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Nordamerika II

                                                                                                               Fortsetzung von der Seite I > Nordamerika
Papst Franziskus besucht Amerika
Kuba, Washington, New York und Philadelphia

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 Papstpredigt im Madison Square Garden

  Lesen Sie hier die Predigt von Papst Franziskus während der Messe am Madison Square Garden in New York:

   Wir befinden uns im Madison Square Garden, einem Ort, der sinnbildlich für diese Stadt steht. Es ist der Ort wichtiger sportlicher, künstlerischer und musikalischer Veranstaltungen, der Menschen aus verschiedenen Gegenden und nicht nur aus dieser Stadt, sondern aus der ganzen Welt anzieht. An diesem Ort, der die verschiedenen Facetten des Lebens der Bürger darstellt, die hier aus gemeinsamen Interessen zusammenkommen, haben wir die Worte gehört: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht“ Jes 9,1. Das Volk, das inmitten seiner Tätigkeiten, seiner Routinen lebt; das Volk, das seine Erfolge und Misserfolge, seine Sorgen und Erwartungen trägt, sieht ein helles Licht. Das Volk, das mit seinen Freuden und Hoffnungen, seinen Enttäuschungen und Verbitterungen lebt, sieht ein helles Licht.
   Das Volk Gottes ist zu jeder Zeit gerufen, dieses Licht zu betrachten. Ein Licht, das die Heiden erleuchtet – so hat es der greise Simeon voll Freude verkündet. Ein Licht, das in jede Ecke dieser Stadt, zu unseren Mitbürgern, in jeden Bereich unseres Lebens kommen will.
   „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht.“ Eine besondere Gabe des gläubigen Volkes Gottes liegt in seiner Fähigkeit, auch inmitten seiner „Dunkelheiten“ das Licht, das Christus bringt, zu sehen, zu betrachten. Das gläubige Volk kann Gottes lebendige Gegenwart mitten im Leben, mitten in der Stadt sehen, erkennen und betrachten. Mit dem Propheten Jesaja können wir heute sagen: Das Volk, das mitten im Smog wandelt, atmet, lebt, es sieht ein helles Licht, erfährt frische Luft.
   In einer Großstadt zu leben ist etwas recht Komplexes – ein multikultureller Kontext mit großen Herausforderungen, die nicht einfach zu lösen sind. Großstädte weisen uns jedoch auf die verborgenen Schätze in unserer Welt hin: auf die Verschiedenheit der Kulturen, Traditionen und historischen Erfahrungen; auf die Vielfalt der Sprachen, Kleider, Speisen. Großstädte werden zu Polen, welche die mannigfachen Möglichkeiten darzustellen scheinen, die wir Menschen gefunden haben, um dem Leben in den Umständen unseres Daseins Sinn zu geben. Großstädte verbergen ihrerseits die Gesichter all jener Menschen, die scheinbar keine Bürgerschaft haben oder Bürger zweiter Klasse sind. In Großstädten ziehen unter dem Lärm des Verkehrs, unter dem „Rhythmus des Wandels“ so viele Gesichter unbemerkt vorbei, weil sie kein „Recht“ auf Bürgerschaft haben, kein Recht, ein Teil der Stadt zu sein: Es sind Ausländer, ihre Kinder (und nicht nur), die nicht eingeschult wurden, Menschen ohne Krankenversicherung, Obdachlose, alleingelassene alte Menschen. Diese Menschen stehen an den Rändern unserer Straßen, auf unseren Gehwegen, in ohrenbetäubender Anonymität. Sie werden zu einem Bestandteil einer urbanen Landschaft, die in unseren Augen und vor allem in unseren Herzen allmählich selbstverständlich wird.
   Zu wissen, dass Jesus weiter auf unseren Straßen einhergeht, sich wirklich unter sein Volk mischt, eine einzige große Heilsgeschichte mit sich bringt und die Menschen darin einschließt, erfüllt uns mit Hoffnung. Eine Hoffnung, die uns von dieser Macht befreit, die uns dazu treibt, uns abzusondern und uns nicht um das Leben der anderen, das Leben unserer Stadt zu kümmern. Eine Hoffnung, die uns von leeren „Verbindungen“, von abstrakten Analysen oder von oberflächlichen Routinen befreit. Eine Hoffnung, die keine Angst hat, sich einzubringen und so als Sauerteig zu wirken, wo immer sie auch lebt und handelt. Eine Hoffnung, die uns auch mitten im „Smog“ die Gegenwart Gottes erkennen lässt, der weiterhin in unserer Stadt einhergeht.
   Wie sieht dieses Licht aus, das durch unsere Straßen zieht? Wie können wir Gott antreffen, der mit uns inmitten des „Smogs“ unserer Städte lebt? Wie begegnen wir Jesus, der in unseren multikulturellen Städten lebt und arbeitet?
   Der Prophet Jesaja kann uns in diesem Prozess des „Sehen Lernens“ führen. Er stellt uns Jesus vor als „Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“ Jes 9,5. So führt er uns in das Leben des Sohnes ein, damit sein Leben unser Leben sein kann.
   „Wunderbarer Ratgeber“ – Die Evangelien berichten uns, das viele Menschen zu Jesus kamen, um zu fragen: „Meister, was müssen wir tun?“ Die erste Bewegung, die Jesus mit seiner Antwort hervorruft, besteht darin, vorzuschlagen, zu ermutigen und zu motivieren. Immer wieder schlägt er seinen Jüngern vor, zu gehen, hinaus zu gehen. Er drängt sie, hinaus zu gehen und den anderen zu begegnen, wo sie wirklich sind und nicht, wo sie unserer Meinung nach sein sollten. Geht hinaus, immer wieder, geht hinaus ohne Angst, ohne Scheu. Geht hinaus und verkündet die Freude, die für alle Menschen bestimmt ist.
   „Starker Gott“ – In Jesus wurde Gott der Emmanuel, der „Gott-mit-uns“, der Gott, der an unserer Seite geht, der sich in unser Leben mischte, in unsere Häuser, unter unsere „Kochtöpfe“, wie die heilige Teresa von Jesus gern sagte.
   „Vater in Ewigkeit“ – Niemand oder nichts kann uns von seiner Liebe trennen. Geht hinaus und verkündet, geht hinaus und zeigt durch euer Leben, dass Gott in eurer Mitte ist als barmherziger Vater, der morgens und abends hinausgeht, um zu sehen, ob sein Sohn nach Hause zurückkehrt, und, sobald er ihn kommen sieht, ihm entgegenläuft, um ihn zu umarmen. Eine Umarmung, die die Würde seiner Kinder aufnehmen, reinigen und aufwerten möchte. Ein Vater, der in seiner Umarmung den Armen eine frohe Botschaft bringt und alle heilt, deren Herz zerbrochen ist, den Gefangenen die Entlassung verkündet und den Gefesselten die Befreiung vgl. Jes 61,1.
   „Fürst des Friedens“ – Geht hinaus zu den anderen, um die frohe Botschaft zu teilen, dass Gott unser Vater ist, der an unserer Seite geht, uns von der Anonymität, von einem gesichtslosen und leeren Leben befreit und uns in die Schule der Begegnung einführt. Er befreit uns vom Wettbewerbskampf und von der Selbstbezogenheit, um uns den Weg des Friedens zu eröffnen. Dieser Friede kommt von der Annahme des anderen, dieser Friede entsteht im Herzen, wenn wir besonders die am meisten Notleidenden als unsere Brüder und Schwestern betrachten.
   Gott lebt in unseren Städten. Die Kirche lebt in unseren Städten und möchte wie Hefe im Teig sein, sich unter alle mischen, indem sie alle begleitet und die Wundertaten des Wunderbaren Ratgebers, des Starken Gottes, des Vaters in Ewigkeit, des Fürsten des Friedens verkündet.
„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht“, und wir sind seine Zeugen.  rv150923

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Papstrede im Kongress
Franziskus ist der erste Papst, der vor dem Kongress eine Rede hält

Ansprache von Papst Franziskus vor dem Kongress der USA in Washington am 24. September 2015.

Sehr geehrter Herr Vizepräsident, sehr geehrter Herr Sprecher, verehrte Mitglieder des Kongresses,
liebe Freunde,
   ich bin sehr dankbar für Ihre Einladung, vor der gemeinsamen Sitzung des Kongresses in dem »Land der Freien und der Heimat der Tapferen« zu sprechen. Der Grund dafür liegt – so meine ich – darin, dass auch ich ein Sohn dieses großen Kontinentes bin, von dem wir alle so viel empfangen haben und dem gegenüber wir eine gemeinsame Verantwortung tragen.
   Jeder Sohn oder jede Tochter eines Landes hat eine Aufgabe, eine persönliche und soziale Verantwortung. Ihre eigene Aufgabe als Mitglieder des Kongresses besteht darin, durch Ihre gesetzgebende Arbeit diesem Land zu ermöglichen, in seiner Eigenschaft als Nation zu wachsen. Sie sind das Gesicht Ihres Volkes, seine Repräsentanten. Sie sind dazu berufen, in unermüdlichem und eifrigem Streben nach dem Gemeinwohl die Würde Ihrer Mitbürger zu verteidigen und zu bewahren, denn das ist die Hauptsorge allen politischen Handelns. Eine politische Gesellschaft hat Bestand, wenn sie – als ihre Berufung – darum bemüht ist, die allgemeinen Bedürfnisse zu befriedigen, und dabei das Wachstum all ihrer Mitglieder anregt, besonders derer, die sich in Situationen größerer Verwundbarkeit oder Gefahr befinden. Gesetzgebende Arbeit basiert immer auf der Sorge für das Volk. Dazu sind Sie von Ihren Wählern aufgefordert, gerufen und versammelt.
   Ihre Arbeit lässt mich in zweifacher Weise an die Gestalt des Mose denken. Einerseits ist der Patriarch und Gesetzgeber des Volkes Israel ein Symbol für die Notwendigkeit der Völker, durch eine gerechte Gesetzgebung ihr Empfinden der Einheit wachzuhalten. Andererseits führt uns die Gestalt des Mose direkt zu Gott und damit zur transzendenten Würde des Menschen. Mose bietet uns eine gute Synthese Ihrer Arbeit: Sie sind aufgefordert, durch die Gesetzgebung das Gott ähnliche Abbild zu schützen, das dieser jedem menschlichen Gesicht eingeformt hat.
   Ich möchte heute nicht nur zu Ihnen, sondern durch Sie zum gesamten Volk der Vereinigten Staaten sprechen. Hier mit ihren Vertretern vereint, möchte ich diese Gelegenheit wahrnehmen, mit den vielen Tausend Männern und Frauen ins Gespräch zu kommen, die täglich darum bemüht sind, eine ehrenwerte Arbeit zu verrichten, das tägliche Brot nach Hause zu bringen, etwas Geld zu sparen und Schritt für Schritt ein besseres Leben für ihre Familien aufzubauen. Es sind Männer und Frauen, die sich nicht einfach damit zufrieden geben, ihre Steuern zu zahlen, sondern die im Stillen das Leben der Gesellschaft unterstützen, indem sie durch ihr Handeln Solidarität schaffen, und Organisationen ins Leben rufen, die den besonders Bedürftigen Hilfe bieten.
   Ich möchte auch mit den vielen alten Menschen ins Gespräch kommen, die im Laufe der Jahre einen reichen Schatz an Weisheit angesammelt haben und die auf vielerlei Weise – besonders durch die Arbeit als Freiwillige – versuchen, ihre Erfahrungen und Einsichten weiterzugeben. Ich weiß, dass viele von ihnen pensioniert, aber nicht untätig sind; sie bleiben aktiv, um dieses Land aufzubauen. Ich möchte auch mit all den jungen Menschen ins Gespräch kommen, die sich für die Verwirklichung ihrer großen und edlen Anliegen einsetzen, die sich nicht durch einfache Angebote irreführen lassen und die schwierigen Situationen zu begegnen wissen, die nicht selten das Ergebnis der Unreife vieler Erwachsener sind. Mit Ihnen allen möchte ich ins Gespräch kommen, und ich möchte das auf dem Weg über die Geschichte Ihres Volkes tun.
   Mein Besuch findet zu einem Zeitpunkt statt, da viele Menschen guten Willens das Gedächtnis einiger berühmter Amerikaner begehen. Ungeachtet der Vielschichtigkeit der Geschichte und der Realität menschlicher Schwäche waren diese Männer und Frauen bei all ihren Unterschiedlichkeiten und ihren Grenzen durch harte Arbeit, Selbsthingabe – und manche sogar um den Preis ihres Lebens – imstande, eine bessere Zukunft aufzubauen. Sie haben grundlegende Werte geschaffen, die im Geist des amerikanischen Volkes für immer Bestand haben werden. Ein Volk mit dieser Geisteshaltung kann viele Krisen, Spannungen und Konflikte durchleben und dabei immer die Quellen finden, um voranzugehen und dies mit Würde zu tun. Diese Männer und Frauen bieten uns einen Weg, die Wirklichkeit zu sehen und zu interpretieren. Wenn wir ihr Gedächtnis ehren, werden wir angeregt, uns sogar mitten in Konflikten und im Hier und Jetzt des Alltags auf unsere innersten kulturellen Reserven zu stützen.

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   Vier dieser Amerikaner möchte ich erwähnen: Abraham Lincoln, Martin Luther King, Dorothy Day und Thomas Merton.
   In dieses Jahr fällt der hundertfünfzigste Jahrestag der Ermordung von Präsident Abraham Lincoln, dem Hüter der Freiheit, der sich unermüdlich dafür einsetzte, dass »diese Nation unter Gott zu neuer Freiheit geboren werde«. Eine Zukunft der Freiheit aufzubauen verlangt eine Liebe zum Gemeinwohl und eine Zusammenarbeit im Geist der Subsidiarität und der Solidarität.
   Wir alle sind uns der beunruhigenden sozialen und politischen Situation der Welt heute sehr bewusst und über sie besorgt. Unsere Welt ist in zunehmendem Maß ein Ort gewaltsamer Konflikte, von Hass und brutalen Grausamkeiten, die sogar im Namen Gottes und der Religion verübt werden. Wir wissen, dass keine Religionsgemeinschaft gegen Formen individueller Verblendung oder gegen ideologische Extremismen gefeit ist. Das bedeutet, dass wir gegenüber jeder Art von Fundamentalismus – sowohl auf religiösem als auch auf jedem anderen Gebiet – sehr aufmerksam sein müssen. Es bedarf einer feinen Ausgewogenheit, um die im Namen einer Religion, einer Ideologie oder eines Wirtschaftssystems verübte Gewalt zu bekämpfen und zugleich die Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit und die persönliche Freiheit zu schützen. Doch es gibt noch eine andere Versuchung, vor der wir uns besonders hüten müssen: Es ist der grob vereinfachende Reduktionismus, der die Wirklichkeit in Gute und Böse oder, wenn Sie wollen, in Gerechte und Sünder unterteilt. Die heutige Welt mit ihren offenen Wunden, unter denen so viele unserer Brüder und Schwestern leiden, verlangt, dass wir jeder Form von Polarisierung entgegentreten, die eine Aufteilung in diese beiden Kategorien versucht. Wir wissen, dass wir in dem Bestreben, uns von dem äußeren Feind zu befreien, in die Versuchung geraten können, den inneren Feind zu nähren. Den Hass von Tyrannen und Mördern nachzuahmen ist der beste Weg, um ihren Platz einzunehmen. Das ist etwas, das Sie als Volk zurückweisen.
   Unsere Antwort muss dagegen eine Antwort der Hoffnung und Heilung, des Friedens und der Gerechtigkeit sein. Wir sind aufgefordert, den Mut und die Intelligenz aufzubringen, die vielen aktuellen geopolitischen und wirtschaftlichen Krisen zu lösen. Auch in der entwickelten Welt sind die Auswirkungen ungerechter Strukturen und Handlungen allzu offensichtlich. Unsere Bemühungen müssen darauf ausgerichtet sein, wieder Hoffnung zu geben, Ungerechtigkeiten zu korrigieren, Verpflichtungen treu einzuhalten und so das Wohl der Einzelnen und der Völker zu fördern. Wir müssen gemeinsam und geschlossen vorangehen, in einem neuen Geist der Brüderlichkeit und der Solidarität, und hingebungsvoll für das Gemeinwohl zusammenarbeiten.
   Die Herausforderungen, denen wir heute begegnen, erfordern eine Erneuerung jenes Geistes der Zusammenarbeit, der im Laufe der Geschichte der Vereinigten Staaten so viel Gutes vollbracht hat. Die Vielschichtigkeit, der Ernst und die Dringlichkeit dieser Herausforderungen verlangen, dass wir unsere Ressourcen und Talente vereinen und uns entschließen, uns gegenseitig zu unterstützen, und dabei unsere unterschiedlichen Meinungen und unsere Gewissensüberzeugungen respektieren.
   In diesem Land haben die verschiedenen Religionsgemeinschaften bedeutend zum Aufbau und zur Stärkung der Gesellschaft beigetragen. Es ist wichtig, dass die Stimme des Glaubens wie in der Vergangenheit so auch heute weiterhin Gehör findet, denn es ist eine Stimme der Geschwisterlichkeit und der Liebe, die versucht, das Beste jedes Menschen und jeder Gesellschaft zum Vorschein zu bringen. Diese Zusammenarbeit ist ein mächtiges Mittel im Kampf zur Ausrottung neuer Formen von Sklaverei, die aus schweren Ungerechtigkeiten hervorgehen. Und diese können nur durch neue politische Maßnahmen und neue Formen gesellschaftlichen Konsenses überwunden werden.
   Ich denke hier an die politische Geschichte der Vereinigten Staaten, wo die Demokratie tief im Geist des amerikanischen Volkes verwurzelt ist. Alles politische Handeln muss dem Wohl der menschlichen Person dienen und es fördern, und es muss auf die Achtung vor der Würde des Menschen gegründet sein. »Wir halten diese Wahrheiten für offensichtlich, dass alle Menschen gleich erschaffen und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet worden sind, zu denen Leben, Freiheit und Streben nach Glück gehören« Unabhängigkeitserklärung, 4. Juli 1776. Wenn die Politik wirklich im Dienst des Menschen stehen soll, folgt daraus, dass sie nicht Sklave von Wirtschaft und Finanzwesen sein kann. Die Politik ist hingegen ein Ausdruck unserer dringenden Notwendigkeit, in Einheit zusammenzuleben, um gemeinsam das bestmögliche Gemeinwohl zu schaffen: das einer Gemeinschaft, die Einzelinteressen zurückstellt, um in Gerechtigkeit und Frieden ihre Güter, ihre Interessen und ihr gesellschaftliches Leben zu teilen. Ich unterschätze nicht die Schwierigkeit, die das mit sich bringt, doch ich ermutige Sie in diesem Bemühen.
   Hier denke ich auch an den Marsch, den Martin Luther King vor fünfzig Jahren von Selma nach Montgomery anführte als Teil der Kampagne, um seinen „Traum“ von den vollen bürgerlichen und politischen Rechten für Afro- Amerikaner zu verwirklichen – ein Traum, der immer noch in unseren Herzen nachklingt. Ich freue mich, dass Amerika weiterhin für viele ein Land der „Träume“ ist. Träume, die zum Handeln führen, zur Beteiligung, zum Engagement. Träume, die das Tiefste und Wahrste im Leben eines Volkes erwecken.
   In den letzten Jahrhunderten sind Millionen von Menschen in dieses Land gekommen, um ihren Traum vom Aufbau einer Zukunft in Freiheit zu verfolgen. Wir, die Menschen dieses Kontinents, haben keine Angst vor Fremden, denn die meisten von uns sind einst selber Fremde gewesen. Ich sage Ihnen das als Sohn von Einwanderern, da ich weiß, dass viele von Ihnen ebenfalls von Einwanderern abstammen. Tragischerweise sind die Rechte derer, die lange vor uns hier waren, nicht immer respektiert worden. Diesen Menschen und ihren Nationen möchte ich vom Herzen der amerikanischen Demokratie aus erneut meine größte Hochachtung und Wertschätzung versichern. Diese ersten Kontakte waren oft turbulent und gewaltsam, doch es ist schwierig, die Vergangenheit mit den Kriterien der Gegenwart zu beurteilen. Dennoch dürfen wir, wenn ein Fremder in unserer Mitte eine dringende Bitte an uns richtet, nicht die Sünden und Fehler der Vergangenheit wiederholen. Wir müssen uns jetzt entscheiden, so großherzig und gerecht wie möglich zu leben, indem wir die nachfolgenden Generationen lehren, unseren „Nachbarn“ und unserer Umgebung nicht den Rücken zu kehren. Der Aufbau einer Nation fordert uns auf zu erkennen, dass wir ständig mit anderen in Verbindung stehen und die Mentalität der Feindseligkeit ablehnen müssen, um eine Haltung der gegenseitigen Subsidiarität anzunehmen, in dem ständigen Bemühen, unser Bestes zu tun. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt.
   Unsere Welt steht vor einer Flüchtlingskrise, die ein seit dem Zweiten Weltkrieg unerreichtes Ausmaß angenommen hat. Das stellt uns vor große Herausforderungen und schwere Entscheidungen. Auch in diesem Kontinent ziehen Tausende von Menschen nordwärts auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Lieben, auf der Suche nach größeren Möglichkeiten. Ist es nicht das, was wir für unsere eigenen Kinder wünschen? Wir dürfen nicht über ihre Anzahl aus der Fassung geraten, sondern müssen sie vielmehr als Personen sehen, ihnen ins Gesicht schauen, ihre Geschichten anhören und versuchen, so gut wir können, auf ihre Situation zu reagieren. In einer Weise zu reagieren, die immer menschlich, gerecht und brüderlich ist. Wir müssen eine heute allgemeine Versuchung vermeiden: alles, was stört, auszuschließen. Erinnern wir uns an die goldene Regel: »Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen« Mt 7,12.
   Diese Regel weist uns in eine klare Richtung. Behandeln wir die anderen mit derselben Hingabe und demselben Mitgefühl, mit dem wir behandelt werden möchten! Suchen wir für die anderen nach denselben Möglichkeiten, die wir uns selber wünschen! Begleiten wir die anderen in ihrem Wachstum, wie wir gerne selber begleitet werden möchten! Kurz gesagt: Wenn wir uns Sicherheit wünschen, dann sollten wir Sicherheit geben; wenn wir uns Leben wünschen, dann sollten wir Leben geben; wenn wir uns Möglichkeiten wünschen, dann sollten wir Möglichkeiten bereitstellen. Der Maßstab, den wir an die anderen anlegen, wird der Maßstab sein, mit dem die Zeit uns messen wird. Die goldene Regel erinnert uns auch an unsere Verantwortung, menschliches Leben in jedem Stadium seiner Entwicklung zu schützen und zu verteidigen.
   Diese Einsicht hat mich von Anfang meines Dienstes an dazu geführt, mich auf verschiedenen Ebenen für die weltweite Abschaffung der Todesstrafe einzusetzen. Ich bin überzeugt, dass dieser Weg der beste ist, denn jedes Leben ist unantastbar, jeder Mensch ist mit einer unveräußerlichen Würde begabt, und die Gesellschaft kann aus der Rehabilitation derer, die aufgrund von Verbrechen verurteilt sind, nur Nutzen ziehen. Vor Kurzem haben meine Mitbrüder im Bischofsamt hier in den Vereinigten Staaten ihren Aufruf zur Abschaffung der Todesstrafe erneuert. Ich unterstütze sie nicht nur, sondern ich ermutige auch alle, die davon überzeugt sind, dass eine gerechte und notwendige Bestrafung niemals die Dimension der Hoffnung und das Ziel der Rehabilitierung ausschließen darf.
   In diesen Zeiten, in denen soziale Anliegen eine solche Bedeutung haben, darf ich nicht versäumen, die Dienerin Gottes Dorothy Day zu erwähnen, welche die katholische Sozialbewegung Catholic Worker Movement gegründet hat. Ihr soziales Engagement, ihre Leidenschaft für Gerechtigkeit und für die Sache der Unterdrückten waren vom Evangelium, von ihrem Glauben und vom Vorbild der Heiligen inspiriert.
   Wie viel Fortschritt ist auf diesem Gebiet in so vielen Teilen der Welt gemacht worden! Wie viel ist in diesen ersten Jahren des dritten Jahrtausends getan worden, um Menschen aus der extremen Armut herauszuziehen! Ich weiß, dass Sie meine Überzeugung teilen, dass noch viel mehr getan werden muss und dass in Zeiten der Krise und des wirtschaftlichen Engpasses der Geist weltweiter Solidarität nicht verloren gehen darf. Zugleich möchte ich Sie ermutigen, sich all jener in unserer Umgebung zu erinnern, die in einer Armutsspirale gefangen sind. Auch ihnen muss Hoffnung gegeben werden. Der Kampf gegen Armut und Hunger muss beständig und an vielen Fronten ausgefochten werden, besonders in ihren Ursachen. Ich weiß, dass viele Amerikaner heute wie in der Vergangenheit daran arbeiten, mit diesem Problem fertig zu werden.
   Es versteht sich von selbst, dass ein Teil dieser großen Bemühung darin besteht, Wohlstand zu schaffen und zu verteilen. Die rechte Nutzung der natürlichen Ressourcen, die angemessene Anwendung der Technologie und der Einsatz des Unternehmergeistes sind wesentliche Elemente einer Wirtschaft, die bestrebt ist, modern, solidarisch und nachhaltig zu sein. »Die Unternehmertätigkeit, die eine edle Berufung darstellt und darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern, kann eine sehr fruchtbringende Art und Weise sein, die Region zu fördern, in der sie ihre Betriebe errichtet, vor allem wenn sie versteht, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen ein unausweichlicher Teil ihres Dienstes am Gemeinwohl ist« Laudato si‘, 129. Dieses Gemeinwohl schließt auch die Erde ein – ein zentrales Thema der Enzyklika, die ich kürzlich schrieb, um »in Bezug auf unser gemeinsames Haus in besonderer Weise mit allen ins Gespräch [zu] kommen« ebd., 3. »Wir brauchen ein Gespräch, das uns alle zusammenführt, denn die Herausforderung der Umweltsituation, die wir erleben, und ihre menschlichen Wurzeln interessieren und betreffen uns alle« ebd., 14.
   In Laudato si‘ rufe ich zu einer mutigen und verantwortlichen Anstrengung auf, um unseren »Kurs neu [zu] bestimmen« ebd., 61 und die schwerwiegendsten Auswirkungen der durch menschliches Handeln verursachten Umweltschädigung zu vermeiden. Ich bin überzeugt, dass wir etwas verändern können, und habe keinen Zweifel, dass die Vereinigten Staaten – und dieser Kongress – dabei eine wichtige Rolle zu spielen haben. Jetzt ist der Moment für mutige Handlungen und Strategien, die darauf angelegt sind,  eine »Kultur der Achtsamkeit« ebd. 231 einzuführen und »einen ganzheitlichen Zugang, um die Armut zu bekämpfen, den Ausgeschlossenen ihre Würde zurückzugeben und sich zugleich um die Natur zu kümmern« ebd. 139. »Die menschliche Freiheit ist in der Lage, die Technik zu beschränken, sie zu lenken« ebd. 112 und »zu erkennen, wie wir unsere Macht […] ausüben und beschränken müssten« ebd., 78, um so die Technik »in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist« ebd. 112. In dieser Hinsicht bin ich zuversichtlich, dass Amerikas hervorragende Wissenschafts- und Forschungsinstitute in den kommenden Jahren einen entscheidenden Beitrag liefern können.
   Vor hundert Jahren, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, den Papst Benedikt XV. als ein »unnötiges Blutbad« bezeichnete, wurde ein weiterer berühmter Amerikaner geboren: der Zisterziensermönch Thomas Merton. Er ist eine bleibende Quelle spiritueller Inspiration und eine Leitfigur für viele Menschen. In seiner Autobiographie schrieb er: »Ich kam in die Welt. Von Natur aus frei, als Abbild Gottes, war ich trotzdem ein Gefangener meiner eigenen Gewalt und meiner eigenen Ichbezogenheit – ein Abbild der Welt, in die ich hineingeboren worden war. Jene Welt war ein Bild der Hölle, voller Menschen wie ich, die Gott liebten und ihn dennoch hassten, die geboren waren, um ihn zu lieben, und die stattdessen in der Angst eines Hungers lebten, der ohne Hoffnung und in sich selbst widersprüchlich war.« Merton war vor allem ein Mann des Gebetes, ein Denker, der die Sicherheiten seiner Zeit herausgefordert und neue Wege für die Seelen und für die Kirche erschlossen hat. Er war auch ein Mann des Dialogs, ein Förderer des Friedens zwischen Völkern und Religionen.
   Aus dieser Perspektive des Dialogs möchte ich die Bemühungen würdigen, die während der letzten Monate unternommen wurden, um zur Überwindung historischer Unstimmigkeiten beizutragen, die mit schmerzlichen Geschehnissen aus der Vergangenheit verbunden waren. Es ist meine Pflicht, Brücken zu bauen und allen Menschen zu helfen, auf jede mögliche Weise dasselbe zu tun. Wenn Länder, die miteinander im Konflikt standen, den Weg des Dialogs einschlagen – eines Dialogs, der aus sehr legitimen Gründen unterbrochen sein mag –, öffnen sich neue Möglichkeiten für alle. Dazu brauchte und braucht es weiterhin Mut und Kühnheit, was nicht mit Verantwortungslosigkeit zu verwechseln ist. Ein guter politischer Leader ist, wer im Gedanken an die Interessen aller die Gunst der Stunde zu nutzen weiß, in einem Geist der Offenheit und des Pragmatismus. Ein guter politischer Leader entscheidet sich immer dafür, Prozesse in Gang zu setzen, anstatt Räume zu besitzen vgl. Evangelii gaudium 222-223.
   Im Dienst des Dialogs und des Friedens zu stehen bedeutet auch, aufrichtig entschlossen zu sein, die vielen bewaffneten Konflikte in aller Welt abzuschwächen und letztlich zu beenden. Hier müssen wir uns selber fragen: Warum werden tödliche Waffen an die verkauft, welche planen, Einzelnen und Gesellschaften unsägliches Leid zuzufügen? Leider ist die Antwort, wie wir alle wissen: einfach um des Geldes willen. Für Geld, das von Blut – oft unschuldigem Blut – trieft. Angesichts dieses beschämenden und schuldhaften Schweigens ist es unsere Pflicht, dem Problem entgegenzutreten und den Waffenhandel zu stoppen.
   Drei Söhne und eine Tochter dieses Landes, vier Einzelpersonen und vier Träume: Lincoln – Freiheit; Martin Luther King – Freiheit in der Vielfalt und Nicht-Ausschließung; Dorothy Day – soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte; Thomas Merton – Fähigkeit zum Dialog und Öffnung auf Gott hin.
Vier Vertreter des amerikanischen Volkes.
  
Ich werde meinen Besuch in Ihrem Land in Philadelphia abschließen, wo ich am Weltfamilientreffen teilnehmen werde. Es ist mein Wunsch, dass während meines gesamten Besuchs die Familie ein immer wiederkehrendes Thema ist. Wie wesentlich ist die Familie für den Aufbau dieses Landes gewesen! Und wie sehr verdient sie weiterhin unsere Unterstützung und unsere Ermutigung!  Doch kann ich meine Sorge um die Familie nicht verbergen, die – vielleicht wie nie zuvor – von innen und von außen bedroht ist. Grundlegende Beziehungen wie die eigentliche Basis von Ehe und Familie werden in Frage gestellt. Ich kann die Bedeutung und vor allem den Reichtum und die Schönheit des Familienlebens nur immer wieder betonen.
   Im Besonderen möchte ich die Aufmerksamkeit auf jene Familienmitglieder lenken, die am meisten verletzlich sind, nämlich die jungen Menschen. Vielen von ihnen winkt eine Zukunft voller unzähliger Möglichkeiten, doch sehr viele andere scheinen desorientiert und ziellos,  gefangen in einem ausweglosen Labyrinth von Gewalt, Misshandlung und Verzweiflung. Ihre Probleme sind unsere Probleme. Wir können ihnen nicht aus dem Weg gehen. Wir müssen sie gemeinsam angehen, darüber sprechen und wirksame Lösungen suchen, anstatt uns in Diskussionen zu verzetteln. Auf die Gefahr hin, allzu sehr zu vereinfachen, könnten wir sagen, dass wir in einer Kultur leben, die junge Menschen zwingt, keine Familie zu gründen, weil es ihnen an Chancen für die Zukunft mangelt. Und auf der anderen Seite bietet diese selbe Kultur anderen so viele Wahlmöglichkeiten, dass auch sie von der Gründung einer Familie abgehalten werden.
   Eine Nation kann als bedeutend angesehen werden, wenn sie wie Abraham Lincoln die Freiheit verteidigt; wenn sie eine Kultur pflegt, welche die Menschen befähigt, vom vollen Recht für alle ihre Brüder und Schwestern zu „träumen“, wie Martin Luther King es ersehnte; wenn sie so nach Gerechtigkeit strebt und sich um die Sache der Unterdrückten bemüht, wie Dorothy Day es tat in ihrer unermüdlichen Arbeit, der Frucht eines Glaubens, der zum Dialog wird und Frieden sät im kontemplativen Stil Thomas Mertons.
   In diesen Bemerkungen habe ich versucht, etwas von dem Reichtum Ihres kulturellen Erbes, vom Geist des amerikanischen Volkes darzustellen. Es ist mein Wunsch, dass dieser Geist sich weiter entfaltet und wächst, so dass möglichst viele Jugendliche ein Land erben und darin leben können, das unzählige Menschen veranlasst hat zu träumen. Gott segne Amerika!  Rv150924no

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Der Papst, ein Politiker? „Their problems are our problems"
Die zweite Politikerrede des Papstes nach der in Santa Cruz

   „Die Zukunft der Welt liegt nicht nur in den Händen der Mächtigen, der großen Mächte und der Eliten. Sie liegt grundsätzlich in den Händen der Völker und in ihrer Fähigkeit, sich zu organisieren. Es liegt in ihrer Hand, die mit Demut und Überzeugung den Prozess des Wandels leiten kann." Richtig, das ist ein Papst-Franziskus-Zitat. Und nein, es ist nicht in den USA oder in Kuba gefallen. Es stammt aus einer Rede, die man am besten mit der vor dem US-Kongress zusammen lesen sollte. Die beiden gehören zusammen. Die Rede hat der Papst in Santa Cruz in Bolivien gehalten, vor dem Treffen der Volksbewegungen, die so ziemlich in allen Aspekten das genaue Gegenteil des US-Kongresses sind. Es ist spannend, diese beiden Perspektiven des Papstes zusammen zu sehen, weil man dann nämlich feststellt, dass sie gar nicht so weit voneinander entfernt liegen:  RV150926ordEinige Beobachtungen von Pater Bernd Hagenkord

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Papst besucht Armenschule in Harlem  - Der Papst bei den Kindern

   Er war selbst einmal Lehrer, vor einem halben Jahrhundert: zuerst in einer ärmlichen Dorfschule in Chile, dann an einem der prestigeträchtigsten Kollegs seiner Heimat Argentinien. An diesem Freitagnachmittag (Ortszeit) nun kam Padre Bergoglio, heute Papst Franziskus, gewissermaßen zurück an die Schule: Im New Yorker Stadtteil Harlem (nicht gerade da, wo die Reichen und Berühmten wohnen), besuchte er die Grund- und Mittelschule „Maria, Königin der Engel“, an der knapp dreihundert Kinder im Alter von fünf bis vierzehn Jahren pauken – siebzig Prozent von ihnen dank eines Stipendiums.
   Man nennt sie „dreamers“, zu deutsch „Träumer“: weil sie hoffen, dass sich bei ihnen der amerikanische Traum bewahrheitet, vom Tellerwäscher zum Millionär. Fast alle Schüler an der „Queen of Angels“-Schule, die der Papst an diesem Freitag traf, kommen aus einkommensschwachen Familien; die Eltern sind in der Regel Einwanderer aus Lateinamerika oder Flüchtlinge aus Afrika bzw. dem Nahen Osten. Auf diesen oft nicht so gut ausgeleuchteten Teil der New Yorker Wirklichkeit wollte der lateinamerikanische Papst bei seinem Besuch in New York den Scheinwerfer richten. Die Einrichtung von Harlem ist eine von sechs Schulen in ärmeren Stadtteilen, die von einer katholischen karitativen Vereinigung namens „Partnership“ unterhalten werden.
   Mit Gesängen begrüßten die Kinder Franziskus in ihrer Turnhalle; er bat scherzhaft um Entschuldigung, dass er mit seinem Besuch „ein paar Minuten der Schulstunde stehle“, und lobte („Wie gut ist das!“) den kulturellen Mix an der „Queen of Angels“.
   „Wie schön ist es, die Schule wie ein zweites Zuhause zu empfinden. Das ist nicht nur für euch wichtig, sondern auch für eure Familien. Auf diese Weise wird die Schule zu einer großen Familie für alle. Eine Familie, wo wir zusammen mit unseren Müttern und Vätern, unseren Großeltern, unseren Erziehern, Lehrern und Kameraden lernen, uns gegenseitig zu helfen, die guten Eigenschaften jedes Einzelnen miteinander zu teilen, unser Bestes zu geben, als Team zu arbeiten und unsere Ziele beharrlich weiterzuverfolgen.“
   Franziskus erinnerte Schüler und Lehrer (wie tags zuvor schon die edlen Zuhörer im US-Kongress in Washington) an das berühmte „Ich habe einen Traum“ von Martin Luther King: „Es ist schön, Träume zu haben und für sie kämpfen zu können! Heute wollen wir weiter träumen und all die Chancen begrüßen, die euch und uns Erwachsenen erlauben, nicht die Hoffnung auf eine bessere Welt mit größeren Möglichkeiten zu verlieren.“ Rv150925sk

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Papst am Ground Zero: Propheten des Friedens, nicht der Zerstörung. Ein New Yorker Imam und ein Rabbi
geben sich die Hand bei Interreligiöser Begegnung mit Papst Franziskus am Ground Zero.

  Papst Franziskus hat bei der interreligiösen Begegnung an der Gedenkstätte Ground Zero in New York zum Frieden zwischen den Kulturen und Religionen aufgerufen. Es gelte, sich vom Versuch der Uniformität frei zu machen und in einer „versöhnten Verschiedenheit“ zur Einheit zu finden. Bei der Gedenkveranstaltung nahm auch der Erzbischof von New York, Kardinal Timothy Dolan, teil sowie Vertreter aus Hinduismus, Buddhismus, Judentum und Islam. Dolan betonte in seiner Begrüßung, dass die Vorfahren der New Yorker in diese Stadt auch für die Religionsfreiheit gekommen seien. Und sie hätten in New York eine Atmosphäre des Respekts und der Anerkennung für religiöse Vielfalt gefunden.
   Papst Franziskus sagte in seiner Rede, die Angriffe vom 11. September 2001 seien geschehen aufgrund einer „Mentalität, die nur Gewalt, Hass und Rache kennt – einer Mentalität, die nur Kummer, Leiden, Zerstörung und Tränen verursachen kann.“
   „Dies ist ein Ort, an dem wir Tränen vergießen und weinen aus einem Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber Unrecht und Mord und angesichts des Scheiterns, Konflikte durch Dialog zu lösen. Hier betrauern wir den ungerechten und sinnlosen Verlust unschuldigen Lebens aufgrund der Unfähigkeit, Lösungen zu finden, die das Gemeinwohl respektieren.“
   Dabei bezog sich Franziskus auch auf aktuelle Krisen und Konflikte, bei denen religiöse Gewalt und Hass Leid verursachten: „Dieses fließende Wasser erinnert uns an die Tränen von gestern, aber auch an all die Tränen, die heute immer noch vergossen werden.“
   Vor seiner Ansprache traf Franziskus Familien, deren Angehörige durch Erste-Hilfe-Einsätze bei der Katastrophe ums Leben gekommen waren. In der Begegnung mit ihnen sei ihm deutlich geworden, dass Taten der Zerstörung niemals unpersönlich, abstrakt oder bloß materiell seien, so Franziskus. Sie hätten immer ein Gesicht, eine konkrete Geschichte und Namen. In diesen Familienmitgliedern sei das Gesicht des Schmerzes zu sehen, „der uns immer noch berührt und der zum Himmel schreit“.
   Zugleich, so Franziskus, werde hier das andere Gesicht dieses Angriffs und der Trauer sichtbar: die Macht der Liebe und des Gedenkens, „das uns nicht leer und in uns gekehrt zurücklässt“. Rund um die „Fußabdrücke“ der Türme seien die Namen vieler geliebter Personen eingraviert. „Wir können sie sehen, wir können sie berühren, und wir können sie für immer unvergessen bewahren.“
   „Hier, inmitten von Schmerz und Trauer, wird uns auch die heroische Güte deutlich spürbar, zu der Menschen fähig sind – jene verborgenen Reserven an Kraft, von denen wir zehren können. In den Untiefen von Schmerz und Leid haben Sie auch die Gipfel der Großherzigkeit und des Dienens bezeugt. Hände wurden gereicht, Leben hingegeben. In einer Metropole, die unpersönlich, gesichtslos, einsam erscheinen könnte, haben Sie die mächtige Solidarität bewiesen, die aus gegenseitiger Unterstützung, Liebe und Selbstaufopferung entspringt.“
   Niemand habe sich dabei um Hautfarbe, Nationalität, Stadtviertel, Religion oder Politik gekümmert. Es sei um Solidarität, unmittelbare Not und Brüderlichkeit gegangen. Franziskus erinnerte in diesem Zusammenhang auch an die Feuerwehrmänner von New York City, die bei ihrem Einsatz ums Leben kamen, um andere zu retten.
   „Der Ort des Todes wurde auch zu einem Ort des Lebens, zu einem Ort geretteten Lebens, zu einem Hymnus auf den Triumph des Lebens über die Propheten von Zerstörung und Tod, auf den Triumph der Güte über das Böse, der Versöhnung und Einheit über Hass und Spaltung.“
   Mit der Hilfe Gottes sei es möglich, alle Gefühle des Hasses, der Vergeltung und der Verbitterung aus unseren Herzen verbannen, so Franziskus. Er forderte die Anwesenden zu einer Schweigeminute auf, um für Frieden zu beten. Jeder Mensch sei aufgerufen, ein Prophet der Versöhnung und des Friedens zu sein in unseren Häusern, unseren Familien, unseren Schulen und unseren Gemeinschaften und an all den Orten, wo der Krieg nie zu enden scheine.
   Neben dem Papst hielten der Rabbiner Elliot Cosgrove von der Park Avenue Synagoge und der New Yorker islamische Geistliche Khalid Latif eine Reflexion zu interreligiöser Toleranz. Rabbiner Cosgrove betonte, es sei Aufgabe aller Religionen, den Opfern und Angehörigen dieser Katastrophe ein – mit den Worten Franziskus‘ gesprochen – „Feldlazarett“ zu sein, um ihre Wunden zu heilen und ihre Herzen zu wärmen. Die Toten ehrte er – erneut mit Franziskus gesprochen – als „Werkzeuge des Friedens“ der Stadt und der ganzen Nation.
   Imam Khalid Latif verurteilte die Angriffe vom 11. September als ignorant und intolerant. Bei der interreligiösen Begegnung stünden alle als Brüder und Schwestern zusammen gegen die „Gegner der Religionsfreiheit“. Verständigung trete hier an die Stelle von Ignoranz, Unterschiede müssten noch stärker toleriert werden.
   In Englischer Sprache betete der Papst für die Opfer und den Frieden. Es schlossen sich Meditationen aus dem Hinduismus, Buddhismus, Islam, Christentum und dem Judentum an. Rv150925cz

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Foto: Papst Franziskus bei der Interreligiösen Begegnung am Ground Zero.
Papstrede zur interreligiösen Begegnung am Ground Zero

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Lesen Sie hier die Ansprache von Papst Franziskus während der interreligiösen Begegnung am Ground Zero:

Liebe Freunde,
   viele verschiedene Gefühle steigen in mir auf, während ich hier am Ground Zero stehe, wo Tausende von Menschenleben in einem sinnlosen Zerstörungsakt hingerafft wurden. Hier ist die Trauer geradezu greifbar. Das Wasser, das wir in jene leere Grube fließen sehen, erinnert uns an all die Leben, die denen zum Opfer fielen, die meinen, dass Zerstörung und Niederreißen der einzige Weg zur Lösung von Konflikten ist. Es ist der lautlose Schrei derer, die Opfer einer Mentalität wurden, die nur Gewalt, Hass und Rache kennt – einer Mentalität, die nur Kummer, Leiden, Zerstörung und Tränen verursachen kann.
   Das fließende Wasser ist auch ein Symbol für unsere Tränen. Tränen über so viel Zerstörung und Verderben in Vergangenheit und Gegenwart. Dies ist ein Ort, an dem wir Tränen vergießen und weinen aus einem Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber Unrecht und Mord und angesichts des Scheiterns, Konflikte durch Dialog zu lösen. Hier betrauern wir den ungerechten und sinnlosen Verlust unschuldigen Lebens aufgrund der Unfähigkeit, Lösungen zu finden, die das Gemeinwohl respektieren. Dieses fließende Wasser erinnert uns an die Tränen von gestern, aber auch an all die Tränen, die heute immer noch vergossen werden.
   Vor wenigen Minuten habe ich einige Familien derer getroffen, die in ihrem Dienst der Ersten Hilfe umgekommen sind. In der Begegnung mit ihnen habe ich wieder einmal gesehen, wie Taten der Zerstörung niemals unpersönlich, abstrakt oder bloß materiell sind. Sie haben immer ein Gesicht, eine konkrete Geschichte und Namen. In diesen Familienmitgliedern sehen wir das Gesicht des Schmerzes, eines Schmerzes, der uns immer noch berührt und der zum Himmel schreit.
   Zugleich haben mir diese Familienmitglieder das andere Gesicht dieses Angriffs, das andere Gesicht ihrer Trauer gezeigt: die Macht der Liebe und des Gedenkens. Ein Gedenken, das uns nicht leer und in uns gekehrt zurücklässt. Rund um die „Fußabdrücke“ der Türme sind die Namen vieler geliebter Personen eingraviert. Wir können sie sehen, wir können sie berühren, und wir können sie für immer unvergessen bewahren.
   Hier, inmitten von Schmerz und Trauer, wird uns auch die heroische Güte deutlich spürbar, zu der Menschen fähig sind – jene verborgenen Reserven an Kraft, von denen wir zehren können. In den Untiefen von Schmerz und Leid haben Sie auch die Gipfel der Großherzigkeit und des Dienens bezeugt. Hände wurden gereicht, Leben hingegeben. In einer Metropole, die unpersönlich, gesichtslos, einsam erscheinen könnte, haben Sie die mächtige Solidarität bewiesen, die aus gegenseitiger Unterstützung, Liebe und Selbstaufopferung entspringt. Niemand kümmerte sich um Hautfarbe, Nationalität, Stadtviertel, Religion oder Politik. Alles war eine Frage der Solidarität, der unmittelbaren Not, der Brüderlichkeit. Es ging darum, einander Brüder und Schwestern zu sein. Die Feuerwehrmänner von New York City kletterten in die zusammenbrechenden Türme, ohne auf ihr eigenes Wohl zu achten. Viele kamen um; ihr Opfer ermöglichte zahlreichen anderen, gerettet zu werden.
   Der Ort des Todes wurde auch zu einem Ort des Lebens, zu einem Ort geretteten Lebens, zu einem Hymnus auf den Triumph des Lebens über die Propheten von Zerstörung und Tod, auf den Triumph der Güte über das Böse, der Versöhnung und Einheit über Hass und Spaltung.
   Es ist eine Quelle großer Hoffnung, dass ich an diesem Ort der Trauer und des Gedenkens mit Führungspersönlichkeiten zusammentreffen kann, welche die vielen religiösen Traditionen vertreten, die das Leben dieser großen Stadt bereichern. Ich vertraue darauf, dass unser Zusammensein hier ein machtvolles Zeichen für unseren gemeinsamen Wunsch sein wird, eine Kraft für Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit zu sein in dieser Gemeinschaft und auf der ganzen Welt. Bei all unseren Unterschieden und Meinungsverschiedenheiten können wir doch in einer Welt des Friedens leben.  Indem wir uns jedem Versuch, eine starre Uniformität zu bilden, widersetzen, können und müssen wir auf der Grundlage unserer Verschiedenheit der Sprachen, Kulturen und Religionen Einheit bilden und unsere Stimme gegen alles erheben, was einer solchen Einheit im Wege stehen könnte. Gemeinsam sind wir aufgerufen, zu jedem Versuch, Uniformität aufzuzwingen, „Nein“ zu sagen und hingegen „Ja“ zu sagen zu einer akzeptierten und versöhnten Verschiedenheit.
   Das kann nur geschehen, wenn wir alle Gefühle des Hasses, der Vergeltung und der Verbitterung aus unseren Herzen verbannen. Wir wissen, dass das nur möglich ist als ein Geschenk des Himmels. Hier an dieser Gedenkstätte möchte ich Sie alle bitten, dass wir gemeinsam – jeder und jede Einzelne in der eigenen Weise – einen Moment im Schweigen und im Gebet verharren. Lassen Sie uns vom Himmel die Gabe erbitten, dass wir uns für die Sache des Friedens engagieren. Für den Frieden in unseren Häusern, unseren Familien, unseren Schulen und unseren Gemeinschaften. Frieden an all den Orten,  wo der Krieg nie zu enden scheint. Frieden für die Gesichter, die nichts anderes als Schmerz erfahren haben. Frieden überall in dieser Welt, die Gott uns geschenkt hat als ein Haus von allen und ein Haus für alle. Einfach FRIEDEN.

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   Auf diese Weise wird das Leben unserer Lieben nicht ein Leben sein, das eines Tages vergessen sein wird. Sie werden stattdessen immer zugegen sein, wenn wir uns bemühen, Propheten nicht des Niederreißens, sondern des Aufbauens zu sein, Propheten der Versöhnung, Propheten des Friedens. 

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Papstansprache vor Immigranten in Harlem – Foto: Der Papst bei den Kindern - Lesen Sie hier die Ansprache von Papst Franziskus bei seiner Begegnung mit Kindern und Familien von Immigranten in einer Schule in Harlem:

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Liebe Kinder,
   ich freue mich, heute hier bei euch zu sein, zusammen mit dieser großen Familie, die mitgekommen ist. Ich sehe eure Lehrer, eure Eltern und eure Verwandten. Danke, dass ihr mich empfangt. Ich bitte besonders eure Lehrer um Entschuldigung, dass ich ihnen ein paar Minuten der Schulstunde „stehle“.
   Man hat mir erzählt, dass es eine der schönen Besonderheiten eurer Schule ist, dass einige ihrer Schüler aus anderen Orten und sogar aus anderen Ländern kommen. Wie gut ist das! Auch wenn ich weiß, dass es nicht immer leicht ist, umzuziehen und ein neues Heim,  neue Nachbarn und neue Freunde zu finden. Das ist keineswegs einfach. Am Anfang kann es anstrengend sein, nicht wahr? Oft muss man eine neue Sprache lernen, sich auf eine neue Kultur einstellen, auf ein neues Klima. Wie viele Dinge sind zu lernen! Nicht nur die Schulaufgaben.
   Das Gute ist, dass wir auch neue Freunde finden, dass wir Menschen begegnen, die uns Türen öffnen und uns ihre Liebenswürdigkeit, ihre Freundschaft, ihr Verständnis zeigen und versuchen uns zu helfen, damit wir uns nicht fremd fühlen. Damit wir uns zu Hause fühlen. Wie schön ist es, die Schule wie ein zweites Zuhause zu empfinden. Das ist nicht nur für euch wichtig, sondern auch für eure Familien. Auf diese Weise wird die Schule zu einer großen Familie für alle. Eine Familie, wo wir zusammen mit unseren Müttern und Vätern, unseren Großeltern, unseren Erziehern, Lehrern und Kameraden lernen, uns gegenseitig zu helfen, die guten Eigenschaften jedes Einzelnen miteinander zu teilen, unser Bestes zu geben, als Team zu arbeiten und unsere Ziele beharrlich weiterzuverfolgen.
   Ganz in der Nähe von hier gibt es eine sehr wichtige Straße mit dem Namen eines Mannes, der viel Gutes für die anderen getan hat. Über ihn möchte ich mit euch sprechen. Ich meine den Pastor Martin Luther King. Er sagte einmal: „Ich habe einen Traum“. Er träumte davon, dass viele Kinder, viele Menschen gleiche Chancen haben könnten. Er träumte davon, dass viele Kinder wie ihr Zugang zur Bildung finden könnten. Es ist schön, Träume zu haben und für sie kämpfen zu können.
   Heute wollen wir weiter träumen und all die Chancen begrüßen, die euch und uns Erwachsenen erlauben, nicht die Hoffnung auf eine bessere Welt mit größeren Möglichkeiten zu verlieren. Ich weiß, dass einer der Träume eurer Eltern und eurer Erzieher ist, dass ihr fröhlich heranwachsen könnt. Es ist immer sehr schön, ein Kind lächeln zu sehen. Hier sehe ich euch lächeln. Macht weiter so und steckt die Menschen um euch herum mit eurer Freude an.
   Liebe Kinder, ihr habt das Recht zu träumen, und es freut mich sehr, dass ihr in dieser Schule, bei euren Freunden und bei euren Lehrern die nötige Unterstützung bekommt, um das tun zu können. Wo es Träume gibt, wo es Freude gibt, da ist Jesus immer gegenwärtig. Denn Jesus ist Freude, und er möchte uns helfen, dass diese Freude alle Tage fortdauert.
   Bevor ich jetzt gehe, möchte ich euch eine Hausaufgabe geben. Darf ich? Es ist eine ganz einfache Bitte, die aber sehr wichtig ist: Vergesst nicht, für mich zu beten, dass ich mit vielen Menschen die Freude Jesu teilen kann. Und wir wollen auch dafür beten, dass viele Menschen sich so freuen können wie ihr.
   Möge Gott euch segnen und die Jungfrau Maria euch beschützen.  Rv150925

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Tapst an Kleriker und Geweihte: Teilt Verantwortung mit Laien - Franziskus in der Kathedrale von Philadelphia.

   Papst Franziskus hat in den USA Bischöfe, Priester und Ordensleute dazu aufgerufen, ein gutes Miteinander mit Laien zu finden. Besonders gelte es, nden „unermesslichen Beitrag“ von Frauen für das kirchliche Leben zu würdigen, sagte der Papst bei einer Heiligen Messe in der Kathedrale von Philadelphia. Die Herausforderung für Kleriker und Ordensleute sei es heute, „einen Sinn für Zusammenarbeit und für geteilte Verantwortung“ in den Pfarreien und Instituten zu fördern. Das bedeute keineswegs einen Verzicht „auf die geistliche Autorität, die uns übertragen wurde“. Vielmehr gehe es darum, „die vielfältigen Gaben, die der Geist über die Kirche ausgießt, zu unterscheiden und weise zu nutzen“.

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   In Philadelphia, einem der größten Erzbistümer der USA, findet derzeit das Weltfamilientreffen statt, dessen Abschlussmesse Franziskus am Sonntag feiern wird. In seiner Predigt bat der Papst die Bischöfe, Kleriker und Ordensleute, über den Dienst der Kirche für die Familien, die Verlobten und die Jugendlichen nachzudenken und auch für die kommende Familiensynode zu beten.

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   Der Schwerpunkt der Predigt lag allerdings auf der Frage, wie die Kleriker und Ordensleute das „großartige Erbe“, das sie in der Kirche erhalten haben, anreichern und weitergeben können. Franziskus begann mit einem Rückblick: In Anspielung auf das herrliche, pilastergeschmückte Gebäude der Kathedrale von Philadelphia sagte er, die Geschichte der Kirche in dieser Stadt und im Staat Pennsylvania sei eine, „in der es nicht nur um die Errichtung von Mauern geht, sondern auch um ihr Niederreißen. Es ist eine Geschichte, die uns von vielen Generationen engagierter Katholiken erzählt, die hinausgegangen sind an die Peripherien und Gemeinschaften gebildet haben für den Gottesdienst, die Erziehungsarbeit, die Nächstenliebe und für den Dienst an der Gesellschaft allgemein.“ Gemeinsam hätten sich Priester, Ordensleute und Laien um die geistlichen Bedürfnisse der Armen, der Einwanderer und Kranken gekümmert. Ordensleute hätten in Schulen Generationen von Kindern herangezogen.
   Heute gilt es aus der Sicht des Papstes, auf das Wirken engagierter Laien zu setzen und dem Heiligen Geist zu vertrauen. Als Beispiel nannte Franziskus die amerikanische Heilige Katharine Drexel. Die Frage des Papstes Leo XIII. an die junge Frau: „Und du? Was willst du tun?“ verwandelte ihr Leben. Ebenso müssten Bischöfe und Priester bei den Gläubigen „ein Empfinden für ihre persönliche Verantwortung für die Mission der Kirche" fördern, sagte Franziskus. Das verlange "Kreativität“. Das Erbe sei „nicht nur durch die Bewahrung der Strukturen und Einrichtungen“ weiterzutragen, sondern vor allem dadurch, dass man sich "den Möglichkeiten öffnet, die der Geist uns auftut“.

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   In Philadelphia hatte kurz vor dem Besuch des Papstes ein Treffen feministischer Christinnen stattgefunden, die die Priesterweihe für Frauen in der katholischen Kirche befürworten. Am Rande des Papstbesuches in Washington kam es zu kleineren Kundgebungen mit demselben Anliegen. Rv150926gs

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Papstpredigt in Philadelphia vor Bischöfen, Priestern, Ordensleuten Foto: Bischöfe, bereit zur Messe

Die Papstpredigt  während der Messe mit Bischöfen, Priestern und Ordensleuten im Wortlaut in Philadelphia

   Heute Morgen habe ich etwas über die Geschichte dieser schönen Kathedrale gelernt: die Geschichte, die hinter ihren hohen Mauern und Fenstern liegt. Ich möchte aber meinen, dass die Geschichte der Kirche in dieser Stadt und in diesem Staat eigentlich eine Geschichte ist, in der es nicht nur um die Errichtung von Mauern geht, sondern auch um ihr Niederreißen. Es ist eine Geschichte, die uns von vielen Generationen engagierter Katholiken erzählt, die hinausgegangen sind an die Peripherien und Gemeinschaften gebildet haben für den Gottesdienst, die Erziehungsarbeit, die Nächstenliebe und für den Dienst an der Gesellschaft allgemein.
   Diese Geschichte wird in den vielen Heiligtümern sichtbar, die diese Stadt schmücken, und in den vielen Pfarrkirchen, deren Türme und Kampanile von Gottes Gegenwart inmitten unserer Gemeinden künden. Sie wird sichtbar im Einsatz all jener Priester, Ordensleute und Laien, die sich mehr als zwei Jahrhunderte hindurch um die geistlichen Bedürfnisse der Armen, der Einwanderer, der Kranken und der Gefangenen gekümmert haben. Und sie wird sichtbar in den Hunderten von Schulen, in denen die Ordensbrüder und -schwestern Kindern das Lesen und Schreiben beigebracht und sie gelehrt haben, Gott und den Nächsten zu lieben und als gute Bürgerinnen und Bürger ihren Beitrag zum Leben der amerikanischen Gesellschaft zu leisten. All das ist ein großartiges Erbe, das ihr erhalten habt. Und ihr seid berufen, es anzureichern und weiterzugeben.
   Die meisten von euch kennen die Geschichte der heiligen Katharine Drexel – eine der großen Heiligen, die aus dieser Ortskirche hervorgegangen sind. Als sie mit Papst Leo XIII. über die Bedürfnisse der Missionen sprach, fragte dieser – er war ein sehr weiser Papst! – sie ganz gezielt: „Und du? Was willst du tun?“ Diese Worte verwandelten Katharines Leben, denn sie erinnerten sie daran, dass letztlich jeder Christ – Mann oder Frau – durch die Taufe eine „Mission“, eine Sendung erhalten hat. Jeder von uns muss, so gut er kann, dem Ruf des Herrn entsprechen, seinen Leib, die Kirche, aufzubauen.
   „Und du?“ Im Zusammenhang mit unserer besonderen Sendung, als Priester, Diakone oder Mitglieder von Instituten gottgeweihten Lebens die Freude des Evangeliums weiterzugeben und die Kirche aufzubauen, möchte ich gerne zwei Aspekte dieser Worte hervorheben.
   Erstens waren diese Worte – „Und du?“ – an einen jungen Menschen gerichtet, an eine junge Frau mit hohen Idealen, und sie verwandelten ihr Leben. Sie ließen sie an die ungeheure Arbeit denken, die getan werden musste, und ließen sie erkennen, dass sie gerufen war, diesbezüglich etwas zu tun. Wie viele junge Menschen in unseren Pfarreien und Schulen haben die gleichen hohen Ideale, eine großherzige Grundeinstellung und die Liebe zu Christus und zur Kirche! Fordern wir sie heraus? Geben wir ihnen Raum und helfen wir ihnen, ihren Auftrag zu erfüllen? Finden wir Wege, ihre Begeisterung und ihre Talente in unseren Gemeinschaften mit ihnen zu teilen, vor allem in den Werken der Barmherzigkeit und in der Sorge für die anderen? Teilen wir unsere eigene Freude und unsere eigene Begeisterung im Dienst des Herrn mit?
   Eine der großen Herausforderungen der Kirche in diesem Moment besteht darin, bei allen Gläubigen ein Empfinden ihrer persönlichen Verantwortung für die Mission der Kirche zu fördern und sie zu befähigen, dieser Verantwortung als missionarische Jünger und als ein Sauerteig des Evangeliums in unserer Welt nachzukommen. Dies verlangt Kreativität, um sich den Veränderungen der Situationen anzupassen, indem man das Erbe der Vergangenheit nicht nur durch die Bewahrung der Strukturen und Einrichtungen – die nützlich sind – weiterträgt, sondern vor allem dadurch, dass man sich den Möglichkeiten öffnet, die der Geist uns auftut, und die Freude des Evangeliums täglich und in allen Phasen unseres Lebens vermittelt.
   „Und du?“ Es ist auch bedeutsam, dass diese Worte des alten Papstes an eine Frau im Laienstand gerichtet waren. Wir wissen, dass die Zukunft der Kirche in einer sich schnell verändernden Gesellschaft ein aktiveres Engagement der Laien fordern wird und schon jetzt fordert. Die Kirche in den Vereinigten Staaten hat die Katechese und die Erziehungsarbeit immer mit großem Einsatz betrieben. Unsere Herausforderung besteht heute darin, auf diesen soliden Grundlagen aufzubauen und einen Sinn für Zusammenarbeit und für geteilte Verantwortung in der Zukunftsplanung unserer Pfarreien und Institute zu fördern. Das bedeutet nicht, auf die geistliche Autorität, die uns übertragen wurde, zu verzichten; es bedeutet vielmehr, die vielfältigen Gaben, die der Geist über die Kirche ausgießt, zu unterscheiden und weise zu nutzen. Es bedeutet ganz besonders, den unermesslichen Beitrag zu würdigen, den Frauen – Laien und Ordensschwestern – für das Leben unserer Gemeinschaften geleistet haben und weiterhin leisten.
   Liebe Brüder und Schwestern, ich danke euch für die Art und Weise, in der jeder von euch auf die Frage Jesu: „Und du?“, auf diese Frage, die eure eigene Berufung weckte, geantwortet hat. Ich ermutige euch, die Freude dieser ersten Begegnung mit Jesus zu erneuern und aus dieser Freude neue Treue und Kraft zu schöpfen. Ich freue mich darauf, diese Tage gemeinsam mit euch zu verbringen, und bitte euch, meine herzlichen Grüße denen zu übermitteln, die nicht bei uns sein konnten, besonders den vielen älteren Priestern und Ordensleuten, die sich im Geiste mit uns verbinden.
   In diesen Tagen des Weltfamilientreffens möchte ich euch in besonderer Weise darum bitten, über unseren Dienst für die Familien, für die Paare, die sich auf die Hochzeit vorbereiten, und für unsere jungen Menschen nachzudenken. Ich weiß, wie viel in euren Ortskirchen getan wird, um den Bedürfnissen der Familien zu entsprechen und sie auf ihrem Glaubensweg zu unterstützen. Ich bitte euch, für sie wie auch für die Beratungen der kommenden Familiensynode inständig zu beten.
   Wenden wir uns voll Dankbarkeit für alles, was wir empfangen haben, und mit festem Vertrauen in all unseren Nöten an Maria, unsere heilige Mutter. Möge sie mit ihrer mütterlichen Liebe Fürsprache halten für die Kirche in Amerika, damit diese weiter wachse in ihrem prophetischen Zeugnis für die Macht des Kreuzes ihres Sohnes, unserer Welt Freude, Hoffnung und Kraft zu bringen. Ich bete für jede und jeden von euch, und ich bitte euch herzlich, das auch für mich zu tun. rv150926
 

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Papstrede vor den Bischöfen, die am Weltfamilientreffen teilnehmen  Foto: Der Fiat von Papst Franziskus zwischen zwei riesigen Geländewagen vor dem Seminar Karl Borromäus in Philadelphia

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Papst Franziskus begegnet den am Weltfamilientreffen teilnehmenden Bischöfen
(Philadelphia, Seminar „St. Charles Borromeo“, 27. September 2015)

Liebe Mitbrüder,
   ich bin froh, in der gegenwärtigen festlichen und frohen Situation des Weltfamilientreffens die Gelegenheit zu haben, diese Momente pastoraler Reflexion mit euch zu teilen.
   Die Familie ist nämlich für die Kirche nicht vor allem ein Grund zur Sorge, sondern die glückliche Bestätigung des Segens Gottes, der auf dem Meisterwerk seiner Schöpfung ruht. Jeden Tag hat die Kirche an allen Orten des Planeten Grund, sich mit dem Herrn über das Geschenk jenes zahlreichen Volkes der Familien zu freuen, die selbst in den härtesten Prüfungen den Verheißungen Ehre machen und den Glauben bewahren!
   Und so würde ich sagen, dass der erste pastorale Anlauf, den diese schwierige Übergangsperiode von uns verlangt, ein entschiedener Schritt im Sinne genau dieses Sich-erkenntlich-Zeigens ist. Wertschätzung und Dankbarkeit müssen trotz aller Hindernisse, denen wir gegenüberstehen, den Vorrang haben vor der Klage. Die Familie ist der grundlegende Ort des Bundes der Kirche mit der Schöpfung Gottes. Ohne die Familie würde auch die Kirche nicht existieren: Sie könnte nicht das sein, was sie sein soll, nämlich Zeichen und Werkzeug für die Einheit der Menschheit vgl. Lumen gentium, 1.
  
Natürlich darf unser Verständnis [von der Familie], das von der Ergänzung durch die kirchliche Form des Glaubens und die eheliche Erfahrung der Gnade unter dem Segen des Sakramentes geprägt ist, uns nicht die Veränderung des geschichtlichen Rahmens vergessen lassen, die sich auf die soziale – und mittlerweile auch die juristische – Kultur der familiären Bindungen auswirkt und uns alle einbezieht, unabhängig davon, ob wir gläubig oder nicht gläubig sind. Der Christ ist nicht „immun“ gegenüber den Veränderungen seiner Zeit, und diese konkrete Welt mit ihren vielfältigen Problemkreisen und Möglichkeiten ist der Ort, wo wir leben, glauben und verkünden müssen.
   Früher lebten wir in einem sozialen Kontext, in dem die Zusammengehörigkeit der zivilen Trauung und des christlichen Sakramentes stark und allgemein anerkannt war; sie waren miteinander verbunden und unterstützten sich gegenseitig. Heute ist das nicht mehr so. Um die aktuelle Situation zu beschreiben, möchte ich zwei für unsere Gesellschaften typische Bilder verwenden. Auf der einen Seite die „Kolonialwarenläden“, die kleinen Einzelhandelsgeschäfte unserer Stadtviertel, und auf der anderen die großen Supermärkte oder Shoppingcenters.
   Vor einiger Zeit konnte man in ein und demselben Geschäft alles finden, was für das persönliche Leben und das der Familie notwendig war – sicher ärmlich ausgestellt mit wenig Produkten und daher geringer Auswahl. Es bestand eine persönliche Verbindung zwischen dem Ladenbesitzer und den Kunden aus der Nachbarschaft. Man verkaufte „auf Anschreiben“, das heißt es herrschte Vertrauen, Nachbarschaft, man kannte einander. Einer vertraute dem anderen. Man fasste Mut zu vertrauen. An vielen Orten ist das unter dem Namen „Tante-Emma- Laden“ bekannt.
   In diesen letzten Jahrzehnten hat sich ein anderer Typ von Geschäften entwickelt und vergrößert: die Shoppingcenters. Große Flächen mit riesiger Auswahl und zahlreichen Möglichkeiten. Die Welt scheint sich in einen großen Supermarkt verwandelt zu haben, wo die Kultur eine Wettbewerbsdynamik angenommen hat. Man verkauft nicht mehr „auf Anschreiben“, man kann den anderen nicht mehr trauen. Es gibt keine persönliche Verbindung, keine nachbarschaftliche Beziehung. Die gegenwärtige Kultur scheint die Menschen dazu zu bewegen, sich an nichts und niemanden zu binden. Weder vertrauen noch sich anvertrauen. Denn das Wichtigste scheint heute zu sein, dem letzten Trend zu folgen oder zu tun, was „in“ ist. Sogar auf religiöser Ebene. Was wichtig ist, bestimmt heute der Konsum.  Beziehungen konsumieren, Freundschaften konsumieren, Religionen konsumieren, konsumieren, konsumieren….  Weder der Preis, noch die Folgen spielen dabei eine Rolle. Ein Konsum, der keine Verbindungen erzeugt, ein Konsum, der jenseits der menschlichen Beziehungen steht. Die Verbindungen sind eine bloße „Vermittlung“ für die Befriedigung „meiner Bedürfnisse“. Das Wichtige ist nicht mehr der Nächste mit seinem Gesicht, seiner Geschichte, seinen Neigungen.
   Diese Haltung erzeugt eine Kultur, die alles wegwirft, was den Neigungen des Konsumenten „nicht mehr dient“ oder sie nicht „befriedigt“. Wir haben aus unserer Gesellschaft ein weit ausgedehntes multikulturelles Schaufenster gemacht, das sich nur an den Neigungen einiger „Konsumenten“ orientiert, und auf der anderen Seite stehen die vielen, aber wirklich vielen anderen, die nur »von den Brotresten [bekommen], die vom Tisch ihrer Herren fallen« Mt 15,27.
   Das erzeugt eine große Wunde. Ich wage zu sagen, dass eine der hauptsächlichen Formen der Armut oder eine der hauptsächlichen Wurzeln so vieler heutiger Situationen in der radikalen Einsamkeit liegt, der viele Menschen unterworfen sind. Indem sie einem „like“ nachlaufen, indem sie dem Ziel nachlaufen, die Anzahl ihrer „followers“ in irgendeinem sozialen Netz zu erhöhen, bewegen sich die Menschen – bewegen wir uns – in den Bahnen, die diese heutige Gesellschaft uns vorschlägt. Eine Einsamkeit, die jede Verbindlichkeit fürchtet und hemmungslos nach Anerkennung sucht.
   Müssen wir unsere Jugendlichen dafür verurteilen, dass sie in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind? Müssen wir sie verdammen, weil sie in dieser Welt leben? Darf es sein, dass sie von ihren Hirten Sätze hören wie: „Früher war alles besser“ oder „Die Welt ist eine Katastrophe, und wenn das so weitergeht, wissen wir nicht, wo wir enden werden“? Nein, ich glaube nicht, dass dies der Weg ist. Wir Hirten sind auf den Spuren des einen Hirten eingeladen zu suchen, zu begleiten, aufzurichten und die Wunden unserer Zeit zu heilen. Die Wirklichkeit mit den Augen dessen sehen, der sich zur Bewegung, zur pastoralen Umkehr aufgefordert weiß. Die Welt bittet uns heute um diese Umkehr und verlangt sie. Es ist »lebenswichtig, dass die Kirche heute hinausgeht, um allen an allen Orten und bei allen Gelegenheiten ohne Zögern, ohne Widerstreben und ohne Angst das Evangelium zu verkünden. Die Freude aus dem Evangelium ist für das ganze Volk, sie darf niemanden ausschließen« Evangelii gaudium, 23.
   Es wäre ein Irrtum, wenn wir behaupten würden, diese „Kultur“ der gegenwärtigen Welt sei nur eine Abneigung gegen Ehe und Familie aus rein egoistischen Motiven. Sind denn die jungen Menschen dieser Zeit etwa alle unrettbar feige, schwach und unbeständig geworden? Gehen wir nicht in die Falle! Viele Jugendliche haben im Rahmen dieser entmutigenden Kultur eine Art unbewusster Befangenheit verinnerlicht, und gegenüber den schönsten, erhabensten und auch sehr notwendigen Impulsen sind sie wie gelähmt. Es gibt viele, die in Erwartung der idealen Bedingungen für den äußeren Wohlstand die Heirat aufschieben. Und derweil vergeht das Leben ohne Würze. Denn die Weisheit der wahren Würze des Lebens kommt mit der Zeit, als Frucht des großherzigen Einsatzes der Leidenschaft, der Intelligenz, der Begeisterung.
   Als Hirten sind wir Bischöfe berufen, die Kräfte zu sammeln und die Begeisterung für die Bildung von Familien zu schüren, die vollkommener dem Segen Gottes entsprechen, so wie es ihre Berufung ist! Wir müssen unsere Energien weniger darauf konzentrieren, immer wieder neu die Mängel der gegenwärtigen Epoche und die Vorzüge des Christentums zu erklären, sondern vielmehr die jungen Menschen offen und direkt dazu auffordern, in der Entscheidung für Ehe und Familie wagemutig zu sein. Auch hier bedarf es einer heiligen Parrhesia, ist Freimut im besten Sinn notwendig! Ein Christentum, das in der Realität wenig praktiziert und in der Ausbildung unendlich viel erklärt wird, befindet sich in einem gefährlichen Missverhältnis. Ich würde sagen, in einem echten Teufelskreis. Der Hirte muss zeigen, dass in einer Welt, in der die Hinwendung des Individuums zu sich selbst uneingeschränkt zu herrschen scheint, das Evangelium der Familie wirklich eine „frohe Botschaft“ ist. Es handelt sich nicht um eine romantische Fantasie: Die Zähigkeit, eine Familie zu bilden und voranzubringen, verwandelt die Welt und die Geschichte.
   Der Hirte verkündet unbeschwert und leidenschaftlich das Wort Gottes und ermutigt die Gläubigen, hohe Ziele anzustreben. Er macht seine Brüder und Schwestern fähig, auf die Verheißung Gottes zu hören und sie praktisch umzusetzen – eine Verheißung, die auch den Horizont der  Erfahrung von Mutter- und Vaterschaft ausweitet auf eine neue „familiäre Vertrautheit“ mit Gott hin vgl. Mk 3,31-35.
   Der Hirte wacht über den Traum, über das Leben, über das Wachsen seiner Schafe. Dieses „Wachen“ besteht nicht darin, Reden zu halten, sondern darin, Seelsorge zu betreiben. Zum Wachen ist nur fähig, wer versteht, „mittendrin“ zu sein, wer keine Angst hat vor Fragen, vor Kontakt, vor dem Begleiten. Der Hirte „wacht“ vor allem mit dem Gebet, indem er den Glauben seines Volkes unterstützt und Vertrauen auf den Herrn, auf seine Gegenwart weitergibt. Der Hirte bleibt immer wachsam und hilft, den Blick zu erheben, wenn Entmutigung und Frustration auftauchen oder jemand gefallen ist. Es wäre gut, wenn wir uns fragen würden, ob wir in unserem pastoralen Dienst verstehen, Zeit zu „verlieren“ mit den Familien, ob wir fähig sind, bei ihnen zu sein und ihre Schwierigkeiten wie ihre Freuden mit ihnen zu teilen.
   Natürlich ist es in erster Linie ein grundlegender Zug im Lebensstil des Bischofs, diese frohe familiäre Vertrautheit mit Gott zu leben und ihre erstaunliche Fruchtbarkeit, so wie es das Evangelium verheißt, zu verbreiten. Das bedeutet beten und das Evangelium verkünden vgl. Apg 6,4. Wenn wir also demütig die christliche Lehrzeit der familiären Tugenden des Gottesvolkes auf uns nehmen, werden wir selber – wie Paulus vgl. 1 Tess 2,7.11 – immer mehr wie Väter und Mütter werden und vermeiden, uns in Menschen zu verwandeln, die bloß gelernt haben, ohne Familie zu leben. Unser Ideal ist ja wirklich nicht, frei von Liebe zu sein! Der gute Hirte verzichtet auf eigene familiäre Bindungen, um all seine Kräfte und die Gnade seiner besonderen Berufung dem Segen des Evangeliums für die Liebe zwischen Mann und Frau zugute kommen zu lassen, die den Schöpfungsplan Gottes verwirklichen – angefangen bei denen, die den Weg verloren haben, die verlassen, verletzt, erschüttert, erniedrigt und ihrer Würde beraubt sind. Diese völlige Selbstübereignung an die Agape Gottes ist gewiss keine Berufung, der Zärtlichkeit und Wohlwollen fremd sind! Um das zu begreifen, genügt es uns, auf Jesus zu schauen vgl. Mt 19,12. Die Sendung des guten Hirten im Stile Gottes – allein Gott kann ihn bevollmächtigen, nicht seine eigene Anmaßung! – ahmt in allem und für alles den Stil der Liebe des Sohnes zu seinem Vater nach, die sich in der Zärtlichkeit seiner Selbstübereignung niederschlägt: zugunsten der Männer und Frauen der Menschheitsfamilie und aus Liebe zu ihnen.
   Aus der Sicht des Glaubens ist dies ein wichtiges Thema. Unser Dienst muss den Bund zwischen Kirche und Familie entfalten. Andernfalls verwelkt er, und die Menschheitsfamilie entfernt sich durch unsere Schuld unrettbar weit von der Frohen Botschaft, die Gott geschenkt hat.
   Wenn wir zu dieser Kohärenz der Liebe Gottes fähig sind, in einer Haltung unendlicher Geduld und frei von Groll gegenüber den nicht immer geradlinigen „Ackerfurchen“, in die wir diese Liebe säen sollen, wird auch eine samaritanische Frau mit fünf „Nicht-Ehemännern“ entdecken, dass sei fähig ist, Zeugnis zu geben. Und während ein reicher Jüngling traurig spürt, dass er noch Bedenkzeit braucht, wird ein reifer Zöllner schnell vom Baum herabsteigen und sich für die Armen „die Beine ausreißen“, an die er – bis zu jenem Moment – niemals gedacht hatte.
   Möge Gott uns das Geschenk dieser neuen Unmittelbarkeit zwischen der Familie und der Kirche gewähren. Die Familie ist unsere Verbündete, unser Fenster zur Welt, der deutliche Nachweis für einen unwiderruflichen Segen Gottes, der für alle Söhne und Töchter dieser schwierigen und doch so überaus schönen Geschichte der Schöpfung bestimmt ist, der zu dienen Gott uns berufen hat! Rv150927

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Papst besucht Gefängnis: Resozialisierung muss Priorität haben  Foto: Der Papst begegnet Häftlingen

   Das vorrangige Ziel von Strafvollzug muss die Wiedereingliederung in die Gesellschaft sein. Das sagte Papst Franziskus bei einer Begegnung mit Strafgefangenen in Philadelphia am Sonntagvormittag (Ortszeit). Es schmerze zu sehen, dass „Strafsysteme nicht Verletzungen behandeln und Wunden heilen“, so Franziskus in der „Curran- Fromhold Correctional Facility“. Die Wunden, die Erschöpfung und der Schmerz der Gefangenen seien auch die „Wunden der Gesellschaft“. Eindringlich rief er alle Beteiligten dazu auf, sich für die Wiedereingliederung der Gefangenen einzusetzen. Das fordere das Engagement der Häftlinge selber, ihrer Familien, der Vollzugsbeamten und entsprechender sozialer Erziehungsprogramme der Politik“. Letztlich diene eine erfolgreiche Resozialisierung der ganzen Gesellschaft: „Eine Wiedereingliederung, die der Moral der gesamten Gemeinschaft zugute kommt und sie anhebt.“
   Einfühlsam ging der Papst auf die Situation der Gefangenen ein. Dieser Moment sei „schwierig und spannungsgeladen“, nicht nur für sie selber, sondern auch für ihre Familien und die ganze Gesellschaft. „Eine Gesellschaft, eine Familie, die den Schmerz ihrer Kinder nicht mitzuleiden vermag, die ihn nicht ernst nimmt, sondern sich an ihn gewöhnt und ihn als etwas Normales und zu Erwartbares voraussetzt, ist eine Gesellschaft, die dazu verurteilt ist, eine Gefangene ihrer selbst zu bleiben, eine Gefangene all dessen, was sie leiden lässt.“ Er selber sei als Seelsorger und Bruder gekommen, um die Situation der Gefangenen zu teilen und sich „mit dieser Situation zu identifizieren“
   Der Papst ging in seiner Ansprache aus vom Evangelium von der Fußwaschung. Leben bedeute, „unsere Füße schmutzig zu machen“ auf den staubigen Straßen des Lebens und der Geschichte. Alle Menschen hätten es nötig, gereinigt, gewaschen zu werden. Christus reiche allen Menschen die Hand, damit sie aufgerichtet werden und wieder eine Zukunftsperspektive erhalten.
   Im Anschluss an seine in Spanisch gehaltenen Ansprache grüßte der Papst die anwesenden Gefangenen einzeln und segnete ihre Rosenkränze. Den Holzthron Foto unten für die Begegnung hatten Häftlinge in der Gefängniswerkstatt eigens gezimmert. 
   Mit rund 2,3 Millionen Strafgefangenen haben die USA die höchste Inhaftierungsrate der Welt. Viele Gefängnisse sind völlig überfüllt. Ein Grund ist das rigide Justizsystem in den Vereinigten Staaten. Viele Häftlinge bleiben nur deshalb hinter Gittern, weil sie die Kaution für eine Freilassung nicht bezahlen können. Ein Großteil der Insassen sind Afroamerikaner, Lateinamerikaner und Migranten. Rv150927mc

n-am-145-Zz-GefängnisSedile

Franziskus: Beziehungen wie im Shoppingcenter
Foto: Papst Franziskus auf dem Thron, umringt von Kardinälen in Philadelphia

   Welche Werte soll die Kirche jungen Leuten mitgeben, die sich auf die Ehe vorbereiten? Heutzutage gebe es eine Beziehungskultur „wie im Shoppingcenter“, beklagte Papst Franziskus bei einer Begegnung mit rund 300 Bischöfen, die in Philadelphia am Weltfamilientreffen teilnehmen. Zivile und kirchliche Trauung gehörten früher wie selbstverständlich zusammen, sagte der Papst in der Kapelle des geräumigen Priesterseminars „St Charles Borromeo". Diese Tage seien vorbei. Die Beziehungskultur habe sich bildlich gesprochen von einem bescheidenen Tante-Emma-Laden zu den heutigen Konsumgegebenheiten hin entwickelt.
   „Die Welt scheint sich in einen großen Supermarkt verwandelt zu haben, wo die Kultur eine Wettbewerbsdynamik angenommen hat. Man verkauft nicht mehr „auf Anschreiben“, man kann den anderen nicht mehr trauen. Es gibt keine persönliche Verbindung, keine nachbarschaftliche Beziehung. Die gegenwärtige Kultur scheint die Menschen dazu zu bewegen, sich an nichts und niemanden zu binden. Weder vertrauen noch sich anvertrauen. Denn das Wichtigste scheint heute zu sein, dem letzten Trend zu folgen oder zu tun, was „in“ ist. Sogar auf religiöser Ebene. Was wichtig ist, bestimmt heute der Konsum. Beziehungen konsumieren, Freundschaften konsumieren, Religionen konsumieren, konsumieren, konsumieren…“
   Gleichzeitig würden Arme und Ausgestoßene zurückgelassen. Nach Franziskus liegt eine der Wurzeln von Armut in der radikalen Einsamkeit, der viele Menschen unterworfen seien.
   „Indem sie einem „like“ nachlaufen, indem sie dem Ziel nachlaufen, die Anzahl ihrer „followers“ in irgendeinem sozialen Netz zu erhöhen, bewegen sich die Menschen – bewegen wir uns – in den Bahnen, die diese heutige Gesellschaft uns vorschlägt. Eine Einsamkeit, die jede Verbindlichkeit fürchtet und hemmungslos nach Anerkennung sucht.“
   Es sei jedoch ein Irrtum zu behaupten, diese „Kultur“ der gegenwärtigen Welt sei einer Abneigung gegen Ehe und Familie aus rein egoistischen Motiven geschuldet. „Sind denn die jungen Menschen dieser Zeit etwa alle unrettbar feige, schwach und unbeständig geworden?“, frage Franziskus und warnte: „Gehen wir nicht in diese Falle!“. Viele Jugendliche hätten im Rahmen dieser entmutigenden Kultur eine Art unbewusster Befangenheit verinnerlicht. Daher seien sie wie gelähmt gegenüber den schönsten, erhabensten und auch sehr notwendigen Impulsen. Es gebe viele, die ihre Heirat aufschieben in Erwartung der idealen Bedingungen für den äußeren Wohlstand. Und derweil vergehe das Leben ohne Würze. Denn die Weisheit der wahren Würze des Lebens komme mit der Zeit, als Frucht des großherzigen Einsatzes der Leidenschaft, der Intelligenz, der Begeisterung.
   Auch der Christ sei nicht „immun“ gegenüber den Veränderungen seiner Zeit, und ebendiese konkrete Welt mit ihren vielfältigen Problemkreisen und Chancen sei der Ort, wo die Bischöfe, Priester und Ordensleute leben, glauben und verkünden müssten. Die Begeisterung für die Familie wieder zu wecken, zu begleiten, zuzuhören, das sei die Aufgabe der Kirche. Ein Christentum, das in der Realität wenig praktiziert, aber in der Ausbildung unendlich viel erklärt werde, befinde sich in einem gefährlichen Missverhältnis. Franziskus nannte das einen „echten Teufelskreis“.
   Die Familie sei für die Kirche eine Verbündete, ein Fenster zur Welt. Sie sei für die Kirche nicht vor allem ein Grund zur Sorge, sondern die glückliche Bestätigung des Segens Gottes, der auf dem Meisterwerk seiner Schöpfung ruhe. Deshalb müsse sich die Kirche „erkenntlich zeigen“, der Familie weniger mit Klage, als mit Wertschätzung und Dankbarkeit begegnen. In der Begleitung der Familien gehe es weniger darum, Reden zu halten, als darum, Seelsorge zu betreiben.
   „Unser Ideal ist ja wirklich nicht, frei von Liebe zu sein! Der gute Hirte verzichtet auf eigene familiäre Bindungen, um all seine Kräfte und die Gnade seiner besonderen Berufung dem Segen des Evangeliums für die Liebe zwischen Mann und Frau zugutekommen zu lassen, die den Schöpfungsplan Gottes verwirklichen – angefangen bei denen, die den Weg verloren haben, die verlassen, verletzt, erschüttert, erniedrigt und ihrer Würde beraubt sind.“
Rv150927cz 

n-am-146-ZZ-Inhaftierte

 Papstrede vor Häftlingen in Philadelphia Foto: Häftlinge in der Schreinerei des Curran-Fromhold-Gefängnisses

 Ansprache von Franziskus bei seinem Besuch von Häftlingen in der Curran-Fromhold-Haftanstalt, Philadelphia

Liebe Brüder und Schwestern,
   danke, dass ihr mich empfangt und mir die Gelegenheit gebt, hier bei euch zu sein und diesen Moment eures Lebens mit euch zu teilen. Es ist ein schwieriger, spannungsgeladener Augenblick. Ein Augenblick, der – wie ich weiß – nicht nur für euch, sondern auch für eure Familien und für die ganze Gesellschaft schmerzlich ist. Denn eine Gesellschaft, eine Familie, die den Schmerz ihrer Kinder nicht mitzuleiden vermag, die ihn nicht ernst nimmt, sondern sich an ihn gewöhnt und ihn als etwas Normales und zu Erwartendes voraussetzt, ist eine Gesellschaft, die dazu verurteilt ist, eine Gefangene ihrer selbst zu bleiben, eine Gefangene all dessen, was sie leiden lässt. Ich bin als Seelsorger gekommen, vor allem aber als Bruder, um eure Situation zu teilen und mich mit ihr zu identifizieren; ich bin gekommen, damit wir gemeinsam beten und das, was uns schmerzt, wie auch das, was uns ermutigt, vor unseren Gott tragen und von ihm die Kraft der Auferstehung empfangen zu können.
   Ich denke an die Erzählung im Evangelium, wo Jesus beim Letzten Abendmahl seinen Jüngern die Füße wäscht. Dieses Verhalten zu verstehen, fiel den Jüngern äußerst schwer, sogar Petrus reagiert mit den Worten: »Niemals sollst du mir die Füße waschen!« Joh 13,8.
   Damals war es üblich, dass man jemandem, wenn er in ein Haus kam, die Füße wusch. Alle wurden immer so empfangen. Es gab keine asphaltierten Straßen, es gab nur staubige Wege mit kleinen Steinchen, die einem in die Sandalen kamen. Alle gingen auf diesen Pfaden, und die Füße wurden völlig mit Staub bedeckt und von den Steinchen verschrammt oder verletzt. Darum sehen wir Jesus die Füße waschen, unsere Füße, die seiner Jünger von gestern und von heute.
  Leben bedeutet gehen, leben bedeutet, unterschiedliche Wege, unterschiedliche Pfade zu gehen, die ihre Spuren in unserem Leben hinterlassen.
   Aufgrund des Glaubens wissen wir, dass Jesus uns sucht, dass er unsere Wunden heilen und die Blasen an unseren Füßen behandeln möchte, die sich beim Laufen unter der Last der Einsamkeit gebildet haben; wir wissen, dass er uns von dem Staub reinigen möchte, der von den Wegen, die jeder gehen musste, an uns klebt. Er fragt uns nicht, wo wir waren, er fragt uns nicht, was wir getan haben. Im Gegenteil, es sagt uns: »Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir« (Joh 13,8). Wenn ich dir die Füße nicht wasche, kann ich dir nicht das Leben geben, von dem der Vater immer geträumt hat – das Leben, für das er dich erschaffen hat. Jesus kommt uns entgegen, um uns wieder mit der Würde der Kinder Gottes zu bekleiden. Er möchte uns helfen, unsere Wanderung neu auszurichten, unseren Lauf wieder aufzunehmen, unsere Hoffnung wiederzugewinnen und uns den Glauben und die Zuversicht zurückgeben. Er möchte, dass wir wieder aufbrechen, uns dem Leben zuwenden und spüren, dass wir eine Aufgabe haben; spüren dass diese Zeit der Gefangenschaft niemals Ausschließung bedeutete.
   Leben bedeutet, „unsere Füße schmutzig zu machen“ auf den staubigen Straßen des Lebens und der Geschichte. Wir alle haben es nötig, gereinigt, gewaschen zu werden. Wir alle werden gesucht von diesem Meister, der uns helfen möchte, den Weg wieder aufzunehmen. Uns alle sucht der Herr, um uns die Hand zu reichen. Es tut weh, Strafsysteme zu sehen, die nicht versuchen, Verletzungen zu behandeln, Wunden zu heilen und neue Chancen zu schaffen. Es ist schmerzlich, wenn man feststellt, dass jemand meint, nur einige bedürften der Wäsche, der Reinigung, und nicht begreift, dass ihre Erschöpfung, ihr Schmerz und ihre Wunden auch die Erschöpfung, der Schmerz und die Wunden einer Gesellschaft sind. Der Herr zeigt es uns deutlich durch eine Geste: Er wäscht uns die Füße, damit wir uns dann zu Tisch setzen können. An einen Tisch, von dem er niemanden ferngehalten sehen möchte. An einen Tisch, der für alle gedeckt ist und an den wir alle eingeladen sind.
   Dieser Moment in eurem Leben darf nur ein einziges Ziel haben: euch die Hand zu reichen, um euch wieder auf den Weg zu bringen; euch die Hand zu reichen, die bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft behilflich ist – bei einer Wiedereingliederung, an der wir alle Anteil haben, die anzuspornen, zu begleiten und zu bewerkstelligen wir alle aufgefordert sind. Eine Wiedereingliederung, die von allen – Häftlingen, Familien, Vollzugsbeamten sowie politischen Sozial- und Erziehungsprogrammen – angestrebt und erwünscht ist. Eine Wiedereingliederung, die der Moral der gesamten Gemeinschaft zugutekommt und sie anhebt.
   Jesus lädt uns ein, an seinem Los und an seinem Lebensstil teilzuhaben. Er lehrt uns, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Mit Augen, die an dem Staub des Weges keinen Anstoß nehmen, sondern im Gegenteil versuchen, ihn abzuwischen, Heilung und Abhilfe zu schenken. Er lädt uns ein zu arbeiten, um eine neue Chance zu schaffen: für die Gefangenen, für ihre Familien, für die Vollzugsbeamten; eine Chance für die ganze Gesellschaft.
   Ich möchte euch ermutigen, diese Haltung untereinander zu pflegen, mit allen, die in irgendeiner Weise zu dieser Einrichtung gehören. Schmiedet neue Chancen, seid Wegbereiter, öffnet neue Pfade!
   Alle haben wir etwas, von dem wir gereinigt, geläutert werden müssen. Möge dieses Bewusstsein uns aufrütteln zur Solidarität, dazu, einander zu stützen und das Beste für die anderen zu suchen.
   Schauen wir auf Jesus, der uns die Füße wäscht. Er ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben«. Er kommt, um uns herauszuholen aus der Lüge zu glauben, dass sich nichts ändern kann; er hilft uns, auf Wegen des Lebens und der Fülle zu gehen. Möge die Kraft seiner Liebe und seiner Auferstehung immer ein Weg neuen Lebens sein! Rv150927

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Papstrede vor Häftlingen der Schreinerei des Curran-Fromhold-Gefängnisses in Philadelphia

Liebe Brüder und Schwestern,
   danke, dass ihr mich empfangt und mir die Gelegenheit gebt, hier bei euch zu sein und diesen Moment eures Lebens mit euch zu teilen. Es ist ein schwieriger, spannungsgeladener Augenblick. Ein Augenblick, der – wie ich weiß – nicht nur für euch, sondern auch für eure Familien und für die ganze Gesellschaft schmerzlich ist. Denn eine Gesellschaft, eine Familie, die den Schmerz ihrer Kinder nicht mitzuleiden vermag, die ihn nicht ernst nimmt, sondern sich an ihn gewöhnt und ihn als etwas Normales und zu Erwartendes voraussetzt, ist eine Gesellschaft, die dazu verurteilt ist, eine Gefangene ihrer selbst zu bleiben, eine Gefangene all dessen, was sie leiden lässt. Ich bin als Seelsorger gekommen, vor allem aber als Bruder, um eure Situation zu teilen und mich mit ihr zu identifizieren; ich bin gekommen, damit wir gemeinsam beten und das, was uns schmerzt, wie auch das, was uns ermutigt, vor unseren Gott tragen und von ihm die Kraft der Auferstehung empfangen zu können.
   Ich denke an die Erzählung im Evangelium, wo Jesus beim Letzten Abendmahl seinen Jüngern die Füße wäscht. Dieses Verhalten zu verstehen, fiel den Jüngern äußerst schwer, sogar Petrus reagiert mit den Worten: »Niemals sollst du mir die Füße waschen!« Joh 13,8.
   Damals war es üblich, dass man jemandem, wenn er in ein Haus kam, die Füße wusch. Alle wurden immer so empfangen. Es gab keine asphaltierten Straßen, es gab nur staubige Wege mit kleinen Steinchen, die einem in die Sandalen kamen. Alle gingen auf diesen Pfaden, und die Füße wurden völlig mit Staub bedeckt und von den Steinchen verschrammt oder verletzt. Darum sehen wir Jesus die Füße waschen, unsere Füße, die seiner Jünger von gestern und von heute.
   Leben bedeutet gehen, leben bedeutet, unterschiedliche Wege, unterschiedliche Pfade zu gehen, die ihre Spuren in unserem Leben hinterlassen.
   Aufgrund des Glaubens wissen wir, dass Jesus uns sucht, dass er unsere Wunden heilen und die Blasen an unseren Füßen behandeln möchte, die sich beim Laufen unter der Last der Einsamkeit gebildet haben; wir wissen, dass er uns von dem Staub reinigen möchte, der von den Wegen, die jeder gehen musste, an uns klebt. Er fragt uns nicht, wo wir waren, er fragt uns nicht, was wir getan haben. Im Gegenteil, es sagt uns: »Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir« Joh 13,8. Wenn ich dir die Füße nicht wasche, kann ich dir nicht das Leben geben, von dem der Vater immer geträumt hat – das Leben, für das er dich erschaffen hat. Jesus kommt uns entgegen, um uns wieder mit der Würde der Kinder Gottes zu bekleiden. Er möchte uns helfen, unsere Wanderung neu auszurichten, unseren Lauf wieder aufzunehmen, unsere Hoffnung wiederzugewinnen und uns den Glauben und die Zuversicht zurückgeben. Er möchte, dass wir wieder aufbrechen, uns dem Leben zuwenden und spüren, dass wir eine Aufgabe haben; spüren dass diese Zeit der Gefangenschaft niemals Ausschließung bedeutete.
   Leben bedeutet, „unsere Füße schmutzig zu machen“ auf den staubigen Straßen des Lebens und der Geschichte. Wir alle haben es nötig, gereinigt, gewaschen zu werden. Wir alle werden gesucht von diesem Meister, der uns helfen möchte, den Weg wieder aufzunehmen. Uns alle sucht der Herr, um uns die Hand zu reichen. Es tut weh, Strafsysteme zu sehen, die nicht versuchen, Verletzungen zu behandeln, Wunden zu heilen und neue Chancen zu schaffen. Es ist schmerzlich, wenn man feststellt, dass jemand meint, nur einige bedürften der Wäsche, der Reinigung, und nicht begreift, dass ihre Erschöpfung, ihr Schmerz und ihre Wunden auch die Erschöpfung, der Schmerz und die Wunden einer Gesellschaft sind. Der Herr zeigt es uns deutlich durch eine Geste: Er wäscht uns die Füße, damit wir uns dann zu Tisch setzen können. An einen Tisch, von dem er niemanden ferngehalten sehen möchte. An einen Tisch, der für alle gedeckt ist und an den wir alle eingeladen sind.
   Dieser Moment in eurem Leben darf nur ein einziges Ziel haben: euch die Hand zu reichen, um euch wieder auf den Weg zu bringen; euch die Hand zu reichen, die bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft behilflich ist – bei einer Wiedereingliederung, an der wir alle Anteil haben, die anzuspornen, zu begleiten und zu bewerkstelligen wir alle aufgefordert sind. Eine Wiedereingliederung, die von allen – Häftlingen, Familien, Vollzugsbeamten sowie politischen Sozial- und Erziehungsprogrammen – angestrebt und erwünscht ist. Eine Wiedereingliederung, die der Moral der gesamten Gemeinschaft zugute kommt und sie anhebt.
   Jesus lädt uns ein, an seinem Los und an seinem Lebensstil teilzuhaben. Er lehrt uns, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Mit Augen, die an dem Staub des Weges keinen Anstoß nehmen, sondern im Gegenteil versuchen, ihn abzuwischen, Heilung und Abhilfe zu schenken. Er lädt uns ein zu arbeiten, um eine neue Chance zu schaffen: für die Gefangenen, für ihre Familien, für die Vollzugsbeamten; eine Chance für die ganze Gesellschaft.
   Ich möchte euch ermutigen, diese Haltung untereinander zu pflegen, mit allen, die in irgendeiner Weise zu dieser Einrichtung gehören. Schmiedet neue Chancen, seid Wegbereiter, öffnet neue Pfade!
   Alle haben wir etwas, von dem wir gereinigt, geläutert werden müssen. Möge dieses Bewusstsein uns aufrütteln zur Solidarität, dazu, einander zu stützen und das Beste für die anderen zu suchen.
   Schauen wir auf Jesus, der uns die Füße wäscht. Er ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben«. Er kommt, um uns herauszuholen aus der Lüge zu glauben, dass sich nichts ändern kann; er hilft uns, auf Wegen des Lebens und der Fülle zu gehen. Möge die Kraft seiner Liebe und seiner Auferstehung immer ein Weg neuen Lebens sein! Rv150927

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Foto:s  Das Weltfamilientreffen fand in Philadelphia am Benjamin Franklin Way statt

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Weltfamilientreffen: Wie ein internationaler Katholikentag - Philadelphia: Treffpunkt katholischer Familien

   Mit dem Papstbesuch in Philadelphia geht das Weltfamilientreffen dort zu Ende. Aus den deutschsprachigen Kirchen waren nicht viele dabei, wie der stellvertretende Familienbischof der deutschen Bischofskonferenz, Weihbischof Wilfried Theising, berichtet. Aber nach dieser Erfahrung könne er sich selber durchaus vorstellen, so ein Treffen einmal in Deutschland zu veranstalten. Unser Korrespondent Pater Bernd Hagenkord hat sich mit Bischof Theising über das zu Ende gehendeTreffen unterhalten.
RV: Herr Weibischof, Sie sind das vollständige Weltfamilientreffen über hier gewesen, was genau für ein Treffen ist das, das Welttreffen der Familien?
   „Es war eine große Veranstaltung mit etwa 20.000 Teilnehmern. Wir haben uns in vielen großen Foren getroffen, es gab Treffen mit vielen Familien aus der ganzen Welt, aber auch immer wieder kleine Treffen am Rande. Das war wirklich eine große Familie, die hier zusammen kam.“
RV: Vergleichen wir doch mal; ist das so etwas wie ein monothematischer und internationaler Katholikentag?
   „Ich glaube, dass man das vergleichen kann, ich kenne ja einige Katholikentage. Anders ist hier, dass die Vorträge hier im Mittelpunkt stehen, aber es gab auch einen Raum, in dem sich verschiedene Gruppen vorgestellt haben. Also ein wenig vergleichbar ist es.“
RV: Das ist ein erster Eindruck, den Sie schildern, was wären denn noch für Eindrücke?
   „Spanisch ist als Sprache sehr stark und Afrika und Asien sind hier sehr stark aufgefallen. Außerdem habe ich hier eine große Freundlichkeit und eine große Gemeinschaft erlebt, gerade auch von den Amerikanern, die uns mit großer Gastfreundschaft aufgenommen haben.“
RV: Was sind denn Themen bei einem solchen Familientreffen?
   „Einmal sind das unmittelbare Familienthemen, aus dem Alltagsleben, wie Familien heute leben. Immer wieder wurde aber auch die Frage nach dem Evangelium gestellt, was es den Familien geben kann und wie Familien es aufgreifen können. Da waren also auch stark biblische Aspekte drin. Ich würde also sagen ‚Familie auf dem Hintergrund der frohen Botschaft‘.“
RV: Seit Samstagmorgen ist Papst Franziskus dabei, was für eine Rolle spielt der Papstbesuch für das Treffen?
   „Ich glaube, dass er eine große Rolle spielt. Die ganze Stadt ist mit Fahnen geschmückt und bei manchen hatte ich auch den Eindruck, dass sie eher für den Papstbesuch hier her gekommen sind als für das Familientreffen.“
RV: Das dann aber schon fast zu Ende war, als der Papst kam.
   „Ja, der Papst kam im Grunde, als alles hier schon zu Ende war. Ich glaube aber trotzdem, dass es für die Teilnehmer hier wichtig ist, dass der Papst dieses Treffen wahrnimmt und dass er einen Gottesdienst feiert. Das spielt schon eine große Rolle.“
RV: Nun sind wir genau eine Woche vor Beginn der Versammlung der Bischofssynode zum Thema Familie. War das zu merken?
   „Thema war das immer wieder. Ich weiß nicht, wie stark jetzt das Treffen hier auf die Synode einwirkt, ich bin da eher etwas zurückhaltend in der Einschätzung, ich glaube das sind zwei verschiedene Dinge, aber das Thema war sehr stark und gerade als Deutscher bin ich immer wieder angesprochen worden auf die Synode.“
RV: Warum sind das zwei verschiedene Dinge?
   „Ich glaube nicht, dass hier schon unmittelbar für die Synode vorgearbeitet wird. Es ist sicherlich noch einmal ein Schub für die Synode oder ein positiver Akzent. Aber ich würde nicht sagen, dass hier schon irgendwelche Klärungen stattfinden, das ist ein ganz eigenes Treffen hier.“
RV: Wenn wir das mal an der Synode festmachen wollen, über welche Themen wurde denn mehr gesprochen, über das Positive oder die Konfliktthemen in der Kirche?
   „Ich muss vorweg sagen, dass ich natürlich nur einen Teil der Vorträge hören konnte und deswegen nur einen kleinen Ausschnitt mitbekommen. Ich habe aber eher Positive gehört, nicht so sehr unsere konfliktiven Themen, die habe ich in den Vorträgen nicht so stark wahrgenommen.“ Rv150927Aus Philadelphia berichtete Pater Bernd Hagenkord

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Fotostrecke vom Weltfamilientreffen in Philadelphia

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Den Vortrag über “die Familie” von Prof. Werner Jeanrond lesen sie auf unserer Seite > Mann und Frau II

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Franziskus mit Kardinal Donald Wuerl, Erzbischof von Washington

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Papstpredigt zur Abschlussmesse des Weltfamilientreffens  Foto: Abschlussmesse mit Papst Franziskus
(Philadelphia, B. Franklin Parkway, 27. September 2015)

Predigt von Papst Franziskus bei der Eucharistiefeier zum Abschluss des 8. Weltfamilientreffens

   Heute überrascht uns das Wort Gottes mit einer starken alegorischen Sprache, die uns zum Nachdenken bringt. Einer alegorischen Sprache, die uns herausfordert, aber auch unsere Begeisterung beflügelt.
   In der ersten Lesung berichtet Josua dem Mose, dass zwei Männer aus dem Volk in prophetischer Verzückung das Wort Gottes verkünden, ohne beauftragt zu sein. Im Evangelium sagt Johannes zu Jesus, dass die Jünger einem Mann verboten haben, im Namen Jesu unreine Geister auszutreiben. Und hier kommt die Überraschung: Mose und Jesus tadeln diese Mitarbeiter, weil sie so engstirnig sind. Wären nur alle Propheten des Wortes Gottes! Könnte nur jeder im Namen des Herrn Wunder wirken!
   Jesus stößt dagegen auf Feindseligkeit bei den Leuten, die nicht akzeptiert hatten, was er sagte und tat. Für sie erschien die Offenheit Jesu für den ehrlichen und aufrichtigen Glauben vieler, die nicht zum auserwählten Volk Gottes gehörten, unerträglich. Die Jünger ihrerseits handelten im guten Glauben, doch die Versuchung, die Freiheit Gottes, der regnen lässt über »Gerechte und Ungerechte« Mt 5,45, der die Bürokratie, den Verwaltungsapparat und die Kreise der „Insider“ übergeht, als Ärgernis zu empfinden,  bedroht die Authentizität des Glaubens und muss daher energisch zurückgewiesen werden.
   Wenn wir das berücksichtigen, können wir verstehen, warum die Worte Jesu über das »Ärgernis« vgl. Mt 18,6 ff so hart sind. Für Jesus besteht das unerträgliche Ärgernis in allem, was unser Vertrauen in diese Vorgehensweise des Heiligen Geistes zerstört und verdirbt.
   Unser himmlischer Vater ist in seiner Großzügigkeit und Aussaat unübertrefflich. Er sät seine Gegenwart in unsere Welt aus, denn »nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt […] hat« 1 Joh 4,10. Eine Liebe, die uns eine tiefe Gewissheit vermittelt: Er sucht uns, wir werden von ihm erwartet. Dieses Vertrauen ist es, das den Jünger dazu bringt, alle guten Initiativen, die es in seiner Umgebung gibt, anzuspornen, zu begleiten und wachsen zu lassen. Gott möchte, dass alle seine Kinder am Fest des Evangeliums teilnehmen. Behindert nicht das Gute, sagt Jesus, im Gegenteil, helft ihm zu wachsen. Das Werk des Heiligen Geistes zu bezweifeln, den Eindruck zu erwecken, dass es nichts mit denen gemein hat, die „nicht zu unserer Gruppe gehören“, die nicht sind „wie wir“, ist eine gefährliche Versuchung. Es blockiert nicht nur die Zuwendung zum Glauben, sondern ist eine Pervertierung des Glaubens.
   Der Glaube öffnet der wirkenden Gegenwart des Geistes „das Fenster“ und zeigt uns, dass das Glück, die Heiligkeit immer an die kleinen Gesten gebunden ist. »Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört«, sagt Jesus, »wird nicht um seinen Lohn kommen« Mk 9,41. Das sind ganz kleine Gesten, die man zu Hause lernt; familiäre Gesten, die sich in der Anonymität der Alltags verlieren, die aber jedem Tag seine Besonderheit verleihen. Es sind Gesten einer Mutter, einer Großmutter, eines Vaters, eines Großvaters, eines Kindes. Es sind Gesten der Zärtlichkeit, der Liebe, des Mitleids. Gesten wie die warme Mahlzeit für den, der auf das Abendessen wartet;  wie das sehr zeitige Frühstück dessen, der dem Frühaufsteher Gesellschaft zu leisten versteht. Es sind häusliche Gesten. Es ist der Segen vor dem Schlafengehen und die Umarmung bei der Heimkehr von einem langen Arbeitstag. Die Liebe äußert sich in kleinen Dingen, in der geringsten Geste der Aufmerksamkeit gegenüber dem Alltäglichen, die dafür sorgt, dass das Leben immer eine heimische Atmosphäre hat. Der Glaube wächst mit seiner praktischen Anwendung und wird durch die Liebe geformt. Darum sind unsere Familien, unser Daheim wahre Hauskirchen. Sie sind der geeignete Ort, wo der Glaube Leben wird und das Leben Glaube.
   Jesus fordert uns auf, diese wunderbaren kleinen Gesten nicht zu verhindern; im Gegenteil, er möchte, dass wir sie auslösen, dass wir sie wachsen lassen; dass wir das Leben begleiten, wie es sich uns darstellt, und dabei helfen, all die kleinen Gesten der Liebe, die Zeichen seiner lebendigen und wirkenden Gegenwart in unserer Welt sind, wachzurufen.
   Diese Haltung, zu der wir aufgefordert sind, wirft in uns die Frage auf: Was tun wir, um diese Logik in unseren Häusern, in unseren Gesellschaften zu leben? Welche Art von Welt wollen wir unseren Kindern hinterlassen? vgl. Laudato si’, 160. Das ist eine Frage, die wir nicht allein beantworten können. Der Heilige Geist lädt uns ein und fordert uns heraus, sie zusammen mit der großen Menschheitsfamilie zu beantworten. Unser gemeinsames Haus duldet keine unfruchtbaren Spaltungen mehr. »Die dringende Herausforderung, unser […] Haus zu schützen, schließt die Sorge ein, die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen, denn wir wissen, dass sich die Dinge ändern können« ebd., 13. Mögen unsere Kinder in uns Vorbilder für ein gemeinschaftliches Miteinander finden! Mögen unsere Kinder in uns Männer und Frauen finden, die fähig sind, sich mit den anderen zusammenzutun, um all das Gute aufkeimen zu lassen, das der himmlische Vater gesät hat!
   Ganz unverblümt, aber mit Liebe sagt Jesus: » Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten« Lk 11,13. Wieviel Weisheit liegt in diesen Worten! Es ist wahr, dass wir Menschen in Bezug auf Güte und Lauterkeit des Herzens nicht viel besitzen, dessen wir uns rühmen können. Doch Jesus weiß, dass wir, wenn es um unsere Kinder geht, zu grenzenloser Großzügigkeit fähig sind. Darum ermutigt er uns: Wenn wir dem Vater vertrauen, wird er uns den Heiligen Geist geben.
   Wir Christen, Jünger des Herrn, bitten die Familien der Welt, uns zu helfen. Viele sind wir, die wir an dieser Feier teilnehmen, und das ist schon in sich etwas Prophetisches, eine Art Wunder in der Welt von heute. Wären wir nur alle Propheten! Würde sich nur jeder von uns den Wundern der Liebe zum Wohl aller Familien der Welt öffnen, um so das Ärgernis einer kleinlichen und argwöhnischen Liebe zu überwinden, die in sich selbst verschlossen und mit den anderen ungeduldig ist!
   Wie schön wäre es, wenn wir überall und auch über unsere Grenzen hinaus diese Prophetie und dieses Wunder fördern und zur Geltung bringen könnten! Lasst uns unseren Glauben an das Wort des Herrn erneuern, der unsere Familien zu dieser Öffnung einlädt; der alle einlädt, sich an der Prophetie des Bundes zwischen einem Mann und einer Frau zu beteiligen, der Leben zeugt und Gott offenbart!
   Jeder Mensch, der in diese Welt eine Familie einbringen möchte, welche die Kinder dazu erzieht, sich über jede Tat zu freuen, deren Absicht ist, das Böse zu überwinden – eine Familie, die zeigt, dass der Heilige Geist in ihr lebt und wirkt –, wird unserer Dankbarkeit und unserer Wertschätzung gewiss sein, gleich welchem Volk, welcher Region oder welcher Religion auch immer er angehört.
   Möge Gott uns allen – als Jüngern des Herrn – die Gnade gewähren, dieser Lauterkeit des Herzens würdig zu sein, die das Evangelium nicht als Ärgernis empfindet! Rv150927gs

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Das Welttreffen der Familien  in Philadelphia ist ein starker Aufbruch Foto:  Kardinal Chaput mit Papst Franziskus

   Stadtväter und katholische Kirche in Philadelphia haben vor der Presse eine ausgesprochen positive Bilanz des Welttreffens der Familien gezogen. An dem Ereignis, das am Sonntag zu Ende ging, hatte auch Papst Franziskus teilgenommen. Auf einer Pressekonferenz sprach Bürgermeister Michael Nutter am Montag von einem „Riesenerfolg“.„Hunderttausende von Pilgern sind durch unsere Straßen geschlendert und haben eine wunderbare, spirituelle Erfahrung erlebt“, so Nutter. Allerdings schimpfte er über die Medien, die allzuviel von den scharfen Sicherheitsvorkehrungen berichtet und dadurch viele Menschen vom Kommen abgehalten hätten.    Rv150929

Franziskus an die Helfer des Weltfamilientreffens
Grußwort von Papst Franziskus an das Organisationskomitee, die freiwilligen Helfer und die Wohltäter des 8. Weltfamilientreffens. Philadelphia, Internationaler Flughafen, 27. September 2015

Herr Vizepräsident, sehr geehrte Vertreter des öffentlichen Lebens, liebe Mitbrüder im Bischofsamt,
liebe Freunde,
   mein Aufenthalt bei Ihnen ist kurz gewesen. Aber es waren Tage großer Gnade für mich und, so bete ich, auch für Sie. Sie sollen wissen, dass ich mit einem Herzen voller Dankbarkeit und Hoffnung Abschied nehme.
   Ich danke Ihnen allen wie auch den vielen anderen, die so hart dafür gearbeitet haben, meinen Besuch zu ermöglichen und das Weltfamilientreffen vorzubereiten. Besonders danke ich der Erzdiözese von Philadelphia, den Zivilbehörden, den Organisatoren und all den vielen freiwilligen Helfern und Wohltätern für ihre Unterstützung im Großen wie im Kleinen.
   Ich danke auch den Familien, die während des Treffens ihr Zeugnis gegeben haben. Es ist nicht leicht, offen über den eigenen Lebensweg zu sprechen. Aber ihre Aufrichtigkeit und Demut vor dem Herrn und vor jedem von uns zeigte die Schönheit des Familienlebens in all seinem Reichtum und seiner Vielfalt. Ich bete darum, dass unsere Tage des Gebets und der Reflexion über die Bedeutung der Familie für eine gesunde Gesellschaft Familien anregen werden, weiter nach Heiligkeit zu streben und die Kirche als ihre beständige Begleiterin zu betrachten, welchen Herausforderungen auch immer sie begegnen mögen.
   Am Ende meines Besuches möchte ich auch allen danken, die meinen Aufenthalt in den Erzdiözesen Washington und New York vorbereitet haben. Es hat mich besonders bewegt, Junípero Serra heiligzusprechen, der uns alle an unsere Berufung erinnert, missionarische Jünger zu sein. Bewegend war für mich auch, mit meinen Brüdern und Schwestern anderer Religionen am Ground Zero zu stehen, jenem Platz, der so eindringlich vom Geheimnis des Bösen spricht. Doch wir haben die Gewissheit, dass das Böse nie das letzte Wort hat und dass im barmherzigen Plan Gottes die Liebe und der Friede über alles triumphieren.
   Herr Vizepräsident, ich bitte Sie, Präsident Obama und den Mitgliedern des Kongresses erneut meine Dankbarkeit zu bekunden, zusammen mit der Zusicherung meines Gebets für das amerikanische Volk. Dieses Land wurde mit enormen Gaben und Möglichkeiten gesegnet. Ich bete, dass Sie alle gute und großzügige Verwalter der menschlichen und materiellen Ressourcen sein mögen, die Ihnen anvertraut sind.
   Ich danke dem Herrn, dass ich den Glauben des Volkes Gottes in diesem Land miterleben konnte, wie er sich in unseren Zeiten des gemeinsamen Gebets offenbarte und in so vielen Werken der Nächstenliebe deutlich wurde. Jesus sagt in der Schrift: »Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« Mt 25,40. Ihre Fürsorge für mich und Ihr großherziger Empfang sind ein Zeichen Ihrer Liebe zu Jesus und Ihrer Treue ihm gegenüber. Das gleiche gilt für Ihre Sorge für die Armen, die Kranken, die Obdachlosen und die Einwanderer, für Ihre Verteidigung des Lebens in allen seinen Phasen und Ihre Sorge für das Familienleben. An all dem erkennt man, dass Jesus in Ihrer Mitte ist und dass Ihre Sorge füreinander eine Sorge für Jesus selbst ist.
   Da ich nun abreise, bitte ich Sie alle, besonders die freiwilligen Helfer und die Wohltäter, die beim Weltfamilientreffen mitgewirkt haben: Lassen Sie Ihre Begeisterung für Jesus, seine Kirche, unsere Familien und die umfassendere Familie der Gesellschaft nicht austrocknen. Mögen unsere gemeinsamen Tage Frucht bringen, die bleibt, mögen Großherzigkeit und Fürsorge für die Mitmenschen fortdauern! Da wir nun so viel von Gott erhalten haben – Geschenke, die uns reichlich und ohne unser Dazutun gegeben wurden – lassen Sie uns in gleichem Maße die Mitmenschen reichlich beschenken.
   Liebe Freunde, ich umarme Sie alle im Herrn und empfehle Sie der mütterlichen Fürsorge der unbefleckten Jungfrau Maria, der Patronin der Vereinigten Staaten. Ich werde für Sie und Ihre Familien beten und bitte auch Sie herzlich, für mich zu beten. Gott segne Sie alle. Gott segne Amerika!  rv150728

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Nach dem gelungenen Weltfamilientreffen in Philadelphia tauscht Papst Franziskus mit dem dortigen Erzbischof
Kardinal Charles Chaput den Friedensgruß aus. Papst Johannes Paul II. hat den Indianer 1988 zum Bischof ernannt

Weltfamilientreffen: 2018 geht es nach Dublin
   Das nächste Welttreffen der Familie wird 2018 in Dublin stattfinden. Das gab Erzbischof Vincenzo Paglia, Leiter des Päpstlichen Familienrates, zum Abschluss des Treffens in Philadelphia bekannt. Der Papst habe sich für Irland entschieden, sagte Paglia. In seiner Grußadresse zum Abschluss der Messfeier mit Papst Franziskus bedankte er sich ausführlich bei der Stadt und dem Erzbistum Philadelphia. Die Familientreffen finden seit Mitte der 1990er Jahre alle drei Jahre als Treffen von Familien und Fachleuten statt, in den vergangenen Jahren hat es Treffen in Mailand, Mexiko-Stadt und Valencia gegeben.
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   Charles Joseph Chaput Foto trat 1965 dem Kapuzinerorden bei. Nach seiner theologischen Ausbildung studierte er Philosophie am St. Fidelis College Seminary in Herman, Pennsylvania, und Psychologie an der Catholic University in Washington D.C. sowie Erziehungswissenschaften am Capuchin College in Washington D.C. Am 29. August 1970 empfing er durch den Bischof von Salina, Cyril Vogel, die Priesterweihe. 1971 absolvierte er den Master in Theologie an der University of San Francisco. Er war von 1971 bis 1974 als Professor an St. Fidelis tätig und von 1974 bis 1977 Kommunikationschef der Ordensprovinz der Kapuziner bei Pittsburgh. 1977 wurde er Pfarrer in der Gemeinde Holy Cross Parish in Thornton,  Colorado, sowie zudem Vikar der Ordensprovinz der Kapuziner für die Mitte Amerikas. Er wurde 1980 Sekretär und Finanzbeauftragter der Ordensprovinz und schließlich 1983 Provinzial.
   Papst Johannes Paul II. ernannte ihn zum Bischof von Rapid City, South Dakota. Die Bischofsweihe spendete ihm am 26. Juli 1988 der damalige Apostolische Pro-Nuntius Pio Laghi. Mitkonsekratoren waren John Robert Roach, Erzbischof von Saint Paul and Minneapolis, und James Francis Stafford, damals Erzbischof von Denver.
   Am 18. März 1997 wurde Chaput zum Erzbischof von Denver ernannt. Er gewann bald ein nationales Profil durch seine ausgesprochene Treue zum Heiligen Stuhl; als andere Bistümer ihre Priesterseminarien wegen Hörermangel schließen mussten, gründete er 1999 das St. John Vianney Theological Seminary und gliederte es in die Päpstliche Lateranuniversität ein. In den Jahren von 1998 bis 2011 weihte Chaput 71 Priester für die Erzdiözese Denver. Eine weitere erfolgreiche Bildungsinitiative war die das Augustinus Institut, eine von Laien betriebene Katechetenakademie für Laien, die sich an der Neuevangelisierung Nordamerikas beteiligen wollen.
   Im internationalen Austausch ist Erzbischof Chaput wiederholt aufgetreten. Er diente als Mitglied des U.S. Commission on International Religious Freedom (2003–2006). 2005 war er in Córdoba für die Antisemitismus- Konferenz der OSCE. 2009 wurde er mit dem Canterbury Medal für die Förderung der Religionsfreiheit ausgezeichnet.
   Er ist derzeit Mitglied des Board of Directors des weltweit größten religiösen Fernsehsenders EWTN, des St. John Vianney Theological Seminary in Northern Colorado, der Fellowship of Catholic University Students, der Catholic Association of Latino Leaders und der World Youth Alliance International.
   Am 19. Juli 2011 wurde er zum Erzbischof von Philadelphia ernannt und am 8. September 2011 feierlich installiert. Charles Joseph Chaput gehört dem Indianerstamm der Prairie Band of the Potawatomi an. Er ist der zweite Native American, der in den USA zum Bischof geweiht wurde; er ist der erste mit diesem ethnischen Hintergrund, der Erzbischof wurde. Wikipedia

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Der Papst ist wieder in Rom  - Foto: Papst Franziskus vor dem Abflug in Philadelphia

   Die Erde hat ihn wieder: Papst Franziskus ist nach 8 Stunden Flug, von Philadelphia kommend, in Rom gelandet. Um 10 Uhr setzte seine Maschine auf dem Flughafen Ciampino auf. Damit ist die längste Auslandsreise dieses Papstes, die ihn nach Kuba, in die USA und zur UNO führte, jetzt offiziell beendet. In Philadelphia hatte Franziskus am 8. Welttreffen der Familien teilgenommen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Rom suchte er die Basilia Santa Maria Maggiore auf, um einen Moment vor dem Gnadenbild Salus Populi Romani zu beten. Rv150928sk

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Generalaudienz: „Familie ist die Antwort“ - Papst Franziskus begrüßt nach der Generalaudienz neuvermählte Paare

   „Die Familie ist die Antwort auf die großen Herausforderungen unserer Zeit“: Das sagte Papst Franziskus bei seiner Generalaudienz in Rom. Es war sein erster Auftritt seit seiner Reise nach Kuba und in die USA; der Papst zog eine Bilanz seiner bisher längsten internationalen Reise. Und er warf zugleich einen Blick voraus auf die vatikanische Bischofssynode zum Thema Ehe und Familie, die er am Sonntag im Vatikan feierlich eröffnen wird.
   Zweierlei seien die Herausforderungen unserer Zeit, so der Papst: „die Fragmentierung und die Vermassung“. Diese beiden Extreme träten gleichzeitig auf und stützten sich gegenseitig, und sie bildeten auch die Basis des „konsumistischen Wirtschaftsmodells“ von heute. „Die Familie ist die Antwort, weil sie die Grundzelle einer Gesellschaft darstellt, die die persönliche und die gemeinschaftliche Dimension in ein Gleichgewicht bringt. Außerdem kann sie gleichzeitig ein Modell des nachhaltigen Umgangs mit Gütern und Ressourcen der Schöpfung sein. Die Familie ist das handelnde Subjekt einer umfassenden Ökologie, weil sie das grundlegende soziale Subjekt schlechthin ist. Sie enthält in ihrem Innern die beiden grundlegenden Prinzipien der menschlichen Zivilisation auf Erden: Das Prinzip der Gemeinschaft und das Prinzip der Fruchtbarkeit.“
   Genau das meine der „biblische Humanismus“ mit seiner „Ikone“ von Mann und Frau, „vereint und fruchtbar, von Gott in den Garten der Welt hineingestellt, um ihn zu pflegen und zu bewahren“.
   Doch Franziskus sang bei seiner Generalaudienz nicht nur das Hohelied von Ehe und Familie; er blickte vor allem auf seine Kuba- und USA-Reise mit ihren Begegnungen und Reden zurück. Auf Kuba habe er sich absichtlich als „Missionar der Barmherzigkeit“ vorgestellt, so der Papst. „Gottes Barmherzigkeit ist größer als jede Verwundung, als jeder Konflikt, als jede Ideologie; mit diesem Blick der Barmherzigkeit konnte ich das ganze kubanische Volk, in der Heimat und draußen, umarmen, ungeachtet jeder Spaltung.“
   Er habe sich bei seinem Besuch auf der Insel den Wunsch seines Vorgängers, des heiligen Johannes Paul II., zu eigen gemacht, der 1998 in Havanna ausrief, Kuba solle sich der Welt öffnen – und die Welt solle sich Kuba öffnen. „Keine Abschottungen mehr, keine Ausbeutung der Armut mehr, sondern Freiheit in Würde! Das ist die Straße, die das Herz so vieler junger Leute auf Kuba schneller schlagen lässt: nicht eine Straße des Flüchtens oder des schnellen Geldes, sondern eine Straße der Verantwortung und des Dienstes am Nächsten.“ 
   Nicht verhehlen konnte Franziskus die Freude darüber, dass er als erster Staatschef seit über fünfzig Jahren direkt von Kuba in die USA fliegen konnte: „Das war ein emblematischer Übergang, eine Brücke, die Gott sei Dank wiederhergestellt wird! Gott will immer Brücken bauen – wir sind es, die Mauern hochziehen! Und die Mauern stürzen ein, immer!“ Mit genau diesen Worten hatte der Papst auf dem Rückflug von seiner Reise die Frage beantwortet, was er über die Flüchtlingsströme in Europa denke.
   Ausführlich sprach Franziskus auch über seinen Aufenthalt in den USA, der ihn nach Washington, New York und Philadelphia geführt hat. „Ich habe daran erinnert, dass der größte Reichtum dieses Landes und seiner Menschen im geistlichen und ethischen Erbe besteht. Dadurch wollte ich dazu ermuntern, den sozialen Aufbau in Treue zu seinem grundlegenden Prinzip fortzusetzen, und zwar: dass alle Menschen gleich erschaffen und von Gott mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, dem Recht auf Leben, auf Freiheit und auf die Suche nach dem Glück. Diese Werte, die von allen geteilt werden können, finden im Evangelium ihren vollen Ausdruck.“
   Die Vereinigten Staaten hätten „im letzten Jahrhundert maximalen wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt erreicht, ohne ihre religiösen Wurzeln zu verleugnen“, lobte der Papst. Sie sollten weiterhin „das Land der Freiheit und der Aufnahme von Fremden“ sein, wünschte er, und auch künftig Verantwortung für eine „gerechtere Welt“ übernehmen.
   Als Höhepunkt seiner Reise bezeichnete Franziskus seine Teilnahme am achten Welttreffen der Familien letztes Wochenende in Philadelphia. Er bekräftigte auf dem Petersplatz neuerlich, dass die Ehe der Bund „eines Mannes und einer Frau“ sei. Rv150930sk    

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