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Koran

Sie lesen auf dieser Seite:
1. Prof. Adel TheodorKhoury: Jesus Christus im Koran
2. Prof. Christian Troll SJ: WennDschihadisten sich auf den Koran berufen
3. die zwei Gesichter des Korans - Gewaltaufrufe neben Friedensappellen
4. Mit ausgestreckter Hand: Wie sich der Dialog des Vatikans mit dem Islam verändert
5. Extremistische Impulse: Wie sich das islamische Bild vom Christentum wandelt

6. Kardinalk Turan zu Gesprächen im Iran: Schiiten und Katholiken verurteilen jegliche Gewalt
7. D
er Großimam der al-Azhar-Universität von Kairo hat die Islamisten des „Islamischen Staats“ verurteilt.
8. Prof. Felix Körner SJ: Warum macht uns der Koran so nervös?
9. Prof. Hmida Emaifer, Tunis: Jesus und das Ideal des Korans
10. Gottes Wort - Der Koran im allgemeinen islamischen Verständnis
11. Christoph Luxenberg: Die syrisch-aramäische Lesart des Koran
12. Frankfurter Buchmesse: Die historisch-kritische Ausgabe des Korans
13. Koranhandschrift aus der Frühzeit des Islam entdeckt
14. Geht es zeitgemäß und korantreu - Koranauslegung in der heutigen Türkei
15. Ömer Özsoy -  Der scheue Bote Allahs
16. Von heiligen Büchern. Schon bei der Frage. was der Koran sei, ergeben sich Probleme
17. Viel zu tun: Bülent Ucar
18. Zwei Bücher setzen sich mit dem Koran auseinander
19. Tilman Nagel: Der Koran muss sich reformieren
20. Appell für eine neue Islamwissenschaft
21. Prof. Felix Körner SJ: Wieviel Koran-Exegese ist erlaubt, wieviel Aufklärung ist möglich?
22. Aufklären und verschweigen: Der Koran für Kinder und Erwachsene
23. Birmingham: Älteste Koranausgabe entdeckt?

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Adel Theodor Khoury  Foto   -   Jesus Christus im Koran

  Über Jesus Christus und sein Evangelium stehen im Koran u.a. folgende Verse: «Und Wir ließen nach ihnen Jesus, den Sohn Marias, folgen, damit er bestätige, was von der Tora vor ihm vorhanden war. Und Wir ließen ihm das Evangelium zukommen, das Rechtleitung und Licht enthält und das bestätigt, was von der Tora vor ihm vorhanden war, und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen. Die Leute des Evangeliums sollen nach dem urteilen, was Gott darin herabgesandt hat. Und diejenigen, die nicht nach dem urteilen, was Gott herabgesandt hat, das sind die Frevler.» 5,46-47 Diese Verse gehören chronologisch zur letzten bzw. vorletzten Sure des Korans. In den Versen 5,44-46 wurde Ähnliches über Mose und seine Tora gesagt. Damit wird deutlich, wie hoch der Koran die Stellung Jesu in der Prophetengeschichte einschätzt.
Verkündigung und Geburt Jesu
   Der Koran erzählt Sure 19, dass Gott seinen Geist, der mit dem Engel Gabriel identifiziert wird, zur Jungfrau Maria sandte. Maria erschrak vor der plötzlichen Erscheinung. Der Engel verkündete ihr, Gott wolle ihr «einen lauteren Knaben» schenken, den er zu einem Zeichen seiner Barmherzigkeit für die Menschen machen werde. Maria wandte ein, sie sei eine unverheiratete, reine Jungfrau. Der Engel berief sich auf die Allmacht Gottes; außerdem sei es «eine beschlossene Sache». Durch einen göttlichen Schöpfungsakt, oder, nach einigen Kom- mentatoren, durch das Einhauchen des Geistes, empfing Maria das Kind Jesus. Um sich dem verleumderischen Verdacht ihrer Verwandtschaft zu entziehen, beschloss Maria, sich zu einem fernen Ort zu begeben, wo sie mit ihren schweren Sorgen einsam weilte. Da überkamen sie die Wehen. Göttlicher Trost wurde ihr dann durch den Mund eines Engels oder ihres gerade geborenen Kindes gespendet. Sie wurde auf das Wasser aufmerksam gemacht, das für sie zu fließen begann, und auch auf die Datteln einer dürren Palme, an deren Stamm sie sich gelehnt hatte. Gott habe sich ihrer Sache angenommen, er werde dafür sorgen, dass die Geburt ihres Kindes ihr nicht zur Schande, sondern zur Ehre gereiche. Maria solle schweigen und warten, bis Gott ihr seine Hilfe zeige. So kehrte Maria zu ihrer Familie zurück. Als diese ihre Vorwürfe und Verwunderung ausdrückten, wies sie auf das Kind hin. Da sprach das Kind Jesus vor aller Augen und bestätigte seinen göttlichen Auftrag: «Ich bin der Diener Gottes. Er ließ mir das Buch zukommen und machte mich zu einem Propheten.»
   Der Koran hält mit aller Bestimmtheit an der jungfräulichen Geburt Christi fest, dies bekräftigt er an mehreren Stellen 21,91; 66,12; - 4,156.
Die Person Jesu Christi
   Wenn man die außergewöhnlichen Titel, die der Koran Jesus zuschreibt, betrachtet, kann man feststellen, welche außerordentlich hohe Stellung er ihm anerkennt.
Jesus ist der Messias
   Der Koran lässt die Engel bei der Verkündigung zu Maria sagen: «O Maria, Gott verkündet dir ein Wort von Ihm, dessen Name Christus (der Messias, der Gesalbte) Jesus, der Sohn Marias, ist» 3,45. Der Titel Messias, der Ge- salbte, bedeutet nach den muslimischen Korankommentatoren Folgendes:
- Jesus wurde mit dem Segen Gottes gesalbt.
- Gabriel hat ihn mit seinen Flügeln bedeckt, so dass Satan an ihn nicht herankommen und ihn bei seiner Geburt nicht berühren konnte.
- Die Salbung Jesu bedeutet seine Sündenlosigkeit.
- Die Salbung ist der Segen, den er in der Nachkommenschaft Adams erhielt, vor allem aber durch seine wunderbare Geburt aus der Jungfrau Maria, was sogleich eine Ausnahme vom Gesetz der menschlichen Zeugung bedeutet.
- Jesus wurde mit der Salbe der Propheten gesalbt.
- Im aktiven Sinne ist Jesus der Messias, der Salbende, weil er die Kranken und die Blinden salbte und heilte und weil er die Häupter der Waisen salbte als Opfer für Gott.
Jesus Christus ist das Wort Gottes
   Wir haben oben einen Vers zitiert, in dem Jesus als ein Wort von Gott bezeichnet wird 3,45. An einer anderen Stelle sagt der Koran: «Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das Er zu Maria hinüberbrachte ...» 4,171.
   Die christlichen Verteidiger des Glaubens haben immer wieder auf diese Stellen verwiesen, um daraus zu schließen, der Koran habe die Gottheit Jesu, des ewigen Logos, wenn auch indirekt, anerkannt. Dass ein Echo der christlichen Lehre hier zu hören ist, kann man nicht bezweifeln. Aber es scheint genauso sicher zu sein, dass Muhammad nur die Vokabel «Wort» übernommen hat, ohne einen dogmatischen Inhalt damit zu verbinden. Darum muss diese vage Erinnerung an das christliche Dogma nicht sosehr betont und ausgenutzt werden; denn der Koran hat an zahlreichen Stellen ausdrücklich verneint, dass Jesus Sohn Gottes sei.
Wie verstehen aber die islamischen Kommentatoren diese Bezeichnung Jesu als Wort Gottes?
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Jesus wird ein Wort von Gott genannt, weil er kraft eines schöpferischen Wortes von Gott im Schoße Marias gebildet wurde. Der Koran sagt ja selber: «Mit Jesus ist es vor Gott wie mit Adam. Er erschuf ihn aus Erde, dann sagte Er zu ihm: Sei!, und er war» 3,59. Im gleichen Sinne antworten die Engel auf die Frage Marias nach dem Wie einer jungfräulichen Geburt: «So ist es; Gott schafft, was Er will. Wenn Er eine Sache beschlossen hat, sagt Er zu ihr nur: Sei!, und sie ist» 3,47.
- Ohne sich auf bestimmte koranische Stellen zu berufen, meinen andere Kommentatoren, dass Jesus das Wort Gottes ist, indem er durch das prophetische Wort, das von Gott ausging und von den vorangegangenen Prophe- ten verkündet wurde, vorhergesagt worden ist.
- Jesus hat zu den Menschen das Wort Gottes getragen. Als Verkünder dieser Botschaft wird er als Wort Gottes bezeichnet. Das ist die dritte Erklärung.
- Jesus ist auch in seiner eigenen Person eine Frohbotschaft von Gott an die Menschen.
Jesus Christus ist Geist von Gott
   Die Gottheit Jesu folgt auch nicht aus dem Titel «Geist von Ihm (Gott)», den der Koran Jesus verleiht 4,171. Die Muslime sagen dazu, Jesus ist durch das Einhauchen des göttlichen Geistes von Maria empfangen worden: «Da bliesen Wir in sie von unserem Geist, und Wir machten sie und ihren Sohn zu einem Zeichen für die Weltenbewoh- ner» 21,91. In dieser Hinsicht ist Jesus wiederum dem ersten Menschen Adam gleich, der durch die Einhauchung des Geistes Gottes erschaffen wurde vgl. 15,29.
Jesus ist Diener, Prophet und Gesandter Gottes
   Jesus,  der Sohn Marias,  ist der Knecht Gottes.  Als  neugeborenes Kind bezeugt er selbst:  «Ich bin der Diener Gottes ...» 19,30, und Gott sagt von ihm: «Er ist nichts als ein Diener» 43,59. Der Koran stellt seinerseits in der Sicherheit, dass er dabei eine unumstrittene Aussage macht, fest: «Christus wird es sicher nicht aus Widerwillen ablehnen, Diener Gottes zu sein» 4,172.
   Jesus ist ein Diener Gottes, dem besondere Gnade erwiesen wurde 43,59, ein lauterer Junge 19,19, ein Gesegneter 19,31, den Gott «zu einem Beispiel für die Kinder Israels gemacht» hat 43,59. Er wird sich großen Ansehens erfreuen im Diesseits und im Jenseits, und er wird zu denen zählen, die Gott nahe stehen 3,45.
   Alle diese Auszeichnungen ergeben sich aus der Sendung Christi, denn Gott hat ihn auserwählt, um ihn zum Propheten zu machen 19,30. Der Koran nennt ihn in einer Liste, auf der nur die Namen der größten Propheten stehen: «Und als Wir von den Propheten ihre Verpflichtung entgegennahmen, und auch von dir und von Noach, Abraham, Mose und Jesus, dem Sohn Marias» 33,7.
   Mehr noch als bloßer Prophet, ist Jesus als Religionsstifter von Gott gesandt. Ihm wurde der Auftrag erteilt, zu den Kindern Israels eine Schrift zu tragen: Wie Mose die Tora gebracht hatte und wie später Muhammad mit dem Koran kam, so sollte Christus das Evangelium verkünden. Seine Lehre, seine religiösen Kenntnisse und vor allem seine Offenbarungsschrift hat er unmittelbar von Gott erhalten. So ist Christus nicht nur ein Prophet, sondern auch ein großer Gesandter Gottes 3,48-49.
Die Verkündigung Jesu Christi
  
Gott hat Jesus Christus, den Sohn Marias, mit dem Geist der Heiligkeit gestärkt 2,87 und beauftragt, den Kindern Israels das Evangelium zu verkünden, das Rechtleitung und Licht sowie Erleichterung der Bestimmungen des Gesetzes der Tora enthält. Jesus bringt auch mehr Klarheit über manche Glaubensinhalte. Zur Beglaubigung seiner prophetischen Sendung wirkte Jesus verschiedene Zeichen, sagt der Koran: «Und als Gott sprach: O Jesus, Sohn Marias, gedenke meiner Gnade zu dir und zu deiner Mutter, als Ich dich mit dem Geist der Heiligkeit stärkte, so dass du zu den Menschen in der Wiege und als Erwachsener sprachst; und als Ich dich das Buch, die Weisheit, die Tora und das Evangelium lehrte; und als du aus Ton etwas wie eine Vogelgestalt mit meiner Erlaubnis schufest und dann hineinbliesest und es mit meiner Erlaubnis zu einem Vogel wurde; und als du Blinde und Aussätzige mit meiner Erlaubnis heiltest und Tote mit meiner Erlaubnis herauskommen ließest; und als Ich die Kinder Israels von dir zurückhielt, als du mit den deutlichen Zeichen zu ihnen kamst, worauf diejenigen von ihnen, die ungläubig waren, sagten: Das ist nichts als eine offenkundige Zauberei» 5,110.
   Trotz dieser klaren Beweise glaubten die Juden an Jesus nicht. Nur die Jünger erkannten die göttliche Botschaft und schenkten ihr Glauben. Gegen die Ungläubigen und seine Widersacher wurde Jesus von Gott unterstützt.
Ende des irdischen Lebens Jesu Christi
   Jesus war, wie auch die anderen Menschen, dem Tod unterworfen. Wann und wie sein irdisches Leben endete, ist eine umstrittene Frage. Die meisten Kommentatoren des orthodoxen Islams wollen, dass Jesus nicht am Kreuze starb. In einer Stelle sagt der Koran: «... und weil sie (die Juden) sagten: Wir haben Christus Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet. Sie haben ihn aber nicht getötet, und sie haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es erschien ihnen eine ihm ähnliche Gestalt ... Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet, sondern Gott hat ihn zu sich erhoben. Gott ist mächtig und weise» 4,157-158.
   So hat Gott, meinen einige Exegeten, Jesus aus den Händen seiner Widersacher errettet. Erst danach ist er gestorben und ist nach einer sehr kurzen Zeit wieder von den Toten auferweckt und in den Himmel erhoben worden. Andere meinen, dass die Erhebung in den Himmel ohne vorherigen Tod erfolgt sei; Christus werde aber am Ende der Zeit wiederkommen und erst dann sterben.
   Was geschah aber am Kreuz? Die Antwort lautet: Entweder schien es den Juden damals, dass Jesus am Kreuz gestorben sei, es war aber ein Irrtum; Gott hatte ihn in Wirklichkeit zu sich in den Himmel erhoben. Oder, wie die meisten Kommentatoren meinen, gekreuzigt wurde zwar jemand, es war aber nicht Jesus, sondern ein anderer, der wie er aussah.
Die Rolle Jesu Christi in der Endzeit
   Über die Rolle Jesu Christi in der Endzeit hat die Tradition einiges überliefert. Jesus wird am Ende der Zeit zu- nächst einmal vom Himmel ins Heilige Land herabkommen. Dort wird er sich als vollkommener Muslim verhalten: Er vernichtet den Antichristen, verrichtet in Jerusalem das vorgeschriebene Morgengebet, indem er sich hinter dem Vorbeter in die Reihen der muslimischen Gläubigen hinstellt. Er schafft sodann alles ab, was gesetzwidrig ist; er tötet das Schwein, beseitigt Zeichen, Dinge und Gebäude, die nicht in den Rahmen des strengen orthodoxen Islams hineinpassen (Kreuze, Kirchen und Synagogen), legt Zeugnis gegen Juden und Christen ab und tötet sogar alle Christen, die nicht an den Islam glauben. Sodann wird Jesus über ein vollkommen geeintes Reich herrschen, als gerechter König regieren und der ganzen Schöpfung einen vierzig Jahre andauernden Frieden schenken. Damit er den anderen Propheten in allem ähnlich wird, wird er auch heiraten und Kinder zeugen. Dann wird er sterben und in Medina neben Muhammad und den ersten Khalifen, Abu Bakr und Umar, beigesetzt werden.
   Schließlich kommt die Stunde des Gerichts. Gott sitzt allein als Weltenrichter, er bestimmt in seiner unbeschränk- ten Allmacht, wem er erlauben will, für die Menschen Fürsprache einzulegen. Unter diesen begnadeten Menschen befindet sich Jesus, denn der Koran spricht ihm prophetische Sendung auf Erden und Fürspracherecht am Tage des Gerichts zu. Außerdem wird Jesus bei der Auferstehung und dem Gericht Zeuge über die Besitzer der Heiligen Schrift sein.
   So stellt der Koran die Lebensgeschichte Jesu, seine Sendung und seinen prophetischen Auftrag dar. Er erwähnt mit keinem Wort sein Erlösungswerk. Denn die Menschen brauchen nach islamischer Lehre nicht Erlösung, sondern Gottes Barmherzigkeit. Jeder ist Sünder vor Gott, und er hat nur seine eigenen Sünden zu verantworten. Desglei- chen kann keiner stellvertretend für andere auftreten und ihnen Erlösung bringen. Jesus Christus ist also (nur) einer der größten Propheten der Geschichte, ein Prophet, den Gott mit einer besonderen Gnade und einer wun- derbaren Auserwählung ausgezeichnet hat.
Die Gottheit Jesu Christi
   Die größten Schwierigkeiten in Glaubensfragen zwischen Christentum und Islam beziehen sich auf die Frage: Wer ist Jesus Christus? Der Islam ist eine streng monotheistische Religion, die die Einzigkeit Gottes stark betont. «Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Gott», so lautet der erste Hauptteil des islamischen Glaubensbekennt- nisses. Der Monotheismus ist nach der Aussage des Islams auch die Mitte jeder prophetischen Verkündigung und jeden Glaubensinhaltes. So weist der Koran einige Aspekte des christlichen Glaubens zurück, die er als mit dem Monotheismus nicht vereinbar betrachtet.
   Der polemisiert nicht pauschal gegen die christliche Lehre, er greift, und dies zunächst einmal in milder Art, dann aber immer schärfer, nur das an, was er die Übertreibung der Christen nennt. In der Beurteilung der Person Jesu Christi stimmt er in vielen Punkten mit der Lehre des christlichen Glaubens überein, lehnt jedoch die Lehre von der Gottheit Christi ab.
   «Christus wird es sicher nicht aus Widerwillen ablehnen, Diener Gottes zu sein, und auch nicht die in die Nähe (Gottes) zugelassenen Engel» 4,172: das ist die dezidierte Haltung des Korans. Er erhebt sich gegen die Übertreibung der Christen und fordert von ihnen, sie sollen nur die Wahrheit sagen und Jesus, dem Sohn Marias, keine Eigenschaften zuschreiben, die ihm nicht zustehen 4,171.  Denn alle Menschen stehen vor Gott wie Diener da, das ist die ihnen allen gehörige Haltung: «Niemand in den Himmeln und auf der Erde wird zum Erbarmer anders denn als Diener kommen können» 19,93.
   Alle Argumente, die der Koran den Anbetern verschiedener Götter entgegenhält, können hier Anwendung fin- den: Gott ist auf niemand angewiesen 10,68; 2,116, und wenn er etwas will, so erschafft er es durch sein schöpferisches Wort 2,117 und nicht durch einen Akt der Zeugung 112,3. So hat er kein Kind und auch keine Gefährtin 72,3; 6,101. Der Koran sagt das auch deutlich in Bezug auf Christus: «Es steht Gott nicht an, sich ein Kind zu nehmen. Preis sei Ihm! Wenn Er eine Sache beschlossen hat, sagt Er zu ihr: Sei!, und sie ist» 19,35.
   So verwirft der Koran die christliche Lehre, die Jesus Christus als Gottes Sohn betrachtet. Durch verschiedene zusätzliche Argumente versucht er, den Irrtum dieser Lehre nachzuweisen. Er stellt fest, dass Jesus und Maria, seine Mutter, doch wie normale Sterbliche «pflegten, Speise zu essen» 5,75. Im Übrigen hat Jesus selbst in seiner Botschaft, wie sie der Koran wiedergibt, immer wieder betont: «Und Gott ist mein Herr und euer Herr; so dienet Ihm» 19,36; 5,72. Das habe er auch selbst vor Gott im Himmel bezeugt, und zwar in feierlicher Form: «Und als Gott sprach: O Jesus, Sohn Marias, warst du es, der zu den Menschen sagte: Nehmt euch neben Gott mich und meine Mutter zu Göttern? Er sagte: Preis sei Dir! Es steht mir nicht zu, etwas zu sagen, wozu ich kein Recht habe. Hätte ich es gesagt, dann wüsstest Du es ... Ich habe ihnen nichts anderes gesagt als das, was Du mir befohlen hast, nämlich: Dienet Gott, meinem Herrn und eurem Herrn ...»5,116-117.
   Der Koran stellt in diesem Zusammenhang fest: «Es steht keinem Menschen zu, dass Gott ihm das Buch, die Urteilskraft und die Prophetie zukommen lässt und dass er dann zu den Menschen sagt: Seid meine Diener anstelle Gottes» 3,79.
   Wenn die Christen auf ihrer falschen Lehre beharren, so sind sie den Ungläubigen gleich: «Ungläubig sind diejenigen, die sagen: Gott ist Christus, der Sohn Marias, wo doch Christus gesagt hat: O ihr Kinder Israels, dienet Gott, meinem Herrn und eurem Herrn. Wer Gott (andere) beigesellt, dem verwehrt Gott das Paradies» 5,72. «Und die Christen sagen: Christus ist Gottes Sohn. Das ist ihre Rede aus ihrem eigenen Munde. Damit reden sie wie die, die vorher ungläubig waren. Gott bekämpfe sie! Wie leicht lassen sie sich doch abwenden! Sie nahmen sich ihre Gelehrten und ihre Mönche zu Herren neben Gott, sowie auch Christus, den Sohn Marias. Dabei wurde ihnen doch nur befohlen, einem einzigen Gott zu dienen.  Es gibt keinen Gott außer Ihm. Preis sei Ihm! Erhaben ist Er über das, was sie (Ihm) beigesellen» 9,30-31.
   Ähnliche und noch schärfere Töne hört man im folgenden Vers: «Ungläubig sind gewiss diejenigen, die sagen: Gott  ist Christus,  der Sohn Marias. Sprich:  Wer vermag denn gegen Gott überhaupt etwas auszurichten,  wenn Er Christus, den Sohn Marias, und seine Mutter und diejenigen, die auf der Erde sind, allesamt verderben lassen will?» 5,17.
   Zusammenfassend kann man Folgendes feststellen: Für den Koran ist Jesus nicht Gottes Sohn, er ist aber ein großer Prophet und ein Gesandter Gottes, der durch eine besondere Gnade ausgezeichnet wurde. Er ist und bleibt in seiner Botschaft, in seinem Leben und in seiner Person ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes für die Menschen in aller Welt.
Adel Theodor Khoury, geb. 1930 im Libanon, Priesterweihe 1953, 1910-1993 Professor für Religionswissen- schaft und Leiter des Seminars für Allgemeine Religionswissenschaften der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, Vorstand der Forschungsstelle für den christlich-islamischen Dialog in Harissa, Libanon. IKaZ 40/201, 466-473

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Die zwei Gesichter des Koran –Gewaltaufrufe neben Friedensappellen:
Warum das Heilige Buch der Muslime  -  eine verbindliche Auslegung so schwierig macht

   Aussagen militanter deutscher Salafisten gegenüber Medien lassen das Blut gefrieren. So sagte einer, er würde nicht zögern, seine Familie zu ermorden, sollte sie sich gegen die Miliz Islamischer Staat (IS) stellen. Immer wieder argumentieren Salafisten, sie wollten nur wörtlich umsetzen, was der Koran verlange. Moderate Muslime hingegen verweisen auf den friedvollen und mildtätigen Charakter des Koran. Das Problem ist, das beide recht haben.
   Der Koran wimmelt von Gewaltaufrufen ebenso wie von Bekenntnissen zum Frieden. Letztere sind nun nicht problematisch, Erstere schon. Ob es die 9. Sure ist, die berüchtigte Schwertsure, in deren 5. Vers es heißt: „Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Ungläubigen, wo ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf!" Eine ganz ähnliche Formulierung findet sich in Sure 2. Die 5. Sure fordert dazu auf, niemals Freundschaft mit Christen und Juden zu schließen; die 8. dazu, gegen die Ungläubigen zu kämpfen, bis die ganze Welt sich zum Islam bekannt habe. Die 47. Sure schließlich verlangt gar, ein Gemetzel unter den Ungläubigen anzurichten und die Überlebenden zu fesseln und in Ketten zu legen.
   Der Salafismus fordert - dies ist auch die Bedeutung des Wortes - eine geistige Rückbesinnung auf die Zeit der „Altvorderen" im Islam und bezieht sich dabei vor allem auf die ersten drei Generationen, die den Propheten Mohammed noch kannten oder zumindest seine Nachfolger. Der Koran wurde der religiösen Überlieferung nach in einem Zeitraum von mehr als 20 Jahren dem Propheten durch den Erzengel Gabriel übermittelt. Mohammed war Analphabet; was er etwa ab dem Jahr 610 berichtete, wurde von seinen Anhängern hier und dort notiert und erst 20 Jahre nach seinem Tod im Jahre 632 zusammenhängend niedergeschrieben.’ Der Koran spiegelt also naturgemäß die prekäre Lage der Muslime im siebten Jahrhundert im heutigen Saudi-Arabien wider. Die Gewaltaufrufe beziehen sich auf die kriegerische Situation, in der Mohammed und seine Anhänger damals lebten. Der Koran insgesamt wie auch die Hadithe, die Überlieferungen über das Leben des Propheten, stellen jedoch zugleich ein einzigartiges Gesetzeswerk für ein Zeitalter des nahezu permanenten Krieges dar. Der Koran stellte Frieden her - allerdings nur für die Muslime untereinander. Aber auch die Passagen zur Rolle der Frau sind für die damalige Zeit geradezu emanzipatorisch, da sie zum ersten Mal auch Rechte der Frau festlegten. Das Problem aus heutiger westlicher Sicht ist, dass der Koran, anders als die Bibel, als das unmittelbare Wort Gottes gilt. Die 114 Suren sind damit für alle Zeit unveränderlich.
   Eine historisch-kritische Auslegung (Exegese) ist damit nicht möglich; eine Redigierung des Koran schon gar nicht. Jene Passagen, die eine ständige Kampfbereitschaft einer anfangs kleinen Schar von Muslimen in einer Welt von Feinden vor 1.400 Jahren fordern, können also heute nicht entschärft werden und liefern weiter Munition für militante Islamisten. Dem Islam fehlt der dramatische Umbruch der europäischen Aufklärung, die den westlichen Menschen von religiösen Dogmen befreit hat und ihn geradezu verpflichtet, alles einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.
   Zudem fehlen vor allem im sunnitischen Islam Zentralinstanzen, vergleichbar einem Papst, der allen Gläubigen verbindliche Richtlinien erteilen kann. Die überwältigende Mehrheit der gemäßigten Muslime ignoriert heute die Gewaltpassagen im Koran oder entschärft sie durch Interpretationen. Militante picken sie sich heraus. Doch eines ist klar: Gräueltaten an Nichtkombattanten, Frauen und Kindern zumal, wie sie die Terrormiliz Islamischer Staat oder die nigerianische Miliz Boko Haram im angeblichen Namen Allahs begehen, sind weder durch den Koran noch durch die Hadithe gedeckt. Und die Intoleranz der Salafisten verstößt gegen jene Kultur des Wissens, die den Islam gerade in den frühen Jahrhunderten auszeichnete und ihn bezüglich wissenschaftlicher Errungenschaften dem Westen damals weit überlegen machte.          
HamburgerAbendblatt141030ChefautorThomasFrankenfeld 

cdJean-LouisTauran--x Ausgestreckte Hand  -  Wie sich der Dialog des Vatikan mit dem Islam verändert 

  Papst Franziskus wollte beim Besuch der Türkei auch den Islam-Dialog weiterführen, dem sich die katholische Weltkirche seit dem II. Vatikanischen Konzil verpflichtet hat. Sie führt den Dialog aber nicht um jeden Preis. So hat der Rat für das interreligiöse Gespräch an der Via della Conciliazione in Rom die Abwege des „pervertierten Islam" beim „Islamischen Staat (IS)" genau beobachtet, bis seinem Präsidenten Jean-Ixiuis Kardinal Tauran, der viele Jahre lang „Außenminister" des Vatikan war, am 12. August der Kragen platzte. In elf Punkten prangerte er die IS- Grausamkeiten als „schwerwiegenden Verstoß gegen die Menschheit und Gott, ihren Schöpfer" an, die sich „mit nichts - schon gar nicht mit Religion - rechtfertigen" ließen. Deswegen fordere er alle Menschen guten Willens, „vor allem Muslime", auf, „entschieden, mutig, einstimmig und eindeutig" die­se Verbrechen zu verurteilen. Denn welche Glaubwürdigkeit hätten die Religionen und welchen Sinn hätte „ein interreligiösen Dialog, den man die letzten Jahre geduldig geführt hat."
   Die Drohung wirkte. Zunächst reichten die um langsam erscheinenden, vagen Distanzierungen gegen „Übertreibungen“ des „IS Kalifats" nicht. Der Vatikan ließ sie unbeantwortet, bis am 19. September 126 islamische Gelehrte das brutale IS-Regime als „haram“ bezeichneten, als sündhaft und islamisch rechtlich. Rom nahm die Antwort als glaubwürdig und ernsthaft an und lud zum dritten Katholisch-Muslimischen Forum, das kürzlich zu Ende ging.
   Dieses Forum wird vom Büro der Deutschen Bischofskonferenz Cibedo (Christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle) organisiert. Es ist aus römischer Sicht der wichtigste Treffpunkt der beiden Religionen; auch wenn Taurans Rat und das vatikanische Staatssekretariat mit muslimischen Staaten und Organisationen auch weitere Kontakte pflegt, manche aus Tradition über diverse Orden. Dieser Tage besuchte Tauran Foto Teheran und forderte beim 9. Kolloquium des Iranischen Zentrums für Interreligiösen Dialog mit den Katholiken „Fairness gegenüber Andersgläubigen" ein. Das Schlussdokument verurteilte „jede Art von Extremismus und Gewalt im Namen der Religion". Auch Laiengruppen wie die Gemeinschaft Sant'Egidio in Rom wirken für die Kirche. Derzeit versucht die Gruppe, einen humanitären Korridor ins belagerte Aleppo in Syrien zu organisieren, um eine bessere Versorgung zu sichern.
   Die Weltgebetstreffen für den Frieden, die Johannes Paul II. 1986 in Assisi ins Leben rief, schließen Muslime ein. In frischer Erinnerung ist das Gebetstreffen, zu dem Papst Franziskus Israels Präsidenten Simon Peres und den Chef der Autonomiebehörde Mahmud Abbas im Juni in den Vatikangarten bat. Dort beteten die Vertreter der musli- mischen, jüdischen und christlichen Religionen „als Brüder zu ihrem gemeinsamen Vater im Himmel" um Frieden, hieß es. Franziskus habe sich dabei weniger als Oberhirte seiner Kirche gesehen, denn als religiöser Mensch, der Muslime und Juden zudem auffordert, auch für ihn selbst zu beten. Mit diesem Gestus verbindender religiöser „Repräsentanz" vor dem einigen Gott - wie Islamwissenschaftler Felix Körner an der Jesuitenhochschule Gregoriana in Rom sagt - will Franziskus am Samstag auch in der Blauen Moschee von Istanbul in stiller Einkehr und im Respekt vor dem Islam verharren.
   Respekt ist das zentrale Wort in der Geburtsakte des Dialogs, der Erklärung Nostra Aetate (In unserer Zeit), die 1965 das II. Vatikanische Konzil verkündete: „Mit Hochachtung" betrachte die Kirche die Muslime, „die den alleinigen Gott anbeten", heißt es dort. Sie versuchten wie die Christen, sich „mit ganzer Seele seinen verborgenen Ratschlüssen zu unterwerfen, so wie sich Abraham Gott unterwarf", und sie verehren auch Jesus, „den sie allerdings nicht als Gott anerkennen", sondern lediglich als Propheten, und „seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen".
   Für Körner begann der Dialog mit dem Islam mit dieser „Respekterweisung", die sich aus der Erfahrung mit dem Islam ergab, die der spätere Papst Johannes XXIII. als Nuntius in den dreißiger Jahren und bis in den Zweiten Weltkrieg hinein in der Türkei gemacht hatte.
   Papst Paul VI. steht, so Körner, für die „Realisation", die praktische Umsetzung dieses Respekts: Er richtete an Pfingsten 1964 das „Sekretariat für Nicht-Christen" ein, das unter Papst Johannes Paul II. 1988 das Dikasterium wurde, das heute Tauran leitet. Dieser leitet einen Dialog, der sich auf die praktischen Fragen des Lebens und Sterbens genauso bezieht wie auf den theologischen Diskurs. Die Kiche sehe sich bereichert und bisweilen zur Schärfung der eigenen Identität herausgefordert, heißt es in Taurans Rat.Das lange Pontifikat von Johannes Paul II. steht für Körner unter dem Stichwort „Relation", habe doch die von Rom in alle Richtungen des Islam ausgestreckte Hand die Beziehungen vertieft. Johannes Paul II. war der erste Papst, der - in Damaskus - in einer Moschee niederkniete. Als er starb, hingen in der Türkei die Flaggen auf Halbmast.
   Die Ära Benedikts XVI. steht nach Körner unter dem Motto „Reflexion". Sie begann 2006 mit der von Muslimen als Provokation empfundenen Regensburger Rede, in welcher der deutsche Papst und Theologieprofessor einen byzantinischen Kaiser des Mittelalters mit den Worten zitiert hatte, Muhammad habe „wenig Neues" gebracht außer der Verbreitung des Glaubens mit dem Schwert. Bei seinem Türkei-Besuch aber konnte der Papst von seinem Dialogwillen überzeugen; danach gründete er bald das Form, das 2008 erstmals und wieder im Jahr 2011 in Jordanien an der Taufstelle Jesu tagte.
   Papst Benedikt ging es um Wahrheit, Toleranz und Gewissensfreiheit. Muslime täten sich schwer, das Recht zum Religionswechsel anzuerkennen, sagte er im Gesprächsbuch „Licht der Welt" 2010; aber man stehe als Zeugen zusammen gegen den Unglauben. Papst Franziskus geht diesen Weg weiter, fordert den offenen Dialog im Freimut der Apostel, die Parrhesia, und schließt selbst Gespräche mit der IS nicht von vorneherein aus, könne so größeres Leid vermieden werden. Man dürfe niemals eine Sache verloren geben: „Nie!". FAZ141128JörgBremer

Extremistische Impulse  -  Wie sich das islamische Bild vom Christentum wandelt

   Der offene Brief, den 126 islamische Religionsgelehrte an den Führer des „Islamischen Staats", Abu Bakr al Bagdadi, und an dessen Anhänger geschrieben haben, richtet sich nicht an diesen, sondern an alle Muslime. In dem Dokument setzen sich die Religionsgelehrten, die aus der ganzen islamischen Welt stammen und dort führende Positionen bekleiden, mit 24 Argumenten Bagdadis auseinander und widerlegen sie aus der Sicht der traditionellen islamischen Theologie. Die Autoren sprechen Bagdadi nicht als „Kalifen" an (wie er sich selbst nennt), sondern mit dessen ursprünglichem Namen: Dr. Ibrahim al Badri.
   Die Autoren begründen ihre Ablehnung eines offensiven Dschihad gegen Angehörige anderer Religionen, sie erläutern die Voraussetzungen für ein Kalifat und die Prinzipien der Koranauslegung, sie gehen auf das Verbot der Sklaverei ein sowie auf das Verhältnis von Nationalstaat und Islam. Der zehnte der 24 Punkte widmet sich der Stellung der Christen im Islam und im „Islamischen Staat". Bagdadi habe „den arabischen Christen drei Wahlmöglichkeiten" gegeben, heißt es in dem Schreiben: „Kopfsteuer zu zahlen, das Schwert oder die Annahme des Islams." Die Autoren beschreiben, wie unter der Herrschaft des „Islamischen Staats" Kirchen zerstört werden und das Eigentum der Christen geplündert wird. Sie fragen, wie man denn die Christen, die „Freunde, Nachbarn und Mitbürger" seien, die seit vorislamischer Zeit in diesem Land gelebt hätten, wie man sie als Feinde behandeln könne.
   Eine Schwäche der Antwort ist, dass sie sich - da sie auf eine Passage aus einer Predigt Bagdadis antwortet - lediglich auf die „arabischen Christen" bezieht. Zudem ist das Weltbild, das dem offenen Brief zugrunde liegt, nicht mit dem westlichen Verständnis der Menschenrechte vereinbar. Die Autoren billigen grundsätzlich Körperstrafen, wollen sie aber an restriktive Bedingungen koppeln. Andererseits klären die Autoren die Bedeutung der „Kopfsteuer", die im Herrschaftsbereich des „Islamischen Staats" den Nichtmuslimen auferlegt ist, die nicht geflohen sind. Die Religionsgelehrten schreiben, nach islamischem Verständnis hätten die Muslime eine „Almosensteuer" zu zahlen, und die Nichtmuslime hätten die „Kopfsteuer" zu entrichten, die jedoch niedriger sei als die „Almosensteuer".
   Der Brief ist ein Beispiel für den Spagat, den islamische Religionsgelehrte vollführen. Die große Mehrheit von ihnen verurteilt den Terror des „Islamischen Staats". Sie sehen sich selbst als Opfer der extremistischen Auswüchse des „Islamischen Staats" und wollen sich von ihm abgrenzen. Doch gleichzeitig hoffen sie, radikalisierten Islamisten mit Sympathien für diesen „Islamischen Staat" noch an sich binden und sie mäßigen zu können, indem sie auf sie zugehen.
   Ein weiteres Beispiel für dieses Verhalten ist das Ende des Dialogs der islamischen Azhar-Universität mit dem Vatikan Anfang 2011. Die Universität folgte mit dem Abbruch der Beziehungen damals der Politik von Husni Mubarak (der wenig später nach Massendemonstrationen als Staatspräsident zurücktrat). Die Regierurig in Kairo hatte dem Vatikan Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes vorgeworfen, weil dieser nach dem Anschlag auf eine Kirche in Alexandria mehr religiöse Toleranz in Ägypten gefordert hatte. Alle Versuche, den Dialog zwischen Azhar-Universität und Vatikan wiederaufzunehmen, blieben seither auch deswegen erfolglos, weil die Religionsgelehrten hoffen, mit ihrem Kurs Salafisten auf ihre Seite zu ziehen. Der „Islamische Staat" habe den Extremisten in der islamischen Welt einen neuen Impuls gegeben, sagt der Azhar-Gelehrte Khaled Hanafy, der in Frankfurt das Europäische Institut für Humanwissenschaften leitet, eine theologische Schule für Muslime. Zuvor habe bereits der Putsch in Ägypten vom 3.Juli 2013 die Beziehungen zwischen den Muslimen und Christen belastet. Denn die koptische Kirche habe sich klar auf die Seite der Putschisten gestellt und werde nun als Teil des Regimes gesehen.
   Die islamische Theologie gegenüber dem Christentum habe sich nicht verändert, sagt Hanafy. Verändert habe sich aber die Wahrnehmung des Christentums durch die „Straße", die immer weniger auf gemäßigte Religionsgelehrte höre. Geprägt werde diese Wahrnehmung von Treffen wie dem von Papst Franziskus mit dem ägyptischen Präsidenten Abd al Fattah al Sisi im Vatikan. Andererseits war Papst Franziskus in der islamischen Welt eine Welle der Sympathie entgegengeschlagen, als dieser bei seinem Besuch im Heiligen Land am 26. Mai 2014 gegenüber dem Mufti von Jerusalem gesagt hatte, eine Grundlage des interreligiösen Dialogs sei, den Schmerz des anderen zu verstehen. Für viele Muslime ist Papst Franziskus nach wie vor „ein Mensch des guten Willens", bescheiden und gerechtigkeitsorientiert.
   Gemäßigte Muslime zitieren heute häufiger, konfrontiert mit der Frage nach dem Verhältnis von Islam und Gewalt, aus dem Evangelium nach Matthäus 10,34: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert." Sie wollen damit eine Parallele zum Koran ziehen: So wie solche Bibelstellen das grundsätzliche Friedensgebot des Christentums nicht in Frage stellen, verhalte es sich auch mit den kriegerisch klingenden Stellen im Koran.
   In Erinnerung ist den türkischen Muslimen der Besuch von Papst Benedikt XVI. 2006 in Istanbul. Damals betete er mit dem Mufti Istanbuls in der Blauen Moschee und erkannte so die Moschee als Ort des Gebets an. Das danken heute viele türkische Muslime nicht, wenn sie die Umwandlung der Hagia Sophia, die seit 1935 ein Museum ist, in eine Moschee verlangen. Die Propaganda des „Islamischen Staats" geht weiter. Sie hat sich die Eroberung von Konstantinopel zum Ziel gesetzt.
   Al Qaida hatte noch den „Zionisten und Amerikanern" den Krieg erklärt; der „Islamische Staat" aber bekämpft alle die, die er für „Feinde Allahs" hält. Das laufe auf ei­nen Religionskrieg hinaus, fürchten in Europa lebende Muslime. Gleichzeitig finde in der arabischen Welt ein Kampf um Identitäten statt, auch um die islamische, und Europa grenze sich mit seinem Selbstverständnis als christlich-jüdische Kultur vom Islam ab. Das Ergebnis werde sein, dass aus dem „Zusammenstoß der Zivilisationen" ein „Zusammenstoß der Religionen" werde. FAZ141128RainerHerrmann

ChristianWTrollSJ-x      Wenn Dschihadisten sich auf den Koran berufen

   Der deutsche Islamwissenschaftler Christian Troll Foto lobt die Erklärungen, mit denen sich muslimische Verbände und Einzelpersonen vom Terror des „Islamischen Staats“ distanziert haben. „Eine derartige geballte Reaktion vonseiten der Muslime aus allen Teilen der Welt ist neu“, schreibt der Jesuit in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“. Allerdings bleibe bei den Erklärungen in der Regel zweideutig, „welchen Islam die Unterzeichner im Sinn haben“. Tatsächlich nämlich gebe es „in den heiligen Schriften des Islam nicht wenige Texte, die den Gebrauch von Gewalt rechtfertigen oder sogar vorschreiben“; darauf könnten sich Dschihadisten berufen. Das „Prinzip des militanten Dschihad, des Kampfes und Tötens auf dem Weg Gottes“, gehe auf Muhammad zurück, so Professor Troll; es seien „seine Regeln, welche die Dschihadisten weltweit umfassend wortgetreu umzusetzen versuchen“.
  Pater Troll äußert den Verdacht, dass viele Dschihadisten durch den Islamunterricht „in Schulen und Moscheen“ radikalisiert würden. Anders als alle großen christlichen Kirchen gebe es vor allem im sunnitischen Islam keine „theologische lehramtliche Institution“, die einer nicht-wörtlichen Auslegung des Korans das Wort reden könnte. „Keinerlei sunnitische Autorität ist theologisch berechtigt, etwa die moralisch unakzeptablen Texte und Lehren des Korans zu verbieten“, schreibt Troll. „Wenn ein Muslim oder eine Gruppe von Muslimen die zahlreichen Aufrufe zum Kampf mit der Waffe wortwörtlich als im Koran gegebene göttliche Befehle oder Erlaubnisse versteht und umsetzt, können sie beanspruchen und sicher sein, den Erwartungen Gottes zu entsprechen.“ Dieser Interpretation könne im sunnitischen Islam keine Einrichtung mit Autorität widersprechen.
   Für den Islamwissenschaftler Troll „sind es nicht nur extremistische Muslime, die beunruhigen und beängstigen, sondern es sind, grundsätzlicher, die Texte des Korans, auf die sie sich als ihnen wortwörtlich von Gott geoffenbarte beziehen“. Er ruft nach einer neuen Koranauslegung und islamischen „Instanzen, die legitim neue Deutungen im Glauben vorlegen“. „Anders ist eine Erneuerung des islamischen Denkens und Handelns in ihrer religiösen, politischen und sozialen Dimension kaum vorstellbar.“ rv141028CiG

cdd-Jean-LouisTauran-Z     Kardinal Tauran im Iran

   Der Vatikan-Verantwortliche für interreligiösen Dialog hat Teheran besucht: Dort nahm Kardinal Jean-Louis Tauran an einer Gesprächsrunde mit schiitischen Geistlichen und Gelehrten teil. Es war schon das neunte Dialogforum zwischen dem iranischen „Zentrum für Interreligiösen Dialog“ und dem von Tauran geleiteten Päpstlichen Dialograt. Themen waren Spiritualität, religiöse Werte als „Antwort auf Extremismus und Gewalt“ sowie die Rolle der Medien. In einem Schluss-Statement verurteilen Schiiten und Katholiken jedwede Gewalt, die im Namen von Religion verübt wird, und mahnen die Medien, sie sollten „positive Beziehungen zwischen Christen und Muslimen fördern“.
rv241127sk
Kardinal Tauran: Iran braucht Religionsfreiheit
    Vatikan-Beauftragte für den interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran. Auch müsse im Iran „Fairness gegenüber Andersgläubigen“ gelten. Angehörige religiöser Minderheiten sollten sich ohne Angst vor „negativen Reaktionen“ offen äußern können, so Kardinal Tauran auf einer Konferenz in Teheran. Christen und Muslime müssten „glaubwürdige“ Partner im Dialog sein. Weiter rief er dazu auf, dass in Schulbüchern Glaubensgemeinschaften und ihre Anhänger „objektiv und respektvoll“ dargestellt werden. Kardinal Tauran äußerte sich bei einem Kolloquium des Iranischen Zentrums für Interreligiösen Dialog und des Päpstlichen Rats für Interreligiösen Dialog. Die zweitägige Veranstaltung steht unter dem Thema „Christen und Muslime im konstruktiven Dialog zum Wohl der Gesellschaft“. Rv141125mg

is-Al-azhar-Uni-Kairo-Zx

Der Großimam der al-Azhar-Universität von Kairo Foto hat die Islamisten des „Islamischen Staats“ mit deutlichen Worten verurteilt. Es sei eine „Perversion der islamischen Religion“, Gewalt und Terrorismus mit Koranversen zu legitimieren. Das sagte Ahmed al-Tayyeb bei der Eröffnung einer Konferenz von islamischen Gelehrten und Denkern aus 120 Ländern. Die Dschihadisten verübten „barbarische Verbrechen und verhüllen sie mit dieser heiligen Religion“, so der Großimam. „Indem sie sich Namen wie ‚Islamischer Staat’ geben, versuchen sie, ihren irregeleiteten Islam zu exportieren.“ Die al-Azhar-Universität in Kairo ist eine der höchsten Autoritäten im sunnitischen Islam. Al-Tayyeb nannte das Islamverständnis der Islamisten zerstörerisch und bedrohlich für die Religion der Muslime. al-Azhar will sich mit dem Dschihadisten-Phänomen stärker befassen, um es zielgerichteter widerlegen zu können. Rv141204 

KK-FelixKörnerSJ-x  Frage an Prof. Felix Körner SJ, Foto Universität Gregoriana, Rom:

Warum macht uns der Koran so nervös?

   Die Koran-Verteilaktion in deutschen Großstädten bringt einmal mehr das Verhältnis zwischen Islam und deut- scher Gesellschaft auf den Plan. Mehr nur als die Absicht der Salafisten werden mit Sätzen wie „der Islam gehört nicht zu Deutschland“ grundsätzliche Fragen aufgeworfen. Nicht zuletzt auch die nach dem Verständnis von Schrift und Offenbarung, im Islam wie im Christentum.
Was sagt man jemandem, der in einer Fußgängerzone einen Koran mit der Aufforderung „Lies!“ verteilt? Was ist das, der Koran, jenseits der Vorurteile unserer Kultur? Und warum macht diese Aktion Politik und Ge- sellschaft so nervös? Ein Gespräch mit dem Islamwissenschaftler und katholischen Theologen Pater Felix Körner, Dozent an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.
   „Die Mehrheit der Menschen, die hier das erste mal mit dem Koran in Berührung kommt, entdeckt damit eine neue Welt, entdeckt, dass es hier viele Diskussionsmöglichkeiten gibt und dass es ungeheuer anregend ist, sich mit dem Koran auseinander zu setzen. Insofern ist die Aktion „Lies!“ erst einmal nicht gefährlich, sondern bereichernd.“
Aber was ist das Verunsichernde am Koran, es sind ja nicht nur die Salafisten, die ihn verteilen?
   „Zweierlei. Verunsichernd daran ist, dass mit so viel Begeisterung eine andere Religion, die auch mit einer anderen Kulturprägung daherkommt, und plötzlich so deutlich, mit so viel Energie – und offenbar auch mit viel Geld – begegnet.
   Was darüber hinaus verunsichernd sein kann, ist Folgendes: Bis auf die erste Sure, die ein Gebet ist, sprechen alle anderen Texte im Koran mit dem Anspruch, hier kommt Gott selbst zu Wort und redet Dich an. Diese Unmittel- barkeit gibt es auf der Seite der christlichen Bibel nicht. Die christliche Bibel sagt immer, dass hier ein bestimmter Autor erzählt, hier schreibt der Apostel Paulus, hier schreibt Lukas die Jesusgeschichte an Theophilus und so weiter. Dieser Anspruch, dass Gott höchstpersönlich und unvermittelt spricht,  der stellt dem, der das eigentlich nicht als Wort Gottes anerkennen will, die Frage, wie wehre ich mich gegen diesen Impuls, der mit dem Anspruch kommt, dass mich hier Gott anredet.“
Bei der Aktion geht es ja nicht nur um das Verteilte – den Koran – sondern auch um die Verteiler, die Salafis- ten. Was für eine Theologie steckt da dahinter?
   „Die Salafia macht etwas typisch modernes, auch wenn Sie sich auf das Mittelalter beziehen. Die sagen, dass unsere Zeit Produkt einer Verfallserscheinung ist und dass wir unsere Identität verloren haben. Um wieder echt „Wir“ sein zu können, müssen wir heute zurückgreifen auf die Altvorderen, auf die ersten Vorbilder, und die heißen auf Arabisch die „Salaf“.
Die Rückkehr zu den Ursprüngen ist notwendigerweise immer eine Fiktion, denn ich kann ja nicht zurück in der Zeit. Das gibt es im Christentum mit dem Sprechen über das Urchristentum auch. Warum macht uns diese Fiktion so nervös?
   „Wer sagt, dass eine Bewegung aus dem siebten Jahrhundert nach Christus genau das getan hat, was wir heute tun müssen, der geht natürlich mit einer gewissen Blindheit vor. Der sieht die heutigen Herausforderungen an Religion, an Weltanschauung, an Lebensordnung nicht als konstruktive Fragen und interessante Heraus- forderungen, sondern als etwas, was ich nur damit beantworten kann, dass ich mich davor verschließe und über 1000 Jahre zurück greife. Die Auseinandersetzungsfreudigkeit ist bei solchen Rückgriffversuchen natürlich gering bis nicht vorhanden.” Rv120422ord

bu-HmidaEnnaifer-  Islam und Christentum: Jesus und das Ideal des Korans  bu-HmidaEnnaifer-x-

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 Foto links: Muslime in der Moschee von Damaskus beim Lesen des Korans. Foto rechts: Die unter Kaiser Justinian (527- 565) eingeweihte Basilika Hagia Sophia, die unter der türkischen Besatzung 1453 zur Moschee wurde, ist heute Museum. Hmida Ennaifer Foto oben rechts, Professor für muslimische Dogmatik an der Universität Tunis, sprach auf Einladung von Kardinal Angelini zum Thema: “Jesus und das Ideal des Korans”:

Die Schwierigkeit
   Der Bezug auf die Gestalt Jesu ist für einen Muslim mit einer zweifachen Problematik verbunden. Auf der einen Seite geht es darum, eine „andere”, unterschiedliche Vision eines Themas zu präsentieren, das für die einen das Wesen ihres Glaubens und daher ihres Lebens ist. Meine Absicht ist es, die innere Logik des Korans zu erklären, vor allem den Zuhörern und Lesern, die das Leben Jesu und sein Schicksal als die einzige und universale Darstellung der ersten Wahrheit betrachten. Die Schwierigkeit liegt darin, in einer anderen Weise von dieser Wahrheit sprechen zu müssen. Und das ist der erste Aspekt des Problems.
  Auf der anderen Seite bringt von Jesus zu sprechen für einen Muslim, der seinen Glauben in kritischer Weise lebt, eine Neuauslegung der muslimischen Interpretation der Christus gewidmeten Koran-Verse mit sich. Das muslimi- sche Erbe ist, zum derzeitigen Stand, meines Erachtens nach unfähig, in konsequenter Weise vom anderen zu sprechen, und folglich noch weniger, einen islamisch-christlichen Dialog voran zu bringen, der Ausschließlichkeit und Isolation auslöscht.
   Daher drängt sich die Frage auf: „Wer ist Jesus für euch?” auch eine doppelte Antwort auf. Auf der einen Seite muss man darlegen, wie sich Jesus im Koran darstellt, man muss ihn aber auch im Zentrum der hauptsächlichen islamischen Problematik ansiedeln, also der Frage des anderen und des Unterschieds zum monotheistischen Denken.
   So ist dann Jesus für einen im interreligiösen Dialog engagierten Muslim der andere, der verschiedene, aber gleichzeitig auch der nicht eliminierbare andere, da integrierender Bestandteil seiner religiösen Identität. Jesus ist also der „andere, der mein ist.”
   Aber das von ihm im Koran gegebene Bild kann die Christen nicht vollkommen zufrieden stellen, weil es nicht dem ihren entspricht. Daraus folgt dann, dass es im Islam unvorstellbar ist, die Einzigkeit Gottes anzurufen, ohne die Gestalt Jesu mit zu meinen. Aber diese Darstellung wurde in der klassischen muslimischen Version so sehr von historischen Gegebenheiten und politischen Konflikten modifiziert, dass man sie unbedingt neu überdenken muss. Es muss also als unerlässlich gelten, die Gestalt Jesu im Licht der koranischen Rede und der vergleichenden Ge- schichtswissenschaft zu sehen.
   Meine Absicht ist es nun, uns in dieser doppelten Dimension anzusiedeln, zu dem Zweck, aus der jahrhunderte- alten impasse im islamisch-christlichen Dialog auszubrechen. In Wahrheit ist dieser Dialog eine komplexe und deli- kate Sache, weil es darum geht, eine Verbindung zwischen zwei religiösen Identitäten herzustellen, die, wenn- gleich Schwestern, weder dieselbe Geschichte noch dieselben Dogmen und auch nicht dasselbe Ideal haben und die sich daher einander öffnen müssen. 
Der Text und sein Kontext
     Beginnen wir nun also mit einer kurzen Auflistung der Passagen, wo Jesus im Koran erwähnt wird. In den 6.236 Versen, aus denen der Text des Koran besteht, wird Christus 33mal erwähnt, und zwar sowohl mit seinem arabischen Namen „Issa”, mit seinem zusammengesetzten Namen „Jesus, Sohn Mariens”, und schließlich mit seiner Eigenschaft als Messias. Der Text des Koran hat zweifelsohne von - auch namentlich genannten - Erwählten gesprochen, die die Botschaft der göttlichen Offenbarung vor dem Auftritt des Mohammed verbreitet haben. Wenn sich diese Auflistung auch auf 25 beschränkt, ist jedoch bekannt, dass sie weitaus zahlreicher waren. Unter de- nen, die namentlich genannt sind, werden einige nur ein einziges Mal, sozusagen en passant erwähnt, während andere dagegen eine wichtige Position einnehmen. So wird Abraham beispielsweise in 64 Versen erwähnt, Mose in 131. Was den quantitativen Aspekt angeht, könnte man schließen, dass Jesus einen zweitrangigen Platz einnimmt, aber das wäre eine verfrühte Schlussfolgerung. Wenn man sich nämlich genauer ansieht, was der Koran über Jesus sagt, erkennt man, dass keine andere Person mit einer so außergewöhnlichen wunderheilenden Kraft ausgestattet ist wie er. Und nicht nur das: der Koran greift auf ein Dutzend Attribute zurück, die hauptsächlich Jesus zuerkannt werden. Er ist nämlich der Prophet, der Diener Gottes und das von jeder Unreinheit reinge- waschene Kind. Aber er ist auch das Zeichen,  das Beispiel, das Wort, der von Gott gekommene Geist, die Wis- senschaft des Jetzt, derjenige, der vom Heiligen Geist gestützt wird, der direkte Weg.
   Von diesen ersten Daten ausgehend kann man sagen, dass Jesus für den Koran eine bemerkenswerte Gestalt in der auserwählten Gruppe der Erwählten ist, die alle mit derselben Berufung ausgestattet sind, den Götzen- dienst zu bekämpfen, indem sie das Bewusstsein für Verantwortung im Menschen wecken, dieser einzigartigen Kreatur und Stellvertreter Gottes.
   Hierin liegt der Endzweck der vereinten Kräfte dieser Botschaften der göttlichen Gnade. Bei seinen Ausführungen zu Aspekten des Lebens einiger biblischer Gestalten stellt der Koran keinerlei biographischen Anspruch. Das ist der Grund, warum sich bei ihm nichts vom Leben und Schicksal der Erwählten findet, da er, was den historischen Aspekt ihres Lebens angeht, mehr als limitiert ist.
    Wir haben es hier mit einer voreingenommenen Position zu tun, die ergriffen wurde, um eine These zu stützen, nach der die Menschheit, wie verschieden sie wegen ihrer geschichtlichen Evolution auch sein mag, ihre Einheit in der Suche nach der Wahrheit und in der ständigen göttlichen Unterstützung dieser Suche zeigt.
    Eine rein christologische Interpretation des Korans stellt eine gewisse Zahl von Punkten heraus, die die chris- tliche Lehre betreffen. Man findet dort zum Teil einen uneingeschränkten Respekt vor Maria, der Mutter Jesu, die, von jeder „Verleumdung” befreit, als die reinste aller gläubigen Menschen dargestellt wird: Und dann kam der Tag, an dem der Engel zu Maria sagte: “O Maria, Gott hat in Wahrheit dich gewählt, Er hat dich gereinigt, hat dich, unter allen Frauen des Universums, zu seiner Herrlichkeit erhöht” III,42. Zu Jesus, ihrem Sohn, lassen die Verse folgendes Lob erschallen: „O Maria, Gott hat Dir eine glückliche Botschaft überbracht, die eines Wortes von Ihm, der den Namen Messias tragen wird, Jesus, Sohn Mariens. Er wird berühmt sein in dieser Welt und in der anderen, und wird Teil sein der Erwählten” III,45.
   In anderen Versen wird dagegen nicht gezögert, einige Dogmen zu leugnen, besonders das der Göttlichkeit Jesu:  „Bemüht euch, zu Gott nur die Wahrheit zu sagen. Der Messias, Jesus, Sohn Mariens, ist nur der Gesandte Gottes, sein in den Schoß Mariens gelegtes Wort, ein Geist, der aus dem Herrn hervorgeht! Glaubt an Gott und seine Propheten, aber sprecht nicht von Dreifaltigkeit [Triade]!” IV,172.
    Andere Verse schlagen, im Bezug auf die Christen, einen verurteilenden Ton an, warnen die Muslime vor ihnen: „Gläubige! Macht euch keine Verbündeten unter den Juden und unter den Christen. Denn sind sie vielleicht keine Verbündeten gegen euch? Wer immer sich unter  euch zu ihren Verbündeten macht, macht sich zu einem von ihnen!” V,51
  Dennoch verhindert diese Verurteilung nicht, Respekt vor dem Mönchstum und den Priestern zu zeigen: „Man kann beobachten, dass die schlimmsten Feinde der Gläubigen die Juden und die Heiden sind, und dass die, die wir am ehesten lieben können, die Christen sind, weil sich unter ihnen Priester und Mönche befinden, die voller Demut sind” V,82. An einer anderen Stelle kann man lesen: „Wir haben in seiner [Jesu] Jünger Herz Süße und Näch- stenliebe gelegt” LVII, 27.
   Wie kann man nun aus diesen Versen herauslesen, was der Koran über Jesus und seine Jünger sagt? Hierzu ist es wichtig, daran zu erinnern, dass sich ein Großteil muslimischer Exegeten in ihrer antichristlichen Polemik vor allem an diesen verleumderischen Aspekt der christologischen Verse angelehnt hat. Andere Theologen haben dagegen vor allem jene Verse betrachtet, die die Größe Jesu wegen seines Kampfes gegen die Eitelkeit, die Falschheit und das Verbundensein mit dem irdischen Leben herausstellen.
   Wenn man vom Koran eine objektive Christologie ableiten will, ist es unerlässlich, einen lehrmäßigen Punkt zu zitieren. Im Islam ist der Koran das direkte Wort Gottes (Allah), das auf arabisch gesprochen wird und Mohammed zwischen 612 und 632 der christlichen Zeitrechnung offenbart wurde. Somit ist der Koran also, da Wort, für jeden Muslim die Wahrheit schlechthin. Die dort behandelten Themen betreffen vor allem:  die Schöpfung, den Kosmos, die Natur, das Jenseits, und schließlich die Moral, den Kult und das Gesetz. All das auf der Linie einer neuen Kon- zeption von Gott und vom Menschen.
   Zu diesem ersten Stadium lässt sich sagen, dass das, was über Christus gesagt wird, einen lehrmäßigen Wert hat, weil es, zusammen mit dem, was in den anderen, im Koran zitierten Erzählungen der Propheten gesagt wird, die Grundlage dessen bildet, was man als die menschliche Einzigkeit in seiner Identität bezeichnen könnte. Letztere, die ein wesentliches Argument für die Einzigkeit Gottes ist, schließt die Verschiedenheit der besonderen Gegebenheiten einer jeden Botschaft bei weitem nicht  aus. Und daraus erklärt sich auch, warum der Koran, wenn er von Jesus spricht, lediglich einige Episoden seines Lebens herausgreift, um ein Profil davon zu zeichnen. Auf diese Weise wird der Christus der Evangelien in einer gewissen Weise „arabisiert” und, in beträchtlichem Ausmaß, neu modelliert. Wenn die Offenbarung des Korans also den Jesus der Bergpredigt beiseite lässt, den, der inmitten der Sünder lebte, oder wenn sie seiner Göttlichkeit und seiner Kreuzigung widerspricht, dann tut sie das nur, um diese Einzigkeit in seiner Identität wieder zu finden. Sie will vermeiden, dass besondere Aspekte des speziellen Ambientes des Christentums zu einem ernstzunehmenden Hindernis für die Teilhabe eines Teils der Menschheit (im Falle der Araber) an dieser Gemeinschaft im weiteren Sinne werden.
   Diese Haltung kann die Christen irritieren, da es gegen ihre Vorstellung von der Wahrheit geht; aber der Koran protestiert mehrfach gegen den Anspruch, die Wahrheit zu besitzen und warnt diesbezüglich sowohl die Christen, als auch die Juden und die Muslime: „[Die Wahrheit] hängt keineswegs von unserem reinen Ideal ab [dem Wort für die Muslime] und auch nicht von dem des Volkes des Buches [Juden und Christen]. Wer immer Böses tut, muss sich dafür verantworten und wird vor Gott weder Verbündete noch Beschützer finden” IV,23.
   Der koranische Weg, der darin besteht, die Vergangenheit durch die Instanzen des Augenblicks zu verstehen, wird auf alle im Koran zitierten biblischen Gestalten angewandt. Aber diese menschliche Einzigkeit in seiner Identität kann die Verschiedenheit dieser Personen nicht ausschließen. Indem man diese koranische Dialektik zwi- schen Einheit und Verschiedenheit verwirft, ist man - nach islamischer Konzeption - sowohl dazu verurteilt, zu be- haupten, dass die vorherige Offenbarung die einzig „wahre” ist, als auch dazu zu sagen, dass der Jesus des Koran und der der Evangelien zwei verschiedene Personen sind, die nur den Namen gemeinsam haben.
   Aufgrund dieser Wahrnehmung ist die göttliche Inspiration notwendigerweise pluralisch und das Zeugnis Jesu  eine Bestätigung dessen, was einige muslimische Theologen die lebende Einzigkeit nennen. Wenn Jesus also wirklich das Wort und die Wissenschaft des Jetzt ist, ist er gleichzeitig Permanenz und Kontingenz. Der von Gott gekommene Geist kann sich leicht in einen gut bestimmten historischen Kontext einfügen, unter der Voraussetz- ung, dass er ihn so übersteigt, dass sich das Wort in unbestimmter Weise realisieren kann.
   Diese koranische Vorstellung wird in verschiedenen Versen aufgegriffen. Wir wählen hier den, in dem die poly- morphe Vorstellung die offensichtlichste ist. „Wenn der gesamte Ozean zu Tinte würde, um das Wort meines Herrn niederzuschreiben, würde sein gesamter Inhalt aufgebraucht, ohne dass sich die Worte des Herrn deshalb erschöpfen würden, auch wenn man zu diesem Ozean einen anderen hinzufügen würde.” Die Gestalt Jesu öffnet dem Monotheismus so rigoros den Weg zu einem historischen Innovationsprozess, in dem Gott der Mittler zwi- schen den Menschen ist. In Ihm und durch Ihn erkennt man den Menschen.
   Der Koran wird nicht müde, zu wiederholen, dass der Gottesbegriff den für die Menschheit der Antike so schwer verständlichen Begriff des universalen Menschen Insán entstehen ließ. Wenn man diesen im Zentrum ihrer Lehre ansiedelt, haben die monotheistischen Religionen den Menschen dem Menschen als Einheit offenbart. Das bringt uns zu einem anderen Punkt unserer Reflexion zur Spiritualität Jesu im Koran.
Wort Gottes und Sprache der Menschen
  Wenn die Gesamtheit der Koran-Verse zu Jesus und seiner Mutter von einem dogmatischen Standpunkt aus ein in Zeit und Raum gut definiertes Christentum auch verurteilen,  bestätigt diese Gesamtheit durch den Messias, das Wort und den Geist Gottes die Spiritualität, die der Koran einrichten will. In seinem Wunsch, mit dem arabischen Heidentum und jeder Form eines antropomorphen Wiederaufflackerns des Gottesbegriffs zu brechen, führt der Koran eine Spiritualität ein, in der der Mensch nur vor einem allgegenwärtigen Gott Wert besitzt, von dem er alles akzeptiert. Zwischen diesen beiden Pfeilern muss die Position des Koran zu Jesus angesiedelt werden. Er ist präsent, wenn es darum geht, die junge muslimische Gemeinschaft in der Einzigkeit Gottes zu bestärken. Aber die absolute Transzendenz Gottes tanzíh muss kompatibel sein mit einer Spiritualität, die den Gläubigen dazu bringt, den Sinn der Ewigkeit zu leben.
   Im Koran wird Jesus dazu gebraucht, diese Dimension einzurichten, in der sich der Sinn der Ewigkeit an die Pflichten des Augenblicks annähert. Die koranische Lehre konnte sich vor allem deshalb herausbilden, weil sie aus dem gemeinsamen Fonds der monotheistischen Religionskenntnis schöpfte und sich an den großen Figuren inspirierte, um deren Geist und besonderem Schicksal zu folgen. Und so kommt es, dass die Teilhabe Jesu an einem muslimischen Bewusstsein unleugbar ist: aber diese wird sich im Sinn des Gleichgewichts zwischen trans- zendenter Einzigkeit und Nähe erfüllen, zwischen Transzendenz und Vertiefung des göttlichen Hauches, der im Menschen ist.
   An diesem Punkt ist es notwendig, daran zu erinnern, dass, im Unterschied zum Christentum, das in eine mono- theistische Tradition eingeschrieben war und diese bereichert und vermenschlicht, der Koran ein neues religiöses Bewusstsein aufbauen musste, und zwar sowohl vom dogmatischen als auch vom spirituellen Standpunkt aus.
  Was sein Ideal, die Hoffnung, angeht, bildet es die Synthese der beiden Grundlagen des religiösen Bewusst- seins: Die Einzigkeit und die Nähe. Aus dieser Hoffnung, die den Gläubigen der Barmherzigkeit Gottes aussetzt, wird der Friede der muslimischen Seele geboren, der auf die unveränderliche Großzügigkeit Gottes vertraut. Und gerade aus diesem Grund will der Koran von der Kreuzigung Jesu nichts wissen. Das soll nicht heißen, dass das Kreuz einer zutiefst schätzenswerten Spiritualität und einem zutiefst schätzenswerten Glauben kein Leben geben kann. Aber dafür muss man die Gesamtheit der Glauben, der Geschichte und vor allem des Ideals ändern.
   Wenn die islamische Sicht des Christentums auch ihre eigene Lehre zu Christus enthält, zu seiner Sendung und seiner eschatologischen Rolle, um den in der Menschheitsgeschichte enthaltenen Zyklus zum Abschluss zu brin- gen, so steht außer Zweifel, dass der Koran Jesus vor allem in der Spiritualität integriert, die er annimmt und in der Ethik, der er Gestalt verleihen will. Es stimmt zwar, dass in der Evolution der von alten und neuen politischen Kon- flikten auf eine harte Probe gestellten muslimischen Mentalität die Gestalt Jesu, so wie sie vom Koran definiert wurde, eine Reihe ihrer emblematischen Züge verloren hat. Der historische, vor allem der mittelalterliche Islam hat die islamische Anschauung nicht erläutert, sondern sie in einigen ihrer wichtigsten Aspekte verzerrt. Und das be- traf nicht nur die Lehre Jesu, sondern manchmal auch sein eigenes Ideal und seine Weltanschauung.
   Was Jesus betrifft ist festzuhalten, dass die deutlichste der Verschlechterungen der ursprünglichen muslimischen Vorstellung sowohl die Dynamik im Innern des Monotheismus betrifft und ihre anders ausgedrückte Spiritualität, wie auch ihre Vorstellung vom Menschen und von Gott. Zwischen einer auf einer einheitlichen Sicht der Geschichte der Menschheit basierenden globalen Interpretation des Koran und dem historischen Werk muslimischer Araber lassen sich frühe und zerstörerische Divergenzen ausmachen. Aber das hindert uns nicht daran zu sagen, dass das Zeugnis Jesu in der muslimischen Gemeinschaft und ihrer Zukunft gut verankert ist, im Bezug auf und trotz jeglicher Abweichung. Die Präsenz Jesu ist eine Flamme und ein Sinn: ist die Barmherzigkeit, die die Kräfte des Individuums vereint, der Gemeinschaft und der Menschheit. Sein grundlegendes Faktum ist es, den Menschen verantwortlich zu machen,  ihn in die Lage zu versetzen, Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein. Diese Stellver- treterschaft kann nur durch den Glauben und das Bewusstsein einer jeden Epoche und eines jeden Landes umgesetzt werden. Auf dieser Basis ist das Zeugnis Jesu für die Gesamtheit der Gläubigen (Muslime) aktuell und unfehlbar. Es betrachtet sie als ständige Bewerkstelliger der Zivilisation, dank der Umwandlung der Anbetung in eine lebendige, auf die Realität hin offene Kraft, die sie reformiert,  konstruiert und unendlich weiter entwickelt.
    Abschließend kann man festhalten, dass, wenn uns die Gestalt Jesu im Koran auch auf dogmatischer, spiritueller und ethischer Ebene auf den Plan ruft, das nicht bedeutet, dass sein Beitrag heute nicht unter dem Gesichtspunkt der interreligiösen Beziehungen gesehen werden kann. Er wirft nämlich die Frage nach dem anderen in den mo- dernen Religionssystemen auf: inwiefern kommt das Wort Gottes durch die von der Zeit konditionierte menschliche Sprachen beim Menschen an? Für die Muslime und die Christen hat Veränderung auf dieser Ebene für die Zukunft der Menschheit bemerkenswerte Folgen. Ich selbst verweise gern auf einen Ausspruch eines modernen muslimi- schen Denkers, Kamal Hussain, der es meiner Meinung nach verstanden hat, das Problem des anderen und zu- gleich das Problem Jesu im Islam zu stellen. Für diejenigen, welche in der heutigen Welt auf der Suche nach Gott sind und glauben, dass der von Gott inspirierte und deutlich offene Mensch ein sicherer Garant für das Überleben der menschlichen Spezies ist, schreibt er: „Wenn du tief in deinem Innern nicht spürst, dass du von deiner Liebe zu Gott und von deiner Liebe zu den Menschen, die Gott liebt, zum Guten berufen bist; wenn du meinst, dass die Menschen zu meiden ein Verbrechen ist gegen Gott shirk in seiner Einzigkeit, weil Gott, der sie liebt, auch dich liebt; wenn du meinst, dass du deine Liebe für Gott verlierst, wenn du deinen Freunden Schaden zufügst, die alle Menschen sind, dann bist du mit Jesus, ganz gleich, welcher Religion du auch angehören magst. Wenn du unter denen bist, die von der Hoffnung, die sie in Gott setzen, zum Guten getrieben werden, vom Wunsch nach einer größeren Belohnung und nicht enden wollender Freude, wenn du danach strebst, Gott nahe zu sein, der dir die ewige Glückseligkeit garantiert, dann bist du mit dem Islam, ganz gleich, welcher Religion du auch angehören magst.
   Diese Konzeption führt uns zu folgender Schlussfolgerung: auf der einen Seite postuliert sie eine Annäherung an die Offenbarung, ausgehend von der Vielfältigkeit der Bedeutungen und der Untersuchungsebenen. Auf der ande- ren Seite legt sie fest, dass nur der Dialog den modernen Menschen retten kann. Das bringt uns dazu zu sagen, dass man die Unterschiede zwischen Christentum und Islam nicht bagatellisieren muss, es aber auch wichtig ist, daran zu erinnern, dass die sie verbindenden Elemente über die sie trennenden überwiegen. Der interreligiöse Dialog bleibt das beste Mittel dafür, einen Zusammenprall der Gläubigen zu verhindern zwischen der Überzeugung der Wahrheit ihrer Religion und der Anerkennung von anderen Wahrheiten, die von anderen vertreten werden, die nicht weniger ehrlich sind als sie selbst.
   Zu diesem Schritt kann es kommen, wenn der Gläubige der auf der göttlichen Offenbarung gegründeten Sendung anhängt und sie vor allem als eine Veränderungsdynamik betrachtet und als Schaffung der Spezies, die beide sowohl im Dienst des Menschen als auch Gottes stehen. 30Giorni0311

Gottes Wort - Der Koran im allgemeinen islamischen Verständnis

   Dass der Koran (wörtlich: Lesung, Rezitation) das „heilige Buch" der Muslime sei, ist ein Gemeinplatz. Die Be- zeichnung verführt jedoch oft dazu, den Koran mit der Bibel zu vergleichen, was allerdings teilweise in die Irre führt. Nach moderner Auffassung der christlichen Exegeten enthält die Bibel das Wort Gottes, im Islam jedoch ist der Koran das Wort Gottes, der Koran ewig und unerschaffen. Mit anderen Worten: Gott hat arabisch gesprochen; die Offenbarung wurde mittels des Erzengels Gabriel über den Gesandten Gottes (rasul Allah) Mohammed an die Menschheit geschickt. Und der Koran als direktes Wort Gottes, gewissermaßen als göttliches Attribut, nimmt im Islam ungefähr jene Stellung ein, die im Christentum Jesus von Nazareth, dem Christus, zukommt, weshalb das Christentum zu Recht dessen Namen trägt. Das heilige Buch der Muslime, von dem sich im Himmel eine Urfassung befinde, zu verbrennen, ist für die Bekenner dieses Glaubens die Blasphemie an sich.
   Nach offiziell gültiger Auffassung wurden die insgesamt 114 Suren des Korans (aufgeteilt in Verse) unter dem Kalifen Uthman Ibn Affan, der von 644 bis 656 nach Christus über das expandierende muslimische Reich herrschte, aus den verstreuten schriftlichen Dokumenten und mündlichen Überlieferungen der Prophetengefährten zusam- mengestellt und redaktionell bearbeitet, insgesamt weit über 6.000 Verse. Schon in frühislamischer Zeit hat die rationalistische Theologenschule der Mutaziliten in Bagdad und Basra den Versuch unternommen, den Koran zu verzeitlichen, ihn als durchaus geschaffen zu charakterisieren. Die Mutaziliten wollten damit den interpretato- rischen Spielraum der heiligen Schrift, des „edlen Koran" al qur'an al karim, vergrößern, doch drangen sie damit nicht durch; bis heute gilt der Koran, da das Arabische als heilige Sprache und damit von allen anderen Sprachen verschieden aufgefasst wird, denn auch den meisten Muslimen als unübersetzbar.
   Als der Gründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, im Jahre 1930 eine Übersetzung des Korans ins Türkische anregte, stieß er damit viele konservative Gläubige vor den Kopf. Inzwischen ist der Koran jedoch in die wichtigsten Sprachen der Welt übersetzt worden. Versuche, den Text des Korans zu historisieren, sind in der islamischen Welt durchaus im Gange, etwa in der Türkei oder bei manchen Reformdenkern Irans oder Ägyptens, doch haben diese Theologen einen schweren Stand.  FAZ120227wgl

dia-log-1x   Luxenberg

Christoph Luxenberg heißt nicht so. Unter diesem Pseudonym ist sein Buch: „Die Syro-aramäische Lesart des Ko- ran” in einer zweiten,  überarbeiteten Fassung erschienen. Luxenberg ist Semitist an einer deutschen Universität - also ein Forscher, der sich mit semitischen Sprachen und Kulturen beschäftigt.Verlag Hans Schiler, 352 S., 29,90 €

Simon Benne HAZ interviewt den Autor: Ihre kritische Analyse des Koran erscheint nicht unter ihrem wirk- lichen Namen. Haben Sie Angst, Herr Luxenberg?
   Nein, aber muslimische Freunde haben mir zu einem Pseudonym geraten, als sie die Brisanz des Buches er- kannten. Eine Vorsichtsmaßnahme, obwohl ich gar nicht vorhabe, Muslime zum Christentum zu bekehren. Es geht mir um ein genaueres Verständnis des Koran.
Was ist denn so brisant an Ihrer neuen Lesart des Koran?
   Einige Textpassagen, die „dunklen Stellen”, haben den islamischen Gelehrten von Anfang an Kopfzerbrechen be- reitet, weil sie schlichtweg unverständlich sind. Das ursprüngliche Koran-Arabisch hatte nur ein Konsonanten- gerüst, viele Schriftzeichen waren mehrdeutig. Es war eine Art Kurzschrift. Bei späteren Abschriften wurden die Texte ausformuliert - und ihr Inhalt verändert. Ich habe die aramäischen Wurzeln der Koransprache neu unter- sucht. Das war eine Schwestersprache des Arabischen, die man zur Zeit Mohammeds auf der Arabischen Halbinsel sprach.
So ein philologisches Vorgehen ist in der Bibelwissenschaft längst üblich
  Aber für viele Muslime ist es ein Sakrileg, dem Koran mit philologischen Mitteln zu Leibe zu rücken. Er gilt ihnen als direktes Wort Gottes. Und einige Suren müssen ganz neu verstanden werden. Zum Beispiel wurde die Textstelle, aus der manche ein Kopftuchgebot für Frauen  ableiten, bislang  falsch übersetzt: „Chumur” deutet nicht auf ein Tuch, sondern auf einen Gürtel hin, den Frauen anlegen sollen. Und Sure 44,54 stellte Märtyrern in der bisher gängigen Lesart „Paradiesjungfrauen” in Aussicht. Ein Missverständnis, denn der aramäische Wortstamm von „Huris” verheißt ihnen nur „kristallklare Weintrauben” ...
... was die erwarteten Freuden des Paradieses schmälert und dem Märtyrertod viel von seiner Attraktivität nimmt.
   Vergessen Sie aber nicht, dass auch muslimische Frauen sich bei Selbstmordattentaten in die Luft sprengen. Doch der Dialog von Christen und Muslimen könnte durch die neue Interpretation belebt werden. Die Marien-Sure verstand man bislang so, dass Jesus nach seiner Geburt zu Maria spricht und ihr unklarerweise ein „Bächlein” ankündigt. Nach aramäischer Lesart heißt es dort jedoch „Der Herr hat deine Niederkunft legitim gemacht” - der Koran verteidigt dort also die christliche Vorstellung der Jungfrauengeburt.
Wollten sich die ersten Muslime nicht gerade vom Christentum absetzen?
   Und doch haben Christentum und Islam mehr gemein als bislang angenommen. Auch die „Weintrauben” stammen aus christlichen Paradiesvorstellungen, und ich bin auf Aufforderungen zur Teilnahme am Abendmahl und Hinweise auf das Weihnachtsfest gestoßen. Der Ur-Koran könnte eine Art Textbuch für den christlichen Gottes- dienst gewesen sein. Mohammed wollte keine neue Religion begründen - das Wort „Islam” taucht erst Jahrzehnte nach seinem Tod auf.
Viele Muslime dürften wenig erbaut sein, dass ein deutscher „Besserwessi” ihnen ihre heilige Schrift erklärt.
  Falsch, viele Gelehrte sind sehr aufgeschlossen. Eine schiitische theologische Fachzeitschrift hat einen Beitrag von mir gedruckt und positiv bewertet, auch sunnitische Theologen interessieren sich ernsthaft für die Thesen. Drohungen hat es noch nicht gegeben.
Könnte Ihre Neuübersetzung also einer liberalen Koran-Interpretation zum Durchbruch verhelfen?
   Eine islamische Aufklärung gab es bereits im 9. Jahrhundert, lange vor historisch-kritischen Bibel-Editionen. Gelehrte Muslime sahen damals den Koran als von Menschen geschaffene Schrift an. Sie waren vernünftiger als viele Muslime heute - daran könnte man anknüpfen. HAZ040924

Frankfurter Buchmesse: die historisch-kritische Ausgabe des Korans

   Wer hat die größten Welt-Bestseller der letzten Jahre geschrieben? Zwei Religions- und Kirchenführer: der Papst und der Dalai Lama. Das Buch, das imstande sein wird, Herrscher zu stürzen und Reiche zu wenden, ist die histo- risch-kritische Ausgabe des Korans, die in diesem Augenblick an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wis- senschaft vorbereitet wird.  In diesem Jahr werden erste Vorarbeiten dieses Werks vorliegen, das gesamte Unter- fangen könnte ein Jahrzehnt dauern.
   Seit Papst Benedikt bei seiner Regensburger Rede wegen eines historisch-kritischen Kommentars unter Muslimen einen Sturm der Entrüstung entfachte, weiß jeder, was eine solche Ausgabe des Korans bedeuten wird, und die Gerüchte wollen nicht verstummen, dass der Redner in Regensburg genau diesen Effekt beabsichtig hatte. Es kann nicht verboten sein, als Bürger des einundzwanzigsten Jahrhunderts Textkritik zu betreiben, Vergleiche an- zustellen und Übereinstimmungen festzustellen.
   In Berlin, der bei Christen schon seit hundert Jahren als gottlos verschrienen Stadt, wird unter dem Titel „Corpus Coranicum” ein historisch-kritischer Kommentar entstehen, der explosiv und aufregend sein wird, obwohl er mit nichts anderem hantiert als der guten, alten und stets als etwas altväterlich verleumdeten Textkritik. Die Anwen- dung der Methode auf diesen Fall wird nach Ansicht eines Sachkenners das Äquivalent zur Zähmung des Feuers durch den Menschen sein.
   Im eigenen Interesse sollten wir die neue Liebe zur Transzendenz nicht zynisch als Eskapismus einer alternden Gesellschaft diffamieren. Plötzlich holt uns ein, was 1.300 Jahre zurückliegt. Wir können denen, die so tun, als lebten wir noch in der Zeit, als der Koran geschrieben wurde, ihre Überzeugung nicht ausreden. Wir können ihnen aber zeigen, ja beweisen, dass Zeit vergangen ist zwischen damals und heute, dass Geschichte passiert ist, dass das, was sie für das eindeutige Wort halten, das Echo von Jahrhunderten in sich trägt.
  Vom altehrwürdigen Herder Verlag bis zum blutjungen Verlag der Weltreligionen betreiben viele Autoren und Ver- leger nichts anderes als die Rekonstruktion der Welt des siebten Jahrhunderts nach Christus; der Welt, in der der Koran entstanden ist. Wer die Hunderttausende Bücher auf der Buchmesse sieht, mag sich fragen, was Bücher überhaupt noch bewirken können. Das jedenfalls können sie immer noch: die Welt aus den Angeln heben.
FAZFrankSchirrmacher071010

Koranhandschrift aus der Frühzeit des Islam entdeckt
   Eine Koranhandschrift im Bestand der Universitätsbibliothek Tübingen stammt nach neuen Erkenntnissen aus der Frühzeit des Islam - und ist damit deutlich älter als gedacht. Das Pergament sei mittels naturwissenschaftlicher Methoden auf das siebte Jahrhundert datiert worden, teilte die Universität am Montag mit. Aus Sicht der Experten wurde es nur etwa 20 bis 40 Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 hergestellt. Bisher war man von einer Entstehung etwa im 8. oder 9. Jahrhundert ausgegangen.
   Die Proben des Tübinger Fragmentes wurden als Teil eines internationalen Projektes untersucht, das die Textgeschichte des Koran nachzeichnen will. Anhand von Schriftbesonderheiten lasse sich das Alter von Texten grundsätzlich bestimmen, sagte eine Sprecherin der Universitätsbibliothek. Naturwissenschaftliche Methoden könnten die Daten nochmals präzisieren. Die Tübinger Koranhandschrift sei in kufischer Schrift verfasst, einer der ältesten Schriftformen des Arabischen. Das Pergament gelangte im Jahr 1864 in die Bibliothek. HA141111

is-KoranPalimspet-z  Koranfragment auf Palimpsest

Corpus Coranicum – Textdokumentation und historisch-kritischer Kommentar zum Koran”
Foto:
Davids Samling, Kopenhagen, veröffentlicht im Katalog "Islamic Calligraphy" bei Sam Fogg, London 2003

   Ziel des Vorhabens ist erstens eine Dokumentation des Korantextes in seiner handschriftlichen und mündlichen Überlieferungsgestalt, zweitens eine umfassende Datenbank von jüdischen, christlichen, altarabischen und ande- ren Intertexten zu einzelnen Koranstellen und drittens ein ausführlicher Kommentar.
   Die Überlieferung des Korantextes zeichnet sich durch ein Nebeneinander von schriftlicher und mündlicher Tra- dition aus. Besonderes Kennzeichen der handschriftlichen Tradition ist dabei, dass das Schriftsystem früher Koran- manuskripte durch fehlende Vokalzeichen und konsonantenunterscheidende Diakritika häufig mehrdeutig ist. Die Textdokumentation wird den handschriftlichen Befund und die mündliche Lesetradition in Form einer Doppelseite nebeneinander stellen.
  Die Datenbank „Texte aus der Umwelt des Korans“ soll anhand von spätantiken Überlieferungen, die sich mit koranischen Stoffen und Begrifflichkeiten berühren, den kulturellen und religiösen Horizont der unmittelbaren Adressaten des Textes zugänglich machen.
   Der Kommentar schließlich nimmt den Koran einerseits aus einer konsequent diachronen Perspektive in den Blick, d.h. als ein über zwei Jahrzehnte gewachsenes Korpus von Einzeltexten, und macht andererseits durch sorgfältige formkritische Analyse die literarische Logik der einzelnen Textstücke transparent.
   Das Akademienvorhaben, das 2007 eingerichtet worden ist, ist Teil des „Zentrums Grundlagenforschung Alte Welt" der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. > www.bbaw.de/forschung/Coran

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Geht es zeitgemäß und korantreu? Koranauslegung in der Türkei heute

Die türkische Theologie ist in ihren Neuansätzen für islamisches Denken weltweit bedeutsam. Sie stellt sich der Herausforderung der historischen Kritik und geht dabei den Fragen nach, ob Muslime den Koran heute neu ver- stehen können. Wird der Koran „neuzeitlich” gelesen, kann er dann noch als offenbartes Gotteswort gelten und können seine Ausleger so noch Muslime sein? Ist die Interpretation der Texte eine Hervorbringung neuer Bedeu- tung und in dieser Weise der Koran für jede neue Bedeutungs-Schaffung offen? Ermöglicht die historisch-situa- tionsbezogene Koranauslegung nicht erst das Bewusstein für heutiges Verständnis.
In “Alter Text - neuer Kontext. Koranhermeneutik in der Türkei heute” werden zu diesen Überlegungen zentrale Texte islamischer Theologen von Felix Körner SJ dokumentiert und erschlossen. Dies ist gleichzeitig der erste Band der von der Georges-Anawati-Stiftung herausgegebenen neuen Reihe Religion und Gesellschaft. Modernes Den- ken in der islamischen Welt, die beabsichtigt anhand ausgewählter und kurz eingeführter Originaltexte in deutscher Übersetzung, den Zugang zu alternativen zeitgenössischen islamischen Denkweisen zu eröffnen.
Die Beiträger:
Ömer Özsoy, geb. 1963 in Kayseri,
hat in Ankara islamische Theologie und Sozialwissenschaften sowie in Heidelberg Islamwissenschaft studiert. Er ist Professor für Koranexegese an der theologischen Fakultät der Universität Ankara und Stiftungsprofessor an der Universität Frankfurt am Main.
Mehmet Paçaci, geb. 1959 in Bolu, hat in Ankara islamische Theologie und Philosophie sowie in Manchester biblische Theologie studiert. Er ist Professor für Koranexegese an der theologischen Fakultät der Universität Ankara.
Burhanettin Tatar, geb. 1965 in Samsun, hat islamische Theologie in Samsun und Philosophie an der Catholic University of America studiert.  Er doziert an der theologischen Fakultät Samsun islamische Philosophie.
Yaar Nuri Öztürk, geb.1945 in Bayburt, hat in Istanbul Rechtswissenschaften und Theologie studiert. Er hat als Rechtsanwalt sowie als Theologieprofessor gearbeitet und ist jetzt Parlamentsabgeordneter für die von ihm gegründete Partei HYP.
Felix Körner, geb. 1963 in Offenbach, hat in München, London, Bamberg und Freiburg i.Ü. Philosophie, katholische Theologie, Islamkunde und Turkologie studiert. Er ist seit dem Jahr 2003 Mitglied der Ankaraner Jesuitenkommunität.

   In diesem Sammelband stellt Felix Körner die wichtigsten Vertreter der „Ankaraner Schule” vor. Dazu wählte er Aufsätze von Ömer Özsoy und Mehmet Pacaci,  Burhanettin Tatar und Ya'ar Nuri Öztürk aus, übersetzte und kommentierte sie. Ihr Denken sei bedeutsam für die gesamte islamische Welt, auch wenn sie zunächst Aner- kennung auf dem Balkan und in Zentralasien findet, weniger in der arabischen Welt und in Iran. Ausgangspunkt für Özsoy ist, dass der Koran nicht in der Begrifflichkeit der Gegenwart spreche und nicht die Probleme der Gegenwart  behandle. Zwischen koranischer Verkündigung und der Außenwelt gebe es keine „Eins-zu-eins-Bezie- hung”. Für Özsoy ist der Koran kein Text, den man einfach aufschlage, um die heutigen Fragen zu beantworten. Den Koran charakterisiert er als eine geschichtliche Form des transzendenten göttlichen Worts. Jede Koranstelle sei gesprochenes Wort. Um es zu verstehen, müsse man auch den außertextlichen Kontext verstehen.
   Der Band zeigt, dass auch islamische Theologie intellektuell anspruchsvoll und kreativ sein kann und nicht nur, wie in weiten Teilen der arabischen Welt, Altbekanntes ohne Berücksichtigung des Heute wiederkäut. Kein ande- rer nichtmuslimischer Wissenschaftler verfolgt den Diskurs der islamischen Theologen der Türkei so nah und kennt- nisreich wie der deutsche Jesuit Körner. Das Mitglied der Ankaraner Jesuitenkommunität hatte sich bereits in seiner Promotion mit türkischen Theorien der Koranauslegung beschäftigt. Vorlesungen hält er an der islamischen Theologischen Fakultät Ankaras und an der renommierten Orta Dogu Teknik Üniversitesi (ODTÜ). Mit diesem Buch eröffnet er erstmals einem größeren Publikum einen Blick auf die theologische Diskussion in der Türkei, die be- stätigt, dass dem Land beim Dialog zwischen Christen und Muslimen eine besondere Rolle zukommt. DT070125

Alter Text neuer Kontext - Koranhermeneutik in der Türkei heute; 1. Aufl.  2006, Verlag Herder, Format: 13,9 x 21,4 cm, 248 Seiten, Kartoniert. Schriftenreihe der Georges Anawati Stiftung, Band 1 € 13,-  ISBN 978-3-451-23114-8

isl-ÖmerÖzsoy-x       Ömer Özsoy - Der scheue Bote Allahs

   Einen Bart trägt er nicht, schon gar keinen Vollbart. Aber dass er kein guter Muslim sei, wie manche der „Bär- tigen" behaupten würden, wäre eine Anschuldigung, die an ihm abprallen würde. Ömer Özsoy ist der erste aus der Türkei stammende muslimische Theologe an einer deutschen Universität: Seit 2007 hat er die Stiftungs- professur für Islamische Religionswissenschaft im Fachbereich Evangelische Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt inne. Unter seiner Federführung fand dort ein Kolloquium über „Geschichtsschreibung zum Frühislam" statt, das führende türkische und deutsche Fachleute, Theologen wie Islamwissenschaftler, am Main versammelte.
   Professor Özsoy ist kein Unbekannter. Schon in seiner Heimat hat sich der noch immer jung wirkende Theologe einen Namen gemacht - als einer der bekanntesten Repräsentanten der als reformistisch geltenden Ankaraner Schule. Die hat ihren Ursprung in der Ilahiyat Fakültesi, der Theologischen Fakultät der Universität Ankara, die Özsoy seit 1980 besuchte. Özsoy und seine Kollegen arbeiten an einer historisierenden Auslegung des Korans, der - wie er sagt - „nicht vom Himmel gefallen" sei. Er sei ein „Buch der Zeit", entstanden zwischen 610 und 632 nach Christus, und müsse unter dem Zeithorizont interpretiert werden - nicht im Sinne eines Essentialismus oder von Buchstäblichkeit. Dabei eifert er nicht, trotz mancher Gegner, die solche Ansichten ablehnen oder mit Skepsis verfolgen. Man hat ihn „Allahs scheuen Boten" genannt.
   Ömer Özsoy stammt aus Zentalanatolien, aus der Gegend von Kayseri, der Heimat des heute manchmal so genannten „islamischen Calvinismus". In dem Ort Bünyan wurde er 1963 in eine Lehrerfamilie hineingeboren. Sein 1985 beendetes Studium der islamischen Theologie und Philosophie ergänzte er durch eine pädagogische Aus- bildung. Bis zur Promotion 1991 war er unter anderem als Fachmann für osmanische und arabische Handschriften tätig. Deutschland kennt Özsoy schon lange, seitdem er zwischen 1991 und 1993 am Seminar für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients in Heidelberg forschte. Die Frankfurter Universität soll bald noch zwei weitere Stiftungsprofessuren erhalten, Kontakte mit Ankara sind schon im Gange, wie es heißt. Die gegenwärtig von Ab- dullah Takim eingenommene Stiftungsgastprofessur soll in eine Stiftungsprofessur umgewandelt werden. Deutlich ist erkennbar, dass man in Hessen vorpreschen möchte auf dem Weg, den Muslimen in Deutschland einen Islam anzubieten, der authentisch ist und sich dennoch in die pluralistische Gesellschaft fügen könnte. Allerdings: Die meisten Türken sind Sunniten der hanefitischen Rechtsschule. So müsste man fragen, wie es denn mit anderen Denominationen des Islams (Aleviten, Schiiten) aussieht oder inwieweit arabischstämmige Muslime bereit sind, mitzuziehen. Manche (Nicht-)Muslime misstrauen auch Özsoys Anstrengungen. Doch was sollte die Alternative da- zu sein?
FAZ091114WolfgangGünterLerch

Von heiligen Büchern: Schon bei der Frage, was der Koran sei, ergeben sich Probleme

   Grundlage des islamischen Glaubens ist der Koran. Er bildet für die Muslime die Mitte des Glaubens, das Offen- barungs-Buch, in dem es „keinen Zweifel gibt", wie es zu Beginn der zweiten Sure schon heißt. Ihn zeitgemäß auszulegen kompatibel mit der „europäischen Leitkultur“ (Bassam Tibi), historisierend und auf seinen inneren Wesenskern bezogen - das kann doch so problematisch nicht sein. Und viele gut integrierte Muslime sehen für sich darin auch keine Schwierigkeit mehr.
   Nach traditioneller Auffassung hat Gott allerdings im Koran selbst gesprochen, über den Erzengel Gabriel, der dem Propheten Mohammed erschien. Im Allgemeinen wird der Koran heute in einer traditionellen Fassung gelesen und studiert; die Muslime halten sich an diesen Text, den sie vortragen, lehren und auslegen. Er ist für sie „der Koran" schlechthin, die verbindliche heilige Lesung oder Rezitation.
   Doch genau hier beginnt das Problem. Erst unlängst sind drei - sehr unterschiedliche - neue Koran-Über- setzungen ins Deutsche erschienen, die eben die Kairoer Standardfassung des Korans mushaf al Azhar zugrunde legen. Folgt man älteren und jüngeren Forschungen, so ist vieles an dieser heute verbreiteten Koran-Fassung zumindest fragwürdig.
   Reflektierten Christen ist bewusst, dass alles, was in der Bibel steht, eine lange, oft verschlungene (Text-) Geschichte hat. Nach moderner Auffassung enthält die Bibel zwar Gottes Wort, doch sie ist es nicht. Die naiv ver- standene Verbalinspiration gilt den meisten Christen Europas heute als überwunden. Der traditionell aufgefasste Koran jedoch ist Gottes authentisches Wort, in „klarer arabischer Sprache", wie es im Koran selbst heißt. Werden in Zukunft in Deutschland ausgebildete Imame und islamische Theologen mit der teilweise wohl fiktionalen Natur des (heutigen) Koran-Textes vertraut gemacht werden? Und werden die Muslime dann bereit sein, ihnen darin auch zu folgen? Wie weit kann von Seiten der Muslime überhaupt eine Koran-Forschung und -Kritik berücksichtigt werden, welche die Dinge gegen den Strich bürstet und zu einem großen Teil von Gelehrten stammt, die anderen Religionen zuzurechnen sind?
 
Vor fast einem halben Jahrhundert, erstmals zwischen 1963 und 1966, legte der Tübinger Arabist und Koran- Forscher Rudi Paret (1901-1983) eine wissenschaftliche Übertragung des Korans mit Konkordanz vor, die asser- torisch war, das heißt, sie bot zahlreiche Varianten der Lesung und Übersetzung an, die der Gelehrte jeweils in Klammern vermerkte. Insgesamt, so meinte Paret, könne man über etwa ein Viertel der Lesungen diskutieren. Schon tausend Jahre zuvor war dem großen muslimischen Gelehrten al Tabari (839-923), der unter anderem für seinen Koran-Kommentar bekannt wurde, aufgefallen, dass etliche Wörter und Fügungen des überlieferten Textes anhand der arabischen Lexikographie nur schwer verständlich waren. Freilich konnte al Tabari nicht über die Mittel der modernen Textkritik verfügen. Eine solche aber wäre geeignet, dogmatische Erstarrungen aufzubrechen und dem Fundamentalismus / Islamismus den Kampf anzusagen. Denn dieser vor allem beruft sich auf einen essentia- listisch aufzufassenden, über jeden textkritischen Zweifel erhabenen Text, den er überdies „ohne Wie" bila kaif auffasst. Solcher „Islamismus" bleibt sogar weit hinter den traditionellen Auslegungen tafsir zurück. Extremstes Beispiel dafür sind die Taliban in Afghanistan und Pakistan. Fundamentalismen (auch christliche) leben davon, dass ihre Auffassungen von Texten den Charakter des Erratischen haben, der nicht kritisch angegangen und „relati- viert" (auf etwas bezogen) werden darf. In Deutschland leben zum Beispiel Hunderttausende Aleviten. Sie be- haupten traditionell, dass schon in der Frühzeit des Islams Manipulationen am Koran-Text vorgenommen wurden - aus Gründen, die mit den politischen Streitigkeiten zwischen Sunniten und Aliden (den späteren Schiiten) zusam- menhängen. Hier liegt nach wie vor Sprengstoff.
    Eine weitere Frage ist, ob und inwieweit in einen künftigen Islamunterricht Erkenntnisse einfließen sollen, die neben sprachlich-interpretatorischen Unklarheiten und Fragwürdigkeiten auch sprachlich-religionsgeschichtliche Erkenntnisse der Forschung betreffen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts und vor dem Ersten Weltkrieg hatten For- scher wie Karl Völlers (1857-1909) oder Julius Wellhausen (1844-1918) schon darauf hingewiesen, dass die koranischen Offenbarungen ursprünglich wohl im gesprochenen, endungslosen Arabisch vorgelegen haben. Dies wurde später in das Hocharabische umgemünzt, was - wie der Arabist und protestantische Theologe Günter Lüling herausfand - dazu beitrug, den klar strophischen Charakter eines Teils der Koranverse zu tilgen und jene Reim- prosa sadsch' zu schaffen, die heute als ursprüngliches stilbildendes und durchgängig charakteristisches Grund- muster des gesamten Korans gilt. Nach Lüling enthielt der Korantext ursprünglich auch Hymnen- und Responso- rien, christliche Wechselgesänge zwischen Priester und Gemeinde, die dem Propheten Mohammed bekannt waren und mit denen er schon Theologie getrieben hat.
   Werden die künftig auszubildenden islamischen Lehrkräfte so etwas zu hören bekommen und weitergeben, oder werden nur Einzelgänger sich solchen Erkenntnissen gegenüber, die lange Zeit wenig populär waren und es auch heute noch sind, offen zeigen? Eine kritische Lehre über den Koran, die solche Ergebnisse berücksichtigte, könnte, recht verstanden, Muslime und Christen sogar zusammenführen. FAZ100527WolfgangGünterLerch

Viel zu tun   is-BülentUcar-x  Bülent Ucar

   Er ist eine der muslimischen Persönlichkeiten, die an an der neuen Runde der (bei den islamischen Verbänden zuletzt umstrittenen) Islamkonferenz teilnehmen werden, die Innenminister Lothar de Maiziere vom Vorgänger übernommen hat. Was unter Schäuble begann, soll nun konkreter werden. Dazu kann Bülent Ucar viel beitragen, denn der ordentliche Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück beschäftigt sich seit vielen Jahren mit nichts anderem als jenem Fragenkomplex, den man pauschal unter dem Stichwort „Euro- islam" zusammenfasst: mit islamischen Lehren, Sitten und Gebräuchen in einer säkularen, pluralistischen Demo- kratie und, vor allem, deren pädagogischer Vermittlung. Der Lehrstuhl, den Ucar innehat, ist einmalig in Deutsch- land, auch weil Ucar kein Konvertit ist.
  Die Scharia, das religiöse Gesetz des Islams, ist für ihn kein unveränderbarer Block von Vorschriften, sondern dem Wandel unterworfen; ebenso der Tafsir, die Koranexegese. Dies ist das Fabula docet seiner Habilitations- arbeit, die er 2008 als Islamwissenschaftler vorgelegt hat, erläutert am Beispiel der Türkei, wo die sogenannte Ankaraner Schule in dieser Richtung von sich reden macht. Ucars Arbeiten machen deutlich, dass er einer neuen Generation angehört, die - auch im Dialog mit Christen - eine Vorreiterrolle für junge, in Deutschland aufgewach- sene Muslime spielen kann. Konservativen Muslimen war er schon öfter-ein-Stein des Anstoßes, von Islamisten ganz zu schweigen. Als sich Muslime über den Text der „Schalke-Hymne" erregten, in welcher angeblich der Prophet Mohammed und der Islam „beleidigt" würden, widersprach Ucar ausdrücklich.
   Bülent Ucar wurde am 24. Januar 1977 in Oberhausen geboren. Auf den Rat seines Vaters hin besuchte er - wegen der glaubensmäßigen Ausrichtung - eine katholische Bekenntnisschule. Das Studium der Rechtswissen- schaft in Bochum von 1996 bis 2002 begleitete das der Islamwissenschaft in Bonn. Das „Recht als Mittel bei Reformen von Religion und Gesellschaft" (Ergon-Verlag) - ein Thema, für dessen Behandlung die Geschichte der Türkei seit den Tagen der Tanzimat oder großen Reformen über das Wirken Kemal Atatürks bis heute viel Stoff hergibt - beschäftigte ihn dabei besonders. Dem oft gepriesenen Religionsmodell der kemalistischen Türkei steht er allerdings nicht unkritisch gegenüber, denn faktisch herrsche dort eine Art „Staatsislam". Das Amt für religiöse Angelegenheiten (Diyanet), das dem Amt des Ministerpräsidenten angeschlossen ist, lege fest, was der Islam sei. Dieser aber sei vielfältig.
   Ucar kommt es besonders auf die spirituellen Aspekte bei der Vermittlung des Islams an, auf jene Fragen, die der Sinnfindung, Kontingenz- und Leidbewältigung der Gläubigen dienen und die mit dem Staat zunächst nichts zu tun haben. Das Verhältnis der Muslime zu anderen Religionen und Kulturen liegt ihm am Herzen. In Zeiten, da - nicht ohne aktuelle Anlässe - eine gewisse Islamfurcht herrscht, hat jemand wie Bülent Ucar noch viel zu tun.  FAZ100313WolfgangGünterLerch

AdelKhoury-W   Zwei neue Bücher zum Islam   BassamTibi-2

Zwei neue Bücher setzen sich mit dem Islam auseinander: Bassam Tibi: „Die islamische Herausforderung” und das Buch des katholischen Religionswissenschaftlers Adel Theodor Khoury „Was sagt der Koran zum Heiligen Krieg?”. DT071016

Bassam Tibi: Die islamische Herausforderung Religion und Politik im Europa des 21. Jahrhunderts
   Nach dem 11. September haben viele Europäer geglaubt, die Anschläge richteten sich gegen die Globalisierung und gegen die USA und seien im Wesentlichen eine Quittung für die Politik Ariel Scharons und George W. Bushs. Von einer islamischen Herausforderung Europas wollte kaum jemand sprechen. Inzwischen hat sich dies grund- legend geändert – alle reden plötzlich vom Islam und Europa. Die Bedeutung des damit verbundenen Konflikts wird jedoch häufig verkannt.
   Der Islamexperte Bassam Tibi zeigt, dass dem Islam als Religion ein global vernetzter Islamismus als politische Bewegung gegenüber steht, die zunehmend an Macht und Einfluss gewinnt. Vor diesem Hintergrund fordert der Autor einen Euro-Islam auf der Grundlage einer europäischen Leitkultur, die für alle in Europa lebenden Muslime bindend sein soll: Dazu gehören die strikte Trennung von Religion und Politik, die Bejahung der säkularen Demo- kratie sowie die Anerkennung der individuellen Menschenrechte.
2007, 182 S., gebunden Format 14,5 x 22,0 cm,  ISBN 978-3-89678-613-5,   EUR 24,90 
Adel Theodor Khoury: Was sagt der Koran zum Heiligen Krieg?
   Wie friedliebend und tolerant ist der Islam? Eine kenntnisreiche Analyse des Islam jenseits von Gewalt und Heili- gem Krieg. Die z.T. dramatischen Geschehnisse der jüngeren Vergangenheit haben den »Heiligen Krieg« verstärkt in die Schlagzeilen gerückt. Doch selbst in den so genannten informierten Kreisen herrscht nach wie vor ein er- staunliches Wissensdefizit über den Islam und dessen Lehre vom Heiligen Krieg.
   Adel Theodor Khoury will diese Informationslücken schließen. Er ordnet die Lehre vom Heiligen Krieg in den Ge- samtzusammenhang des Korans und in dessen Entwicklungsgeschichte ein. Textgrundlage ist dabei seine eigene Koran-Übersetzung. Pointiert setzt Khoury gegen die Tradition des Heiligen Krieges auf eine ebenfalls im Koran angelegte Theorie des Friedens und eröffnet so die Toleranzpotenziale des Islam.
2. Aufl. 2007, 160 S. Kt. Broschur, 12 x 19 cm, EUR 12,95 - ISBN 978-3-579-06485-7

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Der Islam muss sich reformieren
Islamwissenschaftler Tilman Nagel Foto fordert historisch-kritische Interpretation des Koran

   Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert werden von der Frage abhängen, ob es gelingt, die Auseinandersetzung zwischen dem Islam und der westlichen Welt in zivile Bahnen zu lenken. Die Bevölkerung im Westen ist skeptisch. Von der früheren Begeisterung für den Orient, man denke an Goethes Dichtung „West-östlicher Divan”,  kann heute keine Rede mehr sein. So assoziieren nach einer Allensbach-Befragung vom vergangenen Jahr 93 Prozent der Deutschen mit „Islam“ vor allem „Unterdrückung der Frau”, 83 Prozent denken an „Terror” und 82 Prozent halten ihn für „fanatisch und radikal”. Nur 16 Prozent finden den Islam „faszinierend”, 12 Prozent verbinden damit  „Nächstenliebe” und 6 Prozent „Offenheit und Toleranz”. Weithin wird also die These Samuel Huntingtons geteilt, dass ein Kampf der Kulturen bevorstehe.
    Wie damit umgehen? Längst hat sich der Konflikt von den fernen religiösen Bruchlinien des Globus ins Innere der westlichen Welt verlagert. Nicht nur spektakuläre Anschläge sind eine Gefahr. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung mit ihrer Trennung von weltlicher und religiöser Macht und der Rechtsgleichheit von Mann und Frau kann auch auf anderem Wege sukzessive ausgehebelt werden. Etwa durch die Bildung von Parallelgesellschaften in Vierteln mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung, deren Anteil durch Migration und höhere Geburtenraten stetig steigt. Sie entfalten eine ganz eigene Binnendynamik, wie eine Untersuchung des französischen  Erzie- hungs-Ministeriums jüngst gezeigt hat. Der Bericht, benannt nach seinem Autor Jean-Pierre Obin, dem Oberinspek- teur des französischen Schulwesens, hat die Grande Nation aufgeschreckt. Nicht nur führt er das drohende Scheitern der „laicité“ vor Augen, er weist auf zunehmende Desintegration und Abschottung islamischer Milieus von der Mehrheitsgesellschaft. Obin prangert die Missachtung der Schulpflicht an, besonders das erzwungene Fernbleiben der Mädchen, sowie den Boykott bestimmter Fächer und Lehrinhalte, die als unislamisch gelten. Allge- mein, so das Fazit des Obin-Berichts, breite sich ein antijüdisches und antirepublikanisches Meinungsklima aus, das sich auf den Islam berufe und Andersdenkende massiv einschüchtere.
   Tilman Nagel, Professor für Arabistik an der Universität Göttingen, sieht im Obin-Bericht ein Menetekel für ganz Europa. „Was läuft hier aus dem Ruder, und was könnte oder müsste getan werden, um die sich anbahnenden tiefen Verwerfungen zumal in Großstädten und Ballungsräumen abzumildern?”
   Nagel, einer der profilierten Islamwissenschaftler Deutschlands, sieht schwere Konflikte zwischen dem säkularen Staat und dem religiösen Wahrheitsanspruch des Islams heraufziehen. Bei einer Veranstaltung der Hanns-Seidel- Stiftung in München wandte er sich gegen die üblichen Vorschläge, mehr Sozialleistungen oder Bildungsangebote könnten die Konflikte entschärfen. Gerade bei den muslimischen Einwanderern mit höherer Bildung beobachtet er „eine radikale Feindseligkeit gegenüber dem aufnehmenden und alimentierenden Land”.
   Nach seinem Selbstverständnis erscheint es dem orthodoxen Islam undenkbar, sich dem säkularen Staat und seiner weltlichen Rechtsordnung unterzuordnen. Dies erklärt Nagel aus den historischen Umständen der Entste- hung des Islams zur Zeit Mohammeds: Anders als das Christentum, das innerhalb eines bestehenden Staats- gebildes, des späten römischen Reichs, entstand und dieses allmählich durchdrang und gestaltete, stieß Moham- med auf der arabischen Halbinsel in ein staatliches Vakuum. Innerhalb von hundert Jahren gelang es dem Islam als „religiös-politischer Bewegung”, so Nagel, im Kampf gegen Andersgläubige einen gewaltigen Raum zu unter- werfen und dort seinen von Allah erteilten Herrschaftsanspruch durchzusetzen. Während die Christen spätestens mit Augustinus erkannten, dass im irdischen Leben kein perfekter Gottesstaat zu errichten sei, blieb diese Einsicht dem Islam fremd. Auch auf Erden muss nach ihm das religiöse Recht, die Scharia, herrschen.
   Es führt aber in eine Sackgasse, wenn heute die Einhaltung von Normen und Vorschriften eingefordert wird, die vor 1400 Jahren in der arabischen Wüste gebräuchlich waren. Bis ins 10. Jahrhundert, so Nagel, konkurrierten allerdings zwei Strömungen innerhalb des Islams. Eine kleine Gruppe von Rechtsgelehrten sah in Koran und Sunna zwar beispielhafte Lebensleitung. Deren normative Aussagen sollten jedoch gemäß wechselnder Zeitumstände stets neu angepasst werden. Diese eher flexible Minderheit unterlag aber der orthodoxen Auffassung. Nach deren Überzeugung regelt der Koran als Allahs wörtliche und endgültige Weisung sämtliche Lebensbereiche - in der Nachfolge der Gemeinschaft von Medina. „In dieser nach Allahs Wort besten Gemeinschaft zählen nur deren Mit- glieder, und selbst diese sind nicht zu einer freien Erörterung der Gesetze befugt, denen sie unterworfen sind”, umreißt Nagel die Problematik.
  Ein derart rigider Islam ist mit Menschenrechten und pluralistischer Demokratie unvereinbar. Den allumfassenden, totalitären Anspruch, der keine außerreligiöse Autorität duldet, brachte Abu Maududi, ein wichtiger Stichwortgeber des heutigen islamischen Diskurses, auf den Punkt: „Der Islam ist keine normale Religion wie die anderen Religio- nen der Welt. Der Islam ist ein revolutionärer Glaube, der antritt, jede von Menschen geschaffene Staatsform zu zerstören.” Dieser religiös-autoritären Position gegenüber kann der freiheitliche Rechtsstaat keine Toleranz üben. Auch die hier lebenden Muslime, die in vielen Großstädten bereits in einigen Jahrzehnten unter der jungen Bevöl- kerung die Mehrheit stellen werden, ruft Nagel auf, entschieden zu widersprechen.
    Der Islam muss sich reformieren, fordert Nagel, indem er Koran und Sunna als historische Dokumente betrachtet und im Licht der Moderne kritisch interpretiert. Dies sei die „Bringschuld der Muslime” - so auch der Titel seines Vortrags. Allerdings scheinen maßgebliche islamische Verbände in Deutschland, fürchtet Nagel, noch weit davon entfernt, den Absolutheitsanspruch der Scharia aufzugeben. Allenfalls unter taktischen Gesichtspunkten sind sie vorübergehend zu Zugeständnissen an den säkularen Rechtsstaat bereit. Tatsächlich förderten sie die Bildung von Parallelgesellschaften. So sei ihr Einsatz für die Legalisierung des Schächtens oder für das Tragen des Kopftuchs im öffentlichen Dienst zu verstehen, meint Nagel. Damit könnten die Verbände ihren Einfluss unter dem Migranten sichern und ausweiten.
   Nagels Analyse findet sich auch in seinem Aufsatz „Islam oder Islamismus? Probleme einer Grenzziehung“ in dem unlängst erschienenen Sammelband „Der Islam. Im Spannungsfeld von Konflikt und Dialog” Foto oben. Dort geht Nagel noch weiter und unterzieht eine umstrittene Stelle der Sure 2 einer kritischen Interpretation. Das oft als Beleg islamischer Toleranz angeführte Zitatbruchstück aus Vers 256 nach dem „kein Zwang” im Glauben herrsche entpuppt sich, so Nagel, bei näherer Betrachtung in Wahrheit als „eine der vielen Drohreden, die der Koran gegen Andersgläubige richtet”. Nur im islamischen Glauben, der nach Mohammed „naturgemäß” ist, gebe es keinen Zwang; alle anderen Religionen aber seien zwanghaft und daher zu überwinden - auch mit Gewalt.
 Das vom ehemaligen bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair herausgegebene Handbuch „Der Islam” VS- Verlag, 29,90 EUR zeichnet sich durch profunde Analysen aus, die Verstöße gegen die politische Korrektheit nicht scheuen.  Zwei Dutzend namhafte Autoren, neben Nagel der Politologe Bassam Tibi, die Islamwissenschaftler Hans-Peter Raddatz, Rainer Glagow und Johannes Kandel sowie Experten für Sicherheits- und Außenpolitik ermöglichen eine Gesamtschau der Auseinandersetzung mit dem Islam. Wer wissen will, was auf dem Spiel steht, muss dieses Buch lesen. PhilipPuckertDTpl051018

Appell für eine neue Islamwissenschaft

  Der Aufschrei nach der Regensburger Rede des Papstes hat gezeigt, dass der Islam größtenteils nicht bereit ist, historisch zu argumentieren. Tatsächlich fehlen dem Dialog mit dem Islam die wissenschaftlichen Grundlagen. Das legt hier der Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig dar, der an der Universität des Saarlandes die Arbeitsstelle Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Frühe Geschichte des Islam” leitet. Der Autor appelliert an die west- liche Islamwissenschaft, sich der historisch-kritischen Methode zu öffnen und damit die Reformkräfte im Islam zu unterstützen.
   Wie eine Revolution wirkte es im Christentum, als man begann, sich seiner Überlieferung - der mündlichen wie der schriftlichen - mit der historisch-kritischen Methode zu nähern. Vieles von dem, was man bisher als vom Himmel gefallen erachtete, wurde nun in seinem historischem Gewordensein sichtbar. Damit öffneten sich hermeneutische Spielräume, eine wortwörtliche Lesart der heiligen Texte schien endgültig obsolet. Das Absolute wird damit nicht negiert, es wird in seinen stets nur relativen Aussagebedingungen begriffen. Mit anderen Worten: Man hat im Zuge der Aufklärung gelernt, die Religion mit (hermeneutischer) Vorsicht zu genießen.
   Diese Sorte Aufklärung haben die islamische Theologie wie auch die Islamwissenschaft noch vor sich - von klei- nen, versprengten Arbeiten abgesehen. Tatsächlich gibt es, wie unlängst Fakhri Saleh gezeigt hat, in der arabi- schen Welt zunehmend Denkansätze, die eine kritische Analyse der islamischen Geschichte versuchen und den Koran und seine Aussagen im Gebiet historischer Fakten zentrieren wollen. Doch abgesehen davon, dass diesen Reformdenkern gehöriger Widerstand entgegengesetzt wird, sind ihre Versuche unzureichend, sie schöpfen nicht aus der Fülle einer kritischen Wissenschaftstradition. Das hängt auch damit zusammen, dass die westliche Islam- wissenschaft sich bisher unfähig erweist, den Reformdenkern substantiell zuzuarbeiten, weil sie selbst die histo- risch-kritische Methode nicht anwendet, so dass der große Rahmen der Tradition immer noch unangetastet bleibt.
   Nun liegen die Anfänge vieler Religionen im Dunkel der Geschichte, auch wenn in ihnen „historische" Stifter- oder besser: Anfangsgestalten eine Rolle spielen; von Buddha, Laotse, Zarathustra, Abraham oder Mose wissen wir nicht viel, auch der historische Jesus ist im Neuen Testament hinter dem Verkündigungsinteresse der Texte nur mühsam aufzuspüren.
   Nur die Anfänge des Islam scheinen gut bekannt zu sein. Er führt sich zurück auf die Verkündigungen Moham- meds, der von 570 bis 632 in Mekka, Medina und wiederum Mekka lebte; bei seinem Tod war er religiöser und poli- tischer Führer der Stämme auf der Arabischen Halbinsel. Nach seinem Tod eroberten seine Anhänger in kurzer Zeit den Vorderen Orient bis an die Grenzen Indiens, Nordafrika und Spanien. Seine Verkündigungen wurden unter seinem dritten Nachfolger in der politischen Leitung, dem Kalifen Osman, 18 bis 24 Jahre nach dem Tod des Propheten, zum heutigen Koran zusammengestellt. So will es die muslimische Tradition, und so übernimmt es die westliche Islamwissenschaft,  von wenigen kritischen Forschern abgesehen.
   Dabei ist schon lange bekannt, dass die Quellenlage für diese Thesen äußerst fraglich ist. Die Anfänge des Islam und die - sehr detaillierte - Biographie Mohammeds werden erst in muslimischer Literatur aus dem neunten und zehnten Jahrhundert literarisch greifbar, in einer Zeit, als Mohammed zur Identifikationsfigur mächtiger Reiche ge- worden war. Für die ersten beiden „islamischen” Jahrhunderte gibt es keine muslimischen literarischen Zeugnisse, vom Koran abgesehen. Aber auch für diesen ist, wie die ältesten Handschriftenfragmente aus der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts zeigen, eine längere Entstehungsgeschichte anzunehmen; die erste Ganzschrift liegt an- geblich im Jahre 870 vor. Schon Ignaz Goldziher, einer der „Väter” der Islamwissenschaft, hat im Jahr 1900 in einem Vortrag an der Sorbonne in Paris davor gewarnt, „die reichen Materialien“ der muslimischen Tradition zur Erklärung der „frühen Kindheit des Islam” heranzuziehen. „Die moderne historische Kritik lässt uns gegen eine solche vorsintflutliche Betrachtungsweise auf der Hut sein.” Leider wurde der Aufruf zu einem historisch-kritischen Umgang mit den Quellen in der Islamwissenschaft seither nicht befolgt, von einzelnen Beiträgen abgesehen, die hierzulande nicht oder nur marginal rezipiert wurden. Beinahe jede neuere Publikation bietet das Leben Moham- meds und die weitere Geschichte in Anlehnung an die muslimische Literatur des neunten und zehnten Jahrhun- derts.
   Geschichte kann aber - annäherungsweise - nur rekonstruiert werden durch den Rekurs auf zeitgenössische Quellen. Nun gibt es eine Fülle an christlicher Literatur, die unter angeblich islamischer Herrschaft verfasst wurde. Aber die christlichen Autoren - Griechen, Syrer, Ägypter - befassten sich ungebrochen mit ihren alten Geschäften: Sie bekämpften in oft voluminösen Schriften je andere christliche Varianten, stritten über Chalkedonismus, Mono- physitismus, Monotheletismus; sie schrieben theologische Traktate, Briefe, Heiligenviten, Chroniken, Apokalypsen. Aber in ihren Schriften kommt, wenn überhaupt, die neue Herrschaft der Araber nur beiläufig, in wenigen Zeilen, vor; zunächst wird sie als positiv empfunden, bald aber als eine Last und in den Apokalypsen als eine endzeitliche Bedrohung. Nirgends aber wird eine neue Religion, der Islam, erwähnt. Johannes von Damaskus (gestorben um 750), dessen Vater und zeitweise er selbst Beamte am Hof von Damaskus waren, bezeichnet die Religion der Araber als eine christliche Häresie, weil sie die Gottessohnschaft Jesu bestreitet. Ebensowenig ist von arabischen Invasionen die Rede.
   So bleibt für eine Rekonstruktion der tatsächlichen Geschichte nur der Rekurs auf die zahlreichen Münzprä- gungen der arabischen Herrscher. Entlang dieser Münzgeschichte kommt man zu erstaunlichen Ergebnissen. Es ist deshalb wichtig, einen Moment bei diesem Thema zu verweilen. Hier beziehe ich mich auf die Arbeiten des Numismatikers Volker Popp; diese sind in der Regel datiert und geben auch die Prägestätten an. Münzprägungen arabischer Herrscher gibt es seit dem Jahr 641, dem Todesjahr des griechischen Kaisers Herakleios und zugleich des Zusammenbruchs der sassanidischen Herrschaft in Mesopotamien.
  Diese Münzen sind datiert nach Jahren „gemäß den Arabern”. In einer Inschrift an den Bädern von Gadara, Galilä, mit dreifacher Datierung (byzantinisch, nach der Geschichte der Stadt und nach den Arabern) handelt es sich um Sonnenjahre, die seit dem Jahr 622 gezählt wurden. In diesem Jahr hatte Kaiser Herakleios die Perser vernichtend geschlagen, zugleich aber eine Reichsreform begonnen, die eine Ausgliederung des bisher byzantinischen Nahen Ostens aus dem Römischen Reich brachte. Zwanzig Jahre später brach das Sassanidische Reich endgültig zusam- men. Nach 622 konnten arabische Stämme, die schon seit langem im ganzen Vorderen Orient siedelten, die Selbstherrschaft übernehmen, betrachteten sich aber zunächst noch als Verbündete (arabisch: Quraisch) des Kaisers. Nach dessen Tod und der gewaltsamen Vertreibung seines Sohnes und seiner Witwe fühlten sich die arabischen Herrscher frei von Verpflichtungen. Zeichen der neuen Autonomie sind die eigenen Münzprägungen. Diese aber sind ihrer ikonographischen Gestaltung nach christliche Münzen; eingeprägt sind Kreuze, Herrscher mit Langkreuz oder sonstigen eindeutigen Symbolen; die Prägeherren waren Christen.
   Die älteste Münze mit der Prägung MHMT in aramäischer Schrift stammt aus dem Osten Mesopotamiens, ebenfalls begleitet von Kreuzsymbolen. Münzen dieser Art nahmen ihren Weg von Osten, wo es schon lange ein 241 v. Chr. von den Sassaniden erobertes Reich Arabiya gegeben hatte, nach Westen, nach Palästina.
   Dort wird das MHMT zunächst am Rand in arabischer Schrift erläutert: muhammad. Bald ersetzt muhammad die aramäischen Buchstaben ganz. Muhammad heißt „der zu Preisende” oder „Gepriesene” (benedictus); gemeint ist nach der Gestaltung der Münzen Jesus.
   Diese Interpretation wird vertieft durch die Inschrift, die der Herrscher ‘Abd al-Malik in dem vom ihm im Jahre 691 auf dem Sionsberg in Jerusalem errichteten Felsendom anbringen ließ, in der es, nach Christoph Luxenberg, heißt: „Zu loben ist (muhammad) der Knecht Gottes und sein Gesandter. ... Denn der Messias Jesus, Sohn der Maria, ist der Gesandte Gottes und sein Wort.” Der Felsendom überdacht den Felsen auf dem Tempelberg, der nach syrischer Theologie Christus symbolisiert. Fortan werden auf den Münzen die Kreuzsymbole durch ein Steinidol ersetzt, Zeichen einer neuen arabischen Reichskirche, die sich von den Byzantinern und den zeitgenössischen syrischen Christen unterscheidet.
   Muhammad war demnach also ursprünglich ein christologischer Titel, wie auch die Prädikate Knecht Gottes ('abd- allah),  Prophet, Gesandter, Messias. Das Prädikat muhammad hat sich später von seinem Bezugspunkt Jesus gelöst und wurde in der Gestalt eines arabischen Propheten mit dem Namen Mohammed historisiert, der zweite Titel 'abd-allah wurde zum Namen des Vaters des Propheten; diese Historisierung eines christologischen Prädikats erfolgte schon in der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts. Gegen Ende des achten und im frühen neunten Jahrhundert, als sich die koranische Bewegung als eigenständige Religion, als Islam, etablierte, wurde Mohammed zum Stifter dieser Religion, und die Geschehnisse wurden in die Heimat der Araber verlegt.
   Im Koran selbst findet sich der Begriff muhammad nur viermal, nur an einer Stelle ist mit Gewissheit der arabi- sche Prophet gemeint. Auch sonst fehlen in ihm eindeutige geographische Hinweise auf die Arabische Halbinsel: Einmal wird der „Talgrund von Mekka” und dreimal Medina (der Wortbedeutung nach: Stadt) erwähnt. So kommt auch Patricia Crone in einem gerade erschienenen Aufsatz zu der Überzeugung, die Anfänge des Islams stammten nicht von der Arabischen Halbinsel. Anzunehmen ist, dass die ältesten koranischen Materialien wie auch das christologische Prädikat muhammad aus Gebieten weit im Osten von Mesopotamien kommen, wo eine ältere Form der syrischen Theologie vertreten wurde, die die Beschlüsse des Konzils von Nizäa im Jahr 325 (der Sohn ist „gleich wesentlich mit dem Vater”) nicht kannte und später auch ablehnte. Jesus ist für sie Knecht Gottes, Gesandter, Prophet, der Gepriesene.
   Die koranische Bewegung hat also eine syro-aramäische Vorgeschichte; wie sich mittlerweile zeigen lässt(Christoph Luxenberg - siehe: oben), basiert der Koran sogar auf einer syrischen Grundschrift. Diese wurde zur Zeit Abd al-Maliks und seines Sohnes al-Walid in eine arabisch-syrische Mischsprache umgeschrieben. Bis gegen Ende des achten Jahrhunderts verstanden sich die koranischen Sprüche als eine Art von christlichem Lektionar zur Bekräftigung von Tora und Evangelium. Im Lauf der Zeit wurden weitere Sprüche ergänzt: zum Beispiel die „Straf- legenden”, rechtliche Regelungen und „nicht-christliche” Aussagen.
   Leider gibt es bis heute keine historisch-kritische Koran-Exegese. Die Islamwissenschaft blockiert sich selbst durch dogmatische und unhistorische Vorgaben: alle Sprüche des Koran gehen auf Mohammed zurück; seine Predigt wurde unter dem Kalifen Osman gesammelt; die heute gebräuchliche Koranausgabe aus dem Jahr 1925 in Kairo stimmt mit dem Osmanschen Koran überein; der Korantext bietet reines Arabisch.
   Bisher gibt es immer noch keine kritische Textedition des Koran auf der Grundlage der alten Handschriften, ebenso wenig ein etymologisches Wörterbuch der Koransprache. Zum Studium der Islamwissenschaften werden Kenntnisse des Arabischen, Persischen und Türkischen, beiläufig auch ein Hebraicum gefordert. Zum wissen- schaftlichen Umgang mit dem Koran fehlt aber ein wichtiges Erfordernis: die Kenntnis der syro-aramäischen Sprache, damals seit vielen Jahrhunderten die lingua franca dieses Raums. So werden koranische Aussagen in ihren Inhalten verlesen und nach ihrer arabischen Interpretation seit dem neunten Jahrhundert verstanden. Die sinnvolle Einbeziehung des Persischen beschränkt sich auf Dokumente der späteren irani- schen Tradition.  Die ebenfalls schon von I. Goldziher geforderte Berücksichtigung des persischen Anteils (und damit auch seiner Religion, des Zoroastrismus) am  Islam kommt nicht zur Sprache, obwohl der Koran zentrale Begriffe, zum Beispiel Din, oder auch Motive aus der persischen Tradition übernommen hat, deren Bedeutung durch eine einseitig arabische Interpretation nicht zugänglich wird. Eine bloß arabische Philologie reicht nicht aus.
   Der Koran harrt also noch seiner wissenschaftliche Bearbeitung auf der Basis einer textkritischen Edition, einer sachgerechten Erfassung seiner Inhalte und Begriffe, einer traditions- und theologiegeschichtlichen Platzierung seiner Sprüche.  FAZKarl-HeinzOhlig061121 

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Nicolai Sinai antwort auf diese Thesen von Karl-Heinz Ohlig:

  “Akzeptiert man den allgemeinen Rahmen der islamischen Geschichtserzählung, so fällt auch Ohligs zentrale These, “muhammad” sei ein christologischer Hoheitstitel und kein Eigenname. Dagegen spricht insbesondere eine genaue Lektüre der von Ohlig zitierten Inschrift im Jerusalemer Felsendom. Nach einer kurzen Einleitung folgen hier zwei Textabschnitte, die sich wie ein Diptychon ergänzen: Im ersten Abschnitt heißt es, Mohammed sei ein Diener und Gesandter Gottes; der zweite Abschnitt hält fest, “Jesus, der Sohn Marias”, sei ein Gesandter Gottes - aber eben nicht dessen Sohn, wie es das Christentum lehrt. Die sprachliche Parallelität der beiden Aussagen “muhammad / Jesus ist der Gesandte Gottes” macht es außerordentlich wahrscheinlich, dass sie auch semantisch analog sind; “muhammad” ist folglich als Name einer von Jesus verschiedenen Persönlichkeit und gerade nicht als christologischer Hoheitstitel zu verstehen.
   Richtig ist bei Ohlig immerhin, dass Johannes von Damaskus den Islam als eine christliche Häresie unter anderen abhandelt, und weitere frühe griechische und aramäische Quellen die Araber nur als Eroberer und noch nicht als Vertreter eines neuen und eigenständigen Monotheismus zeichnen.
   Auch der Deutung der von Ohlig angeführten frühislamischen Münzbefunde widerspricht Nicolai Sinai. “Muss man aus der Tatsache, dass noch Jahrzehnte nach der arabischen Eroberung Imitationen byzantinischer Münzen mit christlicher Bildsprache geprägt werden und der Name Mohammeds erstmals Ende des siebten Jahrhunderts auftaucht, schließen, Mohammed sei lediglich eine späte Fiktion? Historikern des christlichen Mittelalters ist ver- traut, was man die funktionsbedingte Konservativität des Mediums Münze nennen könnte: Der Wert eines Geld- stücks beruht darauf, dass es von der Bevölkerung als Zahlungsmittel anerkannt und verwendet wird - weshalb gerade hier Innovationen seitens der neuen Machthaber, die zudem eher mit weiteren Eroberungszügen als administrativen und fiskalischen Reformen beschäftigt gewesen sein dürften, nur äußerst behutsam durchsetzbar waren.” FAZ061228 

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Wie viel Koran-Exegese ist erlaubt? Wie viel Aufklärung ist möglich? Prof. Dr. Felix Körner SJ  Foto oben: Frühe Interpreten wussten, dass uns der Offenbarungsanlass heute anders als die ersten Muslime verpflichtet.

   Was will der Koran dem Muslim mit seinen einzelnen Geboten im heutigen Alltag sagen? Darüber machen sich Korangelehrte Gedanken, indem sie fragen, in welchen historischen Zeitumständen die Worte Gottes im Koran gesprochen wurden, womit sie dann die heutigen Zeitumstände vergleichen und fragen, wie daraufhin die Suren aktualisiert werden können.
   Die Jesuiten haben ihrer römischen Universität vor zehn Jahren ein aufregendes Geschenk gemacht: Der Orden gründete an der Päpstlichen Universitas Gregoriana, die Katholiken aus 135 Ländern der Welt besuchen, ein neu- artiges Institut. Christen und Nichtchristen sollten gemeinsam Glaubensfragen studieren können, um sich auf ein verständnisvolles Miteinander der Religionen und Kulturen vorzubereiten. Inzwischen floriert die Einrichtung: Junge Imame und Priester aus aller Welt haben bereits einen Master am Institut „ISIRC" erworben, und derzeit sitzen 25 begabte Nachwuchskräfte des Religionsdialogs in den Vorlesungen und Tutorien.
   Einmal geht es um „Offenbarungsverständnisse in Christentum und Islam", einmal um „Grundtexte des Buddhis- mus". Die Dozenten sind ein ebenso buntes Gemisch wie die Studentenschaft. Die italienische Dogmatikerin, der deutsche Religionswissenschaftler, der Dominikaner aus Istanbul oder die Schwester vom Franz-Xaver-Zentrum Kyoto, aber auch die schiitische Perserin und der islamische Theologe aus Tunesien: sie gestalten zusammen ein Lehrprogramm, das die Studenten auf ihre zukünftige Arbeit als Brückenbauer vorbereitet. Wärend einige Wissen- schaftler, auch muslimische, fest angestellt sind, hat das Institut stets auch eine Reihe von Gastdozenten. Zu den eingeflogenen Gästen zählte kürzlich ein türkischer Koranexeget. Er hielt ein Seminar zur frühen Auslegungs- geschichte des Koran, seinem Forschungsgebiet, aber er wurde auch zu einem einem Vortrag gebeten, in dem er vor der Universität und ihren Freunden die Frage beantworten sollte: Können Muslime den Koran auslegen?
   Die Veranstaltung war gut besucht, das Thema „zieht". Der Türke zeigte detailverliebt, wie sich die muslimischen Koranausleger der ersten Jahrhunderte über die Bedeutung einzelner Anweisungen stritten. Dass es Koranaus- legung nach wissenschaftlichen Kriterien tafsir seit jeher in der islamischen Eigenreflexion gibt, war vielen Zuhö- rern neu. Einige Interessierte aber warfen dem Referenten in der anschließenden Diskussionsrunde vor, er habe ja nur die „unschuldigen" Beispiele gewählt. Denn dass die eine Auslegungsrichtung meint, man müsse sich bei der rituellen Reinigung bis zum Ellenbogen waschen, die andern sich aber mit den Händen begnügen — das seien ja wohl keine ernst zu nehmenden Streitthemen. Was aber, so die zum Teil hitzigen Einwände, unternimmt die Koranforschung mit den problematischen Versen, die beispielsweise aufrufen zum Töten der Ungläubigen, „wo immer ihr sie findet" Sure2 Vers 191?
   Der türkische Gast begann zu verstehen, worum es seinen europäischen Geprächspartnern geht. Der Wissen- schaftler konnte bei seinem Auslandsaufenthalt ein neues Problembewusstsein entwickeln. Er fühlt sich jetzt in die Anfragen der westlichen Öffentlichkeit ein. Man befürchtet, dass eine in westlichen Gesellschaften zunehmende muslimische Präsenz sich durch ihre Grundquellen, also vom Koran und dem Vorbild Muhammads her, zu einem inkompatiblen sozio-politischen Modell verpflichtet sieht. Denn Errungenschaften im Zusammenleben der letzten Jahrhunderte wie ein plurales Miteinander in menschenwürdiger Rechtsstaatlichkeit scheint der Koran abzulehnen. „Dem Dieb oder der Diebin" sei die Hand abzuschlagen 5:38, und oberster Gesetzgeber seien Gott und sein Gesandter 4:69.
   Ihre Grundfrage ist häufig, wie in den Herausforderungen der Gegenwart die Sicherheit zu erlangen sei, den Gotteswillen richtig zu erfüllen. Der türkische Gast an der Gregoriana wird sich nie den Verdacht zuziehen, ein Modernist zu sein. Daher hat sein Wort muslimischerseits Wirkkraft.
   Aber wie geht er nun mit den schwierigen, offenbar nicht mit einer säkularen Pluralität vereinbaren Koranstellen um? Er fragt ganz klassisch zuerst nach dem „Offenbarungsanlass“, dem sabab an-nuzul: bei welcher Gelegenheit hat Gott diesen Vers herabgesandt? So befanden sich ihm zufolge die Muslime, als der Auftrag zum Töten der Ungläubigen erging, in einem  Kriegszustand, der das Überleben der Gemeinde in Frage stellte. Wie die frühen Koranausleger sagt der Koranexeget aus der Türkei auch heute: Dieser Zustand hat sich gewandelt, der Islam ist inzwischen etabliert, daher fordert der Text uns keineswegs auf, heute noch Ungläubige zu töten!
  Ein anderer bereits früher Interpretationsschlüssel ist die Frage nach der Absicht maqsad des Textes. Was wollte der betreffende Koranvers bewirken? Diebstahlbestrafung will Eigentum sichern. Was die Anweisung also für alle zukünftigen Generationen will, ist:die Gesellschaft soll garantieren, dass geschützt ist, was mir oder und dir gehört.
   Kann man historisch-kritisch mit dem Koran umgehen? Die Frage verneinen die meisten Muslime, weil sie ab- sichern wollen: Der Koran ist doch Wort Gottes. Wer sind wir, dass wir ihn kritisieren könnten? Für die islamische Auslegung muss stets sichergestellt sein, dass man heute nicht schlauer sein will als der heilige Text. Insofern also ist man nicht historisch-kritisch.
   Der Gastdozent kommt aus einer lebendigen wissenschaftlichen „Szene“. In der Türkei gibt es fast zwei Dutzend theologische Fakultäten der Muslime, darunter auch jene, die seit Jahren wegen ihrer Modernität für deutsche Schlagzeilen sorgt. Man spricht von der „Ankaraner Schule“ und glaubt, dort werde die islamische Reformation ausgebrütet. Tatsächlich wird an den islamisch-theologischen Fakultäten der Türkei, die ähnlich konstituiert sind wie ihre christlichen Vorbilder an staatlichen Universitäten in Deutschland, seriöse Wissenschaft betrieben. Einige Muslime nutzen beispielsweise die abendländische Philosophie des Textverstehens, um neue Wege der Koran- auslegung zu weisen. Zu ihnen gehört auch der inzwischen in Frankfurt lehrende Exeget Omer Özsoy. Beim Koran handle es sich um ein Anrede-Geschehen, vertritt er in Anlehnung an den französischen Philosophen Paul Ricceur. Daher sei keine Koranstelle verständlich ohne ihren damaligen Bezug. Der Korantext müsse aus seinem damaligen Kontext verstanden werden, sonst werde er missverstanden.
   Andere Ausleger sind hier kurzschlüssiger. Sie finden alles Moderne bereits ausdrücklich im Koran erwähnt. Der Koran, so kann man bei nicht wenigen arabischen wie türkischen Populisten lesen, habe Weltraumfahrten ebenso vorausgesagt, wie er mit der Erwähnung einer Ratsversammlung schura Demokratie verlange. Der Gast aus der Türkei lehnt derartige Schnellschüsse als unhistorische und künstliche Rückprojektionen ab. Auch die westliche Tradition reflektierter Textauslegung verwendet er für eine Lesart nicht. Er möchte keine fremden Lichter auf den Koran werfen, sondern fragt klassisch: Wie haben die ersten Hörer den Koran verstanden? Um dies heraus- zufinden, bedient er sich aktuellster historischer Methodik. Er vergleicht und filtert Tausende von Nachrichten, die präzise sprachliche Erklärungen übermitteln, wie sie frühe Muslime gaben.
   Gerade weil der Rombesucher aus der Türkei nicht originell ist, führt seine Koranauslegung weiter. Er kennt den Koran auswendig und versucht, ihn treu zu leben. Das macht ihn zu einem glaubwürdigen Orientierungspunkt für heutige Muslime.
    Was dasteht, gilt. So antwortet man, um sich selbst zu vergewissern, dass man sich nicht über Gott erhebt. Aber was meinen westliche Fragende denn, wenn sie wissen wollen, ob es eine historisch-kritische Koran- auslegung gibt? Sie wollen sicher sein, dass sich Muslime nicht verpflichtet fühlen, aus Glaubensgründen zu mor- den oder polygam zu leben. Und hier ist sich auch ein traditionsverbundener Koranwissenschaftler wie der türki- sche Rom-Besucher sicher: Wer die Auslegungsgeschichte ansieht, sieht auch die Klugheit der frühen Interpreten. Ein neuer Lebensumstand verlangte immer auch ein neues Textverstehen. Der Wortlaut wurde stets ernst genom- men, aber im Bewusstsein, dass es einen einzigartigen Offenbarungsanlass gab, der die Menschen heute anders verpflichtet als die ersten Muslime. Der Verweis auf innermuslimische Auslegungstraditionen führt weiter als die von außen an islamische Gemeinschaften herangetragene Forderung, man müsse das Gotteswort kritisieren. Denn wer Kritik am Wortlaut einfordert, bewirkt lediglich, dass viele muslimische Gesprächspartner dagegenhalten: Wir können den Koran nur wörtlich nehmen. Wörtlich aber heißt, wie sie aus der eigenen Interpretationsgeschichte wissen, dass man kluge Fragen stellen darf.
   Nehmen wir Sure 24:33. „Allah lässt Tag und Nacht einander ablösen. Das ist ein Grund zum Nachdenken für diejenigen, die Einsicht haben.“ So überlegt der Tunesier Muhammad Talbi nun, welche Lebenshaltung vom Koran gefordert und vorausgesetzt wird. Man findet: Beobachtungsfreude, Nachdenklichkeit und die Bereitschaft, aufgrund von Erkenntnis auch einschneidende Änderungen im eigenen Leben vorzunehmen, nämlich sich zum Schöpfer, Ordner und Richter der Welt zu bekehren. Zu einem derartigen Lebenswandel aus Einsicht aber ist nur imstande, wer frei ist. Wer also den Wortlaut des Koran ernst nimmt, kann die Entwicklungen in einer Kultur der Wissenschaft und Selbstkritik, von Verständnis und Freiheit nur begrüßen.
Felix Körner SJ, Professor an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Leiter des Istituto di Studi Inter- disciplinari su Religioni e Culture und Dekan der Missionswissenschaftlichen Fakultät. DT100828

Islamexperte: „Muslimische Denker fördern und herausfordern“
  
Demonstrationen im Jemen, Unruhe auf dem Tahrir-Platz in Kairo, mehrere Mitglieder der Familie Mubarak in Untersuchungshaft: Die „Arabellion“ geht weiter. Dabei hat es viele überrascht, wie wenig bislang der Islam eine sichtbare Rolle in den Revolten spielt. Der Jesuit und Islamexperte Felix Körner leitet das Institut für interdisziplinäre Kultur- und Religionsstudien an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.
Stefan Kempis fragte Pater Körner, was der Islam mit der „Arabellion“ zu tun hat.
   „Ich habe einer ganzen Reihe meiner muslimischen Freunde genau diese Frage gestellt: Kommt der Arabische Frühling aus einem islamischen Impuls? Und sie haben das alle verneint und gesagt: Hier spielte ein Freiheits- gedanke eine Rolle, man will eventuell europäischer werden, gerechter leben und gegen Korruption kämpfen – aber keiner hat etwa gesagt: Da war ein Wort aus dem Koran ausschlaggebend. Das hat mich sogar ein bisschen enttäuscht, muss ich sagen, weil ich denke: Es gibt doch auch im Koran und in der islamischen Überlieferung Rechte, an die man sich heute erinnern kann und die man heute einfordern könnte! Aber wir müssen sagen, dass diese Rechte hier an vorderster Front nicht zu hören waren.
   Warum eigentlich nicht? Weil man offenbar fürchtet: Wenn man jetzt den Islam zu laut ausruft und zu groß auf die Flaggen schreibt, dann wird das Ergebnis auch nicht nur kulturell-islamisch identifiziert sein, sondern wird zu leicht ins Islamistische umkippen, wird dann also doch den gefürchteten Scharia-Staat hervorrufen...“
Kann man denn sagen: In den Ländern, in denen die Revolte ausgebrochen ist, ist der Islam noch nicht so weit gewesen, sich auf eine solche freiheitliche Revolte draufzusetzen? Ist er gewissermaßen auf dem falschen Fuß erwischt worden
   „Es gibt in der arabischsprachigen islamischen Welt tatsächlich im Moment ganz wenige muslimisch identifizierte, vielleicht als Theologen arbeitende Denker,  die für einen modernen islamischen Rechtsstaat bzw. Freiheitsstaat argumentieren und arbeiten. Davon gibt es noch zu wenige, und darum war man nicht genug auf eine solche Be- wegung intellektuell-islamisch-theologisch vorbereitet. In anderen Ländern könnte man sie – außerhalb der arabi- schen Welt – schon leichter finden. Aber ich denke, da haben wir jetzt auch eine spannende Aufgabe als theologi- sche Gesprächspartner christlicherseits, solche muslimische Denker zu fördern und auch herauszufordern, neue Bahnen in ihrem theologischen Denken zu gehen.“
Die Menschen in Ländern wie Ägypten oder Syrien rufen: Tahrir, Hurriat – Freiheit! Das kommt aber im Koran gar nicht vor, nicht wahr? Am ehesten finden wir noch das Wort: adl – Gerechtigkeit. Wo ist denn das Prinzip in Koran oder Hadith (also der islamischen Überlieferung), an das sich jetzt anknüpfen ließe, wenn man denn wollte?
   „Der beste Anknüpfungspunkt ist die Frage: Was macht der Koran eigentlich? Der Koran ist ein permanenter Bekehrungsruf: Wende dich dem einen Gott zu! Und was bedeutet es, wenn mich jemand hier anruft: Wende dich dem einen Gott zu? Es bedeutet: Du hast die Möglichkeit, heute eine Lebensentscheidung zu treffen! Der Koran setzt also permanent eine Freiheit zur Entscheidung voraus – er enthält also implizit, indirekt, sehr wohl ständig das Denken, dass der Mensch frei ist, jetzt sein Schicksal in die Hand zu nehmen und Gott anzuvertrauen, jetzt sich zu bekehren, jetzt seine Lebenskehre vorzunehmen. Der Koran ist also ein Wort der Freiheit an freie Men- schen!“
rv110414sk

buc-Khorchide-Islam..-x      Das aktuelle Buch Islam ist Barmherzigkeit

Ein muslimischer Gelehrter wagt eine Neuinterpretation des Korans

   Er ist einer der bekanntesten muslimischen Gelehrten in Deutschland, gerade einmal 41 Jahre alt und will nicht weniger, als den Islam aus seinen zentralen Schriften von innen heraus zu reformieren: Mouhanad Khorchide, seit zwei Jahren Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster. In seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit - Grundzüge einer modernen Religion" versucht er, anhand des Korans zu erklären, warum auch der Gott der Muslime ein liebender Gott sei, der die Menschen einlädt, Gutes zu tun - also kein „Richtergott", der anhand zählbarer Taten am Ende über den Verbleib des Menschen im Paradies oder der Hölle entscheidet. Damit setzt er sich klar ab etwa von Bassam Tibis Versuch, einen „Euro-Islam" zu formen, der lediglich die Trennung von Staat und Religion akzeptieren und weltliches Recht über die Scharia stellen sollte. Khorchide packt das Problem an der Wurzel des Glaubens.
   Die Eigenschaft, mit der Gott im Koran am häufigsten beschrieben werde, sei die Barmherzigkeit, schreibt Khorchide. Gott sorge sich um den Menschen, suche seine Nähe, wie er anhand zahlreicher Koranverse begründet. Er wolle jedoch keine „Herr-Knecht-Beziehung gestalten, sondern eine Freundschafts-, ja Liebesbeziehung". Daher diene die Religion „nicht dazu, den Menschen zu bevormunden, ihm Instruktionen vorzuschreiben, ihn seiner Freiheit zu berauben oder seine Vernunft zu unterdrücken." Viele Muslime projizierten ihre Vorstellung von einem mächtigen Familienoberhaupt oder von einem archaischen Stammesvater, dem man unhinterfragt gehor- chen und sich unterwerfen müsse, auf ihre Vorstellung von Gott. Der Islam wolle aber etwas ganz Anderes: „Dem Menschen Sinn für sein Leben geben und ihm die Möglichkeit bieten, eine Beziehung zu Gott aufzubauen".
  Leider werde der barmherzige Gott in der islamischen Theologie wie im Volksglauben kaum wahrgenommen. Stattdessen herrsche eine „schwarze Pädagogik" vor, die dem Menschen haarklein vorschreibe, was er zu tun und zu lassen habe.  Folge er den Regeln nicht, lande er in der Hölle - der Ort, der auch für Nichtmuslime vorgesehen ist. Nur wer regeltreu lebe, dürfe im Jenseits die Genüsse des Paradieses genießen: Essen, Trinken und sexuelles Vergnügen im Überfluss. Khorchide geißelt diese Gesetzestreue und erinnert damit an Martin Luthers Kritik an der Werkgerechtigkeit: Zur Reformationszeit war die Kirche in Gefahr, Frömmigkeitsübungen und Ablasszahlungen wichtiger zu nehmen als den Kern der biblischen Botschaft.
   Khorchide verbindet die Kritik am Bild eines furchteinflößenden Richtergottes, das im Islam vorherrsche, mit einer Kritik an den politischen Verhältnissen in vielen arabischen Ländern. Dort „hat die Diktatur im Namen der Religion eine lange Geschichte", schreibt er. Nicht selten sei es zu einer Allianz zwischen weltlichen und geistlichen Macht- habern gekommen, die ihre Stellung in der Gesellschaft dadurch wechselseitig bewahren wollten. Khorchide, der als Sohn palästinensischer Flüchtlinge im Libanon geboren wurde, wuchs als staatenloser Ausländer im streng religiösen Saudi-Arabien auf. Als er zum Studium der Soziologie nach Wien ging, erlebte er, dass dieser Staat der vermeintlich Ungläubigen ihn um ein Vielfaches besser behandelte als Saudi- Arabien, die Wiege des Islams: Er konnte sich krankenversichern und bekam die österreichische Staatsbürgerschaft.
   Später nahm er ein Fernstudium der Islamwissenschaft in Beirut auf, wo er im Haus seiner Großeltern religiöse Toleranz gegenüber Christen kennengelernt hatte. Er war als Imam tätig und erteilte islamischen Religions- unterricht. Seine Dissertation wurde ein Fanal: Er befragte die Hälfte der 400 islamischen Religionslehrer in Österreich und fand heraus, dass ein Drittel „rechtsstaatliche Prinzipien" ablehnte und ein Fünftel die Demokratie. Nahezu 14 Prozent hielten die Teilnahme an Wahlen für unvereinbar mit dem Islam. Darauf kam es zum Konflikt mit den dortigen muslimischen Verbänden, Khorchide verlor seine Lehraufträge.
   Für ihn kam die Errichtung der vier Islamischen Zentren an deutschen Universitäten also gerade zum richtigen Zeitpunkt. Khorchide plädiert dafür, im Islam mehr zu sehen als nur ein das Regelsystem eines „Diktator-Gottes". Er nennt es eines Menschen „unwürdig", lediglich aus Furcht vor der Hölle Verbote zu befolgen. Als wesentliche Werte, die der Koran vermittle, nennt Khorchide: „Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Unantastbarkeit der mensch- lichen Würde und die soziale Verantwortlichkeit". Das bringt Khorchide zur Kritik daran, dass in der Arabellion die islamische Theologie praktisch keine Rolle gespielt habe, etwa um die Herrschaft von Oligarchien und Militärs in Ägypten vor 2011 zu beenden. „Ein richtig verstandener Glaube leistet aber einen Beitrag zur Freiheit",schreibt er. Schon ist eine arabische Ausgabe in Vorbereitung.
Mouhanad Khorchide, „Islam ist Barmherzigkeit - Grundzüge einer modernen Religion". Herder Verlag Freiburg 2012, 220 Seiten, 18,99 Euro. FAZ121013UtaRasche

BuKoranKi-x     Der Koran für Kinder und Erwachsene

Aufklären und Verschweigen. Eine Koranausgabe für Kinder zieht Kritik strenggläubiger Muslime auf sich.

   Lamya Kaddor ärgert sich über die Unwissenheit muslimischer Kinder und Jugendlicher über den Koran. Die meisten sind dem Islam eng verbunden, aber sie kennen den Koran nicht. Viele können die Verse (Suren) im arabischen Original nicht lesen - sie können sie also überhaupt nicht lesen. Sie kennen einzelne Worte nur auf Arabisch und können sich nichts darunter vorstellen, weil sie im deutschen Sprachraum aufwachsen. Andere finden so wenig Zugang zum Koran wie christliche Kinder zur Erwachsenenbibel.
    Der Koran macht die Lektüre schon deshalb besonders schwierig, weil die 114 Suren weder thematisch noch chronologisch, sondern ihrer Länge nach geordnet sind, so dass Wiederholungen und Zusammenhanglosigkeit zum Programm gehören. Um inhaltliche Zusammenhänge herzustellen, hat die junge Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor gemeinsam mit der Konvertitin Rabeya Müller einen Kinderkoran im C. H. Beck Verlag herausgebracht, der die Lektüre des Originals keineswegs ersetzen, sondern den Weg dorthin ebnen soll. Lamya Kaddor lehrt als Vertretungsprofessorin islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und unterrichtet seit fünf Jahren an einer Hauptschule in Nordrhein-Westfalen Islamkunde.
   Die beiden Frauen begehen dabei mehrere Sakrilege, die ihnen schon jetzt erheblichen Gegenwind von streng- gläubigen Muslimen eingebracht haben. Sie benutzen das Offenbarungsbuch als Quelle und ordnen die Verse völlig neu. Die Kapitel sind thematisch geordnet und auch so konzipiert, dass sich interreligiöse Vergleiche für nichtmuslimische Kinder und Erwachsene leichter anstellen lassen. So beginnt der Kinderkoran nach der arabi- schen Eröffnungsformel „Im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen” mit einem erstem Kapitel über Gott. Es folgen weitere über die Schöpfung, die Mitmenschen, Propheten und Gesandte, Mohammed, Ibrahim, über Musa, der seine Kindheit in Ägypten verbringt, und Isa, den Sohn Maryams (Parallelfigur zu Jesus), über vor- bildliche Frauen, über das Paradies und über die Hölle. Links findet sich der arabische Text, rechts eine allgemein- verständliche deutsche Übersetzung in einer für größere Kinder und Erwachsene leicht lesbaren Form. Der Beginn der einzelnen Suren ist symbolisch gekennzeichnet.
   Weit größeren Anstoß als die thematische Ordnung der Suren erregten jedoch die Miniaturen der islamischen Tradition. In ihnen werden auch Propheten und der Erzengel Gabriel mit Gesichtszügen gezeigt. Die Autorinnen haben sie nicht wegretuschiert und begründen ihre Entscheidung damit, jüngeren Lesern einen unverstellten Zugang  zur islamischen Kunst bieten zu wollen. Eltern, Lehrer oder Erzieher sollten die jugendlichen Leser auf das Bilderverbot im Islam hinweisen, meinen die Autorinnen. Jedenfalls wollen sie die Miniaturen nicht als Her- ausforderung, sondern als Hochachtung vor der künstlerischen Tradition des Islam verstanden wissen. Sie wollen das frühere Verständnis im alten Persien und im Osmanischen Reich wiederbeleben, wonach Gott niemals ab- gebildet werden darf, der Prophet indessen schon. Die liberaleren Betrachter werden um die kostbaren Bilder froh sein. Denn sie sind wegen des Bilderverbots so gut wie nie zu sehen. Überhaupt ist der Kinderkoran eine ausge- sprochen bibliophile Ausgabe, die vor allem durch die Erläuterungen im Anschluss an jedes Kapitel gewinnt. Ob es wirklich sinnvoll ist, nur von mutigen Frauen im Koran zu berichten und Maria als „Prototyp einer selbständigen Frau" darzustellen, die nach westlich-aufgeklärtem Verständnis gewalttätigen Verse wie den Prügelvers (ein Mann darf seine Frau schlagen) jedoch zu verschweigen, ist fragwürdig. Das gilt auch für die Unterschlagung von Scharia oder Dschihad.
   Die Absicht der Autorinnen ist es ganz offensichtlich, einen liberalen, gewaltfreien und mit der Moderne kom- patiblen Islam zu zeigen und nicht etwa die üblichen westlichen Reflexe (Zwangsheirat, Ehrenmorde, Terror) her- auszufordern. Etwas gewollt wirkt die geschlechtergerechte Sprache in den Kommentaren (Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen, Musliminnen und Muslime). Aber christliche Didaktiker wird das nicht überraschen: Auf der gezielten Auswahl beruht auch das Prinzip der Kinderbibeln, die durchaus die Apokalypse und die strafenden Seiten Gottes beiseitelassen oder besänftigen. Die Verdienste des Korans für Kinder werden dadurch nicht ge- schmälert.  FAZ080918oll. Der Koran für Kinder und Erwachsene. Übersetzt und erläutert von Lamya Kaddor und Rabeya Müller C. H. Beck Verlag 2008. 236 Seiten. 19,90 Euro

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Forscher: Koran möglicherweise älter als Prophet Mohammed

Wie alt ist der Koran? Alte Frage, neu gestellt
   Die kürzlich entdeckten Fragmente der mutmaßlich ältesten Koranhandschrift könnten nach Auffassung des Islamwissenschaftlers Marco Schöller Vermutungen stützen, dass die Entstehung des Koran schon in die Zeit vor Mohammed zurückgeht. Einer Hypothese zufolge habe der Prophet „bereits vorhandene Texte aus einer arabisch- monotheistischen Tradition“ verwendet, schreibt der in Münster lehrende Wissenschaftler in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung. Für eine solche Annahme sprächen auch inhaltliche Gesichtspunkte. Erhärten ließe sich diese Hypothese allerdings nur, „wenn noch weitaus ältere Koranhandschriften ans Licht kommen sollten“.
   Britische Wissenschaftler hatten kürzlich in der Sammlung Mingana in Birmingham die möglicherweise ältesten bekannten Koranfragmente entdeckt.  Der Koran fand der Überlieferung nach unter dem dritten Kalifen Uthman (644-656) seine endgültige Fassung. Diesem heute gültigen Text entspricht mit minimalen Schreibvarianten auch das Birminghamer Fragment. Rv150729gs 

Großbritannien: Älteste Koranausgabe entdeckt? Könnte dies die älteste Koran-Ausgabe sein?

  Britische Wissenschaftler haben die möglicherweise älteste Koranausgabe der Welt identifiziert. Eine Radiokarbon- Untersuchung datiert die Pergamentblätter aus dem Bibliotheksbestand der Universität Birmingham nach deren Mitteilung von Mittwoch auf die Jahre zwischen 568 und 645. Damit wäre die Handschrift nach Einschätzung der Wissenschaftler weniger als zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Propheten Mohammed (570-632) entstanden.
   Das Fragment besteht aus zwei Seiten und enthält die Suren 18 bis 20 in kalligrafischer Hijazi-Schrift. Nach Universitätsangaben waren die Blätter bislang irrtümlich mit einer anderen Koranausgabe zusammengebunden, die aus dem späten 7. Jahrhundert stammt. Die Trennung der beiden Manuskripte bedeute einen „verblüffenden Fund“ innerhalb der Bibliothek, so die Leiterin der Sondersammlungen, Susan Worrall. 
Rv150722ord

                               kbwn:Koran

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