der Al-Azhar zu sein, der den Vatikan besucht und sich mit dem Papst zu Diskussion und Übereinkunft zusammensetzt.
Soeben ist der Großimam im Vatikan mit Papst Franziskus zusammengetroffen. Was können Sie uns über diese Begegnung und über die Atmosphäre sagen, in der sie stattgefunden hat?
  
Ahmed al-Tayyeb: Der erste Eindruck, der sehr stark war, ist, dass dieser Mann ein Mann des Friedens ist, ein Mann, der der Lehre des Christentums folgt, das eine Religion der Liebe und des Friedens ist; und das Tun Seiner Heiligkeit verfolgend haben wir gesehen, dass er ein Mensch ist, der die anderen Religionen respektiert und ihren Anhängern Achtung entgegenbringt. Er ist ein Mann, der sein Leben auch dem Dienst an den Armen und Elenden widmet und der Verantwortung für die Menschen im Allgemeinen übernimmt. Er ist ein asketischer Mensch, der auf die vergänglichen Freuden des weltlichen Lebens verzichtet hat. All dies sind Eigenschaften, die wir mit ihm teilen, und deshalb haben wir den Wunsch verspürt, diesen Menschen zu treffen, um in diesem weiten Bereich gemeinsam für die Menschheit zu arbeiten.
Welche Pflichten haben hohe religiöse Autoritäten und  Verantwortungsträger in der Welt von heute?
  
Ahmed al-Tayyeb: Es ist eine schwere und wichtige Verantwortung zugleich, weil wir wissen - worüber wir auch mit Seiner Heiligkeit gesprochen haben dass alle modernen gesellschaftlichen Philosophien und Ideologien, die die Führung der Menschheit in die Hand genommen haben und die weit entfernt sind von der Religion und vom Himmel, darin versagt haben, den Menschen glücklich zu machen und ihn von Kriegen und Blutvergießen abzubringen.
   Ich glaube, dass für die Vertreter der göttlichen Religionen der Moment gekommen ist, intensiv und konkret dazu beizutragen, der Menschheit neue Orientierung in Richtung der Barmherzigkeit und des Friedens zu geben, damit die Menschheit die schwere Krise, unter der wir jetzt leiden, umgehen kann. Der Mensch ohne Religion stellt eine Gefahr für Seinesgleichen dar, und ich glaube, dass die Menschen jetzt, in diesem 21. Jahrhundert, begonnen haben, sich umzusehen und nach weisen Führern zu suchen, die sie in die richtige Richtung führen können. Und all das hat uns zu dieser Begegnung und zu dieser Diskussion gedrängt sowie zur Übereinkunft, den richtigen Schritt in die richtige Richtung zu beginnen.

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Foto: Interview mit dem Großimam in der Residenz des Botschafters von Ägypten beim Heiligen Stuhl

Die Al-Azhar-Universität engagiert sich derzeit in der wichtigen Arbeit der Erneuerung der Schulbücher. Können Sie uns etwas darüber sagen?
  
Ahmed al-Tayyeb: Ja, wir erneuern sie in dem Sinn, dass wir die muslimischen Begriffe klären, die von jenen verdreht wurden, die Gewalt und Terrorismus einsetzen, und von den bewaffneten Bewegungen, die vorgeben, für den Frieden zu arbeiten. Wir haben diese falschen Begriffe identifiziert und haben sie - innerhalb eines Lehrplans - unseren Schülern der mittleren und höheren Schulen vorgelegt. Wir haben die abweichende Seite und das irregeleitete Verständnis aufgezeigt und zugleich haben wir uns bemüht, den Schülern die korrekten Begriffe verständlich zu machen, von denen diese Extremisten und Terroristen sich entfernt haben. Wir haben eine weltweite Beobachtungsstelle eingerichtet, die in acht Sprachen eine Kontrolle des von diesen extremistischen Bewegungen verbreiteten Materials und der vergifteten Ideen durchführt, die die Jugend in die Irre führen. Und dieses Material wird heute korrigiert und dann in andere Sprachen übersetzt. Und durch das »Haus der ägyptischen Familie« - das die Muslime mit allen christlichen Konfessionen in Ägypten vereint und das ein gemeinsames Projekt von Al-Azhar und den Kirchen ist - versuchen wir, eine Antwort auf jene zu geben, die die Gelegenheiten ausnützen und auf der Lauer liegen, um Zwischenfälle, Spaltung und Konflikte zwischen Christen und Muslimen zu säen. Wir haben auch den Rat der Weisen, dem der Scheich von Al-Azhar vorsteht, und dieser Rat sendet Friedensdelegationen in die verschiedenen Hauptstädte der Welt und unterhält eine wichtige Tätigkeit zugunsten des Friedens und zur Kenntnis des unverfälschten Islam. In der Vergangenheit, vor ungefähr einem Jahr, haben wir in Florenz, gerade hier in Italien, eine Konferenz zum Thema »Orient und Okzident«, das heißt über »Die Zusammenarbeit zwischen Orient und Okzident« abgehalten. Darüber hinaus empfangen wir in der Al-Azhar die Imame der in Europa vertretenen Moscheen im Rahmen eines zweimonatigen Programms, um eine Ausbildung zum Dialog anzubieten, falsche Begriffe zu entlarven, die Integration der Muslime in ihre europäischen Gesellschaften und Nationen anzusprechen, damit sie eine Ressource für die Sicherheit, den Reichtum und die Stärke jener Länder sein können.
Der Nahe Osten ist in großen Schwierigkeiten. Welche Botschaft möchten Sie uns in diesem Zusammenhang aus Anlass dieses Besuchs im Vatikan geben?
  
Ahmed al-Tayyeb: Ich komme aus dem Nahen Osten, wo ich lebe und zusammen mit den anderen die Konsequenzen der Ströme von Blut und Leichnamen erleide, und es gibt überhaupt keinen logischen Grund für diese Katastrophe, die wir Tag und Nacht erleben. Sicherlich gibt es interne und externe Beweggründe, deren Konvergenz diese Kriege entzündet hat. Heute befinde ich mich im Herzen Europas und ich möchte meine Anwesenheit in dieser für die Katholiken so großen Institution - dem Vatikan - nutzen, um einen Appell an die ganze Welt zu richten, damit sie sich vereinen und die Reihen schließen kann, um dem Terrorismus entgegenzutreten und ihm ein Ende zu setzen. Denn ich glaube, wenn dieser Terrorismus ignoriert wird, dann werden nicht nur die Menschen des Ostens den Preis zahlen, sondern Ost und West könnten gemeinsam leiden, wie wir gesehen haben. Daher ist dies mein Appell an die Welt und an die freien Menschen der Welt: Einigt euch sofort und greift ein, um den Strömen des Blutes ein Ende zu setzen. Erlaubt mir bei dieser Erklärung ein Wort zu sagen: Ja, der Terrorismus existiert, aber der Islam hat nichts zu tun mit diesem Terrorismus, und das gilt für die muslimischen Ulama‘ [Religionsgelehrte] sowie für Christen und Muslime im Osten. Und diejenigen, die Muslime töten und die auch Christen töten, haben die Texte des Islam missverstanden, sei es absichtlich sei es aus Unwissenheit. Al-Azhar hat vor einem Jahr eine allgemeine Konferenz für die muslimischen Ulama‘ einberufen, Sunniten und Schiiten, und es wurden die Leiter der Ostkirchen eingeladen, die Führungspersönlichkeiten der verschiedenen Religionen und Konfessionen, und sogar die Jesiden haben einen Vertreter zu dieser Konferenz entsandt, die unter der Ägide von Al-Azhar stattfand.
   Und unter den Hauptpunkten der gemeinsamen Erklärung wurde gesagt, dass Islam und Christentum nichts zu tun haben mit jenen, die töten, und wir haben den Westen gebeten, diese abgeirrte und irregeführte Gruppe nicht mit den Muslimen zu verwechseln. Wir haben einstimmig als Muslime und Christen erklärt, dass wir Eigentümer dieses Landes sind, dass wir Partner sind und dass jeder von uns ein Recht auf dieses Land hat. Wir haben Zwangsmigration, Versklavung und Frauenhandel im Namen des Islam zurückgewiesen. Hier möchte ich unterstreichen, dass das Problem nicht als Verfolgung der Christen im Osten dargestellt werden darf, im Gegenteil, es gibt mehr muslimische als christliche Opfer, und wir alle erleiden gemeinsam diese Katastrophe. Kurz gesagt, ich möchte mit diesem Punkt schließen und sagen, dass wir wegen der Abirrung einiger ihrer Anhänger nicht den Religionen die Schuld geben dürfen, denn in jeder Religion gibt es eine irregeleitete Gruppe, die das Banner der Religion erhoben hat, um in ihrem Namen zu töten.
   Bevor ich schließe, möchte ich erneut meinen aufrichtigen Dank, meine Wertschätzung und die Hoffnung zum Ausdruck bringen - die ich mitnehmen werde -, als Muslime und Christen, Al-Azhar und Vatikan, zusammenzuarbeiten, um den Menschen aufzurichten, wo auch immer er sein möge, unabhängig von seiner Religion und seinem Glaubensbekenntnis, und ihn aus der Krise der zerstörerischen Kriege, der Armut, der Unwissenheit und der Krankheiten zu retten.
 
Ital.OsservatoreRomano25.05.16

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Mit Bildung gegen den IS und den Terror – Foto: Die Al-Azhar Universität an der gleichnamigen Moschee in Kairo

   Der Großimam der Al-Azhar-Universität in Kairo, Ahmad Mohammad al Tayyeb Foto oben auf dieser Seite, hat Maßnahmen gegen den „Islamischen Staat“ (IS) angekündigt.  In einem Interview für das Magazin „Cicero“ sagte er, dass er ein Beobachtungszentrum aufbauen wolle. Damit wolle man verfolgen, was der IS verbreitet. Mitarbeiter der Universität wollten darauf passende Antworten formulieren, übersetzen und auf der Internetseite der Universität veröffentlichen. Des weiteren kündigt Tayyeb ein Treffen mit den für Bildung zuständigen Ministerien in Ägypten an. Es solle an den Universitäten ein allgemeines Fach eingeführt werden, das die Ursprünge des Terrors behandele und zeige, wie der IS die Schriften falsch interpretieren. Denn ein wichtiger Grund für die Kraft des IS sei für Tayyeb die wirtschaftliche Schwäche in der arabischen Welt.
   Den Westen forderte er derweil dazu auf, Ägypten durch wirtschaftliche Zusammenarbeit und politische Unterstützung zu helfen. Zugleich kritisierte er aber auch die internationalen Mächte, die vielerorts die Region eher destabilisierten. Rv150815pdy 

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      Foto links: IS ist moslemisch wie die IRA Foto Mitte katholisch war,

   sagt der New Yorker Kardinal Dolan Foto oben rechts gegenüber der Nachrichtenagentur CNS. Weiter sagt er: “Die Aktionen der beiden Gruppen vertreten eine Perversion der Religion”. IS ist nicht mehr moslemisch, meint der Erzbischof von New York, die IRA ist nicht mehr katholisch, “die IRA-Mitglieder waren getauft, durften sich also Christen nennen, aber was sie taten, war eine Perversion von allem, wofür die katholische Kirche steht.”    
   Kardinal Dolan sagte weiter zu Dr. Chris Cuomo, dass die Extremisten vom Islamischen Staat “nicht die wahre islamische Idee vertreten”, sondern eine “teilweise verfälschte Art des Islam”.
   “Der Vergleich (mit der IRA) sei wohl zutreffend. Sie sind nicht wirkliche, nicht echte Muslime. Was nun nötig ist, hat Papst Franziskus schon der Welt gesagt: gemäßigte, echte, einflussreiche Stimmen des Islam müssen nun aufstehen und sagen: diese Leute repräsentieren uns nicht. Genau das werden wir nun erleben. Gott kann Gutes aus Bösem bewirken.” Papst Franziskus hat immer wieder betont, dass Isis nicht für den Islam spricht. CH150305

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Saudi-Arabien: Frauen im diplomatischen Dienst - Foto: Saudi Arabien: Der Kronprinz mit dem Shura-Rat

   Saudi-Arabien will in Zukunft Frauen als Botschafterinnen zulassen. Das berichtet die Agentur Asianews unter Berufung auf einen Sprecher des saudischen Außenamtes. Die Zulassungsbedingungen für Interessentinnen sind ein sehr guter Studienabschluss, saudische Staatsbürgerschaft, Unbescholtenheit, ein „guter Charakter“ und „ein angenehmes Äußeres“. In Saudi-Arabien ist mit dem Wahabismus eine besonders strenge Auslegung des Koran kulturbestimmend. Dies hat Auswirkungen nicht nur auf die Religionsfreiheit, die in Saudi-Arabien einen traditionell schweren Stand hat, sondern auch für Frauen im öffentlichen Leben. Allerdings waren bereits in den vergangenen zehn Jahren 370 Saudierinnen an ausländischen Botschaften im niedrigeren diplomatischen Dienst eingesetzt, so asianews. rv150110asianews

In den Golfstaaten nicht willkommen
Saudi-Arabien will für die syrischen Flüchtlinge in Deutschland aber 200 Moscheen bauen

  Die arabischen Golfstaaten sind reich, sie sind muslimisch, und sie Schotten sich gegenüber ihren Glaubensbrüdern aus Syrien mit einer Kälte ab, die immer mehr zu einem Skandal wird. Europäische Länder nehmen aber großzügig Flüchtlinge aus den arabischen Bürgerkriegsregionen auf, viele auf dem christlichen Kontinent scheuen keine Lasten, um ihrem humanitären Anspruch gerecht zu werden. Gegenüber diesem Leiden stellen sich die arabischen Golfstaaten jedoch taub, obwohl sich der saudische König als „der Hüter der beiden Heiligen Stätten des Islams" anreden lässt.
   Sie bauen die größten Moscheen, die höchsten Gebäude und die prächtigsten Paläste. Der Flüchtlingsstrom fließt jedoch nach Norden, nach Europa, nicht nach Süden, auf die Arabische Halbinsel. Das hat zwei Gründe. Zum einen wollen die Flüchtlinge nicht in einem unfreien Land wie Saudi-Arabien leben; nach allem, was sie erlebt haben, lechzen sie nach Freiheit und nach Sicherheit.
   Zum anderen sind diese Flüchtlinge in den Staaten des Golfkooperationsrats (GCC) auch gar nicht erwünscht. Seit dem Ausbruch erst der Krise und dann des Kriegs in Syrien war es für Syrer immer schwieriger geworden, überhaupt ein Einreisevisum zu bekommen, das zudem sehr teuer ist. Die Syrer könnten ja auf Arabisch, der gemeinsamen Sprache, be­richten, was in Syrien tatsächlich geschieht, und sie würden die saudische Gesellschaft in einem unerwünschten Maße politisieren. In den vergangenen Jahren wurden dann, vor allem in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emira­ten, zunehmend Aufenthaltsgenehmigungen für syrische Gastarbeiter nicht mehr verlängert.
   Wer vor dem Krieg in Syrien flieht, ge­langt mit dem Ruf „Asyl" nach Europa. Wollen Syrer aber in ein arabisches „Bruderland" reisen, werden sie ohne Visum an allen Grenzen - bis auf Algerien, dem Jemen, Mauretanien und dem Sudan - zurückgewiesen. Sie sind nicht willkommen. So sieht arabische „Brüderlichkeit" aus, so wird islamische Solidarität gelebt. Ausnahmen gibt es freilich: Jordanien und der Libanon haben Millionen von Flüchtlingen aufgenommen. Als die syrische Gemeinde in Dänemark ein Video über Flüchtlinge, die in Österreich ankamen, auf ihre Facebook-Seite stellte, lautete ein Eintrag:„Wie sind wir von der Region unserer muslimischen Brüder geflohen, die doch mehr Verantwortung zeigen sollten als ein Land, das sie als Ungläubige bezeichnen?" Ein anderer schrieb: „Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, die Araber sind die Ungläubigen."
   Den Golfstaaten böte sich nun eine Gelegenheit, der Welt zu zeigen, wie großzügig sie sein können. Stattdessen heizen sie Konflikte weiter an. Den Jemen, ohnehin das ärmste Land der arabischen Welt, bomben sie kurz und klein, obwohl es Wege zu einer politischen Beilegung des Konflikts gegeben hätte. 80 Prozent der Jemeniten sollen bereits auf humanitäre Hilfen angewiesen sein, die aber nur zu einem kleinen Teil ins Land kommen, weil eine von Saudi-Arabien angeführte Koalition den Jemen nach außen abriegelt. Der Jemen ist mit 27 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land auf der Arabischen Halbinsel. So bleiben nur zwei Fluchtwege: Nach Osten Richtung Somalia und Äthiopien, nach Norden Richtung Saudi-Arabien. Zu den größten Ängsten der Saudis zählt, dass sich Millionen verarmter Jemeniten über die - eigentlich gut gesicherte - Grenze einen Weg nach Norden bahnen könnten.
   Saudi-Arabien und die Vereinigten Ara­bischen Emirate führen im Jemen Krieg, um zu verhindern, dass schiitische Houthis ihre Macht konsolidieren. Mit ihren Bomben machen sie indes nur noch mehr Menschen zu Flüchtlingen. Zuvor war Saudi-Arabien bereits in Syrien für die Eskalation der Gewalt mitverantwortlich. So zitierte der frühere britische Geheimdienstchef Richard Dearlove den ehemaligen saudischen Geheimdienstchef Bandar Bin Sultan Al Saud, der ihm gesagt haben soll: „Es wird nicht mehr lange dauern im Nahen Osten, und man wird sprichwörtlich sagen: ,Gott stehe den Schiiten bei.' Mehr als eine Milliarde Sunniten haben von ihnen einfach genug." Bandar Bin Sultan wurde vor allem deswegen abgesetzt, weil seine Förderung islamistischer Extremisten in Syrien aus dem Ruder lief und letztlich die Konsolidierung des „Islamischen Staats" ermöglichte.
   Heute aber nimmt Saudi-Arabien keine Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern auf, schon gar nicht aus Syrien. Stattdessen berichtet die libanesische Zeitung al Diyar, Saudi-Arabien biete für die muslimischen Flüchtlinge, die in Deutschland aufgenommen werden, den Bau von 200 Moscheen an. Zwar schreibt die Zeitung, das solle in Übereinstimmung mit der Bundesregierung geschehen. Es wäre jedoch besser, würde sich Saudi-Arabien selbst der Flüchtlinge annehmen und damit seiner Führungsrolle in der „islamischen Umma", der Gemeinschaft aller Muslime, gerecht werden.
   Die Konflikte und Kriege in Syrien und im Irak, in Afghanistan und in Somalia werden noch lange nicht abebben. Mehr Menschen werden sich eine neue Heimat suchen, und sie werden dort auch arbeiten wollen. Die Golfstaaten brauchenArbeitskräfte: In Saudi-Arabien ist jeder dritte Einwohner ein Gastarbeiter, in den Vereinigten Arabischen Emiraten sind acht von zehn Einwohnern keine Einheimischen. Bei den Gastarbeitern stellen die Araber nur eine Minderheit. Die Golfstaaten ziehen Gastarbeiter aus stabilen und friedlichen Ländern vor. Sie bringen aus ihrer Heimat kaum Konflikte mit, sie sind gefügig und leichter auszuweisen. Die Syrer, die heute kommen, würden aber bleiben. So wie sich die Golfaraber gegenüber den Syrern verhalten, sind sie keine Brüder mehr, auch nicht im Glauben. FAZ150908RainerHermann

is-212-ZzZ-nostraAetate

Papst: Nein zu Fundamentalismus, Ja zu Elendsbekämpfung

   Eine Generalaudienz im Zeichen des interreligiösen Dialogs: Papst Franziskus hat vor tausenden Pilgern und Besuchern auf dem Petersplatz die Konzilserklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen gewürdigt. Dieses Dialogdokument wurde vor genau 50 Jahren veröffentlicht. Ungewöhnlich bei einer Generalaudienz: Zwei Kardinäle erläuterten die Bedeutung der Erklärung „Nostra aetate“ und anschließend wurden einige Abschnitte aus dem Dokument vorgelesen. Die Präsidenten der Päpstlichen Räte für den interreligiösen Dialog und für die Förderung der Einheit der Christen – also Kardinal Jean-Louis Tauran und Kardinal Kurt Koch – umarmten den Papst. Ein internationaler und vor allem interreligiöser Kongress findet in diesen Tagen an der römischen Papst-Universität Gregoriana statt.
„Nostra aetate“ ist aktuell
   Das Dialogdokument „Nostra aetate“ sei auch in unserer Zeit aktuell, so der Papst in seiner Ansprache bei der Generalaudienz. Die Abhängigkeit unter den Völkern sei gewachsen und gleichzeitig auch die „Suche nach dem Sinn des Lebens, des Leides und des Todes“, so der Papst. Auch gehöre es zu den Grundfragen der Menschheit seit jeher, nach ihrem Ursprung und dem gemeinsamen Schicksal zu suchen. Das Konzilsdokument habe aber auch auf die Einzigartigkeit der Menschheitsfamilie hingewiesen, erinnerte der Papst. So gehöre es auch zur Aufgabe der Kirche, immer offen für den Dialog mit allen zu sein und gleichzeitig der Wahrheit treu zu bleiben.
Viel erreicht
   Es sei schon viel erreicht worden, fügte Franziskus an. Er erinnerte an die Treffen in Assisi, angefangen bei jenem vom 27. Oktober 1986 auf Initiative des heiligen Papstes Johannes Paul II. Einen besonderen Hinweis richtete der Papst auf die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Kirche und dem Judentum. Aus einander fremden „Feinden“ seien Freunde und Brüder geworden, so der Papst. Das Konzilsdokument „Nostra aetate“ habe den Weg geebnet für ein „Ja“ zur Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums und ein entschiedenes „Nein“ zu jeder Form von Antisemitismus sowie die Verurteilung jeder Diskriminierung und Verfolgung, die sich daraus ergäben. Gegenseitiges Kennen, Respekt und Achtung seien der Weg, der besonders für die Beziehung mit dem Judentum, aber auch für jene mit den anderen Religionen gelte. Was für den Dialog mit dem Judentum gelte, sei auch beim Gespräch mit dem Islam wichtig: es bedürfe eines offenen und ehrlichen Dialogs. Im Übrigen teilten Christen und Muslime denselben Glauben an den einen lebendigen und barmherzigen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde.
Offen und achtungsvoll
   Zum interreligiösen Dialog sagte der Papst, es sei wichtig, dass das Gespräch immer offen und achtungsvoll sei. Ziel und Zweck dieses Dialogs: der gegenseitige Respekt, fügte er an. Deshalb mahnte er zu mehr Zusammenarbeit zwischen den Religionsgemeinschaften und allen „Menschen guten Willens“. Hier seien auch jene miteinbezogen, die sich keiner Religion zugehörig fühlten. Jeder Mensch sei aufgerufen, bei der Lösungsfindung der Weltprobleme mitzuhelfen. Dies bedeute nicht, dass Gläubige a priori Patentrezepte hätten, um die vielen Hürden und Hindernisse des Alltags zu überwinden. Aber einen „Ass im Ärmel“ hätten sie jedoch und zwar das Gebet.
Kein Platz für Gewalt und Terrorismus
   Der Papst erinnerte daran, dass jegliche Gewalt und terroristische Akte nichts mit Religion zu tun hätten. Leider seien die Religionen dadurch verdächtig geworden. Deshalb würden viele sogar der Religion die Schuld am Elend geben. Es sei ihm bewusst, dass keine Glaubensgemeinschaft vor fundamentalistischen oder extremistischen Tendenzen – sei es von Einzelnen, sei es von Gruppen – gefeit sei. Franziskus empfahl, die positiven Werte in den Blick zu nehmen. Jeder Religion schlage er dies vor und sie könnten so „zu Quellen der Hoffnung“ werden.
Samen des Guten
   Der interreligiöse Dialog könne viel Gutes für alle bringen und das Elend bekämpfen, so der Papst. Ein Dialog, der sich auf vertrauensvollem Respekt gründe, werde so zu einem „Samen des Guten“. Daraus keime dann Freundschaft, Zusammenarbeit und neues Vertrauen. Davon würden vor allem junge und ältere, arme und ausgestoßene Menschen profitieren. Man müsse deshalb gemeinsam gehen und sich gegenseitig einander annehmen sowie sich aber auch um die Schöpfung kümmern, erinnerte der Papst. Hierzu gehörten auch der Schutz des menschlichen Lebens, der Respekt der Grundrechte und Freiheiten sowie die Gewissens- und Religionsfreiheit. In der katholischen Kirche heiße dies schlicht und einfach „Nächstenliebe“. Eine gute Gelegenheit hierzu bilde das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“, so der Papst weiter. Es handele sich um ein Jahr, das auch an Menschen gerichtet sei, die nicht glaubten oder einfach nur auf der Suche nach Gott und der Wahrheit seien. Mit Gott sei alles möglich, so der Papst abschließend. Rv151028mg

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 Neue islamische Theologie  Foto: Prof Dr. Felix Körner SJ über eine modernistische Koranexegese in Ankara

   Ist der Islam offen für verschiedene Auslegungen seiner Tradition? Angesichts der aktuellen Konfliktlage ist das eine Schlüsselfrage. Wir stehen vor unterschiedlichen Religiositäten: Für die Muslime ist die bildliche Darstellung ihres Propheten tabu, während in der christlichen Kunst mit dem Ende des Ikonoklasmus alle Bilderverbote gefallen sind. Zudem ist für die Muslime der Koran das in Buchstaben gegossene, das unmittelbare und damit auch unabwandelbare Wort Gottes. Im Christentum hingegen ist Gottes Wort Fleisch geworden, aufgeschrieben von Menschen. Dem Christentum ist die historisch-kritische Bibelexegese damit fast in die theologische Wiege gelegt worden. Der Islam scheint jedoch an einmal formulierte Überlieferungen gekettet zu sein, ohne Chance zur Weiterentwicklung.
   In den Bildern eines Mobs, der Flaggen verbrennt und dänische Botschaften anzündet, mag dieser erste Befund seine Bestätigung finden. Vorbei geht er indessen an der Wirklichkeit der vielfältigen theologischen Auseinandersetzungen mit dem heiligen Buch der Muslime. Unbestritten ist, daß sich nach wie vor die meisten muslimischen Theologen eher mit der Tradition als mit der Theologie beschäftigen, daß sie eher Kopisten der Vergangenheit sind als kreative Denker. Daß ihnen auch die Formen der Ästhetik wichtiger sind als das Nachdenken über den Inhalt. Der liberale muslimische Denker Fazlur Rahman (1919 bis 1988) hatte beklagt, wie diese Traditionalisierung den Reichtum der koranischen Theologie verkümmern lasse und daß man sich damit die Chance vergebe, Anknüpfungspunkte an die Moderne zu finden.
   Allen Bildern der haßerfüllten Prediger und der grimmig dreinblickenden Bärtigen zum Trotz: Auch in die islamische Welt ist Bewegung geraten. Von einem wichtigen neuen Ansatz der Koranexegese berichtet eine Studie des deutschen Jesuiten Felix Körber, der seit vielen Jahren in Ankara lebt. Mit seiner Arbeit füllt er eine Lücke: Erstmals liegt nun eine Arbeit vor über die jüngere Koranforschung in der Türkei, und erstmals zeigt er, wie deutsche Philosophie, insbesondere Gadamers Hermeneutik, Eingang gefunden hat in die Methoden jüngerer türkischer Islamtheologen. Über die Schulter schaute Körner vier von ihnen: Mehmet Pacaci und Adil Ciftci, Ömer Özsöy und Ilhami Güler.
Mehmet Pacaci wurde 1959 in der türkischen Provinzstadt Bolu geboren. Seine Studien führten ihn nach Saudi-Arabien und nach Manchester, geforscht hat er zudem in Rom und in Bamberg. Heute lehrt er an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara. Als einer der ersten islamischen Theologen liest er auch die heiligen Bücher der Juden und der Christen - und das in deren Originalsprachen.
Sein Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, daß die Prinzipien des Koran universelle Gültigkeit besitzen, daß der Koran aber in einem historischen Kontext offenbart worden ist und auf konkrete historische Situationen Bezug nimmt. "Einen Text zu verstehen bedeutet daher, ihn in jedem Moment neu zu verstehen", schreibt Pacaci einmal. Nie könnten Menschen ein vollständiges Verständnis entwickeln. Der Exeget sei stets von seiner Zeit geprägt. Daher müsse sich auch die Umsetzung der Prinzipien des Korans in dem Maße ändern, wie sich die historischen Situationen veränderten, lehrt Pacaci.
FAZ060222

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Prof. Dr. Mehmet Pacaci ist der neue Botschafter der Türkei beim Heiligen Stuhl

   Er ist wie schon sein Vorgänger ein Islamwissenschaftler. Pacaci übergab Papst Franziskus sein Beglaubigungsschreiben. Zuletzt war der 65-Jährige in der Zentrale des türkischen Religionsamtes in Ankara für Außenbeziehungen zuständig. Pacaci studierte Islamische Theologie an der Universität in der türkischen Hauptstadt und lehrte dort von 1992 bis 2008 als Professor. Die folgenden drei Jahre beriet er als Mitglied des Religionsamtes die türkische Botschaft in Washington (USA) in religionspolitischen und sozialen Fragen. Der deutsche Jesuit Felix Körner, der mehrere Jahre in Ankara gearbeitet hat und jetzt in Rom lehrt, begrüßt die Berufung Pacacis. Damit setze die Türkei ihre dialogorientierte Linie gegenüber dem Vatikan fort. Beim Besuch in der Türkei hat Papst Franziskus - wie sein Vorgänger Benedikt XVI. - auch dem Religionsamt in Ankara seine Aufwartung gemacht. Rv141117

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Islam-Gast im Vatikan: „Papst ist unser Freund  -  Papst Franziskus traf bei der Generalaudienz Vertreter
 der unterschiedlichen Weltreligionen. Anlass war die 50-Jahr-Feier des Dekrets "Nostra aetate"

  Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften haben im Anschluss an die Generalaudienz Papst Franziskus kurz getroffen und danach im vatikanischen Pressesaal darüber berichtet. Das Treffen fand im Rahmen des 50-Jahr- Jubiläums der Erklärung „Nostra aeate“ statt. Dieses Dokument sei ein „grundlegender Schritt, der den Weg des Dialogs zwischen der Kirche und Muslimen geebnet hat“. Das sagte der Islam-Vertreter, Abdellah Redouane, bei dem interreligiösen Treffen. Er ist Generalsekretär des muslimischen Kulturrates in Italien. Bei der Pressekonferenz im Vatikan sagte er weiter: „14 Jahrhunderte lang gab es keinen offiziellen Dialog zwischen der Kirche und uns. Dieses Dokument von 1965 hat Tore geöffnet und die Zusammenarbeit gefördert,“ so Redouane. Er würdigte Papst Franziskus „als Freund der Muslime“ und fügte an: „Der Papst hat in der Generalaudienz ein grundlegendes Anliegen des Islam wiederholt:  Gott als Mittelpunkt unseres Lebens. Damit verbunden sind die Pflichten des Gebets, des Almosengebens und des Fastens. Mit diesen Worten haben wir gespürt, wie nahe der Papst sich uns fühlt. Das ist im Übrigen nicht das erste Mal. Seit seiner Amtseinführung hat er gezeigt, wie offen er für den Dialog mit uns ist.“
   Die Muslime unterstützten weltweit die Anliegen des Papstes, wenn es darum gehe, die Würde eines jeden Menschen zu schützen und zu fördern, fügte Redouane an. Die Welt brauche eine solche moralische Autorität wie Papst Franziskus.
   An dem Treffen mit dem Papst nahmen über 50 Vertreter von islamischen Verbänden teil. An der Pressekonferenz im Vatikan nahmen auch Vertreter des Judentums, Buddhisten, Hindus, Jainisten und Sikh teil. Rv151028mg

KK-FelixKörnerSJ-x    Felix Körner SJ, Professor an der Päpstlichen Universität Gregoriana Rom

Der Islam in der Welt von heute: Geschichte, Begriffe, Perspektiven

   Das Programm des Islam ist tawhid: «Eins-sein-Lassen». Tawhid beinhaltet ein theologisches, ein kultisches und ein sozio-politisches Projekt: Gottes Schöpfer-, Lenker- und Richter-Macht ist als konkurrenzlos anzuerkennen. Ihm allein gebührt daher ehrende Unterwerfung islam. Diese ausschließliche Anbetungseinheit ist auch in der Ordnung des Gemeinwesens abzubilden. Bereits der Koran selbst entwirft mit wachsender Ausdrücklichkeit eine neue Gesellschaftsordnung. An die Stelle des Stammes tritt die Gemeinschaft umma. Sie ist auf einen Beitritt aller Menschen angelegt. Denn das im Koran Verkündete versteht sich als die endgültige Wiederherstellung des allen wahren Religionen zugrundeliegenden göttlichen Impulses, der Aufforderung zum «Eins-sein-Lassen».
   Hierin liegt der Keim für die späteren Entwicklungen — Spannungen wie Erfolge - des Islam.

Rückblick
a.   Schia/Sunna.

    Da die Verkündigung Muhammads (geb. um 570 n. Chr.) in seiner heidnisch-polytheistischen Heimat Mekka auf Desinteresse, ja Ablehnung stößt, sieht er sich gezwungen, auszuwandern (622 n. Chr.). Diesen Aufbruch ermöglicht ihm eine Einladung. Es handelt sich um die Bitte einer gut 300 km weiter nördlich gelegenen Stadt der arabischen Halbinsel, des ethnisch wie religiös vielgestaltigen Yathrib/Medina, ihr Oberhaupt zu werden. Der Prophet ist nun auch Politiker. Da er seine Berufung zum Verkünder des Gotteswillens als ihm persönlich von Gott gegebene Auserwählung versteht, kann er seine Vollmacht nicht weitergeben. Mit seinem Tode entsteht daher ein bis heute ungelöster Widerstreit. Wer soll Muhammad als Vorsteher der wachsenden politisch-religiösen Gemeinschaft nachfolgen? Aus der Auffassung, das Amt gebühre dem nächsten Verwandten, Muhammads Cousin und Schwiegersohn Ali, bildet sich die «Partei Alis» shiat Ali: die Schia. Man vertritt die Ansicht, über die öffentliche Verkündigung hinaus habe Muhammad auch vertraulich Offenbarungswissen weitergegeben und so den Vormachtsanspruch Alis und seiner Nachkommen grundgelegt. Das bestreitet die Gegenseite. Sie will den durch Führungsqualitäten Ausgezeichnetsten zum Oberhaupt. Das für alle Zeiten maßgebliche Wirken Muhammads habe in der Übermittlung des Koran und dessen vorbildlicher Befolgung bestanden. Diese sei öffentlich wahrnehmbar gewesen und werde nun zur mündlichen, später schriftlichen Uberlieferung sunna neben dem Offenbarungstext. Die Vertreter dieser Auffassung wachsen zum Mehrheitsislam heran und nennen sich später programmatisch «Sunniten».
b.   Expansion.
   Bereits im koranischen Selbstverständnis, Rechtleitung für die gesamte Menschheit zu sein Sure 39:41; 2:185, ist eine universale Ausweitungsdynamik angelegt. Sie äußert sich in der die Muslime selbst überraschenden Schlagkraft ihrer Gemeinschaft. Sie bestimmt sich nicht mehr ethnisch, sondern durch das Glaubensbekenntnis. Muslimische Eroberungserfolge gehen noch im ersten Jahrzehnt nach Muhammads Tod weit über die arabische Halbinsel hinaus. Die in der gegenseitigen Bekriegung müde gewordenen Großreiche Byzanz und Persien können dem unerwarteten Angreifer wenig entgegensetzen. Bis 642 hat Ostrom die Zentren Damaskus und Antiochien, Jerusalem, ja Alexandrien verloren. Nur Kleinasien bleibt, geschützt vom Taurusgebirge, noch jahrhundertelang der byzantinischen Krone erhalten. Im zweiten Jahrzehnt nach Muhammads Tod ist bereits Armenien überrannt; Karthago wird noch im 7. Jahrhundert erobert. Anfang des 8. Jahrhunderts ist die iberische Halbinsel unter muslimischer Herrschaft. Gleichzeitig (712 n. Chr.) sind die Araber im Osten bereits bis Indien und an die Grenzen Chinas hin siegreich.
   Eroberung hieß nicht notwendig Arabisierung und Islamisierung. Die im heutigen Usbekistan lebenden Türken werden unterworfen, kommen aber nur langsam zum Islam; und Persien, das Sassanidenreich, ist zwar schon im Jahre 642 erobert, aber hier paktiert lediglich die Oberschicht mit den Muslimen; die übrige Bevölkerung bleibt noch 200 Jahre lang anti-islamisch und antiarabisch. Als Iran schließlich mehrheitlich islamisiert ist, wird es nicht arabisiert; pikanterweise sind es hier gerade die Christen - syrische und koptische - die inzwischen arabisch- sprachig sind. Auch in der Levante geschah die Arabisierung nicht zeitgleich mit der islamischen Eroberung, sondern dauerte bis zur Jahrtausendwende; und Christen behalten hier wie in Andalusien wirtschaftliche und kulturell- geistige Prägekraft.
   Bekehrung zum Islam war fast nie physisch erzwungen. Wie konnte der Islam zur zweitgrößten Religion weltweit werden?
c.    Wachstumsmomente.
   Zum Verständnis der Ausbreitungsgeschichte ist zwischen Präsenz von Muslimen und muslimischer Herrschaft zu unterscheiden. Klassisches islamisches Recht teilt die Welt in zwei Gebietstypen ein: schon erobert und noch nicht erobert («Haus des Islam - Haus des Krieges»). Heute wollen viele islamische Vordenker die nichtmuslimischen Gebiete, oder gar die ganze Welt, lieber als «Haus des Zeugnisses» sehen. In der Globalisierungsgeschichte des Islam sind acht Expansionstypen benennbar, die sich allerdings selten scharf voneinander unterscheiden lassen:
   (1) Islamisierung kann geschehen durch persönliche Glaubensüberzeugung. Das gab es zu Lebzeiten Muhammads bereits in Mekka und geschieht durch das eindrucksvolle Lebenszeugnis vieler Muslime bis heute. In Europa kommen in einer als individualistisch beliebig empfundenen Zeit die Suche nach Gemeinschaft, nach einer verbindlichen Regelung der Lebensabläufe oder aber der Reiz des exotischen Ausstiegs hinzu; jedoch ist die islamische Lehre auch ansprechend unabhängig davon, wie sie gelebt wird. Denn terminologisch, rituell und soziologisch erweist sich der Islam als anziehend einfach: im koranischen Gottesverständnis gibt es keine Differenzierungen durch Teilhabe- und Vermittlungsvorstellungen, im neuen Religionsentwurf gibt es keine Differenzierung der Berufungen, Charismen und Ämter, in der traditionellen Staatstheorie keine Differenzierung von Staatsmacht und geistlicher Gemeinschaft.
   (2) Islamisierung kann geschehen durch Eroberung; der Islam unterscheidet allerdings klassisch zwischen Gebiets-Zuwachs und Zuwachs an Gläubigen. Christen, Juden, später auch Hindus, bleiben in den eroberten Gebieten am Leben und werden Steuerzahler. Für sie bildet sich langsam ein eigener Stand heraus, die dhimma. Sie behindert zwar den Aufstieg der Betroffenen dhimmis in staatliche Machtpositionen; Interna, etwa privatrechtliche Entscheidungen, dürfen dhimmis aber in Eigenregie verwalten: Die Anhänger der «Schriftreligionen» sind «Schutzbürger».
   (3) Islamisierung durch soziale Konstellationen. Aufgrund von Eheschließungen oder im Blick auf bessere Aufstiegschancen kann es zum Übertritt kommen; eine andere Konstellation ist hier ebenfalls zu erwähnen: In den byzantinischen Randgebieten sahen sich die semitisch-sprachigen Christen auch an die reichskirchliche Außenseite der Achtung und der ökumenischen Bejahung innerkirchlicher Vielfalt gedrängt, empfanden sich islamischerseits dagegen wohlverstanden.
   (4) Islamisierung konnte durch Sicherungs-Verträge geschehen. So ließen sich zum Schutz von Wegen nach Süd- und Südost-Asien Machthaber gewinnen, die gleichzeitig den Islam annahmen und sichere Handelsrouten gewähr- leisteten.
   (5) Ein Motiv, das zu Überzeugung und Konstellation hin deutliche Überschneidungen aufweist, aber eigens benannt werden soll, ist die Islamisierung durch Identitätsklärung. Wo man zuvor möglicherweise jahrhundertelang die Frage nicht beantworten musste, zu welcher Religion man denn gehört, fordern neue Herausforderungen Eindeutigkeit. Dies kann eine wachsende christliche Präsenz oder eine Volkszählung sein (Indonesien) sowie islamische Intensivierungsbewegungen angesichts bedrohlich empfundener Modernität und Säkularität.
   (6) Destabilisierungstaktiken. Mancherorts wurde die Islamisierung, und zwar dann vorzugsweise ihre militante Form, aus politischem Interesse von außen befördert, gerade von nichtmuslimischen Regimes; Japan etwa half ab 1944 militanten Muslimen Indonesiens, um sie im Kampf gegen die Niederländer zu instrumentalisieren; und die USA unterstützten Anfang der 1980er Jahre gewaltbereite Muslime in Afghanistan als Kämpfer gegen die Sowjet- union - der Ursprung der Taliban.
   (7) Migration. Wachstum des Islam ist selbstverständlich häufig durch Migrationsbewegungen zu erklären. Schwierigkeiten und Chancen neuer religiöser Pluralitäten werden noch häufig übersehen. Gerade europäische Gesellschaften bekennen derzeit erschrocken, in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig Integrationsarbeit geleistet zu haben. Mitunter wird ein Zustand angeblicher früherer Einheitlichkeit in Kultur und Glaube idealisiert. Aber gerade Christen können die neuen Fragen, die selbstverständliche Sichtbarkeit kultischer Vollzüge  und die Einforderung öffentlichen Respekts für religiös motivierte Empfindungen und Werte, wie sie Muslime einbringen, auch begrüßen.
   (8) Dawa. Die Untersuchung von Expansionstypen illustriert einen möglicherweise überraschenden Befund: Islam verbreitete sich selten durch organisierte Verkündigung. Etwas der christlichen Mission Vergleichbares entsteht muslimischerseits erst im 20. Jahrhundert. Im Anschluss an Sure 16:125 («Rufe auf zum Wege deines Herrn») spricht man hierbei von dawa: «Aufruf, Einladung».

Überblick
a. Demographie des Islam.

   Die meisten Muslime der Welt (gut 60 %) leben in Asien und im Pazifikraum, aber weniger als ein Viertel der dortigen Einwohner ist islamischen Glaubens; im Nahen Osten und Nordafrika leben zwar nur 20 % der islamischen Weltbevölkerung, aber über 90 % der dort Lebenden sind Muslime. Die Staaten mit der größten muslimischen Bevölkerung sind: Indonesien (mit gut 202 Millionen Muslimen), Pakistan (gut 174 Millionen), Indien (160), Bangladesch (145), Ägypten (78), Nigeria (78), Iran (73), die Türkei (73), Algerien (34), Marokko (31), der Irak (30), der Sudan (30), Afghanistan (28), Äthiopien (28), Usbekistan (26), Saudi Arabien (24), der Jemen (23), China (21) sowie Syrien mit etwa 20 Millionen muslimischen Bewohnern.
b. Staatsformen.
   Als Islamischer Staat kann ein nationales Gemeinwesen gelten, wenn es den Islam zur Hauptgrundlage des politischen Gefüges erklärt. Das gilt derzeit für acht Länder, nämlich Afghanistan, Bahrain, Iran, den Jemen, Mauretanien, Oman, Pakistan und Saudi Arabien. Staatsreligion ist der Islam außerdem in Ägypten, Algerien, Bangladesch, dem Irak, Kuwait, Libyen, Malaysia, den Malediven, in Marokko, im Sudan, in Somalia/Somaliland und Tunesien sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dagegen erklären sich die folgenden mehrheitlich muslimischen Staaten für säkular - selbstverständlich mit unterschiedlichen Lesarten von Säkularität: Albanien, Aserbaidschan, Bosnien und Herzegowina, Burkina Faso, Dschibuti, Gambia, Guinea, Indonesien, Kasachstan, das Kosovo, Kirgisistan, Mali, Nordzypern, Senegal, Tadschikistan, der Tschad, Turkmenistan, die Türkei und Usbekistan.
c. Ideologien.
   Vier Schlagwörter, deren genauere Kenntnis zum Verständnis des gegenwärtigen Islam beitragen kann, brauchen eine Erklärung,
   (i) Islamismus. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verkünden einige muslimische Intellektuelle, das wirklich islamische Leben erfordere einen Umbruch: Den normbildenden Quellen des Islam müsse die Rolle zurückgegeben werden, die sie in der Anfangszeit des Islam gehabt hätten; sie müssten Regelungsgrundlage für alle Lebensbereiche werden, politisch wie gesellschaftlich.
   (ii) Salafismus. Viele Islamisten, also Muslime, die einen islamischen Staat propagieren, berufen sich hierfür auf das leuchtende Beispiel der «Vorväter» salaf. Nach Jahrhunderten einer angeblich unislamischen Existenzform müsse man, wolle der Islam wieder zu seinem alten Glanz aufsteigen, zurückkehren zum radikalen Islamgehorsam der frommen Altvorderen: der ersten muslimischen Generation. Diese Islaminterpretation ist erkennbar von einem Minderwertigkeitskomplex geprägt; islamische und westliche Welt werden nach ihren ideellen und vor allem materiellen Errungenschaften gemessen, der Islam steht als augenblicklicher Verlierer da, und die Lösung soll in einer längst fälligen Rückkehr zur Urform liegen. Allerdings ist, was hier als ursprüngliche islamische Lebensform projiziert wird, keine zutreffende Beschreibung des islamischen Anfangs, sondern ein modernes Konstrukt. Die ersten Muslime griffen sehr wohl vorhandene kulturelle Errungenschaften auf und ließen sie Fortbestehen, beispielsweise vorislamische Rechtsbräuche urf.     
   (iii) Wahhabismus. Als «Wahhabismus» bezeichnen Beobachter eine profilierte islamistisch-salafitische Bewe- gung,  die mit saudischer Infrastruktur eine rigorose Deutung von Koranversen und Hadithen als getreue, ja einzig mögliche Verwirklichung des Islam verbreiten will. Als Inspirator gilt der saudische Religionsgelehrte Muhammad ibn Abd al-Wahhab (gest. 1792). Die Stämme der arabischen Halbinsel wollte er mit seiner Doktrin zusammenführen. Sie wird heute in Saudi Arabien von Staats wegen durchgesetzt, was gravierende Einschränkungen von Menschenrechten mit sich bringt.
   (iv) Perennialismus. Ganz anders gelagert ist ein besonders bei westlich geprägten, teilweise durch Konversion muslimisch gewordenen Eliten anzutreffendes Denken. Ihm zufolge haben alle Religionen denselben Wesenskern. Unter der äußeren, ja veräußerlichten Schale der verschiedenen religiösen Traditionen liege ein Strang von spiritueller Gemeinsamkeit, der sich kontinuierlich - perennial - durch alle Religionen ziehe und wieder freigelegt werden müsse. Dem Islam kommt hier besonderes Gewicht zu. Denn ähnliche Denkmuster finden sich bereits im Koran, demzufolge alle Propheten dieselbe Botschaft überbracht haben vgl.2:41. Der Islam soll so eine Katalysator- Funktion für die Religionsvereinigung der Menschheit übernehmen. In hochrangigen Delegationen bei islamisch- christlichen Begegnungen finden sich meist auch Perennialisten als Befürworter einer kultivierten Verständigung und mit einer Neigung zur Einheitlichkeits-Erklärung der Religionen.
   Wohlgemerkt vertritt die Mehrheit der Muslime weltweit keine der vier hier aufgeführten Ideologien.

Einblick
Im Blick auf den Islam von heute kann eine Beleuchtung von drei geläufigen Vorurteilen hilfreich sein.
Vorurteil 1: «Islam ist fundamentalistisch.»

   Eine Auseinandersetzung hiermit muss auf drei Ebenen geschehen.
   (i) Klarheit. Fundamentalismus wird oft mit Militanz gleichgesetzt. Richtiger ist es, als fundamentalistisch jene Traditionsdeutungen zu bezeichnen, die sich einer kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart entziehen. Heutige Herausforderungen werden nicht verarbeitet, sondern zurückgewiesen im unmittelbaren Rückgriff auf einen Text oder einen angeblich normativen Urzustand der Gemeinschaft. So soll Eigenidentität, Lebensklarheit oder auch die korrekte Erfüllung des Gotteswillens abgesichert werden. Fundamentalistische Geschichtsvergessenheit und Verheutigungsverweigerung gibt es derzeit tatsächlich bei einer Reihe von islamischen Meinungsführern; der Sicherheit gewährende Text - ein Angebot, das der Koran selbst macht Sure 2:2 - eignet sich denn für fundamentalistische Rückgriffe auch gut. Jedoch ist die Wiederentdeckung des Schrifttextes und einer Urgemeinde als beruhigender Schutz vor heutigen Verwirrungen keine originär muslimische Leistung. Puritanische Identitätsversprechen gibt es inzwischen in jeder Weltreligion; christlicher Biblizismus stand hier oft Modell.
   (ii) Koran. Der Koran ist zwar selbst daran interessiert «Schrift» kitab zu bieten. Aber er propagiert keine geistlose Festgelegtheit. Denn er fordert zum Hinschauen 32:27 und Nachdenken auf 6:50 und will göttliche Verkündigung kontextbezogen bieten 20:113. Er legt die Gläubigen fest 5:3; aber er weiß um seine Deutbarkeit 3:7. So wandten die großen islamischen Gelehrten ihre normgebenden Quellen denn auch stets im Bewusstsein eines Unterschiedes zwischen Damals und Jetzt an. Dass diese große Auslegungstradition zugunsten eines Original- Islam über Bord geworfen werde müsse, ist selbst eine moderne Haltung, auch wenn sie vorgibt, die moderne Verunsicherung gerade beheben zu können.
   (iii) Gewalt. «Fundamentalistisch» muss nicht «gewaltbereit» bedeuten. Dennoch ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen Koran und Gewalt zu stellen. Es gibt Koranverse, die zur kriegerischen Auseinandersetzung aufrufen z.B. 2:191; das sollte aber nicht zu einem christlichen Entsetzen fuhren, das dem Islam die Friedfertigkeit absprechen will. Im Unterschied zum Neuen Testament beansprucht der Koran nicht, die Lebensform von Gottes endzeitlichem Friedensreich in die Geschichte hinein zu vermitteln. Nicht Gottes neue Gerechtigkeit will er anbrechen lassen, sondern den Gerechtigkeitssinn der Menschen bestätigen 3:110. Dass lebensgefährliche Feinde zu töten sind, wie der Koran anweist 4:89, gehört zu den Lebensordnungen, nach denen auch die meisten Menschen und Staaten leben, die sich christlich geprägt nennen. Die deutliche Mehrheit muslimischer Menschen strebt aber nicht nach Kampf, sondern nach einem friedlichen Leben; und gerade in den Westen auswandernde Muslime kommen häufig wegen ihrer Suche nach rechtsstaatlicher Sicherheit und einem Leben ohne Gewalt.
Vorurteil 2: «Der Koran darf nicht ausgelegt werden.»
  (i) Übersetzung. Schon die häufig geäußerte Behauptung, der Koran sei unübersetzbar, ist fragwürdig. Selbstverständlich kann keine Übersetzung alle Nuancen und Assoziationsfelder des Ausgangswortlautes wiedergeben. Das gilt für jeden Text, besonders aber für eine Schrift, die so andeutungsreich spricht wie der Koran. Dennoch ist auch muslimischerseits der Versuch keineswegs verboten, das im Koran arabisch Gesagte in einer anderen Sprache auszudrücken. Vielmehr gibt es Koranübersetzungen in über siebzig Sprachen. Auf Türkisch und Urdu etwa liegen sogar Dutzende verschiedener Versionen vor.
   (ii) Auslegung. Aber wenn der Text übersetzt werden darf, darf er dann auch gedeutet werden? Die Schrift spielt im Islam grundsätzlich eine andere Rolle als im Christentum, das sich von Anfang an kritisch gegen buchstäbliches Festlegen wendet und das zentrale Offenbarungsereignis in Christus erkennt. Muslime dagegen sehen als das große Gottesgeschenk, dass Gott Rechtleitung durch Wortverkündigung gibt. Aber die «Rezitation» qur'an braucht Interpretation. Das weiß der Koran auch selbst. Er braucht Deutung, weil er mehrdeutig, gleichnishaft spricht 29:43. Eine ganze Wissenschaftsdisziplin beschäftigt sich daher schon in den traditionellen Lehreinrichtungen des Islam mit der Koranauslegung in philologisch-historischer, juristisch-praktischer und philosophisch-theologischer Fragerichtung. Zu den klassischen Fächern innerhalb der Exegese tafsir gehören etwa die Kenntnis verschiedener Lesarten — «Textkritik» im technischen Sinne - und der Nachrichten über ursprüngliche Kontexte der einzelnen Koranstellen asbab an-nuzul. Im Koran nicht ausdrücklich Geregeltes soll mittels Analogieschluss aus den vorhandenen Anweisungen geklärt werden.
   (iii) Historische Kritik. Der Vorwurf, es fehle in der Koranauslegung an «historischer Kritik», wird gern erhoben. Was will man damit genau von den muslimischen Gesprächspartnern einfordern? Nicht die Bereitschaft, sich den weltdeutenden Gehalt seiner heiligen Schrift wegerklären zu lassen, kann man sinnvoller Weise verlangen; wohl aber die Bereitschaft, zum Beispiel Diebstahl heute nicht mehr durch Körperstrafe zu ahnden vgl. 5:38. Das findet muslimischerseits auch breite Zustimmung. In der Zeit, die im Westen «Mittelalter» heißt, war es den allermeisten Kadis selbstverständlich, keine Verstümmelungen zu verhängen; es ist eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts, wenn Staaten wie Saudi-Arabien, der Sudan, Iran und Somalia meinen, die göttliche Offenbarung verpflichte sie dazu. Die meisten Muslime weltweit sprechen sich dagegen aus. Der Koran droht ihnen zufolge mit harten Strafen, verpflichtet aber niemanden, sie auch zu verhängen. Seine Absicht sei, eine gute Rechtsordnung zu schaffen; die Strafregelungen seien lediglich Beispiele, keine Maßgaben. - Es ist also nicht die westliche historisch-kritische Methode, die islamische Gegenwartsprobleme lösen muss; vielmehr können Muslime moderne Rechtsstaatlichkeit im Blick auf die eigene klassische Auslegungspraxis als traditionsgemäß und korantreu erkennen.
Vorurteil 3: «Im Islam gibt es keine Theologie.»
   Es gibt islamischerseits eine früh ansetzende und nie abgebrochene Tradition, mit philosophischen Verfahren das als offenbart Anerkannte zu erschließen. Die islamische Theologiegeschichte ist dabei von begrifflicher Klarheit und von einer spannungsreichen Vielstimmigkeit gekennzeichnet sowie von der Bereitschaft, außerislamische Denkmuster aufzunehmen. Heute sind es vor allem staatliche Fakultäten, die durch den herausfordernden Austausch mit anderen Disziplinen, durch Gewährleistung einer verhältnismäßig großen wissenschaftlichen Freiheit, der Schaffung aufwendiger personeller, materieller und institutioneller Infrastrukturen sowie durch kollegiale interne Debatten islamisch-theologische Denkentwicklungen fördern. Hier sollen drei Einblicke gegeben werden.
a. Iran.
  Die persisch-schiitische Tradition konnte teilweise auch in den politischen Umbrüchen der vergangenen Jahrzehnte eine Denkfreude, Rezeptionsbereitschaft und Subtilität aufrechterhalten, die christliche Gesprächspartner oft überrascht. So arbeiten in Qom an der zahlenmäßig kleinen «Universität der Religionen und Konfessionen» Doktoranden hochspezialisiert in der religionsgeschichtlichen Forschung. Ein reges Übersetzungswesen macht Standardwerke der christlichen Theologie den persischsprachigen Leserinnen und Lesern zugänglich. So wurden etwa „Einführung in die systematische Theologie von Wolfhart Pannenberg, ja sogar der Katechismus der Katholischen Kirchevon muslimischen Wissenschaftlern übersetzt.
b.Indonesien.
   In der indonesischen Metropole Jakarta sowie in der zentraljavanischen Universitätsstadt Yogyakarta pulsiert der islamisch-theologische Diskurs. Beispielsweise die «Staatlichen Islamischen Universitäten» bieten den traditionellen Disziplinen der Religionsgelehrsamkeit ebenso Raum wie neuen Einrichtungen. In der polyethnischen, multi- kulturellen und vielsprachigen Tradition des interreligiösen Miteinanders Indonesiens plädieren einige Vordenker für einen Islam, der sich auf Englisch als «civic» charakterisiert: Ein Islam, der als Beheimatung und Ermutigung der muslimischen Bürger beiträgt zu einem Staatswesen, das selbst keiner bestimmten Religion den Vorzug gibt, sondern seine Vielfältigkeit als traditionell indonesische Eigenheit begrüßt; so etwa der in Ankara (Middle East Technical University) promovierte Universitätspräsident Komaruddin Hidayat, Jakarta. An der Staatlichen Islamischen Universität von Yogyakarta gibt es einen in Bamberg promovierten Theologen, der neue deutschsprachige und arabischsprachige Anregungen in die indonesische koranhermeneutische Diskussion einbringt (Sahiron Syamsuddin); an derselben Universität ist auch eine eigene Fakultät angesiedelt, deren indonesische Bezeichnung Dakwah lautet: das arabische Wort dawa, also «Aufruf (zum Islam)». Es handelt sich um eine Art missionswissenschaftlicher Fakultät, die sich vor allem an nominelle Muslime richtet und deren Glaubensleben mittels seelsorgerlicher, strukturbezogener und medialer Ausbildungsgänge vertiefen will. Sie ist untergliedert in die Abteilungen Kommunikation und Verkündigung des Islam; Islamische Menschenführung und Information; Islamische Gesellschaftsentwicklung; Missions-Management. Außerdem verfügt sie über ein Institut, das «sozialer Wohlstand» heißt, faktisch aber hauptsächlich Fertigkeiten für muslimische Notfall- und Krisenseelsorger vermittelt.
c. Türkei.
   1949 wird, kurz nach den 25-Jahr-Feiern der Türkischen Republik, an der Universität der modernen Hauptstadt Ankara eine erste islamisch-theologische Fakultät Ilahiyat Fakültesi errichtet. Die Einrichtung wird zum Vorbild für andere; heute bestehen mehr als zwei Dutzend muslimisch-theologische Fakultäten im Lande; auch einer Privat- Universität (Fatih, Istanbul) wurde im Jahre 2010 die Gründung einer islamisch-theologischen Fakultät gestattet. An den theologischen Fakultäten werden u.a. die Religionsbediensteten, etwa staatlich bestellte Imame, ausgebildet. Zum Studiengang gehören neben den klassischen Disziplinen auch Religionspsychologie, -pädagogik und -soziologie. In Ankara etwa brachte die Religionspädagogin Beyza Bilgin Ansätze aus dem deutschsprachigen Raum in ihr Schaffen ein und förderte eine Vernetzung ihres Schülerkreises mit europäisch-christlichen Kollegen. An internationalem Austausch besteht unter türkischen Theologen überhaupt Interesse. In der systematischen Theologie türkisch:kelam ist derzeit eine breite Rezeption angelsächsisch-analytischer Relgionsphilosophien zu verzeichnen. In Ankara wurde im Jahre 2009 ein englischsprachiger Studiengang eingerichtet,  zuvor schon ein Masterstudium für türkischstämmige Muslime, die im Ausland (etwa Deutschland oder Australien) aufgewachsen sind.
  Die türkischen Theologieprofessoren unterstehen nicht der Religionsbehörde, sondern dem Wissenschaftsrat YÖK; Dozierende und Studierende verstehen sich zwar fast durchweg als Muslime, und eine Nähe zur Glaubensgemeinschaft wird empfunden, ist aber keine Zulassungsbedingung. In Ankara war in den 1990er Jahren ein besonders innovationsfreudiger Wissenschaftlerkreis tätig, der sich in einer eigenen Zeitschrift zu Wort meldete: islamiyat. Aus dem Kreis sind inzwischen verschiedene eigenständige Denkrichtungen hervorgegangen. Der von Gadamer geprägte Mehmet Pacaci - jetzt an der Ankaraner Religionsbehörde tätig — etwa plädiert für eine Wiederentdeckung des klassischen Islam, insbesondere der osmanischen Rechtsprechungspraxis, als Vorbild für heutiges islamisch-türkisches Leben. Mehr von Paul Ricoeur angeregt, betont Omer Özsoy - jetzt Professor für islamische Religion in Frankfurt am Main — die Notwendigkeit einer historischen Verortung aller einzelnen Koranworte im Dialoggeschehen mit den Ersthörern. Eine historische Lesart des Koran, der dann als Gespräch mit seinem Verkündigungsumfeld zu verstehen ist, wird nicht nur von islamischer Seite vorgeschlagen. Auch nichtmuslimische Koranwissenschaftler versuchen den Koran heute als Interaktion aus einer Zeit der Religionsbegegnung zu lesen und so erneut zum Gegenstand einer interreligiösen Begegnung zu machen; so etwa die Wissenschaftler um Angelika Neuwirth, Berlin.

Ausblick
a. Universität.
   Durch seine Rückkehr nach Deutschland, wo er bereits einen Teil seines Studiums absolviert hatte (Heidelberg), wurde Omer Özsoy einer der Pioniere des derzeit entstehenden wissenschaftlich profilierten Islam in Europa. Im deutschsprachigen Raum gab es seit über 100 Jahren eine philologisch-religionsgeschichtlich ansetzende Islamwissenschaft. Da sie von einer kolonialen Agenda einigermaßen freigehalten werden konnte, erfreut sie sich auch bei Muslimen eines guten Rufes. Özsoy selbst hatte etwa Koranforschungen des Semitisten Rudi Paret ins Türkische übersetzt. Neben dieser bestehenden Islamwissenschaft soll nun aber in Deutschland eine islamische Theologie entstehen, durch die etwa zukünftige Imame ausgebildet werden können; die Wissenschaft ist damit auf das Vertrauen der islamischen Gemeinden angewiesen. Dafür bietet die in Deutschland und Osterreich bestehende Rechtslage einen besonders interessanten Rahmen. Denn hier kann Theologie im interdisziplinären Gespräch und mit den professionellen Standards staatlicher Universitäten betrieben werden; den Bekenntnis-Körperschaften aber ist die Möglichkeit einer Mitgestaltung der Glaubensreflexion   - im Blick auf spätere Übernahme von Diensten innerhalb der Religionsgemeinschaft - gewährt. Beim Islam ist zwar die Frage schwieriger als im Falle der Kirchen zu beantworten, wer staatlicher Ansprechpartner in Vertretung einer Religionsgemeinschaft sein kann; aber sowohl muslimische Bedenken gegen eine Verkirchlichung des Islam als auch öffentliche Sorgen um eine wirkungslose, weil von den Gläubigen abgelehnte islamische Universitätstheologie zerstreuen sich mög- licherweise durch einen Gesprächsprozess wie die «Deutsche Islamkonferenz». In diesem Sinne wurden jüngst an sechs deutschen Universitäten Institute für islamische Studien eröffnet, nämlich in Erlangen, Frankfurt, Gießen, Münster, Osnabrück und Tübingen. Da zahlreiche der dort Lehrenden eine überzeugte und überzeugende muslimische Theologie treiben, sind die Auswirkungen dieser Entwicklung vielversprechend. Im Gespräch mit Islamwissenschaftlern, mit christlichen und jüdischen Theologen sowie anderen Kollegen kann die islamische Theologie an europäischen Universitäten Muslimen vor Ort ihren eigenen Glauben zugleich getreu und europäisch erschließen. Sowohl für die Effizienz als auch für die Akzeptanz, Seriosität und Interaktivität der wachsenden islamisch-theologischen Präsenz an Universitäten Europas ist es dabei wichtig, dass die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im internationalen Austausch bleiben, etwa mit Islamgelehrten des Nahen Ostens.

b. Bewegungen.
   Islamisches Leben ist in verschiedenen Weltgegenden auch zivilgesellschaftlich unterschiedlich organisiert. In Indonesien zählen sich knapp 30 Millionen Muslime zu der 1912 gegründeten Organisation «Muhammadiyah». Sie ist von modernisierenden Gedanken inspiriert, wie sie damals besonders der Ägypter Muhammad Abduh mit seiner geradezu protestantischen Abkehr von volksreligiösen Traditionen vertrat. 1926 gruppierten sich jene javanischen Muslime, die auch koranisch nicht abgedeckte Traditionen bewusst bejahten, zu einer Antwortbewegung auf die Muhammadiyah, und zwar unter dem Namen «Aufleben der Religionsgelehrten»: Nahdlatul Ulama. Sie hat geschätzte 30 Millionen Mitglieder.
- Regelrecht als politische Partei organisiert sind die ikhwan al-muslimun in Ägypten: die Muslimbrüder. Ihre Gründungsjahre (ab 1928) sind von antijüdischen, militanten, simplizistischen und islamistischen Parolen überfärbt. Man propagierte einen Schariastaat und wollte ihn mit Gewalt errichten. Die jüngste Generation der Bewegung, die inzwischen über eine Million Mitglieder zählt, bejaht und fördert allerdings Demokratie und eine pluralistische Gesellschaftsform. In den Umbrüchen des «arabischen Frühlings» 2011 hielten die Muslimbrüder sich zurück oder beteiligten sich konstruktiv an den Demonstrationen.
- Ausdrücklich gesprächsbereit und an freundschaftlicher Verständigung gerade mit Christen interessiert stellt sich die Bewegung Fethullah Gülens dar. Der 1941 geborene türkische Imam lebt in den USA und steht für einen spirituell ansprechenden Islam. Die dezentral agierende Bewegung trägt ein weltweites Netzwerk gut geführter Schulen, eine der ausgewogensten türkischen Tageszeitungen sowie angesehene Universitäten (Fatih, Istanbul). Der Zugriff auf die eigene Tradition ist dabei eher emotional als reflektiert, so dass sich in derselben Gruppierung Hoffnungen auf eine entsäkularisierte Türkei genauso wiederfinden können wie eine schlicht dienstbereite Menschen- freundlichkeit.

c. Dialog.
   Die von der katholischen Kirche mit der Erklärung Nostra Aetate (1965) erstmals ausgesandten Signale zu Gespräch, Aussöhnung und Verständigung wurden muslimischerseits vielerorts produktiv aufgenommen. Johannes Paul II. siehe den folgenden Artikel setzte die Konzilsworte in Gesten des Wohlwollens um, die bei vielen Muslimen auch als Freundschaftszeichen ankamen. Andersgläubige erfahren sich nun gegenseitig als andere Gläubige. Muslime und Christen entdecken, oft staunend, den Glaubensernst des andern als Anstoß zur Vertiefung des eigenen Denkens und geistlichen Lebens sowie zum Dienst der Versöhnung. Unter Benedikt XVI. war erst nicht klar, ob die hier ermöglichten dialogischen Beziehungen etwa abgebrochen werden sollten. So wollten nicht wenige seine Vorlesung von Regensburg (2006) verstehen. Tatsächlich zeigt sich aber inzwischen, dass Benedikt im interreligiösen Gespräch lediglich den nächsten notwendigen Schritt gehen will. Von der grundsätzlichen Wahrnehmung der Muslime als andere Gläubige über ein unbeschwertes Kennenlernen hin zum sachlich reflektierenden, auch die Probleme benennenden Fachgespräch, das auf Versöhnung und gemeinsame Weltgestaltung ausgerichtet ist.  Als Themen zeichnen sich hierfür derzeit vor allem folgende Fragebereiche ab.
(i) Staat.
  Kann man als gläubiger Mensch Religionsfreiheit, Säkularität des Staates, eine pluralistische Gesellschaft bejahen? Christen haben sich hier jahrhundertelang schwergetan, können aber im Blick auf den Anfang der Kirche ein Christentum befürworten, das nicht mittels Zwang, sondern über das kirchliche Zeugnis die Welt gestalten will. Besonders nach den Umbrüchen in einigen mehrheitlich islamischen Ländern kommt dem christlich-islamischen Gespräch eine neue Rolle zu. Die katholische Soziallehre bietet politische und gesellschaftliche Modelle, die nicht nur Christen bejahen können. Aber lässt sich eine plurale Gesellschaft mit islamischen Argumenten bejahen? Muslime können immerhin darauf verweisen, dass der Koran selbst eine Religionsfreiheit der Menschen voraussetzt. Er ruft ja zur Bekehrung auf; folglich müssen die Angesprochenen auch die Freiheit haben, sich tatsächlich zu bekehren (so der Tunesier Muhammad Talbi, geb. 1921).
(ii) Prophet.
   Derzeit wird des Öfteren gefordert, eine angeblich schändliche Lücke müsse endlich gefüllt werden, die das II. Vatikanische Konzil vor den Muslimen hinterlassen habe. Denn dort ist zwar von Gott und der islamischen Frömmigkeit die Rede, Muhammad aber wird nicht erwähnt. Die Kirche solle nun Stellung zu ihm beziehen. Solche Forderungen sind allerdings leichtfertig. Muslime erwarten nämlich häufig, dass Christen Muhammad als Prophet anerkennen, da der Islam ja auch Jesus als Prophet sieht. Dabei wird übergangen, dass der koranische Jesus nicht der Anbruch von Gottes Erfüllungszeit - das Reich Gottes in Person - ist, sondern ein Verkünder des Eingottglaubens wie vor und nach ihm viele andere auch; einen so gleichgeschalteten Jesus anzuerkennen ist faktisch nur eine Bestätigung des koranischen Gesamtimpulses. Umgekehrt wäre aber eine Anerkennung Muhammads als Prophet christlich-theologisch unehrlich. Man müsste dann ja auch die Wahrheit des von ihm Überbrachten anerkennen. So aber könnte man nicht mehr Jesus als Gottessohn bekennen, weil der Koran sich dagegen ausspricht vgl. Sure 9:30. Aus christlicher Sicht tut Muhammad nicht das, was man von einem Propheten erwarten darf: auf eine Christusbegegnung vorbereiten.
   - Muslime können enttäuscht auf diese Ablehnung reagieren; es muss aber stets klar sein, dass Christen ernsthaft dazu aufgerufen sind, die Hochachtung, die die Kirche den Muslimen gegenüber empfindet, erneut zum Ausdruck zu bringen; und dass über grundsätzliche Glaubensfragen keine schnelle Einigkeit erzielt werden kann, wird jeder gläubige Beteiligte gern zugeben. Ein kirchliches Muhammad-Dekret ist also nicht zu erwarten.
(iii) Ratio.
   Ein schon seit vielen Generationen behandeltes und nach der Regensburger Vorlesung erneut in den Mittelpunkt gerücktes Dialogthema ist schließlich die Vernunft. Ist der Islam die natürliche, vernunftgemäße Religion, oder ist er eine willkürliche Unterwerfung, die keine Einsicht gewähren darf? Beide Zuordnungen wurden vertreten, und beide beinhalten ähnliche Gefahren. Wird eine Religion als das nachweislich Vernünftige propagiert, kann sie beanspruchen, alle alternativen Erkenntnisquellen, Weltdeutungen und Lebensformen gegen deren Willen ersetzen zu müssen. Sieht eine Religion sich dagegen als verstandesmäßig nicht zugänglich, wird sie sich kaum für Kultur- und Persönlichkeitsbildung einsetzen; sie beansprucht dann eine unüberprüfbare Autorität und ist extrem missbrauchbar. Rationalistische, fideistische, göttlich-voluntaristische Positionen finden sich in der islamischen Theologiegeschichte ebenso wie in der christlichen. Der Koran ermutigt seine Hörer zum Nachdenken, fordert aber zugleich Glauben ein z.B. 59:2; seine Botschaft ist nicht so sehr ein Verweis auf Heilsgeschichte mit ihrem Auf und Ab, als der Versuch, eine ursprüngliche, natürliche Klarheit wiederherzustellen mittels einer Geschichtsdeutung nach dem Muster der Wiederholung von Ereignistypen z.B. 7:59 und durch festgelegte Begriffe z.B. 10:68; die islamische Reflexionsgeschichte war stets vielstimmig und stand oft im produktiven Gespräch mit zeitgenössischen Philosophien; sowohl die klassischen als auch die heutigen Vordenker vertreten zwischen reiner Rationalität und gedankenloser Unterwerfung mehrheitlich vermittelnde Ansichten. Der Islam kann daher als eine vernunftbejahende Religion gelten.
   So bietet der Islam, so bieten die weit über eine Milliarde zählenden Muslime heute für das Christentum eine neue Möglichkeit des Zeugnisses. Benedikt XVI. sprach in London (September 2010) von interreligiöser Begegnung als zweifacher Bewegung: side by side und face to face. Denn mit anderen Gläubigen zusammen können Christen ihre Gesellschaften heute an die Fragen Gottes und des Glaubenslebens erinnern; aber die Andersgläubigen können auch einander die Schätze ihrer je eigenen Tradition zeigen und erschließen.
Felix Körner SJ, Professor an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Leiter des Istituto di Studi Interdisciplinari su Religioni e Culture und Dekan der Missionswissenschaftlichen. IKaZ 40,400-413

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Ansprache von Papst Johannes Paul II. in Casablanca (Marokko) im Stadion Mohammed V. vor 80.000 Jugendlichen:  am 19. August 1985 Fotos: Papst Johannes Paul II. und König Hassan II.

Liebe Jugendliche!
   1. Ich danke und rühme Gott, der erlaubt hat, daß ich heute mit euch zusammen bin. Seine Majestät, der König, hat mir vor einigen Jahren in Rom die Ehre seines Besuches erwiesen, und er hat die Liebenswürdigkeit besessen, mich einzuladen, euer Land zu besuchen und euch zu treffen. Ich habe die Einladung des Souveräns dieses Landes mit Freude angenommen, in diesem Jahr der Jugend zu kommen, um zu euch zu sprechen.
Ich treffe häufig Jugendliche, im allgemeinen Katholiken. Es ist das erste Mal, dass ich mit jungen Muslimen zusammentreffe.
   Wir haben als Christen und Muslime viele Dinge gemeinsam, als Gläubige und als Menschen. Wir leben in derselben Welt, die durch viele Zeichen der Hoffnung, aber auch der Angst gekennzeichnet ist. Abraham ist eben für uns ein solches Vorbild des Glaubens an Gott, der Ergebenheit gegenüber Seinem Willen und des Vertrauens auf Seine Güte. Wir glauben an denselben Gott, an den einzigen Gott, an den lebendigen Gott, an den Gott, der die Welten schafft und Seine Geschöpfe zu ihrer Vollendung führt.
   Es ist also Gott, auf Den sich mein Denken bezieht und zu Dem sich mein Herz erhebt: von Gott selbst möchte ich vor allem zu euch sprechen; von Ihm, weil Er es ist, an Den wir glauben, ihr Muslime und wir Katholiken, und ich möchte zu euch auch über menschliche Werte sprechen, die ihr Fundament in Gott haben, die Werte, welche die Entfaltung unserer Personen betreffen, aber auch die unserer Familien und unserer Gesellschaften wie auch die der Internationalen Gemeinschaft. Ist das Gottesgeheimnis nicht die höchste Wirklichkeit, von welcher der Sinn selbst abhängt, den der Mensch seinem Leben gibt? Ist es nicht das erste Problem, das sich einem Jugendlichen stellt, wenn er über das Mysterium seiner eigenen Existenz und über die Werte nachdenkt, die er auszuwählen beabsichtigt, um seine heranreifende Persönlichkeit zu formen?
   Meinerseits trage ich in der Katholischen Kirche das Amt des Nachfolgers Petri, des Apostels, den Jesus erwählt hat, um seine Brüder im Glauben zu stärken. Nach den Päpsten, welche einander durch die Geschichte hindurch ohne Unterbrechung gefolgt sind, bin ich heute der Bischof von Rom, dazu berufen, unter seinen Brüdern in der Welt der Zeuge des Glaubens  und der Garant der Einheit aller Glieder der Kirche zu sein.
   So komme ich zu euch heute auch als Glaubender. Ich möchte hier ganz einfach ein Zeugnis davon geben von dem, was ich glaube, von dem, was ich für das Wohl meiner Menschenbrüder wünsche, von dem, was ich aus Erfahrung für alle als nützlich ansehe.
   2. Zuallererst rufe ich den Höchsten an, den allmächtigen Gott an, der unser Schöpfer ist. Er ist der Ursprung jeglichen Lebens, so wie Er die Quelle all dessen ist, was gut, was schön und was heilig ist.
   Er hat das Licht von der Dunkelheit geschieden. Er hat das ganze Universum nach einer wunderbaren Ordnung wachsen lassen. Er hat gewollt, daß die Pflanzen gedeihen und ihre Früchte tragen, so wie er gewollt hat, dass sich die Vögel des Himmels, das Vieh auf dem Lande und die Fische des Meeres vermehren.
   Er hat uns geschaffen, uns Menschen, und wir sind Sein. Sein heiliges Gesetz leitet unser Leben. Es ist das Licht Gottes, welches unser Schicksal lenkt und unser Gewissen erleuchtet. Er macht uns fähig, zu lieben und das Leben weiterzugeben. Er verlangt von allen Menschen, jedes menschliche Wesen zu respektieren und es als einen Freund, einen Gefährten und als Bruder zu lieben. Er fordert auf, ihm zu Hilfe zu kommen, wenn es verletzt ist, wenn es verlassen ist, wenn es Hunger und Durst hat, kurz gesagt: wenn es nicht mehr weiß, wo sein Weg auf den Straßen des Lebens zu finden ist.
   Ja, Gott verlangt, dass wir Seine Stimme hören. Er erwartet von uns den Gehorsam gegenüber Seinem heiligen Willen in freier Zustimmung des Verstandes und des Herzens.
   Deshalb sind wir vor Ihm verantwortlich. Er ist es, Gott, der unser Richter ist, Er alleine ist wirklich gerecht. Trotzdem wissen wir, daß Seine Barmherzigkeit nicht von Seiner Gerechtigkeit getrennt werden kann. Wenn der Mensch zu Ihm reumütig und zerknirscht zurückkehrt, nachdem er sich durch die Abwege der Sünde und durch die Werke des Todes entfernt hatte, offenbart sich Gott somit als Der, welcher verzeiht und Barmherzigkeit übt.
   Ihm gebühren also unsere Liebe und unsere Anbetung. Für Seine Wohltaten und Seine Barmherzigkeit danken wir Ihm zu allen Zeiten und an allen Orten.
   3. Müssten nicht die Gläubigen in einer Welt, die sich nach der Einheit und nach dem Frieden sehnt und die trotzdem tausend Spannungen und Konflikte erfährt, die Freundschaft und die Zusammenführung der Menschen und der Völker, die auf Erden eine einzige Gemeinschaft bilden, fördern? Wir wissen, dass sie denselben Ursprung und dasselbe Endziel haben: den Gott, der sie geschaffen hat und der sie erwartet, weil Er sie zusammenführen wird.
   Die Katholische Kirche ist ihrerseits seit 20 Jahren, seit dem Zweiten Vatikanischen, durch die Gestalt ihrer Bischöfe, das heißt durch ihre religiösen Oberhäupter, engagiert, die Zusammenarbeit unter den Gläubigen anzustreben. Sie hat ein Dokument über den Dialog zwischen den Religionen veröffentlicht Nostra Aetate. Es bekräftigt, dass sich alle Menschen, besonders die Menschen lebendigen Glaubens, respektieren, jede Diskriminierung über- winden, zusammenleben und der allumfassenden Brüderlichkeit dienen sollen vgl. Nostra Aetate, Nr.5. Die Kirche erweist den muslimischen Gläubigen eine besondere Aufmerksamkeit, denen ihr Glaube an den alleinigen Gott, ihr Empfinden für das Gebet und ihre Wertschätzung für die sittliche Lebenshaltung gegeben ist vgl. Nostra Aetate,Nr.3. Sie ersehnt, «gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.» Nostra Aetate, Nr.3
   4. Der Dialog zwischen Christen und Muslimen ist heute notwendiger denn je. Dieser ist die Konsequenz unserer Treue gegenüber Gott und setzt voraus, dass wir Gott durch den Glauben erkennen und Ihn durch das Wort und durch die Tat in einer immer säkularisierteren und manchmal sogar atheistischen Welt bezeugen können. Die Jugend kann eine bessere Zukunft aufbauen, wenn sie zuerst auf ihren Glauben an Gott setzt und sich dazu verpflichtet, diese neue Welt nach dem Plan Gottes zu errichten, mit Weisheit und Zuversicht.
   Gott ist die Quelle aller Freude. Deshalb müssen wir auch unsere auf Gott bezogene Kultur bezeugen, unsere Anbetung, unser Beten im Lobpreis und im Bitten. Der Mensch kann genau sowenig ohne Gebet leben wie er auch ohne zu atmen nicht leben kann. Wir sollen von unserer demütigen Erforschung Seines Willens Zeugnis geben; Er ist es, der unser Engagement für eine gerechtere und geeintere Welt inspirieren muss. Die Wege Gottes sind nicht immer unsere Wege. Sie übersteigen unsere Handlungen, die immer unvollständig sind, und die Absichten unseres Herzens, die immer unvollkommen sind. Gott kann nie zu unseren Zwecken benutzt werden, weil Er über allem ist.
   Dieses Zeugnis des Glaubens, das für uns lebensnotwendig ist und das weder Untreue gegenüber Gott noch Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit erleiden darf, geschehe  im Respekt vor den anderen religiösen Traditionen, denn jeder Mensch erwartet, dass er als der geachtet werde, welcher er tatsächlich ist, und als der, welcher nach seinem Gewissen gläubig ist. Wir ersehnen, dass alle zur Fülle der göttlichen Wahrheit gelangen, aber alle können dies nur durch die freie Zustimmung ihres Gewissens erreichen, in der Sicherheit gegenüber äußeren Zwängen, welche die freie Würdigung von Seiten des Verstandes und des Herzens nicht ernstnehmen, was jedoch die Würde des Menschen charakterisiert. Darin liegt der authentische Sinn der Religionsfreiheit, die Gott und den Menschen gleichzeitig respektiert. Von solchen Anbetern erwartet Gott den aufrichtigen Kult, von Anbetern im Geist und in der Wahrheit.
  5. Unsere Überzeugung besteht darin, dass «wir Gott, den Vater aller, nicht anrufen können, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern» Erklärung Nostra Aetate, Nr.5.
   Es ist daher nötig, dass wir jedes menschliche Wesen respektieren, lieben und unterstützen, weil es ein Geschöpf Gottes ist und in einem gewissen Sinn Sein Bild und Sein Vertreter ist, weil dies der Weg ist, der zu Gott führt, und weil es sich nur voll verwirklicht, wenn es Gott kennenlernt, wenn es Ihn mit seinem ganzen Herzen annimmt und wenn es Ihm folgt bis hin auf den Wegen der Vollkommenheit.
   Dieser Gehorsam gegenüber Gott und diese Liebe für den Menschen müssen uns auch dazu führen, die Rechte des Menschen zu respektieren, die Rechte, welche der Ausdruck des Willens Gottes und das Erfordernis der menschlichen Natur sind, so wie sie Gott geschaffen hat.
   Der Respekt und der Dialog verlangen also die Gegenseitigkeit in allen Bereichen, vor allem was die grund- legenden Freiheiten und noch spezifischer die religiöse Würde betrifft. Sie fördern den Frieden und die Verstän- digung zwischen den Völkern. Sie helfen, die Probleme der Männer und Frauen von heute gemeinsam zu lösen, besonders jene der Jugendlichen.
   6. Normalerweise schauen die Jugendlichen nach der Zukunft aus, sie streben nach einer gerechteren und menschlicheren Welt.  Gott  hat  die  jungen  Menschen  auch präzise dazu geschaffen, damit sie beitragen, die Welt nach Seinem Lebensplan zu verändern. Aber auch ihnen erscheint die Situation oft mit ihren Schattenseiten.
   In dieser Welt bestehen Abgrenzungen und Spaltungen unter den Menschen sowie Unverständnis zwischen den Generationen; gleichzeitig gibt es auch Rassismus, Kriege und Ungerechtigkeiten  wie es auch den Hunger, die Verschwendung und die Arbeitslosigkeit gibt. Darin liegen dramatische Übel, die uns alle betreffen, und ganz besonders die Jugendlichen der ganzen Welt.  Manche laufen Gefahr, den Mut zu verlieren, andere wiederum, dass sie resignieren, und wieder andere,  dass sie alles mit der Gewalt oder mit extremistischen Lösungen ändern wollen. Die Weisheit lehrt uns aber, dass die Selbstdisziplin und die Liebe die einzigen Hebel des gewünschten Aufbruches sind.
   Gott will nicht, dass die Menschen passiv bleiben. Er hat ihnen die Erde anvertraut, damit sie diese regieren, bebauen und gemeinsam fruchtbar machen. Ihr seid verantwortlich für die Welt von morgen. Indem Ihr eure Verantwortlichkeiten vollständig und mit Mut übernehmt, könnt ihr die gegenwärtigen Schwierigkeiten überwinden. Es kommt also euch zu, Initiativen zu ergreifen und nicht alles von den Älteren und von den Amtsträgern zu erwarten. Ihr müsst die Welt aufbauen und sie nicht nur erträumen.
   Durch gemeinsames Arbeiten kann man effektiv sein. Die richtig verstandene Arbeit ist ein Dienst an den anderen. Sie schafft solidarische Verbundenheit. Die Erfahrung der gemeinsamen Arbeit erlaubt es, sich selbst zu läutern und die Qualitäten der anderen zu entdecken. So kann Schritt für Schritt ein Klima des Vertrauens entstehen, das es jedem erlaubt, heranzureifen, sich zu entfalten und «mehr zu sein». Unterlasst es nicht, liebe Jugendliche, mit den Erwachsenen zusammenzuarbeiten, besonders mit euren Eltern und euren Lehrern genauso wie mit den Spitzen der Gesellschaft und des Staates. Die Jugendlichen dürfen sich nicht von den anderen abschotten. Die Jugendlichen brauchen die Erwachsenen so wie die Erwachsenen die Jugendlichen brauchen.
   Bei dieser gesamten Arbeit darf die menschliche Person, ob Mann oder Frau, nie herabgesetzt werden. Jede Person ist in den Augen Gottes einzigartig und unersetzlich bei dieser Entwicklungsarbeit. Jeder muss anerkannt werden als der, welcher er ist, und folglich als solcher respektiert werden. Keiner darf seinen Mitmenschen benutzen; keiner darf seinesgleichen ausbeuten, keiner darf seinen Bruder verachten.
   Unter diesen Bedingungen wird eine menschlichere, gerechtere und brüderlichere Welt entstehen können, wo jeder seinen Platz in der Würde und in der Freiheit finden können wird. Das ist die Welt des 21. Jahrhunderts, die in euren Händen liegt; sie wird so werden, wie ihr sie gestalten werdet.
   7. Diese künftige Welt hängt von den Jugendlichen aller Länder der Erde ab. Unsere Welt ist geteilt und sogar in Aufruhr; sie erfährt mannigfaltige Konflikte und schwerwiegende Ungerechtigkeiten. Es gibt keine wirkliche Solidarität zwischen Nord und Süd; es gibt zu wenig gegenseitige Unterstützung zwischen den Nationen des Südens. In der Welt bestehen Kulturen und Völker, die nicht respektiert werden.
   Warum ist das alles so? Weil die Menschen ihre Unterschiede nicht akzeptieren: sie kennen sich zu wenig. Sie lehnen diejenigen ab, die nicht dieselbe Zivilisation haben. Sie verweigern sich gegenseitiger Unterstützung. Sie sind nicht fähig, sich vom Egoismus und von der Selbstgefälligkeit zu befreien.
   Nun aber hat Gott alle Menschen betreffend ihre Würde ebenbürtig erschaffen, aber betreffend ihre Begabungen und Talente verschiedenartig. Die Menschheit ist ein Ganzes, worin jede Gruppe ihre Rolle zu spielen hat; sie muss die Werte der verschiedenen Völker und der verschiedenen Kulturen anerkennen. Die Welt ist wie ein lebendiger Organismus; jeder soll etwas von den anderen empfangen und ihnen etwas geben.
   Ich bin froh, mit euch hier in Marokko zusammenzutreffen. Marokko besitzt eine Tradition an Offenheit; eure Gelehrten sind gereist, und ihr habt Gelehrte anderer Länder aufgenommen. Marokko ist ein Begegnungsort der Zivilisationen gewesen: es hat den Austausch mit dem Orient, mit Spanien und mit Afrika ermöglicht. Marokko hat eine Tradition der Toleranz: in diesem islamischen Land hat es immer Juden und fast immer Christen gegeben; dies wurde in Respekt und auf eine positive Weise gelebt. Ihr wart und bleibt weiterhin ein gastfreundliches Land. Ihr jungen Marokkaner seid also darauf vorbereitet, Bürger der Welt von morgen zu werden, dieser brüderlichen Welt, die ihr mit den Jugendlichen der ganzen Welt anstrebt.
   Ich bin sicher, dass all ihr Jugendlichen zu diesem Dialog fähig seid. Ihr wollt euch nicht von Vorurteilen beein- flussen lassen. Ihr seid bereit, eine Zivilisation aufzubauen, die auf der Liebe basiert. Ihr könnt daran arbeiten, dass die Barrieren fallen, die teils durch den Hochmut, häufiger durch die Charakterlosigkeit und die Furcht der Menschen bedingt sind. Ihr wollt die anderen lieben, ohne jede Einschränkung, sei es durch Zugehörigkeit zu einer Nation, zu einem Volk oder zu einer Religion.
   Deshalb wünscht ihr die Gerechtigkeit und den Frieden. «Frieden und Jugend zusammen unterwegs», wie ich es ich in meiner Botschaft zum diesjährigen Weltfriedenstag gesagt habe. Ihr wollt weder den Krieg noch die Gewalt. Ihr kennt den Preis, welchen die Unschuldigen dafür zahlen müssen. Ihr wollt auch keinen Rüstungswettlauf. Das will nicht heißen, dass ihr den Frieden um jeden Preis wünscht. Der Frieden geht Hand in Hand mit der Gerechtigkeit. Ihr wünscht niemandem die Unterdrückung. Ihr ersehnt den Frieden in der Gerechtigkeit.
   8. Zuerst wollt ihr, dass die Menschen etwas haben, wovon sie leben können. Die jungen Menschen, die die Chance haben, ihre Studien fortzusetzen, haben das Recht, auf den Beruf ausgerichtet zu bleiben, damit sie ihn zu ihrem Lebensunterhalt ausüben können. Aber sie sollen sich auch mit den oft sehr schwierigen Lebensbedingungen ihrer Brüder und Schwestern beschäftigen, die im selben Land und sogar auf der ganzen Welt leben. Wie kann man tatsächlich gleichgültig bleiben, wenn andere Menschen in großer Zahl an Hunger, an Unterernährung oder in Ermangelung ärztlicher Hilfe sterben, wenn sie grausam unter der Dürre leiden, wenn sie von den sie übermannenden wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten in die Arbeitslosigkeit oder Auswanderung gedrängt werden, wenn man um die prekäre Lage der Flüchtlinge weiß, die infolge der Konflikte zwischen den Menschen in Lagern zusammengepfercht sind? Gott hat die Erde dem ganzen Menschengeschlecht anvertraut, damit die Menschen aus ihr in der Solidarität ihren Lebensunterhalt gewinnen und damit jedes Volk die Mittel habe, sich zu ernähren, gesundheitlich vorzusorgen und im Frieden zu leben.
   9. Aber so wichtig auch die ökonomischen Probleme sein mögen, der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein, er braucht einen intellektuellen und geistlichen Weg; hier befindet sich die Seele dieser neuen Welt, die ihr anstrebt. Der Mensch bedarf der Entwicklung seines Geistes und seines Gewissens. Das ist es oft, was dem Menschen von heute fehlt. Die Wertevergessenheit und die Identitätskrise, die unsere Welt durchziehen, verpflichten uns zu einer Überwindung und zu einer erneuerten Anstrengung des Erforschens und des Sich-Fragens. Das innere Licht, das auch in unserem Gewissen erwächst, wird es erlauben, der Entwicklung Richtung zu geben, sie auf das Wohl des Menschen hin auszurichten, des ganzen Menschen und aller Menschen, gemäß dem Plan Gottes.
   Die Araber des Machrek und des Maghreb und - allgemeiner gesprochen - die Muslime haben eine lange Tradition des Studiums und der Weisheit: literarisch, wissenschaftlich, philosophisch. Ihr sei die Erben dieser Tradition, ihr müsst studieren, damit ihr lernt, diese Welt, die Gott uns anvertraut hat, zu kennen, sie zu verstehen, ihren Zweck zu entdecken, mit der Ausrichtung auf und dem Respekt für die Wahrheit, und damit ihr lernt, die Völker und die von Gott geschaffenen und geliebten Menschen zu kennen, damit ihr euch vorbereitet, ihnen besser zu dienen. Schöner noch, wird euch die Erforschung der Wahrheit über die intellektuellen Werte hinaus bis zur geistlichen Dimension des inneren Lebens führen.
   10. Der Mensch ist ein geistliches Wesen. Wir Gläubige wissen, dass wir nicht in einer geschlossenen Welt leben. Wir glauben an Gott. Wir sind Anbeter Gottes.  Wir forschen nach Gott. Die Katholische Kirche blickt mit Respekt und Anerkennung auf die Würde eurer religiösen Praxis und auf den Reichtum eurer geistlichen Tradition. Auch wir Christen sind vom Wert unserer religiösen Tradition überzeugt.
   Ich glaube, dass wir, Christen und Muslime, die religiösen Werte, die wir gemeinsam haben, mit Freude anerkennen und Gott dafür danken sollen. Wir glauben beide an einen Gott, an den einzigen Gott, der ganz Gerechtigkeit und ganz Barmherzigkeit ist; wir glauben an die Bedeutung des Gebets, des Fastens und des Almosens, der Buße und der Vergebung; wir glauben, dass uns Gott am Ende der Zeiten ein gnädiger Richter sein werde, und wir hoffen darauf, dass Er mit uns zufrieden sein werde, und wir wissen, dass wir mit Ihm die Erfüllung haben werden.
   Die Redlichkeit gebietet auch, dass wir unsere Differenzen anerkennen und respektieren. Die grundlegendste ist klarerweise die Sichtweise, die wir der Person und dem Werk des Jesus von Nazareth entgegenbringen. Ihr wisst, dass für die Christen dieser Jesus dieselben in eine innerste Kenntnis des Geheimnisses Gottes und in eine kindliche Gemeinschaft mit Seinen Gaben eintreten lässt, sodass sie Ihn als göttlichen Herrn und Erlöser anerkennen und verkünden. Darin liegen wichtige Unterschiede, die wir in der gegenseitigen Toleranz mit Demut und Respekt akzeptieren dürfen; darin liegt ein Mysterium, worüber uns Gott eines Tages Erleuchtung geben wird, wovon ich überzeugt bin.
   Als Christen und Muslime haben wir uns im allgemeinen schlecht verstanden, und in der Vergangenheit haben wir uns manchmal gegeneinander gestellt und uns sogar in Auseinandersetzungen und Kriegen verausgabt. Ich meine, dass uns Gott heute einlädt, unsere alten Gewohnheiten zu ändern. Wir sollten uns respektieren und uns auch gegenseitig auf dem Weg Gottes in den guten Werken anspornen.
   Mit mir seid ihr euch bewusst, was der Wert geistlicher Reichtümer ist. Die Ideologien und die Slogans können uns weder zufrieden stellen noch die Probleme eures Lebens lösen. Nur die spirituellen und moralischen Werte können dies erbringen, und sie haben Gott zum Fundament. Liebe Jugendliche!  Ich wünsche Euch, dass ihr beitragen könnt, in dieser Weise eine Welt aufzubauen, in der Gott den ersten Platz hat, um dem Menschen zu helfen und ihn zu retten. Seid auf diesem Weg der Wertschätzung und Kollaboration eurer katholischen Brüder und Schwestern versichert,  die ich an diesem Abend bei euch vertrete.
   11. Ich möchte jetzt Seiner Majestät, dem König, dafür danken, dass er mich eingeladen hat. Danken möchte ich auch euch, liebe Jugendliche von Marokko, dass ihr hier hergekommen seid und mein Zeugnis vertrauensvoll angehört habt.
   Aber mehr noch möchte ich Gott danken, der diese Begegnung ermöglicht hat. Wir sind alle unter Seinem Blick. Er ist heute der erste Zeuge unserer Begegnung. Er ist es, der die Empfindungen der Barmherzigkeit und des Verstehens, der Vergebung und der Versöhnung, des Dienstes und der Zusammenarbeit in unsere Herzen pflanzt. Sollten die Gläubigen, welche wir sind, nicht in ihrem Leben und in ihrer Umgebung die herausragenden Namen in Erinnerung rufen, welche Ihm unsere religiösen Traditionen zuerkennen? Versuchen wir also, für Ihn verfügbar zu sein und gegenüber Seinem Willen sowie gegenüber den Anrufen, die Er an uns richtet, ergeben zu sein! Auf diese Weise werden unsere Leben eine neue Dynamik erhalten.
   So wird also - davon bin ich überzeugt - eine Welt erstehen können, in der die Männer und Frauen lebendigen und wirksamen Glaubens die Ehre Gottes besingen und danach trachten werden, eine menschliche Gesellschaft nach dem Willen Gottes zu errichten.   Deshalb möchte ich schließen, indem ich Ihn vor euch persönlich anrufe:

        “O Gott, Du bist unser Schöpfer.
        Du bist gut, und Dein Erbarmen ist grenzenlos.
        Dir kommt der Lobpreis aller Geschöpfe zu.
        O Gott, Du hast den Menschen, die wir sind, ein inneres Gesetz gegeben,
        unter dem wir leben müssen.
        Deinen Willen zu tun heißt, unsere Aufgabe zu erfüllen.
        Deinen Wegen zu folgen heißt, den Frieden der Seele zu erfahren.
        Dir schenken wir unseren Gehorsam.
        Leite uns bei allen Schritten, die wir auf der Erde unternehmen.
        Befreie uns von schlechten Neigungen, die unser Herz von Deinem Willen abwenden.
        Lasse nicht zu, dass wir unter Anrufung Deines Namens
        die menschlichen Nachlässigkeiten zu rechtfertigen suchten.
        O Gott, Du bist der Einzige. Dir gebührt unsere Anbetung.
        Lasse nicht zu, dass wir uns von Dir entfernen.
        O Gott, Richter aller Menschen, hilf uns, am letzten Tage zu Deinen Erwählten zu gehören.
        O Gott, Urheber der Gerechtigkeit und des Friedens, gewähre uns die wahre Freude
        und die authentische Liebe und auch eine dauerhafte Brüderlichkeit unter den Völkern.
        Erfülle uns auf immer und ewig mit Deinen Gaben. Amen.”

B-Isl.Gesandte1xx   Islamische Botschafter

Gemeinsame religiöse Werte anerkennen.
 Im Wortlaut die Ansprache Benedikts XVI. an die Botschafter muslimisch geprägter Länder

Herr Kardinal, meine Damen und meine Herren Botschafter, liebe muslimische Freunde,
  Ich freue mich, Sie zu diesem Treffen empfangen zu dürfen, das ich mir gewünscht habe, um die freundschaftlichen und solidarischen Verbindungen zwischen dem Heiligen Stuhl und den internationalen muslimischen Gemeinschaften zu konsolidieren. Ich danke Herrn Kardinal Poupard, dem Präsidenten des Päpstlichen Rats für den interreligiösen Dialog, für die Worte, die er an mich gerichtet hat, und ich danke Ihnen allen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind.
  Die Umstände, die zu unserem Treffen geführt haben, sind hinlänglich bekannt. Ich hatte im Verlauf der vergangenen Woche bereits Gelegenheit, darauf einzugehen. In diesem besonderen Kontext möchte ich heute nochmals die Hochachtung und den tiefen Respekt zum Ausdruck bringen, den ich den muslimischen Gläubigen entgegenbringe und die Äußerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung rufen, welche für die katholische Kirche die „Magna Charta” des islamisch-christlichen Dialogs darstellen: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft.” Erklärung Nostra Aetate 3. Seit Beginn meines Pontifikats habe ich diese Sicht stets ausdrücklich vertreten, und hatte bereits die Gelegenheit, meinen Wunsch zum Ausdruck zu bringen, weiterhin Brücken der Freundschaft mit den Anhängern aller Religionen zu bauen, und dabei auch besonders meine Wertschätzung des sich entfaltenden Dialogs zwischen Muslims und Christen zu zeigen.
  Wie ich letztes Jahr in Köln betont habe: „Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.” Ansprache anlässlich der Begegnung mit den Vertretern muslimischer Gemeinden, 20. August 2005 - siehe dazu den Bericht unten auf dieser Seite. In einer Welt, die durch den Relativismus gekennzeichnet ist und die allzu häufig die Transzendenz von der Universalität der Vernunft ausschließt, benötigen wir unbedingt einen authentischen Dialog zwischen den Religionen und zwischen den Kulturen, der uns dabei helfen kann, gemeinsam mit der Absicht zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit alle Spannungen zu überwinden. Indem ich das von meinem Vorgänger Papst Johannes Paul II. begonnene Werk weiter verfolge, wünsche ich mir also lebhaft, dass die vertrauensvollen Beziehungen, die sich in langen Jahren zwischen Muslims und Christen entwickelt haben, nicht nur fortgeführt werden, sondern dass sie sich in einem Geist des ehrlichen und achtungsvollen Dialogs entwickeln, der auf einer immer genaueren gegenseitigen Kenntnis gründet und der voller Freude die uns gemeinsamen reli- giösen Werte anerkennt und loyal die Unterschiede respektiert.
  Der interreligiöse und interkulturelle Dialog ist notwendig, um gemeinsam eine Welt des Friedens und der Brüderlichkeit aufzubauen, die alle Menschen guten Willens sich so sehnlich wünschen. In diesem Bereich erwarten unsere Zeitgenossen ein beredtes Zeugnis von uns, um allen den Wert der religiösen Dimension des Daseins zu zeigen, Christen und Muslims müssen auch  - getreu den Lehren ihrer eigenen religiösen Tradition - lernen, zusammenzuarbeiten, wie das bereits bei verschiedenen gemeinsamen Versuchen geschieht, um sich vor jeder Form der Intoleranz zu schützen und sich jeder Demonstration von Gewalt entgegenzustellen; und wir, die religiösen Würdenträger und die politisch Verantwortlichen, wir  müssen sie in diesem Sinne leiten und ermutigen. So heißt es in der Erklärung Nostra Aetate: „Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feind- schaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen” Nostra Aetate 3. Die Lektionen der Vergangenheit müssen uns also dabei helfen, nach Wegen der Versöhnung zu suchen, um in der Achtung vor der Identität und vor der Freiheit eines jeden zu leben, im Blick auf eine fruchtbare Zusammenarbeit im Dienst der ganzen Menschheit. Wie Johannes Paul II. in Casablanca in Marokko in seiner denkwürdigen Ansprache ah die Jugendlichen gesagt hat: „Respekt und Dialog erfordern Gegenseitigkeit in jedem Bereich, vor allem was die fundamentalen Freiheiten und hier vor allem die Religionsfreiheit anbelangt. Sie fördern den Frieden und das Verständnis unter den Völkern” Nostra Aetate 5.
   Liebe Freunde, ich bin zutiefst überzeugt, dass es in der uns aus der heutigen Welt bekannten Situation zwingend notwendig ist, dass Christen und Muslims sich gemeinsam darum bemühen, den zahlreichen Herausforderungen zu begegnen, vor denen die Menschheit steht, besonders im Hinblick auf die Verteidigung und die Förderung der Würde des Menschen, als auch im Hinblick auf die daraus sich ergebenden Rechte. Während die Menschen und der Frieden immer stärker bedroht werden, zeigen Christen und Muslims ihren Gehorsam dem Schöpfer gegenüber - der will, dass alle in der Würde leben, die er ihnen geschenkt hat - dadurch, dass sie den zentralen Charakter der Person anerkennen und sich beharrlich dafür einsetzen, dass deren Leben immer respektiert wird.
  Liebe Freunde, ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass der barmherzige Gott unsere Schritte auf den Wegen eines immer besseren, gegenseitigen Verständnisses leitet. Zu dem Zeitpunkt, an dem für die Muslims der spirituelle Weg durch den Monat Ramadan beginnt, richte ich meine herzlichen Wünsche an sie alle, und hoffe, dass der Allmächtige ihnen ein ruhiges und friedvolles Dasein gewähre. Möge der Gott des Friedens Ihnen und den von Ihnen vertretenen Gemeinschaften die Fülle seines Segens schenken! ÜbersetzungClaudiaReimüllerDT060927

Prof_AdelThedorKhoury-xx

Nicht nur Wut, es gibt auch Dankbarkeit. Islamexperte Professor Khoury Foto, Münster, über das missverstandene Zitat des Papstes, die Reaktionen der Muslime und die Zukunft des Dialogs der Religionen.
Professor Adel Theodor Khoury: „Auch der Islam ist für die Vernunft aufgeschlossen”.

   Professor Adel Theodor Khoury lehrte bis zu seiner Emeritierung Religionswissenschaft an der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität Münster. Von ihm stammt eine der bedeutendsten Übersetzungen des Koran in die deutsche Sprache. Der Papst hat Khoury bei seiner Vorlesung in Regensburg zitiert. Dieser Abschnitt der Rede Benedikts XVI. löste heftige Proteste in der islamischen Welt aus. Markus Reder sprach mit Professor Khoury über das umstrittene Zitat und die Folgen.
Der Papst hat in seiner Regensburger Vorlesung nicht nur den von Ihnen herausgegebenen Dialog zitiert, sondern auch Ihre Schlussfolgerungen. Fühlen Sie sich dadurch als Theologe geehrt oder haben Sie  eher zwiespältige Gefühle,weil gerade diese Passage so große Missverständnisse und Proteste ausgelöst hat?
   Nicht die Passage, die der Papst von mir zitiert hat, hat die Probleme ausgelöst, sondern das Zitat von Kaiser Manuel II. Das ist weder mein Text, noch meine Position gegenüber dem Islam. Der Papst hat in Anschluss an das Zitat von mir eine Erklärung zum Problem des Voluntarismus übernommen. Das ist ein Problem, das im Islam vorhanden ist. Der Voluntarismus ist einer der Stränge islamischer Theologie.  Damit hat sich Benedikt XVI. auseinandergesetzt. Sein eigentliches Thema war Vernunft und Glaube. Dabei ging es auch um Glaube und Gewalt. Nach meiner Interpretation seiner Vorlesung wollte der Papst nicht explizit über den Islam sprechen, sondern über eine Erscheinungsform von Religion, wo Gewalt eine Rolle spielt, wo der Voluntarismus bis zu Exzess geführt wird.
Das Zitat war Ihres Erachtens also der Aufhänger für ein umfassenderes Thema?
   Dieses Zitat des Kaisers war für den Papst ein Aufhänger, um überzuleiten zu dem eigentlichen Thema, das er behandeln wollte. Das hieß „Glaube und Vernunft”. Die zentrale Frage lautet: Ist Gott so absolut transzendent, dass sein Wille an keine unserer Kategorien gebunden ist, oder gibt es eine Verbindung zwischen Glaube und Vernunft. Diese Sache des Voluntarismus ist in der islamischen Theologie hinreichend bekannt. Die ash'aritisch- sunnitische Schule, die all die Jahrhunderte die vorherrschende Schule gewesen ist, tendiert zu eben diesem Voluntarismus.
   Dementsprechend hat der Papst dann einen großen Theologen, Ibn Hazm von Cordoba zitiert, der Vertreter eines extremen Voluntarismus ist.
Aber dem Papst wird vorgeworfen, er habe den Islam beleidigt.
   Der Text des Papstes sollte auf seine Intention hin gelesen und verstanden werden. Ich habe beim Lesen des Textes nirgendwo gesehen, dass der Papst den Islam attackieren will. Er stellt anhand des Zitates lediglich eine Frage. Es ist schade, dass in der islamischen Welt so darauf reagiert wurde. Vielleicht hätte man auf dieses Zitat verzichten und das Problem direkt formulieren können.
Hat Sie die Empörung und die Wut, die dieses Zitat in der islamischen Welt ausgelöst hat, überrascht?
   Bei einer wissenschaftlichen Vorlesung vor einem wissenschaftlichen Publikum ist es nicht erstaunlich, dass man so etwas zitiert. Völlig frei von Hintergedanken. Und schon gar nicht, um den Islam anzugreifen oder die Gefühle von Muslimen zu verletzen. Leider ist das auf muslimischer Seite eben missverstanden worden.
   Zumindest die erste Welle der Reaktionen war doch sehr heftig. Das liegt sicher auch daran, dass Presseagenturen hauptsächlich dieses Zitat in der Welt verbreitet haben, ohne näher zu erläutern, in welchem Kontext und in welcher Intention diese Sätze fielen. Im Nachhinein ist man immer klüger. Ich hätte mir gewünscht, dass der Heilige Vater in seiner Vorlesung ein paar Worte der Erläuterung mitgegeben hätte. Ein paar Zeilen hätten wahrscheinlich genügt. Es hätte ausgereicht, wenn er das zum Ausdruck gebracht hätte, was er dann am Sonntag in Castelgandolfo gesagt hat: Das ist nicht meine Meinung. Das ist nicht meine Haltung zum Islam.
Warum muss man äußerst behutsam vorgehen, wenn man öffentlich über den Islam spricht? Im Umgang mit dem Christentum ist man keineswegs sonderlich zimperlich.
   Man muss immer bedenken, dass die Muslime äußerst empfindlich sind bei allem, was Mohammed und den Koran tangiert. Das sind für sie absolut heilige Werte, unantastbar. Wenn man weiter bedenkt, dass heute zwischen der islamischen und der westlichen Welt große politische Spannungen herrschen, dann versteht man vielleicht, was die Muslime umtreibt. Deshalb muss man nicht einverstanden sein mit den muslimischen Reaktionen, die in meinen Augen völlig übertrieben sind. Aber da sind Empfindlichkeiten vorhanden, die man berücksichtigen muss. Jetzt gilt es, Wege zu finden, um Missverständnisse auszuräumen. Ich glaube, der Vatikan ist da auf einem guten Weg, um die Gemüter zu beruhigen.
In seiner Predigt in der Messe in Regensburg hat Benedikt XVI. vor „Pathologien und lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft” gewarnt und vor den „Zerstörungen des Gottesbildes durch krassen Fanatismus”. Trifft diese Kritik den heutigen Islam oder zumindest Teile der islamischen Welt?
   Da muss man sehr differenzieren. Der Islam ist keine einheitliche Größe. Militante Islamisten werden auch innerhalb der islamischen Welt kritisiert. Deshalb ist es immer gut, deutlich zu machen, dass sich die Kritik gegen die militanten Extremisten richtet, nicht gegen den Islam im Allgemeinen. Eine türkische Zeitung hat das überdies auch in diesem Sinne verstanden. Sie haben geschrieben: Die Worte des Papstes seien eine Abkanzelung des militanten, des extremistischen Islam gewesen.
Muss man jenen Muslimen, die gegen den Papst demonstrieren und eine Entschuldigung fordern, vorwerfen, weniger tolerant zu sein als der persische Gesprächspartner Kaiser Manuels II.? Der ließ sich ja auf den intellektuellen Dialog ein.
   Man muss das vor dem Hintergrund der heutigen Spannungen zwischen islamischer und westlicher Welt sehen. Wir haben da eine explosive Situation und keine entspannte Atmosphäre. Wo eine Atmosphäre des Vertrauens herrscht, da kann, man sich das, was Manuel damals gesagt hat, gegenseitig an den Kopf werfen. Er tut das ja sogar im Militärlager der Osmanen in Ankara, also außerhalb von Konstantinopel. Offensichtlich hatten die beiden ein gutes Verhältnis zueinander. Folglich konnten sie sich erlauben, einander etwas härter anzufassen.
Benedikt sagte, „eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich Subkultur abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen”. Das ist eine scharfe Kulturkritik am gottlos gewordenen Westen. Müsste die islamische Welt dafür nicht dankbar sein?
   Dafür ist sie auch dankbar. Das gilt auch für das, was der Papst über Vernunft und Glaube gesagt hat. Auch der Islam ist für die Vernunft aufgeschlossen. Es ist keineswegs so, dass der Islam nur den theoretischen absoluten Voluntarismus kennt. Da gibt es auch die andere Seite, eben die der Vernunft. Insofern haben viele Muslime gar keine Bedenken wegen der Vorlesung. Im Gegenteil: Das, was der Papst zu diesem Thema gesagt hat, passt auch zu ihrem Konzept.
Halten Sie es für möglich, dass die Rede des Papstes bewusst missverstanden wurde, um Benedikt als Gesprächspartner zu diskreditieren?
   Da müsste man die Leute fragen, die über genaue Informationen aus den islamischen Ländern verfügen. Mir scheint, den Funken der Entrüstung entzündeten die Meldungen, die dieses Zitat ohne nähere Erklärung verbreitet haben. Der türkische Leiter der Religionsbehörde zum Beispiel hat zugegeben, dass er am Anfang sehr hart reagiert hat, ohne den Text gelesen zu haben. Er kannte nur Pressemeldungen. Ich weiß nicht, wie viele Menschen reagiert haben nur aufgrund von Presseberichten, ohne den Text gelesen und analysiert zu haben.
Wird Papst Benedikt nach der Aufregung der letzten Tage an die christlich-islamischen Dialogversuche seines Vorgängers Johannes Pauls II. anknüpfen können oder ist er als Gesprächspartner für die muslimische Welt beschädigt?
   Nein, das ist er nicht. Die Marschroute der katholischen Kirche ist im II. Vaticanum deutlich gemacht worden. Daran ändert sich nichts. Johannes Paul II. hat das in die gesamte Welt getragen. Und Benedikt XVI. hat am Ende seiner Vorlesung klar gesagt, dass er den Dialog der Religionen will. Es geht also nicht um eine Absage an den Dialog zwischen Islam und Christentum. Im Gegenteil. Man muss diesen Dialog forcieren und nach vorne bringen. Zwischen Christentum und Islam gibt es unbestrittene Gemeinsamkeiten. Auf die muss man aufbauen. Wir haben genug gemeinsame Probleme in der Welt. Wenn Christen und Muslime sich zusammentun, um diese Probleme anzugehen, dann hätten sie große Potenziale, um im Dienst der Menschheit, der Gerechtigkeit und des Friedens zusammenzuarbeiten.
  „Die Marschroute der katholischen Kirche ist im II. Vaticanum deutlich gemacht worden. Johannes Paul II. hat das in die gesamte Welt getragen und Benedikt hat klar gesagt, dass er den Dialog will”.
Was den christlich-muslimischen Dialog betrifft, hat da der Papst in Regensburg nicht doch einen neuen Akzent gesetzt? Er kritisierte ein Gottesverständnis, das Gott so weit in die Transzendenz entrückt, dass er als „Willkür-Gott ..., der nicht an die Wahrheit oder das Gute gebunden ist” erscheinen muss. Liegt hier der unüberbrückbarer Graben zwischen Christentum und Islam?
 In dieser Pointe ja. Aber diese extreme Pointe  entspricht  nicht  der allgemeinen Theologie des Islam. Deswegen meine ich: Der Papst wollte nicht einfach über den Islam sprechen, sondern über eine grundsätzliche Problematik. Deshalb zitiert er Manuel, den ich ja auch zitiert habe, um eben diese spezielle Pointe deutlich zu machen. Aber es gibt im Islam natürlich auch einen gemäßigten Voluntarismus, der nicht  bis zu dieser extremen Position geht. Da muss man differenzieren. Sonst gibt es Missverständnisse.
Sie meinen, der Papst hätte stärker differenzieren sollen?
   Wenn man auf dem Niveau der Regensburger Vorlesung argumentieren will, wenn man auf diesem sehr hohen theoretischen theologischen und philosophischen Niveau arbeitet, dann kann man sich durchaus mit einer extremen Position auseinandersetzen, um seine eigene Position deutlich zu machen. Hätte der Papst allgemein über den Islam sprechen wollen, hätte er sicher nuancierter und anders gesprochen. Dann hätte er auch andere islamische Richtungen berücksichtigen können.
Waren die unterschiedlichen Reaktionen, die diese Rede in der islamischen Welt ausgelöst hat, auch eine Art Lakmustest, der Auskunft darüber gibt, wer dialogbereit ist und wer nicht?
   Um das zu wissen hat es nicht die Reaktionen auf die Vorlesung gebraucht. Es ist allgemein bekannt, dass die Extremisten, die gewaltbereiten, militanten Muslime für den Dialog nicht offen sind. Die unterschiedlichen Reaktionen offenbaren nur, welche Strömungen innerhalb der islamischen Welt heute vorhanden sind.
Dem Papst ging es um eine klare Absage an religiös motivierte Gewalt. Warum tut sich der Islam so schwer, sich grundsätzlich von Gewaltakten zu distanzieren? Gehört die Gewalt zu den Genen des Islam?
   Nein, das ist nicht der Fall. Bei militanten Muslimen gibt es eine spezielle Lesart des Korans. Sie berufen sich auf bestimmte Stellen, um damit Gewalt zu rechtfertigen. Entsprechende Aussagen gibt es im Koran, aber sie entstammen einer bestimmten geschichtlichen Situation. Die überwiegende Mehrheit der islamischen Gelehrten hält jene Koranstellen für relevant, die für den Frieden plädieren. Das Problem ist, dass die klassische Rechtstheorie des Mittelalters auch die Gewalt beziehungsweise die militärische Intervention als Mittel zur Ausdehnung des islamischen Herrschaftsbereiches akzeptiert hat. Es geht dabei um die weltliche Herrschaft, nicht um den Glauben. Da muss man wieder differenzieren. Diese klassische Theorie des Mittelalters wurde offiziell bis jetzt noch von keiner islamischen Stelle zurückgenommen. So können auch hier immer Missverständnisse entstehen.
Sie sprechen von einer Mehrheit der islamischen Gelehrten, die sich dafür ausspricht, den Koran friedlich auszulegen. Bestimmen diese Gelehrten tatsächlich das gesellschaftliche Klima in der Welt des Islam? Entscheidet nicht letztlich die Macht der Straße und der Scharfmacher darüber, ob es zum Kampf der Kulturen oder zum Dialog der Religionen kommt?
   Die Macht der Straße entscheidet nicht über den Dialog der Religionen. Die Straße macht Politik, die betreibt nicht den Dialog der Religionen. Dazu wäre sie auch nicht fähig. Die Straße, das sind meistens Menschen, die keine Qualifikation haben, um einen Dialog über die Lehre und das Denken zu führen. Die Zukunft dieses Dialogs wird nicht auf der Straße entschieden.
Wo dann? Wer sind die Größen in der islamischen Welt, die Sie auf einen konstruktiven Dialog hoffen lassen?
   Im sunnitischen Lager würde ich in Ägypten die Azhar-Moschee nennen. Das ist ein Gremium von Gelehrten, das im sunnitischen Islam sehr große Autorität genießt. Auch im Iran gibt es einige Gelehrte, die ich persönlich kenne, und die unter anderen als Gesprächspartner für den schiitischen Islam in Frage kommen. Dann gibt es im schiitischen Islam im Libanon Gruppen und Institute, die mit uns einen sehr intensiven Dialog führen, auch mit mir persönlich. Und es gibt in Syrien Institutionen, die ebenfalls diesen Dialog führen. Wir haben auch Kontakte zu Kollegen in Indien, in Pakistan und in Marokko. Die Kontakte sind sehr weit gestreut. Von daher bin ich sicher: Der Dialog hat eine Chance in der islamischen Welt. Im Übrigen bin ich der festen Überzeugung: Zu diesem Dialog gibt es keine Alternative.  DT0609.

Prof. Adel Theodor Khury       KoranProfKhoury

„Der Islam ist kompatibel mit Demokratie” . Prof. Adel Theodor Khoury hat die mittelalteliche Quelle
mit dem umstrittenen Papst-Zitat ediert: Koran, Kritik und Toleranz

Sie haben den mittelalterlichen Dialog herausgegeben, aus dem der Papst jetzt über den Propheten Mohammed zitiert hat. Hätten Sie ihn veröffentlicht, wenn Sie die heftigen Reaktionen in der Islamischen Welt vorausgesehen hätten?
   Hypothetische Fragen sind schwer zu beantworten. Dass ein Dialog aus dem Jahr 1391 zwischen einem christ- lichen Kaiser und einem muslimischen Gelehrten, veröffentlicht 1966 als wissenschaftliche Quellenedition auf Französisch, je für Wirbel sorgen würde, war wohl kaum zu erwarten. In einem wissenschaftlichen Kontext bietet das Zitat auch gar keinen Anlass zu Protesten. Dem Papst in Regensburg ging es unter anderem um göttlichen Willen und menschliche Vernunft - ein Thema, das auch islamische Gelehrte kontrovers diskutieren.
Warum sind die Reaktionen dennoch so heftig?
  Das ist nur vor dem Hintergrund der derzeitigen Spannungen zwischen Westen und islamischer Welt zu erklären. Auch die große Mehrheit der friedfertigen Muslime hat inzwischen gewisse Empfindlichkeiten entwickelt. Alles, was mit Mohammed und dem Koran zu tun hat,  ist für sie unantastbar. Wenn ein Dialog entstehen soll, ist da ein behutsames Herangehen gefordert. In vertrauensvollerer Atmosphäre hätte die Papstrede gar keinen Unmut ausgelöst, zumal der Papst seinen Respekt für den Islam wiederholt betont hat.
Ähnlich wie beim Karikaturenstreit sehen viele angesichts der Reaktionen der Muslime jetzt die westliche Meinungsfreiheit bedroht. Ist der Islam überhaupt mit den europäischen Freiheitswerten kompatibel?
   Der Islam hat andere Werte als der Westen, doch bei richtiger Interpretation des Koran gibt es auch viele Gemeinsamkeiten: Freiheit, Toleranz und Dialogbereitschaft sind auch im Islam wichtig. Der Koran eröffnet auch Wege zur Demokratie: Staatliche Angelegenheiten, heißt es dort, sollten „in Beratung” entschieden werden. Das lässt sich als Begründung einer Hinführung zur parlamentarischen  Demokratie interpretieren. Grundsätzlich kann der Islam durchaus kompatibel mit der demokratischen Rechtsordnung sein.
Doch der Koran fordert auch die Unterwerfung Andersgläubiger durch das Schwert.
   Textstellen, die den Kampf bejahen, sind in der Zeit entstanden, als die ersten Muslime von Feinden bedrängt wurden. Auch wenn militante Gruppen bis heute Gewalt damit rechtfertigen - die Mehrheit der Muslime interpretiert den Koran als Aufforderung zum Frieden. Und Passagen, die uns heute fragwürdig erscheinen, finden sich auch in der Bibel.
Die historisch-kritische Exegese, die solche Stellen in ihrem geschichtlichen Zusammenhang betrachtet, hat im  Christentum eine Jahrhunderte alte Tradition. Warum nicht auch im Islam?
   Solche hermeneutischen Methoden haben es schwerer als im Christentum, da die Heiligkeit des Textes im Islam traditionell einen noch höheren Stellenwert hat. Es gibt unter muslimischen Gelehrten aber derzeit eine große Diskussion darüber. In der Geschichte gab es immer wieder Beispiele dafür,  dass einige Textstellen als zeitgebunden eingestuft wurden. Ich setze mich seit Jahren dafür ein, dass islamische Gelehrte solche Textstellen näher erläutern. Doch von außen verordnen lässt sich so etwas nicht. Interview:SimonBenneHA060921

Adel Theodor Khoury ...
...stammt aus dem Libanon. und war bis 1993 Professor für Religionswissenschaft an der Universität Münster. Der Katholik setzt sich seit Jahrzehnten für christlich-islamischen Dialog ein. Zuletzt erschien von ihm das reich illustrierte und gut lesbare Buch „Der Koran - Erschlossen und kommentiert von Adel Theodor Khoury”.
Patmos 352 Seiten, 49,90 Euro

Der renommierte Islam-Kenner Adel Theodor Khoury analysiert in der “Tagespost”
den Brief der muslimischen Gelehrten. Sein Fazit: Diese Initiative ist in jedem Fall zu begrüßen.

   Der Dialog zwischen Christen und Muslimen wurde nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962- 1965) in vielen Ländern in der Welt in West und Ost noch intensiver als zuvor geführt. Besondere Impulse erhielt er von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) durch seine Begegnungen mit Muslimen in verschiedenen Ländern des Vorderen Orients und Afrikas. Der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog knüpfte immer engere Beziehungen zu Ländern und Gruppen der islamischen Welt.  Im deutsch-sprachigen Raum hat sich seit über 30 Jahren das Religionstheologische Institut St. Gabriel in Mödling/Österreich besonders hervorgetan. Nach den heftigen Reaktionen in der islamischen Welt auf die wissenschaftliche Vorlesung Papst Benedikt XVI. Mitte September in Regensburg wurde die Befürchtung geäußert, dieser Dialog sei ernsthaft gefährdet. Kürzlich nun wurde ein „Offener Brief” an den Papst veröffentlicht,  unterschrieben von 38 Gelehrten aus verschiedenen Ländern. Dieses Dokument, vornehm im Ton und um Sachlichkeit bemüht, verzichtet - weit weg vom Lärm einer aufgebrachten Straße - auf eine angriffslustige Polemik. Es möchte den Faden des inhaltlichen und produktiven Dialogs zwischen der katholischen Kirche und dem Islam nicht abreißen lassen.
Eine neue Seite im Bemühen um Verständigung
  In dieser Form kann man den Brief als eine neue Seite deuten in den Bemühungen um Beseitigung von Missverständnissen, Klärung von Sachfragen beziehungsweise Richtigstellung undifferenzierter Aussagen. Man kann mit den Autoren des „Offenen Briefs” ins Gespräch treten und bei einigen Punkten eine noch differenziertere Stellungnahme zu erreichen suchen, etwa: Gilt die Aussage des Koran: „Es gibt keinen Zwang in der Religion” 2, 256 auch für Muslime, so dass sie frei sind, straffrei den Islam zu verlassen und eine andere Religion anzunehmen?
   Gilt diese Aussage auch im Hinblick auf die „Ungläubigen” und Polytheisten, die nach dem klassischen Rechtssystem  des Islam vor die Wahl gestellt werden, den Islam anzunehmen oder durch die islamischen Truppen bekämpft zu werden  bis  zur Auflösung ihrer Gemeinschaften und zum Verlust der Unabhängigkeit ihres Territoriums?
   Die Aussagen der meistverbreiteten theologischen Schule (Kalam) im Islam, der Schule der Aschariten, über die Transzendenz Gottes sowie der ausgesprochene Voluntarismus dieser Schule in Bezug auf das Gottesbild führen zu heiklen theologischen Fragen,  die nicht einfach zu übersehen sind. Weiterer Klärungsbedarf besteht im Hinblick auf die zahlreichen Koranstellen, die Gewalt Und Kämpf bejahen beziehungsweise verordnen: Darf man sie heute so verstehen, wie sie die Militanten unter den Muslimen zur Rechtfertigung ihres gewaltbereiten und gewalttätigen Verhaltens deuten? Aber diese Differenzierungen gehören in einen praktizierten religiösen Dialog, der in einer Atmosphäre der Offenheit und des Vertrauens geführt wird. Die Initiative der muslimischen Gelehrten an sich ist jedoch in jedem Fall zu begrüßen.
   Sie lässt mit ein wenig Optimismus hoffen, dass weitere Initiativen in diesem Geist folgen mögen. Denn genau wie die bisherigen Dialog-Initiativen von christlicher Seite weist dieser islamische Schritt auf die Zukunft hin: die Zukunft zweier Weltreligionen, die in ihren Glaubenslehren und ihren sittlichen Werten viele Gemeinsamkeiten aufweisen; und die Zukunft einer Welt, die immer enger zusammenrückt und deren Probleme immer stärker alle Menschen betreffen. Daher erwächst den Christen und den Muslimen eine globale Verantwortung für die gesamte Menschheit, wie das Zweite Vatikanum, dessen Worte die muslimischen Gelehrten wörtlich zitieren,  es deutlich ausgedrückt hat.
Islamischer Schritt in Richtung Zukunft
   Diese Verantwortung kann keine Gemeinschaft in der Welt allein übernehmen. Unsere „eine Welt” braucht dringend eine Sicherung der Gerechtigkeit und des Friedens, die Schaffung einer humaneren Gesellschaftsordnung sowie eine Verwirklichung universaler Solidarität aller mit allen zur Milderung und dauerhaften Beseitigung von Armut und Unterdrückung. Christen und Muslime, wie die muslimischen Gelehrten zu Recht betonen, besitzen zusammen große Potenziale.
   Wenn sie ihre Kräfte bündeln und sich zu einer fruchtbaren und entschiedenen Zusammenarbeit entschließen, können sie den Menschen den bitter nötigen Beistand leisten. Warum sollte es ihnen nicht gelingen, im Geist der bisherigen Dialog-Bemühungen eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, einen ehrlichen, von kritischer Sympathie getragenen Dialog zu führen und eine effektive Zusammenarbeit zu leisten, die ein Strahl dessen sein kann, der „die Liebe ist 1 Jo 4,8.16 und ein Zeichen für das, was der Koran meinte, als er sagte, dass die Christen diejenigen sind, die den Muslimen „in Liebe am nächsten stehen” Koran 5,82?
  Adel Theodor Khoury ist emeritierter Professor für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, melkitisch-katholischer Priester und einer der bekanntesten Islam-Experten in Deutschland. DT061109

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Der Islam will die Welteroberung.
Die Kriegsregeln sind flexibel, das Kriegsziel bleibt: Mohammeds kämpferische Religion

Ist die gewaltsame Mission ein Wesenszug des Islam? Mit dieser Frage hat die Regensburger Rede Benedikts XVI. ein weltweites Echo ausgelöst. 
   Hier gibt der Althistoriker Egon Flaig seine Antwort. Mohammed, der Prophet, war zugleich ein erfolgreicher Heerführer. Die kriegerischen Züge sind der Rechtslehre des Islam geblieben, auch wenn sie in gemäßigter Form vertreten werden. Egon Flaig, Professor an der Greifswalder Universität, hat sich nicht zuletzt mit Gerechtigkeitsvorstellungen der Antike und, im Gegenzug, mit der politischen Rechtfertigung von Ausgrenzungen etwa von Sklaven oder unterworfenen Völkerschaften wissenschaftlich beschäftigt.
   „Dann wollen wir, dass die Fahne des Islam wieder über diesen Landschaften weht, die das Glück hatten, eine Zeitlang unter der Herrschaft des Islam zu sein und den Ruf des Muezzins Gott preisen zu hören. Dann starb das Licht des Islam aus und sie kehrten zum Unglauben zurück. Andalusien, Sizilien, der Balkan, Süditalien und die griechischen Inseln sind alle islamische Kolonien, die in den Schoß des Islam zurückkehren müssen. Das Mittelmeer und das Rote Meer müssen wieder islamische Binnenmeere wie früher werden.” Diese Sätze stammen nicht von Al Qaida; sie finden sich im Programm, das der Gründer der Muslim-Bruderschaft Hassan Al Banna in einer Rede formulierte. Die Bruderschaft zählt heute Millionen und hat sich weit über Ägypten hinaus verbreitet. Ihre Intellektuellen agieren in Europa und in den Vereinigten Staaten; sie gelten als „moderat” und werden von den Medien entsprechend bedient. Planmäßige Rückgewinnung „verlorener” Gebiete gehört in die Programme von Staaten, welche um territoriale Machtausübung kämpfen, also von politischen Gemeinschaften. Wie kann sie ins Programm einer Religion gehören? Ist der Islam eine Religion wie andere?
   Seit Beginn der klassischen Zeit zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert teilen die islamischen Juristen die Welt in zwei Teile, nämlich das „Haus des Islam” und das „Haus des Krieges”. Diese Zweiteilung hängt nicht davon ab, wo Muslime in großer Anzahl leben oder gar die Mehrheit darstellen, sondern davon, wo der Islam herrscht - in Gestalt der Scharia - oder wo er nicht herrscht. Diese Dichotomie ist also keine religiöse, sondern eine politische. Zwischen diesen beiden Teilen der Welt herrscht naturgemäß so lange Krieg, bis das Haus des Krieges nicht mehr existiert und der Islam über die Welt herrscht Sure 8,39; 9,41. Daher besteht nach klassischer Lehre für die muslimische Weltgemeinschaft die Pflicht, gegen die Ungläubigen Krieg zu führen, bis diese sich bekehren oder sich unterwerfen.
   Dieser Krieg heißt Dschihad. Lautete der Missionsauftrag Jesu, alle Völker zu bekehren, ihnen aber ihre politische Ordnung zu lassen, so besteht das Ziel des Islam darin, alle Nichtmuslime politisch zu unterwerfen, ihnen aber ihre Religion zu lassen, falls es Buchreligionen sind. Der allgemeine Befehl Gottes zum Dschihad wird entnommen aus Sure 9,29. Gewiss, winzige pazifistische Strömungen im Islam haben diese Interpretation nicht akzeptiert. Die Schiiten akzeptieren sie zwar, verlangen aber, dass ein echter Imam die muslimische Gemeinschaft anführt (und auf einen solchen warten sie schon mehr als dreizehn Jahrhunderte), daher gilt für sie vorläufig nur der defensive Dschihad, also falls die muslimische Gemeinschaft angegriffen wird.
   Dagegen haben die andere Strömungen, etwa die so genannten charidschitischen, die Aussage von Sure 9,29 radikalisiert: Sie sehen im Dschihad eine individuelle Pflicht jedes tauglichen Muslim, welche als sechste Säule neben den anderen fünf kardinalen Pflichten steht. Konsequenz dieser Lehre: Wenn jeder entweder an der kollektiven Kriegführung gegen die Ungläubigen teilnehmen muss oder - falls die muslimische Gemeinschaft dafür momentan zu schwach ist - allein, gruppenweise auf eigene Faust kriegerisch agieren muss, dann sind Attentate und Terroranschläge das Richtige. Was die Charidschiten für den offensiven Dschihad verlangen, gilt bei den meisten Vertretern der orthodoxen Lehre der Sunna für den defensiven: Wird der Islam angegriffen oder islamisches Territorium von Ungläubigen besetzt, dann wird der Dschihad zur individuellen Pflicht; eine Fatwa des Großmufti der Al-Azhar-Universität in Kairo von 1948 - gerichtet gegen Israel - lässt daran keinen Zweifel.
   Jedwede feindliche Macht, welche sich an die Haager Landkriegsordnung hält und streng unterscheidet zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten, gerät hierbei in größte Schwierigkeiten. Der Kriegszustand dauert an, bis das Haus des Krieges vernichtet und die Welt erobert ist. Darum nennt Majid Khadduri den Islam eine „göttliche Nomokratie auf imperialistischer Basis“. Friedensverträge, welche islamische  Herrscher mit nichtislamischen abschlössen, gelten nur als Waffenstillstände; deshalb wurden sie in der Regel für höchstens zehn Jahre abgeschlossen; zwei Rechtsschulen erlaubten nur drei bis vier Jahre Frieden. Die kurzen Fristen ermöglichten es den militärisch überlegenen Muslimen, die Gegenseite unentwegt zu erpressen; auf diese Weise sind im Laufe der Jahrhunderte riesige Mengen an Geldern und Menschen an die muslimische Seite geflossen. Als sich die Kräfteverhältnisse verschoben, mussten muslimische Herrscher die Praxis ändern. So schloss 1535 Suleiman der Prächtige mit dem französischen König einen Frieden,  der so lange gelten sollte, wie der Sultan lebte - ein Bruch mit der Tradition. Christliche Theologen versuchten - angesichts einer Pluralität von Staaten - zu definieren, was ein „gerechter” Krieg war und was nicht; Kriege einzig um des Glaubens willen galten überwiegend nicht als gerecht. Für muslimische Gelehrte ist hingegen das „Haus des Islam” eine politische Einheit, welche keinen inneren Krieg duldet; darum ist allein der Krieg zur Unterwerfung der Ungläubigen legitim gewesen und obendrein Pflicht, wie der berühmte Gelehrte Ibn Chaldun im vierzehnten Jahrhundert kategorisch sagt: „Im Islam ist der Dschihad gesetzlich vorgeschrieben, weil er einen universalen Auftrag hat und gehalten ist, die gesamte Menschheit freiwillig oder gezwungen zur Religion des Islam zu bekehren.”
   Die Kriegsregeln des Dschihad sind flexibel. Von der Schonung über Massenversklavung bis zur massenhaften Tötung ist nach Khadduri alles möglich, genau wie bei Griechen und Römern. Das unterscheidet die heiligen Kriege des Islam fundamental von denjenigen des alttestamentlichen Israel, welche vorsahen, dass außerhalb Israels alles Männliche zu töten, auf israelischem Boden hingegen alles Lebendige überhaupt zu vernichten war Deuteronomium 20,10-20. Wir pflegen uns darüber zu empören, was die Kreuzfahrer 1099 in Jerusalem anrichteten. In- des, die Kreuzfahrer handelten nach gängigem Kriegsrecht; muslimische Eroberer taten derlei unentwegt und überall: 698 traf es Karthago, 838 Syrakus; der berüchtigte Wesir des Kalifats von Cordoba, Al Mansur, führte in siebenundzwanzig Jahren fünfundzwanzig Feldzüge gegen die christlichen Reiche Nordspaniens, versklavend, vernichtend und verwüstend; es traf Zamora (981), Coimbra (987), Leon, zweimal Barcelona (985 und 1008), dann Santiago de Compostela (997).
   Am furchtbarsten verwüsteten die Dschihads das damals noch so städtereiche byzantinische Anatolien; das Massaker von Amorium (838) ist lange ein Fanal geblieben; die städtische Kultur Anatoliens hat sich davon nie wieder erholt.
   Der Seldschuke Alp Arslan ließ ganze armenische Städte massakrieren, am furchtbarsten 1064 die Hauptstadt Ani. Mehr als berechtigt darum das Urteil von Bat Ye'or: „Die Maßlosigkeit, die Regelmäßigkeit und der systematische Charakter der von den islamischen Theologen zur Norm erhobenen Verwüstungen unterscheiden den Dschihad von anderen Eroberungskriegen.” Gewiss, die Massenversklavung blieb das beliebteste Kriegsziel. So entstand schon im achten Jahrhundert die größte Sklavenhaltergesellschaft der Weltgeschichte; sie benötigte eine ständige Zufuhr immer neuer Sklaven; sie transformierte den afrikanischen Kontinent zum größten Sklavenlieferanten, ein Schicksal, welchem Europa knapp entkam.
   Singular ist die enorme Geschwindigkeit, mit der binnen neunzig Jahren ein arabisches Großreich zwischen Südfrankreich und Indien entstand, ohne dass ein einzelner Eroberer die Expansion gelenkt hätte. Der erfolgreichste Imperialismus der Weltgeschichte erregte nicht zuletzt die Bewunderung Hegels: „Nie hat die Begeisterung als solche größere Taten vollbracht.” Wenn „Begeisterung” solches vermochte, worauf beruhte sie? Die Antwort ist einfach: auf dem Märtyrertum. Ein Ereignis des Jahres 963 in Konstantinopel illustriert das: Kaiser Nikephoros Phokas hatte soeben die arabischen Besatzer aus Kreta vertrieben; nun plante er einen großen Krieg, um Ostanatolien und Nordsyrien von der muslimischen Herrschaft zu befreien. Ein Konzil sollte ihm helfen; eindringlich bat er die versammelten Bischöfe, sie sollten Soldaten, die im bevorstehenden Kampf fielen, zu Märtyrern erheben. Diesen Soldaten wäre also das Paradies sicher gewesen. Der Patriarch stellte sich gegen den Kaiser: Kein kirchliches Konzil sei imstande, Gottes Ratschluss zu antizipieren; allein Gott entscheide über das Heil.
   Eine welthistorische Schlüsselszene. Der Kaiser wusste, was auf dem Spiele stand. Immer wieder hatten die Byzantiner erleben müssen, wie die muslimischen Truppen mit einer Tapferkeit kämpften, zu der die Christen nicht imstande waren. Gefallene Muslime gelten als Märtyrer für den Glauben und marschieren als Gefallene geradewegs ins Paradies. In den beiden  Religionen unterscheidet sich der Begriff des Märtyrers fundamental. Christliche Märtyrer imitieren das Leiden Jesu, erleiden passiv Folter und Tod; muslimische Märtyrer sind aktive Kämpfer.
   Maßgeblich für die Todesbereitschaft der Krieger ist das unverbrüchliche Versprechen, dass, wer für seinen Glauben stirbt, das ewige Heil erhalte Sure 4,74-76. Muslime sollten einer zehnfachen Übermacht standhalten Sure 8,66-67; spätere Rechtsgelehrte erlaubten, wie Khadduri schreibt, den Rückzug, falls man einer mindestens doppelten Übermacht des Feindes gegenüberstand. Da die entscheidende Ressource jedes Krieges der kämpfende Mensch und seine Opferbereitschaft ist, half es den Byzantinern nichts, technisch den Arabern und Seldschuken gleichwertig zu sein; langfristig mussten sie unterliegen, falls ihre Kampfmoral nicht dieselbe Höhe erreichte. Höhere Todesbereitschaft bringt enorme Vorteile in der Gefechtssituation: so lassen sich waghalsige Operationen angehen und kühne Manöver, die den Feind überraschen und verwirren; so lassen sich Siege erzwingen, die technisch und materiell fast nicht möglich scheinen, und Schlachten gewinnen, die unter üblichen Bedingungen verloren sind.
   Nikephoros wusste um die militärischen Konsequenzen von Sure 4,74-76; er war der erste, der die prinzipielle kriegerische Unterlegenheit der christlichen Religion zu korrigieren suchte. Doch die Bischöfe der Ostkirche sahen sich außerstande, ihre Theologie so zu manipulieren, dass ein kriegerisches Märtyrertum hätte entstehen können. Dabei blieb es. Die byzantinischen Kaiser mussten ihre schweren Abwehrkriege gegen die ständigen sarazenischen und seldschukischen Aggressionen führen, ohne dass ihnen die Religion dort half, wo Hilfe am nötigsten war.
   Erst die Westkirche veränderte die theologisch-politische Situation: als Papst Urban II. 1095 zum ersten Kreuzzug aufrief, versprach er den christlichen Kriegern den Erlass der Sündenstrafen. Die Kirche konnte nun Kreuzzüge führen, wie der Islam es seit Jahrhunderten zu tun pflegte.  Worin unterscheiden sich dann Kreuzzüge und Dschihad? Kreuzzüge konnte allein der Papst ausrufen; daher blieben sie sehr selten - verglichen mit den unzähligen, unaufhörlichen und ubiquitären Dschihads der islamischen Welt.
   Und die Ziele von Kreuzzügen blieben genau begrenzt; im November 1095 nannte Urban II. in Clermont Grund und Ziel des Kreuzzuges: „Es ist unabweislich, unseren Brüdern im Orient eiligst Hilfe zu bringen. Die Türken und die Araber haben sie angegriffen und sind in das Gebiet von Romanien (Konstantinopel) vorgestoßen; und indem sie immer tiefer eindrangen in das Land dieser Christen, haben sie diese siebenmal in der Schlacht besiegt, haben eine große Anzahl von ihnen getötet und gefangen genommen. Wenn ihr ihnen jetzt keinen Widerstand entgegensetzt, so werden die treuen Diener Gottes im Orient  ihrem Ansturm  nicht länger gewachsen sein.” Die ersten Kreuzzüge bezweckten, entweder bedrängten Christen zu Hilfe zu kommen oder die Heiligen Stätten in Palästina zu befreien oder von den Muslimen unterworfene Christen zu befreien. Dagegen hielten die muslimischen Rechtsgelehrten immer am Endziel fest, das „Haus des Krieges” zu erobern und alle Ungläubigen zu unterwerfen.
  Urban II. sah richtig. Wäre Konstantinopel schon 1100 gefallen, dann hätte die enorme militärische Kraft der türkischen Heere Mitteleuropa vierhundert Jahre früher heimgesucht. Dann wäre die vielfältige europäische Kultur wahrscheinlich nicht entstanden: keine freien städtischen Verfassungen, keine Verfassungsdebatten, keine Kathedralen, keine Renaissance, kein Aufschwung der Wissenschaften; denn im islamischen Raum entschwand das freie - griechische! - Denken eben in jener Epoche. Jacob Burckhardts Urteil - „Ein Glück, dass Europa sich im ganzen des Islams erwehrte” - heißt eben auch, dass wir den Kreuzzügen ähnlich viel verdanken wie den griechischen Abwehrsiegen gegen die Perser.
  Indes, wurden Kreuzzüge nicht häufig missbraucht? Gewiss. Kreuzzüge „entgleisten” und wurden „zweckentfremdet”, wie etwa jener, der 1204 zur Eroberung des christlichen Konstantinopel führte. Doch das passierte mit Dschihads weitaus häufiger. Wenn die Sklaven knapp wurden, führten Emire nicht nur Dschihads gegen nichtmuslimische Völker, welche zu versklaven geboten war, sondern immer häufiger auch gegen islamisierte Völker, unter dem Vorwand, es seien keine wahren Muslime. Das geschah vorwiegend in Afrika und gegen Schwarzafrikaner, so, als zuerst Songhay 1468, dann die Marokkaner 1552 Mali überfielen, so auch, als seit dem achtzehnten Jahrhundert religiöse Reformer im Sahel ihre Dschihads gegen die muslimisierten Haussa-Städte führten, woraus das Kalifat Sokoto entstand - mit der drittgrößten Sklavenmenge nach Brasilien und den amerikanischen Südstaaten. An den Folgen dieser immer weiter gehenden Dschihads mit ihren Genoziden und Massenversklavungen leidet Afrika bis heute.
   Indes, für welche politische Ordnung führten die Muslime ihre Heiligen Kriege mit dieser Vehemenz und diesem Erfolg? Für die Scharia. Eine politische Ordnung, die erstens Herren und Unterworfene streng absondert, zweitens die politische und soziale Ordnung der  menschlichen Verfügung weitgehend entzieht. Bleiben wir beim ersten Aspekt:In der Scharia sind die Muslime die Herren, die Anhänger anderer Buchreligionen - Christen, Juden, Parsen, Buddhisten - Unterworfene, „Dhimmi”; dabei handelte es sich nicht um religiöse Minderheiten, sondern um ge- waltige Mehrheiten,  vor allem in Syrien, in Anatolien, oder um die Christen Nordafrikas.
   Die Unterworfenen durften keine Waffen tragen, sie waren wehrunfähig, somit keine vollwertigen Männer. Christen und Juden mussten besondere Farben oder Kleidungsstücke tragen (diese Diskriminierung führte zum Judenstern), um als „Dhimmi” kenntlich zu sein; sie durften nicht auf Pferden reiten, sondern nur auf Eseln, damit sie ständig an ihre Erniedrigung erinnert wurden; sie zahlten einen Tribut (Jizya), den sie persönlich entrichteten, wobei sie einen Schlag an den Kopf erhielten. Sie mussten sich von Muslimen schlagen lassen, ohne sich wehren zu dürfen; schlug ein „Dhimmi” zurück, dann wurde ihm die Hand abgehackt, oder er wurde hingerichtet. Die Zeugenaussage eines „Dhimmi” galt nicht gegen Muslime; diese brauchten für Vergehen an einem „Dhimmi” nur halbe Strafe zu tragen; und wegen eines solchen Unterworfenen konnten sie nie hingerichtet werden. Umgekehrt waren grausamste Hinrichtungsarten überwiegend den „Dhimmi” vorbehalten.
   Sogar jene Diskriminierung der Juden, zu der vierhundert Jahre nach dem Islam die Westkirche auf dem IV. Laterankonzil von 1215 schritt und die uns so barbarisch anmutet, bezweckte und erreichte keine Erniedrigung dieses Ausmaßes. Eine besondere Drangsalierung brachte die türkische Herrschaft: seit 1360 wurde in unregelmäßigen Abständen bis zu einem Fünftel aller christlichen Kinder in die Sklaverei abgeführt. Sie wurden zwangsbekehrt.
   Diese Sklavenmenge dürfte im Laufe von vier Jahrhunderten in die Millionen gegangen sein; davon wurden Hunderttausende ausgewählter Knaben zu fanatischen Muslimen und zu Elitekämpfern erzogen, zu den berüchtigten Janitscharen: eine Politik zur systematischen Vermehrung der muslimischen Bevölkerung und zur allmählichen Auslöschung der Christen. Sie hatte Erfolg. Die „Dhimmitude” versetzte die Nichtmuslime in eine radikale Andersheit: Die Menschen in diesem Zustand als „Bürger zweiter Klasse” zu bezeichnen ist Schönrednerei. Wie der Nationalsozialismus die Menschen in Herren- und Untermenschen auf rassischer Basis spaltete, so hat es die Scharia auf religiöser Basis getan. Als erste Weltreligion schuf der Islam eine Apartheid, in der die christlichen oder auch parsischen Mehrheiten kolonisiert und allmählich islamisiert wurden. Islamische Toleranz hieß:  Duldung der Unterworfenen als Gedemütigte und Erniedrigte. All das ist durch Studien zur „Dhimmitude“ bekannt. Aber wer will von den millionenfachen Opfern hören?
  Der Islam hat riesige Territorien religiös „gesäubert”: der zweite Kalif machte den Hidjaz, also Arabien außer dem Jemen, „christenrein” und „judenrein”; die Alternative hieß Konversion oder Vertreibung. Das hat - von alttestamentlichen Fällen abgesehen - niemals zuvor eine Religion gemacht. Ebenso „reinigten” die Almohaden und Almoraviden ihr Spanien nach  dem Zusammenbruch des Kalifats 1031: Zehntausende Juden wie Christen mussten entweder konvertieren oder ins christliche Nordspanien oder in die Levante fliehen. Gewiss, englische und französische Könige und dann die Könige Spaniens selber taten später das gleiche; sie wandten dabei ein muslimisches Rezept an. Und die Pogrome? Seit dem Kalifen Al-Mutawakkil (847 bis 861) schwappten immer wieder Verfolgungen über den Orient und Nordafrika, wobei Juden und Christen zwangsbekehrt, vertrieben oder massakriert wurden. Die ständige Zerstörung von Kirchen ging bis ins vorletzte Jahrhundert weiter. Allmählich zerlaufen auf dem verklärten Bild des muslimischen Spanien, welches der europäische Anti-Imperialismus im neunzehnten Jahrhundert geschaffen hat, die blumigen Farben. Sorgfältige Aufarbeitung der Dokumente bringen darunter ein anderes Bild zum Vorschein. Dort kam es 889 in Elvira und 891 in Sevilla zu umfassenden Pogromen gegen Christen. Im marokkanischen Fez wurden 1033 über 6.000 Juden massakriert. 1058 wurde das christliche Antiochia unter Folter und Todesdrohungen muslimisch gemacht.
   Das erste große Pogrom gegen Juden auf europäischem Boden fand 1066 im muslimischen Granada statt; dabei kamen 1.500 jüdische Familien um. 1135 wurde das Judenviertel Cordobas niedergebrannt, die Zahl der Massakrierten nicht zu wissen mag heilsam sein.  1159 standen sämtliche Christen von Tunis vor der Wahl, zu konvertieren oder zu sterben. Um diese Zeit wurde das ehemals so vitale Christentum Nordafrikas vollends vernichtet. Die Pogrome im christlichen Herrschaftsgebiet sind kein Ruhmesblatt der europäischen Kultur; aber ihre Ausmaße bleiben zurück hinter jenen der islamischen Welt. Wir brauchen dringend eine vergleichende Geschichte religiöser Unterjochung.
   Reden wir von Integration der Juden? Nirgendwo unter der Herrschaft des Islam, und auch nicht im spanischen Kalifat, waren Juden Bürger ihrer Stadt; sie blieben stets Unterworfene. In manchen deutschen Städten - Worms, Augsburg und anderen - des Hochmittelalters  waren  die  Juden Stadtbürger besondereren Rechts, sie hatten das Recht, Waffen zu tragen, und waren besser gestellt als ärmere christliche Einwohner. Sie waren bis ins vierzehnte Jahrhundert, als sich ihre Situation verschlechterte, weit besser integriert, als die Juden im muslimischen Spanien es jemals sein konnten. Wer die politische Integration für die wichtigste hält, kann nicht umhin, Augsburg über Cordoba zu stellen. All das ist seit über fünfzehn Jahren wissenschaftlich bekannt. Aber wer will es hören?
   Seine Vergangenheit nicht zu kennen heißt, sie wiederholen zu müssen. Wer weiterhin das Märchen von der islamischen Toleranz verbreitet, behindert jene muslimischen Intellektuellen, die ernsthaft an jener Reform des Islam arbeiten, die im neunzehnten Jahrhundert so Erfolg versprechend begann. Denn er beraubt sie der Chance, eine Vergangenheit zu überwinden, die ansonsten zur abscheulichen Gegenwart zu werden droht. Gelänge es den Reformern, den Islam radikal zu entpolitisieren, dann könnten die Muslime zu wirklichen Bürgern in ihren Staaten werden. Übrig bliebe jene hochgradig spirituelle Religion, die nicht nur Goethe fasziniert hat: Hegel nannte den Islam die „Religion der Erhabenheit”. Dazu könnte er werden. Prof.Dr. EgonFlaigFAZ060916

Gewalt in den Suren des Koran: Zur Diskussion über friedliebende Muslime und den Terror der Islamisten
Verse, die zu Kampf und Gewalt aufrufen

   In einer Besprechung des Buches von Hubertus Hoffmann „Codex der Toleranz" DT vom 7. Februar 2014 wurde behauptet: „Gewalt wird im Koran nur erlaubt zur Selbstverteidigung." Ferner wurde Papst Franziskus zustimmend zitiert: „Der wahre Islam und eine angemessene Interpretation des Korans stehen jeder Gewalt entgegen." Evangelii gaudium Nr. 253. Beide Behauptungen sind falsch. Sicherlich gibt es friedfertige Koranverse. In einem lesenswerten Beitrag hatte Professor Hanna Barbara Gerl-Falkovitz noch eine Woche zuvor auf Sure 5,28 hingewiesen, aber zugleich die nicht geringe Zahl von Versen erwähnt, die zur Gewalttätigkeit aufrufen DT vom 31. Januar 2015. Letztere sind zusammengestellt zum Beispiel bei Salam Falaki, Kampfbefehle Allahs im Koran - Warum Muslime gegen Ungläubige kämpfen müssen. Arabisch-deutsch, 19 Seiten.
   Jene Verse stammen meist aus Mohammeds Zeit in Medina, nach muslimischer Exegese abrogieren sie oder relativieren zumindest die älteren Aussagen der Mekkanischen Suren. Man kann den Islam nicht verstehen, wenn man nicht jene Sätze bedenkt, die Professor Martin Rhonheimer in seltener Klarheit wiederum gerade in der DT veröffentlicht hatte Antithese zum Christentum, 29. September 2014: „Das islamische Menschenbild geht auf die Vorstellung zurück, dass Allah die Menschen als Muslime geschaffen hat, dass alle Nichtmuslime deshalb eigentlich Abtrünnige sind... Der Islam zielt in erster Linie darauf ab, diese Welt in das sogenannte ,Haus des Islam' zu verwandeln, wo das Gesetz der Scharia gilt, die Ordnung Allahs... Traditionelle islamische Lehre besagt, wer sich den ,Boten Allahs’ widersetzt, wird dann automatisch zum Angreifer, sodass jeder Eroberungskrieg als Verteidigungskrieg gerechtfertigt werden kann... Wenn Christen nicht bereit waren, als dhimmis (Bürger zweiten Ranges, u. a. mit Pflicht zur Zahlung der Kopfsteuer) zu dienen, konnten sie getötet und ihre Frauen und Kinder als Sklaven verkauft werden. Das ist auch heute noch geltendes Kriegsrecht der Scharia." Der Rostocker Althistoriker Egon Flaig druckte in seinem Standardwerk entsprechende Bestimmungen des Islam ab Weltgeschichte der Sklaverei, München 2011, 112-123, siehe auch den vorstehenden Artikel von Prof. Egon Flaig.
 Zu den terroristischen Gewalttaten der jüngsten Zeit nahm der Wiener Professor für islamische Religionspädagogik Ednan Aslan Stellung: „Ich verstehe Leute nicht, die die Position vertreten, die Gewalttaten hätten nichts mit dem Islam zu tun. Sie haben sehr wohl etwas mit dem Mainstream-Islam zu tun! In den Vorschriften der vier prägenden Rechtsschulen, von den Sunniten bis zu den Schiiten, heißt es, man müsse jene töten, die Gott und seinen Gesandten beleidigen... Die Tötung von Homosexuellen wird in jedem Rechtsgrundwerk des Islams gefordert. Es heißt, man solle sie von einem Berg stoßen oder von einer Wand begraben lassen... Es ist also höchste Zeit, dass sich muslimische Theologen kritisch mit ihrer Lehre auseinandersetzen." General-Anzeiger vom 4. Februar 2015 Übrigens kann man sich für die hier vorgestellte, manchen Leser vielleicht schockierende Analyse des Islam auch auf kirchliche Dokumente berufen. Die traditionelle muslimische Lehre wurde 2003 in der von den deutschen Bischöfen herausgegebenen Schrift „Christen und Muslime in Deutschland" Nr. 142 f., der man wahrlich keine „Islamophobie" vorwerfen kann, so zusammengefasst: „Nach dem klaren Schriftbefund im Koran heißt dschihad an mehr als 80 % der Fundstellen ,einen Krieg um des Glaubens willen führen'. Darüber hinaus rufen die Verse 5 und 29 der neunten Sure, die als zeitlich letzte und damit alle anderen interpretierende Sure gilt, dazu auf, die Ungläubigen aktiv zu bekämp­fen... Die Vorstellung, dass die im Glau­benskrieg Gefallenen - nach islamischer Terminologie Märtyrer - unmittelbar ins Paradies eingehen, ist schon im Koran enthalten Sure 3,169; 2, 214; 22,58... Auch ohne vorangegangenen Angriff von Seiten der Ungläubigen ist nach vormodernem islamischen Staatsverständnis der Dschihad gegen die Ungläubigen obligatorisch, und zwar bis zur Unterwerfung der ganzen Welt unter islamische Herrschaft, bzw. bis zum Jüngsten Tag. Diesen expansionistischen Dschihad zu führen ist keine individuelle Pflicht eines jeden Muslim. Es genügt, wenn die Staatsführung dafür Sorge trägt, dass er weitergeht." Professor Aslan tritt, genauso wie andere „liberale" Muslime, zum Beispiel Professor Khorchide, für eine moderne Interpretation des Korans ein. Hier müsste eine historische Interpretation greifen: Selbst glaubenstreuen Christen ist heute klar, dass manche Aussagen der Bibel, vor allem des Alten Testaments, zeitbedingt sind. So wäre auch der Koran auszulegen, und alle zum blutigen Kampf auffordernden Verse müssten als geschichtlich überholt bewertet werden.
   Eine große Schwierigkeit tritt allerdings bei einem solchen Verfahren auf: Das Buch soll so, wie es vorliegt, Wort für Wort mit seinem Urbild im Himmel übereinstimmen, die Muslime glauben an eine radikale Form der Inspiration, oft sogar an einen ungeschaffenen Koran. Dieser Glaube der Buchreligion erschwert es sehr, einen Weg einer gesunden „Aufklärung" zu gehen. Sicher wird dieser heute nur von einer kleinen Minderheit muslimischer Theologen befürwortet, und das wird sich wohl auch kaum ändern. Allerdings bleibt festzuhalten, dass erfreulicherweise die große Mehrzahl der Muslime bei uns in der alltäglichen Praxis friedlich lebt. Insofern können sie zu Deutschland mit seinem Grundgesetz gehören. Das gilt aber, um eine alte Debatte in Erinnerung zu rufen, im strengen Sinne nicht für ihre Religion, und zwar sowohl aus religionssystematischer als auch erst recht aus historischer Perspektive. DT150214DrHeinz-LotharBarth

Grundbegriffe einer politischen Religion

   Der Koran ist das heilige Buch des Islam. Anders als die Bibel, auf deren Geschichten er oftmals zurückgreift, entbehrt er einer Logik der Chronologie, seine Abschnitte, die Suren, folgen nach ihrer Textlänge aufeinander, sind mithin nach äußerlichen Gesichtspunkten geordnet. Der Dschihad, heiliger Krieg, wird nach klassischer islamischer Rechtslehre zwischen dem Haus des Islam und dem Haus des Krieges, also der nichtmuslimischen Welt, geführt. Die Teilnahme am Dschihad ist für jeden wehrfähigen Muslim eine Grundpflicht. Ziel des Dschihad ist die weltweite Durchsetzung der Scharia,des islamischen Rechts. Nach dieser Lehre sind Andersgläubige nicht Vollbürger, sondern tributpflichtige Unterworfene. Die Charidschiten waren eine der ältesten muslimischen Gemeinschaften. Sie unterlagen 657 im Kampf gegen die Omaijaden, übten aber mit ihrer entschiedenen Rechtsgläubigkeit auch später einen Einfuß auf die saudischen Wahhabiten seit dem achtzehnten Jahrhundert aus. Zur verklärten Legende wurde die islamische Herrschaft im Kalifat von Cordoba, dem man eine besondere Toleranz nachsagte. EFleigFAZ060916

Wie entwickelt sich der Islam?
Experten diskutieren das Verhältnis der Muslime zum deutschen Verfassungsstaat

   Religion ist wieder Thema. Über Jahrzehnte scheinbar ins Private gedrängt, ist sie in der gesellschaftlichen Wahrnehmung ungemein präsent. Ursache dafür ist nicht nur, aber auch der Islam, der in Deutschland an Bedeutung gewonnen hat. Das „Lindenthal-Institut" in Köln hatte dazu eingeladen, diesen Fragen nachzugehen. Experten diskutierten über „Islam, Säkularismus, Religionsrecht - Aspekte und Gefährdungen der Religionsfreiheit".
   Gleich zu Beginn betonte Lothar Häberle, Mitarbeiter des Instituts, dass Religionen grundsätzlich eine „Außensicht" akzeptieren müssten: Ihr Bekenntnis sei nur eine Form der Weltdeutung unter vielen. „Mit dem Grundgesetz hat Deutschland die prinzipielle Trennung von Kirche und Staat aus der Weimarer Verfassung übernommen und zugleich eine positive Religionsfreiheit entwickelt." Dem religiösen Bekenntnis werde als „prägendem Kulturfaktor" Raum gewährt. Diese Errungenschaft gelte es zu verteidigen.
   Dann sprach der Osnabrücker Islamwissenschaftler Bülent Ucar über das Verhältnis von Islam und Verfassungsstaat aus der Sicht eines Muslims. Zu Beginn verwies er auf Untersuchungen, wonach es bereits vor dem 11. September 2001 in Deutschland erhebliche Vorbehalte gegen den Islam gegeben habe. Diffuse Ängste kommen demnach in der weit verbreiteten Annahme zum Ausdruck, es würden vor allem Muslime zuwandern. Ufar: „Tatsächlich sind 60 bis 70 Prozent der Migranten aber gar keine Muslime." Für den Islam-Wissenschaftler lässt sich die Phobie vor allem an der Scharia festmachen, dem islamischen Recht. Viele Bundesbürger verbänden damit archaisch anmutende Vorschriften, wie etwa die Steinigung bei Ehebruch oder das Abhacken von Händen bei Diebstahl. Vor Pauschalisierungen sei aber zu warnen. „Der Islam ist vielfältig. Er hat sich entwickelt mit Höhen und Tiefen", so Ufar, der seit 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück ist. Auch Muslim sollten historische Aufbrüche zugestanden werden wie sie die christlichen Kirchen im Laufe ihrer Geschichte vollzogen hätten, betonte der 33-jährige gebürtige Oberhausener. Die Scharia, die sich im Grundsatz auf die gesamte Lebensführung beziehe, also einen absoluten Anspruch erhebe, werde tatsächlich ohnehin nur in wenigen islamischen Staaten angewendet. Immer wieder betonte der Wissenschaftler die Vielfältigkeit des Islam, wie sie etwa in verschiedenen religiösen Schulen im türkisch-persischen und im arabischen Raum anzutreffen sei. Von „dem" Islam zu sprechen führe folglich in die Irre. Im Diskurs der Gelehrten erfahre der Glaube des Propheten zudem durchaus eine Fortentwicklung - dies könne sich auch auf das Verhältnis zum Verfassungsstaat westlicher Prägung auswirken. Er selbst, so Ufar, favorisiere das „deutsche Modell" einer positiven Religionsfrei- heit, die Kirche und Staat im Grundsatz zwar trenne, die Religion aber indirekt fördere und ihr einen Platz in der Gesellschaft zuweise. Die Islamkonferenz sei daher zu begrüßen. „Die Politik ist in Deutschland endlich aufge- wacht." Ufar räumte jedoch ein, dass im Islam eine enge Verzahnung von Religion und politischer Macht nach wie vor üblich ist. Grund sei das „Modell Medina", die Zeit, die der Prophet ab 622 in Medina verbracht und in der er sich als politisch-militärischer Führer etabliert habe - eine Entwicklung, die letztlich die enorme Ausbreitung des Islam ermöglichte.
Globalisierung fordert islamische Theologie heraus
   Der Zürcher Islamwissenschaftler Lukas Wiek griff diesen Gedanken indirekt auf. Angesichts der Herausforderungen durch eine globalisierte Welt stehe die islamische Theologie vor der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels, wie ihn etwa die katholische Kirche im Zuge des 2. Vatikanischen Konzils vollzogen hätte: einer positiven Würdigung der Religionsfreiheit. „Dies führte ja keineswegs zur Selbstaufgabe der Kirche und ihres Wahrheitsanspruchs, wie dies fälschlicherweise oft kolportiert wird", so Wiek. In seiner Hoffnung, das konstitutionelle Modell, das formell in den meisten islamischen Ländern den politischen Rahmen bestimmt, werde zu einer breiten Diskussion über dessen freiheitsrechtliche Dimension führen, zeigte sich Wiek jedoch enttäuscht. „Es gibt keinerlei positive Assoziation mit konstitutionellen Errungenschaften. Der Konstitutionalismus und die damit verbundene Säkularisierung werden meist pauschalisierend als trojanisches Pferd neokolonialen Strebens gesehen", so der promovierte Islamwissenschaftler. DT100831reinhardbackes

 Zwei Wege für den Islam

   Damit der Islam ein „guter" Islam ist, wird in Deutschland gerne alles Böse damit erklärt, dass es nichts mit dem Islam zu tun habe. Der „Islamische Staat"? Hat nichts mit dem Islam zu tun. Der Terror der Dschihadisten? Hat nichts mit dem Islam zu tun. Der Islamismus? Hat nichts mit dem Islam zu tun. Der „Ehrenmord" am eigenen Kind? Hat nichts mit dem Islam zu tun. Unterdrückung der Frau? Hat nichts mit dem Islam zu tun. Müsste es dann nicht auch heißen, dass auch der Salafismus nichts mit dem Islam zu tun habe, und auch der Wahabismus nicht? Spätestens hier wird deutlich, wie absurd es ist, so zu tun, als habe das alles nichts mit Religion, sondern allenfalls mit Tradition zu tun.
   Es war ein Irrtum mit Folgen, so zu argumentieren. Weder schärfte es den politischen Blick für den islamistischen (und islamfeindlichen) Radikalismus, der sich innerhalb kurzer Zeit in der deutschen Gesellschaft verbreiten konnte; noch verlangte es den muslimischen Gemeinden ab, ihr Glaubensbekenntnis und ihre danach orientierte Lebenswelt dahingehend abzufragen, ob sie sich mit den Grundsätzen des Staates vertragen, in dem sie beheimatet sind. Denn wenn alles, das sich radikal gegen diesen Staat und seine Gesellschaft richtet, nichts mit dem Islam zu tun hat, warum sollten sich Muslime und ihre Moscheegemeinden dann ernsthaft damit beschäftigen?
   Es gibt zwei Wege, um den für westliche Maßstäbe offenen Islam zu fördern. Der eine Weg geht über klare Grenzen. Sigmar Gabriel hat recht, wenn er extremistischen Predigern, die Hassausbrüche provozieren, das Handwerk legen will. Ist es nicht grotesk, dass in Deutschland jede Haken- kreuz-Schmiererei verfolgt wird, Tausende aber ungestraft auf die Straße gehen und „Juden ins Gas" skandieren durften? Gabriels Vorstoß richtet sich gegen Saudi-Arabien. Dabei wird es aber nicht bleiben können. Der andere Weg zur Integration des Islams muss von den deutschen Muslimen selbst beschritten werden. Darauf zielen die Grünen und die Formel vom Islam, der „eingebürgert" werden müsse. Das richtet sich nicht nur gegen Saudi-Ara- bien, sondern auch gegen den türkischen und orthodoxen Einfluss auf deutsche Muslimverbände, denen es bislang nicht gelungen ist, ihr Paralleluniversum zu verlassen. Das ist angesichts der Flüchtlingswelle umso bedauerlicher. Denn es gibt genug Muslime in Deutschland, die längst „eingebürgert" sind, aber als Gemeinschaft keine Stimme haben.
FAZ151207 Jasper von Altenbockum

Ein Islam für Europa - Für Bosniens Muslime sind Demokratie und Glaube kein Widerspruch

 Der Islam ist Teil der europäischen Zukunft und wird in den meisten Staaten der EU eine wachsende Rolle spielen. Nicht allein der numerische Einfluss muslimischer Minderheiten in fast allen EU-Staaten wächst. Die Diskussion dar- über, wie sich diese Weltreligion mit ihren in Asien und Afrika gelegenen Gravitationszentren in Einklang bringen lässt mit jenen Vorstellungen vom Aufbau einer Gesellschaft, die in Europa seit einigen Jahrzehnten vorherrschen, wird immer wichtiger. Oft wird dabei die (einst) kemalistische Türkei als Vorbild oder gar Modell genannt. an deren Beispiel deutlich werde, dass auch ein Staat mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung sich eine demokratische Form geben und erhalten könne.
   Doch abgesehen davon, dass die kemalistische Türkei alles andere als demokratisch war und die derzeitige Transformation des Landes unter Recep Tayyip Erdogan trotz aller Fortschritte ein Prozess mit ungewissem Ausgang ist, gibt es ein nicht nur geographisch näherliegendes, dabei ungleich überzeugenderes Beispiel dafür, dass Islam und Demokratie vereinbar sind. Wir finden es in Bosnien-Hercegovina, wo seit Jahrhunderten Muslime leben. Die Bosniaken, wie sie sich nennen, stellen die (relative) Mehrheit der Bevölkerung des Balkanstaates - und ihr Beispiel führt den Widersinn der Behauptung vor Augen, Islam und Demokratie seien immer und allenthalben Gegensätze. Gewiss liegt einiges im Argen in Bosnien, doch eines lässt sich nicht sagen: Dass dort radikale Muslime den Ton angäben. Trotz des Krieges von 1992 bis 1995, in dem die meisten der etwa 100.000 Todesopfer bosnische Muslime waren, käme kein maßgeblicher Wortführer der Bosniaken auf die Idee, einer Abschaffung der Demokratie zugunsten eines islamischen Gottesstaates das Wort zu reden. Täte es doch jemand, hätte er nennenswerte Gefolgschaft nicht zu erwarten, im Gegenteil. Die große Mehrheit der bosnischen Muslime würde sich von ihm abwenden. Die Trennung von Staat und Religion ist für Bosniens Muslime seit mehr als hundert Jahren eine allgemein akzeptierte Tatsache. Sehr selten und keinesfalls mehrheitsfähig sind in Bosnien fundamentalistische Ansichten. Ausländische Beobachter haben, mal in lobender, meist aber wohl in geringschätzender Absicht, von einem bosnischen „Nachmittagsislam" gesprochen.
   Die liberale Auslegung hängt auch mit der einzigartigen Prägung und Verfasstheit des bosnischen Islam zusammen, der auf osmanische Wurzeln zurückgeht. Die Krieger des Sultans waren es, die ihn bei ihrer Eroberung des Landes im Jahr 1463 im Marschgepäck mitbrachten. In seiner heutigen Erscheinungsform ist der bosnische Islam aber nicht allein durch die mehr als vier Jahrhunderte währende „Türkenzeit" geprägt, sondern wesentlich auch durch die kurze habsburgische Periode. Der Einfluss des Habsburgerreichs auf Bosnien währte zwar nur von 1878 bis 1918, aber diese vier Jahrzehnte hinterließen auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, ob nun in Verwaltung, Erziehung oder Architektur, prägende Spuren. Auch der Islam in Bosnien erhielt in dieser Zeit eine in der Welt einzigartige demokratische Struktur. Warum diese Struktur entstand und was sie bis heute bewirkt, davon berichtet ein Buch mit dem Titel „Islam mit europäischem Gesicht" (Butzon & Bercker 2011): „Der Islam, der zwar Institutionen, aber keine den Kirchen vergleichbare Verfasstheit kennt, wurde in Bosnien-Hercegovina strukturell „verkirchlicht". Er wurde damit, anders als im Osmanischen Reich, unabhängig vom Staat institutionalisiert und erhielt eine moderne, von Istanbul unabhängige Organisationsform, die für den Staat fortan als klar greifbares Gegenüber zur Verfügung stand. (...) An der Spitze stand fortan der Reisu-l-ulema („Oberhaupt der Gelehrten"), der nach österreichischem Recht den Status eines Erzbischofs hatte." Die politische Absicht dahinter war leicht durchschaubar: Wien wollte durch die Schaffung von kirchenähnlichen Strukturen für den Islam in Bosnien verhindern, dass der Sultan aus Istanbul über seinen Einfluss auf die bosnischen Muslime in nunmehr habsburgische Belange hineinregiere. Dafür war in Bosnien ein Partner nötig, der im Namen der Muslime sprechen konnte. „Die Loslösung der Staatsmacht von der Religion", heißt es dazu in dem Buch, „wirkte sich förderlich für beide aus. Der Islam in Europa wird unabhängig von der Autorität eines Sultans und Kalifen." Die damals geschaffene Struktur hat sich, mit Unterbrechungen im serbisch beherrschten ersten Jugoslawien, bis heute erhalten. Nach der 1997 zuletzt modifizierten Verfassung des bosnischen Islams beträgt die Amtszeit des Reisu-l- ulema sieben Jahre, wobei höchstens zwei Amtszeiten erlaubt sind. Es gibt ein Parlament mit 83 Mitgliedern sowie eine nach dem Territorialprinzip organisierte Ordnung bis hinunter zum Imam der Dorfmoschee. Die Organisationsform allein besagt zwar wenig, doch ist diese Struktur tatsächlich mit demokratischem Leben erfüllt. Man sieht das auch in Deutschland und Österreich, wo Muslime aus dem ehemaligen Jugoslawien die zweitgrößte, und in der Schweiz, wo sie die größte Gruppe der Zuwanderer mit islamischem Religionshintergrund stellen. Der Münchner Religionswissenschaftler Jakob Wimmer stellt in einem Beitrag zu dem erwähnten Band fest, dass „der große Anteil bosnischstämmiger Muslime, im Unterschied zu jenen aus der Türkei, von der Mehrheitsgesellschaft kaum wahrgenommen wird". Er zieht daraus den Schluss, dass Muslime mit bosnischen Wurzeln, just weil sie „keine Schlagzeilen in diesem Sinn produzieren", unsere Hauptaufmerksamkeit verdienten.
   Tatsächlich bietet der bosnische Islam für die europäische Diskussion über den Umgang mit und die Angst vor dieser Religion wichtige Anregungen. Nicht zuletzt deshalb, weil dahinter, anders als etwa in der Türkei, kein nationalistischer Staat steht. Es gibt auch keinen bosnischen Erdogan, der in Deutschland die Hallen füllt und Reden im Geiste eines vorgestrigen Nationalismus hält. Kurzum: Europa täte gut daran, bei der Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen des Islams genauer nach Bosnien zu blicken. In ein Land, in dem trotz aller Unzulänglichkeiten und trotz des hauptsächlich gegen Muslime gerichteten Vertreibungskriegs der neunziger Jahre („Srebrenica"), Islam und Demokratie kein Widerspruch sind. Natürlich will auch der bosnische Islam Einfluss ausüben, und gerade der derzeitige Reisu-l-ulema Mustafa Ceric weiß genau, was Machtpolitik ist. Aber niemand in Sarajevo käme auf die Idee, die Scharia könnte ein bürgerliches Gesetzbuch ersetzen oder stünde darüber. Bosnien hat jenes demokratische Niveau erreicht, um das andere Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit noch lange ringen werden.
FAZ110806MichaelMartens 

 Dem Freitagsgebet der Muslime kommt seit jeher eine politische Bedeutung zu

   Auch in Kairo ist es immer wieder das Freitagsgebet, also ein nach westlich-christlicher Auffassung rein religiöser Akt des Bittens oder Flehens zu Gott, der den Anlass bietet für politische Demonstrationen und Kundgebungen. Doch das Gebet unterscheidet sich im Islam von (heutigen) christlichen  Vorstellungen. Vor mehr als dreißig Jahren konnte man schon aus Anlass der islamischen Revolution in Iran sehen, wie wichtig das Freitagsgebet in Teheran für den politischen Fortgang der Dinge war. Damals kamen Hunderttausende zu den Gebeten, um den Druck auf das Schah-Regime zu erhöhen; und bis heute ist das Amt des Freitagspredigers in der Islamischen Republik Iran eines der wichtigsten. Angehörige der Staatsspitze, wie etwa der langjährige Staatspräsident Hodschatoleslam Rafsandschani, nehmen es wahr. Im Zentrum Teherans, unweit der Universität, ist ein überdachter Gebetsplatz(mosalla) eingerichtet worden, der regelmäßig Schauplatz der Freitagsgebete ist.
  Das Beten gehört zu den fünf Pfeilern des Islam, ist also Pflicht für jeden Muslim, es sei denn, er wäre verhindert. Dann kann das Gebet nachgeholt werden. Zwar kennt der Islam auch das individuelle Bittgebet (dua), in dem der einzelne Gläubige von Gott etwas erbittet, doch zu den „Pfeilern" gehört das Gemeinschaftsgebet (salat). Es findet zwischen der Morgenfrühe und dem Anbruch der Nacht fünfmal am Tag statt. Der Muezzin ruft zum Gemeinschaftsgebet („Herbei zum Heil, das Gebet ist besser als der Schlaf!"), vor dessen Vollzug sich der Gläubige zu reinigen hat, denn er muss im Zustand der Tahara sein, der äußerlichen wie innerlichen Reinheit. Der Sinn des „salat" ist weniger das Bitten um Heil oder die Erfüllung bestimmter Wünsche, als vielmehr die gemeinsame Bekundung des Glaubens durch die Gemeinde. In den Niederwerfungen, die das Gebet der Muslime kennzeichnen, bei denen der Gläubige mit der Stirne den Gebetsteppich berührt, bezeugen die Beter die Allmacht und Erhabenheit Gottes, vor dessen Majestät sie sich verneigen.
   Unter den Gemeinschaftsgebeten nimmt das Freitagsgebet einen besonderen Rang ein, der Freitag ist der Feiertag (Gebetstag) der Muslime. Schon früh wurden in den großen Zentren der islamischen Welt Freitagsmoscheen errichtet, die größer waren als andere, da sich mehr Personen dort versammelten als in den anderen Moscheen üblich. Freitagsmoscheen wurden bisweilen auch besonders prachtvoll ausgestaltet. Doch genügte, wenn etwa ein Landstrich erobert worden war, auch ein abgestecktes Viereck, um dort das Ritualgebet zu verrichten.
   Am Freitag wird das Gemeinschaftsgebet durch eine Predigt ergänzt. Rechts neben der Gebetsnische (mihrab) steht eine Kanzel (minbar), von der aus der Chatib, der Prediger, zur Gemeinde spricht. Der Inhalt der Freitags- predigten wird entweder frei gestaltet, oder er wird - je nach Land - vorgegeben. In Ägypten obliegt es der als Autorität geltenden Theologenschule Al Azhar, Richtlinien für die Freitagspredigten herauszugeben, nicht zuletzt, um radikale Tendenzen zu unterbinden. Auch in der Türkei gibt das Diyanet, das „Religionsministerium", das für die Vorbeter und die Moscheen im Lande zuständig ist, solche Leitfäden heraus.
   Als Inhalt wählt sich der Prediger oft eine Koranstelle aus, die er erläutert, doch sind auch politische Inhalte nicht selten.  Oder eine theologische Predigt geht unversehens ins Gesellschaftspolitische oder Politische über. Heute werden Freitagspredigten oft über Lautsprecher ins Freie übertragen, zumal in Ägypten sind die Moscheen freitags so voll, dass der Rest der Beter im Freien den Ritus verrichten muss. In Kairo sind dann ganze Straßenzüge abgesperrt.
   Neben dem Fasten im Ramadan, das ebenfalls zu den fünf Pfeilern des Glaubens gehört, macht das Ritualgebet am besten deutlich, dass dem Islam Orthopraxie häufig mehr bedeutet als Orthodoxie. Der Islam ist vor allem eine religiöse Praxis. Als der Prophet Mohammed in Mekka zu wirken begann, fiel er - neben seinen Predigten - seinen Landsleuten vor allem dadurch auf, dass er mit seinen Anhängern rituelle Bewegungen vollzog, die ihnen fremdartig erschienen.
   Immer war dem Gemeinschaftsgebet der Muslime auch eine politische Bedeutung inhärent. Kam ein neuer Herrscher auf den Thron, legal, durch Umsturz oder Eroberung, galt seine Souveränität - neben dem Prägen von Münzen - erst dann als anerkannt, wenn das Gebet und Predigt in seinem Namen vollzogen wurden. Immer auch waren Moscheen Orte politischen Widerstandes, wenn Muslime gegen Herrschaft aufbegehrten, die sie für illegitim hielten. Unter den Teilnehmern an den Freitagsgebeten in Kairo dürften viele die gegen Mubarak gerichtete Tradition als ganz natürlich empfunden haben.  FAZ110212WolfgangGünterLerch

B-K-Mxx   „Terrorismus ist eine perverse Entscheidung“

Foto: Papst Benedikt XVI. begrüßt den Vorsitzenden der Muslime in Deutschland Elyas Nadeem.
„Die Attentäter wollen unsere Beziehungen vergiften”. Im Wortlaut die Ansprache Benedikts XVI.
 bei der Audienz für Vertreter einiger muslimischer Gemeinschaften in Köln

Liebe muslimische Freunde!
   Es bereitet mir große Freude, Sie zu empfangen und herzlich zu begrüßen. Ich bin hier, um die Jugendlichen zu treffen, die aus allen Teilen Europas und der Welt gekommen sind. Die Jugendlichen sind die Zukunft der Menschheit und die Hoffnung der Nationen. Mein geliebter Vorgänger, Papst Johannes Paul II., sagte einmal zu den jungen Muslimen, die im Stadion von Casablanca (Marokko) versammelt waren: „Die Jugendlichen können eine bessere Zukunft bauen, wenn sie sich vor allem im Glauben auf Gott ausrichten und sich dann bemühen, diese neue Welt nach dem Plan Gottes zu errichten, mit Weisheit und Vertrauen” .Die Ansprache von Papst Johannes Paul II. an 80.000 Jugendliche im Stadion Mohammed V in Casablanca finden Sie oben auf dieser Seitre! Aus dieser Blickrichtung wende ich mich an Sie, hebe muslimische Freunde, um mit Ihnen meine Hoffnungen zu teilen und Sie in diesen besonders schwierigen Zeiten unserer aktuellen Geschichte auch an meinen Sorgen teilhaben zu lassen.
   Ich bin sicher, auch Ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen, wenn ich unter allen Sorgen diejenige hervorhebe, die aus dem sich immer weiter ausbreitenden Phänomen des Terrorismus entspringt. In verschiedenen Teilen der Welt wiederholen sich fortlaufend terroristische Aktionen, die Tod und Zerstörung verbreiten und viele unserer Brüder und Schwestern in Kummer und Verzweiflung stürzen. Die Ersinner und Planer dieser Attentate zeigen, dass sie unsere Beziehungen vergiften wollen. Sie bedienen sich aller Mittel, sogar der Religion, um jedem Bemühen um ein friedliches, loyales und entspanntes Zusammenleben entgegenzuwirken. Der Terrorismus, welcher Herkunft er auch sei, ist eine perverse und grausame Entscheidung, die das unantastbare Recht auf Leben mit Füßen tritt und die Fundamente jedes geordneten Zusammenlebens untergräbt. Wenn es uns gemein- sam gelingt, das Hassgefühl aus den Herzen auszurotten, uns gegen jede Form von Intoleranz zu verwahren und uns jeder Manifestation von Gewalt zu widersetzen, dann werden wir die Welle des grausamen Fanatismus aufhalten, die das Leben so vieler Menschen aufs Spiel setzt und den Fortschritt des Friedens in der Welt be- hindert. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht unmöglich. Der gläubige Mensch weiß nämlich, dass er sich trotz der eigenen Schwäche auf die geistige Kraft des Gebetes verlassen kann.
  Liebe Freunde, ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir, ohne dem negativen Druck der Umgebung zu weichen, die Werte der gegenseitigen Achtung, der Solidarität und des Friedens bekräftigen müssen. Das Leben jedes Menschen ist heilig, für die Christen wie auch für die Muslime. Wir haben ein großes Aktionsfeld, in dem wir uns im Dienst an den moralischen Grundwerten vereint fühlen können. Die Würde der Person und die Verteidigung der Rechte, die sich aus dieser Würde ergeben, muss Ziel und Zweck jedes sozialen Planes und jedes Bemühens zu dessen Durchsetzung sein. Das ist eine Botschaft, welche die leise, aber deutliche Stimme des Gewissens in unverwechselbarer Weise skandiert. Es ist eine Botschaft, die man hören und zu Gehör bringen muss: Würde ihr Widerhall in den Herzen verstummen, wäre die Welt der Finsternis einer neuen Barbarei ausgesetzt. Nur über die Anerkennung der Zentralität der Person kann man eine gemeinsame Verständigungs-Grundlage finden, eventuelle kulturelle Gegensätze überwinden und die explosive Kraft der Ideologien neutralisieren.
  In der Begegnung, die ich im April mit den Delegierten der Kirchen und kirchlichen Vereinigungen und mit den Vertretern verschiedener religiöser Traditionen hatte, habe ich gesagt: „Ich versichere Ihnen, dass die Kirche fortfahren will, Brücken der Freundschaft mit den Anhängern aller Religionen zu bauen, mit dem Ziel, das echte Wohl jedes Menschen und der Gesellschaft im Ganzen zu suchen“. Die Erfahrung der Vergangenheit lehrt uns, dass sich die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen nicht immer durch gegenseitige Achtung und durch Verständnis ausgezeichnet haben. Wie viele Seiten der Geschichte verzeichnen Schlachten und Kriege, die auf der einen wie auf der anderen Seite unter Anrufung des Namens Gottes begonnen wurden, als ob die Bekämpfung des Feindes und die Tötung des Gegners etwas sein könnte, das ihm gefällt! Die Erinnerung an diese traurigen Ereignisse müsste uns mit Scham erfüllen, denn wir wissen sehr wohl, was für Grausamkeiten  im Namen der Religion begangen worden sind. Die Lektionen der Vergangenheit müssen uns davor bewahren, die gleichen Fehler zu wiederholen. Wir wollen die Wege der Versöhnung suchen und lernen, so zu leben, dass jeder die Identität des anderen respektiert. Die Verteidigung der Religionsfreiheit ist in diesem Sinne ein ständiger Imperativ, und die Ächtung der Minderheiten ein unanfechtbares Zeichen wahrer Zivilisation. In diesem Zusammenhang ist es immer angebracht, an das zu erinnern, was die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils in Bezug auf die Beziehungen zu den Muslimen gesagt haben: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie bemühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen” nostra aetate3.
     Sie, verehrte Freunde, vertreten einige muslimische Gemeinschaften, die in diesem Land existieren, in dem ich geboren bin, studiert und einen Gutteil meines Lebens verbracht habe. Gerade darum war es mein Wunsch, Sie zu treffen. Sie führen die Gläubigen des Islam und erziehen sie im muslimischen Glauben. Die Lehre ist das Mittel zur Weitergabe von Vorstellungen und Überzeugungen. Das Wort ist der Hauptweg in der Erziehung des Geistes. Sie tragen deshalb eine große Verantwortung in der Erziehung der nachwachsenden Generationen. Gemeinsam müssen wir - Christen und Muslime - uns den zahlreichen Herausforderungen stellen, die unsere Zeit uns aufgibt. Für Apathie und Untätigkeit ist kein Platz, und noch weniger für Parteilichkeit und Sektentum. Wir dürfen der Angst und dem Pessimismus keinen Raum geben.  Wir müssen vielmehr Optimismus und Hoffnung pflegen. Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt. Die Jugendlichen aus vielen Teilen der Erde sind hier in Köln als lebendige Zeugen für Solidarität, Brüderlichkeit und Liebe. Ich wünsche Ihnen, liebe muslimische Freunde, von ganzem Herzen, dass der barmherzige und mitleidige Gott Sie beschütze, Sie segne und Sie immer erleuchte. Der Gott des Friedens erhebe unsere Herzen, nähre unsere Hoffnung und leite unsere Schritte auf den Straßen der Welt.  DTkna050823

Pressemitteilung des Islamisch-Katholischen Verbindungskomitees

  Das Islamisch-Katholische Verbindungskomitee veranstaltete sein 9. Treffen im Vatikan. Leiter der katholischen Delegation war Erzbischof Michael L. Fitzgerald, Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, die islamische Delegation wurde von Prof. Dr. Hamid bin Ahmad Al-Rifaie, dem Präsidenten des Internationalen Islamischen Forums für den Dialog »Jiddah«, angeführt. Das Treffen stand unter dem Thema: »Menschenwürde und Menschenrechte in bewaffneten Auseinandersetzungen.« Das Thema wurde aus religiöser Sicht behandelt,  gemäß den Lehren unserer beiden Religionen.
   Es folgte ein Gedankenaustausch über christlich-moslemische Beziehungen im Hinblick auf verschiedene aktuelle Probleme. Beide Seiten stimmten bezüglich folgender Punkte überein:
  1. Da wir, Christen und Muslime, an einen Gott glauben, erkennen wir an, dass »Friede« ein Name Gottes und die Menschenwürde ein Geschenk des allmächtigen Gottes ist. Daher rufen wir zum unermüdlichen Gebet für den Frieden auf und bekräftigen, dass Gerechtigkeit und Frieden die Grundlage der wechselseitigen Beziehungen und Handlungen zwischen den Menschen ist.
  2. Wir rufen auf zur sofortigen Einstellung aller Konflikte und jeder Art von Angriffen gegen die Sicherheit und Stabilität der Völker. Wir bekräftigen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, damit das menschliche Leben, vor allem das von unschuldigen Menschen, von Kindern und Frauen, von Alten und Behinderten, geschützt werde.
  3. Wir fordern die volle Achtung der Menschenrechte sowie der Rechte der Zivilbevölkerung und der Gefangenen in bewaffneten Auseinandersetzungen. Ferner darf niemandem der Zugang zu Wasser, Nahrung,  Medikamenten und medizinischer Betreuung verwehrt werden. Auch rufen wir auf zur Erhaltung der Infrastruktur, des Privatbesitzes, von Häusern, Bäumen, Tieren und allem, was für das Leben unerlässlich ist. Dieser Appell gründet auf den gemeinsamen religiösen Werten  und der Notwendigkeit, internationale Abkommen einzuhalten.
  4. Wir rufen dazu auf, den heiligen Charakter der Kultstätten zu achten, sie in Kriegs- wie in Friedenszeiten zu schützen und das Recht auf Gottesverehrung zu gewährleisten.
  5. Wir bekräftigen das Recht auf Religionsfreiheit und auf die Ausübung unserer Religionen entsprechend ihren jeweiligen Besonderheiten.
  6. Wir sind überzeugt, dass Gewalt weitere Gewalt hervorbringt und dass dieser Teufelskreis durchbrochen werden muss. Wir erklären, dass der Dialog der beste Weg ist, um gegen Konflikte und Kriege vorzugehen und Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen und den Gesellschaften zu verwirklichen. Daher befürworten wir die Entwicklung einer Kultur des Dialogs.
Vatikanstadt:
Erzbischof Michael L. Fitzgerald, Leiter der katholischen Delegation;
Prof. Dr. Hamid bin Ahmad Al-Rifaie Leiter der islamischen Delegation. L’OsservatoreRomano040305

Es wächst Verständnis auf höchster Ebene       kip-FelixKörnerSJ-x

Der Islam-Experte Felix Körner SJ.Foto sieht unter Papst Benedikt XVI. Fortschritte im katholisch-islamischen Dialog

Herr Professor der Papst trifft im Libanon mit islamischen Führern zusammen. Wie würden Sie den Stand des katholisch-muslimischen Dialogs im gegenwärtigen Pontifikat einschätzen?
   Papst Benedikt steht für einen neuen Schritt im Dialog. Nach einem Dialog der Wahrnehmung unter Paul VI. und einem Dialog des Wohlwollens mit Johannes Paul II. können wir, so vorbereitet, nun einen Dialog der Wissenschaftlichkeit führen. Das heißt, wir können jetzt in Freiheit und in einer Atmosphäre gemeinsamen Nachdenkens benennen, was uns schmerzt und welche Lösungen wir sehen.
Sind die Gesprächspartner denn repräsentativ für die islamische Welt?
   Gerade der groß angelegte Gesprächsprozess des „Katholisch-Muslimischen Forums", der 2008 begonnen hat, legt Wert darauf, dass in beiden Delegationen stets „experts" und „leaders" sind, das heißt sowohl akademische Fachleute als auch Menschen, die eine Gemeinschaft vertreten - Bischöfe und Muftis - sowie einflussreiche Stimmen, etwa ein Fernsehprediger. Dabei ist oft wichtiger als das Gesprächsthema die Tatsache, dass wir uns zusammensetzen. Das ist kein Zaubermittel, aber so wächst Verständnis auf höchster Ebene, manchmal sogar Freundschaft. Und die wirkt für die ganze Gemeinschaft als Vorbild und Ermutigung.
Viele Christen im Orient fürchten, dass aus dem Arabischen Frühling ein islamischer Winter wird. Teilen Sie diese Befürchtungen?
   Natürlich begleiten wir die Aufbrüche auch mit Sorge, gerade für die nichtmuslimischen Minderheiten. Aber ich konnte etwa kürzlich mit einem griechisch-orthodoxen Geschäftsmann aus Damaskus sprechen. Er sagte: Nach Jahrzehnten der Unterdrückung wird die erste freie Wahl fast sicher eine islamistische Schlagseite haben. Nur wird sich dann zeigen, dass auch eine Regierung, die mit dem Koran auf den Lippen arbeitet, aus Normalverbrauchern besteht, nicht aus Wundertätern. Und das wird die Erwartungen entspannen und das Zusammenleben.
Dennoch tut sich der Islam schwer mit der Religionsfreiheit.
   Der Islam? Jahrhundertelang konnte man in Gesellschaften unter islamischer Vorherrschaft fliehen, wenn man Sicherheit vor Verfolgung in Europa suchte. Man kann nicht sagen, dass unsere eigene Geschichte durchweg von Religionsfreiheit geprägt war. In der arabischen Welt machten Abgrenzungsangst, Einheitlichkeitswahn und eine nationalistische Selbsterfindung - alles Motive der Moderne - den Juden und Christen das Leben plötzlich viel schwerer als in den Jahrhunderten des klassischen Islam. Und dass man religiöse Minderheiten gar loswerden zu müssen meint, ist islamischerseits auch eine Reaktion auf westliche Nahostpolitik.
 Nun weisen arabische Christen, etwa im Libanon, auf ihren kulturellen Beitrag in ihren Gesellschaften hin. Glauben Sie, dass sie das in den Augen ihrer islamischen Mitbürger unersetzlich macht und ihre Präsenz garantiert?
   Garantieren kann man das nicht. Aber man kann genau hinschauen. Wer auf einer katholischen Schule oder Universität war, hat im Nahen Osten meist eine regelrechte Verehrung für die Schulträger und ihren Dienst an der Jugend. Wer solche Einrichtungen nicht von innen kennt, ist dagegen oft überzogen kritisch: Die Schulen - heißt es da etwa polemisch - seien die Brutstätten einer säkularen Elite, die mit dem Islam nichts mehr anzufangen wisse und gewaltsam modernisiere. Das ist ein schmerzliches Fehlurteil, denn gerade in dem religiös aufgeschlossenen Klima der christlichen Schulen und Universitäten entdecken junge Muslime, dass man auch gläubig und zugleich nachdenklich, weltoffen, gesprächsbereit sein kann. Hier wächst oft eine jugendliche Religiosität ohne Ghetto- Mentalität und verkrampft-ideologische Identitätsversprechen: ein respektvoller christlicher und islamischer Glaube. 
DT1210OliverMaksan

Papst Johannes Paul II.     JPII-66x

Ansprache von Papst Johannes Paul II. an “die lieben muslimischen Freunde”
beim Besuch der Omaijadenmoschee in Damaskus am 6. Mai 2001

  „Es ist meine sehnliche Hoffnung, dass die muslimischen und christlichen Religionsführer und Lehrer unsere beiden großen Gemeinschaften als Gemeinschaften in respektvollem Dialog darstellen und niemals mehr als im Konflikt stehende Gemeinschaften. ... Mein tiefer Wunsch ist, dass unser heutiges Treffen in der Omaijadenmoschee unsere Entschlossenheit zur Weiterentwicklung der interreligiösen Dialogs zwischen der katholischen Kirche und dem Islam zum Ausdruck bringen wird. Dieser Dialog hat in den letzten Jahrzehnten an Dynamik zugenommen, und heute dürfen wir dankbar sein für den Weg, den wir bisher gemeinsam zurückgelegt haben ... Es ist wichtig, dass Muslime und Christen auch in Zukunft gemeinsam philosophische und theologische Frage- stellungen erforschen, um eine objektivere und vollständigere Kenntnis des Glaubens der anderen Seite zu be- kommen .... Mögen sich die Herzen von Christen und Muslimen mit Empfindungen der Brüderlichkeit und Freund- schaft einander zuwenden, damit uns der Allmächtige mit dem Frieden segnet, den allein der Himmel geben kann. Dem einen, erbarmungsvollen Gott sei allezeit Preis und Ehre. Amen.”  

Die neue (islamische) Weltunterordnung - In Vorbereitung mit einem Kulturdialog in Europa,
wie ihn der Islam versteht: An Kairos Al-Azhar-Universität erfährt man die Zukunftspläne der arabischen Welt

  Dr. Sayyed Fataliah betritt die Fakultät der Islamwissenschaften in deutscher Sprache an diesem Morgen gut gelaunt. Der studierte Germanist lehrt an der ältesten islamischen Hochschule, der Al-Azhar-Universität in Kairo. Seine Dissertation hat er über Anna Seghers geschrieben. Die Studenten warten bereits auf ihn. Später wird er den Fachbereichsleiter treffen, Professor Muhammad Mansour. Er greift sich im Vorbeigehen das neueste Buch seines Chefs, „Einführung in die Koranwissenschaft”, das noch halbverpackt in Kisten auf dem Gang auf die Vertei- lung an die Studenten wartet. Es wird ein guter Tag für die Fakultät werden. Mit der historisch-kritischen Methode, die er sich beim Studium der Literaturwissenschaft in Europa angeeignet hat, arbeiten hier an der Al-Azhar weder er noch sein Chef, Professor Mansour, wenn es um ihre heilige Schrift, den Koran, geht. „Das ist Gottes eigenes Wort; das wird von Muslimen auf der ganzen Welt auswendig gelernt. Daran gibt es keine Kritik”, sagt Fataliah. Einen Augenblick später erklärt er, dass das Neue Testament der Christen voller Fehler sei, man könne dies ein- fach an mehreren Beispielen mit philologischen Methoden nachweisen. „Das habe ich selbst schon getan.”
  Im Glauben der Muslime ist der Koran Gottes selbstgesprochenes Wort, mit dem er den Erzengel Gabriel in der Nacht zu Muhammad herabgesandt hat. Die Vorstellung der Verbalinspiration des Korantextes steckt die Grenzen der islamischen Theologie ab und gibt den Rahmen vor, innerhalb dessen Dialog möglich ist, zumindest sieht man das im arabischsprachigen islamischen Kulturraum so, zu dessen anerkanntesten Autoritäten die Al-Azhar- Universität gehört. Für Muhammad Fatallah und seine Kollegen ist der Koran als Textganzes auf die Erde herabgesandt worden. Der Autor des Textes ist Gott. Islamische Kollegen, die den Koran als Textedition sehen, in der man Entwicklungsstufen und literarische Eingriffe nachweisen kann, beäugt er mehr als skeptisch. „Das einzigartige am Koran ist, dass er in arabischer Sprache herabgesandt wird in einer Zeit, als es diese Sprache als feste Größe noch gar nicht gibt.  Das beweist, dass der Koran von Allah stammt.”
   Die Worte, die Gott zu Muhammad spricht, sind in arabischer Sprache. Schon zu Lebzeiten von Muhammad mussten die neuen Gläubigen in den unterworfenen Gebieten Nordafrikas Arabisch lernen; der Islamisierung ging immer eine Arabisierung voraus. In Ägypten, dem Mutterland der Al-Azhar-Universität, wurde nach der Eroberung in den Jahren 639 bis 641 Stück um Stück eine Transformation der Gesellschaft und der Kultur vorbereitet, an deren Ende die arabische Sprache das Koptische per Dekret abgelöst hat. Damit verbunden war eine Auslöschung des christlichen Glaubens, der das Land fast sieben Jahrhunderte lang geprägt hat. Das Koptische hat bis heute fast ausschließlich als die Sprache der ältesten christlichen Kirche der Welt, in der Liturgie der Kopten, überlebt. Kein Schulbuch im Land berichtet über die christliche Kultur, die es in Ägypten und ganz Nordafrika vor der Eroberung durch die Araber gegeben hat. Der Fachbereich von Fatallah ist auf einer Etage der Sprachfakultät der Al- Azhar- Universität untergebracht. Ein Raum, in dem drei Schreibtische für die Professoren stehen, ein Telefonanschluss,  ein Sekretariat, der Raum für die Assistenten und einige Unterrichtssäle. Der Arbeitsplatz von Fachbereichsleiter Mansour ist der Tisch in der Mitte des Professorenzimmers. Gut gelaunt und geduldig hört der graumelierte Mann hier täglich die Bitten seiner Studenten an. „Die Studenten hier werden vorbereitet auf den Kulturdialog in Europa”, sagt er. Das bedeutet in seinen Augen, den „wahren Islam” in den christlichen Ländern bekannt zu machen. „Wer den wahren Islam kennt, der wird dann viel leichter Muslim.“ Prediger werden hier ausgebildet, die in Europa missionieren sollen.  „Wir haben hier in einem Kurs die Schulbücher Österreichs untersucht”, sagt Professor Mansour. „Es waren unzählige Fehler in der Darstellung über den Islam darin - in jedem!” sagt Mansour.
Die Islamisierung Europas gilt nur noch als eine Frage der Zeit
  Prediger seines Fachbereichs sollen das richten, nicht nur in Österreich: In dem Gebäude, in dem seine deutsche Abteilung untergebracht ist, wird auch auf englisch, französisch, spanisch und chinesisch unterrichtet. Wenn der „wahre Islam” in Europa bekannt ist, ist die Islamisierung des Kontinents nur noch eine Frage der Zeit. Dabei vergessen arabische Enthusiasten gerne, dass der „wahre Islam” in jedem islamischen Land etwas anders bedeutet und eine hermeneutische Hegemonie nicht ohne Widerspruch behauptet werden kann. Über die Möglichkeiten und die Grenzen des Kulturdialogs mit den Nichtmuslimen machen sich die Lehrkräfte der Fachbereiche ihre Gedanken. „Man hat hier den Eindruck, dass der Westen den Dialog und die Themen vorgibt”, sagt Sayyed Fatal- lah, bevor er sich in die Lektüre der „Einführung in die Koranwissenschaft” vertieft.
  Zwanzig Kilometer entfernt von der islamischen Hochschule, im Zentrum der Siebzehn-Millionen-Metropole Kairo, liegt im Diplomatenviertel Zamalek auch die Vertretung des Papstes, die Apostolische Nuntiatur. Der Palazzo ist ganz im italienischen Stil des ottocento gehalten, an den Wänden finden sich ölfarbene Gemälde längst verstorbe- ner Päpste. Der Nuntius, der Botschafter des Papstes, ist arabischer Herkunft, spricht die Sprache fließend. Von Rom aus ist er beauftragt, im Namen der Kirche Dialog zu suchen mit den Muslimen im Land, auch an der Al-Azhar. „Dialog bedeutet im Arabischen, dass man zusammenkommen muss, wenn etwas schiefgelaufen ist, wenn man gestritten hat und uneins ist. Es bedeutet nicht, wie in Europa, das Interesse am anderen, als Mensch, ein Interesse an seiner Kultur und seinen Vorstellungen”, sagt der Nuntius Marco Brogi. Der jüngste Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen, den intellektuelle Muslime über ihren Kulturkreis geschrieben haben, scheint dies zu be- stätigen. Bemängelt wird in dem im Oktober 2003 erschienenen Dokument an der arabischen Welt das Beharren auf Autoritäten, das Fehlen von Kreativität und gedanklicher Innovation. Ein Indikator für den desolaten Interes- sen- und Bildungszustand: Obwohl 284 Millionen Menschen arabisch und nur elf Millionen griechisch sprechen, so der Bericht, werden achtmal mehr Bücher pro Jahr in das Griechische übersetzt als in das Arabische.
   Sayyed Fattalah legt das Buch zur Seite. „Muhammad ist das Siegel der Propheten”, beginnt er eine theologische Ausführung. „Das bedeutet, dass alle Religionen und Kulturen dem Islam untergeordnet sind.” Schon der Koran wünscht, dass neben Kirchen und Synagogen Moscheen zu errichten sind, die die anderen Sakralbauten überragen sollen. „Allah ukabar” - Gott ist größer! -, ist fünfmal am Tag die Mahnung an die Andersgläubigen, sich ihrer Minderwertigkeit bewusst zu bleiben. Das Ansinnen etwa von Muslimen im bayerischen Freising, unter dem Zeichen der Toleranz auf dem Domberg neben der Kathedrale eine Moschee mit Minaretten zu bauen, von denen der Gebetsruf erschallen soll, wird in der arabischen Öffentlichkeit klar gesehen als Zeichen des Vormarschs des Islam. Dafür ist auch das Mittel der Täuschung recht: „Wenn eure Gesetze es hergeben, dann überwinden wir eure Religion und Kultur mit diesen Gesetzen”, ist ein Tenor in der Öffentlichkeit. In Deutschland kennt man solche Sätze nur von zwielichtigen Gestalten wie dem so genannten Kalifen von Köln, hier in Ägypten ist diese Meinung en vogue. Toleranz ist hier ein Zeichen von Schwäche.  Als im vergangenen November ein italienischer Richter entschied, in einem süditalienischen Dorf das Kreuz aus dem Klassenzimmer zu entfernen, titelten die Zeitungen in Ägypten: „Sieg! Das Kreuz fällt!” Einen Tag später wurde das Kreuz in Süditalien wieder aufgehängt, an seinen alten Platz; die italienische Verfassung sieht nämlich ein Kruzifix in allen öffentlichen Räumen vor. Darüber berichteten die Zeitungen am Nil nichts mehr.
  Die Weisung des Koran, das „Haus des Islam” bis an die Grenzen der Erde auszuweiten, wird in der arabischen Welt immer noch als aktuelle Verpflichtung begriffen, entgegen allen anders klingenden Beteuerungen. In Ägypten bekommen die Christen ihre angebliche Minderheit plastisch zu spüren. Carlyle Murphy, Pulitzerpreisgewinner und einstiger Korrespondent für die „Washington Post” in der Region, berichtet von Christenverfolgungen und Morden, zum Beispiel im Jahr 1992 in Oberägypten. In seinem Buch „Passion for Islam” beschreibt er, wie Christen auf offener Straße und an ihren Arbeitsplätzen hingemetzelt wurden, weil sie die vom Koran vorgesehenen Tributzahlungen an die (im konkreten Falle selbsternannten) islamischen Herrscher nicht zahlen wollten oder konnten. „Das ist Gott sei Dank die Ausnahme”, betont der Apostolische Nuntius. „Aber man kann schon von dauerhafter Diskriminierung der Christen hier in Ägypten sprechen.” Der Nuntius verweist gleichzeitig auf die verzweifelte Lage aller Christen in der arabischen Welt, besonders im Heiligen Land.
 In Jerusalem bei der Apostolischen Delegation des Heiligen Stuhles weiß man genau, wovon Kollege Brogi in Kairo spricht. Botschaftssekretär Bert van Megen führt aus, dass die Christen immer wieder zum Spielball zwischen den Interessen von Muslimen und Juden werden. „In Betlehem sind vergangenes Jahr dreihundert christliche Familien ausgewandert, weil die muslimischen Palästinenser in ihre Häuser eingedrungen sind, von dort aus auf die Israelis geschossen haben.  Darauf wurden die Häuser der Christen im Artilleriefeuer zerstört. Andere Muslime gehen auf die Grundstücke der Christen, beten dort und erheben dann Anspruch, das Territorium sei durch das Gebet islamisch geworden.” Der neue niederländische Botschafter sei bei seinem Antrittsbesuch von Arafat darauf hingewiesen worden, dass die Israelis in Nazaret bei einem Gefecht auf die Mariensäule inmitten der Stadt geschossen und dabei der Skulptur der seligen Jungfrau erheblichen Schaden zugefügt hätten. „So wird versucht, christliche Emotionen zu wecken,  mittels deren Einfluss auf den Verlauf des Nahostkonflikts genommen werden soll”, sagt van Megen.
Juden und Christen sollen ihre heiligen Schriften gefälscht haben
 Muhammad Mansour sieht das anders: „Die christlichen Minderheiten sind gute Mitbürger und nette Mitmenschen. Sie werden ausgezeichnet behandelt.” Jetzt ist Mittag, Gebetszeit. Fatallah begibt sich in eine Ecke seines Raumes und betet. Die Assistenten der Fakultät beten jetzt auch in einem Zimmer nebenan.  Da es nur einen Teppich gibt, fertigen sie aus den Kartons, in denen am Morgen noch die Bücher von Professor Mansour, die „Einführung in die Koranwissenschaft”, verpackt waren, weitere Unterlagen, um das Gebet kultisch korrekt vollziehen zu können.
 Wenn sich die Assistenten in ihrem Raum nach Mekka wenden, schauen sie auf ein Bücherregal, meist Grammatik- und  Wörterbücher der deutschen Sprache. Das ist die Fachbereichsbibliothek. Werke über islamische Theologie finden sich am Fachbereich Islamwissenschaft in deutscher Sprache keine, dafür zwei Bibeln. „Die Juden und die Christen haben ihre heiligen Schriften gefälscht. Dafür gibt es den Begriff des “tharif” erklärt Fatallah nach dem Gebet. „Die Juden haben diese Fälschung mit Absicht vorgenommen, die Christen aus Unwissenheit”, fährt er fort. „Die Wahrheit über die heiligen Schriften der Juden und der Christen kennen nur die Muslime, weil die Wahrheit über diese Religionen nur in unserem Koran steht.” Sayyed Fatallah hat diesbezüglich keine seltene Sonder- meinung, sondern er gibt das wieder, was sich auch in vielen deutschsprachigen wissenschaftlichen Darstellungen des Islam findet.
  Diese Sicht auf den anderen hat erheblichen Einfluss auf die Möglichkeiten interkulturellen und interreligiösen Dialogs. Das weiß man auch in Rom in der Zentrale der katholischen Kirche. Von dort aus versucht der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil offiziellen Dialog mit allen Religionen und Geistesströmungen auf dem Globus zu unterhalten, auch mit der Al-Azhar-Universität in Kairo. „Der interreligiöse Dialog hat der katholischen Kirche sehr viel gebracht. Er öffnet unsere Augen für die wunderbaren Wege, auf denen Gott in die Herzen von jedem Menschen auf der Welt kommen kann”, sagt der Präsident des Rates, Erzbischof Michael Fitzgerald. „Mein Wunsch ist, dass Muslime das auch so zu sehen beginnen.” Ein gemeinsames Komitee von Vatikan und Al-Azhar wurde 1998 gegründet - von ägyptischer Seite auf Wunsch der Regierung. Man trifft sich einmal im Jahr, mal in Rom, mal in Kairo. Die Themen, über die gesprochen wird, legt weitgehend die Al-Azhar fest. „Als ich den Großen Scheich der Al-Azhar-Universität 1998 getroffen habe, sagte er mir sofort, dass er nicht über Theologie reden möchte”, berichtet Fitzgerald. Da man von islamischer Seite voraussetze, dass die christlichen und die jüdischen Schriften gefälscht sind, kann man auch nicht theologisch gleichberechtigt in Kontakt treten. Der Koran berichtet beispielsweise, die Christen glaubten an drei Götter, den Vater-Gott, eine Mutter- Göttin (Maria), die zusammen durch physische geschlechtliche Zeugung den dritten Gott (Jesus) erzeugen. Diese Auffassung spiegelt nicht die christliche Lehre vom einen Gott in den drei Personen wieder. Gerne würde man von Rom aus über Themen wie diese reden, nicht zuletzt, um die Meinung über Christen in der arabischen Welt zu verändern.
  Dies scheitert im Falle Ägyptens an der Blockade der Al-Azhar. „Wir möchten aber trotz aller Schwierigkeit in Dialog bleiben, weil es gut ist, wenn man sich kennt und wenn man miteinander spricht”, sagt der Erzbischof. „Wir als Katholiken sagen mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, dass alle Religionen etwas von der Wahrheit und der Schönheit Gottes aussagen können. Wir sagen dies in unserem Glauben an Jesus Christus, der sich in Liebe allen Menschen zugewandt hat. Er ist die Fülle dessen, was der Mensch über Gott wissen kann.”
  In Islam und Christentum treffen zwei konträre Offenbarungsvorstellungen aufeinander. Für die Muslime offenbart sich Gott in seinem eigenen, gesprochenen Wort in arabischer Sprache. Deshalb kann man den Koran nicht übersetzen, sondern nur in andere Sprachen übertragen. Die Menschen müssen sich hier diesem Wort zuwenden, es erlernen, studieren und befolgen. Die Antwort des Menschen ist hier der Gehorsam. Für die Christen offenbart sich Gott in Jesus Christus; er ist der „logos”, das Wort, das in die Welt kommt. Gott wendet sich hier dem Menschen zu aus Gnade und Liebe. Die Antwort auf diese Zuwendung ist der Glaube. Das Neue Testament berichtet über Jesus und ist somit nicht die Offenbarung selbst, sondern die Schrift über die Offenbarung. Das Christentum ist anders als der Islam keine Buch-, sondern eine Offenbarungsreligion. Das Neue Testament kann man mit dem ihm innewohnenden Selbstverständnis in alle Sprachen übersetzen, den Koran nicht.
   In der arabischen Welt, auch in Kreisen der Al-Azhar, führt diese Annahme zu folgender Konsequenz: Wenn Gott in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort den Koran,  die “Rechtleitung”, wie er genannt wird, herabsendet, dann ist die Gesellschaft zu jener Zeit so, wie Gott sich die Welt wünscht. Die Kodifizierung jedes Aspektes des menschlichen Lebens, wie sie der Koran leistet, macht eine Abstrahierung oder eine Weiterentwicklung des Textes unmöglich, denn Gottes Wort ist perfekt und kann nicht durch menschliche Modifikation verfeinert oder übertroffen werden. Die islamische Gesellschaft soll sich so nicht fort-, sondern zurückentwickeln, so wie sie zur Zeit des Propheten war. Von einer skurrilen Frucht dieses Verständnisses berichtet der Assistent des Nuntius in Kairo, Jean- Marie Speich: „In den ägyptischen Medien wird bisweilen gesagt, dass Auto und Fernseher von Muslimen erfunden worden seien. Würde die Mehrzahl der Muslime hier wissen, dass Christen diese Dinge erfunden haben, würden sie die Benutzung ablehnen.”
Einen neuen Kreuzzug sehen die Muslime auf sich zurollen
   Gemeinsame Erklärungen von Vatikan und Al-Azhar gibt es zu dringenden Fragen politischer Art, etwa nach dem 11. September 2001, während des Balkan-Krieges und zur Lage der palästinensischen Flüchtlinge. Hier scheint es von seiten der Al-Azhar-Universität eine zweifache Sprachregelung zu geben. In der gemeinsamen Erklärung nach dem 11. September wird Gewalt und Terrorismus im Namen der Religion als falsch gebrandmarkt, wenige Wochen später bekennt der Oberste Scheich der Universität, Sayyed Tantawi, Selbstmordattentate prinzipiell für gut. Im Zusammenhang mit dem letzten Irak-Krieg wurde von Seiten der Al-Azhar von einem „neuen Kreuzzug” gegen die Muslime gesprochen. Der Heilige Stuhl hat daraufhin Einspruch erhoben. Nach einer beruhigenden Stellungnahme von seiten der Al-Azhar, die Wogen glätten sollte, stand der Begriff Kreuzfahrer wenige Tage später wieder in den Blättern des Landes.
   Scheich Tantawi, der oberste Schirmherr des Komitees für den Dialog mit den monotheistischen Religionen, hat noch in einer Predigt im April 2002 die Juden „als Feinde Gottes und Abkömmlinge von Schweinen und Affen” bezeichnet. Schon die Doktorarbeit des Höchsten Geistlichen des Landes aus den späten sechziger Jahren wid- mete sich den „Kindern Israels” und ihrem vermeintlichen Anspruch auf das Heilige Land.  Wie ernsthaft unter diesen Vorbedingungen Dialog, Verständigung mit Menschen anderer Religion und Herkunft betrieben werden kann, bleibt offen. Die Gelehrten der Al-Azhar-Universität jedenfalls sind keine Freunde des Dialogs mit den Christen und den Juden.
   Von Seiten der Regierung werden die Kleriker für die Moscheen ernannt, was Unmut im Land hervorruft. Immer mehr „illegale” Gebetsstätten entstehen in Ägypten in Seitenstraßen, Kellern und Hinterhöfen. Wären morgen Wahlen, würden die moderaten Islamisten gewinnen, würde die Scharia als Gesetz eingeführt. Unterstützen denn die Gelehrten der Al-Azhar das säkulare politische System? Professor Mansour hebt die Augenbrauen und lächelt. „Nein”, sagt er. Nach einer Pause ergänzt er: „Glaube ich.”
    Mansour und Fatallah sitzen am späten Nachmittag zusammen im großen Zimmer des Fachbereichs. Die Studenten sind nach Hause gegangen, im Nebenzimmer erledigen die Assistenten ihre Aufgaben. An den Wänden hängen gerahmte Poster von Neuschwanstein, dem Hamburger Hafen und der Wartburg. Die beiden werden gleich aufbrechen, um einer Gruppe von Frauen, die am normalen Unterrichtsleben der Fakultät auf Grund ihres Geschlechts nicht teilnehmen können, in privaten Abendstunden die Kultur und Religion Europas nahe zu bringen. Alle diese Frauen sprechen deutsch, sie haben auf einer der drei deutschen kirchlichen Schulen in Kairo ihren Schulabschluss gemacht. Die beiden Dozenten lesen die Einleitung des neuen Buches von Professor Mansour. „Möge Allah mit dieser meiner Arbeit zufrieden sein”, heißt es da. Das Werk von Mansour ist mehr eine Apologie des Koran als eine Einführung in das literarische Wesen des Buches. Die Anwendung historisch-kritischer Methoden war eben von vornherein nicht intendiert. „Wenn die Europäer den Koran verstehen, wenn sie die Feinheit der arabischen Sprache sehen, müssen sie doch glauben, dass das Hinterfragen des Textes ohne Belang ist.” Daraufhin ist das Buch angelegt. Darin sind die beiden Männer sich einig.  AlexanderGoerlachFAZ040515

diaCristianTrollSJx    Jesuitenpater Christian Troll

 Warum Christen die berechtigten Anliegen der Muslime unterstützen sollten

   Die Herausforderungen und Chancen, die sich aus der gewachsenen Präsenz des Islam in Europa ergeben, skizzierte der Islam-Kenner Pater Christian Troll Professor für Islam und christlich-muslimische Begegnung an der Hochschule Frankfurt St. Georgen. Der Jesuit ist Islam-Experte und Mitglied des Päpstlichen Rates für den Inter- religiösen Dialog.
    Innerhalb weniger Jahrzehnte seien die Muslime - die heute in der Europäischen Union 15 Millionen zählen - zur zweitstärksten Religionsgemeinschaft in Europa geworden, so der Referent. Durch diese neue Präsenz der Muslime in Europa seien Christen gerufen, nach den Maßgaben der Gerechtigkeit und mit dem Bemühen um Verstehen mit den muslimischen Mitbürgern zu leben, meinte Troll. Christen müssten sich fragen, ob sie genug dafür tun, dass Muslime in der Gesellschaft aufgenommen werden, ob ihnen „ehrlich, effektiv und kreativ” geholfen werde, den ihnen zukommenden Platz in der pluralistischen Gesellschaft einzunehmen. Die Christen sollten die von der Verfassung her gerechtfertigten Anliegen der Muslime unterstützen, sagte Troll und nannte als Beispiele den Moscheebau, den islamischen Religionsunterricht und spezielle Vorschriften bei Speisen und bei der Bestattung.
   „Die meisten Muslime wollen in Frieden und Freiheit leben. In der heutigen, angespannten Situation ist es aber nicht leicht, die Mehrheitsbevölkerung davon zu überzeugen.” Christen sollten sich deshalb nicht mit einem „vagen Gefühl des Missbehagens” begnügen, sondern sich differenziert mit dem Islam, mit seinen unterschiedlichen Richtungen und den muslimischen Organisationen auseinandersetzen. Man müsse auch „der Versuchung widerstehen, den Islam zu schnell als eine den christlichen Kirchen vergleichbare Größe zu sehen”. Die Einführung der Scharia, auch in Teilbereichen, bezeichnete Troll als „nicht akzeptabel".
   Im Dialog der an der Sinn- und Wahrheitsfrage orientiert ist gebe es durch die Wortwahl einen Schein der Gemeinsamkeit, der aber tiefgreifende Unterschiede verdecke. Etwa in Bezug auf die „Heilige Schrift": Während der Koran die 22 Jahre des öffentlichen Lebens Muhammads umspanne, sei die Bibel „eine ganze Bibliothek", entstanden in mehreren Jahrhunderten.
   Im Gottesbild betone der Islam - im Gegensatz zum Christentum - die Verborgenheit und absolute Transzendenz Gottes, der den Menschen seinen Willen, nicht aber sein Wesen offenbare. „Muslime verstehen sich nicht als Kinder, sondern als Diener Gottes”, fasste Troll den Unterschied zum christlichen Gottes- und Menschenbild zusammen. Im Gegensatz zur Bibel kenne der Koran auch nicht die Abgrundtiefe der Sünde, lehne die Erbsünde ab. Nach islamischer Lehre sei Gott selbst durch die Sünden der Menschen nicht zu treffen. Der Mensch sei stets in der Lage, Gottes Willen zu tun. Durch die Sünde schade sich der Mensch selbst, könne dies aber durch gute Taten ausgleichen.  DTStephanBaier080906gekürzt.VollständigesInterview >www.die-tagespost.de

Kampf der Kulturen. Die Deutschen sehen mit zusammengebissenen Zähnen der Bedrohung entgegen.
Prof. Dr. Elisabeth Noelle-Neumann.    FAZ040915

   Den Islam empfinden die Deutschen als fremd und bedrohlich. Dies zeigt das Ergebnis einer Frage nach den Assoziationen, die das Wort „Islam” bei den Befragten hervorruft. Ganz an der Spitze der Aussagen stehen „Unterdrückung der Frau” (93 Prozent), „Terror” (83 Prozent), „fanatisch, radikal” (82 Prozent), „rückwärtsgewandt” (66 Prozent).  Die ersten positiven Assoziationen erscheinen, von weniger als der Hälfte der Bevölkerung genannt, an sechster und siebter Stelle: „Gastfreundschaft” (45 Prozent), „bedeutende kulturelle Leistungen” (39 Prozent). Von der Faszination, die der Orient jahrhundertelang auf den Westen ausübte und die sich in Kunst, Literatur und Architektur des Abendlandes niederschlug, von den gotischen Kathedralen bis zur Dresdner Tabakmoschee, ist wenig geblieben. Ganze 16 Prozent der Deutschen sagen heute noch, man könne beim Stichwort „Islam” an „fas- zinierend” denken. Ganz am Schluss der Liste, von 6 Prozent angeführt, erscheint schließlich die Assoziation „sympathisch”.
  Statt dessen prägt das unbestimmte Gefühl einer ständigen Bedrohung die Atmosphäre. 46 Prozent der Bevölkerung stimmen der Aussage zu: „Es leben ja so viele Muslime bei uns in Deutschland. Manchmal habe ich direkt Angst, ob darunter nicht auch viele Terroristen sind.” Und mehr als die Hälfte der Bevölkerung, 54 Prozent, erklärt, „durch die ständig lauernde Gefahr von Terrorangriffen hat sich das ganze Land” verändert.
  Man mag das für übertrieben halten, aber in international vergleichenden Erhebungen hat sich seit Jahrzehnten immer wieder gezeigt, dass die Deutschen zu besonders intensiven emotionalen Reaktionen neigen, und zwar sowohl die Westdeutschen wie die Ostdeutschen. So wird man auch einordnen, dass die Deutschen zu 46 Prozent erklären, man könne nach den Angriffen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington D.C. von einer Zeitenwende sprechen. Nur 37 Prozent widersprechen einer solchen Aussage. Dabei liegt es der Mehrheit nach wie vor fern, die Vereinigten Staaten für die Lage verantwortlich zu machen, trotz aller Irritation über die amerikanische Außenpolitik der letzten Jahre. Der These „Die Amerikaner sind selbst schuld, dass die Terroranschläge des 11. September auf sie verübt wurden” stimmt weniger als ein Drittel der Bevölkerung zu; Verschwörungstheorien, wonach die Anschläge vom amerikanischen Geheimdienst organisiert worden seien, um einen Vorwand für den Irak-Krieg zu bekommen, halten nur 18 Prozent für wahrscheinlich, 63 Prozent für unwahrscheinlich.
  So richten sich die Deutschen darauf ein, dass die Bedrohung durch den Islamismus sie auf nicht absehbare Zeit begleiten wird. Auf die Frage „Rechnen Sie damit, dass es in den nächsten ein oder zwei Jahren zu Terror- anschlägen ähnlich denen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center kommen wird,  oder  rechnen Sie nicht damit?” antworten  51  Prozent  der  Deutschen  „Ich  rechne damit”, 29 Prozent „Rechne nicht damit”. Und die Frage „Glauben Sie, dass man den islamistischen Terrorismus in den nächsten Jahren in den Griff   bekommen wird,   oder  glauben  Sie  das  nicht?” beantworten 83 Prozent mit „Ich glaube das nicht“, nur 5 Prozent sagen: „Das schaffen wir”, der Rest bleibt unentschieden. Ein Ausweichen vor der Situation kommt dabei für die Mehrheit der Deutschen nicht in Frage. Der Aussage „Deutschland sollte sich möglichst aus dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus heraushalten, weil das für Deutschland am sichersten ist” stimmt nur eine Minderheit von 30 Prozent zu, 48 Prozent widersprechen ausdrücklich. Mit zusammengebissenen Zähnen sieht die Bevölkerung der Bedrohung entgegen. Eine Zeitenwende. Kein Zweifel.

Das aktuelle Buch  Die Welt der Muslime: Peter Heines Einführung in die Islamwissenschaft

  Diese Darstellung des Islams aus der Feder eines der bekanntesten deutschen Islamwissenschaftler kommt ganz wie ein Lehrbuch daher. Und genau dies soll sie auch sein. Peter Heine, Professor für Islamwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat mit seiner „Einführung in die Islamwissenschaft” ein gedrängtes und doch ausführliches „Studienbuch” vorgelegt, das Anfängern, aber auch am Stoff interessierten Laien reichlich Anregungen gibt. Es ist eine gut lesbare Einleitung in die „Islamstudien”, wie der Orientalist Carl Heinrich Becker das Fach in einem seiner Werke genannt hat.
   Auf etwas mehr als 200 Seiten behandelt Heine den Islam in enger Anlehnung an frühere Forschungen einerseits, moderne Strömungen und Entwicklungen andererseits. Jedem der vierzehn Kapitel ist eine Abbildung vorangestellt, die etwas Typisches zu dem dann vom Autor behandelten Thema aussagt. Das reicht vom einführenden Kapitel über die Geschichte der Islamwissenschaft (man sieht ein Gemälde eines französischen orientalisierenden Malers aus dem 19. Jahrhundert, das den „typischen Muslim” konterfeit, einen dunkelhaarigen Vollbartträger, mit dessen Erscheinung man sogleich Fanatismus und Gewalt assoziiert) bis zum letzten Kapitel über den christlich-islamischen Dialog: Dessen einführende Abbildung zeigt Papst Benedikt XVI. bei seinem historischen Besuch der Blauen Moschee in Istanbul im Jahre 2006 an der Seite des türkischen „Religionsministers” Bardakoglu.
   Alle Kapitel versuchen, die bis heute vorliegenden Erkenntnisse der Forschung in knapper Form zusammenzufassen: Koran und Koranauslegung, Prophetentraditionen (Hadith), das islamische Scharia-Recht, Sunna und Schia (Orthodoxie und Heterodoxie), die Mystik (Sufitum, Neosufismus), die Alltagskultur der Muslime (dies ist ein besonders wichtiges Kapitel), das Bilderverbot, den Islam in Deutschland, die Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft, die islamische Stadt, die Muslimbrüder und ihre gesellschafts-politischen Ziele, den neuen Dschihad(hier sind Anknüpfungen zu Islamismus und Terrorismus) sowie, am Schluss, die Möglichkeiten eines Dialogs zwischen Christen und Muslimen. Alle Kapitel zeichnen - gegen einseitige Harmonisierungen und Verteufelungen - ein differenziertes Bild der jeweiligen Thematik. Besonders aufschlussreich sind die Beschreibungen über Hintergründe, Entstehung, Entwicklung und Interpretation des Scharia-Rechts, einer Materie, über die nur wenige Spezialisten im Westen Bescheid wissen, da sie ungeheuer komplex ist und vielen die Beschäftigung mit orientalischer Literatur, Kunst oder Mystik mehr zu liegen scheint.
   Es wird deutlich, dass manche Ergebnisse, die so bedeutende Islamwissenschaftler wie Ignaz Goldziher (1850- 1921) oder Joseph Schacht (1902-1969) in dieser Hinsicht ans Licht des Tages befördert haben, heute einer gewissen Revision bedürfen, ohne dass man sie über Bord zu werfen hätte. Heine, der erst unlängst mit  „Der Islam, erschlossen und kommentiert” (Patmos Verlag, Düsseldorf 2007) ein umfangreiches Werk vorgelegt hat, hat diesmal eine Art Vademecum publiziert, das trotz der vorgegebenen Kürze umfangreiche Verständnishilfen für eine Religion, die gleichzeitig eine der großen Weltkulturen geworden ist, anbietet.
  Jedem Kapitel sind einige Verständnisfragen angeschlossen, die dazu dienen sollen, das zuvor Gelesene zu festigen, sowie weiterführende Literaturhinweise. Ein Servivceteil am Schluss enthält zusätzliche bibliographische Hinweise und ein Glossar. In der Bibliographie verweist der Autor nicht nur auf klassische Werke der Islamwissenschaft, sondern berücksichtigt auch aktuelle Neuerscheinungen. Wer Peter Heines Buch gelesen hat, kann besser nachfühlen, worin die heutigen Kontroversen - bis hinein in die Politik - ihren Ursprung haben, auch inner- halb der islamischen Welt selbst, die heute ein zerrissenes Bild liefert. Auch die Auseinandersetzungen zwischen westlichen Wissenschaftlern, etwa auf dem Feld der Koranforschung, bleiben nicht unerwähnt. Gerade sie haben in jüngster Zeit auch in der islamischen Welt für ein gewisses Aufsehen gesorgt. 
FAZ081206WolfgangGünterLerch
Peter Heine: Einführung in die Islamwissenschaft, Akademie Studienbücher Kulturwissenschaften, Akademie- Verlag, Berlin 2008. 233 Seiten, 19,80 Euro

 Rechtsdenken der Muslime und Rechtspraxis der Scharia.
Christine Schirrmacher / Ursula Spuler- Stegemann: Frauen und die Scharia. Menschenrechte im Islam.
Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag, München 2004.  254 Seiten, 19,95 €.   AlexanderGörlachFAZ041012

Nur für Männer freizügig
  Die Scharia ist in Deutschland angekommen. Das islamische Familien-, Ehe- und Erbrecht wird von der Öffentlichkeit wahrgenommen, besonders, wenn von Ehrenmorden und Beschneidung von Frauen oder dem Kopftuchverbot die Rede ist. Diese Diskurse zeigen, dass besonders das Leben muslimischer Frauen von der Scharia bestimmt wird. Die beiden Islamwissenschaftlerinnen Christine Schirrmacher und Ursula Spuler-Stegemann legen eine grundlegende Einführung in das Rechtsdenken der Muslime und die Rechtspraxis der Scharia in der islamischen Welt vor. Dabei benennen sie sogar das islamische Engagement, in Europa Elemente der Scharia in das Alltagsleben zu integrieren.
  Die Scharia gilt in ihrem Wortlaut als von Gott erlassenes Gesetz. Und somit rücken die Autorinnen zurecht, dass es in der Diskussion mit der islamischen Welt niemals die Frage sein wird, ob die Scharia anzuwenden, sondern nur, wie sie anzuwenden ist. In der islamischen Welt gibt es kein Land, in dem die Scharia nicht zumindest eine, wenn nicht die wichtigste Quelle der Gesetzgebung ist. Diese Rechtsbestimmungen stammen aus dem Vorderen Orient des siebten Jahrhunderts nach Christus. Sie spiegeln die sozialen Verhältnisse und Gepflogenheiten der damaligen Zeit. In den bedeutenden islamischen Strömungen der Gegenwart wird diese Anfangszeit des Islam als glorreiche Zeit verklärt, in der die militärischen Siege Muhammads dem Islam Wachstum beschert haben. Die Scharia - so fasst Frau Schirrmacher im ersten Kapitel zusammen - wird auch heute „als Ideal für die gesamte Menschheit bis in die Moderne” verstanden.
   Die Autorinnen tragen zusammen, welche Bestimmungen des sozialen und rechtlichen Gefüges des Orient der Islam in sein Rechtssystem integriert und welche regionalen Ausprägungen beziehungsweise Modifikationen dieses arabische Rechtssystem in der islamischen Welt gefunden hat. Der Befund ist erschütternd: Im Prozessrecht gilt die Aussage einer Frau nur halb soviel wie die eines Mannes. Im Falle einer Vergewaltigung müssen Frauen in Pakistan nachweisen, vergewaltigt worden zu sein. Generell trägt im Falle der Vergewaltigung die moralische Schuld für die Tat die Frau: Sie hat den Mann durch ihr Auftreten gereizt.
   Ehrenmorde werden nicht nur in Pakistan begangen, wenn Frauen ungehörigen Umgang mit Männern haben -  das bedeutet, wenn ein Mann in der Nähe einer Frau gesehen wird oder sie gar mit ihm spricht. Der „geregelten Vergewaltigung” von Frauen durch pakistanische Polizisten ist ein eigener Absatz gewidmet.
   In Bangladesh werden Frauen mit Säure Übergossen und entstellt, wenn ihre Männer glauben, dass sie sich gegen das Patriarchat des Staatsislam auflehnen. Überall an der Tagesordnung ist Gewalt gegen Frauen in der Ehe: In Sure 4,34 trägt Gott dem Mann gegenüber widerspenstigen Frauen auf: „Schlagt sie!”. Diese auch heute noch gültige göttliche Aufforderung führt so weit, dass noch 1987 der tunesische Kassationsgerichtshof in einem Urteil bemerkte: „Schläge und leichte Verletzungen der Frau durch den Ehemann sind Teil der Natur eines normalen Ehelebens.” Im Punkt Polygamie zeigt sich der Islam nur für Männer freizügig. Muhammad selbst hatte zwischen 13 und 15 Ehefrauen, die Nebenfrauen nicht mitgerechnet. Die sechsjährige Aischa heiratet Muhammad im Alter von 50 Jahren, die Ehe vollzieht er mit ihr drei Jahre später. Nach Sure 33,50 nimmt sich Muhammad aber heraus, ein von Gott eigens zugestandenes Sonderrecht für diese Vielzahl an Frauen erhalten zu haben, so die Autorinnen. In der heutigen Praxis in islamischen Ländern wird die Zweitehe von muslimischen Männern an be- stimmte Bedingungen geknüpft und häufig nur in ländlichen Gegenden praktiziert. Eine Entlassung aus der Ehe, die nur der Mann vornehmen kann, führt in der islamischen Welt die Frauen, die meist nicht lesen und schreiben können, in die soziale Katastrophe.
  Die Reihe der Beispiele, die illustrieren, wie unvereinbar die Scharia mit den westlichen Menschenrechten ist, schreiben die beiden Autorinnen auf 254 Seiten scheinbar endlos fort. Sie haben eine intime Kenntnis der islamischen Welt, ihre Darstellung ist ausgewogen und nüchtern. In der Konsequenz bedeuten ihre Ausführungen, dass die Scharia nicht mit den Menschenrechten vereinbar ist. Vom Islam ausgehend, wird in der Scharia eine Gesellschaftsordnung zementiert, in der die Menschen nach ihrer Religion klassifiziert werden.  Christen und Juden beispielsweise sind Menschen zweiter Klasse. Es ist nicht nur für Frauen schwer, unter der Scharia zu leben. Der Auseinandersetzung mit dem Scharia-Islam weichen Frau Schirrmacher und Frau Spuler-Stegemann nicht aus - sie ersparen sie auch dem Leser nicht.

Korankopie-10.Jh.(Tunesien)

   Das Staats- und Gesellschaftsverständnis des Islams fußt auf dem Koran und dem sakralen Gesetz der Scharia. Alle Versuche, eine demokratische Ordnung von außen aufzuerlegen, sind an dieser unveränderlichen Ordnung gescheitert. Und nur wenige Reformdenker bemühen sich um eine Neuinterpretation der religiösen Quellen, um den Islam mit den politischen Erfordernissen der Gegenwart in Einklang zu bringen.

  Die Frage, ob und auf welche Weise islamische Länder demokratisiert werden können, wird wohl noch Generationen beschäftigen. Die jüngsten Wahlen in Ländern wie dem Irak, Ägypten und Palästina haben dort jenen Kräften die Mehrheit verschafft oder ihnen doch sichtbare Erfolge beschert, die den politischen Islam vertreten, wenngleich in unterschiedlichen Schattierungen. Bei den Muslimbrüdern in Ägypten ist eine Tendenz „zur Mitte” zu beobachten, bei den siegreichen Schiiten im Irak scheint eine islamische Republik im strikten Sinne Ajatollah Chomeinis nicht erwünscht; am radikalsten gebärdet sich bis jetzt der palästinensische Wahlsieger, die Hamas.
   Der amerikanisch-britische Krieg im Irak hat dort das Regime gestürzt, Wahlen ermöglicht, aber noch keine wirkliche Demokratie etabliert. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil die politischen Verhältnisse nicht stabil sind. Eine Demokratie nach westlichem Muster widerspräche aber auch der Auffassung vieler von der politischen Gestalt einer Gesellschaft, wie sie der Islam viele Jahrhunderte lang in das Bewusstsein der Menschen eingeprägt hat. Diese Prägungen sind in ihrer beharrenden Kraft nicht zu unterschätzen.
   Der Staat ist danach die Durchsetzung und Aufrechterhaltung der in Koran und Scharia geprägten „Ordnung Gottes“ in der Welt. Nur für kurze Zeit und angeregt durch Platons „Politeia”, kam der Gedanke eines „musterhaften Staatswesens”, einer Art islamischer Polis, durch den Philosophen al Farabi im 10. Jahrhundert in das islamische Denken; doch die Orthodoxie sortierte solche hellenisierenden Staatsutopien aus, um sich wieder am alten Modell zu orientieren.
Was heißt Gerechtigkeit?
   Schon nach dem Tod des Propheten Mohammed stritten die Muslime über dessen Nachfolge. Dabei etablierten sich drei Richtungen. Die Partei Alis, die man Schiiten nennt, votierte für eine „spirituelle und leibliche Erbfolge von Imamen“, die sich über den Prophetenvetter Ali und dessen Frau Fatima auf Mohammed bezog. Die Gegenpartei wählte, bevor Ali im Jahre 656 nach Christus an die Macht kam, hintereinander drei Nachfolger des Propheten: Abu Bakr, Omar und Uthman. Die Abstammung vom Stamm der Quraisch, aus dem der Prophet gekommen war, galt als besonders wichtiges Kriterium. Seither begleitet es alle klassischen Kalifatstheorien. Die kleine Gruppe der Charidschiten hingegen, die heute wenig bedeutend ist,  sprach sich für den frömmsten aller Muslime als Kalifen aus, „und sei es ein abbessinischer Sklave”.
  Zunächst entstand das Kalifat der Omajjaden von Damaskus, dann das der Abbasiden von Bagdad. Es war schon stark vom vorislamischen persischen Hofzeremoniell beeinflusst. Legitimiert war ein Herrscher, auch in den vielen anderen Dynastien und lokalen Herrschaften, die sich bald parallel herausbildeten, wenn die Freitagspredigt (chutba) in seinem Namen verlesen wurde und wenn man Münzen auf seinen Namen prägte. Hinzu kam die Bai’a, eine Art Treueid der Notabeln und religiösen Führer.
   Schon früh bildeten sich Ideen von einem „gerechten Herrscher” aus. Sie hatte es auch vor dem Entstehen des Islams gegeben, doch im Koran nimmt die Gerechtigkeit einen besonders wichtigen Platz ein. Gerechtigkeit wurde zunächst und vor allem daran gemessen, ob der Herrscher für eine reibungslose Praktizierung des religiösen Gesetzes sorgte, besonders seiner rituellen und rechtsförmigen Erfordernisse. War dies der Fall, drückten die Gelehrten schon mal ein Auge zu, wenn die Lebensführung des Herrschers selbst zu wünschen übrig ließ. In der Theorie konnte ein Herrscher sogar abgesetzt werden, was freilich nur selten vorkam.
   Gerecht war die Herrschaft auch dann, wenn der Staat die öffentliche Wohlfahrt förderte oder auch die Armen speiste, was mit Hilfe der Armensteuer und der Moscheekomplexe geschah, denen immer Hospitäler oder Armenküchen angeschlossen waren. Auch an der Besteuerung und ihrer Verwendung durch den Staatsschatz entschied sich, ob ein Herrscher als gerecht oder nicht angesehen werden konnte.
  Die reibungslose Gewährleistung der Scharia-Ordnung wurde zum Beispiel den Mongolen zum Problem, die im Jahre 1258 Bagdad zerstört und die Macht an sich gerissen hatten. Die Nomadenkrieger aus Mittelasien hatten ein eigenes Rechtssystem, das mit der Scharia nichts gemein hatte. Sie konnten das Problem auf die Dauer nur dadurch lösen, dass mit dem Herrscher Ghazan Khan die ganze Dynastie, die zuvor dem Buddhismus oder Schamanismus gehuldigt hatte, zum Islam übertrat.
   Zu jener Zeit, da längst nicht mehr arabische Dynastien herrschten, sondern Türken, Perser und andere, entwickelte sich die Gattung des Fürstenspiegels, in dem die Eigenschaften des gerechten Herrschers dargelegt wurden. Das bedeutende „Siyasatname” des sunnitischen Wesirs Nizam al Mulk behandelt  die Talente eines Herrschers  aus sunnitischer Sicht, ebenso wie das „Qabusname” und andere Werke dieser Art,  in denen die Prinzipien der mittelalterlichen Feudalgesellschaft zu studieren sind. Der gerechte Herrscher hütet nach der Scharia und mit der Hilfe des Divans (Kabinetts) seine Herde (raya).
   Die vielleicht perfekteste Ausgestaltung des klassischen islamischen Staates bot das Osmanische Reich, das von 1299 bis 1923 bestand. Der Sultan herrschte im Verein mit dem Scheichülislam, dem höchsten Mufti des Reiches, über die muslimische und nichtmuslimische „raya” gemäß den Gesetzen der Scharia.
   Die Nichtmuslime genossen eine beträchtliche, doch eingeschränkte Autonomie. Die osmanische Herrschaft zerbrach am Ende mehr durch den (von außen unterstützten) Druck, den die nichtmuslimischen, nationalistisch werdenden Untertanen des Sultans ausübten, als durch Aufstände der Muslime selbst, die es auch gab.
  Allerdings gingen sie meistens von heterodoxen schiitischen Sekten aus, die ganz andere Vorstellungen von Herrschaft hatten als die Sunna, etwa die Aufstände von Börklükce Mustafa und Torlak Kemal oder der Celali- Aufstand, die beide von alevitischen Kreisen ausgingen. Sie interpretierten Gerechtigkeit im Sinne einer kommunis- tischen Verteilungsgerechtigkeit, vor allem an Boden.
   Einen Umsturz ähnlich der Französischen Revolution freilich kennt die gesamte islamische Geschichte nicht. Immer waren es religiöse oder weltliche Eliten, die vorgaben, für das Volk zu rebellieren oder - in der Moderne - zu putschen. So wurde der Staatsstreich zum Modell des Umsturzes, nicht die Revolution. Die iranische Revolution wurde gewiss vom Volk getragen, doch den religiösen Führern ging es nicht primär um die Regierung des Volkes durch das Volk selbst, sondern um die Erhaltung der religiösen Ordnung zwölfer-schiitischer Prägung, die durch die Modernisierung und drastische Verweltlichung unter dem Schah sowie durch den Einfluss der Amerikaner gefähr- det schien. In Iran trat der einmalige Fall ein, dass die Religionsgelehrten direkt die Herrschaft an sich rissen und sich vom Volk bestätigen ließen.
   Im zwanzigsten Jahrhundert übernahmen die Araber und Muslime Elemente des westlichen politischen Denkens. Die arabischen Nationalisten schufen den Begriff der „arabischen Nation”, wobei sie nach dem Studium Herders und anderer deutscher Philosophen der Romantik einen „organischen” Nationbegriff entwickelten und sich nicht am französischen Begriff des Bürgers (citoyen) orientierten.
   Sie schufen in ihren Ländern Institutionen und Organisationen wie Parlamente, Parteien, Gewerkschaften, weltliche Gerichte und ähnliches, die mit den westlichen Institutionen gleichen Namens wenig gemein hatten und haben.
   Die Parlamente sind im großen und ganzen Schein-Parlamente, die Parteien oft Klientel-Gruppen, die einem Stamm oder Clan oder einer Familie dienen oder im Dienst der Staatspartei agieren. Auch das Militär mischt mit. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren bisherige Wahlen Scheinwahlen. Erst allmählich lockern sich hier und da die Bedingungen für Abstimmungen in einer Form, die noch vor kurzem undenkbar war. Eine Ausnahme macht die Türkei, wo das Parlament und die Wahlen europäischen Standards entsprechen.
Die Rolle der elektronischen Medien
   Ein Oktroi der Demokratie von außen und mit Gewalt wird wohl kaum gelingen. Das war schon vor dem Irak-Krieg vorauszusehen. Deswegen suchen islamische Reformdenker nach Wegen, die der eigenen Tradition entsprechen. Ob dabei so etwas wie eine Demokratie nach westlichem Muster herauskommt, ist ungewiss. Diese Wege sind eine Mischung aus althergebrachten Bräuchen und einer Neudefinition alter Prinzipien und koranischer Maximen. Alle arabischen Gesellschaften, vor allem jene am Golf, kennen die Einrichtung der Madschlis, des abendlichen Zusammensitzens und Diskutierens, besonders am islamischen Wochenende. In neuartigen Medien wie al Dschazira und al Arabija ist diese Tradition zu einer (auch kontroversen)  Dialog-Kultur ausgebaut worden. Die Wirkung solcher Medien, die nicht staatstragend zu sein haben und überall empfangen werden können, ist von kaum zu  überschätzender Bedeutung. Sie schaffen ein Feld des Diskurses, gegen dessen Wirkung die Regime kaum angehen können. Dem entgegen steht freilich, dass auch die Islamisten und Dschihadisten heute moderne Medien wie das Internet reichlich nutzen, was weder den Regimen noch den demokratischen Oppositionellen recht sein kann. Doch die Aktivität muslimischer, demokratisch gesinnter Nichtregierungsorganisationen in elektronischen Medien wird auch ihre Wirkung entfalten. Die Reformdenker - es sind nicht viele, aber mittlerweile gibt es sie in allen islamischen Ländern - gehen von einer Neuinterpretation traditioneller Begriffe wie „Scharia” oder „Schura” aus. In Iran etwa sieht Mohammad Shabestari in der Scharia weniger ein Kompendium ewiger Gesetze und Verhaltensregeln eines Sakralrechts als einen dialektischen Prozess der Wahrheitsfindung in Fragen von Ethik und Politik. Shabestari will die lebhaften Diskussionen von vor tausend Jahren, bevor in großen Teilen des Islams das Tor des Idschtihad, der selbständigen Auslegung, für geschlossen erklärt wurde, wiederbeleben und in einen modernen, demokratischen und gesellschaftlichen Diskurs-Raum verwandeln. Auf lange Sicht glaubt er an die Demokratie nach westlichem Muster, nicht aber an eine spezielle „islamische Demokratie”. Seine Methode hat zunächst jedoch zum Ziel, den Pluralimus der Meinungen zu fördern, indem die Fronten der traditionellen Rechtsbestimmungen in der islamischen Jurisprudenz aufgebrochen und nach den Bedürfnissen der modernen Welt zu neuer gedanklicher Durchdringung „freigegeben” werden.
   Der Begriff der „Schura”, Beratung, geht auf den Koran selbst zurück, wo es in der 42. Sure „al Schura” heißt, dass es bei Gott für jene besser sei, „die sich in ihren Handlungen in Beratung beistehen”. Doch wer soll sich beraten? Nur einige wenige oder alle? Die Verfechter demokratischer Verhältnisse interpretieren solche und andere Verse heute extensiv; sie wollen, dass die Beratung des Herrschers oder des Präsidenten nicht mehr autoritär durch ein handverlesenes Gremium von Vertrauten oder Honoratioren vorgenommen wird, wie etwa in Saudi- Arabien mit seiner „madschlis al schura”, sondern dass die Gesellschaft insgesamt sich demokratisch berät und bestimmt. Darin sehen sie die Keimzelle für die eigenständige Entwicklung einer Zivilgesellschaft auch im Islam.
  Solche Reformansätze können freilich nur zum Erfolg führen, wenn gleichzeitig die Bereitschaft wächst, eine um- fassende Untersuchung und Historisierung der eigenen religiösen Quellen zu betreiben, wie das im europäischen Kulturraum geschehen ist. Die klassische Demokratie ist eine Ordnung von Menschen für Menschen, sie ist anthropozentrisch und gewährleistet dabei für den einzelnen qua individueller Freiheit auch die Hinwendung zur Transzendenz. Eine theozentrisch fundierte Ordnung fordert indessen letztlich Gehorsam, da dessen kritische Verweigerung immer als Ungehorsam gegen Gott und damit Glaubensabfall denunziert werden kann. Nur eine Handvoll Denker, teilweise im europäischen Exil, teilweise in ihren Heimatländern, wagt sich an eine Historisierung der religiösen Quellen des Islams, Koran und Überlieferung, heran. Sie alle eint, dass sie - im Unterschied etwa zu einem Dissidenten wie Ibn Warraq, der jetzt in Großbritannien lebt und sich mit seinem Werk „Warum ich kein Muslim bin” offen als Atheist bekennt  -  fromme Muslime sind und dies auch bleiben wollen. Dies gilt für den in Teheran lehrenden Iraner Abdol Karim Sorusch ebenso wie für den Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid, der seit einigen Jahren in den Niederlanden lebt.
  Sorusch ist von Hause aus Chemiker, hat jedoch auch Philosophie studiert. Insbesondere der deutsche Idealismus hat ihn geprägt. Mit Hegel, einem Philosophen, dessen Denken sich vielen intellektuellen Muslimen erschließt, denkt er prozesshaft. Den Koran und die Tradition sieht er ebenfalls in historische Prozesse eingeordnet, deren Berücksichtigung jedenfalls mit zu ihrer Auslegung gehört. So muss eine moderne Koranexegese unterscheiden, ob es sich bei bestimmten Offenbarungsinhalten um unaufgebbare Glaubenssätze wie den Monotheismus und die Prophetenschaft Mohammeds handelt oder um zeitlich bedingte, relative Aussagen im heiligen Buch oder im religiösen Gesetz, die im Kontext ihrer Entstehung in Mekka und Medina zur Zeit des Propheten oder kurz danach zu interpretieren und gegebenenfalls zu übergehen sind.
   Prozesshaftigkeit und Zeitlichkeit hat Sorusch auch durch das Studium Martin Heideggers („Sein und Zeit”) erfahren, vor allem aber auch durch die Schule von Isfahan. Dies ist eine Gruppe muslimischschiitischer Denker, die im frühen 17. Jahrhundert von Mir Damad begründet wurde, ihren Höhepunkt in dessen Schüler Mollah Sadra Schirazi, einem Zeitgenossen des Descartes, fand und über Scheich Muhsin Faiz Kaschani und Mollah Hadi Sabzewari bis in das 19. Jahrhundert ausstrahlte. Die Schule von Isfahan verband den Rationalismus der Griechen, den Atomismus der klassischen islamischen Theologie mit gewissen Theorien intellektueller Mystiker wie Ibn Arabi und Suhrawardi zu einer Synthese, die gerade in jüngster Zeit wieder neu entdeckt wird.
   In der Seinslehre gelangen die Isfahaner zu einer ewig prozesshaften Welt, in der alles dem Wandel unterliegt, die von Gott in jedem Moment neu geschaffen wird. Dieses Prinzip nennt Mollah Sadra „Transzendentale Bewegung”.  Der französische Orientalist und Philosoph Henry Corbin (1903- 1978) übersetzt das mit „metaphysischer Unruhe des Seins”. Für einen Mann wie Sorusch ist auch die Offenbarung  in den dauernden Werdeprozess verwoben, so dass sie sich - von der Essenz des Gottesglaubens abgesehen - immer neu definieren und auslegen muss.
Fünf Pfeiler des Glaubens
   Natürlich sind solche Abstraktionen einstweilen akademische Modelle. Doch Soruschs Studenten sind bereit, für seine revolutionären Ideen eine Bresche zu schlagen. Es ist eine Tragödie, dass unter der Präsidentschaft von Sejjed Mohammad Chatami (1997-2005) diese Ideen wegen der Widerstände reaktionärer Kreise keine größere Wirkung in die Öffentlichkeit hinein entfalten konnten.
   Leider gilt das auch für den Ägypter Abu Zaid, dessen kritische Werke zwar im Land zirkulieren, aber bis heute nicht breit diskutiert werden können. Auch ihm geht es um die Essenz des Glaubens und die zeitbedingte Historizität der Offenbarung, obschon sein Zugang ein anderer ist als der Soruschs.  Abu Zaid ist weder Theologe noch Philosoph, sondern Literaturwissenschaftler. Er behandelt den Koran auch als literarisches Werk und wirbt in sei- nem Hauptwerk „Das Verständnis des Textes”  für eine Hermeneutik im literarischen Sinn. Die Methoden entlehnte er der modernen Semiotik,  aber auch den Sufis, jenen islamischen Mystikern, die den Koran schon vor tausend Jahren allegorisch auslegten. Die Sprache des Korans gibt nach seiner Überzeugung nicht einfach Realität wieder, sondern ist auch als Symbolsprache zu verstehen, die sich - je nach Zusammenhang - immer neu interpretieren lässt. Um der transzendenten Kommunikation willen musste Gott im Koran, der ein geschaffenes Werk ist und nicht ewig und unerschaffen, wie die Gelehrten behaupten, sich einer Sprache befleißigen, die bildhaft, gleich- nishaft, allegorisch ist, damit man das Gemeinte besser und tiefer versteht. Der Text besteht aus Zeichen, die immer wieder neu deutbar sind. Während die Orthodoxie am Buchstaben klebe, entschlüssele die Hermeneutik der Allegorie „die andere Seite des Textes”.
   Der Kern des Islams, ja recht betrachtet sogar der Scharia, besteht in den fünf Pfeilern des Glaubens: Monotheismus, Gemeinschaftsgebet, Fasten, Armensteuer zahlen (sozial sein) und nach Mekka wallfahren. Diese fünf Prinzipien jedenfalls widersprechen nicht der Demokratie. Dass islamische Denker in wenigen Jahren Begriffe wie Volkssouveränität, individuelle Freiheit oder Selbstbestimmung auch im religiösen Kontext verbindlich und wirksam aus der Tradition werden herausarbeiten können, scheint indessen eher unwahrscheinlich. Eine Zukunft gegen den Islam ist in jenen Ländern allerdings auch nicht möglich. 
Foto: Korankopie   in  kufischer Schrift, 10. Jahrhundert. Aus der Großen Moschee  in  Kairouan  (Tunesien).
WolfgangGünterLerchFAZ060209

Neue islamische Theologie. Felix Körner SJ Foto unten rechts über eine modernistische Koranexegese in Ankara

   Ist der Islam offen für verschiedene Auslegungen seiner Tradition? Angesichts der aktuellen Konfliktlage ist das eine Schlüsselfrage. Wir stehen vor unterschiedlichen Religiositäten: Für die Muslime ist die bildliche Darstellung ihres Propheten tabu, während in der christlichen Kunst mit dem Ende des „Bildersturms” alle Bilderverbote gefallen sind. Zudem ist für die Muslime der Koran das in Buchstaben gegossene, das unmittelbare und damit auch unabwandelbare Wort Gottes. Im Christentum hingegen ist Gottes Wort Fleisch geworden, aufgeschrieben von Menschen. Dem Christentum ist die historisch-kritische Bibelexegese damit fast in die theologische Wiege gelegt worden. Der Islam scheint jedoch an einmal formulierte Überlieferungen gekettet zu sein, ohne Chance zur Weiterentwicklung.
  In den Bildern eines Mobs, der Flaggen verbrennt und dänische Botschaften anzündet, mag dieser erste Befund seine Bestätigung finden. Vorbei geht er indessen an der Wirklichkeit der vielfältigen theologischen Auseinandersetzungen mit dem heiligen Buch der Muslime. Unbestritten ist, dass sich nach wie vor die meisten muslimischen Theologen eher mit der Tradition als mit der Theologie beschäftigen, dass sie eher Kopisten der Vergangenheit sind als kreative Denker. Dass ihnen auch die Formen der Ästhetik wichtiger sind als das Nachdenken über den Inhalt. Der liberale muslimische Denker Fazlur Rahman (1919 bis 1988) hatte beklagt, wie diese Traditionalisierung den Reichtum der koranischen Theologie verkümmern lasse und dass man sich damit die Chance vergebe, Anknüpfungspunkte an die Moderne zu finden.
   Allen Bildern der hasserfüllten Prediger und der grimmig dreinblickenden Bärtigen zum Trotz: Auch in die islamische Welt ist Bewegung geraten. Von einem wichtigen neuen Ansatz der Koranexegese berichtet eine Studie des deutschen Jesuiten Felix Körber Foto unten rechts, der seit vielen Jahren in Ankara lebt. Mit seiner Arbeit füllt er eine Lücke: Erstmals liegt nun eine Arbeit vor über die jüngere Koranforschung in der Türkei, und erstmals zeigt er, wie deutsche Philosophie, insbesondere Gadamers Hermeneutik, Eingang gefunden hat in die Methoden jüngerer türkischer Islamtheologen. Über die Schulter schaute Körner vier von ihnen: Mehmet Pacaci und Adil Ciftci, Ömer Özsöy und Ilhami Güler.
   Mehmet Pacaci wurde 1959 in der türkischen Provinzstadt Bolu geboren. Seine Studien führten ihn nach Saudi- Arabien und nach Manchester, geforscht hat er zudem in Rom und in Bamberg. Heute lehrt er an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara. Als einer der ersten islamischen Theologen liest er auch die heiligen Bücher der Juden und der Christen - und das in deren Originalsprachen.
  Sein Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass die Prinzipien des Koran universelle Gültigkeit besitzen, dass der Koran aber in einem historischen Kontext offenbart worden ist und auf konkrete historische Situationen Bezug nimmt. „Einen Text zu verstehen bedeutet daher, ihn in jedem Moment neu zu verstehen“, schreibt Pacaci einmal. Nie könnten Menschen ein vollständiges Verständnis entwickeln. Der Exeget sei stets von seiner Zeit geprägt. Daher müsse sich auch die Umsetzung der Prinzipien des Korans in dem Maße ändern, wie sich die historischen Situationen veränderten, lehrt Pacaci.
   Körner zeichnet nach, wie Pacaci eine Synthese aus dem Denken Gadamers und Fazlur Rahmans entwickelt. Wie Gadamer sieht er den Exegeten in einem Koordinatensystem von Raum und Zeit, mit Fazlur Rahman entdeckt Pacaci die allgemeinen Prinzipien, die dem Koran zugrunde liegen.
   Körner zeichnet das Vorgehen Pacacis etwa an der Auslegung der Sure 112 nach, die in der Übersetzung von Friedrich Rückert heißt: „Sprich, Gott ist Einer / Ein ewig reiner / Hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner / und nicht ihm gleich ist einer.” In seiner Exegese entwickelt Pacaci den Gedanken, dass der Koran in der Tradition der Propheten vor Muhammad stehe, und bei den Zeitgenossen Muhammads habe der Koran das Wissen der biblischen Theologie vorausgesetzt. Pacaci führt daher die zentralen arabischen Begriffe der Sure - etwa „ahad” und „samad” - auf die Theologie der vorislamischen semitischen Religion zurück. Nicht die Bibel habe aber den Koran beeinflusst, sondern die gemeinsame semitische Tradition, sagt Pacaci.
   Die Kontextualisierung einer Koransure in die Welt des siebten Jahrhunderts ist nur eines von vielen Beispielen, mit denen Körner die neuen Ansätze der jungen Theologen illustriert. Gemeinsam ist den vier vorgestellten Theologen, dass sie an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara forschen und lehren. Sie wurde 1948 gegründet, und sie gilt als die Mutterfakultät aller theologischen Hochschulen der Türkei. Die Dekane der anderen 23 theologischen Fakultäten des Landes sind nahezu ausnahmslos Absolventen aus Ankara, auch nimmt ihr Einfluss auf die staatliche Religionsbehörde „Diyanet Isleri Baskanligi” zu. Denn deren neuer Präsident, der Reformtheologe Bardakoglu, stellt zunehmend die Anpassung des Islam an die Moderne in den Mittelpunkt der Arbeit des Diyanet.
   Damit wendet sich das Diyanet von seinem nationalistischen Auftrag ab. Denn als die Gründer der Republik 1923 die höchste religiöse Instanz, das Amt des Scheich ül-Islam, auflösten, gründeten  sie als Religionsbehörde das Diyanet. Der neue türkische Staat musste sich erst seine Nation schaffen, und das Diyanet hatte als Repräsentant des sunnitischen Islam dazu seinen Anteil zu leisten. Erst in den jüngsten Jahren ist der offizielle türkische Islam weniger politisch geworden und dafür  intellektueller. Ein entscheidender Anteil gebührt der Ankaraner Schule.
  Indem sie die Fakultät nicht nach der „Scharia“ benannten, sondern wie im Westen üblich nach der „Theologie“ (ilahiyat), und indem sie die Fakultät nicht einer religiösen Behörde unterstellten, sondern dem Erziehungs- ministerium, sandten ihre Gründer das Signal aus, dass sie eine moderne Fakultät haben wollen. Ihre Professoren sollten nicht tradieren, sondern selbständig denken.
   Die erste Generation „islamischer Modernisten“ uni Hüseyin Atay und Mehmed Said Hatiboglu war im Westen noch weitgehend unbeachtet geblieben. Körners Studie stellt ihre Nachfolger nun erstmals in einer kritischen Studie vor. Sie bilden das, was die Türkei bereits die „Ankaraner Schule” nennt. Aus der Studie lernt der Leser nicht zuletzt, dass die Bandbreite der islamischen Theologie doch größer ist, als es die Fixierung auf hasspredigende Extremisten erwarten lässt. 
Felix Körner: „Revisionist Koran Hermeneutics in Contemporary Turkish University Theology”.Rethinking Islam. Ergon-Verlag, Würzburg 2005, 230 S.br. 29 €  
RainerHermannFAZ060222

 

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