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Kirche & Moschee

Sie lesen auf dieser Seite:
1. Felix Körner: Neue islamische Theologie
2. Prof. Dr. Mehmet Pacaci ist neuer Botschafter der Türkei im Vatikan
3. Pater Samir SJ: Warum kann der Libanon eine Botschaft sein?
4. Iranische Delegation besucht den Vatikan
5. Katholisch-Islamisches Forum gegründet
6. Papst Benedikt empfängt in Paris Vertreter der islamischen Gemeinde
7. Botschafter islamischer Länder im Vatikan
8.  Papst lädt islamische Gelehrte nach Romein - Seminar mit islamischen Religionsführern geplant
9. Abdullah bin Abdulaziz al-Saud, König von Saudi-Arabien besucht Papst Benedikt XVI.
10. Der Vatikan unterhält diplomatische Beziehungen zu den Emiraten
11. Die saudische Polizeit hat einen Priester und zwölf Christen bei einem Gottesdienst verhaftet
12 Hissa Abdulla Ahmed Al-Otaiba erste diplomatische Vertreterin der VA-Emirate beim Heiligen Stuhl
13. Einweihung der ersten katholischen Kirche in Katar
14. Katholische-Islamisches Forum tritt in Rom zusammen
15. Katholiken und Schiiten einigen sich in Rom auf gemeinsame Leitsätze
16. Walter Kardinal Kasper: Dialog mit dem Islam schwierig
17. Bundespräsident Christian Wulf zum Staatsbesuch in der Türkei
18. Christen in der Türkei
19. Wird die Paulus-Kirche in Tarsus wieder für Gottesdienste geöffnet?
20. Interreligiöser Dialog: Glaube, Geschichte und Wissenschaft gehen miteinander einher
21. Prof. Dr. Manfred Spieker: Notwendigkeit und Grenzen des interreligiösen Dialogs

Der aktuelle Dialog zwischen Kirche und Moschee findet seine feste Begründung im II. Vatikanischen Konzil, in der Regensburger Vorlesung des Papstes und den Einladungen führender moslemischer Gelehrter. Darüber berichten wir unter > Dialog der Religionen. Hier lesen Sie über die Fortschritte der Annäherung zwischen Kirche und Moschee.

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Neue islamische Theologie  - Felix Körner Foto über eine modernistische Koranexegese in Ankara

   Ist der Islam offen für verschiedene Auslegungen seiner Tradition? Angesichts der aktuellen Konfliktlage ist das eine Schlüsselfrage. Wir stehen vor unterschiedlichen Religiositäten: Für die Muslime ist die bildliche Darstellung ihres Propheten tabu, während in der christlichen Kunst mit dem Ende des Ikonoklasmus alle Bilderverbote gefallen sind. Zudem ist für die Muslime der Koran das in Buchstaben gegossene, das unmittelbare und damit auch unabwandelbare Wort Gottes. Im Christentum hingegen ist Gottes Wort Fleisch geworden, aufgeschrieben von Menschen. Dem Christentum ist die historisch-kritische Bibelexegese damit fast in die theologische Wiege gelegt worden. Der Islam scheint jedoch an einmal formulierte Überlieferungen gekettet zu sein, ohne Chance zur Weiterentwicklung.
   In den Bildern eines Mobs, der Flaggen verbrennt und dänische Botschaften anzündet, mag dieser erste Befund seine Bestätigung finden. Vorbei geht er indessen an der Wirklichkeit der vielfältigen theologischen Auseinandersetzungen mit dem heiligen Buch der Muslime. Unbestritten ist, daß sich nach wie vor die meisten muslimischen Theologen eher mit der Tradition als mit der Theologie beschäftigen, daß sie eher Kopisten der Vergangenheit sind als kreative Denker. Daß ihnen auch die Formen der Ästhetik wichtiger sind als das Nachdenken über den Inhalt. Der liberale muslimische Denker Fazlur Rahman (1919 bis 1988) hatte beklagt, wie diese Traditionalisierung den Reichtum der koranischen Theologie verkümmern lasse und daß man sich damit die Chance vergebe, Anknüpfungspunkte an die Moderne zu finden.
   Allen Bildern der haßerfüllten Prediger und der grimmig dreinblickenden Bärtigen zum Trotz: Auch in die islamische Welt ist Bewegung geraten. Von einem wichtigen neuen Ansatz der Koranexegese berichtet eine Studie des deutschen Jesuiten Felix Körber, der seit vielen Jahren in Ankara lebt. Mit seiner Arbeit füllt er eine Lücke: Erstmals liegt nun eine Arbeit vor über die jüngere Koranforschung in der Türkei, und erstmals zeigt er, wie deutsche Philosophie, insbesondere Gadamers Hermeneutik, Eingang gefunden hat in die Methoden jüngerer türkischer Islamtheologen. Über die Schulter schaute Körner vier von ihnen: Mehmet Pacaci und Adil Ciftci, Ömer Özsöy und Ilhami Güler.
   Mehmet Pacaci wurde 1959 in der türkischen Provinzstadt Bolu geboren. Seine Studien führten ihn nach Saudi- Arabien und nach Manchester, geforscht hat er zudem in Rom und in Bamberg. Heute lehrt er an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara. Als einer der ersten islamischen Theologen liest er auch die heiligen Bücher der Juden und der Christen - und das in deren Originalsprachen.
   Sein Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, daß die Prinzipien des Koran universelle Gültigkeit besitzen, daß der Koran aber in einem historischen Kontext offenbart worden ist und auf konkrete historische Situationen Bezug nimmt. "Einen Text zu verstehen bedeutet daher, ihn in jedem Moment neu zu verstehen", schreibt Pacaci einmal. Nie könnten Menschen ein vollständiges Verständnis entwickeln. Der Exeget sei stets von seiner Zeit geprägt. Daher müsse sich auch die Umsetzung der Prinzipien des Korans in dem Maße ändern, wie sich die historischen Situationen veränderten, lehrt Pacaci. FAZ060222

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Prof. Dr. Mehmet Pacaci ist der neue Botschafter der Türkei  ...

 ... beim Heiligen Stuhl sein. Er ist wie schon sein Vorgänger ein Islamwissenschaftler. Pacaci übergab Papst Franziskus am Montag sein Beglaubigungsschreiben. Zuletzt war der 65-Jährige in der Zentrale des türkischen Religionsamtes in Ankara für Außenbeziehungen zuständig. Pacaci studierte Islamische Theologie an der Universität in der türkischen Hauptstadt und lehrte dort von 1992 bis 2008 als Professor. Die folgenden drei Jahre beriet er als Mitglied des Religionsamtes die türkische Botschaft in Washington (USA) in religionspolitischen und sozialen Fragen. Der deutsche Jesuit Felix Körner, der mehrere Jahre in Ankara gearbeitet hat und jetzt in Rom lehrt, begrüßt die Berufung Pacacis. Damit setze die Türkei ihre dialogorientierte Linie gegenüber dem Vatikan fort. Rv141117

   Ein Bericht der türkischen Botschaft beim Heiligen Stuhl berichtet über Einzelheiten einer Papstaudienz für einen wichtigen Vertreter des Islam. Franziskus hat den Generalsekretär der „Organisation der Islamischen Konferenz (OIC)“, Ekmeleddin İhsanoğlu, im Vatikan empfangen. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand die Notwendigkeit, mit vereinten Kräften den religiösen Pluralismus und die kulturelle Vielfalt zu unterstützen und damit gleichzeitig Fanatismus und Vorurteilen entgegenzuwirken. Dies meldet die Agentur asianews an diesem Montag unter Bezug auf den Bericht der türkischen Botschaft. İhsanoğlu habe dem Papst eine „historische Versöhnung“ zwischen Islam und Christentum vorgeschlagen. Diese solle auf den gemeinsamen abrahamitischen Wurzeln basieren und eine Stütze für Multikulturalismus und eine harmonische Gesellschaft sein. Außerdem seien sich beide einig gewesen, dass der interreligiöse Dialog eine Bedingung für den Frieden in der Welt darstelle. Die Organisation der Islamischen Konferenz gibt es seit 1971, insgesamt 57 Staaten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung sind Mitglied. RV131217asianews

is-PSamirKhalilSamirSJ-x     „Warum kann der Libanon eine Botschaft sein?“ 

   Für die päpstliche Botschaft an die Christen des Nahen Ostens hätte Benedikt XVI. kein besseres Reiseziel wählen können als den Libanon, denn das Land ist heute „Zentrum der arabischen Welt“. Davon ist der ägypti- sche Islamexperte und Jesuit Samir Khalil Samir Foto überzeugt. Im Gespräch mit Radio Vatikan geht er auf die be- sondere Bedeutung ein, die das Land heute und in der Geschichte in der Region spielt und gespielt hat. Pater Samir, Vatikan-Berater in Islamfragen und Dozent in Rom und Beirut, äußerte sich am Rande einer Konferenz zur Lage der Christen in Nahost, die im Päpstlichen Maronitischen Kolleg in Rom stattfand:
  „Der Papst wird den Christen sagen: Ihr habt eine Mission, der Libanon ist nicht zufällig ein solch freies Land. Und es ist auch kein Zufall, dass die ,Nahda‘, die Renaissance der arabischen Welt, aus dem Libanon nach Ägypten kam. Das wird die Botschaft sein, kulturell, soziologisch, aber auch geistlich-spirituell: Die Christen haben eine Mission. Sie müssen dort bleiben – nicht wegen des Klimas, Geldes, der Landschaft – nein, sie müssen bleiben, weil sie eine Mission in der arabischen Welt haben. Und wir müssen diese Mission neu entdecken. Wir haben dieses Gefühl verloren, jeder denkt an seine Gemeinschaft und kleine Gruppe – es wäre schlimm, wenn das so bleibt.“
   Im Libanon stellen Muslime und Christen die größten Religionsgemeinschaften, in der politischen Führung des Landes müssen beide Religionen vertreten sein. Somit haben die Christen im Libanon im Kontrast zu den anderen Ländern der Region mehr Entscheidungsgewalt. Pater Samir nennt weitere Beispiele für die Sonderstellung des Landes:
   „Der Libanon ist tatsächlich ein besonderer Staat im Nahen Osten, der einzige, der arabisch ist, aber nicht muslimisch. Dazu kommt, dass der Libanon heute das Zentrum der arabischen Welt ist. All diejenigen, die irgend- etwas schreiben sollen, das nicht ,klassisch‘ ist und mit ,mehr Freiheit‘ zu tun hat, schreiben im Libanon, seien es Ägypter, auch Leute aus Marokko, Tunesien oder andere. Früher war Ägypten das Zentrum, heute ist es der Libanon. Der Libanon ist ein freies Land. Ein Beispiel: Im Libanon gibt es eine staatliche Universität und 41 freie Universitäten. Dieselbe Vielfalt gilt für die Medien, Radio, Fernsehen – es gibt mehr freie Medien als nationale. Das ist typisch für den Libanon.“
   Papst Johannes Paul II. hatte bei seinem historischen Besuch in Beirut im Jahr 1997 an die Christen appelliert, in der Region zu bleiben. Da lagen der erste Libanonkrieg und die erste Intifada der Palästinenser nur wenige Jahre zurück. Johannes Paul habe auch bei den Muslimen damals tiefen Eindruck hinterlassen, erzählt Pater Samir:
   „Ich glaube, dass das, was der frühere Papst gesagt hat, nämlich dass der Libanon mehr als ein Land ist, eine Botschaft für die Welt ist. Das wird heute von allen Muslimen noch immer wiederholt! Und ich glaube, das bleibt. Die Frage ist heute: Warum ist der Libanon eine Botschaft? Und ich hoffe, dass der Papst dieses Thema auch weiterführen wird. Er ist eine Botschaft durch die Christen, die das Evangelium durch ihre Kultur und all das weitergeben.“
   Sorgt die Krise im benachbarten Syrien denn aktuell im Libanon für neue religiöse und politische Spannungen? Der Pater beschwichtigt: Momentan seien wenige Auswirkungen der Syrien-Krise spürbar. Freilich könnte die Lage durch den Flüchtlingsstrom eine dramatische Wende nehmen und gefährlich werden. Mit dem Feuer spielen wolle aber keine Partei im Libanon, da ist sich der Islamfachmann ganz sicher:
  „Ich glaube, der ganze Libanon und auch die Hisbollah weiß, dass man mit diesem Thema nicht spielen kann. Syrien, ich meine die Regierung, versucht auch, die Leute nicht in den Libanon fliehen zu lassen.“
   Der päpstliche Nuntius in Damaskus, Erzbischof Mario Zenari, hatte jüngst einen gemeinsamen Friedensappell aller im Land vertretenen Religionen angeregt. Ob ein solcher Appell die politischen Fronten überhaupt beein- drucken würde, kann Pater Samir auch nicht beantworten. Er ist sich aber sicher:
   „Dass wir alle, Vertreter aller Religionen sagen müssen: Der Frieden ist die erste Pflicht. Es gibt keine andere Möglichkeit als eine friedliche Botschaft mit allen Stimmen, mit allen Gruppen der Christen und Muslime, der ganzen Nation, die heute durch ihre geistlichen Führer repräsentiert wird. Und ich hoffe – ja, ich werde auch selbst in diesem Sinne etwas tun, wenn ich morgen zurück nach Beirut fliege!“   RV120505p

Kardinal Jean Louis Tauran   cdJean-LouisTauran--x   Iranische Delegation besuchte den Vatikan

   Zu einem fünftägigen Besuch hielt sich eine vierköpfige Delegation iranischer Parlamentarier im Vatikan auf. Es handele sich um hohe schiitische Geistliche aus dem Islamischen Konsultativrat, meldete die staatliche iranische Nachrichtenagentur Fars. Die geistlichen Politiker wollten interreligiöse Gespräche führen und verschiedene päpst- liche Akademien besuchen. Der Heilige Stuhl hat den Besuch bisher nicht bestätigt. Es gebe „seit langem gute" Beziehungen, meldete Fars. So habe Erzbischof Edmond Fahat im Juni an der „Internationalen Konferenz gegen Terrorismus" in Iran teilgenommen. Vor einem Jahr hielt sich offenbar Jean-Louis Kardinal Tauran in Teheran auf und traf dort Präsident Ahmadineschad. Tauran ist der Präsident des Rates für den Interreligiösen Dialog und war nun Gastgeber der Iraner.
   Der Organisation „Open Doors" zufolge ist Iran nach Nordkorea das zweitgefährlichste Land für Christen auf Erden. Derzeit droht dem Priester Yosef Nadarkhani in der Stadt Rasht am Kaspischen Meer die Todesstrafe. Im Oktober 2009 wurde er verhaftet, als er seine Kirche registrieren lassen wollte, im September 2010 wegen „Gotteslästerung" verurteilt. Er könnte er exekutiert werden, berichtet die Organisation „Christian Solidarity worldwide". FAZ110930jöb

diaCristianTrollSJx AbdelHakimMuradWinter B-cd.Tauran-x

Foto von  links nach rehts: Pater Christian W. Troll SJ, Scheich Abdal Hakim Murad Winter, 
Kardinal Tauran mit Benedikt XVI. - Katholisch-Islamisches Forum gegründet.

   Das Gespräch zwischen Katholiken und Moslems geht auf höherer Ebene weiter. Das vereinbarte Kardinal Jean- Louis Tauran jetzt mit islamischen Gelehrten. Im Vatikan traf sich eine Delegation von Islam-Gelehrten mit einem vatikanischen Team. Dabei wurde die Gründung eines „Katholisch-Islamischen Forums” vereinbart. Es soll in Rom je 24 hochrangige Vertreter der beiden Religionen zu einer Konferenz zusammenbringen. Der deutsche Jesuiten- pater Christian Troll ist einer der profiliertesten Kenner des Islams und war beim Treffen im Vatikan dabei. Er berichtet im Gespräch mit Radio Vatikan:
   „Es war ein dreitägiges Seminar: zwei Arbeitstage und ein Tag mit einem Besuch beim Papst und einer öffent- lichen Sitzung. Der muslimischen Delegation lag sehr viel daran, dass das Hauptthema des Briefes - das Doppel- gebet der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten - dort reflektiert wird.”
   Der Papst hat die Teilnehmer im Vatikan empfangen. Das Thema Gottes- und Nächstenliebe hatte schon in dem Dialog-Brief eine Rolle gespielt, den 138 namhafte Moslems an die Christenheit geschrieben haben. Nach Eingang dieses Briefes hatte der Papst Interesse an einem intensiveren Dialog gezeigt. Daraufhin hatten die Unterzeichner des Schreibens in diesen Tagen eine Delegation in den Vatikan geschickt, um die Vorgehensweise abzusprechen.
   An der Spitze der islamischen Delegation stand Scheich Abdal Hakim Murad Winter, der im britischen Cambridge lehrt; zum ersten Mal sprechen damit Vertreter verschiedener islamischer Strömungen aus 43 Ländern mit einer Stimme. Die Gespräche im Vatikan seien in guter Atmosphäre verlaufen, sagt Pater Troll.
   „Regensburg (d.h. die Regensburger Rede des Papstes >Dialog der Religionen) wurde erwähnt; das hat dann doch überrascht, wie sehr doch noch zum Ausdruck gebracht wurde, wie sehr das schockiert habe ... dass da noch Wunden offen seien und dass man dankbar sein sollte auf unserer Seite, dass man auf muslimischer Seite jetzt zum Positiven übergehe. So wurde das nicht gesagt, aber ich denke mal, dass der Offene Brief und seine Thematik natürlich auch mitbedingt sind durch die Regensburger Rede und alles, was dann folgte. Hier wurde an einem Punkt gesagt, man solle nicht so leicht der Regensburger Rede den Kredit geben, dass da ja so viel Positives herausgekommen sei - nein, das sei eine Wunde.”
  Aber man müsse doch auch sagen, findet Pater Troll, „dass die Art und Weise, wie da gesprochen wurde und wie man jetzt auf wichtige Themen kommt, eben doch - ob man es will oder nicht - durch diesen Paradigmenwechsel im Dialog, den die Regensburg-Rede eingeleitet hat, zustande gekommen ist. Diese Rede hat dazu geführt, dass man jetzt mal bewusst über das Atmosphärische hinaus zu zentralen Themen spricht.”  rv080305sk

Begegnung in Paris B-336FPislx

   Zu Beginn seiner Ansprache begrüßte Papst Benedikt XVI bei seinem Besuch in Paris die Vertreter der muslimischen Gemeinde Frankreichs und dankte ihnen für die Teilnahme an der Begegnung. Damit verband er seine besten Wünsche für den Fastenmonat Ramadan. Auf unserem Bild der Heilige Vater mit dem Rektor der Großen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur. OR080819

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Foto links: Botschafter islamischer Länder im Vatikan. Foto rechts: Tarcisio Kardinal Bertone
begrüßt Frau Nevine Simaika Halim, Botschafterin der arabischen Republik Ägypten

   Nach der Regensburger Vorlesung empfing Papst Benedikt XVI. die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Botschafter muslimischer Länder und Vertreter muslimischer Gemeinden in Italien in Audienz. Bei dieser Gelegenheit wies Benedikt alle in den Medien und auch anderswo unternommenen Instrumentalisierungsversuche zurück, die sein Handeln in Gegensatz zu dem seines verehrten Vorgängers stellen wollten und betonte: „Das von meinem Vor- gänger Papst Johannes Paul II. begonnene Werk fortsetzend, wünsche ich daher zutiefst, dass die vertrauens- vollen Beziehungen, die sich seit vielen Jahren zwischen Christen und Muslimen entwickelt haben, nicht nur fort- bestehen, sondern sich in einem Geist des aufrichtigen und respektvollen Dialogs weiterentwickeln; eines Dialogs, der auf eine immer wahrheitsgemäßere gegenseitige Kenntnis gründen muss, die mit Freude unsere gemeinsamen religiösen Werte anerkennt und die Unterschiede in loyaler Haltung respektiert.” Dann fügte er an: „Auch müssen Christen und Muslime in Treue zu den Lehren ihrer je eigenen religiösen Traditionen lernen zusammenzuarbeiten, wie das bereits in verschiedenen gemeinsamen Erfahrungen geschieht; das ist notwendig, um sich vor jeder Form von Intoleranz zu schützen und jeder Manifestation von Gewalt entgegenzutreten.”
   Es war kein Zufall, wenn der Papst - nachdem er den Bischof der größten katholischen Gemeinschaft des Nahen Ostens in Audienz empfangen hatte - beim Angelusgebet sagte: „Liebe Brüder und Schwestern! Gestern hatte ich die Freude, dem Patriarchen von Babylon der Chaldäer Emmanuel III. Delly zu begegnen. Er hat mir von der tragi- schen Situation berichtet, der die geliebte Bevölkerung des Irak tagtäglich gegenübersteht, in einem Land, in dem Christen und Muslime seit 14 Jahrhunderten als Söhne und Töchter derselben Heimat zusammenleben. Ich hoffe, dass sich diese Bande der Brüderlichkeit unter ihnen nicht lockern. Mit der Zusicherung meiner geistlichen Nähe lade ich alle ein, mit mir zusammen Gott den Allmächtigen um das Geschenk des Friedens und der Eintracht für dieses gemarterte Land zu bitten.”
   Das Christentum ist gewiss nicht auf den Westen beschränkt und identifiziert sich auch nicht mit ihm. Doch nur durch die Festigung einer dynamischen und kreativen Beziehung zu ihrer eigenen christlichen Geschichte kann der westlichen Demokratie und Kultur neuer Auftrieb und Ansporn gegeben werden. Der Groll gegen den Islam, den viele im Herzen tragen, muss ausgemerzt werden, trotz der Gefährdung des Lebens vieler Christen. Und schließlich ist auch die entschiedene Ablehnung von Formen der Verhöhnung der Religion - ich meine hier auch die respektlosen satirischen Karikaturen, die Anfang des Jahres die Gemüter vieler Muslime erhitzten - unabdingbare Voraussetzung für die Verurteilung von deren Instrumentalisierung. Es geht aber im Grunde gar nicht um den Re- spekt vor den religiösen Symbolen. Das, worum es geht, ist einfach und radikal: es geht darum, die Menschen- würde der gläubigen Muslime zu wahren. Bei einer diesbezüglichen Debatte meinte eine in Italien geborene Mus- limin: „Der Prophet ist für uns nicht Gott, aber wir lieben ihn.” Und zumindest dieses tiefe Gefühl muss man respektieren! Das Kriterium, das für das Verhalten den gläubigen Muslimen, aber auch den Terroristen gegenüber bestimmend sein muss, ist nicht der Nutzen oder Schaden, sondern die Menschenwürde. Im Mittelpunkt der Be- ziehung zwischen Kirche und Islam steht also zuallererst die Förderung der Würde einer jeden Person und die Erziehung zur Wahrnehmung und Gewähr der Menschenrechte. An zweiter Stelle, und in Verbindung mit dieser Vorbedingung, dürfen wir nicht darauf verzichten, das Evangelium anzubieten und zu verkündigen, auch den Muslimen, und zwar in einer Art und Weise, die der Freiheit des Glaubensbekenntnisses den größtmöglichen Respekt entgegenbringt.
   Zur Erreichung dieser Ziele schlägt der Heilige Stuhl vor, die Apostolischen Nuntiaturen in den Ländern mit musli- mischer Mehrheit bestmöglich zu fördern, um eine bessere Kenntnis der Positionen des Heiligen Stuhls, und, wenn möglich, auch eine Übereinstimmung mit diesen zu erreichen. Ich denke auch an einen eventuellen Ausbau der Beziehungen zur Arabischen Liga, die ihren Sitz in Ägypten hat, auch im Hinblick auf die Kompetenzen dieser inter- nationalen Organisation. Der Heilige Stuhl ist auch für die Anknüpfung kultureller Beziehungen zwischen den katholischen Universitäten und den Universitäten der arabischen Länder sowie zwischen Männern und Frauen aus der Welt der Kultur. Ein Dialog zwischen ihnen ist möglich und - wie ich sagen würde - auch fruchtbar. Ich kann mich an einige internationale Kongresse zu interdisziplinären Themen erinnern, die wir an der Päpstlichen Lateran- Universität abgehalten haben, beispielsweise den über die Menschenrechte, die Auffassung von Familie, Ge- rechtigkeit und Wirtschaft.
   Dieser Weg des Dialogs mit den intellektuellen Eliten muss weiter beschritten und ausgebaut werden, in der zuversichtlichen Hoffnung, allmählich zu den Massen vorzudringen, um deren Einstellung zu ändern und ihr Be- wusstsein zu formen. Gerade um diesen Dialog zu erleichtern, hat der Heilige Stuhl mit einem systematischeren Gebrauch der arabischen Sprache im Kommunikationssystem begonnen, einem Weg, den er auch weiter be- schreiten wird.
   Das Ganze stets in dem Bewusstsein, dass der Schutz jenes schlichten, stets bedrohten, von Gott aber doch so sehr geliebten Bildes - seiner selbst willen, wie es im Zweiten Vatikanischen Konzil heißt - der menschlichen Person das erhabenste Zeugnis ist, das die religiösen und biblischen Traditionen der Welt anbieten können.
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Papst lädt Muslime nach Rom ein: Seminar mit 138 islamischen Religionsführern geplant

138 prominenten Muslime aus allen Kontinenten hatten an den Papst und andere christliche Kirchenführer einen offenen Brief geschrieben, in dem sie sich für Dialog und Zusammenarbeit zwischen den Religionen einsetzten. Sie distanzierten sich von extremistischen Kräften innerhalb des Islams und von fundamentalistischen Interpreta- tionen des Korans. Einen Monat später antwortete Benedikt XVI. zustimmend auf das Dialogangebot in einem Schreiben, das an den ranghöchsten Unterzeichner des offenen Briefes adressiert war: an den jordanischen Prin- zen Ghazi bin Muhammad bin Talal. Talal schrieb jüngst in einem Brief an Kardinalstaatssekretär Bertone, dass diese Initiative weiterentwickelt werden und in konkrete Handlungen münden müsse. Der jordanische Prinz bezog sich auch auf das Treffen zwischen dem Papst und dem saudiarabischen König Abdullah im Vatikan. Der Papst und der König zeigten sich während dieses Treffens einig darüber, dass es die moderaten, nicht-fundamentalistischen Kräfte innerhalb der religiösen Gemeinschaften zu stärken gelte. Der Vatikan hatte sogar in einem offiziellen Kommunique nach dem Treffen den „Wert der Zusammenarbeit zwischen Christen, Muslimen und Juden (!) für die Förderung des Friedens, der Gerechtigkeit sowie der geistlichen und moralischen Werte” gelobt, ohne dass der saudische Hof widersprach.
   Auch durch diesen Besuch des Königs von Saudi-Arabien sei es möglich, so teilte der Vatikan jetzt mit, nicht nur einen Dialog über streng religiöse Fragen zu führen, sondern auch Probleme zu erörtern, die sich angesichts der Rolle und der Bedeutung der Religion in der modernen Gesellschaft überhaupt stellten. Die Initiative der 138 muslimischen Prominenten und ihre Weiterführung böten die Chance, Spannungen abzubauen, die aus religiösem Extremismus herrührten.
   Benedikt XVI. hat eine Gruppe von 138 muslimischen Religionsführern und Intellektuellen zu einem Seminar nach Rom eingeladen. Die Gruppe der islamischen Gelehrten, die sich für bessere Beziehungen zwischen Muslimen und Christen engagiert, stimmte dem Treffen zu. Nach dem Willen des Vatikans sollen der vatikanische „Rat für den interreligiösen Dialog” und das vatikanische „Institut für islamische Studien” die politische Federführung übernehmen, die wissenschaftliche Leitung liegt in den Händen von Jesuiten der Gregoriana-Universität in Rom. Der Papst wird nicht nur die katholischen und muslimischen Teilnehmer des Treffens in einer Audienz empfangen, sondern auch die Schirmherrschaft übernehmen. FAZhjf071229

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   Die Antwort des Papstes auf das Schreiben der 138 muslimischen Gelehrten wurde im Vatikan veröffentlicht. In der Botschaft, die von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone Foto oben unterzeichnet ist und die in einer Ein- ladung einer kleineren Gruppe dieser Gelehrten zum Gespräch mit dem Papst mündet, heißt es: „Ohne unsere Verschiedenheiten als Christen und Muslime zu übergehen oder herunterzuspielen, können und sollten wir daher auch auf das schauen, was uns eint, nämlich auf den Glaube an den einen Gott, den vorausschauenden Schöpfer und universalen Richter, der am Ende der Zeiten jede Person so behandeln wird, wie es seine oder ihre Taten ver- dienen. Wir sind alle dazu aufgerufen, uns ganz in seinen Dienst zu stellen und seinem heiligen Willen zu gehor- chen.”
  Nie hatte es einen solchen Dialog zwischen Christen und Muslimen gegeben, wie ihn jetzt der Papst und Vertreter der unterschiedlichsten muslimischen Glaubensrichtungen aufgenommen haben und weiterführen wollen. DTGuidoHorst071201
   Die Antwort des Papstes an die 138 Islamgelehrten, die in einem offenen Brief an Benedikt XVI. und andere christliche Religionsführer einen Dialog vorgeschlagen hatten, läutet eine neue Ära in den Beziehungen zwischen Islam und Christentum ein. Davon ist Kardinal Jean-Louis Tauran überzeugt, der Präsident des päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog.
   „Ich glaube wirklich, dass wir damit ein neues Kapitel aufschlagen. Natürlich ist damit noch nichts gelöst, und es wäre geradezu schädlich, wenn man nun angesichts dieses Briefes sagen würde: Endlich gibt es keine Probleme mehr. Ich denke, die Probleme existieren. Wichtig ist jetzt vor allem, Relativismus zu vermeiden, also zu sagen: nun, im Grund sind alle Religionen gleich, es ist derselbe Gott – nein. Was wir sagen, ist: Alle, die Gott suchen, haben die gleiche Würde. Darin liegt der Sinn des interreligiösen Dialogs.”
   Papst Benedikt hatte in seiner Antwort auf den Brief der Islamgelehrten einen direkten Gedankenaustausch vorgeschlagen – mit ihm selbst, aber auch auf Arbeitsebene. Daran sollen von vatikanischer Seite der Dialograt, das päpstliche Institut für Islamwissenschaften und die Gregoriana-Universität mitwirken. Für die Abwicklung dieser Gespräche hat Tauran bereits konkretere Vorstellungen:
   „Nach dieser Sitzung wird der Heilige Vater wohl alle jene in Audienz empfangen, die an dieser Initiative beteiligt waren, um sie zu ermuntern, den Dialog fortzusetzen. Und eines Tages dann, denke ich, muss man wohl anfan- gen, sich über die Frage der Menschenrechte und das Prinzip der Gegenseitigkeit auszutauschen. Was also für einen Gläubigen in einem Land recht ist, muss auch für einen Gläubigen in einem anderen Land billig sein. So wie die Moslems in Europa Moscheen haben, um zu beten und ihren Glauben zu praktizieren, was völlig normal ist, muss Ähnliches auch für Christen gelten, die in Ländern  mit  islamischer Mehrheit leben. Das ist seit vielen Jahren ein Wunsch.”
   Kardinal Tauran denkt überdies, dass der Heilige Stuhl unter Benedikt XVI. den interreligiösen Dialog als eine seiner Prioritäten ansieht. „Wenn man die Summe aus allen Äußerungen des Papstes zieht, steht fest, dass die Ökumene und der interreligiöse Dialog Prioritäten sind. Sowie es auf diplomatischen Feld der Nahe Osten und China sind.”   rv071201gs

Dialog mit dem Islam  Der-König-von-Saudi-Ar-xx

König von Saudi-Arabien, Abdullah bin Abdulaziz al-Saud und Papst Benedikt XVI.
Lehren aus der Religionsgeschichte - Der päpstliche Dialog mit dem Islam

   Jetzt gewinnt der abstrakte Dialog eine neue Dimension. Das Gespräch der beiden größten Weltreligionen, der katholischen Kirche und des Islams, die beide weit mehr als jeweils eine Milliarde Anhänger zählen, wird politisch. Wenn man denn das vielschichtige und verwirrende Beziehungsgeflecht zwischen den beiden Giganten auf den verschiedenen Ebenen als „Gespräch” bezeichnen kann. Doch man will unter der Schirmherrschaft Papst Benedikts XVI. über Religion und Politik reden, besonders auch über deren Beziehungen zueinander. Es wird in der Verdich- tung ganz oben mit dem Papst ein völlig anderer „Dialog”, als er bisher vom Vatikan - schonend für den Partner - betrieben wurde und wofür es in Rom eine eigene päpstliches Dienststelle gibt, den „Rat für den Interreligiösen Dialog” unter Leitung des französischen Kardinals Tauran, mit einer besonderen „Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Muslimen”.
   Nicht dort vollzieht sich der auffallende Qualitätssprung in den Beziehungen. Denn den „Dialog-Rat” gibt es schon seit 1964, als ihn Papst Paul VI. im offenen Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) und mit dessen Erklärung vom Oktober 1965 Nostra AetateText über die nichtchristlichen Religionen (die jüdische einge- schlossen) ins Leben rief. Die Kommission besteht und berät seit 1974. „Rat” und „Kommission” haben in der Zwi- schenzeit mit muslimischen Gesprächspartnern vieles herausgefunden, das beiden Religionen gemeinsam er- scheint, vom Stammvater Abraham bis zu dem einen barmherzigen und gnädigen Gott. Über Politik und eine zeit- gemäße Ordnung der Gesellschaft wurde dabei jedoch nicht gesprochen.
   Erst jetzt hat ein Muslim mit Autorität, versehen mit religiöser Absicherung und mit Berufung auf den saudischen König Abdullah, das Angebot unterbreitet, über beides - auf höchster Ebene, also mit ver- pflichtender Kraft - zu sprechen, über Religion und Politik und ihre Verbindungen:
   Prinz Ghazi bin Muhammad bin Talal von Jordanien, Präsident des „Königlichen Aal al Bayt Instituts für Islami- sches Denken” in Amman - in einem offiziellen Schreiben an den vatikanischen Kardinalstaatssekretär Bertone, den „Premierminister” Papst Benedikts XVI. Dass der wesentliche Inhalt dieses Briefes jetzt von Radio Vatikan so nebenbei veröffentlicht wurde, dass man sich in Rom, in den vatikanischen Ämtern und an der von Jesuiten gelei- teten „Gregoriana”-Universität, in aller Stille darauf vorbereitet, lässt darauf schließen, um wie viel es dabei geht. Man möchte nicht durch vorlautes Geschrei mögliche gute Ergebnisse gefährden.
   Die Vorstufen sind denkwürdig. Im September 2006 hielt Benedikt in der Universität zu Regensburg eine Vorlesung über Glauben und Vernunft, die weltberühmt dadurch wurde, dass er durch ein Zitat aus dem Mittelalter (mit den „Kreuzzügen”, den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen um das Heilige Land) dem Propheten Mohammed, dem Gründer des Islams, „nur Schlechtes und Inhumanes” zuzuschreiben schien und Muslime in aller Welt sich darüber aufregten. Dafür hat sich Benedikt entschuldigt, über das geschul- dete Maß hinaus. Das war das eine. Den Wortlaut dieser “Regensburger Vorlesung” finden Sie auf unserer Seite > Dialog der Religionen
   Das andere Zukunftsweisende war, dass der Papst in Regensburg für einen Dialog der Kulturen und Religionen plädierte und die ganze Vorlesung um das Verhältnis von Glauben und Vernunft kreiste. Darauf antworteten schon einen Monat später 38 muslimische Gelehrte aus aller Welt mit der Bereitschaft zum Dialog und der Fähigkeit, über Glauben und Vernunft auch im Islam zu sprechen. Auch diesen Text finden Sie unserer Seite > Dialog der Religionen
   Ein weiteres Jahr später, Mitte Oktober 2007, waren es 138 prominente muslimische Gelehrte, die in einem offenen Brief an den Papst und andere christliche Kirchenführer das Thema erweiterten und ihre Dialogbereitschaft aufs Neue anboten. Text im Wortlaut > Dialog der Religionen. Der Prinz von Jordanien stand an ihrer Spitze. Benedikt antwortete Ende November zustimmend. Der Brief der 138 und das päpstliche Antwortschreiben fanden nicht die gebührende Aufmerksamkeit, weil beim ersten Termin der Papst die Liste der neuen Kardinäle bekannt- gab, beim zweiten die neue Enzyklika über die Hoffnung verkündet wurde.
   Zwischen beiden Daten hatte sich jedoch Historisches zugetragen. Papst Benedikt traf im Apostolischen Palast des Vatikans mit dem König von Saudi-Arabien, Abdallah bin Abdulaziz Al Saud, zusammen. Ihre Gespräche, so fasst es das Kommunique des vatikanischen Presseamts zusammen, „fanden in einem herzlichen Klima statt und erlaubten, Themen zu berühren, die den Gesprächspartnern am Herzen lagen. Im Besonderen wurden das Ein- treten für den interkulturellen und interreligiösen Dialog bekräftigt, mit dem Ziel eines friedlichen und fruchtbaren Zusammenlebens zwischen den Menschen und Völkern, sowie der Wert der Zusammenarbeit zwischen Christen, Muslimen und Juden für die Förderung von Frieden, Gerechtigkeit sowie der geistlichen und moralischen Werte, besonders zur Unterstützung der Familie.” Besondere Aufmerksamkeit verdient die ausdrückliche Erwähnung der Juden in diesem Zusammenhang. Der König von Saudi-Arabien, der Schutzherr der heiligen Stätten des Islams in Mekka und Medina, wusste, warum Benedikt zum privilegierten Dialogpartner der Muslime werden soll. Denn der Papst und die katholische Kirche haben alle Auseinandersetzungen zwischen Vernunft und Glauben, Wahrheit und Gewalt, Religion und Politik, die jetzt die Welt mit Blick auf den Islam in Angst und Schrecken versetzen, schon durchgemacht, und es gibt sie immer noch, nicht nur in Europa, nicht allein in der „westlichen” Welt.
   Benedikt warf die Frage der Gewalt in der Religion auf, und allmählich merken die Muslime, Politiker wie Reli- gionsführer, dass damit nicht nur die Verurteilung von Terroranschlägen gegen „den Westen” gemeint war, sondern Gewalt, die mit Berufung auf Gott innerhalb der eigenen muslimischen Staaten tobt und nicht nur zu internationalen Zusammenstößen, sondern auch zu religiösen Bürgerkriegen führen kann. Als solcher hatte der Dreißigjährige Krieg in Deutschland 1618 bis 1648 mehr für den Frieden der Konfessionen - und für das Ermatten der Religiosität und das Erstarken der Aufklärung - in Europa bewirkt als gutwillige Einsicht. Eine Neigung zur Gewalt gefährdet den Islam und seine unterschiedlichen Ausbildungen mehr als den Westen; diese Lehre kann man aus der Kirchengeschichte ableiten.
  Noch eingehender hatte Benedikt in Regensburg aus der Einsicht heraus gesprochen, dass eine Religion auf Dauer nicht gegen die menschliche Vernunft bestehen kann. Das zeigte der Papst wie selbstverständlich an den verschiedenen Aussagen im Koran über das Verhältnis zu den Ungläubigen; mal freundlich, wenn schwach, mal gewalttätig, wenn stark. Im Vatikan fürchtete man zuerst, dass diese Unterscheidung von orthodoxen Muslimen als der eigentliche Skandal ausgerufen würde. Vielleicht haben sie diese päpstliche Korankritik noch nicht so recht gemerkt oder bevorzugen die Tabuisierung, weil eine zu gründliche Beschäftigung mit dem Koran mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Die Unstimmigkeiten im Koran - der vielleicht nur noch befristet für ein unantastbares göttliches Buch gehalten wird mehr dazu > Koran - und in der muslimischen Religionsgeschichte werden ebenso befragt, bezweifelt, gedeutet werden, wie dies in der geisteswissenschaftlichen Bibelkritik und in einer Religions- Demontage in einer feindlich gesinnten Aufklärung geschah. Ganz zu schweigen davon, dass mit immer stärkerem Druck das Verhältnis zwischen Koran und der Moderne, dem Islam und der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts neu gefunden werden muss.
  Joseph Ratzinger hat dem Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft, zwischen Christsein und moderner Gesell- schaft einen Großteil seines theologischen Lebenswerkes gewidmet. Als Papst könnte er helfen, dass der Islam seinen Weg in die Moderne findet. Jetzt könnte dafür ein erster Schritt getan werden.
FAZHeinz-JoachimFischer 071230

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Foto links: Der König von Saudi-Arabien, Abdullah bin Abdulaziz al-Saud, bei Benedikt XVI. Foto rechts: das goldene, mit Edelsteinen verzierte Schwert, das der saudische Herrscher Papst Benedikt XVI. geschenkt hat.

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Diplomatische Beziehungen zu den Emiraten
   Der Vatikan und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) wollen volle diplomatische Beziehungen aufnehmen. Das geht aus einer gemeinsamen Mitteilung hervor. Geplant sei, einen Apostolischen Nuntius in den Öl-Staat am Persischen Golf zu entsenden.
   Umgekehrt benennen die Arabischen Emirate einen Botschafter, der sich beim Heiligen Stuhl akkreditieren wird. Der Vatikan hob in seiner Mitteilung die „herzlichen Beziehungen” zur Regierung unter Scheich Mohammed Bin Raschid El Maktum Foto oben hervor. Man hoffe auf die Erlaubnis, über die bereits bestehenden sieben Kirchen weitere katholische Kultstätten bauen zu dürfen. Die sieben Emirate mit ihren ungefähr vier Millionen Einwohnern haben einen Ausländeranteil von fast achtzig Prozent. Darunter sind zahlreiche katholische Gastarbeiter aus den asiatischen Ländern, etwa von den Philippinen. Der Vatikan schätzt die Zahl der Christen auf eine Million, die aus mehr als 100 Nationen stammen. Die Leitung der Seelsorge für die katholischen Christen liegt bei dem Schweizer Bischof Paul Hinder Foto oben rechts [Foto: Kirche in Not]. Der aus dem Bistum Basel stammende Kapuziner übernahm die Aufgabe mit Dienstsitz in Abu Dhabi im März 2005. Sein Zuständigkeitsbereich, das Apostolische Vikariat Arabien, umfasst neben den Vereinigten Arabischen Emiraten auch Katar, Oman, Saudi-Arabien, Jemen. DT070602  weitere Informationen zum Thema >
Kirche im Islam

Die saudische Polizei hat einen katholischen Priester und zwölf philippinische Teilnehmer eines Gottes- dienstes verhaftet. Das berichtet die saudische Tageszeitung „Arab News“. Der Gottesdienst sei eine Bekeh- rungsfeier gewesen, so die Beschuldigung der Behörden. Die Verhaftung fand in einem Hotel in der Hauptstadt Riad statt. Insgesamt sollen 150 Philippiner an dem geheimen Gottesdienst teilgenommen haben. Nach einer Intervention der philippinischen Botschaft wurden die Inhaftierten wieder auf freien Fuß gesetzt. In Saudi-Arabien lebt circa eine Million philippinischer Christen als Gastarbeiter. Das Feiern christlicher Gottesdienste wie auch das Zeigen christlicher Symbole in der Öffentlichkeit ist in Saudi-Arabien verboten. RV10100

Saudi-Arabien/Österreich
   Die Österreich-Sektion von „Christian Solidarity International“ (CSI) hat gegen einen Mordaufruf via Facebook protestiert. Auf der Webseite werde „unverhohlen der Tod des saudiarabischen Journalisten Hamsa Kaschgari gefordert“. Sein „Verbrechen" sei ein über Twitter verbreitetes fiktives Gespräch mit dem Propheten Mohammed. Nun fordern bereits mehr als 26.000 Personen bei Facebook den Tod des Journalisten. In einem Brief an die Face- book-Verantwortlichen zeigt sich CSI-Österreich entsetzt über Missachtung des Menschenrechts auf Religions- freiheit. Kaschgari hatte in seinem fiktiven Dialog mit dem Propheten Mohammed unter anderem geschrieben: „Ich habe bestimmte Aspekte von Dir geliebt, andere gehasst und viele nicht verstanden.“ Diese Aussagen entfachten in Saudi-Arabien einen Proteststurm. Der „Abfall vom Islam“ ist dort ein todeswürdiges Verbrechen. 2010 wurden mindestens 27 Todesurteile vollstreckt, teilte CSI mit.  RV120216kap

vat-AlOtaiba-       Hissa Abdulla Ahmed Al-Otaiba

    ist von den Vereinigten Arabischen Emiraten als erste diplomatische Vertreterin an den Heiligen Stuhl entsandt worden. Die 51-Jährige überreichte Benedikt XVI. im Vatikan ihr Beglaubigungsschreiben. Der Heilige Stuhl und der Golfstaat hatten bereits im Sommer 2007 diplomatische Beziehungen aufgenommen, aber erst jetzt war ein diplo- matischer Vertreter für Rom bestimmt worden.
   Die neue Botschafterin vertrat ihr Land bisher in Spanien. Zudem arbeitete die Wirtschaftswissenschaftlerin und Mutter von sechs Kindern für ein UN-Entwicklungsprogramm in ihrer Heimat. Der Papst hob hervor, dass in dem Golfstaat mittlerweile mehrere Kirchen errichtet worden seien und die öffentliche Hand die Grundstücke für diese Bauten gestiftet habe. Er habe dies „mit Genugtuung" zur Kenntnis genommen. Zugleich rief er die politische Füh- rung des Landes auf, ihre Anstrengungen für ein friedvolles Zusammenleben von Gastarbeitern und Einheimischen sowie den „sozialen Fortschritt" zu verstärken. Die mehreren hunderttausend Ausländer bereicherten das Land nicht nur durch ihre Arbeitskraft, sondern auch durch ihre Religion und Kultur. DT100522
   Von den etwa 4,8 Millionen Einwohnern der Emirate sind nach Angaben des Vatikans rund 580.000 Katholiken. FAZ100522jöb.

Khalifa-Al-ThaniKatar Katar,-Flagge

Erste katholische Kirche in Katar wird 2008 eingeweiht   Foto:   Flagge von Katar

  Die erste katholische Kirche im Golfstaat Katar am Persischen Golf ist jetzt eingeweiht worden. Einen Glockenturm oder ein von außen sichtbares Kreuz werde es entsprechend den rechtlichen Vorschriften nicht geben. Das Grundstück in der Hauptstadt Doha hatte der Emir von Katar, Khalifa Al-Thani Foto oben, gestiftet. Der Bau dient künftig gut 60.000 vor allem ausländischen Katholiken in Katar als Gotteshaus und Gemeindezentrum. Neben der eigentlichen Kirche, die „Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz” geweiht werden soll, umfasst der Komplex auch Tagungseinrichtungen, Gästeräume, eine Bibliothek und ein Café. Die überwiegende Mehrheit der in Katar leben- den Katholiken sind Gastarbeiter aus Asien. DTkna070927
   Der Präfekt der vatikanischen Missionskongregation, Kardinal Ivan Dias, hat gemeinsam mit dem Apostolischen Vikar von Arabien, Bischof Paul Hinder, die Weihe der Marienkirche in Doha vogenommen. Schriftliche und archäo- logische Zeugnisse verweisen darauf, dass Katar bis zum Ende des ersten Jahrtausends ganz christlich gewesen sein dürfte. Ab dem Jahr 1000 erlöschen diese Zeugnisse. Erst durch massive Einwanderung seit dem Beginn des Wirtschaftswunders von Katar ab den siebziger Jahren hat sich im Emirat wieder eine christliche Gemeinde kon- stituiert.  DT080227KAP

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Katar: Erste Kirche ist eingeweiht
   Die erste katholische Kirche im Golfstaat Katar ist von Kardinal Ivan Dias in Doha eingeweiht. Den Baugrund für die Kirche in einem Außenbezirk der Hauptstadt hatte Emir Hamad bin Khalifa Al Thani gestiftet. Die Marienkirche Foto oben: im Bau soll rund 60.000 vor allem ausländischen Katholiken als Gebetsstätte und Gemeindezentrum dienen. Auf einen Glockenturm oder ein von außen sichtbares Kreuz mussten die Christen entsprechend den rechtlichen Vorschriften allerdings verzichten. Der aus der Schweiz stammende Bischof Paul Hinder ist Aposto- lischer Vikar für Arabien; er sagte im Gespräch mit dem Kölner Domradio:
   „Es war natürlich ein jahrelanger Prozess des Fragens, Bittens und Verhandelns; die ersten Versuche liegen ja schon mehr als zehn Jahre zurück. Das hat zu tun mit der Situation in Katar - es ist ein islamisch geprägtes Land mit einem sehr strengen Islam, ähnlich wie in Saudi-Arabien. Das war auch der Grund, warum es so lange ge- dauert hat. Möglich wurde der Kirchbau dann nur, weil der gegenwärtige Emir des Landes um eine Öffnung bemüht ist, und er hat das in verschiedener Hinsicht auch schon zustande gebracht. Davon profitieren nun auch wir - nicht nur wir Katholiken, sondern andere Kirchen auch.”
   Neben der eigentlichen Kirche umfasst der Groß-Komplex auch Tagungseinrichtungen, Gästeräume, eine Biblio- thek und ein Café. Die Baukosten wurden unter anderem durch Spenden von Katholiken auf der Arabischen Halbinsel aufgebracht. Der Vatikan unterhält seit 2002 diplomatische Beziehungen mit Katar. Bei den Katholiken des rund 900.000 Einwohner zählenden Emirats handelt es sich überwiegend um Gastarbeiter aus den Philippi- nen, Indien und anderen asiatischen Staaten.
   „Wir dürfen nicht vergessen, dass ja in allen anderen Ländern der Region mit Ausnahme von Saudi-Arabien bereits offiziell solche Gemeinden bestehen: Wir haben seit 1938 eine Kirche in Bahrain und in den Vereinigten Arabischen Emiraten sieben Pfarreien. In Oman sind es vier. Das Neue ist, dass Katar als selbständiges Emirat zum ersten Mal so etwas realisiert. Aber in gewisser Weise zieht Katar einfach das nach, was in anderen Ländern schon vorgemacht wurde.” domradio080312sk

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  Im Mittleren Osten haben die Katholiken die Marienkirche „Unserer Liebe Frau vom Rosenkranz” geweiht Foto oben. Iin Qatar ist die erste katholische Kirche seit 1400 Jahren geweiht worden. Zu dem Gottesdienst, der mehr als drei Stunden lang dauerte, kamen 7.000 Christen. Die meisten der mehr als 100.000 Katholiken in dem Emirat am Persischen Golf (bei 900.000 Einwohnern) haben als Gastarbeiter einen Migrationshintergrund. Sie kommen aus vielen Ländern, wie die symbolischen Gaben (unter anderem das Modell eines indischen Tempels) und der von Volkstänzen begleitete Gottesdienst zeigten. Die meisten Gläubigen stammen von den Philippinen, viele aus Indien. Laut Paul Hinder, dem aus der Schweiz stammenden Apostolischen Vikar für Arabien, sind mehr als 100 Nationen in der katholischen Gemeinde Qatars vertreten. Als Höhepunkt der Weihezeremonie senkte der indische Kardinal Ivan Dias, der Missions-Chef des Vatikans, eine Reliquie des italienischen Volksheiligen Pater Pio in den Altar. Papst Benedikt XVI. stiftete einen Messkelch für die neue Kirche. Das katholische Oberhaupt ließ durch Dias auch einen besonderen Dank an Emir Hamad bin Khalifa Al Thani übermitteln, der den Baugrund für das christliche Zentrum in einem Außenbezirk der Haupt- stadt bereitgestellt hatte. Das Band am Eingang des Gebäude- komplexes hatte zuvor der stellvertretende Ministerpräsident von Qatar, Abdullah bin Hamad Al Attiyah, durch- schnitten. Er sagte, mit der Entscheidung für die Kirche wollten Emir, Regierung und Bürger von Qatar eine Bot- schaft der Barmherzigkeit und Nächstenliebe zum Ausdruck bringen. Qatar sei der erste Staat der Golfregion, der einen Dialog mit nichtislamischen Religionen führe. Aber Vorsicht war trotzdem geboten: Auf einen Glockenturm oder ein von außen sichtbares Kreuz verzicheten die Christen gemäß den Vorschriften des Sultanats.  FAZ080320  Ausführlicher Bericht > Kirche im Islam

König von Bahrein in Audienz
   Der König von Bahrein besuchte Papst Benedikt XVI. Das Kirchenoberhaupt hat Ahmad Ben Isa Ekl-Khalifa in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo in Audienz empfangen.     rv080707bp
Papst und König von Bahrain betonen Einsatz für interreligiösen Dialog
   Die Reihe hochrangiger Besucher beim Papst aus der islamischen Welt reißt nicht ab: Der Besuch des Königs von Bahrain, Hamad Bin Isa Al-Khalifa fand in freundlicher Atmosphäre” statt. Bei seinem Besuch in der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo bei Rom traf der Monarch anschließend mit dem vatikanischen „Außenminister” Dominique Mamberti zusammen. Dieser habe ihm wie der Papst für die positive Aufnahme zahlreicher christlicher Zuwanderer in seinem Land gedankt, betonte der Vatikan anschließend. Anders als in anderen Ländern der Re- gion klagen die Kirchen dort nicht über Verfolgung oder Einschränkung ihrer Religionsfreiheit. Als Zeichen der guten Beziehungen lud der König den Papst schließlich zu einem Besuch in seinem Land ein. Eine Antwort steht wie in solchen Fällen üblich noch aus.
   Bei der Audienz betonten beide Seiten indes, wie wichtig sie den interkulturellen und interreligiösen Dialog zwischen Christen, Muslimen und Juden nehmen. Dieser Austausch diene „im Mittleren Osten und in der ganzen Welt dem Frieden, der Gerechtigkeit und den geistigen sowie moralischen Werten”. rv080709bg

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Dialog zwischen Vatikan und Islam - Suche nach gemeinsamen Werten
 Foto links:
P Christian W. Troll SJ., Foto rechts: Kardinal Tauran und Mufti Ceric

   Gefördert von Papst Benedikt XVI., ist in Rom der offizielle Dialog zwischen der katholischen Kirche und rang- hohen Vertretern der muslimischen Welt weitergeführt worden. Fünf Vertreter des Vatikans unter Leitung des zu- ständigen Präsidenten des „Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog”, des französischen Kardinals Tauran, und fünf muslimische Vertreter nahmen als Teil des neu gegründeten „Katholisch-Muslimischen Forums” die Be- ratungen über die Themen der Gottes- und der Nächstenliebe auf. Sie wurden anschließend von Papst Benedikt in einer Sonderaudienz empfangen.
   Im Vatikan hieß es, man mache sich keine Illusionen darüber, in einem Dialog die gravierenden Unterschiede zwi- schen Kirche und Moschee zum Verschwinden zu bringen. Das aufrichtige Gespräch bedeute jedoch, Unterschiede nicht zu leugnen, ich aber ugleich auf den Weg zu gemeinsamen Werten zu machen. Genannt wurden hier der Respekt für Frieden und Solidarität, hinzu komme das Beharren auf Religionsfreiheit für alle, wie sie Benedikt im Gespräch mit dem saudi-arabischen König Abdullah gefordert hatte. Dazu gehört nach katholischem Verständnis auch das Eintreten für die gleiche Würde und Stellung der Frau, wie während der Bischofssynode im Oktober hervorgehoben wurde. Im jüngsten Jahrbuch der internationalen katholischen Organisation „Kirche in Not” wird auf die Lage der Hunderttausenden von ausländischen christlichen Arbeitern hingewiesen, die mit den Menschen- rechten nicht zu vereinbaren seien; zugleich wird die Unterdrückung von Schiiten beklagt.
   Ausdrücklich verwies der Vatikan auf die Vorgeschichte des Dialogs, auf die Rede von Benedikt in Regensburg, auf die in einem offenen Brief 138 muslimische Autoritäten mit dem Wunsch nach einem offenen Dialog geant- wortet hätten, und auf die positive Antwort des Papstes durch Kardinalstaatssekretär Bertone. Der vatikanische Dialog-Rat hatte das Treffen angekündigt und die Teilnehmer festgelegt. Neben den fünf offiziellen Vertretern - auf katholischer Seite unter anderen der deutsche Jesuitenpater und Professor Christian Troll - nehmen noch jeweils 29 Fachleute, religiöse Führer und Berater teil.
   Zwischen dem „Brief der 138” und dem jetzigen Seminar wurden weitere Annäherungen zwischen den beiden Religionen registriert. So wuchs die Zahl der Unterzeichner. Zudem stattete der Hüter der heiligen Stätten des Islams, der saudische König Abdullah, dem Papst im Vatikan einen Besuch ab, der als Einbeziehung politischer Themen in den religiösen Dialog gewertet wurde. Nach einem Treffen mit einer repräsentativen Delegation von Schiiten aus Teheran wurde eine Erklärung über gemeinsame Vertreter verabschiedet. Dann folgte eine weitere Gemeinsame Erklärung mit Sunniten aus Saudi-Arabien. Die Teilnehmer dieses „Islamisch-Katholischen Verbin- dungskomitees”, die von Benedikt empfangen wurden, bekannten sich in einer Presseerklärung zu Grundsätzen der persönlichen Menschenwürde, von Gerechtigkeit und Frieden, Solidarität von Individuen und Völkern, auf denen jetzt aufgebaut werden kann. FAZ081005hjf

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Klare Worte - Der Papst empfängt Teilnehmer des katholisch-islamischen Dialogs
Fotos: Benedikt XVI. mit Mufti Ceric, Bosnien

   Es muss wie eine kalte Dusche auf die Teilnehmer des ersten Seminars des Katholisch-Muslimischen Forums ge- wirkt haben. Papst Benedikt XVI. hatte sie zum Abschluss ihrer Konsultationen von Rede und Gegenrede zu einer Audienz in den Vatikan eingeladen. Die fünf Offiziellen von jeder Seite - auf katholischer an erster Stelle der Präsident des „Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog”, der französische Kurienkardinal Tauran, an fünfter der deutsche Islam-Experte Christian Troll, Angehöriger des Jesuitenordens und seit Jahrzehnten erfahren mit den zuweilen harschen, zuweilen moderaten Anhängern des Propheten Mohammed; auf muslimischer Seite an der Spitze die beiden bekannten Islam-Autoritäten Scheich Abdal Hakim Murad vom „Muslim Academic Trust” in England und Professor Aref Ali Nayed, Direktor des „Königlichen Zentrums für Strategische Islam-Studien" aus Amman in Jordanien - und dazu je 30 religiöse Autoritäten und Berater, sie alle hatten sich eine „schöne" Rede des Papstes erwartet. Etwas, das man immer gut zitieren könnte, das aber zu wenig verpflichtete, auf keinen Fall aber etwas, worüber man sich aufregen musste.  
   Der milde, kluge Benedikt schlug ihnen den Satz um die Ohren: „Die politischen und religiösen Führer haben die Pflicht, die freie Ausübung aller Rechte in vollem Respekt der Freiheit eines jeden Individuums und der Gewissens- und Religionsfreiheit sicherzustellen.” Nicht genug damit. „Verfolgungen”, so der Papst weiter, „sind unannehmbar und ungerechtfertigt und noch beklagenswerter, wenn sie im Namen Gottes geschehen.” Da brauchte niemand mehr zu fragen, welche Staaten gemeint seien. Denn nach allen internationalen Berichten steht es mit der Re- ligions- und Gewissensfreiheit, mit der Achtung von religiösen (oder anderen) Minderheiten in muslimisch be- herrschten Staaten am schlechtesten. Da hellte es die Stimmung nur wenig auf, dass der Papst begütigend anmerkte: „Vereinen wir unsere Kräfte, um alle Missverständnisse und Streitigkeiten zu überwinden.” Muslime und Christen, so hieß es noch ermunternd, doch auch mit einem Widerhaken versehen, „müssen zusammen daran arbeiten, den gegenseitigen Respekt für die Würde der menschlichen Person und ihre fundamentalen Rechte zu fördern”.
   In Regensburg bei der Vorlesung über „Glaube und Vernunft”, Religion und Gewalt, hatte Benedikt in profes- soraler Gelehrtenunschuld ein kritisches Zitat über den Islam-Gründer Mohammed ungekürzt und unzensiert in seinen Diskurs über die Freiheit des Glaubens und die Vernunftgemäßheit Gottes eingeschoben. Die halbe mus- limische Welt war über ihn hergefallen; selbst für den Mord an einer katholischen Ordensschwester wurde er verantwortlich gemacht, als ob er diesen leichtfertig verschuldet hätte.
   Durch sechsmalige Entschuldigungen, durch Freundlichkeiten bei seinem Besuch in der Türkei stellte der Papst das interreligiöse Klima wieder so weit her, dass zuerst 38 muslimische Autoritäten, ein Jahr später im Oktober sogar 138 und noch einige dazu ihn eines offenen Briefes würdigten, in dem sie sich zu einem Dialog bereitfanden. Über die Liebe zu Gott vor allem und die Nächstenliebe; diese nahm in dem langen Brief einen kleineren Raum ein.
   In den letzten Monaten dieses Jahres sprachen katholische und muslimische Führer, Sunniten und Schiiten, in Rom mit den Vertretern der römischen Kirchenzentrale. Gemeinsame Erklärungen wurden verabschiedet, die wohl- klingende Grundsätze aufstellten. Schön und gut und nicht zu verachten, meinte man im Vatikan. Aber offenbar wandten manche nun ein, ganz so akademisch könne der Dialog doch nicht weitergehen. Es sei nicht damit getan, dass katholische Vertreter, vom Kardinal über den erfahrenen Experten bis zum jungen Theologen, und Islam- Autoritäten, darunter jetzt sogar zwei Frauen, nach Rom kämen, in schönen Hotels in der Nähe des Petersplatzes wohnten, bei den Konferenzen ihre Statements abgäben und dann wieder heimführen - ohne Folgen.
   Aber das Papstwort kam nicht aus heiterem Himmel, nicht ganz ohne Vorwarnung. Benedikt hatte etwa das Treffen mit König Abdullah von Saudi-Arabien, dem Hüter der Heiligen Stätten von Mekka und Medina im Vatikan nicht nur als historisches Glück empfunden. Als guter Hirte der christlichen Herde war ihm das seelische Wohl der fast eine Million zählenden katholischen Arbeiter in Saudi-Arabien, vor allem aus den Philippinen, ein Anliegen.
   Benedikt verschwieg damals nicht den Wunsch der Kirche nach Religionsfreiheit in Saudi-Arabien und anderen islamischen Staaten. Dazu hieß es offiziell, der Heilige Stuhl habe im Blick auf die Christen seinen Wunsch nach „Wohlergehen für alle (!) Einwohner des Landes” ausgedrückt und damit besonders die christlichen Gastarbeiter aus Asien gemeint. Der König habe ausweichend - aber nicht empört, als ob von einer Diskriminierung der Christen in Saudi-Arabien keine Rede sein könne und dürfe - reagiert. Man müsse jetzt zusammenarbeiten, um einen „Zusammenstoß der Kulturen” zu verhindern; man habe so viele Werte gemeinsam. Auch die Aufnahme der - bis- her von den Saudis aus historischen Gründen vermiedenen - diplomatischen Beziehungen wurde besprochen; Verhandlungen über Details würden zuständigen Delegationen überlassen. Da soll einiges mehr und schneller geschehen. Darunter muss ein theoretischer Dialog nicht leiden; er könnte sogar durch das klare päpstliche Wort beflügelt werden, weil die Verschleierung einer sperrigen, beklagenswerten Wirklichkeit weggerissen wurde. FAZ081107HJoachimFischer
„Ein guter Anfang“
   Das Katholisch-Islamische Forum war „ein guter Anfang in Freundschaft”. Das glaubt der ägyptische Jesuit Samir Khalil Samir Foto ganz oben auf dieser Seite, der in den letzten Tagen an dem hochkarätigen Forum im Vatikan und in Rom teilgenommen hat. In einem Kommentar für die Nachrichtenagentur asianews unterstreicht der im libanesischen Beirut arbeitende Samir vor allem das „ruhige, freundschaftliche Klima” der Gespräche: „Einige Male gab es Nervosität, aber nur sehr wenig.” Die Teilnehmer hätten sich viel Zeit genommen, um einander zuzuhören und ihre Ansichten auszutauschen. Samir betont auch die „Qualität und Ernsthaftigkeit” der Dialogpartner: Sie seien „intellektuell wie spirituell ... von höchstem Niveau” gewesen. Einer der heikelsten Punkte sei das Thema der Gewissens- und Religionsfreiheit gewesen; hier habe der Großmufti von Sarajewo, Mustafa Ceric, teilweise starke Bedenken von islamischer Seite ausgeräumt – mit dem Argument, die Formulierung in der Schlusserklärung zur Religionsfreiheit entspreche der UNO- Menschenrechtserklärung. Und diese sei auch von vielen islamischen Regie- rungen unterzeichnet worden. „Ich habe den deutlichen Eindruck bekommen”, so Samir, „dass in der islamischen Welt stärker die Begegnung mit den Christen gesucht wird.” RVasianews081108sk

Ankunft-inRom-xx  rechts:Botschafter Al-Jarallah

Der denkwürdige Besuch des Königs von Saudi-Arabien im Vatikan

   Zum ersten Mal ein saudischer Herrscher, Hüter der heiligen Moscheen von Mekka und Medina, den Papst besucht. Und ihm als symbolisches Geschenk ein goldenes Schwert überreicht. So begann für König Abdullah und Papst Benedikt ein Weg der unerwarteten Perspektiven. Wir zitieren hier die Meinung des saudischen Botschafters beim italienischen Staat, Mohammed Ibrahim Al-Jarallah Foto,der König Abdullah begleitete.
Gerechtigkeit für Nahost
  Nach Presseberichten wurden in der Audienz Themen angesprochen, „die den Gesprächspartnern am Herzen liegen”, wie der „interkulturelle und interreligiöse Dialog für ein friedliches Zusammenleben von Menschen und Völkern, und der Wert der Zusammenarbeit zwischen Christen, Muslimen und Juden zum Vorantreiben des Frie- dens, der Gerechtigkeit und der spirituellen und moralischen Werte, besonders zum Schutz der Familie.” Erwähnt wird auch die „positive und tatkräftige Präsenz der Christen” sowie „ein Gedankenaustausch über den Nahen Osten und die Notwendigkeit einer gerechten Lösung für die diese Region betreffenden Konflikte, besonders den israelisch-palästinensischen.”
  Für die Wahrung des Friedens im Irak ist es wichtig, Heer und Sicherheitskräfte wieder aufzubauen. Das irakische Volk muss die Chance haben, seine Einheit wieder zu gewinnen und wieder zu dem wichtigen arabischen Land zu werden, das es in der Geschichte immer gewesen ist.”
„Wir beten beide zu Gott, ein jeder auf seine Weise”
   Die saudischen Presseagenturen haben die Themen des Gesprächs zwischen König Abdullah und Papst Benedikt in den großen Kontext des „interreligiösen Dialogs der Kulturen” eingefügt. Und herausgestellt, dass sich sowohl der König als auch der Papst einig waren, dass „Gewalt und Terrorismus mit Dingen wie Religion und Vaterland nichts zu tun haben.”
   Botschafter Mohammed Ibrahim Al-Jarallah erklärt nach dem Besuch des Königs beim Papst: „Sowohl der Heilige Vater als auch Seine Majestät, der König von Saudi-Arabien, haben eine geistliche und moralische Verantwortung - den Christen und den Muslimen gegenüber. Weshalb aus einer Begegnung zwischen ihnen nur ein gutes gegen- seitiges Verständnis erwachsen kann und ein kontinuierlicher Dialog zwischen den Oberhäuptern der beiden größten Religionen, dem Christentum und dem Islam. Und genau das ist ja auch tatsächlich passiert. Wir beide - Christen und Muslime - werden alles in unserer Macht Stehende tun, um die Dinge voranzutreiben, die bei dieser Begegnung besprochen wurden und unsere Türen offen zu halten füreinander. Und das stets in der Bereitschaft, anstehende Fragen miteinander zu besprechen, bzw. zu diskutieren. Das ist nach wie vor der von uns verfolgte Zweck, unsere Hoffnung. Und wenn wir bei dieser Diskussion nicht immer einer Meinung sind, was soll's? Wir müssen nicht denselben Glauben haben, um unser gemeinsames Ziel verfolgen zu können: die Menschheitsfamilie. Wir alle arbeiten - so hoffen wir jedenfalls - für den Frieden und den Wohlstand der gesamten Menschheit.” Von nun an sollten der Papst und der König „ihre Gläubigen durch gute Worte und Initiativen, die einen spirituellen Symbolwert haben, ermutigen, flexibel und verständnisvoll zu sein, den Frieden zu lieben. Meiner Meinung nach würde das den Frieden auf der Welt dauerhafter machen.”
Volles Vertrauen auf Papst Benedikt
   Auch der Geschenkeaustausch zwischen Papst Benedikt und König Abdullah hielt eine Überraschung bereit: der saudische Herrscher überreichte dem Papst ein Schwert aus Gold und Edelsteinen. Für einen Araber ein bedeutungsvolles, gewiss nicht zufälliges Geschenk. Der Botschafter erläutert: „Jemandem eine Waffe, ein sym- bolisches Objekt wie ein Schwert zu schenken, kommt in der arabischen Tradition einem Vertrauensbeweis gleich. Denn der, der die Waffe erhält, könnte sie schließlich auch gegen den richten, der sie ihm geschenkt hat. Das ist der Gedanke, der dahinter steht. Und das Geschenk an den Papst ist die Bestätigung dafür. Der ein oder andere meinte aber auch, wir hätten die Gegenseite damit erschrecken wollen. Das war sicher nicht unsere Absicht! In Wahrheit wollten wir mit dieser Geste unsere Hoffnung auf eine Zusammenarbeit für ein gemeinsames Ziel zum Ausdruck bringen: im Namen des Friedens und des Wohlstandes unseres Volkes und der übrigen Welt. Es war, wie gesagt, ein großer Vertrauensbeweis dem Gesprächspartner gegenüber. Und man darf nicht vergessen, dass eine Waffe oft auch einfach nur zur traditionellen Kleidung von uns Arabern gehört. Der König hat ein derartiges Geschenk zwar schon des Öfteren gemacht, aber es war das erste Mal, dass einem Papst sozusagen als Ver- trauensbeweis ein Schwert geschenkt wurde.”  3oTage1007GCubeddu

Papst trifft iranische Muslime. Christen und Moslems seien zu Toleranz und gegenseitigem Respekt aufgerufen; Glaubensdifferenzen und auch historisch gegebene Unterschiede seien wichtige Faktoren

  Diese Themen besprach Papst Benedikt XVI. mit einer Delegation iranischer Muslime. Die Begegnung mit den Mitgliedern der „Organisation für islamische Kultur und Beziehungen” aus Teheran fand im Anschluss an die Gene- ralaudienz statt.
   Die iranischen Theologen waren zu Gesprächen zum Thema „Glaube und Religion in Christentum und Islam” mit Delegierten des Päpstlichen Rats für den interreligiösen Dialog in Rom. Glaube wie Vernunft seien Geschenke Gottes; Glaube könne mitunter über der Vernunft stehen, aber niemals gegen sie, heißt es in der zum Abschluss veröffentlichten gemeinsamen Presseerklärung. Glaube wie Vernunft seien per se gewaltfrei und dürften niemals zur Begründung von Gewalt missbraucht werden, wie es in der Vergangenheit „manchmal” vorgekommen sei. Christen und Moslems wollten künftig gemeinsam für die Achtung religiöser Symbole und die Ausbreitung ethischer Werte arbeiten. Verallgemeinerungen sollten im religiösen Kontext vermieden werden. Religiöse Traditionen könn- ten nicht auf der Grundlage eines einzelnen Zitates aus den jeweils heiligen Büchern beurteilt werden. Für ein angemessenes Verständnis der Schriften brauche es eine ganzheitliche Sicht. Papst Benedikt habe bei der Be- gegnung seine Zustimmung zur Wahl des Diskussions-Themas ausgedrückt, heißt es in der Vatikan-Erklärung.
  Seit der Regensburger Rede Benedikts XVI. und den anschließenden Kontroversen um den Gebrauch eines islam- kritischen Zitats in der Rede hat der Vatikan seine Beziehungen zum Islam intensiviert. rv080430bp
Verschüttete Traditionen des Rationalismus - Der Islam hat noch keine eigene Aufklärung erlebt
   Wie halten es die Muslime mit der Vernunft? Dies fragen sich viele beunruhigt, seitdem Islamisten und Dschiha- disten immer wieder in ihren Schriften und Predigten - bis hin zu Hassreden - die heute weitgehend säkulare und laizistisch ausgerichtete westliche Zivilisation attackieren, in der Religion, Wissenschaft und Politik (Staat) getrennt werden. Und auch Papst Benedikt XVI. hatte in seiner bekannten Regensburger Rede das Verhältnis von Glauben und Vernunft thematisiert. Das jetzt bekanntgewordene Papier, das von vatikanischen und iranischen Theologen erarbeitet wurde, ist geeignet, solche Diskussionen im Religionsdialog weiter und vielleicht unter neuen Vor- zeichen zu stimulieren.
  In der islamischen Welt gibt es zwar viele säkularisierte Muslime, doch die Religion insgesamt hat keinen um- fassenden Prozess der Aufklärung durchgemacht, den der Westen im allgemeinen mit Rationalismus gleichsetzt. Einige Staaten wie die Türkei oder Syrien verstehen sich zwar von ihrer Staatsideologie her als weltlich, doch insgesamt bedeutet das in der gesellschaftlichen Praxis weniger, als etwa die Verfassung es theoretisch fordern mag.
   In theologischen Debatten zwischen Muslimen und Christen beharren Muslime oft darauf, der Islam sei als Religion rational. Gegen die christliche Trinität setzen Muslime den „reinen Monotheismus”, der Gott nicht, wie das Christentum in drei „Personen” (Vater, Sohn und Heiliger Geist) fasst. Mohammed der Prophet hat sich außerdem nie anders denn als Mensch und Gottesbote rasul Allah gesehen, nicht als „Sohn Gottes”. Denn, wie es in Sure 112 heißt: „Gott ist einer. Er hat nicht gezeugt und ward nicht gezeugt, und keiner ist Ihm gleich.” Gegen das westliche Konzept der „Privatisierung” von Religion machen Muslime oft geltend, der Islam sei eben ganzheitlich, wie letztlich alle Religion; man könne nicht unter der Woche nicht religiös sein und am Sonntag religiös. Ansätze zu einer Säkularisierung, die gegenüber dem Anspruch einer wörtlich verstandenen und umfassenden koranischen Weltdeutung einen autonomen Bereich des Weltlichen annehmen, wie es massiv etwa die christlichen Renais- sance-Denker, aber auch schon einige mittelalterliche Philosophen vorgemacht haben, sind immer wieder ver- sandet oder zunichte gemacht worden. Reformdenker, die sich in dieser Richtung betätigen, etwa Abdolkarim Sorusch in Iran, haben häufig einen schweren Stand, oder sie leben in Europa im Exil. Eine wichtige Ausnahme bildet die Ankaraner Schule, die durchaus mit dem Segen der Regierung an einer Historisierung der religiösen Quellen arbeitet.
   Gleichwohl kennt auch, der Islam rationalistische Traditionen, deren Wurzeln im frühen Islam liegen, deren Wie- derbelebung allerdings, wie die vergangenen hundert Jahre zeigen, ziemlich schwierig ist. Die rationale Theologie(kalam), die von den Mutakallimun betrieben wurde, erreichte ihren Höhepunkt in der Schule der Mu'taziliten (etwa zwischen 750 und 1000 nach Christus), die mit ihren zwei wichtigsten Thesen - der Koran sei geschaffen, deshalb nicht Gottes ewig-ungeschaffenes Wort, und der Mensch sei frei-verantwortlich für seine Taten, weil nur so Gottes Gerechtigkeit richtig verstanden werden könne - starke aufklärerisch-rationalistische Tendenzen vertraten. Diese Ansätze würden etwa seit dem 11./12. Jahrhundert ganz allmählich ebenso das Opfer einer sich durchsetzenden orthodoxen Theologie wie die „Philosophie im Islam” (spätere Ausnahmen bestätigen die Regel), die durch die Übersetzung griechischer philosophischer Texte, vor allem des Aristoteles, angeregt worden war. Das Denken eines al Kindi, al Farabi, Ibn Sina und Ibn Ruschd, das den Glauben mit der Vernunft verbinden wollte, fand seine schöpferische Weiterentwicklung mehr in der christlichen Scholastik „fides quaerens intellectum”, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin als im Islam, wo sich die Religionsgelehrten gegen die griechisch inspirierte Philosophie im Islam als eine „Wissenschaft der Alten” wandten. Eine Schlüsselrolle dabei kommt dem Theologen und Philosophen al Ghazali zu, der um 1100 in seiner Destructio philosophorum Tahafut al falasifa zu zeigen versucht hatte, dass die Philosophen die Glaubenswahrheiten nicht rational beweisen könnten.
   Die vielfältigen Versuche einer Wiederbelebung dieses Denkens, das auch naturwissenschaftliche Welt- erkenntnis einschließt, stehen unter dem Vorbehalt der orthodoxen, noch mehr freilich der islamistischen Hardliner. Doch „ganzheitliche” Denker wie der Iraner Sajjed Hossein Nasr „Die Erkenntnis und das Heilige” und katholische Theologen könnten sich in der Auffassung treffen, dass alles Geschaffene heilig ist.  FAZWolfgangGünterLerch080502

Katholiken und Schiiten einigen sich im Vatikan über gemeinsame Leitsätze
Vatikan veröffentlicht Erklärung über Glaube und Vernunft  - Verhandlungen mit Teheran

   Der Vatikan und führende iranische Theologen haben sich in Rom nach zweitägigen Beratungen auf eine gemein- same Erklärung zum Verhältnis von Glaube und Vernunft geeinigt. Das vom Vatikan veröffentlichte Papier enthält sieben gemeinsame Grundsätze, deren wichtigste sind, dass sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen könnten und dass beide nicht zur Legitimierung von Gewalt missbraucht werden dürften. Dass diese Leitsätze gemeinsam von katholischen Kirchenführern und führenden islamischen Theologen unterzeichnet wurden, wurde in Rom als „religionspolitisch sensationell” und „theologisch revolutionär” bewertet.
   Von Seiten des Vatikans war an den Gesprächen der „Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog” beteiligt, von iranischer Seite das „Zentrum für Interreligiösen Dialog der Organisation Islamischer Kultur und Beziehungen” aus Teheran. Leiter der vatikanischen Delegation war der französische Kurienkardinal Tauran, der im Vatikan für die Beziehungen zu den großen Weltreligionen zuständig ist und damit im Auftrag des Papstes mit Autorität verhan- deln kann. An der Spitze der iranischen Delegation stand der Leiter des Teheräner Zentrums, Mostafavi. Es gilt als sicher, dass Mostafavi für die Gespräche die Rückendeckung der iranischen Staatsführung und Glaubensbehörden hatte.
   Gegenstand der lange vorbereiteten Begegnung war das unterschiedliche Glaubensverständnis von Katholiken und Schiiten in drei Fragen: „Glaube und Vernunft - Welche Beziehung? Theologie/Kalam als Untersuchung über die Rationalität des Glaubens; Glaube und Vernunft in Bezug zum Phänomen der Gewalt.”
   Es sind jene Themen, die Papst Benedikt XVI. in seiner Vorlesung in der Universität zu Regensburg ange- sprochen hatte. Diese Anfragen wurden zuerst von vielen Muslimen beanstandet, dann jedoch als Einladung zu einer gründlicheren Reflexion über islamische Glaubensinhalte verstanden. Einen Monat nach der Regensburger Rede antworteten darauf 38 Muslime von Ansehen und intellektueller Autorität.
  2007 erklärten sich noch einmal 138 angesehene Muslime bereit zum Dialog. Ein offizieller Besuch des saudi- arabischen Königs Abdallah, des Hüters der heiligen Stätten des Islams im Vatikan bei Benedikt XVI. hatte zudem die Unterstützung maßgeblicher Staatsführer der islamischen Welt für den Dialog zwischen der katholischen Kirche und dem Islam gezeigt. Der Vatikan unterhält mit fast allen islamischen Staaten diplomatische Beziehungen; mit anderen steht er in freundlichen Kontakten, ungeachtet der schlechten Behandlung christlicher Minderheiten und feindlicher Gesetzgebungen gegenüber Christen in diesen Ländern. Papst Benedikt XVI. hat die Teilnehmer des Dialogs empfangen und sich laut Vatikan zufrieden geäußert. Das nächste Dialog-Treffen werde nach weiteren gründlichen Vorbereitungen in zwei Jahren in Teheran stattfinden.  FAZ080502hjf

Die gemeinsame Erklärung im Wortlaut
„1. Glaube und Vernunft sind beides Geschenke Gottes an die Menschheit.
2. Glaube und Vernunft widersprechen einander nicht, aber Glaube kann in einigen Fällen über der Vernunft sein, aber nie gegen sie.
3. Glaube und Vernunft sind in sich nicht gewalttätig. Weder Vernunft noch Glaube sollte für Gewalt gebraucht werden; unglücklicherweise wurden beide zuweilen missbraucht, um Gewalttaten zu begehen. In jedem Fall können diese Ereignisse weder Vernunft noch Glaube in Frage stellen.
4. Beide Seiten stimmten überein, in der gemeinsamen Förderung wahrer Religiosität fortzufahren, in besonderer Spiritualität, um die Achtung für heilig gehaltene Symbole zu ermutigen und moralische Werte zu fördern.
5. Christen und Muslime sollten über Toleranz hinausgehen, in der Anerkennung der Unterschiede, doch im Bewusstsein der Gemeinsamkeiten, und Gott dafür dankbar sein. Sie sind berufen zu gegenseitigem Respekt und verurteilen deshalb die Verspottung des religiösen Glaubens.
6. Verallgemeinerungen sollten im Gespräch über Religionen vermieden werden. Unterschiede zwischen den Konfessionen innerhalb des Christentums und des Islams sowie die Verschiedenheit historischer Kontexte sind wichtige beachtenswerte Faktoren.
7. Religiöse Traditionen können nicht auf der Basis eines einzelnen Verses oder einer Passage in den jeweiligen heiligen Büchern beurteilt werden. Sowohl eine Gesamtschau als auch eine adäquate hermeneutische Methode sind notwendig für ihr faires Verständnis.”

Walter Kardinal Kasper   cdKasper-x   Dialog mit Islam schwierig

   Kurienkardinal Walter Kasper beurteilt den christlich-islamischen Dialog weiterhin als schwierig. Man solle sich in dieser Hinsicht keine Illusionen machen, sagte der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates bei einer Veranstaltung der Akademie der Wissenschaften in Mainz. Muslime hätten vom Koran her ein anderes Verständnis vom Men- schen. Er betonte, die katholische Kirche wolle den Dialog und die Zusammenarbeit mit den gemäßigten Muslimen. Mit den Radikalen sei dies allerdings nicht möglich. Man dürfe keine falsche „Harmonie-Idee” entwickeln, so Kas- per. Auch dürfe man den Islam und das Judentum nicht auf eine Stufe stellen. Das Christentum sei ohne die jüdische Religion nicht denkbar, der Islam hingegen sei eine nachchristliche Religion.  rv080223

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Bundespräsident Christian Wulff zum Staatsbesuch in der Türkei

    Als erster Bundespräsident seit zehn Jahren weilte Christian Wulff in der Türkei. Seither hat sich das Land sehr verändert. Ein Treffen mit seinem türkischen Amtskollegen Abdullah Gül stand am Anfang von Wulffs Gesprächen in Ankara. Nach einem Abstecher in Güls zentralanatolische Heimatstadt Kayseri nahm der Bundespräsident im süd- türkischen Tarsus am ökumenischen Gottesdienst in der dortigen Pauluskirche Fotos oben und unten teil, bei dem deutsche Katholiken und Protestanten in der Türkei sowie Vertreter der türkischen Christen zusammenkommen. Das Kirche in Tarsus, der Heimat des Apostel Paulus, steht für die reiche christliche Tradition der Türkei - aber auch für die Probleme der Christen im EU-Bewerberland. Die katholische Kirche fordert seit Langem die dauerhafte Umwand- lung des zum Museum erklärten Baus in ein Gotteshaus. Grundsätzlich haben Regierung und Religionsbehörden in der Türkei nichts dagegen, doch es hapert an der Umsetzung, nicht zuletzt wegen des Widerstandes der Büro- kratie. Der Besuch des Katholiken Wulff unterstreicht das Interesse Deutschlands an diesem Thema. HAZ101023SusanneGüsten

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epLuigiPadivese-x     Bischof Luigi Padovese fordert Priesterseminar in der Türkei

   Die türkischen Katholiken brauchen türkische Priester. Das forderte der Vorsitzende der türkischen Bischofskon- ferenz, Luigi Padovese, am Rande des Ad-Limina-Besuchs der türkischen Bischöfe in Rom. Die Katholiken müssten sich dessen bewusst sein, dass sie eine Minderheit sind, gleichzeitig aber Mut fassen und mehr Präsenz in der Tür- kei zeigen, sagte Padovese gegenüber Radio Vatikan. Nur so könne der türkische Staat die christliche Minderheit nicht länger ignorieren. Dringend nötig sei zum Beispiel die Einrichtung eines Priesterseminars, meint Padovese:
   „Die geschichtlichen Gegebenheiten der Vergangenheit haben die Christen dazu geführt im Zustand der Anony- mität zu leben. Doch es ist der Zeitpunkt gekommen, sich offen zu Wort zu melden, ohne Ängste und Vorbehalte. Die katholische Kirche in der Türkei muss rechtlich anerkannt werden. Wir brauchen ein Priesterseminar, denn das Land braucht Priester von hier, nicht Menschen, die wie ja auch ich selbst und viele andere von außen kommen. Das Christentum in der Türkei muss türkisch sprechen und wirklich inkulturiert sein, sonst wird es immer ein Fremd- körper bleiben.“ Rv090204

„Es gibt kleine Fortschritte in der Türkei”

   Als erster ausländischer katholischer Geistlicher hat der Hildesheimer Priester Rainer Körten für die Türkei eine Arbeitsgenehmigung erhalten. Von Religionsfreiheit ist das Land am Bosporus aber noch weit entfernt.
   An der türkischen Südküste in Antalya gründete der deutsche Prälat Rainer Körten vor einem Jahr den „Kirchenverein St. Nikolaus” und betreut deutschsprachige Bewohner. Mit Blick auf einen EU-Beitritt des Landes zeigt sich der Geistliche vorsichtig optimistisch: „Man kann hier sicherlich nicht von Religionsfreiheit sprechen.  Das wäre auch eine Überforderung für ein zu 99,4 Prozent islamisches Land wie die Türkei. Es gibt kleine Fortschritte  - sehr kleine, was die missliche Lage der türkischen Christen angeht”, sagt Körten.
   Die deutschsprachigen Katholiken haben kürzlich zum ersten Mal die Genehmigung bekommen, einen Gebets- raum zu eröffnen und sich als christliche Gemeinde nach dem türkischen Vereinsrecht zu organisieren. „Man kann das als Fortschritt bezeichnen, es ist aber keinesfalls der große Durchbruch.”
   Eine grundsätzliche Verbesserung für die Kirchen hätten die EU-Harmonisierungsgesetze bisher nicht gebracht. „Freilich muss man bedenken, dass die Türkei ein muslimisches Land mit langer Tradition ist”, sagt Körten. Wenn es langfristig Veränderungen geben soll, müsse die Regierung die Bevölkerung bewegen, den neuen Prozess mitzugehen. Das sei nicht leicht. Anders als in den Großstädten wie Istanbul ist gerade auf dem Land der Islam tief eingewurzelt.
   Eine rechtliche Anerkennung, wie sie der Papst unlängst für die Christen in der Türkei gefordert hatte, wird wohl noch lange auf sich warten lassen: „Derzeit sehe ich das aber noch nicht.” Eine faire Chance im Sinne einer Gleich- berechtigung  sei noch in ganz ferner Sicht. „Fraglich ist, ob man das je in einem zu fast 100 Prozent islamisch ge- prägten Land erwarten kann. Den Minderheitenstatus werden wir immer spüren, wir werden nie ganz gleich- gestellt werden.”
   Dennoch gibt es erste Ansätze einer Entspannung: „Ich habe als erster ausländischer katholischer Geistlicher eine offizielle Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung für die Türkei erhalten. Nun bin ich gespannt, ob diese nach einem Jahr auch verlängert wird.” Gemeinsam mit anderen Katholiken hat Körten einen Verein gegründet, wobei sie auf das Wort „Kirche” großen Wert gelegt haben, aber auf das Wort „Verein” keineswegs, weil es dem Selbst- verständnis der Katholiken widerspricht. Die Vereinssatzung nennt im Paragrafen III fünf Bedingungen: Freie Religionsausübung,  Einfuhr von religiöser Literatur, seelsorgliche Besuche in Krankenhäusern und Gefängnissen, der Erwerb oder die Miete einer Immobilie sowie das Recht, für die Existenz des Kirchenvereins Spenden anzu- nehmen und Spendenquittungen auszustellen. Der Vertrag impliziert also, dass religiöse Zwecke verfolgt werden - was nach der türkischen Verfassung und der Trennung von Staat und Religion eigentlich nicht zulässig ist. Aber es wurde genehmigt.
   Mit der gegenwärtigen Debatte zwischen der EU und der Türkei ist der Geistliche nicht zufrieden. Seiner Ansicht nach hätte die Religionsfreiheit stärker artikuliert werden sollen. Soeben hat sich ganz Europa aufregt, als das Strafgesetz zum Ehebruch zur Debatte stand. Dagegen hätten die Fragen der Religionsfreiheit, um derentwillen früher Menschen Nachteile in Kauf genommen haben, ausgewandert oder sogar gestorben sind, sehr schwache Aufmerksamkeit gefunden.  JohannesSchidelkoHAZ040106

Türkei: Partei gegen Eigentumsrechte für Kirchen

  Die kemalistische Oppositionspartei CHP erwägt eine Verfassungsklage gegen das neue Stiftungsgesetz. Die neue Regelung sieht vor, dass nach 1974 enteignete Immobilien der christlichen Kirchen zurückgegeben werden dürfen. Das Stiftungsgesetz war gegen den erbitterten Widerstand der Opposition im Parlament in Ankara be- schlossen worden. Dieses Gesetz sei auf „Initiative der EU, unter dem Druck der EU und nach den Vorstellungen der EU  verabschiedet worden”,  sagte der CHP-Vizevorsitzende Onur Öymen in Ankara. Er warf der AKP-Regie- rung vor, „einseitige Zugeständnisse” an die Minderheiten zu machen. Die CHP hatte bereits am Vortag in der stundenlangen Debatte zum nationalen Widerstand gegen das Gesetz aufgerufen. Auch andere Oppositionelle äußerten die Befürchtung, dass die Christen in der Türkei „subversive Aktivitäten” entwickeln könnten. rv080223

Türkei: Streit um Kirchenneubau

   Streit um einen Kirchenneubau: Erstmals in der Geschichte der Republik gestatteten die Behörden der syrisch-or- thodoxen Kirche den Bau eines Gotteshauses in Istanbul, wiesen ihr aber ein Grundstück zu, das der katholischen Kirche gehört. Daraufhin erklärten führende Mitglieder der syrisch-orthodoxen Gemeinde in einer von der Tages- zeitung „Evrensel“ veröffentlichten Stellungnahme, unter diesen Umständen auf den Kirchenbau verzichten zu wollen. „Dass unserem jahrelangen Wunsch nach einer Kirche auf diese Weise begegnet wird, ist ein großer Skandal“, hieß es in der Erklärung. „Wir sind durchaus bereit, der syrisch-orthodoxen Gemeinde einen Teil des Grundstücks zu überlassen“, zitierte die Zeitung „Radikal“ den katholischen Priester Bruno Simonelli. „Allerdings muss zunächst das Besitzrecht wieder auf uns als wahre Eigentümer übertragen werden.“ Eine solche Entschei- dung über die katholische Gemeinde hinweg sei nicht hinnehmbar.
   Die syrisch-orthodoxe Gemeinde ist mit rund 10.000 Mitgliedern die zweitgrößte christliche Minderheit in Istanbul, seit tausende syrisch-orthodoxe Christen in den 80er und 90er Jahren vor dem Kurdenkrieg in ihrer südost- anatolischen Heimat in die Metropole am Bosporus flohen. Weil sie dort selbst zu wenige Kirchen besaß, feierte die Gemeinde ihre Gottesdienste jahrelang als Gast in einer katholischen Kirche im Stadtteil Yeniköy. RVpr121213kna

Türkei: Ein Haus für Paulus

   In naher Zukunft könnte sich der Wunsch der Bischöfe nach einer neuen katholischen Kirche und einem Pilger- zentrum in Tarsus erfüllen. Das glaubt der Vorsitzende der türkischen Bischofskonferenz, Bischof Luigi Padovese. Im Gespräch mit Journalisten zeigte er sich vorsichtig optimistisch, dass es in absehbarer Zeit zu konkreten Verhandlungen über ein Grundstück kommen könnte. Padovese wörtlich: „Vor einigen Tagen habe ich einen Brief vom Kultusministerium erhalten, aus dem eine gewisse Bereitschaft hervorgeht, über die Frage eines eigenen Grundstücks zu verhandeln”. Derzeit warte er allerdings noch auf eine konkrete Einladung nach Ankara. Die tür- kischen Bischöfe waren wiederholt an Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit der Bitte um die Erlaubnis zum Bau eines Pilgerzentrums in Tarsus oder zumindest zur ständigen Nutzung der derzeit als Museum geltenden Pauluskirche in Tarsus herangetreten. Der Apostel Paulus wurde in Tarsus geboren. Bisher gibt es einzig eine Erlaubnis des Kultusministeriums, für die Dauer des Paulusjahres 2008-2009 die museale Pauluskirche ohne vorherige Lösung eines Tickets zu einzelnen Messfeiern zu benutzen. rvKAP080516sk

Es ist keine gute Entwicklung. Ein Gespräch mit Bischof Padovese über den Kirchenstreit in Tarsus
Foto: Auf das Paulusjahr folgt Ernüchterung: Die Kirche in Tarsus bleibt ein staatliches Museum.

  Ein Jahr lang durften christliche Pilger in der Geburtsstadt des Apostels Paulus relativ frei Gottesdienste feiern. Jetzt hat das türkische Kulturministerium in Ankara neue Auflagen erlassen. Der für Tarsus zuständige Bischof Luigi Padovese Foto oben, zugleich Vorsitzender der Türkischen Bischofskonferenz, äußerte sich im Gespräch mit Burk- hard Jürgens von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Rom enttäuscht über den Rückschritt im Dialog zwischen Staat und Kirche in der Türkei.
Herr Bischof, wie ist die Lage in Tarsus?
  
Die Situation ist schlimmer als vor dem Paulusjahr. Man hat den Ordensschwestern in Tarsus Ende Juli in einem Brief mitgeteilt, dass die Pauluskirche faktisch wieder ein Museum wird. Ich bin sehr enttäuscht. Dabei meinten wir, eine gute Lösung gefunden zu haben. Vom Premierminister bis zum Bürgermeister waren alle einverstanden, dass das Gebäude bis zu einer endgültigen Entscheidung der Kommune als Kirche genutzt wird. Alle haben das Recht der Christen betont - und jetzt kommt so ein Brief. Da fragt man sich: Wollen sie nun, oder wollen sie nicht?
Was hat sich konkret verändert?
 
Pilgergruppen müssen sich drei Tage vorher beim Museumsdirektor anmelden. Wer nicht schriftlich eine Genehmi- gung erbittet, darf keine Messe zelebrieren. Falls die Feier eine Besichtigung durch andere Personen beein- trächtigt, kann die Museumsleitung aufgrund einer allgemeinen Verhaltensvorschrift Einschränkungen verlangen. Das heißt: Die Messe würde dann vielleicht bloß eine halbe Stunde dauern, weil danach eine andere Gruppe kommt. Der Museumsdirektor bekam einen betreffenden Brief vom Kultur- und Tourismusministerium in Ankara, datierend vom 8. Juli 2009. Dessen Inhalt gilt nicht nur für Tarsus, sondern auch für die anderen christlichen Pilgerstätten in der Türkei. Tarsus ist keine Ausnahme mehr. Man hat die Bitten, die von vielen Seiten kamen - von der Türkischen und Deutschen Bischofskonferenz, besonders auch von Kardinal Joachim Meisner, und von der deutschen Botschaft - nicht ausreichend ernst genommen.
Geht es um ein Missverständnis zwischen Kirche und staatlichen Stellen oder um einen Wortbruch?
   Ich sehe nur die Fakten: In Tarsus waren alle dafür, dass wir bis auf weiteres die Kirche als Kirche benutzen sollten. Das Ticket ist nicht das Problem. Damit werden der Unterhalt des Gebäudes und die städtischen Wärter finanziert. Aber dass die Gruppen drei Tage im Voraus Bescheid geben soll, ist schwierig. Es kommen Pilger, die von der Regelung nicht wissen oder kurzfristig anreisen. Wenn sie dann nicht Gottesdienst feiern können, bringt das Enttäuschung. Letztlich schadet das auch der Stadt Tarsus und dem türkischen Staat.
Was sind die Hintergründe für diesen Rückzieher?
   Was dahintersteckt, kann ich nicht deutlich sehen. Man fragt sich, ob die Entscheidungsträger vielleicht Angst haben, Zugeständnisse bei dieser Kirche zu machen, weil sie dann weitere Probleme befürchten. Es ist keine gute Entwicklung - einen Schritt nach vorn, einer zurück. Aber das ist ständig die Methode hier. Alle wollen bereit sein, Menschenrechte und Religionsfreiheit anzuerkennen, aber der Beweis dafür steht aus.
Fordern Sie jetzt eine andere Gangart im christlich-muslimischen Dialog?
   Die Enttäuschung liegt nicht nur bei mir, Kardinal Meisner und den deutschen Behörden, die sich für die Sache eingesetzt haben; enttäuscht sind auch manche muslimische Türken, mit denen ich gesprochen habe. Für ihre Landsleute in anderen Staaten Europas gäbe es nicht dieses Problem, wie wir es hier erlebt haben. Es kann nicht darum gehen, in der Türkei die gleichen Bedingungen wie in Deutschland oder Italien zu fordern. Religionsfreiheit darf nicht von ihrer wechselseitigen Gewährung abhängen. Aber wir sollten nicht einfach den Mund halten, wenn wir nicht die gleiche Freiheit haben wie Muslime in anderen Ländern. In der Türkei liegt das Problem allerdings nicht bei den Muslimen, sondern in den staatlichen Strukturen.
Haben Sie noch Vertrauen zu den türkischen Behörden?
   Wenn ich nicht bald eine Änderung sehe, ist es nicht mehr so groß. Die Verantwortlichen beteuern uns gegen- über das Recht, in einer Kirche zu beten. Dann sollen sie auch etwas dafür tun und nicht immer nur auf andere Instanzen verweisen. Das habe ich dieses Jahr oft genug gehört. Wir erwarten jetzt ein Signal. Nach all den guten Worten müssen sie endlich Taten sehen lassen. DTkna090804BurkhardJürgens

Kommentar der Tagespost, Würzburg: Tarsus ist keine Machtfrage
   Wohlgemerkt: Die Kirche hat nicht die Rückgabe der Hagia Sophia in Istanbul gefordert. Sie hat auch nicht die laizistische Verfassung der Türkei in Frage gestellt. Sie hat nicht verlangt, dass alle einst christlichen Sakralbauten, die heute Museen sind, wieder in kirchlichen Besitz gelangen. Sie will lediglich die kleine, schmucklose Paulus- Kirche in Tarsus uneingeschränkt als Kirche benutzen dürfen, damit Pilger aus aller Welt, die in der südöstlichen Türkei des hier geborenen und aufgewachsenen Völkerapostel gedenken, beten und Gottesdienst feiern können.
   Es geht nicht um eine Machtfrage, wie Ankara sie vermutet hätte, wenn der Ökumenische Patriarch von Kon- stantinopel die Rückgabe der Hagia Sophia gefordert hätte. Es geht nicht um eine Konfliktstrategie, etwa in Form einer christlichen Missionsoffensive. Es geht um die Religionsfreiheit, zu der sich der türkische Staat - als Mitglied des Europarates und EU-Beitrittskandidat - offiziell bekennt. Die Sondergenehmigung während des Paulus-Jahres, die es 416 Pilgergruppen aus 30 Nationen erlaubte, im Geburtsort des Apostels Paulus zu beten und Messe zu feiern, hat bewiesen, dass die von Bischof Padovese geforderte Rückgabe der Paulus-Kirche in Tarsus die Grund- festen der türkischen Republik nicht erschüttern würde.
   Umso enttäuschender ist die Entscheidung des türkischen Tourismus-Ministeriums, dass die Paulus-Kirche Museum bleibt und jede liturgische Nutzung einzeln genehmigt werden muss. Das entspricht der (Anti-)Religions- Politik Atatürks, nicht aber jener der Europäischen Union. Es zeigt überdies, wie wenig Spielraum Ministerpräsident Erdogan, der in vielen Fällen großzügiger sein wollte, überall dort hat, wo die alten Machtklüngel der Türkei ein Wiedererwachen und Erstarken der Religion befürchten. DT090804s

Radio Vatikan:  
   Die Bundesrepublik Deutschland will der katholischen Kirche bei der liturgischen Nutzung der Pauluskirche im türkischen Tarsus helfen. Zwischen dem Vorsitzenden der Türkischen Bischofskonferenz, dem Nuntius in Ankara und der deutschen Botschaft in der türkischen Hauptstadt bestünden enge Kontakte, berichtete die KNA unter Berufung auf diplomatische Kreise. Es gehe darum, eine dauerhafte religiöse Benutzung der letzten verbliebenen Kirche in der Geburtsstadt des Heiligen Paulus zu ermöglichen. Sowohl der türkische Kulturminister als auch der zuständige Gouverneur hätten zugesagt, dass die Kirche weiterhin für Gottesdienste genutzt werden könne. Auch der Bürgermeister von Tarsus habe öffentlich eine Nutzung des Gebäudes als Kirche befürwortet, hieß es. – Der Vorsitzende der Türkischen Bischofskonferenz, Bischof Luigi Padovese, hatte sich enttäuscht über eine Verordnung aus dem Kultur- und Tourismusministerium gezeigt, wonach Gottesdienste in der Kirche drei Tage vorher an- gemeldet werden müssen. Offiziell gilt das Gotteshaus in Tarsus als Museum. In Gesprächen hätten Vertreter der Regierung wie der Kommunalverwaltung zunächst zugesichert, die Kirche in der Geburtsstadt des Apostels Paulus auch nach Ende des Paulusjahres für Pilgermessen zur Verfügung zu stellen. RVkap090804kna

B-B02z

Ein Muslim für Christen - Die Kirche St. Paul in Tarsus in der Türkei soll wieder Kirche sein

   Wenn in der Türkei eine alte Kirche restauriert wird, freuen sich vor allem die Anwohner: Bewerbt euch um den Job als Museumswärter, denn einen Geistlichen wird es dort nicht mehr geben, heißt es dann zu Recht. Denn Kirchen, die auf Kosten des türkischen Staates restauriert werden und danach wieder als christliche Gotteshäuser dienen, gibt es in der Türkei nicht. Die wieder hergerichteten Gebäude dürfen nur noch Museum sein, und das Feiern von Gottesdiensten wird nur in Ausnahmefällen gewährt. Doch das könnte sich nun ändern.
   Ausgerechnet Ali Bardakoglu Foto oben, der Leiter der Religionsbehörde Diyanet, über die der türkische Staat die mehr als 76.000 Moscheen und Imame im Land dirigiert, setzt sich für die ganzjährige religiöse Nutzung einer Kirche ein: St. Paul im südtürkischen Tarsus Foto weiter oben müsse wieder eine richtige Kirche werden, sagte Bardakoglu der türkischen Zeitung „Milliyet". Bei Reisen im Ausland könne er nicht erklären, wieso das Gebäude weiterhin ein Museum sei. „Ich finde es angemessener, wenn St. Paul wieder als Kirche dient und nicht weiter als Museum. Den Christen geht das genauso."
   Tatsächlich hatten Kurienkardinäle und Bischöfe aus zahlreichen Ländern die Türkei mehrfach dazu aufgefordert, die Kirche im Geburtsort des Apostels Paulus wieder für Gottesdienste zu öffnen - während des Paulusjahres 2009 war sie vorübergehend dafür frei gegeben worden. Kaum ein Christ in der Türkei hatte jedoch damit gerechnet, dass die Diyanet für sie Partei ergreift. Das Verhältnis zwischen Ali Bardakoglu und dem Vatikan war lange an- gespannt: Als erster muslimischer Würdenträger kritisierte er im September 2006 Papst Benedikt XVI. und dessen Regensburger Rede als Ausdruck einer „Kreuzfahrermentalität". Zudem hat sich die Lage der religiösen Minderheiten in der Türkei nach dem Schweizer Minarettverbot verschlechtert: Türkische Nationalisten nutzten den Volksent- scheid als Argument gegen die Forderungen türkischer Christen - warum solle man den Bau von Kirchen zulassen, wenn Muslimen in Europa der Bau von Minaretten nicht gestattet werde?
   Doch genau an die nationalistischen Scharfmacher, die zudem gern mit dem Klischee von Christen als ausländi- schen Spionen zündeln, wandte sich Bardakoglu in dem Interview - wenn auch nur indirekt: Natürlich sei es be- unruhigend, dass es in Europa ein Minarettverbot gebe. Auf der ganzen Welt habe die religiöse Toleranz mög- licherweise nachgelassen. Doch gerade deshalb sei es wichtig, die Religionsfreiheit im eigenen Land zu stärken und nicht länger mit der Sicherheit dagegen zu argumentieren. „Wenn ein Ort für Christen heilig ist und sie dort Gottesdienste abhalten möchten, dann kann es keine Argumente geben, die ein Verbot rechtfertigen", sagte Bardakoglu. Den Islam verstehe er als eine Religion, die durch das Wort und die Vernunft überzeugen müsse.
   Die Türkei zählt heute etwa hunderttausend Christen. Tagtäglich sind sie mit Schwierigkeiten konfrontiert. Der Staat erkennt nicht die Rechtstitel an, die der osmanische Sultan den Kirchen verliehen hatte; ihre Geistlichen dürfen nicht in der Türkei ausgebildet werden und erhalten in der Regel weder eine Arbeitserlaubnis noch die türkische Staatsbürgerschaft. Die Gemeinden sind Vereine, Stiftungen oder Aktiengesellschaften, denen die Grund- stücke, auf denen ihre Kirchen stehen, nur selten gehören. Die Kirche St. Paul wurde im Jahr 1943 vom türkischen Staat beschlagnahmt und danach als Militärlager genutzt. Sie verfiel zur Ruine, bis sie im Jahr 2000 als Museum wiederhergerichtet wurde. Seitdem kostet der Besuch Eintritt. Noch hängt am Eingang des Baus ein Spruchband, das verkündet, wie wichtig Museen für die Gegenwart und Zukunft der Türkei sind. Ob es dorl bleiben wird, ent- scheidet nun Ankara. FAZ100824KarenKrüger

Die Muslime sind am Zug
   Die Deutsche Bischofskonferenz hat in ihrer Grußbotschaft an die in Deutschland lebenden Muslime zum Ende des Fastenmonats Ramadan ungewöhnlich deutliche Worte gefunden. Erstmals werden die Muslime darin um et- was gebeten, was Menschenrechtsorganisationen schon lange fordern: Reziprozität-Gegenseitigkeit, vor allem in Sachen Respekt und Toleranz. Die Bischöfe verweisen besorgt auf die seit Jahrtausenden in ihren Ländern verwurzelten Christen im Nahen Osten, die mancherorts vor der Ausrottung stehen. Gleichzeitig freuen sie sich über die neuesten Entwicklungen in der Türkei und setzen ihre Hoffnung darauf, dass die bisher als Museum genutzte Kirche in Tarsus an die Christen der Stadt zurückgegeben werde. Sie betonen, dass sie ihrerseits weiterhin für Religionsfreiheit eintreten werden. Aber erstmals bitten sie die in Deutschland lebenden Muslime, dies doch nun bitte auch endlich zu tun - vor allem in ihren Herkunftsländern. Nach Jahren der einseitig verkünde- ten Toleranz richten die Bischöfe damit ein höfliches, aber längst fälliges „Ihr seid am Zug!" an die deutschen Mus- lime. Diese reagieren darauf bis jetzt mit einem Schweigen, das uns beim Hilfswerk „Kirche in Not" nur allzu be- kannt vorkommt. Kein Muslim in Deutschland kann persönlich etwas dafür, wenn im irakischen Mossul Islamisten Jagd auf christliche Familien machen, wenn im ägyptischen Nag Hammadi christliche Jugendliche vor ihrer Kirche von Gewehrsalven niedergestreckt werden, oder wenn im pakistanischen Gojra eine christliche Familie in ihrem Haus eingesperrt und verbrannt wird, weil die Kinder angeblich den Koran verunglimpft hätten. Kein in Deutsch- land lebender Muslim kann etwas dafür. Aber warum schweigt er dazu? Ein irakischer Flüchtling sagte uns kürzlich: „Wir haben die Muslime als Brüder in unser Land gelassen. Doch sobald sie in der Mehrheit waren, begannen sie, uns zu ermorden und zu vertreiben." Diese Äußerung unterstellt dem Islam einen Mechanismus, an dessen Anfang Toleranz und an dessen Ende die Ausrottung oder die Marginalisierung Andersgläubiger steht. Der Vorwurf stellt die Integrationsfähigkeit des Islam an sich in Frage und leider hören wir ihn bei „Kirche in Not" von Christen aus der ganzen islamischen Welt. Wollen sie uns einen „Islam der Barmherzigkeit" zeigen und sich demokratiefähig erweisen, dürfen die deutschen Muslime diesen Vorwurf nicht schweigend übergehen. DT100831
Der Autor Andre Stiefenhofer ist Medienreferent des Hilfswerks „Kirche in Not".

  Die Türkei will angeblich 16 christliche Kirchen für Gottesdienste öffnen. Darunter auch die katholische Paulus- Kirche in Tarsus. Das berichtet die liberale türkische Tageszeitung „Milliyet“. Der Genehmigungsmodus für christ- liche Gottesdienste soll damit künftig erleichtert werden. Neben der Paulus-Kirche, welche bislang als Museum genutzt wurde, soll auch die Peter-Kirche in Antakya und die Kirche des heiligen Nikolaus bei Antalya bald wieder von Christen genutzt werden.. Im ehemaligen orthodoxen Kloster Sümela, sowie in der alten armenischen Heilig- Kreuz-Kirche, soll vorerst ein Gottesdienst pro Jahr erlaubt werden. Drei Ministerien sollen sich bereits auf die Lockerung geeinigt haben. Eine endgültige Entscheidung stehe allerdings noch aus. RV101001apd
   Die deutsche Gemeinde von Antalya hat angekündigt, beim Türkei-Besuch von Bundespräsident Christian Wulff nicht an einem geplanten ökumenischen Gottesdienst teilzunehmen. Der Gottesdienst in der Paulus-Kirche von Tarsus sei reine „Symbolpolitik“. Schließlich gebe es in Tarsus ohnehin keine Christen, sagte Gemeindepfarrer Rainer Korten. Deutsche Politiker täten besser daran, sich beim Besuch einer christlichen Gemeinde in der Türkei über deren Probleme zu informieren. Statt eines symbolischen Besuchs sollte es klare Forderungen für die Freiheit der Christen im Land geben, so wie sie Muslime in Deutschland genießen, sagte Pfarrer Korten. RV101006pm

Christen in der Türkei

   In Antiochia nannten die Christen sich zum ersten Mal Christen. Die Stadt heißt heute Antakya und liegt auf dem Territorium der Türkei. Auch Tarsus, die Heimat des Apostels Paulus, wo Bundespräsident Christian Wulff jetzt einen ökumenischen Gottesdienst feierte, ist heute türkisch. Und viele der Stätten, die uns aus der Apostel- geschichte vertraut sind - von Ephesus bis Caesarea (heute unter dem Namen Kayseri die Heimat des türkischen Staatspräsidenten Gül) - belegen, was Wulff vor dem Parlament in Ankara sagte: Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei. Dies umso mehr, als die aus Zentralasien gekommenen Türken die ionischen Natur- philosophen, einen Thales von Milet oder Pythagoras von Samos, ja sogar Homer und die Hethiter für sich in Anspruch nehmen, wenn sie zeigen wollen, dass die Türkei „zweifelsfrei" zu Europa gehöre.
   Anatolien war Kernraum des christlichen Byzanz. Erst mit der Eroberung der Kaiserstadt Konstantinopel am 29. Mai 1453 durch die Osmanen fand dieses Reich sein Ende - nach elfhundert Jahren Herrschaft. Doch auch danach lebten Millionen von Christen (neben anderen religiösen Minderheiten) in dem - nun muslimischen - Imperium der Türken, die sich damals freilich noch Osmanen nannten.
   Ein Idealstaat war das Osmanische Reich nicht. Es besteht kein Anlass, es schwärmerisch zu mythologisieren. So waren die Araber froh, als die osmanische Herrschaft nach vierhundert Jahren nach dem Ersten Weltkrieg endete; und auch die christlichen Völker des Balkans, die noch heute, und oft ein wenig ungerecht, vom „Türkenjoch" sprechen, waren am Ende froh, ihre Freiheit und Unabhängigkeit errungen zu haben.
   Doch was religiöse Toleranz und Religionsfreiheit angeht, kann die Türkische Republik dem Osmanischen Reich das Wasser nicht reichen. Da bleibt die vorgeblich laizistische Republik hinter dem islamischen Universalreich weit zurück. Unter den Osmanen waren die Nicht-Muslime zwar nicht gleichberechtigt, konnten jedoch nach Entrichtung der „Kopfsteuer" als „millet" oder religiös definierte „Nation" ihre religiösen und privatrechtlichen Angelegenheiten weitgehend selbständig gestalten. Noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert lebten in Konstantino- pel/Istanbul mehr Nicht-Muslime (gayrimüslüm) als Muslime. Der türkische Autor Mario Levi, selbst spaniolischjüdi- scher Herkunft, hat diesem in der Tat multikulturellen Leben in seinem großen Roman „Istanbul war ein Märchen" ein bleibendes Denkmal gesetzt; und der Lyriker Ilhan Berk feierte die beiden Stadtteile Galata und Pera, wo lange überwiegend Christen lebten, in seiner Dichtung.
   Heute gibt es kaum noch Christen in der Türkei. Ihre Zahl ist so gering, dass sie statistisch kaum zu Buche schlägt. In spätosmanischer Zeit waren es zunächst panislamische, dann jedoch vor allem schon stark national- türkisch gesinnte Kräfte innerhalb der Jungtürken, die dazu erheblich beitrugen. Nach einem Vorspiel unter dem Sultan Abdulhamid II. sorgte der Genozid an den Armeniern während der Wirren des Ersten Weltkriegs für den ersten großen Aderlass unter den Christen. Mit dem 1922 erfolgten Bevölkerungsaustausch zwischen Griechen und Türken verließen fast eineinhalb Millionen (orthodoxe) Christen Kleinasien. Daran waren die Griechen aller- dings nicht unschuldig - hatten sie doch, verführt durch die westlichen Mächte, den Versuch unternommen, durch einen Eroberungskrieg „Byzanz" wiederzuerrichten. Dies vereitelte Kemal Pascha, der dann als Atatürk Gründer der Republik wurde.
   Die heutige Türkei versteht sich als weltlicher Staat, doch verweigert gerade sie den - kaum noch vorhandenen - Christen elementare Rechte. Obwohl Religion offiziell als Privatsache gilt, hält man es doch für ausgemacht, dass der Türke auch Muslim ist - auch zum Leidwesen vieler nicht gläubiger Türken. Nationalismus und Islam sind ins- besondere bei den Ultranationalisten eine verhängnisvolle Symbiose eingegangen. Die Morde an Christen in den vergangenen Jahren - etwa an dem armenischen Publizisten Hrant Dink - gingen alle auf das Konto der Natio- nalisten, die allen Ernstes in den wenigen Christen eine „Gefahr" für den von Atatürk monolithisch konzipierten türkischen Nationalstaat sehen.
   Unter der Regierung der islamischkonservativen AKP, immerhin, hat es einige bescheidene Verbesserungen für die Christen gegeben. Doch von Religionsfreiheit kann keine Rede sein. Es wäre schon manches gewonnen, wenn das seit 1971 geschlossene orthodoxe Priesterseminar auf Chalki wieder geöffnet würde. Darauf hofft Patriarch Bartholomaios I., den der Bundespräsident nun in Istanbul besucht hat, schon lange. Bartholomaios repräsentiert nicht weniger als dreihundert Millionen orthodoxe Christen. Muslime können in Deutschland ihren Glauben unbehindert ausüben, manche - wie die Konfession der Aleviten - sogar freier als in ihrer türkischen Heimat. Die Zahl der Moscheen steigt. Eine umfassende deutsche Imam-Ausbildung ist eingeführt. Da war es nur recht und billig, dass der Bundespräsident im Sinne der Reziprozität die Religionsfreiheit anmahnte und sich für die Rechte von Christen einsetzte. FAZ101023WolfgangGünterLerch

Interreligiöser Dialog:  Glaube, Geschichte und Wissenschaft gehen miteinander einher

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  Mahdi Mostafavi ist der Präsident der „Islamic Culture and Relation Organization”, dem Organ des iranischen Staates, das für den interreligiösen und kulturellen Dialog zuständig ist. Mit einer Delegation iranischer Experten führte Mostafavi im Vatikan Gespräche mit dem Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog, unter Leitung von Kardinal Jean-Louis Tauran Foto oben rechts. Das Foto oben links zeigt Mastafavi mit Benedikt XVI. in der anschließenden Papstaudienz.
Giovanni Cubeddu (30Giorni) führte im Anschluss daran mit Mahdi Mostafavi dieses Interview:

Thema des Gesprächs ist „Glaube und Vernunft im Christentum und im Islam”.
Ein Ehrerweis an Papst Benedikt?
  Wir unterhalten schon seit Jahren gute Beziehungen zum Vatikan, und das war bereits das sechste Treffen zwischen Schiiten und Christen im Vatikan. In Wahrheit wurde das Thema „Glaube und Vernunft” - ein Thema, dessen Bedeutung auch uns durchaus bewusst ist - nicht auf Wunsch des Papstes ausgewählt, sondern aus dem einfachen Grund, weil es für beide Parteien von Interesse ist. Themen zu diskutieren, die allen nützlich sind, ist im gegenseitigen Interesse und hilft, den Gesprächspartner besser kennen zu lernen. Und das nicht zuletzt auch, weil man der Wahrheit näher kommt, wenn man einander zuhört. Die Themen, die in der Vergangenheit behandelt wurden, waren die islamische und christliche Sicht der Moderne, des Religionspluralismus und der Prinzipien, die den Frieden regeln. All diese Begegnungen waren nicht nur sehr interessant und fruchtbar, sondern haben auch gezeigt, dass es auf vielen Gebieten durchaus gemeinsame Anschauungen gibt, besonders, wenn da die Bereit- schaft ist, einander zu verstehen.
Wie würden Sie die iranische Anschauung definieren?
   In der heutigen Welt müssen uns die Vernunft, das Wissen und die Spiritualität am Herzen liegen. Darauf kon- zentriert sich die Debatte, und beide Seiten sind überein gekommen, dass derart weitreichende religiöse Phäno- mene ohne eine genaue Analyse nicht verstanden werden können. Wenn es um wichtige Religionen geht, muss man eine genaue Kenntnis der Glaubensinhalte haben ...
Und was können Sie zum Thema „Glaube, Vernunft und das Phänomen der Gewalt” sagen? Wurde auch dieses so besonders heikle Problem diskutiert?
   Darum ist eine besonders lebhafte Diskussion entstanden, die gezeigt hat, dass uns der alleinige Gebrauch der Vernunft an die Gewalt annähert, aber auch das Gegenteil: dass wir uns nämlich auch, wenn wir dem Glauben ohne Vernunft folgen, an die Gewalt annähern. Glaube und Vernunft müssen miteinander einher gehen, ohne sich gegeneinander auszuschließen, weil sie einander brauchen. Sowohl im Christentum als auch im Islam wurde die Wichtigkeit dieser Komplementarität immer wieder herausgestellt.
Am Iran scheint derzeit kein großes internationales Interesse zu bestehen - von der Atomfrage einmal abge- sehen. Stehen die in Rom behandelten Themen auch in der theologischen Diskussion Ihres Land zur Debatte?
   Natürlich gibt es bei den Gläubigen verschiedene Meinungen und Ansichten. Die Mehrheit der Gläubigen und Intellektuellen im Iran vertritt jedoch die Ansichten, die wir auch in Rom vertreten haben. Und genauso denkt man auch an unseren Universitäten und Religionsschulen in Qom Foto unten. Zu diesem Thema gibt es verschiedene interessante Veröffentlichungen.

IslFaiziyehQom-xx Religionsschule Faiziyeh in Qom

Die beiden Delegationen sind auch übereinstimmend zu dem Schluss gekommen, dass Christen und Muslime über eine „reine Toleranz” hinausgehen müssen, dass die „Verschiedenheit des jeweiligen historischen Kontextes” nicht außer Acht gelassen werden darf. Kurzum: wenn man die Geschichte respektiert, wird auch der Dialog einfacher.
  Meiner Meinung nach können sich die Religionen, wenn sie über die Wissenschaft diskutieren, vernünftig und ehrlich miteinander reden, sehr viel mehr aneinander annähern. Für uns Iraner ist es nie ein Problem, wenn sich Judentum, Christentum und Islam aneinander annähern. Probleme gibt es erst dann, wenn die Jünger dieser Religionen übertreiben, wenn sie keinen sicheren Glauben haben oder nicht wissen, wie sie die Vernunft nutzen sollen. Das Problem unserer heutigen Welt liegt in der Säkularisierung, für die Gott und die Religion von der Ge- sellschaft getrennt wurden, und wo es weder Glauben gibt, noch gute Beziehungen zwischen Glauben und Ver- nunft, und die Gesellschaft sehr unelastisch wird. Auch das Gegenteil ist möglich: Probleme entstehen dort, wo extremistische Religionsfanatiker sowohl die Vernunft als auch den Glauben beiseite lassen. Das ist aber nicht das Verhalten der Propheten: die haben stets behauptet, dass Vernunft und Glaube miteinander einher gehen müs- sen. Und wenn die Gläubigen den Richtlinien der Propheten folgen würden, hätten wir diese Probleme nicht. Kriege wurden noch nie von aufrechten Intellektuellen angezettelt.
Wie können gemeinsame Initiativen zwischen Katholiken und Schiiten entwickelt werden?
   Wir haben im Vatikan über wissenschaftliche, kulturelle und künstlerische Initiativen diskutiert, im Hinblick auf unsere nächste Begegnung. Und wir haben uns dabei auf mögliche Bereiche konzentriert, in denen eine fruchtbare Zusammenarbeit möglich wäre. Diese etwaigen Konvergenzen wollen wir bestmöglich nutzen.
30Giorni0805    

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Prof. Dr. Manfred Spieker FotoNotwendigkeit und Grenzen des interreligiösen Dialogs

   Die Nöte der Welt beginnen in unserer eigenen Gesellschaft. Die Integration von weit über drei Millionen Mus- limen und das Zusammenleben mit Menschen verschiedener Religionen und einer großen Zahl von Agnostikern und Atheisten - in Ostdeutschland mehr als zwei Drittel, in Gesamtdeutschland rund ein Drittel der Bevölkerung - gebieten nicht nur den Dialog mit der Welt, den Papst Benedikt XVI. als Kardinal immer wieder pflegte, sondern auch den interreligiösen Dialog, den Papst Johannes Paul II. pflegte wie kein Papst vor ihm. Die Integration ge- rade der Muslime in Deutschland, aber auch in anderen Ländern der EU, ist schwierig. Nicht nur der Kopftuchstreit hat dies vor aller Augen geführt, auch die Probleme des Moscheenbaus, des islamischen Religionsunterrichts und des Betens in Kindergärten mit Kindern islamischer Herkunft zeigen, dass der Alltag schwierig ist.
Die Ziele des interreligiösen Dialogs
   Um welcher Ziele willen wird der interreligiöse Dialog weltweit geführt? Ist der Weltfriede denn ein so geringes Gut, dass er nicht ausreicht, um die Notwendigkeit des interreligiösen Dialogs zu begründen? Dies wird zumindest von den Christen niemand behaupten wollen, hat doch Jesus selbst in der Bergpredigt die Friedensstifter selig ge- priesen und Söhne Gottes genannt Mt 5,9. Den Frieden in der Welt und die Integration in multireligiösen und multi- kulturellen Gesellschaften zu fördern, die soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen, den Menschenrechten Geltung zu verschaffen und den Terrorismus zu bekämpfen, sind mithin völlig legitime Ziele des interreligiösen Dialogs. Er wird deshalb immer Verständigung anstreben und das ins Auge fassen, «was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt». Die katholische Kirche lehnt deshalb nichts von dem ab, was in anderen Reli- gionen «wahr und heilig» ist und «einen Strahl jener Wahrheit» erkennen lässt, die alle Menschen erleuchtet. VAT. II. Nostra Aetate 2.
   Ein sich aufgeklärt dünkender Relativismus findet seinen zugleich klügsten und demütigsten Kritiker in Joseph Ratzinger, der gegen Lessings Ringparabel den Einwand erhebt, die Wahrheitsfrage durch die Frage nach der heilenden und reinigenden Wirkung der Religion zu ersetzen. Wenn aber «das Wahre nicht mehr erkennbar und vom Unwahren nicht mehr unterscheidbar ist, ... wird auch das Gute unerkennbar; die Unterscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen verliert ihren Grund». Ratzinger verteidigt das Christentum schon in seiner 1968 er- schienenen «Einführung in das Christentum», als eine Religion der Vernunft, als eine Religion des Logos, des Wortes Gottes, das in die Geschichte eingetreten ist. «Dass im Christentum letztlich alles an einem einzelnen, an dem Menschen Jesus von Nazaret hängt», sei für die übrigen Weltreligionen und für den Menschen von heute unbegreiflich. Der christliche Glaube ist «die Option für die Priorität der Vernunft», ohne deshalb an die griechische Kultur gebunden zu sein, wie Vertreter der relativistischen Position in der Theologie der Religionen immer wieder behaupten. Der christliche Glaube hat deshalb immer an der Wahrheitsfrage festgehalten, und er wird dies auch im interreligiösen Dialog immer tun müssen. «Wenn der Mensch nach  den wesentlichen Dingen seines Lebens, nach seinem Woher und Wohin, nach seinem Sollen und Dürfen, nach Leben und Sterben nicht mehr vernünftig fragen kann, sondern diese entscheidenden Probleme einem von der Vernunft abgetrennten Gefühl überlassen muss, dann erhebt er die Vernunft nicht, sondern entehrt sie». Wenn dem Christen im interreligiösen Dialog die Absolutheit der Mystik als letztverbindliche Größe aufgedrängt werde, wie im Symbolismus und Spiritualismus eines Radhakrishnan, sei das für ihn «keine geringere Zumutung als dem Nichtchristen die Absolutheit Christi ent- gegenzuhalten». Das Fazit der Kritik Ratzingers lautet: «Der Pluralismus bricht klar mit dem Glauben, dass allein von Chrisus das Heil kommt und dass zu Christus seine Kirche gehört».
 Dies war auch die zentrale Botschaft von «Dominus Jesus», der Erklärung der Glaubenskongregation «über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche» vom 6. August 2000. Diese Erklärung, die ganz deutlich die Handschrift Ratzingers verrät, kritisiert die relativistische Theologie der Religionen, «die den religiösen Pluralismus nicht nur de facto, sondern auch de jure (oder prinzipiell) rechtfertigen» will und in deren Folge zentrale Wahrheiten des christlichen Glaubens als überholt betrachtet werden, «wie etwa der endgültige und vollständige Charakter der Offenbarung Jesu Christi, die Natur des christlichen Glaubens im Verhältnis zu der inneren Überzeugung in den anderen Religionen, die Inspiration der Bücher der Heiligen Schrift, die personale Einheit zwischen dem ewigen Wort und Jesus von Nazaret, die Einheit der Heilsordnung des Fleisch gewordenen Wortes und des Heiligen Geistes, die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi, die universale Heilsmittler- schaft der Kirche, die Untrennbarkeit - wenn auch Unterscheidbarkeit - zwischen dem Reich Gottes, dem Reich Christi und der Kirche, die Subsistenz der einen Kirche Christi in der katholischen Kirche».
  Das Anliegen der Erklärung der Glaubenskongregation besteht darin, auch im interreligiösen Dialog an der Einzig- keit und Heilsuniversalität Jesu Christi festzuhalten und deutlich zu machen, dass die Kirche das «allumfassende Heilssakrament» ist, mithin die These zurückzuweisen, dass die Kirche ein Heilsweg neben jenen in den anderen Religionen sei, «die komplementär zur Kirche, ja im Grunde ihr gleichwertig wären, insofern sie mit dieser zum eschatologischen Reich Gottes konvergierten». «Dominus Jesus» hält wie auch das Dokument der Internationalen Theologenkommission «Das Christentum und die Religionen» von 1996 am Universalitätsanspruch des Christen- tums fest.  
   Wie steht es angesichts dieser Kritik dann mit dem interreligiösen Dialog? Hat er noch einen Sinn? Können sich seine Partner noch auf gleicher Augenhöhe begegnen? Die seit dem II. Vatikanischen Konzil unterstrichene Not- wendigkeit dieses Dialogs wird auch durch «Dominus Jesus» nicht zurückgenommen. Der interreligiöse Dialog zielt auf Verständigung. Die Partner wollen einander besser kennen lernen, den anderen und sich selbst besser ver- stehen, aber «in Gehorsam gegenüber der Wahrheit und mit Respekt vor der Freiheit». Parität, Liebe und Freiheit werden auch von «Dominus Jesus» als Voraussetzungen des interreligiösen Dialogs bezeichnet. Aber die Parität «bezieht sich auf die gleiche personale Würde des Partners, nicht auf die Lehrinhalte und noch weniger auf Jesus Christus, den Mensch gewordenen Sohn Gottes, im Vergleich zu den Gründern der anderen Religionen». Alle Religionen als gleich wahr zu betrachten, wie in der pluralistischen Position der Theologie der Religionen, ist «gleichbedeutend mit der Erklärung, dass alle falsch sind».
   Das vom Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog gemeinsam mit der Kongregation für die Evangelisierung der Völker erarbeitete Papier «Dialog und Verkündigung» erinnert an die Lehre des Konzils, dass alle Menschen verpflichtet sind, «die Wahrheit, besonders in dem, was Gott und seine Kirche angeht, zu suchen und die erkannte Wahrheit aufzunehmen und zu bewahren. Der interreligiöse Dialog habe deshalb «nicht nur gegenseitiges Verständnis und freundschaftliche Beziehungen zum Ziel». Er müsse vielmehr die «viel tiefere Ebene des Geistes» erreichen, «auf der Austausch und Teilhabe im gegenseitigen Glaubenszeugnis» möglich seien. Die Aufrichtigkeit des interreligiösen Dialogs verlange, «dass jeder mit der ganzen Integrität seines Glaubens in den Dialog eintritt». Dazu gehöre, nicht zu verschweigen, dass die Kirche gottgewollt von Christus eingesetzt und zum Heile not- wendig ist. Die Tugend der Demut gehört genauso zu den Voraussetzungen des interreligiösen Dialogs wie die Wahrheitsfrage.   
Formen und Grenzen des interreligiösen Dialogs
   Die Diskussion über die Ziele des interreligiösen Dialogs hat in der Regel den Dialog der theologischen Experten im Auge, die sich über die verschiedenen religiösen Bekenntnisse und Traditionen unterhalten. Neben dieser Form des Dialogs gibt es aber noch weitere Formen, den Dialog des Lebens, den Dialog des Handelns und den Dialog der religiösen Erfahrung. Im Dialog des Lebens geht es um das Zusammenleben mit Menschen anderer Konfes- sionen und Religionen in einer offenen Gesellschaft, um das Teilen alltäglicher Probleme in der Nachbarschaft, in Schule und Beruf, in Vereinen, Krankenhäusern und Altenheimen. Wer hat dort nicht schon Menschen anderer Religionen und Kulturen angetroffen, die genauso von Freude und Leid betroffen sind, wie wir? Da Christsein sich weder auf die Liturgie noch auf den Sonntag beschränken kann, ist die Heiligung des Alltags, die Christus- nachfolge in Familie, Beruf und Gesellschaft, die Anteilnahme an Freude und Leid des Nächsten eine Form der Nächstenliebe und eine erste Stufe des interreligiösen Dialogs. Im Dialog des Handelns arbeiten die Angehörigen verschiedener Religionen zusammen, um die Lebenslage der Menschen zu verbessern. Die Bewältigung von Naturkatastrophen, die Förderung einer umfassenden Entwicklung der Völker, der Schutz der Menschenrechte, kurz Gerechtigkeit und Frieden, gebieten eine solche Zusammenarbeit. Sie ist möglich ohne Einheit im Glauben, wie sie auch schon seit langem möglich ist unter den verschiedenen christlichen Konfessionen. Der Schutz der Menschenwürde gebietet den Dialog des Handelns, um Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit zu fördern. Immer wieder haben die Päpste, das II. Vatikanische Konzil und insbesondere Johannes Paul II. zu dieser Zusammen- arbeit aufgerufen und für diese Zusammenarbeit die Soziallehre der Kirche als besonders geeignetes Instrument empfohlen.
  Die vierte Form des interreligiösen Dialogs schließlich ist der Dialog der religiösen Erfahrung. In ihm teilen sich An- gehörige verschiedener Religionen, «die in ihrer eigenen religiösen Tradition verwurzelt sind», ihren spirituellen Reichtum mit. Dieser Dialog der religiösen Erfahrung kann auch, wie mehrmals bei den Friedensgebeten von Assisi geschehen, in den Dienst eines gemeinsamen Zieles, eben des Friedens in der Welt, gestellt werden. Wird in diesem Dialog der religiösen Erfahrung gebetet, geht es nicht um ein gemeinsames Gebet zu einem synkretis- tischen höheren Wesen, sondern darum, dass sich jeder gemäß seiner eigenen Tradition dem Gebet widmet. Die Christen beten zu ihrem dreifaltigen Gott, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat.
   Wenn abschließend nach den Grenzen des interreligiösen Dialogs zu fragen ist, dann ist zunächst festzuhalten, dass diese Grenze die Wahrheitsfrage ist. Die Wahrheitsfrage um der Verständigung oder der political correctness willen zu vermeiden, entzieht dem interreligiösen Dialog sein Fundament. Die Frage nach dem Wahren und die Frage nach dem Guten sind nicht voneinander zu trennen.
   Eine zweite wichtige Grenze für den interreligiösen Dialog ergibt sich aus dem ihm gesetzten Ziel, für Gerech- tigkeit, Frieden und Freiheit einzutreten. Gerade wenn der interreligiöse Dialog dazu beitragen soll, «gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, ... des Friedens und der Freiheit für alle Menschen», wie es das II. Vatikanische Konzil im Hinblick auf das Verhältnis von Christen und Muslimen formuliert hat, dann muss im Dialog auch über jene Elemente einer Religion gesprochen werden, die der Förderung der sozialen Gerechtigkeit, des Friedens und der Freiheit für alle Menschen entgegenstehen. Solche Elemente gibt es, und es sind in manchen Religionen wie dem Islam nicht wenige.
   Der Koran enthält nun einmal eine Reihe von Versen, die die Entwicklung einer humanen und das heißt ge- rechten, friedlichen und demokratischen Gesellschaft erschweren. Die Vorstellung von Gott als dem alleinigen Gesetzgeber auch in zeitlichen Dingen ist mit einer demokratischen politischen Ordnung nicht vereinbar. Sie ne- giert die Trennung von Religion und Politik und führt dazu, dass sich die Staatsgewalten der Exekutive, der Legis- lative und der Judikative immer den Ayatollahs, dem Rat der Glaubenswächter, unterordnen müssen, und dass die Scharia in vielen islamischen Staaten das öffentliche Leben, mithin auch das Leben der Nichtmuslime, reglemen- tiert. Der Koran enthält eine Reihe von Suren, die der Frau die gleiche Würde wie dem Mann absprechen, ja dem Mann das Züchtigungsrecht gegenüber der Frau einräumen und dazu führen, dass die Frau im Zivilrecht, vor allem im Ehe-, Erb- und Prozessrecht benachteiligt wird. Bei aller Vielfalt, ja Widersprüchlichkeit, enthält der Koran zahl- reiche Suren, die den Glauben der Christen und Juden als defiziente Vorläuferformen des Islam, ja als häretische Formen eines Gottesglaubens denunzieren, die die Christen und Juden den Ungläubigen gleichstellen und dazu führen, dass es in islamischen Ländern keine Religionsfreiheit und auch kein volles Bürgerrecht für Juden und Christen gibt. Er enthält zahlreiche Suren, die die Muslime zur Gewaltanwendung gegenüber Ungläubigen auffor- dern, die sie schon unmittelbar nach Mohammeds Tod im 7. Jahrhundert zu einer gewaltsamen Eroberung nicht- muslimischer Gebiete veranlassten und bis heute zu einer Militarisierung islamischer Staaten führten. Der Koran enthält schließlich eine Sure, die dem, der im Kampf für Allah stirbt, das Paradies und im Paradies den Vorrang vor denen verspricht, die zuhause sterben. Diese Sure scheint die religiöse Quelle zu sein für das Phänomen der Selbstmordattentäter, das es fast nur in islamischen Gesellschaften gibt und das zur Geißel des 21. Jahrhunderts zu werden scheint.
   Auch im Hinduismus gibt es Elemente, die der Förderung einer humanen, demokratischen Gesellschaft abträglich sind, so z.B. die Witwen-Verbrennung und das die Menschenrechte und die Menschenwürde missachtende Kastensystem. Auch der Glaube an die Wiedergeburt scheint ein Hindernis für eine tatkräftige Gestaltung der Welt zu sein.
   Der Friede wird nicht durch das Gespräch über derartige Elemente in einer Religion gestört, sondern durch diese Elemente sei es der Religion selbst, sei es der von ihr geprägten Kultur. Es gibt nun einmal «degenerierte und kranke Religionsformen, die den Menschen nicht aufbauen, sondern entfremden».
   Und die Christen? Sind sie frei von Torheit, Boshaftigkeit und Sünde? Hier gilt es zu unterscheiden zwischen dem Evangelium und dem Glauben der Christen einerseits und den Christen andererseits. Das Evangelium, das den Menschen in der Verkündigung oder im interreligiösen Dialog nahezubringen der Auftrag der Kirche ist, darf in Anspruch nehmen, den Menschen - alle Menschen - zu seinem ewigen Heil zu führen und Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit in der Welt zu fördern.  Es ist ohne Torheit,  Boshaftigkeit und Sünde. Jesus wurde in Betlehem uns gleich in allem außer der Sünde. Das Leben und Handeln der Christen aber ist oft genug auch in der Kirche von der Sünde verdunkelt. Die Kirche ist, so hat es Benedikt XVI. in der Vigilfeier beim Kölner Weltjugendtag am 20. August 2005 formuliert, «ein Netz mit guten und schlechten Fischen, ein Acker mit Weizen und Unkraut», und er hat an das Schuldbekenntnis von Johannes Paul II. im Heiligen Jahr 2000 erinnert, in dem der Papst um Verzeihung bat «für das, was durch das Handeln und Reden von Menschen der Kirche an Bösem in der Geschichte geschehen ist». Benedikt XVI. forderte dazu auf, es den drei Königen gleich zu tun, die nach Betlehem gekommen waren, um dem König der Juden zu huldigen und nur ein kleines Kind im Stall fanden, vor dem sie dennoch niederfielen, um es an- zubeten. Diese geheimnisvollen Weisen aus dem Orient, von denen wir so wenig wissen, waren vermutlich die ersten, die den interreligiösen Dialog vor zwei Jahrtausenden gepflegt haben - schon bevor sie sich auf den Weg nach Jerusalem machten und erst recht danach, als sie von Betlehem auf einem anderen Weg heimkehrten in ihre Länder mit anderen Religionen und Kulturen. 
Manfred Spieker,  lehrt an der Universität Osnabrück  Christliche Sozialwissenschaften.
Stark gekürzte Vortrag aus der INTERNATIONALEN KATHOLISCHEN ZEITSCHRIFT COMMUNIO Mai/Juni 2006
    

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