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Rainer Maria Rilke

  Rainer Maria Rilke:  

 Ich habe die Nacht einsam hingebracht
und ich habe schließlich die Psalmen gelesen,
eines der wenigen Bücher,
in denen man sich restlos unterbringt,
mag man noch so zerstreut
und ungeordnet und angefochten sein.

                                                                Rainer Maria Rilke 1875-1926
gehört ohne jeden Zweifel zu den bedeutendsten deutsch-sprachigen Dichtern. Berühmt wurde und ist er haupt- sächlich als Lyriker, dessen bedeutendste Werke die „Duineser Elegien” und „die Sonette an Orpheus” sind. Inspiriert vom Miterleben der Feier einer orthodoxen Osternachtsfeier in Russland und einer tiefen Frömmigkeit, schuf er seinen ersten großen Gedichtzyklus „Das Stundenbuch”.
   Aufgabe des Dichters ist in Rilkes Selbstverständnis, das Dasein, sei es das menschliche, das der Dingwelt oder der Natur durch Sagen, in ein transzendentes und dadurch überdauerndes Sein zu verwandeln.

   Rainer Maria Rilke: Ich bete wieder 


Ich bete wieder, du Erlauchter,
du hörst mich wieder durch den Wind,
weil meine Tiefen niegebrauchter
rauschender Worte mächtig sind.

Ich war zerstreut: an Widersacher
in Stücken war verteilt mein Ich.
O Gott mich lachten alle Lacher
und alle Trinker tranken mich.

In Höfen hab ich mich gesammelt
aus Abfall und aus altem Glas.
mit halbem Mund dich angestammelt,
dich, Ewiger aus Ebenmaß.

Wie hob ich meine halben Hände
zu dir in namenlosem Flehn,
dass ich die Augen wiederfände,
mit denen ich dich angesehn.

Ich war ein Haus nach einem Brand,
darin nur Mörder manchmal schlafen,
eh ihre hungerigen Strafen
sie weiterjagen in das Land;
ich war wie eine Stadt am Meer,
wenn eine Seuche sie bedrängte,
die sich wie eine Leiche schwer
den Kindern an die Hände hängte.

Ich war mir fremd wie irgendwer,
und wusste nur von ihm, dass er
einst meine junge Mutter kränkte
als sie mich trug,
und dass ihr Herz, das eingeengte,
sehr schmerzhaft an mein Keimen schlug.

Jetzt bin ich wieder aufgebaut
aus allen Stücken meiner Schande,
und sehne mich nach einem Bande,
nach einem einigen Verstande,
der mich wie ein Ding überschaut,
— nach deines Herzens großen Händen
(o kämen sie doch auf mich zu).
Ich zähle mich, mein Gott, und du,
du hast das Recht, mich zu verschwenden.

Kommentar von Prof. Dr.Erwin Mode, Universität Eichstätt-Ingolstadt in Communio 0812

1. «Ich bete wieder ...» (R.M. Rilke): Gebetslyrik als Existenzanalyse
   «Ich bete wieder, du Erlauchter», so bekennt um die Jahrhundertwende (1901) R.M. Rilke in seinem «Buch von der Pilgerschaft». Das Bekenntnis wie der Spannungsbogen des 6-strophigen Gedichtes aus seinem «Stunden- Buch» bezeugen sich dem heutigen Leser im Zeitadverb «wieder». Bis zur Wieder-Kehr der Gebetshaltung, bis zu deren erneuter Verdichtung im Dichter, geschah ihm Abgründiges an: «Zerstreuung («Ich war zerstreut, an Widersacher in Stücken war verteilt mein Ich»), Ich-Fragmentierung und Burn-out («Ich war ein Haus nach einem Brand, darin nur Mörder manchmal schlafen»), schwergradiger Depression («... wie eine Leiche schwer»), Depersonalisierung und Selbstentfremdung («Ich war mir fremd wie irgendwer»). «Todeslandschaften der Seele» (G. Benedetti) eröffnen und erweitern sich kaskadisch Strophe um Strophe. - «Abyssus abyssum invocat», bis hin zur ultimativen Bedrohung durch (schizophrenienahen) Selbstverlust im vorletzten Vers.
   Dann, im letzten Vers (lat.: vertere = drehen, wenden), geschieht ihm, dem «Zerstückelten», die unverhoffte Wende: «Jetzt bin ich wieder aufgebaut aus allen Stücken meiner Schande ...». - «Wieder aufgebaut», wodurch bzw. von wem auch immer, setzt im Beter die Sehnsucht ein («und sehne mich nach einem Bande») nach dem ihn «verbindlich» Umfassenden, in höherer Vernunft Ver-«einigenden» («nach einem einigen Verstande»), ihn Überschauenden («der mich wie ein Ding überschaut») und handelnd Liebenden («nach deines Herzens großen Händen»): nach Gott. Mit dem zweifachen Du-Wort gibt der vom Bekennenden zum Betenden Gewordene Gott ausdrücklich das «Recht», ihn wieder zu «verschwenden»:
                         «Ich zähle mich, mein Gott und du,
                         du hast das Recht, mich zu verschwenden».
   Zwischen der ersten, hymnisch intonierten Strophe und der letzten, d.h. längsten Strophe des zum Gebet gewordenen Selbstbekenntnisses, dramatisiert sich menschliche Existenz in ihren Extremen: Vom Erhabenen über die symbolästhetische Vergegenwärtigung der fast restlosen Zerstörung des Subjekts bis hin zur Gebets- beziehung des «wieder aufgebauten» Beters.

Aufzeichnungen des Malte L. Brigge  -  Verlorener Sohn

   An der Schnittstelle zwischen Früh- und Spätwerk schuf Rilke seinen einzigen Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”, an dem er insgesamt sechs Jahre lang - von 1904 bis 1910 - schrieb.
   Dieser Roman schildert in Tagebuchform das Leben des 28-jährigen Malte Laurids Brigge, dem letzten Spross eines dänischen Adelsgeschlechts, in der Großstadt Paris, der in ärmlichen Verhältnissen eine Existenz als Dichter führt. Erinnerungen an die Kindheit, präzise Beobachtungen des Elends, der Armut und der Hässlichkeit in Paris überwältigen das empfindsame Gemüt des jungen Mannes, dessen Erfahrungen ein Spiegelbild von Rilkes eigenen Erfahrungen bilden, ohne deshalb rein autobiographisch zu sein. Rilke leistet vielmehr mit einem un- geheuren geistigen und seelischen Aufwand die Überwindung eigener Daseinsängste und den Versuch einer Beantwortung moderner Fragestellungen nach Welt und Wirklichkeit. In einem groß angelegten inneren Monolog fragt sich Malte - und mit ihm Rilke -, ob es möglich ist, dass man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen hat, dass man bisher nur an der Oberfläche des Seins geblieben ist, dass alle Wirklichkeiten nichts sind, und antwortet auf alle diese Fragen mit: Ja, es ist möglich.
    In dem Roman ringt der junge Dichter um die Unterscheidung zwischen Schein und Sein. Drei wichtige Themen, die auch Rilkes Lyrik bestimmen, werden im Malte behandelt: Liebe, Gott und Tod. Liebe ist in des Dichters Verständnis etwas Absolutes. Und es bedarf großer Anstrengung, um auch nur annähernd der Liebe gerecht zu werden. Rilke spricht von der „Arbeit der Liebe”. In einer Umdeutung des Gleichnisses vom „Verlorenen Sohn” sieht sich Malte als derjenige, der nicht geliebt werden wollte. Der Sohn geht fort, weil er sich vornimmt, „niemals zu lieben, um keinen in die entsetzliche Lage zu bringen, geliebt zu sein”, denn dadurch sieht er die Freiheit des Geliebten in Gefahr. Dieses Ethos einer nicht besitzergreifenden Liebe findet sich auch in vielen seiner Gedichte.
   Immer wieder hat Rilke die Einheit von Leben und Tod, den Tod als Öffnung ins eigentliche Sein beschworen. Seine Vorstellung vom eigenen Tod hat er dichterisch ins Mythische überhöht, nicht zuletzt in den „Sonetten an Orpheus”. Wie schon die Geschichte vom verlorenen Sohn deutet Rilke auch den Orpheus-Mythos auf seine Weise um. Orpheus ist bei ihm nicht der Sänger, der seine verstorbene Geliebte Eurydike aus der Unterwelt wieder zurückholen will ins Reich der Lebenden. Vielmehr sieht er sich dem Todesreich zugehörig und sucht dieses durch seinen Gesang zu verwandeln. Rilkes drittes großes Lebensthema kreist in vielfältiger Weise um Gott. Es hat ihn vom Anfang seiner Dichtung bis zum Ende seines Lebens nicht losgelassen.

„Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendlang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.”

  So wie in diesen Versen aus dem Stunden-Buch führt das dichtende Ich endlose Zwiegespräche mit Gott, mal ehrfurchtsvoll, mal vertraulich. Gott ist der Dunkle und ein Dom, der Einsame und der große Verschwender, der Baum und die Wurzel. Rilke erkennt in Gott den Sich-Wandelnden. Auch im „Malte” durchdringen sich, einander bedingend, diese drei Denkfiguren von Liebe, Tod und Gott: „Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben, wir können nicht fertig werden” heißt es an einer Stelle.
   Die Pariser Erfahrungen, geprägt vor allem von Armut und Elend, führen Malte zu der Erkenntnis, dass er nicht die Wahl hat, sich von diesem Elend abzuwenden. Im Gegenteil: „Es kommt mir vor, als wäre das das Entscheidende: ob einer es über sich bringt, sich zu dem Aussätzigen zu legen und ihn zu erwärmen mit der Herzwärme der Liebesnächte, das kann nicht anders als gut ausgehen.” Der Roman endet in der offen bleibenden Suchbewegung nach Gott: „Was wussten sie, wer er war. Er war jetzt furchtbar schwer zu lieben, und er fühlte, dass nur Einer dazu imstande sei. Der aber wollte noch nicht."
  Ein eigenartiger Schluss! Und doch vielleicht nicht anders denkbar zu dem wenig davor Stehenden innerhalb seiner Geschichte vom verlorenen Sohn: „Ich seh mehr als ihn, ich sehe sein Dasein, das damals die lange Liebe zu Gott begann, die stille ziellose Arbeit.”
   Nach der Vollendung des „Malte” geriet Rilke in eine Schaffenskrise, die offenbar nicht unwesentlich mit der Bewältigung dieses Romans zusammenhing. Rilke selbst analysierte den „Malte” als „hohe Wasserscheide". Er muss erschreckt feststellen, „dass alles Gewässer nach der alten Seite abgeflossen ist” und vor ihm sich nur Dürre ausbreitet.
     Es dauerte zwei Jahre, die Rilke in ruheloser Wanderschaft verbrachte, bis er auf Schloss Duino die geeignete Klausur fand, um dort mit seinem letzten großen Werk, dem Meisterwerk seiner Spätphase, den Duineser Elegien, zu beginnen.
Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Verlag Süddeutsche Zeitung, München 2004, 269 Seiten, ISBN 3-93779-327-5, EUR 4,90      IlkaScheidenDT061230

bu-RainerMRilke-DuineserElegien-z2  Rilke: Duineser Elegien

Rilke, Suchers Leidenschaften bu-RainerMRilke-Nirgends,Geliebte-z2 

Dort stöbern, wo Rilke den Winter 1912/13 vertrödelte

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   Schauplatz Andalusien, Ronda Fotos. Im örtlichen Hotel Reina Victoria, 1906 eröffnet und seinerzeit auf Über- nachtungsgäste der britischen Kronkolonie-Gibraltar zugeschnitten, pflegt man bewusst den old-fashioned-style. Damals, als Rainer Maria Rilke in seinem unsteten Dichter- und Wanderleben zwischen November 1912 und Februar 1913 Spanien bereiste, legte er einen zweimonatigen Aufenthalt in Ronda ein - im Hotel Reina Victoria. Neben seiner Zimmertür zeigt heute ein Kachelbild Rilkes Gesicht im Profil, ein Messingschild seine Signatur.
   „Die Ortschaft phantastisch und überaus großartig", rühmt Rilke Ronda. Wochenlang genießt er die „Luft von wundervoller Klarheit und Frische" und die „unvergleichliche Erscheinung dieser auf zwei steile Felsmassen, die die enge Flussschlucht trennt, hinaufgehäuften Stadt." Gleichzeitig entfacht die Kulisse in dem chronischen Grübler und Selbstzweifler einmal mehr den Lauf der Gedanken. »Wie alle neuentdeckten Städte und Land- schaften seines Lebens, so wird ihm auch die spanische Szenerie zur objektiven Entsprechung für innere Zustände, Stimmungen und Fortschritte seiner intellektuellen Entwicklung", schreibt Rilke-Biograph Hans Egon Hölthusen.

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   Umrahmt von Gardinen und rötlichem Vorhangstoff, gibt das Hotelfenster den Blick auf die Gebirgswelt frei, in Rilkes Augen „Berge wie aufgeschlagen, um Psalmen daraus vorzusingen", ein „Panorama von unbeschreiblicher Hoheit". In Ronda unternimmt Rilke lange Spaziergänge, liest viel, vertieft sich in seine „Duineser Elegien". Briefe an die Mutter bezeugen den Weihnachtstag 1912 mit der singend umherziehenden Jugend und der Mitternachts- messe im Dom, die spanische Bescherungstradition am Dreikönigsfest, den Blütenbeginn der Mandelbäume. Rilkes dichterisches Schaffen in Ronda spiegelt sich in Gedichten wie „An den Engel", „Himmelfahrt Mariae", „Auferweckung des Lazarus" und „Die spanische Trilogie" wider. Es ist der letzte Teil der Trilogie, dessen Auftakt der Leser mit einiger Mühe entziffern kann:

„Dass mir doch, wenn ich wieder der Städte Gedräng
und verwickelten Lärmknäul und
die Wirrsal des Fahrzeugs um mich habe, einzeln,
dass mir doch über das dichte Getrieb
Himmel erinnerte und der erdige Bergrand,
den von drüben heimwärts die Herde betrat.
Steinig sei mir zu Mut ..."

  Auf dem Schreibtisch selber seines zum Museum gewordenen Hotelzimmers stehen ein Keramiktopf mit Trocken- blumen, ein Lämpchen, ein Tuschekasten mit roter und blauer Feder. Die Uhr auf dem Kaminsims funktioniert nicht mehr, darüber zeigen vier Fotoreproduktionen Rainer Maria Rilke (1875-1926) in verschiedenen Altersstufen. Der Vitrinenschrank mit der Bibliothek ist verschlossen. Hinter dem Glas reihen sich diverse Buchausgaben Rilkes auf, dazu eingerahmte Gedichtextrakte, beginnend mit „In einer Rose steht dein Bett, Geliebte" und „Weißt du, dass ich dir müde Rosen flechte ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt." Passend dazu greift eine Vase mit Trockenrosen auf dem kleinen Glastisch neben der Tür das lyrische Leitmotiv auf. Sprachvirtuos verstand es Rilke, in die tiefsten Befindlichkeiten und Seelengründe hinabzusteigen.
   Die Spuren des Rainer Maria Rilke setzen sich im verträumten, kleinen Park des Hotels Reina Victoria fort. Palmen, Agaven, Laternchen und Steinbänke geben dem mannshohen Rilke-Denkmal einen Rahmen. Der Dichter, in Bronze und auf die ferne Sierra de Grazalema blickend, kommt dürr daher, trägt ein Jackett und in seiner rechten Hand ein Buch. Eine Tafel daneben reißt ein Zitat der „Spanischen Trilogie" aus dem Zusammenhang:

„Aus diesem Fluss im Talgrund,
den den Schein zerrissner Himmels-Lichtung fängt - (und mir),
aus mir und alledem ein einzig Ding
zu machen, Herr, aus mir und dem Gefühl..."

   Folgt man einem Brief an seine Mutter, verbringt Rilke die letzten sonnigen Jahrestage 1912 „im Garten ausge- streckt in einem Klappstuhl, ohne das Mindeste zu unternehmen". In den Wochen danach beginnen das allzu warme Klima und die Schaffenskrise an ihm zu nagen, mit räumlichen Bindungen hat er zeitlebens ebenso Probleme wie mit persönlichen. Mitte Februar 1913 reist Rainer Maria Rilke aus Ronda ab, „der Entschluss kam mir von einem Tag zum andern". Er kehrt nie mehr zurück. AndreasDrouveDT081227

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Hotel Reina Victoria, Ronda

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gefunden in: Angelika Deuschel (Hrsg.): Lesestücke für Sehleute
Erfahrungen und Reflexionen sehschwacher und blinder Menschen in einer Gemeinschaft von Sehenden.
AT Edition Münster ISBN 3-8258-4048-4, 304 S. € 10,90

    Rainer Maria Rilke:

Die Blinde
Der Fremde:
Du bist nicht bang, davon zu sprechen?
Die Blinde:
Nein.
Es ist so ferne. Das war eine andre.
Die damals sah,
die laut und schaudernd lebte,
die starb.
Der Fremde:
Und hatte einen schweren Tod?
Die Blinde:
Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.
Stark muss man sein,
sogar wenn Fremdes stirbt.
Der Fremde:
Sie war dir fremd?
Die Blinde:
- Oder: sie ist geworden.
Der Tod entfremdet selbst dem Kind
die Mutter.-
Doch es war schrecklich
in den ersten Tagen.
Am ganzen Leibe war ich wund.
Die Welt,
die in den Dingen blüht und reift,
war mit den Wurzeln
aus mir ausgerissen,
mit meinem Herzen (schien mir),
und ich lag
wie aufgewühlte Erde offen da und
trank und trank den kalten Regen
meiner Tränen,
der aus den toten Augen unaufhörlich
und leise strömte,
wie aus leeren Himmeln,
wenn Gott gestorben ist,
die Wolken fallen.
Und mein Gehör war groß
und allem offen.
Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind:
die Zeit, die über meine Haare floss,
die Stille, die in zarten Gläsern klang, -
und fühlte: nah bei meinen Händen ging
der Atem einer großen weißen Rose.
Und immer wieder dacht ich:
Nacht und: Nacht
und glaubte einen hellen Streif zu sehn
der wachsen würde wie ein Tag;
und glaubte auf den Morgen zuzugehn,
der längst in meinen Händen lag.
Die Mutter weckt ich,
wenn der Schlaf mir schwer
hinunterfiel vom dunklen Gesicht,
der Mutter rief ich: “Du, komm her!
Mach Licht!”
Und horchte.
Lange, lange blieb es still,
und meine Kissen fühlte ich versteinen,
- dann war’s,
als säh ich etwas scheinen:
das war der Mutter wehes Weinen,
an das ich nicht mehr denken will.
Mach Licht! Mach Licht!
Ich schrie es oft im Traum:
Der Raum ist eingefallen.
Nimm den Raum
mir vom Gesicht und von der Brust.
Du musst ihn heben, hochheben
musst ihn wieder den Sternen geben;
ich kann nicht leben so,
mit dem Himmel auf mir.
Aber sprech ich zu dir, Mutter?
Oder zu wem denn?
Wer ist denn dahinter?
Wer ist denn hinter dem Vorhang? Winter?
Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!
Oder Tag?...Tag!
Ohne mich!
Wie kann es denn ohne mich Tag sein?
Fehl ich denn nirgends?
Fragt denn niemand nach mir?
Sind wir denn ganz vergessen
Wir?... Aber du bist ja dort;
du hast ja noch alles, nicht?
Um dein Gesicht
sind noch alle Dinge bemüht,
ihm wohlzutun.
Wenn deine Augen ruhn
und wenn sie noch so müd waren,
sie können wieder steigen.
...Meine schweigen.
Meine Blumen
werden die Farbe verlieren.
Meine Spiegel werden zufrieren.
In meinen Büchern
werden die Zeilen verwachsen.
Meine Vögel werden in den Gassen
herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.
Nichts ist mehr mit mir verbunden.
Ich bin von allem verlassen. -
Ich bin eine Insel.
Der Fremde:
Und ich bin über das Meer gekommen.
Die Blinde:
Wie? Auf die Insel? ...Hergekommen?
Der Fremde:
Ich bin noch im Kahne.
Ich habe ihn leise angelegt -
an dich. Er ist bewegt:
seine Fahne weht landein.
Die Blinde:
Ich bin eine Insel und allein.
Ich bin reich. -
Zuerst, als die alten Wege noch waren
in meinen Nerven ausgefahren
von vielem Gebrauch:
da litt ich auch.
Alles ging mir aus dem Herzen fort,
ich wusste erst nicht wohin;
aber dann fand ich sie alle dort,
alle Gefühle, das, was ich bin,
stand versammelt
und drängte und schrie
an den vermauerten Augen,
die sich nicht rührten.
Alle meine verführten Gefühle...
Ich weiß nicht
ob sie Jahre so standen,
aber ich weiß von den Wochen,
da sie alle zurückkamen gebrochen
und niemanden erkannten.
Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.
Ich weiß nicht mehr.
Jetzt geht alles in mir umher,
sicher und sorglos wie Genesende
gehn die Gefühle,
genießend das Gehn,
durch meines Leibes dunkles Haus.
Einige sind Lesende
über Erinnerungen:
aber die jungen sehn alle hinaus.
Denn wo sie hintreten an meinen Rand,
ist mein Gewand von Glas.
Meine Stirne sieht, meine Hand las
Gedichte in anderen Händen.
Mein Fuß spricht mit den Steinen,
die er betritt,
meine Stimme nimmt jeden Vogel mit
aus den täglichen Wänden.
Ich muss nichts mehr entbehren jetzt,
alle Farben sind übersetzt
in Geräusch und Geruch.
Und sie klingen unendlich schön
als Töne.
Was soll mir ein Buch?
In den Bäumen blättert der Wind;
und ich weiß,
was dorten für Werte sind,
und wiederhole sie manchmal leis.
Und der Tod,
der Augen wie Blumen bricht,
findet meine Augen nicht...
Der Fremde leise:
Ich weiß.

Unser Angebot:  Gegenüber dem Himmel  Best.Nr.: 4308   Rilkes Gedichte gehören zum uverzichtbaren Bestand deutscher Literatur. Sie sind einzigartig in ihrer sprachlichen Kraft und im Glanz ihrer poetischen Bilder. München, Pieper 1997, 3 Kassetten, Sprecher: Volker Lohmann
Für Blinde und Sehbehinderte Lieferung frei Haus, kostenlos: Hörbücher

bu-RainerMRilke-Bücher-z2 bu-RainerMRilke-z

Rainer Maria Rilke: Gesammelte Werke in 9 Bänden. “Vielleicht wurde überhaupt noch nie so schön gedichtet”, schrieb schon  Klaus Mann über Rilkes Lyrik. Diese formschöne Ausgabe ist also nicht nur eine Zierde für jede  Bibliothek, sondern garantiert auch poetischen Hochgenuss. 9 Bde., zus. 1588 S., 12x19 cm, gebunden, Schuber, Insel-Verlag. Originalausgabe € 204 als Sonderausgabe komplett nur € 50,-- Bestell-Nr. 366 547
www.jokers.restseller.de 
 Bestell-Telefon: 0180 - 53 54 335   (-,12 € / Minute). Jokers restseller 86122 Augsburg

  Rainer Maria Rilke:  

Wenn etwas von uns fortgenommen wird,
 womit wir tief und wunderbar zusammenhängen,
so ist viel von uns selber mit fortgenommen.
Gott aber will, dass wir uns wiederfinden,
reicher um alles Verlorene
und vermehrt um jeden unendlichen Schmerz.

bu-RainerMRilke-Recital-ZZx   Recital

 Hör-CD: Rainer Maria Rilke: Recital - gesprochen von Vera Oelschlegel und Hans-Peter Minetti.
“... der Cornet war das unvermutete Geschenk einer einzigen Herbstnacht,
in einem Zuge hingeschrieben bei zwei im Nachtwind wehenden Kerzen!

das Hinziehn der Wolken über den Mond hat ihn verursacht ...”

Komposition: Frederic Chopin   
Hör-CD, ISBN 3-89830-380-2 € 14,50

Projekt   bu-RainerMRilke-Projekt-zZ

Schönherz & Fleer: RILKE Projekt:  “In meinem wilden Herzen”. Bewegende Poesie zu fesselnder Musik.   Mitwirkende: Laith Al-Deen, Iris Berben, Karlheinz Böhm, Till Brönner, André Eissermann, Veronica Ferres, Cosma Shiva Hagen, Christiane Hörbiger, Udo Lindenberg, Klaus Meine, Hanna Schygulla, Zabine. BMG-Ariola Classics,
 1 Hör-CD, ISBN 3-89830-459-0, € 18,--.

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Rainer Maria Rilke in Florenz.
Im Alter von 22 Jahren unternahm der Dichter seine erste Italienreise.
Die Monatsschrift “Damals” 6,10 €, 5/03-Ausgabe folgt seinen Spuren durch Florenz

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Rilkes Kreuz - Diebstahl am Dichtergrab in Raron (Schweiz)

   Die Stätte ist Ort eines Kults, von dem Einheimische viel Sonderbares berichteten: Sie zumindest hat es kaum überraschen können, dass das Kreuz von Rilkes Grab verschwunden ist. Und lange wurde die Nachricht der Öffentlichkeit vorenthalten. Rainer Maria Rilke war kurz nach Weihnachten 1926 in einem Sanatorium bei Montreux am Genfer See gestorben. Seinem Wunsch gemäß wurde er im herrlich gelegenen Bergfriedhof von Raron beigesetzt. Es pilgern viele Rilke-Freunde zu seiner Ruhestätte, man kann hier auch Postkarten mit dem Dichter kaufen,CDs und seine Bücher - in verschiedenen Sprachen. Auf dem Kreuz stehen nur seine Initialen, RMR. Vor Monaten schon ist es verschwunden, noch im vergangenen Jahr. Die Behörden hofften, dass es der Dieb zurückbringen würde. Auch eine Geldforderung ist nie eingegangen. Deshalb wurde der Verlust erst jetzt öffentlich mitgeteilt. Weil er schon so lange zurückliegt, ist ein schlechter Scherz unwahrscheinlich. Vermutlich hat sich ein besonders inniger Verehrer des Dichters das Kreuz angeeignet. Auf irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen hatte man stets verzichtet. Aber auch Menschen, die Gedichte lesen, können auf Abwege kommen. Das Grab und der Grabstein mit seiner berühmten Inschrift sind intakt: „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern". FAZ100823JA

   Seit Ende des ersten Weltkrieges hielt Rilke Ausschau nach einem Ort, wo er ungestört arbeiten konnte. Verschiedentlich glaubte er, diesen gefunden zu haben, doch nie vermochte er sich bis zu seinem eigentlichen Vorhaben, der Vollendung der "Duineser Elegien", vorzuarbeiten. In Muzot,  oberhalb Siders, schliesslich gelang es ihm, diese Elegien zu vollenden und gleichsam als "Nebenprodukt" entstanden die "Sonette an Orpheus". Das Verhältnis Rilkes zum Wallis war relativ einseitig auf die Landschaft fixiert.
   Rainer Maria Rilke wählte seine Grabstätte an der Südseite der Burgkirche Raron vom landschaftlichen Gesichtspunkt aus. Von diesem Punkt aus hatte er vor Jahren erstmals die Landschaft des Wallis zu schätzen gelernt. In ihr sah er Provence und Spanien - Gebiete, die er zum wohnen bevorzugt hätte vereinigt.

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