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Muslime & Christen

direkt zu unserer Sonderseite historische Forschung über die > Kreuzzüge 

Sie lesen auf dieser Seite:
1. Der heilige Franziskus und die Muslime - Armut - Frieden - Almosen
2.  Allah unser - ein neues Buch: Es geht um Respekt, Frieden, Toleranz
3. Franz Magnis-Suseno SJ: Interview über Mission, Christentum und Islam in Indonesien
4. Benedikt XVI. und der Großmufti in der Blauen Moschee
5. Interview mit dem schiitischen Ayatolla Muhammad Ali Taskhiri
6. Henri Boulad SJ, Leiter des Jesuiten-Kollegs in Kairo: “Papstvorlesung in Regensburg ist ein Glücksfall”
7. Henri Boulad: Der Islam zwischen Fundamentalismus, Mystik und Moderne
8. Henri Boulad SJ: Europa - antichristlich?
9. Jordanien: Geschichte und Gegenwart der christlichen Präsenz
10. Bischof Salim Sayegh: Katholische Schulenim lateinischen Patriarchat von Jerusalem
11.  Das Leben der Christen jenseits des Jordans

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Der heilige Franziskus und die Muslime - Armut, Frieden, Almosen
Foto links: Der heilige Franziskus im Dialog mit Sultan al Malik al Kamil 1219
Foto rechts: Kaiser Friedrich II. trifft Sultan al Malik al Kamil 1229

   Die oberste Lehrautorität des sunnitischen Islams, die Al-Azhar-Moschee und Universität zu Kairo, hat dem neuen Papst Franziskus („und allen Katholiken der Welt") mit freundlichen Worten zu seiner Wahl gratuliert. Vor knapp zwei Jahren hatte sie noch eine Teilnahme am Religionsdialog in Assisi demonstrativ abgesagt. Nun wollte es der Zufall, dass sich Ägypten nur wenige Tage bevor in Rom das Konklave zusammentrat, in der Person von Schauqi Ibrahim Abdal Karim einen neuen obersten Mufti gegeben hat - einen Mann, der nicht besonders bekannt ist, aber als moderat gilt. Auch dies gibt Hoffnung auf eine Verbesserung der Beziehungen zwischen der al Azhar und dem Vatikan, deren Dialog 1965 unter Mitwirkung von Kardinal Franz König aus Wien eingeleitet worden war.
   Die Worte der ehrwürdigen, über tausend Jahre alten al Azhar, die nach der Eroberung Ägyptens durch die Fati- miden im Jahre 969 gegründet wurde, erhalten besonderes Gewicht durch den Namen, den sich der neue Papst gegeben hat. Denn der Islam hat durchaus eine - wenn auch kurze - gemeinsame Geschichte mit dem heiligen Franziskus, wie umgekehrt der „poverello" mit dem Islam.
   Die Vorstellung, Christen und Muslime hätten während des Mittelalters dauernd im Streit gelegen und nur Krieg gegeneinander geführt, ist einseitig. Neben den Kämpfen und Metzeleien der insgesamt sieben Kreuzzüge im Nahen Osten und in Nordafrika, die zweihundert Jahre dauerten, neben den Kriegen der Reconquista in Spanien zwischen den Christen und den „Mauren" gab es sogar hier und da Versuche, miteinander ins Gespräch zu kom- men; sie scheiterten zwar, haben jedoch im kulturellen Gedächtnis von Christen wie Muslimen ihre Spuren hinter- lassen. So ist Franz von Assisi eine Gestalt, die auch bei Muslimen Respekt genießt. Und es ist nicht unmöglich, dass Staufer-Kaiser Friedrich II. - ein Freund der Muslime und Araber, der sich in Palermo an seinem Hof mit mus- limischen Gelehrten umgab und mit Philosophen wie Ibn Sabin aus Murcia sogar über metaphysische, religiöse Fragen korrespondierte - durch das Handeln des heiligen Franziskus in dem Vorhaben noch bestärkt wurde, „seinen" Kreuzzug auf friedliche Weise vonstattengehen zu lassen.
   Während des fünften Kreuzzuges, im Jahre 1219, hielt sich Franz von Assisi auf Pilgerfahrt in Ägypten auf. Mit Predigten wollte er die Muslime zur Lehre des Evangeliums bekehren - erfolglos. Doch ging es ihm auch um den Frieden, er wollte sich mit den Muslimen intellektuell messen, nicht mit der Waffe. Bemerkenswert daran ist, dass der Sultan al Malik al Kamil dies zuließ, er ließ Franziskus ungehindert predigen. Als die Kreuzfahrer die Stadt Damiette im Nildelta belagerten und eroberten, wurde Franziskus durch das brutale Blutvergießen so sehr er- schüttert, dass er die Ritter in ungewohnt scharfer Weise kritisierte: „Brüder, besinnt euch, nicht die Muslime ver- sperren euren Weg, sondern euer eigener Teufel, euer Hass und eure Habsucht", soll er ausgerufen haben, wie Thomas von Celano in seiner Franziskus-Biographie überliefert.
   Franziskus habe die Schlacht „mit Betrübnis und Bestürzung verfolgt", schreibt auch Steven Runciman in seiner monumentalen „Geschichte der Kreuzzüge". Franz entschloss sich nun offenbar, aus seiner Pilgerfahrt endgültig eine Friedensmission zu machen. Er verließ das Lager der christlichen Kämpfer und begab sich alleine in seinem Bußgewand zum Quartier des Sultans, wahrscheinlich sogar als Emissär des christlichen Heeres und seines Heer- führers Pelagius. Der Sultan hörte sich die Predigt des heiligen Franziskus, wie es in den Quellen heißt, „geduldig und milde" an und war sogar bereit, ein Religionsgespräch zwischen dem heiligen Franz und islamischen Religions- gelehrten anzuberaumen - Disputationen dieser Art sind nicht selten überliefert in der mittelalterlichen Geschichte.
   Ein Ergebnis dieser Kontakte mit den Muslimen war, dass Franziskus mehr und mehr von der Orthopraxie des Islams angetan war. Das fünfmalige Beten am Tag - eine Pflicht, die zu den fünf Pfeilern des Islams gehört - beeindruckte ihn. Noch mehr jedoch sprach ihn die Mildtätigkeit der Muslime an, das reichliche Geben von Almosen (sadaqa), das der Islam seinen Gläubigen empfiehlt; die Armensteuer (zakat) ist sogar religiöse Pflicht und spielt bis heute eine wichtige Rolle im Leben der Muslime. Franziskus, der das Leben eines schwerreichen Kaufmanns- sohns aufgegeben und sein Erbe demonstrativ ausgeschlagen hatte, um der Armut zu leben, fühlte sich gerade davon besonders berührt.
   Als Franziskus nach Italien zurückfuhr, traf er 1221 in Bari mit Kaiser Friedrich II. zusammen. Von dort aus bra- chen die christlichen Flotten in der Regel ins Heilige Land auf. Der Kaiser, der vom Papst wegen seines Zögerns mit dem Kirchenbann belegt war und zu einem Kreuzzug geradezu gedrängt wurde, wollte sich mit Sultan al Kamil friedlich und gütlich einigen. Vielleicht hat ihn der heilige Franziskus in dieser Absicht zusätzlich bestärkt. Diplo- matische Aktivität setzte hinter den Kulissen ein, auch der Sultan war dem Frieden zugeneigt. Es gelang Friedrich anschließend, durch vertragliche Abmachungen den freien Zugang christlicher Pilger zu den heiligen Stätten zu erreichen, ihm war ohne einen Schwertstreich gelungen,  was die „bewaffneten Wallfahrer", die Kreuzritter, nicht erreicht hatten. Seit dem Sieg der Muslime 1187 bei Hattin unter Saladin war Jerusalem einschließlich der Grabeskirche nämlich wieder muslimisch gewesen. Doch leider hielt der Friede nur zehn Jahre lang.
   Die Berichte über des Franz von Assisi Besuch beim Sultan geben beredte Kunde von seiner Frömmigkeit, die man heute wahrscheinlich als kindlich und naiv verlachen würde. Doch er soll sich so furchtlos in das Lager des muslimischen Feindes begeben haben, dass er durch seine unerschrockene Haltung den Gegner verblüffte und sozusagen innerlich entwaffnete. Unter den Mystikern des Islams gab es nicht wenige, welche die Armut wie Franziskus predigten; und andere pflegten die Haltung eines blinden Gottvertrauens (tawakkul) und begaben sich in größte Gefahren, darauf vertrauend, dass Gott sie schon beschützen werde. Manche Sufis verehren den heiligen Franziskus bis heute.   FAZ130318WolfgangGünterLerch  

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Blicke über den religiösen Tellerrand: Eine junge Muslimin und eine junge Christin haben unter dem Titel
„Allah unser" ein gemeinsames Buch geschrieben. Es geht um Respekt, Frieden und Toleranz
Foto: Jung, neugierig - und religiös: Britta Mühl, 22, Christin links, und Alisa Ljajic, 27, Muslimin, haben im Austausch viel über die jeweils andere Religion gelernt. „Allah unser", Edition a, 14,90 Euro

  Die Christen feiern zu Ostern die Auferstehung ihres Heilands, für die Moslems ist Jesus ein Prophet. Nicht jeder weiß um die Gemeinsamkeiten der Religionen. Eine junge Christin und eine junge Muslimin, beide gläubig, wollten das ändern und begannen, sich über ihren Weg zu Gott auszutauschen. Britta Mühl, 22, und ehemalige Wein- königin in Zell an der Mosel, studiert Katholische Theologie. Alisa Ljajic, 27, und Tochter serbischer Migranten, studiert in Wien Kultur- und Sozialanthropologie.
Hatten Sie, bevor Sie sich kennenlernten, Vorurteile in Bezug auf die Religion Ihrer Gesprächspartnerin?
  
Britta Mühl: Ich hatte mir Alisa als jemanden mit Kopftuch vorgestellt und als jemanden, der starr auf seinem reli- giosen Standpunkt beharrt. Die klassischen Vorurteile also, die auch medial in unser Unterbewusstsein gelangen.
   Alisa Ljajic: Als ich hörte, dass Britta Theologiestudentin ist, hatte mich das etwas abgeschreckt. Ich dachte, dass ich auf eine konservative Person mit Scheuklappen treffen würde.
Es gibt ähnliche Geschichten und Gleichnisse in Bibel und Koran, wie jene von Joseph und seinen Brüdern, von Abraham oder von Hiob. War Ihnen das bewusst?
  
Mühl: Ich wusste, dass ein Teil der Geschichten ähnlich sind, aber mir war nicht bewusst, dass es so viele sind. Diese vielen Ähnlichkeiten haben mich doch überrascht.
   Ljajic: Ich kannte den Sündenfall. Wir sind dann im Gespräch auf viele Gemeinsamkeiten getroffen, von denen ich nichts wusste.
Gibt es eine historische Erklärung?
   Mühl: Die Bibel entstand zuerst, der Koran später. Die Muslime sagen, dass ein Teil der Offenbarung auch im Koran steht und dass diese Offenbarungslinie im Koran weitergetragen wird. Mohammed war die Bibel geläufig.
Sie glauben beide an das Paradies und ein Weiterleben nach dem Tod. Erfüllt sich das irdische Leben erst im Jenseits?
  
Mühl: Nein, ganz und gar nicht. Die Erde ist Gottes Schöpfung und wir haben einen Schöpfungsauftrag. Das heißt, dass wir mit der Erde und unseren Mitmenschen verantwortungsvoll umgehen und wir uns für eine bessere Welt einsetzen müssen. Religion nur als Vertröstungsphänomen anzusehen, wäre fatal.
   Ljajic: Das Diesseits ist unglaublich wichtig für das Jenseits. Gott hat uns dieses Leben geschenkt, um auf Erden bestimmte Prüfungen zu bestehen und Lebenserfahrungen zu machen, die vollendet sind, wenn man im Paradies ankommt. Wichtig scheint mir, zwischen gut und böse unterscheiden zu können.
Warum gibt es trotz der Gemeinsamkeiten immer wieder Feindschaften zwischen Christen und Moslems?
  
Mühl: Religion ist etwas sehr Persönliches und kann verschiedene Gefühle hervorrufen, nicht nur positive. Weil der eigene Wahrheitsanspruch absolut gesetzt wird, führt das zu Gewalt und Hass. Aber auch Angst vor der Moderne und der Pluralität führt zu Intoleranz. Wenn man die eigene Burg verlässt und in den Dialog tritt, wird der eigene Glaube infrage gestellt. Machtpositionen spielen auch eine Rolle.
   Ljajic: Wirtschaft und Politik haben die Religion in der Vergangenheit oft missbraucht, um Hass zu entfachen. Aber Selbstmordattentäter und der sogenannte Heilige Krieg haben für mich nichts mit dem Islam zu tun.
Was wollen Sie mit dem Buch erreichen?
  
Mühl: Wir glauben, ein Zeichen für Frieden und Toleranz setzen zu können und wollen dafür werben, dass die Auseinndersetzung mit der anderen Religion sehr positiv sein kann. Wir möchten unser Buch vor allem denjenigen ans Herz legen, die auf Sinnsuche sind und denjenigen, die sehr auf ihre Religion fokussiert sind und den Blick über den Tellerrand nicht wagen.
   Ljajic: Es geht um gegenseitigen Respekt. Auch wenn ich zum Beispiel die Dreifaltigkeit im Christentum nicht verstehe, kann ich sie respektieren. Ich hoffe, dass wir viele junge Menschen erreichen und ihnen die Angst vor dem Glauben nehmen können.
Was ist wichtiger: der Glaube oder das Wertesystem, das in der Bibel und im Koran aufgeschrieben ist?
   Mühl: Religion nur auf ein Moralsystem zu reduzieren, würde meinem Leben eine Dimension wegnehmen. Die Dreifaltigkeit ist wichtig, weil Gott sich in Jesus offenbart hat. Es gibt nicht nur das Weltliche, sondern auch das Transzendente.
   Ljajic: Für mich steht das Wertesystem an erster Stelle, weil es Konflikte minimiert. Das Wertesystem erschließt sich erst aus dem Glauben.
Könnten Sie sich ein Leben in der anderen Religion vorstellen?
   Mühl: Nein. In meinem Glauben mache ich sehr viel an Jesus Christus fest.
   Ljajic: Ich kann mir kein anderes Leben vorstellen, weil die muslimische Gemeinschaft mein Leben stark geprägt hat. Aber ich habe auch nie über ein Leben ohne den Islam nachgedacht.  
Das Interview führte Heinrich Oehmsen im Hamburger Abendblatt HA130401

IndonesienFranzMagnisSuseno Indonesien,JakartaKi-x

Foto links: Pater Franz Magnis-Suseno SJ  Foto rechts:  Der Kirchturm über den Dächern der indonesischen Haupt- stadt verkündet die Präsenz des Christentums in einer muslimisch geprägten Kultur.

Ein Gespräch mit dem Jesuitenpater Franz Magnis-Suseno über Mission, Christentum
und Islam in Indonesien: Jedes Jahr lassen sich Zehntausende in Indonesien taufen

  Pater Franz Magnis-Suseno SJ, im Jahr 1936 in Schlesien als Franz Graf von Magnis geboren, ist einer der be- kanntesten Gelehrten in Indonesien. In den mehr als vierzig Jahren, die er bereits in Indonesien lebt, hat sich der langjährige Rektor der Philosophischen Hochschule Driyarkara, Jakarta, Verdienste im interreligiösen Dialog erwor- ben. Das Gespräch der “Tagespost” führte Michaela Koller.
Pater Magnis-Suseno was ist für Sie Mission?
  Mission ist für mich „Zeugnis geben" für Jesus Christus, für sein Evangelium und „Zeugnis geben” dafür, dass dieser Jesus der Kirche lebt. Das ist ein Auftrag für jeden getauften Christen, wo auch immer er ist. Wir Christen tun dies durch unser Leben, unsere Arbeit, durch unser „dabei sein”.
Wie sieht denn Mission nach Ihrem Verständnis in der Praxis aus. Gehen Sie unmittelbar auf Andersgläubige zu, etwa mit Schriften oder Predigten über das Evangelium und werben sie so für das Christentum?
  Zwischen Mission und Werben besteht ein Riesenunterschied. Mission ist in der Sprache des Lukasevangeliums „Zeugnis geben”. „Zeugnis geben” bedeutet, dass man da ist. Man stellt den Menschen, denen man „Zeugnis” gibt, frei, ob sie einen beachten oder nicht beachten, einfach weggehen, sie können folgen oder nachfragen. Wenn sie dann nachfragen, werden wir ihnen den Grund unserer Freude erklären. Ich glaube aber nicht, dass heutzutage Mission dadurch geschehen sollte, dass man sich ungefragt anderen aufdrängt. Ich glaube, dass es ein Menschenrecht darauf gibt, in seinen religiösen Auffassungen nicht einfach belästigt zu werden.
Gilt da nicht mehr Matthäus 28,19-20: “Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.”
  Das gilt heute in gleichem Maße, nur kommt es darauf an, wie man das tut. Mir scheint, dass wir dies eben primär durch „Zeugnis geben” tun sollen, dadurch verkünden wir das Evangelium und ermöglichen es Menschen, dass sie zum Glauben an Jesus Christus kommen und sich taufen lassen.
Wie kann man denn heutzutage in Indonesien missionarisch tätig werden? Gibt es da Einschränkungen?
   Wir müssen da mal über die Fakten sprechen. Fakt ist, dass jedes Jahr 40.000 Menschen in Indonesien sich taufen lassen. Das sind keine Kleinkindertaufen, sondern Taufen von Menschen, die selbst darum gebeten haben. Das geschieht nicht, wie bei einigen evangelikalen Gruppen nach dem Motto „Erst die Seife, dann die Heilige Schrift”. Das geschieht vielmehr durch die Anwesenheit der katholischen Gemeinden, durch die Anwesenheit der Katholiken in der Gesellschaft, ganz besonders etwa im Schulwesen, aber auch durch Begegnungen in anderen Bereichen. Da sind auch muslimische Javaner darunter. Es gibt ja in Indonesien die Freiheit, die Religion zu wechseln.
Wie sieht denn der religiöse Alltag für Christen in Indonesien aus? Was hat es denn mit der im Westen als „Anti-Missions-Gesetz” bekannten Bestimmung auf sich?
   Das war überhaupt kein Gesetz, sondern eine allgemeine Verordnung für den Bau von religiösen Gebäuden. Da mussten bestimmte Bedingungen erfüllt werden, die ziemlich schwer waren. Das wurde in Gebieten, in denen die Christen nur eine kleine Minderheit sind, oft sehr restriktiv ausgelegt. Es war so, dass man jahrelang warten musste, bis man eine Kirche bauen konnte. Das ist vor zwei Jahren geändert worden! Es gibt seither eine neue Verordnung, die den Bau von Kirchen und Moscheen regelt. Es soll jetzt einfacher sein, eine Erlaubnis zu bekom- men. Ob das in der Praxis auch gilt, muss sich erst zeigen. Bislang war die Verordnung einer der Hauptpunkte der Kritik an Indonesien. Es kommt auch immer wieder zu Angriffen auf Kirchen, die ohne Erlaubnis gebaut worden sind.
Geschehen solche Übergriffe in den bekannten Konfliktgebieten wie Molukken und Zentralsulawesi, die in den westlichen Schlagzeilen vorkommen?
   Nein, die nicht. Es sind die vorwiegend muslimischen Gebiete wie Java, Sumatra, Lombok. In den von Ihnen er- wähnten Konfliktgebieten sind die Chriten und die Muslime jeweils gleich stark. Die Situation ist dort doch sehr verschieden von der an den Orten, wo die Christen eine kleine Minderheit sind.
Wo liegen denn die Ursachen der interreligiösen Konflikte, die hierzulande in den Nachrichten vorkommen, wie etwa in Poso, Zentralsulawesi, oder auf den Molukken? Heizen islamische Fanatiker die Situation auf?
   Sowohl auf den Molukken als auch in Zentralsulawesi waren zunächst überhaupt keine Extremisten dabei. Das waren Spannungen zwischen einzelnen Wohngebieten, die für Indonesien typisch sind. Wir hatten solche Kon- flikte auch in Jakarta immer wieder zwischen sogenannten Kampungs, also Wohngebieten. Da diese aber nicht religiös identifiziert waren, kam es zu einigen begrenzten Auseinandersetzungen mit zwei, drei Toten und einigen abgebrannten Häusern. Wenn da aber die Religion hineinspielt, da müssen noch nicht einmal Fanatiker dabei sein, kann das leicht weiter brennen.
Was waren denn die Auslöser für die Spannungen in den Molukken und in Zentralsulawesi?
   Einer der Hintergründe der Konflikte war der Zuzug von Muslimen in den neunziger Jahren, durch die die ur- sprünglich protestantische Mehrheiten zu einer Minderheit geworden waren. Es bedurfte da nur noch eines Zündholzes, in beiden Fällen eines kleinen Zwischenfalls im alltäglichen Straßenleben, um die Menschen gegen- einander aufzubringen. Erst später sind islamische Extremisten nachgerückt. Das hat alles nur noch viel schwie- riger und blutiger gemacht.
Die indonesischen Verfassungsprinzipien sichern ja Nichtmuslimen in dem bevölkerungsreichsten Land der Erde relativ viel Religionsfreiheit zu, bis auf die genannten Einschränkungen. Wie zeigt sich aber der Islam in Indonesien jenseits von Verordnungen und jenseits lokaler Konflikte im Alltag?
   Obwohl es immer wieder, seit den fünfziger Jahren bereits, gewalttätige muslimische Extremisten gegeben hat, ist der Islam in Indonesien moderat und tolerant geblieben. Muslime der Hauptströmung sind allerdings wegen der zunehmenden politischen Bedeutung fundamentalistischer Salafisten besorgt, die zwar gewaltfrei sind, aber eine Gesellschaft wie zu Zeiten Mohammeds anstreben.
Wie sieht es denn mit interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen aus?
   In den letzten elf, zwölf Jahren, während denen es örtliche Konflikte gab, hat sich dieser Dialog zwischen den Kirchen, gerade der katholischen Kirche und den großen islamischen Organisationen enorm verbessert. Wir hatten noch nie so herzliche, vertrauensvolle Beziehungen zu der traditionalistischen der beiden Organisationen unter- halten, wie wir sie jetzt haben. Die Kontakte zu den islamischen Vereinigungen haben wesentlich dazu beige- tragen, dass es während der ganzen Zeit der Bürgerkriege, außerhalb der Krisengebieten in den mehrheitlich islamischen Gebieten, zu keinem einzigen Racheakt an Christen kam.  DT0711

Indonesien

  Mehrere hundert Menschen haben in Jakarta für die Religionsfreiheit demonstriert. Sie forderten ein härteres Vor- gehen der Regierung gegen muslimische Extremisten und einen besseren Schutz für die Angehörigen religiöser Minderheiten. Der Protest fällt in eine Zeit, in der in Indonesien immer häufiger Kirchen oder christliche Gottes- dienste angegriffen werden. Die Gewalttaten bedeuten einen Kratzer für das Image Indonesiens, das traditionell als allen Religionen gegenüber tolerant gilt, gleichzeitig aber die größte islamische Gemeinschaft der Welt beher- bergt. Etwa 85 Prozent der Indonesier sind Moslems. Die etwa 500 Demonstranten in Jakarta skandierten: „Freiheit des Kultes, Freiheit für alle Religionen“; viele von ihnen trugen indonesische Fahnen mit sich. Die meisten Angriffe auf Christen geschehen in den letzten Monaten in der Peripherie der Hauptstadt, an Orten wie Bekasi, Bogor oder Tangerang. Dort werden extremistische islamische Gruppen immer stärker: Sie fordern u.a. die Ein- führung der Scharia. RV100815reuter

Malaysia: „Stimmung verschlechtert sich“

   Die jüngsten Anschläge auf christliche Kirchen in Malaysia und auf den Philippinen trüben das Bild des sonst friedlichen Zusammenlebens von Christen und Muslimen in Südostasien. Die Stimmung zwischen den beiden Religionsgruppen habe sich in Malaysia in der letzten Zeit verschlechtert, meint der Steyler-Missioar Pater Georg Kirchberger im Interview mit dem Kölner Domradio. Hintergrund der Anschläge auf christliche Kirchen in Malaysia ist wahrscheinlich der Streit um die Begriffsverwendung „Allah“ durch Christen. Ein Gericht in Kuala Lumpur hatte den Christen vor kurzem erlaubt, das Wort „Allah“ für Gott zu verwenden.
   Pater Kirchberger:  „Im Grunde ist Allah das arabische Wort für Gott. Und auch in Indonesien gebrauchen wir in der Nationalsprache Allah für Gott. Nun gibt es aber ein paar muslimische Gruppen, die sagen: Allah ist das Wort für Gott im Koran, das ist der Name für den muslimischen Gott - und die anderen dürfen ihn nicht gebrauchen. Es haben sich größere militante Gruppen gebildet, wie man ja an manchen Bombenanschlägen sehen kann. Die Stim- mung hat sich verschlechtert, und es ist emotionaler geprägt. Auch in Indonesien sind wiederholt Kirchen ange- zündet worden, und der Bau von Kirchen wird sehr erschwert.“
   Nach Ansicht des in Indonesien lebenden Paters Kirchberger könnten sich die Konflikte nun auch auf andere Länder in der Region ausweiten.
   „Die Beziehung zwischen Muslimen und Christen in Indonesien ist recht gut, aber es haben sich in letzter Zeit größere Spannungen aufgebaut. Und da passiert es dann leicht, wenn irgendwo so ein Konflikt hochkommt, dass die Menschen denken, es müsse bei ihnen auch wichtig sein. Vor allen Dingen: Indonesien ist das Land mit den meisten Muslimen, über 200 Millionen Muslime leben hier. Und die stehen immer ein bisschen unter dem Druck der muslimischen Welt, besser aufpassen zu müssen, dass der Islam hochgehalten wird. Da können solche Konflikte sehr leicht überschwappen.“ rv100112

Die Behörden in der Provinz Aceh

   haben im Oktober 2012 insgesamt neun Kirchen geschlossen, weil sie angeblich nicht die erforderlichen Ge- nehmigungen hatten. Das berichtet die Nachrichtenagentur efe. Auch sechs buddhistische Tempel müssten ihre Pforten schließen. Aceh ist die einzige Provinz Indonesiens, in der das islamische Recht der Scharia angewandt wird. Der Generalsekretär der Kommission „Religionen für den Frieden“ in Indonesien, Theophilus Bela, sprach von einem „Akt der Intoleranz“. Die Priester der geschlossenen Kirchen seien in Anwesenheit radikaler Islamisten ge- zwungen worden, eine Einverständniserklärung zu unterschreiben. RV121022efe

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Papst Benedikt XVI und der Großmufti in der Blauen Moschee

   Am Fest des Heiligen Andreas besuchte Papst Benedikt XVI. die Blaue Moschee in Istanbul. Er trug das Kreuz von Jesus sichtbar auf seiner Brust.  In der Moschee betete er neben dem Groß-Mufti, der die Anfangsworte des Korans zitierte. Das türkische Fernsehen übertrug dieses Ereignis live und berichtete atemlos: “Wir sind zutiefst berührt … märchenhaft … fantastisch … beide beten zusammen … Papst und Mufti beten zusammen … das ist historisch ...”  riefen sie begeistert aus. Sie bemerkten auch, dass der Papst seine Schuhe ausgezogen hatte, wie es alle tun, weil es in einer Moschee von allen erwartet wird. Kardinal Roger Etchegeray sieht in dem Besuch Bene- dikts in der Blauen Moschee in Istanbul ein bedeutendes Zeichen, das mit dem Gebet von Papst Johannes Paul II an der Tempelmauer zu Jerusalem vergleichbar ist. 
   Den Augenblick, wie der Papst in der Moschee zu einem stillen Gebet die Lippen bewegte, wurde von den TV- Kameras in Nahaufnahme eingefangen und per Satellit weltweit direkt verbreitet. Hat Benedikt in der Blauen Moschee gebetet, oder einfach meditiert? War das möglich? Diese Fragen wurden schon bald dem Vatikan- Sprecher Frederico Lombardi SJ gestellt. Zunächst zögert der Jesuitenpater und meint: “der Papst verweilte in der Meditation, und gewiss gingen seine Gedanken zu Gott.” Dann erklärte Pater Lombardi, man könne hierbei von einem ganz persönlichen Gebet ausgehen, ohne alle äußeren Zeichen eines christlichen Gebetes, wie etwa das Kreuzzeichen. Auf diese Weise macht der Papst deutlich, was über alle Trennung Muslime und Christen eint. “In diesem Sinn war es ein persönliches, inniges Gebet zu Gott, in einer Moschee, wo viele Menschen um ihn herum sich einer spirituellen Sammlung hingaben.” Daraus ergibt sich, dass der Papst – wie jeder Christ – überall zu Gott beten kann, nicht nur in einer Kirche, auch unter freiem Himmel, auch in einer Gefängniszelle, auch in einem nicht- christlichen Gebetsraum wie einer Moschee.
  Zurückgekehrt nach Rom erklärte Benedikt sein Gebet in der Moschee – nach Mekka gewandt -: er hätte gebetet, dass Gott allen Gläubigen helfen möge, einander als Schwestern und Brüder zu erkennen. Als der Papst in der Generalaudienz im Vatikan auf seine Türkeireise zurückblickte sagte er: "Die göttliche Vorsehung erlaubte mir eine Geste, die nicht geplant war, die sich aber schließlich als sehr bedeutsam erwies.” Wörtlich fügte er hinzu: “Während ich für einige Minuten am Ort des Gebetes in stiller Sammlung verharrte, wandte ich mich an den Herrn des Himmels und der Erde, den barmherzigen Vater der Menschheit”.
   Muslime glauben nicht, dass Jesus Gott ist; aber der Islam gehört wie das Judentum zu den drei monotheisti- schen Religionen. Benedikt und der Groß-Mufti beteten zu demselben einen wahren Gott. Dies war eine große Geste gegenüber dem Islam, aber nicht die erste eines römischen Papstes. Von seinem Vorgänger Johannes Paul II. ist noch ein Foto in Erinnerung, wie er einen Koran küsst, der ihm gereicht wurde. Auch besuchte dieser Papst als erster in der Geschichte eine Moschee. Am 6. Mai 2001 betrat er die Ommajaden-Moschee in Damaskus in Syrien – die viertheiligste Stätte im Islam nach Mekka, Medina und dem Felsendom und El Aksa Moschee in Jerusalem. Die Moschee in Damaskus war in der byzantinischen Zeit einst eine Kathedrale. Johannes Paul II. wollte dort in einer Kapelle innerhalb der Moschee beten, wo nach der Überlieferung Johannes der Täufer be- stattet ist. Dieser Besuch war ein Meilenstein in den christlich-moslemischen Beziehungen und ist ein Zeichen für einen tragfähigen Dialog zwischen zwei monotheistischen Glaubensgemeinschaften. Der gebrechliche 81jährige Papst betrat das Heiligtum barfuß und verweilte dort in stillem Gebet und Meditation. Er machte nicht das Kreuzzeichen und auch kein anderes Zeichen wie sie in christlichen Gebeten sonst benutzt werden. Doch dieser Besuch war geplant. Der Groß-Mufti Hamad Kiftaro erwartete, der Papst würde außerhalb der Kapelle mit ihm beten. Dies wäre jedoch ein Gebet auf moslemische Weise gewesen und hätte Irritationen ausgelöst, als ob der Nachfolger des heiligen Petrus den Islam als den einzig wahren Glauben betrachten würde. Deshalb wurde damals nach mehreren Gesprächen mit Hilfe der vatikanischen Diplomatie Übereinstimmung erzielt, dass Johannes Paul II. schweigend und allein in der Kultstätte betete. Das Treffen mit dem Groß-Mufti und die üblichen Reden fanden auf dem Gelände der Moschee im großen Innenhof statt.
   Der Türkeibesuch von Papst Benedikt wäre ein außerordentlicher Erfolg, wenn er dazu führen würde, Brücken zur islamischen Welt zu bauen – nach der Regensburger Vorlesung. Einen großen Anteil daran hat die Persönlichkeit und das immense theologische Wissen des Papstes. Aber auch der oft im Hintergrund arbeitende diplomatische Dienst des Vatikans hat sich verdient gemacht, nicht zuletzt Erzbischof Mamberti, der vatikanischen “Außen- minister” der viel reisen musste, damit diese Reise zum Erfolg wurde. Und natürlich gebührt Johannes Paul II. und seinen Mitarbeitern Dank für die bahnbrechenden ersten Schritte. TimConroyCT061224

Gelehrten-Treffen in Mekka

  Mit einer Erklärung, in der Selbstmordattentate und Anschläge auf Muslime zur Sünde erklärt werden, wollen Islamgelehrte das Blutvergießen im Jrak stoppen. In der saudiarabischen Pilgerstadt Mekka diskkutieren sunni- tische und schiitische Religionsgelehrte aus dem Irak über einen entsprechenden Erklärungsentwurf der Organi- sation der Islamischen Konferenz (OIC). Er gehe davon aus, dass die Religionsführer den Text akzeptieren und verabschieden werden, sagte OIC-Generalsekretär Ekmeleddin Ihsanoglu. Die OIC, der 57 Staaten angehören, bekräftigte, es handle sich um eine religiöse Initiative und nicht um einen politischen Vermittlungsversuch. Das Dokument wird von Schiitenführer Ali al Sistani, dem militanten Schiitenführer Muqtada al Sadr und dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki unterstützt. dpaFAZ061021

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Interview mit dem schiitischen Ayatolla Muhammad Ali Taskhiri. Der „goldene Mittelweg” zum Dialog

  “Der iranische Ayatollah Muhammad Ali Taskhiri ist einer der großen spirituellen Führer der schiitischen Welt- gemeinschaft.” So stellt Islamica Magazine, die Zeitschrift, die den offenen Brief 38 von 38 führenden muslimischer Gelehrten an den Papst veröffentlichte, ihren Lesern Ali Taskhiri vor. Einen der bedeutendsten Unterzeichner jenes Dokuments, das eine eingehende, detaillierte Antwort auf die Ansprache Benedikts XVI. an der Universität Regensburg sein wollte.

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   Es ist zweifellos tröstlich, dass nach dem Krieg im Libanon gerade Taskhiri bei einem wichtigen Gipfel hoher muslimischer schiitischer Führer in Beirut den Vorsitz führte. Ein kurzer Blick auf seinen Lebenslauf erklärt, warum: Ayatollah Taskhiri, jahrelanger Vorstand der einflussreichen Organisation "Islamic Culture and Communication" - einer schiitischen Missionsorganisation mit der Aufgabe, diese Religion in der ganzen Welt bekannt zu machen - , ist heute Vorsitzender eines “Weltforums”, das darum bemüht ist, die verschiedenen Schulen der islamischen Lehre auf der ganzen Welt einander anzunähern. Möglich ist ihm das dank seines allgemein anerkannten theo- logischen Wissens. Als Generalsekretär forderte er - anlässlich der 17. Generalversammlung islamischer Rechts- gelehrter - mehr als hundert, nach Amman gekommene islamische Rechtsdozenten „zum Dialog unter den Religi- onen und Zivilisationen, gegen Extremismus und Verbitterung auf.” In Moskau vertrat Taskhiri den schiitischen Islam beim „Spitzengespräch der Religionsführer Russlands”. Und auch in Rodi sprach er im Namen des Islam auf der Weltkonferenz „Dialog der Zivilisation.” Diese vor vier Jahren von Wladimir Yakunin - heute Chef des Eisen- bahnnetzes der Russischen Föderation - gegründete Einrichtung will einen Dialog zwischen Religionen voran- treiben. Nach der Ansprache des Oberrabbiners von Rußland, Rabbi Berel Lazar, der Taskhiri aufmerksam zugehört hatte - unter den Rednern war auch der russisch-orthodoxe Metropolit Wladimir -, hielt er seinen Vortrag ohne Ma- nuskript. Erst als er das Thema "Gerechtigkeit” ansprach, das ihm besonders am Herzen liegt und dem er zahl- reiche Publikationen gewidmet hat, konnte er eine gewisse Erregung nicht verbergen. Tashkiri zeigte sich fröhlich, als einen betagten geistlichen Führer mit großer Menschlichkeit und Weisheit - weit entfernt von dem Stereotyp der „politisch-religiösen Sprecher” aus Nahost, die von den Medien in diesen Tagen oft verbreitet werden.

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Foto oben links: muslimische Frauen zünden an Weihnachten in der St.Gregor-Kirche in Teheran Kerzen an.
Foto oben rechts: Benedikt XVI. bei der Audienz für die im Vatikan akkreditieren Botschafter muslimischer Länder.

Interview von Pierluca Azzaro mit dem schiitischen Ayatolla Muhammad Ali Taskhiri

Ayatollah Taskhiri, in Ihrer Ansprache bei der Eröffnungskonferenz des Treffens von Rodi haben Sie die be- rühmte Passage des Regensburger Papst-Vortrags angesprochen. Können Sie Ihre Ausführungen kurz zusam- menfassen?
   MUHAMMAD ALI TASKHIRI: Ich habe lediglich gesagt, dass Benedikt XVI. diese Passage kurz, außerhalb des vorbereiteten Textes hätte kommentieren sollen. So wie er es beim Angelusgebet in Castel Gandolfo getan hat. Die Muslime haben nicht sofort verstanden, dass die Meinung des Kaisers nicht die Meinung des Papstes war. Wenn man meint, dass die Worte des byzantinischen Kaisers besagen, dass der Islam einzig und allein Krieg und Gewalt ist, dann ist das keine wahre Darstellung des Islam und seiner Sendung. Und genau diese Interpretation des Islam, dieses Stereotyp, hat die Muslime verletzt. Darüber hinaus bekräftigt Manuel II. Paläologos, dass der Islam nichts mit Wissen und Vernunft zu tun hat, und das stimmt nicht. Der Islam ist durchdrungen von Wissen und Vernunft. Wie bereits gesagt, hat der Papst die Passage dann aber kommentiert und klargestellt, dass sie nicht seinem Denken entspricht.
Sie sprechen davon, dass für den Dialog ein „goldener Mittelweg” eingeschlagen werden müsse. Können Sie das näher erklären?
  TASKHIRI: Es gibt einige Dinge, die den Menschen vom Tier unterscheiden: das Denken, die Konversation, die Vernunft, das Treffen von Entscheidungen aufgrund der Vernunft, den Dialog. Dann noch die Akzeptanz gewisser ethischer Prinzipien: Gerechtigkeit, Moral, Mitleid. In sehr pragmatischer Weise würde ich sagen, dass der Weg, der für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben unter den Menschen eingeschlagen werden muss bedeu- tet, diese Prinzipien auch umzusetzen, und mit ihnen das Motto: „Leben und leben lassen.” Das ist der rechte, der wahre Weg, dem man folgen muss. Aber es gibt auch einen Weg der Falschheit, des Extremismus, des Konflikts, der Gewalt. Ich nenne Ihnen einige Beispiele: Nazismus, Faschismus, Apartheit sind Abweichungen vom Weg der Gerechtigkeit. Auch der Zionismus ist ein Abkommen vom Weg der Gerechtigkeit.
Was verstehen Sie unter Gerechtigkeit? In Rodi haben Sie dieses Thema deutlich angesprochen...
   TASKHIRI: Die Gerechtigkeit muss beständig sein. Alles, was Gerechtigkeit und Menschenwürde nicht respek- tiert, muss abgelehnt werden, weil es im Gegensatz zu den authentischen menschlichen Werten steht. Friede, Wahrheit, Ehrlichkeit, sich mit aller Kraft für die rechte Sache einsetzen, den Leidenden und Bedürftigen helfen. All das sind Beispiele für Gerechtigkeit und Gerechtigkeitsliebe. Wenn man gegen die Gerechtigkeit arbeitet, leidet die Welt und wird noch mehr leiden. Aber die Gerechtigkeit hat zwei Aspekte. Der erste betrifft das, was unser Gewis- sen ablehnt; das, was bewirkt, dass wir uns schuldig fühlen, wenn wir Böses tun: Frauen, Kinder und Wehrlose zu ermorden ist etwas Böses. Frauen und Kindern zu helfen ist recht; es ist recht, den Schwachen zu helfen. Es ist recht, die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen: Nahrung und Wasser zu beschaffen, die Gaben Gottes sind; eine Wohnung, Freiheit. Wenn man diese Bedürfnisse nicht erfüllt, ist man ungerecht. Der zweite Aspekt der Gerechtigkeit betrifft Ereignisse unseres Lebens oder allgemeine Vorfälle, die wir einfach nicht als gerecht empfinden können. Hier müssen wir uns an Gott wenden, ihm zurufen, der die Quelle der Gerechtigkeit ist, und ihn bitten, uns verstehen zu helfen, warum der ein oder andere Vorfall recht ist.
Sie sprechen oft auch von einem goldenen Mittelweg zwischen uferlosem Kapitalismus und Sozialismus. Was meinen Sie damit?
   TASKHIRI: Ich bin Muslim, und laut meiner Religion gibt es zweifelsohne die unternehmerische Freiheit, die Frei- heit, Geschäfte zu machen. Gleichzeitig gibt es aber auch die Notwendigkeit, die menschlichen Grundbedürfnisse der Person zu befriedigen, wie beispielsweise Wohnung und Arbeit. Der Sozialismus, den wir kennengelernt ha- ben, wollte allen diese Güter sichern, leugnete aber die Freiheit. Der Islam versucht, die unternehmerische Freiheit zu geben, will aber auch die Grundbedürfnisse der Person befriedigen. Ich bin sicher, dass alle monotheistischen Religionen in diesem Sinne präzise Empfehlungen zu machen haben.
Und doch erscheint das Bild, wenn wir an die heutige Situation denken, sehr verdunkelt. In Regensburg sprach der Papst von einem reichen, technisch fortschrittlichen Westen, der aber „von einer Art von Ver- nünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt” durchdrungen ist. Er sagte auch, dass gerade dieser Aspekt die Völker Asiens erschreckt: teilen Sie diese Ansicht?
   TASKHIRI: Unbedingt. In unserer Zeit des Konsumdenkens und des uferlosen Kapitalismus sind viele Menschen so sehr in sich selbst verliebt, dass sie Gott ablehnen und geringschätzen. Das ist die Tragödie unserer Zeit.
Eine letzte Frage, Exzellenz: wie sehen Sie die Zukunft; was erwarten Sie sich von der Zukunft?
   TASKHIRI: Ich bin Muslim, komme aus dem Iran und lese jeden Tag im Koran. Der Koran ist ein Buch der Inspiration und Hoffnung für die Zukunft. Ich glaube, dass Imam Mahdi und Jesus von Nazaret eines Tages auf diese Welt kommen und Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit verbreiten werden. Und genau aus diesem Grund blicke ich zuversichtlich in die Zukunft.  PierlucaAzzaro30Giorno070610

Saudi-Arabien

   Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte konnte jetzt ein katholischer Professor im Mutterland des Islam offiziell lehren. Der US-Professor Leonard Swidler von der „Temple University“ in Philadelphia folgte einer Ein- ladung der Islamischen Universität in der Hauptstadt Riad. Dort hielt er etwa vierzig arabischen Wissenschaftlern eine Vortragsreihe über Themen des interreligiösen Gesprächs. Etwa ein Viertel der Zuhörenden waren Frauen. Ein Dozent der Islamischen Universität erklärte: „Vielleicht ist das nicht weltbewegend, aber für Saudi-Arabien ist das doch ein wichtiger Wandel.“ Vierzehn Dozenten der Riader Universität hatten zuvor ein einwöchiges Seminar am von Swidler gegründeten Dialog-Institut der „Temple University“ in Philadelphia besucht. – König Abdullah von Saudi-Arabien hat nach seinem Gespräch mit dem Papst im Jahr 2007 an der Islamischen Universität von Riad ein Institut für den Dialog der Kulturen eingerichtet. or100814

Henri Boulad SJ, Kairo   HenriBouladSJxx

Ausgangspunkt für offeneren Dialog. 
Der Rektor des Jesuitenkollegs in Kairo bezeichnet die Papst-Vorlesung in Regensburg als „Glücksfall”

   Der ägyptische Jesuit P. Henri Boulad hat die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. als „Glücksfall” be- zeichnet. Die Worte des Papstes könnten „Ausgangspunkt für einen offeneren Dialog” zwischen Christentum und Islam sein, so Boulad laut der französischen katholischen Tageszeitung „La Croix”. Der Rektor des Jesuitenkollegs in Kairo betonte, es sei Zeit, dass „Klarheit an die Stelle der altbekannten Unbestimmtheit” trete.
   Wenn auch die von Benedikt XVI. vorgenommene Auswahl eines islamkritischen Zitats Kaiser Manuels II. „un- glücklich und bedauerlich” gewesen sei, so habe die gesamte Rede doch das Potenzial, einen „realistischeren Dialog” einzuleiten. Benedikt XVI. kenne die islamische Theologie „sehr gut”, sagte P. Boulad. Seine Kommentare zeigten, was den Islam vom Christentum unterscheide. Kritik übte Boulad am Islamismus, der in Ägypten immer stärker werde. Moderate oder reformistische Muslime würden marginalisiert.
   Der Islamismus sei ein „totalitäres Denken”, das auf ein „Einfrieren von Regierungsform, Gesellschaft und Gesetzen im Einklang mit der Scharia” ziele. Als Symptom für diesen Totalitarismus bezeichnete Boulad den Schleier. Die Mädchen, denen er aufgezwungen werde, würden „jünger und jünger”. Damit einher gehe „die Radi- kalisierung der Köpfe”. Wenn erklärt werde, der Islam sei eine „Religion der Toleranz”, dann warte er auf den Beweis, sagte der ägyptische Jesuit.
   Praktisch gebe es in allen Ländern mit muslimischer Mehrheit einen Mangel an Religionsfreiheit. Boulad nannte Ägypten als Beispiel. Ein Muslim könne hier unmöglich offen zum Christentum konvertieren. Wenn er es tue, dann nur im Geheimen oder im Exil: „Im Gegenzug wird aber ein christlicher Mann, der eine Muslimin heiratet, zur Konversion genötigt”. Der Papst wisse das, betonte der Jesuit: „Er hat ein sehr klares Bild. Er hat keine Illusion über die fehlende religiöse Reziprozität.” DTkap061005    

ORF/Ö1, Sendung “Logos”     HenriBouladSJ1x        Gestaltung: Johannes Kaup 

Der ägyptische Mystiker Henri Boulad zu Gast im Radiokulturhaus Wien:
Der Islam zwischen Fundamentalismus, Mystik und Moderne

  Der 1931 geborene Jesuit Henri Boulad steht in seiner Heimat Ägypten mit muslimischen Gelehrten in einem kritischen Dialog. Boulad kritisiert die christlichen Fundamentalisten mit ihrem manichäischen Dualismus ebenso wie die gewaltbereiten Fundamentalisten auf Seiten des Islams. Für ihn gibt es nur dann eine friedliche Zukunft der Religionen, wenn sie ihre mystische Tiefendimension erschließen. “Der Islam zwischen Fundamentalismus, Mystik und Moderne” - zu diesem weltpolitisch höchst brisanten Thema war Boulad im Radiokulturhaus in Wien zu Gast, in einer Veranstaltung der ORF-Abteilung Religion im Hörfunk, in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk Wien und der Buchhandlung Herder. Zusammenfassung von “Logos”

   Boulad: Es ist schwierig für einen Christen, objektiv über den Islam zu sprechen. Ich bemühe mich aber grund- sätzlich, für den Islam Sympathie zu zeigen, obwohl ich ihm gegenüber oft gemischte, ambivalente Gefühle habe, und sage gleich, warum das so ist.
   Meine Familie ist syrischen Ursprungs. Im Jahre 1860 wurden große Teile der Familie bei einem türkischen Massaker ausgerottet. Zehntausende Christen wurden damals in Syrien getötet, und ich trage diese Wunde einer Gruppe, die verfolgt worden ist, in mir. Gleichzeitig ist aber die Tatsache, dass ich heute lebe und dass mein Großvater überlebte gemeinsam mit Tausenden weiteren Christen, das Verdienst von Emir Abdel Kader, der ein Muslim war. Ihm ist es zu verdanken, dass meine Familie verschont wurde und ich jetzt am Leben bin. Ich habe also eine ambivalente Haltung, die sich durch mein ganzes Leben durchgezogen hat.
  Abado: ich bin der Sohn des Südens. Mein Name ist Geduld. Auf meiner Stirn zeichnet sich ein Traum, auf meinen Lippen liegen Tau und Blumen.
   J.K.: Ein Sohn des Südens aus der umkämpften Region Israel-Palästina ist der in Wien lebende Musiker Marwan Abado. Auf seiner Oud, einer arabischen Form der Laute, und mit seiner Stimme hat Marwan Abado im Radio- kulturhaus Wien einen spannenden Vortragsabend mit einem anderen Sohn des Südens eingeleitet, dem ägypti- schen Mystiker und Jesuiten Henri Boulad.
   Derzeit macht keine Religion so viele Schlagzeilen wie der Islam. Erst wenige Tage vor dem Vortrag ist in Graz eine hochkarätige Konferenz der muslimischen Imame in Europa zu Ende gegangen. Auf dieser haben die Imame, die immerhin bereits 10 Prozent der europäischen Gesamtbevölkerung vertreten, jeglichem Fanatismus, Extremis- mus und Fatalismus eine klare Absage erteilt.
   So wichtig diese Aussagen sind: In der medialen Wahrnehmung werden voraussichtlich weiterhin die muslimischen Fundamentalisten den Ton angeben, die religiöse Überzeugung auch mit Gewalt durchsetzen wollen. Womit hat das zu tun? Liegen die Gründe im Islam selbst? Sind Islam und moderne, freie und pluralistische Gesellschaften überhaupt miteinander vereinbar?

HenriBouladSJ2xHenri Boulad SJ, Kairo   

Der Islam befindet sich weltweit gesehen in einer tiefgreifenden Orientierungskrise.
   Henri Boulad kennt den Islam in seinen positiven wie auch in seinen negativen Erscheinungsformen aus erster Hand. Geboren wurde er in Alexandria. Der Religion nach ist er griechisch-katholischer Christ. Er ließ sich in Frank- reich und in den USA in Theologie, Philosophie und Psychologe ausbilden und wurde Jesuit. Zwölf Jahre lang war er Präsident der Caritas für Afrika und Arabien. Henri Boulad ist also prädestiniert dazu, zu diesem auch weltpoli- tisch brisanten Thema zu sprechen.
   Boulad: Das Christentum und der Islam liegen seit vielen Jahrhunderten miteinander im Streit, und dieser Streit ist keineswegs zu Ende. Ein sehr wesentlicher Grund liegt darin, dass beide Religionen einen universalen Gel- tungsanspruch haben. Jede der beiden Religionen will in gutem Glauben ihren eigenen Glauben verbreiten, und zwar auf der ganzen Welt. Da ist es unvermeidlich, dass die Religionen aufeinander prallen. Das war immer so im Laufe der Geschichte.
Rufen wir uns einige der wichtigsten geschichtlichen Fakten in Erinnerung:
   Die arabische Eroberung ab 640, wo ganz Nordafrika, das vorher christlich geworden war, wieder unter arabi- sche Herrschaft gelangte und den Islam annahm. Dann die Schlacht von Poitiers 732, wo der Islam aufgehalten wurde, weiter nach Europa vorzudringen. Dann die Kreuzzüge, als Europa versuchte, das Heilige Land zu erobern, im 11. und 12. Jahrhundert. Dann die Schlacht von Lepanto 1571, bei der die türkische Flotte vernichtet wurde. Schließlich Wien, wo die Türken im Jahr 1683 endgültig aufgehalten worden sind. Das sind nur einige der wichtig- sten Daten, die diese beiden Welten voneinander abgrenzen:  Europa, das unter Anführungszeichen “christlich” ist, und die muslimische Welt.
   J.K.: Ist der Islam tolerant oder intolerant? - Diese Frage wird sehr oft gestellt. Eine Antwort darauf kann nach Ansicht Boulads nur gefunden werden, wenn man den Islam in seiner historischen Manifestation beurteilt. Historisch gesehen - denkt man beispielsweise an die Kreuzzüge im Mittelalter oder die Reconquista in Spanien, wo Juden und Muslime massenweise ermordet und vertrieben wurden - sei das Christentum, insbesondere der Katholizismus, wesentlich intoleranter gewesen als der Islam, sagt Henri Boulad. Das hat sich allerdings heute geändert.
Boulad beginnt seine historische Analyse nicht mit Fundamentalismus, sondern mit Mystik.
    Boulad: Die muslimische Mystik, der Sufismus, ist etwas ganz Wunderbares. Es ist ein Gipfel an Spiritualität, und meiner Ansicht nach ist die islamische Mystik wesentlich systematischer und ausgefeilter als die christliche Mystik. Man kann sie wirklich als die Blüte der Mystik bezeichnen. Es geht darum, dass der Mensch die Erfahrung Gottes macht in einem Dialog der Liebe, und Christen und Muslime treffen hier miteinander zusammen. Das ist eine be- vorzugte Dialogmöglichkeit.
    Es gibt beim Sufismus nur ein Problem: dass der Islam ihn offiziell ablehnt und ihn als Häresie betrachtet. Das vergessen viele Europäer, die den Sufismus lieben. Alle Mystiker sind von den jeweiligen religiösen und politischen Machthabern mit dem Bannfluch belegt, abgelehnt, verfolgt oder sogar umgebracht worden. Und die Frage stellt sich, ob der Sufismus für den Islam repräsentativ ist - ich kann darauf keine Antwort geben.
    Die muslimischen Mystiker stellen nämlich die Wahrheit dem Gesetz gegenüber, die Wahrheit des Herzens, das Gott spürt - dem Gesetz der Scharia, das den Menschen von außen aufgezwungen worden ist, so wie es für jede Institution typisch ist.
   Es gibt im Koran nur einen einzigen Text - und das ist etwas ganz Erstaunliches -, wo die Nähe Gottes zum Menschen ausgedrückt wird. Dort heißt es sinngemäß: “Ich bin dir näher als deine Halsschlagader”.

   J.K.: Der zweite Schwerpunkt der Ausführungen Henri Boulads dreht sich um das Spannungsfeld zwischen Islam und Modernität. Die Moderne ist ein Phänomen des christlichen Abendlands, ein Phänomen, das in Europa im 15. Jahrhundert seinen Anfang genommen und von da an weitergewirkt hat, über die Renaissance, die Reformation und die Revolution.
   Auf die Französische Revolution folgte die Aufklärung. Nicht mehr die Kirche und der Papst, sondern der Mensch ist zum letzten Referenzpunkt geworden für die Wirklichkeit. Er wird zum Maß aller Dinge. Er ist die Instanz, die mit der kritischen Vernunft und mit seiner Erfahrung die Dinge erkennen kann. In dieser Moderne fühlt sich die Kirche in ihrer Existenz und ihrem Wesen bedroht, sie tritt dagegen auf und verkrampft sich dabei. Bis weit in das 20. Jahrhundert dauert es, bis die Kirche die Ablehnung der Moderne schrittweise zurücknimmt. Im Zweiten Vatika- nischen Konzil manifestiert sich diese historisch entscheidende Wende. Diese Moderne ist mittlerweile nicht mehr auf die westliche Welt beschränkt, sondern wurde zu einem universellen Phänomen. Weder im Lebensstil, noch in der Denkweise, noch in der Mentalität gibt es heute hinter die Moderne ein Zurück. Das ist die gewaltige Heraus- forderung für den Islam, sagt Henri Boulad.
   Boulad: Die ersten Jahrhunderte des Islam sind charakterisiert von einer Haltung der Offenheit gegenüber allem Neuen. Das führte zu den großen islamischen Zivilisationen in Damaskus, in Bagdad, in Ägypten, in Córdoba und Andalusien. Das waren Gipfelpunkte islamischer Zivilisation, Höhepunkte in allen Bereichen von Wissenschaft, Kunst und Kultur ganz außergewöhnlich.
   Wenn der Islam heute mit großem Stolz auf diese ruhmreiche Zeit zurückblickt, dann sollte er sich gleichzeitig die Frage stellen: Ist eine Erneuerung des Islam möglich? Gelingt das, indem man sich abschottet nach außen, oder besteht die Herausforderung nicht eher in einer Öffnung und einem Dialog?
   J.K.: Wenn man die Moderne als eine Öffnung gegenüber der Vernunft bezeichnen kann, dann muss man festhalten, dass es schon in den ersten Jahrhunderten des Islam auch Rationalisten gab. In Persien Avicenna und in Córdoba Averroes. Allerdings wurden diese von der orthodoxen islamischen Macht systematisch bekämpft, sagt Henri Boulad. Jahrhunderte des Rückschritts folgten. Anfang des 19. Jahrhunderts kam es wieder zu Jahren des Aufschwungs. Es begann in Ägypten mit Mohamed Alí, der den Westen neu entdeckte. Viele Wissenschaftler aus England und Frankreich kamen nach Ägypten, und die eigenen Leute wurden zur Ausbildung nach Europa ge- schickt. Eine Zeit der kulturellen Begegnung zwischen Ägypten und Europa, erzählt Henri Boulad. Das dauerte bis 1952, bis zur Revolution von Nasser.
    Boulad: Dann kam es zu einem Gegenschlag. Denn die arabisch-muslimische Seite der Identität war fast verloren gegangen. Ab dann zeigte sich die Gegenbewegung. Afghaní, Mohammed Abdou, Rashid Redda - die versuchten den Islam zu modernisieren, haben dabei aber Schiffbruch erlitten. Ein wichtiges Datum in diesem Zusammenhang: 1924 hat Kemal Atatürk in der Türkei das Kalifat abgeschafft. Die Kalifen waren die Nachfolger des Propheten, die ab sofort als nicht mehr existent erklärt wurden.  Es gab keine Kalifen mehr. Das ist ver- gleichbar damit, als ob man den Papst in Rom abschaffen würde. Das hat die Krise des Islam noch verstärkt - man fühlte, dass seine Führungsspitze, der Kopf verloren gegangen war.
   Dazu kam dann noch die Okkupation Palästinas durch die Zionisten, die von der muslimischen Welt als tiefe Ungerechtigkeit empfunden wird.

  J.K.: Im dritten Teil seines Vortrags widmet sich Henri Boulad dem Phänomen Fundamentalismus im Islam. Funda- mentalismus ist für Boulad - egal ob islamistisch oder christlich - eine Sackgasse. Denn Fundamentalismus behauptet starr den alleinigen Besitz der Wahrheit und spricht sie zugleich den anderen ab. Er ist vor allem eine Reaktion auf eine tief verunsicherte Identität:
   Boulad: Der Fundamentalismus, mit dem wir heute über weite Strecken konfrontiert sind, ist größtenteils eine Reaktion, eine Abwehrhaltung und der Ausdruck der eigenen Identitätsvergewisserung, die sich als Reaktion auf die Ungerechtigkeit äußert.
   Nach den Ereignissen des 11. September 2001 habe ich in der Schweiz, in Frankreich und in Belgien eine Vortragsreihe gehalten, und ich habe dabei immer eine Geschichte erzählt: Stellen Sie sich vor, ich fahre mit dem Autobus und mein Nachbar steigt mir auf den Fuß. Ich sage zu ihm: “Entschuldigen Sie bitte, Sie stehen auf mei- nem Fuß.” Der andere sagt darauf: “Das tut mir Leid”, und bleibt weiter darauf stehen. Ich fordere ihn wieder auf von meinem Fuß herunterzusteigen, aber er bleibt ungerührt stehen.  Nach vier-, fünf erfolglosen Aufforderungen schlage ich ihn mit der Faust ins Gesicht. Daraufhin schreien alle im Bus: “Achtung, ein Terrorist!” Denn sie haben den Faustschlag wahrgenommen, aber nicht, dass er die ganze Zeit auf meinem Fuß stand.
   Um das Phänomen des Terrorismus zu verstehen, muss man den Kontext mit einbeziehen. Es gibt auf Seiten der Araber eine riesengroße Frustration in Bezug auf Israel, die USA, den Westen insgesamt, aber auch sich selbst gegenüber. Denn die arabische Welt fühlt sich als minderwertig gegenüber einem Westen, der als Westen der Stärke und der Eroberung auftritt. Das schafft viele Ressentiments. Das ist ein sehr komplexes Phänomen, das nicht nur religiös oder politisch betrachtet werden darf. Es ist vor allem ein psychologisches Problem.
   Zunächst: Was ist Fundamentalismus überhaupt? Der Fundamentalismus ist eigentlich ein protestantisch- amerikanisches Konzept, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann. Es ist eng mit dem Textverständnis beziehungsweise der Buchstabentreue verbunden: dass man einen Text an sich als etwas an sich Unveränderbares, als etwas Heiliges, Unantastbares ansieht. Das führt zur Versteinerung von Religion. Das war auch beim Christentum in den letzten Jahrhunderten der Fall. Aber auch der Koran und seine zahlreichen Kommen- tare werden als sakrale Texte angesehen, die Gott dem Mohammed wirklich Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe so diktiert haben soll. Texte also, die seit mehr als zehn Jahrhunderten nicht mehr adaptiert bezieh- ungsweise geändert wurden.
   J.K.: Für Henri Boulad stellt sich hier die Frage: Wie kann man mit einander in ein echtes Gespräch kommen, wenn dem Islam ein  historisch-kritischer Umgang mit den eigenen Offenbarungstexten fehlt?
   Boulad: Im Arabischen gibt es das Wort “Isch-Dschihad”. “Isch-Dschihad” heißt so viel wie intellektueller Kampf und geistige Anstrengung. Im Islam war es so, dass der Koran und die Kommentatoren des Korans so sehr als etwas Sakrales angesehen wurden, dass den einzelnen Menschen das Recht zu denken abgesprochen wurde. Jeder Mensch, der etwas Eigenes gedacht hatte, wurde im Namen einer orthodoxen Anschauung verurteilt, die auf eine lange Tradition zurückblickt.
   Im 9. Jahrhundert der Begründer des Fundamentalismus war Ibn Hambal, der die Sekte der Hambaliten gegrün- det hat. Dann fünf Jahrhunderte später sein Schüler Ibn Tajimija, der auch für die heutigen Fundamentalisten eine wichtige Referenzperson ist. Und ab dem 17. Jahrhundert entsteht in Saudiarabien der Wahabismus, der dort zur Gründung der theokratischen Gesellschaft führte, die die Scharia zur Grundlage hat.
   Im 20. Jahrhundert gibt es ein Wiedererwachen der Fundamentalisten im Islam: in Pakistan Maududi, in Indien Ekbal, im Iran tritt Khomenei auf, in Ägypten Hassan El Banna und sein radikaler Schüler Sayed Kot'b, auf den sich der Großteil der islamistischen Fundamentalisten heute beruft.
   Parallel mit dem Aufschwung der radikal-islamischen Bewegung entwickelten sich die politischen Bewegungen: Hamas, Hizbollah, Dschihad, die sich vor allem dem Krieg gegen Israel verschrieben haben. Aber diese verschie- denen Bewegungen sind eng miteinander verbunden  und unterstützen sich gegenseitig. Das Problem Israel ist der politische Faktor, der diesen Kampf am Leben erhält. Der Kampf richtet sich auch gegen die USA, insofern sie den Staat und die Politik Israels bedingungslos unterstützen.
   Wenn ich George W. Bush einen Rat geben könnte, wäre es dieser: Der direkte Kampf gegen die Terroristen selbst wird diese langfristig stärken. Wenn man den Terrorismus wirksam bekämpfen will, muss man die wahren Gründe dafür kennen und diese aus der Weit räumen, statt Menschen zu töten.
   J.K.: Der Islam stehe heute vor folgender Alternative: Entweder er lehnt die Moderne ab. Dann werden politische und kulturelle Konfrontationen ausbrechen, die enorm viel Blutvergießen nach sich ziehen. Oder dem Islam gelingt es, die Moderne einzubinden, aber wird er dann noch der Islam sein, fragt Henri Boulad? Und er versucht abschlie- ßend darauf Antworten zu geben, die er bewusst offen halten will.
   Boulad: Ich möchte nur zwei Sätze des alten Königs von Marokko, Hassan II., zitieren. Vor etwa fünf Jahren hat er im französischen Fernsehen TV5 Folgendes gesagt: “Franzosen, macht euch keine Illusionen. Unsere jungen Marokkaner werden sich niemals in eure französische Gesellschaft integrieren. Sie werden immer Fremde in eurem Land bleiben.” Und ein weiterer Satz: “Islam und Laizismus sind inkompatibel.” Das sind Aussagen, die daran zweifeln lassen, ob der Islam eines Tages einen modernen pluralistischen Staat akzeptiert.
   Eine weitere Überlegung in diesem Zusammenhang: Ein junger Franzose algerischer Herkunft wurde von der Polizei in Lyon verhört und nach seiner Identität gefragt: “Bist du ein Franzose oder ein Araber?” Er hat darauf geantwortet “Weder Franzose, noch Araber, sondern ein Muslim.” Die Frage ist hier schon, ob der Islam eine übergeordnete Identität vermittelt.
   Eine dritte Frage: Dazu eine Aussage Ayatollah Khomeinis, der gesagt hat: “Der Islam ist politisch oder er ist nicht.”  Diese enge Verbindung zwischen Politik und Religion scheint im Islam etwas ganz Wesentliches zu sein. Ich glaube: Seit Mohammed Mekka verlassen hat und sich 622 in Medina niederließ, hat der Islam nicht mehr aufgehört politisch zu sein. Drei Viertel der Suren des Koran verweisen auf eine religiös-theokratische Gesellschaft, die von Koran und Scharia dominiert wird. Ist es vorstellbar und zu hoffen, dass Politik und Religion jemals ge- trennt fortbestehen können?
   Eine weitere Frage: Wird es eines Tages gelingen, dass der Islam wirklich religiöse Freiheit zugesteht? Nicht nur, dass es möglich ist, seinen eigenen Kult zu praktizieren, was ja der Fall ist, sondern dass er den Menschen ermöglicht, wirklich ihre Religion frei auszuwählen, dass ein Muslim beispielsweise Christ werden kann, ohne dass er mit dem Leben bedroht wird. Ich kenne kein einziges muslimisches Land, nicht einmal die laizistischen Länder Türkei und Tunesien, wo diese Glaubensfreiheit tatsächlich existiert. Der Islam ist gewissermaßen eine Religion ohne Rückfahrkarte: Man kann eintreten, aber man kann nicht wieder austreten.
   Dann noch eine letzte Frage: Werden die Muslime in Europa, die der Moderne offen gegenüberstehen, die in demokratische Systeme integriert sind, in der Lage sein, einen Islam hervorzubringen, der kompatibel ist mit der Moderne?
   Als Christ in einem muslimisch-arabischen Land ist es nicht meine Aufgabe, darauf eine Antwort zu finden. Ich möchte nur noch eine allerletzte Frage stellen: Was sagt der Islam über sich selbst? Wer kann im Namen des Islam darauf eine Antwort geben? Denn es gibt keine höchste Autorität, die im Namen aller sprechen könnte. Das ist die große Schwierigkeit, die wir heute haben.

Henri Boulad SJ, Kairo       HenriBouladSJx

  Gott bleibt nicht im vollklimatisierten Himmel! Ein Vortrag des Jesuitenpaters Henri Boulad zum Thema: “Christophobie in Europa: Jesus Christus als Stein des Anstoßes”. Der Mystiker aus Kairo sprach in seinem Vortrag von anti-katholischen Strömungen, sprach sich für ein drittes Vatikanisches Konzil aus und erklärte, warum Jesus der eingeborene Sohn Gottes sein müsse.

Europa anti-christlich?

   P. Henri Boulad SJ ortet im heutigen Europa eine anti-christliche Stimmung. Andere Religionen werden sanfter und mit mehr Sensibilität behandelt als das Christentum. Die „political correctness” verbietet, Islam, Buddhismus oder andere Geistesrichtungen zu kritisieren, das Christentum aber wird in Parodien lächerlich gemacht oder heftig kritisiert. Dem Christentum und der katholischen Kirche im besonderen schlägt heftige Ablehnung entgegen. Doch woher kommt diese Entwicklung?
Koloss Kirche
   Boulad bietet mehrere Erklärungsversuche an: Die katholische Kirche gilt nach wie vor als moralische Autorität. Sie hat Einfluss und wird gehört. Das könnte womöglich Angst vor diesem „Koloss” auslösen. Ein weiteres Erklä- rungsmodell geht auf die „Vatermord”-Theorie von Freud zurück. Der Mensch will die töten, von denen er abhängig ist, da deren Autorität seiner Entfaltung im Weg steht.
Christlicher Angstkomplex vor Gott
   Der Jesuitenpater hält aber auch fest, dass die Kirche selbst durchaus Anteil an der Ablehnung hat. Gott wurde beispielsweise lange als unerbittlicher Herrscher und Richter dargestellt. Das habe bei Christen teilweise eine Psychose, einen Angstkomplex vor diesem Gott ausgelöst. Die Kirche hat versucht, Menschen mit Hilfe von Furcht und Schuldgefühlen auf dem rechten Weg zu halten. Dieser Gottesvorstellung wird durch die aktuellen Entwick- lungen der Prozess gemacht. So wandelte sich auch in katholischen Ländern wie Frankreich oder Spanien die Einstellung gegenüber der Kirche ins Gegenteil. Diese Veränderungen lassen sich auch in Holland, Italien, Deutsch- land, Österreich, Kanada usw. feststellen.
Bevormundet Mutter Kirche das großjährige Europa?
   Boulad zeichnet eine interessante Analogie: Europa ist unter dem Einfluss der Kirche entstanden. Damals gab die Kirche autoritär vor, wie man sich zu verhalten hatte. Doch die anfangs schützende Fruchtblase wurde später zum Gefängnis. Wenn man die 20 Jahrhunderte des Christentums als Menschenjahre betrachtet, kam Europa im 14./15. Jahrhundert in die Pubertät. Das war die Zeit von Reformation, französischer Revolution und Aufklärung. Mittlerweile ist Europa großjährig, Standpunkte werden vertreten, Wissenschaft und Vernunft regieren. Aber die Seele von Europa ist christlich geprägt. Viele Werte wurden übernommen. Für Demokratie, Menschenrechte, Öko- logie, Integration und vieles mehr hat die Kirche die Samen ausgesät. Aber jetzt stellt sich die Frage: Wie gestaltet man die Beziehung zwischen Mutter und erwachsenem Kind?
Europa gleichberechtigter Partner
   Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab sich die Kirche als alleinige Hüterin der Wahrheit. Im Zweiten Vatika- num wurden dann die Weichen gestellt, mit den Menschen nicht mehr als Autorität, sondern als gleichberechtigter Partner zu kommunizieren. Ein Dialog wurde begonnen, bei dem die Kirche auch zuhört, was die Menschen zu sagen haben. Boulad sieht dieses Konzil als großes Zeichen der Hoffnung. Er betont, dass trotz konservativer Strömungen Papst Benedikt XVI. zu großer Hoffnung berechtigt, dass der Weg des Konzils wie auch unter Johan- nes Paul II. weiter beschritten wird.
Drittes Vatikanisches Konzil?
   Er selbst würde empfehlen, die Kirche für einige Jahre in einen synodalen Zustand zu versetzen, und in Ge- sprächen mit Katholiken, Evangelischen und Orthodoxen Impulse zu sammeln. Danach würde er ein Drittes Vatikanisches Konzil begrüßen, in dem die Resultate verarbeitet werden.
Jesus Christus als Stein des Anstoßes
   Aber nicht nur das Verhältnis der heutigen Gesellschaft zur Kirche, sondern auch das zu Jesus sieht P. Boulad problematisch. Wenn Jesus ein Prophet oder ein besonders weiser Mann gewesen wäre, gäbe es viele Probleme nicht. Aber Jesus war der eingeborene Sohn Gottes, dieser Punkt ist nicht verhandelbar. Wer Christ ist, glaubt, dass Jesus wahrer Gott und Mensch ist und Brücke zwischen Mensch und Gott. Trotz Toleranz und Dialog ist dieser Punkt als Christ fundamental.
  Jesus selbst fragte seine Jünger einmal Mt 16,15-18: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?” Simon Petrus antworte- te: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
Gott in einer Blutprobe
    Aber wie kann man diesen Anspruch in einem rationalen und wissenschaftlichen Jahrhundert beweisen? Mit einer Computertomographie oder einer Blutprobe lässt sich die Präsenz Gottes in Jesus kaum nachweisen.  Auch mit den gewirkten Wundern wird man nicht weit kommen, die haben auch Paulus, sogar Yogis und Gurus heut- zutage in Indien zustande gebracht.
Gott zu Ausschwitz: „traurig, traurig“
  Henri Boulad sieht für sich selbst eine andere Beweismöglichkeit. Er geht vom Absurden aus. Angenommen Chris- tus wäre nicht Gott, es wäre nur eine Legende, eine Fabel, ein Kindermärchen. Gott dagegen würde in seinem klimatisierten Himmel an einer festlich gedeckten Tafel sitzen und hinter ihm hinge ein Schild „Gott ist die Liebe”. Während er da so säße würde er auf der Erde das KZ in Ausschwitz sehen und sich denken: „traurig, traurig”. Er würde den Irakkrieg sehen und sich denken: „schlimme Sache”. Oder er würde die Hungersnot im Sudan betrachten, bei der 2 Millionen Menschen starben und leise flüstern: „Sachen gibts ...” Er könnte natürlich Mose schicken und andere Propheten. Auch die 10 Gebote würde er den Menschen zukommen lassen. Und wenn das alles nicht helfen würde, würde er zu den Menschen sagen: „Nur Mut, alles geht vorbei. Eines Tages werdet ihr bei mir sein!” Dann würde er weiterspeisen.
Gott kann nicht heruntersteigen, „noblesse oblige”
  Diese Theorie ist für P. Boulad inakzeptabel. Natürlich kann Gott nicht heruntersteigen, er ist schließlich Gott, „noblesse oblige”. Aber Gott, der die Liebe ist, kann aufspringen, Zepter und Mantel wegwerfen und sagen: „Ich muss zu meinen Kindern, sie leiden.” Und das ergibt zwingend die Notwendigkeit der Inkarnation.
   Boulad betont, dass es so zwingend ist, wie dass 2 + 2 = 4 ergibt. Wenn Gott die Liebe ist, steigt er zu uns herunter.
Was wäre das für ein Vater?
  Natürlich ist das für andere Religionen ein Ärgernis. Gott in einem Menschen, ... schwer zu verstehen. Aber was wäre das für ein Vater, der aus dem ersten Stock Ratschläge gibt und zusieht, wie sein Sohn unten zu Tode geprügelt wird. P. Boulad erwähnt einen Fall aus Alexandria, wo wirklich ein Vater seinem Jungen zu Hilfe eilte, und deswegen schwere Verletzungen davontrug. Und wenn das schon ein Mensch schafft, so wird es Gott auf alle Fälle schaffen.
Gott wäre nicht glaubwürdig
   Hätte deshalb das alles nicht stattgefunden, wären Kreuz, Menschwerdung und Christentum ein Mythos, dann wäre Gott nicht glaubwürdig. Traurig für die Menscheit.
Jesus Christus in Zeit und Raum von Beginn bis zum Ende
   Das Drama von Jesus sieht der Jesuitenpater darin, dass er eingeschrieben ist in Raum und Zeit vom Beginn bis zuletzt. Er selbst sieht dieses Kind von Betlehem, den Mann der Schmerzen, den nackten Menschen am Kreuz, der tiefste Not erlebt hat, als einzigen Gott, den er anbeten kann, als größte Offenbarung der Liebe.
Es braucht einen radikalen Schritt
   Glaube ist der Sprung, von dieser These auszugehen. Gottes Gesicht zeigt sich dann in Jesus Christus, man versteht das Christentum von innen. Glaube ist nicht offensichtlich, er erklärt sich nicht von alleine. Es braucht einen radikalen Schritt, ob man hineingeht oder draussen bleibt.
„Das ist der einzige Beweis, den ich liefern kann.“ schließt P. Henri Boulad seinen Vortrag. Zum Schluss sprach P. Henri Boulad aus Kairo gemeinsam mit den Versammelten noch folgendes Gebet:

            Jesus, heute wie damals
            bist du ein Ärgernis, ein Stein des Anstoßes.
            Wie kann man das akzeptieren,
            dass Du, ein Mann auf der Straße,
            der isst, der trinkt, der müde wird, der leidet,
            dass Du die Offenbarung Gottes bist?
            Gott in einem Menschen? Wie denn?
            Gott in der Geschichte? Wie denn?
            Gott in Zeit und Raum? Wie denn?
            Du reichst über Zeit und Raum hinaus.
            Und doch:
            Hättest Du diesen verrückten Schritt,
            diesen unverständlichen, nicht getan,
            wie könntest Du glaubwürdig sagen, dass Gott die Liebe ist?
            Hier in Europa will man Beweise, Argumente hören.
            Ich habe keine anderen Argumente
            - DU hast keine anderen Argumente –
            als die fünf Wunden an Deinem Körper,
            dein geöffnetes Herz,
            die Spuren der Dornenkrone auf deiner Stirn.
            Du hast kein anderes Argument als das nackte Kreuz,
            an dem Du hingst, selbst ganz entblößt.
            Wir nehmen die Kreuze ab, von der Brust und von den Wänden,
            als ob wir uns Deiner schämten.
            Das Kreuz ist für mich der unschlagbare Beweis Deiner Liebe.
            Das Zeichen, dass Du nicht von weitem,
            nicht von einem fernen Himmel aus,
            sondern in der alltäglichen Not,
            im Leid und im Tod mit uns bist.
            So ein Gott
            ist die Antwort auf die Fragen der Menschen von heute.
            Amen
             Übersetzung aus dem Französischen von Christine Hofinger

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Jordanien: Kleine Wunder zwischen den Schulbänken. Katholischen Schulen im  haschemitischen Königreich. Geschichte und Gegenwart einer christlichen Präsenz, die auch bei der muslimischen Mehrheit stets sozialen Konsens gefunden hat.

  Wie jeden lieben Tag, Punkt acht Uhr, stellen sich die Jungen und Mädchen des „Heilig Land”- College unter dem gestrengen Blick von Rektor Abuna Rashid nach Klassen getrennt in Reih und Glied auf. So stillschweigend und diszipliniert, dass man kaum glauben kann, dass sie eben, in Erwartung der Schulglocke, noch lärmend über den Schulhof tobten. Während der kleine Khalid eine jordanische Fahne im Kleinformat hochzieht, rufen alle Kinder - Christen und Muslime - den einen Gott und Vater aller an („Herr, segne uns, unser Land und unsere Schule. Erleuchte unseren Geist und schenke uns Frieden”). Als die Musik einsetzt stimmen die einen beherzt, die anderen ein wenig lustlos die Nationalhymne an: „Long live the King! His position is sublime! His banners waving in glory su- preme!”. Danach laufen sie fröhlich plappernd die Korridore entlang in ihre Klassen, wo sich zu den Kruzifixen und Bildern von König Abdullah II. nun noch Krippen, Nikolause und andere Weihnachtsdekorationen gesellt haben. Was weder die verschleierten Mütter gestört zu haben scheint noch die Väter, die in die Moschee gleich nebenan gehen. An einem der Seiteneingänge steht „1948” geschrieben. Damals, als das haschemitische Königreich Jorda- nien auf dem Minenfeld Nahost seine ersten unsicheren Gehversuche unternahm, gründeten die Patres der Kustodie des Heiligen Landes auf dem Habdale-Hügel gerade ihre Schule. Noch heute eine der anerkanntesten des Landes - ja, des gesamten Nahen Ostens. Ihr Gründer, der heilige Franziskus von Assisi hatte schon 1221 in seiner ersten Regel klargestellt: die Patres sollten nicht zu den Muslimen gehen und dort „streiten und debat- tieren”. Ihre Aufgabe war es, allen zu Diensten sein. Und diese Aufgabe erfüllen die Patres ganz im Sinne der Franziskusregel noch heute. An den Wänden hängen Fotos aus der „Gründerzeit”. Darauf kann man einen blutjungen König Hussein, Prinz Hasan und andere Mitglieder der königlichen Familie erkennen, die die Patres bei offiziellen Anlässen mit ihrem Besuch beehrten. Eine Art „Danksagung” einer jungen islamischen Nation, deren Könige sich der Abstammung von Mohammed rühmen: die Muslime wissen schließlich, wieviel die Franziskaner und andere christliche Schulen für die arabische Jugend jenseits des Jordans tun. „Wir sind stolz auf unsere christ- lichen Schulen, auf den wertvollen Dienst, den sie unserer Gesellschaft erweisen. Wir haben keine Probleme mit ihnen. Die staatlichen Auflagen in Sachen Schülerzahl pro Klasse, Stundenplan und Schulbücher halten sie immer ein,” berichtet Abd al-Majid al-Abbady, hoher Beamter der Abteilung für Privatschulen des Erziehungsministeriums, sichtlich zufrieden.

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  Dennoch laufen die fleißigen Christengemeinschaften in vielen nahöstlichen Gesellschaften Gefahr, zu einem langsam aber sicher vom Aussterben bedrohten Fremdkörper zu werden. Nicht so in Jordanien: dort findet die Vitalität und soziale Integration der christlichen Schulen ipso facto immer mehr Interesse. Für alle eine gute Sache.

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  In Karak, 130 km südlich von Amman, in einer Wüstenlandschaft, die weder über noch unter der Erde Ressourcen zu bieten hat, kann man schon von weitem die Umrisse des Kreuzfahrerschlosses erkennen. Von der Burg, auf der der blutrünstige christliche Fürst von Antiochia, Rainald de Chatillon wütete, sind nur Ruinen geblieben. Im krassen Gegensatz zu dieser düsteren Erinnerung steht die kleine Schule des lateinischen Patriarchats. Voller Leben und fröhlichem Stimmengewirr ist sie noch heute hier, wo sie Don Alessandro Macagno 1876 gegründet hat. Der sagenumwobene Abuna Skandar predigte den christlichen Beduinenstämmen einst im Jordanraum das Evangelium und lebte mit ihnen in Zelten. Für die Eucharistiefeier hatte er immer einen tragbaren Altar dabei. Der osmanische Gouverneur wollte dem Schulbau zunächst nicht zustimmen, mit vereinten Kräften gelang es Christen und Musli- men dann aber doch, seinen Widerstand zu brechen. Die muslimischen Beduinen wussten, dass sie von diesem demütigen und frommen Mann nur Gutes zu erwarten hatten. Er brachte ihnen lesen und schreiben bei - ganz anders als die Beamten des osmanichen Regierungsapparats, die sich nur für Pfründe und Bestechungsgelder zu interessieren schienen.
   Die ersten Schulen jenseits des Jordans waren die der Priester des neu errichteten lateinischen Patriarchats Jerusalem. Damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wirklich kein leichtes Unterfangen in dieser wenig aufgeschlossenen Welt, die vollkommen von den kleinlichen Gesetzen des Tribalismus beherrscht wurde. Die Un- wissenden lehren ist ein Werk der geistigen Barmherzigkeit. Und der Unterricht für alle - Christen und Muslime, Arme und Reiche, Stämme aus Nord und Süd - war letztendlich eine Art passepartout für das apostolische Zeugnis, das nun auch auf dürrem Boden Wurzel fassen konnte. In ländlichen Gebieten ebenso wie in Wüstenzonen, die Jahrhunderte lang keine katholische Pastoralaktivität gesehen hatten. Noch heute sind die Pfarrschulen in Karak, Salt, Hoson, Ajlun, Ader und Anjara im selben Gebäude wie die Kirche untergebracht. Für die gesamte Schulakti- vität ist letztendlich der jeweilige Pfarrer verantwortlich.
  Dank ihrer bahnbrechenden plantatio sind die katholischen Schulen in Jordanien bereits seit geraumer Zeit vollkommen im Land integriert. Als das haschemitische Königreich Jordanien errichtet wurde, war das Schulnetz des lateinischen Patriarchats - das schon bald in Amman durch große Kollegien katholischer Kongregationen „Ver- stärkung” erhielt - noch immer das einzige „autochthone” Bildungssystem.

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  Heute, in einem Jordanien voller undurchschaubarer sozio-ökonomischer Prozesse, an denen auch die Konflikte in den Nachbarländern nicht unschuldig sind, ist sogar die Bildung zum Business geworden. Der Konkurrenzkampf wird immer härter. In den wohlhabenden Vororten der Hauptstadt schießen neue private Handelsschulen wie Pilze aus dem Boden.  Mit so hochtrabenden Namen wie:  Modern American School, Cambridge School, Islamic College, al-Shweifat School ... Gute Arbeit zu leisten ist für die Professoren und das Personal der katholischen Schulen längst mehr als ein ganz persönliches christliches Zeugnis: es ist heute die Garantie für eine gesicherte Existenz- grundlage.
   Im Innenhof der Schule, die in dem christlichen Dorf Fuheis, gleich neben der Pfarrei Herz Mariä, entstehen konnte, wird der Eintretende von einem Gemälde der Jungfrau Maria empfangen. Mit mütterlicher Neugier scheint sie das Plakat zu mustern, das man neben ihr aufgestellt hat: die Liste der „Klassenbesten” eines jeden Schul- jahres. Die kontinuierliche Überprüfung der schulischen Leistungen der kleinen Jordanier mag von außen als über- triebener Leistungsdruck erscheinen. Ein „Ansporn”, der einen unerbittichen Konkurrenzkampf unter den Schülern auslöst und nicht selten zu Frustrationen führt. Aber nur, wenn sie bei diesem Spiel mitmachen, zeigen die christlichen Schulen, dass sie noch immer einen hohen Unterrichtsstandard bieten können. Gerade das macht schließlich die Haupt- anziehungskraft aus, die sie noch heute auf muslimische Familien ausüben. Jedes Jahr er- stellt das jordanische Erziehungsministerium eine Liste der 10 Schüler, die in den einzelnen Fächern am besten abgeschnitten haben. Und jedes Jahr sind unter den begehrten „Top ten” auch Schüler christlicher Schulen, was sich auf den Ruf der jeweiligen Schule natürlich entsprechend positiv auswirkt. Die Schule von Fuheis hat die Namen ihrer kleinen „Genies” sogar auf eine Marmorplatte am Eingang der Schule meißeln lassen: ein kostbares „Denkmal”, das hier ohne falsche Bescheidenheit zur Schau gestellt wird. 

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   Forschen Schrittes eilt Abuna Bashir mit wehender Kutte durch die sonnendurchfluteten Korridore der Pfarrschule von Ader. Er scherzt mit den Kindern, zeigt Bilder von den Schulausflügen, das Zimmer, das eigens für den Nähkurs eingerichtet wurde, und die Klasse, wo eine verschleierte Lehrerin die muslimischen Kinder zum Koranunterricht versammelt hat. „Sie halten gerade ihren Katechismusunterricht ...”, meint der junge Pfarrer verschmitzt. „Wir wissen seit Jahrhunderten, dass man Streit mit den Muslimen am besten aus dem Weg gehen kann, wenn man Diskussionen über die Glaubenslehre oder religiöse Themen vermeidet. Die muslimischen Eltern schicken ihre Kinder gern auf unsere Schulen. Sie wissen, dass sie hier kein alltägliches Ambiente vorfinden, ihre Kinder gut er- zogen werden und niemandem etwas aufgedrängt wird.” Ein altbewährtes Motto, das nicht alle verstehen. „Vor einiger Zeit wollte ein protestantischer Missionar aus Amerika wissen, wie viele Muslime ich im letzten Jahr getauft hätte. Ich antwortete ihm, dass es nicht meine Sorge wäre, die Muslime zu taufen. Und als er wissen wollte, was denn dann meine Sorge wäre, sagte ich, dass ich den Christen  dabei helfen will, dass sie gerne Christen sind. Das ist alles.”
  Die jüngsten Statistiken zeigen, dass im Schuljahr 2005-2006 knapp die Hälfte der mehr als 23.000 Schüler katholischer Schulen aus muslimischen Familien stammten.  Mehr  als ein Viertel der knapp 1.900 Angestellten der christlichen Schulen Jordaniens - Lehrkörper und Verwaltungspersonal - sind ebenfalls Jünger des Propheten Mo- hammed. Die stillschweigende Regel, jeder „Religions”-Diskussion aus dem Weg zu gehen, ist den christlichen Schulen in Fleisch und Blut übergegangen. Und das ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die christlichen und islamischen Stämme jenseits des Jordans in Jahrhunderte langem Zusammenleben erprobt sind, was be- stimmt nicht immer einfach war. Der Wunsch nach einer Vermeidung von „Glaubenskonflikten” bedeutet aber nicht, dass man religiös „sterile” Bereiche schaffen will. Gesetzt wird hier vielmehr auf Methoden, die der gesunde christliche Menschenverstand in jahrzehntelanger Erfahrung entwickelt hat. So beispielsweise die, jede direkte oder unterschwellige Proselytenmacherei zu vermeiden, einen getrennten Unterricht für Christen und Muslime anzubieten, sowie gemeinsame Gebete, mit denen alle die Barmherzigkeit Allahs, Herr aller, erflehen können. Eine Mischung aus Diskretion und Takt im Namen des täglichen Zusammenlebens, und ein Mittel, die Spirale des Misstrauens, die im Alltag immer wieder durchscheinen kann, zu unterbrechen. In der Hoffnung, der Intoleranz auch außerhalb der Klassenzimmer entgegenzuwirken. „Unser Motto lautet: Freunde in der Schule, Freunde in der Gesellschaft” sagt Abuna Rifat Bader stolz. Der Verantwortliche der Schule von Wassieh - eine der jüngsten Schulen des lateinischen Patriarchats - hat auch eine gut besuchte Internetseite in arabischer Sprache einge- richtet, wo man Informationen über die Kirche erhalten kann. 
www.abouna.org

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 „Jemand, der an unserer Schule war und sich hier wohlgefühlt hat, wird kaum schlecht über die Christen reden...” Eine Annahme, die von den vielen kleinen Wundern bestätigt wird, die sich tagtäglich in den Klassenzimmern, im Schulhof und den Korridoren dieser schönen Schule ereignen, die im Heiligen Jahr 2000 in der Wüste entstehen konnte. Während wir uns unterhalten, kann man im Hintergrund den Schulchor hören, der gerade für die Weih- nachtsfeier probt. All diese Theaterszenen, Reime und Weihnachtslieder in arabischer, englischer und italienischer Sprache verweisen auch auf eine Geschichte, die sich vor 2000 Jahren ereignete; ein Kind, das in einer kalten Nacht geboren wurde und in einer Krippe lag, nicht weit von hier. Der Chor besteht aus ca. 30 Kindern. Fast die Hälfte davon Muslime.
Der Hymnus von Pater Emile
   Am Eingang des namhaften „De La Salle”-Kollegs der Brüder der christlichen Schulen hängt das Foto von Papst Benedikt XVI. gleich neben dem von König Hussein und König Abdullah. Pater Emile, kreativer Direktor des Kollegs, hat zu Ehren des Haschemiten-Monarchen sogar einen Hymnus verfasst. Der Ordensmann libanesischer Abstam- mung erläutert uns, wie positiv sich das Zusammenleben von Christen und Muslimen auch auf die Bildung auswirkt („entzündet euer Gehirn am Gehirn anderer, und hell wird die Flamme auflodern”). Aus seiner Ergebenheit der zivilen Macht gegenüber macht er kein Hehl: „Wir können ein ruhiges Leben führen, weil der König, die königliche Familie und die Regierung auf unserer Seite sind. Der ehemalige Ministerpräsident und viele andere Minister haben bei uns die Schulbank gedrückt. Die Kinder des jetzigen Ministerpräsidenten gehen bei uns zur Schule. Solange wir den König haben, machen wir uns keine Sorgen.” Auch Sr. Emilia erwähnt die Prinzessinnen Alia, Aisha und Zayn - Töchter von König Hussein: sie sind bei den Schwestern vom Rosenkranz groß geworden, in der Schule, die Sr. Emilia heute leitet. Dass sie ihre christliche Berufung in den Dienst der muslimischen Mädchen Jordaniens stellte, hat sie nie bereut. Zufrieden blättert sie in den Alben mit den Artikeln und Fotos, auf denen Mitglieder der königlichen Familie und Obrigkeiten des Landes bei den graduation days der Schule zu sehen sind. Darüber, dass der Westen immer verbohrter zu sein scheint, einfach nicht verstehen will, welche Faktoren die delikate Beziehung zwischen islamischer Mehrheit und christlicher arabischer Minderheit in Nahost beeinflussen, kann sie nur den Kopf schütteln. „Die Probleme sind von außen gekommen,” sagt sie. „Aber zum Glück weiß das Königshaus, was man dagegen tun kann.”
  Das Wohlwollen der Haschemiten den christlichen Schulen gegenüber zeigt sich aber nicht nur in der großzügigen Bereitschaft, die Schulabschlussfeiern mit ihrer Anwesenheit zu beehren. Als die Muslimbrüder, die in Jordanien schon immer absolute Handlungsfreiheit hatten, im Namen der militanten Islamisierung der Gesellschaft den Bildungssektor kontrollieren wollten, zögerte das Königshaus nicht, konkrete Gegenmaßnahmen zu ergreifen: Ende der Neunzigerjahre, als ausgerechnet am 25. Dezember Prüfungen abgehalten werden sollten, machte König Abdullah Weihnachten und Neujahr auf den Protest der Christen hin zu gesetzlichen Feiertagen. An den christlichen Schulen wird freitags und sonntags kein Unterricht gehalten, dasselbe gilt auch für den Festtag des Schutzpatrons der einzelnen Schulen.
   Die Sympathie, die die christlichen Schulen dagegen für die Haschemiten empfinden, zeigt sich in der treuen Ein- haltung der staatlichen Schulprogramme. Jadun Salameh, seit 28 Jahren Arabisch-Lehrer an christlichen Schulen, ist das beste Beispiel für diesen erfrischenden Respekt vor den gegebenen Umständen. Ein Leben lang hat er mit größter Selbstverständlichkeit ein Fach unterrichtet, das ein Muss ist für alle Schulen, deren Stundenplan zum Großteil auf dem Koran und den Schriften des Propheten basiert. Immerhin sind sie die religiösen Wurzeln jener islamischen Zivilisation, in deren Mitte er und alle anderen arabischen Christen leben. Dank der respektvollen Vertrautheit, die er inzwischen mit den heiligen Schriften und religiösen Vorstellungen der Muslime hat („manchmal glaubt man mir gar nicht, dass ich Christ bin”), durchschaut er auch die komplizierte Schachpartie, die noch heute um die koranische Inspiration der Bücher und Schulprogramme gespielt wird. Als die Militanten des „Islamischen Wiedererwachens” zwischen 1989 und 1990 - wenn auch nur für wenige Monate - in Jordanien die Leitung des Erziehungsministeriums übernehmen konnten, wähnten sich die Muslimbrüder am Ziel ihrer Wünsche. Die Einfüh- rung einer großzügigen „Dosis” Koran in die Schultexte und das dauernde Einhämmern „islamischer Eroberungs- slogans” kam schon seit geraumer Zeit den Klischees der islamistischen Propaganda entgegen, die nicht müde wurde, den Dschihad gegen die Ungläubigen anzupreisen. Dann aber - seit dem Friedensabkommen mit Israel (1994) und mehr noch seit dem 11. September - scheint der islamistischen Abdrift der Schulprogramme brüsk Ein- halt geboten worden zu sein. Ein „Umschwung”, der zweifellos vom Königshaus diktiert wurde.
  Im November 2004, ein Jahr vor den Attentaten in der jordanischen Hauptstadt, stellte König Abdullah in seiner berühmten „Botschaft aus Amman” klar, „was der wahre Islam ist und was nicht.” Mit dieser Initiative wollte die Haschemiten-Dynastie ihre Rolle als Mittler und Garant des „rechten Verständnisses” des islamischen Glaubens bekräftigen, der als „eine Botschaft der Brüderlichkeit und Menschlichkeit” beschrieben wird, „also das unterstützt, was gut ist und das verbietet, was falsch ist; die anderen akzeptiert und ein jedes menschliches Wesen ehrt.” Dank der Umsetzung dieses Ansatzes auf den schulischen Bereich sind aus den Schulbüchern allmälich alle Texte und Koranzitate, die sich zur fundamentalistischen Instrumentalisierung eignen, verschwunden. Keine Spur mehr von Propagandatreiberei: „Heute enthalten die Bücher nur Koranverse, die eine versöhnende Botschaft haben, die Schönheit der Schöpfung und des friedlichen Zusammenlebens unter den Völkern herausstellen,” meint Jadun Salameh. „Da ist keine Rede mehr davon, die Ungläubigen dem Islam zu unterwerfen, keine Spur mehr von heili- gen Kriegen ...”.

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Eine diskrete Hilfe
   Im praktischen Zusammenleben von Christen und Muslimen setzt man in den christlichen Schulen auf das, was sich in Jahrhunderten gemeinsamen Lebens bereits bewähren konnte. Dennoch laufen diese positiven Erfahrun- gen Gefahr, im jordanischen Alltag als vereinzelte „Überreste” einer Vergangenheit zu erscheinen, der man nur nachtrauern kann. Es muss gar nicht erst betont werden, dass man auch hier in den letzten Jahrzehnten versucht hat, die Brunnen der Toleranz zu vergiften, aus denen eine seit mehr als tausend Jahren dauernde Koexistenz Nahrung zog. Nichts ist mehr wie zuvor. Die antike Praxis des „Aneinandergewöhnens”, die die Beziehungen zwi- schen christlichen und muslimischen Stämmen jenseits des Jordans regelte, hat immer weniger Bestand. Wenn die Schüler der christlichen Schulen an die staatlichen Universitäten wechseln, müssen sie die Einschüchterungs- versuche engstirniger militanter Professoren und Kollegen über sich ergehen lassen, die meinen, diese „törichten” Kinder der jordanischen Nation belehren zu müssen, die wirklich glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Die islamistischen Bewegungen und eine das öffentliche Leben kontrollierende religiöse Militanz, die vor nichts Halt macht, wird für viele zu einer erdrückenden spirituellen Form von „Mobbing.”
   Gerade angesichts dieser Evolution ist den katholischen Schulen klar, dass sie ihre Mission immer mehr im Verborgenen erfüllen, dass es darum geht, die ersten Schritte im gesellschaftlichen Leben vieler christlicher Kinder und Jugendlicher einfach, heiter und ohne Komplexe zu gestalten. Ohne Abwehrhaltung, in einem offenen Ambi- ente, in dem sie Seite an Seite mit ihren muslimischen Altersgenossen heranwachsen können. Es muss ihnen er- möglicht werden, fast schon unmerklich in den Genuss der Früchte jener Unentgeltlichkeit zu kommen, die die christliche Liebe in den alltäglichsten Beschäftigungen erwachsen lässt - bevor auch für sie die Zeit der Prüfungen kommt.
  Pater Hanna Kildani, Verantwortlicher der Schulen des lateinischen Patriarchats jenseits des Jordans, muss jeden Tag mit zunehmend roten Zahlen kämpfen. Eine der negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Nahostkrise ist nämlich auch die deutliche Kürzung der Löhne jener christlichen Mittelschicht, deren Kinder die Schulen des Patriar- chats besuchen. Immer mehr Eltern suchen um teilweise oder vollkommene Befreiung von den Schulgebühren an, die ohnehin nicht einmal annähernd die Unkosten der Schulverwaltung decken. Aber auch die großzügige finan- zielle Unterstützung der allgegenwärtigen Ritter vom Heiligen Grab kann die Bilanzdefizite nicht mehr stoppen. „Das Jahresdefizit der Schulen des Patriarchats steigt immer mehr an. Allein in Jordanien liegt es schon bei zwei Millionen Dollar. Unser Patriarch Michel Sabbah will aber unbedingt die Ausbildung der christlichen Kinder garan- tieren, damit die Christen nicht auch von hier auswandern. Wir wollen um jeden Preis vermeiden dass die christ- lichen Familien ihre Kinder von unseren Schulen nehmen, weil sie es sich nicht mehr leisten können,” erklärt Nader Twal, Pressesprecher der Bildungsabteilung des lateinischen Patriarchats. Manche Eltern nützen das aus, andere wieder tun alles in ihrer Macht Stehende; bezahlen manchmal sogar wie früher „in Naturalien”, in Unzen von Olivenöl. Pater Hanna und seine Mitarbeiter sehen diesen Notstand gelassen. Wie ihre Vorfahren, die an das prekäre Leben in den Beduinenzelten gewöhnt waren, wissen auch sie, dass die Dinge - so Allah will - schon wieder ins Lot kommen.

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Jordanien:Mehr Einschreibungen in Schulen – zusehends rote Zahlen.    Fallstudie

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   Ein Phänomen in Zahlen. In Jordanien gibt es 93 christliche Erziehungs- und Bildungsinstitute: 44 Kindergärten und 49 Schulen. 44 davon sind katholische Schulen: 24 Schulen des lateinischen Patriarchats Jerusalem (dessen Jurisdiktion auch Israel, Palästina und Jordanien umfasst), 10 des melchitischen Patriarchats, eine der katholischen Armenier, 8 werden von lateinischen Kongregationen geleitet (Franziskaner, Lasallianer, Schwestern vom Heiligen Josef und Schwestern vom Rosenkranz,jener in Palästina entstandene Frauenorden, der 5 Bildungsinstitute leitet). Die älteste Schule Jordaniens wurde 1869 von Jean Moretain, Priester des lateinischen Patriarchats, in einem ver- lassenen Haus in Salt gegründet. Die jüngste Schule ist die 2000 in Wassieh gegründete Schule der Mittelstufe im strukturschwachen Süden des Landes: 36 Klassenzimmer, Werkräume, Besprechungszimmer, Theater, Turnhallen.
   Im Schuljahr 2005-2006 gingen 23.670 Schüler auf katholische Schulen, 12.502 davon Christen (52% der Gesamtzahl), 11.168 Muslime. Lehrkörper und Verwaltungspersonal setzten sich laut letzter Daten vom Jahr 2002 in den christlichen Schulen aus insgesamt 1.842 Angestellten zusammen - 1.280 davon Christen, 562 Muslime. Dazu kommen noch Priester, Ordensfrauen und -männer. Die einzelnen Institute haben bei der Auswahl ihres Per- sonals vollkommen freie Hand - vorausgesetzt natürlich, die Bewerber erfüllen die beruflichen Voraussetzungen.
   40 der 58 Erziehungsinstitute des lateinischen Patriarchats - Schulen und Kindergärten - befinden sich in Jorda- nien (13 in Palästina und 5 in Israel). Wenn man ganz Nahost und Nordafrika betrachtet, hält der Vergleich mit anderen arabischen Ländern Überraschungen bereit. In Jordanien gibt es 93 christliche Bildungsinstitute, im Liba- non sogar 341, in Ägypten 130. Aber es handelt sich hier um Länder, in denen autochthone christliche Gemeins- chaften mit Millionen von Gläubigen leben. In Jordanien liegt die Zahl der Getauften bei knapp 120.000, weniger als 4% der Bevölkerung.
    Die Schüler der katholischen Schulen Jordaniens sind laut Daten des Jahres 2006 nahezu gleichmäßig verteilt: 11.944 Jungen und 11.726 Mädchen. Nach Altersklassen eingeteilt, ist festzustellen, dass der Großteil der Schüler (12.537) im Grundschulalter ist (zwischen 6 und 14 Jahren), 5.911 Schüler besuchen die Mittelstufe (7. bis 10. Klasse), 2.249 dagegen die 11. und 12 Oberstufenklasse; am Ende des letzten Jahres (tawjihi) steht dann ein Abschluss, der unserer Abiturprüfung entspricht, die mittels Numerus clausus auch als Selektionsverfahren für den Zugang zu den einzelnen Studiengängen fungiert. 90% der Schüler der katholischen Schulen absolvieren diese Prüfung, um an der Universität studieren zu können.
   Berufungen zwischen den Schulbänken. Ein Großteil der Priesterberufungen der Kirchen des Heiligen Landes entsteht in den jordanischen Schulen. 38 der 51 Studenten des Knabenseminars des lateinischen Patriarchats Jerusalem kommen aus Jordanien. 28 davon waren auf katholischen Schulen, 10 auf staatlichen Schulen. Am Priesterseminar dagegen sind derzeit 16 der insgesamt 23 Seminaristen Jordanier. 12 davon haben die katholi- schen Schulen des haschemitischen Königreichs besucht.
   Beziehungen zur Regierung. Laut Abkommen zwischen Erziehungsministerium und Generalsekretariat für die christlichen Bildungseinrichtungen in Jordanien haben alle christlichen Schulen folgende Feiertage: Weihnachten, Hochfest der Erscheinung des Herrn, Ostern und Christi Himmelfahrt. Die christlichen Schulen (einschließlich der islamischen) erhalten von der Regierung keine direkten Wirtschaftshilfen. Die Möglichkeit, den christlichen Religionsunterricht an staatlichen Schulen einzuführen, was die Regierung 1996 prinzipiell bestätigt hat, konnte bisher verwaltungstechnisch noch nicht umgesetzt werden.
   Begleiterscheinungen. Das irakische Chaos und die israelisch-palästinensische Krise stellen auch die Existenz der christlichen Schulen Jordaniens auf eine harte Probe. Der Preis für das Benzin (das vorher fast gratis aus dem Irak kam) ist allein im vergangen Jahr ums Dreifache gestiegen. Auch der Immobilienmarkt (finanziert von den massiven Investitionen, die die irakische Elite nach Jordanien fließen lässt) erlebt einen wahren „Höhenflug.” Das alles sind nur einige der Faktoren, die der Mittelschicht der Angestellten - traditionelle „Nutznießer” der christlichen Schulen - allmählich den Garaus machen. Die Jahresgebühren für die Schulen des lateinischen Patriarchats - die niedrigsten überhaupt - liegen bei 150 bis 200 Dinar, was der Hälfte der Kosten entspricht, die für die Schule pro Schüler anfallen. Die Zahl der Familien, die nicht einmal diesen Beitrag zur Schulbilanz aufbringen können, der ohnehin nur einen kleinen Teil der Unkosten deckt, wird immer größer. Das steigende Defizit der jordanischen Schulen (2 Millionen Dollar im Jahr 2006) stellt die Hälfte des Gesamtdefizits der Schulen des Patriarchats dar. Ein Defizit, das Jahr für Jahr nur dank der Hilfe der Ritter vom Heiligen Grab und anderer Sponsoren eingedämmt werden kann. Sponsoren wie der Heilig Land Ecumenical Foundation, dem Cambridge Nazareth Trust und nicht zuletzt auch Kardinal Carlo Maria Martini, der 2003 ein Solidaritätsnetz einrichtete, das 64.000 Dollar in die Kassen der Schulen des Patriarchats fließen ließ. Trotz dieser Schwierigkeiten gelang es dem Sekretariat für die christ- lichen Bildungseinrichtungen in Jordanien, für ihre Angestellten auch eine Krankenversicherung abzuschließen.

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Interview mit Khalid Touqan, jordanischer Minister für Erziehung und wissenschaftliche Forschung. Erinnerung an eine schöne Schulzeit. Foto oben: Khalid Touqan mit Pater Rashid Mistrrih,  Leiter des Heilig-Land-Collegs “Collegium Terrae Sanctae”.

   Der 52jährige Ingenieur und dreifache Vater Khalid Touqan leitete bis zum Jahr 2000 das Erziehungsministerium. Ein einzigartiger Fall politischer Langlebigkeit in den jordanischen Regierungsetagen. 2005 war er auch Minister für höhere Bildung und wissen schaftliche Forschung. In seinem mehr als ansehnlichen Lebenslauf (er ist auch Präsi- dent der jordanischen Atomenergiekommission) sind auch Doktortitel und Spezialisierungen in wissenschaftlichen Disziplinen an namhaften amerikanischen Universitäten aufgelistet. Auch sein bemerkenswerter menschlicher und beruflicher Werdegang begann in den christlichen Schulen Jordaniens: als Kind hat er - der angeblich ein gewisses Interesse für den Sufismus hegt - am „Heilig Land”- College der Franziskaner die Schulbank gedrückt. Der jorda- nische Erziehungsminister Khalid Touqan gibt Pater Rashid Mistrih, Leiter des „Heilig Land-College, ein Interview:
Sie sind heute Biidungsminister für alle Schulen Jordaniens. Ihre Schulzeit haben Sie bei den Franziskanern verbracht ...
   KHALID TOUQAN: Das „Heilig Land”-College ist eine Schule mit einem ausgezeichneten Ruf. Man geht dort mit der Zeit. Es ist nach wie vor eine der seriösesten und namhaftesten Schulen Jordaniens, mit einem Niveau, das internationalen Standards in nichts nachsteht. Aber seine Bildungstradition ist auch in unserer Gesellschaft, deren Werten, Tradition und Kultur verwurzelt. Der Lehrkörper hat ein beachtliches Niveau und ist sehr darum bemüht, dass die Schüler optimale Resultate erzielen.
   Die Beziehungen der Schüler untereinander sind freundschaftlich, von gegenseitigem Respekt und Sympathie geprägt. Ich erinnere mich noch heute gern an dieses positive Klima. Lehrer und Schüler vertrauten und respek- tierten einander und waren sich ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst. Die Lehrer hielten die Schüler stets dazu an, sich gut zu benehmen, die moralischen Werte hochzuhalten und gute schulische Leistungen zu bringen. An meine Schulzeit - und ganz besonders diese Schule - denke ich noch heute gerne zurück.
Wie beurteilen Sie die Rolle der christlichen Schulen in der jordanischen Gesellschaft?
   Die christlichen Schulen sind wesentlicher Bestandteil der Privatschulen unseres Landes. Sie sind in die Bildungs- philosophie Jordaniens vollkommen integriert. Alle Schulen des haschemitischen Königreichs Jordanien richten sich natürlich nach dem jordanischen Bildungsprogramm, das den Bildungsinstituten auch die Möglichkeit gibt, zusätz- liche Schulbücher einzuführen. Welche Texte in den Schulen gebraucht werden, wird vom Bildungs- und Unter- richtsrat festgelegt. Und das gilt sowohl für die christlichen Schulen als auch für die anderen jordanischen Schulen. Die christlichen Schulen sind die respektvollsten und diszipliniertesten; sie leisten einen überaus positiven Beitrag. Sie tragen nicht nur die Verantwortung für die Ausbildung der Schüler, sondern gewährleisten auch eine moderne gesellschaftliche Ausbildung, verwurzelt in den Werten des Wohlergehens aller Menschen und der Liebe gemäß der Botschaft Christi - der Friede sei mit Ihm - und aller Propheten der Menschheit.
Wie beurteilen Sie die Lage der christlichen Minderheiten in Jordanien?
  Unsere Christen sind Kinder Jordaniens und tragen dieselbe Verantwortung der gemeinsamen Bürgerschaft wie alle anderen Jordanier auch. Die wertvolle Bildung, die sie erhalten, hat ihnen ermöglicht, Identität und Tradition ihres Heimatlandes zu assimilieren, auf das sie stolz sind und mit dem sie sich verbunden fühlen. Die Tatsache, dass sie eine Minderheit sind, schmälert nicht die Rechte, die die Verfassung ihnen wie auch allen anderen Mit- bürgern garantiert.
   Wie Sie wissen, beinhaltet die christliche Religion einen auf die Transzendenz hin offenen Blick, den Edelmut der Seele, Werte wie Vergebung und gegenseitigen Respekt. Und all das spiegelt sich im Geist und im Wirken der Bildungseinrichtungen der christlichen Schulen wieder, sowohl unter den Lehrern als auch unter den Schülern. Man ist darum bemüht, die vielen Gemeinsamkeiten zwischen muslimischer Religion und Christentum herauszustellen, und das gewährleistet ein Zusammenleben in Frieden, Liebe und Brüderlichkeit.
Im Laufe der Jahrhunderte hat sich in der Geschichte des Islam immer wieder gezeigt, wie wichtig uns Begegnung, Frieden und Kollaboration sind. Im Dialog versucht man, eventuell strittige Fragen zu klären und Meinungen aus- zutauschen. Das alles stets höflich und weit davon entfernt, auf den eigenen Meinungen zu beharren, im gegen- seitigen Respekt für die Überzeugungen des anderen und in der geteilten Sorge um das Wohl des Vaterlandes.
   Die Christen des Orients haben schon immer mit Völkern der Region zusammengelebt, konnten in den Genuss von deren religiösen und bürgerlichen Rechten gekommen. Sie sind Kinder dieses Teils der Erde, haben dieselben Probleme und vertreten dieselben Interessen wie ihre Heimatländer.
Warum schicken so viele muslimische Eltern ihre Kinder auf christliche Schulen?
  Normalerweise wählen Eltern, die ihre Kinder einschulen lassen wollen, die Schule nach deren akademischem Niveau und Bildungssystem aus. Die christlichen Schulen in Jordanien haben einen guten Ruf und ein hohes Bildungsniveau. Und deshalb sind sie natürlich auch dementsprechend gefragt, unabhängig von der Religion der Antragsteller.
   Eltern, die ihre Kinder auf christliche Schulen schicken, tun das wegen des guten Rufs der Schule und wegen des Vertrauens, das diese Schulen bei den Familien genießen. Für die christlichen Eltern ist vielleicht auch die religiöse Bildung, die die christliche Schule gibt, ein entscheidender Faktor. Ihnen ist an einer traditionell christlichen Erziehung gelegen, weil sie wollen, dass ihre Kinder Gläubige sind. 30GiorniGianniValente0612

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Ein Lob auf die gute Arbeit  -   Interview mit Bischof Salim Sayegh - Foto: Bischof Salim Sayegh bei einer Zeremonie in Wadi Karrar, jenem Ort, wo laut jordanischer Archäologen Jesus getauft wurde.

  “Hier bei uns versteht der Herr nicht nur arabisch, er spricht es auch.” Für Salim Sayegh, Patriarchaler Vikar des lateinischen Patriarchats für Jordanien, sind die christlichen Schulen in seinem Land der Beweis dafür, dass die guten Werke immer willkommen sind, unweigerlich jegliches Misstrauen ausräumen. In seinen Augen steckt hinter dem Erfolg der christlichen Schulen kein Geheimnis. „Sie werden offensichtlich von allen geschätzt, weil sie ganz einfach gute Arbeit leisten,” meint er verschmitzt.
Die christlichen Schulen jenseits des Jordans sind wesentlicher Bestandteil der Geschichte dieses Landes ...
  SALIM SAYEGH: Das lateinische Patriarchat war in Jordanien Pionier auf dem Bildungssektor. Seit der Zeit der Tür- ken haben die Priester des lateinischen Patriarchats immer zuerst Schulen gegründet. Die Menschen lesen und schreiben gelehrt. Heute liegen die Dinge anders. Das Bildungsministerium ist gut organisiert, in ganz Jordanien gibt es Schulen, auch viele Privatschulen,die hervorragend funktionieren.
Welche Sendung erfüllen die christlichen Schulen in diesem neuen Kontext?
   Vor allem können sie den Menschen hier, Muslimen und Christen, dabei helfen, sich nicht in einem Ghetto zu ver- schließen. Für Christen und Muslime ist es eine Bereicherung, die ersten Schuljahre und später dann auch die weiterführenden Schulen miteinander erleben zu dürfen. Es ist eine „Vermischung”, die dem gesellschaftlichen Leben gut tut.
Nicht mehr?
   Die Schulen sind vor allem das wichtigste Mittel, das uns für die Erziehung unserer Kinder zum christlichen Glau- ben zur Verfügung steht. Dafür, sie in das Leben der Pfarrei und in das liturgische Leben einzuführen. Viele heu- tige Seminaristen von Beit Jala [Patriarchatsseminar] sind als Kinder und Jugendliche auf die katholischen Schulen Jordaniens gegangen.
Die christlichen Schulen wurden schon von der Haschemiten-Monarchie unterstützt. Könnte sich das ändern, wenn die politische Situation im Land umkippen würde?
  Ich glaube nicht. Wir leben im Orient, und der Orient ist traditionalistisch. Unsere Schulen zu haben gehört sozu- sagen zu unseren erworbenen Rechten, die niemand anfechten würde. Auch als die Minister mit den Muslim- brüdern sympathisierten, stand niemals zur Debatte, die Rolle der christlichen Schulen in Frage zu stellen. Um bei der Wahrheit zu bleiben: Jordanien ist ein armes Land, und wenn sich die christlichen Schulen verpflichten, mehr als 20.000 Schüler zu unterrichten und zu erziehen und das die staatlichen Einrichtungen keinen Dinar kostet, dann wird damit auch der Regierung eine große Last abgenommen.
Vor einigen Jahren haben Sie gesagt, dass die Muslimbrüder in Jordanien keine Gefahr waren. Denken Sie das noch immer?
   Die Muslimbrüder haben nie auf Gewalt zurückgegriffen. Viele von denen, die man als Fundamentalisten bezeich- net, sind anständige Leute, die nur ihren Glauben leben wollen. Ich kenne viele davon, mit einigen bin ich auch befreundet, wir besuchen uns gegenseitig, respektieren einander, ohne Probleme. Natürlich gibt es unter ihnen aber auch den ein oder anderen, der um jeden Preis Karriere machen will, aber das interessiert uns nicht. Und unter denen, die verroht und nicht besonders gebildet sind, ist vielleicht auch der ein oder andere, der zu Aggres- sivität neigt. Das kann vorkommen. Es ist normal. So ist das Leben. Aber ein aggressives, feindseliges Verhalten den Christen gegenüber ist nicht die Regel, sondern eine Ausnahme. Und deshalb gibt es ja auch Gefängnisse: sie sind für die Menschen, die die Gesetze nicht respektieren wollen.
In Europa sind viele der Meinung, dass das Islamische Wiedererwachen unterdrückt werden muss.
   Man muss objektiv sein. Wir arabischen Christen sind in der Minderheit. Hier haben die Muslime das Sagen. Wenn die Muslime nach Europa kommen, haben dort andere das Sagen. Aber in unserem Land haben die, die das Sagen haben, die Dinge sehr ausgewogen eingerichtet. Ein Beispiel, das in Europa undenkbar wäre: hier in Jorda- nien müssen laut Gesetz neun von 120 Parlamentssitzen auf Christen entfallen, andere dagegen wieder auf die Zirkassier, die Beduinen und andere Minderheiten, damit die Rechte aller gewährleistet sind.
Sie zeichnen da ein sehr idyllisches Bild.
   Die Probleme entstehen dort, wo Christen und Muslime untereinander heiraten. Denn hier kommt die Religion ins Spiel. Wenn eine Christin einen Muslim heiratet und nicht zum Islam konvertiert, hat sie kein Erbrecht und kann ihre Kinder nicht erziehen, wie sie will, ja, darf ihre Kinder, wenn ihr Mann stirbt, nicht einmal bei sich behalten. Aber so ist das Gesetz. Es gibt dem muslimischen Ehepartner immer mehr Rechte. Und das ist auch der Grund, warum wir bei derartigen Mischehen nie die Dispens erteilen.
In der Zwischenzeit steht der Nahe Osten an euren Grenzen in Flammen. Und im Westen macht man nicht selten den Islam zum Prellbock.
  Der Westen hat nie verstanden, was der Islam ist, was die Muslime sind. Sonst hätte er in der Palästinenser- Frage anders reagiert, die sich seit fast einem Jahrhundert dahinschleppt. Und er hätte auch in Sachen Irak anders reagiert und nicht versucht, die Menschen mit Füßen zu treten, wie es im Irak oder in Palästina ge- schehen ist.
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 Das Leben der Christen jenseits des Jordans  hing schon seit der Zeit der Apostel von ihrer Diskretion und Anpas- sungsfähigkeit ab.  Eine kluge Nachgiebigkeit, die sich bisher immer bewährt hat. Nun aber ... Foto: Seelenmesse in der orthodoxen Kirche von Amman für die 57 Opfer der Attentate in der jordanischen Hauptstadt 

  Im Innenhof der Schule von Anjara, im Norden Jordaniens, zeigt eine naive Wandmalerei den Knaben Jesus an der Hand Marias und Josefs vor ihrem Haus in Galiläa. Daneben steht ein Bibelzitat in arabischen Lettern. Es bezieht sich auf je ne Stelle des Lukas-Evangeliums, wo die Muttergottes ihren Sohn zurechtweist, der ohne ein Wort zu sagen bei den Lehrern im Tempel von Jerusalem zurückgeblieben war: „Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam.” Ein Beispiel für kindlichen Gehorsam, das auch den lebhaften Schülern nahegelegt wird, die lärmend über den Schulhof toben. Aber auch ein Bild der klugen Anpassungsfähigkeit an historische Gegebenheiten und wechselnde weltliche Mächte, die schon seit jeher aus der Geschichte des Christentums in Jordanien herausscheint.

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   Die Zahl der Getauften im haschemitischen Königreich beläuft sich heute auf wenige Zehntausend. Doch in dem Land jenseits des Flusses, wo Jesus von Johannes dem Täufer getauft wurde, war der Glaube niemals „Fremder”. In Gadara, dessen Ruinen sich nahe dem heutigen Umm Qays befinden, hat Jesus, wie das Matthäus-Evangelium berichtet, die beiden Besessenen geheilt. Paulus dagegen soll das Land bei seiner Reise nach Arabien durchquert haben (Brief an die Galater). In einer Grotte, die man in Ader, in der St.-Josefs-Pfarrei entdeckte, sind noch heute an die Wand gezeichnete Kreuze zu erkennen: Laut Meinung der Experten des Studium biblicum franciscanum Zeichen dafür, dass diese kleine Grotte schon im 1. Jahrhundert ein Treffpunkt für Christen war. Aber vor allem die Ruinen vieler Kirchen aus dem 4. und 5. Jahrhunderts bezeugen, dass das Christentum damals in den helleni- sierten städtischen Zentren ganz Jordaniens erblühen konnte.
   Damals nahmen Bischöfe von Städten wie Philadelphia (heute Amman), Esbus und Aila (heute Aqaba) am Konzil von Nikäa teil. Der Glaube an Jesus konnte auch bei dem ehemaligen Volk der Nabateier Verbreitung finden, des- sen antike Hauptstadt Petra seit 447 eine Kathedrale hat. Außerhalb der Stadtgebiete wurden auch einige ara- bische Nomaden- oder Halbnomadenstämme der Wüste christlich. In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts, als die Einfälle der arabischen Reiterhorden den islamischen Eroberungszug einleiteten, verbündeten sich einige dieser Stämme mit ihren blutsverwandten Invasoren und sicherten sich durch Zahlung von Tributen deren Schutz. Beson- ders der immer noch einflussreiche Stamm der al-Azeizat („die Verstärkung”) kämpfte an der Seite der Krieger des Propheten und erwarb sich so Ruhm und den anhaltenden Respekt der neuen Herren. In den darauf folgenden Jahrhunderten, während die hellenisierten Städte immer mehr verödeten, konnte dank dieser unbedeutenden Stämme jenseits des Jordans eine kleine Präsenz von Christen in einem Gebiet überleben, das nach der Verlager- ung des Kalifen nach Bagdad ebenfalls unbedeutend geworden war. Die erzwungene Errichtung der Kreuzfahrer- fürstentümer jenseits des Jordans änderte nichts an der Situation vor Ort. Erst mit Ankunft der Osmanen gab es dort wieder eine Art politisch-territorialer Administration, die die Rechte der religiösen Minderheiten garantierte, wenn auch auf einer untergeordneten Basis. Die Christen in Transjordanien - unter der Regierung von Soliman II. sollen es weniger als dreitausend gewesen sein - wurden fast alle der Jurisdiktion des griechisch-orthodoxen Pa- triarchen von Jerusalem unterstellt, der ihnen jedoch keinerlei pastoralen Dienst zukommen ließ. In der Anarchie, von der die Region nach wie vor geprägt war, hielten die christlichen Stämme eigentlich nur deshalb an ihrer Zuge- hörigkeit zum Christentum fest, um sich von den anderen Stammes-Clans islamischen Glaubens zu unterscheiden. „Die christlichen Beduinen Jordaniens, die nicht weniger kämpferisch waren als ihre Nachbarn, wussten, wie man sich Respekt verschafft. Für die schwächeren Stämme dagegen war es naheliegend, sich unter den Schutz stärke- rer muslimischer Stämme zu stellen, indem sie Tribute zahlten”
„Gesegnete” Bestechungsgelder
  Mitte des 19. Jahrhunderts wagten sich die christlichen Kirchen Palästinas - Lateiner, Griechisch-Orthodoxe, Angli- kaner - auf der Suche nach ihren autochthonen Gläubigen mit Zustimmung der Hohen Pforte in die Gebiete jen- seits des Jordans vor. Das Patriarchat Jerusalem erwies sich schon bald als dynamischste pastorale Realität. Dank der Gründung der ersten Schulen konnten fromme und findige Missionare mit langen Rauschebärten - darunter Jean Moretain, Giuseppe Gatti, Alessandro Macagno - ein einzigartiges und aufregendes apostolisches Abenteuer erleben. In dem geschlossenen Ambiente, das nun ihre Heimat war, hatten sie nicht nur mit korrupten Politikern und barbarischen Tribalismen zu kämpfen, sondern auch mit religiösen Fanatismen. „Ich sagte das Dominus vobis- cum und predigte meinen Pfarrkindern, und wenn ich nach unten blickte, konnte ich mehr Hörner und Tierköpfe sehen als Gläubige,” berichtet Pater Moretain über seine erste Messe in Salt in einem christlichen Haus, das auch als Stall fungierte. Wenn man Kirchen, Schulen und andere Einrichtungen bauen wollte, musste man sich nicht selten auch mit der Korruption und Geldgier der türkischen Obrigkeiten arrangieren. „Es war allgemein üblich,” schreibt Pierre Medebielle in seiner Geschichte der Mission von Salt, „sich die Freundschaft von Scheichen und tür- kischen Beamten mit Geschenken zu erkaufen. Das ,Können’ bestand darin, diese ,Großzügigkeit’ in einem ver- nünftigen Rahmen zu halten.”
  Schon damals bestand in den Beziehungen zur muslimischen Mehrheit auf beiden Seiten ein Tabu, das eine reli- giöse Abschottung bedeutete. So weiß Medebielle von einem Christen zu berichten, der 1882 seine eigene Tochter enthauptete, weil sie sich einem Muslim hingegeben hatte. Das Verbot, sich in Konversionen zu versuchen einmal dahingestellt, verlief das Zusammenleben normalerweise relativ problemlos, war manchmal sogar von gegen- seitigem Entgegenkommen geprägt: wie damals, als der Scheich von Karak an den Patriarchen von Jerusalem schrieb und ihn bat, für die Seelsorge seiner christlichen Mitbürger einen Priester zu schicken. Dann und wann geriet die zerbrechliche religiöse pax jedoch auch ins Wanken: wenn es z.B. zum Ausbruch von Stammesfehden kam oder der Fanatismus mancher muslimischer Leader die Oberhand gewinnen konnte. Aber die christlichen Gemeinschaften mussten vor allem die Konsequenzen der westlichen Nahost-Politik bezahlen. Im ersten Weltkrieg kam es in der Region zu gewalttätigen Repressalien: die Türken wiegelten die Muslime zu Razzien auf, und ein Großteil der Christen war gezwungen, mit den im Rückzug begriffenen englischen Truppen zu fliehen. Bei ihrer Rückkehr nach Kriegsende bot sich ihnen ein verheerendes Bild: zu Ställen umfunktionierte Kirchen, zerstörte Ordenshäuser und Schulen. Ein Brief von Bishara Farwagi, damals Pfarrer von Salt, vermittelt einen Eindruck der desolaten Situation: „Salt bietet einen bedauernswerten Anblick. Fuheis brennt noch immer: wie mir der Gouver- neur berichtet, ist es ein einziger Trümmerhaufen. [...] Es gibt viel zu tun.”
Zwischen König Hussein und PLO
   Das heutige Jordanien gilt als „gemäßigtes” islamisches Land. Das haschemitische Königreich, das aus dem unter britischer Mandatsverwaltung stehenden Emirat Transjordanien entstanden war, hat nie ein Hehl daraus gemacht, ein muslimischer Staat zu sein. Seine Macht legitimiert es mit der direkten Abstammung seiner Dynastie von Mo- hammed. Die verweltlichenden und progressistischen Theorien des panarabischen Nationalismus, die bis Ende der Siebzigerjahre in den Nachbarländern um sich griffen - von Syrien, über Ägypten bis in den Irak - konnten in Jor- danien nie Fuß fassen. Und während andere arabische Länder Polizeikampagnen gegen die Muslimbrüder an- zettelten, genossen die Militanten des Islamischen Wiedererwachens und die salafitischen Hardliner in Jordanien volle Handlungs- und Propagandafreiheit. Islamische Religion und staatliche Institutionen stehen in einer vorbe- haltslos akzeptierten Wechselwirkung. Der Großmufti und die Imam der Moscheen werden von der bürgerlichen Macht ernannt, die deren Aktivitäten überwacht. Und um die Konformität der Regierungsbeschlüsse mit den Koranvorschriften zu beurteilen, konsultiert man hohe islamische Würdenträger.
   Die Christen Jordaniens haben diese islamische Legitimierung der staatlichen Institutionen grundsätzlich nie be- anstandet und sich mit der moderaten Anwendung der Koran-Gesetze durch die Regierenden zufriedengegeben. Der Islam ist Staatsreligion, aber die Verfassung von 1952 sanktioniert die Gleichheit aller Jordanier vor dem Recht ohne Diskriminierung basierend „auf Rasse, Observanz und Religion”. Garantiert sind „freie Kult- und Religions- ausübung, im Einklang mit dem in Jordanien üblichen Brauchtum”, und auch die Bildungsfreiheit („die Kongre- gationen haben das Recht, eigene Schulen für die Ausbildung ihrer Mitglieder zu haben”, heißt es in Artikel 19).
   In all den Krisen und Stürmen, die Jordanien in den letzten 10 Jahren durchmachen musste, brachten die christ- lichen Minderheiten der Haschemiten-Dynastie stets Loyalität und Dankbarkeit entgegen. Die Massen palästinen- sischer Flüchtlinge, die ihre von Israel besetzten Gebiete verlassen mussten, haben das ethnisch-demographi- sche Profil des Landes langsam aber unwiderruflich verändert. In den Sechzigerjahren waren einige palästinen- sische Christen (wie der aus Salt stammende Marxist Nayef Hawatmeh) in den Führungsspitzen der PLO und anderen Palästinenserorganisationen vertreten - Staat im Staate -, die König Hussein nach den Aufständen von 1970 im Rahmen des berühmten „Schwarzen September” des Landes verweisen ließ. Aber das war der einzige Moment, in dem einige christliche Untertanen palästinensischer Abstammung zwischen der Sympathie für die muslimische Dynastie, die sie „beschützt”, und der Attraktion für die revolutionäre politische Militanz hin und herschwankten, die den Sturz der Monarchie im Auge zu haben schien.

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Foto: König Abdullah II., Prinzessin Ranja mit den Oberhäuptern der Christen in Jordanien.
 ganz links: Georges El-Murr, Erzbischof von Petra und Philadelfia der Melkiten.

Die Geigen von Anjara
    Die Flexibilität der jordanischen Christen den historischen Gegebenheiten gegenüber hat ihnen paradoxerweise dabei geholfen, im öffentlichen Leben, in Politik und Gesellschaft einen Platz einzunehmen, der sicher um einiges bedeutender ist, als die geringe Zahl der Getauften in der jordanischen Bevölkerung vermuten lassen würde.
   Neun von 110 Parlamentssitzen sind Christen vorbehalten. Der derzeitige Arbeitsminister Bassem al-Salem ist Christ, und vorherige Regierungen hatten bis zu drei Minister christlichen Glaubens. In den hohen Rängen des Militärs sind Christen vertreten, am königlichen Hof, in der Verwaltung der Gerichtsbarkeit, in den Führungsspitzen von Unternehmen und jordanischen Banken. Die Journalisten Fahed Alfanek, Tarek Masarwa und Salwa Amarin - drei der einflussreichsten des Landes - sind Christen. Und doch, auch das ein Paradox, gerade dieser gesellschaft- liche Status, der mühelos erworben wurde, ohne die eigene Identität verteidigen zu müssen, hat bei manchen Christen den Eindruck entstehen lassen, sie wären eine Elite, die von den alarmierenden Phänomen „bedroht” wird, die in der Gesellschaft zusehends Form anzunehmen beginnen: Frustration und Ressentiment, endemische Arbeitslosigkeit und unbefriedigtes Konsumverhalten. Phänomene, die in den heruntergekommenen Peripherie- Zonen der Stadtzentren die alten Traditionen der Beduinenstämme zerschlagen und den Slogans der islamis- tischen Ideologie den Weg ebnen. Abu Musab al-Zarqawi, der angebliche Verbindungsmann zu Al Qaida  und zum irakischen Regime  Saddam Husseins, den die US-Strategie zum Medienmythos machte, soll in Zarqa geboren und in jenen Jahren dort aufgewachsen sein, in denen die Peripherie des „jordanischen Chicago” vor palästinen- sischen Flüchtlingslagern aus den Nähten zu platzen drohte. Es ist also nicht weiter verwunderlich, wenn viele reiche christliche Familien Jordaniens ihre unsichere Zukunft als unerträglich empfinden und ihre Kinder ins Ausland schicken. So trägt auch die Emigration der jordanischen Christen zur langsamen Auslöschung der christlichen Ge- meinschaften in den arabischen Ländern bei: eine weitere „Begleiterscheinung” unüberlegter westlicher Geopolitik in Nahost.
   Aber nicht alle können weggehen. Und manche denken gar nicht daran: Die Kinder der Schule von Anjara beispielsweise. Gerade jetzt, wo Pater Hugo zwei Geigen auftreiben konnte und den Leiter der Militärkapelle als „Geigenlehrer” angeworben hat, würden sie sich am liebsten jeden Nachmittag als Geigenvirtuosen versuchen.
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Foto oben rechts: Irakische katholische Mädchen bei der heiligen Messe
in der Christkönigspfarrei in Misdar, im Zentrum von Amman

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