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Nostra aetate

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Ist es Zeit für nostra aetate II ?
Nostra Aetate: der 4. Artikel der Erklärung des 2. Vatikanischen Konzils Foto oben im Wortlaut
- den gesamten Text der fünf Artikel von Nostra aetate finden Sie auf auf unserer Seite Dialog der Religionen

   4. Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist. So anerkennt die Kirche Christi, dass nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Mose und den Propheten finden.  Sie bekennt, dass alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach vgl. Gal 3,7 in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und dass in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, dass sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind vgl. Röm 11,17-24. Denn die Kirche glaubt, dass Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat vgl. Eph 2,14-16. Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stamm- verwandten sagt, dass “ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und dass aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt” Röm 9,4-5, der Sohn der Jungfrau Maria. Auch hält sie sich gegenwärtig, dass aus dem jüdischen Volk die Apostel stammen, die Grundfesten und Säulen der Kirche, sowie die meisten jener ersten Jünger, die das Evangelium Christi der Welt verkündet haben. Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt vgl. Lk 19,44, und ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt vgl. Röm 11,28. Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich vgl. Röm 11, 28-29; vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen Gentium: AAS 57 (1965) 20. “Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm Schulter an Schulter dienen" Soph 3,9; vgl. Is 66, 23; Ps 65,4; Röm 11, 11- 32.
   Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist. Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben vgl. Jo 19,6, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, dass niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht.
   Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.
   Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden.

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Nostra Aetate 50 Jahre später: Neues jüdisch-christliches Dokument
Papst Franziskus hier beim interreligiösen Treffen in New York am Ground Zero Denkmal

   Der Vatikan hat ein neues Dokument zur Beziehung mit dem Judentum erstellt. Das Schreiben trägt den Titel „Warum die Gnade und die Berufung Gottes unwiderruflich sind Röm 11,29. Überlegungen zu theologischen Fragen zu den katholisch-jüdischen Beziehungen anlässlich des 50. Jahrestages von Nostra Aetate“. Es wurde am 10. Dezember 2015 im vatikanischen Pressesaal vorgestellt. Erstellt hat das Dokument die Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum, die am Päpstlichen Einheitsrat angesiedelt ist. Bei der Vorstellung waren neben den vatikanischen Verantwortlichen für den jüdisch-katholischen Dialog auch zwei Vertreter des Judentums anwesend, Rabbiner David Rosen vom American Jewish Committee sowie Edward Kessler, Gründungsdirektor des britischen Woolf Institute. Rv151204gs

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Rabbi David Rosen und Kardinal Kurt Koch

Vorwort
   Vor fünfzig Jahren wurde die Erklärung
„Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils verabschiedet. In Nummer vier stellt sie die Beziehungen der katholischen Kirche zum Judentum  in einen neuen theologischen Rahmen. Die folgenden Ausführungen möchten dankbar auf alles zurückblicken, was in den letzten Jahrzehnten in den jüdisch-katholischen Beziehungen erreicht worden ist und wollen zugleich für die Zukunft neue Impulse geben. Ausgehend von einer wiederholten Betonung der Sonderstellung der jüdisch-katholischen Beziehungen innerhalb des interreligiösen Dialogs werden theologische Fragestellungen aufgegriffen, wie der Stellenwert der Offenbarung, das Verhältnis zwischen Altem und Neuem Bund, die Beziehung zwischen der Heilsuniversalität Jesu Christi und dem ungekündigten Bundes Gottes mit Israel und der Evangelisierungsauftrag der Kirche im Verhältnis zum Judentum. Dieses Dokument präsentiert katholische  Überlegungen  zu  diesen  Fragestellungen  und  setzt  diese  in  einen  theologischen Kontext, auf dass deren Bedeutung für die Mitglieder beider Glaubenstraditionen vertieft werde. Dieser Text ist nicht ein Dokument des Lehramts oder eine lehramtliche Unterweisung der Katholischen Kirche, sondern es handelt sich um Überlegungen der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum über aktuelle theologische Fragestellungen, die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelt haben. Sie beabsichtigen, Ausgangspunkt für eine weitere theologische  Reflexion  zu  sein,  so  dass  die  theologische  Dimension  des  jüdisch-katholischen Dialogs bereichert und intensiviert wird.
1.   Eine kurze Wirkungsgeschichte von „Nostra aetate“ (Nr. 4) in den letzten 50 Jahren
1. „Nostra aetate“ (Nr. 4) wird mit Recht zu jenen Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils gezählt, die in einer besonders eindrucksvollen Weise eine Neuausrichtung der Römisch-Katholischen Kirche seit dieser Zeit bewirken konnten. Diese Veränderung gilt der Beziehung der Kirche  zum  jüdischen  Volk  und  zum  Judentum,  und  tritt  erst  vor  unsere  Augen,  wenn  wir bedenken, dass es in früheren Zeiten grosse Vorbehalte auf beiden Seiten gegeben hat, und zwar teilweise deshalb, weil die Geschichte des Christentums als diskriminierend gegenüber Juden betrachtet wurde, sogar bis hin zu Versuchen von Zwangsbekehrungen
vgl. Evangelii Gaudium 248.   Der   Hintergrund   für   diese   komplexe   Verbindung   besteht   unter   anderem   in   einer asymmetrischen Beziehung: Als Minderheit standen die Juden häufig einer christlichen Mehrheit gegenüber und waren von ihr abhängig. Der dunkle und schreckliche Schatten der Schoa über Europa während der Nazizeit führte die Kirche dazu, erneut über ihre Beziehung zu den Juden nachzudenken.
2. Die grundlegende Wertschätzung des Judentums jedoch, die in „Nostra aetate“ (Nr. 4) zum Ausdruck kommt, ermöglichte es Schritt für Schritt, dass aus einst sich skeptisch gegenüber stehenden  Gemeinschaften  im  Laufe  der  Jahre  verlässliche  Partner  und  sogar  gute  Freunde geworden sind, die auch fähig sind, Krisen gemeinsam durchzustehen und Konflikte positiv auszutragen. Daher wird der vierte Artikel von „Nostra aetate“ als das solide Fundament für die Verbesserung der Beziehung zwischen Katholiken und Juden betrachtet.
3. Zur konkreten Umsetzung von „Nostra aetate“ (Nr. 4) wurde am 22. Oktober 1974 vom Seligen Papst Paul VI. die Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum gegründet, die zwar organisatorisch dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit  der Christen angegliedert, aber eigenständig mit der Aufgabe betraut ist, den religiösen Dialog mit dem Judentum zu begleiten und zu fördern. In theologischer Sicht hat es seinen guten Grund, diese Kommission mit dem Rat für die Förderung der Einheit der Christen zu verbinden, zumal die Trennung von Synagoge und Kirche als der erste und weitreichendste Bruch im auserwählten Volk betrachtet werden kann.
4. Im Jahr der Gründung der Kommission des Heiligen Stuhls veröffentlichte diese am 1. Dezember 1974 ihr erstes offizielles Dokument mit dem Titel „Richtlinien und Hinweise für die Durchführung der Konzilserklärung <Nostra aetate>, Artikel 4“. Das entscheidende und neue Anliegen dieses Dokuments besteht darin, so mit dem Judentum vertraut zu werden, wie es sich selbst versteht, die christliche Hochschätzung desselben zum Ausdruck zu  bringen und die grosse Bedeutung des Dialogs mit den Juden für die Katholische Kirche hervorzuheben, wie es wörtlich im Dokument heißt: „Konkret bedeutet dies im besonderen, dass die Christen danach streben, die grundlegenden Komponenten der religiösen Tradition des Judentums besser zu verstehen, und dass sie lernen, welche Grundzüge für die gelebte religiöse Wirklichkeit der Juden nach ihrem eigenen Verständnis wesentlich sind“ (Präambel).  Auf der Grundlage des Glaubenszeugnisses der  Kirche für Jesus Christus überdenkt das Dokument den speziellen Charakter des Dialogs der Kirche mit dem Judentum. Bezug wird im Text genommen auf die Wurzeln der christlichen Liturgie in ihrem jüdischen Verständnishorizont, neue Möglichkeiten der Annäherung im Bereich von Lehre, Erziehung und Ausbildung werden skizziert, und schließlich werden gemeinsame soziale Aktivitäten vorgeschlagen.
5.  Elf  Jahre  später  am 24.  Juni  1985  legte  die  Kommission  des  Heiligen  Stuhls  ein  zweites Dokument vor, das den Titel trägt: „Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche“. Dieses Dokument ist stärker theologisch-exegetisch orientiert,  insofern es das Verhältnis  von  Altem und  Neuem Testament bedenkt, die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens aufzeigt, die Art und Weise, wie ‚die Juden‘ im Neuen Testament dargestellt werden, erörtert, auf die Gemeinsamkeiten in der Liturgie hinweist, vor allem in den grossen Festen des Kirchenjahres, und das Verhältnis von Judentum und Christentum in der Geschichte kurz beleuchtet. Im Blick auf das „Land der Väter“ betont das Dokument: „Die Christen sind dazu aufgefordert, diese religiöse Bindung zu verstehen, die in der biblischen Tradition tief verwurzelt  ist. Sie sollten sich jedoch deswegen nicht  eine besondere religiöse Interpretation dieser Beziehung zu eigen machen. … Was die Existenz und die politischen Entscheidungen des Staates Israel betrifft, so müssen sie in einer Sichtweise betrachtet werden, die nicht in sich selbst religiös ist, sondern sich auf die allgemeinen Grundsätze internationalen Rechts beruft.“ Der Fortbestand Israels ist aber als „eine historische Tatsache und ein Zeichen im Plan Gottes“ wahrzunehmen (VI, 1).
6. Ein drittes Dokument der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum wurde am
16. März 1998 der Öffentlichkeit vorgestellt. Es beschäftigt sich mit der Schoa: „Wir erinnern: Eine Reflexion über die Schoa“. In diesem Text findet sich das harte, aber berechtigte Urteil, dass die Bilanz der zweitausendjährigen Beziehung zwischen Juden und Christen leider negativ ausfällt. Er bedenkt die Haltung der Christen gegenüber dem Antisemitismus der Nationalsozialisten und stellt die Pflicht der Christen zur Erinnerung an die menschliche Katastrophe der Schoa in den Mittelpunkt. In einem Brief am Anfang dieser Erklärung äußert der Heilige Papst Johannes Paul II. seine Hoffnung, dass dieses Dokument wirklich „helfen wird, die Wunden der Missverständnisse und  Ungerechtigkeiten  in  der  Vergangenheit  zu  heilen.  Möge es dem Gedenken ermöglichen, seinen notwendigen Teil zum Aufbau einer Zukunft beizutragen, in der die unsagbare Schandtat der Schoa nie wieder möglich sein wird“.
7. In der Reihe der Dokumente des Heiligen Stuhls muss jener Text Erwähnung finden, der von der Päpstlichen Bibelkommission am 24. Mai 2001 veröffentlicht wurde und sich explizit mit dem jüdisch-katholischen Dialog auseinandersetzt: „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“. Es handelt sich dabei um das exegetisch-theologisch bedeutendste Dokument im jüdisch-katholischen Gespräch und stellt eine reiche Fundgrube für gemeinsame Themen dar, die ihren Anhaltspunkt in den Schriften des Judentums und des Christentums haben. Die Heilige Schrift des jüdischen Volkes wird als „grundlegender Bestandteil der christlichen Bibel“ betrachtet, es werden die Grundthemen der Heiligen Schrift des jüdischen Volkes und ihre Aufnahme im Glauben an Christus behandelt, und es wird die Art und Weise, wie die Juden im Neuen Testament dargestellt werden, eingehend beleuchtet.
8. Texte und Dokumente, wie wichtig sie auch sind, können persönliche Begegnungen und Dialoge, die von Angesicht zu Angesicht geführt werden, nicht ersetzen. Zwar sind unter dem Seligen Papst Paul VI. die ersten Schritte im jüdisch-katholischen Dialog gemacht worden, dem Heiligen Papst Johannes Paul II. gelang es aber, durch seine ansprechenden Gesten gegenüber den Juden, diesen Dialog zu fördern und zu vertiefen. Er war als erster Papst im früheren Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, um für die Opfer der Schoa zu beten, und er besuchte die Synagoge in Rom, um seine Solidarität mit der jüdischen Gemeinde zum Ausdruck zu bringen. Im Rahmen einer historischen Pilgerreise ins Heilige Land war er Gast des Staates Israel, wo er an interreligiösen Treffen teilnahm, den beiden Oberrabinern einen Besuch abstattete und an der Klagemauer betete. Immer wieder traf er sich mit jüdischen Gruppen, sei es im Vatikan oder auf seinen zahlreichen apostolischen Reisen. Das gilt auch für Benedikt XVI., der sich schon vor seiner Wahl zum Papst im jüdisch-katholischen Dialog engagiert hatte, indem er in einer Reihe von Vorträgen wichtige theologische Überlegungen zum Verhältnis von Altem und Neuem Bund und von Synagoge und Kirche vorlegte. Nach seiner Wahl förderte er auf den Spuren des Heiligen Johannes Paul II. auf seine ihm eigene Weise diesen Dialog, indem er die gleichen Gesten setzte und mit der Macht seines Wortes seine Wertschätzung gegenüber dem Judentum zum Ausdruck brachte.  Kardinal Jorge Mario Bergoglio war als Erzbischof von Buenos Aires sehr stark im jüdisch-katholischen Dialog engagiert und hatte unter den Juden Argentiniens viele Freunde. Als Papst setzt er dies nun auf internationaler Ebene fort, indem er den Dialog mit dem Judentum durch viele freundschaftliche Begegnungen intensiviert. Eine seiner ersten solchen Begegnungen fand im Mai 2014 in Israel statt, wo er sich mit den beiden Oberrabbinern traf, die Klagemauer besuchte und in Yad Vashem für die Opfer der Schoa betete.
9. Bereits vor der Gründung der Kommission des Heiligen Stuhls gab es Kontakte und Beziehungen zu verschiedenen jüdischen Organisationen durch das damals so genannte Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen. Da sich das Judentum facettenreich und organisatorisch nicht einheitlich präsentiert, stand die katholische Kirche vor der Herausforderung, mit wem man den Dialog führen sollte, weil es nicht möglich war, mit allen jüdischen Gruppierungen und Organisationen, die ihre Bereitschaft zum Dialog erklärten, einzelne und unabhängige bilaterale Gespräche zu führen. Um dieses Problem zu lösen, griffen die jüdischen Organisationen den Vorschlag der Katholischen Kirche  auf,  eine einzige Organisation  für  diesen  Dialog  zu  gründen.  Das  International
Jewish Committee on Interreligious Consultations (IJCIC) ist der offizielle jüdische Vertreter für die Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls.
10.  Das  IJCIC  begann  seine  Tätigkeit  im  Jahre  1970,  und  ein  Jahr  später  wurde  die  erste gemeinsame  Konferenz  in  Paris  organisiert.  Die  seither  regelmässig  durchgeführten  Tagungen liegen in der Verantwortung des so genannten
International Catholic-Jewish Liaison Committee (ILC), und sie prägen die Zusammenarbeit zwischen dem IJCIC und der Kommission des Heiligen Stuhls. Im Februar 2011 konnte das ILC auf vierzig Jahre institutionalisierten Dialogs wiederum in Paris dankbar zurückblicken. In den vergangenen vierzig Jahren war Vieles gewachsen: aus der herkömmlichen Konfrontation wurde eine gelungene Zusammenarbeit, aus der früheren Konfliktträchtigkeit  entstand  eine  positive  Konfliktbewält igung,  und  aus  einem  ehemaligen Nebeneinander und teilweise Gegeneinander konnte ein tragfähiges und fruchtbares Miteinander entstehen. Die in der Zwischenzeit geknüpften Bande der Freundschaft haben sich als gefestigt erwiesen, so dass es möglich geworden ist, auch kontroverse Themen miteinander anzugehen, ohne Gefahr zu laufen, dass der Dialog bleibenden Schaden erleidet. Dies war umso notwendiger,  als der Dialog in den vergangenen Jahrzehnten nicht immer spannungsfrei gewesen ist. Im Allgemeinen darf man aber anerkennend konstatieren, dass vor allem im neuen Jahrtausend im jüdisch- katholischen Dialog intensive Anstrengungen gemacht wurden, auftretende Meinungsverschiedenheiten und Konflikte offen und positiv auszutragen, und zwar derart, dass die gegenseitigen Beziehungen noch fester wurden.
11. Neben dem Dialog mit dem IJCIC ist das institutionalisierte Gespräch mit dem Oberrabbinat Israels zu erwähnen, das eindeutig als Frucht der Begegnung des Heiligen Papstes Johannes Paul II. mit den beiden Oberrabbinern in Jerusalem während seiner Reise nach Israel im März des Jahres 2000 betrachtet werden darf. Das erste Treffen wurde im Juni 2002 in Jerusalem organisiert,  und seither konnten jährlich solche Begegnungen durchgeführt werden, die abwechslungsweise in Rom und in Jerusalem stattfinden. Die beiden Delegationen sind relativ klein, so dass eine sehr persönliche und intensive Diskussion über verschiedene Themen möglich ist wie beispielsweise über die Heiligkeit des Lebens, den Stellenwert der Familie, die Bedeutung der Heiligen Schriften für das gesellschaftliche Zusammenleben, die Religionsfreiheit, die ethischen Grundlagen des menschlichen Handelns, die ökologische Herausforderung, das Verhältnis von säkularer und religiöser Autorität oder die notwendigen Qualitäten einer religiösen Führung in säkularer Gesellschaft. Die Tatsache, dass die katholischen Vertreter, die an den Treffen teilnehmen, Bischöfe und Priester sind, und die jüdischen Vertreter beinahe ausschliesslich Rabbiner, erlaubt es, die jeweiligen Themen auch in religiöser Hinsicht zu beleuchten. Der Dialog mit dem Oberrabbinat Israels hat insofern eine offenere Beziehung zwischen dem Orthodoxen Judentum  und der Katholischen Kirche auf Weltebene ermöglicht. Nach jedem Treffen wird eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, die jeweils bezeugt, wie reich das dem Judentum und dem Christentum gemeinsame spirituelle Erbe ist und welche kostbaren Schätze noch gehoben werden können. Im Rückblick auf über zehn Jahre des Dialogs darf man dankbar feststellen, dass sich eine starke Freundschaft ergeben hat, die ein solides Fundament für die Zukunft bildet.
12. Die Arbeit der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls kann  sich  natürlich   nicht   auf  diese   beiden  institutionalisierten  Dialoge   beschränken.   Der Kommission ist es vielmehr auch ein Anliegen, für alle Strömungen innerhalb des Judentums offen zu sein und mit allen jüdischen Gruppierungen und Organisationen Kontakt zu pflegen, die mit dem Heiligen Stuhl in Beziehung stehen wollen. Ein besonderes Interesse auf der jüdischen Seite richtet sich dabei auf Audienzen beim Papst, die von der Kommission jeweils vorbereitet werden. Neben den direkten Kontakten zum Judentum ist die Kommission des Heiligen Stuhls auch darum bemüht, innerhalb der Katholischen Kirche Möglichkeiten für den Dialog mit dem Judentum zu finden und mit einzelnen Bischofskonferenzen zusammenzuarbeiten, um sie bei der Förderung des jüdisch-katholischen Gesprächs vor Ort zu unterstützen, wofür die Einführung des ‚Tags des Judentums‘ in einigen europäischen Ländern ein besonders gutes Beispiel ist.
13.  Sowohl  der 
Dialog  ad  extra  als auch der ‚Dialog ad intra‘
haben in den vergangenen Jahrzehnten immer deutlicher   bewusst   gemacht,   dass   Christen   und   Juden   unwiderruflich aufeinander angewiesen sind und der Dialog zwischen beiden in theologischer Hinsicht nicht Kür, sondern Pflicht ist. Juden und Christen können einander in gegenseitiger Freundschaft bereichern. Die Kirche stünde ohne ihre jüdischen Wurzeln in der Gefahr, ihre heilsgeschichtliche Verankerung zu  verlieren  und  erläge  damit  einer  letztlich  unhistorischen  Gnosis.  Papst Franziskus  meint: „Obwohl einige christliche Überzeugungen für das Judentum unannehmbar sind und die Kirche nicht darauf verzichten kann, Jesus als den Herrn und Messias zu verkünden, besteht eine reiche Komplementarität, die uns erlaubt, die Texte der hebräischen Bibel gemeinsam zu lesen und uns gegenseitig zu helfen, die Reichtümer des Wortes Gottes zu ergründen sowie viele ethische Überzeugungen und die gemeinsame Sorge um die Gerechtigkeit und die Entwicklung der Völker miteinander zu teilen“ Evangelii Gaudium 249.
2.   Die theologische Sonderstellung des jüdisch-katholischen Dialogs
4. Der Dialog mit dem Judentum ist für Christen etwas ganz besonderes, da das Christentum jüdische  Wurzeln aufweist,  welche  die  Beziehung  zwischen  beiden  in  einzigartiger  Weise bestimmen vgl. Evangelii Gaudium 247. Trotz des in der Geschichte erfolgten Bruchs und des daraus resultierenden schmerzhaften Konflikts, bleibt sich die Kirche der bleibenden Kontinuität mit Israel bewusst. Das Judentum ist nicht einfach als eine andere Religion zu betrachten; die Juden sind vielmehr die „älteren Brüder“
Heiliger Papst Johannes Paul II., die „Väter im Glauben“ Benedikt  XVI..  Jesus  war  Jude,  in  der  jüdischen  Tradition  seiner  Zeit  beheimatet  und entscheidend geprägt von diesem religiösen Umfeld vgl. Ecclesia in Medio Oriente Nr. 20. Seine ersten Jünger, die er um sich sammelte, hatten das gleiche Erbe und waren in ihrem Alltag von derselben jüdischen Tradition  bestimmt.  Jesus ging es in  seinem einzigartigen Verhältnis zum himmlischen Vater vor allem darum, den Anbruch des Reiches Gottes zu verkündigen: „Die Zeit ist erfüllt,  das  Reich  Gottes  ist  nahe.  Kehrt  um,  und  glaubt  an  das  Evangelium “ Mk 1, 15. Innerjüdisch  gab  es   damals   sehr   verschiedenartige   Vorstellungen,   wie   das   Reich  Gottes Wirklichkeit werden sollte; dennoch steht die Zentralbotschaft Jesu vom kommenden Reich Gottes in Einklang mit manchen jüdischen Vorstellungen seiner Zeit. Man kann die Lehre Jesu und die seiner Jünger nicht  verstehen, wenn man sie nicht  im jüdischen Horizont und  im Kontext der lebendigen Tradition Israels situiert. Noch weniger verstünde man seine Lehren, wenn man sie im Gegensatz zu dieser Tradition betrachtete. In Jesus haben zu seiner Zeit nicht wenige Juden die Ankunft eines ‚neuen Mose‘, des verheissenen Christus Messias gesehen. Allerdings hat seine Ankunft eine Dramatik provoziert, deren Konsequenzen wir heute noch spüren. Voll und ganz Mensch,  Jude  seiner Zeit,  Nachkomme  Abrahams,  Sohn  Davids,  geprägt  von  der  gesamten Tradition Israels,  Erbe der  Propheten, steht  Jesus  in  Kontinuität  mit  seinem Volk  und  dessen Geschichte. Andererseits ist er im Licht des christlichen Glaubens selbst Gott – der Sohn – und transzendiert die Zeit, die Geschichte, und jede irdische Realität. Die Gemeinschaft der an ihn Glaubenden bekennt seine Göttlichkeit vgl. Phil 2,6-11. In diesem Sinn wird er in Diskontinuität mit der Geschichte wahrgenommen, die seine Ankunft vorbereitet hat. Aus der Perspektive des christlichen Glaubens erfüllt er in vollkommener Weise die Sendung und Erwartung Israels. Gleichzeitig aber überschreitet und transzendiert er sie in eschatologischer Weise. In der Frage, wie die Gestalt  Jesu zu beurteilen ist, besteht  der Fundamentalunterschied zwischen Judentum und Christentum. Juden können in Jesus einen ihrer Volksgenossen sehen, einen jüdischen Lehrer, der sich in besonderer Weise berufen fühlte, die Ankündigung des Gottesreiches zu predigen. Dass aber dieses Reich Gottes mit ihm selbst als Stellvertreter Gottes angebrochen ist, das steht außerhalb des jüdischen Erwartungshorizontes. Der Konflikt zwischen Jesus und den jüdischen Autoritäten seiner Zeit geht letztlich nicht um eine einzelne Gesetzesverletzung, sondern um den Anspruch Jesu, in göttlicher  Autorität  zu  handeln.  Die  Gestalt  Jesu  ist  und  bleibt  also  für  Juden der  ‚Stein  des Anstoßes‘, der zentrale und neuralgische Punkt im jüdisch-katholischen Dialog. Aus einer theologischen Perspektive gesehen, sollten sich Christen auf das Judentum zur Zeit Jesu und in abgestufter Weise auf das Judentum, das sich über die Jahrhunderte hinweg daraus entwickelt hat, für ihr eigenes Selbstverständnis beziehen.  Mit  Blick auf die jüdischen Ursprünge Jesu  ist  für Christen eine wie auch immer geartete Auseinandersetzung mit dem Judentum unabdingbar. Aber die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Judentum und dem Christentum war auch über die Zeit hinweg wechselseitig beeinflusst.
15. Der Dialog zwischen Juden und Christen kann nur im analogen Sinn als ‚inter-religiöser Dialog‘ bezeichnet werden, also als ein Dialog zwischen zwei in sich geschiedenen und verschiedenen Religionen. Es stehen sich nicht zwei grundsätzlich andersartige Religionen gegenüber, die sich unabhängig voneinander ohne gegenseitige Beeinflussung entwickelt haben. Den Mutterboden für Juden und Christen stellt das Judentum zur Zeit Jesu dar, aus dem sich nicht nur das Christentum, sondern auch nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. das nachbiblische rabbinische Judentum entwickelt hat, das nun ohne Opferkult auskommen und sich in seiner weiteren Entwicklung ausschliesslich auf das Gebet und die Interpretation der schriftlichen wie mündlichen Offenbarung Gottes stützen musste. Juden und Christen haben also dieselbe Mutter, können gleichsam als zwei Geschwister gesehen werden, die sich – wie es für Geschwister normalerweise üblich ist – in verschiedene Richtungen entwickeln. Die Schriften des alten Israel konstituieren einen integralen Bestandteil der Schriften sowohl des Judentums als auch des Christentums, von beiden verstanden als Wort Gottes, Offenbarung, Heilsgeschichte. Die ersten Christen waren Juden, wie selbstverständlich versammelten sie sich als Teil der Gemeinschaft in der Synagoge, hielten die Speisevorschriften, den Sabbat und das Gebot der Beschneidung, gleichzeitig aber bekannten sie Jesus als den Christus, den von Gott gesandten Messias zur Rettung Israels und des ganzen Menschengeschlechts. Mit Paulus öffnete sich die ‚jüdische Jesus-Bewegung‘ definitiv anderen Horizonten und überschritt damit ihre rein jüdischen Ursprünge. Nach und nach setzte sich seine Auffassung durch, dass man als Nicht-Jude nicht erst Jude werden musste, um sich zu Christus zu bekennen. In den ersten Zeiten der Kirche gab es deshalb so genannte Judenchristen und Heidenchristen, die
ecclesia ex circumcisione und die ecclesia ex gentibus, eine Kirche herkünftig vom Judentum, die andere aus den Heiden, die aber beide die eine und einzige Kirche Jesu Christi bildeten.
16. Die Trennung der Kirche von der Synagoge geschah jedoch nicht abrupt, sondern dauerte nach einigen neueren Erkenntnissen, sogar noch bis ins dritte bzw. vierte Jahrhundert. Das bedeutet, dass es von manchen Judenchristen in der ersten Zeit nicht als Widerspruch empfunden wurde, entsprechend der jüdischen Tradition zu leben und dennoch Jesus als den Christus zu bekennen. Erst als die Zahl der Heidenchristen die Mehrheit darstellte und in der jüdischen Gemeinschaft die Polemik  bezüglich  der  Gestalt  Jesu  immer  schärfere  Konturen annahm,  schien  eine definitive Trennung nicht mehr abwendbar. Mit der Zeit lebten sich die beiden Geschwister Christentum und Judentum immer mehr auseinander, feindeten sich an und diffamierten sich sogar gegenseitig. Von den Christen wurden die Juden oft als von Gott verdammt und blind dargestellt, weil sie in Jesus nicht den Messias und Heilsbringer erkennen konnten. Von den Juden wurden die Christen oft als Häretiker gesehen, die nicht mehr den von Gott ursprünglich vorgegebenen Weg befolgten, sondern ihre eigenen Wege gingen. Nicht ohne Grund wird das Christentum in der Apostelgeschichte als ‚der Weg‘
vgl. Apg 9,2; 19,9.23; 24,14.22 im Gegensatz zur jüdischen Halacha bezeichnet, die die Gesetzesauslegung für die konkrete Praxis regelte. Mit der Zeit entfremdeten sich Judentum und Christentum immer mehr, gerieten sogar in unerbittliche Kämpfe und bezichtigten sich gegenseitig, den vorgegebenen Weg Gottes verlassen zu haben.
17. Von Seiten mancher Kirchenväter wurde immer mehr die sogenannte
Substitutionstheorie favorisiert supersessionism, die schließlich im Mittelalter den Standard der theologischen Grundlage für das Verhältnis zum Judentum darstellte: die Verheißungen und Zusagen Gottes würden nicht mehr dem Volk Israel gelten, da es Jesus nicht als Messias und Sohn Gottes erkannt hatte, sondern seien auf die Kirche Jesu Christi übergegangen, die nun das wahre ‚neue Israel‘ sei, das neue auserwählte Volk Gottes. Aus demselben Mutterboden hervorgegangen, gerieten in den Jahrhunderten nach ihrer Trennung Judentum und Christentum in  einen theologischen Antagonismus, der erst im Zweiten Vatikanischen Konzil entschärft werden konnte. Mit dessen Erklärung „Nostra aetate“ (Nr. 4) bekennt sich die Kirche eindeutig in einem neuen theologischen Rahmen zu den jüdischen Wurzeln des Christentums. Während die Kirche am Heil durch einen expliziten oder impliziten Glauben an Christus festhält, stellt sie die Frage einer fortdauernden Liebe Gottes zu seinem auserwählten Volk Israel nicht  in Frage.  Es wird einer Substitutionstheologie der Boden entzogen, die zwei voneinander getrennte Größen, eine Kirche der Heiden und eine verworfene Synagoge, deren Platz jene einnimmt, entgegengestellt. Aus einem ursprünglich engen Verwandtschaftsverhältnis zwischen Judentum und Christentum hat sich ein lang anhaltendes Spannungsverhältnis entwickelt, das nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil mehr und mehr in ein konstruktives Dialogverhältnis umgestaltet worden ist.
18. Es hat schon oft Versuche gegeben, diese Substitutionstheorie im Hebräerbrief ausfindig zu machen. Der Brief ist jedoch nicht an Juden, sondern vielmehr an Christen jüdischer Herkunft gerichtet, die müde und unsicher geworden sind. Sein Ziel ist es, ihren Glauben zu stärken und zum Durchhalten zu ermutigen, indem er auf Jesus Christus als den wahren und endgültigen Hohenpriester, den Mittler des Neuen Bundes, verweist. Dieser Kontext ist notwendig, um den Gegensatz des Briefes zwischen dem ersten, rein irdischen Bund und einem zweiten besseren
vgl. Hebr 8,7 und  neuen Bund vgl.  9,15; 12,24 zu verstehen. Der erste Bund wird als  veraltet, greisenhaft  und  dem Untergang  geweiht  bezeichnet  vgl.  8,13,  während  der  zweite Bund  ein ewiger Bund genannt wird vgl. 13, 20. Um diese Gegenüberstellung zu begründen, verweist der Brief auf die Verheißung eines neuen Bundes im Buch des Propheten Jeremia 31,31-34 vgl. Hebr 8,8-12.  Das zeigt,  dass  der  Hebräerbrief die Verheißungen des  Alten Bundes keineswegs  ins Unrecht,  sondern  im  Gegenteil  ins  Recht  setzen  will.  Der  Verweis  auf die alttestamentlichen Verheißungen  soll  den  Christen  helfen,  des  Heils  in  Christus  gewiss  zu  sein.  Es  geht  im Hebräerbrief also nicht um eine Gegenüberstellung von Altem und Neuen Bund, so wie wir dies heute verstehen, auch nicht um einen Kontrast zwischen Kirche und Judentum. Vielmehr geht es um die Gegenüberstellung des ewigen himmlischen Priestertums Christi und des vergänglichen irdischen Priestertums. Das Hauptthema im Hebräerbrief angesichts der neuen Situation ist eine christologische Interpretation des Neuen Bundes. Aus genau diesem Grund bezog sich „Nostra aetate“ (Nr 4) nicht auf den Hebräerbrief, sondern vielmehr auf die Überlegungen des Heiligen Paulus in seinem Brief an die Römer 9-11.
19. Die Konzilserklärung „Nostra aetate“ könnte auf den aussenstehenden Beobachter den Eindruck machen, dass es in diesem Text um eine paritätische Beziehung der Katholischen Kirche zu allen Weltreligionen geht. Die Entstehungsgeschichte und der Text selbst jedoch weisen in eine andere Richtung. Ursprünglich wurde vom Heiligen Papst Johannes XXIII. angestoßen, das Konzil sollte einen Tractatus de Iudaeis promulgieren, aber letztendlich entschied man sich für die Lösung, in „Nostra aetate“ alle Weltreligionen zu berücksichtigen. Jedoch stellt der vierte Abschnitt dieser Konzilserklärung, in dem es um ein neues theologisches Verhältnis zum Judentum geht, gleichsam das Herzstück dieses Dokuments dar, das auch dem Verhältnis der Katholischen Kirche zu den anderen Religionen Raum gibt. Das Verhältnis zum Judentum kann in dieser Hinsicht als Katalysator zur Verhältnisbestimmung zu den anderen Weltreligionen betrachtet werden.
20.  Aus  theologischer  Sicht  jedoch  hat  der  Dialog  mit  dem  Judentum  einen  völlig  anderen Charakter und liegt im Vergleich mit anderen Weltreligionen auf einer anderen Ebene. Der Glaube der Juden, bezeugt in der Bibel und im Alten Testament zu finden, ist für die Christen nicht eine andere Religion, sondern das Fundament ihres eigenen Glaubens, obwohl die Figur Jesu ganz klar der einzige Schlüssel für die christliche Interpretation der Schriften des Alten Testaments ist. Der Eckstein des christlichen Glaubens ist Jesus
vgl. Apg 4,11; 1 Petr 2,4-8. Dennoch nimmt der Dialog mit dem Judentum für die Christen eine einmalige Stellung ein; das Christentum ist mit keiner anderen Religion von der Wurzel her derart verbunden wie mit dem Judentum. Als ‚inter-religiösen Dialog‘ im eigentlichen Sinn kann man daher das jüdisch-christliche Gespräch nur mit Vorbehalt bezeichnen; man  könnte eher von einer Art ‚intra-religiösem Dialog‘ oder ‚innerfamiliärem Dialog‘ sui generis sprechen. Der Heilige Papst Johannes Paul II. drückte diesen Sachverhalt in seiner Ansprache am 13. April 1986 in der römischen Synagoge folgendermassen aus: „Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas ‚Äusserliches’, sondern gehört in gewisser Weise zum ‚Inneren’  unserer  Religion.  Zu  ihr  haben  wir  somit  Beziehungen  wie  zu  keiner  anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermassen sagen, unsere älteren Brüder.“
3.   Offenbarung in der Geschichte als ‚Wort Gottes‘ in Judentum und Christentum
21. Wir finden im Alten Testament den Heilsplan Gottes für sein Volk
vgl. Dei Verbum 14. Dieser Heilsplan findet  in aufschlussreicher Weise seinen Ausdruck am Anfang der biblischen Geschichte mit der Berufung Abrahams Gen 12 ff. Um sich selbst zu offenbaren und zu den Menschen zu sprechen, indem sie von der Sünde erlöst und zu einem einzigen Volk gemeinsam gesammelt werden, begann Gott damit, durch Abraham das Volk Israel zu erwählen und es auszusondern. Diesem Volk offenbarte sich Gott nach und nach durch seine Abgesandten, seine Propheten, als der wahre Gott, der einzige Gott, der  lebendige Gott, der rettende Gott. Diese göttliche Erwählung war für das Volk Israel konstitutiv. Nur nach dem ersten großen Eingreifen des Rettergottes, der Befreiung von der Sklaverei in Ägypten vgl. Ex 13,17 ff. und dem Bundesschluss am Sinai Ex 19ff. wurden die zwölf Stämme wahrhaft eine Nation, bekamen sie das Bewusstsein, das Volk  Gottes zu sein,  Träger seiner Botschaft  und  seiner Verheißungen, Zeugen seiner barmherzigen Zuneigung inmitten der Nationen und auch für die Nationen vgl. Jes 26,1-9; 54; 60; 62. Um sein Volk in der Erfüllung seiner Sendung und zur Weitergabe seiner Offenbarung, die ihm anvertraut ist, zu unterweisen, gab Gott Israel das Gesetz, das dessen Leben regelt vgl. Ex 20; Dtn 5 und es von den anderen Völkern unterscheidet.
22. Wie die Kirche selbst auch in unseren Tagen, so trägt Israel den Schatz seiner Erwählung in zerbrechlichen Gefäßen. Die Beziehung Israels mit seinem Herrn ist die Geschichte seiner Treue und seiner Untreue. Um sein Heilswerk trotz der Kleinheit und Schwachheit seiner Instrumente, die er auserwählt hat, zu erfüllen, manifestierte Gott seine Barmherzigkeit und die Gnadenhaftigkeit seiner  Gaben,  wie auch seine Treue zu  seinen  Verheißungen, die keine  menschliche Untreue auslöschen können wird
vgl. Röm 3,3; 2 Tim 2,13. Bei jeder Etappe des Weges seines Volkes sonderte sich Gott mindestens eine ‚kleine Anzahl‘ aus vgl. Dtn 4,27, einen ‚Rest‘ vgl. Jes 1,9; Zeph 3, 12; vgl. auch Jes 6,13; 17,5-6, eine Handvoll Gläubiger, die ‚nicht das Knie vor Baal gebeugt haben‘  vgl. 1 Kön 19, 18. Durch diesen Rest verwirklichte Gott seinen Heilsplan. Immer blieb das Objekt seiner Erwählung und seiner Liebe das auserwählte Volk, denn durch dieses wird als letztes Ziel die ganze Menschheit gesammelt und zu ihm geführt.
23. Die Kirche wird das neue Gottesvolk genannt (vgl. „Nostra aetate“ Nr. 4), doch nicht in dem Sinn, dass das Gottesvolk Israel aufgehört hätte zu existieren. Die Kirche wurde „in der Geschichte des Volkes Israel und im Alten Bund … auf wunderbare Weise vorbereitet“
Lumen Gentium 2. Die Kirche ersetzt nicht das Gottesvolk Israel, denn als auf Christus gegründete Gemeinschaft stellt sie in ihm die Erfüllung der an Israel ergangenen Verheißungen dar. Das heißt nicht, dass das nicht zu solcher Erfüllung gelangte Israel nicht mehr als Volk Gottes betrachtet werden könnte. „Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern“ („Nostra aetate“ Nr. 4).
24. Gott offenbarte sich in seinem Wort, so dass es von Menschen in konkreten geschichtlichen Situationen wahrnehmbar ist. Dieses Wort lädt alle Menschen zur Ant-wort ein. Entspricht er in seiner Antwort dem Wort Gottes, steht er im rechten Gottesverhältnis. Für Juden kann dieses Wort in der Tora und in den auf sie gründenden Traditionen erlernt werden. Tora ist Weisung zu einem gelungenen Leben im rechten Gottesverhältnis. Wer sich an die Tora hält, hat Leben in seiner Fülle
vgl. Pirqe Awot II,7. In besonderer Weise bekommt der Jude in der Tora- Observanz Anteil an der Gemeinschaft   mit   Gott.  In  dieser  Hinsicht  erklärte  Papst  Franziskus:   „Die  verschiedenen christlichen Konfessionen finden ihre Einheit in Christus; das Judentum findet seine Einheit in der Tora. Die Christen glauben, dass Jesus Christus das Wort Gottes ist, das Fleisch geworden ist in der Welt; für die Juden ist das Wort Gottes vor allem in der Tora gegenwärtig. Beide Glaubenstraditionen beziehen sich auf den  einen  Gott,  den  Gott  des  Bundes,  der  sich  der Menschheit durch Sein Wort offenbart hat. Auf der Suche nach dem richtigen Verhalten gegenüber Gott wenden sich die Christen Christus zu, der für sie die Quelle des neuen Lebens ist und die Juden wenden sich der Lehre der Tora zu“ Rede an die Mitglieder des International Council of Christians and Jews, 30. Juni 2015.
25. Das Judentum und der christliche Glaube, wie er im Neuen Testament belegt ist, sind zwei Wege, wie die Gemeinschaft des Gottesvolkes sich die Heiligen Schriften Israels zu eigen machen kann. Die Schrift, die die Christen als Altes Testament bezeichnen, ist  deshalb offen für beide Wege. Eine der jeweiligen Tradition entsprechende Antwort  auf das heilsgeschichtliche Wort Gottes kann also den Zugang zu Gott erschliessen, wenngleich es  seinem  Heilsratschluss vorbehalten ist, auf welche Weise er jeweils die Menschenn retten  will. Dass sein Heilswille universal ausgerichtet ist, davon zeugen die Schriften vgl. z. B. Gen 12,1-3; Jes 2,2-5; 1 Tim 2,4. Daher gibt es keine zwei Heilswege nach dem Motto ‚Juden halten die Tora, Christen halten sich an Christus‘. Christlicher Glaube verkündet, dass Christi Heilswerk universal ist und sich auf alle Menschen bezieht. Gottes Wort ist eine einzige und ungeteilte Wirklichkeit, die sich im jeweiligen geschichtlichen Kontext konkretisiert.
26. In diesem Sinn behaupten Christen, dass sich Jesus Christus als die ‚lebendige Tora Gottes‘ betrachten lässt. Tora und Christus sind Wort Gottes, seine Offenbarung für uns Menschen als Zeugnis seiner grenzenlosen Liebe. Für Christen ist die Präexistenz Christi als Wort und Sohn des Vaters eine grundlegende Lehraussage und nach rabbinischer Tradition existiert die Tora und der Name  des  Messias schon vor  der  Schöpfung 
vgl.  Genesis  Rabbah  1,1.  Weiterhin  legt  nach jüdischer Vorstellung im Eschaton Gott selbst die Tora aus, während im christlichen Verständnis in Christus am Ende alles zusammengefasst wird vgl. Eph 1,10; Kol 1,20. Im Matthäusevangelium wird  Christus  gleichsam  als  der  ‚neue  Mose‘  präsentiert.  Mt  5,17-19  stellt  Jesus  als den autoritativen und authentischen Interpreten der Tora dar vgl. Lk 24,27.45-47. In der rabbinischen Literatur aber findet sich die Identifizierung der Tora mit Mose. Auf diesem Hintergrund kann Christus als der ‚neue Mose‘ mit der Tora verbunden werden. Tora und Christus sind der Ort der Gegenwart  Gottes  in  der  Welt, zumal  diese Gegenwart  in  den  jeweiligen Gottesdienstgemeinschaften erfahren wird. Das hebräische dabar heißt Wort und Ereignis zugleich –  damit  legt  sich  die  Folgerung  nahe,  dass  das  Wort  der  Tora  offen  sein  könnte  für  das Christusereignis.
4.   Die Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament und Altem und Neuem Bund
27. Der Bund, den Gott Israel angeboten hat, ist unwiderruflich. „Gott ist kein Mensch, der lügt“
Num 23,19; vgl. 2 Tim 2,13. Die anhaltend erwählende Treue Gottes, die in früheren Bünden ausgedrückt wurde, ist niemals aufgehoben worden vgl. Röm 9,4; 11,1-2. Der Neue Bund hebt nicht die früheren Bünde auf, sondern bringt sie zur Erfüllung. Durch das Christusereignis haben die Christen verstanden, dass alles Vorgängige nochmals neu gedeutet werden musste. Für Christen hat der Neue Bund eine eigene Qualität bekommen, wenngleich die Ausrichtung für beide jeweils in einer einzigartigen Gottesbeziehung besteht vgl. die Bundesformel ‚Ich bin euer Gott und ihr seid mein Volk‘, z. B. in Lev 26,12. Für Christen ist der Neue Bund in Christus Kulminationspunkt der Heilsverheißungen des Alten Bundes, ist insofern nie unabhängig von ihm. Der Neue Bund gründet im Alten und fußt auf ihm, weil es letztlich der Gott Israels ist, der den Alten Bund mit seinem Volk Israel schließt und in Jesus Christus den Neuen Bund ermöglicht. Jesus lebt in der Zeit des Alten Bundes, doch in seinem Heilswerk im Neuen Bund bestätigt und vollendet er die Dimensionen des Alten. Mit  dem Begriff Bund ist daher ein Gottesverhältnis gemeint, das in unterschiedlicher Weise Auswirkungen für Juden und Christen hat. Der Neue Bund kann nie den Alten ersetzen, sondern setzt ihn voraus und gibt ihm eine neue Sinndimension, indem er die im Alten Bund geoffenbarte personale Natur Gottes bekräftigt  und  sie als Offenheit  für alle jene bestimmt, die unter den Nationen gläubig eine Antwort geben vgl. Sach 8,20-23; Ps 87.
28. Einheit und Unterschied zwischen Judentum und Christentum treten mit dem Bezeugen der Offenbarung Gottes an erster Stelle zu Tage. Mit der Existenz des Alten Testaments als eines wesentlichen Teils der einen christlichen Bibel gibt es eine tief verwurzelte Zusammengehörigkeit und innere Verwandtschaft von Judentum und Christentum. Die Wurzeln des Christentums liegen im  Alten Testament, und das Christentum nährt  sich stets aus diesen Wurzeln.  Aber  das Christentum gründet sich auf die Person Jesu von Nazareth, der als der für das jüdische Volk verheißene Messias und als einzig geborener Sohn Gottes anerkannt wird und sich nach seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung durch den Heiligen Geist mitgeteilt hat. Mit der Existenz des Neuen Testaments hat sich freilich bereits früh die Frage gestellt, wie sich beide Testamente zueinander verhalten, ob beispielsweise die neutestamentlichen Schriften nicht alle älteren Schriften überholt  und  außer  Kraft  gesetzt  hätten.  Diese  Position  hat  im zweiten  Jahrhundert  Markion vertreten, der meinte, dass das Neue Testament das alttestamentliche Buch der Verheißungen zu etwas Veraltetem gemacht habe, das im Glanz des Neuen vergangen sei, genauso wie man das Licht des Mondes nicht mehr brauche, sobald die Sonne aufgegangen sei. Diese schroffe Entgegensetzung zwischen der hebräischen und christlichen Bibel ist nie offizielle Lehre der Kirche geworden. Indem sie Markion im Jahre 144 aus der christlichen Gemeinde ausgeschlossen hat, hat sie vielmehr sein Konzept einer rein ‚christlichen‘ und von allen alttestamentlichen Elementen gereinigten Bibel abgelehnt, ihren Glauben an den einen und einzigen Gott, der der Urheber der beiden Testamente ist, bezeugt, und damit an der Einheit der beiden Testamente, an der ‚concordia testamentorum‘, festgehalten.
29. Dies ist natürlich nur die eine Seite des Verhältnisses zwischen den beiden Testamenten. Das gemeinsame Erbe des Alten Testaments bildete nicht nur eine fundamentale Basis einer geistlichen Verwandtschaft zwischen Juden und Christen, sondern damit wurde auch eine elementare Spannung in die Beziehung zwischen beiden Glaubensgemeinschaften hineingetragen. Dies zeigt sich darin, dass die Christen das Alte Testament im Licht des Neuen lesen, und zwar in der Überzeugung, die Augustinus in der einprägsamen Formel ausgesprochen hat: „Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, und das Alte ist im Neuen offenbar“
Quaestiones in Heptateuchum 2, 73. Im selben Sinn  hat  sich  auch  Papst  Gregor  der  Große ausgesprochen,  wenn  er  das  Alte  Testament  als „Vorausschau  des  Neuen  Testaments“ und  dieses  als  „den  besten  Kommentar  zum  Alten Testament“Homiliae in Ezechielem I, VI, 15 bezeichnet hat vgl. Dei Verbum 16.
30. Mit der christologischen Exegese des Alten Testaments kann leicht der Eindruck entstehen, dass Christen das Neue Testament nicht nur als Erfüllung des Alten Testaments betrachten, sondern zugleich als dessen Substitution. Dass dieser Eindruck jedoch nicht richtig sein kann, ergibt sich bereits aus Tatsache, dass sich auch das Judentum nach der Katastrophe der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 zu einer neuen Lektüre der Schrift gezwungen sah. Da nämlich die an den Tempel gebundenen Sadduzäer diese Katastrophe nicht überlebt hatten, haben die Rabbinen in der Nachfolge der Pharisäer, die bereits ihre besondere Weise die Schrift  zu  lesen und zu deuten entwickelt hatten, dies nun ohne den Tempel als dem Zentrum der jüdischen Verehrung getan.
31. In der Folge gab es zwei Antworten auf diese Situation, genauerhin zwei Möglichkeiten, die Schrift neu zu lesen, nämlich die christologische Exegese der Christen und die rabbinische Exegese desjenigen Judentums, das sich historisch entwickelte. Da jede Weise eine neue Interpretation der Schrift nach sich zog, muss die entscheidende neue Frage lauten, wie sich diese beiden Weisen genauerhin zueinander verhalten. Da sich aber die Kirche und das nachbiblische, rabbinische Judentum parallel ausgebildet haben, aber auch in Opposition zueinander und gegenseitiger Unkenntnis,  lässt  sich  diese  Frage  nicht  allein  vom Neuen  Testament  her  beantworten.  Nach Jahrhunderten des Gegeneinanders bleibt es bis heute eine Pflicht des jüdisch-katholischen Gesprächs, diese beiden Weisen der neuen Lektüre der biblischen Schriften miteinander in Dialog zu  bringen,  um eine  „reiche Komplementarität“ wahrzunehmen,  wo  sie  besteht,  und  um „uns gegenseitig zu helfen, die Reichtümer des Wortes Gottes zu ergründen“ Evangelii Gaudium 249. Das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission
„Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“ vom Jahre 2001 hat daher behauptet, dass die Christen zugeben können und müssen, „dass die jüdische Lesung der Bibel eine mögliche Leseweise darstellt, die sich organisch aus der jüdischen Heiligen Schrift der Zeit des Zweiten Tempels ergibt“, und zwar in „Analogie zur christlichen Leseweise, die sich parallel entwickelte“, um daraus den Schluss zu ziehen: „Jede dieser beiden Leseweisen bleibt der jeweiligen Glaubenssicht treu, deren Frucht und Ausdruck sie ist. So ist die eine nicht auf die andere rückführbar“ Nr. 22.
32. Da die beiden Leseweisen dem Ziel dienen, Gottes Willen und Wort recht zu verstehen, wird einsichtig, wie wichtig die Wahrnehmung der Verwurzelung des christlichen Glaubens im Glauben Abrahams ist. Von daher stellt sich die weitere Frage, wie sich der Alte und der Neue Bund zueinander verhalten. Für den christlichen Glauben ist es unumstößlich, dass es letztlich nur eine einzige Bundesgeschichte Gottes mit der Menschheit geben kann. Der Bund mit Abraham, dessen Zeichen die Beschneidung ist vgl. Gen 17, und der auf Israel beschränkte Bund mit Mose, der zum Gehorsam gegenüber dem Gesetz vgl. Ex 19,5; 24,7-8 und im besonderen zur Observanz des Sabbats verpflichtet vgl. Ex 31,16-17, hatte sich im Bund mit Noah, dessen Zeichen der Regenbogen ist vgl. Verbum Domini 117, auf die ganze Schöpfung erstreckt vgl. Gen 9,9 ff.. Durch die Propheten verspricht Gott wiederum einen neuen und ewigen Bund vgl. Jes 55,3; 61,8; Jer 31,31-34; Ez 36,22-28. Jeder von diesen Bünden nimmt dabei den vorherigen Bund in sich auf und legt ihn wieder in neuer Weise aus. Dies gilt auch für den Neuen Bund, der für Christen der endgültige Bund und damit auch die definitive Interpretation dessen ist, was von den Propheten des Alten Bundes verheißen worden ist, oder, wie Paulus sich ausdrückt, das „Ja“ und das „Amen“ zu „allem, was Gott verheißen hat“ 2 Kor 1,20. Die Kirche als erneuertes Gottesvolk ist von Gott ohne Bedingungen erwählt. Die Kirche ist der endgültige und unüberbietbare Ort des Heilshandelns Gottes. Das jedoch bedeutet nicht, dass Israel als Volk Gottes verworfen worden ist oder seine Sendung  verloren  hat  vgl.  „Nostra aetate“ Nr.  4.  Der  Neue Bund  ist für  Christen  nicht  die Aufhebung oder die Substitution, sondern die Erfüllung der Verheißungen des Alten Bundes.
33. Für den jüdisch-christlichen Dialog erweist sich in erster Linie der Bund Gottes mit Abraham als konstitutiv, da er nicht nur der Vater des Volkes Israel, sondern auch der Vater des Glaubens der Christen ist. In dieser Bündnisgemeinschaft muss es für Christen evident sein, dass der Bund, den Gott  mit  Israel geschlossen  hat,  aufgrund  der  unbeirrbaren  Treue  Gottes  zu  seinem Volk  nie aufgekündigt worden ist, sondern gültig bleibt, und dass folglich der von Christen geglaubte Neue Bund nur als Bestätigung und Erfüllung des Alten verstanden werden kann. Die Christen sind von daher auch überzeugt, dass durch den Neuen Bund der Abrahamsbund jene Universalität für alle Völker erhalten hat, die ursprünglich bereits im Ruf an Abram intendiert gewesen ist
vgl. Gen 12,1-3. Dieser Rückbezug zum Abrahamsbund ist für den christlichen Glauben so konstitutiv, dass die Kirche ohne Israel in der Gefahr stünde, ihre heilsgeschichtliche Verortung zu verlieren. Umgekehrt könnten Juden im Blick auf den Abrahamsbund zur Einsicht kommen, dass Israel ohne die Kirche in der Gefahr stehen würde, zu partikularistisch zu verbleiben und die Universalität seiner  Gotteserfahrung  nicht  genügend  wahrzunehmen.  In  diesem grundlegenden  Sinn  bleiben Israel und Kirche bundesgemäß miteinander verbunden und aufeinander angewiesen.
34. Dass es nur eine einzige Bundesgeschichte Gottes mit seiner Menschheit geben kann und dass folglich Israel das von Gott auserwählte und geliebte Volk des Bundes ist, der niemals widerrufen und aufgekündigt worden ist
vgl. Röm 9,4; 11,29, diese Überzeugung steht auch hinter dem leidenschaftlichen Ringen des Apostels Paulus bezüglich der zwei Tatsachen, dass der Alte Bund von Gott her weiterhin in Kraft ist, Israel aber den Neuen Bund nicht angenommen hat. Um beiden Tatsachen gerecht zu werden, hat Paulus das ausdruckstarke Bild von der Wurzel Israels, in die die wilden Zweige der Heiden eingepfropft worden sind, geprägt vgl. Röm 11,16-21. Man könnte sagen, dass Jesus Christus in sich die lebendige Wurzel des ‚grünen Ölbaums‘ trägt, und noch in einem tieferen Sinn, dass die gesamte Verheißung in ihm seine Wurzel hat vgl. Joh 8,58. Dieses Bild stellt für Paulus den entscheidenden Schlüssel dar, um das Verhältnis zwischen Israel und Kirche im Licht des Glaubens zu denken. Mit diesem Bild bringt Paulus bezüglich der Einheit und Differenz zwischen Israel und Kirche  ein Doppeltes zum Ausdruck. Auf der einen Seite ist das Bild in dem Sinn ernst zu nehmen, dass die aufgepfropften wilden Zweige nicht ihren Ursprung als Zweige der Pflanze haben, in die sie eingepflanzt sind. Die neue Situation stellt  so eine neue Wirklichkeit und eine neue Dimension des Heilshandeln Gottes dar, so dass die christliche Kirche nicht einfach als ein Zweig oder eine Frucht Israels verstanden werden kann vgl. Mt 8,10-13. Auf der  anderen Seite  ist  das Bild  aber  auch dahingehend  ernst  zu  nehmen,  dass die  Kirc he  ihre Nahrung und Kraft aus der Wurzel Israels bezieht und die aufgepfropften Zweige welk oder gar absterben würden, wenn sie von der Wurzel Israels abgeschnitten würden vgl. Ecclesia in Medio Oriente 21.
5.   Die Heilsuniversalität in Jesus Christus und der ungekündigte Bund Gottes mit Israel
35. Da Gott den Bund mit seinem Volk Israel nie aufgekündigt hat, kann es auch nicht verschiedene Wege oder Zugänge zum Heil Gottes geben. Die Theorie, dass es zwei verschiedene Heilswege, den jüdischen Heilsweg ohne Christus und den Heilsweg durch Christus gibt, von dem Christen glauben,  dass  es  Jesus  von  Nazaret  ist,  würde  tatsächlich  die  Fundamente  des  christlichen Glaubens  gefährden.  Das  Bekenntnis  zur  universalen  und  deshalb  auch  exklusiven Heilsmittlerschaft Jesu Christi gehört zum Kern des christlichen Glaubens. Genauso das Bekenntnis zum Einen Gott, dem Gott Israels, der durch die Offenbarung in Jesus Christus vollends als Gott aller Völker offenbar geworden ist, insofern in ihm die Verheißung in Erfüllung gegangen ist, dass alle Völker zum Gott Israels als dem Einen Gott beten werden
vgl. Jes 56,1-8. Das von der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls im Jahre 1985 veröffentlichte Dokument „Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche“ hat deshalb festgehalten, dass Kirche und Judentum „nicht als zwei parallele Heilswege“ dargestellt werden können, dass die Kirche vielmehr „Christus als Erlöser vor allen Menschen bezeugen“ I,7 muss. Der christliche Glaube bekennt, dass Gott alle Menschen zum Heil führen will, dass Jesus Christus der universale Mittler des Heils ist und dass „uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben“ ist, „durch den wir gerettet werden sollen“ Apg 4,12.
36. Aus dem christlichen Bekenntnis, dass es nur einen Heilsweg geben kann, folgt aber in keiner Weise, dass die Juden von Gottes Heil ausgeschlossen wären, weil sie nicht an Jesus Christus als den Messias Israels und den Sohn Gottes glauben. Eine solche Behauptung hätte keinen Anhalt an der heilsgeschichtlichen Schau des Paulus, der im Römerbrief nicht nur seine Überzeugung zum Ausdruck bringt, dass es in der Heilsgeschichte keinen Bruch geben kann, sondern dass das Heil von den Juden kommt
vgl. auch Joh 4,22. Israel bekam von Gott eine einzigartige Sendung anvertraut, Er bringt seinen geheimnisvollen Heilsplan, alle Menschen zu retten vgl. 1Tim 2,4, nicht zur Erfüllung, ohne in ihn seinen „erstgeborenen Sohn“ Ex 4,22 einzubeziehen. Von daher versteht es sich von selbst, dass Paulus im Römerbrief die sich selbst gestellte Frage, ob Gott denn sein  eigenes Volk  verstoßen  habe, entschieden  verneint.  Ebenso  dezidiert  hält  er  fest:  „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ Röm 11, 29. Dass die Juden Anteil an Gottes Heil haben, steht theologisch ausser Frage, doch wie dies ohne explizites Christusbekenntnis möglich sein kann, ist und bleibt ein abgrundtiefes Geheimnis Gottes. Es ist deshalb kein Zufall, dass Paulus seine heilsgeschichtlichen Reflexionen in Römer 9-11 über die endgültige Rettung Israels auf dem Hintergrund des Christusmysteriums in eine großartige Doxologie münden lässt: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ Röm 11, 33. Bernhard von Clairvaux De  cons.  III/I,3 spricht  davon,  dass  für  die Juden  „ein  bestimmter  Zeitpunkt festgelegt ist, dem man nicht vorgreifen kann“.
37. Ein anderer Schwerpunkt muss für Katholiken auch weiterhin die theologisch höchst komplexe Frage bleiben, wie der christliche Glaube an die universale Heilsbedeutung Jesu Christi mit der ebenso klaren Glaubensaussage vom nie aufgekündigten Bund Gottes mit Israel kohärent zusammengedacht werden kann. Es ist der Glaube der Kirche, dass Christus der Heiland für alle ist. Damit kann es keine zwei Heilswege geben, denn Christus ist der Retter der Juden, wie auch der Heiden. Hier stossen wir auf das Geheimnis des Handelns Gottes, nicht auf ein Bestreben missionarischer Bemühung, die Juden zu bekehren, sondern vielmehr auf die Erwartung, dass der Herr die Stunde heraufführt, wenn wir alle vereint sein werden, wenn „alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm ‚Schulter an Schulter dienen‘“
„Nostra aetate“ Nr. 4.
38. Die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Judentum, also der vierte Artikel von „Nostra aetate“, steht in einem dezidiert theologischen Rahmen in Bezug auf die Heilsuniversalität Jesu Christi und Gottes ungekündigtem Bund mit Israel. Das bedeutet nicht, dass in diesem Text alle theologischen Fragen, die sich bei der Beziehung zwischen Christentum und Judentum stellen, gelöst wären. Diese Fragen wurden in der Erklärung angestoßen, bedürfen aber weiterer theologischer  Reflexion.  Freilich  gab  es  bereits  früher  lehramtliche  Texte,  die  sich  auf  das Judentum bezogen; doch eine theologische Gesamtschau des Verhältnisses der katholischen Kirche zu den Juden liegt erstmals in „Nostra aetate“ (Nr. 4) vor.
39. In diesem Neuansatz dürfte es auch begründet sein, dass der Konzilstext nicht selten überinterpretiert und aus ihm herausgelesen wird, was in ihm noch gar nicht enthalten ist. Ein wichtiges Beispiel einer Überinterpretation wäre das folgende: Dass der Bund, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat, bestehen bleibt und nie ungültig wird. Obwohl dieses Bekenntnis wahr ist, kann es explizit aus „Nostra aetate“ (Nr. 4) nicht herausgelesen werden. Diese Aussage hat vielmehr erst der
Heilige Papst Johannes Paul II. in aller Klarheit ausgesprochen, als er bei seiner Begegnung mit Vertretern der Juden in Mainz am 17. November 1980 davon gesprochen hat, dass der Alte Bund von Gott nie gekündigt worden sei: „Die erste Dimension dieses Dialogs, nämlich die Begegnung zwischen dem Gottesvolk des von Gott nie gekündigten Alten Bundes und dem des Neuen Bundes, ist zugleich ein Dialog innerhalb unserer Kirche, gleichsam zwischen dem ersten und zweiten Teil ihrer Bibel“ Nr. 3. Dieselbe Überzeugung ist auch im Katechismus der Kirche von 1993 festgehalten: „Der Alte Bund ist nie widerrufen worden“ 121.
6.   Der Evangelisierungsauftrag der Kirche in Bezug auf das Judentum
40. Es ist leicht zu verstehen, dass die so genannte ‚Judenmission‘ für Juden eine sehr heikle und sensible Frage darstellt, weil sie in ihren Augen die Existenz des jüdischen Volkes selbst betrifft. Diese Frage erweist sich auch für die Christen als heikel, weil für sie die universale Heilsbedeutung Jesu Christi und folglich die universale Sendung der Kirche von grundlegender Bedeutung sind. Die Kirche ist daher verpflichtet, den Evangelisierungsauftrag gegenüber Juden, die an den einen und einzigen Gott glauben, in einer anderen Weise als gegenüber Menschen mit anderen Religionen und weltanschaulichen Überzeugungen zu sehen. Dies bedeutet konkret, dass die Katholische Kirche keine spezifische institutionelle Missionsarbeit, die auf Juden gerichtet ist, kennt und unterstützt. Obwohl es eine prinzipielle Ablehnung einer institutionellen Judenmission gibt, sind Christen dennoch  aufgerufen,  auch  Juden gegenüber  Zeugnis  von  ihrem  Glauben  an  Jesus  Christus abzulegen. Das aber sollten sie in einer demütigen und sensiblen Weise tun, und zwar in Anerkennung dessen, dass die Juden Träger des Wortes Gottes sind, und besonders in Anbetracht der großen Tragik der Schoa.
41.  Der  Begriff der  Mission  muss  im Dialog  zwischen Juden und  Christen richtig  dargestellt werden. Christliche Mission hat ihren Ursprung in der Sendung Jesu vom Vater her. Er gibt seinen Jüngern Anteil an dieser Berufung in Bezug auf das Gottesvolk Israel
vgl. Mt 10,6, wie dann auch als der auferstandene Herr im Hinblick auf alle Völker vgl. Mt 28,19. So erhält das Gottesvolk eine neue Dimension durch Jesus, der seine Kirche aus Juden und Heiden beruft vgl. Eph 2,11-22, und zwar auf der Grundlage des Christus-Glaubens und mittels der Taufe, der Eingliederung in seinen Leib, der die Kirche ist vgl. Lumen Gentium 14.
42.  Christliche  Mission  und  Zeugnis  sowohl  im  eigenen  Lebensvollzug  als  auch  in  der Verkündigung gehören zusammen. Der Grundsatz, den Jesus seinen Jüngern bei der Aussendung mitgibt, besteht darin, lieber Gewalt zu erleiden als Gewalt auszuüben. Christen müssen auf Gott vertrauen, der auf den Wegen, die nur er kennt, seinen universalen Heilsplan ausführen wird. Denn sie sind Zeugen Christi, aber sie müssen nicht selbst das Heil der Menschen bewerkstelligen. Der Eifer für das ‚Haus des Herrn‘ und gelassenes Vertrauen auf das siegreiche Wirken Gottes gehören zusammen. Christliche Mission bedeutet, dass alle Christen in der Gemeinschaft der Kirche die geschichtliche Verwirklichung des universalen Heilswillen Gottes in Jesus Christus bezeugen und verkünden vgl. Ad Gentes 7. Sie erfahren seine sakramentale Präsenz in der Liturgie und machen sie erfahrbar im Dienst an anderen, insbesondere den Notleidenden.
43. Es ist und bleibt eine qualitative Bestimmung der Kirche des Neuen Bundes, dass sie Kirche aus Juden und  Heiden  ist,  auch  wenn  das  quantitative  Verhältnis  von  Juden-  und  Heidenchristen zunächst einen anderen Eindruck erwecken mag. Ebenso wie nach Tod und Auferstehung Jesu Christi nicht zwei Bünde beziehungslos nebeneinander stehen, gibt es auch nicht unverbunden ‚das Bundesvolk Israel‘ neben ‚dem Volk Gottes aus den Völkern‘. Vielmehr ist die bleibende Rolle des Bundesvolkes Israel im Heilsplan Gottes dynamisch zu beziehen auf das ‚Volk Gottes aus Juden und Heiden – geeint in Christus‘, den die Kirche als den universalen Schöpfungs- und Heilsmittler bekennt. Im Kontext des universalen Heilswillens sind alle Menschen, die das Evangelium Christi noch nicht empfangen haben, auf das Gottesvolk des Neuen Bundes hingeordnet: „In erster Linie jenes Volk, dem der Bund und die Verheissungen gegeben worden sind und aus dem Christus de m Fleische nach geboren ist
vgl.  Röm 9,4-5, dieses seiner Erwählung nach um der Väter willen so teure Volk: die Gaben und Berufung Gottes nämlich sind ohne Reue vgl. Röm 11,28-29Lumen Gentium 16.
7.   Die Ziele des Dialogs mit dem Judentum
44. Erstes Ziel des Dialogs ist die Vertiefung der gegenseitigen Kenntnis zwischen Juden und Christen. Nur was man nach und nach kennen lernt, kann man auch lieben, und nur das, was man liebt, kann man auch richtig und vertieft verstehen. Mit dieser vertieften Kenntnis geht die gegenseitige Bereicherung einher, die die Dialogpartner zu Beschenkten macht. Die Konzilserklärung  „Nostra aetate“ (Nr. 4) spricht  vom reichen geistlichen Erbe, das Schritt  für Schritt immer mehr durch biblische und theologische Studien und den Dialog entdeckt werden soll. Insofern ist aus christlicher Perspektive ein wichtiges Ziel die Hebung der geistlichen Schätze, die für Christen im Judentum verborgen sind. In dieser Hinsicht muss vor allem die Interpretation der Heiligen Schriften genannt werden. Im Vorwort von Kardinal Joseph Ratzinger des Dokuments der Päpstlichen Bibelkommission von 2001
„Das  jüdische Volk  und  seine Heiligen Schrift  in  der christlichen Bibel“ wird der Respekt der Christen für die jüdische Auslegung des Alten Testaments hervorgehoben. Es hebt hervor, „dass die Christen viel lernen können von der 2000 Jahre hindurch praktizierten jüdischen Exegese; umgekehrt können die Christen hoffen, dass die Juden aus den Forschungen christlicher Exegese Nutzen ziehen können“. Im Bereich der Exegese arbeiten heute viele jüdische und christliche Wissenschaftler zusammen und erleben ihre Zusammenarbeit  als gegenseitig befruchtend, gerade weil sie unterschiedlichen religiösen Traditionen angehören.
45. Dieses gegenseitige Erwerben von Erkenntnis darf sich nicht auf Spezialisten beschränken. Daher ist es wichtig, dass katholische Ausbildungsstätten, insbesondere in der Priesterausbildung, „Nostra aetate“ und die nachfolgenden Dokumente des Heiligen Stuhls zur Verwirklichung der Konzilserklärung  in  ihre  Lehrpläne integrieren. Die Kirche ist auch dankbar für analoge Bemühungen in der jüdischen Gemeinschaft. Die  grundlegenden  Veränderungen  in  den Beziehungen zwischen Christen und Juden, die vor allem durch „Nostra aetate“ (Nr. 4) in Gang gesetzt  wurden,  müssen  auch  den  zukünftigen  Generationen  bekannt  gemacht  und  von  ihnen rezipiert und verbreitet werden.
46. Ein wichtiges Ziel des jüdisch-christlichen Dialogs besteht zweifellos darin, sich gemeinsam für Gerechtigkeit, Frieden, die Bewahrung der Schöpfung und Versöhnung in der Welt einzusetzen. Vielleicht war es in vergangenen Zeiten so, dass die verschiedenen Religionen auf dem Hintergrund eines verengt verstandenen Wahrheitsanspruchs und einer damit zusammenhängenden Intoleranz dazu beitrugen, Konflikte und Auseinandersetzungen heraufzubeschwören. Heute aber sollten die Religionen nicht Teil des Problems sein, sondern Teil der Lösung des Problems. Nur wenn sich die Religionen in einem geglückten Dialog engagieren und auf diese Weise zum Frieden in der Welt beitragen, kann dies auch auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene verwirklicht werden.
   Von ziviler Autorität garantierte Religionsfreiheit ist die Grundvoraussetzung für einen derartigen Dialog und für den Frieden. Diesbezüglich besteht der Lackmus-Test darin, wie religiöse Minderheiten behandelt werden und welche Rechte man ihnen garantiert. Im jüdisch-christlichen Gespräch ist daher die Situation der christlichen Gemeinden im Staat Israel von grossem Belang, da dort – wie sonst nirgendwo auf der Welt – eine christliche Minderheit einer jüdischen Mehrheit gegenübersteht. Fehlender und ständig erbetener Friede im Heiligen Land spielt eine grosse Rolle im Dialog zwischen Juden und Christen.
47. Ein weiteres wichtiges Ziel im jüdisch-katholischen Dialog besteht in der gemeinsamen Bekämpfung aller Erscheinungen rassistischer Diskriminierung gegenüber Juden und aller Formen des  Antisemitismus, der sicher noch  nicht ausgerottet ist und immer wieder in verschiedenen Formen in unterschiedlichen Kontexten auftaucht. Die Geschichte belehrt uns, wohin auch nur die leichtesten angedeuteten Formen des Antisemitismus  führen  können: in  die  menschliche Katastrophe der Schoa, wo zwei Drittel des europäischen Judentums vernichtet  wurden. Beide Glaubenstraditionen sind aufgerufen, gemeinsam eine ungebrochene Wachsamkeit und Sensibilität aufrecht zu erhalten, gerade auch auf dem sozialen Feld. Aufgrund des engen freundschaftlichen Bandes zwischen Juden und Katholiken, fühlt sich die Katholische Kirche besonders verpflichtet, zusammen mit unseren jüdischen Freunden alles zu tun, um antisemitische Tendenzen einzudämmen. Wiederholt hat Papst Franziskus betont, dass ein Christ niemals ein Antisemit sein kann, insbesondere weil das Christentum jüdische Wurzeln hat.
48. Gerechtigkeit und Friede darf jedoch im Dialog nicht einfach ein ‚Abstractum‘ sein, sondern sollte in spürbarer Weise zum Ausdruck kommen. Im sozial-karitativen Bereich gibt es ein reiches Betätigungsfeld,  denn sowohl die jüdische wie die christliche Ethik kennt den Imperativ, den Armen, Bedürftigen und Kranken beizustehen. So arbeiteten beispielsweise die Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls und das
International Jewish Committee on  Interreligious  Consultations  (IJCIC) im Jahr 2004  in Argentinien zusammen, um  in  der damaligen Wirtschaftskrise in diesem Land gemeinsam Suppenküchen für die Armen und Obdachlosen einzurichten, sowie mittellosen Kindern den Schulbesuch mit der Ausgabe von Mahlzeiten zu ermöglichen. Die meisten christlichen Kirchen haben große karitative Organisationen, wie es sie auch innerhalb des Judentums gibt; diese können zur Linderung menschlicher Not zusammenarbeiten. Das Judentum lehrt, dass das Gebot, in seinen Wegen zu wandeln vgl. Dtn 11,22 die Imitation der Göttlichen Eigenschaften Imitatio Dei in der Sorge um die Verwundbaren, die Armen und die Leidenden erfordert vgl. Babylonischer Talmud, Sota 14a. Dieses Prinzip steht im Einklang mit den Weisungen Jesu, dem Notleidenden beizustehen vgl. z. B. Mt 25,35-46. Juden und Christen können Armut und menschliches Leid nicht einfach akzeptieren; vielmehr müssen sie sich bemühen, diese Probleme zu überwinden.
49. Wenn Juden und Christen in konkreter humanitärer Hilfe einen Beitrag für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt leisten, dann geben sie ein Zeugnis für die liebevolle Sorge Gottes. Nicht mehr im konfrontativen Gegenüber, sondern zusammen Seite an Seite sollten sich Juden und Christen für eine bessere Welt einsetzen. Der Heilige Papst Johannes Paul II. rief zu einer derartigen Zusammenarbeit  in  seiner  Ansprache  an den Zentralrat  der Juden  in  Deutschland  und  an die Rabbinerkonferenz am 17. November 1980 in Mainz auf: „Juden und Christen sind als Söhne Abrahams berufen, Segen für die Welt zu sein, indem sie sich gemeinsam für den Frieden und die Gerechtigkeit unter allen Menschen und Völkern einsetzen, und zwar in der Fülle und Tiefe, wie Gott selbst sie uns zugedacht hat, und mit der Bereitschaft zu den Opfern, die dieses hohe Ziel erfordern mag.“
10. Dezember 2015
Kardinal Kurt Koch, Präsident
Bischof Brian Farrell, Vizepräsident
P. Norbert J. Hofmann, SDB Sekretär

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Reflexionen zum jüdisch-katholischen Dialog: Zusammenfassung  -  Beziehung zwischen Katholiken und Juden

 Am Donnerstag, den 10.Dezember 2015, wurde ein neues Dokument zur katholisch-jüdischen Beziehung im Vatikan vorgestellt. Finden Sie hier die offizielle Kurzfassung des Dokuments „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ Röm 11,29. Anlass für die Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch- jüdischen Beziehungen war das 50-jährige Jubiläum von Nostra Aetate":
   Vor fünfzig Jahren wurde die Erklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils verabschiedet. In Nummer vier stellt sie die Beziehungen der katholischen Kirche zum Judentum  in einen neuen theologischen Rahmen. Die folgenden Ausführungen möchten dankbar auf alles zurückblicken, was in den letzten Jahrzehnten in den jüdisch-katholischen Beziehungen erreicht worden ist und für die Zukunft neue Impulse geben. Ausgehend von einer wiederholten Betonung der Sonderstellung der jüdisch-katholischen Beziehungen innerhalb des interreligiösen Dialogs werden theologische Fragestellungen aufgegriffen, wie der Stellenwert der Offenbarung, das Verhältnis zwischen Altem und Neuem Bund, die Beziehung zwischen der Heilsuniversalität Jesu Christi und dem ungekündigten Bundes Gottes mit Israel und der Evangelisierungsauftrag der Kirche im Verhältnis zum Judentum. Dieses Dokument präsentiert katholische Überlegungen in einem theologischen Kontext zu diesen Fragestellungen, auf dass deren Bedeutung für die Mitglieder beider Glaubenstraditionen vertieft werde. Dieser Text ist nicht ein Dokument des Lehramts oder eine lehramtliche Unterweisung der Katholischen Kirche, sondern es handelt sich um Überlegungen der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum über aktuelle theologische Fragestellungen, die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelt haben. Sie beabsichtigen, der Ausgangspunkt für eine weitere theologische Vertiefung zu sein, so dass die theologische Dimension des jüdisch- katholischen Dialogs bereichert und intensiviert werden kann.

Original-Dokument: Reflexionen zu Nostra aetate
 Kardinal Koch und Rabbi David Rosen bei der Präsentation des neuen interreligiösen Textes
Wir halten hier das gesamte Dokument d „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“  (Röm 11,29) fest.
Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50jährigen Jubiläums von „Nostra aetate“ (Nr. 4)
1.   Eine kurze Wirkungsgeschichte von „Nostra aetate“ (Nr. 4) in den letzten 50 Jahren
2.   Die theologische Sonderstellung des jüdisch-katholischen Dialogs
3.   Offenbarung in der Geschichte als ‚Wort Gottes‘ in Judentum und Christentum
4.   Die Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament und Altem und Neuem Bund
5.   Die Heilsuniversalität in Jesus Christus und der ungekündigte Bund Gottes mit Israel
6.   Der Evangelisierungsauftrag der Kirche in Bezug auf das Judentum
7.   Die Ziele des Dialogs mit dem Judentum

1. Eine kurze Wirkungsgeschichte von „Nostra aetate“ (Nr. 4) im Zeitraum von 50 Jahren
   In den letzten fünf Jahrzehnten ist sehr viel im jüdisch-katholischen Dialog gewachsen, so dass aus einem Nebeneinander eine tiefe Freundschaft entstanden ist. Die Konzilserklärung „Nostra aetate“ (Nr. 4) hat zum ersten Mal eine theologischen Stellungnahme der katholischen Kirche zum Judentum klar definiert, die auf verschiedenen Ebenen eine reiche Wirkungsgeschichte entfaltet hat.
2. Die theologische Sonderstellung des jüdisch-katholischen Dialogs
   Der Dialog mit dem Judentum ist in keinster Weise mit dem Dialog mit anderen Weltreligionen vergleichbar, weil das Christentum unzweifelhaft jüdische Wurzeln aufweist.  Jesus ist nur verständlich im jüdischen Kontext seiner Zeit, wenngleich er als Messias Israels und Sohn Gottes diese Zusammenhänge auch übersteigt.
3. Die Offenbarung in der Geschichte als ‚Wort Gottes‘ im Judentum und Christentum
   Gott offenbart sich in seinem Wort, er teilt sich den Menschen mit. Für Juden ist dieses Wort greifbar in der Torah, für Christen in Jesus Christus, dem Fleisch gewordenem Wort Gottes. Das Wort Gottes ist aber ungeteilt und verlangt vom Menschen eine Antwort, damit dieser im rechten Gottesverhältnis steht.
4. Die Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament und Altem und Neuem Bund
   Zwischen Altem und Neuem Testament gibt es eine unauflösliche Einheit, wenn auch beide von Juden und Christen aufgrund ihrer verschiedenen religiösen Traditionen anders interpretiert werden. Für die Christen ist das Alte Testament im Licht des Neuen Testaments verständlich und interpretierbar. Alter und Neuer Bund gehören zur einen und einzigen Bundesgeschichte Gottes mit seinem Volk, wobei der Neue als Erfüllung der Verheißungen des Alten gesehen werden muss.
5. Die Heilsuniversalität Jesu Christi und der ungekündigte Bund Gottes mit Israel
   Durch Jesus Christus, durch seinen Tod und seine Auferstehung wird allen Menschen das Heil zuteil, durch ihn werden alle gerettet. Obwohl Juden nicht an Jesus Christus als den universalen Heilsmittler glauben können, haben sie dennoch Anteil am Heil, weil Gottes Gnade und Berufung unwiderruflich sind
vgl. Röm 11,29. Wie das geschieht, liegt im geheimnisvollen Heilsratschluss Gottes verborgen.
6. Der Evangelisierungsauftrag der Kirche in Bezug auf das Judentum
   Auch wenn Katholiken im Dialog mit dem Judentum Zeugnis für ihren Glauben an Jesus Christus ablegen, enthalten sie sich doch jeder Bemühung, sie aktiv zu bekehren oder zu missionieren. Die Katholische Kirche kennt keine institutionell verankerte Judenmission.
7. Die Ziele des Dialogs mit dem Judentum
   Juden und Katholiken sollen sich im brüderlichen Dialog besser kennenlernen, sich immer mehr versöhnen, für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung gemeinsam eintreten, sowie wirkungsvoll alle Formen des Antisemitismus bekämpfen. Sie sollen sich beide immer mehr im sozial-karitativen Bereich für die Armen, Schwachen und Ausgegrenzten einsetzen, damit sie auf diese Weise zum Segen für die Welt werden können.  Rv151210mg

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Vatikan und Oberrabbiner: „Flüchtlinge sind menschliche Ressource“  Foto: Der Papst 2014 im Oberrabbinat

   Migranten und Flüchtlinge – eine Bedrohung oder eine Chance?“ Auf diese Frage haben der Vatikan und das israelische Oberrabbinat in den letzten Tagen eine Antwort gefunden. „Einwanderer sind eine Ressource, die es wegen ihrer Menschlichkeit und dem möglichen Beitrag zur Gesellschaft, den sie leisten können, aufzunehmen und zu respektieren gilt“,  erklärten sie nach dem 13. Treffen ihrer gemischten Kommission, das Mitte der Woche in Jerusalem stattfand.
Regierungen sollten „wirksame Prozeduren“ schaffen, um den Migrantenstrom zu steuern. Dabei müsse aber auch berücksichtigt werden, „welche Ziele die Migranten selbst bevorzugt ansteuern“.
Das Oberrabbinat begrüßte ausdrücklich das neueste Dokument des Vatikans zum katholisch-jüdischen Dialog: Es bekräftige „die ewige Gültigkeit des göttlichen Bundes mit dem jüdischen Volk“ und die Absage an eine kirchliche Judenmission.
Rv151220sk

Der Papst in der Synagoge: eine „Friedens-Injektion“ - Historisch: Johannes Paul in der römischen Synagoge

   Dass der Papst den Dialog der Religionen ernstnimmt, sieht man an vielen Initiativen: dem ersten Zusammenkommen von Buddhisten und Katholiken im Vatikan etwa, oder an seiner Vergebungsbitte vor den Waldensern. Eines der bezeichnenden Bilder überhaupt in diesem Bereich könnte die Aufnahme sein, die den Papst in Umarmung mit einem Rabbiner und einem Muslim an der Jerusalemer Klagemauer zeigt.
   Jetzt plant Franziskus einen Besuch der Synagoge von Rom am 17. Januar  2016. Dabei geht es ihm vor allem um den persönlichen Kontakt zu Juden in Rom, bestätigt der Pressesprecher der jüdischen Gemeinde, Fabio Perugia. „Wir schauen auf diesen Besuch mit großer Freude, denn es ist zwar bereits der dritte Papstbesuch bei uns, aber natürlich ist in der Geschichte jeder Schritt wichtig, und nichts sollte als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Es ist ein großes Zeichen in der Spur des Dialogs, die mit Johannes Paul II. anfing und dann mit Papst Benedikt fortgeführt wurde und sich heute mit Papst Franziskus erneuert.“
   Der Pressesprecher macht vor allem den pastoralen Charakter des geplanten Besuchs deutlich. In der ersten Reihe der Synagoge werden nicht offizielle Repräsentanten oder Sponsoren sitzen, sondern Menschen aus der Gemeinde, die sich um Jung und Alt kümmern, sowie einige ehemalige Deportierte.
   Am 17. Januar wird auch der ökumenische „Tag des Judentums“ begangen. Vor allem in Momenten der „religiös grundierten Spannung“ sei ein Zusammenhalten der Religionen notwendig, so Perugia: „Sicher, die guten Kräfte dieser Welt müssen sich vereinen, um unmenschliche Katastrophen zu vermeiden. Ich denke, dass der Oberrabbiner von Rom und Franziskus auch die Möglichkeit zum Gespräch über mögliche positive Friedens-Injektionen für dieses verletzte Europa finden werden.“
   Papstbesuche von Synagogen, aber auch in Moscheen sind mittlerweile Tradition. Johannes Paul II. war der erste Papst in dieser Hinsicht; er besuchte 2001 die Omaijaden-Moschee in Damaskus und betrat damit als erster Papst in der Geschichte des Christentums ein islamisches Gebetshaus. Sowohl Benedikt XVI. (2006) als auch Franziskus (2014) beteten in der Blauen Moschee von Istanbul und setzten damit Zeichen für den Dialog zwischen den Weltreligionen. Sowohl Johannes Paul als auch Benedikt haben die römische Synagoge besucht; Benedikt XVI. ging außerdem in die Kölner und in eine New Yorker Synagoge. Rv151119no

Neues Dokument zu jüdisch-christlichen Beziehungen 

   Vor fünfzig Jahren wurde die Erklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils veröffentlicht. Nun hat der Vatikan ein neues Dokument herausgebracht, das die jüdisch-katholischen Beziehungen reflektiert. Mit dem Dokument „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ Röm 11,29 will man dankbar auf alles zurückblicken, was in den letzten Jahrzehnten in den jüdisch-katholischen Beziehungen erreicht worden ist und für die Zukunft neue Impulse geben.
   Bei dem 17-seitigen Papier in englischer Originalsprache handelt sich nach vatikanischen Angaben nicht um eine offizielle Aussage des kirchlichen Lehramtes, sondern um „Überlegungen“ der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum. Seit dem Konzil waren bereits drei weitere Dokumente gefolgt, die eher die praktischen Fragen des jüdisch-christlichen Dialogs behandelten. In dem neuen Dokument „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ werden theologische Fragestellungen aufgegriffen wie das Verhältnis zwischen Altem und Neuem Bund, die Beziehung zwischen der Heilsuniversalität Jesu Christi und dem ungekündigten Bundes Gottes mit Israel. Ein zentraler Punkt ist, dass betont wird, die Katholische Kirche kenne keine institutionell verankerte Judenmission. Als Judenmission bezeichnet man eine Missionstätigkeit von Christen, die Juden zum Glauben an Jesus Christus, das heißt an die Messiaswürde und Gottessohnschaft Jesu von Nazaret, bringen soll. Außerdem sollten Juden und Katholiken sich gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen und den Antisemitismus bekämpfen. Das sei insbesondere in der heutigen Zeit ein wichtiges Signal, sagte der Präsident der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Kardinal Kurt Koch:
   „Wir erleben heute eine neue Welle des Antisemitismus vor allem in Europa. Das ist etwas sehr Tragisches und zeigt, wie geschichtsvergessen die Menschen sind, dass sie die ganze Tragödie der Schoah nicht präsent haben und ganz neue Formen des Antisemitismus wieder ans Tageslicht kommen. Da müssen die Juden wissen dürfen, dass sie in der katholischen Kirche und in den Christen verlässliche Partner haben im Kampf gegen den Antisemitismus. Papst Franziskus ruft es immer wieder in Erinnerung: Es ist unmöglich, Christ zu sein und gleichzeitig Antisemit.“
   Eigentlich hatte die Kommission schon zum 40. Jubiläum von „Nostra Aetate“ im Jahr 2005 daran gedacht, ein neues Dokument über die jüdisch-christlichen Beziehungen zu veröffentlichen. Doch die weiteren zehn Jahre Wartezeit, so ist man sich in der Kommission einig, zahlten sich aus: Viele theologische Fragen des neuen Dokuments seien besonders in den letzten zehn Jahren diskutiert worden:
   „Wir haben in der Vergangenheit auch einige kontroverse Fragen gehabt, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Zum Beispiel die Karfreitagsfürbitte, die Papst Benedikt eigens gemacht hat und die hat eine Kontroverse ausgelöst und ist viel missverstanden worden -  als ein Aufruf zur Judenmission verstanden worden. Damit hat sie aber gar nichts zu tun. Es ist eine Bitte an das eschatologische Handeln Gottes am Ende der Zeiten. Also im Grunde genau das, was Paulus in seinem Brief sagt, in ein Gebet formuliert. Und deshalb ist es wichtig, dass man solche schwierigen, sensiblen Fragen im Dialog miteinander diskutieren kann um dann auch in der Öffentlichkeit Rede und Antwort zu stehen. Und ich bin sehr erfreut, dass heute sich die Zahl der Rabbiner mehren, die sagen: Ja wir sind bereit für diesen Dialog und wir wollen ihn weiterführen.“
   Derweil haben sich zu fünfzig Jahren „Nostra Aetate“ auch 25 orthodoxe Rabbiner geäußert, aus Israel, Europa und den USA. In ihrer Stellungnahme - überhaupt die erste ihrer Art seit dem Konzil – loben die Rabbiner die „ehrliche Liebe und Respekt“, die viele Christen durch Dialoginitiativen u.ä. zum Ausdruck gebracht hätten. In ihrem Schreiben rufen sie zur weiteren Zusammenarbeit von Christen und Juden zugunsten der Werte und des Wohlstands in den Gesellschaften.
   Bei der Pressekonferenz am Donnerstag im Vatikan waren neben dem Präsidenten der Kommission auch der Sekretär, Norbert Hofmann, sowie der Rabbiner David Rosen vom American Jewish Committee in Jerusalem und der Gründer des Forschungsinstituts Woolf Institute von der Cambridge University für interreligiöse Beziehungen, Edward Kessler, anwesend. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass das Dokument in einigen Punkten Fragen offenblieben. So werde zum Beispiel die Frage nach dem Staat Israel nicht angesprochen. Eine weitere Anregung von Rabbiner David Rosen war, dass theologische Schreiben in Zeiten der sozialen Medien ergänzt werden müssten durch sichtbare Zeichen. Es gehe schließlich darum, die reifende Beziehung von Christen und Juden greifbar zu machen. Hierfür wird bald die nächste Gelegenheit sein. Am 17. Januar 2015 wird Papst Franziskus erstmals die Synagoge von Rom besuchen. 
Rv151210cz 

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Keine Mission -  Die katholische Kirche als Partner der Juden im Kampf gegen den Antisemitismus

   Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Erklärung „Nostra aetate" vor nunmehr 50 Jahren verbietet sich für die katholische Kirche jegliche Judenmission. Es gibt sie aber weiter, etwa in Israel und den Vereinigten Staaten. Eine neue Denkschrift des Vatikans aus dem Ökumene-Rat von Kardinal Koch wendet sich dagegen. Hinzugezogen wurden jüdische Dialogpartner, etwa der Chef der Abteilung für interreligiöse Angelegenheiten beim American Jewish Committee (AJC), Rabbi David Rosen. Sie waren bei der Vorstellung Anfang Dezember ebenfalls anwesend.
 Die Schrift mit dem Titel „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt" erklärt, dass das Bündnis des Gottes Jahwe mit dem jüdischen Volk trotz der Erscheinung Jesu und des neuen Bundes weiterbestehe. Daher könne es keinen Evangelisierungsauftrag für das Judentum geben. Die katholische Kirche „kennt und unterstützt" keine „spezifische institutionelle Missionsarbeit, die auf Juden gerichtet ist", heißt es. Freilich seien Christen aufgerufen, auch Juden gegenüber Zeugnis von ihrem Glauben an Christus abzulegen. „Das aber sollten sie demütig, sensibel und in Anbetracht dessen tun, dass die Juden Träger des Wortes Gottes sind und besonders auch wegen der großen Tragik der Shoah."
   Bei der Vorstellung des 17 Seiten langen Dokuments wies Kardinal Koch als Präsident der „Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum" darauf hin, dass es sich nicht um offizielle Aussagen des kirchlichen Lehramtes handle, sondern um Überlegungen seiner Kommission. Auf die Konzilsschrift „Nostra aetate" waren drei Dokumente gefolgt, die praktischen Fragen des jüdisch-christlichen Dialoges nachgegangen seien, eine theologische Bestandsaufnahme sei längst fällig gewesen. Erst recht, wo Europa eine neue Welle des Antisemitismus erlebe. Da sollten „die Juden wissen, dass sie in der katholischen Kirche und in den Christen verlässliche Partner im Kampf gegen den Antisemitismus haben". Denn nach den Worten von Papst Franziskus sei es „unmöglich, Christ und gleichzeitig Antisemit zu sein". Das Dokument solle dazu beitragen, den Dialog mit den Juden und die Aussöhnung neu zu beleben, so Koch.
   Im Zentrum der Überlegungen steht die von beiden Religionen - wenn auch mit unterschiedlichen Argumenten - anerkannte Einheit von Altem und Neuem Testament. Nach christlicher Sicht lässt sie keine zwei „parallelen Heilswege" zu. Sie stellt das Bekenntnis zur universalen und daher exklusiven Heilsmittlerschaft Christi in den Mittelpunkt des Glaubens. Daraus folge nicht, dass Juden nur deshalb vom Gottesheil ausgeschlossen seien, weil sie nicht an Jesus Christus als Messias glaubten; lange sei das Neue Testament jedoch falsch ausgelegt worden. Theologisch stehe der Anteil der Juden an Gottes Heil auch ohne explizites Christus-Bekenntnis außer Frage. Unklar bleibt die Formel, wonach „Christen und Juden unwiderruflich aufeinander angewiesen" seien. So spricht Papst Franziskus von einer „reichen Komplementarität" bei der gemeinsamen Lektüre der hebräischen Bibel.
   Der orthodoxe Rabbiner Rosen sagte, gewiss brauche die Kirche das Judentum, denn das Neue Testament beziehe sich auf das Alte. Eine „symmetrische Abhängigkeit" der Juden von den Christen bestehe indessen nicht. Die Kirche müsse Juden nicht daran erinnern, dass sich auch schon das Alte Testament universell verstehe und dazu aufrufe, die ethnische Enge des israelitischen Volkes zu überwinden, sagte der Rabbi aus Jerusalem. Dafür gebe es viele Belege bei den Propheten, vor allem bei Arnos. „Allein der Umstand, dass wir heute über Komplementarität reden können, erscheint mir schon kraftvoll zu zeigen, wie weit wir auf der bemerkenswerten Reise der Transformation und Versöhnung zwischen Katholiken  und Juden in den vergangenen fünfzig Jahren gekommen sind", sagte der Rabbi.
   Dazu legte Rosen eine neue Erklärung von zwei Dutzend orthodoxen Rabbinern vor, in der es heißt: Die Trennung zwischen Juden- und Christentum ist nicht Irrtum, sondern göttlicher Wille und Geschenk für die Völker. „Sie ist eine gottgewollte Trennung zwischen Partnern mit bedeutenden theologischen Differenzen, aber keine Spaltung zwischen Feinden." Es gebe weitaus mehr Gemeinsamkeit als Trennendes, sagen auch die orthodoxen Rabbiner, die sich bisher, anders als die konservative und liberale Rabbinerschaft, im Dialog mit Christen mehr zurückgehalten haben. Gute Beziehungen zwischen Christen und Juden dürften sich aber nicht nur in wohlfeilen Texten niederschlagen, ergänzte Rosen. Dem stimmte Koch zu und erinnerte an den nächsten sichtbaren Schritt: Am 17. Januar wird Papst Franziskus, wie bereits seine beide Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI., die Synagoge von Rom besuchen. 
FAZ151230JörgBremer

                     Kwon:Nostra aetate

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