MM-DKWN-x
kbwn

         o n l i n e :       
www.

kbwn.de

Laudato Si - II

Fortsetzung und Schluss der Umweltenzyklika und Kommentare aus der norddeutschen Presse
                                                                                                      > zurück zum Anfang der Enzyklika > Laudato Si

VIERTES KAPITEL: EINE GANZHEITLICHE ÖKOLOGIE
137. Angesichts der Tatsache, dass alles eng aufeinander bezogen ist und dass die aktuellen Probleme eine Perspektive erfordern, die alle Aspekte der weltweiten Krise berücksichtigt, schlage ich vor, dass wir uns nun mit den verschiedenen Elementen einer ganzheitlichen Ökologie befassen, welche die menschliche und soziale Dimension klar mit einbezieht. 
I. UMWELT-, WIRTSCHAFTS- UND SOZIALÖKOLOGIE
138. Die Ökologie untersucht die Beziehungen zwischen den lebenden Organismen und der Umwelt, in der sie sich entwickeln. Das erfordert auch darüber nachzudenken und zu diskutieren, was die Lebens- oder Überlebensbedingungen einer Gesellschaft sind, und dabei die Ehrlichkeit zu besitzen, Modelle der Entwicklung, der Produktion und des Konsums in Zweifel zu ziehen. Es ist nicht überflüssig zu betonen, dass alles miteinander verbunden ist. Die Zeit und der Raum sind nicht voneinander unabhängig, und nicht einmal die Atome und die Elementarteilchen können als voneinander getrennt betrachtet werden. Wie die verschiedenen physikalischen, chemischen und biologischen Bestandteile des Planeten untereinander in Beziehung stehen, so bilden auch die Arten der Lebewesen ein Netz, das wir nie endgültig erkennen und verstehen. Einen guten Teil unserer genetischen Information haben wir mit vielen Lebewesen gemeinsam. Aus diesem Grund können die bruchstückhaften und isolierten Kenntnisse zu einer Art von Ignoranz werden, wenn sie sich nicht in eine umfassendere Sicht der Wirklichkeit einfügen lassen.
139.  Wenn man von „Umwelt“ spricht, weist man insbesondere auf die gegebene Beziehung zwischen der Natur und der Gesellschaft hin, die sie bewohnt. Das hindert uns daran, die Natur als etwas von uns Verschiedenes oder als einen schlichten Rahmen unseres Lebens zu verstehen. Wir sind in sie eingeschlossen, sind ein Teil von ihr und leben mit ihr in wechselseitiger Durchdringung. Um die Ursachen der Umweltschädigung eines Ortes zu finden, ist unter anderem eine Analyse der Funktionsweise der Gesellschaft, ihrer Wirtschaft, ihrer Verhaltensmuster und ihres Wirklichkeitsverständnisses erforderlich. Angesichts des Ausmaßes der Veränderungen ist es nicht mehr möglich, eine spezifische und unabhängige Lösung für jeden Teilbereich des Problems zu finden. Entscheidend ist es, ganzheitliche Lösungen zu suchen, welche die Wechselwirkungen der Natursysteme untereinander und mit den Sozialsystemen berücksichtigen. Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise. Die Wege zur Lösung erfordern einen ganzheitlichen Zugang, um die Armut zu bekämpfen, den Ausgeschlossenen ihre Würde zurückzugeben und sich zugleich um die Natur zu kümmern.
140.  Aufgrund der großen Zahl und der Vielfalt der Elemente, die zu berücksichtigen sind, wird es bei der Ermittlung der Umweltverträglichkeit einer konkreten Unternehmenstätigkeit unverzichtbar, den Forschern eine maßgebliche Rolle zu übertragen und ihre Zusammenarbeit mit beträchtlicher akademischer Freiheit zu fördern. Diese stetige Forschung müsste auch zu der Erkenntnis führen, wie sich die einzelnen Lebewesen zueinander verhalten und die größeren Einheiten bilden, die wir heute „Ökosysteme“ nennen. Wir ziehen sie nicht nur zur Ermittlung ihrer vernünftigen Nutzung in Betracht, sondern auch weil sie einen eigenständigen Wert besitzen, der von dieser Nutzung unabhängig ist. Wie jeder Organismus in sich selber gut und bewundernswert ist, weil er eine Schöpfung Gottes ist, so gilt das Gleiche für das harmonische Miteinander verschiedener Organismen in einem bestimmten Raum, das als System funktioniert. Auch wenn es uns nicht bewusst ist, hängen wir für unsere eigene Existenz von einem solchen Miteinander ab. Man muss sich vor Augen halten, dass die Ökosysteme auf die Umwandlung von Kohlendioxid, auf die Reinigung des Wassers, auf die Kontrolle von Krankheiten und Plagen, auf die Zusammensetzung des Bodens, auf die Zersetzung der Rückstände und auf viele andere Bereiche einwirken, die wir nicht bedenken oder nicht kennen. Vielen Menschen wird, wenn sie das merken, bewusst, dass wir auf der Grundlage einer Wirklichkeit leben und handeln, die uns zuvor geschenkt wurde und die unserem Können und unserer Existenz vorausgeht. Wenn man deshalb von einem „nachhaltigen Gebrauch“ spricht, muss man immer eine Erwägung über die Fähigkeit zur Regeneration jedes Ökosystems in seinen verschiedenen Bereichen und Aspekten mit einbeziehen.
141.  Auf der anderen Seite neigt das Wirtschaftswachstum dazu, Automatismen zu erzeugen und zu „homogenisieren“, mit dem Zweck, Abläufe zu vereinfachen und Kosten zu verringern. Daher ist eine Wirtschaftsökologie notwendig, die in der Lage ist, zu einer umfassenderen Betrachtung der Wirklichkeit zu verpflichten. Denn „damit eine nachhaltige Entwicklung zustande kommt, muss der Umweltschutz Bestandteil des Entwicklungsprozesses sein und darf nicht von diesem getrennt betrachtet werden“[114]. Doch zugleich wird die dringende Notwendigkeit des Humanismus aktuell, der von sich aus die verschiedenen Wissensgebiete – auch das wirtschaftliche – zusammenführt, um eine umfassendere wie integrierendere Perspektive zu erhalten. Heute ist die Analyse der Umweltprobleme nicht zu trennen von einer Prüfung des menschlichen Umfelds, des familiären Kontextes, der Arbeitsbedingungen und der urbanen Verhältnisse sowie der Beziehung jedes Menschen zu sich selbst, welche die Weise bestimmt, wie er mit den anderen und mit der Umwelt in Beziehung tritt. Es gibt eine Wechselwirkung zwischen den Ökosystemen und den verschiedenen sozialen Bezugswelten, und auf diese Weise zeigt sich ein weiteres Mal, dass das Ganze dem Teil übergeordnet ist [115].
142.  Wenn zwischen allen Dingen Beziehungen bestehen, bringt auch der Gesundheitszustand der Institutionen einer Gesellschaft Folgen für die Umwelt und die menschliche Lebensqualität mit sich: „Jede Verletzung der bürgerlichen Solidarität und Freundschaft ruft Umweltschäden hervor“[116]. In diesem Sinne bezieht sich die Sozialökologie notwendigerweise auf die Institutionen und erreicht fortschreitend die verschiedenen Ebenen, angefangen von der elementaren sozialen Zelle der Familie über die Ortsgemeinde und das Land bis zum internationalen Leben. Innerhalb einer jeden sozialen Ebene und zwischen ihnen entwickeln sich die Institutionen, die die menschlichen Beziehungen regeln. Alles, was diese Institutionen beschädigt, hat schädliche Auswirkungen: sei es der Verlust der Freiheit oder seien es die Ungerechtigkeit und die Gewalt. Die Regierung verschiedener Länder stützt sich auf eine instabile institutionelle Basis, auf Kosten der leidenden Bevölkerung und zum Vorteil jener, die von diesem Stand der Dinge profitieren. Sowohl innerhalb der staatlichen Verwaltung als auch in den verschiedenen Bereichen der Zivilgesellschaft oder den Beziehungen der Einwohner untereinander sind übermäßig oft Verhaltensweisen zu registrieren, die weit entfernt sind von den Gesetzen. Diese mögen auf korrekte Weise abgefasst worden sein, pflegen aber toter Buchstabe zu bleiben. Kann man unter solchen Umständen darauf hoffen, dass die Gesetzgebung und die Rechtsvorschriften, die mit der Umwelt zu tun haben, wirklich effizient sind? Wir wissen zum Beispiel, dass Länder, die über eine klare Gesetzgebung zum Schutz der Wälder verfügen, weiterhin stumme Zeugen einer häufigen Verletzung dieser Gesetze sind. Zudem übt das, was in einer Region passiert, direkt oder indirekt auch Einfluss auf andere Gebiete aus. So führt der Drogenkonsum in den Wohlstandsgesellschaften zu einer ständigen oder zunehmenden Nachfrage von Produkten, die aus verarmten Regionen kommen, wo die Verhaltensweisen korrumpieren, Menschenleben vernichtet werden und schließlich die Umwelt zerstört wird.
II. DIE KULTURÖKOLOGIE
143.  Neben dem natürlichen Erbe gibt es ein historisches, künstlerisches und kulturelles Erbe, das gleichfalls bedroht ist. Es ist Teil der gemeinsamen Identität eines Ortes und Grundlage für den Aufbau einer bewohnbaren Stadt. Es geht nicht darum, etwas zu zerstören und neue, angeblich umweltfreundlichere Städte zu bauen, in denen zu wohnen nicht immer wünschenswert ist. Die Geschichte, die Kultur und die Architektur eines Ortes müssen eingegliedert werden, so dass seine ursprüngliche Identität bewahrt bleibt. Deshalb setzt die Ökologie auch die Pflege der kulturellen Reichtümer der Menschheit im weitesten Sinn voraus. In direkterer Hinsicht ist gefordert, dass bei der Analyse von Fragen, die mit der Ökologie verbunden sind, den örtlichen Kulturen Aufmerksamkeit geschenkt wird, indem man die wissenschaftlich-technische Sprache in einen Dialog mit der Sprache des Volkes bringt. Wenn die Beziehung des Menschen zur Umwelt bedacht wird, darf die Kultur nicht ausgeschlossen werden, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Denkmäler der Vergangenheit, sondern ganz besonders in ihrem lebendigen, dynamischen und partizipativen Sinn.
144.  Die konsumistische Sicht des Menschen, die durch das Räderwerk der aktuellen globalisierten Wirtschaft angetrieben wird, neigt dazu, die Kulturen gleichförmig zu machen und die große kulturelle Vielfalt, die einen Schatz für die Menschheit darstellt, zu schwächen. Deshalb führt das Bestreben, alle Schwierigkeiten durch einheitliche gesetzliche Regelungen oder technische Eingriffe zu lösen, dazu, die Vielschichtigkeit der örtlichen Problematiken zu übersehen, die ein aktives Einschreiten der Bewohner notwendig machen. Die neuen in Entwicklung befindlichen Prozesse können nicht immer in Schemata eingefügt werden, die von außen festgelegt werden. Sie müssen vielmehr aus der eigenen lokalen Kultur erwachsen. Weil das Leben und die Welt dynamisch sind, muss auch die Weise, wie man für die Dinge Sorge trägt, flexibel und dynamisch sein.  Die rein technischen Lösungen laufen Gefahr, Symptome zu behandeln, die nicht den eigentlichen Problematiken entsprechen. Es ist nötig, sich die Perspektive der Rechte der Völker und der Kulturen anzueignen, und auf diese Weise zu verstehen, dass die Entwicklung einer sozialen Gruppe einen historischen Prozess im Innern eines bestimmten kulturellen Zusammenhangs voraussetzt und dabei verlangt, dass die lokalen sozialen Akteure ausgehend von ihrer eigenen Kultur ständig ihren zentralen Part übernehmen. Nicht einmal den Grundbegriff der Lebensqualität kann man vorschreiben, sondern muss ihn aus dem Innern der Welt der Symbole und Gewohnheiten, die einer bestimmten Menschengruppe eigen sind, verstehen.
145.  Viele höchst konzentrierte Formen der Ausbeutung und der Schädigung der Umwelt können nicht nur die lokalen Mittel des Fortbestands erschöpfen, sondern auch die sozialen Fähigkeiten zunichte machen, die eine Lebensweise ermöglicht haben, die über lange Zeit eine kulturelle Identität sowie einen Sinn der Existenz und des Zusammenlebens gewährt hat. Das Verschwinden einer Kultur kann genauso schwerwiegend sein wie das Verschwinden einer Tier- oder Pflanzenart, oder sogar noch gravierender. Die Durchsetzung eines vorherrschenden Lebensstils, der an eine bestimmte Produktionsweise gebunden ist, kann genauso schädlich sein wie die Beeinträchtigung der Ökosysteme.
146.  In diesem Sinne ist es unumgänglich, den Gemeinschaften der Ureinwohner mit ihren kulturellen Traditionen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Sie sind nicht eine einfache Minderheit unter anderen, sie müssen vielmehr die wesentlichen Ansprechpartner werden, vor allem wenn man mit großen Projekten vordringt, die ihre Gebiete einbeziehen. Denn für sie ist das Land nicht ein Wirtschaftsgut, sondern eine Gabe Gottes und der Vorfahren, die in ihm ruhen; ein heiliger Raum, mit dem sie in Wechselbeziehung stehen müssen, um ihre Identität und ihre Werte zu erhalten. Wenn sie in ihren Territorien bleiben, sind es gerade sie, die am besten für sie sorgen. In verschiedenen Teilen der Erde stehen sie jedoch unter Druck, ihr Land aufzugeben, um es für Bergbauprojekte bzw. land- und viehwirtschaftliche Pläne frei zu lassen, die nicht auf die Schädigung der Natur und der Kultur achten.
III. DIE ÖKOLOGIE DES ALLTAGSLEBENS
147.  Um von einer echten Entwicklung sprechen zu können, ist sicherzustellen, dass eine ganzheitliche Verbesserung der menschlichen Lebensqualität erbracht wird; und das bedeutet, dass man den Raum untersucht, wo sich das Dasein der Menschen abspielt. Die Szenerien, die uns umgeben, beeinflussen die Weise, wie wir das Leben sehen, wie wir empfinden und wie wir handeln. Zugleich machen wir in unserem Zimmer, in unserem Haus, an unserem Arbeitsplatz und in unserem Stadtbezirk von der Umwelt Gebrauch, um unsere Identität auszudrücken. Wir strengen uns an, uns an die Umwelt anzupassen, und wenn eine Umgebung unordentlich, chaotisch oder mit visueller und akustischer Belästigung überladen ist, fordert uns dieses Übermaß an Reizen heraus zu versuchen, eine integrierte und glückliche Identität aufzubauen.
148.  Bewundernswert sind die Kreativität und die Großherzigkeit von Personen und Gruppen, die fähig sind, die Einschränkungen der Umwelt aufzuheben, indem sie die ungünstigen Wirkungen der Konditionierungen verändern und lernen, ihr Leben inmitten der Unordnung und der Unsicherheit einzurichten. So gibt es zum Beispiel in einigen Orten, wo die Fassaden der Häuser sehr heruntergekommen sind, Menschen, die mit großer Würde das Innere ihrer Wohnungen pflegen, oder sie fühlen sich wohl wegen der Herzlichkeit und der Freundschaft der Leute. Das positive und wohltuende soziale Leben der Bewohner verbreitet Licht in einer scheinbar ungünstigen Umgebung. Manchmal ist die Humanökologie, die die Armen inmitten so vieler Begrenzungen zu entwickeln vermögen, lobenswert. Dem Gefühl der Beklemmung, das die Zusammenballung in Wohnhäusern und Räumen mit hoher Bevölkerungsdichte erzeugt, wird entgegengewirkt, wenn sich menschliche Beziehungen entwickeln, die sich durch Nähe und Herzenswärme auszeichnen, wenn sich Gemeinschaften bilden, wenn die Umweltbegrenzungen im Innern einer jeden Person, die sich in ein Netz von Gemeinschaft und Zugehörigkeit aufgenommen fühlt, kompensiert werden. Auf diese Weise hört jeder beliebige Ort auf, eine Hölle zu sein, und wird zum Umfeld eines würdigen Lebens.
149.  Ebenso ist klar, dass die extreme Entbehrung, die in manchen Situationen erfahren wird, wo Harmonie, Platz und Möglichkeiten der Eingliederung fehlen, das Aufkommen von inhumanen Verhaltensweisen und die Manipulation der Menschen durch kriminelle Organisationen begünstigt. Für die Bewohner von sehr problematischen Wohnquartieren kann der tägliche Gang vom Gedränge zur sozialen Anonymität, den man in den großen Städten erfährt, ein Gefühl der Entwurzelung hervorrufen, das asoziale und gewaltbereite Verhaltensweisen fördert. Dennoch will ich betonen, dass die Liebe stärker ist. Viele Menschen in diesen Lebensumständen sind in der Lage, Bande der Zugehörigkeit und des Zusammenlebens zu knüpfen, die das Gedränge in eine Gemeinschaftserfahrung verwandeln, wo die Wände des Ichs durchbrochen und die Schranken des Egoismus überwunden werden. Diese Erfahrung gemeinschaftlichen Heils ist das, was gewöhnlich kreative Reaktionen auslöst, um ein Gebäude oder ein Wohnquartier zu verschönern [117].
150.  Wenn man von der Wechselwirkung zwischen dem Raum und dem menschlichen Verhalten ausgeht, benötigen diejenigen, die Gebäude, Stadtviertel, öffentliche Räume und Städte planen, den Beitrag verschiedener Fachgebiete, die es ermöglichen, die Vorgänge, die Symbolwelt und das Verhalten der Menschen zu verstehen. Es genügt nicht, die Schönheit in der Gestaltung anzustreben, weil es noch wertvoller ist, einer anderen Art von Schönheit zu dienen: der Lebensqualität der Menschen, ihrer Anpassung an die Umwelt, der Begegnung und der gegenseitigen Hilfe. Auch aus diesem Grund ist es so wichtig, dass die Ansichten der betroffenen Bevölkerung immer die Analysen der Städteplanung ergänzen.
151.  Es ist erforderlich, dass die öffentlichen Plätze, das Panorama und die urbanen Bezugspunkte gepflegt werden. Denn sie lassen in uns den Sinn der Zugehörigkeit, das Gefühl der Verwurzelung und den Eindruck wachsen, „zu Hause zu sein“ innerhalb der Stadt, die uns umschließt und zusammenführt. Wichtig ist, dass die verschiedenen Teile einer Stadt gut integriert sind und die Bewohner ein Gesamtbild haben können, statt sich in Wohnquartieren abzukapseln und darauf zu verzichten, die ganze Stadt als einen eigenen, gemeinsam mit den anderen genutzten Raum zu erfahren. Jeglicher Eingriff in die städtische oder ländliche Landschaft müsste die Tatsache berücksichtigen, dass die verschiedenen Elemente des Ortes ein Ganzes bilden, das die Bewohner als ein kohärentes Bild mit seinem Reichtum an Bedeutungen wahrnehmen. Auf diese Weise sind die anderen nicht mehr Fremde und können als Teil eines „Wir“ empfunden werden, das wir gemeinsam aufbauen. Aus demselben Grund ist es sowohl für das städtische als auch für das ländliche Umfeld angebracht, einige Orte zu bewahren, in denen menschliche Eingriffe, die sie ständig verändern, vermieden werden.
152.  Die Wohnungsnot ist ein großes Problem in vielen Teilen der Welt, in den ländlichen Gebieten wie in den großen Städten, auch weil die Staatshaushalte nur einem kleinen Teil der Nachfrage entsprechen können. Nicht nur die Armen, sondern ein Großteil der Gesellschaft leidet unter ernsten Schwierigkeiten, eine eigene Wohnung zu erlangen. Der Besitz einer Wohnung hat viel mit der Würde der Personen und der Entfaltung der Familien zu tun. Es handelt sich um eine zentrale Frage der Humanökologie. Wenn sich an einem bestimmten Ort schon chaotische Ansammlungen von baufälligen Häusern gebildet haben, geht es vor allem darum, diese Quartiere zu urbanisieren und nicht ihre Bewohner zu entwurzeln und zu vertreiben. Wenn die Armen in verschmutzten Vorstädten oder in gefährlichen Massenbehausungen leben und man ihre Umsiedlung in die Wege leiten muss, dann ist es, „um nicht Leid auf Leid zu häufen […] erforderlich, im Vorfeld für eine angemessene Information zu sorgen, menschenwürdige Wohnalternativen anzubieten und die Betroffenen direkt einzubinden“.[118] Zugleich müsste die Kreativität dazu führen, die problematischen Quartiere in eine gastfreundliche Stadt einzufügen. „Wie schön sind die Städte, die das krankhafte Misstrauen überwinden, die anderen mit ihrer Verschiedenheit eingliedern und aus dieser Integration einen Entwicklungsfaktor machen! Wie schön sind die Städte, die auch in ihrer architektonischen Planung reich sind an Räumen, die verbinden, in Beziehung setzen und die Anerkennung des anderen begünstigen!“[119]
153.  Die Lebensqualität in den Städten hat viel mit den Verkehrsverhältnissen zu tun, die oft Grund für große Leiden der Bewohner sind. In den Städten fahren viele Autos umher mit nur einem oder zwei Insassen. Dadurch wird der Verkehrsfluss erschwert, der Grad der Verschmutzung ist hoch, es werden enorme Mengen von nicht erneuerbarer Energie verbraucht, und es wird notwendig, weitere Autobahnen und Parkplätze zu bauen, die das städtische Gefüge beeinträchtigen. Viele Fachleute stimmen darin überein, dass man den öffentlichen Verkehrsmitteln den Vorrang geben muss. Doch werden einige notwendige Maßnahmen nur schwerlich in friedfertiger Weise akzeptiert werden ohne eine wesentliche Verbesserung dieser Verkehrsmittel, die in vielen Städten aufgrund der Menschenmenge, der Unbequemlichkeit oder der geringen Häufigkeit des verfügbaren Nahverkehrs und der Unsicherheit eine unwürdige Behandlung der Passagiere darstellen.
154.  Die Anerkennung der besonderen Würde der Person steht häufig im Kontrast zum chaotischen Leben, das die Menschen in unseren Städten führen müssen. Das dürfte aber nicht dazu führen, den Zustand der Vernachlässigung und der Nichtbeachtung zu vergessen, unter dem auch manche Bewohner ländlicher Gebiete leiden, wo wesentliche Dienstleistungen nicht hingelangen und wo es Arbeiter gibt, die erniedrigt sind in Situationen der Versklavung ohne Rechte und ohne Aussichten auf ein würdigeres Leben
155.  Die Humanökologie beinhaltet auch einen sehr tiefgründigen Aspekt: die notwendige Beziehung des Lebens des Menschen zu dem moralischen Gesetz, das in seine eigene Natur eingeschrieben ist. Diese Beziehung ist unerlässlich, um eine würdigere Umgebung gestalten zu können. Papst Benedikt XVI. sagte, dass es eine „Ökologie des Menschen“ gibt, denn „auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann“.[120] Auf dieser Linie muss man anerkennen, dass unser Körper uns in eine direkte Beziehung zu der Umwelt und den anderen Lebewesen stellt. Das Akzeptieren des eigenen Körpers als Gabe Gottes ist notwendig, um die ganze Welt als Geschenk des himmlischen Vaters und als gemeinsames Haus zu empfangen und zu akzeptieren, während eine Logik der Herrschaft über den eigenen Körper sich in eine manchmal subtile Logik der Herrschaft über die Schöpfung verwandelt. Zu lernen, den eigenen Körper anzunehmen, ihn zu pflegen und seine vielschichtige Bedeutung zu respektieren, ist für eine wahrhaftige Humanökologie wesentlich. Ebenso ist die Wertschätzung des eigenen Körpers in seiner Weiblichkeit oder Männlichkeit notwendig, um in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht sich selbst zu erkennen. Auf diese Weise ist es möglich, freudig die besondere Gabe des anderen oder der anderen als Werk Gottes des Schöpfers anzunehmen und sich gegenseitig zu bereichern. Eben deswegen ist die Einstellung dessen nicht gesund, der den Anspruch erhebt, „den Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen, weil er sich nicht mehr damit auseinanderzusetzen versteht“.[121]
IV. DAS PRINZIP DES GEMEINWOHLS
156.  Die Humanökologie ist nicht von dem Begriff des Gemeinwohls zu trennen, einem Prinzip, das eine zentrale und Einheit schaffende Rolle in der Sozialethik spielt. Es ist „die Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung ermöglichen“.[122]
157.  Das Gemeinwohl geht vom Respekt der menschlichen Person als solcher aus mit grundlegenden und unveräußerlichen Rechten im Hinblick auf ihre ganzheitliche Entwicklung. Es verlangt auch das soziale Wohl und die Entfaltung der verschiedenen intermediären Gruppen, indem es das Prinzip der Subsidiarität anwendet. Unter diesen ragt besonders die Familie als Grundzelle der Gesellschaft heraus. Schließlich erfordert das Gemeinwohl den sozialen Frieden, das heißt die Stabilität und die Sicherheit einer bestimmten Ordnung, die ohne eine spezielle Aufmerksamkeit gegenüber der distributiven Gerechtigkeit nicht zu verwirklichen ist, denn die Verletzung dieser Gerechtigkeit erzeugt immer Gewalt. Die gesamte Gesellschaft – und in ihr in besonderer Weise der Staat – hat die Pflicht, das Gemeinwohl zu verteidigen und zu fördern.
158.  In der gegenwärtigen Situation der globalen Gesellschaft, in der es so viel soziale Ungerechtigkeit gibt und immer mehr Menschen ausgeschlossen und ihrer grundlegenden Menschenrechte beraubt werden, verwandelt sich das Prinzip des Gemeinwohls als logische und unvermeidliche Konsequenz unmittelbar in einen Appell zur Solidarität und in eine vorrangige Option für die Ärmsten. Diese Option bedeutet, die Konsequenzen aus der gemeinsamen Bestimmung der Güter der Erde zu ziehen, doch – wie ich im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium [123] auszuführen versuchte – verlangt sie vor allem, sich die unermessliche Würde des Armen im Licht der tiefsten Glaubensüberzeugungen vor Augen zu führen. Es genügt, die Wirklichkeit anzuschauen, um zu verstehen, dass diese Option heute ein grundlegender ethischer Anspruch für eine effektive Verwirklichung des Gemeinwohls ist.
V. DIE GENERATIONSÜBERGREIFENDE GERECHTIGKEIT
159.  Der Begriff des Gemeinwohls bezieht auch die zukünftigen Generationen mit ein. Die internationalen Wirtschaftskrisen haben in aller Härte die schädlichen Auswirkungen gezeigt, welche die Verkennung eines gemeinsamen Schicksals mit sich bringt, aus dem jene, die nach uns kommen,  nicht ausgeschlossen werden können.  Ohne eine Solidarität zwischen den Generationen kann von nachhaltiger Entwicklung keine Rede mehr sein. Wenn wir an die Situation denken, in der der Planet den kommenden Generationen hinterlassen wird, treten wir in eine andere Logik ein, in die des freien Geschenks, das wir empfangen und weitergeben. Wenn die Erde uns geschenkt ist, dann können wir nicht mehr von einem utilitaristischen Kriterium der Effizienz und der Produktivität für den individuellen Nutzen her denken. Wir reden hier nicht von einer optionalen Haltung, sondern von einer grundlegenden Frage der Gerechtigkeit, da die Erde, die wir empfangen haben, auch jenen gehört, die erst noch kommen. Die Bischöfe Portugals haben dazu aufgefordert, diese Pflicht der Gerechtigkeit zu übernehmen: „Die Umwelt ist in der Logik des Empfangens angesiedelt. Sie ist eine Leihgabe, die jede Generation empfängt und an die nächste Generation weitergeben muss.“[124] Eine integrale Ökologie hat diese weite Perspektive.
160.  Welche Art von Welt wollen wir denen überlassen, die nach uns kommen, den Kindern, die gerade aufwachsen? Diese Frage betrifft nicht nur die Umwelt in isolierter Weise, denn es ist unmöglich, das Problem fragmentarisch anzugehen. Wenn wir uns bezüglich der Welt, die wir hinterlassen wollen, Fragen stellen, meinen wir vor allem ihre allgemeine Ausrichtung, ihren Sinn, ihre Werte. Wenn diese grundlegende Frage nicht lebendig mitschwingt, glaube ich nicht, dass unsere ökologischen Bemühungen bedeutende Wirkungen erzielen können. Wird sie aber mutig gestellt, führt sie uns unweigerlich zu weiteren, sehr direkten Fragestellungen: Wozu gehen wir durch diese Welt, wozu sind wir in dieses Leben gekommen, wozu arbeiten wir und mühen uns ab, wozu braucht uns diese Erde? Darum reicht es nicht mehr zu sagen, dass wir uns um die zukünftigen Generationen sorgen müssen. Wir müssen uns bewusst werden, dass unsere eigene Würde auf dem Spiel steht. Wir sind die Ersten, die daran interessiert sind, der Menschheit, die nach uns kommen wird, einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen. Das ist ein Drama für uns selbst, denn dies beleuchtet kritisch den Sinn unseres eigenen Lebensweges auf dieser Erde.
161. Die verhängnisvollen Prognosen dürfen nicht mehr mit Geringschätzung und Ironie betrachtet werden. Wir könnten den nächsten Generationen zu viel Schutt, Wüsten und Schmutz hinterlassen. Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann, wie es bereits periodisch in verschiedenen Regionen geschieht. Die Abschwächung der Auswirkungen des derzeitigen Ungleichgewichts hängt davon ab, was wir jetzt tun, vor allem, wenn wir an die Verantwortung denken, die uns von denen zugewiesen wird, die die schlimmsten Folgen zu tragen haben.
162.  Die Schwierigkeit, diese Herausforderung ernst zu nehmen, hängt mit dem ethischen und kulturellen Verfall zusammen, der den ökologischen begleitet. Der postmoderne Mensch läuft ständig Gefahr, zutiefst individualistisch zu werden, und viele soziale Probleme sind mit dem gegenwärtigen egoistischen Immediatismus verbunden, mit den Krisen der familiären und sozialen Bindungen, mit den Schwierigkeiten, den Mitmenschen anzuerkennen. Oft wird ein unmittelbarer und übertriebener Konsum der Eltern den eigenen Kindern zum Schaden, die es immer schwerer haben, ein eigenes Haus zu erwerben und eine Familie zu gründen. Unsere Unfähigkeit, ernsthaft an die zukünftigen Generationen zu denken, geht überdies mit unserer Unfähigkeit einher, die aktuellen Interessen auszuweiten und an jene zu denken, die von der Entwicklung ausgeschlossen bleiben. Denken wir nicht nur an die Armen der Zukunft. Es genügt schon, an die Armen von heute zu denken, die nur wenige Lebensjahre auf dieser Erde verbringen und nicht mehr warten können. Daher muss „neben einer aufrichtigen Generationen übergreifenden Solidarität […] die dringende moralische Notwendigkeit einer erneuerten Solidarität innerhalb einer Generation betont werden“[125]

FÜNFTES KAPITEL: EINIGE LEITLINIEN FÜR ORIENTIERUNG UND HANDLUNG
163. Ich habe versucht, die aktuelle Situation der Menschheit zu analysieren, und zwar sowohl in den Brüchen, die wir auf dem Planeten beobachten, den wir bewohnen, als auch in den zutiefst menschlichen Ursachen der Umweltzerstörung. Obwohl diese Betrachtung der Realität bereits von sich aus auf die Notwendigkeit eines Kurswechsels hinweist und uns einige Maßnahmen nahelegt, wollen wir jetzt allgemeine Wege für den Dialog skizzieren, die uns helfen sollen, aus der Spirale der Selbstzerstörung herauszukommen, in der wir untergehen.
I. DER UMWELTDIALOG IN DER INTERNATIONALEN POLITIK
164. Seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts und nach Überwindung vieler Schwierigkeiten hat sich allmählich die Tendenz durchgesetzt, den Planeten als Heimat zu begreifen und die Menschheit als ein Volk, das ein gemeinsames Haus bewohnt. Eine interdependente Welt bedeutet nicht einzig und allein, zu verstehen, dass die schädlichen Konsequenzen von Lebensstil, Produktionsweise und Konsumverhalten alle betreffen, sondern es bedeutet in erster Linie, dafür zu sorgen, dass die Lösungen von einer globalen Perspektive aus vorgeschlagen werden und nicht nur der Verteidigung der Interessen einiger Länder dienen. Die Interdependenz verpflichtet uns, an eine einzige Welt, an einen gemeinsamen Plan zu denken. Doch die gleiche Intelligenz, die für eine enorme technische Entwicklung verwendet wurde, schafft es nicht, wirksame Formen internationalen leaderships zu finden, um die schwerwiegenden Umweltprobleme und die ernsten sozialen Schwierigkeiten zu lösen. Um die Grundfragen in Angriff zu nehmen, die nicht durch Maßnahmen einzelner Länder gelöst werden können, ist ein weltweiter Konsens unerlässlich, der zum Beispiel dazu führt, eine nachhaltige und vielgestaltige Landwirtschaft zu planen, erneuerbare und möglichst umweltfreundliche Energieformen zu entwickeln, eine größere Energieeffizienz zu fördern, eine angemessenere Verwaltung der Ressourcen aus Wald und Meer voranzutreiben und allen den Zugang zu Trinkwasser zu sichern.
165. Wir wissen, dass die Technologie, die auf der sehr umweltschädlichen Verbrennung von fossilem Kraftstoff – vor allem von Kohle, aber auch von Erdöl und, in geringerem Maße, Gas – beruht, fortschreitend und unverzüglich ersetzt werden muss. Solange es keine weit reichende Entwicklung erneuerbarer Energien gibt, die bereits im Gang sein müsste, ist es legitim, für das geringere Übel zu optieren oder auf Übergangslösungen zurückzugreifen. Dennoch werden in der internationalen Gemeinschaft keine ausreichenden Vereinbarungen über die Verantwortung derer erreicht, die die Kosten für die Energieumstellung tragen müssen. In den letzten Jahrzehnten haben die Umweltfragen eine große öffentliche Debatte hervorgerufen, die in der Zivilgesellschaft Raum geschaffen hat für einen starken Einsatz und ein großherziges Engagement. Politik und Unternehmertum reagieren langsam, weit davon entfernt, den weltweiten Herausforderungen gewachsen zu sein. In diesem Sinn kann man sagen: Während die Menschheit des post-industriellen Zeitalters vielleicht als eine der verantwortungslosesten der Geschichte in der Erinnerung bleiben wird, ist zu hoffen, dass die Menschheit vom Anfang des 21. Jahrhunderts in die Erinnerung eingehen kann, weil sie großherzig ihre schwerwiegende Verantwortung auf sich genommen hat.
166. Die weltweite Ökologiebewegung hat bereits einen langen Weg zurückgelegt, bereichert durch die Bemühungen vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen. Es ist nicht möglich, sie hier alle zu nennen, noch die Geschichte ihrer Beiträge durchzugehen. Doch dank eines solchen Engagements sind die Umweltfragen immer stärker in die öffentliche Tagesordnung eingegangen und haben sich in eine ständige Einladung verwandelt, langfristig zu denken. Trotzdem haben die Umwelt-Gipfeltreffen der letzten Jahre nicht den Erwartungen entsprochen, denn aus Mangel an politischer Entscheidung haben sie keine wirklich bedeutungsvollen und wirksamen globalen Umweltvereinbarungen erreicht.
167. Hervorzuheben ist der 1992 in Rio de Janeiro abgehaltene Erdgipfel. Dort wurde erklärt: „Die Menschen stehen im Mittelpunkt der Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung.“[126] In Anknüpfung an die Inhalte der Erklärung von Stockholm (1972) wurden feierliche Zusagen gemacht über die internationale Zusammenarbeit zur Pflege des Ökosystems der gesamten Erde; über die Verpflichtung dessen, der Umweltverschmutzung verursacht, finanziell dafür aufzukommen; über die Pflicht, die Umweltverträglichkeit eines jeden Werkes oder Projektes zu prüfen. Es wurde das Ziel vorgeschlagen, die höchstzulässige Konzentration von Treibhausgas in der Atmosphäre festzulegen, um die Tendenz zur globalen Erderwärmung umzukehren. Es wurden auch eine Agenda mit einem Aktionsplan und ein Abkommen über die biologische Vielfalt erarbeitet sowie eine Grundsatzerklärung hinsichtlich des Waldes abgegeben. Obwohl dieses Gipfeltreffen alle Erwartungen übertraf und für seine Zeit wirklich prophetisch war, erfuhren die getroffenen Vereinbarungen nur ein geringes Maß an praktischer Umsetzung, weil keine geeigneten Mechanismen zur Kontrolle, zur periodischen Überprüfung und zur Bestrafung der Zuwiderhandlungen eingerichtet wurden. Die formulierten Grundsätze fordern weiterhin wirksame und schnelle Wege der konkreten Verwirklichung.
168. Unter den positiven Erfahrungen können zum Beispiel die Basler Konvention über die gefährlichen Abfälle mit einem System von Bekanntmachung, Standardnormen und Kontrollen wie auch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen genannt werden, das den internationalen Handel von bedrohten Tier- und Pflanzenarten regelt und Einsätze zur Überprüfung der effektiven Einhaltung einschließt. Dank dem Wiener Übereinkommen zum Schutz der Ozonschicht sowie seiner Umsetzung durch das Montrealer Protokoll und dessen Korrekturen scheint man auf dem Weg zu sein, das Problem der Verringerung dieser Schicht zu lösen.
169. In Bezug auf die Bewahrung der biologischen Vielfalt und im Zusammenhang mit der Wüstenbildung waren die Fortschritte von viel geringerer Bedeutung. Was den Klimawandel betrifft, sind die Fortschritte leider sehr spärlich. Die Reduzierung von Treibhausgas verlangt Ehrlichkeit, Mut und Verantwortlichkeit vor allem der Länder, die am mächtigsten sind und am stärksten die Umwelt verschmutzen. Die 2012 in Rio de Janeiro abgehaltene Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung, kurz „Rio+20“ genannt, gab eine weitschweifende und unwirksame Abschlusserklärung heraus. Die internationalen Verhandlungen können keine namhaften Fortschritte machen aufgrund der Positionen der Länder, die es vorziehen, ihre nationalen Interessen über das globale Gemeinwohl zu setzen. Diejenigen, welche unter den Folgen leiden werden, die wir zu überspielen suchen, werden an diesen Mangel an Gewissen und an Verantwortlichkeit erinnern. Während diese Enzyklika erarbeitet wurde, hat die Debatte eine besondere Intensität erlangt. Wir Gläubigen dürfen nicht aufhören, Gott um das positive Vorankommen in den aktuellen Diskussionen zu bitten, damit die kommenden Generationen nicht unter den Konsequenzen fahrlässiger Verzögerungen leiden müssen.
170. Einige der Strategien für den niedrigen Ausstoß umweltschädlicher Gase streben die Internationalisierung der Umweltkosten an, was mit der Gefahr verbunden ist, dass den Ländern, die über weniger Mittel verfügen, schwerwiegende Verpflichtungen zur Reduzierung der Emissionen aufgebürdet werden, die denen der am stärksten industrialisierten Länder vergleichbar  sind. Die Auferlegung dieser Maßnahmen beeinträchtigt die Länder, die am meisten der Entwicklung bedürfen. Auf diese Weise kommt im Gewand des Umweltschutzes eine neue Ungerechtigkeit hinzu. Wie immer trifft es die Schwächsten. Da die Wirkungen des Klimawandels sich selbst dann über lange Zeit hin bemerkbar machen werden, wenn jetzt strenge Maßnahmen ergriffen werden, werden einige Länder, die nur über beschränkte Mittel verfügen, Hilfe benötigen, um sich den Auswirkungen anzupassen, die schon jetzt eintreten und die ihre Ökonomien schädigen. Nach wie vor gilt, dass es gemeinsame, aber differenzierte Verantwortlichkeiten gibt, einfach weil – wie die Bischöfe von Bolivien gesagt haben – „die Länder, welche auf Kosten einer enormen Emission von Treibhausgas von einem hohen Grad an Industrialisierung profitiert haben, stärker dafür verantwortlich sind, zur Lösung der Probleme beizutragen, die sie verursacht haben“.[127]
171. Die Strategie eines An- und Verkaufs von „Emissionszertifikaten“ kann Anlass zu einer neuen Form von Spekulation geben und wäre einer Reduzierung der globalen Ausstoßung von umweltschädlichen Gasen nicht dienlich. Dieses System scheint eine schnelle und einfache Lösung zu sein, die den Anschein eines gewissen Umweltengagements besitzt, jedoch in keiner Weise eine radikale Veränderung mit sich bringt, die den Umständen gewachsen ist. Vielmehr kann es sich in einen Behelf verwandeln, der vom Eigentlichen ablenkt und erlaubt, den übermäßigen Konsum einiger Länder und Bereiche zu unterstützen.
172. Die armen Länder müssen notwendig der Ausrottung des Elends und der sozialen Entwicklung ihrer Bewohner den Vorrang einräumen; gleichwohl müssen sie das skandalöse Konsumniveau einiger privilegierter Bevölkerungsgruppen analysieren und die Korruption besser kontrollieren. Es trifft ebenfalls zu, dass sie Formen der Energiegewinnung entwickeln müssen, die weniger umweltschädlich sind, doch dafür ist es erforderlich, dass sie die Hilfe jener Länder einplanen können, die auf Kosten der aktuellen Verschmutzung des Planeten ein starkes Wachstum verzeichnen konnten. Die direkte Nutzung der reichlich vorhandenen Sonnenenergie setzt voraus, dass Mechanismen und Beihilfen eingeführt werden, so dass die Entwicklungsländer Zugang erhalten zur Übertragung von Technologien, zu technischer Assistenz und zu Finanzhilfen, wobei allerdings immer auf die konkreten Verhältnisse geachtet werden muss, denn „nicht immer wird die Kompatibilität der Anlagen mit dem Kontext, für den sie geplant sind, angemessen bewertet“.[128] Die Kosten wären gering, wenn man sie mit den Risiken des Klimawandels vergleicht. In jedem Fall ist es vor allem eine ethische Entscheidung, die sich auf die Solidarität aller Völker gründet.
173. Dringend bedarf es internationaler Vereinbarungen, die umgesetzt werden, da die lokalen Instanzen zu schwach sind, um wirksam einzugreifen. Die Beziehungen zwischen den Staaten müssen die Souveränität eines jeden Landes bewahren, aber auch miteinander abgestimmte Wege festlegen, um lokale Katastrophen zu vermeiden, die letztlich allen schaden würden. Es fehlen globale Rahmenbestimmungen, die Verpflichtungen auferlegen und unannehmbare Handlungen wie z. B. die Tatsache, dass mächtige Länder schwer umweltschädigende Abfälle und Industrien in andere Länder abschieben, verhindern.
174. Auch das System der Verwaltung der Ozeane ist zu erwähnen. Denn obwohl es verschiedene internationale und regionale Vereinbarungen gegeben hat, werden durch die Aufsplitterung und durch das Fehlen strenger Mechanismen zur Reglementierung, Kontrolle und Sanktionierung schließlich alle Anstrengungen untergraben. Das wachsende Problem der Abfälle im Meer und der Schutz der Meeresgebiete jenseits der nationalen Grenzen stellt weiterhin eine besondere Herausforderung dar. Wir brauchen also letztlich eine Vereinbarung über die Regelungen der Ordnungs- und Strukturpolitik für den gesamten Bereich des sogenannten „globalen Gemeinwohls“.
175. Die gleiche Logik, die es erschwert, drastische Entscheidungen zur Umkehrung der Tendenz zur Erderwärmung zu treffen, unterbindet auch die Verwirklichung des Ziels, die Armut auszurotten. Wir brauchen eine verantwortlichere weltweite Reaktion, die darin besteht, gleichzeitig sowohl die Reduzierung der Umweltverschmutzung als auch die Entwicklung der armen Länder und Regionen in Angriff zu nehmen. Während das 21. Jahrhundert ein Regierungssystem vergangener Zeiten beibehält, ist es Schauplatz eines Machtschwunds der Nationalstaaten, vor allem weil die Dimension von Wirtschaft und Finanzen, die transnationalen Charakter besitzt, tendenziell die Vorherrschaft über die Politik gewinnt. In diesem Kontext wird es unerlässlich, stärkere und wirkkräftig organisierte internationale Institutionen zu entwickeln, die Befugnisse haben, die durch Vereinbarung unter den nationalen Regierungen gerecht bestimmt werden, und mit der Macht ausgestattet sind, Sanktionen zu verhängen. Auf der Linie dessen, was bereits von der Soziallehre der Kirche entwickelt wurde, hat Benedikt XVI. bekräftigt: „Um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, einer Verschlimmerung der Krise und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen, um eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen, sowie Ernährungssicherheit und Frieden zu verwirklichen, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren, ist das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität, wie sie schon von meinem Vorgänger, dem [heiligen] Papst Johannes XXIII., angesprochen wurde, dringend nötig.“[129] Aus dieser Perspektive gewinnt die Diplomatie eine völlig neue Bedeutung hinsichtlich der Förderung internationaler Strategien, welche den schwerwiegendsten Problemen zuvorkommen, die letztendlich alle schädigen.
II. DER DIALOG IM HINBLICK AUF NEUE NATIONALE UND LOKALE POLITISCHE KONZEPTE
176. Gewinner und Verlierer gibt es nicht nur unter den verschiedenen Ländern, sondern auch innerhalb der armen Länder, wo unterschiedliche Verantwortlichkeiten ausgemacht werden müssen. Darum können die mit der Umwelt und der Wirtschaftsentwicklung verbundenen Fragen nicht mehr nur von den Unterschieden unter den Ländern her aufgerollt werden, sondern erfordern die Beachtung der nationalen und lokalen politischen Programme.
177. Angesichts der Möglichkeit einer verantwortungslosen Nutzung der menschlichen Fähigkeiten gehört es zu den unaufschiebbaren Funktionen eines jeden Staates, innerhalb des eigenen Territoriums zu planen, zu koordinieren, zu überwachen und zu bestrafen. Wie regelt und beaufsichtigt eine Gesellschaft ihre Entwicklung in einem Kontext ständiger technischer Neuerungen? Ein Faktor, der als ordnende Kraft wirkt, ist das Recht, das unter Berücksichtigung des Gemeinwohls die Regeln für das zulässige Verhalten aufstellt. Die Grenzen, die eine gesunde, reife und souveräne Gesellschaft setzen muss, sind verknüpft mit: Vorausschau und Umsicht, angemessenen Reglementierungen, Überwachung der Anwendung der Vorschriften, Bekämpfung der Korruption, Aktionen wirksamer Kontrolle der unerwünschten Wirkungen der Produktionsprozesse und zweckmäßigem Eingreifen angesichts ungewisser oder möglicher Risiken. Die Rechtsprechung ist in zunehmendem Maß darauf ausgerichtet, die Verschmutzungen durch unternehmerische Aktivitäten zu verringern. Doch der politische und institutionelle Rahmen existiert nicht nur, um Missstände zu vermeiden, sondern um die besten Verhaltensweisen zu fördern und die Kreativität anzuregen, die neue Wege sucht, um die persönlichen und kollektiven Initiativen zu erleichtern.
178. Das Drama der auf unmittelbare Ergebnisse ausgerichteten politischen Planung, die auch von Konsumgesellschaften vertreten wird, führt zu der Notwendigkeit, kurzfristig Wachstum zu erzeugen. Mit Rücksicht auf die Wahlen setzen die Regierungen sich nicht leicht der Gefahr aus, die Bevölkerung mit Maßnahmen zu verärgern, die dem Konsumniveau schaden oder Auslandsinvestitionen gefährden können. Die Kurzsichtigkeit beim Aufbau der Macht bremst die Aufnahme eines Umweltprogramms mit weiter Perspektive in die öffentliche Tagesordnung der Regierungen. So vergisst man, dass „die Zeit mehr wert ist als der Raum“[130]; dass wir immer dann fruchtbarer sind, wenn wir uns mehr darum kümmern, Prozesse auszulösen, als Räume der Macht zu beherrschen. Die politische Größe zeigt sich, wenn man in schwierigen Momenten nach bedeutenden Grundsätzen handelt und dabei an das langfristige Gemeinwohl denkt. Diese Pflicht in einem Projekt der Nation auf sich zu nehmen, kostet die politische Macht einen hohen Preis.
179. An einigen Orten werden Kooperativen für die Nutzung erneuerbarer Energien entwickelt, welche die lokale Selbstversorgung einschließlich des Verkaufs der überschüssigen Produktion ermöglichen. Dieses einfache Beispiel zeigt: Während die existierende Weltordnung sich als unfähig erweist, Verantwortungen zu übernehmen, kann die örtliche Instanz einen Unterschied machen. Denn dort können sich in der Weise, wie man an das denkt, was man seinen Kindern und Enkeln hinterlässt, eine größere Verantwortlichkeit, ein starker Gemeinschaftssinn, eine besondere Fähigkeit zur Umsicht,  eine großherzigere Kreativität und eine herzliche Liebe für das eigene Land bilden. Diese Werte sind in der einheimischen Bevölkerung sehr tief verwurzelt. Da sich das Recht aufgrund der Korruption manchmal als ungenügend erweist, ist eine politische Entscheidung auf Druck der Bevölkerung erforderlich. Über Nichtregierungsorganisationen und intermediäre Verbände muss die Gesellschaft die Regierungen verpflichten, rigorosere Vorschriften, Vorgehensweisen und Kontrollen zu entwickeln.  Wenn die Bürger die nationale, regionale und kommunale politische Macht nicht kontrollieren, ist auch keine Kontrolle der Umweltschäden möglich. Andererseits können die Gesetze der Gemeinden wirksamer sein, wenn Vereinbarungen zwischen benachbarten Ortschaften bestehen, um die gleiche Umweltpolitik zu unterstützen.
180. An einheitliche Lösungsvorschläge ist nicht zu denken, denn jedes Land oder jede Region hat spezifische Probleme und Grenzen. Es ist auch wahr, dass der politische Realismus Übergangsmaßnahmen und -technologien erfordern kann, die allerdings immer von der Planung und der Annahme bindender stufenweiser Verpflichtungen begleitet sein sollen. Doch in den nationalen und lokalen Bereichen gibt es immer viel zu tun auf dem Gebiet der Förderung von Formen der Energieersparnis. Das schließt ein, industrielle Produktion mit maximaler Energieeffizienz und geringerer Menge an Rohstoffen zu begünstigen, indem man die Produkte vom Markt nimmt, die unter energetischem Aspekt wenig rationell oder die stärker umweltbelastend sind. Wir können auch eine gute Verwaltung des Verkehrswesens erwähnen oder Formen der Konstruktion und Sanierung von Gebäuden, durch die ihr Energieverbrauch und ihr Maß an Verunreinigung reduziert wird. Andererseits kann sich das kommunalpolitische Handeln auf die Mäßigung des Konsums ausrichten, auf die Entwicklung einer Entsorgungs- und Wiederverwertungswirtschaft, auf den Artenschutz und auf die Planung einer diversifizierten Landwirtschaft mit Fruchtwechsel. Es ist möglich, eine landwirtschaftliche Verbesserung der armen Regionen zu fördern durch Investitionen in ländliche Infrastrukturen, in die Organisation des lokalen oder nationalen Marktes, in Bewässerungsanlagen, in die Entwicklung nachhaltiger Agrartechniken und anderes. Man kann Formen der Zusammenarbeit oder der gemeinschaftlichen Organisation erleichtern, welche die Interessen der kleinen Erzeuger schützen und die örtlichen Ökosysteme vor der Plünderung bewahren. Es gibt so vieles, was man tun kann!
181. Unerlässlich ist die Kontinuität, denn man kann nicht mit jedem Regierungswechsel die mit dem Klimawandel und dem Umweltschutz verbundene Politik ändern. Die Ergebnisse erfordern viel Zeit und setzen unmittelbare Kosten voraus mit Wirkungen, die nicht innerhalb einer laufenden Regierungsperiode nachgewiesen werden können. Darum wird es ohne den Druck der Bevölkerung und der Institutionen immer Widerstand geben einzugreifen, sogar noch mehr, wenn es Notfälle zu lösen gilt. Dass ein Politiker diese Verantwortungen mit den dazugehörigen Kosten übernimmt, entspricht nicht der auf Effizienz und Unmittelbarkeit ausgerichteten Logik der aktuellen Wirtschaft und Politik, doch wenn er es zu tun wagt, wird er wieder die Würde erkennen, die Gott ihm als Menschen verliehen hat, und nach seinem Weg durch diese Geschichte ein Zeugnis großzügiger Verantwortlichkeit hinterlassen. Man muss einer soliden Politik den Vorrang geben, die die Institutionen zu reformieren und zu koordinieren vermag und die auch deren Betrieb ohne Pressionen und lasterhafte Trägheit gewährleistet. Freilich ist hinzuzufügen, dass die besten Vorkehrungen letztlich scheitern werden, wenn die großen Ziele, die Werte und eine humanistische, sinnerfüllte Auffassung fehlen, die jeder Gesellschaft eine edle und großherzige Orientierung verleihen.
III. DIALOG UND TRANSPARENZ IN DEN ENTSCHEIDUNGSPROZESSEN
182. Die Prognose der Umweltverträglichkeit der Unternehmen und Projekte erfordert transparente politische Prozesse, die dem Dialog unterworfen sind, während die Korruption, welche die wirkliche Umweltbelastung eines Projektes um gewisser Vergünstigungen willen verheimlicht, gewöhnlich zu unlauteren Vereinbarungen führt, die sich Auskünften und eingehenden Erörterungen entziehen.
183. Eine Untersuchung der Umweltverträglichkeit dürfte nicht im Anschluss an die Erarbeitung eines Produktionsplanes oder irgendeiner Politik, einer Planung oder eines Programms stattfinden, die es zu entwickeln gilt. Sie muss von Anfang an einbezogen und bereichsübergreifend, transparent und unabhängig von jedem wirtschaftlichen oder politischen Druck ausgearbeitet werden. Sie muss mit einer Analyse der Arbeitsbedingungen und der möglichen Auswirkungen – zum Beispiel auf die physische und geistige Gesundheit der Menschen, auf die lokale Wirtschaft, auf die Sicherheit – verbunden sein. So kann man auf realistischere Weise Rückschlüsse auf die wirtschaftlichen Ergebnisse ziehen, indem man mögliche Szenerien berücksichtigt und eventuell der Notwendigkeit einer größeren Investition zur Lösung unerwünschter und korrigierbarer Wirkungen zuvorkommt. Immer ist es notwendig, den Konsens unter den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren einzuholen, die unterschiedliche Perspektiven, Lösungen und Alternativen beisteuern können. Einen privilegierten Platz in der Diskussion müssen jedoch die Einwohner vor Ort haben, die sich fragen, was sie für sich und für ihre Kinder wollen, und die auch Ziele in Betracht ziehen können, die das unmittelbare wirtschaftliche Interesse übersteigen. Man muss den Gedanken an „Eingriffe“ in die Umwelt aufgeben, um zu einer von allen betroffenen Parteien durchdachten und diskutierten Politik zu kommen. Die Beteiligung verlangt, dass alle über die verschiedenen Aspekte sowie über die unterschiedlichen Risiken und Möglichkeiten angemessen informiert sind und dass sie nicht auf die Anfangsentscheidung über ein Projekt reduziert wird, sondern auch Maßnahmen zur Kontrolle oder der ständigen Überwachung einschließt. Es braucht Aufrichtigkeit und Wahrheit in den wissenschaftlichen und politischen Diskussionen, ohne sich darauf zu beschränken abzuwägen, was gesetzlich erlaubt ist oder nicht.
184. Wenn eventuelle Risiken für die Umwelt erscheinen, die das gegenwärtige oder zukünftige Gemeinwohl betreffen, verlangt die Situation, „dass alle Entscheidungen auf der Grundlage einer Gegenüberstellung der Risiken und der Vorteile jeder in Frage kommenden Alternative getroffen werden“.[131] Das gilt vor allem, wenn ein Projekt einen erhöhten Verbrauch natürlicher Ressourcen, eine Zunahme von Emissionen oder Abfallprodukten, die Erzeugung von Rückständen oder eine bedeutende Veränderung der Landschaft, des Lebensraums geschützter Arten oder eines öffentlichen Raums verursachen kann. Einige nicht ausreichend analysierte Projekte können zutiefst die Lebensqualität eines Ortes schädigen aufgrund von so verschiedenen Fragen wie zum Beispiel eine nicht vorhergesehene Lärmbelästigung, die Beschränkung der Sichtweite, der Verlust kultureller Werte, die Auswirkungen des Gebrauchs von Nuklearenergie. Die Konsum-Kultur, die der Kurzfristigkeit und dem Privatinteresse den Vorrang gibt, kann allzu schnelle Instanzenwege fördern oder die Verschleierung der Information zulassen.
185. Um zu erkennen, ob ein Unternehmen zu einer wahren ganzheitlichen Entwicklung beiträgt, müssten in der gesamten Diskussion die folgenden Fragestellungen bedacht werden: Wozu? Weshalb? Wo? Wann? In welcher Weise? Für wen? Welches sind die Risiken? Zu welchem Preis? Wer kommt für die Kosten auf, und wie wird er das tun? In dieser Prüfung gibt es Fragen, die den Vorrang haben müssen. Wir wissen zum Beispiel, dass das Wasser eine beschränkte und unerlässliche Ressource ist, und zudem ist es ein Grundrecht, das die Ausübung anderer Menschenrechte bedingt. Das steht außer Zweifel und stellt jede Analyse der Umweltschädigung einer Region in den Schatten.
186. In der Rio-Erklärung von 1992 heißt es: „Drohen schwerwiegende oder bleibende Schäden, so darf ein Mangel an vollständiger wissenschaftlicher Gewissheit kein Grund dafür sein, kostenwirksame Maßnahmen zur Vermeidung von Umweltverschlechterungen aufzuschieben.“[132] Dieses Prinzip der Vorbeugung gestattet den Schutz der Schwächsten, die kaum über Mittel verfügen, sich zu verteidigen und unumstößliche Nachweise zu erbringen. Wenn die objektive Information einen schweren und irreversiblen Schaden voraussehen lässt, müsste jedes Projekt, auch wenn es keine unbestreitbare Bestätigung gibt, gestoppt oder modifiziert werden. So wird die Beweislast umgekehrt, da in diesen Fällen ein objektiver und schlagender Nachweis dafür erbracht werden muss, dass das Vorhaben keine schweren Schäden für die Umwelt und ihre Bewohner verursachen wird.
187. Das bedeutet nicht, sich jeglicher technischen Neuerung zu widersetzen, die eine Verbesserung der Lebensqualität einer Bevölkerung gestattet. Doch in jedem Fall muss der Grundsatz erhalten bleiben, dass die Rentabilität nicht das einzige Kriterium sein darf, das berücksichtigt wird, und dass in dem Moment, in dem mit wachsendem Kenntnisstand neue Elemente zur Beurteilung auftauchen, eine neue Bewertung unter Teilnahme aller betroffenen Parteien stattfinden müsste. Das Ergebnis der Diskussion könnte die Entscheidung sein, ein Projekt nicht weiterzuführen, es könnte aber auch dessen Veränderung oder die Entwicklung von Alternativvorschlägen sein.
188. Es gibt Diskussionen über Umweltfragen, in denen es schwierig ist, einen Konsens zu erreichen. Noch einmal betone ich, dass die Kirche nicht beansprucht, die wissenschaftlichen Fragen zu lösen, noch die Politik zu ersetzen, doch ich fordere zu einer ehrlichen und transparenten Debatte auf, damit Sonderbedürfnisse oder Ideologien nicht das Gemeinwohl schädigen.
IV. POLITIK UND WIRTSCHAFT IM DIALOG FÜR DIE VOLLE MENSCHLICHE ENTFALTUNG
189. Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen. Im Hinblick auf das Gemeinwohl besteht für uns heute die dringende Notwendigkeit, dass Politik und Wirtschaft sich im Dialog entschieden in den Dienst des Lebens stellen, besonders in den des menschlichen Lebens. Die Rettung der Banken um jeden Preis, indem man die Kosten dafür der Bevölkerung aufbürdet, ohne den festen Entschluss, das gesamte System zu überprüfen und zu reformieren, unterstützt eine absolute Herrschaft der Finanzen, die keine Zukunft besitzt und nach einer langwierigen, kostspieligen und scheinbaren Heilung nur neue Krisen hervorrufen kann. Die Finanzkrise von 2007-2008 war eine Gelegenheit für die Entwicklung einer neuen, gegenüber den ethischen Grundsätzen aufmerksameren Wirtschaft und für eine Regelung der spekulativen Finanzaktivität und des fiktiven Reichtums. Doch es gab keine Reaktion, die dazu führte, die veralteten Kriterien zu überdenken, die weiterhin die Welt regieren. Die Produktion ist nicht immer rational und pflegt an wirtschaftliche Variablen gebunden zu sein, die den Produkten einen Wert zuschreiben, der nicht ihrem wirklichen Wert entspricht. Das führt oft zu einer Überproduktion einiger Waren, mit einer unnötigen Umweltbelastung, die zugleich viele regionale Wirtschaftszweige beeinträchtigt.[133] Die Finanzblase pflegt auch eine Produktionsblase zu sein. Letztlich ist das, was nicht energisch in Angriff genommen wird, das Problem der Realökonomie, die es möglich macht, dass die Produktion vielseitig gestaltet und verbessert wird, dass die Unternehmen angemessen funktionieren, dass die kleinen und mittleren Betriebe sich entwickeln und Arbeitsplätze schaffen
190. In diesem Zusammenhang muss immer daran erinnert werden , dass „der Umweltschutz […] nicht nur auf der Grundlage einer finanziellen Kostennutzenrechnung gewährleistet werden [kann]. Die Umwelt ist eines jener Güter, die die Mechanismen des Markts nicht in der angemessenen Form schützen oder fördern können.“[134] Wieder einmal ist es gut, eine magische Auffassung des Marktes zu vermeiden, die zu der Vorstellung neigt, dass sich die Probleme allein mit dem Anstieg der Gewinne der Betriebe oder der Einzelpersonen lösen. Ist es realistisch zu hoffen, dass derjenige, der auf den Maximalgewinn fixiert ist, sich mit dem Gedanken an die Umweltauswirkungen aufhält, die er den kommenden Generationen hinterlässt? Innerhalb des Schemas der Rendite ist kein Platz für Gedanken an die Rhythmen der Natur, an ihre Zeiten des Verfalls und der Regenerierung und an die Kompliziertheit der Ökosysteme, die durch das menschliche Eingreifen gravierend verändert werden können. Außerdem wird, wenn von biologischer Vielfalt die Rede ist, diese letztlich als ein Reservoir wirtschaftlicher Ressourcen betrachtet, das ausgebeutet werden könnte, doch man erwägt nicht ernstlich den realen Wert der Dinge, ihre Bedeutung für die Menschen und die Kulturen, die Interessen und Bedürfnisse der Armen.
191. Wenn diese Fragen aufgeworfen werden, reagieren einige mit der Anschuldigung, man wolle gegen alle Vernunft den Fortschritt und die menschliche Entwicklung aufhalten. Wir müssen uns jedoch davon überzeugen, dass die Verlangsamung eines gewissen Rhythmus von Produktion und Konsum Anlass zu einer anderen Art von Fortschritt und Entwicklung geben kann. Die Anstrengungen für eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen sind kein nutzloser Aufwand, sondern eine Investition, die mittelfristig andere wirtschaftliche Gewinne bieten kann. Wenn wir nicht engstirnig sind, können wir entdecken, dass die vielseitige Gestaltung einer mehr innovativen und weniger umweltschädlichen Produktion rentabler sein kann. Es geht darum, den Weg für andere Möglichkeiten zu öffnen, die nicht etwa bedeuten, die Kreativität des Menschen und seinen Sinn für Fortschritt zu bremsen, sondern diese Energie auf neue Anliegen hin auszurichten.
192. Ein kreativerer und besser ausgerichteter Weg der Produktionsentwicklung könnte zum Beispiel die Tatsache korrigieren, dass es einen übertriebenen technologischen Einsatz für den Konsum gibt und einen geringen, um die unerledigten Probleme der Menschheit zu lösen; er könnte kluge und rentable Formen von Wiederverwertung, Umfunktionierung und Recycling schaffen; er könnte die Energieeffizienz der Städte verbessern und vieles mehr. Die breite Auffächerung der Produktion bietet der menschlichen Intelligenz äußerst vielfältige Möglichkeiten, zu gestalten und zu erneuern, während sie zugleich die Umwelt schützt und mehr Arbeitsplätze schafft. Das wäre eine Kreativität, die fähig ist, den eigentlichen Adel des Menschen neu erblühen zu lassen, denn es ist würdiger, mutig und verantwortungsvoll die Intelligenz einzusetzen, um im Rahmen eines weiteren Verständnisses dessen, was die Lebensqualität ausmacht, Formen nachhaltiger und gerechter Entwicklung zu finden. Umgekehrt ist es eher unwürdig, oberflächlich und weniger kreativ, auf der Schaffung von Formen der Ausplünderung der Natur zu beharren, nur um neue Möglichkeiten des Konsums und der unmittelbaren Rendite zu bieten.
193. Wenn in einigen Fällen die nachhaltige Entwicklung neue Formen des Wachstums mit sich bringen wird, muss man immerhin in anderen Fällen angesichts des unersättlichen und unverantwortlichen Wachstums, das jahrzehntelang stattgefunden hat, auch daran denken, die Gangart ein wenig zu verlangsamen, indem man einige vernünftige Grenzen setzt und sogar umkehrt, bevor es zu spät ist. Wir wissen, dass das Verhalten derer, die mehr und mehr konsumieren und zerstören, während andere noch nicht entsprechend ihrer Menschenwürde leben können, unvertretbar ist. Darum ist die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann. Benedikt XVI. hat gesagt, dass „die technologisch fortgeschrittenen Gesellschaften bereit sein [müssen], Verhaltensweisen zu fördern, die von einem Maßhalten geprägt sind, indem sie den eigenen Energiebedarf reduzieren und die Nutzungsbedingungen verbessern“.[135]
194. Damit neue Leitbilder für den Fortschritt aufkommen, müssen wir „das Modell globaler Entwicklung in eine[andere] Richtung … lenken“[136], was einschließt, „über den Sinn der Wirtschaft und über ihre Ziele nachzudenken, um Missstände und Verzerrungen zu korrigieren“.[137] Es genügt nicht, die Pflege der Natur mit dem finanziellen Ertrag oder die Bewahrung der Umwelt mit dem Fortschritt in einem Mittelweg zu vereinbaren. In diesem Zusammenhang sind die Mittelwege nur eine kleine Verzögerung des Zusammenbruchs. Es geht schlicht darum, den Fortschritt neu zu definieren. Eine technologische und wirtschaftliche Entwicklung, die nicht eine bessere Welt und eine im Ganzen höhere Lebensqualität hinterlässt, kann nicht als Fortschritt betrachtet werden. Andererseits nimmt oft die wirkliche Lebensqualität der Menschen im Zusammenhang mit einem Wirtschaftswachstum ab, und zwar wegen der Zerstörung der Umwelt, wegen der niedrigen Qualität der eigenen Nahrungsmittel oder durch die Erschöpfung einiger Ressourcen. In diesem Rahmen pflegt sich die Rede vom nachhaltigen Wachstum in eine ablenkende und rechtfertigende Gegenrede zu verwandeln, die Werte der ökologischen Überlegung in Anspruch nimmt und in die Logik des Finanzwesens und der Technokratie eingliedert, und die soziale wie umweltbezogene Verantwortlichkeit der Unternehmen wird dann gewöhnlich auf eine Reihe von Aktionen zur Verbraucherforschung und Image-Pflege reduziert.
195. Das Prinzip der Gewinnmaximierung, das dazu neigt, sich von jeder anderen Betrachtungsweise abzukapseln, ist eine Verzerrung des Wirtschaftsbegriffs: Wenn die Produktion steigt, kümmert es wenig, dass man auf Kosten der zukünftigen Ressourcen oder der Gesundheit der Umwelt produziert; wenn die Abholzung eines Waldes die Produktion erhöht, wägt niemand in diesem Kalkül den Verlust ab, der in der Verwüstung eines Territoriums, in der Beschädigung der biologischen Vielfalt oder in der Erhöhung der Umweltverschmutzung liegt. Das bedeutet, dass die Unternehmen Gewinne machen, indem sie einen verschwindend kleinen Teil der Kosten einkalkulieren und tragen. Als ethisch könnte nur ein Verhalten betrachtet werden, in dem „die wirtschaftlichen und sozialen Kosten für die Benutzung der allgemeinen Umweltressourcen offen dargelegt sowie von den Nutznießern voll getragen werden und nicht von anderen Völkern oder zukünftigen Generationen“.[138] Die zweckgebundene Rationalität, die nur eine statische Analyse der Wirklichkeit im Hinblick auf die aktuellen Bedürfnisse liefert, ist sowohl im Spiel, wenn es der Markt ist, der die Mittel zuteilt, als auch wenn dies ein planwirtschaftlich geführter Staat tut.
196. Was geschieht mit der Politik? Wir erinnern an das Prinzip der Subsidiarität, das auf allen Ebenen Freiheit für die Entwicklung der vorhandenen Fähigkeiten gewährt, zugleich aber von dem, der mehr Macht besitzt, mehr Verantwortlichkeit für das Gemeinwohl fordert. Es ist wahr, dass heute einige Wirtschaftszweige mehr Macht ausüben, als die Staaten selbst. Man kann aber nicht eine Wirtschaft ohne Politik rechtfertigen – sie wäre unfähig, eine andere Logik zu begünstigen, die die verschiedenen Aspekte der gegenwärtigen Krise lenken könnte. Die Logik, von der man keine aufrichtige Sorge um die Umwelt erwarten kann, lässt auch nicht erwarten, dass sie besorgt ist, die Schwächsten einzubeziehen, denn „in dem geltenden »privatrechtlichen« Erfolgsmodell scheint es wenig sinnvoll, zu investieren, damit diejenigen, die auf der Strecke geblieben sind, die Schwachen oder die weniger Begabten es im Leben zu etwas bringen können“.[139]
197. Wir brauchen eine Politik, deren Denken einen weiten Horizont umfasst und die einem neuen, ganzheitlichen Ansatz zum Durchbruch verhilft, indem sie die verschiedenen Aspekte der Krise in einen interdisziplinären Dialog aufnimmt. Oft ist die Politik selbst für den Verlust ihres Ansehens verantwortlich, aufgrund von Korruption oder wegen des Mangels an guter öffentlicher Politik. Wenn der Staat in einer Region seine Rolle nicht erfüllt, können einige Wirtschaftsgruppen als Wohltäter auftreten und unrechtmäßig die reale Macht übernehmen, indem sie sich bevollmächtigt fühlen, gewisse Normen nicht einzuhalten, und sogar Anlass geben zu verschiedenen Formen organisierter Kriminalität, zu Menschenhandel, Drogenhandel und Gewalt – Übel, die sehr schwer auszurotten sind. Wenn die Politik nicht imstande ist, eine perverse Logik zu durchbrechen, und wenn auch sie nicht über armselige Reden hinauskommt, werden wir weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen. Eine Strategie für eine wirkliche Veränderung verlangt, die Gesamtheit der Vorgänge zu überdenken, denn es reicht nicht, oberflächliche ökologische Überlegungen einzubeziehen, während man nicht die Logik infrage stellt, die der gegenwärtigen Kultur zugrunde liegt. Eine gesunde Politik müsste fähig sein, diese Herausforderung anzunehmen.
198. Die Politik und die Wirtschaft neigen dazu, sich in Sachen Armut und Umweltzerstörung gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Was man jedoch erwartet, ist, dass sie ihre eigenen Fehler erkennen und Formen des Zusammenwirkens finden, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind. Während die einen nur verzweifelt nach wirtschaftlicher Rendite streben und die anderen nur besessen darauf sind, die Macht zu bewahren oder zu steigern, haben wir als Ergebnis Kriege oder unlautere Vereinbarungen, bei denen es beiden Teilen am wenigsten darum geht, die Umwelt zu schützen und für die Schwächsten zu sorgen. Auch hier gilt: „Die Einheit steht über dem Konflikt.“[140]
V. DIE RELIGIONEN IM DIALOG MIT DEN WISSENSCHAFTEN
199. Man kann nicht behaupten, dass die empirischen Wissenschaften das Leben, die Verflechtung aller Geschöpfe und das Ganze der Wirklichkeit völlig erklären. Das hieße, ihre engen methodologischen Grenzen ungebührlich zu überschreiten. Wenn man in diesem geschlossenen Rahmen denkt, verschwinden das ästhetische Empfinden, die Poesie und sogar die Fähigkeit der Vernunft, den Sinn und den Zweck der Dinge zu erkennen.[141] Ich möchte daran erinnern, dass „die klassischen religiösen Texte für alle Zeiten von Bedeutung sein können und eine motivierende Kraft besitzen, die immer neue Horizonte öffnet […] Ist es vernünftig und intelligent, sie in die Verborgenheit zu verbannen, nur weil sie im Kontext einer religiösen Überzeugung entstanden sind?“[142] Eigentlich ist es naiv zu meinen, die ethischen Grundsätze könnten völlig abstrakt und aus ihrem gesamten Kontext herausgelöst dargelegt werden; die Tatsache, dass sie in einer religiösen Sprache erscheinen, mindert in keiner Weise ihren Wert in der öffentlichen Debatte. Die ethischen Grundsätze, die der Verstand wahrzunehmen vermag, können immer wieder in einem anderen Gewand auftreten und in verschiedenen Sprachen ausgedrückt werden, einschließlich der religiösen.
200. Andererseits wird jede technische Lösung, die die Wissenschaften beisteuern wollen, machtlos sein, die schweren Probleme der Welt zu lösen, wenn die Menschheit von ihrem Kurs abkommt, wenn die großen Beweggründe, die das Zusammenleben, das Opfer und die Güte möglich machen, in Vergessenheit geraten. In jedem Fall wird man an die Glaubenden appellieren müssen, in Übereinstimmung mit ihrem Glauben zu leben und ihm nicht mit ihrem Tun zu widersprechen; man wird sie ermahnen müssen, sich wieder der Gnade Gottes zu öffnen und zutiefst aus den eigenen Überzeugungen von Liebe, Gerechtigkeit und Frieden zu schöpfen. Wenn ein falsches Verständnis unserer eigenen Grundsätze uns auch manchmal dazu geführt hat, die schlechte Behandlung der Natur oder die despotische Herrschaft des Menschen über die Schöpfung oder die Kriege, die Ungerechtigkeit und die Gewalt zu rechtfertigen, können wir Glaubenden erkennen, dass wir auf diese Weise dem Schatz an Weisheit, den wir hätten hüten müssen, untreu gewesen sind. Oftmals haben die kulturellen Grenzen verschiedener Zeiten dieses Bewusstsein des eigenen ethischen und geistlichen Erbes beeinträchtigt, doch gerade der Rückgriff auf dessen Quellen gestattet den Religionen, besser auf die gegenwärtigen Bedürfnisse zu reagieren.
201. Der größte Teil der Bewohner des Planeten bezeichnet sich als Glaubende, und das müsste die Religionen veranlassen, einen Dialog miteinander aufzunehmen, der auf die Schonung der Natur, die Verteidigung der Armen und den Aufbau eines Netzes der gegenseitigen Achtung und der Geschwisterlichkeit ausgerichtet ist. Dringend ist auch ein Dialog unter den Wissenschaften selbst, denn jede von ihnen pflegt sich in die Grenzen ihrer eigenen Sprache zurückzuziehen, und die Spezialisierung neigt dazu, sich in Abschottung und in eine Verabsolutierung des eigenen Wissens zu verwandeln. Das verhindert, die Umweltprobleme in geeigneter Weise anzugehen. Ebenfalls wird ein offener und freundlicher Dialog zwischen den verschiedenen Ökologiebewegungen notwendig, wo es nicht an ideologischen Kämpfen fehlt. Die Schwere der ökologischen Krise verlangt von uns allen, an das Gemeinwohl zu denken und auf einem Weg des Dialogs voranzugehen, der Geduld, Askese und Großherzigkeit erfordert, immer eingedenk des Grundsatzes: „Die Wirklichkeit steht über der Idee.“[143]

SECHSTES KAPITEL: ÖKOLOGISCHE ERZIEHUNG UND SPIRITUALITÄT
202. Viele Dinge müssen ihren Lauf neu orientieren, vor allem aber muss die Menschheit sich ändern. Es fehlt das Bewusstsein des gemeinsamen Ursprungs, einer wechselseitigen Zugehörigkeit und einer von allen geteilten Zukunft. Dieses Grundbewusstsein würde die Entwicklung neuer Überzeugungen, Verhaltensweisen und Lebensformen erlauben. So zeichnet sich eine große kulturelle, spirituelle und erzieherische Herausforderung ab, die langwierige Regenerationsprozesse beinhalten wird.
I. AUF EINEN ANDEREN LEBENSSTIL SETZEN
203. Da der Markt dazu neigt, einen unwiderstehlichen Konsum-Mechanismus zu schaffen, um seine Produkte abzusetzen, versinken die Menschen schließlich in einem Strudel von unnötigen Anschaffungen und Ausgaben. Der zwanghafte Konsumismus ist das subjektive Spiegelbild des techno-ökonomischen Paradigmas. Es geschieht das, worauf schon Romano Guardini hingewiesen hat: Der Mensch „nimmt […] Gebrauchsdinge und Lebensformen an, wie sie ihm von der rationalen Planung und den genormten Maschinenprodukten aufgenötigt werden, und tut dies im Großen und Ganzen mit dem Gefühl, so sei es vernünftig und richtig“.[144] Dieses Modell wiegt alle in dem Glauben, frei zu sein, solange sie eine vermeintliche Konsumfreiheit haben, während in Wirklichkeit jene Minderheit die Freiheit besitzt, welche die wirtschaftliche und finanzielle Macht innehat. In dieser Unklarheit hat die postmoderne Menschheit kein neues Selbstverständnis gefunden, das sie orientieren kann, und dieser Mangel an Identität wird mit Angst erfahren. Wir haben allzu viele Mittel für einige dürftige und magere Ziele.
204. Die gegenwärtige Situation der Welt „schafft ein Gefühl der Ungewissheit und der Unsicherheit, das seinerseits Formen von kollektivem Egoismus […] begünstigt“.[145] Wenn die Menschen selbstbezogen werden und sich in ihrem eigenen Gewissen isolieren, werden sie immer unersättlicher. Während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht er immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann. In diesem Kontext scheint es unmöglich, dass irgendjemand akzeptiert, dass die Wirklichkeit ihm Grenzen setzt. Ebenso wenig existiert in diesem Gesichtskreis ein wirkliches Gemeinwohl. Wenn dieser Menschentyp in einer Gesellschaft tendenziell der vorherrschende ist, werden die Normen nur in dem Maß respektiert werden, wie sie nicht den eigenen Bedürfnissen zuwiderlaufen. Deshalb denken wir nicht nur an die Möglichkeit schrecklicher klimatischer Phänomene oder an große Naturkatastrophen, sondern auch an Katastrophen, die aus sozialen Krisen hervorgehen, denn die Versessenheit auf einen konsumorientierten Lebensstil kann – vor allem, wenn nur einige wenige ihn pflegen können – nur Gewalt und gegenseitige Zerstörung auslösen.
205. Trotzdem ist nicht alles verloren, denn die Menschen, die fähig sind, sich bis zum Äußersten herabzuwürdigen, können sich auch beherrschen, sich wieder für das Gute entscheiden und sich bessern, über alle geistigen und sozialen Konditionierungen hinweg, die sich ihnen aufdrängen. Sie sind fähig, sich selbst ehrlich zu betrachten, ihren eigenen Überdruss aufzudecken und neue Wege zur wahren Freiheit einzuschlagen. Es gibt keine Systeme, die die Offenheit für das Gute, die Wahrheit und die Schönheit vollkommen zunichte machen und die Fähigkeit aufheben, dem zu entsprechen. Diese Fähigkeit ist es ja, der Gott von der Tiefe des menschlichen Herzens aus fortwährend Antrieb verleiht. Jeden Menschen dieser Welt bitte ich, diese seine Würde nicht zu vergessen; niemand hat das Recht, sie ihm zu nehmen.
206. Eine Änderung der Lebensstile könnte dazu führen, einen heilsamen Druck auf diejenigen auszuüben, die politische, wirtschaftliche und soziale Macht besitzen. Das ist es, was die Verbraucherbewegungen erreichen, die durch den Boykott gewisser Produkte auf das Verhalten der Unternehmen ändernd einwirken und sie zwingen, die Umweltbelastung und die Produktionsmuster zu überdenken. Es ist eine Tatsache, dass die Unternehmen, wenn die Gewohnheiten der Gesellschaft ihre Rendite gefährden, sich genötigt sehen, ihre Produktionsweise zu ändern. Das erinnert uns an die soziale Verantwortung der Verbraucher. „Das Kaufen [ist] nicht nur ein wirtschaftlicher Akt, sondern immer auch eine moralische Handlung.“[146] Daher ruft heute „das Thema der Umweltverschmutzung das Verhalten eines jeden von uns […] zur Rechenschaft“.[147]
207. Die Erd-Charta lud uns alle ein, eine Zeit der Selbstzerstörung hinter uns zu lassen und neu anzufangen, doch wir haben noch kein universales Bewusstsein entwickelt, das dies möglich macht. Deshalb wage ich, jene wertvolle Herausforderung erneut vorzubringen: „Wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit fordert uns unser gemeinsames Schicksal dazu auf, einen neuen Anfang zu wagen […] Lasst uns unsere Zeit so gestalten, dass man sich an sie erinnern wird als eine Zeit, in der eine neue Ehrfurcht vor dem Leben erwachte, als eine Zeit, in der nachhaltige Entwicklung entschlossen auf den Weg gebracht wurde, als eine Zeit, in der das Streben nach Gerechtigkeit und Frieden neuen Auftrieb bekam, und als eine Zeit der freudigen Feier des Lebens.“[148]
208. Immer ist es möglich, wieder die Fähigkeit zu entwickeln, aus sich heraus- und auf den anderen zuzugehen. Ohne sie erkennt man die anderen Geschöpfe nicht in ihrem Eigenwert, ist nicht daran interessiert, etwas für die anderen zu tun, und ist nicht imstande, sich Grenzen zu setzen, um das Leiden oder die Schädigung unserer Umgebung zu vermeiden. Die Grundhaltung des Sich-selbst-Überschreitens, indem man das abgeschottete Bewusstsein und die Selbstbezogenheit durchbricht, ist die Wurzel aller Achtsamkeit gegenüber den anderen und der Umwelt. Und sie ist es auch, die die moralische Reaktion hervorbringt, die Wirkung zu erwägen, die jedes Tun und jede persönliche Entscheidung außerhalb des eigenen Selbst auslöst. Wenn wir fähig sind, den Individualismus zu überwinden, kann sich wirklich ein alternativer Lebensstil entwickeln, und eine bedeutende Veränderung in der Gesellschaft wird möglich.
II. ERZIEHUNG ZUM BÜNDNIS ZWISCHEN DER MENSCHHEIT UND DER UMWELT
209. Das Bewusstsein der Ernsthaftigkeit der kulturellen und ökologischen Krise muss in neuen Gewohnheiten zum Ausdruck kommen. Viele wissen, dass der gegenwärtige Fortschritt und die bloße Häufung von Gegenständen und  Vergnügen nicht ausreichen, um dem menschlichen Herzen Sinn zu verleihen und Freude zu schenken, doch sie fühlen sich nicht fähig, auf das zu verzichten, was der Markt ihnen bietet. In den Ländern, welche die größten Änderungen der Konsumgewohnheiten erbringen müssten, haben die Jugendlichen ein neues ökologisches Empfinden und eine großzügige Gesinnung, und einige von ihnen kämpfen in bewundernswerter Weise für den Umweltschutz, doch sie sind in einem Kontext außerordentlich hohen Konsums und Wohlstands aufgewachsen, der die Entwicklung anderer Gewohnheiten erschwert. Darum stehen wir vor einer erzieherischen Herausforderung.
210. Die Umwelterziehung hat ihre Ziele erweitert. Wenn sie anfangs die wissenschaftliche Information sowie die Bewusstmachung und Vermeidung von Umweltgefahren sehr in den Mittelpunkt stellte, neigt sie jetzt dazu, eine Kritik an den auf der instrumentellen Vernunft beruhenden „Mythen“ der Moderne (Individualismus, undefinierter Fortschritt, Konkurrenz, Konsumismus, regelloser Markt) einzuschließen und auch die verschiedenen Ebenen des ökologischen Gleichgewichts zurückzugewinnen: das innere Gleichgewicht mit sich selbst, das solidarische mit den anderen, das natürliche mit allen Lebewesen und das geistliche mit Gott. Die Umwelterziehung müsste uns darauf vorbereiten, diesen Sprung in Richtung auf das Mysterium zu vollziehen, von dem aus eine ökologische Ethik ihren tiefsten Sinn erlangt. Andererseits gibt es Erzieher, die fähig sind, pädagogische Wege einer ökologischen Ethik neu zu entwerfen, so dass sie tatsächlich helfen, in der Solidarität, der Verantwortlichkeit und der auf dem Mitgefühl beruhenden Achtsamkeit zu wachsen.
211. Dennoch beschränkt sich diese Erziehung, die berufen ist, ein „ökologisches Bürgertum“ zu schaffen, manchmal darauf zu informieren und erreicht es nicht, Gewohnheiten zu entwickeln. Die Existenz von Gesetzen und Regeln reicht auf lange Sicht nicht aus, um die schlechten Verhaltensweisen einzuschränken, selbst wenn eine wirksame Kontrolle vorhanden ist. Damit die Rechtsnorm bedeutende und dauerhafte Wirkungen hervorbringt, ist es notwendig, dass der größte Teil der Mitglieder der Gesellschaft sie aufgrund von geeigneten Motivierungen akzeptiert hat und aus einer persönlichen Verwandlung heraus reagiert. Nur von der Pflege solider Tugenden aus ist eine Selbsthingabe in einem ökologischen Engagement möglich. Wenn jemand, obwohl seine wirtschaftlichen Verhältnisse ihm erlauben, mehr zu verbrauchen und auszugeben, sich gewohnheitsgemäß etwas wärmer anzieht, anstatt die Heizung anzuzünden, bedeutet das, dass er Überzeugungen und eine Gesinnung angenommen hat, die den Umweltschutz begünstigen. Es ist sehr nobel, es sich zur Pflicht zu machen, mit kleinen alltäglichen Handlungen für die Schöpfung zu sorgen, und es ist wunderbar, wenn die Erziehung imstande ist, dazu anzuregen, bis es zum Lebensstil wird. Die Erziehung zur Umweltverantwortung kann verschiedene Verhaltensweisen fördern, die einen unmittelbaren und bedeutenden Einfluss auf den Umweltschutz haben, wie die Vermeidung des Gebrauchs von Plastik und Papier, die Einschränkung des Wasserverbrauchs, die Trennung der Abfälle, nur so viel zu kochen, wie man vernünftigerweise essen kann, die anderen Lebewesen sorgsam zu behandeln, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder ein Fahrzeug mit mehreren Personen zu teilen, Bäume zu pflanzen, unnötige Lampen auszuschalten. All das gehört zu einer großherzigen und würdigen Kreativität, die das Beste des Menschen an den Tag legt. Etwas aus tiefen Beweggründen wiederzuverwerten, anstatt es schnell wegzuwerfen, kann eine Handlung der Liebe sein, die unsere eigene Würde zum Ausdruck bringt.
212. Man soll nicht meinen, dass diese Bemühungen die Welt nicht verändern. Diese Handlungen verbreiten Gutes in der Gesellschaft, das über das Feststellbare hinaus immer Früchte trägt, denn sie verursachen im Schoß dieser Erde etwas Gutes, das stets dazu neigt, sich auszubreiten, manchmal unsichtbar. Außerdem gibt uns ein solches Verhalten das Gefühl der eigenen Würde zurück, führt uns zu einer größeren Lebenstiefe und schenkt uns die Erfahrung, dass das Leben in dieser Welt lebenswert ist.
213. Die Bereiche, in denen die Erziehung stattfindet, sind verschieden: die Schule, die Familie, die Kommunikationsmittel, die Katechese und andere. Eine gute schulische Erziehung in jungen Jahren sät etwas aus, das ein Leben lang Auswirkungen haben kann. Ich möchte jedoch die zentrale Bedeutung der Familie hervorheben, denn „sie ist der Ort, an dem das Leben, Gabe Gottes, in angemessener Weise angenommen und gegen die vielfältigen Angriffe, denen es ausgesetzt ist, geschützt wird und wo es sich entsprechend den Forderungen eines echten menschlichen Wachstums entfalten kann. Gegen die sogenannte Kultur des Todes stellt die Familie den Sitz der Kultur des Lebens dar.“[149] In der Familie werden die ersten Gewohnheiten der Liebe und Sorge für das Leben gehegt, wie zum Beispiel der rechte Gebrauch der Dinge, Ordnung und Sauberkeit, die Achtung des örtlichen Ökosystems und der Schutz aller erschaffenen Wesen. Die Familie ist der Ort der ganzheitlichen Erziehung, wo sich die verschiedenen Momente der persönlichen Reifung ausformen, die eng miteinander verbunden sind. In der Familie lernt man, um Erlaubnis zu bitten, ohne andere zu überfahren, „danke“ zu sagen als Ausdruck einer aufrichtigen Wertschätzung dessen, was wir empfangen, Aggressivität oder Unersättlichkeit zu beherrschen und um Verzeihung zu bitten, wenn wir irgendeinen Schaden angerichtet haben. Diese kleinen Gesten ehrlicher Höflichkeit helfen, eine Kultur des Zusammenlebens und der Achtung gegenüber unserer Umgebung aufzubauen.
214. Es ist Sache der Politik und der verschiedenen Vereinigungen, sich um eine Sensibilisierung der Bevölkerung zu bemühen. Auch der Kirche kommt diese Aufgabe zu. Alle christlichen Gemeinschaften haben bei dieser Erziehung eine wichtige Rolle zu erfüllen. Ich hoffe auch, dass in unseren Seminaren und den Ausbildungsstätten der Orden zu einer verantwortlichen Genügsamkeit, zur dankerfüllten Betrachtung der Welt und zur Achtsamkeit gegenüber der Schwäche der Armen und der Umwelt erzogen wird. Da viel auf dem Spiel steht, sind nicht nur Institutionen notwendig, die die Macht besitzen, Sanktionen gegen Umweltattacken zu verhängen, sondern ebenso notwendig ist es, dass auch wir uns gegenseitig kontrollieren und erziehen.
215. In diesem Zusammenhang „darf die Beziehung, die zwischen einer angemessenen ästhetischen Erziehung und der Erhaltung einer gesunden Umwelt besteht, nicht vernachlässigt werden“.[150] Auf die Schönheit zu achten und sie zu lieben hilft uns, aus dem utilitaristischen Pragmatismus herauszukommen. Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann. Zugleich muss man, wenn man tiefgreifende Veränderungen erzielen will, berücksichtigen, dass die Denkmuster wirklich die Verhaltensweisen beeinflussen. Die Erziehung wird unwirksam, und ihre Anstrengungen werden unfruchtbar sein, wenn sie nicht auch dafür sorgt, ein neues Bild vom Menschen, vom Leben, von der Gesellschaft und von der Beziehung zur Natur zu verbreiten. Andernfalls wird das auf Konsum ausgerichtete Modell, das durch die Kommunikationsmittel und über die wirkungsvollen Räderwerke des Marktes übermittelt wird, weiter fortschreiten.
III. DIE ÖKOLOGISCHE UMKEHR
216. Der große Reichtum der christlichen Spiritualität, der im Laufe von zwanzig Jahrhunderten aus persönlichen und gemeinschaftlichen Erfahrungen hervorgegangen ist, bietet einen schönen Beitrag zu dem Versuch, die Menschheit zu erneuern. Ich möchte den Christen einige Leitlinien ökologischer Spiritualität vorschlagen, die aus den Überzeugungen unseres Glaubens entspringen, denn was das Evangelium uns lehrt, hat Konsequenzen für unsere Art zu denken, zu empfinden und zu leben. Es geht darum, nicht so sehr über Ideen, sondern vor allem über die Beweggründe zu sprechen, die sich aus der Spiritualität ergeben, um eine Leidenschaft für den Umweltschutz zu fördern. Denn es wird nicht möglich sein, sich für große Dinge zu engagieren allein mit Lehren, ohne eine „Mystik“, die uns beseelt, ohne „innere Beweggründe, die das persönliche und gemeinschaftliche Handeln anspornen, motivieren, ermutigen und ihm Sinn verleihen“.[151] Wir müssen zugeben, dass wir Christen den Reichtum, den Gott der Kirche geschenkt hat, nicht immer aufgenommen und weiterentwickelt haben – ein Reichtum, in dem die Spiritualität nicht von der Leiblichkeit, noch von der Natur oder den Wirklichkeiten dieser Welt getrennt ist, sondern damit und darin gelebt wird, in Gemeinschaft mit allem, was uns umgibt.
217. Wenn „die äußeren Wüsten […] in der Welt [wachsen], weil die inneren Wüsten so groß geworden sind“,[152] ist die Umweltkrise ein Aufruf zu einer tiefgreifenden inneren Umkehr. Doch wir müssen auch zugeben, dass einige engagierte und betende Christen unter dem Vorwand von Realismus und Pragmatismus gewöhnlich die Umweltsorgen bespötteln. Andere sind passiv, entschließen sich nicht dazu, ihre Gewohnheiten zu ändern, und werden inkohärent. Es fehlt ihnen also eine ökologische Umkehr, die beinhaltet, alles, was ihnen aus ihrer Begegnung mit Jesus Christus erwachsen ist, in ihren Beziehungen zu der Welt, die sie umgibt, zur Blüte zu bringen. Die Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein, praktisch umzusetzen gehört wesentlich zu einem tugendhaften Leben; sie ist nicht etwas Fakultatives, noch ein sekundärer Aspekt der christlichen  Erfahrung.
218. Wir erinnern an das Vorbild des heiligen Franziskus von Assisi, um eine gesunde Beziehung zur Schöpfung als eine Dimension der vollständigen Umkehr des Menschen vorzuschlagen. Das schließt auch ein, die eigenen Fehler, Sünden, Laster oder Nachlässigkeiten einzugestehen und sie von Herzen zu bereuen, sich von innen her zu ändern. Die australischen Bischöfe haben die Umkehr im Sinn einer Versöhnung mit der Schöpfung ausgedrückt: „Um diese Versöhnung zu verwirklichen, müssen wir unser Leben prüfen und erkennen, auf welche Weise wir die Schöpfung Gottes durch unser Handeln und durch unsere Unfähigkeit zu handeln geschädigt haben. Wir müssen eine Umkehr bzw. einen Wandel des Herzens erfahren.“[153]
219. Allerdings ist es zur Lösung einer so komplexen Situation wie der, mit der sich die Welt von heute auseinandersetzen muss, nicht genug, dass jeder Einzelne sich bessert. Die isolierten Einzelpersonen können ihre Fähigkeit und ihre Freiheit verlieren, die Logik der instrumentellen Vernunft zu überwinden, und sind schließlich einem Konsumismus ohne Ethik und ohne soziales und umweltbezogenes Empfinden ausgeliefert. Auf soziale Probleme muss mit Netzen der Gemeinschaft reagiert werden, nicht mit der bloßen Summe individueller positiver Beiträge: „Die Anforderungen dieses Werkes werden so ungeheuer sein, dass sie aus den Möglichkeiten der individuellen Initiative und des Zusammenschlusses individualistisch geformter Einzelner nicht zu lösen sind. Es wird einer Sammlung der Kräfte und einer Einheit der Leistung bedürfen.“[154] Die ökologische Umkehr, die gefordert ist, um eine Dynamik nachhaltiger Veränderung zu schaffen, ist auch eine gemeinschaftliche Umkehr.
220. Diese Umkehr setzt verschiedene Grundeinstellungen voraus, die sich miteinander verbinden, um ein großherziges und von Zärtlichkeit erfülltes Umweltengagement in Gang zu bringen. An erster Stelle schließt es Dankbarkeit und Unentgeltlichkeit ein, das heißt ein Erkennen der Welt als ein von der Liebe des himmlischen Vaters erhaltenes Geschenk. Daraus folgt, dass man Verzicht übt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, und großzügig handelt, auch wenn niemand es sieht oder anerkennt: „Deine linke Hand [soll] nicht wissen, was deine rechte tut […] und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten“ Mt 6,3-4. Es schließt auch das liebevolle Bewusstsein ein, nicht von den anderen Geschöpfen getrennt zu sein, sondern mit den anderen Wesen des Universums eine wertvolle allumfassende Gemeinschaft zu bilden. Der Glaubende betrachtet die Welt nicht von außen, sondern von innen her und erkennt die Bande, durch die der himmlische Vater uns mit allen Wesen verbunden hat. Da die ökologische Umkehr die besonderen Fähigkeiten, die Gott ihm verliehen hat, wachsen lässt, bringt sie den Glaubenden außerdem dazu, seine Kreativität zu entfalten und seine Begeisterung zu steigern, um die Dramen der Welt zu lösen und sich selbst „als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt“ Röm 12,1. Er versteht seine Überlegenheit nicht als Anlass für persönlichen Ruhm oder als Beweggrund für eine unverantwortliche Herrschaft, sondern als eine andere Fähigkeit, die ihm ihrerseits eine schwere Verantwortung auferlegt, die seinem Glauben entspringt.
221. Einige Überzeugungen unseres Glaubens, die zu Beginn dieser Enzyklika dargelegt wurden – wie das Bewusstsein, dass jedes Geschöpf etwas von Gott widerspiegelt und eine Botschaft hat, die uns etwas lehren kann, oder die Gewissheit, dass Christus diese materielle Welt in sich aufgenommen hat und jetzt als Auferstandener im Innersten eines jeden Wesens wohnt, es mit seiner Liebe umhüllt und mit seinem Licht durchdringt – helfen uns, diese Umkehr mit reichem Sinn zu erfüllen.  Das Gleiche gilt für die Erkenntnis, dass Gott die Welt erschaffen und in sie eine Ordnung und eine Dynamik hineingelegt hat, die der Mensch nicht ignorieren darf. Wenn jemand im Evangelium liest, dass Jesus von den Vögeln spricht und sagt, dass „Gott nicht einen von ihnen vergisst“ Lk 12,6, wird er dann fähig sein, sie schlecht zu behandeln oder ihnen Schaden zuzufügen? Ich lade alle Christen ein, diese Dimension ihrer Umkehr zu verdeutlichen, indem sie zulassen, dass die Kraft und das Licht der empfangenen Gnade sich auch auf ihre Beziehung zu den anderen Geschöpfen und zu der Welt, die sie umgibt, erstrecken und jene sublime Geschwisterlichkeit mit der gesamten Schöpfung hervorrufen, die der heilige Franziskus in so leuchtender Weise lebte.
IV. FREUDE UND FRIEDEN
222. Die christliche Spiritualität schlägt ein anderes Verständnis von Lebensqualität vor und ermutigt zu einem prophetischen und kontemplativen Lebensstil, der fähig ist, sich zutiefst zu freuen, ohne auf Konsum versessen zu sein. Es ist wichtig, eine alte Lehre anzunehmen, die in verschiedenen religiösen Traditionen und auch in der Bibel vorhanden ist. Es handelt sich um die Überzeugung, dass „weniger mehr ist“. Die ständige Anhäufung von Möglichkeiten zum Konsum lenkt das Herz ab und verhindert, jedes Ding und jeden Moment zu würdigen. Dagegen öffnet das gelassene Sich-Einfinden vor jeder Realität, und sei sie noch so klein, uns viel mehr Möglichkeiten des Verstehens und der persönlichen Verwirklichung. Die christliche Spiritualität regt zu einem Wachstum mit Mäßigkeit an und zu einer Fähigkeit, mit dem Wenigen froh zu sein. Es ist eine Rückkehr zu der Einfachheit, die uns erlaubt innezuhalten, um das Kleine zu würdigen, dankbar zu sein für die Möglichkeiten, die das Leben bietet, ohne uns an das zu hängen, was wir haben, noch uns über das zu grämen, was wir nicht haben. Das setzt voraus, die Dynamik der Herrschaft und der bloßen Anhäufung von Vergnügungen zu meiden.
223. Die Genügsamkeit, die unbefangen und bewusst gelebt wird, ist befreiend. Sie bedeutet nicht weniger Leben, sie bedeutet nicht geringere Intensität, sondern ganz das Gegenteil. In Wirklichkeit kosten diejenigen jeden einzelnen Moment mehr aus und erleben ihn besser, die aufhören, auf der ständigen Suche nach dem, was sie nicht haben, hier und da und dort etwas aufzupicken: Sie sind es, die erfahren, was es bedeutet, jeden Menschen und jedes Ding zu würdigen, und die lernen, mit den einfachsten Dingen in Berührung zu kommen und sich daran zu freuen. So sind sie fähig, die unbefriedigten Bedürfnisse abzubauen, und reduzieren die Ermüdung und das versessene Streben. Man kann wenig benötigen und erfüllt leben, vor allem, wenn man fähig ist, das Gefallen an anderen Dingen zu entwickeln und in den geschwisterlichen Begegnungen, im Dienen, in der Entfaltung der eigenen Charismen, in Musik und Kunst, im Kontakt mit der Natur und im Gebet Erfüllung zu finden. Das Glück erfordert, dass wir verstehen, einige Bedürfnisse, die uns betäuben, einzuschränken, und so ansprechbar bleiben für die vielen Möglichkeiten, die das Leben bietet.
224. Genügsamkeit und Demut haben im letzten Jahrhundert keine Wertschätzung erfahren. Wenn jedoch die Übung irgendeiner Tugend im persönlichen und im gesellschaftlichen Leben allgemein nachlässt, dann verursacht das schließlich viele Unausgeglichenheiten, auch in der Umwelt. Darum reicht es nicht mehr, nur von der Unversehrtheit der Ökosysteme zu sprechen. Man muss auch wagen, von der Unversehrtheit des menschlichen Lebens zu sprechen, von der Notwendigkeit, alle großen Werte zu fördern und miteinander zu verbinden. Das Verschwinden der Demut in einem Menschen, der maßlos begeistert ist von der Möglichkeit, alles ohne jede Einschränkung zu beherrschen, kann letztlich der Gesellschaft und der Umwelt nur schaden. Es ist nicht leicht, diese gesunde Demut und eine zufriedene Genügsamkeit zu entwickeln, wenn wir eigenständig werden, wenn wir Gott aus unserem Leben ausschließen und unser Ich seinen Platz einnimmt, wenn wir glauben, es sei unserer Subjektivität anheimgestellt zu bestimmen, was gut und was böse ist.
225. Andererseits kann kein Mensch in einer zufriedenen Genügsamkeit reifen, wenn er nicht im Frieden mit sich selber lebt. Ein rechtes Verständnis der Spiritualität besteht zum Teil darin, unseren Begriff von Frieden zu erweitern, der viel mehr ist, als das Nichtvorhandensein von Krieg. Der innere Friede der Menschen hat viel zu tun mit der Pflege der Ökologie und mit dem Gemeinwohl, denn wenn er authentisch gelebt wird, spiegelt er sich in einem ausgeglichenen Lebensstil wider, verbunden mit einer Fähigkeit zum Staunen, die zur Vertiefung des Lebens führt. Die Natur ist voll von Worten der Liebe. Doch wie können wir sie hören mitten im ständigen Lärm, in der fortdauernden und begierigen Zerstreuung oder im Kult der äußeren Erscheinung? Viele Menschen spüren eine tiefe Unausgeglichenheit, die sie dazu bewegt, alles in Höchstgeschwindigkeit zu erledigen, um sich beschäftigt zu fühlen, in einer ständigen Hast, die sie wiederum dazu führt, alles um sich herum zu überfahren. Das wirkt sich aus auf die Art, die Umwelt zu behandeln. Eine ganzheitliche Ökologie beinhaltet auch, sich etwas Zeit zu nehmen, um den ruhigen Einklang mit der Schöpfung wiederzugewinnen, um über unseren Lebensstil und unsere Ideale nachzudenken, um den Schöpfer zu betrachten, der unter uns und in unserer Umgebung lebt und dessen Gegenwart „nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden“ muss.[155]
226. Wir sprechen von einer Haltung des Herzens, das alles mit gelassener Aufmerksamkeit erlebt; das versteht, jemandem gegenüber ganz da zu sein, ohne schon an das zu denken, was danach kommt; das sich jedem Moment widmet wie einem göttlichen Geschenk, das voll und ganz erlebt werden muss. Jesus lehrte uns diese Haltung, als er uns einlud, die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels zu betrachten, oder als er in der Gegenwart eines unruhigen Mannes diesen ansah und ihn liebte vgl. Mk 10,21. Ja, er war jedem Menschen und jedem Geschöpf gegenüber ganz da, und so zeigte er uns einen Weg, die krankhafte Ängstlichkeit zu überwunden, die uns oberflächlich, aggressiv und zu hemmungslosen Konsumenten werden lässt.
227. Ein Ausdruck dieser Haltung ist, vor und nach den Mahlzeiten innezuhalten, um Gott Dank zu sagen. Ich schlage den Gläubigen vor, diese wertvolle Gewohnheit wieder aufzunehmen und sie mit Innigkeit zu leben. Dieser Moment des Segensspruchs erinnert uns, selbst wenn er ganz kurz ist, an unsere Abhängigkeit von Gott für unser Leben, unterstützt unser Empfinden der Dankbarkeit für die Gaben der Schöpfung, erkennt jene an, die mit ihrer Arbeit diese Güter besorgen, und stärkt die Solidarität mit denen, die am meisten bedürftig sind.
V. LIEBE IM ZIVILEN UND POLITISCHEN BEREICH
228. Die Pflege der Natur ist Teil eines Lebensstils, der die Fähigkeit zum Zusammenleben und zur Gemeinschaft einschließt. Jesus erinnerte uns daran, dass Gott unser gemeinsamer Vater ist und dass dies uns zu Brüdern und Schwestern macht. Die Bruderliebe kann nur gegenleistungsfrei sein und darf niemals eine Bezahlung sein für das, was ein anderer verwirklicht, noch ein Vorschuss für das, was wir uns von ihm erhoffen. Darum ist es möglich, die Feinde zu lieben. Diese gleiche Uneigennützigkeit führt uns dazu, den Wind, die Sonne und die Wolken zu lieben und zu akzeptieren, obwohl sie sich nicht unserer Kontrolle unterwerfen. Darum können wir von einer universalen Geschwisterlichkeit sprechen.
229. Wir müssen wieder spüren, dass wir einander brauchen, dass wir eine Verantwortung für die anderen und für die Welt haben und dass es sich lohnt, gut und ehrlich zu sein. Wir haben schon sehr viel Zeit moralischen Verfalls verstreichen lassen, indem wir die Ethik, die Güte, den Glauben und die Ehrlichkeit bespöttelt haben, und es ist der Moment gekommen zu merken, dass diese fröhliche Oberflächlichkeit uns wenig genützt hat. Diese Zerstörung jeder Grundlage des Gesellschaftslebens bringt uns schließlich um der Wahrung der jeweils eigenen Interessen willen gegeneinander auf, lässt neue Formen von Gewalt und Grausamkeit aufkommen und verhindert die Entwicklung einer wahren Kultur des Umweltschutzes.
230. Das Beispiel der heiligen Therese von Lisieux lädt uns ein, den „kleinen Weg“ der Liebe zu beschreiten, keine Gelegenheit für ein freundliches Wort, für ein Lächeln, für irgendeine kleine Geste zu verpassen, die Frieden und Freundschaft verbreitet. Eine ganzheitliche Ökologie ist auch aus einfachen alltäglichen Gesten gemacht, die die Logik der Gewalt, der Ausnutzung, des Egoismus durchbrechen. Indessen ist die Welt des wütenden Konsums zugleich die Welt, in der das Leben in all seinen Formen schlecht behandelt wird.
231. Die Liebe voller kleiner Gesten gegenseitiger Achtsamkeit betrifft auch das bürgerliche und das politische Leben und zeigt sich bei allen Gelegenheiten, die zum Aufbau einer besseren Welt beitragen. Die Liebe zur Gesellschaft und das Engagement für das Gemeinwohl sind ein hervorragender Ausdruck der Nächstenliebe, die nicht nur die Beziehungen zwischen den einzelnen Menschen angeht, sondern auch die „Makro-Beziehungen – in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen“.[156] Darum schlug die Kirche der Welt das Ideal der „Kultur der Liebe“[157] vor. Die Liebe im sozialen Bereich ist der Schlüssel zu einer authentischen Entwicklung: „Um die Gesellschaft menschlicher, der menschlichen Person würdiger zu machen, muss die Liebe im sozialen Leben – auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene – neu bewertet und zur beständigen obersten Norm des Handelns erhoben werden.“[158] In diesem Rahmen bewegt uns die Liebe im gesellschaftlichen Bereich, neben der Bedeutung der kleinen täglichen Gesten an große Strategien zu denken, welche die Umweltzerstörung wirksam aufhalten und eine Kultur der Achtsamkeit fördern, die die gesamte Gesellschaft erfüllt. Wenn jemand den Ruf Gottes erkennt, gemeinsam mit den anderen in diese gesellschaftlichen Dynamiken einzugreifen, soll er sich daran erinnern, dass dies ein Teil seiner Spirtualität ist, dass es Ausübung der Nächstenliebe ist und dass er auf diese Weise reift und sich heiligt.
232. Nicht alle sind berufen, direkt in der Politik zu arbeiten, doch im Schoß der Gesellschaft keimt eine zahllose Vielfalt von Vereinigungen auf, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, indem sie die natürliche und städtische Umwelt schützen. Sie kümmern sich zum Beispiel um ein öffentliches Objekt (ein Bauwerk, einen Brunnen, ein verwahrlostes Denkmal, eine Landschaft, einen Platz), um etwas, das allen gehört, zu schützen, zu sanieren, zu verbessern oder zu verschönern. In ihrer Umgebung entwickeln sich Bindungen oder werden solche zurückgewonnen, und es entsteht ein neues örtliches soziales Gewebe. So befreit sich eine Gemeinschaft von der konsumorientierten Gleichgültigkeit. Das schließt die Bildung einer gemeinsamen Identität ein, einer Geschichte, die bleibt und weitergegeben wird. Auf diese Weise wird für die Welt und für die Lebensqualität der Ärmsten gesorgt, mit einem solidarischen Empfinden, das zugleich das Bewusstsein ist, in einem gemeinsamen Haus zu wohnen, das Gott uns anvertraut hat. Diese gemeinschaftlichen Aktionen können, wenn sie Ausdruck einer hingebungsvollen Liebe sind, zu intensiven spirituellen Erfahrungen werden
VI. SAKRAMENTALE ZEICHEN UND DIE FEIERTAGSRUHE
233. Das Universum entfaltet sich in Gott, der es ganz und gar erfüllt. So liegt also Mystik in einem Blütenblatt, in einem Weg, im morgendlichen Tau, im Gesicht des Armen.[159] Das Ideal ist nicht nur, vom Äußeren zum Inneren überzugehen, um das Handeln Gottes in der Seele zu entdecken, sondern auch, dahin zu gelangen, ihm in allen Dingen zu begegnen, wie der heilige Bonaventura lehrte: „Die Kontemplation ist umso vollkommener, je mehr der Mensch die Wirkung der göttlichen Gnade in sich verspürt, oder auch je besser er versteht, Gott in den äußeren Geschöpfen zu begegnen.“[160]
234. Der heilige Johannes vom Kreuz lehrte, dass alles Gute, das es in den Dingen und Erfahrungen der Welt gibt, „auf unendlich vorzügliche Weise in Gott ist, oder, besser gesagt, jedes dieser großen Dinge, die genannt werden, ist Gott“.[161] Nicht, weil die begrenzten Dinge der Welt wirklich göttlich wären, sondern weil der Mystiker die innige Verbindung erfährt, die zwischen Gott und allen Wesen besteht, und so empfindet: Alle Dinge – das ist Gott.[162] Wenn er die Größe eines Berges bestaunt, kann er ihn nicht von Gott trennen und nimmt wahr, dass dieses innere Staunen, das er erlebt, auf den Herrn bezogen werden muss. „Die Gebirge haben Höhenzüge, sind reichhaltig, weit, schön, reizvoll, blumenübersät und dufterfüllt. Diese Gebirge – das ist mein Geliebter für mich. Die abgelegenen Täler sind ruhig, lieblich, kühl, schattig, voll süßer Gewässer; mit der Vielfalt ihres Baumbewuchses und dem zarten Gesang der Vögel verschaffen sie dem Reich der Sinne tiefe Erholung und Wonne und bieten in ihrer Einsamkeit und Stille Erfrischung und Ruhe. Diese Täler – das ist mein Geliebter für mich.“[163]
235. Die Sakramente sind eine bevorzugte Weise, in der die Natur von Gott angenommen wird und sich in Vermittlung des übernatürlichen Lebens verwandelt. Über das kultische Geschehen sind wir eingeladen, die Welt auf einer anderen Ebene zu umarmen. Das Wasser, das Öl, das Feuer und die Farben werden mit ihrer ganzen Symbolkraft aufgenommen und in den Lobpreis eingegliedert. Die segnende Hand ist ein Werkzeug der Liebe Gottes und Widerschein der Nähe Jesu Christi, der gekommen ist, um uns auf unserem Lebensweg zu begleiten. Das Wasser, das sich über den Körper des Kindes ergießt, das getauft wird, ist ein Zeichen neuen Lebens. Wir entfliehen nicht der Welt, noch verleugnen wir die Natur, wenn wir Gott begegnen möchten. Das kann man besonders in der östlichen christlichen Spiritualität erkennen: „Die Schönheit, die im Orient eine der beliebtesten Bezeichnungen für die göttliche Harmonie und Vorbild der verklärten Menschheit ist, tritt überall zutage: in Gestalt und Ausstattung der Kirchen, in den Klängen, in den Farben, in der Beleuchtung, in den Düften.“[164] Für die christliche Erfahrung finden alle Geschöpfe des materiellen Universums ihren wahren Sinn im menschgewordenen Wort, denn der Sohn Gottes hat in seine Person einen Teil des materiellen Universums aufgenommen, in den er einen Keim der endgültigen Verwandlung hineingelegt hat: „Das Christentum verwirft nicht die Materie, die Leiblichkeit, ja sie wertet sie im liturgischen Akt sogar vollständig auf, in dem der menschliche Leib sein tiefstes Wesen als Tempel des Geistes zeigt und sich mit dem Herrn Jesus vereinigt, der um der Rettung der Welt willen auch einen Leib angenommen hat.“[165]
236. In der Eucharistie findet die Schöpfung ihre größte Erhöhung. Die Gnade, die dazu neigt, sich spürbar zu zeigen, erreicht einen erstaunlichen Ausdruck, wenn der menschgewordene Gott selbst so weit geht, sich von seinem Geschöpf verzehren zu lassen. Auf dem Höhepunkt des Geheimnisses der Inkarnation wollte der Herr durch ein Stückchen Materie in unser Innerstes gelangen. Nicht von oben herab, sondern von innen her, damit wir ihm in unserer eigenen Welt begegnen könnten. In der Eucharistie ist die Fülle bereits verwirklicht, und sie ist das Lebenszentrum des Universums, der überquellende Ausgangspunkt von Liebe und unerschöpflichem Leben. Vereint mit dem in der Eucharistie gegenwärtigen inkarnierten Sohn sagt der gesamte Kosmos Gott Dank. Tatsächlich ist die Eucharistie von sich aus ein Akt der kosmischen Liebe: „Ja, kosmisch! Denn auch dann, wenn man die Eucharistie auf dem kleinen Altar einer Dorfkirche feiert, feiert man sie immer in einem gewissen Sinn auf dem Altar der Welt.“[166] Die Eucharistie vereint Himmel und Erde, umfasst und durchdringt die gesamte Schöpfung. Die Welt, die aus den Händen Gottes hervorging, kehrt zu ihm zurück in seliger und vollkommener Anbetung: Im eucharistischen Brot „ist die Schöpfung auf die Vergöttlichung, auf die heilige Hochzeit, auf die Vereinigung mit dem Schöpfer selbst ausgerichtet“.[167] Darum ist die Eucharistie auch eine Quelle des Lichts und der Motivation für unsere Sorgen um die Umwelt und richtet uns darauf aus, Hüter der gesamten Schöpfung zu sein.
237. Am Sonntag hat die Teilnahme an der Eucharistie eine besondere Bedeutung. Dieser Tag wird wie der jüdische Sabbat als ein Tag der Heilung der Beziehungen des Menschen zu Gott, zu sich selbst, zu den anderen und zur Welt gewährt. Der Sonntag ist der Tag der Auferstehung, der „erste Tag“ der neuen Schöpfung, deren Erstlingsfrucht die auferstandene Menschheit des Herrn ist, ein Unterpfand für die endgültige Verklärung der gesamten erschaffenen Wirklichkeit. Außerdem kündet dieser Tag „die ewige Ruhe des Menschen in Gott“ an.[168] In dieser Weise bezieht die christliche Spiritualität den Wert der Muße und des Festes ein. Der Mensch neigt dazu, die kontemplative Ruhe auf den Bereich des Unfruchtbaren und Unnötigen herabzusetzen und vergisst dabei, dass man so dem Werk, das man vollbringt, das Wichtigste nimmt: seinen Sinn. Wir sind berufen, in unser Handeln eine Dimension der Empfänglichkeit und der Unentgeltlichkeit einzubeziehen, die etwas anderes ist als ein bloßes Nichtstun. Es handelt sich um eine andere Art des Tuns, die einen Teil unseres Wesens ausmacht. Auf diese Weise wird das menschliche Handeln nicht allein vor dem leeren Aktivismus bewahrt, sondern auch vor der zügellosen Unersättlichkeit und dem abgeschotteten Bewusstsein, das dazu führt, nur den eigenen Vorteil zu verfolgen. Das Gesetz der wöchentlichen Ruhe schrieb vor, am siebten Tag keine Arbeit zu tun, „damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen“ Ex 23,12. Die Ruhe ist eine Ausweitung des Blickfeldes, die erlaubt, wieder die Rechte der anderen zu erkennen. So strahlt der Tag der Ruhe, dessen Mittelpunkt die Eucharistie ist, sein Licht über die ganze Woche aus und motiviert uns, uns die Sorge für die Natur und die Armen zu Eigen zu machen.
VII. DIE TRINITÄT UND DIE BEZIEHUNG ZWISCHEN DEN GESCHÖPFEN
238. Der Vater ist der letzte Ursprung von allem, der liebevolle und verbindende Grund von allem, was existiert. Der Sohn, der ihn widerspiegelt und durch den alles erschaffen wurde, hat sich mit dieser Erde verbunden, als er im Schoß Marias menschliche Gestalt annahm. Der Geist, das unendliche Band der Liebe, ist zutiefst im Herzen des Universums zugegen, indem er neue Wege anregt und auslöst. Die Welt wurde durch die drei Personen, den einen göttlichen Ursprung, geschaffen, doch jede von ihnen verwirklicht das gemeinsame Werk gemäß ihrer persönlichen Eigenheit. „Wenn wir also voller Bewunderung das Universum in seiner Größe und Schönheit betrachten, müssen wir die ganze Dreifaltigkeit loben.“[169]
239. Für die Christen führt der Glaube an den einen Gott, der trinitarische Communio ist, zu dem Gedanken, dass die gesamte Wirklichkeit in ihrem Innern eine eigentlich trinitarische Prägung besitzt. Der heilige Bonaventura ging so weit zu sagen, dass der Mensch vor der Sünde entdecken konnte, wie jedes Geschöpf „bezeugt, dass Gott dreifaltig ist“. Den Abglanz der Dreifaltigkeit konnte man in der Natur erkennen, „als dieses Buch dem Menschen nicht undurchschaubar war und das Auge des Menschen sich nicht eingetrübt hatte“.[170] Der heilige Franziskaner lehrt uns, dass jedes Geschöpf eine typisch trinitarische Struktur in sich trägt, die so real ist, dass sie spontan betrachtet werden könnte, wenn der Blick des Menschen nicht begrenzt, getrübt und schwach wäre. So weist er uns auf die Herausforderung hin, zu versuchen, die Wirklichkeit unter trinitarischem Gesichtspunkt zu entschlüsseln.
240. Die göttlichen Personen sind subsistente Beziehungen, und die Welt, die nach göttlichem Bild erschaffen ist, ist ein Gewebe von Beziehungen. Die Geschöpfe streben auf Gott zu, und jedes Lebewesen hat seinerseits die Eigenschaft, auf etwas anderes zuzustreben, so dass wir innerhalb des Universums eine Vielzahl von ständigen Beziehungen finden können, die auf geheimnisvolle Weise ineinandergreifen.[171] Das lädt uns nicht nur ein, die vielfältigen Verbindungen zu bewundern, die unter den Geschöpfen bestehen, sondern führt uns dahin, einen Schlüssel zu unserer eigenen Verwirklichung zu entdecken. Denn die menschliche Person wächst, reift und heiligt sich zunehmend in dem Maß, in dem sie in Beziehung tritt, wenn sie aus sich selbst herausgeht, um in Gemeinschaft mit Gott, mit den anderen und mit allen Geschöpfen zu leben. So übernimmt sie in ihr eigenes Dasein jene trinitarische Dynamik, die Gott dem Menschen seit seiner Erschaffung eingeprägt hat. Alles ist miteinander verbunden, und das lädt uns ein, eine Spiritualität der globalen Solidarität heranreifen zu lassen, die aus dem Geheimnis der Dreifaltigkeit entspringt.
VIII. DIE KÖNIGIN DER GANZEN SCHÖPFUNG
241. Maria, die Mutter, die für Jesus sorgte, sorgt jetzt mit mütterlicher Liebe und mit Schmerz für diese verletzte Welt. Wie sie mit durchbohrtem Herzen den Tod Jesu beweinte, so fühlt sie jetzt Mitleid mit den Armen an ihren Kreuzen und mit den durch menschliche Macht zugrunde gerichteten Geschöpfen. Sie lebt mit Jesus in völliger Verklärung, und alle Geschöpfe besingen ihre Schönheit. Sie ist die Frau „mit der Sonne bekleidet; der Mond […] unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt“ Offb 12,1. In den Himmel erhoben, ist sie Mutter und Königin der ganzen Schöpfung. In ihrem verherrlichten Leib, vereint mit dem auferstandenen Christus, hat ein Teil der Schöpfung die ganze Fülle ihrer Schönheit erreicht. Sie schaut in ihrem Herzen nicht nur auf das ganze Leben Jesu, das sie dort sorgsam bewahrte vgl. Lk 2,19.51, sondern versteht jetzt auch den Sinn von allem. Darum können wir sie bitten, dass sie uns hilft, diese Welt mit weiseren Augen zu betrachten.
242. Gemeinsam mit ihr tritt in der Heiligen Familie von Nazareth die Gestalt des heiligen Josef hervor. Er behütete und beschützte Maria und Jesus mit seiner Arbeit und seiner großherzigen Gegenwart und befreite sie aus der Gewalt der Ungerechten, indem er sie nach Ägypten brachte. Im Evangelium erscheint er als ein gerechter, arbeitsamer und starker Mann. Doch seine Gestalt lässt auch eine große Zärtlichkeit erkennen, die nicht eine Eigenschaft der Schwachen, sondern der wirklich Starken ist, die achtsam gegenüber der Realität sind, um demütig zu lieben und zu dienen. Darum wurde er zum Schutzpatron der gesamten Kirche erklärt. Auch er kann uns lehren zu behüten, kann uns motivieren, mit Großmut und Zärtlichkeit zu arbeiten, um diese Welt zu beschützen, die Gott uns anvertraut hat.
IX. JENSEITS DER SONNE
243. Am Ende werden wir der unendlichen Schönheit Gottes von Angesicht zu Angesicht begegnen vgl. 1 Kor 13,12 und können mit seliger Bewunderung das Geheimnis des Universums verstehen, das mit uns an der Fülle ohne Ende teilhaben wird. Ja, wir sind unterwegs zum Sabbat der Ewigkeit, zum neuen Jerusalem, zum gemeinsamen Haus des Himmels. Jesus sagt uns: „Ich mache alles neu“ Offb 21,5. Das ewige Leben wird ein miteinander erlebtes Staunen sein, wo jedes Geschöpf in leuchtender Verklärung seinen Platz einnehmen und etwas haben wird, um es den endgültig befreiten Armen zu bringen.
244. Inzwischen vereinigen wir uns, um uns dieses Hauses anzunehmen, das uns anvertraut wurde, da wir wissen, dass all das Gute, das es darin gibt, einst in das himmlische Fest aufgenommen wird. Gemeinsam mit allen Geschöpfen gehen wir unseren Weg in dieser Welt – auf der Suche nach Gott, denn „wenn die Welt einen Ursprung hat und erschaffen worden ist, dann suche nach dem, der sie erschaffen hat, suche nach dem, der ihr den Anfang gegeben hat, nach dem, der ihr Schöpfer ist!“[172] Gehen wir singend voran! Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen.
245. Gott, der uns zur großzügigen und völligen Hingabe zusammenruft, schenkt uns die Kräfte und das Licht, die wir benötigen, um voranzugehen. Im Herzen dieser Welt ist der Herr des Lebens, der uns so sehr liebt, weiter gegenwärtig. Er verlässt uns nicht, er lässt uns nicht allein, denn er hat sich endgültig mit unserer Erde verbunden, und seine Liebe führt uns immer dazu, neue Wege zu finden. Er sei gelobt.
246. Nach dieser langen frohen und zugleich dramatischen Überlegung schlage ich zwei Gebete vor: eines, das wir mit allen teilen können, die an einen Gott glauben, der allmächtiger Schöpfer ist, und ein anderes, damit wir Christen die Verpflichtungen gegenüber der Schöpfung übernehmen können, die uns das Evangelium Jesu vorstellt.

            Gebet für unsere Erde

            Allmächtiger Gott,
            der du in der Weite des Alls gegenwärtig bist
            und im kleinsten deiner Geschöpfe,
            der du alles, was existiert,
            mit deiner Zärtlichkeit umschließt,
            gieße uns die Kraft deiner Liebe ein,
            damit wir das Leben und die Schönheit hüten.
            Überflute uns mit Frieden,
            damit wir als Brüder und Schwestern leben
            und niemandem schaden.
            Gott der Armen,
            hilf uns,
            die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,
            die so wertvoll sind in deinen Augen,
            zu retten.
            Heile unser Leben,
            damit wir Beschützer der Welt sind
            und nicht Räuber,
            damit wir Schönheit säen
            und nicht Verseuchung und Zerstörung.
            Rühre die Herzen derer an,
            die nur Gewinn suchen
            auf Kosten der Armen und der Erde.
            Lehre uns,
            den Wert von allen Dingen zu entdecken
            und voll Bewunderung zu betrachten;
            zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind
            mit allen Geschöpfen
            auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.
            Danke, dass du alle Tage bei uns bist.
            Ermutige uns bitte in unserem Kampf
            für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.

            Christliches Gebet mit der Schöpfung

            Wir preisen dich, Vater, mit allen Geschöpfen,
            die aus deiner machtvollen Hand
            hervorgegangen sind.
            Dein sind sie
            und erfüllt von deiner Gegenwart und Zärtlichkeit.
            Gelobt seist du.
            Sohn Gottes, Jesus,
            durch dich wurde alles erschaffen.
            In Marias Mutterschoß
            nahmst du menschliche Gestalt an;
            du wurdest Teil dieser Erde
            und sahst diese Welt mit menschlichen Augen.
            Jetzt lebst du in jedem Geschöpf
            mit deiner Herrlichkeit als Auferstandener.
            Gelobt seist du.
            Heiliger Geist, mit deinem Licht
            wendest du diese Welt der Liebe des Vaters zu
            und begleitest die Wehklage der Schöpfung;
            du lebst auch in unseren Herzen,
            um uns zum Guten anzutreiben.
            Gelobt seist du.
            O Gott, dreifaltig Einer,
            du kostbare Gemeinschaft unendlicher Liebe,
            lehre uns, dich zu betrachten
            in der Schönheit des Universums,
            wo uns alles von dir spricht.
            Erwecke unseren Lobpreis und unseren Dank
            für jedes Wesen, das du erschaffen hast.
            Schenke uns die Gnade, uns innig vereint zu fühlen
            mit allem, was ist.
            Gott der Liebe,
            zeige uns unseren Platz in dieser Welt
            als Werkzeuge deiner Liebe
            zu allen Wesen dieser Erde,
            denn keines von ihnen wird von dir vergessen.
            Erleuchte, die Macht und Reichtum besitzen,
            damit sie sich hüten vor der Sünde der Gleichgültigkeit,
            das Gemeinwohl lieben, die Schwachen fördern
            und für diese Welt sorgen, die wir bewohnen.
            Die Armen und die Erde flehen,
            Herr, ergreife uns mit deiner Macht
            und deinem Licht,
            um alles Leben zu schützen,
            um eine bessere Zukunft vorzubereiten,
            damit dein Reich komme,
            das Reich der Gerechtigkeit, des Friedens,
            der Liebe und der Schönheit.
            Gelobt seist du.
            Amen.

Gegeben zu Rom, Sankt Peter, am 24. Mai,                                                          
dem Hochfest von Pfingsten im Jahr 2015,                                                           
   dem dritten meines Pontifikats    
                           .FR-SIGN---

[1] Sonnengesang: Fonti Francescane (FF) 263 (dt. Ausg.: Franziskus-Quellen, Kevelaer 2009, S. 40-41).
[2] Apostolisches Schreiben Octogesima adveniens (14. Mai 1971), 21: AAS 63 (1971), S. 416-417.
[3] Ansprache an die FAO anlässlich ihres 25-jährigen Jubiläums (16. November 1970), 4: AAS 62 (1970), S. 833.
[4] Enzyklika Redemptor hominis (4. März 1979), 15: AAS 71 (1979), S. 287.
[5] Vgl. Generalaudienz (17. Januar 2001), 4: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 31, Nr. 4 (26. Januar 2001), S. 2; Insegnamenti 24/1 (2001), S. 179.
[6] Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 38: AAS 83 (1991), S. 841.
[7] Ebd., 58: AAS 83 (1991), S. 863.
[8] Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis (30. Dezember 1987), 34: AAS 80 (1988), S. 559.
[9] Vgl. Ders., EnzyklikaCentesimus annus (1. Mai 1991), 37: AAS 83 (1991), S. 840.
[10]Ansprache an das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Corps (8. Januar 2007): AAS 99 (2007), S. 73.
[11] Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 51: AAS 101 (2009), S. 687.
[12]Ansprache an den Deutschen Bundestag in Berlin (22. September 2011): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 41, Nr. 39 (30. September 20011), S. 5; AAS 103 (2011), S. 664.
[13]Begegnung mit dem Klerus der Diözese Bozen-Brixen (6. August 2008): AAS 100 (2008), S. 634.
[14] Message upon the World Day of Prayer for the Protection of Creation (1. September 2012).
[15] Ansprache an das Umwelt-Symposium, Santa Barbara, Kalifornien (8. November 1997); Vgl. auch John Chryssavgis, On Earth as in Heaven: Ecological Vision and Initiatives of Ecumenical Patriarch Batholomew, Bronx, New York 2012.
[16] Ebd.
[17] Vortrag im Kloster von Utstein, Norwegen (23. Juni 2003).
[18] Bartholomäus, Ansprache beim Halki Summit I, Global Responsibility and Ecological Sustainability: Closing Remarks, Istanbul (20. Juni 2012).
[19] Thomas von Celano, Erste Lebensbeschreibung des hl. Franziskus, I. Buch, XXIX, 81: FF 460 (dt.Ausg.: Franziskusquellen, Kevelaer 2009, S. 248).
[20] Legenda Maior, VIII, 6: FF 1145 (dt. Ausg: ebd., S. 736).
[21] Vgl. Thomas von Celano, Zweite Lebensbeschreibung des hl. Franziskus, CXXIV, 165: FF 750 (dt.Ausg.: Franziskusquellen, Kevelaer 2009, S. 390).
[22] Konferenz der katholischen Bischöfe Südafrikas, Pastoral Statement on the Environmental Crisis (5. September 1999).
[23] Vgl. Grußwort an das Personal der FAO (20. November 2014): AAS 106 (2014), S. 985.
[24] V. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 86.
[25] Konferenz der Katholischen Bischöfe der Philippinen, Hirtenbrief What is Happening to our Beautiful Land? 29. Januar 1988.
[26] Bolivianische Bischofskonferenz, Hirtenbrief über Umwelt und menschliche Entwicklung in Bolivien El universo, don de Dios para la vida (2012), 17.
[27] Vgl. Deutsche Bischofskonferenz, Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen Der Klimawandel: Brennpunkt globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit (September 2006), 28-30.
[28] Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, Freiburg 2006, 483.
[29] Generalaudienz (5. Juni 2013): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 43, Nr. 24 (14. Juni 2013), S. 2; Insegnamenti 1/1 (2013), S. 280.
[30] Bischöfe der Region Patagonia-Comahue (Argentinien), Weihnachtsbotschaft (Dezember 2009), 2.
[31] Konferenz der Katholischen Bischöfe der Vereinigten Staaten, Global Climate Change: A Plea for Dialogue, Prudence and the Common Good (15. Juni 2001).
[32] V.Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 471.
[33] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 56: AAS 105 (2013), S. 1043.
[34] Johannes Paul II., Botschaft zum Weltfriedenstag 1990, 12: L‘Osservatore Romano (dt.), Jg.19, Nr. 50 (15. Dezember 1989), S. 7; AAS 82 (1990), S. 154.
[35] Ders., Generalaudienz (17. Januar 2001), 3: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 31, Nr. 4 (26. Januar 2001), S. 2; Insegnamenti 24/1 (2001), S. 178.
[36] Johannes Paul II., Botschaft zum Weltfriedenstag 1990, 15: L‘Osservatore Romano (dt.), Jg.19, Nr. 50 (15. Dezember 1989), S. 8; AAS 82 (1990), S. 156.
[37] Katechismus der Katholischen Kirche, 357.
[38] Vgl. Botschaft an die Behinderten, Apostolische Reise in die Bundesrepublik Deutschland, Angelus (16. November 1980): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 10, Nr. 47 (21. November 1980), S. 10; Insegnamenti 3/2 (1980), S. 1232.
[39] Benedikt XVI., Homilie zur feierlichen Amtseinführung (24. April 2005): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 35, Nr. 17 (29. April 2005), S. 3; AAS 97 (2005), S. 711.
[40] Legenda Maior, VIII, 1: FF 1134 (dt. Ausg.: Franziskusquellen, Kevelaer 2009, S. 733).
[41] Katechismus der Katholischen Kirche, 2416.
[42] Deutsche Bischofskonferenz, Zukunft der Schöpfung – Zukunft der Menschheit. Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz zu Fragen der Umwelt und der Energieversorgung (1980), II, 2.
[43] Katechismus der Katholischen Kirche, 339.
[44] Hom. in Hexaemeron, 1, 2, 10: PG 29, Sp. 9.
[45] Divina Commedia. Paradiso, 33. Gesang, 145.
[46] Benedikt XVI., Generalaudienz (9. November 2005), 3: L‘Osservatore Romano (dt.), Jg. 35, Nr. 46 (18. November 2005), S. 2; Insegnamenti 1 (2005), S. 768.
[47] Ders., Enzyklika  Caritas in veritate (29. Juni 2009), 51: AAS 101 (2009), S. 687.
[48] Johannes Paul II., Generalaudienz (24. April 1991), 6: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 21, Nr. 18 (3. Mai 1991), S. 2; Insegnamenti 14/1 (1991) S. 856.
[49] Der Katechismus erklärt, dass Gott eine Welt erschaffen wollte, die auf dem Weg zu ihrer letzten Vollkommenheit ist, und dass dies das Vorhandensein der Unvollkommenheit und des physischen Übels mit sich bringt: vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 310.
[50] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute, 36.
[51] Thomas von Aquin, Summa Theologiae I, q. 104, art. 1, ad 4.
[52] Ders., In octo libros Physicorum Aristotelis expositio, Lib. II, lectio 14, n. 8.
[53] Auf dieser Linie liegt auch der entsprechende Beitrag von Pierre Teilhard de Chardin SJ: vgl. Paul VI., Ansprache beim Besuch der chemisch-pharmazeutischen Fabrik I.C.A.R. (24. Februar 1966): Insegnamenti 4 (1966), S. 992-993; Johannes Paul II., Brief an P. George V. Coyne (1. Juni 1988): Insegnamenti 11/2 (1988), S. 1715; Benedikt XVI., Homilie in der Feier der Vesper in der Kathedrale von Aosta (24. Juli 2009): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 39, Nr. 31/32 (31. Juli 2009), S. 7; Insegnamenti 5/2 (2009), S. 60.
[54] Johannes Paul II., Generalaudienz (30. Januar 2002), 6: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 32, Nr. 6 (8. Februar 2002), S. 2; Insegnamenti 25/1 (2002), S. 1240.
[55] Katholische Bischofskonferenz von Kanada. Kommission für soziale Angelegenheiten, Hirtenbrief „You Love All That Exists … All Things Are Yours, God, Lover of Life“ (4. Oktober 2003), 1
[56] Konferenz der Katholischen Bischöfe Japans, Reverence for Life. A Message for the Twenty-First Century (1. Januar 2001), 89.
[57] Johannes Paul II., Generalaudienz (26. Januar 2000), 5: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 30, Nr. 5 (4. Februar 2000), S. 2; Insegnamenti 23/1 (2000), S. 123.
[58] Ders., Generalaudienz (2. August 2000), 3: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 30, Nr. 32/33 (11. August 2000), S. 2; Insegnamenti 23/2 (2000), S. 112. 
[59] Paul Ricœur, Philosophie della volonté. 2. Finitude et Culpabilité, Paris 2009, S. 216.
[60] Summa Theologiae I, q.47, art. 1.
[61] Ebd.
[62] Vgl. ebd., art. 2, ad 1; art. 3.
[63] Katechismus der Katholischen Kirche, 340.
* Im Italienischen ist die Sonne (“frate Sole”) männlich und der Mond („sora Luna“) weiblich (Anm. d. Übers.).
** Das hier mit “durch” übersetzte italienische “per” ist vielschichtig zu verstehen und bedeutet zugleich „wegen“ und „für“ (Anm. d. Übers.).
[64] Sonnengesang: FF 263 (dt. Ausg.: Franziskusquellen, Kevelaer 2009, S. 40-41).
[65] Vgl. Nationale Konferenz der Bischöfe Brasiliens, A Igreja e a questão ecológica (1992), 53-54.
[66] Ebd., 61.
[67] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 215: AAS 105 (2013), S. 1109.
[68] Vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 14: AAS 101 (2009), S. 650.
[69] Katechismus der Katholischen Kirche, 2418.
[70] Konferenz des Dominikanischen Episkopats, Carta pastoral sobre la relación del hombre con la naturaleza (21. Januar 1987).
[71] Johannes Paul II., Enzyklika Laborem exercens (14. September 1981), 19: AAS 73 (1981), S. 626.
[72] Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 31: AAS 83 (1991), S. 831.
[73] Enzyklika Sollicitudo rei socialis (30. Dezember 1987), 33: AAS 80 (1988), S. 557.
[74] Ansprache an die Indios und Campesinos, Cuilapán, Mexikanische Republik (29. Januar 1979), 6: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 9, Nr. 7 (16. Februar 1979), S. 7; AAS 71 (1979), S. 209.  
[75] Homilie in der Messe für die Landarbeiter in Recife, Brasilien (7. Juli 1980), 4: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 19, Nr. 30 (25. Juli 1980), S. 8; AAS 72 (1980), S. 926.
[76] Vgl. Botschaft zum Weltfriedenstag 1990, 8: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 19, Nr. 50 (15. Dezember 1989), S. 7; AAS 82 (1990), S. 152.
[77] Bischofskonferenz von Paraguay, Hirtenbrief El campesino paraguayo y la tierra (12. Juni 1983), 2, 4, d.
[78] Bischofskonferenz von Neuseeland, Statement on Environmental Issues, Wellington (1. September 2006).
[79] Enzyklika Laborem exercens (14. September 1981), 27: AAS 73 (1981), S. 645.
[80] Deshalb konnte der heilige Justin von „Samen des Wortes“ in der Weltsprechen: vgl. II Apologia 8,1-2; 13,3-6: PG 6, Sp. 457-458; 467.
[81] Johannes Paul II., Ansprache an die Vertreter von Wissenschaft und Kultur und der höheren Studien an der Universität der Vereinten Nationen, Hiroshima (25. Februar 1981), 3: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 11, Nr. 11 (13. März 1981), S. 6; AAS 73 (1981), S. 422.
[82] Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 69: AAS 101 (2009), S. 702
[83] Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit, Würzburg 91965, S. 87.
[84] Ebd.
[85] Ebd., S. 87-88.
[86] Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, Freiburg 2006, 462.
[87] Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit, Würzburg 91965, S. 63-64.
[88] Ebd., S. 64.
[89] Vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 35: AAS 101 (2009), S. 671.
[90] Ebd., 22: AAS 101, S. 657.
[91] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 231: AAS 105 (2013), S. 1114.
[92] Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit, Würzburg 91965, S. 63.
[93] Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 38: AAS 83 (1991), S. 841.
[94] Vgl. Erklärung Love for Creation. An Asian Response to the Ecological Crisis. Kolloquium, veranstaltet von der Föderation der asiatischen Bischofskonferenzen (Tagaytay, 31. Januar - 5. Februar 1993), 3.3.2.
[95] Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 37: AAS 83 (1991), S. 840.
[96] Benedikt XVI., Botschaft zum Weltfriedenstag 2010, 2: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 39, Nr. 52/53 (25.Dezember 2009), S. 4; AAS 102 (2010), S. 41.
[97] Ders., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 28: AAS 101 (2009), S. 663.
[98] Vgl. Vinzenz von Lérins, Commonitorium primum, Kap. 23: PL 50, Sp. 668: „Ut annis scilicet consolidetur, dilatetur tempore, sublimetur aetate.“
[99] Nr. 80: AAS 105 (2013), S. 1053.
[100] Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute, 63.
[101] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 37: AAS 83 (1991), S. 840.
[102] Paul VI., Enzyklika Populorum progressio (26. März 1967), 34: AAS 59 (1967), S. 274.
[103] Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 32: AAS 101 (2009), S. 666.
[104] Ebd.
[105] Ebd.
[106] Katechismus der Katholischen Kirche, 2417.
[107] Ebd., 2418.
[108] Ebd., 2415.
[109] Botschaft zum Weltfriedenstag 1990, 6: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 19, Nr. 50 (15. Dezember 1989), S. 7; AAS 82 (1990), S. 150.
[110] Ansprache an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften (3. Oktober 1981), 3: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 11, Nr. 48 (27. November 1981), S. 10; Insegnamenti 4/2 (1981), S. 333.
[111] Botschaft zum Weltfriedenstag 1990, 7: L‘Osservatore Romano (dt.) Jg. 19, Nr. 50 (15. Dezember 1989), S. 7;  AAS 82 (1990), S. 151.
[112] Johannes Paul II., Ansprache an die 35.Generalversammlung des Weltärztebundes (29.Oktober 1983), 6: AAS 76 (1984), S. 394.
[113] Bischöfliche Kommission für Sozialpastoral in Argentinien, Una tierra para todos (Juni 2005), 19.
[114] Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung, (14. Juni 1992), Grundsatz 4.
[115] Vgl. Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 234: AAS 105 (2013), S. 1116.
[116] Benedikt XVI., Enzykl. Caritas in veritate (29. Juni 2009), 51: AAS 101 (2009), S. 687.
[117] Einige Autoren haben auf die Werte hingewiesen, die man gewöhnlich zum Beispiel in den „villas“, den chabolas oder den „favellas“ in Lateinamerika lebt: Vgl. Juan Carlos Scannone SJ, “La irrupción del pobre y la lógica de la gratitud”, in: Juan Carlos Scannone y Marcelo Perine (Hrsg.), Irrupcíon del pobre y quehacer filosófico. Hacia una nueva racionalidad, Buenos Aires 1993, S. 225-230.
[118] Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche,  Freiburg 2006, 482.
[119] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 210: AAS 105 (2013), S. 1107
[120] Ansprache an den Deutschen Bundestag in Berlin  (22. September 2011): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 41, Nr. 39 (30. September 2011), S. 5; AAS 103 (2011), S. 668.
[121] Generalaudienz (15. April 2015), L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 45 (2015), Nr. 17 (24. April 2015), S. 2.
[122] Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute, 26: AAS 58 (1966) S. 1046.
[123] Vgl. Nrn. 186-201: AAS 105 (2013), S. 1098-1105.
[124] Portugiesische Bischofskonferenz, Hirtenbrief Responsabilidade solidária pelo bem comum (15. September 2003), 20.
[125]Benedikt XVI., Botschaft zum Weltfriedenstag 2010, 8:L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 9, Nr. 52/53 (25. Dezember 2009), S. 5; AAS 102 (2010), S. 46; AAS 102 (2010) S. 45.
[126] Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung (14. Juni 1992), Grundsatz 1.
[127] Bolivianische Bischofskonferenz, Hirtenbrief über Umwelt und menschliche Entwicklung in Bolivien El universo, don de Dios para la vida (2012), 86.
[128] Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Energia, Giustizia e Pace, Vatikanstadt 2013, IV, 1, S. 56.
[129] Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 67: AAS 101 (2009), S. 700.
[130] Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 222: AAS 105 (2013), S. 1111.
[131] Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, Freiburg 2006, 469.
[132] Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung (14. Juni 1992), Grundsatz 15.
[133] Vgl. Mexikanische Bischofskonferenz. Bischöfliche Kommission für die Sozialpastoral, Jesucristo, vida y esperanza de los indígenas y campesinos (14. Januar 2008).
[134] Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, Freiburg 2006, 470.
[135] Botschaft zum Weltfriedenstag 2010, 9: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 39, Nr. 52/53 (25. Dezember 2009), S. 5; AAS 102 (2010), S. 46.
[136] Ebd.
[137] Ebd., 5; AAS S. 43.
[138] Ders., EnzyklikaCaritas in veritate (29. Juni 2009), 50: AAS 101 (2009), S. 686.
[139] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 209: AAS 105 (2013), S. 1107.
[140] Ebd., 228: AAS 105, S. 1113.
[141] Vgl. Enzyklika Lumen fidei (29. Juni 2013), 34: AAS 105 (2013), S. 577: „Das Licht des Glaubens [hält sich], da es ja mit der Wahrheit der Liebe vereint ist, nicht etwa fern von der materiellen Welt, denn die Liebe wird immer in Leib und Seele gelebt. Das Licht des Glaubens ist ein inkarniertes Licht, das von dem leuchtenden Leben Jesu ausgeht. Es erleuchtet auch die Materie, baut auf ihre Ordnung und erkennt, dass sich in ihr ein Weg der Harmonie und des immer umfassenderen Verstehens öffnet. So erwächst dem Blick der Wissenschaft ein Nutzen aus dem Glauben: Dieser lädt den Wissenschaftler ein, für die Wirklichkeit in all ihrem unerschöpflichen Reichtum offen zu bleiben. Der Glaube ruft das kritische Bewusstsein wach, insofern er die Forschung daran hindert, sich in ihren Formeln zu gefallen, und ihr zu begreifen hilft, dass die Natur diese immer übersteigt. Indem er zum Staunen angesichts des Geheimnisses der Schöpfung einlädt, weitet der Glaube die Horizonte der Vernunft, um die Welt, die sich der wissenschaftlichen Forschung erschließt, besser zu durchleuchten.“
[142] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 256: AAS 105, S. 1123.
[143] Ebd., 231: AAS, 105, S. 1114.
[144] Das Ende der Neuzeit, Würzburg 91965, S. 66-67.
[145] Johannes Paul II., Botschaft zum Weltfriedenstag 1990, 1: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 19, Nr. 50 (15. Dezember 1989), S. 1; AAS 82 (1990), S. 147.
[146] Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritatee (29. Juni 2009), 66: AAS 101 (2009), S. 699.
[147] Ders., Botschaft zum Weltfriedenstag 2010, 11: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 39, Nr. 52/53 (25. Dezember 2009), S. 5; AAS 102 (2010), S. 48.
[148] Erd-Charta, Den Haag (29. Juni 2000).
[149] Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 39: AAS 83 (1991), S. 842.
[150] Ders., Botschaft zum Weltfriedenstag 1990, 14: L‘Osservatore Romano (dt.) Jg. 19, Nr. 50 (15. Dezember 1989), S. 8; AAS 82 (1990), S. 155.
[151] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 261: AAS 105 (2013), S. 1124.
[152] Benedikt XVI., Homilie zur feierlichen Amtseinführung (24. April 2005): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 35, Nr. 17 (29. April 2005), S. 3; AAS 97 (2005), S. 710. 
[153] Konferenz der Katholischen Bischöfe Australiens, A New Earth – The Environmental Challenge (2002).
[154] Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit, Würzburg 91965, S. 72. 
[155] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 71: AAS 105 (2013), S. 1050.
[156] Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 2: AAS 101 (2009), S. 642.
[157] Paul VI., Botschaft zum Weltfriedenstag 1977: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 6, Nr. 52/53, S. 4; AAS 68 (1976) S. 709.
[158] Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, Freiburg 2006, 582.
[159] Ein geistlicher Lehrer, Ali Al-Khawwas, betonte aus eigener Erfahrung ebenfalls die Notwendigkeit, die Geschöpfe der Welt nicht zu sehr von der inneren Gotteserfahrung zu trennen. Er sagte: „Man soll nicht von vornherein diejenigen kritisieren, welche die Verzückung in der Musik oder in der Poesie suchen. Es liegt ein feines Geheimnis in jeder Bewegung und in jedem Laut dieser Welt. Die Eingeweihten gelangen dahin zu erfassen, was der wehende Wind, die sich biegenden Bäume, das rauschende Wasser, die summenden Fliegen, die knarrenden Türen, der Gesang der Vögel, der Klang der Saiten oder der Flöten, der Seufzer der Kranken, das Stöhnen der Betrübten […] sagen“ (Eva de Vitray-Meyerovitch [Hrsg.], Anthologie du soufisme, Paris 1978, 200).
[160] In: II Sent., 23, 2, 3.
[161] Cántico espiritual B XIV-XV, 5.
[162] Vgl. ebd.
[163] Ebd., XIV, 6-7.
[164] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Orientale lumen (2. Mai 1995), 11: AAS 87 (1995), S. 757.
[165] Ebd.
[166] Ders., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April 2003), 8: AAS 95 (2003), S. 438.
[167] Benedikt XVI., Homilie in der Eucharistiefeier am Hochfest des Leibes und Blutes Christi (15. Juni 2006): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 36, Nr. 25 (23. Juni 2006), S. 7; AAS 98 (2006), S. 513.
[168] Katechismus der Katholischen Kirche, 2175.
[169] Johannes Paul II., Generalaudienz (2. August 2000), 4: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 30, Nr. 32/33 (11. August 2000), S. 2; Insegnamenti 23/2 (2000), S. 112. 
[170] Bonaventura, Quaest. disp. de Myst. Trinitatis, 1, 2, concl.
[171] Vgl. Thomas von aquin, Summa Theologiae I, q. 11, art. 3; q. 21, art. 1, ad 3; q. 47, art. 3.
[172] Basilius der Grosse, Hom. in Hexaemeron, 1, 2, 6: PG 29, Sp. 8. 
© Copyright - Libreria Editrice Vaticana

Kommentare

Wider das Gefühl, dass alles möglich und machbar sei

   In seiner Enzyklika warnt Papst Franziskus vor einem blinden Wachstumsglauben und einer Auslöschung des Unterschieds zwischen den Geschlechtern.
   Gegen eine schlechte Politik blinder Machthaber, gegen Gleichgültigkeit oder bequeme Resignation ruft Papst Franziskus „alle Menschen guten Willens" dazu auf, die Erde als „das ge­meinsame Haus" aller Kreaturen besser zu schützen und für mehr Gerechtigkeit und Frieden allerorts eine „globale ökologische Umkehr" anzustreben. Er hoffe, schreibt der Papst in seinem Lehrschreiben „Laudato si", das am Donnerstag im Vatikan vom Präsidenten des Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Peter nal Turkson, und dem Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vorgestellt wurde,„dass diese Enzyklika, die an die Soziallehre der Kirche anschließt, dabei hilft, Größe, Dringlichkeit und Schönheit der Herausforderung zu erkennen, die vor uns steht". Der Papst warnt unter anderem vor blindem Wachstumsglauben, der Vernachlässigung der Armen, vor undifferenzierten genetischen Manipulationen und vor der „Logik einer Herrschaft über den eigenen Körper", wenn jemand seine Männlich- oder Weiblichkeit nicht annehmen wolle.
   Das zweite Lehrschreiben des Papstes nach „Lumen fidei", das im wesentlichem von seinem Amtsvorgänger Benedikt XVI. stammt, aber 2013 unter beider Namen veröffentlicht wurde, beginnt in Anlehnung an Franziskus' Namenspatron Franz von Assisi mit den ersten zwei altitalienischen Worten aus dem „Sonnengesang", in dem der Ordensgründer die Erde „unsere Schwester" nennt, die wegen des Schadens aufschreit, den ihr der Mensch in unverantwortlichem Missbrauch zufügt. Der Papst schreibt, Franz habe die Schöpfung besonders aufmerksam gehütet und zugleich die Armen und Einsamen. Darum sei er das beste „Vorbild für eine authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie", die Mensch und Natur in Harmonie zu bringen versucht; denn das Buch der Natur sei „eines und unteilbar" und schließe „die Umwelt, das Leben, die Sexualität, die Familie und die sozialen Beziehungen mit ein". Der Papst zitiert in „Laudato si" nicht nur Vorgänger, sondern als Ausdruck seines kollegialen Amtsverständnisses auch viele Bischofskonferenzen; zugleich weist er über die katholische Lehre hinaus, wenn er sich ökumenisch am griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomäus orientiert, am evangelischen Philosophen Paul Ricceur aus Frankreich und dem muslimischen Mystiker Ali Al Khawas.
   Der Papst will einen Dialog, der „alle zusammenführt", um gegen die Ausbeutung der Natur und Fehlfunktionen der Weltwirtschaft vorzugehen. Franziskus ruft seine Leser dazu auf, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen ernst zu nehmen. Ausführlich schreibt er über die Umweltverschmutzung, den Verlust biologischer Vielfalt und den durch Menschen herbeigeführten Klimawandel. Viele von denen aber, „die mehr Ressourcen besitzen sowie ökonomische oder politische Macht, scheinen sich vor allem darauf zu konzentrieren, die Probleme zu verschleiern oder ihre Symptome zu verbergen", schreibt der Papst und greift so in eine amerikanische Debatte ein, bei der konservative Republikaner zwar mit der Bibel argumentieren, aber nach des Papstes Meinung gleichzeitig Gottes Schöpfung malträtieren.
   Der Zugang zu Trinkwasser sei ein grundlegendes, fundamentales und allgemeines Menschenrecht, schreibt der Papst weiter. Besonders in Afrika seien „große Teile der Bevölkerung ohne Zugang zu sicherem Wasser und leiden unter der Dürre, die die Produktion von Nahrungsmitteln erschwert". Die Welt lade schwere soziale Schuld gegenüber den Armen auf sich, wenn sie ihnen durch Nachlässigkeit oder Gewinnsucht das Recht auf Leben verweigert, während in anderen Teilen der Welt Wasser verschwendet wird. Einerseits lobt der Papst den Fortschritt, der die Lebensqualität der meisten verbessert habe, andererseits aber habe „das Wachstum der letzten beiden Jahrhunderte nicht in allen seinen Aspekten einen wahren ganzheitlichen Fortschritt" mit sich gebracht. Vielmehr schade der Verfall der Umwelt und der unsolidarische Umgang der Menschen untereinander vor allem den Schwächsten im gemeinsamen Haus Erde.
Nach einem Kapitel über das „Evangelium der Schöpfung", wonach jede Kreatur Gegenstand der Zärtlichkeit Gottes sei, der ihr einen speziellen Platz im Haus zugewiesen habe, beschreibt der Papst „die menschliche Wurzel der ökologischen Krise". Einerseits lobt er den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt sowie die Kreativität der Menschen. Andererseits habe die moderne Technologie vor allem jenen, „die wirtschaftliche Macht besitzen sie einzusetzen, eine beeindruckende Gewalt über die gesamte Menschheit gegeben". Im Gefühl, dass alles möglich und machbar sei, „entstand die Idee eines unendlichen und grenzenlosen Wachstums, das die Ökonomen, Finanzexperten und Ethnologen begeistert. Dieses Wachstum setzt aber die Lüge in Bezug auf unbegrenzte Verfügbarkeit der Güter des Planeten voraus". Der Papst weist darauf hin, dass der Mensch zwar in die Pflanzen- und Tierweit eingreifen und sich ihrer bedienen könne, wenn das für das Leben notwendig sei, aber die menschliche Macht habe ihre Grenzen. So widerspreche es der Menschenwürde, Tiere ohne Sinn leiden zu lassen. Jede Nutzung und jedes Experiment verlange Ehrfurcht vor der Unversehrtheit der gesamten Schöpfung. Der Papst würdigt auch die Fortschritte in der Molekularbiologie und Genetik, er lehnt aber mit Worten von Papst Johannes Paul II. undifferenzierte genetische Manipulationen ab: Es sei zwar unmöglich, die menschliche Kreativität zurückzuhalten, so wie man einem Künstler auch nicht verbieten könne, kreative Kraft zu entfalten, doch Zielsetzungen und ethische Grenzen müssten stets überdacht werden.
   In einem Kapitel über die „ganzheitliche Ökologie" fordert der Papst die Menschen in Fragen der Umweltwirtschaft und Sozialökologie dazu auf, weniger an den Egoismus des Einzelnen als an die Würde aller zu denken. Da zwischen allen Dingen Beziehungen bestehen, gebe es eine Wechselwirkung zwischen den Ökosystemen und den verschiedenen sozialen Welten, zwischen Nord und Süd, Land und Stadt.
   Schließlich wendet sich der Papst der Humanökologie zu. Mit Benedikt XVI. schreibt er, dass der Mensch auch sich selbst achten solle: „Die Akzeptanz des eigenen Körpers als Gabe Gottes ist notwendig, um die ganze Welt als Geschenk des himmlischen Vaters im gemeinsamen Haus zu empfangen." Damit wendet sich Franziskus gegen „eine Logik der Herrschaft über den eigenen Körper", denn mit ihr würde sich der Mensch anmaßen, die eigene Schöpfung auszuhebeln. Es sei dagegen „notwendig, den eigenen Körper in seiner Weiblich- oder Männlichkeit zu schätzen", um in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht sich selbst zu erkenn. Nur dann sei es möglich, freudig die besondere Gabe des anderen oder der anderen als Werk Gottes anzunehmen und sich gegenseitig zu bereichern. „Deswegen ist die Einstellung dessen nicht gesund, der den Unterschied zwischen den Geschlechtern auslöschen will."
   Die Kirche könne nicht den Anspruch erheben, wissenschaftliche Fragen zu klären oder die Politik zu ersetzen, schreibt der Papst. Andererseits hätten die Umwelt-Gipfeltreffen der vergangenen Jahre keineswegs die Erwartungen der Menschen erfüllt. Noch verharre die Welt des 21. Jahrhunderts in nationalstaatlichen Strukturen. Aber nicht nur die Wirtschaft arbeite transnational; alle Umweltprobleme zu Wasser und zu Lande nähmen keine Rücksicht auf Staatsgrenzen. So „wird es unerlässlich, stärkere und wirkkräftig organisierte internationale Institutionen zu entwickeln, die Befugnisse haben, die durch Vereinbarung unter den nationalen Regierungen gerecht bestimmt werden und mit der Macht ausgestattet sind, Sanktionen verhängen". Franziskus liebäugelt so mit einer schon von früheren Päpsten vorgeschlagenen „politischen Weltautorität" mit „ehrlichen und transparenten Entscheidungsprozessen".
   Der Wandel beginne freilich beim Einzelnen, bei seiner Bildung in der Familie, Schule und Kirche für ein „ökologisches Bürgertum". Die Änderung der Lebensstile könne dazu führen, „heilsamen Druck auf die auszuüben, die politische, wirtschaftliche und soziale Macht besitzen", schreibt der Papst. Eine Genügsamkeit, die unbefangen und bewusst gelebt werde, wirke sich befreiend aus. „Das Glück erfordert, dass wir verstehen, Bedürfnisse einzuschränken,  die uns betäuben, um so ansprechbar zu bleiben für die vielen Möglichkeiten,  die das Leben bietet." Wer etwas von Gottes Liebe für seine Schöpfung an den Herrn zurückgeben wolle, sollte in „universeller Geschwisterlichkeit" der Gesellschaft dienen und sich in einer „Kultur der Achtsamkeit" für das Gemeinwohl und die Natur einsetzen, schreibt der Papst. „Wenn jemand den Ruf Gottes erkennt, gemeinsam mit den anderen in diese gesellschaftlichen Dynamik einzugreifen, sollte sich daran erinnern, dass dies Teil seiner Spiritualität ist, Ausübung der Nächstenliebe, und dass er auf diese Weise reift und sich heiligt.”
FAZ150619Dr.Jörg Bremer

Dr. H.-J. Schellnhuber: „Die Umweltenzyklika ist ein  historisches Ereignis“

Warum hat man Sie ausgewählt, die Enzyklika im Vatikan mit vorzustellen
   Das müssen Sie die Verantwortlichen fragen. Eine Rolle spielte sicher, dass ich an allen drei Workshops des Vatikans zu den Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit teilgenommen habe und zuletzt sogar der Hauptredner war. Zudem wollte man wohl keinen Autor des jüngsten Berichts des Weltklimarats IPCC dafür nehmen, sondern jemanden, der mit etwas Abstand auf die Dinge blickt.
Wer hat den größten Einfluss auf die Inhalte der Enzyklika?
   Die wahre Geschichte, also wer welche Gedanken oder Fakten beigetragen hat, wird man vielleicht später irgendwann, in fünfzig Jahren oder so, offenbaren. Es gab jedenfalls Input aus der Wissenschaft, aus unserem Haus wie aus anderen internationalen Instituten. Franziskus hatte sich insbesondere über die Pontifikalakademie informieren lassen, was Stand des Wissens ist, aber er hat sich am Ende das Schreiben der Enzyklika selbst vorgenommen. Nach der Fertigstellung hat er schließlich deutlich gemacht, dass das für ihn eine Art Regierungserklärung sei, gleichsam die Umsetzung des Geistes von Franz von Assisi. Seine zwei großen Themen sind soziale Ungerechtigkeit und unser Verhältnis zur Natur.
Ist es für Sie auch ein wissenschaftliches Manifest?
   Der Papst erkennt darin auf alle Fälle den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel an, ebenso zur Biodiversität, zu den Böden, zum Wasser, und eben zur großen Herausforderung der Nachhaltigkeit. Das Ganze wird dann im moralphilosophischen Sinn durchbuchstabiert - wie wir in die Krise hinein geraten sind, wo wir heute stehen, aufgrund einer Kultur der Verschwendung und des Wegwerfens, durch Missachtung künftiger Generationen und unserer Nächsten.  Franziskus verknüpft die Ungleichheit in der Welt, die gerade durch Überfluss entstanden ist, mit der Zerstörung der Natur, deren Auswirkungen die Schwachen in Zukunft noch mehr treffen werden. Wir haben eine phänomenale Industrialisierung seit dem achtzehnten Jahrhundert, eine unglaubliche zivilisatorische Leistung, aber sie hat auch diese abstoßende Ungleichheit hervorgebracht. Inzwischen besitzen 60 Menschen so viel wie die ärmste Hälfte der Menschheit! Es ist unglaublicher Reichtum entstanden, aber in einer gewaltig disproportionalen Verteilung. Vor allem die Länder des Südens haben kaum von der Ausbeutung der fossilen Ressourcen profitiert. Und nun sollen die Armen der Welt auch noch den Großteil der Kosten von Umweltzerstörung und Klimawandel tragen, weil ihre Länder durch eine Reihe geographischer Zufälle deut­ich stärker betroffen sind, etwa vom Anstieg des Meeresspiegels oder von Dürren.
Wie ist das Interesse des Vatikans am Klimawandel entstanden?
   Vor mehr als zehn Jahren hat die Pontifikalakademie schon einmal eine Veranstaltung zum Klimawandel gemacht. Damals war auch eine Riege prominenter „Skeptiker" eingeladen, die Haltung des Vatikans seinerzeit war eine ganze andere als heute. Damals meinte man in Rom, der Klimawandel sei ein Plot von Leuten, die im Grunde nur die Tradition angreifen wollen. Das hat sich schon unter Papst Benedikt geändert, der sehr umweltbewusst ist. Es war jedoch ein hartes Stück Arbeit, die Erkenntnisse der Wissenschaft so aufzubereiten, dass im Vatikan das Klimaproblem jetzt so sehr viel besser verstanden wird. Den Durchbruch hat wohl der Workshop im Vatikan im vergangenen Jahr gebracht.
Die Skeptiker waren da auch noch eingeladen?
   Nein. Es gab deswegen auch einige Aufregung im Hintergrund. Allerdings hat es ein britischer Politiker, Lord Monckton, geschafft, sich bei einer Veranstaltung in diesem Jahr einzuschleichen. Er ist leider hoffnungslos eingesponnen in Verschwörungstheorien. In Rom saß er mit seinem iPhone hinter mir, hat alles eifrig aufgezeichnet, und hinterher machte er sich in einem Blog darüber lustig, wie er die Schweizer Garde genarrt hat. Ein Auftritt wie im Tiroler Bauerntheater.
Erwarten Sie nach der Veröffentlichung nun noch mehr Gegenwind?
   Das Trommelfeuer ging ja schon vorher los. Man muss sich das mal vorstellen: In dieser Schrift geht es um die Bewahrung der Schöpfung - und Leute wie der amerikanische Senator Jim Inhofe meinen, die Schöpfung gehe den Papst schon gar nichts an.
Eine Enzyklika kann dennoch kein Abziehbild der Konsenswissenschaft sein. Fehlt etwas in der Schrift, das in Ihrem Verständnis zum Kanon des Klimawandelwissens gehört?
  Die Sorge von uns Wissenschaftlern war natürlich, dass der Text einer falschen Balance aufsitzt - dass er also nicht klar den Forschungsstand zum Klima wiedergibt, sondern laviert und nur erklärt, dass die einen so und die anderen so sagen. Und dass man dann am Ende einen windelweichen Kompromiss ausgibt, nach dem Motto: Nichts Genaues weiß man zwar nicht, aber das Vorsorgeprinzip erfordert nun mal, dass man handelt. Einige Kräfte im Vatikan haben vermutlich versucht, genau das zu erreichen. Es ist aber nicht gelungen, der Papst respektiert den Konsens der Wissenschaft. Es ist wirklich kein falscher Zungenschlag in diesem Dokument. Was vielen fehlt - mir nicht, aber manchen, mit denen ich gesprochen habe - ist, dass die Enzyklika expliziter ist. Das Zwei-Grad-Ziel, X Prozent CO2-Reduktion bis 2050 und so weiter. Aber ich meine, das wäre kontraproduktiv. Der Papst muss sich nicht ins operative Klima-Geschäft einmischen.
Ist für den Wissenschaftler auch der Ton gut getroffen?
  
Durchaus. In den Klimaverhandlungen spielt das ja oft eine große Rolle. Wobei die Diplomaten meiner Meinung nach die Bedeutung der genauen Wortwahl überschätzen, die streiten sich um jede Silbe. Ein kleiner Mangel: Die Folgen des Klimawandels sind in der Enzyklika etwas unterbelichtet. Stürme, Dürren und so weiter werden eher kursorisch behandelt, als sei das alles jedem längst bekannt. Der Papst war ja selbst auf den Philippinen in Tacloban, in der Provinz, die durch den Taifun Hayan zerstört wurde.
Die Bevölkerungsexplosion wurde jahrelang als ökologisches Grundübel gegeißelt. Die kommt in der Enzyklika eher am Rande vor. Haben Sie eine Erklärung dafür?
  Menschen sind doch kein Übel. Natürlich ist das Wachstum der Weltbevölkerung eine enorme Herausforderung. Manche Kreise, nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten, meinen, man könne sich Klimaschutz nicht leisten, wenn man all diese Menschen satt bekommen möchte.  Richtig ist aber das Gegenteil: Nur wenn wir das Klima stabilisieren, können wir Armut wirklich bekämpfen. Es ist auch grundfalsch zu behaupten, dass es das Klimaproblem nicht gäbe, wenn weniger Menschen auf der Welt lebten. Wenn wir uns die Emissionen anschauen, dann trägt die Masse der armen Menschen fast nichts zum Anstieg der Treibhausgase bei. Die Antwort darauf wäre auch nicht Geburtenkontrolle, denn die Pille können sich die Ärmsten eh nicht leisten. Die einzige wirkliche Antwort wäre die bessere Ausbildung der Mädchen und Frauen.
Was ist für Sie das eigentlich Innovative an der Enzyklika?
  
Das Wichtigste ist, dass es sie überhaupt gibt - und dass sie in diesem Jahr geschrieben wurde, das im Weltklimagipfel von Paris mündet. Als der Papst den Namen Franziskus wählte, war das bereits revolutionär. Was er jetzt getan hat, ist ja das moderne Gegenstück zu dem, was Franz von Assisi getan hat. Der hatte eine Reformbewegung angestoßen: Die Kirche war verfilzt, die Gesellschaft saturiert, und dem setzte er ein einfaches Leben nahe der Natur und in Solidarität mit den Armen entgegen. Papst Franziskus knüpft hieran an. Das Umweltproblem durch die Linse der Schwachen und der noch Ungeborenen zu betrachten, ist für mich extrem innovativ.
Auffallend war ja auch die plakative Nähe zu anderen Religionen bei der Vor­bereitung der Enzyklika.
  Ja, durchaus. In der Pontifikalakademie ist mit dem „Interfaith-Meeting" ein Forum geschaffen worden, an dem bedeutende Rabbiner ebenso wie Hindu-Führer und die Orthodoxen sowieso teilgenommen haben. Sie haben praktisch alle die gleiche Sprache gesprochen, unabhängig von ihrer Herkunft. Da ist man schon sehr weit gekommen, speziell mit den Orthodoxen. Ein Gedanke dabei war wohl, dass die Ökumene, die gemeinsame Verantwortung für die Schöpfung, gefördert werden soll.
Ist für den UN-Gipfel im September und die Pariser Klimaverhandlungen vielleicht noch mit einem starken gemeinsamen Signal der Kirchen zu rechnen?
  
Ich glaube, dass man schon daran gedacht hat. Es ist nur unglaublich schwierig, das praktisch umzusetzen. Vielleicht wird es einmal möglich sein, alle Religionsführer in einen Raum zu bringen und eine gemeinsame Erklärung zu veröffentlichen. Die Zeit ist noch nicht reif dafür.
Wo dürfte die Enzyklika klimapolitisch die größte Wirkung erzeugen?
  In Polen zum Beispiel. Die Polen glauben ja zugleich an die Segnungen der Kohle und an den Papst. Für sie wird es nun eine echte Zwickmühle. Aber auch in Lateinamerika wird es eine große Wirkung haben, in weiten Teilen Afrikas, genauso auf den Philippinen und in den christlichen Gemeinden in China. Die amerikanischen Katholiken werden eine richtig harte Nuss zu knacken haben. Aber auch Tony Abbott, der Premierminister von Australien, ein überzeugter Katholik, wird daran schwer kauen. Er hatte sich ja immer auf den Vatikan berufen, wenn er davon gesprochen hat, dass der Klimawandel nicht so ein arg bedeutsames Problem sei.
Sie versprechen sich also eine Art umweltpolitisches Nachbeben?
  
Die Enzyklika wird enorme politische Wirkungen haben. Dieses Jahr wird die Weltbühne bereitet für die Lösung des Klimaproblems. Wir wissen noch nicht, ob es in Paris für ein ehrgeiziges Abkommen reichen wird, oder ob es in die richtige Richtung geht am Ende, um das Problem zu lösen. Wir spüren nun jedenfalls einen mächtigen Rückenwind. G-7-Gipfel gibt es jedes Jahr, eine Umweltenzyklika hat nun nach fast zweitausend Jahren römischer Kirche Premiere. Diese Schrift kann gar nicht unpolitisch sein. Es ist ein historisches Ereignis.
Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung. FAZ150619

pol-YolandaKakabadse-WWF-Z    Yolanda Kakabadse ist seit 2010 internationale Präsidentin des WWF.

Der Papst hat das Seine für die Umwelt getan - Den Raubbau an der Natur jetzt  stoppen -
2015 muss das Jahr der konkreten, gerechten und langfristigen Entscheidungen werden.”
 Von 1998 bis 2000 war Yolanda Kakabadse Umweltministerin in Ecuador

   Der Papst hat auf seiner jüngsten Reise Lateinamerika besucht. Im Gepäck hat er die erst vor wenigen Wochen vorgestellte Enzyklika „Laudato Si - Über die Sorge für das gemeinsame Haus". Die Botschaft kommt zur rechten Zeit, denn mit der Generalversammlung der Vereinten Nationen und dem Klimagipfel in Paris stehen in den kommenden Monaten entscheidende Weichenstellungen für die Zukunft unseres Planeten an.
   Wie Franziskus bin ich aus Südamerika. Ich stamme aus Ecuador, neben Paraguay und Bolivien eines der drei Länder, in denen der Pontifex seine dringende Botschaft für einen lebendigen und gerechten Planeten verkündet. Seine Umwelt-Enzyklika bringt die notwendige moralische Dimension in die Nachhaltigkeits- und Klimadiskussion. Auch wenn sich das Oberhaupt der Katholiken an die Gläubigen wendet, verfolgt er das Ziel, dass seine Worte auch bei anderen Religionen und Glaubensgemeinschaften auf der Welt Widerhall finden.
   Dass Lateinamerika sein erstes Reiseziel nach der Veröffentlichung von „Laudato Si" ist, sollte als unmissverständliche Einladung verstanden werden, verstärkt für die Bewahrung unserer gemeinsamen Heimat einzutreten.
   In seiner Enzyklika bezeichnet der Papst den Niedergang unserer Umwelt als eine Zerstörung des gemeinsamen Heims. Der Raubbau an der Natur stellt die Existenz des Planeten, wie wir ihn kennen, ebenso in Frage wie das Überleben der Menschen. Die Umweltzerstörung untergräbt die Rechte der Ärmsten und Verletzbarsten auf ein Leben in Würde genauso wie die Chancen künftiger Generationen.
   Der Pontifex spricht in seiner Enzyklika viele Themen an, aber ein roter Faden, der seine Ideen mit denen des WWF verbindet, ist die Bekämpfung des Klimawandels. Wir können Erfolg haben, wenn wir unsere Solidarität und Nächstenliebe wiederentdecken, indem wir die Verschwendung stoppen und einen Wandel in Konsum und Produktion einleiten. Nur so können wir den Planeten und seine mitreißende Vielfalt bewahren und eine Zukunft in Wohlstand für alle schaffen.
   Papst Franziskus ermahnt uns, unser gemeinsames Haus zu respektieren und die Schätze der Erde klug und gerecht zu nutzen. Die Enzyklika gibt uns eine wichtige Basis, um gemeinsam eine Kultur und ein nachhaltiges Denken zu entwickeln. Sie drängt die Regierungen zu einem visionären verantwortlichen Handeln. Das gilt sowohl für die bevorstehende Generalversammlung der Vereinten Nationen, auf der die globalen Nachhaltigkeitsziele Sustainable Development Goals diskutiert werden als auch für den Klimagipfel in Paris im Dezember.
   Das Wirtschaftswachstum in Lateinamerika hat im vergangenen Jahrzehnt dazu beigetragen, die Armut langsam zu verringern. Zugleich haben aber die ungezügelte Urbanisierung und eine schrankenlose Industrialisierung sowohl die Sozialsysteme als auch das natürliche Gleichgewicht zunehmend aus der Waage gebracht. Die gnadenlose Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe in Verbindung mit dem fortschreitenden Klimawandel gehört zur Schattenseite dieser Entwicklung.
   In unserem Teil der Welt, aber auch auf anderen Kontinenten, ist es offensichtlich, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich durch den Klimawandel weiter vertieft. Vor uns stehen gewaltige Aufgaben, um auf den Weckruf des Papstes zu reagieren.
   Klimawandel und nachhaltige Entwicklung stehen in diesem Jahr ganz oben auf der politischen Agenda. Es ist fundamental, dass diese Aufmerksamkeit in handfesten politischen Vereinbarungen auf Regierungsebene mündet. 2015 muss das Jahr der konkreten, gerechten und langfristigen Entscheidungen werden. Es muss das Jahr werden, in dem sich keiner mehr vor dem notwendigen Handeln drücken kann.
   Der Papst hat das Seine getan, um die Entwicklung in diesem Sinne zu beeinflussen. Er gibt den Ärmsten eine Stimme, damit sie Gehör finden und auf eine Zukunft in Würde hoffen können. Lateinamerika gehört zu den Regionen mit der reichsten Biodiversität auf der Erde. Ich hoffe, dass wir mit Verantwortung und Entschlossenheit auf die Botschaft des Papstes antworten, um die wunderbaren Schätze unseres Planeten zu bewahren.  HA150717WWF-YolandaKakabadse

cdd-PeterTurkson-3ZZ

Kardinal Peter Turkson: Papstenzyklika nicht nur ökologisch  -  Foto: Kardinal Turkson mit Laudato si'

   Die Enzyklika Laudato si‘ soll dazu ermutigen, sich „der schreienden Not der Armen und des Planeten zu stellen“. Kurienkardinal Peter Turkson sieht in der Papstenzyklika eine nicht nur ökologische, sondern vor allem soziale Botschaft. In einem Interview für das österreichische Magazin „Inpuncto“ spricht der Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden von einer „umfassenden Sozialenzyklika“, die ökologische, ökonomische und politische Dimensionen „auf einzigartige Weise“ verbinde. Die Verbindung von Moral und Spiritualität bildet für Turkson dabei das Neuartige an der Enzyklika. Für Franziskus stünden Themen wie Armut, soziale Ausgrenzung, Menschenhandel, Flüchtlinge, Christenverfolgung, religiöse Intoleranz sowie Familie, Jugend und alte Menschen im Vordergrund, so der aus Ghana stammende Kardinal. Franziskus fordere, den Problemen mit Dialog und aktivem Austausch zu begegnen. Wirtschaftliche sowie politische Machthaber würden außerdem von Franziskus dazu aufgerufen, sich mit den Folgen ihres Entscheidens für die Menschen auseinanderzusetzen.  Rv150923vs

f-176-Z3

Papst fordert Paradigmen-Wechsel bei Rohstoffhandel  -  Foto: Goldminenarbeiter

   In einem Schreiben an Kardinal Turkson hat Papst Franziskus einen Paradigmenwechsel im Rohstoffhandel gefordert. Der Papst betonte, alle Verantwortlichen für Bergbau und den Handel mit Rohstoffen müssten eine Haltung annehmen, die von Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Zuverlässigkeit gegenüber anderen geprägt sei. Zu oft habe der Bergbau negative Auswirkungen auf Mensch und Natur: Ausbeutung, Menschenrechtsverletzungen oder die Verschmutzung des Wassers.
   "Die Mineralien sind tatsächlich grundlegend für viele Lebensbereiche und menschliche Aktivitäten", so Franziskus. Doch die betreffenden Unternehmen, Staaten und auch die Verbraucher müssten bedenken, dass sie alle zu einer einzigen Menschheitsfamilie gehörten. Es gelte, der Umwelt-Enzyklika Franziskus’ entsprechend, das gemeinsame Haus zu pflegen und die dramatischen Konsequenzen der Umweltverschmutzung für die Ärmsten zu beheben. Der Papst äußerte sich anlässlich einer Konferenz zum Thema Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung, die von Freitag bis Sonntag in Rom stattfindet. Der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden hat dazu eingeladen mit dem Ziel, besonders den Betroffenen der negativen Auswirkungen des Bergbaus Gehör zu verschaffen. Rv150717cz

cdd-LuisAntonioTagle-ZZ

Kardinal Tagle schreibt Caritas Brief über „Laudato sì“ -  Foto: Kardinal Tagle und Papst Franziskus

   Der Präsident von Caritas Internationalis, Kardinal Luis Antonio Tagle, hat einen Brief an die Caritas-Gemeinschaft über Papst Franziskus Enzyklika Laudato Si´geschrieben. In der Enzyklika erinnere Franziskus die Menschen daran, Konsum durch einen Sinn für Aufopferung zu ersetzen, Geldgier durch Großzügigkeit und Verschwendung durch einen Geist des Teilens. „Wir sind aufgerufen, uns von allem Schweren, Negativen und Verschwenderischen zu befreien und mit unser globalen Familie in Dialog zu treten“, schreibt der philippinische Kardinal.
   Kardinal Tagle hebt in dem Brief hervor, dass die Mitarbeiter der Caritas ein Band der Solidarität mit den Ärmsten haben und denjenigen, die vom Klimawandel betroffen sind, ihre Würde zurückgeben. „Als Caritas und als Mitglieder der Menschheitsfamilie spielen wir alle eine Rolle in dieser ökologischen Revolution, zu der uns Papst Franziskus eingeladen hat“, so der Kardinal. Die Organisationen müssten noch besser zusammenarbeiten und sich bei der Arbeit gegenseitig unterstützen.  Rv150717cz 

f-180-ZxZ

Papst an Bürgermeister: „Ich zähle auf Paris-Klimakonferenz“ - Der Papst sprach zu den Bürgermeistern der Weltmetropolen, die an der Konferenz zu Menschenhandel und Klimawandel im Vatikan gekommen waren.    

   Der Einsatz für die Umwelt ist nicht nur Sache der „Grünen“, sondern soll für jeden gelten. Das betonte der Papst beim Treffen mit den Teilnehmern der Klimawandel- und Menschenhandel-Konferenz im Vatikan. Auf Einladung von Papst Franziskus diskutierten rund 60 Bürgermeister aus aller Welt zwei Tage lang im Vatikan über den Kampf gegen moderne Sklaverei und Klimaerwärmung.
   In der Synodenaula bei der Audienzhalle umarmte Papst Franziskus bei seiner Ankunft „seine zwei Kardinalsfreunde“ Francesco Montenegro und Claudio Hummes. Montenegro ist Erzbischof von Agrigent und in Italien für sein Engagement für die Mittelmeerflüchtlinge bekannt. Die Insel Lampedusa, der Hafen für die vielen ankommenden Flüchtlinge aus Nordafrika, gehört zu seinem Bistum. Der Brasilianer Hummes ist für hingegen für seinen humanitären Einsatz für die Bevölkerung im Amazonasgebiet bekannt. Damit waren auch die Hauptthemen sozusagen personifiziert: Gerechtigkeit, Armut und die Umwelt.
Einsatz für die menschliche Ökologie
   Ein weiteres Thema, welches in den letzten zwei Jahren zu einem Schlagwort von Franziskus wurde, stand auf der Agenda: Menschenhandel: Bürgermeister aus Großstädten wie Rom, Paris, New York, Mailand oder São Paulo prangerten in ihren Reden die Formen Sklaverei in modernen Gesellschaften an. „Die Sklaverei gibt es in unseren Städten noch immer, selbst hier in Rom“, sagte der Bürgermeister der italienischen Hauptstadt, Ignazio Marino. Konkret sprach er den illegalen Organhandel an. Nachdem einige Bürgermeister gesprochen hatten, ergriff der Papst das Wort. Der Einsatz für die Umwelt und gegen den Menschenhandel sei eine Haltung „für die menschliche Ökologie“, so der Papst. Seine Enzyklika Laudato Si‘ sei nicht einfach ein „grüne Enzyklika“ sondern verstehe sich als „Sozialenzyklika“, denn sie betreffe das gesamte soziale Leben der Menschen. „Man kann nicht sagen, der Mensch ist hier und die Schöpfung, die Umwelt ist dort. Ökologie ist überall, sie ist menschlich.” Deswegen gehe es ihm auch um Armut und Arbeit, um die Ränder der großen Städte, an denen Elend wachse.
   Es gehe um Gesundheit und um das Recht auf Zugang zu Wasser. Beides sei durch das Paradigma der Technokratie gefährdet, zitierte der Papst seine Enzyklika direkt. Überdüngung und die Zunahme von Krankheiten hingen zusammen, Versteppung von großen Gegenden, die Verschmutzung von immer mehr Wasser und Luft seien direkte Folgen der „Vergötterung der Technokratie“. „Was passiert, wenn all diese Phänomene einer exzessiven Technisierung, die sich nicht um die Umwelt kümmert, Wirkung auf die Migration der Menschen haben?“, fragte Papst Franziskus. Das sei ein Punkt, wo die Sorgen um soziale Not und den Umweltschutz direkt zusammen hingen.
Hoffnung auf Veränderung - UN-Klimakonferenz in Paris2015
   „Ich hege große Hoffnungen für die Umweltkonferenz in Paris im kommenden Dezember. Ich hoffe sehr, dass die Vereinten Nationen ein grundlegendes Abkommen erarbeiten werden, weil die UNO in der Tat zu diesen Themen klare Positionen einnehmen sollte. Ich denke an die Probleme des Klimawandels, aber auch an den Menschenhandel.“ Franziskus dankte den rund 60 Bürgermeistern der großen Weltmetropolen, die zwei Tage lang im Vatikan zu dem Thema Klimawandel und moderne Sklaverei gesprochen haben und die sich auch verpflichtet haben, etwas dagegen zu unternehmen. „Das braucht die heutige Welt. Dieses Treffen der Bürgermeister ist wichtig, weil der bedeutendste Einsatz gegen Menschenhandel und Klimawandel in den Peripherien stattfindet, und von dort aus können wir Richtung Zentrum vorangehen. Dort finden wir eben die großen Institutionen. Der Heilige Stuhl und die einzelnen Nationen können schöne Reden vor der UNO halten, aber wenn wir nichts Konkretes in den Peripherien machen, dann ändert sich nichts.“
Kooperation der Metropolen und ihrer Bürgermeister als Chance
  
Ihm sei bewusst, dass jede Stadt spezifische Probleme habe, dennoch zähle er auf die Zusammenarbeit der Städte – und natürlich allen voran der Bürgermeister. „Möge der Herr uns das Bewusstsein dieser Probleme schenken. Wir müssen uns bewusst werden, was wir unserer Erde antun, wenn wir weiterhin die Umwelt nicht pflegen und kein ökologisches Bewusstsein haben. Wir brauchen eine Kultur der Ökologie. Wir müssen die Nicht- Kultur in Kultur umwandeln und nicht umgekehrt.“
Abschließend unterzeichnete auch der Papst die bei der Konferenz formulierte Absichtserklärung. rv150721mg

f-181-ZZ

Abschlussdokument Vatikan-Bürgermeister: Paris ist die letzte Chance
Bügermeistertagung im Vatikan: „Es ist höchste Zeit!”
Eine Neuheit im Vatikan: Die Bürgermeistertagung im Vatikan zu Klimawandel und Menschenhandel

   60 Bürgermeister aus aller Welt tagten an diesem Dienstag im Vatikan. Es ging darum, gemeinsame Strategien gegen den Klimawandel und seine sozialen Folgen zu entwickeln. Städte sind die Umweltsünder schlechthin. Ein Großteil der Treibhausgase wird von den Metropolen der Welt ausgestoßen – deshalb der innovative Ansatz, zu dem Gedankenaustausch im Vatikan Bürgermeister einzuladen und nicht die üblichen Fachleute oder Minister. Papst Franziskus wollte die Stadt-Verantwortlichen im Anschluss in Privataudienz empfangen.  
   Mexiko-City, New York, Paris. Die Teilnehmer der eintägigen Konferenz in Rom kommen aus allen Erdteilen und haben doch ein gemeinsames Ziel: den Klimawandel und seine sozialen Folgen stoppen. Dafür sollen am Ende der Tagung verbindliche Vereinbarungen getroffen werden. Wenige Wochen nach Veröffentlichung der Umwelt- Enzyklika von Papst Franziskus setzt der Vatikan mit der Einladung von rund 60 Bürgermeistern aus aller Welt ein wichtiges Zeichen - insbesondere vor dem Weltklimagipfel im Dezember in Paris. Das findet auch der Teilnehmer aus Berlin, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Christian Gaebler:
   Gaebler: „Ich glaube es ist ganz wichtig, dass die katholische Kirche mit ihrem Oberhaupt sich an die Seite derjenigen stellt, die für die Menschen, für die Umwelt etwas tun wollen. Das heißt den Städten kommt eine besondere Verantwortung zu. Und mit Blick auf den Klimagipfel im Dezember in Paris ist es wichtig, Druck zu machen für konkrete Vereinbarungen. Und wenn die katholische Kirche mit Papst Franziskus an der Spitze sich da mit einbringt, ist das sehr gut und wichtig. 
   In seiner Umweltenzyklika "Laudato si" hat der Papst betont, dass der Klimawandel nur bekämpft werden kann, wenn dabei auch Armut und Ausbeutung bedacht werden. Laut Vatikan sind die Bürgermeister hier die Schlüsselfiguren, haben Einfluss sowohl auf Klimastrategien als auch auf die sozialen Strukturen. Nicht nur die Landbevölkerungen der dritten Welt, auch die Städte bekommen den Klimawandel immer deutlicher zu spüren, so in Form von schweren Unwetter oder extremer Hitze.  
   Gaebler: „Das ist natürlich für Städte ein besondere Problem, weil dann Wasserknappheit herrscht, weil in den Städten die Schattenspender geringer sind. Weil die Menschen dann darauf angewiesen sind, dass bestimmte Sachen bereitgestellt werden müssen. Das können wir uns in Industrieländern eher noch leisten mit viel finanziellem Aufwand. Die Entwicklungsländer haben es schwerer. Und die leiden natürlich noch mehr unter den Naturkatastrophen. Aber wie gesagt, in der ganzen Welt sind das Probleme, die wir gemeinsam anpacken müssen, denn nur global kann man dagegen angehen.“
   Nicht alle Städte, deren Bürgermeister im Vatikan zusammenkommen, sind in punkto Klima auf dem gleichen Stand. Vorreiter sind die Mitglieder des sogenannten C40-Netzwerks, dem einige Bürgermeister auf der Konferenz angehören. Das Netzwerk zählt insgesamt 70 Millionenstädte weltweit und entwickelt Anpassungsstrategien für den Klimaschutz. Die meisten der Städte sind aus den reicheren Industrieländern, etwa  Nordamerika, England oder Kanada. Auch Berlin gehört dazu. Die deutsche Hauptstadt plant, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu sein. Die Energieversorgung, Gebäude und der Verkehr sollen so angepasst werden, dass der CO2-Ausstoß in dieser Frist um bis zu 85 Prozent gesenkt wird. Bei der Konferenz will Berlin mit gutem Beispiel für die Schwellen- und Entwicklungsländer vorangehen, meint Christian Gaebler.   
   Gaebler: „Es gibt einen Austausch auf verschiedenen Ebenen und es gibt Lösungen, die auch anderswo anwendbar sind. Man muss sie den örtlichen Gegebenheiten anpassen. Das betrifft Verkehrsprobleme, aber auch das ganze Abfallthema. Da sind wir in den Industrieländern deutlich weiter, dass man Abfall zum Beispiel auch für Heizen nutzt und damit die Energieprobleme wieder reduziert. Da kann man den Schwellenländern sehr viel Beispiele geben und verhindern, dass sie die gleichen Fehler machen, wie sie an anderer Stelle schon einmal gemacht worden sind. Insofern ist das wirklich ein Lernen voneinander, eine Unterstützung, ohne dass da jetzt immer Geld fließen muss, aber mehr ein Know-How-Transfer und ein Best-Practice-Austausch.“
   Papst Franziskus wird zu den Bürgermeistern sprechen und dabei wahrscheinlich seinen Forderungen aus der Umwelt-Enzyklika "Laudato si"  Nachdruck verleihen. Am Ende sollen gleich zwei Erklärungen unterzeichnet werden. Die Hoffnung der Teilnehmer ist, dass sie über die Konferenz hinaus Gehör finden und nicht nur die Städte, sondern vor dem Weltklimagipfel in Paris ganze Nationen auf den Plan rufen.
    Gaebler: „Ich kann mich da nur Papst Franziskus anschließen, der sagt: Es ist höchste Zeit, es ist eigentlich schon fast zu spät, wir müssen jetzt agieren, und im Dezember müssen klare Ergebnisse auf den Tisch. Da kann man sich nicht rausreden und sagen „Wir gucken mal“. Es wird seit 10 Jahren diskutiert über konkrete Maßnahmen gegen den Klimawandel. In Paris muss jetzt tatsächlich ein Ergebnis erzielt werden, was dann dem Klimawandel auch wirksam entgegenwirkt.“ Rv150721cz

f-182-ZZ

Die Konferenz im Vatikan, Ansprache des Papstes

   Menschengemachte Klimaerwärmung ist eine wissenschaftliche Tatsache und ihre Kontrolle ist ein moralischer Imperativ für die Menschheit. Das erklären die im Vatikan zu einer Konferenz versammelten Bürgermeister und Lokalpolitiker, die zwei Tage lang Themen um die Fragen von Umwelt und sozialem Ausschluss besprochen hatten. Zum Abschluss unterzeichneten sie eine gemeinsame Erklärung, unter die auch Papst Franziskus am Dienstag seine Unterschrift gesetzt hatte. Neben dem Anerkennen der menschengemachten Ursachen spricht das Dokument von der Wichtigkeit der Städte bei der Lösung der Probleme.  
   Man habe auf Basis der Enzyklika Papst Franziskus’, "Laudato si"’, Fragen des Klimawandels und der sozialen Exklusion besprochen, heißt es in dem Text. Die überwältigenden wissenschaftlichen Beweise für die menschengemachten Ursachen des Klimawandels seien genauso bedacht worden wie Fragen von Biodiversität. Außerdem habe man über Gerechtigkeit und Wohlstand gesprochen. So sei es deutlich, dass obwohl sie kaum zur Verursachung von Klimawandel beitrügen, die Armen der Welt den Großteil der Folgen zu tragen hätten.
   Die Bürgermeister sprechen sich für erneuerbare Energien und die Verlagerung von Staatsausgaben weg von militärischen Zwecken hin zu nachhaltigen Investitionen aus. Der Klimagipfel in Paris zum Ende dieses Jahres sei vielleicht die letzte Möglichkeit, die Erderwärmung unter 2 Grad zu halten, während die augenblickliche Entwicklung eher 4 Grad und damit sehr viel Zerstörung erreichen werde.

f-189-Bürgermeister-LaudatoSi-ZxZ

Wir dokumentieren den vollständigen englischsprachigen Text der Erklärung:

       We the undersigned have assembled at the Pontifical Academies of Sciences and Social Sciences to address two inter-connected dramatic emergencies: human-induced climate change, and social exdusion in the extreme forms of radical poverty, modern slavery and human trafficking, We join together from many cultures and walks of life, reflecting humanity's shared yearning for prosperity, justice and environmental sustainability peace, happiness.
       On the basis of the encyclical Laudato si', we have considered the over-whelming scientific evidence regarding human-induced climate change, the loss of biodiversity, and the vulnerability of the poor to economic, social and environmental disasters.
       In the face of the emergencies attributable to human-induced climate change, social exclusion, and extreme poverty, we join together to declare the following:
    Human-induced climate change is a scientific reality, and its effective control is a moral imperative for humanity.  
       In this core moral space, cities play a very vital role. All of our cultural traditions uphold the inherent dignity and social responsibility of every individual and the related common good of all humanity. They affirm the beauty, wonder and inherent goodness of the natural world, and appreciate that it is a precious gift entrusted to our common care, making it our moral duty to steward rather than ravage the garden that is our "common home".  
       In spite of having a minimal role in the disruption of the climate, the poor and excluded face dire threats from human-induced climate change, including the increased frequency of droughts, extreme storms, heat waves, and rising sea levels. Today humanity has the technological instruments, the financial resources and the know-how to reverse climate change while also ending extreme poverty, through the application of sustainable development solutions, including the adoption of low-carbon energy systems supported by information and communications technologies.
      The financing of sustainable development, including the effective control of human-induced climate change, should be bolstered through new incentives for the transition towards low-carbon and renewable energy, and through the relentless pursuit of peace, which also will enable a shift of public financing from military spending to urgent investments for sustainable development.
       The world should take note that the climate summit in Paris later this year (COP21) may be the last effective opportunity to negotiate arrangements that keep human-induced warming below 2°C, and aim to stay well below 2°C for safety, yet the current trajectory may well reach a devastating 4°C or higher. Political leaders of all UN member States have a special responsibility to agree at COP21 to a bold climate agreement that confines global warming to a limit safe for humanity, while protecting the poor and the vulnerable from ongoing climate change that gravely endangers their lives. The high-income countries should help to finance the costs of climate-change mitigation in low-income countries as the high-income countries have promised to do.
       Climate-change mitigation will require a rapid transformation to a world powered by renewable and other low-carbon energy and the sustainable management of ecosystems. These transformations should be carried out in the context of globally agreed Sustainable Development Goals, consistent with ending extreme poverty; ensuring universal access to healthcare, quality education, safe water, and sustainable energy; and cooperating to end human trafficking and all forms of modern slavery   As mayors we commit ourselves to building, in our cities and urban settlements, the resilience of the poor and those in vulnerable situations and reducing their exposure to climate-related extreme events and other economic, social and environmental shocks and disasters, which foster human trafficking and dangerous forced migration.
       At the same time, we commit ourselves to ending abuse, exploitation, trafficking and all forms of modern slavery, which are crimes against humanity, including forced labor and prostitution, organ trafficking, and domestic servitude; and to developing national resettle ment and reintegration programs that avoid the involuntary repatriation of trafficked persons (cf. PASS's revision of UN Sustainable Development Goals, n.16. 2
       We want our cities and urban settlements to become ever more socially inclusive, safe, resilient and sustainable (cf. UN Sustainable Development Goals, n. 11). All sectors and stakeholders must do their part, a pledge that we fully commit ourselves to in our capacities as mayors and individuals.  Rv150722ord

po-PrDrUdoErnstSimonis.zx arte-Schmetterling-xz

Was Umweltschutz mit Kultur zu tun hat - Foto: Prof. Dr. Udo Ernst Simonis - rechts: Schmetterling aus Asien

   Der emeritierte Professor für Ökonomie an der Technischen Universität Berlin, Jahrgang 1937 war von 1967 bis 1969 in der sambischen Hauptstadt Lusaka persönlicher Berater des Präsidenten Kenneth Kaunda und erarbeitete dort moderne Projekte zur afrikanischen Landesentwicklung. 1970 erhielt er als einer von zwölf Wissenschaftlern weltweit ein Stipendium der Japanischen Gesellschaft für die Förderung der Wissenschaften, was ihm eine wissenschaftliche Entwicklungsländerforschung in Tokio ermöglichte. 1988  wurde er zum Forschungsprofessor für Umweltpolitik ernannt. Vier Jahre lang war er Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung. Er ist Vorsitzender des Kuratoriums der Deutschen Umweltstiftung. Professor Dr. Udo Ernst Simonis ist Umweltforscher, UN-Berater und Mitherausgeber des renommierten „Jahrbuches Ökologie“. Und er ist, das darf ja auch gesagt werden, Ehemann der langjährigen und erfolgreichen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis. 
RV: Was hat Umweltschutz mit Kultur zu tun? Diese Frage steht am Anfang unseres Gesprächs, für das wir Ihnen sehr herzlich danken, Herr Professor Simonis.
   „Ja, ich würde sagen, wenn wir die Umwelt als natur belassen ansehen würden und den Menschen wegdenken würden von dieser Erde, dann wäre die Frage ganz einfach, dann könnte man sagen: da gab es ja auch noch nicht Kultur Aber Kultur ist ein Menschen gemachter Begriff, ein Konzept einer Idee, die die Natur in vielfältiger Weise beeinflusst. Es kann günstige Effekte haben, aber leider auch sehr zerstörerische Effekte.”
RV: Als hätten wir es gewusst, haben wir Sie – noch im Vorfeld der weltweit mit Spannung erwarteten Enzyklika „Laudato Si” von Papst Franziskus auf unsere Liste „Menschen in der Zeit” aufnehmen können. Ihre erste Bilanz dazu?
   „Es ist eine ganz hervorragende Idee entstanden, wofür ich der katholischen Kirche und dem Papst auch persönlich in ganz großer Weise verbunden bin. Als Wissenschaftler hat man über viele, viele Jahre zentrale Probleme der Umwelt und der Umweltzerstörung bearbeitet. Man weiß aber auch, seit vielen Jahren, wie ohnmächtig man gelegentlich  ist, mit dem was Wissenschaft an Erkenntnissen gefördert hat. Und so bin ich außerordentlich dankbar, dass der Vatikan und der Papst in hervorragender Weise die Komplexität dieses Themas aufgegriffen hat und uns allen bewusst gemacht hat, dass es großer Initiativen bedarf, damit wissenschaftliche Erkenntnis auch in der Praxis ihre Anwendung finden. Und da ist – glaube ich – die ganz zentrale Funktion der Enzyklika zu sehen.”
RV: Alle Päpste der Neuzeit haben sich mehr oder weniger zum Klimaschutz geäußert. Von Paul VI. über Johannes Paul II. und Papst Benedikt emeritus bis jetzt eben Papst Franziskus, der diesem Thema – erstmals in der Kirchengeschichte – sogar eine Lehrschreiben gewidmet hat. Enzykliken gehören zu den „highlights” eines jeden Pontifikats. Man sagt, Franziskus hätte diese Botschaft wohl mit Absicht in die Diskussion vor der Weltklimakonferenz  im kommenden Dezember in Paris eingebracht.
  Stichwort Klimagipfel im Dezember in Paris: Was wird es dort Neues geben? Wird China positive Zeichen setzen? China ist mit den USA der größte Umweltsünder im Blick auf die Welterwärmung. Was erwarten Sie sich von Paris? Wird es einen Neuanfang geben?
   „Zunächst würde ich sagen in der Wissenschaftlersprache: da ist der Begriff des „timing”, ob etwas gut „getimt” ist, von zentraler Bedeutung geworden. Aber: die Enzyklika ist zugleich mehr, sie ist ja auch ein Rückblick auf all das, was es gegeben hat an Initiativen. Also ist es auch eine sehr gut  gewählte zeitliche Positionierung in Bezug auf das, was seit der großen Umweltkonferenz 1992 in Rio de Janeiro diskutiert worden ist auf dieser Welt. Und insofern ist Doppelgesichtigkeit sowohl historischer Rückblick als auch Vorausschau sehr gut gelungen.. Nun meine Hoffnung auf Paris ist – wie Sie sich vorstellen können – begrenzt. Man hat zu viel Desaster erlebt in den letzten 10 – 20 Jahren. Aber die Hoffnung stirbt ja nie, wie wir alle wissen, sie darf auch nicht sterben und die Vorausbedingungen sind eigentlich ganz günstig: die Wissenschaft hat geliefert, was von ihr erwartet wurde. Es sind viele, viele Ideen entstanden,  wir hätten jetzt Lösungen anzubieten, die aber von der Politik aufgegriffen werden müssen. Das ist der entscheidende Effekt, der jetzt eintreten muss, wofür die  Enzyklika sehr, sehr wichtig werden könnte.RV: Erderwärmung: ein bedrohendes Wort. Es geht, sagt man. um die Zukunft des Planeten Erde. Es geht um das Schicksal der Menschheit. Bisher sind – meines Wissens – alle Klimagipfel ohne Protokolle zu Ende gegangen. Herr Professor Simonis: Wie weit sind wir von einer globalen Vision und deren Verwirklichung entfernt? Oder ist es schon zu spät?
   „Seit es die permanenten und verlässlichen Messungen über die Temperatur auf der Erde gibt, seit etwa 1880,  ist die Erdtemperatur etwa um o.8 Grad Celsius gestiegen. Die Erwartungen, die die Wissenschaftler haben, ist, dass es mindestens 2 Grad Celsius mehr in diesem Jahrhundert werden auf Grund dessen, was sozusagen vom Menschen aktiviert wird. Jeden Tag. Es könnten aber auch mehr als zwei Grad Celsius sein und das ist schon die historisch maximale Temperatur. Das wären also gefährliche Dimensionen, in die wir da hineingeraten würden. Deshalb muss in Paris etwas geschehen, alle wissen das, aber man hat eigentlich schon den Kompromiss vorweg gemacht, man hat sich auf diese plus 2 Grad  Celsius-Welt schon eingestellt. Wenn das erreicht werden soll, dann muss über dieses Ziel Übereinstimmung erzielt werden, und es müssen die Maßnahmen ergriffen werden, die man dazu braucht. Das ist eine vielfältige Aufgabe, zu der gibt es aber sehr, sehr gute Vorschläge und gute Ideen. Man muss sie allerdings in die Praxis umsetzen.
RV: In letzter Zeit ist viel von der „Energiewende” die Rede. Studien haben gezeigt, dass in Europa eine radikale Energiewende in relativ kurzer Zeit technisch möglich wäre. Sie haben allerdings auch gezeigt, dass dazu nicht nur erhebliche, finanzielle Investitionen, sondern ebenso ein radikaler Bewusstseinswechsel und Politikwechsel die Voraussetzungen wären. Wie weit sind wir von diesem Wandel – vom Ausstieg des Atomzeitalters bzw. dem Einstieg in das Solarzeitalter heute entfernt?
   „Ich denke, wir sind ziemlich weit gekommen, in dem Bewusstsein, dass etwas geschehen muss. Aber die Interessen, die dem entgegen stehen, sind ebenfalls gewaltig. Nicht alle sind der Meinung, dass das notwendig ist. Das ist eine Bewusstseinsfrage. Nicht alle sind der Meinung, dass es sein sollte, dass ist eine Interessenfrage. Und an diesen Interessen, den wirtschaftlichen Interessen, könnte die Idee der Energiewende auch noch scheitern. Selbst in Deutschland, das glaubt Vorreiter zu sein, ist die Diskussion heftig im Gange, aber es gibt viele sehr positive Zeichen, insbesondere bei der lokalen Bevölkerung. Gelegentlich ist die Bevölkerung fortgeschrittener als die Regierung. Und das kann eine positive Wendung für die Idee der Energiewende auf der Erde insgesamt werden. Wenn also Europa nicht allzu sehr versagt, um es mal negativ anzupacken, wenn wir nicht allzu schlecht sind in Europa, dann kann das ein wichtiges Vorbild für Welt als Ganzes werden. Es ist technisch möglich, es bedarf aber dazu vieler bewusstseinsverändernder Ideen, die für die Welt als Ganzes konzipiert sein müssen und das ist auch etwas, um das es auf dieser Konferenz in Paris gehen muss.
RV: Man kann ein Gespräch mit Professor Simonis nicht abschließen, ohne auch das Problem der stark steigenden Bevölkerungszahl auf Erden anzusprechen. Herr Simonis, wir sind zur Zeit sieben Milliarden Menschen auf  der Welt. Nach dem Gesetz der Multiplikation werden es bald doppelt so viel sein. Homo sapiens – quo vadis
   „Ich bin kein Bevölkerungswissenschaftler, ich bin ein Wissenschaftler, der sich für Ökologie als funktionierendes natürliches System  befasst. Ich würde sagen, die Bevölkerung als solche, die Bevölkerungszahl ist – so denke ich – nicht das zentrale Problem. Die Armen auf dieser Welt sind nicht die ökologische Katastrophe, sondern von den vielen, vielen Reichen, die ihren Reichtum nicht sinnvoll verwenden, geht die große Gefahr aus. Andererseits kann man natürlich auch daran denken, ob diese Prognosen sich nicht doch auch über längere Zeit gedacht, auch widersprechen werden. Also, wir haben von den Vereinten Nationen immer eine Bandbreite an Möglichkeiten, die im Bezug die Gesamtzahl der Erdbevölkerung ausgehen. Und es kann sein, dass dieses generative Verhalten sich so verändert, dass man nicht in diese dramatische Kategorie hineinkommt, die Sie eben erwähnt haben.”
RV: Gott hat uns den Auftrag zur Pflege seiner Schöpfung übertragen. Werden wir imstande sein, dieses schöne, wenn auch schwere Pflichterbe unseren kommenden Generationen weiter zu geben   „Das ist die große Frage, auf die ich letztlich auch keine Antwort weiß. Was ich aber weiß, ist, dass sehr, sehr viele Leute in dieser Richtung zu denken begonnen haben. Die Umweltbewegung ist nicht mehr auf eine Minderheit in der Bevölkerung reduziert, sondern sie ist weltweit vorangekommen und in Fortschritt begriffen. Diese Einsicht, dass in diesem Sinne über die Zukunft sorgfältig nachgedacht werden muss, dass wir eine Verpflichtung nicht nur gegenüber den jetzt existierenden Menschen haben, sondern auch über die, die nach uns kommen, dieses Bewusstsein ist vorhanden, es muss aber weiter und immer wieder und jeden Tag neu bestätigt und bestärkt werden.” rv150809ap 

f-183-Zz-JerryBrown-ZZ-GouvCalifornia

USA: Gouverneur von Kalifornien Jerry Brown wünscht Laudato si viele Leser

   Das Globalthema Umwelt, verhandelt im kleinsten Staat der Welt: Im Vatikan tagten mehrere Dutzend Bürgermeister großer Städte aus allen Erdteilen. Nie zuvor hatte es im Vatikan eine Versammlung von Bürgermeistern gegeben. Am Dienstagabend will Papst Franziskus sie in Audienz empfangen. Einer der Konferenzteilnehmer mit der weitesten Anreise ist der Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown. Der Demokrat durchläuft derzeit seine vierte Amtszeit. Er gilt als Pionier im Kampf gegen Klimawandel; wir sprachen mit ihm.
   Als auch innenpolitisches Statement ist wohl Jerry Browns Lob für "Laudato si"’zu lesen. Die jüngst veröffentlichte Umweltenzyklika von Papst Franziskus hatte teils scharfe Kritik von republikanischen Kreisen erfahren. Es sei „nicht hinnehmbar, dass Hunderte Millionen Menschen unter den Folgen des Klimawandels litten“; die Enzyklika stelle einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsbildung dar, so der Gouverneur. „Es ist das erste Mal, dass die Verbindung und wechselseitige Abhängigkeit zwischen Menschen, anderen Arten von Lebewesen und der Natur in dieser Weise herausgestellt wird“; kein anderes Dokument der Kirchengeschichte habe diesen Zusammenhang in dieser Weise dargestellt. Das sei ein „Durchbruch“, kommentierte Brown. Er hoffe, das Papstschreiben werde weit rezipiert.
   Im Herzen des markwirtschaftlichen Systems stehe heute „nicht nur die Herstellung von Gütern, sondern auch die Herstellung von Wünschen“. In 130 Jahren habe man es von null auf eine Milliarde Autos gebracht. „Aber unsere materialistische und individualistische Selbstbezogenheit wird auf einer nationalen Ebene umweltschädigend.“ Brown zählt auf: In den USA produziere heute jeder Einwohner 20 Tonnen Treibhausgase. In Indien seien es zwei Tonnen, in China neun. Die erforderliche Energie-Revolution „ist eine bittere Pille“, räumte der Gouverneur von Kalifornien ein. Einige „Markt-Fundamentalisten“ sähen in Papst Franziskus und „in jedem, der im aktuellen US- amerikanischen System Fehler ortet, als Angreifer auf das, was als amerikanische Modernität empfunden wird“.
   Auch das reiche Kalifornien hat heute mit einer Reihe von Umweltproblemen zu kämpfen. Die Folgen der Luftverschmutzung konnte seit der Ära von Browns Vorgänger Ronald Reagan bewältigt werden, erklärte der amtierende Gouverneur; heute beziehe Kalifornien ein Viertel seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. Brown möchte darüber hinaus eine Halbierung des Benzinverbrauchs in den nächsten 15 Jahren erreichen und sieht sich eigenen Angaben zufolge deshalb scharfer Kritik der Ölkonzerne ausgeliefert.
   Papst Franziskus besucht im kommenden September die USA. Beobachter erwarten dabei auch eine Reaktion auf die teils massiven Wortmeldungen zu "Laudato si". rv 150721gs

f-186-ZxZ

Der Papst und die Städte: Allianz und Pastoral - Foto: Papst Franziskus und Kardinal Sistach rechts

   Städte rücken im Pontifikat von Papst Franziskus immer mehr ins Zentrum. Gerade erst ist im Vatikan eine Konferenz von Bürgermeistern zu Ende gegangen, die sich zu den Themen Nachhaltigkeit, Umwelt und Kampf gegen den Menschenhandel ausgetauscht hatten. Und mit dem Überreichen eines Tagungsbandes zur „Pastoral in den großen Städten“ durch Kardinal Lluís Martínez Sistach, dem Erzbischof von Barcelona, an den Papst ist auch die kirchliche Dimension noch einmal deutlich geworden.
   Entstanden ist die Idee zu einer kirchlichen Tagung kurz vor der Wahl von Papst Franziskus. Die Kardinäle Lluís Martínez Sistach und Jorge Mario Bergoglio saßen zusammen und sprachen darüber, was man in der Pastoral der großen Städte anders machen müsse und welche Schritte helfen würden. Daraus wurde dann eine Tagung im vergangenen November im Vatikan. Aber auch im päpstlichen Schreiben Evangelii Gaudium nehmen Städte eine prominente Rolle ein; hier zeigten sich besonders die Herausforderungen von Peripherie, Armut, Ausschluss und die Notwendigkeit der Kirche, Antworten zu geben. Eine evangelisierende Pastoral muss dynamisch und wagemutig sein, hatte Papst Franziskus bei der Tagung verdeutlicht. Der Dialog mit der Multi-Kulturalität ohne Relativismus und ohne die eigene christliche Identität aufzugeben seien wichtige Aufgaben für die Kirche. Die Städte repräsentieren immerhin 100 Millionen Katholiken auf der ganzen Welt.
   Aber auch der Kongress der Bürgermeister zeigt eine Dimension des Engagements des Papstes auf diesem Gebiet. Die Teilnehmer haben sich zu einer „Allianz“ verabredet, um gemeinsam die so genannten „Sustainable Development Goals“, die von der UNO beratenen nachhaltigen Entwicklungsziele, umzusetzen. Der Papst hatte die Bürgermeister aufgerufen, voran zu gehen um die gegenwärtigen Krisen zu lösen. Auf diesen Aufruf gehen sie ein und sie versprechen, sich um „nachhaltige Städte“ zu kümmern.
   Diese Allianz [Urban SDG Alliance genannt] wird formell am 24. September 2015 in New York gegründet, genau einen Tag bevor Papst Franziskus vor der UNO zu Nachhaltigen Entwicklungszielen sprechen wird. Rv150724ord

bu-Laudato-Si-Sonnengesang-II-Zz      Laudato Si', Folge 2: Der Sonnengesang

Das erste Stück italienischer Literaturegschichte: der Sonnengesang des Heiligen Franz von Assisi

   Laudato Si´: Der Name ist Programm. Die Enzyklika von Papst Franziskus dreht sich um den Sonnengesang – das erste poetische Werk italiensicher Literaturgeschichte. Ein Stück, das auf den schaut, dessen Namen der Papst angenommen hat: Der heilige Franz von Assisi. Er gilt nicht nur im Christentum als Vorbild in Sachen Ökologie und Umweltschutz. Im Mittelpunkt seiner Ökologie steht der Sonnengesang: Laudato Si´, genauso wie die Enzyklika von Papst Franziskus. Bruder Niklaus Kuster lebt in der Nachfolge des Heiligen Franziskus: Für den Kapuzinermönch ist der Gesang noch heute aktuell – und das nicht nur, weil die Enzyklika ihren Namen trägt. Marion Sendker von Radio Vatikan hat mit ihm gesprochen.
Der Sonnengesang handelt von der frohen Sorgfalt um das gemeinsame Lebenshaus. Es ist ein Stück mittelalterlicher Poesie und deckt sich mit Aussagen moderner Bibelwissenschaft und zeitgenössischen ökologischen Programmen. Pater Niklaus findet es bemerkenswert, dass Laudato Si´- nach der Enzyklika "Brennender Sorge" aus den 30-er Jahren – nicht in Latein, sondern in einer modernen Sprache – also ursprünglich in Spanisch – verfasst wurde und dass auch der Titel nicht – wie sonst üblich – Lateinisch ist, sondern Italienisch
   „(Lacht.) Wenn Sie mich als Franziskaner fragen, muss ich sagen: Ich finde den Titel absolut genial. Wenn ich als Franziskaner 'Laudato Si´' höre, dann erwacht natürlich automatisch der Sonnengesang in mir; ein Lied. Und Franziskus von Assisi der sagt ja: 'Laudato si, o signore con tutte le tue creature. Sei gepriesen mein Gott, mit all Deinen Geschöpfen.' Und dieses ,mit allen´ das klingt natürlich mit, wenn ich den Titel lese. Für mich gibt es keinen schöneren Titel als diese mittelalterliche Poesie, die ja heute hundertfach vertont wird, gesungen wird.“
Laudato Si´ sei ein Titel, der in die heutige Zeit spreche. Es gibt unzählige Versionen des Liedes, es wird getanzt, gemalt und in Theaterstücken dargestellt. Der Sonnengesang faszinierte nicht nur damals die Anhänger des Heiligen Franziskus, sondern begeistert auch heute moderne Menschen – ungeachtet ihrer Nation oder Religion. Die Wurzeln und Kernaussagen seien hingegen zutiefst christlich, so Bruder Niklaus:
   „Wenn man den Sonnengesang näher anschaut, dann sieht man dass er ein zutiefst christliches Bekenntnis ist. Dass sich unter anderem darin zeigt, dass er 33 Verse hat und 33 Verse, die sagen: Diese Welt in der wir leben ist das zu Hause Gottes. Gott selber hat in dieser Welt gelebt mit Leib und Seele. Christus hat 33 Jahre in dieser Welt gelebt.“
Trotzdem richte sich der Gesang längst nicht nur an Christen, so Bruder Niklaus. Genauso wie Papst Franziskus seine Enzyklika allen Menschen widmet, trage auch der Sonnengesang eine Botschaft für alle:
   „Also auch Franz von Assisi wendet sich an alle Menschen im Bewusstsein, wir sind alle miteinander verwandt, wir sind alle Geschwister. Und sein Sonnengesang erweitert das Jesusbekenntnis und sagt nicht nur, wir Menschen sind alle Geschwister, sondern auch die Tiere, die Pflanzen, alles Geschaffene hat denselben Schöpfer, wir teilen denselben Atem, wir haben dieselbe Lebensquelle.“
Im Sinne dieser Geschwisterlichkeit mit allem was lebt, ist Laudato Si´- und zwar sowohl der Sonnengesang als auch die gleichnamige Enzyklika – ein Appell für globalen Umweltschutz. Jeder sei gefragt:
   „Die Kernbotschaft des Sonnengesangs liegt darin, das für den Umweltschutz Gesetze zwar sehr wichtig sind, aber die reichen nicht. Die besten Umwelt- Klimagipfel und so, die werden unsere Probleme nicht lösen. Es geht letztlich darum, eine neue Beziehung aufzubauen,  in einer neuen Beziehung zu stehen zu dieser geschaffenen Welt. Das ist eine Herzensangelegenheit, das hat der Papst ja auch sehr schön gesagt. Es geht da nicht nur um wissenschaftliche Erkenntnisse, es geht nicht nur um gesetzgebende Rahmen, Bedingungen für ein ökologisches Verhalten.“
Vielmehr gehe es um die Verantwortung des Menschen für das Zusammenspiel der Geschöpfe. Diese Verantwortung wird im Sonnengesang kunstvoll begründet mit der Beziehung zwischen Himmel und Erde. Zu Beginn nennt das Lied drei Geschöpfe am Himmel: Sonne, Mond und Sterne. Dann besingt es die vier Urelemente der Erde: Wasser, Feuer, Luft und Erde. „Das ist kein Zufall“, sagt Bruder Niklaus:
   „Drei ist die Symbolzahl Gottes und vier ist die Symbolzahl des Irdischen. Und drei plus vier macht sieben. Damit sagt Franziskus: ‚Man kann den Himmel nicht gewinnen, wenn man die Erde geringschätzt. Ich kann die Seele nicht freimachen, wenn ich den Leib nicht achte.‘ Also sieben ist die Symbolzahl des Heiligen und wenn Franziskus drei Geschöpfe am Himmel und vier Urelemente der Erde besingt, dann sagt er: Die geschaffene Welt besteht aus Erde und Himmel, das ist eine untrennbare Einheit.
Der Sonnengesang hat das Große, Ganze im Blick. Und nur mit dieser ganzheitlichen Einstellung, kann man das Lied verstehen. Diesen Gedanken gibt auch die Enzyklika wieder:
   „Jedes Lebewesen erzählt vom Schöpfer und jedes Lebewesen ist Teil dieses großen Lobliedes auf den Schöpfer. Der Mensch singt eine Stimme in diesem großen Loblied und die Hoffnung der Enzyklika ist ja auch, dass wir neu staunen lernen über die Schönheit über die Weisheit in der Schöpfung, über die Verwandtschaft in der Schöpfung und dass wir uns neu einüben in dieses gemeinsame Schöpfungslob, das Lob des Schöpfers.“
Der Sonnengesang ist ein Plädoyer für einen liebevollen Umgang mit jedem Leben. Das heißt in der Konsequenz aber nicht, dass wir Menschen jetzt zum Veganer mutieren müssen, stellt Bruder Niklaus fest:
   "Franz von Assisi war kein Vegetarier. Er hat auch Fleisch gegessen, wenn er irgendwo zu Gast war und ihm Fleisch angeboten wurde. Also der Maßstab ist das Evangelium und im Evangelium heißt es: Esst, was die Menschen Euch anbieten. Ich selber kenne Bauern, oder Bäuerinnen, die sehr viel Liebe zeigen zu ihren Tieren und diese Tiere trotzdem schlachten. Ich denke Liebe zu jedem Wesen verbietet nicht auch die Sterblichkeit zu gestalten."
Das ist die zweite Botschaft des Sonnengesangs: Denn auch „Schwester Tod“ kommt im Lied vor. Sie verkörpert mehr als nur das Sterben von allem, was auf der Erde lebt und die Vergänglichkeit der Welt.
   „Es gibt eine Schöpfung hinter dieser Schöpfung, es gibt eine neue Schöpfung, es gibt eine ewige Welt und wir sind in dieser geschaffenen Welt pilgernd unterwegs, es ist nicht unser definitives zu Hause für alle Ewigkeit und wir sind unterwegs zu einem Ziel, das jenseits dieser Schöpfung liegt.“
Auch diesen Teil des Sonnengesangs greift Papst Franziskus in seiner Enzyklika auf: Im Schlussteil betont er, dass es noch eine Sonne über der Sonne gebe, die wir sehen. Damit meint er Gottes Welt, die umfassender ist als das, was wir auf Erden erforschen können.  rv 08.08.2015 ms
 

f-200-Zzx

Laudato Si`, Folge 3: Was ist das, der Klimawandel?
Prof. Schellnhuber im Mai bei der Vorstellung der Enzyklika

   Eiszeiten, Dürreperioden, extreme Hitze. Das Klima auf unserem Planeten verändert sich seit Milliarden von Jahren. Dieser Wandel hat auch natürliche Gründe. Der Klimawandel der letzten 100 Jahre aber ist hauptsächlich auf den Menschen zurückzuführen, so sieht es die Papstenzyklika, so sieht es auch die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler.
   Mit Treibhausgasen wie Kohlenstoffdioxid, Methan oder bestimmten Kohlenwasserstoffen erhitzen wir die Atmosphäre. Die Wissenschaft versucht die Mechanismen des Klimawandels genauer zu verstehen und herauszufinden, welche Folgen auf uns zukommen und wie wir denen begegnen können. Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), zeichnet ein Szenario:  „Bei ungebremstem Klimawandel, also der Verstärkung der Trends die wir durch unsere Zivilisation hervorbringen, würde die Welt, in der wir uns am Ende dieses Jahrhunderts befinden und erst recht darüber hinaus, kaum noch derjenigen ähneln, die die menschliche Zivilisation hervorgebracht hat in den letzten elftausend Jahren, die ja eine bemerkenswerte Klimastabilität hervor weisen konnte.  Also wir würden die Welt mit der wir vertraut sind, verlassen. Und das ist keine gute Idee.“
   Der physikalische Vorgang der Erderwärmung ist schon vor hunderten von Jahren beschrieben worden, 1896, vom dänischen Chemiker und Physiker, Sant Aurinus, der später den Nobelpreis gewann. Schellnhuber erklärt das so: Licht fällt auf die Erde und die Atmosphäre lässt das kurzwellige Licht, also das Licht, das wir sehen können, weitgehend ungehindert passieren. Wenn die Sonne auf einen warmen Platz wie etwa Steine falle, dann entstehe Wärmestrahlung. Die verlasse dann wieder den Boden. Aber das Kohlendioxid in der Luft lasse dieses langwellige Licht, die Infrarotstrahlung, nicht mehr heraus.  Sie werde zurückreflektiert und quasi eingesperrt in der Atmosphäre. Um den Treibhauseffekt zu erklären, hat sich Professor Schellnhuber zwei Vergleiche ausgedacht:
   „Eine Reihe von hungrigen Menschen zwängt sich durch die Gitterstäbe, die zu einer Speisekammer führen. Da sie relativ dünn sind, kommen sie durch, wenn sie sich dann aber vollgefressen haben in der Speisekammer, dann kommen sie nicht mehr heraus, sie sind zu dick geworden. Und so ist es mit dem Licht: Es wird sozusagen länger und dicker und je mehr CO2 wir in die Atmosphäre bringen – und wir haben als Menschen die atmosphärische Konzentration um über 40 Prozent erhöht – desto weniger Wärmestrahlung kann noch zurück. Das ist, wie wenn Sie eine warme Decke über Ihren Körper streifen, dann wird Ihre eigene Wärmestrahlung zurückreflektiert und es wird immer heißer.“
   Professor Schellnhuber, Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, ist überzeugt, dass sich die Zukunft der Welt in den Jahren zwischen 2020 und 2030 entscheidet. Bis dahin habe die Menschheit Zeit, diese Kipprozesse noch zu verhindern, ab 2030 sei eine Verhinderung nicht mehr möglich. Die Eisberge und Gletscher könnten wir vielleicht noch retten, die Korallenriffe wohl nicht mehr; wenn der Mensch Treibhausgase auf der ganzen Welt bis Ende 2030 um rund die Hälfte reduziert würden, schafften wir es, sagt Schellnhuber. Wie das gehen soll? Das globale Energiesystem müsse komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden.
   „Das ist eine industrielle Revolution, aber solche haben ja schon stattgefunden. Insofern sehe ich das nach langem, langem Nachdenken über diese Dinge und unzähligen Studien, die ich gelesen habe oder selbstangefertigt habe, als machbar an. Also, was man lernt ist, dass nicht nur natürliche Systeme der Erde wie Eisschilder und große Regenwälder kippen können, sondern dass auch kulturelle Prozesse kippen können und zwar ins positiv. Das heißt ich glaube, es gibt sehr gute Alternativen zur fossilen Wirtschaft und ich glaube, dass wir nur noch um eine Armlänge entfernt sind von der Alternative dazu.“ Rv150810cz

                                                                                                 > zurück zum Anfang der Enzyklika > Laudato Si

wir freuen uns über Ihren Besuch.  kbwn

                  kbwn:Laudato Si - II

[kbwn] [Blindenwerk] [Reisen Fahrten] [Hörbücher] [Heilung] [HiTech] [Kirche] [Vatikan] [Papst Franziskus] [Kardinäle] [Evangelii Gaudium I] [Laudato Si] [Heiliges Jahr der Barmherzigkeit] [Jahr des Glaubens] [Card. Ratzinger] [Deus Caritas] [Caritas in veritate] [Spe Salvi] [Glaube & Leben] [weltweite Kirche] [Himmel & Erde] [Dialog der Religionen] [Recht] [Alterssicherung]