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Kirche im Islam

Sie lesen auf dieser Seite:
1.  Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi genehmigt Bau einer koptischen Kirche nähe Kairo

2. Emirate: Gebetstreffen von Jugendlichen
3. Katholischer Nah-Ost-Gipfel - Papst Benedikt beruft Sondersynode der Kirchenführer ein
4. Der erste Bericht der Sondersynode im Vatikan
5. Rabbi Rosen spricht vor der Sondersynode im Vatikan
6. Stellungnahme des koptischen Patriarches von Alexandrien Antonius Kardinal Naguib
7. Christen, Jude, Muslime - eine Bilanz der Sondersynode im Vatikan
8. Bendedikt XVI. besucht Zypern
9. Interview mit Bischof Paul Hinder, Apostolischer Vikar von Arabien: Wir verzichten ganz bewusst auf Mission
10.    2. Kirche in Abu Dhabi: St. Paulus-Kathedrale
11. Der neue Erzbischof von Algier Prof. Dr. Ghaleb Bader gut angenommen
12. Qatar: Pfarrkirche Unserer Lieben Frau von Fatima für 150.000 Katholiken
13. Unter den vier Millionen Arbeitsimigranten befinden sich 1.500.000 Christen
       14. Irak: Kardinal Emmanuel III. Delly baut chaldäisch-katholische Kirche
15. Begegnung mit Emir Hamad Khalifa al-Thani
16. König Hamad Ibn Isa al Khalifa bei Papst Benedikt XVI.
17. Internationale religiöse Konferenz zum Thema Toleranz in Abu Dhabi
18. Interview mit dem Sultan von Oman Khabus Bin al ‘Bu Said
19. Erstmals in der modernen Türkei darf ein katholischer Priester öffentlich wirken
20. Interview mit dem neuen Bischof von Tunis Msgr. Maroun Elias Lahham
21. Kleine Geschichte der Kirche von Tunesien
22. Grulich: Christen unterm Halbmond
23. Interview mit dem Apostolischen Vikar von Anatolien Luigi Padovese  

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Ägypten: Kirche für IS-Opfer  -  Foto: Marktszene in Kairo

   Die katholische Kirche begrüßt es, dass Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi den Bau einer koptischen Kirche genehmigt hat. Die Kirche wird den koptischen Gastarbeitern geweiht, die in Libyen von der Terrororganisation Islamischer Staat enthauptet worden sind. Die Ermordeten gelten in der koptischen Kirche als Märtyrer. Der Bau entsteht in Samalut in der ägyptischen Provinz Minya südlich von Kairo; von hier stammten die Getöteten. Der Bau der Kirche soll etwa zehn Millionen ägptische Pfund kosten.
   Für Pater Rafic Greiche, den Sprecher der katholischen Kirche Ägyptens, ist Sisis Erlaubnis zum Kirchenbau eines von vielen positiven Zeichen. Ägypten wandle sich zum Besseren, gerade was den religiösen Bereich betreffe, so Greiche: Es gebe erste, zaghafte Versuche, den Koran und grundlegende islamische Texte aus historischer Perspektive heraus zu deuten, Extremisten und Hassprediger in den Moscheen würden verfolgt, der Ganzkörperschleier sei für Lehrerinnen in den Schulen verboten, so Greiche.
   Die katholische Kirche hofft jetzt darauf, dass das Errichten neuer Kirchen in Ägypten generell einfacher wird. Bisher war die behördliche Prozedur in dieser Hinsicht sehr kompliziert. Greiche würdigt Präsident Sisi auch, weil dieser die Christen mit Blick auf die Parlamentswahlen Ende Oktober zu mehr Präsenz in der Öffentlichkeit ermuntert hat. Natürlich brauche es Zeit, um zu einem wirklich tiefgehenden Mentalitätswandel zu kommen, so Greiche: „Aber die Muslime akzeptieren uns jetzt stärker als in der Vergangenheit.“ Es gebe heute „keine staatlich organisierte Gewalt“ gegen Christen mehr, allerdings durchaus „Momente der Spannungen mit religiösem Hintergrund“. Rv151011sk

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Koptischer Gottesdienst in einer Kirche der Stadt Delga, Provinz Miny, südlich von Kairo  

   Stolz hält der schmächtige Polizist seine beiden Gewehre in den Händen. Vor der katholischen Kirche Al Berbas hat er sich aufgestellt, Fußgänger, die die Gasse vor dem Gotteshaus passieren, winken ihm zu. „Wenn jemand gekommen wäre, um die Kirche anzuzünden, hätten wir ihn an einen Pfahl gebunden“, sagt der in eine braune Dschalabija gekleidete Mann mit blauem Tuch um den Kopf. Doch das war zum Glück nicht nötig, als Mitte August in der oberägyptischen Provinz Minya ein Volkssturm gegen christliche Einrichtungen losbrach: „Wir waren vorbereitet, rund um die Uhr haben mehr als sechzig Männer das Dorf bewacht“, sagt er zufrieden. „Weil die Liebe unter uns wohnt“, sei es Christen und Muslimen gemeinsam gelungen, mögliche Angreifer abzuschrecken.
   Aber auch sieben Wochen nach den Attacken auf Kirchen, Klöster, christliche Waisenhäuser, Schulen, Läden und Restaurants in ganz Ägypten bleibt die Lage in dem Dorf südlich der Provinzhauptstadt Minya angespannt. Tag und Nacht positionieren sich die von Polizeichef Muhammad Hussein al Rafah befehligten Sicherheitskräfte rund um die katholisch-koptische Kirche, um Übergriffe zu verhindern. „Christen und Muslime in Al Berba bilden eine Einheit“, sagt der kräftige Mann. Anders als im Nachbarort Abu Qurqas, wo Krawallmacher Mitte August das Gotteshaus zerstörten, hielten die Bewohner seiner Gemeinde immer zusammen.
Ein Klima der Angst
   Doch hinter den Kulissen ist das Zusammenleben der 12 000 Bewohner längst nicht so harmonisch wie Polizeichef Rafah und Bürgermeister Abdelhamid Derdir es beschreiben. Im September wurde ein angesehenes Mitglied der katholisch-koptischen Gemeinde entführt. Bewaffnete Männer zerrten ihn am Ortsrand in einen Geländewagen; erst nach Zahlung eines Lösegeldes kam der Vater dreier Kinder 48 Stunden später wieder auf freien Fuß. Ein Klima der Angst herrscht seitdem in Al Berba. „Ich fahre nicht mehr alleine mit dem Auto“, sagt Schwester Juliana vom Orden Notre Dame de Sion. „Und selbst im Dorf bin ich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf den Gassen oder Wegen zu finden.“
   Vor mehr als zwanzig Jahren zog die Österreicherin in den Süden Ägyptens, eine der Wiegen des Christentums in Nordafrika, half mit beim Aufbau eines Gemeindezentrums und eines weitläufigen Spielplatzes, der von Muslimen wie Christen gleichermaßen genutzt wird. Doch nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi im Juli und dem Massaker an Hunderten seiner Anhänger Mitte August fühlt sie sich zurückversetzt in jene Tage, als islamistische Terroristen in Minya und anderen Provinzen Oberägyptens für Angst und Schrecken sorgten. „Es ist wie in den neunziger Jahren“, sagt sie. „Da konnten wie auch nicht, sobald es dunkel war, unterwegs sein, und es wurde uns geraten, immer andere Routen zu nehmen, nie die gleiche.“
Eine Welle der Gewalt
   Ägyptens Christen sind bedroht – vielleicht stärker als je zuvor. Von den „heftigsten gewaltsamen Szenen in Ägyptens jüngerer Geschichte“ schreibt das Egyptian Center for Public Policy Studies (ECPPS) in einer gerade erschienen Studie über die Welle der Gewalt, die nach dem Sturz Mursis begann – und die nach der brutalen Räumung der beiden Protestlager Mitte August in Kairo eskalierte. Mehr als vierzig Kirchen, 122 Läden, fünf Schulen und fünfzig Häuser, vor allem in den Provinzen Minya und Fayum, Assiut, Beni Sueif, Sohag sowie Luxor seien angegriffen worden. Allein in der nahe Minya gelegenen Stadt Delga wurden 62 koptische Familien aus ihren Häusern vertrieben; erst Ende September gelang es den Sicherheitskräften, das dort von Islamisten ausgerufene Minikalifat zu beenden.
   Zurück gewagt in die Stadt haben sich die meisten Christen dennoch nicht. Die drei koptisch-orthodoxen Kirchen wurden bei den Ausschreitungen zerstört, ebenso ein katholisches und ein protestantisches Gotteshaus. An die vor mehr als anderthalb tausend Jahren gebaute Jungfrau-Maria-Kirche sprühten die Angreifer die Worte „Märtyrer- Moschee“. Rund 20.000 der 120.000 Einwohner Delgas sind Christen – ein Zusammenleben scheint nach den Vorfällen kaum noch möglich.
   Dabei reicht die Geschichte der Kopten zurück bis in die Spätantike. Als Kirchengründer gilt der Heilige Markus, der im ersten Jahrhundert nach Christus in Ägypten gelebt haben soll. Nach koptischer Überlieferung war der Verfasser des Markus-Evangeliums der erste Bischof von Alexandria, der dort 68 nach Christus starb. Deswegen wird die Kirche auch als alexandrinische Kirche bezeichnet. FAZ131004MarkusBickel

epPaulHinderAbuDhabi-xx Emirate: Gebetstreffen von Jugendlichen

  1.500 junge Katholiken aus mehreren Ländern des Nahen Ostens halten in Abu Dhabi ein Gebetstreffen ab. Die dreitägige Veranstaltung soll das Zusammengehörigkeitsgefühl der Katholiken im Nahen Osten stärken, erklärte der Bischofsvikar für Arabien, der Schweizer Kapuziner Paul Hinder, gegenüber Radio Vatikan. Die jungen Leute sollten spüren, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine stünden. In allen Ländern des Nahen Ostens mit Aus- nahme des Libanon sind die Katholiken eine Minderheit, die in vielen Fällen unter Schikanen und Diskriminierungen durch eine islamische Mehrheit zu leiden hat. RV121116sk
   Die Christen in Nahost haben mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Aber auch enges Gruppendenken und das Beharren auf Eigenrechten machen ein gemeinsames Auftreten schwierig, sagt Paul Hinder, Foto der Apostolische Vikar in Arabien. Dabei können der liturgische Reichtum und die Traditionsverbundenheit der orientalischen Kirchen der Weltkirche eine „heilsame Mahnung sein“, so der gebürtige Schweizer.
RV101005kipa 

aepFouadTwal-xx                                  pGregoriusIIILahamDamsk-x

Katholischer Nahost-Gipfel - Papst Benedikt XVI. beruft Sondersynode der Kirchenführer ein
Foto oben links: der lateinische Patriarch Fouad Twal aus Jerusalem,
Foto oben rechts: der chaldäische Patriarch Emmanuel III. Delly aus Bagdad

  Mit einer spektakulären Initiative holt Papst Benedikt XVI. den Nahen Osten auf die Tagesordnung. Bei einem Treffen mit den Patriarchen der katholischen Ostkirchen von Beirut bis Bagdad kündigte er in seiner Sommer- residenz Castelgandolfo für den 10. bis 24. Oktober 2010 eine Sondersynode an. Auf ihr werden die Bischöfe der Region über Stand und Zukunft ihrer Kirchen beraten. Kaum denkbar, dass dabei nicht friedenspolitische Fragen und das Zusammenleben mit den Muslimen eine Rolle spielen. Es wird das erste derartige Regionaltreffen katho- lischer Oberhirten aus dem Nahen Osten. Eine Vorläuferveranstaltung in kleinerem territorialen Rahmen war die Libanon-Synode 1995. Damals ging es um ein einzelnes Land, das in einem 16-jährigen Bürgerkrieg den einstigen Ruf als „Schweiz des Nahen Ostens" gründlich demontiert hatte, und um das Zusammenleben von Christen unter- schiedlicher Konfessionen, Schiiten, Sunniten und Drusen.
   Die jetzt angekündigte Regionalsynode zieht den Kreis weiter: Mit Bischöfen aus Ägypten und Jordanien werden Kirchenführer aus Syrien, Iran und Irak beraten, Oberhirten aus Armenien und Libanon, vielleicht der einzige Bischof der arabischen Halbinsel, der Schweizer Paul Hinder ein Interview mit Bischof Hinder unten im nächsten Kapitel, und nicht zuletzt Kirchenvertreter aus Israel und den Palästinensergebieten. Dementsprechend komplex und vielfältig sind die politischen Verhältnisse, die in der Synodenaula des Vatikan zur Sprache kommen werden. Ein Problem betrifft indes alle: die Abwanderung. Sei es aufgrund von Krieg oder einem allgemein erstarkenden islamischen Selbstbewusstsein - in der gesamten Region verlassen Angehörige der christlichen Minderheit ihre Heimat. Es sind oft die besser ausgebildeten und aufstrebenden jungen Christen, die im westlichen Ausland neue Chancen suchen. Der Aderlass macht für die Zurückbleibenden das Leben noch schwerer. Aber auch die katholi- schen Kirchen und Ritengemeinschaften untereinander - Maroniten, Kopten, Armenier, Chaldäer, Syrer und andere - ziehen nicht immer an einem Strang.
   Kaum zufällig steht das Bischofstreffen unter dem Motto „Die katholische Kirche im Nahen Osten - Gemeinschaft und Zeugnis". Bezeichnend der Vers aus der Apostelgeschichte des Neuen Testaments, den das Synodenmotto ergänzend zitiert: „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele." Die Botschaft ist klar: Christen sollen Solidarität üben, um gemeinsam die übrigen Probleme angehen zu können - auch ihr Verhält- nis zu Muslimen und ihre Rolle im politischen Friedens- und Entwicklungsprozess. Dass Benedikt XVI. der Frieden im Nahen Osten ebenso wie die Kooperation aller Christen in der Region ein Anliegen ist, hat er in Ansprachen und Botschaften häufig genug deutlich gemacht. Offenbar wird er die Arbeiten der Synode persönlich aufmerksam begleiten.
   Jedenfalls bietet sich mit dem Synodentermin eine Erklärung an, weshalb die für den Herbst 2010 erwartete Deutschlandreise des Papstes abermals aufgeschoben wird. Die Anregung zu dem katholischen Krisengipfel für Nahost kam anscheinend aus dem Kreis der Patriarchen selbst, die zum Gespräch mit Benedikt XVI. in Castel- gandolfo zusammentrafen: der maronitische Patriarch Nasrallah Sfeir, das syrisch-katholische Oberhaupt Ignace Youssef III. Younan und der Armenier Bedros XIX. Tarmouni aus Beirut, weiter der griechisch-melkitische Patriarch Gregorios III. Laham aus Damaskus, der lateinische Patriarch Fouad Twal aus Jerusalem, der chaldäische Patriarch Emmanuel III. Delly aus Bagdad und der Kopte Antonios Naguib aus Alexandria. Einem Vatikan-Mitarbeiter zufolge ist es an sich schon bemerkenswert, dass die selbstbewussten Kirchenführer sich zu der gemeinsamen Visite durchringen konnten. Umso mehr sei von der Synode zu erwarten. „Die Orientalen sind immer für Überraschungen gut", meinte der Kuriale.  DT090922BurkhardJürgens

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Bischof Gregor Maria Hanke zur Weltbischofssynode berufen
   Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke ist von Papst Benedikt XVI. in die nächste Sonderversammlung der Weltbischofssynode berufen worden. Das teilte die Diözese Eichstätt mit. Vom 10. bis 24. Oktober berät das Gremium in Rom über die Lage der Christen im Nahen Osten. Nach dem Wunsch des Papstes soll die Konferenz einen Beitrag zu dauerhaften und gerechten Lösungen bestehender Konflikte leisten, die christliche Identität stär- ken und die Gemeinschaft zwischen den verschiedenen katholischen Kirchen in Nahost stärken. Bischof Hanke nimmt nach 2008 zum zweiten Mal an einer Bischofssynode teil. RV100910DT

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Der erste Bericht von der Sondersynode ”Nahost” im Vatikan

Papst bei Synodenstart: „Nein zu Terrorismus”
   Mit einem entschiedenen „Nein“ zum Terrorismus hat Papst Benedikt XVI. die Beratungen der Nahost-Sonder- synode eröffnet. Vor mehr als 180 Bischöfen aus dem Nahen Osten, darunter neun Patriarchen und etwa zwanzig Kardinälen, warnte der Papst eindringlich vor einer „Entmächtigung Gottes” durch moderne Ideologien. Das führe unter anderem zu Terrorismus, der sich auf Gott berufe. Die ersten Redner der Synode, die zwei Wochen dauert, zeichneten ein eher düsteres Bild von der Lage der Christen in Israel, Palästina und den arabischen Staaten.
   Der Heilige Vater hat mit einer Messe im Petersdom die Synode offiziell eröffnet – mit dem Stundengebet began- nen nun die tatsächlichen Arbeiten. Am Eingang der Synodenaula: ein Sicherheits-Scanner; in der Tagungsaula selbst dann eine Marienikone hinter dem Tisch, an dem das Präsidium und der Papst sitzen; davor in einem weiten Halbkreis die Vertreter von sechs katholischen Kirchen des Ostens und – ausnahmsweise einmal in der Minderheit – Vertreter der „Lateiner”. Die Beratungen werden geleitet vom koptisch-katholischen Patriarchen Antonios Naguib aus Ägypten und vom argentinischen Kurien-Kardinal Leonardo Sandri, dem Präfekten der Ostkirchen-Kongre- gation.
  „Damit der eingeborene Sohn Gottes zur Welt kommen kann, müssen die falschen Götter gestürzt werden“, meinte Papst Benedikt in einer spontanen Meditation. „Denken wir an die großen Mächte unserer Zeit: an das anonyme Kapital, das den Menschen versklavt... Denken wir an die terroristischen Ideologien: Angeblich im Namen Gottes wird da Gewalt ausgeübt – aber es ist nicht Gott, sondern falsche Götzen, die demaskiert werden müssen. Sie sind nicht Gott!“ Auch die Drogen und einen Lebensstil, der sich gegen Ehe und Familie richtet, zählte der Papst zu falschen Götzen.
   „Diese Ideologien, die alles dominieren und die sich durchzusetzen versuchen, sind Götzen! Mit dem Blut der Märtyrer und dem Leiden der Kirche müssen wir darauf hinwirken, dass diese Mächte und Gewalten stürzen!“
Eterovic: „Christen wollen Frieden mit Nachbarn”
   Die Synode wolle den Christen im Nahen Osten zeigen, dass sie nicht allein seien, so der Generalsekretär des Bischofstreffens, Erzbischof Nikola Eterovic. Er war der erste, der etwas auf arabisch sagte - das ist zum ersten Mal eine offizielle Sprache auf so einem Kirchengipfel.
   „Wir sind vor allem denen nahe, die unter der schwierigen Lage in der Region leiden. Die Sondersynode will den hohen Wert unterstreichen, den die Präsenz und das Zeugnis der Christen in den Ländern der Bibel haben – nicht nur für die christliche Gemeinschaft, sondern genauso für eure Nachbarn und Mitbürger. Die Christen, die seit fast 2.000 Jahren im Nahen Osten leben, wollen Frieden und Harmonie mit ihren jüdischen und islamischen Nachbarn. Die Christen verdienen Anerkennung wegen der wichtigen Rolle, die sie oft haben: als Friedensbringer im schwie- rigen Prozess der Versöhnung. Darum sollten aber auch ihre Rechte immer respektiert werden, auch das auf Kult- und Religionsfreiheit!”
   Eterovic zählte auf, was Christen im Nahen Osten alles an Gemeinnützigem für die Gesellschaft ihrer Länder tun: Schulen, Caritas, viele Angebote im Gesundheitswesen. Vor der Synode würden in den nächsten Tagen auch Moslems und ein jüdischer Vertreter das Wort ergreifen, kündigte er an.
Koptisch-katholischer Patriarch: „Christen in Palästina und Irak unter Druck“
   Patriarch Naguib von Alexandria wies auf die zahlreichen Spaltungen der Christen im Nahen Osten im Laufe ihrer Geschichte hin. Ihre Zersplitterung in viele Kirchen und Grüppchen schwäche ihr gemeinsames Zeugnis, meinte er selbstkritisch. Andererseits: Vielfalt gehöre zum Wesen der Kirche, die ja schließlich auf dem Geheimnis der Dreifal- tigkeit gründe.
   „Unsere Kirchen wurden durch die Präsenz Christi und der Apostel gesegnet; sie waren die Wiege des Christentums und der ersten christlichen Generationen. Gerade darum haben sie die Aufgabe, die Erinnerung an die Anfänge am Leben zu erhalten, den Glauben der eigenen Gläubigen zu stärken und in ihnen den Geist des Evangeliums wachzuhalten, damit er auch ihre Beziehungen zu anderen Christen und zu den Nichtchristen prägt.”
   Die zahlreichen Konflikte in der Region hätten direkte, negative Auswirkungen auf die Christen, so Naguib: „In den Palästinensergebieten ist das Leben sehr hart und oft unerträglich. Die Lage der arabischen Christen ist aus- gesprochen delikat. Wir verurteilen die Gewalt, von welcher Seite auch immer sie kommt, und fordern eine ge- rechte und dauerhafte Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt. Dabei sind wir solidarisch mit den Palästinensern, deren derzeitige Lage dem Fundamentalismus Nahrung gibt. Den Christen der Region zuzuhören, kann uns helfen, die Lage besser zu verstehen. Ein Statut für Jerusalem müsste seiner Bedeutung für drei Religionen Rechnung tragen: für Christen, Moslems und Juden.”
   Es sei „traurig, dass die Weltpolitik sich nicht genügend Rechenschaft gibt über die dramatische Lage der Christen im Irak”, so der Patriarch weiter. Die Christen im Irak seien „das erste Opfer des Kriegs und seiner Folgen”. Auch aus dem Libanon und seiner Heimat Ägypten hatte Naguib in Anwesenheit des aufmerksam lauschenden Papstes Trauriges von der Lage der Christen zu vermelden. Mit Nachdruck rief der Patriarch nach Religionsfreiheit:

 Custos im  Heiligen Land      kip-PierbattistaPizzaballaO     Pierbattista Pizzaballa ofm

„Keine Gewissensfreiheit in den meisten Ländern des Nahen Ostens”
   „In den meisten unserer Länder ist die Kultfreiheit, die nur ein Aspekt der Religionsfreiheit ist, in der jeweiligen Verfassung garantiert. Und dennoch behindern in einigen Ländern gewisse Gesetze und Praktiken ihre tat- sächliche Umsetzung. Und dann die Gewissensfreiheit – wer zum Evangelium kommen will, hat keine freie Wahl dazu und muss Schikanen fürchten, auch für seine Familie. Hier wünschen wir uns ein Wachstum im Respekt der vollen Menschenrechte. Gleichzeitig verurteilt die katholische Kirche aber auch deutlich jede Art von Abwerben von Gläubigen einer anderen Religion.”
   Seit den siebziger Jahren schon dringe der „politische Islam” im Nahen Osten immer weiter vor, analysierte Patriarch Naguib:
   „Vor allem in der arabischen Welt bedeutet das eine Bedrohung für die Christen. Da wird versucht, alle Bürger auf ein islamisches Lebensmodell zu verpflichten, manchmal auch mit Gewalt. Das ist eine Bedrohung für alle, und wir müssen diese extremistischen Strömungen gemeinsam bekämpfen!”
   Schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verließen viele Christen den Nahen Osten – aus politischen wie wirt- schaftlichen Gründen. Heute seien der Nahostkonflikt, der Krieg im Irak und das Vordringen des islamischen Fundamentalismus die Hauptgründe fuer einen starken christlichen Exodus.
   „Die, die gehen, sind vor allem die jungen Leute, die gut Ausgebildeten und die Wohlhabenden. Damit gehen der Kirche und dem Land die wertvollsten Ressourcen verloren.”
   Man müsse doch irgendwie Wege finden, um die Christen zum Bleiben im Ursprungsland ihres Glaubens zu bewegen, überlegte der katholische Koptenführer. Gleichzeitig stimme es aber auch, dass die Ausgewanderten viel Geld in ihre Heimat und an ihre Ursprungskirche schickten. Wenn in einigen Ländern der Region die Zahl der Christen trotz des Exodus zunehme, dann liege das vor allem an Arbeitseinwanderern aus Afrika und Asien.
„Unbehagen bei Christen” - Naguib würdigte die Beziehungen der katholischen Kirche zum Judentum:
   „Unsere Kirchen weisen Antisemitismus und Antijudaismus zurück. Die Schwierigkeiten in den Beziehungen zwi- schen Arabern und Juden haben eher mit der politisch konfliktiven Lage zu tun; wir unterscheiden zwischen religiöser und politischer Realität.”
   Und mit Blick auf die muslimische Welt: „Der Islam ist nicht uniform, er weist eine konfessionelle, kulturelle und ideologische Vielfalt auf. Einige Schwierigkeiten im Verhältnis zwischen Christen und Moslems kommen daher, dass die Moslems im allgemeinen nicht zwischen Religion und Politik unterscheiden. Daher kommt es zu Unbehagen bei Christen, weil sie sich nicht als Bürger behandelt fühlen, auch wenn sie in ihrem Land doch zuhause sind, und zwar schon länger als der Islam. Wir brauchen eine Anerkennung, die von der Toleranz zur Gerechtigkeit und Gleichheit übergeht!”
   In diesem Zusammenhang müssten vor allem eine Reihe von Schulbüchern umgeschrieben werden, regte Naguib an. Christen und Moslems müssten lernen, „als Staatsbürger für das Gemeinwohl zusammenzuarbeiten”. Es sei dramatisch für die Christen, dass in fast allen mehrheitlich islamischen Ländern der Islam Staatsreligion sei – „und die Scharia eine entscheidende Quelle der Rechtsprechung”.
   Bedenkliche Gesichter in der Zuhörerschaft – aber in der Pause lockerte sich die Stimmung doch merklich auf. Da wetteiferten die Synodenväter um einen Handschlag mit dem Papst und ein kurzes Gespräch. Das bunte Gedränge ließ ahnen, was dieser Bischofsgipfel auch (oder sogar: vor allem) sein wird: eine bunte Kontaktbörse der Katho- liken aus Nahost. RV101011sk
Bischof Ibrahim: „Innere Stärke und Hilfe von außen“
   Einigkeit der Christen im Heiligen Land – dieses Schlüsselwort ist seit Beginn der Bischofssondersynode zum Nahen Osten explizit oder indirekt schon mehrmals aufgetaucht: Christen in Nahost gäben „Zeichen der Einheit und Versöhnung“, so Papst Benedikt XVI. bei der Synodeneröffnung. Die Zersplitterung der christlichen Gemein- schaft im Nahen Osten schwäche dagegen ihr gemeinsames Zeugnis, warnte Patriarch Naguib von Alexandria zu Arbeitsbeginn des Weltbischofstreffens. Einigkeit – die braucht es auch wohl, um sich den vielen Schwierigkeiten stellen zu können, denen Christen im Nahen Osten ausgesetzt sind: Sozialer und wirtschaftlicher Benachteiligung und immer wieder auch Verfolgung und Unterdrückung, wie etwa der Christen im Irak. Der chaldäische Bischof Ibrahim N. Ibrahim kümmert sich um irakische Exilchristen im amerikanischen Detroit. Er sagte im Gespräch mit uns:
   „Auch wenn die Christen im Nahen Osten verschiedenen Traditionen anhängen, glauben sie doch alle an Jesus Christus. Sie brauchen deshalb Einheit. Aber sie brauchen auch Unterstützung aus dem Westen. Ihre Lebensum- stände sind hart und schwierig. Sie werden wegen ihres Glaubens verfolgt, so zum Beispiel die Christen im Irak, im Libanon, in Palästina und in anderen Ländern des Nahen Ostens.“
   Der Papst hatte am Sonntag erneut an die internationale Gemeinschaft und die anderen in der Region ver- tretenen Religionen appelliert, konstruktiv für eine friedliche Lösung im Nahen Osten einzutreten. Weiter unter- strich er die Bedeutung des interreligiösen Dialoges. Dazu Bischof Ibrahim: „Der Heilige Vater sagt den Christen: Ihr dürft euch trotz der Schwierigkeiten nicht entmutigen lassen. Wir sollten mit starkem Glauben wie die Christen im ersten Jahrhundert aus einem Herzen und einem Geiste handeln. Ich denke weiter, dass Dialog und Zusam- menarbeit wichtig sind, um die anderen zu verstehen. Im Nahen Osten gibt es ja verschiedene Sichtweisen auf die Zukunft, was Kirche und Politik betrifft. Und hier sind die Christen einfach noch nicht stark genug vereint.“
RV101011pr
P. Neuhaus: „Dialog im Heiligen Land unter gutem Stern“
 Der jüdisch-christliche Dialog im Heiligen Land steht trotz aller Schwierigkeiten heute unter einem besseren Stern. Diese vorsichtige Prognose wagt der israelische Jesuitenpater David Neuhaus, Patriarchatsvikar im lateinischen Patriarchat von Jerusalem. Der vom Judenzum Christentum konvertierte Geistliche erklärt im Gespräch mit unseren englischen Kollegen die besonderen Vorraussetzungen, unter denen der jüdisch-christliche Dialog im Heiligen Land steht: „Das Heilige Land ist weltweit der einzige Ort des jüdisch-christlichen Dialoges, an dem Juden die domi- nante Mehrheit bilden, an dem sie die politische Macht besitzen, und an dem wir einen andauernden Konflikt haben. In diesem Kontext braucht es eine besondere, spezifische Form des jüdisch-christlichen Dialoges, es braucht enorme Raffinesse, eine Menge Diplomatie und viel Geduld. Ich glaube, dass früher oder später mehr und mehr zu Bewusstsein kommen muss, dass die Christen hier den schwächeren und bedürftigeren Teil darstellen.“
   Raffinesse und Diplomatie seien nicht zuletzt auch nötig, da die meisten Katholiken im Heiligen Land Palästinen- ser seien, erinnert Pater Neuhaus. Die politisch schwierige Situation mache den Austausch mit israelischer Seite nicht gerade einfach. Andererseits habe die katholische Kirche im Heiligen Land immer mehr zum Friedensprozess beizutragen; neue Wunden gebe es, andere aber hätten sich geschlossen, so der Jesuit:„Es wird immer wichtiger, im Staat Israel eine Kirche zu haben, die Hebräisch spricht und die jüdischen Partner in Dialog bringen kann, in ihrer eigenen Sprache. Und: Sie kann auch Fragen bei der spirituellen Suche beantworten. Hier leben wir in sehr interessanten Zeiten, denn die israelische Gesellschaft wird immer selbstbewusster und ist immer weniger trauma- tisiert durch die eigenen historischen Erfahrungen – sie ist deshalb mehr in den Dialog mit Christen involviert.“
   Wenn auch die Christen im Heiligen Land eine Minderheit darstellten, gebe es dennoch großes Interesse am Christentum auf jüdischer Seite, erzählt Neuhaus: „Die Christen sind eine Minderheit, und die jüdische Gemein- schaft sieht andere Themen als wichtiger wie etwa den Dialog mit den Muslimen und die Stellung des Staates Israel. Doch auf der anderen Seite – und da spreche ich von meinen Erfahrungen – gibt es eine unglaubliche Neugier darauf, was Christsein überhaupt bedeutet, was die Kirche lehrt, wer Jesus Christus ist und warum diese Zivilisation eine so wichtige Rolle in der Geschichte der Welt spielt.“
  Die Hebräisch sprechende katholische Gemeinschaft im Heiligen Land entstand kurz nach der Gründung des Staates Israel Mitte der 50er Jahre. Die noch junge Glaubensgemeinschaft sei zwar relativ klein. Ihre Arbeit reiche aber weit über das katholische Glaubensleben hinaus, erzählt Pater Neuhaus. Vor allem im Bildungsbereich seien die Katholiken aktiv.
   „Es gibt heute etwa 200.000 ausländische katholische Arbeiter im Staat Israel. Ihre Kinder sind perfekt in die jüdisch-israelische und Hebräisch sprechende Gesellschaft integriert und werden in sehr guten israelischen Schu- len ausgebildet, wo sie allerdings nahezu keine katholische Ausbildung erhalten. Das treibt unser kleines Vikariat um – wir wollen das ändern. Wir arbeiten zum Beispiel gerade an der Übersetzung von katholischen Texten ins Hebräische. Oder wir gehen in diese Gemeinschaften von Arbeitern und Migranten und versuchen, mit den Kindern Aktionen zu organisieren.“
   Zu den Ergebnissen der Nahostsynode will sich Neuhaus nicht vorschnell äußern. Er hofft jedoch, dass das Weltbischofstreffen der christlichen Gemeinschaft „neuen Schwung“ verleiht: „Ich habe viele Hoffnungen, bin aber realistisch. Ich hoffe, dass die Synode eine Art Erneuerung für Christen bedeutet, dass am Ende größere Klarheit über die eigene Vision herrscht, ebenso größere Einheit unter den Christen und Katholiken. Und ich hoffe, dass sie mehr Mut finden, sich in den verschiedenen Gesellschaften, in denen sie leben, zu engagieren.“   RV101011pr

Jud-RabDavidRosen-B-z    Rabbi Rosen spricht vor Nahost-Synode im Vatikan 

   Schütterer Beifall, ausdruckslose Gesichter: Die Spannung war mit Händen zu greifen, als ein Rabbiner vor den Bischöfen der Nahost-Sondersynode im Vatikan das Wort ergriff. Es war Papst Benedikt, der den israelischen Rabbiner David Rosen eingeladen hatte und der ihn in der vatikanischen Synodenaula persönlich begrüßte. Für manchen Kirchenmann aus dem Nahen Osten war es sichtlich gewöhnungsbedürftig, einem Israeli zuzuhören.
   Nein, es war nicht der erste Auftritt eines Rabbiners auf einer Bischofssynode im Vatikan: Schon zur Bibel- synode hatte der Papst vor zwei Jahren den Oberrabbiner von Tel Aviv als Referenten gewonnen. Diesmal aber bat Benedikt einen israelisch-britischen Rabbiner vor ein mehrheitlich arabisch-christliches Auditorium. Rosen, ein alter Hase im christlich-jüdischen Dialog, sprach engagiert, fast beschwörend, und die Teilnehmer der Nahost- synode hörten ihm höflich zu. Der Gast, der u.a. die interreligiöse Abteilung des US-„Jewish Committee“ leitet und die israelischen Oberrabbiner berät, lobte die rasanten Fortschritte, die die Kirche seit dem Konzil in ihrer Haltung zum Judentum gemacht habe. Aber:
   „Ich gebe zu, dass ich überrascht war, als ich feststellte, dass der katholische Klerus und manchmal sogar die Hierarchie in bestimmten Ländern nicht nur nichts vom heutigen Judentum wissen, sondern auch nicht vom Kon- zilsdokument Nostra Aetate, von den Dokumenten des Vatikans und von der Haltung des Lehramtes zu den Juden und dem Judentum. Gleichzeitig gibt es allerdings auch viel Ignoranz bei Juden, was das Christentum betrifft, besonders dort, wo es kaum oder gar keine Kontakte zu Christen gibt.“
   Bis vor kurzem hätten auch in Israel die meisten Juden nichts vom Christentum gewusst, so der Rabbiner; doch in den letzten zehn Jahren habe sich das deutlich geändert – und zwar wegen der Reise von Papst Johannes Paul II. nach Israel im Jahr 2000 und „wegen des Zustroms neuer Christen nach Israel, die die demographische Stärke des Christentums in Israel verdoppelt haben“.
   „Die Christen in Israel sind natürlich in einer sehr anderen Lage als ihre Glaubensbrüder, die zu einer palästinen- sischen Gesellschaft gehören, welche für ihre Unabhängigkeit kämpft. Diese Christen sind unvermeidlicherweise Teil des israelisch-palästinensischen Konflikts und finden sich manchmal zwischen den Fronten wieder; oft sind sie von israelischen Maßnahmen gegen Gewalt besonders betroffen. Es ist absolut richtig und angemessen, dass diese palästinensischen Christen ihre Frustration zum Ausdruck bringen, aber man muss mit Bedauern feststellen, dass dieser Ausdruck nicht immer im Einklang ist mit Buchstaben und Geist des Lehramts, was die Beziehungen zu den Juden und dem Judentum betrifft.“
   Vielen Christen im Nahen Osten sei es offenbar „peinlich, dass die Kirche ihre jüdischen Wurzeln wiederent- deckt“, so David Rosen. Dennoch: „Das Leiden der Palästinenser und auch der Christen unter ihnen sollte alle Ju- den, ob in Israel oder in der Diaspora, tief verstören“ – selbst wenn dieses Leid von einigen „ausgenutzt“ werde, „um verschiedene Spannungen noch zu verschärfen“, und auch wenn Israel kontinuierlich „mit der Auslöschung bedroht“ werde. 
   „Als Minderheit haben die Christen sowohl in jüdischem als auch in islamischem Umfeld eine spezielle Rolle für unsere Gesellschaften an sich. Die Lage der Minderheiten ist immer der tiefe Widerschein des sozio-moralischen Zustandes einer Gesellschaft; das Wohlergehen der christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten ist nichts anderes als eine Art Barometer des moralischen Zustandes unserer Länder. Der Grad, in dem Christen zivile und religiöse Rechte und Freiheiten genießen, zeugt von der Gesundheit oder Krankheit unserer Gesellschaften im Nahen Osten.“
   Sind die Christen in Nahost also „die neuen bedrohten Juden“, wie Regis Debray kürzlich einmal formulierte? Soweit ging der Rabbiner im Vatikan nicht. Stattdessen lobte er erste Ansätze zu einem christlich-jüdisch-islami- schen Trialog im letzten Jahr, wies – sicher zum Unmut einiger Zuhörer – die Vorstellung zurück, dass die israeli- sche Besatzung der Westbank der Grund für den Nahost-Konflikt sei („ein völliger Irrtum“), und sah Juden und Christen gewissermaßen in ihrer Haltung zum Islam Seite an Seite:
   „Die kritische Frage für die Zukunft unserer beiden Gemeinschaften ist die, ob unsere muslimischen Brüder wirklich die Anwesenheit von Christen und Juden als völligen, integralen und legitimen Bestandteil der Region akzeptieren können. Wirklich, diese Frage anzugehen, ist eine Lebensnotwendigkeit, von der unsere Zukunft ab- hängt!“
   Papst Benedikt hörte dem Rabbiner aufmerksam zu, äußerte sich anschließend aber nicht. Die interne Debatte der Synodenväter dauerte wegen des Auftritts von Rabbiner Rosen nur eine halbe, nicht wie gewohnt eine ganze Stunde; sie kam am Abend auch nicht richtig in Gang. RV101013sk

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Nahost-Synode im Vatikan: Der koptische Patriarch von Alexandrien Antonios Kardinal Naguib Foto
zitiert Wikipedia – „Nein zu Antisemitismus“

 Zu einer ungewöhnlichen Quelle griff an diesem Montag Morgen der koptisch-katholische Patriarch Antonios Kardi- nal Naguib bei einem Vortrag im Vatikan: Er zitierte im Beisein des Papstes vor der Nahost-Sondersynode von Bischöfen einen Artikel aus dem Internetportal Wikipedia. Dabei wollte er belegen, dass „Proselytismus“ – den die Kirche verwirft – etwas ganz anderes ist als die Verkündigung des Evangeliums, auf die die Kirche auch im Nahen Osten sogar ein Recht habe. Es war wohl das erste Mal, dass Wikipedia auf einem solchen Vatikan-Forum zitiert wird.
   „Relatio post disceptationem“: In einem langen Vortrag versuchte Patriarch Antonios, die auseinanderlaufenden Fäden der Reden und Debatten aus den letzten Tagen zu einem Knäuel zusammenzuballen. Das verband er – zur Zufriedenheit vieler „Auditores“, also Experten, die der Papst zur Synode hinzugebeten hatte – mit teilweise sehr konkreten Vorschlägen: eine gute Vorlage für die Diskussionsgruppen, in denen die Arbeit der Synode ab diesem Nachmittag weitergeht.
   Erster Punkt des Patriarchen: Die Kirche in Nahost sollte wieder in die Offensive gehen und Ja zur Verkündigung sagen. Jesus habe klar gesagt: „Geht hinaus in alle Welt und lehret alle Völker!“ Eine „respektvolle, friedliche Ver- kündigung“ sei etwas ganz anderes als „Proselytismus“. Antonios Naguib wörtlich: „Die Verkündigung muss ihren Platz in unseren Kirchen des Nahen Ostens wiederfinden, entsprechend den Bedingungen in den einzelnen Län- dern.“ Dazu gelte es, zumindest ein missionarisches Institut für die Nahostregion zu gründen.
   Damit war der Patriarch schon beim heiklen Thema der Stellung der Christen in mehrheitlich islamischen Gesell- schaften: „Die Christen in Nahost sind einheimische Bürger – sie gehören vollkommen zum sozialen Gewebe und zur Identität ihrer Länder... Sie brauchen Religionsfreiheit – also Kult- wie Gewissenfreiheit. Religion darf nicht poli- tisiert werden, und der Staat darf nicht über die Religion die Oberhand haben! Unsere Kirchen wollen eine sicht- bare und spürbare Präsenz ihrer Gläubigen im öffentlichen Leben, in der Verwaltung, in den Medien und Parteien. Entscheidend ist dabei nicht die Zahl der Personen, sondern dass sie ihren Glauben leben und effektiv eine Botschaft übermitteln können.“
   Patriarch Naguib forderte eine arabische Variante der katholischen Soziallehre und ein Festhalten an den katho- lischen Schulen. Unter den Herausforderungen an Christen in Nahost nannte er als erstes die Konflikte in der Region. „Die politisch-soziale Lage unserer Länder hat direkte Auswirkungen auf die Christen, vor allem in nega- tiver Hinsicht. Wir weisen Gewalt zurück und fordern eine gerechte, dauerhafte Lösung des israelisch-palästi- nensischen Konfliktes; gleichzeitig drücken wir unsere Solidarität mit dem palästinensischen Volk aus, dessen derzeitige Lage dem Fundamentalismus Vorschub leistet.“
   Hier fehlte eine Erwähnung der Israelis – mehr als ein Kirchenmann aus dem Heiligen Land hatte in den letzten Tagen gefordert, man solle doch auch ein Wort finden für das Leiden vieler Juden in Israel. Stattdessen rief Patriarch Naguib die internationale Gemeinschaft auf, das Leiden der Christen im Irak nicht zu vergessen – sie seien „die ersten Opfer des Krieges und seiner Folgen“. Die Kirchen im Westen seien „gebeten, sich doch nicht auf die Seite der einen zu schlagen und dabei den Standpunkt und die Lebensbedingungen der anderen zu verges- sen“ – eine kaum verhüllte Kritik an westlicher Parteinahme für Israel.
   Weitere Herausforderungen für Nahost-Christen laut Naguib: Das Einfordern von Kult- und Gewissensfreiheit – einschließlich dem (von Wikipedia untermauerten) Recht auf „friedliche Verkündigung“ auch in einem mehrheitlich islamischen Umfeld. Außerdem: die Gefahr durch einen politischen Islam, der manchmal sogar zur Gewalt greife und „alle bedroht“, also nicht nur die Christen. Die schwierige Lage vieler christlicher Einwanderer, darunter viele Frauen, in den arabischen Golfstaaten. Und, als weitere Herausforderung: die Emigration von Christen, deren Gründe u.a. der Nahostkonflikt und die Unsicherheit im Irak seien. Der Aderlass von Christen betreffe auch die Moslems; auch der Westen solle mithelfen, die Emigration durch Entwicklungshilfe zu bremsen – auch wenn Emigration natürlich im Grunde ein Menschenrecht sei. Um Einwanderer aus dem Nahen Osten in Gesellschaften des Westens könne sich vielleicht ein patriarchaler Visitator aus ihrer alten Heimat kümmern, regte der Patriarch an – wie überhaupt die nahöstlichen Patriarchen endlich auch zuständig sein müßten für Gläubige ihrer Kirche außerhalb ihres so genannten kanonischen Territoriums. Übrigens sollten Patriarchen eigentlich auch – wie Kardi- näle – zur Papstwahl berechtigt sein: Bei dieser Forderung ging ein hörbares Raunen durch die Synodenaula des Vatikans.
   „Die Gefahr, die die Christen des Nahen Ostens bedroht, kommt nicht nur von ihrer Minderheitensituation oder durch Bedrohungen von außen, sondern vor allem von ihrer inneren Entfernung von ihrem Glauben und ihrer Mission. Die Zweideutigkeit in der Lebensweise ist für das Christentum gefährlicher als jede andere Bedrohung. Das wahre Drama des Menschen ist nicht, wenn er für seine Mission leidet, sondern wenn ihm seine Mission ganz abhanden kommt... Auch in schwierigen und dramatischen Umständen bleibt die Antwort des christen im täglichen Leben der pastorale Einsatz, die Caritas sowie Kultur- und Bildungsangebote von hoher Qualität. Dafür gibt es konkrete Beispiele in der Türkei und anderswo.“
   Communio, Einheit der Kirchen in Nahost – das fängt für Patriarch Antonios Naguib im Innern einer jeden Kirche an: Reiche Bistümer sollten ärmeren helfen, ein einheitliches Priesterseminar in einer Region müsse reichen, die Kirche dürfe keine „ethnische, nationalistische Gruppe“ werden und erst recht nicht sich ins Ghetto zurückziehen. Er wünsche sich einen postsynodalen Rat, der im Kontakt mit Rom die Umsetzung der Synodenbeschlüsse vor Ort im Nahen Osten überwache. Weitere Vorschläge Naguibs: Interrituelle Pastoralräte, mehr ostkirchliches Basis- wissen für den lateinischen Klerus, eine Art „Priester ohne Grenzen“ (und auch „Laien ohne Grenzen“) für bedürftige Bistümer, keine Angst vor neuen geistlichen Bewegungen, Gründung von lokalen Kommissionen für den ökumenischen Dialog – und in Sachen Ökumene eine „Gewissenserforschung“ über alles, was man zu tun ver- säumt habe, und eine „Reinigung des Gedächtnisses“. Die Katholiken in Nahost sollten sich das bereits Erreichte im Zusammenleben mit anderen Kirchen besser aneignen und z.B. Medienleute gemeinsam ausbilden. Ein ein- heitlicher Termin für das Osterfest aller Kirchen sei eine „pastorale Notwendigkeit“, arabische Gebetstexte müssten vereinheitlicht werden, und nahöstliche Kirchen sollten mit am Tisch sitzen, wenn der Vatikan Dialoge mit anderen Konfessionen oder Religionen führe. Naguib schlug auch ein Abkommen der christlichen Kirchen des Nahen Ostens gegen Proselytismus untereinander vor.
   „In Gebet, Nachdenken, Studium und Treue zum Wirken des Heiligen Geistes müssen wir versuchen, auf die Aufforderung Johannes Pauls II. nach einer neuen Form der Primatsausübung zu antworten. Diese neue Form darf aber nicht die Mission des Bischofs von Rom beschädigen und muss sich an den kirchlichen Formen des ersten Jahrtausends inspirieren. Wenn der Heilige Vater einverstanden ist, könnte man eine pluridisziplinäre Kommisison mit dem Studium dieses delikaten Themas beauftragen.“
   Mit den Moslems verbänden die Christen vierzehn Jahrhunderte des Zusammenlebens und ein häufig geglückter Dialog des täglichen Lebens. Probleme sollten aber offen angesprochen werden, zumal ja auch der Islam im Westen immer stärker missioniere. Die Synode setze auf eine Stärkung der Moderaten und fordere eine Säuberung mancher Schulbücher in mehrheitlich islamischen Ländern. Für einen arabischen Christen bemerkens- wert deutlich war dann das Bekenntnis des koptisch-katholischen Patriarchen zum Dialog mit dem Judentum: „Unsere Kirchen weisen Antisemitismus und Antijudaismus zurück. Die Schwierigkeiten im Verhältnis zwischen arabischen Völkern und den Juden hängen mehr mit der konfliktuellen politischen Lage zusammen – wir unterscheiden zwischen religiöser und politischer Realität.“
   Vierzig Seiten Bericht und 23 zum Teil sehr konkrete Fragen – damit gehen die Teilnehmer der Nahostsynode  in die Gesprächszirkel, die so genannten „circuli minori“. Dort wollen sie konkrete Vorschläge erarbeiten, über die am Wochenende abgestimmt wird, bevor sie dann dem Papst vorgelegt werden. RV101018sk

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Der chaldäisch-katholische Erzbischof von Kirkuk, Louis Sako Foto oben,  hat Papst Benedikt XVI. für die Einbe- rufung der Nahost-Sondersynode gedankt. Sako hatte bereits im Januar beim Ad-Limina-Besuch der chaldäischen Bischöfe dem Papst den Vorschlag einer solchen Sondersynode unterbreitet. Die Sondersynode hat den orientali- schen Kirchen die Gelegenheit gegeben, aus der Vergangenheit herauszutreten und die Augen auf die Wirklichkeit von heute zu richten, sagte der Erzbischof von Kirkuk. Im Nahen Osten habe die Kirche viele Herausforderungen und Probleme zu bewältigen. Insbesondere gehe es um den interreligiösen Dialog mit Juden und Muslimen und die Notwendigkeit der Entwicklung einer einheitlichen Pastoral in arabischer Sprache. Vor allem müsse der Exodus der Christen aus dem nahöstlichen Raum gestoppt werden. Die ganze Weltkirche müsse verstehen, welche außeror- dentliche Bedeutung die Präsenz der Christen im Nahen Osten habe. Diese Region sei das Ursprungsgebiet des Christentums, so Sako. Rv090922kap

 Christen, Juden, Muslime: Eine Bilanz der Nahost-Sondersynode im Vatikan 

   Papst Benedikt XVI. hielt sich weitgehend zurück; aber er hörte aufmerksam zu, während die katholisch-orienta- lischen Synodenväter aus der meist muslimischen Welt ihre Sorgen vortrugen, lebhaft und streitbar. Einen Erfolg hatte die in Rom zu Ende gegangene Sondersynode für den Nahen Osten zwischen der Türkei, Iran und Nordafrika schon: Die Teilnehmer waren sich einig, dass sie enger zusammenwachsen müssten, um gegen die Bedrohungen durch Säkularismus und Islam bestehen zu können. Orientalisch-traditionelle Liturgien sollten mehr als westlich- katholische gefeiert, die Uneinigkeit über verschiedene Termine der christlichen Hochfeste und erhebliche Unter- schiede im Wortlaut zentraler Gebete überwunden werden.
   Zwei Wochen lang berieten die Geistlichen in der Synodenaula unweit des Petersdoms. Unter den vier Bildschir- men, auf denen der jeweilige Redner zu sehen war, saß das Präsidium mit dem Papst in der Mitte. Benedikt ließ es sich an den meisten Tagen nicht nehmen, die Beratungen mit einer theologischen Betrachtung der Konzile des ers- ten Jahrtausends einzuleiten. In der ersten Reihe vor dem Präsidium saßen die Patriarchen der mit Rom verbun- denen Kirchen in ihren oft prachtvollen Gewändern, dahinter die Kardinäle und Bischöfe. In den hinteren oberen Reihen fielen Jesuiten auf, zumeist mit hochgekrempelten Ärmeln und den Laptop vor sich, um das Geschehen festzuhalten. Die Berichterstatter der Medien konnten den vielen Reden und wenigen Debatten im Vorraum der Synodenaula folgen und hofften dort auf Gesprächspartner. Wann immer der Papst präsidierte, fehlte kaum einer der etwa 160 Teilnehmer, darunter auch Repräsentanten von Hilfsorganisationen sowie des Judentums und - zum ersten Mal überhaupt - des Islam.
   Sei es nicht viel problematischer, dass drei Millionen und damit die Hälfte aller Christen im Nahen Osten auf der Arabischen Halbinsel lebten, Katholiken meist aus Fernost und das ohne Religionsfreiheit, fragte der Apostolische Vikar von Arabien, der schweizerische Bischof Paul Hinder? Der sunnitische Gast Mohammed el-Sammak, ein Ratgeber der libanesischen Regierung, gewann die Herzen der Zuhörer, als er sagte: „Die Christen gehören zum Nahen Osten; wenn sie verschwänden, wäre das ein Drama." Ginge es den Christen in der Region gut, würde es diese Synode nicht geben, sagte er weiter, bat aber auch um Verständnis dafür, dass das Leiden in bestimmten Staaten „ein einziges ist. Wir sind alle Orientalen. Wir leiden gemeinsam, erleben gemeinsam unseren sozialen und politischen Rückstand." Wenn nun die Christen zur Zielscheibe würden, „dann zeigt das zwei schwerwiegende Entwicklungen", meinte el-Sammek .„Zunächst wird versucht, das soziale Gewebe unserer nationalen Gemein- schaften zu zerreißen, und zudem setzt sich der Islam in den Gegensatz zu dem, was er von sich verkündet." Wenn Christen ihre Heimat verließen, dann „verarmt die arabische Identität", sagte el-Sammak.
   Mit versteinerten Mienen hörten die Zuhörer dem schiitischen Gelehrten Seyed Mustafa Mohaghegh aus Iran zu, der vorgab, es herrsche Religionsfreiheit in seinem Land: „Christen haben alle Rechte wie alle Bürger." Aussagen wie diese ließen Unterschiede zwischen den einzelnen Teilnehmern erkennen: Ein Bischof meinte etwa, es sei ein Fehler zu behaupten, die Christen hätten keine Probleme mit Muslimen. Ein anderer sagte, es werde zu wenig von jenen Christen gesprochen,die wegen ihres Glaubens zur Flucht gezwungen würden.
   Auf dem Höhepunkt der Synode rief Vatikansprecher Lombardi zur Solidarität mit den Christen im Nahen Osten auf. Deren Mühen um ein von Toleranz und Dialog geprägtes Zusammenleben müsse unterstützt werden. Es sei dringend erforderlich, Überlegungen zu fördern, wie Religionsfreiheit und Staatsbürgerschaft in einer gerechteren Zivilgesellschaft verwirklicht werden könnten. FAZ101025JörgBremer

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Überblick über die Aufgaben und die Geschichte der Weltbischofssynoden
Zeichen der Einheit der Bischöfe mit dem Apostolischen Stuhl

   Die Bischofssynode ist eine vom Papst einberufene Versammlung von Bischöfen aus der ganzen Welt oder aus einer bestimmten Region. Nach den Worten des »Codex des kanonischen Rechtes« soll sie als Organ der Gesamt- kirchenleitung die Verbundenheit zwischen Papst und Bischöfen fördern, dem Papst bei der Bewahrung und Festi- gung von Glaube, Sitte und kirchlicher Disziplin mit ihrem Rat hilfreich beistehen und Fragen bezüglich des Wirkens der Kirche in der Welt beraten vgl. Can. 342.
   Die Bischofssynode wurde von Papst Paul VI. durch das Motu proprio Apostolica sollicitudo vom 15. September 1965 errichtet Foto oben rechts. Damit wurde dem Wunsch der Konzilsväter entsprochen, den positiven und kolle- gialen Geist des Zweiten Vatikanums fortleben zu lassen.

 Sonderbischofssynode “Naher Osten” im Oktober 2010

  Eine weitere Sonderbischofssynode im Oktober 2010 ist dem Nahen Osten gewidmet und soll die Schwierigkeiten der Christen dort unter die Lupe nehmen. Im Vatikan wurden Details der vorbereitenden Sitzungen dieser Nahost- Synode bekannt. Es habe sich gezeigt, dass die katholischen Riten im Nahen Osten sich von der Synode vor allem mehr Einheit untereinander versprechen, so ein Vatikanpapier. „Noch bevor sie Mitglieder bestimmter Gemein- schaften sind, sind Christen zunächst einmal Christen“, so das Dokument wörtlich. Die Synode solle Möglichkeiten ausloten, wie die katholischen Gruppen in Nahost öffentlich stärker mit einer Stimme sprechen können, „etwa durch den gemeinsamen Gebrauch von Medien“. Auch die aus dem Nahen Osten emigrierten Christen sollten sich „ihrer nicht aufgebbaren Identität wieder mehr bewusst werden“. Besonders intensiv sei auch über die Bezie- hungen zu Juden und Moslems in der Region diskutiert worden. Die Teilnehmer des Präsynodalen Rates hätten ein Grundlagenpapier entworfen, das der Papst als Basisdokument der Synode im  Juni bei einem Besuch auf Zypern vorgestellt hat. Rv091003

Benedikt XVI. besuchte Zypern

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Foto  links: Erzbischof Chrysostomos, Zypern  Foto reechts: Paphos - Paulus-Säule

Benedikt XVI. auf Zypern: Der Papst hat auf Zypern das Grundlagen-Papier für die Nahostsynode der Bischöfe vorgestellt – sie findet im Oktober in Rom statt. Gleich nach seiner Ankunft traf sich der Papst mit dem orthodoxen Kirchenoberhaupt Chrysostomos II. zu einem ökumenischen Gebetsgottesdienst. Dabei erinnerte er an den Be- ginn der ökumenischen Bewegung vor genau hundert Jahren. Ein Besuch im türkisch besetzten Nordteil der Insel war nicht vorgesehen. Überschattet wurde die Visite Benedikts vom Mord an Bischof Luigi Padovese, dem Vor- sitzenden der türkischen Bischofskonferenz Fotobericht > Keine Gewalt. Padovese hatte Benedikt eigentlich auf Zypern treffen wollen. Auch die israelische Militäraktion vor Gaza warf einen Schatten auf die Papstreise. RV100604
Begrüßung: Auf dem Flughafen des Hafenstädtchens Paphos an der Westküste begrüßte ihn Präsident Demetris Christofias. Seine ersten Worte auf Zypern sprach der Gast aus Rom in griechischer Sprache: „Freut euch – der Friede sei mit euch!“„Χαίρετε! Ειρήνη μαζί σας! Еίναι μεγάλη η χαρά μου που είμαι σήμερα μαζί σας!“ Zypern liege „an einer Kreuzung von Kulturen und Religionen und von alten epischen Geschichten“, so der Papst. Er hoffe, dass die EU-Mitgliedschaft der Republik zu Wohlstand führe – „und dass auch andere europäische Länder aus eurem reichen Erbe schöpfen, das geistlich wie kulturell ist. Es spiegelt eure historische Rolle zwischen Europa, Asien und Afrika wider.“ „Mögen eure Liebe zur Heimat und zu euren Familien und euer Wille, mit den Nachbarn in Frieden zu leben, euch bei den geduldigen Versuchen leiten, um die ungelösten Probleme zu lösen, die die Zukunft eurer Insel betreffen!“
   Er komme als Pilger, so der Papst weiter, und grüße die orthodoxe Mehrheitskirche der Insel „als ein Bruder im Glauben“. Zypern sei „der richtige Ort“, um die Nahost-Bischofssynode vom nächsten Herbst vorzubereiten: Die Kirche wolle nachdenken über ihre langjährige Verwurzelung in der Region. „Wir wollen unsere Solidarität mit allen Christen in der Region ausdrücken – und unsere Überzeugung, dass sie eine unersetzliche Rolle für den Frieden und die Versöhnung aller hier lebenden Völker haben... Gott segne das Volk von Zypern!“ rv100605
„Gemeinsam um die Einheit bitten“: Ökumenischer Gottesdienst auf den Spuren des Apostels Paulus
   Erstes Reiseziel des Papstes auf Zypern: Die Kirche Hagia Kiriaki Chrysopolitissa – ein orthodoxes Gotteshaus, das aber auch Anglikanern und Katholiken offen steht. Es liegt in der Nähe der Ausgrabungen einer frühchrist- lichen Basilika aus dem vierten Jahrhundert. Hier, am Schauplatz der ersten Missionsreise des heiligen Paulus, feierte Benedikt XVI. einen ökumenischen Gottesdienst zusammen mit dem orthodoxen Erzbischof Chrysostomos II. Für diesen Papst ist es die erste Visite in einem Land mit orthodoxer Bevölkerungsmehrheit; eine breite Mehr- heit der Zyprioten freut sich über den Besuch. Allerdings war aus der zweiten Reihe der orthodoxen Bischöfe auch ein gewisses Grummeln zu vernehmen – ein Hinweis darauf, dass die Ökumene eine bleibende Aufgabe ist. Genau das sprach der Papst denn auch in seiner Rede an:
   „Die Einheit aller Jünger Christi ist ein Geschenk,um das wir beim Vater bitten müssen – in der Hoffnung, dass dadurch das Zeugnis des Evangeliums in der Welt von heute gestärkt wird. Der Herr selbst hat ja für die Heiligkeit und Einheit seiner Jünger gebetet, ‚damit die Welt glaube‛. Vor genau hundert Jahren ist von einer Konferenz in Edinburgh die moderne ökumenische Bewegung ausgegangen. Heute können wir dem Herrn dafür danken, dass er uns – vor allem in den letzten Jahrzehnten – das reiche apostolische Erbe neu entdecken ließ, das Ost und West gemeinsam haben.“
   Erzbischof Chrysostomos klagte gegenüber dem Gast aus Rom über den Angriff der Türkei; sie habe 1974 mit Waffengewalt 37% des zypriotischen Bodens erobert. Die so genannte kultivierte Menschheit sehe tatenlos zu, wie die Türkei versuche, auf die Dauer ganz Zypern unter seine Kontrolle zu bringen. Der Kirchenmann sprach von einer Art „ethnischer Säuberung“,von Vertreibung der orthodoxen Christen, von der Neubesiedlung ihres früheren Lands durch Siedler aus Anatolien. RV100604
Die Presse sieht den Papstbesuch politisch
   Der Besuch des Papstes auf Zypern wird in der griechisch-zyprischen Presse als „historisches Ereignis“ gewür- digt. Viele Zeitungen beleuchten die Reise vor dem Hintergrund der politischen Gespräche um eine Überwindung der Teilung der Insel. RV100604kna

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Kardinal Walter Kasper: Zypern-Reise wichtig für Dialog mit Orthodoxie
   Die Förderung des katholisch-orthodoxen Gesprächs ist nach Worten von Kurienkardinal Walter Kasper ein we- sentliches Anliegen der bevorstehenden Zypern-Reise des Papstes. „Die Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen liegen dem Papst sehr am Herzen. In dieser Hinsicht ist es ein ganz wichtiger Punkt, dass Benedikt XVI. jetzt erst- mals ein Land mit mehrheitlich orthodoxer Bevölkerung besucht", sagte der Präsident des Päpstlichen Einheits- rates im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Das Verhältnis zur Orthodoxie habe sich seit dem ersten Papstbesuch in einem orthodoxen Land 1999 in Rumänien „sehr zum Positiven" verändert, so Kasper. Zum Patriarchat von Konstantinopel habe man wieder „sehr gute, ja freundschaftliche Beziehungen" aufgebaut. Auch das Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche habe sich „stark verbessert". Als „bedauerlich und abwegig" be- zeichnete Kasper die von zwei orthodoxen Bischöfen auf Zypern entfachte Debatte über einen Boykott des Papst- besuches. Dies sei jedoch ein „innerzyprisches, innerorthodoxes Problem". DT100529kna

Zypern: Die kleinen Schritte zum Erfolg der Reise
   Der Zypernbesuch des Papstes war ein Besuch im Nahen Osten, aber er war sicherlich viel einfacher als der im Heiligen Land vor einem Jahr. Dennoch war es ein wichtiger Besuch: Die Einladung an den Papst ging nicht nur vom zyprischen Präsidenten aus, sondern auch vom Oberhaupt der orthodoxen Kirche der Mittelmeerinsel. Der Schwerpunkt lag also von Anfang an auf der Ökumene.
   Franziskanerpater Pierbattista Pizzaballa ist Kustos des Heiligen Landes und somit in der katholischen Kirche auch für Zypern zuständig. Im Rückblick auf die Reise betont er nicht die Irritationen, die es im Vorfeld unter einigen orthodoxen Bischöfen der Insel gab, sondern viele kleine Gesten, die Benedikts Besuch auf Zypern zu einem Erfolg werden ließen. Im Interview mit unserer Korrespondentin Gabi Fröhlich sagte Pizzaballa:
   „Im Gegenteil glaube ich, die Sensibilitäten der griechisch-orthodoxen Kirche kennend, dass es sehr schöne Gesten gab. Etwa das gemeinsame Vaterunser-Gebet am ersten Tag in Paphos. Das ist durchaus nicht üblich. Der Erzbischof, der während der Messe am Sonntag auf das Presbyterium stieg, um den Papst zu grüßen – und viele weitere kleine Gesten. Die ständige Präsenz des Erzbischofs zu allen wichtigen Momenten der Reise. Das sind Elemente, die zeigen, wie die griechisch-orthodoxe Kirche nah und aufrichtig Freundin war für den Papst und die Kirche Roms. Die Polemiken einzelner Fanatiker und Extremisten können daher den absolut positiven Akzent, den dieser Besuch in den Beziehungen mit der griechisch-orthodoxen Kirche setzte, nicht überdecken.“ rv100609

pGregoriusIIILahamDamsk-x      Der griechisch-melkitische Patriarch von Antiochia, Gregorios III.Laham

  spricht sich für einen einheitlichen christlichen Ostertermin aus. Im Gespräch mit der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ meinte Gregorios, die bevorstehende Nahost-Sondersynode von Bischöfen im Vatikan müsse im Oktober zu mehr Zusammenarbeit der Christen in Nahost führen. In diesem Zusammenhang trete er sehr für einen einheit- lichen Termin für das Osterfest aller christlichen Kirchen ein: „Wir brauchen die gemeinsame Osterfeier, wie man das in Ägypten ja schon seit 1967 auf Initiative meiner Kirche macht“, so der im syrischen Damaskus residierende Patriarch. Auch in Jordanien, „im Nordteil des Westjordanlands, in den Palästinensergebieten und in einigen Dör- fern Galiläas, Syriens und des Libanon“ gebe es schon ein gemeinsames Osterfest. or100814

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„Wir verzichten ganz bewusst auf Mission”
Interview mit Bischof Paul Hinder, Apostolischer Vikar von Arabien mit Sitz in Abu Dhabi Foto links,
über das Leben der Kirche auf der arabischen Halbinsel Foto rechts: Kathedrale von Abu Dhabi

Herr Bischof, angesichts der Vorkommnisse im Jemen: Was verstehen denn Muslime unter Missionierung? Ist das schon ein einfaches Gespräch über den Glauben oder erst dann, wenn Bibeln und Kreuze verteilt werden?
  Das kommt etwas darauf an, wo das geschieht und in welcher Weise. Grundsätzlich wird in allen arabischen Ländern jede Annäherung mit religiösen Artikeln oder Gesprächen, die irgendwie auf die Änderung der religiösen Überzeugung hingehen, als Proselytismus betrachtet.
Wird das auch strafrechtlich verfolgt?
   In manchen Ländern ja. In Saudi-Arabien beispielsweise. Es gibt auch durchaus Konversionen zum Christentum, aber nur von Nicht-Muslimen. Sobald es um Muslime geht und vor allem natürlich um Einheimische, ist das absolut ausgeschlossen.
Sie verzichten deshalb ganz bewusst auf Missionierung?
   Ja. Wir haben ganz klare Regelungen, dass unsere Priester und auch die Schwestern nicht missionieren in dem Sinne, dass sie auf die Einheimischen zugehen und diese zu bekehren versuchen. Die Schwestern von Mutter Teresa führen Heime, die ihnen von der Regierung übergeben worden sind, für körperlich und geistig Behinderte. Das sind ausnahmslos Einheimische. Aber keine Schwester wird auch nur den Versuch machen, sie zu bekehren. Wir betreuen die, die schon Christen sind. Die wollen wir ja nicht verlieren. Ansonsten setzen wir auf das stille Zeugnis eines überzeugenden christlichen Lebens. Den Rest überlassen wir dem Herrgott.
Wenn ein Muslim partout zum Christentum konvertieren möchte, würden Sie ihm zur Konversion raten; würden Sie sie vornehmen?
   Auf keinen Fall. Ich würde ihm, solange er hier wohnt, sogar davon abraten. Er wird sowohl seine Familie gegen sich aufbringen als auch seinen sozialen Status verlieren. Er wird nie ungefährdet zur Kirche gehen können. Auf Glaubensabfall stehen im Islam die schwersten Strafen. Der Priester oder der Bischof, der eine solche Konversion annähme, hätte mit größter Wahrscheinlichkeit innerhalb von wenigen Tagen das Land zu verlassen.
Würden Sie zu einer Krypto-Konversion raten, in der jemand sich im Geheimen taufen lässt und nach außen hin seine muslimische Fassade aufrechterhält?
   Nein, welchen Sinn sollte das machen? Christlich leben heißt ja auch, in einer Gemeinschaft zu leben, in Solidar- gemeinschaft mit den anderen Christen, in unserem Fall mit der katholischen Kirche. Bei einem nur geheimen Christentum muss man schon fragen: Muss derjenige sich unbedingt taufen lassen, reicht nicht die gute Intention? Ich würde solchen Menschen raten, dass sie sich ein anderes Land suchen, wo es Religionsfreiheit gibt.
Sehen Sie irgendwelche Fortschritte in den Ländern der arabischen Halbinsel, besonders im Jemen, in Rich- tung mehr Religionsfreiheit?
   Religionsfreiheit im Sinne der individuellen Religionsfreiheit für alle Einwohner des Landes sehe ich nicht. Es gibt eine gewisse Öffnung in Richtung auf Kultusfreiheit für die Angehörigen anderer Religionen, der Christen zunächst, zum Teil auch gegenüber den anderen, Hindus etwa. Das ist in gewissen Ländern ohnehin schon der Fall. In den Vereinigten Emiraten, in Bahrain, in Oman, in Katar haben wir Kirchen, im Prinzip auch im Jemen. Nur ist es dort et- was schwieriger, weil es im Jemen im Unterschied zu den anderen Ländern sehr wenige Christen gibt. Im übrigen handelt es sich bei den Christen in allen genannten Ländern praktisch ausschließlich um Ausländer.
Womit hat die beschriebene Öffnung zu tun? Mit der vermehrten Präsenz von Ausländern?
   Das hat sicher auch damit zu tun und zum Teil auch mit dem offeneren Horizont der einzelnen Herrscher. Wir haben es ja in fast allen Fällen mit Monarchien zu tun, und da gibt es einzelne, die eine Öffnung wollen. Zum Beispiel der Emir von Katar. In Katar hat es vor wenigen Jahren ausgesehen wie in Saudi-Arabien. Mit der Macht- übernahme durch den jetzigen Emir hat sich das stufenweise geändert. Dass wir jetzt dort eine neue katholische Kirche haben, wäre noch vor zwanzig Jahren praktisch unmöglich gewesen.
Was sind da die Hintergründe? Will man sich dem Westen gegenüber als liberale Staaten präsentieren?
   Ich denke, es hat schlicht und einfach damit zu tun, dass die Zahl derjenigen, die einer anderen Religions- gemeinschaft angehören, so groß ist, dass man diese Realität nicht mehr verdrängen kann. Nach dem Motto: Wenn man Andersgläubige ins Land lässt, muss man ihnen auch die Möglichkeit geben, ihre Religion auszuüben. Ganz sicher hat es auch damit zu tun, dass man sich in dieser Hinsicht dem Westen gegenüber als liberal präsen- tieren möchte. Das ist in Katar, Bahrain oder im Sultanat Oman so. Es ist noch nicht so weit in Saudi-Arabien.
Wie ist das im Jemen?
   Im Jemen haben wir es mit einem Sonderfall zu tun: Zwar gibt es diplomatische Beziehungen zum Vatikan, wie übrigens auch in Bahrain, Katar, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Im Jemen, mit Schwerpunkt in Aden, haben wir seit 150 Jahren eine relativ starke christliche Präsenz gehabt. Diese ist dann aber nach der Vertreibung der Briten seit den späten sechziger Jahren und der Übernahme der Macht durch ein sozialistisches Regime im Südjemen fast eliminiert worden. Wir haben heute kleine Gemeinschaften in Aden, in Taiz, in Hodeidah und in Sanaa selbst. Die größte Gemeinschaft ist unterdessen in Sanaa, weil das die Hauptstadt ist und sich dort mehr Ausländer aufhalten als in den anderen Landesteilen. Aber Kirchengebäude im eigentlichen Sinn haben wir nur in Aden. Die stammen noch aus der Zeit, als das Land zum britischen Empire gehörte. An den anderen Orten sind wir anerkannt und präsent, haben aber noch keine eigenen Gebäude, das heißt, wir sind in gemieteten Objekten, wo wir für die kleinen Gemeinschaften unsere Gottesdienste abhalten.Wenn ich im Jemen bin, suche ich in der Regel auch den Kontakt mit Regierungsstellen. Da muss ich mich nicht verbergen. Die wissen um uns, sonst hätten sie auch keine diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl.
Wie würden Sie den jemenitischen Islam beschreiben? Ist das ein besonders strenger wie der saudiarabische oder eher ein laxer Volksislam?
   Der ist eher wieder etwas strenger geworden, ist aber nicht unbedingt im ganzen Land derselbe. Was früher zu Südjemen gehört hat, ist generell wirtschaftlich entwickelter und eher etwas liberaler, im Nordjemen, der faktisch im Land die politische Vormacht hat, ist es eher ein relativ konservativer Islam, der aber nicht jetzt ohne weiteres schon mit Al-Kaida oder Al-Kaida-nahen Kreisen gleichgesetzt werden darf. Die Mehrheit der Bevölkerung, unge- fähr drei Viertel, gehören der sunnitischen Richtung des Islam an, während ungefähr ein Fünftel Schiiten sind. Dazu kommen noch andere kleine islamische Konfessionen. Die starke Stammesstruktur und die in die vorisla- mische Zeit reichende alte Stadtkultur der wichtigen Zentren hat sicher dem Islam ein Gepräge gegeben, das sich von der eher beduinischen Kultur in vielen Teilen der arabischen Halbinsel abhebt. Wieweit sich Elemente älterer Kulturen aus der vorislamischen Zeit erhalten haben, müsste noch sorgfältiger erforscht werden. Jedenfalls haben wir nicht einen Islam rein wahhabitischer Art vor uns, wie wir das in Saudi-Arabien kennen, auch wenn der Wahhabismus in gewissen Teilen des Landes einen Einfluss gehabt hat oder noch hat.
Die Probleme sind also nicht nur religiöser Natur?
   Für die Beurteilung der Situation in Jemen ist es meines Erachtens wichtig, nicht nur oder vielleicht nicht einmal in erster Linie auf die Religion zu schauen, sondern auf die äußerst prekäre politische Lage in den letzten vier Jahrzehnten. Verschiedene Kriege samt ausländischer Beteiligung haben das Land geschwächt. Die große Armut, gepaart mit der höchsten Geburtenrate der Welt, stellt das volkreiche Land (mehr als 20 Millionen Einwohner) vor zusätzliche soziale Spannungen und politische Probleme. Es wäre daher verfehlt, Jemen nur unter dem Gesichts- punkt des Islam oder gar des islamischen Fundamentalismus zu betrachten. DT090704OliverMaksan

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Die Paulus-Kathedrale in Abu Dhabi

   Fünfzig Jahre nach der ersten katholischen Kirche in Abu Dhabi wird in der Hauptstadt der Vereinten Arabischen Emirate das zweite Gotteshaus eingeweiht. Die Kirche befindet sich im Industrieviertel Mussafah an der Peripherie der Hauptstadt und wird dem Apostel Paulus geweiht. Die Weihefeier findet in einer Woche statt, Hauptzelebrant wird der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sein. Auch Vertreter der Regierung der Emirate haben ihre Teilnahme angekündigt. Die Kirche wird für die rund 5.000 Katholiken in Abu Dhabi zur Verfügung stehen, die meisten von ihnen sind Gastarbeiter aus dem Ausland. Auf der gesamten Arabischen Halbinsel leben mindestens eine Million Katholiken. Rv150603g 

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Kardinal Parolin weiht neue St.Pauls-Kirche in Dubai
   Kardinal Pietro Parolin nimmt an der Einweihung der 2. katholischen Kirche des Landes teil An diesem Freitag ist im Beisein des vatikanischen Staatsekretärs Kardinal Pietro Parolin die neue St. Pauls-Kirche in Abu Dhabi eingeweiht worden. Parolin bezeichnete die Einweihung der neuen Kirche als „Zeichen der Vitalität“ der katholischen Gemeinde. Der Apostolische Vikar für Südarabien, Bischof Paul Hinder OFM, begrüßte die „Stabilität und den Frieden, den wir in diesem Land genießen“. Am Vortag hatte auch der Kulturminister Nahyan bin Mubarak an der Eröffnung der Einweihungsfeiern teilgenommen. In seiner Ansprache betonte er, dass die neue Kirche Zeichen der „religiösen Toleranz“ der einheimischen Behörden sei. 
   In den Arabischen Emiraten leben rund 900.000 Katholiken, bei denen es sich größtenteils um Zuwanderer aus asiatischen Ländern, darunter Philippinen und Indien, handelt. Die neue Kirche, in der Kardinal Parolin am Freitag den ersten Gottesdienst zelebrierte, ist die zweite katholische Kirche des Landes. Sie wurde für die rund 60.000 Katholiken in der Region zwischen Mussaffah, Mohammed bin Zayed City und Khalifa City gebaut. In der Kirche sollen Messen in englischer und arabischer Sprache sowie in Malayalam und Tagalog zelebriert werden.
   In seiner Predigt zum Eröffnungsgottesdienst, bei dem er mit Bischof Hinder und Bischof Camillo Ballin MCCJ, dem Apostolischen Vikar von Nordarabien, konzelebrierte, erinnerte Kardinal Parolin auch an das „Wohlwollen der früheren und heutigen Regierungen und ihre Großzügigkeit bei der Bereitstellung der Grundstücke, auf denen die neuen Kirchen gebaut werden“. Die Bauerlaubnis, so der Kardinalstaatsekretär, sei „ein konkretes Zeichen der Gastfreundschaft der Emirate gegenüber Christen” und zeuge vom Engagement „für eine Gesellschaft, die auf Zusammenleben und gegenseitigem Respekt gründet“. Die Christen in dem Land bräuchten „Gelegenheit zum Wachstum im Glauben und im Glaubenszeugnis“, so Parolin: „Ich wünsche mir, dass Christen beim Wachstum im Glauben und bei karitativen Werken gegenüber den Mitmenschen unterstützt werden“. Rv150612mg

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Seelsorger der Unfreien: Der Schweizer Kapuziner  Paul Hinder Foto oben links vertritt als Bischof von Arabien
die Christen in den Golfstaaten  -   Christmesse unter dem Halbmond

 „Wir sind hier toleriert, aber nicht unbedingt beliebt":
Der Bischof von Arabien, Paul Hinder, ist Seelsorger für die kleine christliche Minderheit auf der Arabischen Halbinsel - wo christliche Symbole nur als Ausnahme in der islamischen Kultur erlaubt sind. 

   Es gibt sie, die Kathedrale mitten im islamischen Herzen. Sie ist nur etwas schwer zu finden. Wenn man über die breiten Straßenzüge des kleinen Emirats Abu Dhabi fährt, sind zwar zahllose Minarette, aber kein Kirchturm zu sehen. Selbst am Eingang zur Kathedrale findet sich kein Kreuz, das darauf hinweist, dass sich hinter den Mauern das katholische Zentrum der gesamten Arabischen Halbinsel befindet.
   Der Bischof von Arabien, der Kapuziner Paul Hinder, leitet seit fünf Jahren das dortige Bistum. Er ist Schweizer. Seine Kirche gleicht eher einer Mehrzweckhalle als einem Gotteshaus. „Das ist unsere Kathedrale, selbst wenn sie nicht gerade aussieht wie der Kölner Dom", entschuldigt sich der Bischof humorvoll. Als er aus seiner turmlosen Kirche auf die Straße tritt, ruft der Muezzin vom Minarett, das die Nachbarschaft bestimmt, die Muslime zum Gebet.
   Es ist ein seltsamer Moment, der in einem Augenblick zusammenfasst, was in Europa von so vielen über die Schweizer Minarettverbote gesagt worden ist: dass das Verbot, neuen Moscheen mit den Türmen der Gebetsrufer zu versehen, nichts anderes sei als eine passende Antwort auf die schwierige Lage der Christen auf der Arabi- schen Halbinsel.
   Die Regeln sind schnell gelernt: In den Vereinigten Arabischen Emiraten dürfen Christen innerhalb des Bereichs der Kirche und des Kirchhofs frei ihre Feiern und Riten ausführen, aber nicht islamische religiöse Zeichen zur Straße hin sind verboten. „Wir sind hier toleriert, aber nicht unbedingt beliebt", fasst Bischof Hinder das schwierige Ver- hältnis islamischer Herrschaft und christlicher Minderheit zusammen.
   Er steht nicht nur dem wahrscheinlich schwierigsten, sondern auch dem größten Bistum der Welt vor. „Mein apo- stolisches Vikariat umfasst einen halben Kontinent mit fast drei Millionen Quadratkilometern Fläche." Sechs Länder zählen dazu, neben den Vereinigten Arabischen Emiraten der Oman, Bahrain, Katar, der Jemen und des Bischofs größtes Sorgenkind, Saudi-Arabien. Insgesamt leben hier nach seiner Schätzung mindestens zwei Millionen Chris- ten, keine einheimischen, sondern allesamt Arbeitsmigranten, vor allem Katholiken aus Indien, den Philippinen, aber auch Europäer und Amerikaner sowie einige katholische Araber, die nicht aus der Golfregion stammen.
  „An manchen Tagen frühstücke ich hier in Abu Dhabi, esse im Emirat Katar zu Mittag, um dann abends im Sultanat Oman zu sein", sagt der Priester. Dabei ist der sympathische, aufgeschlossene Mann vieles in einem: Vorsteher seines Bistums und Seelsorger, aber auch Diplomat, wenn es darum geht, mit Emiren, Sultanen und Königen größere Spielräume für seine Gemeinden auszuhandeln. Auf dem riesigen Gebiet seines Bistums gibt es gerade einmal 17 Kirchen, im größten Land,in Saudi-Arabien, keine einzige.
   „In den meisten Gemeinden beschränkt sich unsere Tätigkeit auf die Orte, die uns dankenswerterweise von den Staatenlenkern zur Verfügung gestellt wurden", erläutert Bischof Hinder. „Es ist klar, dass wir hier in muslimischen Staaten leben, in der die öffentliche Ordnung sieht - und hörbar von der vorherrschenden Religion geregelt ist: Damit müssen wir zurechtkommen." Um zu erläutern, wie er das macht, benutzt der 65-Jährige immer wieder das englische Wort vom „low profile", was er so frei wie treffend übersetzt mit „Je leiser wir sind, umso mehr können wir machen".
  Das gilt vor allem für Saudi-Arabien. Ein Land, über das Bischof Hinder nur ungern spricht. Andere Kirchenmit- glieder erzählen von dort privat abgehaltenen Messen und Priestern, die gelegentlich zur Unterstützung geschickt werden, ohne das an die große Glocke zu hängen. Saudi-Arabien und Jemen sind die beiden Länder aus Hinders Zuständigkeitsgebiet, die auf einer unrühmlichen Liste ganz oben stehen: Sie gehören nach UN-Angaben zu den Ländern, in denen Christen massiv verfolgt werden. Der Bischof gibt sich dennoch positiv: Selbst in Saudi-Arabien verändere sich das Klima, für den im Privaten ausgeübten Glauben sei schon lange niemand mehr verhaftet worden. Die Möglichkeit, im nicht öffentlichen Raum zu beten, wie man möchte, habe selbst der saudische König Abdullah in mehreren Reden garantiert. Auch Abdullahs kürzlichen Besuch im Vatikan sieht der Bischof als positiven Schritt mit vielleicht langfristigen Folgen. Es gäbe bescheidene Signale, die man wahrnehmen müsse. Zum. Bei- spiel, dass in einer saudischen Zeitung erstmals das Bild des Papstes gedruckt wurde, und zwar mit dem Kreuz. Doch auch Paul Hinder weiß: „Das heißt nicht, dass wir am nächsten Tag eine Kirche in Riad eröffnen dürfen." An seinem Sitz in Abu Dhabi sind die Dinge um einiges einfacher. Er gehe oft in seinem weißen Bischofsgewand auf die Straße, mit dem Römerkragen, aber ohne die Halskette mit dem Kreuz, schränkt er ein. „Da falle ich kaum auf, weil mein Gewand den weißen Gewändern der Einheimischen sehr ähnelt", witzelt der Schweizer. Erkannt wird er trotzdem oft, vor allem in den Geschäften, wo meist Inder und Filipinos arbeiten, die ihn als Bischof grüßen. Da passiert es auch schon mal, dass am Check-in am Flughafen einer der Gastarbeiter in aller Öffentlichkeit um den Segen des Bischofs bittet.
   Um seine Sicherheit macht Hinder sich keine Sorgen. Nur einmal sei er während einer Messe tätlich angegriffen worden - von einem Christen. Gerne erzählt er auch die Anekdote von einem Schweizer Besucher, den er am Flughafen abgeholt hatte und der sich immer unsicher umsah. Der Bischof ist überzeugt: „Hier ist es sicherer als auf der Züricher Bahnhofstraße." Auch für Christen?
   Gefragt nach seiner größten Herausforderung, redet der Bischof nicht sofort von dem schwierigen Status der Christen in der muslimischen Region, sondern von den immensen Sorgen seiner Gemeindemitglieder. „Viele der asiatischen Arbeiter leben getrennt von ihren Familien, mit all den psychologischen und menschlichen Problemen, die das mit sich bringt." Die meisten könnten ihre Heimat und ihre Familien nur einmal im Jahr besuchen, manche gar nur alle zwei Jahre. Mit der Wirtschaftskrise, besonders im verschuldeten Dubai, ist nun auch noch die Angst um den Arbeitsplatz dazugekommen. Der Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet am Golf auch immer den Verlust der Aufenthaltsgenehmigung. „Wir können den meisten nicht helfen, auch wenn sie oft glauben, ich hätte eine Macht wie der Emir von Abu Dhabi, der gerade mit zehn Milliarden Dollar dem verschuldeten Dubai ausgeholfen hat. Da muss ich leider passen", lacht der Bischof. Manchmal hilft er den Arbeitern, ein Ticket in die Heimat zu finanzieren, oder gibt ihnen kleinere Summen, um eine besondere Notsituation zu überbrücken.
   An diesem Adventsabend ist seine Kathedrale voll mit Filipinos. Es ist für europäischen Geschmack eine sehr intensive Messe. Eine Frau rutscht auf Knien von ganz hinten in der Kirche bis vorne an den Altar. Draußen, im Kirchhof, haben sich die Kinder vor dem blinkenden Weihnachtsbaum versammelt. Auf dem kleinen Weihnachts- basar, auf dem es Kruzifixe und ein paar hölzerne Weihnachtskrippen zu kaufen gibt, sehen sich die meisten nur die Exponate an. Das Geld ist knapp. Für viele war schon die Fahrt zur Kirche eine große Ausgabe. „Manche fahren 200 Kilometer zu den Messen hier. Vor allem für die, die in Arbeitscamps in den Emiraten leben, ist selbst die Fahrt zur Kirche oft unerschwinglich", beschreibt der Bischof die Lage seiner Gemeinde.
   Trotzdem, zur Mitternachtsmesse am Heiligen Abend kommen jedes Jahr um die 4.000 Gläubigen. Am 25. Dezember werden in der Kathedrale 20 Gottesdienste in 13 verschiedenen Sprachen abgehalten, an denen mehr als 20.000 Menschen teilnehmen. „In Europa machen sie sich Sorgen über leere Kirchen, hier ist das wahrlich nicht mein Problem", lächelt Bischof Hinder.
   Und dann kommt das Gespräch mit dem Bischof von Arabien doch noch auf sein Heimatland und seinen Ärger, dass ausgerechnet die Situation in seinem arabischen Bistum immer wieder als Argument für das Minarettverbot in der Schweiz herhalten muss. „Diese Logik geht überhaupt nicht auf", beginnt der gehürtige Thurgauer. Man könne einen demokratischen Staat wie die Schweiz mit einer entsprechenden Grundordnung nicht mit den arabischen Staaten gleichsetzen. Natürlich gebe es auf seinem Gebiet nur eine eingeschränkte Religions- und Kulturfreiheit. Aber „wegen des Minarettverbotes in der Schweiz werden die Saudis morgen noch lange keine Kirchtürme erlauben".
   Abgesehen davon würden von dem ganzen Streit nur die Fanatiker profitieren. Er hätte seine Freude gehabt, wenn die Schweizer im Volksentscheid anders entschieden hätten: „Dann hätte ich hier auf der Arabischen Halb- insel sagen können, schaut, meine Schweiz bejaht grundsätzlich eine offene Gesellschaft - nehmt euch doch ein Beispiel."
   Inzwischen dämmert es. Der Bischof von Arabien dreht eine Runde und sieht auf dem Vorhof zu seiner be- scheidenen Kathedrale ein letztes Mal an diesem Tag nach dem Rechten. Der Muezzin ruft zum Abendgebet.
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Arabischer Erzbischof in Algier gut aufgenommen. Foto unten: der neue Erzbischof von Algier:
Prof. Dr. Ghaleb Bader. Fotos oben und unten: Kathedrale Unserer Lieben Frau von Algier

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   In Algerien gewinnt die katholische Kirche an Ansehen. Das sagt der neue Erzbischof von Algier im Gespräch mit Radio Vatikan. Ghaleb Bader stammt aus Jordanien und ist der erste arabische Oberhirte in Algier, er löste Henry Teissier ab, der in den Ruhstand trat.
   „Es ist ein positiver Schritt von Seiten der Kirche, einen arabischen Bischof für eine Ortskirche zu ernennen, die in einem arabischen Land ist und wirkt. Und dieser Schritt wird wohlwollend aufgenommen – von den Autoritäten, von den muslimischen Gläubigen und selbst von den Christen.”
   Staatsreligion in Algerien ist der sunnitische Islam, dem laut offiziellen Statistiken 99 Prozent der Bevölkerung angehören. Der Anteil der Christen liegt bei rund einem Promille. Seit 2006 steht jede Form von Missionierung unter Strafe. Dennoch ist der Erzbischof in Algier freundlich aufgenommen worden:
   „Ich habe bereits alle muslimischen Autoritäten getroffen: den Präsidenten, mit dem ich über die Kirche ge- sprochen habe; er hieß mich willkommen. Auch den Premierminister, den Außenminister und den Religionsminister habe ich getroffen, sowie den Präsidenten des Islamischen Hohen Rates. Ich bin überall gut aufgenommen und sogar ermutigt worden, und mir ist klar geworden, dass die Kirche willkommen ist.”
   Die Aufgaben für die Kirche in Algerien sieht der Erzbischof von Algier bei der Bildung: sei es in Schulen, sei es für den Klerus. „Der Jüngste des Diözesanklerus ist 70 Jahre alt. Für den Priesterstand ist also viel zu tun, das ist die dringendste Aufgabe. Zweitens die Schulen: nach der Verstaatlichung sind uns wenige geblieben, ein paar tech- nische Schulen, wenige Bibliotheken und Bildungszentren. Und es gibt auch viel zu tun, was den Bau von Kirchen betrifft.” rv081113gs

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Der Glaube an Jesus erblüht auch in der Wüste

  Seit einem Jahr unterhält der Vatikan offizielle Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten. Wie auch anderswo auf der arabischen Halbinsel, konnte die Kirche in den Emiraten bereits das Wohlwollen weitblickender Regierender erfahren: Ras al-Khaimah (eines der sieben Emirate der Föderation) erhielt im November 2006 ein großes Grundstück für den Bau christlicher Kirchen. Diese Unentgeltlichkeit ist der schönste Aspekt der Beziehung zur Kirche im Apostolischen Vikariat Arabien. Gerade hier, wo die Wiege des Islam steht und der Prophet Muham- mad lebte, Juden und Christen begegnete und gemeinsame Episoden der Gerechtigkeit und des Zusammenlebens erleben konnte. Aspekte, die heute inner- und außerhalb der Ummah so viel mehr Aufmerksamkeit verdienen würden.
  Von den Emiraten einmal abgesehen, unterhält der der Vatikan in dieser Region auch diplomatische Be- ziehungen zu Bahrein, Kuwait, Jemen und Qatar. Man hofft, dass in Kürze auch das Sultanat Oman dazukommt. Das Apostolische Vikariat Arabien - mit mehr als drei Millionen Quadratkilometern das größte der Welt - umfasst alle Staaten der arabischen Halbinsel (mit Ausnahme von Kuwait, wo Bischof Camillo Ballin, ein Comboni-Missionar, die Kirche leitet). Das Vikariat wird von Bischof Paul Hinder geleitet, ...

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Foto oben: Paul Hinder, Apostolischer Vikar von Arabien; Foto rechts: Immigranten in den Emiraten

   ... einem Minoritenkapuziner. Schon immer hat sein Orden die in aller Stille vorangetriebene Tradition bewahrt, diesen Teil der Welt mit Ordensmännern und -frauen zu „versorgen.” Eine Tradition, die nicht nur für die Beziehungen zwischen Glauben und Kultur wichtig ist, sondern auch in Politik und Weltwirtschaft eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Immerhin sprechen wir hier von Ländern mit beachtlichen Energie- ressourcen. Auch der erste Apostolische Vikar von Arabien, Bischof Louis Lasserre, war Kapuziner. In den heroischen Zeiten (formal wurde das Vikariat 1889 errichtet) war die abenteuerliche logistische Basis für die Pastoral das berüchtigte Aden, in Jemen, jenem südlichen Teil der Halbinsel, die die Römer als „Arabia felix” kannten; seit 1973 ist der Sitz des Apostolischen Vikars dagegen das futuristische Abu Dhabi.
   Wann immer er kann, besucht Msgr. Hinder seinen Mitbruder und Vorgänger (von 1976 bis 2005) Bernardo Gremoli, um sich mit ihm zu beraten. So kann die schöne Geschichte weiter gehen.
Herr Bischof, welche Situation haben Sie von Ihrem Vorgänger Msgr. Gremoli übernommen? Wie ist die Lage der Kirche auf der arabischen Halbinsel?
   Mein Eindruck war der einer überaus lebendigen,mitgliederstarke Kirche. Eine Realität, die man nicht erwartet, wenn man zum ersten Mal in diesen Teil der Welt kommt. Dort, wo die Regierungen Bau- grund für Kirchen zur Verfügung gestellt haben, findet man wirklich beeindruckende Gemeinschaften vor, über die ich mich freue, die mir Mut machen.
   Das Problem in fast allen Golfländern ist der Platz. Wir haben zwar Grundstücke für die Errichtung von Kirchen erhalten, aber der ist nie ausreichend. Diese Frage gibt nicht selten Grund zu Diskussionen unter den verschiedensprachigen Gruppen und Riten einer Pfarrei. Und bereitet auch dem Bischof so manches Kopfzerbrechen: da immer gerecht zu sein, ist beileibe nicht einfach ...

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Die Pfarrkirche Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz im Bau (Doha, Qatar).
Die Grundstücke wurden von Scheich Hamad bin Khalifa Al-Thani gestiftet. Foto oben.

...Inwiefern?
  
Nehmen wir beispielsweise Qatar, wo mehr als 50.000 Philippinos leben, 85% davon Katholiken. Sie haben keine Kirche, und wir sind gerade dabei, eine für sie zu bauen. In Qatar leben viele Inder; die Zahl der Katholiken beläuft sich auf insgesamt 140.000 bis 150.000. Bisher wurde die Liturgie an der amerikanischen und philippinischen Schule gefeiert, manchmal auch in anderen, eigens für liturgische Zwecke angemieteten Räumlichkeiten. Dieses Hin und Her ist der Seelsorge für eine derart große Gemeinschaft von Gläubigen nicht gerade dienlich, hilft nicht dabei, sie vereint zu halten. Ein Missstand, der sich bemerkbar macht, was uns sehr leid tut.

   Der König von Bahrain hat der katholischen Kirche ein Grundstück geschenkt, um in dem Golfstaat ein weiteres Gotteshaus zu errichten. Erst am 18. Dezember hatte Papst Benedikt XVI. gegenüber dem neuen – und ersten - bahrainischen Botschafter beim Heiligen Stuhl den Wunsch nach der Errichtung einer Kirche geäußert. Im König- reich leben rund 80.000 Katholiken, vor allem aus Asien eingewanderte Arbeiter. Bahrain war der erste Golfstaat, der 1939 den Bau einer katholischen Kirche erlaubte. Die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem ara- bischen Königreich haben 2008 bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Neben dem Amtsantritt des bahrainischen Botschafters am Vatikan kam es im Juli 2008 auch zu einem Treffen mit dem König Hamad bin Isa Al Khalifa. Dabei lud dieser den Papst offiziell nach Bahrain ein. Rv090105asianews

Zahl der Christen in Arabien steigt
   Die Zahl der Christen auf der Arabischen Halbinsel wächst kontinuierlich. Laut einem Dossier des Magazins der päpstlichen Missionswerke, „Mondo e Missione", verzeichnet die katholische Kirche seit zwei Jahrzehnten einen ungebrochenen Anstieg, der parallel zu dem der Gastarbeiter am Golf verläuft. Nach offiziellen Schätzungen machen die Christen in den arabischen Golfstaaten demnach zwar nur sieben bis zehn Prozent aus. Hochrech- nungen auf Grundlage der Bevölkerungsstruktur in den Emiraten ergäben aber eine Quote von teils mehr als 30 Prozent. Dem Dossier zufolge leben von fünf Millionen Einwohnern der Vereinigten Arabischen Emirate 4,1 Millionen Arbeitsmigranten im Land. Unter ihnen seien 1,5 Millionen Christen, davon 500.000 Katholiken. Für Kuwait nennt die Zeitschrift 3,4 Millionen Einwohner mit 2,4 Millionen Immigranten; von ihnen seien 460.000 Christen, der Großteil - 350.000 - Katholiken. In Katar halten sich der Statistik zufolge 1,65 Millionen Menschen als Einwanderer in dem Staat mit insgesamt 1,9 Millionen Einwohnern auf; unter diesen bekennen sich 120.000 zum christlichen Glauben und 100.000 zum Katholizismus. Der Apostolische Vikar für Kuwait, Bischof Camillo Ballin, spricht in der Zeitschrift von einem „bedeutenden Zeugnis an sich", dass Millionen Christen in dem für Muslime heiligen Land leb- ten. Auf der Ebene der Religionsführer gebe es wichtige Initiativen der Annäherung. Neben dem eigenständigen Vikariat Kuwait existiert seit mehr als 120 Jahren das Vikariat Arabien, das Saudi-Arabien, die Vereinigten Ara- bischen Emirate, Katar, Bahrain, Oman und Jemen umfasst. Mit drei Millionen Quadratkilometern ist es das flächen- größte von weltweit knapp hundert Vikariaten der Kirche. DT100826kna

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Foto links: Christen beten in Dubai;    Foto rechts: die Weihnachtsmesse in der Josefskirche in Abu Dhabi

In einigen Golfländern hat die islamische Führung die Genehmigungen für den Bau von Kirchen gegeben. Ist das problemlos verlaufen oder gab es später Schwierigkeiten?
   Soviel ich weiß, sind aus hohen Regierungskreisen nie Klagen gekommen. Man bereitet uns keine Probleme, die Beziehungen sind gut. Aber der Fortschritt ist auch hier spürbar, und vielleicht muss man den richtigen Moment finden, an die Autoritäten heranzukommen ...
Wie meinen Sie das?
   Als Msgr. Bernardo Gremoli vor Jahren mit seinen Wallfahrten auf die arabische Halbinsel begann, war der Le- bensstil dort noch deutlich von der beduinischen Vergangenheit geprägt. Alles war informaler und direkter, nicht so bürokratisch wie heute. Dass es jetzt oft nur schleppend vorangeht, ist meist nicht auf böswillige Absichten zurückzuführen, sondern auf die bürokratischen Strukturen der Ministerien, die auch am Golf immer komplizierter werden. Natürlich kann man auch einmal auf etwas „verstaubte” Regierungsbeamte treffen, die die sozialen Ver- änderungen in ihrem Land nicht wahrhaben wollen. Oder auf radikale, die eine gegen jede Öffnung gerichtete Linie vertreten. Aber das gilt für jeden Administrationsbereich. Nicht nur für die Golfländer.
   Paradoxerweise waren die Beduinen früher zwar traditionsbewusster, aber auch offener als ihre Vorgänger. Sie waren ganz einfach selbstbewusster. Ich kann jedenfalls nur hoffen, dass wir alle, Muslime oder Christen, die Realität nicht aus den Augen verlieren.
Können Sie das genauer erklären?
   Ich erinnere mich beispielsweise an eine Begegnung mit dem Sultan von Oman. Der anglikanische Bischof und ich konnten länger als eine Stunde mit ihm sprechen. Wir waren sehr offen zu ihm, und er hat uns durchaus ver- standen, das von uns Gesagte akzeptiert. Es war eine sehr herzliche Begegnung. Nicht viel anders war es auch mit dem Minister für religiöse Angelegenheiten von Oman, oder dem Oberhaupt der Sektion des WAQF (religiöses Stiftungswesen). In Oman genoss ich als katholischer Bischof bisher absolute Bewegungsfreiheit, hatte ein erweitertes Visum, das mir viele Türen öffnete. Man hört uns zu und will uns auch helfen. Stets im Respekt des Gesetzes, das leider lange Wartezeiten für Visa vorsieht, auch zwei oder drei Monate. Was unsere Arbeit nicht gerade erleichtert, weil wir so in Notfällen natürlich nicht schnell für unsere Christen eintreten können. Aber die Regierungsbeamten haben ein offenes Ohr, und wenn wirklich ein solcher Notfall vorliegt,verstehen sie das auch.

Interview mit Pfarrer der Pfarrei Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz.
Pfarrer Tom,  welche Bedeutung kann man dieser neuen Kirche in Doha beimessen?

   Es bedeutet, dass es Katar, und besonders Seiner Hoheit, Emir al-Thani, ernst ist mit dem Wunsch, einen Dialog zwischen den Religionen des Buches zu beginnen. Und es drückt auch die Verpflichtung seitens der Regierung aus, die Achtung der anderen Religionen und Glaubensformen zu fördern. Im Mai rief die Regierung die sechste inter- nationale Konferenz über den interreligiösen Dialog ins Leben, und das lässt uns zuversichtlich sein, dass alles daran gesetzt wird, den Menschen das Thema Glauben bewusst zu machen, nicht nur in den jeweiligen Völkern, sondern überall auf der Welt.
Wie haben sich Ihre Gläubigen über die Weihe der neuen Kirche geäußert? Ist man sich dessen bewusst, eine Minderheit zu sein, Gast in einem fremden Land?
   Ja, in den vergangenen Monaten habe ich die Leute oft das Wort „endlich” sagen hören. Aber ich glaube, dass wir ganz von vorn anfangen müssen, immerhin liegt eine immense Aufgabe vor uns, ist keine unmittelbare Lösung in Sicht...
Wie wird sich das Leben der christlichen Gemeinde in Katar nun gestalten?
   Es liegt noch kein genaues Datum vor, wann der Bau der Kirche definitiv beendet sein wird. Bis jetzt haben wir noch keine Straßen, keinen Strom, kein fließend Wasser... Aber ich will mich wirklich nicht beklagen! Ich weiß, dass das die größte und schwierigste Arbeit der Welt ist. Wir hier in Katar sind uns unseres katholischen Glaubens vielleicht bewusster als anderswo. Wir haben viele Probleme, aber jeden Tag auch neue Hoffnung...  30Giorni0805

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Foto oben: Auf dem von Emir al-Thani gespendeten Grundstück entstand diese Kirche. Die Kirche so vieler ein- facher Leute: Ein persönliches Zeugnis: dreißig Jahre christliches Leben in Katar. Foto unten rechts: Kardinal Ivan Dias und Msgr. Giovanni Bernardo Tremoli. Foto unten links: Gäste bei der Weihezeremonie der Kirche Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz in Dohaam: Ministerpräsident von Katar Abdullah bin Hamad al-Attiyah, Erzbischof Mounget El-Hachem, Msgr. Paul Hinder, apostolischer Nuntius in Katar, und Msgr. Bernardo Tremoli.

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   Wenn es heute ein Land gibt, das es verdient, als Vorbild für schnellen und intelligenten Fortschritt zu gelten, dann Katar. Das Emirat, das wir kennenlernten, als wir Mitte der siebziger Jahre hierher kamen, war anders: wenig Einwohner, wenig Autos; eine entspannte, lockere Atmosphäre, wie sie typisch ist für heiße Länder, in denen man kein Hetzen kennt. Der christlichen Gemeinschaft ging es gut - zumindest aus den Augen einer italienischen katholischen Familie betrachtet, der unsrigen nämlich: Vater, Mutter, zwei Kinder und Großmutter. Gewiss, man hatte nicht die Freiheit, den Glauben öffentlich zu praktizieren, aber niemand legte uns offen Steine in den Weg, und wir konnten ohne Probleme ein Kruzifix um den Hals tragen.
   Es gab sogar ein kleines Fabrikgebäude der Firma Shell, das für unsere religiösen Feiern „eingesetzt” wurde. Dort drängten wir uns jeden Freitag zusammen. Es war zwar eng und heiß, aber wir waren doch überglücklich, gemeinsam beten zu können. Wir hatten auch einen italienischen Priester, Pfarrer Adriano, der es verstand, die Gläubigen so vieler verschiedener Nationalitäten mit seinem fröhlichen südländischen Elan zusammenzuhalten - und manchmal auch mit einem Teller köstlicher „Tagliatelle alla bolognese" (damals in Katar eine Rarität).
   Wir Italiener waren nur wenige, bei weitem nicht so zahlreich wie die indische Gemeinschaft, die eine richtige Pfarrei war. Zahlenmäßig gesprochen stand die arabische christliche Gemeinschaft an zweiter Stelle, die franzö- sische, die amerikanische und die philippinische waren recht beachtlich, die italienische die kleinste. Die heilige Messe und andere Feiern waren schon damals indisch geprägt, die Liturgie sehr bunt, nicht nur wegen der leuchtenden Farben der festlichen Saris, sondern auch wegen der Riten, der Gesänge und der Novene, die die verschiedenen Ethnien des asiatischen Subkontinents widerspiegelten.

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   Bis 1978 verlief alles relativ ruhig. Dann aber kam es zur Machtübernahme Khomeinis im Iran, und die Golfregion stand Kopf. Das Shell-Gebäude wurde dem Erdboden gleichgemacht, die Priester erhielten keine Einreise- genehmigungen mehr. Ein Gefühl der Verlassenheit machte sich bei uns breit, aber der Heilige Geist  setzte seine Arbeit unermüdlich fort. Gerade wenn die Not am schlimmsten ist, muss man sich etwas einfallen lassen, und so stellten viele ihre Privathäuser zur Verfügung, die jeden Freitag zur Kirche umfunktioniert wurden. Mit dem Priester war man überein gekommen, dass abwechselnd vier Messen in den zur Verfügung stehenden Wohnungen gefeiert würden. Viele machten mit, angesichts der besonders schwierigen Zeiten aber waren Zusammenkünfte von mehr als hundert Personen verboten: daher die Notwendigkeit, die Teilnehmerzahl bei den Messen gering zu halten.
   Während der Feier wurden die Kinder vor dem Altar auf den Boden gesetzt oder von ihren Eltern im Arm gehalten, damit auch sie etwas sehen konnten. Unsere Kinder ließen den Klingelbeutel herum gehen, und sie taten das mit großem Eifer, vor allem Matteo, der Kleinste, der sich nicht abwimmeln ließ und jeden zu einer Spende überreden konnte.
   So konnte die Feiertagsmesse letztendlich doch immer abgehalten werden; das Problem stellte sich an hohen Festtagen, wenn sich der Andrang fast verhundertfachte. Die Messen wurden in verschiedenen Sprachen gehal- ten, nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Arabisch, Malayalam, Hindu, Urdu, usw. Meist aber in kleineren Woh- nungen oder Häusern, manchmal sogar in der des Priesters, der gerade „dran war”. Einen ständigen Priester hatten wir nämlich nie. Unser Priester musste einen englischen Ausweis haben, weil er nur so keine Einreise- genehmigung brauchte. Er musste aber in jedem Fall oft den Standort wechseln, und so war es unvermeidlich, dass wir oft ohne Seelsorger waren. In diesem Fall teilten Diakone die bereits konsekrierten Hostien aus. Beson- ders gut erinnere ich mich an einen Priester namens Dünn, einen wahren Asketen, einen einfachen, aufrichtigen Menschen: die Güte in Person. Oft zelebrierte er die letzte Messe bei uns zu Hause und blieb dann zum Abend- essen mit den Kindern, sah sich mit uns ein Fußballspiel im Fernsehen an. Er selbst hatte nämlich keins. Alles, was ihm geschenkt wurde, gab er an die Pfarreien weiter, die noch ärmer waren. Für sich selbst wollte er nichts. Als Pfarrer John hierher kam, fühlten wir uns als wirkliche Pfarrei. Er war Amerikaner, war von einer amerikanischen Schule angestellt worden und hatte als Dozent eine ständige Aufenthaltsgenehmigung. Für unsere Freitage mie- tete er die Eingangshalle und die beiden angrenzenden Korridore der Schule, die damals sehr klein war, so dass nur ca. hundert Personen auf einmal bei der Messe dabei sein konnten. Danach wurde die amerikanische Schule in ein großes, modernes Gebäude verlagert. Man hatte sich nach der Niederlassung des neuen amerikanischen Militärstützpunktes in Katar dem Wachstum der Gemeinschaft anpassen müssen. Pfarrer John schaffte es, einen größeren Raum anzumieten, eine Sporthalle, und in diesem riesigen Saal konnten sogar tausend Menschen auf einmal an der Messe teilnehmen. Jeden Freitag wurden hier vier oder fünf Messen gefeiert.
       In der Zwischenzeit war die Pfarrgemeinschaft sichtlich gewachsen. Von etwa 10.000-15.000 Gläubigen auf 50.000 - der Priester war aber immer noch ein und derselbe: Pfarrer John! Und der musste sich um alles kümmern: liturgische Feiern, Taufen, Beerdigungen, Erstkommunionen. Bei den Beichten wäre er sicher ganz schön in Bedrängnis geraten, wenn unsere Pfarrei nicht zum Glück eine päpstliche Dispens für die Gemeinschaftsbeichte gehabt hätte. Dank Pfarrer John konnten die Messen nun auch in französischer und italienischer Sprache gehalten werden, und nun fühlten wir uns wirklich zu Hause.
   Im Jahr 1995 war es endlich soweit: der neue Emir, Hamad bin Khalifa al-Thani, erlaubte die Kultfreiheit, und andere Priester konnten ins Land kommen und unseren Pfarrer unterstützen. Wie Pfarrer Tomasito, ein junger philippinischer Priester, der sich hier in Doha niedergelassen hat, um sich um seine Gemeinschaft zu kümmern, die inzwischen die zahlenreichste war.
   In der Zwischenzeit - das Haus von Pfarrer John, das unter anderem als Kapelle fungierte, musste abgerissen werden, um dem Olympiadorf Platz zu machen - konnten wir eine große Villa anmieten, die unseren Priestern (inzwischen drei an der Zahl) als Unterkunft diente. Zu der Villa gehörte auch ein großes Grundstück, auf dem ein großer Saal für etwa 400 Personen errichtet werden konnte: endlich hatten wir unsere eigene Kirche! Wir nannten sie „die Kapelle” - nicht nur wegen ihrer bescheidenen Dimensionen, sondern auch, weil wir noch keine Erlaubnis hatten, eine richtige Kirche zu bauen. An die Kapelle wurden dann noch einige Räume angebaut - und so hatten wir nun auch Büroräume, Aulen für den Katechismus und endlich auch die Grotte Unserer Lieben Frau von Lourdes.
   Anfang des neuen Jahrhunderts kam Lester Mendonza als Pfarrer zu uns, und auf dem Grundstück der Kapelle entstanden weitere Räume für den Katechismus und ein Volleyballplatz für unsere Jugendlichen: das Oratorium war fertig. Mehr Priester bedeutete natürlich auch mehr Messen, Ausbildungs- und Fortbildungskurse für Kate- chisten und einen Organisationskalender, der nicht nur Pfarreien derselben Nationalität miteinander verband, sondern und vor allem solche verschiedener ethnischer Gruppen. Nationalitäten gab es schon damals viele. Heute sind es um die 60. Der jetzige Pfarrer, Tomasito Veneracion, hat die Pfarrei schließlich ihrem so sehnlichst erhofften Ziel zugeführt: der Kirche Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz in Doha.
   Aber es gibt einen Menschen, der all diese Jahre hart für uns gearbeitet, viel Geduld, Leidenschaft, Opfer- bereitschaft und vor allem Liebe an den Tag legte: den Kapuziner-Pater Bernardo Gremoli, der noch vor wenigen Jahren unser Apostolischer Vikar war.

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Weihemesse der Pfarrkirche Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz in Doha am 15. März

   Nachdem er 1975 von Papst Paul VI. zum Bischof von Abu Dhabi ernannt wurde, konnte Pater Bernardo stolze 11 Kirchen in seiner Diözese bauen lassen - die die größte der Welt ist, sich von den Vereinigten Arabischen Emiraten bis Oman erstreckt, von Jemen bis nach Saudi-Arabien, von Bahrein bis Katar. Die Kirche von Doha ist seine 12. Kirche, deren Umsetzung er jedoch seinem Nachfolger überlassen hat, Bischof Paul Hinder. Pater Ber- nardo war bei der Weihe dabei, am 15. März 2008, und damals hat er sicher an all jene Jahre des Wartens denken müssen, an alle Schwierigkeiten, die Emotionen und die Bitterkeit über nicht eingehaltene Versprechen und unerfüllte Hoffnungen. Die Kirche von Katar war vielleicht sein zerbrechlichstes Geschöpf - ein Geschöpf voller Probleme, und vielleicht gerade deshalb so sehr geliebt. Heute, wenige Wochen nach der Weihe der Kirche, die schon jetzt als „Kathedrale in der Wüste” bezeichnet wird, scheinen all diese Jahre wie im Flug vergangen: wir können es noch gar nicht glauben, dass unsere Kirche Wahrheit geworden ist! Gewiss, sie wurde mit der Unterstützung eines weitblickenden Staatschefs gebaut, der allen Religionen des Buches den Baugrund zum Geschenk gemacht hat. Entscheidend war aber auch die Geduld derer, die sich für die nötigen Genehmigungen bei den Regierenden eingesetzt haben. Vor allem aber wurde sie gebaut mit dem Geld vieler einfacher Leute, die tatkräftig geholfen haben, dass „Seine Kirche" wachsen kann.  30GiorniLoredanaZanonCasiraghi0805

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Irak: neue Kirche in Bagdad Foto: Kardinal Emmanuel III. Delly

   In Bagdad soll auf städtischem Grund eine große Kirche gebaut werden. Das kündigte der Bürgermeister der irakischen Hauptstadt nach einem Gespräch mit Kardinal Emmanuel III. Delly an. Das Grundstück soll „in einer guten Gegend“ von Bagdad liegen, so eine Pressemitteilung des Bürgermeisters. Delli ist chaldäisch-katholischer Patriarch von Bagdad. Tausende von Christen sind wegen Todesdrohungen und Gewalt aus der Stadt geflohen; in einem Stadtteil von Bagdad haben muslimische Extremisten vor Jahren eine Art Säuberung durchgeführt, der viele Christen zum Opfer fielen. Rv090401reuters

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  Abkommen für den Libanon –  Chance für Nahost. Foto unten: Der Emir Hamad bin Khalifa al-Thani
von Katar mit dem neuen libanesischen Präsidenten Michel Suleiman in Beirut

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   Es ist ein realer Hoffnungsschimmer, der durchaus eine Wende bewirken könnte. Das im Mai abgeschlossene Abkommen konnte dank der Vermittlung Katars zustande kommen und beendete eine der schlimmsten Krisen, die der Libanon seit Ende des Bürgerkrieges erlebt hat (mehrere, von anderer Seite unternommene Vermittlungs- versuche waren bereits gescheitert). Das alles hat das kleine, und doch so große Land am Golf wieder in den Mittelpunkt des Weltinteresses gerückt. Ein Interesse, das die weitblickende Regierung dieses Landes jedoch gar nicht sucht, in dem man lieber „Tatsachen sprechen lässt”. Die Diplomatie Katars unterhält solide Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, zu Syrien und zum Iran, führt einen Dialog mit Israel (auch Schimon Peres war 2007 in Doha), und hat sich im Libanon ausschließlich für den Frieden eingesetzt, nicht im Eigeninteresse gehandelt. Wenn der libanesische Sommer friedlich verlaufen sollte, wäre das für Nahost eine reelle Chance. In Doha - das dank seiner immensen Erdgas- und Ölvorkommen auch eine wichtige Finanzmetropole ist - wird seit sechs Jahren die sich immer größerer Beliebtheit erfreuende Konferenz zum Dialog zwischen den Religionen abgehalten. Für Vatikan hat dieses Jahr der Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog teilgenommen, Kardinal Jean- Louis Tauran, der sich mit folgenden Worten an das Publikum wandte: „Mit Befriedigung kann ich feststellen, wie mutig das Volk von Katar ist, das sehr wohl seine Versprechen hält! Beispielsweise das, die Konferenz auch auf die Juden auszuweiten und eine internationale Struktur für den Dialog zu schaffen, das internationale Zentrum von Doha für den interreligiösen Dialog: beide Versprechen sind gehalten worden!”. Die Weihe der katholischen Kirche von Doha, Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz - mit deren Bau am 15. September 2006 begonnen wurde und die am 15. März 2008 geweiht werden konnte - ist ein lobenswertes Beispiel dafür.  GiovCubeddu30Giorni0805

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Begegnung mit Emir Hamad bin Khalifa al-Thani.  Emir al-Thani wird von tosendem Applaus begrüßt:
Foto links: eine Anerkennung für die Erreichung des  Abkommens zwischen den verschiedenen libanesischen GruppenFoto rechts: Kardinal Jean Louis Tauran.

   Eine solide Außenpolitik, gute Beziehungen zu allen Ländern, Offenheit für einen Dialog mit den anderen Reli- gionen: „Es gibt nichts, was gegen einen Besuch des Papstes in unserem Land spricht.” Ein Gespräch langjährigen italienischen Ministerpräsident Guilio Andreotti mit dem Emir von Katar nach der Weihe der ersten katholischen Kirche in Doha.
Hoheit, ein häufiges Thema unserer internationalen Zeitschrift 30Giorni ist der interreligiöse Dialog - ein Ge- biet, auf dem Sie sich wegen Ihres ehrlichen Interesses, Ihrer zahlreichen Initiativen einen Namen gemacht haben. Warum diese bewundernswerte Disponibilität? Was erwartet jene, die mit diesem Dialog befasst sind?
   HAMAD BIN KHALIFA AL-THANI: Unsere Haltung liegt in der von unserer islamischen Religion gelehrten Toleranz begründet. Und diese Toleranz ist das Ergebnis der menschlichen Tugenden, die von den göttlichen Religionen verfochten wurden, die dem Islam vorausgingen. Seither hat sich unsere Sicht des Dialogs zwischen den Religi- onen entwickelt: er ist ein Mittel, mit dem anderen zu kommunizieren, ihn besser kennen zu lernen. Ein Mittel für die Suche nach Konvergenzmöglichkeiten, um Diskriminierung unter den Menschen zu überwinden und Richtlinien für die verschiedenen Aspekte des Lebens zu geben. Das alles auf der Grundlage der Prinzipien, die die Religionen gemeinsam haben. Das zeigt uns konkret, wie bedeutungsvoll der Dialog zwischen den Religionen ist: er führt uns einer Zukunft der Liebe und Harmonie entgegen.
Ihr Land kann ein beachtliches Wirtschaftswachstum verzeichnen, hat eine starke internationale Dynamik. In Katar leben viele Gastarbeiter verschiedenster Religionen. Was tun Sie, um diese Menschen in Ihr Land zu in- tegrieren? Hängt die Entwicklung Katars nicht auch davon ab, welche Perspektiven man diesen Gastarbeitern langfristig bietet?
   Die Integration eines Einwanderers in eine ausländische Gesellschaft ist normalerweise dann gegeben, wenn er sich sicher fühlt, seine Rechte garantiert weiß. Genau das wird den Ausländern, die bei uns arbeiten, angeboten. Und es ist auch im täglichen Leben greifbar, feststellbar - immerhin nehmen auch Ausländer an den verschiedenen, vom Staat organisierten Initiativen teil. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Einwohner Katars schon ihrem Wesen nach tolerant und gastfreundlich sind, dass sie das, was die Ausländer leisten, sehr wohl zu schätzen wissen.
Katar unterhält bereits diplomatische Beziehungen zum Vatikan. Auf welchen Gebieten kann die Beziehung zum Vatikan ein positives gemeinsames Handeln hervorbringen, das auch für andere Länder ein Vorbild sein könnte?
  Dank ihrer diplomatischen Beziehungen konnten der Staat Katar und der Vatikan ihre Zusammenarbeit, ihren Dia- log und den gegenseitigen Meinungsaustausch ausbauen. Wir glauben, dass das gemeinsamen Initiativen im Hinblick auf den Dialog zwischen den Religionen und Kulturen dienlich sein kann. Schließlich konnten schon bei den vorherigen interreligiösen Konferenzen - einige davon fanden in Doha statt - Kontakte zwischen beiden Staaten hergestellt werden.
Der Besuch des saudischen Königs Abdullah bei Benedikt XVI. war eine symbolische und doch auch konkrete Geste. Halten Sie es für möglich, dass der Papst eines Tages eingeladen wird, Länder der arabischen Halb- insel zu besuchen?
  Der Besuch meines Bruders, des Hüters der beiden heiligen Moscheen, im Vatikan war die Bestätigung der Tole- ranz des Islam jeder Religion gegenüber und hat die Konvergenz zwischen Islam und Christentum wachsen las- sen. Was einen zukünftigen Besuch des Papstes in den Ländern der arabischen Halbinsel angeht, kann ich nur sagen, dass das Sache der einzelnen Länder ist. Katar hat eine solide Außenpolitik, die ihm gute Beziehungen zu allen Ländern der Welt ermöglicht. Bei uns gibt es keine Diskriminierung, sondern Disponibilität für den Dialog und Toleranz den verschiedenen Kulturen und Religionen gegenüber: es gibt also nichts, was gegen den Besuch des Heiligen Vaters in unserem Land sprechen würde.
Im März konnte in Doha die erste katholische Kirche geweiht werden. Den Baugrund haben Sie gestiftet. Glauben Sie, dass es - sozusagen als Fortsetzung dieses wohlwollenden Weitblicks - möglich ist, dass die ka- tholische Kirche auf die Entwicklung Katars direkt Einfluss nimmt? Beispielsweise im Bereich des Gesund- heitswesens, im Bildungs- und Wohltätigkeitsbereich - zumindest als eine Art Hilfestellung für die Einwande- rer?
   Katar hat dank seiner Naturressourcen Öl und Erdgas eine starke Entwicklung erfahren. Wir haben unseren Freunden aus verschiedenen Ländern der Welt die Tore geöffnet, damit sie sich an der Umsetzung von Entwick- lungsprogrammen beteiligen können. Projekten, die wir in Übereinstimmung mit den in dieser Branche geltenden Gesetzen geplant haben.
   Wir haben uns darum bemüht, den Bereich des Gesundheits- und Bildungswesens auszubauen, ihn unseren Bürgern und den Ausländern zugänglich zu machen.
Was bedeutet es Ihrer Meinung nach, in der heutigen Welt schneller, ja manchmal undenkbarer Veränderun- gen ein muslimischer Gläubiger zu sein?
   Unsere Sicht dessen, was auf der Welt passiert, liegt - wie schon gesagt, in den Prinzipien unserer Religion begründet. Wir sind sicher, dass alle Dramen und Probleme der Welt von heute gelöst werden können, wenn man die ehrliche Absicht hat, den Standpunkt des anderen zu respektieren, seine Ideen, seinen Glauben. Kurzum: Wenn man einen konstruktiven Dialog vorantreibt. 30Giorni0805

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 Emir von Katar mit Kardinal Nasrallah Pierre Sfeir, Patriarch der Maroniten (Doha, 5. Mai)

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König Hamad Ibn Isa Al Khalifa bei Benedikt XVI.

   Im Anschluss an die Privataudienz bei Papst Benedikt XVI. führte König Hamad Ibn Isa Al Khalifa Gespräche mit dem Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten, Erzbischof Dominique Mamberti. Im Lauf der Begegnungen, die in einer herzlichen Atmosphäre stattfanden, hatten die vatikanischen Vertreter Gelegenheit, dem König für die freundliche Aufnahme der Christen in Bahrain zu danken.
   Der Herrscher des mehrheitlich von schiitischen Muslimen bewohnten Golfstaates gilt bei Kirchendiplomaten als offen gegenüber den Christen in seinem Land. In Bahrain leben unter 720.000 Einwohnern etwa 38.000 Katholiken. OR080718
  
Anders als in anderen Ländern der Region klagen die Kirchen dort nicht über Verfolgung oder Einschränkung ihrer Religionsfreiheit. Als Zeichen der guten Beziehungen lud der König den Papst schließlich zu einem Besuch in seinem Land ein. Eine Antwort steht wie in solchen Fällen üblich noch aus.
   Bei der Audienz betonten beide Seiten indes, wie wichtig sie den interkulturellen und interreligiösen Dialog zwischen Christen, Muslimen und Juden nehmen. Dieser Austausch diene „im Mittleren Osten und in der ganzen Welt dem Frieden, der Gerechtigkeit und den geistigen sowie moralischen Werten”. rv080709bg

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Der Emir von Kuwait zu Besuch bei Papst Benedikt XVI.

   Zum ersten Mal hat sich ein Papst mit dem Emir von Kuwait getroffen. Scheich Sabah Al-Ahmad Al Jaber Al Sabah war zu Besuch bei Papst Benedikt im Vatikan; ihr Gespräch in englischer Sprache dauerte etwa 25 Minuten. Danach unterhielt sich der islamische Souverän vom Golf auch noch mit den Spitzenleuten des vatikanischen Staatssekretariats. Als Geschenk hatte der Emir zwei wertvolle Teppiche und ein 200 Jahre altes Manuskript mitgebracht; Benedikt revanchierte sich mit seiner Ponti- fikatsmedaille und einer Ansicht des Petersplatzes. Ein Vatikan-Statement sprach von einer „herzlichen Atmosphäre“; die Gedanken hätten vor allem um den Frieden im Nahen Osten und um das Gespräch der Religionen gekreist. Rv100506pm

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Der Apostolische Vikar Paul Hinder nimmt an einer interreligiösen Konferenz
zum Thema Toleranz teil (Abu Dhabi, 23. Januar 2007).

Hat es noch andere Begegnungen gegeben?
   Ja, z.B. die mit dem Berater für die religiösen Angelegenheiten des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, der schon mit Msgr. Gremoli gut befreundet war. Ein sehr herzlicher Mann, den ich bei offiziellen Anlässen immer wieder gern treffe; zu Weihnachten empfangen wir ihn zum Austausch der Weihnachtsgrüße immer in unserer Bischofsresidenz. Und als Apostolischer Vikar werde ich den Behördenvertretern als Repräsentant des Papstes ohnehin vorgestellt. Das alles zeugt von einer gegenseitigen Wertschätzung. Ich reise auch oft nach Jemen. Dort bin ich beispielsweise schon dem Außenminister begegnet, oder dem Gesundheitsminister, mit dem ich über ein geplantes Armenhaus in Aden gesprochen habe. Auch der König von Bahrein oder der Emir von Qatar haben uns gegenüber immer großes Wohlwollen gezeigt. Und dann ist da eben auch noch der Alltag mit seiner Bürokratie - der Beamte, der uns nicht kennt und keinen Fingerbreit von seinen Vorschriften abweichen will, was nicht selten lange Wartezeiten bedeutet... Und dafür muss man eben Geduld aufbringen.
Und wenn der Geduldsfaden reißt?
   Nun ja, dann kommt alles mit noch mehr Geduld wieder ins Lot und wer sie nicht hat, muss sie eben lernen.
Dass die Beziehungen zur katholischen Kirche  in einigen Golfländern überaus herzlich sind, zeigt ohnehin schon den Wunsch nach einer Annäherung an die Saudis...
  
Ja, sicher, auch wenn ich nicht weiß, ob man das bisher schon erkannt hat. Auch hier heißt es: Geduld haben. In den Golfländern ist oft eine gewisse Besorgnis spürbar: und zwar sowohl aus Mangel an Kommunikation, wie auch wegen dem, was in Riyadh unter einem gewissen politischen Gesichtspunkt geschehen kann. Nicht immer gelingt es, einander zu verstehen - und nicht nur wegen der Unterschiede in unserer Mentalität, der Behandlung heikler Themen.... Angesichts der großen Probleme, die die ganze arabische Welt oder den Islam betreffen, ziehen Araber und/oder Muslime unweigerlich an einem Strang. In Detailfragen sieht das alles dann aber schon wieder ganz anders aus. Wie bei uns Europäern eben.
   Nach der Revolution im Iran 1979, den Ereignissen vom 11. September 2001 und dem zweiten Golfkrieg hat sich das Klima verändert. Der Golf ist seither von Radikalismus, Skepsis, einem größeren Misstrauen geprägt. Die Minderheiten leben in größerer Unsicherheit, man spricht weniger miteinander. Aber nicht immer. Es gibt auch Ausnahmen. ..
Welche?
    Die gebildeteren Schichten, oder besser gesagt jene, die die Christen persönlich kennen, sind kulturell elas- tischer, positiver eingestellt ... ihnen machen wir weniger „Angst”. Dasselbe gilt natürlich auch für die Einstellung der Christen zu den Muslimen.
In welchen Bereichen ist eine Begegnung zwischen Personen verschiedener Religionen Ihrer Meinung nach am leichtesten? Wie kann man sie einander annähern?
  Das Hauptproblem der Golfländer ist, dass die Gastarbeiter aus dem Ausland nach ein paar Jahren wieder gehen. Auch die Regierungsbehörden wissen das und betrachten sie folglich nicht als Immigranten, die integriert werden müssen, sondern einfach nur als „Auswanderer.” Und das hat natürlich Folgen. Die meisten dieser Ausländer machen sich beispielsweise gar nicht erst die Mühe, Arabisch zu lernen. Nehmen wir Qatar: normalerweise beschränkt sich die Kirche auf die Seelsorge für die Auswanderer. Darunter sind auch arabische Christen anderer Länder, aber sie sind nur eine kleine Minderheit in einer Masse von Asiaten. Auch das wirkt sich auf das Zusam- menleben aus. Selbst unsere Beziehungen zu den Einwohnern sind manchmal nur auf bürokratische Aspekte oder Empfänge mit den Behördenvertretern beschränkt. Wir hoffen auf einen kontinuierlichen Dialog mit den autoch- thonen Imam, aber diese sprechen meist nur ihre eigene Sprache. Und das ist ein weiteres Problem. Mit den Autoritäten akademischer oder politischer Kreise, die meist im Ausland studiert haben, Europa kennen, haben wir es da schon leichter.
   Um wieder auf Ihre Frage zurückzukommen, würde ich also folgendes sagen: der Weg, der sich mit den Musli- men gemeinsam anbietet, ist die Achtung des Lebens - schließlich waren sich die Kirche und der Islam in ihrer Verurteilung der Abtreibung bei internationalen Konferenzen immer einig. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Liebe zur Familie. Obwohl Mann und Frau unterschiedliche Rollen haben, ist der Familiensinn im Islam stark ausgeprägt. Und da ist auch noch unser gemeinsamer Wunsch nach Gerechtigkeit und Frieden...
Wie steht man in der Golfregion zu den heutigen internationalen Geschehnissen?
   Wie wir nur allzu gut wissen, können unsere Beziehungen nicht wirklich stark, authentisch sein, solange es noch zwei offene Wunden in der arabisch-muslimischen Welt gibt: die Palästinenserfrage und die Tragödie des iraki- schen Volkes. Bei meinen offiziellen Gesprächen mit den Autoritäten stellt man mir immer wieder dieselbe Frage: „Was wollt ihr unternehmen? Wie steht der Papst zu Palästina? Und zum Irak?”. Zum Glück hat sich der Papst unmissverständlich zum Krieg geäußert. Auch in Sachen Israel und Palästina nimmt der Vatikan eine glaubwürdige Haltung ein. Aber diese problematischen Fragen sind leider noch offen, und das macht den Dialog für uns hier am Golf nicht gerade einfach.
Wie gestaltet sich das Leben der christlichen Gemeinschaften in der Golfregion?
   Die katholische Kirche hier lebt von den wesentlichen Dingen, von den Sakramenten, der Frömmigkeit. Es gibt wohltätige Werke, die von den Mitgliedern der Gemeinschaft, vom Pfarrer oder vom zuständigen Bischof voran- getrieben werden. Aber es gibt keine eigenen Strukturen, mit Ausnahme von vier Schulen des Apostolischen Vika- riats, und vier weiteren, Privatschulen, die von Ordensschwestern geführt werden: für uns überaus wichtige Werke. Die Schüler sind zum Großteil Muslime. Insgesamt betrachtet, machen sie die überwältigende Mehrheit aus; an der Rosary School in Abu Dhabi sind sogar 95% der Schüler Muslime! Und all diese Jungen und Mädchen, die bei uns studiert haben, haben eine feste Vorstellung davon, wer die Christen sind. Die Schulen haben einen guten Ruf. Selbst die Scheichs haben kein Problem damit, ihre Kinder zu uns zu schicken.
Auf der arabischen Halbinsel ist es um die Religionsfreiheit bekanntlich nicht gut bestellt. Wie stehen die Regierenden am Golf, ein Emir beispielsweise, der ein Freund der Christen ist, zu den westlichen Debatten über Reziprozität?
   Ich würde zunächst einmal nicht sagen, dass man den Christen in der Golfregion Freiheit oder Reziprozität ver- sagen will. Das stimmt nicht. Vielleicht sind die Regierenden oft nicht über die tatsächlichen Bedürfnisse der Chris- ten in ihrem Land informiert, unterschätzen diese. Der Sultan von Oman hat mir beispielsweise einmal erzählt, dass er als Student in England bei einer christlichen Familie wohnte, die ihm nicht nur ein eigenes Zimmer gab, sondern ihm sogar noch ein zweites zur Verfügung stellte, in dem er beten konnte - seine „kleine Moschee”, wie er es nannte. Diese Erfahrung hat ihn nachhaltig geprägt, und als er kritisiert wurde, weil er Grundstücke für den Bau von Kirchen in Oman zur Verfügung gestellt hatte, sagte er, dass man sein Recht zu beten im Ausland respek- tiert hätte und es daher nur recht und billig wäre, den Christen ein eigenes Gebetshaus zu geben. Ist das etwa kein Beispiel für Reziprozität? Wie bereits gesagt, mögen die Bedürfnisse der Christen in der Golfregion dann und wann nicht richtig erkannt werden: aber darüber lässt sich reden.
Der Sultan von Oman ist kein Einzelfall.
   Sie sagen es: Ich habe den Thronfolger von Abu Dhabi kennen gelernt, der ebenfalls in Europa studierte, und er hat mir ähnliche Dinge erzählt wie der Sultan von Oman.
   Zwar gibt es in der Golfregion auch jene, die meinen, Anhänger der einzigen wahren Religion, des Islam, zu sein und folglich keine volle Religionsfreiheit garantieren zu müssen. Und dann werden die Christen zwar toleriert, besitzen aber kein anderes Recht als das, selbst Muslime werden zu können...
Die Christen in Oman verdanken die Freiheit, den Glauben öffentlich bekennen zu dürfen, also dem, was ihr Sultan im Ausland erlebt hat.
   Ja ... Eine Geschichte, die der Sultan immer wieder erzählt. Und man darf nicht vergessen, dass er einmal gewisse, aus Ägypten gekommene Imam kurzerhand an die Grenze zurück begleiten ließ: ihre aufstachelnden, radikalen Predigten hatten ihm gar nicht gefallen. Ein solcher falscher Islam sollte nicht in den Moscheen seines Landes Einzug halten können.

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Der Sultan von Oman, Qabus bin al-'Bu Saids. - Koptische Christen vor St.Joseph, Eritrea

   In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist man noch einen Schritt weiter gegangen: man hat bestimmt, dass die Freitagspredigt - wo nötig - kontrolliert werden kann, um Infiltrationen zu vermeiden. Und wenn ein Imam diese Kontrolle ablehnt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich an die offiziellen Texte des Ministeriums für die religiö- sen Angelegenheiten zu halten. Da genieße ich als christlicher Bischof doch bedeutend mehr Freiheit als ein Imam! Meine Predigten hat noch niemand kontrollieren wollen...
Die Frage des „exportierten Radikalismus” stellt in der Golfregion ein großes Problem dar.
  Als die Moslem-Brüder vor ein paar Jahren von Ägypten auch in andere Länder kamen, wurden sie mit offenen Armen empfangen. Obwohl man sie im Grunde gar nicht kannte. Aber die Idylle war nur von kurzer Dauer und einige arabische Staaten ergriffen schnell Gegenmaßnahmen: strengere Kontrollen oder gar Ausweisung waren die Folge.
Was kann der katholischen Gemeinschaft helfen, in den Golfländern besser verstanden zu werden, mehr Freiheit zu genießen?
  Wir müssen nur versuchen, uns der Mentalität dieser Völker verständlich zu machen. Indem wir drei Dinge tun. Was wäre das erste?
   Das erste ist das einfachste. Meine Gesprächspartner, auch hohe Regierungsbeamte dieser Länder, sind immer wieder überrascht, wenn ich ihnen sage: „Das erste, was wir Christen tun, ist für euch zu beten.”
   Bei unseren Messen sprechen wir an Feiertagen immer ein Gebet für unsere Regierenden und für das Wohl des Volkes, das uns Gastfreundschaft gewährt. Und das auch, wenn Christen vielleicht ungerecht behandelt wurden oder noch werden.
Und was ist das zweite?
   Ich will meinen Gesprächspartnern klar machen, dass der Öl-Reichtum dieser Länder nicht zuletzt auch durch die einfache Arbeit der Einwanderer ermöglicht wurde, die auf den zahlreichen Bohrinseln im Golf beschäftigt sind. Und diese Einwanderer sind größtenteils Christen. Wenn sich die Kirche also um sie kümmert, tut sie nichts anderes als der Entwicklung des Landes zuträglich zu sein. Garantiert, wenn Sie so wollen, auch eine größere öffentliche Ord- nung. Das Wohl des Landes und des Volkes ist im Interesse der Kirche.
Und was ist das dritte?
   Wir respektieren die Gesetze des Landes, und verlangen nur, dass das auch die anderen tun.
Die christlichen Gemeinschaften werden von ihren Gastgebern danach beurteilt, wie sie sich im täglichen Leben verhalten. Und wonach beurteilt man den Bischof?
   Bei der Messe in coena Domini in Abu Dhabi waren mindestens 15.000 Gläubige anwesend. Sie wurde im Freien zelebriert: Sie hätten sehen sollen, wie still und andächtig die Menschen waren! Und auch in der Osternacht war es nicht anders. Solche Szenen kann man sonst nur auf dem Petersplatz beobachten, wenn dabei auch weniger Andacht spürbar ist ... der Platz ist einfach zu groß, die Menschenmenge zu unübersichtlich. Hier aber sehe ich sehr viel Andacht, die nicht nur Ausdruck der Religiosität der indischen oder philippinischen Immigranten oder der anderen asiatischen Länder ist, sondern auch den guten „Kampf" des Glaubens zeigt, den vitalen Wunsch, ihn zu vertiefen. „Pater ich habe hier viel mehr Glauben als in meiner Heimat”, hat man mir mehr als einmal gesagt. Vielleicht ist das darauf zurückzuführen, dass die Menschen hier, in nichtchristlichen Nationen, weniger anonym leben. Doch was für ein Resultat! Lassen Sie mich Ihnen die Geschichte eines Europäers erzählen, der seinen Glauben verloren hatte...
Ich bitte Sie darum.
   In seinem Geburtsland war er aus der katholischen Kirche ausgetreten. Vor einiger Zeit erhielt ich dann einen Brief dieses Herrn, der „offiziell” nicht mehr katholisch war und in einem Land unseres Vikariats arbeitete, wo es keine Kultfreiheit gibt. Trotz aller Schwierigkeiten, auf die er sicher gestoßen ist... oder vielleicht gerade deshalb, äußerte er den Wunsch, wieder in die Kirche einzutreten. Hier am Golf können wir jeden Tag unseren Glauben verlieren oder ihn wieder finden. Und dann für immer.
Sie beschreiben da einen Ort, an dem wohl jeder Bischof gerne wäre.
   Darauf könnte ich Ihnen antworten, dass die Menschen ihren Bischof hier ganz einfach gern haben ... im Unterschied zu manchen Ländern im Westen. Und wenn man bedenkt, dass ich nie darum gebeten habe, hierher geschickt zu werden! 40GiorniGiovanniCubeddu0807

Erstmals in der modernen Türkei: katholischer Priester darf öffentlich wirken

   Erstmals in ihrer modernen Geschichte hat die Türkei einem ausländischen christlichen Geistlichen offiziell eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis erteilt. Der katholische Priester Rainer Korten darf öffentlich Seelsorge für Deutsche in Antalya anbieten. knaNOZ040211

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St. Nikolaus in Antalya / Türkei / In heikler Mission.
Foto rechts:
Prälat Rainer Korten, 63, ist der erste ausländische katholische Priester mit offizieller Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung seit der Gründung der türkischen Republik vor 80 Jahren.
Christliche Minderheit in der Türkei: Immer noch bestenfalls geduldet.
Fotos links und Mitte:
Im St. Paul Cultural Center treffen sich die Christen.  werFAZ0405x 
Siehe zu diesem Artikel auch die Nachrichten über die Paulus-Kirche in Tartsus > Kirche & Moschee

  Die Lautsprecherstimme des Muezzins schallt von den Minaretten der Moscheen über Antalya. In der Altstadt um den Fischerboothafen erwehren sich die ersten Ostertouristen auf Schritt und Tritt der vielsprachigen Nice-price- Anbieter von Teppichen, Lederjacken und Lammspießmenüs. Prälat Rainer Körten schlendert nicht durch die Gas- sen, er hat ein Ziel, ein weiß gestrichenes zweistöckiges Haus, dessen Holzfensterläden gegen die Nachmittags- sonne geschlossen sind. Oben im zweiten Stock feiert er sonntags Gottesdienst. Regelmäßig finden sich dreißig, vierzig Christen ein. An Ostern werden es mehr Gottesdienste sein und mehr Besucher, weil dann schon Zehn- tausende deutsche Touristen an der „türkischen Riviera” die Wärme genießen. Körten setzt sich in dem friedlichen Garten hinter dem Haus an einen Tisch in den Schatten, und ein junger Mann bringt dem „Papas” türkischen Kaffee.
   „Das ist einer von den etwa 120 türkischen Christen hier, die unter dem Dach dieses Hauses Schutz finden”, sagt der Prälat, „sie sind vom Islam zum Christentum konvertiert. Das ist in der türkischen Gesellschaft das Un- denbare, das Unvorstellbare.” Die geschiedene Türkin, die draußen im Stadtteil Lara seine weitläufige Wohnung in einem zwölfstöckigen Haus am Meer in Ordnung hält, ist auch zum Christentum konvertiert, zu einer amerika- nischen Freikirche. Sechs Monate hat sie mit den Behörden gekämpft, bis der im türkischen Pass übliche Religions- vermerk „muslimisch” bei ihr in „christlich” geändert war. Ihr vierzehn Jahre alter Sohn kam zum Vater, und das gewiss nicht nur, weil der Mann als Hotelmanager ordentlich verdient, sondern auch weil er Muslim ist. Es ist auch kein Zufall, dass an dem Haus in der Altstadt, dem „St. Paul Cultural Center” der amerikanischen Freikirchen, immer wieder die Wagen mit dem schwarzen Kennzeichen der Sicherheitspolizei vorbeifahren. Körten amüsiert: „Das Schild International Church of Antalya” am Eingang dürfte eigentlich gar nicht sein. Für die Behörden ist das keine Kirche, sondern ein Kulturzentrum. Das haben die Amerikaner, von denen ich den Raum gemietet habe, unter der Hand gemacht, so wie in Deutschland manchmal aus Versehen die Minarette zu hoch werden.”
   Dass der 64 Jahre alte Katholik Rainer Körten der erste ausländische Geistliche mit offizieller Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung seit der Gründung der Türkischen Republik vor achtzig Jahren ist, verdankt er einer neuen po- litischen Konstellation und einem evangelischen Christen. Der evangelische Christ ist Manfred Gerwinat, der deut- sche Konsul in Antalya. Er ist als einziger Beamter zuständig für 14.000 meist verrentete deutsche Dauer- residenten an der türkischen Riviera und für die deutschen Touristen. In diesem Jahr wird der sommerliche Zu- strom aus Almanya wohl auf 2,7 Millionen anschwellen; vor sechs Jahren waren es noch 800.000, dazu kommen etwa 3.000 Dauerresidenten.
 Gerwinat ist seit langem mit Körten befreundet, seit gemeinsamen Zeiten im koreanischen Seoul, wo er die rechte Hand des Botschafters war und von wo der Prälat eine heute florierende Gemeinde im chinesischen Schanghai aufbaute. In der Sache der deutschen Christen in der Türkei wandte sich der Konsul mit Verve an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und an das Auswärtige Amt in Berlin: Es könne doch nicht angehen, die vielen Deut- schen in den urchristlichen Landen am türkischen Mittelmeer ohne seelsorgerischen Beistand zu lassen, und es reiche nicht aus, zweimal im Jahr für ein paar Wochen den evangelischen „Urlauberpfarrer” Volkmar Metzner zu entsenden. Prälat Körten, 1971 in der Diözese Hildesheim zum Priester geweiht, war derweil gerade einmal nicht in Afrika, Asien oder Südamerika; sondern zuständig für dreieinhalb Pfarreien in Salzgitter. Er musste seinen Bischof Josef Homeyer dazu bewegen, ihn trotz der katastrophalen Personallage in Deutschland noch einmal in die Fremde zu schicken.
   Er durfte, und die Politik stand günstig, weil seit den Wahlen im November 2002 der Reformer Erdogan Minister- präsident ist. Dessen islamisch-konservative „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung” (AKP) festigte bei den Kommunalwahlen gerade abermals ihre Position. Auch in Antalya mit seinen weit mehr als 1,5 Millionen Einwohnern stellt sie jetzt den Bürgermeister. Körten: „Ich bin hier, weil die Türken in die EU wollen und deshalb ihre Minderheitenpolitik überdenken.”
   Wie lange es allerdings dauern kann, bis ein Reformgesetz aus Ankara über die noch osmanisch-üppige Büro- kratie „unten” ankommt, erlebte Prälat Körten dann hautnah. Mit seiner Arbeitsgenehmigung ging es nicht etwa deshalb voran, weil die deutsche Politik fleißig Menschenrechte und Religionsfreiheit anmahnte. Der Durchbruch kam, als der niederländische Ministerpräsident Jan Peter Balkenende  im Herbst 2003 klipp und klar sagte, die Niederlande stimmten gegen die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, wenn Ankara nicht end- ich auch in der Praxis Schluss mache mit der Benachteiligung der ausländischen Christen. Da ging es auf einmal schnell.
   Die türkische Seite erschien mit einer Delegation ranghoher Beamter des Innenministeriums - sogar der Chef der Sicherheitsabteilung war dabei - und tat kund, in aller Stille habe die Regierung einen Erlass an die Gouverneure der Provinzen geleitet: Wo ausländische Christen seien, könnten sie auch eine Gemeinde gründen. Als dann nach nur eineinhalb Monaten die Satzung für den interkonfessionellen christlichen Verein „St. Nikolaus-Kirche Antalya” auf türkisch fertig war, stellte sich heraus, dass die Behörden aus der „Nikolaus-Kirche” ein „Nikolaus Haus” ge- macht und die Zwecke des Vereins auch sonst verwässert hatten. Konsul Gerwinat drohte damit, das werde er in der Presse an die große Glocke hängen.
   Ende Februar stand dann der „richtige” Vertrag: Der Verein „Sankt-Nikolaus-Kirche” darf sich frei versammeln, ohne „Besuch” der Polizei. Die christliche Seelsorge ist gewährleistet, mit allem, was dazugehört, etwa Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Die Einfuhr von Gesangbüchern, christlichen Zeitungen und christlicher Literatur ist nicht verboten. Der Verein kann ein Grundstück kaufen und darauf eine christliche Kirche errichten. Körten: „Wir müssen wie jeder türkische Verein vier Bücher führen, die ein Notar Seite für Seite siegelt. Jedes Vereinsmitglied hatte für die Satzung 52 Unterschriften zu leisten und ein Passfoto zu liefern.” Der Name des Vereins ist nicht zufällig: Der heilige Nikolaus, Bischof von Myra, wirkte im vierten Jahrhundert nicht weit von Antalya im heutigen Kocademre. In der Vereinssatzung steht zwar auch, dass Körten für die Seelsorge an deutschen Gefangenen in türkische Haftanstalten darf, aber das haben ihm die Behörden bislang nicht gestattet: „Das ist für die Türken einfach noch unvorstellbar, da muss man Geduld haben.”
   Vielleicht könne man zusammen mit den Amerikanern das Nachbarhaus neben dem „St. Paul-Center” kaufen, hofft der Prälat, eine ehemalige orthodoxe Kirche aus dem Jahr 1889, die dann zu „Sankt Nikolaus” würde. Die Denkmalpflege für die Altstadt Antalyas hat allerdings präzise Vorstellungen, und billig würde es nicht. Seinem Bischof in Hildesheim habe er geschrieben, dass man sich jetzt entscheiden müsse, wenn man die Dinge schnell vorantreiben wolle, auch mit Geld. Bedenken in Deutschland wegen der Interkonfessionalität des Vereins seien weltfremd: „Wenn wir den Türken auch noch getrennt als Katholiken und Evangelische gegenüberträten, würden sie ganz irre.”
    Abends in seiner Wohnung stellt Körten ein Glas Wein auf den afrikanischen Beistelltisch neben der neuen türki- schen Sitzgruppe. Er überlegt, ob er morgen nach Antalya fahren soll, 300 Kilometer hin und zurück. Dort ist eine Deutsche gestorben, und der Sohn hat ihn telefonisch gebeten, bei der Beerdigung eine Art „Würdigung” vor- zunehmen. „Wie soll ich die Frau ,würdigen’? Ich kannte sie doch gar nicht.” Als Seelsorger kämpft der Prälat mit denselben Schwierigkeiten, der sich auch seine Heimatkirche in Deutschland gegenübersieht. „Die meisten Deut- schen hier sind entchristlicht und entkirchlicht. Die wissen nix. Da komme ich mir vor wie Paulus auf Missionsreise.” Jetzt sei er aber allmählich bekannter geworden, vor allem nach einem Begräbnis in Alanya, an dem auch der Mufti teilgenommen habe. „Das ging durch die nationalen Fernsehsender und stand groß auf der Seite eins der,Hürri- yet’.” Vor allem ältere Dauerresidenten, die schon fünfzehn, zwanzig Jahre hier leben, wenden sich an ihn. „Sie merken langsam, dass das Leben nicht nur aus Sonne und Boutiquen besteht.” Vor ein paar Tagen musste er sich nach einem nächtlichen Busunfall um eine schwer verletzte Frau kümmern, deren Mann bei dem Zusammenstoß ums Leben gekommen war.
   Elend und Not gibt es auch unter den Deutschen an der Sonnenküste zur Genüge. Unlängst etwa hat er einem Ehepaar buchstäblich das Nötigste zum Überleben der nächsten Tage zugesteckt. Der Mann war in Deutschland Bauunternehmer, die beiden wollten den Lebensabend in der Sonne genießen, als er krank wurde. Die schönen Ersparnisse waren bei der kostspieligen Behandlung bald aufgefressen. Jetzt hoffen die beiden, bald nach Deutschland zurückkehren zu können, mittellos und krank. Einmal im Monat muss Körten jetzt auch für drei, vier Tage nach Istanbul fliegen und dort „vorübergehend” den Leiter der deutschsprachigen Gemeinde ersetzen, der in den Ruhestand geht.
  Die Türken mag Körten sehr. Ihm gefallen vor allem die noch intakten Familien mit den vielen Kindern, die gut- erzogenen jungen Leute. Das ist für Körten ein wohltuender Kontrast zum Westen mit den Erscheinungen von Glaubensverfall,  Familienzerfall und Kinderlosigkeit. „Ein ganz anderes Lebensgefühl hier. Man kann es aber auch politisch betrachten: Wenn die Türken in ein paar Jahren in die EU aufgenommen werden, sind sie dort bald das größte Volk. Hundert Millionen Muslime, ein Drittel der Bevölkerung, sind unter zwanzig Jahre alt. Wie wird das al- ternde Europa darauf reagieren?”Samuel Huntingtons Clash of Civilizationshat Körten selbstverständlich gelesen.
   Aber das sind die großen Fragen, und Rainer Körten hat schon genug damit zu tun, die erste christliche Ge- meinde in der Türkei seit achtzig Jahren aufzubauen. Er hält jedenfalls nichts davon, den Türken jetzt ein rasendes Reformtempo abzuverlangen. „Das wäre westlicher Hochmut, wenn ich etwa höre, was in Deutschland für ein Ge- schrei gemacht wird, wenn die Leute eine einzige Stunde in der Woche mehr arbeiten sollen.” 
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Kardinal Jean-Louis Tauran        cdJean-LouisTauran-x-

 „Den Schatz teilen, den wir in Christus haben“. Der Präsident des Päpstlichen Rats für den interreligiösen Dialog, Kardinal Tauran, über die Lage der Christen in der Türkei

   Kardinal Jean-Louis Tauran war als Sondergesandter von Papst Benedikt XVI. in der Türkei, um dort das Paulus- jahr abzuschließen. Burkhard Jürgens (KNA) sprach mir dem Präsidenten des Päpstlichen Rats für den inter- religiösen Dialog.
Herr Kardinal, wie ist Ihr Eindruck von der Lage der Christen in der Türkei?
   Meine Kenntnis ist mehr theoretisch; im Staatssekretariat habe ich lange Jahre die Situation in der Türkei ver- folgt. Wir müssen uns vor Augen halten, dass es hier eine lebendige katholische Kirche gibt - allerdings als Minder- heit. Als solche muss sie ihren Glauben klar, diskret und zugleich wirksam bezeugen. Das Paulusjahr war für die Gläubigen eine Chance, den eigenen Glauben zu vertiefen und keine Angst zu haben, als Minderheit Christen zu sein. Paulus hatte nie Angst. Christus gibt uns die Kraft, glaubwürdige und ausdauernde Zeugen zu sein.
Was hat das Paulusjahr für die Christen im Land gebracht - einen Fortschritt?
   Einen Fortschritt insofern, dass viele Christen Paulus besser kennengelernt und seine Botschaft neu entdeckt haben.
Sie sagten einmal, Katholiken seien „zum Dialog verurteilt". Wie kann man in der Türkei einen Dialog voran- bringen und der Präsenz der Christen hier neue Bedeutung geben?
   Vor allem besteht die Möglichkeit eines kulturellen Dialogs. Die katholische Kirche genießt hohes Ansehen, auch weil wir viele Gelehrte auf dem Feld der Archäologie und Geschichte haben. Diesen Schatz stellen wir allen zur Verfügung. Zudem war Paulus selbst einer der ersten Baumeister des interkulturellen Dialogs. Er nahm seinen Platz ein an den Kreuzungen der großen kulturellen und religiösen Traditionen. Auch wir sind Männer und Frauen des Dialogs, weil wir den Schatz teilen müssen, den wir in Jesus Christus haben.
Gibt es zu dieser christlichen Kultur auch eine entsprechende islamische türkische Kultur?
  Jeder Glaube verwirklicht sich in einer Kultur. Er braucht Wörter und Begriffe, um sich auszudrücken. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen sich kennenlernen. Alle müssen die Gelegenheit haben, die Inhalte des eigenen Glaubens darzulegen.
Besteht in der Türkei die nötige Freiheit, um Nichtchristen den christlichen Glauben kennenlernen zu lassen?
  Es gibt eine gemäßigte Möglichkeit. Wir haben einige katholische Bildungseinrichtungen, in denen muslimische Schüler in der Mehrheit sind. Viele türkische Intellektuelle sind Absolventen unserer Institute. Es sind wenige Ein- richtungen, aber mit einem Ruf von Seriosität und Kompetenz. Wenn wir von Religionsfreiheit sprechen, meinen wir nicht nur Kultfreiheit, sondern auch die Chance, als Gläubige am öffentlichen Diskurs teilzunehmen.
Sehen Sie die Türkei in absehbarer Zeit in der EU? Wird ein Beitritt auch zu größerer Freiheit für Christen und andere Glaubensrichtungen beitragen?
   Es ist nicht Aufgabe des Heiligen Stuhls, zu sagen, ob die Türkei EU-Mitglied sein soll oder nicht. Was wir sagen können, ist: Wer Mitglied der Europäischen Union sein will, muss deren Kriterien annehmen. Wie bei einem Club: Wer dazugehören will, muss die Regeln einhalten. Die Verantwortung liegt bei der türkischen Regierung, sicher nicht beim Heiligen Stuhl. DTkna090704BurkhardJürgens

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Interview mit dem neuen Bischof von Tunis: Msgr. Maroun Elias Lahham

   Monsignore Maroun Elias Lahham ist der neue Bischof von Tunis. Bis zu seiner Ernennunng war er in seiner neuen Diözese nur ein Mal zu einem Kurzurlaub vor drei Jahren. Bischof Maroun - er trägt denselben Namen mit wie der große Gründer der libanesischen (“maronitischen”) Kirche - bemerkt: „Damals konnte ich nicht wissen, dass ich einmal nach Tunis gesandt würde. Nun aber, da der Papst es so will, akzeptiere ich das mit Freude!” Er wird Nachfolger von Erzbischof Fouad Twal, der zum Coadjutor des 72-jährigen lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Michel Sabbah, ernann und inzwischen zum Patriarchen von Jerusalem ernannt wurde. 
   Bischof Maroun, 57, ist Jordanier, wurde in Irbed geboren und ist Priester des lateinischen Patriarchates von Jerusalem. Sein neues Amt übernimmt er mit ruhigem Vertrauen und begeisternder Tatkraft. Reichhaltigen Erfah- rungen als Priester bringt er mit ein: als Kaplan war in der Christkönigskirche in Amman und Fuheis in Jordanien. Von 1976 bis 1979 war er als Priester in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dann kehrte er nach Amman zurück und war Pfarrer in Madaba (Südjordanien) von 1981-1988. Bis zu seiner Ernennung zum Bischof von Tunis war er Regens des Priesterseminars des lateinischen Patriarchats in Beit Jala bei Betlehem (Westbank). Dieses Seminar ist im ganzen Mittleren Osten das einzige im lateinischen Ritus. In den letzten elf Jahren wurden unter seiner Leitung 25 Priester geweiht; das ist für eine kleine Diözese mit nur wenigen Tausend Mitgliedern eine beachtliche Zahl. 
  Bischof Maroun sagt: „Natürlich haben wir hier in der Kirche von Jerusalem nicht sämtliche Probleme der Welt. Unsere Probleme sind Folgen der Besatzung: Einschränkung der Reisefreiheit und Schwierigkeiten, Visa und Reise- genehmigungen zu bekommen. Aber Gott sei Dank gibt es keine Probleme für die Berufungen zum Priestertum.
   Seine letzten Jahre als Leiter des Priesterseminar fielen mit der zweiten Intifada zusammen. Mehrere Priester- amtskandidaten aus Jordanien, die zum Patriarchat des Erzbistums Jerusalem gehören, hatten große Schwierig- keiten, Visa von der israelischen Regierung zu erhalten, um nach Beit Jala ihr Studium zu beginnen.
   Im Universitätsjahr 2002/3 musste er das Gymnasium schließen und die Seminaristen bitten, zu Hause zu bleiben. Bischof Maroun fuhr fort: „Das Priesterseminar konnte weitergeführt werden, nur die Gymnasiasten mussten ein ganzes Jahr zuhause bleiben. Fast alle konnten in die örtlichen Patriarchatsschulen oder sonstige Schulen gehen. „Zum Glück dauerte dieser Zustand nur ein Jahr. Heute ist es leichter, Visa für jordanische Studen- ten zu erhalten. Die Situation ist entspannt. Es gibt noch Wartezeiten von etwa drei Wochen. Wir reichen die Anträge nun einfach früher ein. Die Lage hat sich für Schule und Priesterseminar gebessert.” Das Seminar hat jetzt 55 Oberschüler und 26 Priesteramtskandidaten.
   Die Diözese Tunis, wohin der Bischof nun gesandt wird, war einst unter dem Namen Karthago bekannt – heute ist der Flughafen danach benannt. Im dritten Jahrhundert lebte hier als Bischof der spätere heilige Martyrer Cyprian. In Karthago fanden verschiedene Konzilien statt, um Streitigkeiten der frühen Kirche zu lösen. Diese Ortskirche erlebte viele Christenverfolgungen. Mehrere Märtyrer von Karthago werden weltweit verehrt. Hier ist auch die Heimat des heiligen Augustinus von Hippo.
   Heute leben im Bistum Tunis etwa 25.000 katholische Christen, 33 Priester und 130 Ordensschwestern. Es gibt neun Gemeinden, neun Schulen und  ein Krankenhaus.
   Bischof Maroun fährt fort: „Diese Katholiken wohnen im ganzen Land zerstreut. Meine größte Sorge wird sein, nahe bei meinen Priestern und Schwestern zu sein. Eine weitere Aufgabe sehe ich im islamisch-christlichen Dialog. Mein pastoraler Dienst wird gilt auch den Touristen, die Tunesien jährlich in großer Zahl besuchen. Ich möchte sie einladen, in Kontakt mit uns im Haus des Bischofs zu treten und wir würden uns sehr freuen, sie in unseren heiligen Messen begrüßen zu dürfen. Die Religionslehrer für die verschiedenen Sprachgruppen in unseren Schulen werde ich begleiten. Die meisten Mitglieder unserer Ortskirche kommen aus dem Ausland: aus Europa, Syrien, Jordanien und Palästina. Eine solche Situation erleben wir auch in Marokko, Libyen und in den Golfstaaten.”
   Bischof Maroun hat viele Jahre als Priester einen konstruktiven interreligiösen Dialog mit Moslems geführt. Diese Arbeit hofft er auch in Tunis fortsetzen zu können.  Er sagt: „Ich gehe nach Tunis als Palästinenser. Ich bin Araber, nicht Tunesier. Unser kultureller Hintergrund mag ähnlich sein, aber unsere Geschichte ist nicht dieselbe. Ich habe viele Beziehungen zu Moslems gepflegt: kulturell, allgemein und auch intellektuell. An mehreren Konferenzen, Dia- logen und Symposien habe ich teilgenommen. In Palästina betreffen unsere Beziehungen zu den Moslems Themen wie: Nachbarschaft, Frauenrechte, Toleranz, Frieden und Gerechtigkeit. Gemeinsam berufen wir uns auf Mose und Abraham. Auch im politischen Raum haben wir viele Ge- meinsamkeiten, zumal wir alle – Moslems und Christen – Palästinenser sind. Über die Situation in Tunis muss ich mich noch informieren, weil das für mich neu ist.”
  Auf die Frage, ob denn in Tunis interreligiöse Eheschließungen zwischen Christen und Moslems möglich sind, antwortet Bischof Maroun: „Ich denke schon, dass es in Tunesien möglich ist – aber das muss ich noch zu gegebe- ner Zeit abklären.”
     Der Wahlspruch von Bischof Maroun lautet:
                                          Ut Cognoscant Te – „dass sie Dich erkennen mögen”.
   Auf die Frage, ob er das auch für die Moslems meint, antwortet der Bischof: „Jeder muss Gott kennen lernen.”  PaulBonniciCT051113

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Kleine Geschichte der Kirche von Tunesien Foto rechts: Brustkreuz des Bischofs von Tunesien Maroun E.Lahan

                100-200    Blühende Christengemeinde in Karthago; Tertullianum
                200           Christenverfolgung. Erste Martyrer: Felicitas, Perpetua
                220           Erste Bischofssynode in Karthago
                265           6. Synode mit  Cyprian und 84 Bischöfen
                268           Cyprian wird enthauptet
                418           200 Bischöfe verurteilen in Karthago „Donatisten“
                430           Augustinus wird Bischof von Hippo
                439-534    Wandalenherrschaft, Ablösung durch Byzanz
                698           Moslems vernichten das Christentum
               1624          für Sklaven, Handwerker wird die Kirche erlaubt
               1830          Für 4000 Christen wird Apostolisches Vikariat errichtet
               1884          Kardinal Lavigerie PA wird Erzbischof von Karthago
               1972          Bilaterale Beziehungen zwischen Tunesien und Vatikan
                                 Rückstufung des Erzbistums zur Prälatur
               1995          Erhebung der Prälatur zum Bistum
               1996          Papst Johannes Paul II. besucht Tunesien
               2005          Bischof Maroun wird zum Bischof von Tunis ernannt

Bu-Grulich-ChristenUntermHalbmond-Z       Profunder Blick auf die Christen in der Türkei

Rudolf Grulich analysiert die Lage der Kirchen in Kleinasien

   Das richtige Buch zur richtigen Zeit, vom richtigen Autor und im richtigen Ton. Zum Start des Paulus-Jahres hat der Sankt-Ulrich-Verlag das jüngste Buch des sudetendeutschen Kirchenhistorikers Rudolf Grulich über die Christen in der Türkei veröffentlicht, das - wie bei diesem hochgebildeten, weitgereisten Autor nicht anders zu erwarten - einen profunden Einblick in das Leben und Überleben der christlichen Konfessionen im späten Osmanischen Reich und in der modernen Türkei gibt. Grulich versteht die Kunst, aus seinem lexikalischen Wissensschatz themensicher auszuwählen und das Wissenswerte sprachgewandt zu präsentieren.
   Wer sich tatsächlich für das vielfältige christliche Wirken und die verschiedenen Konfessionen in der Türkei inter- essiert, dem sei dieses leicht lesbare Buch nachdrücklich empfohlen. Wer aber nur die gängigen Vorurteile bestätigt finden und sich in seinen Ressentiments stärken will, lasse besser die Finger davon.
   Nicht jeder wird die von Grulich präsentierten Sachinformationen lückenlos in sein Weltbild einfügen können: Etwa die Tatsache, dass der Sultan, der sich als Kalif auch als oberster religiöser Führer der Muslime verstand, bereits Mitte des 19. Jahrhunderts volle Religionsfreiheit gewährte; zu einem Zeitpunkt, „als in Rom noch keine pro- testantische Kirche erlaubt war” und erst recht im protestantischen Nordeuropa von Religions- und Bekenntnis- freiheit noch keine Rede sein konnte.
   Der Autor belegt mit der ihm eigenen Akribie, dass das Christentum am Ende des islamischen Sultanats nicht nur zahlenmäßig stark war - 25 Prozent der Einwohner im Jahr 1914 waren Christen -, sondern auch in unvergleichbarer Weise entfaltet war. Ganz anders nach der laizistischen und nationalistischen Kulturrevolution des am Westen orientierten Freimaurers Atatürk, unter dessen Ära die Christen bis heute leiden. Grulich zeigt zugleich, dass diese Entwicklung vielfältige Ursachen hat, auch solche westlichen Ursprungs.
  Zustimmend zitiert er aus dem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh” seines Landsmannes Franz Werfel, in dem dieser das Drama der Armenier schilderte. Darin wird der Nationalismus als „ein fremdes Gift, das aus Europa kam” bezeichnet: „Vor wenigen Jahrzehnten lebten unsere Völker treu unter der Fahne des Propheten: Türken, Araber, Kurden, Lasen und andere mehr. Der Geist des Korans glich die irdischen Unterschiede des Blutes aus.” Im vorliegenden Buch wird aber nicht die islamische Vielfalt des Sultanats, sondern das Schicksal der Christen in Kleinasien unter die Lupe genommen: Rudolf Grulich, der die Türkei intensiv bereiste und mit seinem im Gerhard- Hess-Verlag erschienenen,„Konstantinopel”-Buch bereits vor einem Jahrzehnt einen wahrlich alternativen Istanbul- Reiseführer für wache Christen vorlegte, kennt die orientalischen Konfessionen. Keine von ihnen ist so klein, dass sie seiner wohlwollenden Aufmerksamkeit entgangen wäre. Gerade die kleinen Volksgruppen und zahlenmäßig geringen christlichen Gemeinden scheinen den Autor besonders zu interessieren.
   Kein Wunder, ist doch die Sorge um das Christentum in diesem Land der Bibel und der jungen Kirche dem botanischen Artenschutz durchaus vergleichbar. Mit dem Ende des Osmanischen Reichs und dem Bevölkerungs- tausch zwischen der modernen Türkei und Griechenland schrumpften die christlichen Gemeinden zu bedrohten Minoritäten, die unter schwierigen Bedingungen um ihr Überleben ringen.
  Grulich scheut sich nicht, klar Partei zu ergreifen: für die Christen in der Türkei, für die lückenlose Aufdeckung und Darstellung aller Untaten der Vergangenheit, also auch des Völkermords an den arme- nischen Christen 1915. Aufklärerisch, wie der Autor im besten Sinne des Wortes wirkt, widerspricht er aber den muslimischen Vorurteilen über die Christen nicht weniger leidenschaftlich als den Vorurteilen vieler Christen über den Islam und seine Anhänger. Wer die Türkei tiefer verstehen möchte als dies die landläufige Zeitungslektüre ermöglicht, findet im vorliegenden Werk einen gediegenen Einstieg. „Wem ist bei uns wirklich bewusst, dass kein Land außer Palästina mit der Geschichte des Christentums - aber auch der Bibel - so verbunden ist wie das Gebiet der Türkei?" Grulichs Lesern wird das jedenfalls ganz klar. DT080703StephanBaier
Rudolf Grulich: Christen unterm Halbmond. Vom Osmanischen Reich bis in die moderne Türkei
   „Christen unterm Halbmond” – für die meisten Menschen in Deutschland eine düstere Vorstellung, die viele zu pauschalen Vorurteilen gegen die Türkei oder den Islam verleitet. Der Kirchenhistoriker Rudolf Grulich ist ein exzellenter Kenner der Völker und Glaubensgemeinschaften Osteuropas und der Türkei. In seinem Buch zeigt er die entscheidenden historischen Fakten der Entchristianisierung der Türkei. Zugleich weist er aber auch auf die große Vielfalt des religiösen Lebens in einem Land hin, das Mitglied der Europäischen Union werden möchte. „Christen unterm Halbmond” ist ein schonungsloser Blick auf die Wirklichkeit des Christentums im Osmanischen Reich bis in die moderne Türkei und zugleich der Versuch, auch der türkischen und muslimischen Welt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Grulich leistet einen unersetzlichen Beitrag zur Versachlichung der Debatte. ISBN 978-3-86744-066-0 gebunden, 176 Seiten, EUR 16,90 (D), sFr 31,20, EUR 17,40 (A) 

   Ein Moscheeverein im osttürkischen Malatya will eine vom Verfall bedrohte armenische Kirche restaurieren lassen. Wie türkische Tageszeitungen berichten, beantragte der Moscheeverein bereits die behördlichen Baugenehmi- gungen. Die Gemeinde betrachte es als Gebot der Toleranz und der Achtung zwischen den Religionen, die fast 300 Jahre alte Kirche zu erhalten, wird der Vereinsvorsitzende Latif Yildirim zitiert. Schliesslich gebe es auch im christ- lichen Europa viele Moscheen für die dortigen Muslime. Diese Toleranz gelte es zu erwidern, so Yildirim. Die im 18. Jahrhundert erbaute Tashoron-Kirche steht im Cavusoglu-Stadtviertel von Malatya, wo der vor drei Jahren ermor- dete armenische Journalist Hrant Dink geboren wurde. Weil es in Malatya keine armenische Gemeinde mehr gibt, verfiel die Kirche seit den 1970er Jahren.   rv100324kipa

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Foto oben: Interview aus dem Jahre 2009 mit Bischof Luigi Padovese. Der aus Mailand stammende Apostolische Vikar von Anatolien und Vorsitzende der Türkischen Bischofskonferenz, Bischof Luigi Padovese, wurde am 3. Juni von einem Hausangestellten ermordet. Bericht dazu > Keine Gewalt
       Zur Trauerfeier für den allseits beliebten und geschätzten Bischofs versammelten sich im Mailänder Dom rund 5.000 Gläubige, unter ihnen 40 Bischöfe aus ganz Europa.

Der christlichen Präsenz in der Türkei Sichtbarkeit verleihen
Das Paulus-Jahr ist kürzlich zu Ende gegangen. Warum setzen Sie sich so stark für kulturelle Veranstaltungen ein, bei denen die Gestalt des Apostels Paulus im Mittelpunkt steht, sowie für Pilgerreisen an die Orte in der Türkei, in denen er gelebt hat?
   In Bezug auf den heiligen Paulus bieten sich Gelegenheiten, die wir nicht versäumen dürfen. Das sage ich vor allem mit Blick auf die Christen, die in der Türkei leben: Zum Beispiel war der Pilgerstrom in dem ihm gewidmeten Jahr so groß, dass auch die türkischen Autoritäten dem religiösen Tourismus jetzt mehr Aufmerksamkeit schenken. In Tarsus hatten wir über 470 Gruppen, insgesamt etwa 29.000 Pilger, wobei man die Einzelpilger noch hinzuzählen muss. Es ist wichtig, das Gedenken an Paulus an seinem Geburtsort zu bewahren, wo nichts, aber auch gar nichts an ihn erinnert. Es ist lebenswichtig für die Ortsgemeinde, denn die ständige Präsenz christlicher Pilger gibt den Christen eine gewisse Sichtbarkeit, aber auch für die Christen, die diese Orte besuchen und dadurch besser verstehen, welche Mühen Paulus auf sich nahm und was es heißt, Missionare in dieser Gegend zu sein.
Was bedeutet es für Sie? Was heißt es, heute in der Türkei Priester und Bischof zu sein?
   Es ist hart. Wir sind nicht nur wenige, sondern gezwungenermaßen auch schlecht verteilt. Fünf Bischöfe, also alle Mitglieder der Bischofskonferenz bis auf zwei, haben ihren Sitz in Istanbul. Und es müssen enorme Entfernungen zurückgelegt werden. Unsere Pastoralarbeit in Anatolien konzentriert sich hauptsächlich auf den Süden; im Norden gibt es einige Gemeinden mit sehr wenigen Christen. Trotzdem versuchen wir zu bleiben, um die christliche Präsenz zu wahren. In Trabzon, wo Don Andrea Santoro ermordet wurde, lebt beispielsweise eine sehr kleine Gemeinde. Einige Georgier und Orthodoxe nehmen ebenfalls am Gottesdienst teil, auch weil unsere Kirchen als einzige an der ganzen türkischen Schwarzmeerküste offengeblieben sind.
Was meinen Sie genau, wenn Sie sagen, dass es wichtig sei, im Land zu bleiben, um die Präsenz zu wahren? Welchen Sinn hat es zu bleiben, wenn man in so geringer Anzahl allein ist inmitten einer übermächtigen Mehr- heit, die eine gewisse Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Feindseligkeit an den Tag zu legen scheint?
  Außer in den großen Städten liegt das Problem für den, der in die Türkei kommt, darin, Präsenz zu zeigen, Zeugnis zu geben. Die seelsorgliche Arbeit ist aufgrund der Zahlen sehr beschränkt. Die Mission besteht in der Präsenz. Man sollte jedoch das Wort »Mission« besser nicht gebrauchen, weil es hier in der Türkei leicht falsch verstanden wird. Wer seine christliche Bedeutung nicht kennt, hat Angst davor. Das Wort »Mission« wird auf türkisch sofort im Sinne des Kolonialismus verstanden. Man darf nicht vergessen, dass das Christentum hier als fremdartiges Phänomen betrachtet wird, das in der Vergangenheit die Identität des Landes bedroht oder gespalten habe. Die türkische Einheit entstand auf Kosten der Minderheiten, die zugunsten einer einheitlichen nationalen türkischen Identität auf ihre Kultur und Sprache verzichten mussten.
Wo liegt das Hauptproblem für die Minderheiten?
  
Das Problem ist die Gesetzgebung. Rechtlich betrachtet existiert die katholische Kirche in der Türkei als Minder- heit nicht. Nach dem Vertrag von Lausanne im Jahre 1923 wurden - durch eine Auslegung, die wir als willkürlich betrachten - nur die ethnisch-religiösen Minderheiten anerkannt, also orthodoxe Griechen, Armenier, Syrer, Juden und auch Bulgaren. Dies waren und sind die anerkannten Minderheiten. Da die katholische Kirche im Gegensatz zu anderen keine ethnisch-religiöse Minderheit ist, hat sie keinerlei Anerkennung erfahren. Tatsächlich gab es jedoch lateinische Katholiken im Land, und so wurde eine Art Kompromiss geschlossen, der zur Anerkennung der vorhan- denen Güter geführt hat (Kirchen, Internate, Schulen, karitative Einrichtungen und so weiter).
   Wir wurden jedoch vom Staat niemals als Minderheit anerkannt und sind es bis heute nicht. Das bereitet uns erhebliche Probleme, denn paradoxerweise existieren wir, und zugleich existieren wir nicht. Das Problem betrifft jedoch auch die anerkannten ethnisch-religiösen Minderheiten: Die Priester und Bischöfe müssen türkische Staats- bürger sein, aber da die Seminare geschlossen wurden und nicht wiedereröffnet werden dürfen, stellt sich das Problem der Zukunft dieser Kirchen. Wie sollen sie weiter existieren, wenn es im Land keinen Generationenwechsel gibt? Diese Gesetzgebung läßt das Christentum allmählich aussterben.
    Es ist für die Syrer und Armenier, aber auch für die Orthodoxen ein schweres Problem. Wie Sie wissen, muss auch der Patriarch von Konstantinopel türkischer Nationalität sein; der Synod wählt ihn unter drei möglichen Kandi- daten aus, aber letztendlich ist es der Gouverneur von Istanbul, der den Patriarchen wählt. Kurz gesagt, der Staat bevormundet auf der Grundlage seiner Auffassung von Laizität - die meiner Ansicht nach revidiert werden müsste - diese Minderheiten.
Was hat es eigentlich auf sich mit der Tatsache, dass in der Türkei muslimische Strömungen erstarken, die eine Auffassung von Laizität vertreten, die sich von der des türkischen Staates unterscheidet? Können von dieser Seite Vorteile kommen in bezug auf eine größere Freiheit für die Christen?
   Die türkische Laizität liegt dem türkischen Staat zugrunde; sie hat der Türkei ihre Gestalt verliehen. Mit anderen Worten - und das ist das Verdienst von Atatürk - es wurde dadurch eine Türkei geschaffen, die unbelastet ist von ihrer Vergangenheit und deren Situation sich von der vorhergehenden stark unterscheidet: In dieser gab es eine religiöse Übermacht, eine Kontrolle des religiösen Lebens über die Gesellschaft, da der Sultan gleichzeitig auch Kalif war, also die höchste religiöse Autorität. Diese Laizität war also eine Gegenreaktion auf die vorhergehende Situa- tion. Atatürks Ideal wäre eine Laizität französischer Art gewesen, in der Religion und öffentliches Leben klar voneinander getrennt sind, aber die Wirklichkeit hat sich nicht in diese Richtung entwickelt. Diese Laizität ist »sui generis«, denn im Grunde steht die sunnitische Glaubensrichtung, mit der sich 75 Prozent der Türken identifiziert, unter direkter staatlicher Kontrolle.
   Mit anderen Worten, es wurde ein Amt für religiöse Angelegenheiten gegründet, dessen Präsident direkt dem Ministerpräsidenten unersteht. Und da die Religionsausübung mit dem Staat verbunden ist, sind alle Gemeinde- vorsteher (die Muftis) Beamte und werden vom Staat bezahlt. Auf diese Weise hat der Staat Kontrolle über die Wahrung der Laizität, denn als Verantwortungsträger werden - dieses Modell ist auf internationaler Ebene einzig- artig - Personen ausgewählt, denen die Laizität des Staates am Herzen liegt und die gleichzeitig ein religiöses Amt bekleiden. Diese Situation herrscht in der Türkei, wo Laizität Kontrolle des Staates über die Religion bedeutet.
Welches Gesicht hat der türkische Islam Ihrer Erfahrung nach?
   Der türkische Islam ist wohl der facettenreichste Islam, den es gibt. Eine der ersten Entscheidungen Atatürks bestand darin, die vielen Sufi-Orden aufzuheben, die es im Land gab. Sie leben jetzt wieder auf, wenn auch ohne jegliche Anerkennung. Viele dieser religiösen Gruppierungen sind, wenn man es so sagen kann, pazifistisch ausgerichtet. Sie suchen den Dialog und den Kontakt und erkennen auch die christliche Präsenz als Weg des Aufstiegs zu Gott, zur Transzendenz an. Darum gibt es in der Türkei einen gemäßigten Islam: Diese Mäßigung war auch die Frucht des von Atatürk herbeigeführten politischen Wandels.
Sie scheinen der nahen Zukunft beinahe optimistisch entgegenzublicken...
   Der Weg, der vor uns liegt, ist sehr lang, und man muss vor allem sehen, ob Worte und Taten einander entsprechen. Sehr aussagekräftig wird für mich die Tatsache sein, was mit der Kirche von Tarsus geschieht - ob man sie unserer Bitte gemäß der Obhut der Christen anvertraut aber auch mit der theologischen Akademie des orthodoxen Patriarchats. Seit Jahren üben auch Vertreter ausländischer Behörden hier Druck aus: Sie kommen in die Türkei, treffen sich mit dem Patriarchen und bitten um die Wiedereröffnung der theologischen Akademie, die der orthodoxen Kirche, die schon fast nicht mehr existiert, eine Zukunft gewähren würde. Wir bewegen uns jedoch stets auf der Ebene von Gesprächen, konkrete Taten gibt es nicht. In der Türkei ist es wichtig, sich nicht so sehr auf die Worte, sondern auf die Taten zu verlassen. Ich verstehe, dass die Situation schwierig ist, dass die Regierung auch mit politischen Gegnern zu tun hat, die stets bereit sind, eine Geste wie die Übergabe einer Kirche an die Christen zum eigenen Vorteil auszunutzen. Dennoch frage ich mich: Ist es möglich, dass eine demokratisch gewählte Regierung, die die Mehrheit im Parlament besitzt, nicht in der Lage ist, Gesten durchzuführen, die einen hohen Symbolwert besitzen und die die Minderheiten betreffen?
Wird auch durch das türkische Bestreben, in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen zu werden, nichts bewegt?
   Die Situation ist sehr komplex. Unsere Anfragen wurden alle übergangen; wir haben niemals eine Antwort be- kommen. Wir haben einmal als Bischofskonferenz dem Ministerpräsidenten geschrieben, dann noch einmal als Vorsitzende der südosteuropäischen Konferenzen, aber nie hat es irgendeine Reaktion gegeben, nicht einmal eine Benachrichtigung, dass er den Brief erhalten hat. Wir werden völlig verdrängt. Am 15. August 2009 gab es dann eine Begegnung zwischen dem Ministerpräsidenten und den Vertretern der religiösen Minderheiten, mit Ausnahme der katholischen Kirche, die ja »nicht existiert«; aber was hat diese Begegnung konkret gebracht? Vielleicht etwas Aufmerksamkeit, aber gab es vielleicht irgendwelche konkreten Ergebnisse?
Liegt die Verantwortung für diese Situation denn nur bei den Autoritäten oder oder auch beim Volk, das nicht reagiert?
  Ich glaube, dass die Autoritäten mit größerer Entschlossenheit Entscheidungen treffen müssen, um auch die Haltung des Volkes zu verändern. Es herrscht Unbeweglichkeit: Auch wenn die Menschen uns gegenüber offen sind - das erfahre ich persönlich immer wieder - dann stehen sie einer Bürokratie gegenüber, die alles blockiert.
Können Sie uns helfen zu verstehen, wie die Diskriminierung der Minderheiten konkret aussieht? Vom Westen her ist sie schwer zu begreifen; manchmal nimmt man sie auch lieber gar nicht zur Kenntnis.
   Ich erwähne noch einmal das äußerst aussagekräftige Beispiel der Kirche von Tarsus. Es ist eine vom Staat konfiszierte Kirche. Ursprünglich war sie armenisch und wurde dann zuletzt bis in die dreißiger und vierziger Jahre hinein von den Orthodoxen benutzt. Wir haben darum gebeten, dass dieser Bau, der für uns Christen einen hohen Symbolwert besitzt, wieder dem Gottesdienst zugeführt wird, wie es bei zwei Moscheen der Fall war, die dem Staat gehören und die in Museen umgewandelt worden waren. Wir sind nicht an den Eigentumsrechten interessiert (diese hat der Staat inne), sondern daran, über einen Ort zu verfügen, an dem die Christen in Freiheit beten können, ohne dadurch belastet zu sein, dass sie sich in einem Museum befinden. Stellen Sie sich vor: Am Ende der Feier des Paulus-Jahres kam eine Mitteilung vom Ministerium für Tourismus und Kultur und dann vom Direktor des Museums von Tarsus, in der deutlich gesagt wurde, dass der Bau ein Museum ist und dass der Museumsdirektor für eine Feier drei Tage vorher schriftlich um Erlaubnis gebeten werden muss. Es besteht also die klare Absicht zu sagen, dass es sich um ein Museum handelt. Das ist ein Beispiel für die Diskriminierung, die ständige Aushöhlung und die unterschwellige Feindseligkeit uns gegenüber.
Wie konnte es denn zu der von Ihnen beschriebenen Situation kommen? Wo liegt die Verantwortung?
   Diese Situation ist Frucht der Veränderungen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben. Ich gebe nicht unseren Gläubigen die Schuld, dass sie das Bewusstsein dafür verloren haben, was es heißt, Christen zu sein, denn wo sollte das Volk, nachdem es jahrzehntelang diskriminiert, ja praktisch unsichtbar gemacht wurde - durch das Verschwinden der Priester, die Schließung der Klöster und der Orte des geweihten Lebens - Nahrung für seinen Glauben finden? Natürlich wurde die Erfahrung des christlichen Lebens abgeschwächt, um wenigstens überleben zu können. Es stellt sich jedoch unvermeidlich die Frage: Wie kommt es, dass es einst so viele Christen gab und jetzt kaum noch welche? Das ist eine unbestreitbare Tatsache, die einer Erklärung bedarf. Sie können die diskriminierenden Maßnahmen zwar leugnen, müssen aber trotzdem eine Erklärung geben.
Gibt es in diesem Umfeld neue Christen?
   Es gibt neue Christen. Ich habe einige Muslime getauft, aber nach einem langen Weg des Katechumenats, denn diese Entscheidung muss sehr reif sein und aus dem Glauben heraus kommen. Daher muss der Taufanwärter auf die Probe gestellt werden. Er mus zeigen, dass er nicht nur anfänglichen Eifer besitzt, sondern auch Durchhaltevermögen.  OR100730  
Interview mit Bischof Luigi Padovese OFMCap mit der Herausgeberin von »Oasis«, Maria Laura Conte, sowie dem Leiter der gleichnamigen internationalen Stiftung, Martino Diez. 
Nach fünf Jahren ist der Nachfolger für Bischof Padovese ernannt: Apostolischer Vikar von Anatolien: Bizzeti

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