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Keine Gewalt

Sie lesen auf dieser Seite:
1. Was hat der Islam mit Terror zu tun?
2. Christen und Muslime gemeinsam gegen Terror
3 Hat der islamische Staat nichts mit dem Islam zu tun?
4. Papstbrief an Ban Ki-moon: Gewalt gegen Christen stoppen!
5. Islamisten, Hindus und autoritären Regimes sind die Christen ein Dorn im Auge
6. Freiheit für einen Mörder in Rawalpindi
7. Ulrich Delius ist Experte für Afrika und Asien - dort, wo Christen um ihr Leben fürchten
8. Handgranaten auf die Menschen in der Sakristei - 58 Christen in der Bischofskirche in Bagdad ermordet
9. Irak: Erzbischof von Mossul entführt und getötet
10. Bischof Dr. Franz Kamphaus: Ein Dialog mit dem Islam
11. Racheakt der Söhne des Propheten: Sr. Leonella in Mogadishu ermordet
12. Diözese Rom trauert um einen in der Türkei umgebachten Priester
 13. Erzbischof Luigi Padovese in der Türkei ermordert
14. Sri  Lanka: Buddhisten greifen katholische Kirche an
15. Bangladesch: Christliche Kinder werden an Koranschulen verkauft
16. Rektor des Seminars in Bangalore / Indien ermordet
17. Genozid vor hundert Jahren im Osmanischen Reich an der armenischen Bevölkerung
18. Kirche ist heute eine Kirche der Märtyrer - Gebet für verfolgte Christen
19. Heiligsprechung von Völkermordopfer
20. Die Türkei hat nach der diplomatischen Verstimmung mit dem Vatikan einen Ölzweig gereicht

Is-Moschee-Duisburg-Zx       Moschee, Duisburg

Was hat der Islam mit Terror zu tun?  Foto:  Halbmast nach den Morden von Paris -
„Im Namen keiner anderen Religion wurden in den vergangenen Jahren derart barbarischen Taten begangen.“

   „Dieses Massaker hat mit dem Islam zu tun“ – „Es geschieht nicht im Namen der Muslime“: Das waren vor wenigen Wochen die Schlagzeilen, nachdem zwei Attentäter die Redaktion des französischen Satiremagazins stürmten und die Redakteure, Mitarbeiter und einen Polizisten ermordeten. Pegida Demonstrationen gehen gegen die Islamisierung des Abendlandes auf die Straße. Umfragen ergeben, dass diese Demonstranten anders als erwartet durchaus gebildete Bürger sind.
   Doch wissen wir überhaupt, worüber wir reden, wenn wir uns eine Meinung bilden wollen über den Terror und den Islam? Deswegen wollen wir uns hier mit der Frage beschäftigen: Was hat der Islam überhaupt mit dem Terror zu tun?
Farouk – Ein junger Muslim in Deutschland
   In Deutschland leben etwa vier Millionen Muslimen, die meisten von ihnen sind Sunniten. Einer von ihnen ist Faruk Bayraktar, er lebt in Frankfurt und geht in die unterschiedlichsten Gemeinden in seiner Umgebung, weil er keinen Unterschied zwischen Moscheenamen oder Gemeinden macht. Hauptsache eine Moschee, in der Allah und sein Prophet bezeugt wird. Farouk lebt seinen Glauben in Deutschland frei aus und praktiziert ihn Glauben aktiv, es ist seine Priorität eins. Die fünf Gebetszeiten am Tag strukturieren seinen Alltag, um sie herum koordiniert er seinen Beruf als Industriekaufmann und seine Freunde. Sein Freundeskreis ist gemischt, hier hat der Glaube auch nicht die erste Priorität – das Miteinander ist wichtiger. Von einigen weiß Farouk nicht einmal, ob sie überhaupt religiös sind und wenn ja, welchem Glauben sie angehören. Aber seit dem Charlie Hebdo Attentat hat sich etwas verändert. Das Thema Islam – Farouks Glaube – ist mehr in den Mittelpunkt gerutscht.
   Die Fragen haben sich seit den Morden von Paris vermehrt. Farouk nimmt vieles auf die leichte Schulter, das wissen seine Freunde. Deswegen fragen sie ihn direkt und manchmal auch sehr provokativ. „An eine Frage erinnere ich mich noch ganz genau. Ein Tag nach dem Charlie Hebdo Attentat hieß es: Hast du dir gedacht, super gemacht oder denkst du dir, was sind das für Vollidioten? Mit solchen Fragen werde ich oft konfrontiert. Dazu nehme ich dann auch gleich Stellung bzw. mein Umfeld weiß auch, wie ich darauf reagiere bzw. das ich mich von solchen Attentaten oder von jeglicher Art von Gewalt massiv distanziere.“
Gewalt im Islam
   Islamisten folgen einer Ideologie, die einen Islamischen Staat fordern. Um diesen zu erreichen ist ihnen jeder Weg recht. Doch wie legitimieren sie ihre Gewalttaten, wenn Muslime wie Farouk sich diesen Zusammenhang nicht erklären können. Wir haben mit Jesuitenpater Felix Körner gesprochen. Als renommierter Islamwissenschaftler ist er unter anderem Berater des Heiligen Stuhles in Fragen des christlich-islamischen Dialogs. „Man kann mit den islamischen Grundquellen, also vor allem mit dem Koran und mit dem Hadis, also mit den Überlieferungen der Verhaltensweise und der Aussprüche Mohammeds und seiner Gefährten schon auch Begründungen finden, warum man Gewalt im Namen Gottes anzuwenden hat. Also man kann das durchaus begründen, aber Islam führt nicht automatisch zu Islamismus oder gar Gewalt.“

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Christen und Muslime gemeinsam gegen Terror Foto: IS-Progpagandavideo: Hinrichtung von Geiseln in Palmyra

   Hochrangige christliche und muslimische Kirchenführer aus dem Nahen Osten haben in Athen gemeinsam zum Einsatz gegen Terrorismus aufgerufen. Sie prangerten mit Nachdruck die Verfolgung christlicher und anderer religiöser oder ethnischer Gemeinschaften in Nahost an und verurteilten jene, „die die Religion manipulieren, um Gewalt gegen Menschen anderen Glaubens und die Entweihung heiliger Stätten und Symbole zu rechtfertigen". Das steht in der „Erklärung von Athen", die bei einer interreligiösen Tagung in der griechischen Hauptstadt erarbeitet wurde. Veranstalter waren das Wiener König-Abdullah-Dialogzentrum KAICIID und das Ökumenische Patriarchat von Istanbul. Auch ein Vatikan-Vertreter war in Athen zugegen.
   Der christlich-muslimische Appell war besonders an religiöse und politische Führungspersönlichkeiten gerichtet, aber auch an die Zivilgesellschaft: Gegen den wachsenden gewalttätigen Extremismus und Terrorismus, der Jahrhunderte friedlicher Koexistenz im Nahen Osten bedrohe, gelte es einen „entschlossenen Standpunkt" einzunehmen. Gefordert wurde zudem „die Freilassung aller Geiseln, der entführten Zivilisten und religiösen Führungspersönlichkeiten sowie die Rückkehr der Inlandsvertriebenen und -flüchtlinge".
   Die Athener Tagung am 2. und 3. September, die sich ausdrücklich den Bürgerrechten der Christen in Nahost und ihrer Umsetzung widmete, erfolgte im Rahmen des vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. ausgerufenen „Dialogs zwischen Christen und Muslimen" und der vom KAICIID vorigen November in Wien gestarteten Initiative „Geeint gegen Gewalt im Namen der Religion". Teilnehmer waren u.a. der armenisch-apostolische Katholikos von Kilikien, Aram I., der griechisch-katholische melkitische Patriarch von Antiochien, Gregorios III. Laham, der sunnitische Großmufti des Libanon, Abd-el-Latif Derian, und sein jordanischer Amtskollege Abd-ul-Karim Khasawneh, zudem auch Repräsentanten des syrisch-orthodoxen und des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien, schiitische Theologen aus dem Libanon und dem Irak, Vertreter des Heiligen Stuhls, des Nahöstlichen Kirchenrats, der Drusen und der Universität Al-Azhar.
   Wie die Unterzeichner klarstellten, bedrohe der Konflikt im Nahen Osten die „religiöse und kulturelle Verschiedenheit in der Region", unterminiere die friedliche Koexistenz von Christen, Muslimen und Andersgläubigen, liefere Hunderttausende Menschen brutaler Gewalt aus und zwinge sie, ihre Heimat zu verlassen. Gewalttätige Extremisten würden dabei Christen, Muslime und Angehörige anderer religiöser oder ethnischer Gruppen misshandeln und töten. Ihre „abscheulichen Taten" seien von Ideen geprägt, die „völlig unvereinbar" mit der gemeinsamen Kultur und Geschichte des Nahen Ostens seien und auch „authentischen religiösen Lehren" widersprechen, hieß es in der Erklärung.
   Die Verbrechen würden auch die Gemeinschaft von Gläubigen zerstören – „zwischen den Bekennern verschiedener Religionen und unter den Bekennern des selben Glaubens", so die muslimischen und christlichen Führer weiter. Die jeweils eigenen Religionen würden ausdrücklich zu Frieden und Koexistenz aufrufen. „Das sind die zentralen Werte unserer Religionen." Die Religionsvertreter bekannten sich im Athener Dokument zudem „mit einer Stimme" zu dem vielfältigen religiösen und kulturellen Erbe, das ein „unersetzlicher Schatz" und ein integraler Bestandteil der arabischen und nahöstlichen Kultur sei.
   Die christlichen, religiösen oder ethnischen Gemeinschaften der Region wurden weiter als jeweils „integraler und untrennbarer Bestandteil der religiösen und kulturellen Verschiedenheit des Nahen Ostens" bezeichnet, der wesentlich zur „gemeinsamen nahöstlichen Identität" beitrage. Gegenüber diesen Gemeinschaften betonte die Erklärung eine „unerschütterliche Solidarität": Die Unterzeichner verpflichteten sich, gemeinsam für „Frieden mit Gerechtigkeit" zu arbeiten und mit allen Kräften für die Schaffung jener Bedingungen beizutragen, „mit denen die Christen und die Angehörigen anderer religiöser oder ethnischer Gemeinschaften im Nahen Osten in Freiheit und Würde als vollberechtigte Bürger leben können.
   Eindringlich mahnten die Religionsführer an die Entscheidungsträger der Region zur Wahrung der Verschiedenheit in den nahöstlichen Gesellschaften. Begrüßt wurden indes Initiativen zur Stärkung des gesellschaftlichen Gefüges auf Basis der Prinzipien gemeinsamer Bürgerschaft. Auf lokaler Ebene seien „frühzeitige Anstrengungen" nötig, um Versuchen einer Trennung der religiösen Gemeinschaften und des Schürens von Konflikten Einhalt zu gebieten. Ebenso sollten gemeinsame lokale Entwicklungsprojekte gefördert werden, um den verschiedenen Gemeinschaften zu helfen, einander zu treffen, zusammenzuarbeiten und Vertrauen aufzubauen. Rv150907gs

                                                           KK-FelixKörnerSJ-x     Pater Felix Körner SJ

   Gewalt im Namen Gottes. Schnell assoziiert man damit den Begriff ‚Dschihad’, den viele Terroristen verwenden. Das was man heutzutage auch als Heiligen Krieg bezeichnet. Dass dies keine muslimische Formulierung ist, sondern vielmehr eine griechische und vielleicht auch hebräische, wissen die Wenigsten, erklärt Pater Körner Foto oben . In der islamischen Tradition habe man aber von Anfang an das Selbstverständnis, dass man im Namen Gottes auch im Notfall Gewalt einsetzt.
   Zusammenfassend kann gesagt werden, im Islam gibt es „also das Wort Heiliger Krieg nicht, die Dynamik und die Begründung im Namen Gottes auch militärisch vorzugehen, ist sehr wohl vorhanden,“ erklärt Körner.
   Moderne Muslime lesen diese Texte heute keineswegs als Aufruf zur Gewalt. Sie interpretieren ihn mehr als einen Kampf mit sich selbst. Das deckt sich sogar mit einer Mohammed-Überlieferung, der zwischen dem Kleinen und dem Großen Dschihad unterscheidet. Der Große, der zugleich für Mohammed der wichtigere ist, ist der Kampf gegen das eigene Ego und für ein gläubiges Leben.
   Im Gegensatz dazu stehen die Salafisten, die sich auf einen ägyptischen Denker des 19. Jahrhundert berufen. Dieser wollte den Islam damals modernisieren, indem man sich auf die sogenannten rechtschaffenen Altvorderen also den Vorfahren beruft. Danach müssen man alles weglassen, was zur islamische Welt ab dem 7. Jahrhundert an sogenannten Verunreinigung hinzugekommen ist. Diese Rückkehrbewegung entwickelte sich dann weiter, erklärt Felix Körner. „Zuerst also eine Rückkehrbewegung zu einer Ursprungsform des Islam, aber die eignet sich schon in der zweiten Generation auch eine militante Motivik an und dann kommt schon bei diesen ersten sogenannten Muslimbrüdern, die sich genau auf diesen ägyptischen Denker beziehen, ein militantes Durchsetzen der neu erkannten alten Ziele vor.“
   Durch diese primitive Ideologie zeichnet sich die Welt in schwarz und weiß. Ein einfaches Modell gibt vor, was zu tun ist. Und der frühe Islam zeigt eben, dass die ersten Muslime durchaus Krieg geführt haben, so erklärt Körner die Denkmuster von Salafisten.
Zusammenhang zwischen Terror und Islam? Ja oder nein?
   Krieg führen wollten auch die Attentäter von Paris, als sie am 7. Januar die Satirezeitschrift Charlie Hebdo angriffen, weil sie Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatten. Alles im Namen des Islams – so die Attentäter. Für den jungen Muslim aus Frankfurt, Farouk, eine schmerzhafte Erfahrung. „Also im Gegenteil zu anderen, die anderen Religionen angehören, hat mich das mehr verletzt, denn es ist meine Religion, die dort in den Vordergrund gestellt wird und die instrumentalisiert wird und es ist der Islam, der hier ausgenutzt wird. Deshalb hat es mich im Gegensatz zu anderen Menschen vielleicht auch viel mehr verletzt.“
   Für Farouk ist klar, der Terror hat nichts mit seinem Islam zu tun. Doch kurz nach den Attentaten entbrannte erneut eine Welle von Kritik, islamische Verbänden sollen zum Terror Stellung nehmen und sich distanzieren. Zudem fragten sich viele, ob es nicht einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Terror und dem Islam gebe.

Mouhanad Khorchideis-ProfMouhanadKhorchide-xxis-AymanMaciek-ZMD-xxAiman Mazyek

  Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek Foto oben, begrüßt kritische Anfragen, solange sich hinter diesen keine Ablehnung verbirgt. Er fordert, dass man die Terrordebatte ohne religiöse Zuschreibung führen sollte. „Terror hat nichts mit dem Islam zu tun und es gibt auch keinen Zusammenhang. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Menschen, die den Terrorismus vollziehen und die sich mutmaßlich auf den Islam berufen. Aber dann heißt es nicht, dass der Islam damit herzuhalten hat. Wenn wir das tun, würden wir ja auf den Leim der Fundamentalisten und Extremisten gehen, das würde ja noch Wasser auf deren Mühlen der Extremisten bedeuten.“
   Aber nicht für jeden Muslim ist das so einfach. Mouhanad Khorchide Foto oben ist Islamwissenschaftler an der Universität Münster und bei Muslimen bekannt für seine manchmal für sie unangenehmen Ansichten. So stellt er sich auch klar gegen die Meinung, dass der Islam nicht mit dem Terror zu tun habe. „Wenn sie sagen, dass alles was im Namen des Islam an Gewalt geschieht nichts mit dem Islam zu tun, dann verdrängen wir das Problem. Dann tun wir so, als würde uns das alles nichts angehen. Diejenigen berufen sich auf den Koran, berufen sich auf Stellen im Koran, auf Positionen innerhalb der islamischen Theologie. Somit hat das sehr wohl was mit dem Islam zu tun.“
   Die Islamische Theologie müsse diese kritischen Stellen im Koran, die Gewalt ansprechen, kritisch reflektieren und in ihren historischen Kontext verorten. Der Meinung ist auch Mazyek, man müssen die sogenannte Deutungshoheit über den Koran wiedererlangen. Für den Islamwissenschaftler Khorchide ist die momentane Lage aber auch eine Chance. Sie rüttle eine Art humanistischen Islam wach, wie er sich ausdrückt. Dieser begreift nun, dass ohne eine historische Kontextualisierung der Koran für das 21. Jahrhundert stumm bleibt. „Man wird im Koran unterschiedliche Positionen sehen, einmal geht es um Frieden, einmal um Gewalt, Krieg. Das sind unterschiedliche Kontexte damals im 7. Jh. die hier kommentiert werden. Wenn man darauf Rücksicht nimmt, dass da ein Dialog zwischen Gott und Mensch im Koran widergespiegelt wird, dann weiß man, dass ohne historische Kontextualisierung des Textes diesen nur missverstehen kann,“ erklärt Khorchide.
   Doch nicht nur westlich islamische Theologen durchleben eine Art Aufklärung, auch in den islamischen Ländern beginnt ein Wandel, weiß Khorchide. Der Großmufti von Saudi-Arabien erklärte den Islamischen Staat zum Feind Nummer eins des Islam, obwohl beide aus derselben islamischen Strömung kommen. „Da sieht man, dass sogar in einem so konservativen Land wie Saudi Arabien schon begonnen wurde, diese Positionen kritisch zu hinterfragen, dann bin ich sehr optimistisch, dass vielleicht dieses Unheil für uns alle vom sogenannten Islamischen Staat doch einiges wach rüttelt - gerade dieses kritische Denken, hinterfragen, nicht einfach so hinnehmen. Das geschieht jetzt gerade auch in den islamischen Ländern,“ sagt Khorchide.
   Was in den deutschsprachigen Zentren der Islamischen Theologie bereits Gang und Gebe ist, breitet sich nun auch in den islamischen Ländern aus. Das stimmt nicht nur den islamischen Theologen Khorchide zuversichtlich, sondern auch den Jesuitenpater Felix Körner. In den aktuellen Debatten der vatikanischen Kommission für die interreligiösen Beziehungen, denen er beratend zur Seite stand, sieht er einen immer aktiver werdenden innerislamischen Dialog.
Die Radikalisierung von jungen Muslimen in Deutschland
   Es braucht aber nicht nur einen theologischen Dialog. Statistiken ergeben, dass bereits mehr als 400 junge Erwachsene aus Deutschland meist über die Türkei nach Syrien oder Irak ausgereist sind. Dort wollen sie für den Islamischen Staat kämpfen. Warum der Salafismus und der Kampf für ihn so attraktiv ist für westlich sozialisierte Jugendliche, hat nicht nur theologischen Gründe, betont der Islamwissenschaftler Khorchide. „Der Diskurs um die jungen Menschen ist leider zu verkürzt. Man sucht lediglich in der Theologie und im Koran und fragt, wie geht man damit um. Allerdings kommt das viel später. Die Jugendlichen entscheiden sich schon für Gewalt und dann suchen sie in der Theologie nach Legitimation.“
   Studien zeigen, dass diese Jugendliche meist am Rande der Gesellschaft stehen und zu den sogenannten „sozialen Verlierern“ der Gesellschaft zählen. Auf dem Arbeitsmarkt und in der Bildung sind sie nicht weiter gekommen. Sie fühlen sich ohnmächtig. Der Salafismus gibt ihnen wieder das Gefühl, jemand zu sein. Hinzu kommt die Botschaft, die die deutsche Gesellschaft jungen Muslimen immer wieder vermittelt, erklärt Khorchide das Geflecht von Ursachen. „Es gibt immer wieder zwischen den Zeilen „Wir Deutschen“ – „Ihr Muslime“. Das verletzt die jungen Menschen in ihrer Identität. Für die ist Deutschland ihre Heimat, die sind hier geboren und aufgewachsen. Die kennen keine andere Heimat. Und dann vermittelt man ihnen aber, ihr seid die Anderen,” beklagt Khorchide.
   Angela Merkel sagte kurz nach den Attentaten von Paris: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Sie ist nicht die erste, Ex Bundespräsident Christian Wulff sagte diesen Satz ebenfalls vor zweieinhalb Jahren. Dass dieser Satz selbst im Jahr 2015 immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt die Kritik, die Merkel einstecken musste und die darauf folgende Debatte. Jungen Muslime fühlen sich von dieser persönlich betroffen, wie Khorchide weiß: „über Monate hat man debatiert, gehört er dazu, gehört er nicht dazu. Diese Debatte kommt bei den Jugendlichen nicht als eine intellektuelle historische Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört, an, sondern kommt so an, die diskutieren monatelang, ob ich dazu gehöre, aber ich bin hier geboren und aufgewachsen.“
   Pluralität als Wert wäre zwar wunderbar auf dem Papier, so Khorchide, aber noch lange nicht in das Bewusstsein der Gesellschaft eingedrungen. Dieses kann nur durch das Bildungssystem geschehen und bewältigt werden. Angefangen vom Kindergarten, wo man junge Menschen daran gewöhnt, bunter Bilder in der Gesellschaft wahrzunehmen, weiß Khorchide.
Die Realität von Farouk – dem jungen Muslim in Deutschland
   Auch wenn es im Islam die unterschiedlichsten Richtungen, mit noch mal unterschiedlichen Rechtsschulen, die Mehrheit der Muslime will die Chance der Aufklärung nutzen und ist wie Farouk der Meinung: „Jegliche Art von Terror und Gewalt hat im Islam keinen Platz. Und wenn wir uns begrüßen, sagen wir‚ as-salāmu alaikum – das heißt so viel, der Friede sei mit dir. Bei so einer Religion, wo über Frieden gesprochen wird, da hat Gewalt kein Platz,“ ist sich Farouk sicher.
   Er will in ein paar Jahren sich zum Imam ausbilden lassen, wie sein Vater. Damit er Verantwortung übernehmen kann gegenüber seinen muslimischen Glaubensbrüdern und –schwestern, denn die Gewalt rührt von falschen Interpretationen. Aber Verantwortung auch gegenüber Andersgläubigen, damit der Islam ein selbstverständlicher Teil von Deutschland werden kann.
   Doch dafür benötige es Kritik, wie Mazyek es fordert; eine deskriptive Lesart des Koran sowie ein Bildungssystem, das Pluralität fordert, wie Khorchide es fordert und einen offenen innerislamischen Dialog, wie Körner es fordert. Es ist noch viel zu tun, auf Seiten des Islam und der deutschen Gesellschaft. Rv150221pdy

is-Alexandrien1z Nach der Methode des Propheten

   Es ist Augenwischerei, zu behaupten, der „Islamische Staat" habe nichts mit dem Islam zu tun und er sei auch kein Staat. Denn der „Islamische Staat" basiert auf nichts anderem als einer - zugegebenermaßen engen und von der großen Mehrheit der Muslime abgelehnten - Auslegung der Quellen des Islams. Zudem ist der „Islamische Staat" auch mehr als eine Terrormiliz, als die ihn viele bezeichnen und damit unterschätzen: Er ist ein Staat. Auch das gehört zum Selbstverständnis des Islams. Denn den Muslimen ist seit dem frühen Islam aufgetragen, in einem Staat zu leben. So hat der „Islamische Staat" viele Institutionen, die einen Staat ausmachen. Nur in einem unterscheidet er sich von allen anderen, klassischen Staaten: Er lehnt Grenzen ab und kennt als einzigen Bezug zur Außenwelt nur den offensiven Dschihad.
   Damit knüpfen die Ideologen des „Islamischen Staats" nahtlos an den Koran an. Wenn im Koran vom Dschihad als dem „Kämpfen auf dem Weg Gottes" die Rede ist, dann ausnahmslos im Kontext von Kriegen, die mal defensiv, mal offensiv waren. Auf diese Stellen beruft sich der „Islamische Staat". Den Aufrufen zu kämpfen stehen im Koran aber mehr Aufrufe gegenüber, Frieden zu schließen; auch gibt es im Koran mehr Stellen, die von Vergebung handeln als von Vergeltung. Für heutige Leser ist der Koran, der im Verlauf von 22 Jahren entstand, ein Buch der Widersprüche, so wie andere vormoderne Texte auch.
   Seine Auslegung wird dadurch erschwert, dass er sich meist kurz fasst. Mohammeds Zeitgenossen wussten ja noch, auf welche Ereignisse sich eine Sure bezieht. Spätere Generationen wussten das nicht mehr. Deshalb entwickelte sich eine Tradition der Auslegung, welche diese Geschichtskenntnis weitertrug. Die Theologen des „Islamischen Staats" lehnen diese Tradition der Exegese ab, sie legen den Koran buchstabengetreu aus, Wort für Wort. Sie rechtfertigen damit die Sklaverei (auch wenn die islamische Theologie diese längst verworfen hat), und so begründen sie auch die Kreuzigung ihrer Gegner.
   Über Jahrhunderte war im Alltag der Muslime eine Praxis entstanden, die eine buchstabengetreue Lesart vieler Suren nicht mehr für relevant hielt. Nun zwingt sie die Auseinandersetzung mit dem „Islamischen Staat" zu einer Standortbestimmung, wo der Islam zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht. Das schließt neben der Exegese des Korans die Überlieferungen des Propheten Mohammed ein. Denn zu den Standardformulierungen zur Rechtfertigung vieler Einzelheiten im „Islamischen Staat" gehört, dass man der „Methode des Propheten" folge. So berufen sich jene, die archäologische Kulturschätze erst in Mossul und nun in Nimrud zerstört haben, auf das Vorbild des Propheten, der in der Kaaba von Mekka die Darstellungen vorislamischer Götter zerstört hatte.
  Es ist die Endzeiterwartung im „Islamischen Staat", die auf potentielle Rekruten eine magnetische Anziehungskraft ausübt. Auch sie ist im Koran angelegt, geriet aber in Vergessenheit. Die frühen Suren sind noch voller Warnungen vor dem unmittelbar bevorstehenden Jüngsten Gericht. Spätere Suren regeln indes detailreich das Erbrecht; das tut nicht, wer von der Idee des Zeitenendes besessen ist. Der „Islamische Staat" behauptet hingegen, er beschleunige das Kommen des nahenden Jüngsten Gerichts.
   Auch dabei beruft er sich auf einen Ausspruch Mohammeds. Der soll gesagt haben, im Norden Syriens werde die „Armee des Westens" nahe der Stadt Dabiq die „Muslime" angreifen: Die Muslime schlügen sie vernichtend und eroberten (Ost-)Rom; ein falscher Messias verführe danach kurz die Menschheit, bevor der Messias von Damaskus aus die Menschheit zum Jüngsten Gericht führe.
   Der „Islamische Staat" sieht sich als Teil des Countdown der Apokalypse. Dazu, so lautet sein Selbstverständnis, bedürfe es eines Kalifats. Dessen Aufgabe sei es, den letzten Kampf gegen das „Böse" einzuleiten und die Welt von allem zu reinigen, was vom „wahren Islam" abweiche. Groß ist der Abscheu vor dem sadistischen Horror im „Islamischen Staat" auch unter den Muslimen. Die Barbarei hat auch den Zweck, eine Intervention des Westens zu provozieren, damit die Endschlacht endlich beginnen könne.
   Dieser apokalyptische Islam zieht offenkundig junge Extremisten gerade aus Europa besonders an, solche, die dort am Rande der Gesellschaft leben und in ihrem Dasein keinen Sinn sehen. Im „Endkampf gegen das Böse" unter einem charismatischen Führer glauben diese Jugendlichen, einem „göttlichen Auftrag" zu folgen. Diese Verheißung dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass der „Islamische Staat" in kurzer Zeit mehr fremde Kämpfer mobilisiert hat als jede andere Terrorbewegung vor ihm.
   Leicht wird es der vom Westen geführten Allianz gegen den „Islamischen Staat" nicht fallen, diesen militärisch in die Knie zu zwingen; denn er ist gut bewaffnet, wird von erfahrenen Offizieren geführt und greift auf eine steigende Zahl von Rekruten aus aller Welt zurück. Um den islamischen Terror dauerhaft zu besiegen, müssen in erster Linie dessen theologische Grundlagen neutralisiert werden. Das aber können nur die Muslime tun. 
FAZ150307RainerHermann

is-PSamirKhalilSamirSJ-Zz Der Islamwissenschaftler P. Samir Khalil Samir SJ, Libanon

Islamexperte: Gewalt hat doch mit dem Islam zu tun
   Der renommierte Islamexperte Samir Khalil Samir widerspricht der Ansicht, dass die Ereignisse in Paris nichts mit dem Islam zu tun hätten. In einem Interview gegenüber Radio Vatikan sagte der an der Universität Saint-Joseph in Beirut (Libanon) lehrende Jesuit, es gebe nun einmal im Koran Verse, die zur Gewalt aufriefen und auf die sich die Extremisten berufen. Mit dieser Begründung richteten sich beispielsweise die Gewaltakte der sunnitischen Terrorgruppe Islamischer Staat gegen die Schiiten, die als „Ungläubige“ betrachtet werden. Es sei also Augenwischerei, wenn nach jedem neuen Attentat behauptet werde, das habe nichts mit dem Islam zu tun. Nach Meinung von Khalil sei – neben dem Dialog und der Erziehung – eine „Selbstkritik“ der Muslime notwendig und die Fähigkeit, den Koran in seinem Zeitkontext zu interpretieren.  Rv150111mc

ff-Ban-Ki-moon-x     cdaepFernandoFiloni-z

Papstbrief an Ban Ki-moon: Systematische Gewalt gegen Christen stoppen

   In einem Brief an den Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, ruft der Papst die Staaten- gemeinschaft dazu auf, die systematische Gewalt gegen Christen und andere religiöse Minderheiten im Irak zu stoppen. Der Brief ist auf den 9. August 2014 datiert. Lesen Sie hier das Schreiben, das an gestern bekannt wurde, in einer Arbeitsübersetzung.

         Ich habe mit schwerem und schmerzendem Herzen die dramatischen Ereignisse der vergangenen Tage im Nordirak verfolgt, wo Christen und andere religiöse Minderheiten gezwungen wurden, aus ihren Häusern zu fliehen und der Zerstörung ihrer Kultstätten und ihres religiösen Erbes zusehen mussten. Bewegt durch ihre Notlage habe ich Kardinal Fernando Filoni Foto, den Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, der als Vertreter meiner Vorgänger Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. den Menschen im Irak diente, gebeten, meine spirituelle Nähe und meine Sorge sowie die der gesamten Katholischen Kirche auszudrücken – angesichts des unerträglichen Leids jener, die lediglich in Frieden, Harmonie und Freiheit im Land ihrer Ahnen leben möchten.
         Im selben Geiste schreibe ich Ihnen, Herr Generalsekretär, und führe Ihnen die Tränen, das Leiden und die innigen Verzweiflungsschreie der Christen und anderer religiöser Minderheiten des geliebten Irak vor Augen. Ich erneuere meinen dringenden Appell an die Internationale Gemeinschaft zu handeln, um die gegenwärtig sich vollziehende humanitäre Katastrophe zu beenden. Ich ermutige alle zuständigen Organe der Vereinten Nationen, insbesondere die für Sicherheit, Frieden, humanitäres Recht und Flüchtlingshilfe zuständigen, ihre Anstrengungen in Übereinstimmung mit der Präambel und den entsprechenden Artikeln der Charta der Vereinten Nationen fortzuführen.
         Die Welle der brutalen Angriffe im Nordirak muss die Gewissen aller Männer und Frauen guten Willens wachrütteln und sie zu konkreten Handlungen der Solidarität bewegen: Diejenigen müssen geschützt werden, die von Gewalt betroffen oder bedroht sind, und den vielen Vertriebenen muss die notwendige und dringende Hilfe gewährt werden. Auch muss ihnen einen sichere Heimkehr in ihre Städte und Häuser garantiert werden. Die tragischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und das grundlegendste Verständnis der menschlichen Würde zwingen die Internationale Gemeinschaft insbesondere durch die Normen und Mechanismen des internationalen Rechtes dazu, alles ihr Mögliche zu tun, um weitere systematische Gewalt gegen ethnische und religiöse Minderheiten zu stoppen und zu unterbinden.
         Im Vertrauen, dass mein Appell, den ich mit denen der Orientalischen Patriarchen und anderer religiöser Führer vereine, eine positive Antwort haben wird, nutze ich die Gelegenheit, Ihnen meine größte Hochachtung auszusprechen.

                                                                                            Papst Franziskus

Ulrich Delius  po-UlrichDelius-  Christen sind die weltweit am meisten verfolgte Gruppe

Islamisten, radikalen Hindus und autoritären Regimes sind die Gläubigen ein Dorn im Auge.
Oft rettet nur Flucht vor Mord und Verfolgung.

   Harjit Singhs Albtraum begann mit einer Ohrfeige von seiner Mutter. Es war der Moment, in dem er seiner Familie erzählte, dass er Christ werden wolle und eine Christin heiraten werde. In einer orthodoxen Kirche, mit Gottesdienst und Gebet. Weil seine Familie streng an die Religion der Sikhs glaubt, trafen Singhs Worte wie vergiftete Stacheln die Ohren seiner Mutter. Sie schwieg erbittert, als Singhs Schwager ihn ins Schlafzimmer zerrte, die Tür schloss und drohte, ihm die Beine und Arme zu brechen, wenn er seine Religion verrate.
   Das war im Sommer 2008 und Singh gerade 25 Jahre alt. Ein knappes Jahr lang wurde er Gefangener seiner eigenen Familie. Die Mutter nahm ihm seinen Pass ab, er durfte das Haus in seiner nordindischen Heimatregion Punjab nicht verlassen. „Meine Familie wurde zu meinem ärgsten Feind", sagt Singh. Sein Name ist geändert, seine Geschichte ist echt. Und wenn er sie erzählt, gibt es Momente, in denen er seine Tränen unterdrücken muss.
   In seiner Heimat Indien stehen Christen meist am unteren Ende des hinduistischen Kastensystems. Sie gehören zu den Dalits, den „Unberührbaren". Läuft es harmlos, werden sie nur missachtet - in den Restaurants, in den Familien. Doch radikale Hindus überfallen Kirchen und Geschäfte von Christen. Laut der Evangelischen Allianz Indien (EFI) gab es 152 Angriffe auf Christen in 2009. „Die Polizei ist hilflos", sagt Singh. „Manchmal duldet sie die Gewalt sogar."
   Was Harjit Singh erlebt hat, trifft Christen in aller Welt. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat erklärt, keine Glaubensgemeinschaft sei stärker verfolgt als das Christentum. Glaubt man dem christlichen Hilfswerk Open Doors, dann sind von weltweit 2,2 Milliarden Christen 100 Millionen bedroht.
  Nicht nur in Indien sind sie Ziel von Ausgrenzung und Übergriffen - auch im Iran, in Ägypten, in China, Saudi- Arabien, im Jemen, in Nigeria, auf den Malediven oder in Afghanistan. Christenverfolgung ist keine Eigenart fanatischer Islamisten oder Hindus. Auf dem „Weltverfolgungsindex" von Open Doors steht Nordkorea seit Jahren an oberster Position. Der stalinistische Staat ist eine letzte grausame Erinnerung an die systematische Christenverfolgung der Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Auch die kommunistischen Herrscher im chinesischen Peking verfolgen alle, die den Allmachtsanspruch der Partei infrage stellen. > China
   Im Norden des Irak wiederum hetzen sunnitische Extremisten gegen Andersgläubige. Ende Februar starben dort mindestens sechs Christen in einer Mordserie innerhalb von sieben Tagen. Meistens sind es fremde Täter, die in die Stadt kommen und Hass verbreiten. Viele vermuten das Terrornetzwerk al-Qaida hinter der Gewalt. Viele werden vertrieben - manche sogar von den eigenen Nachbarn oder Vermietern. Von 1,4 Millionen Christen im Irak Ende der 1980er-Jahre leben jetzt noch knapp 400.000 dort. Europa versprach im vergangenen Jahr, 10.000 Flüchtlinge aus dem Irak aufzunehmen. Etwa die Hälfte von ihnen sind Christen, 38 kamen nach Hamburg. Einer von ihnen ist Faruk A. Und weil er für die Gewalt wenige Worte auf Englisch findet, sagt er nur: „Es hat Boom gemacht, viele Male. Boom. Boom." Wenn seine damals zehn Jahre alte Tochter zur Schule ging. Oder wenn A. auf dem Weg war zu seinem Geschäft für Bürotechnik im Zentrum von Bagdad. Den Gottesdienst seiner syrisch-orthodoxen Gemeinde besuchte die Familie selten. „Vor allem an Ostern und Weihnachten war das Risiko von Anschlägen auf Kirchen groß", erzählt er. Dass auch A. seinen Namen nicht verraten mochte, zeigt die Unsicherheit, die der Terror im Irak bei ihm hinterlassen hat.
  Nach Jahren der Anschläge verstummte seine Hoffnung auf ein Leben mit einem sicheren Arbeitsweg. Er, seine Frau, die Tochter und der Sohn flohen nach Jordanien, vor acht Monaten kamen sie mit einem Transport der Uno nach Deutschland. Seitdem leben sie in einem Wohnheim für Flüchtlinge im Norden Hamburgs. Zwei Zimmer, eine Kochnische mit Herdplatten und Waschbecken. Oft hört A. Schreie aus den Nachbarzimmern, manchmal dringt ein Hämmern durch die dünnen Wände. Sein Leben ist jetzt sicher vor Bomben. Glücklich ist A. nicht.
   Auch Harjit Singh konnte aus Indien fliehen. Ein Freund besorgte ihm einen Pass, seine Verlobte schickte Geld für Flugtickets nach Deutschland. In Hamburg traf er seine Verlobte wieder. Was mit Notlügen begann, endet für Singh mit der Flucht vor seiner Familie. „Ich werde nie zurückkehren können", sagt er.
  Freiheit findet Singh auch in Deutschland nicht - und die Angst bleibt, dass seine Familie ihn auch hier finden wird. Deshalb kennt diese Geschichte auch niemand - außer seiner Verlobten und dem Anwalt, der vor Gericht fur Singhs Asyl in Deutschland kämpft. Im Moment lebt Singh in einem Flüchtlingsheim nahe Münster. Nur manchmal darf er seine Verlobte in Hamburg besuchen. Auch sie kam erst vor einem knappen Jahr aus Rumänien nach Deutschland.
   Die Unterdrückung durch seine Familie habe ihn krank gemacht. Aber Gott, sagt Harjit Singh, werde seiner Verlobten und ihm Kraft geben. Er werde ihnen helfen, das auszuhalten. Sonntag will Singh wieder in die Kirche gehen und für sie beide beten. HA100408ChristianUnger

Christin in Sudan zum Tode verurteilt

   In der sudanesischen Hauptstadt Khartum ist eine schwangere Frau zum Tode verurteilt worden, weil sie sich geweigert hat, ihrem christlichen Glauben abzuschwören. Die 27 Jahre alte Mariam Yahya Ibrahim Ishag wurde wegen „Abtrünnigkeit" zum Tode durch den Strang verurteilt. Grundlage dieses Urteils ist das an die Scharia angelehnte sudanesische Strafrecht, das eine Heirat einer Muslimin mit einem Christen als Straftat betrachtet. Die Ärztin hatte vor knapp zwei Jahren den christlichen Südsudanesen Daniel Wani geheiratet und war daraufhin von der eigenen Verwandtschaft angezeigt worden. Frau Ibrahim Ishag hatte vor Gericht bestritten, jemals dem muslimischen Glauben angehangen zu haben, und insofern könne ihr auch keine Abtrünnigkeit vorgeworfen werden. Die Richter hatten sich bei ihrem Urteil indes auf die sudanesische Verfassung berufen, wonach jeder in Sudan Geborene automatisch Muslim ist. Zudem wurde die junge Frau wegen „Hurerei" zu 100 Peitschenhieben verurteilt, weil ihre Ehe mit einem Christen nach sudanesischem Gesetz ungültig ist.
   Die Verurteilte ist seit Februar dieses Jahres zusammen mit ihrem ersten Kind, einem 20 Monate alten Jungen namens Martin, in einem Frauengefängnis in Khartum inhaftiert, wo ihr sowohl medizinische Versorgung als auch Besuche ihres Mannes verweigert werden. Die mit ihrem zweiten Kind im achten Monat schwangere Frau soll nach der Geburt gehenkt werden. Ihrem Mann wurde von dem Gericht auch ausdrücklich das Sorgerecht für den Sohn und das ungeborene Kind verweigert, weil diese Muslime seien. Zahlreiche westliche Botschaften in Khartum hatten vergeblich gegen das Urteil protestiert.
FAZ140516tos

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Ein Olivenzweig als Zeichen des Protests: Anfang März demonstrierte ein Bischof im irakischen Basra
gegen Gewalt. Zuvor starben mehrere Christen nach einer Mordserie im Norden des Landes

Verfolgung. Wirtschaftliche Gründe spielen Hauptrolle - „Indien verharmlost die Gewalt"
Ulrich Delius Foto ganz oben ist Experte für Afrika und Asien - dort, wo Christen um ihr Leben fürchten.

   Konvertiten leiden besonders unter Repressalien. In den Augen der Fundamentalisten begehen sie Hochverrat, sagt Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker.
HAMBURGER ABENDBLATT: Was sind die Ursachen für die starke Verfolgung von Christen?
Ulrich Delius:
Oft geht es gar nicht um den Glauben, sondern um die Sicherung der politischen Macht, wirtschaft- lichen Neid, soziale Probleme. So wird Religion instrumentalisiert, um unliebsame Minderheiten auszugrenzen.
Was unterscheidet die Verfolgung von Christen in der Welt von der Hetze gegen andere Religionen?
  Als Hochreligion wird das Christentum oft außerhalb Europas mit der westlichen Welt gleichgesetzt und deshalb viel kritisiert. Doch die lebendigsten christlichen Kirchen gibt es nicht in Europa, sondern besonders in Afrika. Ein Problem ist auch der Missbrauch von Religion. So versuchen einige islamische Regierungen, mit Kritik an Christen im Volk Rückhalt zu gewinnen.
Was bedeutet es für einen Menschen, religiös verfolgt zu sein?
   Regelmäßig werden in Pakistan Christen wegen vermeintlicher Gotteslästerung zu Haftstrafen verurteilt. Wegen des Drucks der öffentlichen Meinung wagen viele Richter nicht mehr, Christen trotz offenkundig falscher Anklagen freizusprechen. Selbst bei einem Freispruch bleibt den Christen nur noch die Flucht aus ihrem Heimatort. Beson- ders schlimm ist die Lage von Konvertiten, sowohl in muslimischen als auch in hinduistischen Gesellschaften. Diese Andersgläubigen, die zum Christentum übergetreten sind, müssen um ihr Leben fürchten.
In vielen Fällen sind die Verfolger radikale Muslime. Warum?
   Die Verfolgung durch Muslime ist nur eine Facette. In China im Untergrund lebende Katholiken und Mitglieder protestantischer Hausgemeinden sind die größten verfolgten christlichen Gemeinschaften. Bedroht werden sie von einem atheistischen Regime. Auch die buddhistische Diktatur in Burma verfolgt christliche An- gehörige der Karen.
Welche Rolle hat die Kirche in Ländern, in denen Fundamentalisten auf Christen Jagd machen?
   Sie stehen vor der schwierigen Entscheidung, ob sie die Verfolgung öffentlich machen oder dazu schweigen sollen, um die Konflikte nicht noch mehr anzuheizen. Nicht immer zeigen die Kirchen so viel Mut wie in Indien. Als dort 2008 Pogrome an Christen verübt wurden, forderten sie ihre Gläubigen auf, alle Übergriffe bei der Polizei anzuzeigen. Sie stellten Rechtsanwälte zur Verfügung, um bedrängte Christen zu unterstützen. Denn Indiens Behörden versuchen bis heute die Gewalt zu verharmlosen. HA100408Interview:ChristianUnger

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Handgranaten in die volle Sakristei. Der Anschlag von Bagdad galt dem wichtigsten Gotteshaus der syrisch- katholischen Kirche. Nach der Ermordung von 52 Gemeindemitgliedern wird ein Exodus erwartet.
Foto: Trauernde Christen in Bagdad: Der Sarg eines Opfers wird vor der Kirche auf einem Autodach befestigt.

  Die Angreifer hatten sich den Ort und den Zeitpunkt gut ausgesucht. Bis zum Sonntag war die syrisch-katholische Bischofskirche eines der beliebtesten Gotteshäuser der schwindenden christlichen Gemeinden Bagdads gewesen. Als sie um fünf Uhr nachmittags kamen, waren alle Büros des Viertels geschlossen und die Abendmesse hatte gerade begonnen. Über der Kirche kündet ein in einen Kreis eingefasstes Kreuz weithin sichtbar vom Gotteshaus. Wie jeden Sonntag um diese Zeit hatten sich mehr als hundert Gläubige eingefunden, wenn die jungen Priester Thaer und Wasseem die Liturgie feierten.
  Wasseem stand am Altar, als alle von draußen Schüsse hörten. Da hatten die Terroristen die Wachen der Bagdader Börse niedergeschossen, die gegenüber dem Kirchenportals hinter Stacheldraht den Eingang in das eher unscheinbare Gebäude sichern sollten. In der Börse befand sich seit zwei Uhr niemand mehr - der Angriff galt ohnehin der Kirche. Das ahnte Abuna („Vater") Wasseem indes noch nicht, und so bat er - der Gottesdienst hatte eine Viertelstunde zuvor begonnen -, mit dem Gebet fortzufahren.
 Dann war eine Explosion zu hören. Die Terroristen hatten das schwere Tor, das auf den Innenhof der Kirche führte, weggebombt und die Sicherheitsleute erschossen. Sie stürmten an der Grotte mit der Jungfrau Maria vorbei, vor der sonst nach Schulschluss die Schüler, die auf dem Kirchengelände die Schule besuchen, jeden Tag kurz innehalten und dann nach draußen in den freien Nachmittag rennen. Die Explosion war noch nicht verhallt, da suchten mehr als 50 der Gottesdienstbesucher Schutz in der Sakristei und verrammelten die Tür mit einem Schrank.
   Die mutmaßlich sieben Terroristen stürmten die Kirche und der schmächtige Vater Wasseem stellte sich ihnen. Er bat sie, niemanden zu töten, sie sollten sich seiner annehmen. Sie ließen ihn sich auf den Boden setzen, dann erschoss ihn einer mit einer Pistole. Zu der Zeit hatte die andere Hälfte der Gottesdienstbesucher in der großen Kathedrale so gut es ging Deckung gesucht. Pter Thaer, wenig älter als Wasseem und von eindrucksvoller Gestalt, stand weiter am Altar. Nun töteten sie ihn. Beide, Wasseem und Thaer, standen in der Gemeinde als mutig und unerschrocken in hohem Ansehen. Sie waren Vorbilder. Vater Thaer hatte am Heiligen Abend vergangenen Jahres der FAZ noch gesagt: „Als Christen in der Nachfolge Christi haben wir immer Hoffnung, und diese Hoffnung geben wir unseren Kindern weiter. Hätten wir keine Hoffnung mehr, wie sollten sie die Kinder haben?" Einer der Terroristen telefonierte nun mit dem Fernsehsender „Baghdadiya TV". In klassischem Hocharabisch, mit dem er offenbar verbergen wollte, dass er kein Iraker ist, forderte er die Freilassung von allen gefangenen Mitgliedern des Terrornetzes Al Qaida im Irak und in Ägypten. Noch am selben Abend bezichtigte sich der „Islamische Staat Irak", der zu Al Qaida gehört, des Blutbads in der Kirche. Eine zornige Gruppe von Mudschahedin habe eine dreckige Höhle der Götzenanbeter gestürmt, die von irakischen Christen als Stützpunkt ihres Kampfes gegen den Islam genutzt werde, hieß es auf einer islamistischen Website. Dort war auch die Rede davon, zwei angeblich muslimische Frauen würden in koptischen Klöstern gefangengehalten. Die beide seien Frauen koptischer Geistlicher, seien aber zum Islam konvertiert, behaupten die Dschihadisten. Auf einer anderen Website wurden ihre Namen mit Camelia Shehata und Wafa Constantine angegeben.
   Die Terroristen hatten die Gottesdienstbesucher unter Kontrolle, als Nachbarn die Bereitschaftspolizei des Stadtteils Karrada alarmierten. Diese rief umgehend die Antiterroreinheiten der irakischen Armee herbei. In der Luft kreiste eine amerikanische Drohne, die Einblicke in das weitläufige Gelände um die Kirche zuließ.
   Bevor die Soldaten die Kirche stürmten, waren die Terroristen auf die bisher unbemerkte Sakristei aufmerksam geworden - eine Frau hatte zu schluchzen und zu weinen begonnen. Einer der Terroristen warf darauf drei Handgranaten in den Raum. Dann stürmten die Antiterroreinheiten die Kirche. Einige Terroristen zündeten nun ihre Sprengstoffgürtel. Als alle sieben Terroristen getötet waren, lagen neben den Wächtern und einigen Soldaten auch viele Gottesdienstbesucher tot auf dem Boden. 52 Menschen waren getötet und mehr als 60 verwundetet worden. Im Nachhinein war es den Zeugen nicht mehr möglich zu rekonstruieren, wie viele durch eine kaltblütige Hinrichtung getötet wurden, wie viele durch Schusswechsel und wie viele durch die von den Selbstmordattentätern ausgelösten Detonationen.
   Die Kirche war schon einmal Ziel eines Anschlags - 2004, zu Beginn des irakischen Bürgerkriegs. Während des Bürgerkriegs aber gingen vor allem Sunniten und Schiiten gegeneinander vor. Die Angriffe auf die Christen und ihre Kirchen begannen erst wieder nach dem Ende des Bürgerkriegs. Anschläge wie dieser läuten das Ende des Christentums im Irak ein. Der Bischof der chaldäischen Kirche Schlimon Warduni konnte es nicht fassen: „Nicht einmal Tiere tun so etwas." Und Pius Kascha, der Generalvikar der syrisch-katholischen Kirche, deren wichtigster Kirche der Anschlag am Sonntagabend gegolten hatte, sagte ratlos: „Nun ist es klar, dass sie alle von hier gehen werden." Sie, die Christen, von denen in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits mehr als 600.000 den Irak verlassen haben. FAZ101102RainHermann

Eine Woche nach der Synode – das böse Erwachen
   Erst vor einer Woche beschwor im Vatikan die Nahost-Sondersynode von Bischöfen den Überlebenswillen der Christen im Nahen Osten – jetzt kommt das böse Erwachen. Nach dem Geiseldrama in der syrisch-katholischen Kirche in Bagdad steht das Christentum im Irak womöglich vor dem endgültigen Aus. Das Attentat kostete 58 Menschen das Leben; unter ihnen sind zehn Frauen und acht Kinder.
   Die zwei hingerichteten Priester Thair Saad und Wasim Boutros wurden in Bagdad beigesetzt. Das Requiem fand in einer chaldäischen Kirche statt – ganz in der Nähe des Gotteshauses, das von Bewaffneten während der Messe überfallen worden war. Einer der Bischöfe, die die Totenmesse feierten, war der syrisch-katholische Erzbischof Basile Georges Casmoussa von Mossul.
   „Für unsere christliche Gemeinschaft ist das eine wahre Katastrophe – in menschlicher und in religiöser Hinsicht. Das löst Panik aus. Wir versuchen ja wirklich alles, um Dialog und Zusammenarbeit in Gang zu bringen; aber wenn wir dann sehen, dass – vor allem von den Behörden – keine adäquate Antwort kommen, dann fühlen wir uns vollkommen schutzlos. Jetzt muss die UNO handeln, um diese kleine Gemeinschaft zu retten!“
   Von den irakischen Politikern scheint Erzbischof Casmoussa nicht mehr viel zu erwarten: Sie haben ja auch fast acht Monate nach den Parlamentswahlen immer noch keine Regierungsbildung hingekriegt. „Die denken nur an sich“, klagt der Oberhirte, „und das Volk bleibt sich selbst überlassen!“
   „Zunächst mal müsste endlich eine Regierung der nationalen Einheit gebildet werden. Dann sollten sie die Kirchen und die christlichen Gemeinden schützen – mit Gesetzen und mit Polizeipräsenz, damit die Christen wieder Zutrauen zu ihrem Land und ihrer Zukunft schöpfen können. Schöne Worte und schöne Reden reichen nicht!“
  Das internationale katholische Missionswerk „missio“ appelliert angesichts des Dramas von Bagdad erneut an die deutsche Regierung, Menschen, die im Irak wegen ihrer Religion verfolgt werden, unbürokratisch aufzunehmen. Der Überfall auf die syrisch-katholische Kirche zeige, „dass sich entgegen anders lautender Beteuerungen die Lage im Irak nicht stabilisiert hat“, sagt der missio-Menschenrechtsbeauftragte Otmar Oehring bitter. Missio setzt sich für die Aufnahme von bis zu 30.000 Flüchtlingen ein. 2.500 Flüchtlinge sind in Deutschland bislang tatsächlich aufgenommen worden. Frankreich bot als erste Reaktion auf den Anschlag 150 irakischen Christen Asyl an; darunter sind auch einige Gottesdienstbesucher, die beim Anschlag verletzt wurden.
   „Im Irak halten sich obskure Kräfte auf, die eine Befriedung des Landes verhindern wollen“, meint der chaldäische Auslandsbischof Philippe Najim. „Ich habe gehört, dass sehr viele Moslems in Bagdad Blut gespendet haben für die Opfer, die in der Kirche verletzt wurden; die Extremisten werden von den Moslems des Iraks selbst deutlich verurteilt.“
 Die Attentäter waren offenbar keine Iraker; die Bluttat trägt nach Analyse vieler Beobachter die Handschrift von al- Quaida. Die Terrorgruppe sieht das Christentum des Iraks (obwohl es dort schon seit 2000 Jahren einheimisch ist) als Handlager der verhassten USA und des Westens. Peter Hünseler, deutscher Islamwissenschaftler und Leiter der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle CIBEDO in Frankfurt am Main:
  „Die Christen sind ein fester Bestandteil der irakischen Gesellschaft. Sie sind in aller Regel gut gebildet, jedenfalls die, die in Zentral-Irak leben. Von einigen kurdischen christlichen Gemeinden kann man das nicht ganz so sagen. Aber die Christen im Irak haben eigentlich eine gute und wichtige Funktion in der Mittelklasse der irakischen Gesellschaft gehabt. Sie sind Anwälte, sie sind Lehrer, sie sind Universitätslehrer und haben eigentlich eine große Bildung aufzuweisen. Und legen auch sehr viel Wert darauf. Wenn die jetzt das Ziel solcher Anschläge werden und es dann zu einem Exodus von Christen kommt, wird das die irakische Gesellschaft hart treffen.“
   Christen sind eine der verfolgten religiösen Minderheiten im Irak: Seit 2003 sank ihre Zahl von über 800.000 bis unter 400.000. Rund 100.000 Christen haben sich in die Nachbarländer des Irak geflüchtet. Von den etwa 65 Kirchen und Klöstern in Bagdad haben etwa vierzig schon ein blutiges Attentat erlebt. RV101103sk

Irak: Erzbischof von Mossul von Terroristen entführt und ermordet

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   Der chaldäisch-katholische Erzbischof der nordirakischen Metropole Mossul Foto Mitte, Paulos Faraj Rahho, 65, Foto links, ist am 29. Ferbruar von Unbekannten entführt worden. Nach Polizeiangaben erschossen die Entführer den Fahrer und drei Begleiter des Erzbischofs, als dieser gerade die Heilig-Geist-Kirche im östlichen Stadtteil Al- Nour verließ. Der Erzbischof hatte in der Kirche mit den Gläubigen den Kreuzweg gebetet. Der chaldäisch- katholische Bischof von Amadiyah, Rabban al Qas, sagte in einem Telefongespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur Asianews, die Entführer hätten bereits Kontakt mit kirchlichen Stellen aufgenommen und Forderungen gestellt.
Irak: Entführter Erzbischof ermordet - Papst entsetzt
   Der vor zwei Wochen im Irak entführte Erzbischof Faraj Rahho ist tot. Die Leiche des Geistlichen sei in der Nähe seiner Bischofsstadt Mossul aufgefunden worden, erklärte der Weihbischof in Bagdad.
   Die Geiselnehmer hätten Rahho bereits bestattet, so Weihbischof Shlemon Warduni gegenüber der Nachrichtenagentur SIR. Die Kidnapper sollen bereits am Mittwoch mitgeteilt haben, dass es dem Erzbischof sehr schlecht gehe. Am Nachmittag sei dann ein Anruf mit der Todesnachricht eingegangen. Zugleich hätten die Entführer Hinweise auf den Ort der Bestattung gegeben. Das provisorische Grab wurde später von Jugendlichen der katholischen Gemeinde entdeckt. Nach Wardunis Worten ist noch unklar, ob Rahho infolge seines schwachen Gesundheitszustands starb oder ob er getötet wurde.
   Papst Benedikt XVI. ist erschüttert von dem Mord an dem Geistlichen. Sofort nach Bekanntwerden des Todes veröffentlichte der vatikanische Pressesaal ein Telegramm an den chaldäischen Patriarchen von Bagdad, Kardinal Emmanuel III. Delly Foto oben rechts. Darin beklagt Benedikt XVI. diesen „Akt unmenschlicher Gewalt, der die Würde des Menschen beleidige”. Der Mord „schade dem Anliegen, brüderlich im Irak zusammenzuleben”. Der Papst hoffe, dass dieses „tragische Ereignis” zu einer friedlichen Zukunft dieses „gemarterten” Landes beitrage. Des Weiteren versicherte Benedikt XVI. dem Patriarchen und der gesamten christlichen Bevölkerung seine geist- liche Nähe.
   Vatikansprecher P. Federico Lombardi SJ erklärte, man habe bis zuletzt gehofft, dass Rahho freigelassen würde. Doch leider werde das irakische Volk – und besonders die christliche Minderheit – von einer absurden und ungerechtfertigten Gewalttätigkeit niedergedrückt. Es sei zu wünschen, so Lombardi weiter, dass dieses tragische Ereignis insbesondere die internationale Staatengemeinschaft an die Notwendigkeit erinnere, mit Entschiedenheit im Irak zu einer Friedenslösung beizutragen.
   Außenminister Frank-Walter Steinmeier  äußerte sich traurig und erschüttert. Es sei erschreckend, dass Christen, ihre Gemeinden und Geistlichen im Irak «zur Zielscheibe von Terrorismus, Gewalt und Verfolgung geworden sind», sagte er in Berlin. Der Minister rief alle Parteien und Gruppierungen im Irak auf, zu nationaler und interkonfessio- neller Versöhnung zurückzufinden. Sie sollten sich auch für den Schutz aller Religionsgemeinschaften einsetzen.
   Auch die Kirche in Deutschland drückte in einem Brief an Emmanuel III. ihr Beileid aus. «Wir sind zutiefst betrof- fen und erschüttert über diesen grausamen Tod», schreibt der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deut- schen Bischofskonferenz, der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Man hoffe und bete, dass der Tod des Bischofs am Ende dem Frieden im Irak diene. Schick sagte den Christen im Irak Unterstützung zu.  rv080313mc

Irak: Völkergemeinschaft soll sich bewegen
  Politiker und Kirchenvertreter aus aller Welt sind entsetzt über den Tod des chaldäischen Erzbischofs von Mossul. Der vor zwei Wochen Entführte Paulos Faraj Rahho war tot aufgefunden worden. Die Vereinten Nationen verurteilten den Tod „eines Mannes, der sein ganzes Leben dem interreligiösen Dialog und dem Frieden im Irak gewidmet” habe, erklärte der UNO-Gesandte im Irak.
   Die Todesursache ist indes weiter unklar. Ein Polizeisprecher in der nordirakischen Stadt Mossul sagte der Nach- richtenagentur Aswat al-Irak, der Geistliche sei von seinen Entführern nicht erschossen worden. Raho sei mindes- tens drei Tage tot gewesen, als seine Leiche am Donnerstag in Mossul gefunden wurde. Auf der Website des christlichen Fernsehsenders Ischtar TV hieß es am Freitag: Die Entführer hätten „Druck auf den Erzbischof ausgeübt und ihn zwingen wollen, seine Religion zu verleugnen”. Der Kirchenmann habe sich jedoch standhaft geweigert und sei nach einer Woche in Geiselhaft gestorben.
   Das „Martyrium von Erzbischof Rahho” solle zur Versöhnung im Irak beitragen, hofft der Apostolische Visitator für die Chaldäer in Europa. Philip Najim sagte gegenüber Radio Vatikan:
   „Ich hoffe, dass sich diesmal das Gewissen der internationalen Gemeinschaft regt und sie etwas für den Irak unternimmt. Ich hoffe, dass dieses Blutbad ein Ende nimmt, dass die Menschen aufhören, in hellen Scharen das Land zu verlassen, weil sie den Frieden und ein normales Leben suchen. Das hier ist weder ein Beispiel für Demokratie noch für eine zivile Welt. Was wir hier erleben, ist wie eine Naturkatostrophe - gegen den Menschen, gegen das irakische Volk und gegen den ganzen Irak.”
   Entführung und Tod des chaldäischen Erzbischofs von Mossul sind nach Auffassung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) die „klare Botschaft arabisch-islamistischer Terrorgruppen” an die Christen des Irak, die Ninive-Ebene bei Mossul für immer zu verlassen. Die Region ist eines der Hauptsiedlungsgebiete der christlichen Assyro-Chaldäer, die derzeit von kurdischen Peschmerga aus dem benachbarten Kurdistan geschützt werden.
   „Die Täter hatten ein Lösegeld von 2,5 Millionen Dollar verlangt und ihre Botschaft, die Christen aus der Region zu vertreiben, mit absurden Forderungen unterstrichen”, berichtet der Nahostreferent des Verbandes, Kamal Sido. So sollte die chaldäisch-katholische Kirche Waffen für arabisch-islamistische Terroristen beschaffen und sie in ihren Kirchen verstecken. Es sei offen gedroht worden: Wenn die chaldäisch-katholische Kirche keine christlichen Selbstmordattentäter zur Verfügung stelle, müssten die Christen die Region verlassen.
   An diesem Freitag wurde Rahho in der christlichen Siedlung Karamles in der Nähe von Mossul beigesetzt. Hier liegt auch sein Sekretär begraben: Pater Ragheed war am 3. Juni vergangenen Jahres nach der Messfeier von Terroristen erschossen worden. Der Bischof von Arbil, Rabban al Qas, berichtet gegenüber Radio Vatikan von Solidaritätsadressen und großer Anteilnahme in der Region:
   „Viele Moslems und Araber, nicht nur Christen ... Viele Menschen haben mir gesagt: Der Bischof war nicht nur Bischof für die Katholiken. Er ist Sohn dieser Stadt Mossul. Die Türen des Bischofshauses standen für alle offen. Der Terrorismus wird unserer Freundschaft kein Ende setzen. Wir sind vereint, um die Christen gegen die Terro- risten zu verteidigen.”
   Benedikt XVI. hat in der päpstlichen Hauskapelle die Totenmesse für den verstorbenen Erzbischof gelesen. rv/misna/pm080314bp

Bereits im Dezember 2004 war auf das Bischofshaus ein Anschlag verübt worden.
    Mehrere vermummte Islamisten drangen damals in das chaldäisch-katholische Ordinariat ein. Erzbischof Faraj Rahho war abwesend; die Terroristen zwangen den Sekretär des Erzbischofs, den Priester Raghid Aziz Kara, zum Verlassen des Gebäudes. Dann legten die Islamisten an mehreren Stellen des Gebäudes Sprengstoff.
   In einem Interview mit Asianews hatte Erzbischof Faraj Rahho im November das „unaufhörliche Leid” der Christen in Mossul beklagt. Die Stadt sei sowohl von den irakischen Zentralbehörden in Bagdad als auch von den Amerikanern und deren Verbündeten „sich selbst und den islamistischen Terroristen” überlassen worden. Der Erzbischof nahm damit auf die Verfolgungsmaßnahmen der Islamisten gegen Christen in der Stadt Bezug; so werden seit dem Einmarsch der Amerikaner christliche Studentinnen gezwungen, sich „islamisch” zu verschleiern. Zahlreiche Geschäfte, die Christen gehören und in denen auch Alkoholika verkauft wurden, fielen der Wut der Islamisten zum Opfer. Die Lage der Christen im Irak hat sich seit der US-Invasion 2003 dramatisch verschlechtert. Dutzende Kirchen wurden niedergebrannt, viele Christen ermordet, Diskriminierung und Anfeindung sind an der Tagesordnung.
  Im Juni 2007 wurden ein chaldäisch-katholischer Priester und drei Diakone in Mossul unweit der Heilig-Geist- Kirche ermordet. Nach Augenzeugenberichten wurde der Mord damals von vier Bewaffneten verübt, die das Auto stoppten, in dem Pfarrer mit seinen Begleitern von der Kirche nach Hause fahren wollte. Die Terroristen zwangen die Ehefrau eines Diakons zum Aussteigen und feuerten dann ins Auto. Vor drei Jahren war bereits der syrisch- katholische Erzbischof Basile Georges Casmoussa in Mossul entführt, später aber freigelassen worden.
   Mossul ist eine der wichtigsten Stätten der frühen Christenheit. Die Stadt am Tigris dürfte bereits im 2./3. Jahrhundert überwiegend christlich gewesen sein. Die Mehrheit der Christen im Irak gehört zu der mit Rom unierten chaldäisch-katholischen Kirche; ihr Oberhaupt ist der in Bagdad residierende Kardinal-Patriarch Emmanuel III. Delly. KAPasianews080229bp
  Die Christen im Irak werden immer häufiger von radikalen Gruppen verfolgt und sind Opfer ethnischer Vertreibungen. Ihre Zahl soll nach Schätzungen bereits um die Hälfte gesunken sein, weil viele ins Ausland flüchten. Vor dem US-geführten Einmarsch im März 2003 gab es rund 800.000 Christen im Irak. Die Zeit.s/afp080301
   Die wenigen im Irak noch verbliebenen Christen sind besonders verletzlich und ungeschützt, berichtet der Priester. „Als Christen sind sie die erste Zielscheibe für islamische Fundamentalisten. Außerdem sind sie eine Minderheit – ohne Armee, ohne starke Stellung in der Wirtschaft oder irgendeine Nähe zur Macht. Sie werden also aus religiösen Gründen und als Minderheit verfolgt – diese Verfolgung droht die Zukunft des Iraks zu bestimmen. Ich glaube, vom Ausgang dieser Geiselnahme könnte das Leben aller christlichen Gemeinschaften im Irak abhängen.” rv080311sk

Irak: Erzbischof beerdigt
   Mehrere Tausend Menschen haben am Freitag an der Beisetzung des chaldäischen Erzbischofs von Mossul teil- genommen. Paulos Faraj Rahho hatte In seinem letzten Interview - das er der italienischen Wochenzeitung „Tempi” gewährte - die Christenverfolgung im Irak verurteilt. Die Islamisten hätten keine andere Absicht, als das Eigentum der Christen an sich zu reißen und die Christen dann aus dem Land zu vertreiben. Vorbild dieses Vorgangs seien die Ereignisse in der Türkei in der Endphase des Osmanischen Reiches von 1914 bis 1923 (die chaldäischen Katholiken hatten dort zu den Hauptleidtragenden des Ausrottungsfeldzuges der „Ittihadisten“, des „Komitees für Einheit und Fortschritt”, und dann auch der Unterdrückungsmaßnahmen der Kemalisten gezählt).
  Der Patriarch der Chaldäer, Immanuel III. Delly, leitete die Beisetzungsfeierlichkeiten für Rahho in Karamles. In dem Dorf waren bereits der Fahrer und die Leibwächter Rahhos beigesetzt worden, die bei der Entführung ums Leben kamen. Schwester Iva von den Töchtern der Unbefleckten Empfängnis berichtet:
  „Es waren unglaublich viele Menschen da: Christen, Moslems, der Patriarch, der Nuntius, viele Priester. Wir Christen verlieren nicht den Glauben, im Gegenteil: Das gibt uns Kraft. Wir sind Teil der Geschichte und der Wurzeln dieses Landes. Wir haben keine Angst, sondern den Glauben und Mut. Die Menschen beten trotz allem.”
   Erzbischof Faraj Rahho hatte vor seinem Tod den Irak-Krieg scharf kritisiert. Das Eingreifen der Amerikaner und ihrer Verbündeten habe zur „Flucht der Intellektuellen” aus dem Irak geführt, von denen rund ein Drittel Christen gewesen seien. Unter einem „obskurantistischen islamischen Regime” werde der Irak in „Armut und Ohnmacht” verfallen „und die USA und ihre Freunde meinen, das Land dann um so leichter beherrschen zu können”, so Rahho im Interview mit der italienischen Wochenzeitung. In einer Erklärung verurteilte das US-Kommando in Bagdad Ent- führung und Tod des Erzbischofs und beschuldigte el-Quaida. Es handle sich um einen der barbarischsten Akte, Unfrieden im Land zu schüren.
   Die irakische Ordensfrau: „Er hat den Irak geliebt. Er sagte stets: ,Der Irak gehört allen. Wir wollen dieses Land aufbauen.’ Er war ein Freund aller, nicht nur der Christen, hatte gute Beziehungen auch zu den Muslimen und tat allen Gutes. Er war ein Mensch, den alle mochten, auch die Muslime. Er selbst machte keinen Unterschied.”
   Am Tod des Erzbischofs - über dessen Ursachen weiterhin Unklarheit herrscht - könnte sich jetzt die Zukunft der Christen im Land entscheiden, vermuten Menschenrechtler. Sie erlebten sozusagen den vorerst traurigen Höhepunkt der „größten humanitären Katastrophe seit fünfzig Jahren.” Die Gesellschaft für bedrohte Völker bezeichnet die Vertreibung der Christen aus dem Irak als „gegenwärtig größte Christenverfolgung weltweit”. Vor allem durch Morde und Entführungen sowie gezielte Terroranschläge islamistischer Fanatiker auf Kirchen, Klöster, christliche Schulen und Pfarrhäuser ist nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation bereits ein großer Teil der Christen aus dem Irak vertrieben worden. Vor 20 Jahren gab es im Irak etwa 1,4 Millionen Christen. Heute sind es weniger als 600.000. rv-afp-kap-pm080315

Gewalt darf niemals ein Mittel der Ausbreitung einer Religion sein.
Und doch beschämt uns die Geschichte. Jetzt ist die Zeit gekommen, zu den Wurzeln zurückzukehren
und jeglicher Gewalt im Namen einer Religion zu entsagen. Die Hirten gehen voran.
Mögen die Gläubigen auf dem Weg des Friedens, der Versöhnung und Menschenrechte folgen!

epFranzKamphaus-1xx     Bischof Dr. Franz Kamphaus

Ein Dialog mit dem Islam

   Vor annähernd zwanzig Jahren kehrte Bischof Franz Kamphaus von einer Afrika-Reise mit der Gewissheit zurück, das Problem dort sei nicht der Marxismus, sondern der Islam. Wo der Islam in der Minderheit sei, zeige er sich gesprächsbereit. Wo er die Mehrheit habe, sei er aggressiv und intolerant. In der Kirche wie in den westlichen Ländern wurden solche Warnungen noch lange überhört. Mittlerweile führt an einem Dialog mit dem Islam auch über die Frage der Gewalt kein Weg vorbei.
   Selten hat eine Vorlesung so viel Aufmerksamkeit gefunden in aller Welt wie die des Papstes am 12. September 2006 in Regensburg siehe: Dialog der Religionen. Genau einen Monat später haben 38 muslimische Führer Benedikt XVI. in einem offenen Brief geantwortet siehe: Dialog der Religionen. Sie sprechen für einen nicht unerheblichen Teil des Islams, ihr Wort hat Gewicht. Sie halten sich nicht bei unverbindlichen Höflichkeiten auf und scheuen bei allem Respekt nicht Widerspruch und Kritik. Sie erinnern sehr zu Recht an die globale Verantwortung, die Christen und Muslimen schon auf Grund ihres Anteils an der Weltbevölkerung zuwächst. Ihr können beide nur gerecht werden, wenn sie sich zumuten, über das zu sprechen, was sie im Innersten religiös bewegt, in gesellschaftlicher Verantwortung. Fünf Bereiche sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung.
   Zunächst die Schriftauslegung. Nicht zufällig sagen Muslime seit alters über Juden und Christen anerkennend, sie seien wie sie „Leute der Schrift”. Diese Charakterisierung ist nicht falsch, doch sie bedarf aus christlicher Sicht einer wichtigen Einschränkung: Zwar verstehen Christen die Bibel als „Wort Gottes”. Dennoch steht im Zentrum des Glaubens nicht die Heilige Schrift, sondern die Person Jesu Christi.
   Das Christentum ist darum erst in zweiter Linie eine Schriftreligion. Die Offenbarung Gottes ist Jesus Christus, die Bibel enthält die Antwort der maßgebenden Glaubenszeugen darauf. Sie ist für Christen Gottes Wort in Menschenwort, während Muslime den Koran als direkte, von menschlichem Einfluss freie Offenbarung Gottes glauben. Was für sie der Koran ist, ist für Christen eher Christus als die Bibel.
   Die menschliche Ausdrucksform des göttlichen Wortes darf nicht mit diesem selbst gleichgesetzt werden. Dieser Vorbehalt erlaubt es, die Geschichtlichkeit der Bibel ernst zu nehmen, ohne ihr Gewicht als Glaubensurkunde aufzugeben. So können die Christen zwischen dem bleibend verbindlichen Gehalt und der zeitbedingten Ausdrucksform unterscheiden, biblische Texte und Aussagen der Tradition von ihren Entstehungsbedingungen her historisch-kritisch analysieren und dadurch neu verstehen. Darin liegt ein Schlüssel zur Reformfähigkeit einer Religion, zur Eröffnung eines interreligiösen Dialogs, der mehr ist als eine höfliche Variante propagandistischer Überredungskunst.
   Das mag überraschen. Mancher mag denken, die dargelegte Unterscheidung im Schriftverständnis sei ein innertheologisches Problem, das für die Gesellschaft ohne Bedeutung sei. Weit gefehlt! Das zeigt die Entstehung des Begriffs Fundamentalismus. Er ist zunächst nicht, wie man denken könnte, zur Charakterisierung bestimmter Richtungen im Islam geprägt worden. Man hat damit bestimmte Kreise innerhalb des Protestantismus bezeichnet, die auf einem wortwörtlichen, zeitenthobenen Verständnis der Bibel bestanden. Siehe dazu: Fundamentalismus. Im Verständnis von Schrift und Tradition werden die Weichen gestellt für die Fähigkeit einer Religion, sich zu verändern und in einen Dialog einzutreten. Hier entscheidet sich die Vereinbarkeit von Religion und moderner Kultur, die Möglichkeit einer Inkulturation. Ohne Klärung der hermeneutischen Grundfragen wird eine Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der modernen Welt nicht gelingen.
   Von innen wie von außen ist der Islam gefragt, ob er eine historisch-kritische Betrachtung des Korans zulassen kann. Christen, speziell Katholiken, wissen sehr genau, dass das nicht einfach ist. Sie haben einen langen, leidvollen Weg zurückgelegt, bis die historisch-kritische Methode der Schriftauslegung offiziell akzeptiert wurde. Doch die Erfahrung lehrt, dass das Säurebad historischer Kritik die Heilige Schrift nicht zerfressen muss, sondern den Zugang zu ihrem Verständnis reinigen kann.
        Die Muslime, die dieses Wagnis nicht scheuen, sind noch in der Minderheit und brauchen Ermutigung. Sie gehen einen beschwerlichen Weg,  der keiner Religion erspart bleibt, den auch Christen längst nicht ausgeschritten haben. Solange man sich gegen ihn sperrt, wird man weiterhin mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Schlagwörtern der heiligen Schriften aufeinander einschlagen oder Befreiungsschläge versuchen.
    Sodann die Menschenrechte. Muslime stehen im Verdacht, im Namen des göttlichen Rechts die Menschenrechte nicht anzuerkennen. Das ruft in der westlichen Welt Unverständnis und Sorge hervor.
   Nicht ohne Grund! Auch Christen haben die Idee der Menschenrechte lange Zeit bekämpft. Das Lehramt der katholischen Kirche zählte sie noch im 19. Jahrhundert zu den unseligen Irrtümern der Moderne. Es verteufelte nicht wenige Theologen, die Kirche und Moderne auszusöhnen versuchten, als „Modernisten” und entzog ihnen die Lehrerlaubnis. Katholiken haben also keinen Grund, die muslimische Position heute mitleidig zu belächeln. Es dauerte immerhin bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965), ehe die katholische Kirche ihre Ablehnung des Menschenrechtsdenkens grundsätzlich und verbindlich revidierte. Seither ist sie zu einer entschiedenen Befürworterin und Verteidigerin der Menschenrechte geworden, zumal durch den verstorbenen Papst Johannes Paul II. (1978 bis 2005) mehr dazu: Menschenrechte
   Nicht wenige Katholiken empfanden die Kehrtwende als Verrat an der überlieferten Lehre und warfen dem Konzil vor, sich dem Diktat des modernen Ungeistes unterworfen zu haben. Ihre Vorwürfe gleichen denen aus der islamischen Welt. Manches spricht dafür, dass sie auf ähnlichen Missverständnissen beruhen. Die Anerkennung der Menschenrechte bedeutet nicht, sie über das göttliche Recht zu setzen. Der vom Vatikanum II vollzogene Positionswechsel in dieser Sache kam nicht von ungefähr. In einer Neubesinnung auf die christlichen Quellen und unter dem Eindruck der „Zeichen der Zeit” (säkulare Kultur) erkannte man, dass die Menschenrechte nicht einfach nur menschliches Recht sind. Gott selbst hat sie dem Menschen eingestiftet. Deshalb vor allem verdienen sie unbedingten Respekt sowohl von Seiten des Staates als auch von Seiten der Kirche.
   Menschenrechte und göttliches Recht lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Die Menschenrechte bilden eine Mindestnorm, die die Würde des Menschen als Gottes Geschöpf wahrt. Sie anzuerkennen und zu achten bedeutet also nichts anderes als Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes. Nur mangelnde Einsicht kann befürchten lassen, Glaube und Menschenrechtsethos stünden zueinander im Widerspruch. Umgekehrt ist zu fragen, ob sich der unbedingte Geltungsanspruch der Menschenrechte ohne religiöse Verankerung durchhalten lässt.
   Wenn Christen sich heute in aller Welt für die Achtung der Menschenrechte einsetzen und auch von den Muslimen erwarten, dass sie die Menschenrechte  uneingeschränkt anerkennen, dann nicht, um sie ihrer eigenen Kultur zu entfremden und sie zu verwestlichen. Sie tun das, weil sie dem Islam den gleichen Lernprozess zutrauen, den sie selbst leidvoll durchgemacht haben. Das Wort „Islam” bedeutet bekanntlich „Hingabe an den Willen Gottes”. Wenn die Menschenrechte dem göttlichen Willen entsprechen, dann verpflichtet der Islam selbst dazu, sie gemeinsam mit allen Menschen guten Willens anzuerkennen.
   Drittens: Das Staatsverständnis. Im christlich-islamischen Dialog spielt die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Staat eine wichtige Rolle. Dem Islam wird weithin die Fähigkeit abgesprochen, beide Bereiche zu trennen. Umgekehrt ist die Trennung ein ganz wesentliches Kennzeichen der westlichen Moderne und wird - wie die Menschenrechte - als ein zivilisatorischer Fortschritt gewertet, der auf keinen Fall preisgegeben werden darf.
   Wir Christen haben aus der Geschichte bittere Erfahrungen gewonnen und gelernt, aus den Konfessionskriegen nach der Reformation und nicht zuletzt aus den totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Beides liegt zeitlich weit auseinander, sachlich berührt es sich: Einmal werden der Religion Grenzen gesetzt, zum anderen dem Staat. Das geschieht aus der Überzeugung, diese wechselseitige Begrenzung diene beiden Seiten, vor allem dem friedlichen Zusammenleben der Menschen. Der Versuch, christliche Staaten zu errichten ist unter hohen Kosten gescheitert. Nichts spricht dafür, dass es islamischen Staaten anders ergehen wird.
   Der springende Punkt dabei ist in diesem Fall das Verständnis der Menschenrechte. Es kann aus christlicher Perspektive nicht nachdrücklich genug betont werden,  dass weder Kirche noch Staat die Menschenrechte gewähren. Es handelt sich um angeborene und unveräußerliche Rechte der menschlichen Person, wie zu Beginn aller Menschenrechtserklärungen und -konventionen immer wieder gesagt wird. Die Anerkennung der Religions-, Gewissens- und Meinungsfreiheit meint deshalb mehr als die Duldung Andersgläubiger durch einen religiösen Staat. Der religiös und weltanschaulich neutrale Rechtsstaat hat die Freiheitsrechte aller Menschen nicht nur zu tolerieren, sondern zu achten und zu schützen. Er gewährt allen Weltanschauungen und Religionen Raum, ist aber selbst weltanschaulich neutral.
   Daher ist es zumindest ungenau, wenn es im Koalitionsvertrag vom November 2005 heißt, „ein interreligiöser und interkultureller Dialog” sei für die Bundesregierung ein wichtiger Bestandteil der Integrationspolitik. Der interkulturelle Dialog ist Sache des Staates, nicht aber der interreligiöse. Der moderne Staat vertritt als solcher keine religiöse Überzeugung.
   Es ist zu unterscheiden zwischen der Gesellschaft, die mehr oder minder stark religiös geprägt ist, und dem Staat, der das Zusammenleben aller Menschen regelt und darum an keine bestimmte Religion oder Weltanschauung gebunden ist. Er kann den interreligiösen Dialog fordern und fördern, er kann und muss mit den Religionen einen intensiven Dialog führen. In beiden Fällen jedoch hat er seine religiöse Neutralität zu wahren. Sie schützt ihn vor pseudoreligiöser Selbstüberschätzung und die Religionen davor, die staatliche Gewalt zu ihren Gunsten zu missbrauchen. Dass bei klarer Trennung von Staat und Religion mannigfache Kooperationsformen möglich sind zum Wohl der Bürgerinnen und Bürger, zeigt die Bundesrepublik Deutschland.
  Christen wollen, dass Muslime sich in den westlichen Staaten heimisch fühlen können. Das erwarten sie aber auch für sich selbst, sie möchten in keinem Staat Bürger zweiter Klasse sein. Das sind sie in nicht wenigen islamischen Staaten derzeit leider immer noch, auch in der Türkei. Deswegen widersetzen sie sich den islamistischen und allen gleichartigen fundamentalistischen Staatsvorstellungen. Sie hoffen auf einen Islam, der den modernen Staat bejaht und ihn nicht nur als Übergangsphase zu einem islamischen Staat betrachtet. In diesem Punkt müssen die Muslime Farbe bekennen. Die Islamisten unter ihnen tun es auf ihre Weise ohnehin.
   Gewalt im Namen der Religion? Die Stellung zur Gewalt ist in der Weltgesellschaft zur Gretchenfrage für alle Religionen geworden. Zu Recht! Denn es trifft zu, was Hans Küng seit Jahren unermüdlich anmahnt: „Kein Weltfriede ohne Religionsfrieden.” Muslime beklagen sich immer wieder darüber, der Islam stünde ständig am Pranger und unter Generalverdacht. Das hat seinen Grund. Es ist leider so, dass die Seuche terroristischer Gewaltakte seit langem zum weitaus überwiegenden Teil von islamischen Gruppen ausgeht. Es sind islamische Staaten, in denen Christen benachteiligt oder gar verfolgt werden, nicht christlich geprägte Länder, die Muslime daran hindern, ihre Religion öffentlich zu gestalten. Der islamistische Terror fordert freilich die mit Abstand meisten Opfer unter den Muslimen selbst und richtet sich auch gegen islamische Staaten. Darum wehren sich Muslime zu Recht gegen die Gleichsetzung von Islam und Terror.
   Doch es bleibt da ein Problem, das schon angedeutet wurde: Wie bewerten sie den islamistischen Griff nach der Staatsmacht? Verwerfen sie nur die Wahl der (terroristischen) Mittel, billigen aber das Ziel?
   Christen können solche Fragen nicht redlich stellen, ohne sich an die eigene Gewaltgeschichte zu erinnern. Die Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung von Juden bleibt auf immer eine Schande. Auf andere Weise belasten zurückliegende, verhängnisvolle Gewalttaten auch die Beziehung zwischen Christen und Muslimen bis heute. Oft scheint es, als präge die traumatische Erfahrung der Kreuzzüge unauslöschlich die muslimische Identität. Und selbst im Westen gelten sie vielen als Symptom für die Gewaltträchtigkeit des Christentums.
   Nun gibt es an den Kreuzzügen nichts zu beschönigen, aber sie betrafen auch slawische Völker, jüdische Gemeinden und christliche Abweichler. Mit einem grundsätzlich antimuslimischen Hass hatten sie wenig zu tun. Die Muslime sollten nicht vergessen, dass lange vor dem ersten Kreuzzug arabisch-muslimische Heere jenes Land erobert hatten, das Christen als „Heiliges Land” galt und gilt. Damals fiel ihnen auch die Heilige Stadt Jerusalem mit ihren vielen heiligen Stätten in die Hände.
   Die Frage muss erlaubt sein, wie Muslime damals und heute auf die Einnahme Mekkas durch Christen reagieren würden. Wenn wir einen ehrlichen Dialog wollen, müssen wir uns an die Fakten halten und aufhören, sie mit zweierlei Maß zu messen. Man kann nicht das eigene ideale Selbstbild mit der wenig idealen Wirklichkeit der anderen Religion vergleichen. Man kann nicht die Kreuzzüge verdammen und die Heiligen Kriege verherrlichen.
    Der interreligiöse Dialog wird nicht von abstrakten Wesen geführt, sondern von Menschen und Gemeinschaften, die einander oft ein Übermaß an Leid zugefügt haben. Keine Religion kann sich davon freisprechen, dass in ihrem Namen Gewalt ausgeübt wurde oder wird. Die dadurch entstandene Erblast erledigt sich nicht von selbst. Es gibt Vergangenheiten, die nicht vergehen wollen, schon gar nicht ohne den gemeinsamen Willen zu historischer Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Dazu gehört mehr, als sich über die Tatsachen zu verständigen, so schwer das oft auch ist. Auf der Tagesordnung aller Religionen steht die Aufgabe, in Anbetracht der Geschichte ihr Verhältnis zur Gewalt in der Gegenwart für die Zukunft zu klären.
   Diese Frage reicht weit über die Problematik des Heiligen Krieges hinaus. Wie geht eine Religion mit den Menschen um, die sich von ihr abwenden? Wie mit solchen, die den Glauben verfälschen oder verspotten? Im christlichen Abendland wurden jahrhundertelang Apostasie, Ketzertum und Blasphemie mit dem Tod bedroht und geahndet. Das ist vorbei, hoffentlich für immer. Denn der wichtige Grundsatz, niemand dürfe zum Glauben gezwungen werden vgl. Sure 2, 256 “In der Religion gibt es keinen Zwang. Der rechte Weg (des Glaubens) ist (durch die Verkündigung des Islam) klar geworden (so dass er sich) vor der Verirrung (des heidnischen Unglaubens deutlich abhebt). Wer nun an die Götzen (at-taaghuut) nicht glaubt, an Allah aber glaubt, der hält sich (damit) an der festesten Handhabe, bei der es kein Reißen gibt. Und Allah hört und weiß (alles)”, kommt erst dann ganz zum Tragen, wenn er auch die Freiheit garantiert, den Glauben aufzugeben, ihn anders zu verstehen oder gar zu verachten. Es ist allein Gottes Sache, das Gewicht solcher Dinge zu beurteilen. Nur ER vermag in die Herzen der Menschen zu schauen. Wir sollten uns hüten, SEIN Gericht vorwegnehmen zu wollen.
   Tatsächlich gibt es für wahrhaft Fromme keine wichtigere Sache auf der Welt als die Religion. Was sie freilich von religiösen Fanatikern trennt, ist die Tugend der Demut. Die Ehrfurcht gegenüber Gott untersagt es kategorisch, sich seine Rolle anzumaßen. ER allein ist Herr über Leben und Tod, niemand sonst.  Religion besteht darin, Gott zu ehren, nicht darin, Gott zu spielen. Das sollten nicht zuletzt auch Regierungen beherzigen, die einer Religion nahe zu stehen meinen. Wer Gott wirklich die Ehre gibt, dem steht der Sinn weder nach Heiligen Kriegen noch nach Kreuzzügen - schon gar nicht in deren moderner Variante.
   Schließlich: Glaube und Vernunft. Der Glaube kann, wie Papst Benedikt immer wieder hervorhebt, nicht auf die Vernunft des Menschen verzichten, sie ist ein wesentliches Element seiner Gottesebenbildlichkeit. Also muss auch das Wesen Gottes von Vernunft geprägt sein. Wer das bestreitet, landet schließlich bei einem Willkür-Gott. Gegen die Vorstellung eines absolut freien, aber gerade in seiner Freiheit willkürlich handelnden Gottes richtet sich ein gut Teil der philosophischen Religionskritik zu Beginn der Neuzeit. Führende Köpfe der Aufklärung waren vom Recht und der Notwendigkeit überzeugt, um der Würde des Menschen willen eine solche Gottesvorstellung bekämpfen zu müssen, um den Menschen auf seine eigenen Beine zu stellen. Wie anders könnte er sich gegenüber einem solchen Gott behaupten? Wie sollte der Mensch bestehen können, wenn er sich im Vollzug des Glaubens der Willkür Gottes ausliefern muss? Eine Religion, die das von ihm fordert, ist menschenunwürdig.
   Insoweit wirbt der Papst aus guten, sehr guten Gründen für eine Versöhnung von Glaube und Vernunft. Aber dieses Ziel unter den Bedingungen der Neuzeit anzustreben bedeutet unabdingbar, die untrennbare Verbindung von Freiheit und Vernunft ernst zu nehmen. Das gilt für das Verständnis Gottes ebenso wie für das Verständnis des Menschen. In dieser Sache hilft das griechische Denken wenig. Vielmehr ist die christliche Theologie von ihrem ureigenen Glaubensverständnis her der Frage nachgegangen, wie sich Gottes Vernunft mit Gottes Freiheit vereinbaren lässt.  Sie hat, anders als die griechische Philosophie, Gott als Ursprung und Quell aller Freiheit verstanden und den Glauben als Befreiung. So gesehen stehen nicht die Freiheitsrechte des Menschen im Widerspruch zum Glauben, sondern deren Widersacher.
   Nicht nur Glaube und Vernunft gehören untrennbar zusammen, sondern Glaube, Vernunft und Freiheit. Es muss zu denken geben, dass die Gewalt, die von den meisten religiösen Fundamentalismen ausgeht, einem sehr konkreten Ziel dient: der Durchsetzung einer politischen Herrschaft, die alle modernen Freiheitsrechte beseitigt. Diesem Griff nach der Staatsmacht entgegenzuwirken, erfordert gewiss politischen Widerstand. Für die Religionen jedoch steckt darin eine theologische Herausforderung. Wenn, wie der Papst befürchtet, viele religiöse Menschen die Moderne als eine Gefahr für ihren Glauben erfahren, dann ist es Sache der Theologie, diese Besorgnis auszuräumen. Sie kann das, wenn sie die Verteidigung der Freiheit als ein gemeinsames Anliegen von Vernunft und Glaube einsichtig macht. Das führt nicht vom Glauben weg, sondern führt in sein Zentrum, in das Gottesverständnis. In diesem Sinn hat die Vision des Papstes einen Horizont eröffnet, den es im Dialog zwischen den Religionen und im Dialog der Religionen mit der modernen Philosophie erst noch abzuschreiten gilt.
   Der Dialog zwischen Christen und Muslimen steht erst am Anfang. Er braucht Geduld und Vertrauen, langen Atem und offene Herzen. Um des Friedens willen gibt es keine Alternative zu ihm, auch nicht um des Glaubens willen. Man könnte leicht meinen, wir seien zum Dialog verdammt. Doch das wäre nicht einmal die halbe Wahrheit. Wir sind es zuerst und vor allem uns selbst und unserem Glauben schuldig, trotz aller bedrückenden Erfahrungen miteinander zu sprechen. Das ist es, was Gott uns zumutet, der Gott, den Christen gemeinsam mit den Muslimen den Gerechten nennen und den Barmherzigen.  
BischofDr.FranzKamphausFAZ070202

Sr. Leonella, 64, in Mogadischu ermordet    SomaliaSr.Leonella-xx

Racheakt der Söhne des Propheten

Al-Qaida droht im Internet: Wir werden das Kreuz zertrümmern. Mord an einer Ordensschwester
   Es verdichten sich die Anzeichen, dass der Mord an der italienischen Ordensschchwester Leonella in Somalia ein Racheakt von islamischen Extremisten war. Augenzeugen sprachen von einer Hinrichtung aus Rache für die Re- gensburger Vorlesung Benedikts XVI. bei seinem Besuch in Deutschland.
   Die Terrororganisation al-Qaida im Irak drohte dem Westen einen heiligen Krieg an, bis der Islam die Weltherrschaft erlangt habe. Bei Demonstrationen im Irak wurden neben einer Papst-Puppe auch deutsche und amerikanische Fahnen verbrannt.
  Die Internet-Erklärung nahm Bezug auf die Regensburger Rede von Benedikt XVI. „Ihr Ungläubigen und Despoten, wir werden unseren Dschihad fortsetzen und niemals aufhören, bis Gott uns hilft, eure Hälse abzuschneiden und das flatternde Banner des Monotheismus weht und Gottes Herrschaft über alle Völker und Nationen errichtet ist. Wir werden das Kreuz zertrümmern”, hieß es darin. Nach einem Sieg im Dschihad werde es für die unterlegenen Christen nur die Möglichkeit geben, zum Islam überzutreten oder „mit dem Schwert getötet zu werden”. HA060919

„Ich vergebe, ich vergebe, ich vergebe”. In Mogadischu erschossene Ordensschwester kannte die Gefahr 

   Sie habe immer gewusst, dass es irgendwo in Somalia eine Kugel gebe, auf der ihr Name stehe. Doch für Schwester Leonella Sgorbati vom Orden der Consolata-Missionarinnen war das kein Grund zur Verzweiflung. „Sie war ein fröhlicher Mensch und hat stets versucht, das Leben mit Humor zu nehmen, auch wenn das nicht immer einfach war”, sagt Schwester Josephine, Oberin des Ordens in Ostafrika und seit fast 30 Jahren eng mit Schwester Leonella befreundet. Jetzt ist die in Mogadischu auf offener Straße erschossene katholische Ordensschwester in der kenianischen Hauptstadt Nairobi beigesetzt worden. Ihre Mörder waren allem Anschein nach fanatische Muslime, die sich so für die vermeintlich islamkritischen Äußerungen Papst Benedikts XVI. rächen wollten, die dieser während seines Besuchs in Deutschland gemacht hatte. Einen Tag vor dem Mord hatte ein Prediger in Mogadischu gesagt, wer auch immer den Propheten Mohammed beleidige, müsse von dem Muslim getötet werden, der sich in der Nähe befinde.
   Der Islam ist in Somalia Staatsreligion, 99,8 Prozent der Bevölkerung sind sunnitische Muslime, nur 0,1 Prozent Christen. Das Land am Hörn von Afrika gehört zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Staaten der Welt. Nirgendwo sonst haben Kinder so schlechte Chancen, das Erwachsenenalter zu erreichen. Es gibt kaum sauberes Wasser, Krankheiten wie Cholera und Malaria sind weit verbreitet. Mehr als zwei Drittel der Somalis können weder lesen noch schreiben. Seit vor 15 Jahren lokale Kriegsherren den Militärdiktator Siad Barre stürzten, herrschen dort Chaos und Anarchie. Bis heute gibt es keine funktionsfähige Regierung. Seit Mai wird die Hauptstadt Mogadischu von einem Rat aus Scharia-Richtern kontrolliert.
   Schwester Leonella, eine große, robuste Frau, war sich der Gefahr bewusst, in der sie in Somalia lebte und ar- beitete. Das SOS-Kinderdorf mit der dazugehörigen Kinderklinik, in der die Missionarinnen als Krankenschwestern tätig sind, wird ebenso wie das Wohnhaus der Ordensfrauen schon seit Jahren streng bewacht. Nach dem Mord sind die drei verbliebenen Schwestern nach Nairobi ausgeflogen worden. Nicht einmal über die Straße gingen die vier Schwestern ohne bewaffnete Begleiter.
   Trotzdem geriet eine der Schwestern 2001 für mehrere Tage in die Gewalt von Entführern, wurde aber schließlich ohne Lösegeldzahlung freigelassen. Eine andere überlebte im April 2005 nur knapp einen Bombenanschlag. Andere Ausländer hatten weniger Glück: Im Februar vergangenen Jahres wurde eine britische Journalistin erschossen, im Juni dieses Jahres ein schwedischer Kameramann. „Jedesmal, wenn mich Leonella in unserem Ordenshaus in Nairobi besuchte”, erinnert sich Schwester Josephine, „kam sie darauf zu sprechen, wie gefährlich es in Mogadischu sei. Doch dann pflegte sie zu sagen: ,Dort gehöre ich hin. Das ist es, was Gott von mir will.' Sie war erfüllt von dem Wunsch, ihr Leben und ihre Kraft in den Dienst Gottes zu stellen. Deshalb ist sie Missionarin geworden.”
  Die am 9. Dezember 1940 in Gazzola in der norditalienischen Provinz Piacenza geborene Rosa Sgorbati, wie Schwester Leonella mit bürgerlichem Namen hieß, trat 1963 in den katholischen Orden der Consolata- Missionsschwestern ein. 1972 wurde sie zur Nonne geweiht. Die Angehörigen der 1910 von Giuseppe Allamano in Turin gegründeten Glaubensgemeinschaft verpflichten sich nicht nur zu lebenslanger Armut, Keuschheit und Gehorsam. Sie bekennen sich im Sinne einer universalen Kirche auch zu einem Leben ohne territoriale, rassische, kulturelle und religiöse Grenzen. Der Orden möchte all jene ansprechen, die, wie es in einer Selbstbeschreibung heißt, „nahe bei uns leben, aber weit entfernt von Jesus und der Kirche”. Die Consolata-Missionarinnen kümmern sich beinahe überall auf der Welt um notleidende, kranke und einsame Menschen, in denen sich für sie der leidende Jesus Christus manifestiert. In Europa gibt es Gemeinschaften des Ordens unter anderem in Italien, Spanien, Portugal und England, in Afrika in Kenia, Äthiopien, Tansania, Mocambique, Somalia, Dschibuti, Liberia und Guinea-Bissau.
   Das Leben jenseits der Grenzen führte Schwester Leonella schon früh nach Afrika. Nachdem sie in England zur Krankenschwester ausgebildet worden war, sandte der Orden sie im September 1970 nach Kenia. In den folgenden 13 Jahren arbeitete sie im Madari Krankenhaus in Myeri und im Nazaret-Krankenhaus in Nairobi. 1983 begann sie ein zweijähriges Studium der Krankenpflege; anschließend wurde sie Leiterin der Schule für Krankenschwestern am Nkubu-Krankenhaus in Meru. Im November 1993 wurde sie zur Oberin des Ordens in Kenia ernannt, eine Position, die sie für sechs Jahre innehatte.
   In Meru lernte auch Schwester Joan Agnes sie kennen, eine Afrikanerin. „Drei Jahre lang war Schwester Leonella meine Lehrerin. Ich weiß noch wie heute, wie sie immer mit einem Stapel Lehrbücher unter dem Arm in den Klassenraum kam, nur um sie dann auf ihr Pult zu legen und nicht mehr anzurühren. Alles, was wichtig war, hatte sie im Kopf.” Schwester Leonella sei eine strenge und anspruchsvolle Lehrerin gewesen, allerdings auch eine mit viel Humor. „Als Kind dachte ich immer, Nonnen seien sehr ernste, traurige Menschen. Schwester Leonella hat mich vom Gegenteil überzeugt. Sie war einer der fröhlichsten Menschen, die ich je getroffen habe.” Es gebe mehr als genug nachlässige Krankenschwestern auf der Welt, habe sie zu sagen gepflegt, und ihr größter Wunsch sei es gewesen, dass ihre Schülerinnen es einmal besser machten und den Kranken und Bedürftigen echten Trost spendeten. Sie sowohl theoretisch als auch praktisch möglichst umfassend auszubilden, habe sie als Voraussetzung dafür angesehen. Besonders am Herzen gelegen habe ihr, ihren Schülern einen Sinn für die Schönheit des menschlichen Körpers zu vermitteln und zugleich das Werk Gottes darin zu sehen. „Sie wollte zum Beispiel, dass wir uns hinknien, wenn wir Frauen bei der Geburt helfen, als Zeichen der Ehrfurcht vor dem neuen Leben. Für mich war sie wie eine Mutter.”
   Auch Schwester Joan Agnes sagt, Schwester Leonella sei sich immer im klaren darüber gewesen, wie groß die Gefahr war, der sie als öffentlich wirkende Christin in Somalia ausgesetzt gewesen sei. Oft habe sie über den Tod geredet, doch ohne dabei Angst zu verspüren. „Sie lebte in dem Bewusstsein, ihr Leben schon vor langer Zeit in die Hand Gottes gegeben zu haben. Ich habe sie immer darum beneidet, wie sicher sie sich ihrer Berufung und ihrer Mission war. Sie sagte, bis dahin sei es eine lange Reise, aber sie lohne alle Mühe.” Obwohl sie damals nicht aus eigener Entscheidung dorthin gegangen sei, habe ihr Herz für Afrika und die Menschen dort geschlagen. Die Afrikaner wiederum seien ihr mit großem Respekt und echter Zuneigung begegnet. „Sie gaben ihr sogar einen eigenen Namen, der übersetzt etwa ,die treue Frau' bedeutet.”
   Nach Mogadischu kam Schwester Leonella zum ersten Mal 2001 mit der Idee, an der dortigen SOS-Kinderklinik eine Ausbildungsstätte für Krankenschwestern ins Leben zu rufen. Seit Mitte der achtziger Jahre gibt es ein SOS- Kinderdorf in Mogadischu. Die von dem Österreicher Hermann Gmeiner nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Hilfsorganisation betreibt in der somalischen Hauptstadt außerdem eine Schule, eine Mutter-Kind-Klinik und ein Kinderkrankenhaus.  Da die meisten somalischen Ärzte ihre Heimat bei Ausbruch des Bürgerkriegs verlassen haben, ist die medizinische Versorgung miserabel. Die staatlichen Krankenhäuser in Mogadischu funktionieren schon lange nicht mehr. Außer den SOS-Einrichtungen gibt es in der Stadt nur noch eine Notfallklinik des Internationalen Roten Kreuzes. Die SOS-Mutter-Kind-Klinik ist die einzige Entbindungsstation in Somalia, die zudem über eine gynäkologische Abteilung verfügt. Schwangere Frauen und Mütter nehmen tagelange Märsche aus ganz Somalia und sogar aus dem benachbarten Äthiopien auf sich, um sich dort behandeln zu lassen. Jährlich werden dort mehr als 260.000 Behandlungen vorgenommen; allein in der pädiatrischen Abteilung werden im Jahr mehr als 110.000 Kinder behandelt.
   Untersuchungen und Behandlungen sind kostenlos. Das ist nur möglich, weil es Pflegerinnen wie die Consolata- Missionarinnen gibt. „Die Schwestern arbeiten auf eigenen Wunsch für uns. Sie haben weder einen Arbeitsvertrag noch werden sie für ihre Tätigkeit bezahlt”, sagt Willy Huber, Regionalleiter der SOS-Kinderdörfer in Ostafrika. „Schwester Leonella hatte unglaublich viel Energie. Wenn man jungen Leuten in einem Land wie diesem Hoffnung geben will, muss man Worte in Taten umsetzen. Das konnte sie.” Nachdem sie mit großem Engagement die Ein- richtung einer Schule  für Krankenschwestern betrieben hatte, wurde sie im Jahr 2002 deren Leiterin. Jeweils etwa 25 Frauen und Männer werden dort drei Jahre lang zu Krankenschwestern, Krankenpflegern und Hebammen ausgebildet.
   Schwester Leonella arbeitete hart für den Erfolg der Schule. Tagsüber unterrichtete sie bis zu acht Stunden, nachts arbeitete sie an den Lehrplänen und korrigierte Hausarbeiten. Für den Schlaf blieben ihr in manchen Nächten nicht mehr als drei Stunden. Es sei wunderbar gewesen, sagt Schwester Gianna Irene, die mit ihr in Mogadi- schu lebte, wie sie es vermocht habe, den jungen Somalis, die zu ihr an die Schule gekommen seien, Selbstvertrauen einzuflößen. „Diese Mädchen und Jungen kamen mehr oder weniger aus dem Busch, die meisten ohne jegliche Schulbildung, waren am Anfang äußerst schüchtern und trauten sich überhaupt nichts zu. Bevor Schwester Leonella mit der eigentlichen Ausbildung begann, brachte sie ihnen zunächst einmal ein halbes Jahr lang Englisch bei. Schon während dieser Zeit konnte man sehen, wie das Selbstwertgefühl der jungen Menschen beinahe täglich wuchs.” Auch außerhalb des Unterrichts habe sie immer ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Schüler, aber auch der anderen Lehrer gehabt. „Sie war voller Begeisterung für diese Aufgabe”, sagt Schwester Josephine, „obwohl sie in letzter Zeit leichte gesundheitliche Probleme hatte.”
   In den vergangenen Jahren hatte Schwester Leonella stark zugenommen und oft unter geschwollenen Füßen gelitten. Das Bergwandern, einen Sport, der sie begeisterte, musste sie schließlich aufgeben. In den wenigen Mußestunden, die ihre Arbeit ihr ließ, griff sie zu Büchern - sie verehrte Charles Dickens -, besuchte einen der zahlreichen Naturparks oder suchte das Gespräch mit den Menschen in ihrer Umgebung.
   Erst wenige Tage vor dem Attentat war Schwester Leonella aus Uganda, wo sie in Krankenhäusern nach Praktikumsplätzen für ihre Schüler gesucht hatte, nach Somalia zurückgekehrt. Am vergangenen Sonntag überquerte sie um die Mittagszeit gemeinsam mit ihrem somalischen Leibwächter die Straße zwischen dem SOS-Kinderdorf und dem Krankenhaus, als zwei Männer mit Schusswaffen hinter geparkten Autos hervorsprangen und das Feuer eröffneten.  Der Leibwächter, ein junger Familienvater, war sofort tot. Schwester Leonella starb, von sieben Kugeln getroffen, kurze Zeit später in dem Krankenhaus, in dem sie selbst so länge gearbeitet hatte. „Sie hatte keine Chance”, sagt Huber. „Es war wie eine Hinrichtung.” Augenzeugen berichteten, ihre letzten Worte hätten ihren Mördern gegolten. „Perdono, perdono, perdono - ich vergebe, ich vergebe, ich vergebe.” Einer der Täter ist inzwischen festgenommen und dem Obersten Islamischen Rat (SICS) in Mogadischu überstellt worden. Nach dem zweiten Schützen werde gefahndet, sagte Scheich Muchtar Robow, stellvertretender Sicherheitschef des SICS, der Nachrichtenagentur AFP.
   Schwester Leonellas Leichnam wurde nach Nairobi gebracht, wo er auf dem Friedhof des Nazareth- Krankenhauses beigesetzt wurde. In einem Telegramm an die Ordensgemeinschaft drückte Papst Benedikt XVI. sein Beileid zum gewaltsamen Tod Schwester Leonellas aus. Er bekräftige darin seine tiefe Missbilligung jeder Form von Gewalt, doch hoffe er darauf, „dass das Blut, das von einem solch gottesfürchtigen Jünger des Evangeliums vergossen wurde, Hoffnungen auf eine echte Brüderlichkeit zwischen den Menschen und gegenseitigen Respekt für die religiösen Überzeugungen aller stiftet”. Die Consolata-Missionarinnen in Mogadischu, die nach Nairobi ausgeflogen wurden, sehen das ähnlich. „Schwester Leonella ist als Märtyrerin gestorben”, sagt Schwester Gianna Irene. „Ihr Tod ist wie ihr Leben ein Beweis dafür, dass nichts umsonst getan ist, was man aus Liebe zu Gott tut. Wir alle hoffen, dass eines Tages aus all dem Leid in diesem Land Frieden werden wird.” NicolasWolzFAZ060922

Priester in der Türkei ermordet  kip-AndreaSantoro-xxx  Diözese Rom trauert um ihren ermordeten Priester

  Die Katholiken in der Ewigen Stadt trauern um den ermordeten Priester Don Andrea Santoro, der aus der Provinz Latina stammte, aber zur Diözese Rom gehörte. Unter großer Anteilnahme hochrangiger Politiker und der Bevölkerung feierte der Generalvikar für die Diözese Rom, Camillo Kardinal Ruini, in der Lateranbasilika das Requiem. In seiner Predigt kündigte er die Absicht an, den Seligsprechungsprozess für Don Andrea Santoro zu eröffnen, eine Nachricht, die von den Gläubigen mit großem Beifall aufgenommen wurde. Persönlich sei er davon überzeugt, so sagte Kardinal Ruini, dass das Opfer des Verstorbenen alle Elemente enthält, die für ein christliches Martyrium konstitutiv sind. Bewegt gab Kardinal Ruini die Worte der Vergebung der Mutter des Ermordeten weiter, auch der Täter sei »ein Kind des einzigen Gottes, der die Liebe ist«.
   Der Kardinal erinnerte daran, dass Don Andrea den Wunsch gehabt habe, als Priester an Orte zu gehen, in denen der Glaube seinen Anfang genommen habe. Er habe das Evangelium und den barmherzigen Gott bezeugen wollen, die Liebe des barmherzigen Gottes, Toleranz und Bereitschaft zum Dialog mit allen.
   Die sterbliche Hülle war vor dem Requiem in der Kirche »San Fabiano e San Venanzio« aufgebahrt, wo der Getötete vor seiner Übersiedlung in die Türkei im Jahr 2000 Pfarrer gewesen war. Auch in Istanbul wurde bei einem Gottesdienst in der Kathedrale des Priesters gedacht. Hauptzelebrant war der Apostolische Nuntius in der Türkei, Erzbischof Antonio Lucibello. 060217OR Lesen Sie weiter > Priester

16-Jähriger tötet Priester

   Ankara: Wegen der Ermordung eines katholischen Priesters ist ein 16-Jähriger in der Türkei zu mehr als 18 Jahren Haft verurteilt worden. Der Priester war im Februar in Trabzon beim Beten in seiner Kirche erschossen worden. Zu dieser Zeit gab es in der muslimischen Welt massive Proteste gegen die Veröffentlichung der umstrittenen Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen. HAZ061011
Lesen Sie einen ausführlichen Fotobericht über Pater Andrea Santoro > Priester

Priester bedroht und tätlich angegriffen

Erneuter Angriff auf  Priester in der Türkei
   In der Türkei ist erneut ein katholischer Priester angegriffen worden. Unbekannte hätten den Slowenen Martin Kmetec in seiner Wohnung in Izmir überfallen, ihn geschlagen und mit seiner Ermordung gedroht, berichteten italienische Zeitungen  unter Berufung auf den Apostolischen Vikar von Anatolien, Bischof Luigi Padovese. Kmetec habe den Vorfall der Polizei gemeldet; diese sei jedoch weitgehend untätig geblieben Padovese, unterstrich, dass der Großteil der türkischen Bevölkerung keine feindseligen Einstellungen gegenüber Christen hege. In der Türkei leben gut 100.000 Christen. DTkna060215

Pater Pierre Brunissen, Marienkirche     TU.PierreBrunissen.xx

  Der 74 Jahre alte französische Priester Pierre Brunissen auf dem Foto oben in der katholischen Kirche Maria Mutter der Schmerzen, der in Samsun am Schwarzen Meer mit einem Messer angegriffen worden war, ist wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Es war der dritte Angriff auf einen katholischen Geistlichen innerhalb weniger Monate.
   Ein 47jähriger Angreifer griff den Priester in einer belebten Geschäftsstrasse in der Nähe der Kirche mit einem Messer an und verletzte ihn an der Hüfte  und am Bein. Als Grund nannte der Mann, dass der Pater versuche, Menschen zum christlichen Glauben zu führen. Der apostolische Vikar für Anatolien Msgr. Luigi Padovese sagt:  “Ich hoffe sehr, dass dieser Angriff nichts mit dem islamischen Fundamentalismus zu tun hat”, und erklärt dann: “Das Klima hier hat sich verändert ... katholische Priester werden als Ziel ausgemacht.”
   Es habe sich um einen „schizophrenen“ Angreifer gehandelt, berichteten die türkischen Medien unter Berufung auf den Gouverneur von Samsun. Bei dem Mord an dem italienischen Geistlichen Andrea Santoro in der Schwarzmeerstadt Trabzon im Februar hatte es geheißen, dass ein 16 Jahre alter Jugendlicher die Tat begangen habe. Danach hatten in Izmir ebenfalls Jugendliche einen Franziskanerpater aus Slowenien überfallen. In Samsun verhaftete die Polizei unmittelbar nach dem Angriff den 47 Jahre alten Angreifer. Er wird auch verdächtigt, seine Mutter getötet zu haben. Den Geistlichen Pierre Brunissen, der seit vielen Jahren in der Türkei lebt, soll er seit längerem gekannt und einmal wegen „Propaganda für das Christentum“ angezeigt haben. 
   Der Vorsitzende der Türkischen Bischofskonferenz, Ruggero Franceschini, sagte, Ereignisse wie dieser Angriff brächten die Türkei in Misskredit. Wahrscheinlich bedienten sich fundamentalistische Kreise labiler Personen. Die Schwarzmeer-Region sei für einen extremen Nationalismus bekannt, der auch eine islamische Komponente habe, hieß es aus kirchlichen Kreisen. HerFAZ060504

epLuigiPadivese-x     Erzbischof Luigi Padovese in der Türkei ermordet

Türkei: Vorsitzender der Bischofskonferenz erstochen

   Erzbischof Luigi Padovese, Vorsitzender der Türkischen Bischofskonferenz, ist in seinem Haus erstochen worden. Das bestätigt die türkische Bischofskonferenz. Vatikansprecher Federico Lombardi erklärt dazu: „Es handelt sich um eine schreckliche Nachricht, die uns sehr tief bewegt und natürlich sehr traurig macht.“ Der am 31. März 1947 in Mailand geborene Padovese, der dem Franziskanerorden angehörte, wurde 2004 von Papst Johannes Paul II. zum Apostolischen Vikar ernannt und empfing die Bischofsweihe. Zuvor war er Professor an der Franziskaner- Universität „Antonianum“ in Rom. Er war für die rund 4.500 Katholiken im Süden und Osten der Türkei zuständig. rv100603kna
Deutsche Bischofskonferenz: Ein brutaler Mord
   Die katholischen deutschen Bischöfe haben nach dem Mord an Bischof Luigi Padovese die türkische Justiz zur zügigen und „lückenlosen Aufklärung“ aufgefordert. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sprach in einer in Bonn veröffentlichten Erklärung von einem „brutalen und feigen Mord“ und zeigte sich erschüttert. Zollitsch würdigte den Bischof als „großen Seelsorger und Hirten der katholischen Kirche“. Padovese habe seit 2004 „als Bischof viel für die Christen in der Türkei gewirkt“. Er sei mit der Trauer der Gläubigen in Anatolien und der ganzen Türkei verbunden, so Zollitsch. RV100603pm

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Bischof in der Türkei ermordet -  Foto: Türkische Kriminalbeamte tragen den Leichnam
des getöteten Bischofs Luigi Padovese aus seinem Haus in Iskenderun.

   Erneut ist ein christlicher Geistlicher in der Türkei Opfer eines Verbrechens geworden: Der Vorsitzende der türkischen Bischofskonferenz, Luigi Padovese, wurde in seinem Haus im südtürkischen Iskenderun durch mehrere Messerstiche schwer verletzt und starb kurz nach der Einlieferung ins Krankenhaus.
   Wie der türkische Fernsehsender NTV berichtete, soll der 63-jährige Geistliche von seinem muslimischen Fahrer ermordet worden sein. Der mutmaßliche Täter, dessen Namen die Polizei mit Murat A. angibt und der seit viereinhalb Jahren für den Bischof arbeitete, wurde festgenommen. Über die Hintergründe der Tat und die Motive des Mörders gab es zunächst keine gesicherten Informationen. Der Provinzgouverneur von Iskenderun, Mehmet Celalettin Lekesiz, teilte mit, der 26-jährige mutmaßliche Täter habe sich seit einiger Zeit in psychiatrischer Behandlung befunden.
   Als apostolischer Vikar für Anatolien hatte sich Padovese besonders um den Dialog mit dem Islam bemüht. Er sollte nach Cypern reisen, um dort am Besuch von Papst Benedikt XVI. auf der Mittelmeerinsel teilzunehmen. Nationalistische Extremisten und muslimische Fanatiker hatten in der Türkei in den vergangenen Jahren mehrfach christliche Geistliche angegriffen.
   Die rund 70 Millionen Türken bekennen sich zu 99,7 Prozent zum Islam. Die Zahl der Christen in der Türkei beläuft sich nur auf etwa 120.000. Größte Gruppe bilden mit 70.000 die Armenier. Daneben gibt es etwa 15.000 Katholiken. Christliche Kirchen sind in der Türkei nahezu rechtlos. Und christliche Würdenträger leben in zunehmender Unsicherheit.
  
Am 5. Februar 2006 wurde der katholische Priester Andrea Santoro in seiner Kirche in der Schwarzmeerstadt  Trabzon  ermordet   siehe den Bericht oben auf dieser Seite und unter > Priester.  Der 16-jährige Täter tötete den zum Gebet niederknienden Priester hinterrücks durch einen Kopfschuss. Zeugen berichteten, der Junge habe „Allahu Akbar" gerufen, „Allah ist groß".
   Gegenüber der Polizei gab er an, die Kontroverse um die Mohammed-Karikaturen habe ihn zu der Tat verleitet. Später stellte sich heraus, dass der Priester von der Polizei beschattet wurde, weil er angeblich Kontakte zu Kurden unterhalten haben soll. Sein Mörder wurde im Oktober 2006 zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt - als Beobachter hatte auch der jetzt ermordete Luigi Padovese an dem Prozess teilgenommen.
   Erst im Januar hatte die Parlamentarische Versammlung des Europarats die Türkei aufgefordert, Gewalt gegen Christen eindeutig zu verurteilen, die Täter zu bestrafen und christliche Gemeinden als juristische Personen anzuerkennen. Auch die EU, mit der die Türkei über einen Beitritt verhandelt, mahnte in Ankara immer wieder mehr Religionsfreiheit und die Achtung der Rechte von Minderheiten an. HA100604GerdHöhler

Mord an Bischof Luigi Padovese: Entsetzen und Fassungslosigkeit
   Der Vorsitzende der Türkischen Bischofskonferenz ist Fronleichnam in Iskanderun erstochen worden. Tatverdächtiger ist sein Fahrer Murat A. Er wurde offenbar mit der Tatwaffe festgenommen. Der Fahrer, der kurdischer Herkunft ist, arbeitete offenbar seit viereinhalb Jahren für den Bischof; er soll in psychologischer Behandlung gewesen sein. Nach türkischen Medienberichten gibt der 26-Jährige an, er habe aus einer „göttlichen Eingebung heraus“ gehandelt. Die türkischen Behörden vermuten „persönliche Motive“ hinter der Bluttat. Aus aller Welt kommen erschütterte Reaktionen auf die Bluttat in der Türkei. Unterwegs nach Zypern sagte Papst Benedikt XVI. im Flugzeug:
   „Selbstverständlich bin ich tief erschüttert über den Mord an Monsignore Padovese. Er hatte einen großen Anteil an den Vorbereitungen der Synode gehabt. Auch in der Synode selbst sollte er eine elementare Rolle übernehmen. Wir vertrauen Gott seine Seele an... Dieser Schatten hat nichts zu tun mit den wirklichen Themen der Reise, wir dürfen diese Tat nicht der Türkei oder den Türken zuschreiben. Es ist eine Tat, über die wir noch sehr wenig wissen. Sicher ist nur, dass es kein politisches oder religiöses Attentat war, sondern es handelt sich um persönliche Motive. Wir warten das vollständige Bild ab, aber wir dürfen diese tragische Situation jetzt nicht mit dem Dialog mit dem Islam vermengen und anderen Problemen unserer Reise. Es ist ein so trauriger Vorfall, aber er darf in keiner Weise den Dialog verdunkeln, der das Thema und die Intention dieser Reise ist."
  
Die Deutsche Bischofskonferenz fordert eine zügige und lückenlose Aufklärung des Mordes. Der Konferenz- vorsitzende Erzbischof Robert Zollitsch spricht in einem Statement von einem „brutalen und feigen Mord“. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner bewertet den Tod Padoveses als großen Verlust für die Katholiken in der Türkei. Der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) zeigt sich „zutiefst erschüttert“. Der Mord an Bischof Padovese ist eine „doppelte Katastrophe“, meint der Missio-Experte in der Türkei, Ottmar Oehring: „Es ist eine mensch- liche Tragödie, es ist aber auch eine Katastrophe für die Kirche und damit für die Gläubigen. Sie sind jetzt in gewisser Weise führungslos.“ RV100604

„Im Fall Padovese fehlen uns Informationen“
   Hat der Mord an Bischof Luigi Padovese im türkischen Iskenderun doch einen islamistischen Hintergrund? Das hat Vatikansprecher Federico Lombardi zuletzt nicht mehr eindeutig ausgeschlossen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur kipa reagiert Pater Lombardi ausweichend auf jüngste Berichte renommierter Medien aus Rom und Madrid, wonach der Mord doch nicht die Tat eines Geistesgestörten gewesen sei, sondern einen eindeutig islamistischen Hintergrund habe. Nach Medienberichten soll der mutmaßliche Mörder des aus Italien stammenden Bischofs, Murat Altun, nach der Tat laut eine islamische Dankformel gerufen haben.  RV100609kipa

aepRuggeroFranceschini-   Erzbischof Ruggero Franceschini: Papst war falsch beraten

   Ruggero Franceschini, der italienische Erzbischof von Izmir an der türkischen Ägäisküste, wirft Papst Benedikt XVI. ein Fehlurteil vor: Sein Ordensbruder Luigi Padovese sei „eindeutig aus religiösen Gründen" von seinem Fahrer erstochen und geköpft worden. Der Papst sei darum falsch beraten gewesen, als er Stunden nach der Tat vom 3. Juni bei seiner Ankunft zu einer Pilgerreise auf Zypern gesagt habe, der Mord habe weder politische noch religiöse Gründe, sondern sei auf „persönliche Motive", eine psychische Erkrankung des Täters zurückzuführen. An diesem Montag wird der bisherige Vorsitzende der türkischen Bischofskonferenz, der 1947 geborene Kapuziner Padovese, in seiner Heimatstadt Mailand als „Märtyrer" beigesetzt. Franceschini wurde vom Heiligen Stuhl beauftragt, Padoveses Amt bis zur Wahl eines neuen päpstlichen Vikars von Anatolien als Administrator zu betreuen.
   Der aus dem norditalienischen Saltino stammende 70 Jahre alte Franceschini kennt den Amtssitz Padoveses und die Stadt Iskenderun am Mittelmeer gut, denn er war von 1993 bis 2004 der Amtsvorgänger des Ermordeten. Im Gespräch mit der italienischen Zeitung „II Foglio" sagte Franceschini jetzt, er kenne auch die Familie des Mörders und den Attentäter Murat Alton, denn er habe ihn vor vier Jahren in den bischöflichen Haushalt eingeführt. „Diese Tat hat wenig mit der türkischen Regierung oder mit Ankara zu tun, nichts mit persönlichen Motiven, sondern allein mit dem Islam", sagte Franceschini. Er kenne die Schwierigkeiten der Christen in dieser Region, wo die türkische Regierung nichts tue, um den religiösen Minderheiten wie den Katholiken oder Armeniern zu helfen. „Da agieren islamistische Gruppen, die alles unter ihrer Kontrolle haben."
   Drei Tage nach dem Mord hatte erstmals der Chefredakteur des Pressedienstes „Asianews" der römischen Missionsgesellschaft Pime berichtet, es gebe Zeugen, denen zufolge der Täter nach dem Mord gerufen habe: „Ich habe den großen Satan getötet - Allahu akbar!" Später wurde bekannt, dass der Bischof zunächst im Flur mit Messerstichen schwer verletzt und dann vor seinem Haus getötet und fast vollständig geköpft wurde. Mit der Beisetzung als „Märtyrer" wird die Kirche dem Umstand gerecht, dass Padovese sein Leben für seinen Glauben gab.
   Offiziell hieß es nach der ersten polizeilichen Vernehmung des Täters, er sei „einer göttlichen Eingebung gefolgt". Von einer psychischen Erkrankung ist nicht mehr die Rede. Padoveses-Amtsverweser Franceschini sagte nun „Il Foglio", Murat habe die Tat gut vorbereitet. Er stamme aus einer muslimischen Familie und habe auch nie den Gedanken gehabt, zum Christentum überzutreten. „Es ist immer ein Risiko, einem Muslim so einen Posten (im bischöflichen Haushalt) zu geben. Aber wir wissen um unsere Risiken." Franceschini hatte seinerzeit Probleme mit dem Onkel des Täters, einst Bürgermeister von Iskenderun. Denn der Onkel habe Franceschini eine Öffnung der katholischen Gemeinde für das gesellschaftliche Leben der Stadt untersagt.
   Papst Benedikt XVI. war auf Zypern dafür eingetreten, dass der Mord den „Dialog mit den Brüdern Muslimen" nicht „verdunkeln" dürfe. Die Kirche hatte bisher kein Interesse daran, Anschläge auf Christen in den Vordergrund zu spielen. So ist es ein Fanal, dass Erzbischof Franceschini jetzt an die Öffentlichkeit trat. Er meint offenbar, dass Vertuschung nicht helfen kann. Für Oktober hat der Papst zu einer Sondersynode über die Lage der Christen im Nahen Osten eingeladen. Dabei wird auch die Christenverfolgung in der muslimischen Welt ein Thema sein. FAZ100614jöb

Ein Türkisches Gericht verurteilte Murat Altun im Januar 2013
zu 15 Jahren Gefängnis für die Ermordung des Bischofs und Apostolischen Vikars von Anatolien Luigi Padovese im Jahr 2010. Vor der Urteilsverkündigung sagte Altun, er bedauere sein Handeln, denn Bischof Padovese wäre “die letzte Person, die ich je hätte verletzen wollen”. Das Gericht konnte keine Geisteskrankheit bei dem Verurteilten feststellen. Ein Gutachten kam zu dem Ergebnis,  der jetzt 29-jährige Murat Altun  fähig sei, seine Handlungen und ihre Konsequenzen zu verstehen. CT1230203MichaelThompson
Nach fünf Jahren ist der Nachfolger für Bischof Padovese ernannt: Apostolischer Vikar von Anatolien: Bizzeti

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Sri Lanka: Buddhisten greifen katholische Kirche  an

     Mehr als 1.000 buddhistische Extremisten hatten sich mit Knüppeln, Schwertern und Steinen bewaffnet, um am 6. Dezember 2009 eine katholische Kirche in einer Stadt Sri Lankas feindlich anzugreifen. Sie zerstörten den Altar, Statuen, Stühle und Kirchenbänke Foto oben. Die vatikanische Tageszeitung “L’Osservatore Romano“ berichtet, dass Pater Jude Denzil Lakshman, der Pfarrer der Gemeinde „Unserer Lieben Frau zur geheimnisvollen Rose“ in Crooswatta sagte: „Ich höre noch das Geschrei in meinem Ohr: ‚Schlagt ihn in Stücke! Tötet ihn‘!“ Der Angriff erfolgte nach der 19 Uhr Sonntagsabendmesse. Mehrer Pfarrangehörige wurden verwundet.
   „Offensichtlich war dieser Angriff gut vorbereitet. Der Mob wartete auf uns nach der Sonntagsmesse“. Als die Gemeinde die Abendmesse verließ, sahen sie den Mob, der auf sie los ging. Der Wagen von Pater Lakshman ging in Flammen auf Foto oben und dann versuchte jemand, den Geistlichen mit dem Schwert niederzuhauen. Aber ein junger Mann stieß diesen Angreifer mutig zur Seite.  „Die Extremisten beschädigten dann alle anderen Motorräder, Fahrräder und auch ein Dreirad der armen Gemeindemitglieder. Einige Personen waren mit Schwertern und Schlagstöcken bewaffnet und schlugen auf die Katholiken ein. Sechs Christen wurden mit Schnittwunden und anderen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.“
   Die Erzdiözese Colombo berichtet, dass eine Einheit der Luftwaffe sofort eingegriffen habe, um den Mob unter Kontrolle zu bringen. Sicherheitskräfte seien weiterhin in der Nähe, um die Sicherheit der Gläubigen zu gewährleisten. Zur katholischen Gemeinde gehören 293 Familien. Die Polizei hat elf Verdächtige extrem buddhistischer Guppen, die schon früher die Kirche angegriffen hatten, in Untersuchungshaft genommen. CT091227LaurenceTurner
Hintergrund der Gewalt
   In den Augen der buddhistischen Nationalisten tragen die Christen die Schuld daran, dass die “Jahrhunderte währende Harmonie im Land” zerstört wurde. Von der Bevölkerung Sri Lankas gehören zwei Drittel der buddhistischen Religion an, 11 % sind Hindus, 10 % Christen und 9 Prozent Muslime.  Bei ihren Angriffen auf die Christen unterscheiden sie nicht zwischen katholischen, protestantischen und evangelikalen Gruppierungen. Hindus und Muslime sind keiner Gewalt ausgesetzt, da sie auf Sri Lanka traditionell nicht missionieren - ein weiteres “Vergehen”, das den Christen vorgeworfen wird.
  Tatsächlich ist die Unnachgiebigkeit der buddhistischen Mönche dem allmählichen Abstieg des Buddhismus im ländlichen Bereich und der Zunahme christlicher Gemeinden geschuldet. Manche ermordete und vermisste Priester sind im Kontext des Bürgerkrieges zu sehen, der in der gesamten Bevölkerung unschuldige Opfer gefordert hat.

Bangladesch kil-Bangladesch-x Christliche Kinder an Koranschulen verkauft

   Immer mehr christliche Kinder werden in dem Land verschleppt und an Koranschulen verkauft. Das berichtet die vatikanische Nachrichtenagentur Fides. Die Kinder würden zum Islam bekehrt oder endeten „in den Händen skrupelloser Menschenhändler, die sie als Sklaven ins Ausland verkaufen“, berichtete Bischof Moses M. Costa von Chittagong. Die Christen seien deshalb verängstigt. Gläubige, denen es gelingt, ihre Kinder wieder zurück zu holen, müssten fliehen oder sich verstecken, so der Bischof weiter. Das Phänomen betreffe vor allem Kinder aus dem Volk der Tripura, die in der Chittagong Hill Tracts-Provinz im Südosten des Landes leben. Laut katholischen Menschenrechtsaktivisten konnten in den vergangenen Monaten insgesamt 105 Kinder aus Koranschulen fliehen. In den meisten Fällen würden die Kinder von Menschenhändlern angesprochen, die sich fälschlicherweise als Mitarbeiter humanitärer Organisationen ausgäben. Sie gäben vor, Arbeitsplätze zu vermitteln und den Familien bessere Ausbildungsmöglichkeiten für ihre Kinder zu bieten, berichten katholische Menschenrechtsaktivisten weiter. Die Familien zahlten für die in Aussicht gestellte Ausbildung rund 145 Euro, die Kinder würden dabei von den Menschenhändlern an Koranschulen verkauft. RVmg121005fides

Pater K. J. Thomas       mis-P.K.J.Thomas-x     Indien: Priester ermordet   

   Der Rektor des Seminars von Bangalore im indischen Staat von Karnataka, Pater K.J. Thomas, ist in der Nacht zwischen Ostersonntag und Ostermontag von Unbekannten getötet worden. Der Erzbischof von Bangalore, Bernard Moras, bezeichnete den Vorfall im Interview mit Radio Vatikan als brutalen und schrecklichen Mord ohne Sinn. Der leblose Körper des Paters wurde im Morgengrauen im Päpstlichen Seminar von San Pietro aufgefunden. Ersten Rekonstruktionen nach soll er mit einem Backstein ins Gesicht geschlagen worden sein, sowohl Körper als auch Gesicht wiesen so schlimme Verletzungen auf, dass selbst die Seminaristen Schwierigkeiten gehabt haben sollen, den Pater wieder zu erkennen. Pater Thomas ist bereits der achte Priester, der im Jahr 2013 getötet worden ist. RV130402cs

Genozid vor 100 Jahren im Osmenischen Reich
an der armenischen Bevölkerung in der Türkei und in Armenien

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Papst-Messe für Armenier: Es geht um einen „Kirchenlehrer“
Papst Franziskus wird am Weißen Sonntag im Petersdom eine Heilige Messe für die armenischen Gläubigen feiern

   Am Weißen Sonntag feiert Papst Franziskus eine Heilige Messe für die armenischen Gläubigen. Offizieller Anlass ist die Verleihung des Titels „Kirchenlehrer“ an den heiligen Gregor von Narek. Zugleich dürfte es aber auch um den Genozid an den Armeniern gehen, der sich am 24. April zum 100. Mal jährt. Pater Max Cappabianca mit weiteren Details:
   Zwar ist die Erhebung des heiligen Narek, eines Mönchs, Schriftstellers und Mystikers des 10. Jahrhundert, Höhepunkt der Feier, dennoch wird Franziskus sicher auch an den Völkermord an die Armenier erinnern, dem 1915- 1918 Hunderttausende christliche Armenier zum Opfer fielen. Bis heute ist der Genozid im damaligen Osmanischen Reich umstritten. Die Türken sprechen von maximal 300.000 Opfern; den Armeniern zufolge sollen es bis zu 1,7 Millionen gewesen sein. Im Juni 2013 hatte Papst Franziskus vom ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts gesprochen, was für Verstimmungen gesorgt hatte. Meldungen, nach denen der Vatikan aus Rücksicht auf die Türkei einen Papstbesuch in Armenien abgesagt habe, sind aber nicht bestätigt. Die Türkei lehnt die Einstufung der Verbrechen als Völkermord ab und wirft Armenien vor, den Jahrestag für eine Kampagne zur internationalen Anerkennung des Genozids nutzen zu wollen.
   Bei der Messe, die von dem armenisch-katholischen Patriarch Nerses Bedros XIX. Tarmouni konzelebriert wird, werden zwei weitere Würdenträger der nicht mit Rom unierten armenisch-apostolischen Kirche erwartet: Katholikos Patriarch Karekin II., der in Armenien residiert, sowie Aram I., der seinen Amtssitz im Libanon hat.
----   zum Namen Pedros: viele orientalische Bischöfe nehmen bei ihrer Weihe den Namen Pedros = Petrus an

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Papst-Messe zum Gedenktag der Armenier: „Erinnerung als Kraft für Zukunft
Papst Franziskus wurde im Petersdom begleitet von dem Katholikos Karekin II. und Aram I. von der armenischen apostolischen Kirche. Die heilige Messe konzelebrierte Franziskus mit Katholikos Nerses Bedros XIX.

    Dass Papst Franziskus für die armenische Gläubige einen Gottesdienst feiert, wird von den Armeniern sehr freudig wahrgenommen. Das betont im Gespräch mit Radio Vatikan der armenische katholische Priester Raffi Nerses Sakayan. Der Priester der Erzdiözese Wien lebt in Rom beim Päpstlichen Institut Santa Maria dell´Anima. Er betont, dass es zwei Anlässe für diese besondere Messe mit dem Papst von diesem Sonntag gibt: einerseits die Ehrung des armenischen Mystikers Gregor von Narek und die Erinnerung an den 100. Jahrestag des armenischen Völkermordes. „Es ist für viele Armenier wichtig, dass daran gedacht wird“, so der armenische Priester. Von der Erinnerung könne man auch die Kraft und den Mut für die Zukunft haben und dies passe gerade gut zur aktuellen österlichen Zeit. Es sei für die Armenier von großer Bedeutung, dass der Papst als Oberhaupt der Weltkirche an den Massaker an die Armenier erinnere. Es gebe noch Überlebende, aber auch für die zweite oder dritte Generation, sei die Erinnerung wichtig, denn das gebe ihnen Kraft für die Zukunft. RV150411

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Franziskus feiert Messe mit Armeniern zum Gedenken an Völkermord 1915
Messe mit armenischen Gläubigen im Petersdom

   Papst Franziskus hat am Weißen Sonntag im Petersdom eine feierliche Messe mit Tausenden armenischen Gläubigen und den höchsten Würdenträgern der armenischen Kirche gefeiert. Anlass war der Beginn des Völkermordes an den armenischen Christen vor 100 Jahren durch das Osmanische Reich. Das Wort „Genozid“, Völkermord, benutzte der Papst ausdrücklich. In einer Ansprache zum Beginn der Messe Text siehe unten bezeichnete er das Hinmetzeln der Armenier während des Ersten Weltkriegs öffentlich als „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“. Bei den Massakern des seinerzeit mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reiches wurden 1915 und 1916 in Ostanatolien bis zu 1,5 Millionen Armenier ermordet. Franziskus stellte den Genozid in eine Reihe mit der Judenvernichtung im Nationalsozialismus und mit der Hungersnot 1932/33 in der Ukraine, die der sowjetische Diktator Josef Stalin herbeigeführt hatte.
„Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts“
   „Die Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert drei große, unerhörte Tragödien erlebt: die erste, die allgemein als 'der erste Genozid des 20. Jahrhunderts' angesehen wird; diese hat euer armenisches Volk getroffen“, sagte der Papst im Petersdom. Er berief sich mit dieser Formulierung auf seinen Vorgänger Johannes Paul II., der in einer gemeinsamen Erklärung Text siehe unten mit dem Obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier Karekin II. vom 27. September 2001 dieselben Worte gewählt hatte. Die Formulierung - in Anführungszeichen - steht in der schriftlichen Fassung der Grußworte in Anführungszeichen. Sie taucht ebenso in einer offiziellen Botschaft von Papst Franziskus an die armenischen Gläubigen von diesem Sonntag auf. Dieses Dokument wurde am Ende der Messe im lateinischen Ritus den beiden armenischen Oberhäuptern, dem katholischen armenischen Patriarchen und dem ebenfalls anwesenden armenischen Staatspräsidenten Sersch Asati Sargsjan übergeben.
   „Ein Jahrhundert ist vergangen seit jenem schrecklichen Massaker, das ein echtes Martyrium für euer Volk war, und in dem viele Unschuldige als Bekenner und Märtyrer im Namen Christi starben“, lauten die ersten Worte der päpstlichen Botschaft. „Es gibt noch heute keine armenische Familie, die in jenem Ereignis nicht jemanden seiner Lieben verloren hätte: es war wirklich das„Metz Yeghern“, das „Große Übel“, wie ihr diese Tragödie genannt habt.“ Franziskus würdigte den alten, starken und großen Glauben des armenischen Volkes. „Dieser Glaube hat euer Volk begleitet und gestützt auch im tragischen Ereignis vor hundert Jahren, das ´im Allgemeinen als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts definiert wird´“.
Einladung an die Türkei, den Genozid aufzuarbeiten
   Der Völkermord an den christlichen Armeniern ist in der Türkei, der Erbin des Osmanischen Reiches, hundert Jahre später immer noch ein tabubesetztes Thema. Franziskus rief in seiner Botschaft indirekt auch die Türkei dazu auf, die Erinnerung an den Genozid zuzulassen. „Das Gedenken an das Vorgefallene zu begehen, ist nicht nur dem armenischen Volk und der Weltkirche aufgegeben, sondern der gesamten Menschheitsfamilie“, schreibt der Papst. Nur so könne die Mahnung, die aus dieser Tragödie kommt, „uns von der Gefahr befreien, in ähnliche Gräuel zurückzufallen, die Gott und die Menschenwürde beleidigen.“ Heute noch würden Konflikte mitunter in nicht zu rechtfertigende Gewalt ausarten, Gewalt, die durch die Instrumentalisierung ethnischer und religiöser Unterschiede noch geschürt werde. Franziskus erinnerte an Massenvernichtungen in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien. In seiner Botschaft schloss er einen Aufruf an die Staats- und Regierungschefs und die internationalen Organisationen an: Sie seien „dazu aufgerufen, sich solchen Verbrechen mit fester Verantwortung entgegenzustellen, ohne Zweideutigkeiten und Kompromissen nachzugeben.“ Der Papst verwies darauf, dass sein Vorgänger Benedikt XV. am 10. September 1915 versucht habe, den Völkermord an den Armeniern zu stoppen. „Er schrieb in dieser Angelegenheit an Sultan Mohammed V. und flehte ihn an, das Leben so vieler Unschuldiger zu verschonen“.
Die Wunden Jesu – Schlüssel einer möglichen Versöhnung
   In seiner Predigt bei der Messe mit den Armeniern verwies der Papst freilich auch auf den Weg, den Jesus aus einer Verschlossenheit in den Wunden der Vergangenen weist: die Barmherzigkeit. Das Evangelium an diesem ersten Sonntag nach Ostern, dem Sonntag der Barmherzigkeit, stellt uns den ungläubigen Thomas vor, der nicht an die Auferstehung glauben will, solange er die Wunden Jesu nicht mit eigenen Händen berührt. „Die Wunden Jesu sind Wunden der Barmherzigkeit“, erläuterte Franziskus. Durch diese Wunden können Christen „wie durch einen leuchtenden Zugang hindurch das ganze Geheimnis Christi und Gottes sehen … wir können die ganze Heilsgeschichte zurückgehen … bis zu Abel und seinem Blut, das zum Himmel schreit.“
   Angesichts der „tragischen Ereignisse in der Menschheitsgeschichte“ fragten sich Menschen stets nach dem Warum, so der Papst vor den armenischen Gläubigen. „Die menschliche Bosheit kann in der Welt gleichsam Abgründe, ein großes Vakuum auftun: ein Vakuum an Liebe, ein Vakuum an Gutem, ein Vakuum an Leben. Und dann fragen wir uns: Wie können wir diese Abgründe auffüllen? Für uns ist es unmöglich; Gott allein kann diese Leere, welche das Böse in unseren Herzen und in unserer Geschichte auftut, füllen. Und Jesus, der Mensch geworden und am Kreuz gestorben ist, füllt den Abgrund der Sünde mit dem Abgrund seiner Barmherzigkeit.”
Ein neuer Kirchenlehrer: Gregor von Narek
   Einen Ehrenplatz in der Liturgie und im Gedenken nahm an diesem Sonntag der armenische Heilige Gregor von Narek ein. Franziskus erhob den Mönch aus dem 10. Jahrhundert zum Kirchenlehrer. Gregor „verstand es mehr als jeder andere, die Sensibilität eures Volkes auszudrücken“, schreibt der Papst in seiner Botschaft an die armenischen Christen. Der Heilige habe dem „Schreien“ einer in Sünde befangenen Menschheit eine Stimme gegeben, die dennoch vom Glanz der Liebe Gottes erleuchtet sei. Franziskus würdigte überdies die sehr weit zurückreichende Tradition der Kirche Armeniens. 301 habe der Heilige Gregor der Erleuchter Armenien zur Taufe geführt – „die erste Nation im Lauf der Jahrhunderte, die das Evangelium Christi annahm“. Das Christentum habe das armenische Volk „unauslöschlich“ geprägt, wobei in seiner Geschichte das Martyrium schon seit dem 5. Jahrhundert „einen herausragenden Platz“ einnimmt.
Armenischer Würdenträger nutzt Auftritt zu politischen Forderungen
   Die stärksten Worte zum Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren fand – sichtlich aus eigener Betroffenheit – der armenische Katholikos des Großen Hauses von Kilikien, Aram I. Der gebürtige Libanese ergriff am Ende der Messe im Petersdom das Wort. In erheblichen Abweichungen vom ursprünglichen Redetext und unter dem Applaus der armenischen Gläubigen sprach Aram vom Genozid als „unvergesslichem und unleugbarem Fakt der Geschichte, der in den Annalen moderner Geschichte und im gemeinsamen Bewusstsein tief verwurzelt“ sei. Er erinnerte an die eineinhalb Millionen Getöteten und Tausende armenischer Klöster und Einrichtungen, die von den Osmanen zerstört oder beschlagnahmt wurden und „immer noch konfisziert“ seien. Aram berief sich auf internationales Recht und forderte im Petersdom „Verurteilung, Anerkennung und Reparation“ für den Völkermord vor 100 Jahren. Er würdigte das Einschreiten des Heiligen Stuhles für die Armenier, namentlich den Brief von Benedikt XV. zur Beendigung der Massaker, und das Engagement in den darauf folgenden Jahrzehnten. „Wir schätzen diese Unterstützung des Vatikans und besonders eurer Heiligkeit sehr“, sagte Aram.
   Papst Franziskus hatte bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt die Verfolgung der Armenier als „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Daraufhin legte die Türkei offiziell Protest ein. Die Äußerung sei „absolut  inakzeptabel“, hieß es 2013 aus Ankara. Franziskus hatte sich in einem privaten Gespräch geäußert, das später publik wurde. Bereits als Erzbischof von Buenos Aires hatte der heutige Papst kein Hehl daraus gemacht, dass er die Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich als Völkermord betrachtet. 
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Im Wortlaut: Grußworte von Papst Franziskus an die Armenier
Papst Franziskus begrüßt die armenischen Gläubigen  

Im Wortlaut dokumentiert Radio Vatikan hier die Grußworte von Papst Franziskus an die Armenier. Er sprach sie am  Sonntag, dem 12. April 2015, im Petersdom zur Eröffnung der Messe mit armenischen Gläubigen zum Gedenken an den Völkermord von 100 Jahren.
   Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich diese Zeit als Zeit des Kriegs bestimmt, als dritten Weltkrieg „stückchenweise“, in dem wir tagtäglich grausamen Verbrechen beiwohnen, blutigen Massakern und dem Wahnsinn der Zerstörung. Noch heute hören wir leider den erstickten und vernachlässigten Schrei vieler unserer wehrlosen Brüder und Schwestern, die wegen ihres Glaubens an Christus oder ihrer ethnischen Herkunft öffentlich und grausam getötet werden – enthauptet, gekreuzigt, lebendig verbrannt –, oder die gezwungen werden, ihr Land zu verlassen.
   Auch heute erleben wir gerade eine Art Genozid, der durch die allgemeine und kollektive Gleichgültigkeit verursacht wird, durch das mitbeteiligte Schweigen Kains, der ausruft: „Was geht das mich an?“; «Bin ich etwa der Hüter meines Bruders?» Gen 4,9; Predigt in Redipuglia, 13. September 2014.
   Unsere Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert drei große, unerhörte Tragödien erlebt: die erste, die allgemein als «der erste Genozid des 20. Jarhunderts» angesehen wird Johannes Paul II. und Karekin II., Gemeinsame Erklärung in der Kathedrale des heiligen Etschmiadzin, 27. September 2001; diese hat euer armenisches Volk getroffen – die erste christliche Nation –, zusammen mit den katholischen und orthodoxen Syrern, den Assyrern, den Chaldäern und den Griechen. Bischöfe, Priester, Ordensleute, Frauen, Männer und alte Menschen bis hin zu wehrlosen Kindern und Kranken wurden getötet. Die anderen beiden wurden durch den Nationalsozialismus und den Stalinismus verübt. Und in jüngerer Zeit andere Massenvernichtungen wie in Kambodscha, in Ruanda, in Burundi, in Bosnien. Doch scheinbar schafft es die Menschheit nicht, das Vergießen unschuldigen Blutes zu beenden. Es scheint, dass die nach dem Zweiten Weltkrieg wach gewordene Begeisterung gerade am Verblassen ist und sich auflöst. Die Menschheitsfamilie scheint es abzulehnen, aus den eigenen Fehlern, die durch das Gesetz des Terrors verursacht wurden, zu lernen; und so gibt es das noch heute, die eigenen Artgenossen mit der Hilfe von einigen und dem mitbeteiligtem Schweigen der anderen, die Zuschauer bleiben, eliminieren zu wollen. Wir haben immer noch nicht gelernt, dass „der Krieg ein Wahnsinn und ein unnötiges Blutbad ist“ Predigt in Redipuglia, 13. September 2014.

Liebe armenische Gläubige, heute erinnern wir mit einem von Schmerz durchbohrtem Herzen, aber erfüllt von der Hoffnung auf den auferstandenen Herrn, an das hundertjährige Gedächtnis, an jenes tragische Ereignis, jene ungeheure und wahnsinnige Vernichtung, die eure Vorfahren grausam erlitten haben. Sich an sie zu erinnern ist notwendig, besser noch eine Pflicht, denn wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunde weiter offen; das Böse zu verbergen oder zu leugnen, ist wie zuzulassen, dass eine Wunde ohne Behandlung weiterblutet!
   Ich grüße euch herzlich und danke euch für euer Zeugnis.
   Ich grüße Herrn Serž Sargsyan, den Präsidenten der Republik Armenien, und danke ihm für sein Kommen.
   Ich grüße herzlich auch meine Brüder Patriarchen und Bischöfe: Seine Heiligkeit Karekin II., oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier; Seine Heiligkeit Aram I., Katholikos des Großen Hauses von Kilikien; Seine Seligkeit Nerses Bedros XIX., Patriarch von Kilikien der katholischen Armenier; die beiden Katholikossate der Armenisch Apostolischen Kirche und das Patriarchat der Armenisch-katholischen Kirche.
   Mit der entschiedenen Gewissheit, dass das Böse nie von Gott kommt, dem unendlich Guten, und verwurzelt im Glauben bekennen wir, dass die Grausamkeit nie dem Werk Gottes zugeschrieben werden kann und, mehr noch, in seinem Namen in keiner Weise irgendeine Rechtfertigung erfahren darf. Begehen wir zusammen diese Feier mit unserem Blick auf Jesus Christus, den Auferstandenen, den Sieger über den Tod und das Böse! Rv150412gs

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Im Wortlaut: Papstpredigt bei der Messe mit armenischen Gläubigen
Papst Franziskus mit Karekin II. im Petersdom am Sonntag, 12. April 2015

    Der heilige Johannes, der mit den anderen Jüngern am Abend des ersten Tages nach dem Sabbat im Abendmahlssaal zugegen war, berichtet, dass Jesus in ihre Mitte trat und sprach: „Friede sei mit euch!“ Und er zeigte ihnen „seine Hände und seine Seite“ 20,19.20, er zeigte seine Wunden. So erkannten sie, dass es keine Vision war. Er war es wirklich, der Herr, und sie freuten sich sehr.
   Acht Tage später kam Jesus wieder in den Abendmahlssaal und zeigte Thomas seine Wunden, damit er sie seinem Wunsch entsprechend berühre, um glauben zu können und so auch selbst ein Zeuge der Auferstehung zu werden.
   An diesem Sonntag, den der heilige Johannes Paul II. nach der Göttlichen Barmherzigen benannt hat, zeigt der Herr durch das Evangelium auch uns heute seine Wunden. Es sind Wunden der Barmherzigkeit. Wirklich, die Wunden Jesu sind Wunden der Barmherzigkeit.
    Jesus lädt uns ein, diese Wunden zu betrachten, er lädt uns ein, sie zu berühren, wie er es mit Thomas gemacht hat, um unseren Unglauben zu heilen. Vor allem lädt er uns ein, in das Geheimnis dieser Wunden einzutreten, welches das Geheimnis seiner barmherzigen Liebe ist.
   Durch die Wunden wie durch einen leuchtenden Zugang hindurch können wir das ganze Geheimnis Christi und Gottes sehen: sein Leiden, sein irdisches Leben – voll Mitleid für die Kleinen und die Kranken – seine Menschwerdung im Schoß Mariens. Und wir können die ganze Heilsgeschichte zurückgehen: die Prophetien – besonders jene vom Gottesknecht –, die Psalmen, das Gesetz und der Bund, bis zur Befreiung aus Ägypten, zum ersten Paschafest und zum Blut der Opferlämmer; und weiter zu den Patriarchen bis hin zu Abraham; und dann, in grauer Vorzeit, bis zu Abel und seinem Blut, das zum Himmel schreit. Dies alles können wir durch die Wunden des gekreuzigten und auferstandenen Jesus hindurch sehen. Und wie Maria im Magnificat können wir erkennen, dass „er sich von Geschlecht zu Geschlecht erbarmt“ vgl. Lk 1,50.
   Angesichts der tragischen Ereignisse in der Menschheitsgeschichte sind wir manchmal wie erdrückt und fragen uns „Warum?“. Die menschliche Bosheit kann in der Welt gleichsam Abgründe, ein großes Vakuum auftun: ein Vakuum an Liebe, ein Vakuum an Gutem, ein Vakuum an Leben. Und dann fragen wir uns: Wie können wir diese Abgründe auffüllen? Für uns ist es unmöglich; Gott allein kann diese Leere, welche das Böse in unseren Herzen und in unserer Geschichte auftut, füllen. Und Jesus, der Mensch geworden und am Kreuz gestorben ist, füllt den Abgrund der Sünde mit dem Abgrund seiner Barmherzigkeit.
   Der heilige Bernhard verweilt in einem seiner Kommentare zum Hohenlied Disc. 61, 3-5; Opera omnia 2, 150-151 ausdrücklich beim Geheimnis der Wunden des Herrn und gebraucht kraftvolle, kühne Ausdrücke. Dies heute aufzugreifen ist von Nutzen. Er sagt, dass „durch die offenen Wunden des Leibes das Allerheiligste des Herzens [Christi] offen steht, das große Geheimnis der Liebe offen liegt und das Innere durch die Wunden offen ist“.
    Seht, Brüder und Schwestern, den Weg, den Gott uns eröffnet hat, um endlich aus der Knechtschaft des Bösen und des Todes hinauszutreten und in das Land des Lebens und des Friedens einzutreten. Dieser Weg ist Er, Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene, und es sind im Besonderen seine Wunden voll Barmherzigkeit.
    Die Heiligen lehren uns, dass sich die Welt mit der Umwandlung des eigenen Herzens ändert – und das geschieht dank der Barmherzigkeit Gottes. Angesichts meiner Sünden oder der großen Tragödien der Welt ist daher «das Gewissen beunruhigt. Aber es wird nicht aus der Fassung gebracht, weil ich an die Wunden des Herrn denke. Denn „er wurde verwundet wegen unserer Verbrechen“ Jes 53,5. Was könnte so tödlich sein, dass es nicht durch den Tod Christi gelöst würde» ebd.?
   Den Blick beständig auf die Wunden des auferstandenen Jesus gerichtet können wir mit der Kirche singen: „Die Treue des Herrn währt in Ewigkeit“ Ps 117,2; seine Barmherzigkeit währt ewig. Und mit diesen Worten im Herzen gehen wir auf den Straßen der Geschichte, unsere Hand in der Hand (Hand in Hand mit) unsers Herrn und Erlösers, der unser Leben und unsere Hoffnung ist. rv150412gs

Gemeinsame Erklärung von 
 Papst Johannes Paul II. und Karekin II., Katholikos aller Armenier,
in der Kathedrale des heiligen Etschmiadzin, Republik Armenien

ff-383-Z    JPII-44x

   Aus Anlass des 1700jährigen Jubiläums der Verkündigung des Christentums als Religion Armeniens sind wir – Papst Johannes Paul II., Bischof von Rom und Oberhirte der katholischen Kirche, und Karekin II., Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier – zusammengekommen, und voll Freude danken wir Gott für die Gelegenheit, erneut im gemeinsamen Gebet seinen allerheiligsten Namen zu preisen. Gelobt sei die Heiligste Dreifaltigkeit – Vater, Sohn und Heiliger Geist – jetzt und in Ewigkeit. 
   Während wir dieses wunderbare Ereignis feiern, gedenken wir voll Ehrfurcht, Dankbarkeit und Liebe eines großen Zeugen unseres Herrn Jesus Christus – des heiligen Gregorios des Erleuchters – sowie seiner Mitarbeiter und Nachfolger. Sie erleuchteten nicht nur die Bevölkerung Armeniens, sondern auch andere Völker der benachbarten kaukasischen Staaten. Dank ihres Zeugnisses, ihrer Hingabe und ihres Beispiels wurde das armenische Volk im Jahr 301 n. Chr. vom Licht Gottes erfüllt und wandte sich in aufrichtiger Gesinnung Christus zu, denn er ist die Wahrheit, das Leben und der Weg der Erlösung. 
   Die Armenier verehrten Gott als ihren Vater, bekannten sich zu Christus als ihrem Herrn und riefen den heiligmachenden Geist an; sie liebten die apostolische Weltkirche wie ihre Mutter. Das oberste Gebot Christi, Gott über alles und den Nächsten wie uns selbst zu lieben, wurde zur Lebenseinstellung der Armenier jener frühen Zeiten. Ihr fester Glaube gab ihnen die Kraft, die Wahrheit zu bezeugen und notfalls auch den Tod anzunehmen, um am ewigen Leben teilzuhaben. Somit wurde das Martyrium aus Liebe zu Christus zum großen Erbe zahlreicher Generationen von Armeniern. Das wertvollste Gut, das eine Generation an die nächste weitergeben konnte, war die Treue zum Evangelium, damit die Jugend kraft der Gnade des Heiligen Geistes zu ebenso entschlossenen Zeugen der Wahrheit werden konnte wie ihre Vorfahren. Die Ermordung von anderthalb Millionen armenischen Christen ist das, was generell als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird, und die spätere Vernichtung von Tausenden von Menschenleben unter dem ehemaligen totalitären Regime sind Tragödien, die in der Erinnerung der heutigen Generation noch immer lebendig sind. Diese sinnlos niedergemetzelten Unschuldigen sind nicht heiliggesprochen worden, aber viele von ihnen waren mit Sicherheit Bekenner und Märtyrer im Namen Christi. Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen und die Gläubigen bestärken, niemals die Bedeutung ihres Opfers aus den Augen zu verlieren. Wir danken Gott dafür, dass das Christentum in Armenien all die Not und das Leid der vergangenen siebzehn Jahrhunderte überlebt hat und die armenische Kirche nun fähig ist, ihren Auftrag zu erfüllen und die Frohe Botschaft in der modernen armenischen Republik wie auch in allen nahen und fernen Gebieten zu verkünden, in denen armenische Gemeinschaften leben. 
   Wie damals, in den Tagen König Tradats und Gregorios des Erleuchters, ist Armenien heute wieder ein freies Land. In den vergangenen zehn Jahren wurde den Bürgern der jungen Republik das Recht auf Religionsfreiheit zuerkannt. In Armenien wie auch in der Diaspora sind neue armenische Institutionen errichtet, Kirchen gebaut, Vereinigungen und Schulen gegründet worden. In all dem erkennen wir die liebevolle Hand Gottes, dessen    Wundertaten stets erkennbar waren in der Geschichte einer kleinen Nation, die aufgrund ihres christlichen Glaubens ihre besondere Identität bewahren konnte. Durch seinen Glauben und seine Kirche entwickelte das armenische Volk eine einzigartige christliche Kultur, die in der Tat eine höchst wertvolle Bereicherung für das Christentum als Ganzes ist. 
   Das Beispiel des christlichen Armeniens bezeugt, dass der Glaube an Christus Hoffnung für jede auch noch so aussichtslose menschliche Situation bringt. Möge das heilbringende Licht des christlichen Glaubens für die Schwachen und auch für die Starken leuchten, für die hochentwickelten und die entwicklungsbedürftigen Nationen dieser Welt. Vor allem heute erfordert die komplexe Problematik der internationalen Situation die Entscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Finsternis und Licht, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Wahrheit und Lüge. 
Aktuelle Fragen im rechtlichen, politischen, wissenschaftlichen und familiären Bereich berühren die eigentliche Bedeutung der Menschheit und ihre Berufung. Sie rufen die heutige Christenheit ebenso wie die Märtyrer vergangener Zeiten auf, Zeugen der Wahrheit zu sein, auch auf die Gefahr hin, einen hohen Preis dafür zu zahlen. 
   Dieses Zeugnis wäre um so überzeugender, wenn alle Jünger Christi gemeinsam den einen Glauben bekennen und die Wunden der Trennung heilen könnten. Möge der Heilige Geist die Christenheit, ja alle Menschen guten Willens auf den Weg der Versöhnung und Brüderlichkeit führen. Hier, in Etschmiadzin, geloben wir erneut, durch unser Gebet und unseren Einsatz bald die Gemeinschaft aller Mitglieder der treuen Herde Christi in aufrichtiger Achtung unserer jeweiligen heiligen Traditionen zu verwirklichen. 
   Mit Gottes Hilfe werden wir nichts ohne Liebe tun, denn »da uns eine solche Wolke von Zeugen umgibt, wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen. Lasst uns mit Ausdauer in den Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist « Hebr 12,1
   Wir bestärken unsere Gläubigen, unablässig zu beten, damit der Heilige Geist uns alle mit Weisheit und Mut erfülle wie die heiligen Märtyrer in jedem Zeitalter und überall in der Welt, damit auch wir Christus folgen, denn er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. 
Etschmiadzin, 27. September 2001 
                            Seine Heiligkeit Johannes Paul II.           Seine Heiligkeit Karekin II.
                                                                                                                                     © Copyright - Libreria Editrice Vaticana

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Papst an Armenier: „Nicht nur das Volk der Leidenden“ - Papst Franziskus empfängt armenische Bischöfe

   Das Wort „Völkermord“ hat er nicht ausgesprochen: Aber vor dem Patriarchalsynod der armenisch-katholischen Kirche erinnerte Papst Franziskus am Donnerstag, dem 09. April 2015, gleichwohl an das Leiden der Armenier vor hundert Jahren. Sonntag wird er in dieser Intention eine Messe im Petersdom feiern, an der nach Agenturangaben auch Armeniens Präsident Serž Sargsyan teilnehmen wird. Im Vatikan äußerte sich Franziskus am Donnerstag vor katholischen Bischöfen aus Armenien, die er in Audienz empfing.
   „Wir werden für die Söhne und Töchter eures geliebten Volkes beten, die vor hundert Jahren zu Opfern geworden sind. Wir werden die Göttliche Barmherzigkeit anrufen: Möge sie uns allen helfen, mit Liebe zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit jede Wunde zu heilen und konkrete Gesten der Versöhnung und des Friedens zwischen den Nationen zu ermuntern, denen es noch nicht gelingt, zu einem vernünftigen Konsens über die Deutung dieser traurigen Angelegenheiten zu finden.“
   Das zielt auf die stark unterschiedliche Sicht auf die Vorgänge von 1915 in der heutigen Türkei und im heutigen Armenien. Mit Bitterkeit vermerkte der Papst, dass einige Regionen des Nahen Ostens wie etwa das syrische Aleppo „vor hundert Jahren einmal ein sicherer Hafen für die wenigen Überlebenden“ gewesen sind. „Diese Regionen erleben nun in letzter Zeit, dass der Verbleib der Christen, nicht nur der armenischen, in Gefahr gerät“, so Franziskus.
   „Euer Volk, das die Tradition als das erste zum Christentum bekehrte anerkennt, hat eine zweitausend Jahre alte Geschichte und verfügt über ein reiches geistliches und kulturelles Erbe, zusammen mit der Fähigkeit, sich nach vielerlei Verfolgungen und Prüfungen wieder zu erheben. Ich ermuntere euch, immer ein Gefühl der Dankbarkeit dem Herrn gegenüber zu verspüren… Es ist außerdem wichtig, Gott um die Gabe der Weisheit des Herzens zu bitten: Die Erinnerung an die Opfer von vor hundert Jahren stellt uns nämlich die Dunkelheit des mysterium iniquitatis vor Augen.“
   Das mysterium iniquitatis meint das Geheimnis des Bösen in der Welt. „Wie das Evangelium sagt, können aus dem Inneren des menschlichen Herzens dunkle Kräfte hervorbrechen und die systematische Vernichtung des Bruders planen, seine Einstufung als Feind, als Gegner, ja als Mensch ohne Menschenwürde. Für Gläubige allerdings führt die Frage nach dem vom Menschen begangenen Bösen zum Geheimnis der Teilhabe an der erlösenden Passion hinüber: Nicht wenige Söhne und Töchter der armenischen Nation waren dazu imstande, noch im Moment des Blutvergießens oder des Sterbens während des unendlichen Exodus, zu dem sie gezwungen waren, den Namen Christi auszusprechen.“
   Nicht mit politischem, sondern mit spirituellem Zungenschlag beschwor Papst Franziskus den ersten großen Völkermord des 20. Jahrhunderts herauf: „Die Seiten des Leidens in der Geschichte eures Volkes setzen in gewisser Hinsicht das Leiden Jesu fort, aber auf jeder von ihnen findet sich auch ein Same der Auferstehung! Die Seelsorger mögen den gläubigen Laien zeigen, wie man die Realität mit neuen Augen liest, so dass man jeden Tag sagen kann: Mein Volk ist nicht nur das der um Christi willen Leidenden, sondern vor allem das der in ihm Auferstandenen! Darum ist es zwar wichtig, sich an die Vergangenheit zu erinnern – aber um daraus neue Kraft zu ziehen, um in der Gegenwart das Evangelium freudig zu verkünden und Zeugnis von der Liebe zu geben.“
   Franziskus erwähnte, dass Papst Benedikt XV. bei Sultan Mehmet V. interveniert hat, „damit dieser den Massakern an den Armeniern ein Ende setze“. So wie Benedikt im Jahr 1920 den heiligen Ephraim den Syrer zum Kirchenlehrer erhoben habe, werde er – Franziskus – am kommenden Sonntag auch den heiligen Gregor von Narek zum Lehrer der gesamten Kirche erklären. Rv150409sk

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Foto: Papst Franziskus wird von dem armenisch-orthodoxen Patriarch Karekin II. gesegnet.

Die Türkei hat den türkischen Botschafter beim Vatikan nach der Predigt des Papste, in der er die Tötung der Armenier als “Genozid” bezeichnet hatte, zurückgerufen.
   Franziskus in der Gedenkmesse in Erinnerung an den Völkermord am armenischen Volk unter der ottomanischen Herrschaft vor 100 Jahren im 1. Weltkrieg.
   In seiner Ansprache bei dieser armenisch-katholischen Liturgie im Peterdom am Barmherzigkeitssonntag kam der Papst auf den Genozid zu sprechen: “Ein Jahrhundert ist vergangen seit dem furchtbaren Völkermord an den Armeniern. Es war ein wirkliches Maryrium eures Volkes. Viele unschuldigen Menschen starben als Bekenner und Märtyrer füaur den Namen Christi. Auch heute noch gibt es keine armenische Familie unberührt durch den Verlust eines ihrer Lieben durch diese Tragödie: Es ist wirklich das ‘Metz Yeghern’, das ‘Große Übel’ – wie es bei den Armeniern heißt.”
     Franziskus zitierte aus der “Gemeinsamen Erklärungzwischen Papst Johannes Paul II. Und dem armenischen Katholikos aller Armenier Karekin II. -siehe oben -:„Die Ermordung von anderthalb Millionen armenischen Christen ist das, was generell als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird, und die spätere Vernichtung von Tausenden von Menschenleben unter dem ehemaligen totalitären Regime sind Tragödien, die in der Erinnerung der heutigen Generation noch immer lebendig sind.“
     Der Papst sagte weiter: er “fühle eine große Nähe zum armenischen Volk” und forderte die internationale Gemeinschaft auf, diesen Völkermord zur Kenntnis zu nehmen. “Es ist nicht allein die Verantwortung des armenischen Volkes und der universalen Kirche dieses damals Geschehene in Erinnerung zu rufen, sondern der gesamten Menschheit, damit die Warnung, die von dieser Tragödie ausgeht, uns zukünftig beschützt vor ähnlichen Schrecken, die Gott und die Würde des Menschen verletzen.”
   Der armeniche Präsident Serge Sarkisian sagte, Papst Franziskus hat “der internationalen Gemeinschaft eine starke Botschaft gegeben.” Der Präsident sagte der Presseagentur AP: “Die Worte des obersten Leiters der Kirche mit einer Milliarde Gläubigen wir eine starke Wirkung zeigen.”
   Armenien erinnert sich an den 24. April 1915, den Beginn des Genocids, das – nach Meinung vieler Historiker – etwa 1,5 Millionen Menschen den Tod brachte. Aber noch immer bestreitet die Türkei diesen Genocid und begründet die hohe Zahl der Toten durch einen Bürgerkrieg.  CH150413Arbeitsübersetzung:kbwn

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Papst Franziskus begrüßt Patriarch Nerses Bedros XIX., den Katholikos der armenisch-katholischen Kirche

   Franziskus beklagt, dass die Welt bis heute aus Tragödien wie dieser am armenischen Volk kaum Lehren gezogen habe.   Der Papst erbittet von der göttlichen Barmherzigkeit eine Wiederversöhnung an den Gräbern von mehr als einer Million Armenier, die vor hundert Jahren in dem so genannten armenischen Genozid getötet wurden. In einer Gedenkmesse am Barmherzigkeitssonntag im Petersdom wurde unter großer Beteiligung von armenischen Bischöfen und Laien des Völkermordes an dem armenischen Volk gedacht. “Die göttliche Barmherzigkeit möge im Vertrauen auf Wahrheit und Gerechtigkeit alle Wunden heilen und Gesten der Versöhnung und des Friedens unter den Völkern schenken.”
   Radio Vatikan berichtet, dass Franziskus an die lange Geschichte der Christentums in Armenia, die bis auf das Jahr 301 zurückgeht, erinnerte. Damals wurde Armenien zum ersten christlichen Volk.  Der Papst rief die Bischöfe auf, “immer die die Empfindung für Die Gnade des Herrn zu pflegen”.
  Franziskus anerkannte die Arbeit derer, die das große Leid des armenischen Volkes gemildert haben und nannte besonders Papst Benedikt XV., der sich diplomatisch bemühte, den Völkermord der ottomanischen Herrscher zu beenden.
   Mehr als die Hälfte der damaligen armenischen Bevölkerung – etwa 1,5 Millionen Armenier – starben bei bei der gewaltsamen Vertreibung aus ihren angestammten Plätzen im ottomanisch-türkischen Reich von 1915 bis 1918. Die Türkei widerspricht der Anklage auf Völkermord und sagt, die Toten seien hauptsächlich durch Krankheiten und Hunger umgekommen.
   Am Barmherzigkeitssonntag hat Papst Franziskus auch einen Mönch aus dem 10. Jahrhundert zum Kirchenlehrer erhoben, während er die armenische Liturgie mit einer großen Zahl von Priestern und Laien der armenischen Kirche im Petersdom feierte. Der Vatikan berichtete im Februar von der Entscheidung des Papstes, Gregor von Narek zum “Kirchenlehrer” zu erheben. Der Titel zeigt an, dass die Schriften dieses Heiligen anerkannt werden als Schlüssel zu theologischen Erkenntnissen des Glaubens. Der heilige Gregor von Narek gilt al seiner der führenden Männer der armenischen Theologie und ihres Denkens:viele seiner Gebete sind in die armenisch-göttliche-Liturgie übernommen.
   Gregor von Narek wurde in der armenischen Stadt Andzevatsik geboren. Diese Stadt liegt heute in der Türkei. Im jugendlichen Alter schloss er sich einem Kloster an. Dort wurde er mit 25 Jahren zum Priester geweiht. In diesem Kloster von Narek war er Priester und Lehrer der Klosterschule sein ganzes Leben.
   Seine am besten bekannten Bücher war ein Kommentar zum Hohenlied und sein “Sein Buch der Klagen”, das heute als “Narek” gelesen wird. “Narek” ist sein Meister-Werk. Es enthält 95 Gebete und ist in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Der heilige Gregor starb in Narek etwa im Jahr 1005. Sein Festtag in der armenischen Kirche ist der 13. Oktober, in der katholischen Kirche am 27. Februar.
   Mit seiner Ernennung zum Kirchenlehrer hat Papst Franziskus die Zahl der heiligen Theologen auf 36 erhöht. Die Liturgie im Petersdom feierte der Papst mit dem armenisch-katholischen Patriarchen Nerses Bedros XIX Tarmouni. CH150412Arbeitsübersetzung:kbwn
 

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Neuer Kirchenlehrer ist der wichtigste armenische Poet - Ikone zu Gregor von Narek

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   Die katholische Christenheit hat einen neuen Kirchenlehrer: Papst Franziskus hat am Sonntag den armenischen Mönch und Heiligen Gregor von Narek zum „Doktor der Universalkirche“ erhoben. Der Mystiker und Schriftsteller wurde 950 im armenischen Andzevatsik geboren und starb um 1005 in einem Kloster in Narek. Beide Orte liegen heute in der Türkei. Das Kloster und das Grab Nareks wurden in den Jahren 1915 und 1916 im Zuge der Massaker an den Armeniern zerstört.
   Jean-Pierre Mahé ist Mitglied der französischen Akademie für Inschriften und Literatur. Der Franzose hat auch aus mehreren Schriften des neuen Kirchenlehrers übersetzt. Im Gespräch mit Radio Vatikan sagt er, dass der Heilige wohl auch der bedeutendste Poet der armenischen Sprache gewesen sei: „Er hat über tausend Jahre lang das Leben der Armenier begleitet. Seine Werke wurden zu jedem Ereignis im Leben gelesen, und es war immer üblich, Texte von ihm zu kopieren und bei sich zu haben.“
Auf diese Weise war Gregor von Narek sozusagen ein Begleiter der Armenier im Laufe ihrer Geschichte. Er wurde zu einem populären Heiligen, dem man jegliche Wunder zuschrieb. Selbst als sein Kloster in Narek im Ersten Weltkrieg zerstört wurde, gingen weiterhin Armenier zu der Stelle hin und ehrten den Ort als Pilgerstelle, so Mahé. „Mit der Erhebung zum Kirchenlehrer hat Papst Franziskus den Kardinälen und der gesamten Weltkirche mitgeteilt, dass dieser für die Armenier so wichtige Mann auch der gesamten Kirche etwas zu sagen hat. Und andererseits fühlen sich die Armenier dadurch noch enger mit der katholischen Kirche verbunden.“
   Der Gregor-Spezialist unterstreicht auch, dass der neue Kirchenlehrer weder zur lateinischen noch zur griechischen Kirchentradition gehöre. Mit der Anerkennung der Doktorwürde für die Kirche werde somit die Bedeutung der armenischen Kirche als eigene Tradition hervorgehoben, so Mahé. Rv150413mg

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Völkermord an den Armeniern: Türkei bestellt Vatikan-Botschafter ein
Foto: Papst Franziskus mit dem türkischen Präsidenten Erdogan

   Nach der Aussage von Papst Franziskus zum Völkermord an den Armeniern hat die türkische Regierung noch am Sonntag den Vatikanbotschafter in Ankara ins Außenministerium einbestellt. Dort sollte dem Nuntius Erzbischof Antonio Lucibello der offizielle Protest der Türkei gegen die Äußerung zum Ausdruck gebracht werden, berichteten türkische Medien. Zugleich arbeite die Regierung in Ankara an einer schriftlichen Reaktion, die aller Voraussicht nach „scharf" ausfallen werde. Papst Franziskus hatte die Armenier am Sonntagmorgen mit einem Zitat seines Vorvorgängers Johannes Paul II. (1978-2005) öffentlich als Opfer des „ersten Völkermordes des 20. Jahrhunderts" bezeichnet.
   Vor kurzem hatte sich die türkische Regierung noch zuversichtlich gezeigt, einen Eklat zum Völkermord mit dem Vatikan vermeiden zu können. So meldete die Presse, die türkische Botschaft beim Heiligen Stuhl habe einen Gottesdienst des Papstes in Armenien zum 100. Jahrestag der Massaker verhindert. An diesem Sonntag feierte Franziskus einen solchen Gottesdienst mit den Spitzen von Staat und Kirche Armeniens im Petersdom. Die Türkei und der Heilige Stuhl unterhalten seit 1960 diplomatische Beziehungen. 
   Am 24. April jährt sich der Beginn der Armenier-Massaker im damaligen Osmanischen Reich 1915. Die Türkei lehnt die Einstufung der Verbrechen als Völkermord ab und wirft Armenien vor, den Jahrestag für eine Kampagne zur internationalen Anerkennung des Genozids nutzen zu wollen. Rv150412gs

Genozid an Armeniern": Türkei protestiert gegen Papstworte

   Die Türkei hat noch am Sonntag scharf auf die Aussagen von Papst Franziskus zum Genozid an den Armeniern reagiert. Das Kirchenoberhaupt schüre mit solchen Worten Hass, erklärte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu via Twitter. Die Erklärung des Papstes sei „weit von Geschichte und Recht entfernt" und nicht hinnehmbar. Religiöse Ämter seien überdies „nicht der Ort, mit haltlosen Vorwürfen Feindschaft und Hass zu schüren", fügte er hinzu.
   Papst Franziskus hatte bei einer Gedenkmesse mit armenischen Gläubigen im Petersdom erklärt, die Armenier seien „Opfer des ersten Völkermordes des 20. Jahrhunderts" gewesen. Daraufhin wurde ebenfalls noch am Sonntag der Apostolische Nuntius in Ankara, Erzbischof Antonio Lucibello, ins Außenministerium einbestellt. Der türkische Staatssekretär Levent Murat Burhan sagte dem Vatikan-Diplomaten laut Medienberichten, die Äußerung des Papstes habe die Türkei tief enttäuscht; sie sei fern der historischen Tatsachen und einseitig. So habe der Papst nur vom Leid der Armenier gesprochen, nicht aber vom Schicksal der Muslime oder der Angehörigen anderer Religionen.
   Die Aussage des Papstes widerspreche zudem dessen eigenen Botschaften von Frieden, Verständigung und Dialog, die er bei seinem Türkei-Besuch im November überbracht habe, so Burhan den Berichten zufolge weiter. Die jüngsten Ereignisse hätten zu einem Vertrauensverlust in den Beziehungen geführt und zeitigten „sicherlich" noch weitere Folgen.
   Papst Franziskus hatte sich eines Zitats bedient, als er die Armenier als Opfer des „ersten Völkermordes des 20. Jahrhunderts" bezeichnet. Er bezog sich auf seinen Vorvorgänger Johannes Paul II. (1978-2005), der diese Formulierung in einer gemeinsamen Erklärung [Text siehe oben] mit dem Obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier Karekin II. vom 27. September 2001 verwendet hatte.
   Vor kurzem hatte sich die türkische Regierung noch zuversichtlich gezeigt, einen Eklat zum Völkermord mit dem Vatikan vermeiden zu können. So meldete die Presse, die türkische Botschaft beim Heiligen Stuhl habe einen Gottesdienst des Papstes in Armenien zum 100. Jahrestag der Massaker verhindert. An diesem Sonntag feierte Franziskus einen solchen Gottesdienst mit den Spitzen von Staat und Kirche Armeniens im Petersdom. Die Türkei und der Heilige Stuhl unterhalten seit 1960 diplomatische Beziehungen.
   Am 24. April jährt sich der Beginn der Armenier-Massaker im damaligen Osmanischen Reich 1915. Die Türkei lehnt unter Androhung von Strafen die Einstufung der Verbrechen als Völkermord ab und wirft Armenien vor, den Jahrestag für eine Kampagne zur internationalen Anerkennung des Genozids nutzen zu wollen. Bei den Massakern des seinerzeit mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reiches wurden 1915 und 1916  in  Ostanatolien  bis zu 1,5 Millionen Armenier ermordet.  Rv150412gs

Kommentar der FAZ zum Völkermord an den Armeniern

   Wo es keine Erinnerung gebe, da halte „das Böse die Wunden offen", hat Papst Franziskus über den Völkermord an den Armeniern gesagt. Die Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei zeigen, wie recht das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche damit hat: Das größte Hindernis für deren Normalisierung hundert Jahre nach den Verbrechen an den Armeniern im Frühjahr und Sommer 1915, lange nach dem Tod der letzten Zeitzeugen, ist die Weigerung der Türkei, sie uneingeschränkt als das anzuerkennen, was sie sind: Völkermord. Die für Außenstehende manchmal obsessiv wirkende Forderung der Armenier nach dessen „Anerkennung" hat ihre Ursache in solch beschämenden Reaktionen wie jener der türkischen Regierung auf die Rede des Papstes. Ähnliches gilt für eine weitere der drei großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die der Papst am Sonntag erwähnt hat: den Stalinismus. Die in Russland stattfindende Heroisierung Stalins als Führer im Zweiten Weltkrieg und die damit einhergehende Relativierung seiner monströsen Verbrechen durch die russische Führung sind ein Quell der Spannungen in Osteuropa. Bedrückend daran ist, dass sich Russland mit einem Verbrecher identifiziert und ihm neue Denkmäler bauen will, der auch Millionen Russen auf dem Gewissen hat.
   Dass Erinnerung der Weg zur Aussöhnung sein kann, zeigt das Verhältnis Deutschlands zu Israel sowie zu seinen Nachbarländern, die während des Zweiten Weltkriegs unter deutscher Besatzung Unglaubliches erlitten haben. Der Weg dorthin war nicht einfach, er war voller Rückschläge und Missverständnisse. Angesichts des Ausmaßes der nationalsozialistischen Verbrechen können viele Wunden nicht heilen, solange noch Opfer oder ihre unmittelbaren Nachfahren leben. Auch ist nicht klar, ob sich Deutschland seiner Geschichte ohne Druck aus dem Ausland so gestellt hätte, wie das in den vergangenen Jahrzehnten geschehen ist. Aber von den drei großen Menschheitsverbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts, von denen der Papst gesprochen hat, ist der Nationalsozialismus ohne Zweifel dasjenige, das den geringsten Unfrieden in die Gegenwart trägt.
FAZ150413ReinhardVeser

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Ankara: Der Papst schürt Hass und Feindschaft
Die Türkei hält die Verurteilung des Völkermords am de Armeniern für abwegig

   Papst Franziskus hat den Mord an bis zu 1,5 Millionen Armeniern im osmanischen Reich im Jahr 1915 als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet und Ihn in eine Reihe mit den späteren Völkermorden des Nationalsozialismus und des Stalinismus gestellt. Die Menschheit habe im vergangenen Jahrhundert „drei große, unerhörte Tragödien" erlebt, zunächst jene, die als „der erste Genozid des 20. Jahrhunderts" angesehen werde und die das armenische Volk traf, sagte der Papst zur Begrüßung des armenischen Staatspräsidenten Sersch Sargsjan vor Beginn einer im armenischen Ritus gefeierten Messe im Petersdom.
   Franziskus sagte zudem, dass die Welt bis heute aus Tragödien wie dieser kaum Lehren gezogen habe. Sie erlebe durch „schuldhaftes Schweigen" neue Genozide, mahnte der Papst unter Bezug auf die „Massenvernichtungen in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien". Nach Worten des Papstes ist das Gedenken an die Verbrechen eine unabdingbare Pflicht. „Wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunden offen", sagte der Papst auch mit Blick auf die Weigerung der Türkei, die Verbrechen an den Armeniern als Völkermord anzuerkennen. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu teilte über Twitter mit, die Erklärung des Papstes sei „weit von Geschichte und Recht entfernt" und nicht hinnehmbar. „Religiöse Ämter sind nicht der Ort, mit haltlosen Vorwürfen Feindschaft und Hass zu schüren", fügte der AKP-Politiker hinzu. Die Äußerung des Papstes werde nicht ohne Folgen bleiben. Der Botschafter des Vatikans in der Türkei wurde in das Außenministerium einbestellt.
   Schon 2001 hatte Johannes Paul II. bei einem Besuch in Armenien den Begriff des Genozids auf die systematische Verfolgung und Ermordung der Armenier und anderer Christen im mehrheitlich muslimischen Osmanischen Reich angewandt.
   Von russischen Medien wurde aufmerksam wahrgenommen, dass der Papst den Stalinismus in eine Reihe mit dem Völkermord an den Armeniern und dem Nationalsozialismus stellte. Die russische Regierung bemüht sich seit Jahren um eine Relativierung der Verbrechen Stalins. FAZ150413jöb 

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Patriarch Nerses Bedras XIX.  Foto: Mitte  weist Vorwürfe Ankaras, Franziskus sei islamfeindlich, zurück

   Der armenisch-katholische Patriarch Nerses Bedros XIX. hat Aussagen aus der Türkei zurückgewiesen, der Papst greife den Islam an. „Die Strategie der türkischen Regierung, die verhindern will, dass man von einem armenischen Genozid spricht, ist zum Scheitern verurteilt", sagte der Patriarch dem vatikanischen Pressedienst „Fides". Daher sei die Türkei so nervös und ergreife diplomatische Maßnahmen. „Der Papst folgt seinem Gewissen und wiederholt, was er bereits vor zwei Jahren gesagt hat, und niemand darf glauben, dass er das Gewissen des Papstes zum Schweigen bringen kann." Der Patriarch verwahrte sich gegen „manipulierende Interpretationen", die dem Papst eine feindliche Haltung gegenüber der Türkei oder sogar gegenüber der islamischen Welt nachsagen wollten. Es sei offensichtlich, dass es dabei um Instrumentalisierungen gehe: „Der Papst ist nicht ,für' die Armenier oder ,gegen' die Türken. Er lehnt niemanden ab", sagte das Oberhaupt der mit Rom unierten Armenier. Bei seiner Reise habe er die Brückenfunktion der Türkei für Dialog und Aussöhnung zwischen Europa und dem Orient hervorgehoben. Um das zu erkennen, so der Patriarch, müsse man nur die vom Papst verwendeten Ausdrucksweisen bezüglich der Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus oder des Stalinismus und schließlich angesichts der jüngsten Ereignisse in Europa, Afrika oder Asien genau betrachten. „Sein Blick umfasst die ganze Welt, er bringt den Sinn für Menschlichkeit zum Ausdruck." Das Geden­ken und die Verurteilung der Schrecken der Vergangenheit könne verhindern, „dass solche Dinge erneut geschehen", wie es derzeit in vielen Teilen der Welt der Fall sei. „Franziskus denkt an die ganze Welt und ist Stimme des Gewissens der Menschheit angesichts der Tragödie von Konflikten und Gewalt", so der katholische Patriarch. „Er erinnert an alle Unterdrückten, Armen und Kranken aller Länder und aller Religionen."
   Die Türkei will ihre diplomatischen Beziehungen zum Vatikan aufrechterhalten. „Wir wollen unsere Botschaft nicht schließen", sagte der türkische Botschafter in Italien Stuhl, Aydin Adnan Sezgin, der italienischen Tageszeitung „II Messaggero". Es sei klar, dass die Aussage des Papstes Auswirkungen auf das türkisch-vatikanische Verhältnis habe, so der Diplomat. Es gebe jedoch auch weiterhin Raum, um „der Diplomatie neuen Atem zu geben".  DT150416

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Papstpredigt: Kirche soll frei heraus sprechen - Papst Franziskus hat seine Frühmessen wieder aufgenommen

   Mut zur Direktheit wünscht sich Papst Franziskus für die Kirche heute. In seiner Morgenpredigt am Tag nach der Messe mit den Armeniern, bei der er deren Verfolgung durch das Osmanische Reich 1915 unumwunden als „Völkermord" bezeichnete, ging Franziskus von den Worten der Apostel nach Jesu Auferstehung aus: „Wir können nicht schweigen über das, was wir gehört und gesehen haben“, bekennen Petrus und Johannes in der Ersten Lesung der Apostelgeschichte. „Auch heute ist die Botschaft der Kirche die Botschaft ... der Direktheit, des christlichen Mutes", unterstrich der Papst. „Wie die Bibel erzählt, haben diese beiden einfachen Männer ohne Bildung diesen Mut gehabt. Man kann das Mut, Direktheit, Redefreiheit nennen – keine Angst haben, die Dinge beim Namen zu nennen. Im Original hat das Wort viele Bedeutungen: Parrhesia, Freimut… Von der Angst sind die Jünger zum Freimut übergegangen und dazu, alles zu sagen.“
   Petrus und Johannes waren von den Hohenpriestern eingeschüchtert worden und sollten Jesu Botschaft nicht weitergeben – doch die beiden widersetzten sich und ermutigten auch ihre Brüder dazu, Jesu Auftrag in die Tat umzusetzen. So konnte die Kirche Christi zur missionarischen Kirche werden. Und die Apostel waren auch dazu bereit, ihr eigenes Leben zu opfern und als Märtyrern zu sterben. Die Kraft gab ihnen der Heilige Geist, so Papst Franziskus: „Der Weg des christlichen Mutes ist eine Gnade des Heiligen Geistes. Es gibt viele Wege, die wir nehmen können und die uns einen gewissen Mut geben. Und dann heißt es: ,Schau, wie mutig der ist und welche Entscheidung er getroffen hat. Schau, wie gut er die Dinge organisiert hat, wie tüchtig er ist!‘ Das hilft, doch eigentlich ist es Werk eines Größeren: des Geistes. Wenn nicht der Geist da ist, können wir viele Dinge tun und viel arbeiten, aber es nützt nichts.“
   Diesen Zusammenhang habe so mancher schon zur Zeit Jesu nicht verstanden, führte der Papst aus und ging auf das Gespräch Jesu mit Nikodemus ein, von dem das Tagesevangelium erzählt. Nikodemus hatte gegenüber Jesu Rede von der Wiedergeburt aus dem Geist Skepsis gezeigt. Die christliche Botschaft sei ein Auftrag des Heiligen Geistes und charakterisiere sich durch Freimut, fuhr der Papst fort. Und er präzisierte: „Dieser Mut der Verkündigung unterscheidet uns vom einfachen Proselytismus. Wie Jesus Christus sagt, machen wir keine,Werbung‘, um mehr ,Mitglieder‘ in unserer ,spirituellen Gemeinschaft‘ zu haben. So etwas nützt nichts und ist nicht christlich. Was der Christ tut, ist, mit Mut zu verkünden! Und die Verkündigung Jesu Christi durch den Heiligen Geist löst dieses Staunen aus, das uns weitergehen lässt.“ Rv150413pr

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Ein „Ölzweig“ aus Ankara  Foto oben: Das Logo der Weltausstellung Expo 2015 in Mailand
unten: Wirtschaftsminister der Türkei Adnan Yildirim, Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des Kulturrates

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 Die Türkei hat dem Heiligen Stuhl nach zwei Wochen der diplomatischen Verstimmung einen „Ölzweig“ hingehalten: Das schreibt die türkische Tageszeitung „Hürriyet“. Sie bezieht sich auf die Einladung eines türkischen Vizeministers an den Papst, doch den türkischen Pavillon auf der Weltausstellung „Expo“ in Mailand zu besuchen. „Wir wären glücklich, den Papst hier begrüßen zu können“, hatte der Vizeminister Adnan Yildirim jetzt in Mailand geäußert, „und falls er nicht persönlich kommen kann, würden wir uns auch über den Besuch einer Delegation des Vatikans freuen, um ihr den Wert der historischen Zivilisation der Türkei zu zeigen.“ Der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, Kardinal Gianfranco Ravasi, nahm die Einladung im Namen des Vatikans prompt an. Er bat in einer kurzen Erklärung auch Vertreter der Türkei in den Vatikan-Pavillon, da die dort präsentierten Themen und Werke „auch von der muslimischen Welt geteilt“ werden könnten. Mit dem Expo-Geplänkel gilt die schwere Verstimmung zwischen Ankara und dem Vatikan fürs erste als ausgeräumt. Der Zorn Ankaras bezog sich auf eine Äußerung von Papst Franziskus, an den Armeniern im Osmanischen Reich habe vor hundert Jahren ein „Völkermord“ stattgefunden. Trotz einer Aufforderung durch Präsident Recep Tayyib Erdogan ist der Vatikan von dieser Äußerung nicht abgerückt.  Rv150428

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EU: Es war Völkermord  Schweigeminute im Europaparlament

   Nach Papst Franziskus hat auch das Europäische Parlament den hundertsten Jahrestag des Massenmords an Armeniern zum Anlass genommen, das Ereignis als Genozid zu werten. Man schließe sich dem Gedenken an „eineinhalb Millionen unschuldige armenische Opfern an, die im Osmanischen Reich umgekommen sind", heißt es in einer Entschließung, auf die sich die Fraktionen verständigt haben und die am Mittwochabend in Brüssel angenommen wurde. Man gedenke des „armenischen Genozids im Geist europäischer Solidarität" und fordere auch EU-Kommission und Europäischen Rat dazu auf. Die Entschließung geht nicht nur über die türkische Weigerung hinweg, den Völkermord an den Armeniern als solchen anzuerkennen, sondern sticht auch gegen die Haltung einer Reihe von EU-Mitgliedstaaten, darunter Deutschland und Österreich, ab, die ebenfalls davor zurückschrecken. Ev150416gs

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Kardinal Kasper: „Keine zweite Regensburger Rede“ Kardinal Walter Kasper

   Die Genozid-Äußerung des Papstes ist nach Ansicht des emeritierten Kurienkardinals Walter Kasper nicht als „zweite Regensburger Rede“ zu werten. „Ich persönlich halte diesen Vergleich für unangemessen“, sagte der ehemalige Präsident des päpstlichen Einheitsrates im Interview mit der italienischen Zeitung „La Repubblica“. Benedikt XVI. hatte 2006 in einer Vorlesung mit einem Zitat aus der Religionsgeschichte das Verhältnis des Islam zur Gewalt thematisiert. Damals habe „der gesamte Islam“ die Aussage des deutschen Papstes „schlecht interpretiert“, kommentierte Kasper rückblickend. Bei der aktuellen Verstimmung der türkischen Führung nach Franziskus‘ Genozid-Äußerung vom Sonntag handle es sich dagegen um die „vorhersehbare Reaktion eines Landes, das Mühe hat, die eigene Geschichte zu akzeptieren“, so der Kardinal.
   Mit Blick auf mögliche negative Auswirkungen für Christen in der Türkei nach der Papst-Äußerung sagte Kasper: „Die Stimmung ist angespannt. Schuld daran sind aber einige wenige radikale Islamisten, die meinen, sich gegen jedes Menschenrecht stellen zu müssen.“ Dass Papst Franziskus die Wogen nun glätten sollte, findet Kasper nicht: „Seine Worte bleiben, und Weiteres braucht es nicht.“ Das Christentum müsse die Freundschaft mit anderen Religionen suchen, „aber mit Wahrheit, ohne die Schuld und Fehler der Vergangenheit zu verstecken“, so Kasper wörtlich. Repubblica150415pr

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Der deutsche Islamwissenschaftler Pater Felix Körner Foto: „Klarheit des Papstes kann auch positive Folgen haben“

   Wer mit Blick auf die Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren das Wort „Völkermord“ benutzt, wird in der Türkei automatisch als Feind des Landes angesehen. Das erklärte der Türkei-Kenner und Islamwissenschaftler Pater Felix Körner im Gespräch mit Radio Vatikan. Der an der päpstlichen Gregoriana-Universität in Rom lehrende Spezialist für christlich-muslimischen Dialog hält es aber für möglich, dass die Verstimmung zwischen der Türkei und dem Heiligen Stuhl mittelfristig auch positive Folgen hat. Papst Franziskus hatte am vergangenen Sonntag bei einer Messe mit armenischen Christen im Petersdom vom „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ gesprochen. Die Türkei reagierte verstimmt. Gudrun Sailer sprach mit Pater Körner.
Radio Vatikan: Wie ordnen Sie den Unmut der Türkei an der Papstaussage ein?
   „Das Wort Völkermord ist im allgemeinen Bewusstsein auf der türkischen Seite identisch mit: nicht Freund der Türkei sein. Wer das Wort Völkermord sagt, wird von der türkischen Gesellschaft, die dieser republikanischen Erziehung ihre Ausbildung verdankt, als Feind der Türkei angesehen. Das ist ein geradezu mechanischer Reflex. Dieses Wort darf nicht gesagt werden.“
Was hindert die Türkei daran, mehr Abstand von diesem Wort „Völkermord“ zu gewinnen, zumal es ja den historischen Tatsachen entspricht?
   „Um die mehrheitliche türkische Gesellschaftsstimmung zu verstehen, muss man sehen, dass ein Wert alles durchprägt, nämlich der Wert der Ehre. Vieles geschieht in der Türkei, und viele Menschen tun alles, um Ehre zu schützen, zu verteidigen oder wiederherzustellen. Klar, es gibt da auch inzwischen selbstkritische Bewegungen, aber diese große Angst, das Gesicht zu verlieren, kann auch heute noch viele Reaktionen prägen. Ich habe im Nachdenken darüber hier in der Gregoriana Studenten gesagt, der Schritt ist noch nicht gemacht in der Türkei, wenn ich meine eigene dunkle Geschichte benenne, dann brauche ich doch keine Angst zu haben, mein Gesicht zu verlieren, sondern was dann von mir abfällt, ist nicht meine Identität und Würde, sondern nur die Maske, die ich bisher aufhatte. Wenn das wegfällt, sehe ich und sieht die Menschheit meine Wahrheit, die nicht immer bildschön ist, aber eben weil sie meine Wahrheit ist, ihre eigene Würde hat.“
Sehen Sie einen Unterschied zwischen der Haltung der offiziellen Türkei, also der Regierung, und dem breiten  Volksempfinden? Entspricht das wirklich …? Sie haben angedeutet, es gibt auch Kreise oder einzelne Individuen in der Türkei, die eine Aufarbeitung der Geschehnisse in der Türkei vor 100 Jahren fordern.
   „Da kann ich Ihnen eine Geschichte nennen, die mich dazu bringt, die Stimmung in der Türkei heute anders wahrzunehmen als noch vor 15 Jahren. Ich habe nämlich vorletzte Woche in der theologischen Fakultät der Muslime an der Universität Ankara eine Reihe von Vorträgen gehalten, einer war auch ein großer öffentlicher, in dem ich benannt habe, dass Johannes Paul II. im Jahr 2001 für das Massaker an den Armeniern das Wort Völkermord verwendet hat. Der Vortrag ging dann weiter, dann gab es eine Fragerunde, und am Ende meldete sich einer und sagte: Wenn der Heilige Stuhl Brüderschaft mit den Völkern der Erde will, dann darf das Wort Völkermord nicht fallen. Da war genau dieses Denken dahinter: Wer das Wort sagt, ist nicht unser Freund. Und der Fragende fügte noch an, das müssen Sie dem Papst mit nach Rom bringen. Ich habe geantwortet, ich kann das natürlich in Rom erzählen, aber ich werde auch sagen, dass das bei meinem Vortrag   e i n e   Stimme aus dem Publikum war. Und als ich das gesagt hatte, merkte ich, wie mehrere Blicke – es waren über 100 Leute bei dem Vortrag – mir signalisierten, ja, das haben Sie richtig wahrgenommen, der hat nicht für uns alle gesprochen. Das war für mich interessant und erfreulich. Es gibt nicht nur türkische Wissenschaftler, es gibt nicht nur den Schritt von Erdogan auf die Armenier zu – wir kondolieren euch, wir drücken unser Mitleid aus, letztes Jahr hat er das ja gesagt für die Ereignisse 1915, sondern es gibt auch eine größere Bereitschaft, anzuerkennen, dass da mehr war als nur ein durch Kriegsereignisse erklärbares Vorgehen und ein Kollateralschaden.“
Warum gibt denn da Ihres Erachtens heute eine größere Bereitschaft, in der Türkei den Völkermord an den Armeniern als solchen anzuerkennen?
   „Der Gründungsmythos der aktuellen Türkei hat sich etwas verschoben. Die türkische Republik wurde 1923 aus den Scherben des Ersten Weltkriegs gegründet; und alles, was während des Ersten Weltkriegs stattfand, wie auch das Massaker an den Armeniern, gehörte zu der Geschichte, mit der die Türkei sich identifizierte und was das Selbstverständnis der Türkei ausmachte. Da waren unsere Helden, die von allen anderen Ländern bedrängt waren, und die haben mit großem Mut das große Werk vollbracht, eine moderne Türkei zu gründen. Bis vor etwa zehn Jahren war das im kollektiven Bewusstsein der Gründungsmythos, und Sie können bis heute sehen, wie das in den Schulbüchern oder in historischen Inszenierungen in Ankara an den republikgründenden Mythen-Stellen, etwa dem Museum um das Atatürk-Mausoleum herum, präsent gehalten wird. Jetzt aber sind wir in der Türkei einen Schritt weiter gekommen. Der Gründungsmythos für die augenblickliche Türkei ist nicht mehr das Geschehen im Ersten Weltkrieg, sondern man greift zurück auf frühere Ereignisse, man erinnert sich zurück an das Osmanische Reich in seiner Blütezeit, im 16./17. Jahrhundert, wo man ein Vielvölkerreich war, wo auch die Armenier als hochgeachtete Millet – Glaubensnation – ihren eigenen Entfaltungsbereich, ihr eigenes Zivilgesetz, ihren Lebensraum hatten. Das ist auch Präsident Erdogans Programm, an eine frühere türkische Geschichte, nämlich an das Osmanische Reich anzuknüpfen; und dann kann man auch deutlicher sagen, was 1915 geschehen ist, war keineswegs nur die Aktion von bedrohten Helden, sondern hier können wir noch mal neu hinschauen und klarer sehen, was da tatsächlich auch von türkischer Seite verbrochen wurde.“
Einige Beobachter fühlen sich an die Effekte der sogenannten Regensburger Rede erinnert. Papst Benedikt XVI. hatte in dieser akademischen Vorlesung ein islamkritisches Zitat benutzt, was in der muslimischen Welt zu schweren Misstönen führte, bis hin zu Toten. Mittelfristig war der Effekt der Rede aber positiv, weil beide Seiten danach einen Schritt aufeinander zugingen und eine neue Ära im christlich-muslimischen Dialog begann. Wird die „Völkermord“-Aussage denselben Effekt haben?
   „Natürlich können wir keine sicheren Prognosen treffen. Es ist für die Türkei auch eine schwierige Phase. Tage, in denen sie dieses schwerwiegende Wort aus dem Mund eines Menschen hören, den sie sehr schätzen – Papst Franziskus hat eine sehr gute Presse in der Türkei und wirklich viele Sympathien – wir müssen jetzt mit der Türkei auch verständnisvoll umgehen, indem wir nicht sagen, damals die Regensburger Rede hat doch auch so viel Gutes hervorgebracht, jetzt lasst euch einmal darauf ein! Als Christen, als Menschen die wissen, dass sie in der Heilsgeschichte leben, haben wir bei allem, was geschieht, immer die Hoffnung, dass es demnächst sich als Wahrheit herausstellen wird: alles dient denen, die Gott lieben, zum Guten. Ich fände es verkehrt, den Türken mit erhobenem Zeigefinger zu sagen, ihr werdet gleich sehen, der Schmerz ist vorbei und das Gute wird sich zeigen. Wir müssen ihnen jetzt Zeit lassen, aber wir haben auch hier in Beispiel, wie Papst Franziskus einer Lebenshaltung gerecht wird, die uns eigentlich immer auszeichnen sollte, und die für ihn von Anfang an bezeichnend war. Er redet ja immer von der apertura, von der Offenheit. Offenheit heißt, ich benenne in Demut, Klarheit und Ehrlichkeit, was problematisch ist, was ich dir sagen muss; das griechische Wort für die Offenheit, mit der die Apostel ihr Zeugnis abgelegt haben, ist ja die Parrhesia (,das Ganze sagen‘). Aber bei Papst Franziskus haben wir noch eine andere Seite der Offenheit: Ich bin dann, wenn ich mein Zeugnis abgelegt habe, wenn ich das, was ich sagen musste, gesagt habe, auch weiter offen, um mit dir diesen Weg, nachdem es gesagt ist, zu gehen, offen auch, dass du mit deinen Reaktionen, mit deinem Nachdenken mich überraschen wirst, und unsere Hoffnung ist, dass es in den nächsten Wochen auch gute Überraschungen in diesem Prozess der Offenheit gibt.“
Wie empfinden sich von ihrem Selbstverständnis her heute in der Türkei lebende armenische Christen?
  
„Ich war gerade über Ostern in der Türkei und habe mit den Christen von Ankara, so ökumenisch muss ich das sagen, Ostern gefeiert. Denn alle Christen, die nicht evangelisch sind, kommen in die Kirche, die den Jesuiten in Ankara anvertraut ist. Alle syrischen Christen, orthodox und katholisch, die Griechen – es sind wenige –, die kommen alle zu uns, weil sie keine eigenen Kirchen in Ankara haben. Und auch die beiden armenischen Kirchen, die Armenisch-Apostolischen wie die Katholiken. Und eigentlich fühlen sich die Christen heute sicherer, besser aufgehoben, mehr integriert als vor 15 Jahren in der Türkei. Das liegt eben auch an dem Projekt Erdogans und der AK-Partei, eine religiöspluralere Welt zuzulassen. Wer dann nicht religiös sein will, oder wer einer sozial konservativen Wertelinie nicht entspricht, der hat es heute schwerer. Aber wer wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Kirche in der Türkei „anders“ sein will, der erlebt im Moment eine Pluralisierung und damit eine offenere, integrierendere Türkei.“ Rv150415gs

Bundestag plant Resolution zu Armeniern

  Der Druck auf die Bundesregierung und die Spitzen der Koalitionsfraktionen wächst, die Ermordung von mehr als einer Million Armeniern vor hundert Jahren im Osmanischen Reich als „Völkermord" zu bezeichnen. In einem Antrag der Koalition, über den im Bundestag debattiert wird, ist nur von „Vertreibungen und Massaker" an den Armeniern die Rede. Der Zentralrat der Juden in Deutschland forderte die Bundesregierung auf, die Massaker als Völkermord anzuerkennen. Bundespräsident Joachim Gauck wird in der nächsten Woche an einem ökumenischen Gottesdienst teilnehmen, der aus Anlass der Erinnerung „an den Völkermord an Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen" abgehalten wird; Gauck wird nach der Liturgiefeier eine Rede zum Thema halten. Der stellvertretende CDU/CSU- Fraktionsvorsitzende Franz Josef Jung sagte dieser Zeitung, er werde sich um eine Verschärfung bemühen. Sprecher der Armenier in Deutschland sowie Politi­ker der SPD, der Linksfraktion und der Grünen kritisierten, dass - aus Rücksicht auf die Türkei - der Begriff „Völkermord" aus einem ersten Entwurf der Koalition entfernt wurde. Der SPD- Abgeordnete Dietmar Nietan nannte die Haltung der Bundesregierung einen „Fehler“. FAZ150416ban

Völkermord an den Armeniern: Leugnen und vergessen

   Am Abend des 24. April 1915 wurde in Istanbul die Elite der armenischen Gemeinde verhaftet und bis auf wenige Ausnahmen liquidiert. Anschließend wurden die Armenier entwaffnet und ermordet, die in der osmanischen Armee dienten. Dann telegraphierte die jungtürkische Regierung in alle Provinzen den Befehl, Frauen, Kinder und Alte zu „deportieren". Die einen wurden an ihrem Wohnort ermordet, die anderen mit Todesmärschen „umgesiedelt". Die syrische Wüste wurde zum Massengrab, Wer nicht massakriert wurde oder Selbstmord beging, verdurstete oder verhungerte. Im Jahr 1948 veranlassten die Gräueltaten an den Armeniern die Vereinten Nationen, auch die „vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedin­gungen, die geeignet sind, die körperliche Zerstörung einer Gruppe ganz oder teilweise herbeizuführen", in die nunmehr offizielle Definition von Völkermord aufzunehmen.
   Das Osmanische Reich befand sich 1915 im Krieg. Jedoch geht es in der Beurteilung des Völkermords an den Armeniern weniger um das, was im Krieg geschah, sondern um das, was sich in dessen Schatten ereignet hat. Im Auftrag der Regierung hatten Banden schon 1914 im Osten Anatoliens armenische Dörfer überfallen - als Rache dafür, dass Armenier mit Russland zusammenarbeiteten. Als sich die militärische Lage verschlechterte, beschloss die jungtürkische Regierung im März 1915 die „Umsiedlung der inneren Feinde", allen voran der Armenier und der assyrischen Christen.
   Hier und da lagen den Deportationen militärische Überlegungen zugrunde. Der Schatten des Kriegs bot aber auch die Gelegenheit für einen radikalen Neubeginn. Denn der osmanische Vielvölkerstaat zerfiel. Diesen Zerfall sollte erst ein Panislamismus aufhalten, der alle christlichen Gruppen ausschloss, dann ein Panturkismus, der bis auf die Türken alle anderen ausschloss. Die jungtürkische Regierung wollte auf dem Boden Anatoliens eine homogene türkische Nation und für diese einen Nationalstaat schaffen.
   Systematisch wurde die größte nichtmuslimische Volksgruppe ausgelöscht. Nicht die Armee organisierte den Genozid, sondern die zivilen Institutionen des Staats und des jungtürkischen „Komitees für Einheit und Fortschritt". Der Völkermord wurde so eine Voraussetzung für die Gründung der Republik. Ihn einzugestehen, würde für die Türken bedeuten, ihre Republik zu beflecken. Was der französische Zivilisationsforscher Ernest Renan 1882 mit Blick auf die Entstehung des französischen Nationalstaats geschrieben hat, gilt noch mehr für die moderne Türkei: „Wesentlich bei der Schaffung einer Nation ist das Vergessen." Denn die Entstehung jeder Nation sei, wenn auch in unterschiedlichem Maß, stets von Gewalt begleitet.
   Diese Seite der türkischen Geschichte sollte und soll unsichtbar bleiben. Schließlich waren viele, die die Republik entworfen und militärisch herbeigeführt haben, zuvor auch für den Völkermord verantwortlich gewesen. Zudem konnte eine türkische Bourgeoisie nach 1923 auch deshalb entstehen, weil das Vermögen der vertriebenen und getöteten Armenier an Türken fiel.
   Der Wunsch zu vergessen, hat nicht allein mit Schuld zu tun. Denn die Geschichte des späten Osmanischen Reichs war eine Geschichte militärischer Niederlagen, von Demütigungen und Traumata; der Völkermord an den Armeniern markiert das Ende dieses Osmanischen Reichs. Schmerzhaft war auch der Übergang vom imperialen Reich zum Rumpfstaat der Republik. Umso wichtiger wurde es, die Geschichtsschreibung den Bedürfnissen des jungen Staates anzupassen. Seither ist die Republik von Tabus umstellt: Jeder Bewohner ist Türke, es gibt keine Kurden; der Staat ist laizistisch, der Islam ein Feind; einen Völkermord gab es nicht. Als Recep Tayyip Erdogan noch Ministerpräsident war, konnte er sagen: „Meine Vorfahren haben keinen Völkermord begangen, sie tun so etwas nicht."
   Türken und Deutsche stellen sich ihrer Geschichte auf verschiedene Weise. Während für die Türken die Leugnung des Völkermords grundlegend ist für die Identifizierung mit der Republik, ist für die Deutschen das Eingeständnis des Holocausts grundlegend für die deutsche Identität nach 1945. Während die Türkei historische Amnesie praktiziert, lebt in Deutschland eine Kultur des Erinnerns und Gedenkens. Allein deswegen wäre es gut gewesen, hätte sich die Bundesregierung in den vergangenen Wochen - anders als Bundespräsident Gauck und der Bundestag - in der Diskussion über die Verwendung des Begriffs Völkermord offener und würdiger verhalten.
   Schließlich diskutiert die Türkei selbst seit mehr als einem Jahrzehnt über „die Massaker von 1915", so die Sprachregelung. Der Mord an den Ar­meniern wird nicht länger geleugnet, wohl aber der Tatbestand des Völkermords. Dieser Wandel ist nicht zuletzt eine Folge der Ermordung des armenischen Intellektuellen Hrant Dink im Jahr 2007. Der Trauermarsch für ihn war der größte in der jüngeren Geschichte der Republik. Nicht erfüllt haben sich seither die Hoffnungen, dass die Türkei durch ein gemeinsames Erinnern Frieden mit sich und ihrer Geschichte findet. FAZ150424RainerHermann

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Armenien: Heiligsprechung von Völkermord-Opfern

Völkermord-Gedenken: Heiligsprechung in Armenien
   In einer ergreifenden Zeremonie wurden am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) in Etschmiadzin, dem Sitz des armenisch-apostolischen Katholikos-Patriarchen Karekin II., die Opfer des Völkermords vor 100 Jahren kollektiv heiliggesprochen. Die Feier - die erste Heiligsprechung in der armenisch-apostolischen Kirche seit 500 Jahren - fand am Vorabend des 24. April statt, der den 100. Jahrestag des Beginns des Völkermords durch eine großangelegte Verhaftungsaktion der osmanischen Geheimpolizei unter armenischen Politikern, Journalisten, Geistlichen, Industriellen, Ärzten, Wissenschaftlern, Künstlern in Konstantinopel markiert.
   Der Heiligsprechungsgottesdienst fand im Freien statt. An dem Gottesdienst nahmen die armenischen Bischöfe aus aller Welt sowie zehntausende Pilger - darunter viele ökumenische Gäste - teil. Die Heiligsprechungsfeier dauerte mehr als zwei Stunden. Um 19.15 Uhr Ortszeit ertönten, in Anlehnung an die Jahreszahl 1915, die Glocken in Etschmiadzin sowie in allen armenischen Kirchen weltweit zum Gedenken an den Völkermord. Kirchen anderer Konfessionen - darunter die Erlöserkathedrale in Moskau, der Notre-Dame-Kathedrale in Paris und der St. Patrick's Cathedral in New York - schlossen sich an. Es folgte ein Moment der Stille, bevor dann das Vater Unser gebetet wurde.
   Die armenische Kirche selbst beziffert die Zahl der neuen Heiligen nicht, wobei Historiker von bis zu 1,5 Millionen Opfern ausgehen. Kanonisiert würden alle Opfer, „die für ihren Glauben und ihre christliche Identität ihr Leben ließen", sagte der für die ökumenischen Beziehungen der Kirche zuständige Bischof Hovakim Manukyan am Mittwoch im Gespräch mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. Es gebe auch Heilige unter denen, die den Völkermord überlebt hätten, wenn sie wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt wurden. Viele Armenier seien damals gezwungen worden, zum Islam zu konvertieren, besonders junge Mädchen, so der Bischof. In den letzten Jahren gibt es in der Türkei eine breite Bewegung, in deren Rahmen sich viele Menschen zum armenischen Erbe ihrer Vorfahren bekennen und zur christlichen Kirchen zurückkehren.
Weltweite Vertreter und Lanzen-Reliquie
  An dem Heiligsprechungsgottesdienst nahmen zahlreiche kirchliche und staatliche Delegationen aus aller Welt teil. Nach Angaben des Leiters des offiziellen Koordinationskomitees für das 100-Jahr-Gedenken des Völkermords, Vigen Sarkissian, hatten sich kirchliche und staatliche Delegationen aus 60 Ländern in Armenien eingefunden. Bei dem Heiligsprechungsgottesdienst in Etschmiadzin waren u.a. Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, der koptisch-orthodoxe Papst-Patriarch Tawadros II., der syrisch-orthodoxe Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. und der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, anwesend. Die Delegation der russisch-orthodoxen Kirche wurde vom Metropoliten von St. Petersburg (und Kanzler des Moskauer Patriarchats), Warsonofij (Sudakow), geleitet.
   In das liturgische Geschehen in Etschmiadzin waren die kostbarsten Reliquien der armenischen Kirche integriert: die Spitze der Heiligen Lanze („Geghard"), mit der Christus am Kreuz durchbohrt wurde (diese Reliquie wurde nach der Tradition im 1. Jahrhundert vom Apostel Thaddäus nach Armenien gebracht), die rechte Hand des Heiligen Gregors des Erleuchters, die rechte Hand des Heiligen Stephanus, des Erstmärtyrers der Christenheit, die rechte Hand der Heiligen Hripsime, aber auch das im Jahr 1256 von Toros Roslin, dem bedeutendsten armenischen Bibelillustrator des Mittelalters, geschriebene „Evangeliar von Zeytun".
    Bereits am Vorabend der Heiligsprechung hatte Karekin II. in der Kathedrale von Etschmiadzin am Mittwochabend eine feierliche Vigil zelebriert. Zuvor war vom Katholikos-Patriarchen aller Armenier der Grundstein für die Gedächtniskirche der Völkermord-Opfer gesegnet worden.  Die Gedächtniskirche wird im Bereich des „Komitas-Pantheons" errichtet, das dem Gedächtnis der „großen Gestalten Armeniens" gewidmet ist. Der in Russland ansässige armenische Industrielle Samuel Karapetyan finanziert den Bau der Gedächtniskirche. Bei der Grundsteinlegung waren u.a. auch der armenische Präsident Serge Sarkissian und der Bürgermeister von Jerewan, Taron Margaryan, anwesend. Katholikos-Patriarch Karekin II. sagte, die neue Gedächtniskirche werde ein „Zeugnis der kulturellen und spirituellen Einheit der armenischen Nation" sein.
Kirchen vereint gegen Völkermord
   Zum Abschluss des „Globalen Forums gegen das Verbrechen des Völkermords" hatten die Repräsentanten von 35 christlichen Kirchen aus aller Welt, unter ihnen auch der Wiener syrisch-orthodoxe Chorbischof Emanuel Aydin, am Mittwoch in Jerewan eine Sieben-Punkte-Erklärung unter dem Titel "Kirchen gegen Völkermord - Das menschliche Leben ist ein Geschenk Gottes" verabschiedet.
   In der Erklärung wird u.a. betont, dass „Gewalt und Mord auf der Basis von nationaler, religiöser, rassischer Diskriminierung" niemals irgendeine Rechtfertigung  haben können. Jeder Völkermord sei als „Manifestation des Bösen und der Sünde gegen die Menschlichkeit" schärfstens zu verurteilen. Insbesondere sei die „ethnische und religiöse Gewalt" im Nahen Osten zu verurteilen, die „schreckliche menschliche Verluste und die nicht wieder gut zu machende Zerstörung des spirituellen und kulturellen Erbes" bewirkt hat. Um ähnliche Verbrechen in Zukunft zu vermeiden, sei es von größter Bedeutung, die Genozid-Verbrechen anzuerkennen und zu verurteilen, ihre Leugnung zurückzuweisen und das Streben nach Wiedergutmachung zu unterstützen.
Gedenken an heutige Märtyrer
   Patriarch Tawadros II. hatte das Treffen der kirchlichen Repräsentanten beim „Globalen Forum gegen das Verbrechen des Völkermords" mit dem Gedenken an die koptischen und äthiopischen Arbeitsmigranten eröffnet, die im zerfallenen Staat Libyen den Mordorgien der IS-Terroristen zum Opfer gefallen sind. Katholikos-Patriarch Karekin II. erinnerte im Anschluss daran, dass tausende armenische Kirchen, Klöster und Heiligtümer im Zug des Genozids in Anatolien und Westarmenien zerstört wurden, „in einem Versuch, alle Spuren der Verfolgten und ihrer Kultur, zu vernichten". Heute sei es notwendig, auch im Hinblick auf den Genozid die Elemente des Bußsakraments - Gewissenserforschung, Reue, guter Vorsatz, Bekenntnis, Sühne - anzuwenden, um in Zukunft eine Wiederholung von solch schrecklichen Verbrechen zu vermeiden.
   Der syrisch-orthodoxe Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. ersuchte die Teilnehmer, im stillen Gedenken um die Rückkehr der beiden vor genau zwei Jahren entführten Aleppiner Metropoliten Mar Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi zu beten. Die Christen der syrischen Tradition seien ebenso wie die Armenier den absurden Plänen der Jungtürken zum Opfer gefallen, betonte Mar Ignatius Aphrem II. In den Plänen der Jungtürken und in der Entführung der beiden Erzbischöfe von Aleppo ebenso wie in den Mordorgien gegen die koptischen und äthiopischen Arbeitsmigranten in Libyen zeige sich der Wille, „Menschen nur deshalb zu töten, weil sie mutige Christen sind". Rv150423pr

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Franziskus bei der Frühmesse: „Kirche ist heute eine Kirche der Märtyrer“ – Gebet für verfolgte Christen

   Mit Blick auf das jüngste Massaker an Christen in Libyen hat Franziskus zum Gebet für verfolgte Christen in der Welt aufgerufen. In seiner Morgenmesse gedachte der Papst – ausgehend von der Steinigung des Erzmärtyrers Stephanus – der Christen, die in den vergangenen Tagen in verschiedenen Ländern Glaubensfanatikern zum Opfer fielen.
   „Wie viele Stephanus gibt es in diesen Tagen in der Welt! Denken wir an unsere an einem libyschen Strand niedergemetzelten Brüder, denken wir an den Jungen, der angezündet wurde, weil er Christ war, und denken wir an die Migranten, die von anderen auf hoher See ins Meer geworfen wurden, weil sie Christen waren! Denken wir an die vielen anderen Menschen, die wir nicht kennen und die in Gefängnissen leiden, weil sie Christen sind! Unsere Kirche ist heute eine Kirche der Märtyrer: Diese Menschen leiden und geben ihr Leben, und wir erhalten Gottes Segen durch ihr Zeugnis.“
   Der Papst erwähnte hier unter anderem einen Vorfall, über den italienische Medien in den vergangenen Tagen berichteten: Muslimische Migranten sollen christliche Flüchtlinge von einem Boot ins Mittelmeer gestoßen haben.
   Wie Jesus habe auch Stephanus im Prozess, der ihm vom Hohen Rat gemacht wurde, mit falschen Zeugen und Ungläubigen zu tun gehabt, so Papst Franziskus unter Verweis auf die Lesung aus der Apostelgeschichte. Der erste Märtyrer der Christenheit habe standhaft seine Vision Gottes wiedergegeben und an die Propheten erinnert, die für ihre Überzeugung starben. Dies war seinen Verfolgern ein Dorn im Auge: „Das Wort Gottes missfällt immer gewissen Herzen. Das Wort Gottes stört, wenn du ein hartes Herz hast, ein ungläubiges Herz, weil das Wort Gottes dich dazu treibt, weiterzugehen und das Brot zu suchen, von dem Jesus sprach, und deinen Hunger daran zu stillen. In der Offenbarungsgeschichte sind viele Märtyrer wegen ihrer Treue zum Wort Gottes, zur Wahrheit Gottes getötet worden.“
   So wie Stephanus seien heute auch viele Christen Opfer der Verfolgung durch „moderne Hohe Räte“, die sich für die Herren der Wahrheit hielten, fuhr der Papst fort. Viele dieser Unterdrückten würden nicht von der Berichterstattung der Medien erfasst und  schlichtweg vergessen, so der Papst: „Das sind so viele versteckte Märtyrer, die – um ihrer Familie treu zu sein – sehr für ihre Treue leiden. Vereinen wir uns in der Eucharistie mit Jesus und mit all jenen Brüdern und Schwestern, die das Martyrium der Verfolgung, der Verleumdung und der Tötung leiden, um dem einzigen Brot treu zu sein, das sättigt: Jesus.“ Rv150421pr

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