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Reformation

Blick auf die Glaubensgemeinschaften, die aus der protestantischen Reformation hervorgegangen sind.

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Auf dieser Seite lesen Sie:
1. Papst Franziskus besucht die lutherische Gemeinde in Rom
2. Neuer EKD-Chef: München wire “Kirchen-Hauptstadt”
3
. Das Reformationsjubiläum 2017 und der Vatikan
4. Die EKD will selbst zur Kirche werden. Manche Lutheraner tun sich schwer damit
5. Bischof Gerhard Feige, Magdeburg: 10 katholische Thesen zu Luther
6. Kardinal Kurt Koch: Initiative liegt bei den Lutheranern
7. Bischof Feige, Landesbischof Manzke, Schaumburg-Lippe im Gespärch mit Radio Vatikan
9. Papst Franziskus besucht lutherische Kirche in Rom
10. Papst besucht  Waldenser
11. Evangelikale und Katholiken: Neue Perspektiven der Ökumene
12. Erzbischof Gerhard Ludwig Müller: Dominus Jesus
13. Präsident der päpstlichen Einheitsrates Kardinal Kurt Koch: Ökumene ist nicht Kür, sondern Pflicht!
14.. Papst reist nach Schweden zum Reformationsgedenken
15. Papst Benedikt XVI. in Erfurt
16. Begleitung der Suizidwilligen - eine Streitfrage?
17. Landesbischof i.R. D. Eduard Lohse: Was uns verbindet ist stärker als alles, was uns (noch) trennt
18. Papst Franziskus empfängt als ersten Deutschen den Chef der Protestanten: Ende der Eiszeit in Rom
19. Weitere Berichte über Reformierte, Lutheraner und Baptisten
20. Bibel in gerechter Sprache - Eine neue Bibelübersetzung

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Papstbesuch bei Lutheranern: Mehr möglich als Bedenkenträger meinen
Gastgeschenk: Ein Kelch für die lutherische Gemeinde in Rom

   Das Wort „Ökumene“ hat Papst Franziskus gar nicht benutzt, aber dennoch ist ihm ein großer Schritt gelungen. Das sagt der Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Rom, Jens-Martin Kruse, nach dem Besuch des Papstes in seiner Kirche an diesem Sonntag. Wir haben mit Kruse direkt nach dem Besuch gesprochen. „Ich glaube, dass wir heute ein schönes und verbindendes Zeichen gesetzt und vielleicht sogar aufgezeigt haben, dass man tatsächlich noch mehr in der Ökumene machen kann, dass der Papst ganz willig und bereit ist und mit großer Offenheit uns gegenüber ein Zeichen gesetzt hat. Das gibt unglaublich Mut und, wie ich hoffe, auch Schwung - auch auf dem Weg Richtung 2017 [Reformations-Gedenken]. Es ist viel mehr möglich, als die Bedenkenträger immer meinen!“
   In einer Antwort auf eine ihm gestellte Frage hatte Papst Franziskus gesagt, dass er als Papst nicht einfach erlauben dürfe, dass gemischt-konfessionelle Paare zur Kommunion gehen. Aber dann hatte er auf das Gewissen und das gemeinsame Gebet des Paares verwiesen. Dass ihm diese Frage selber auch ein Anliegen ist, bewies der Papst in seinem Gastgeschenk: einem Kelch, wie die katholische Kirche ihn zur Eucharistie und die lutherische Kirche zum Abendmahl verwendet. „Das ist natürlich ein wirklich spektakuläres Geschenk und eine tolle Geste“, so Pfarrer Kruse. „An der Stelle, wo es eben noch keine Gemeinschaft gibt, das Zeichen zu setzen, dass wir diese Gemeinschaft wollen, dass wir dieses gemeinsame Abendmahl wollen. In diesem Sinn hat der Papst ja auch sehr fein auf die ihm gestellten Fragen nach der Gemeinschaft im heiligen Abendmahl geantwortet. Ich glaube, dass man da heute sehr dankbar sein darf für das Geschenk, das er uns gemacht hat. Das wird uns hier in Rom in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren tragen.“
   Bisher waren Papst Franziskus Zeichen in Richtung Ökumene mit der Orthodoxie gelungen und Begegnungen mit evangelikalen Christen, nun ist auch das Kapitel der „klassischen“ Ökumene mit den Kirchen der Reformation geöffnet. Pfarrer Jens-Martin Kruse ist hoffnungsvoll, dass das für seine Gemeinde und seine ganze Kirche noch zu mehr führt. „Wir haben im Kleinen gezeigt, was ökumenisch möglich ist. Und der Papst hat verstanden, auf die Herzlichkeit und Nähe der Gemeinde mit genau dieser Herzlichkeit und Nähe zu antworten, und mit Geschwisterlichkeit. Ich glaube, dass im Kleinen deutlich geworden ist, dass auch im Größeren mehr möglich ist.“
Hintergrund
   Papst Franziskus ist bereits der dritte Papst, der die Gemeinde in der Nähe der römischen Villa Borghese besucht hat. 1983 war als erster Papst überhaupt in einer lutherischen Kirche Papst Johannes Paul II. zu Gast, 2010 besuchte dann Benedikt XVI. die Kirche. Die Gemeinde ist evangelisch-lutherisch und vor allem – aber nicht ausschließlich – deutschsprachig, die Pfarrstelle wird immer von Deutschland aus besetzt.
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Papst: Katholiken und Protestanten müssen einander vergeben!
   Papst Franziskus hat am Sonntag die Evangelisch-Lutherische Gemeinde in Rom besucht. Vor der Christuskirche der mehrheitlich deutschsprachigen Pfarrei wurde er von Pfarrer Jens-Martin Kruse begrüßt. Im Laufe der Begegnung wurde mehrfach für die Opfer der Terroranschläge in Paris gebetet.
   Seine vorbereitete Ansprache legte der Papst zur Seite und sprach frei. Er beklagte in seiner Meditation über Johannes 25 die Verfolgungen zwischen den Konfessionen: „Wir müssen einander vergeben für diesen Skandal der Trennung!“ Die Wahl, vor der die Christen aller Konfessionen stehen sei dieselbe: Beim jüngsten Gericht werde der Herr nicht fragen, ob jemand zur Messe gegangen sei oder eine gute Katechese gehalten habe, sondern ob er gedient habe.  Zwar betonten einige die dogmatischen Unterschiede zwischen den Konfessionen; doch sei nun die Stunde der „versöhnten Verschiedenheit“ gekommen – einer Versöhnung im Herrn, der gekommen sein zu dienen und nicht, sich dienen zu lassen. 
   Franziskus beantwortete zu Beginn auch einige Fragen von Pfarreimitgliedern, darunter auch diejenige nach der Teilnahme am Abendmahl der anderen Konfession in konfessionsverbindenden Ehen. Der Papst riet den Betreffenden, zu prüfen, wie das Abendmahl für sie persönlich eine Stärkung auf dem gemeinsamen Glaubensweg sein könne. „Sprecht mit dem Herrn und geht weiter“, sagte er. Die gemeinsame Basis sei die eine Taufe. Mit Blick auf die Flüchtlingsproblematik beklagte der Papst die Mauern, die die Menschen voneinander trennen und lobte das Engagement  der Gemeinde. Dem neunjährigen Julius antwortete Franziskus, was ihm am besten am Papstsein gefalle: Das Seelsoger-Sein. Verwaltung und Repräsentation würden ihm weniger Freude machen, auch wenn sie wichtig seien, sondern die Begegnung mit Menschen, vor allem mit Kindern und Gefangenen.
   Das Gastgeschenk des Papstes hatte einen hohen symbolischen Wert: Ein Kelch – Hinweis auf die Abendmahlsgemeinschaft, die noch nicht erreicht ist. Seinerseits bekam der Papst von der lutherischen Gemeinde einen Adventskranz geschenkt.
   Es war Franziskus' erster Besuch bei Lutheranern. Sein Vorgänger Benedikt XVI. war in der Gemeinde 2010 zu Gast, Johannes Paul II. anlässlich des 500. Geburtsjahrs Martin Luthers 1983. Am Sonntagmorgen hatte er als Tweet verbreitet: „Es ist eine Freude, heute zusammen mit den evangelischen Geschwistern in Rom zu beten.“
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Luthers katholische Zweitwohnung
Papst Franziskus, seine protestantischen Freunde und die Gemeinsamkeiten aller Christen

   Nimmt der Vatikan womöglich den Protestanten Martin Luther weg? Immerhin scheute sich Papst Franziskus schon vor zwei Jahren nicht, seinen evangelikalen „Freund", den mittlerweile tödlich verunglückten Reverend Tony Palmer, mit einer Handy-Videobotschaft zu Pfingstlern nach Texas zu schicken, Um dort zu bekunden: Das Wunder der Einheit hat schon begonnen. Schließlich schenkte Franziskus im November Roms deutschen Lutheranern einen Abendmahlskelch, was die Erinnerung daran wachrief, dass Papst Paul VI. 1964 dem ökumenischen Patriarchen Athenagoras auch einen solchen Kelch überreicht hatte, um die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikation zwischen Orthodoxen und Katholiken erkennbar zu machen. Werden nun also bald Lutheraner und Katholiken gemeinsam Eucharistie feiern? Nein, so weit ist es nicht: Wenn der Papst zum Reformationstag 2016 mit dem Lutherischen Weltbund (LWB) an der Geburtsstätte dieser Gemeinschaft im schwedischen Lund den Auftakt des Lutherjahres 2017 begeht, dann wird das im Rahmen einer Zeremonie geschehen, die sich am neuen katholisch- lutherischen Leitfaden fürs „gemeinsame Gebet" orientiert. Es sieht kein Abendmahl vor. Der Papst kennt also die Grenzen des ökumenischen Dialogs.
   Gleichwohl scheut er den Vorwurf des Synkretismus nicht, sondern setzt den Regeln der Theologenlehre die Ausnahme entgegen, die das Gott gehorsame Gewissen zulasse. So sagte er den Lutheranern in Rom: Auch wenn bisher eine gemeinsame Eucharistie nicht Regel sein könne, gelte das Paulus-Wort: „Ein Glaube, eine Taufe, ein Herr. Daraus müsst ihr Konsequenzen ziehen, sprecht also mit dem Herrn und geht voran." Das sagte er in freier Rede; während die vom Einheitsrat geschriebene Ansprache nur zu lesen war. In diese Arbeit vertieft sich nun sein Jesuitenorden, dessen Zeitschrift „Civiltä Cattolica" wenig später auch Roms lutherischen Gemeindepastor Jens-Martin Kruse zu einer Luther-Tagung einlud. Dabei stellte der Jesuit Giancarlo Pani von der Sapiza-Universität fest, dass Martin Luther in seinen 95 Thesen gegen den Ablass berechtigte Fragen an den Papst stellte, aber darauf nie eine Antwort erhielt. Diese Schuld Roms stehe am Beginn des Leids von Spaltung und Konfessionskriegen.
   Am Rande der Veranstaltung wurde ein Aufsatz des britischen Jesuiten Philip Endean verteilt, der 2011 die geistige Verwandtschaft zwischen dem Ordensgründer Ignazio di Loyola und Martin Luther dargestellt hatte. Jesuiten in Rom, die sich näher mit Luther befassen und die Biographie des deutschen Historikers Heinz Schilling über den „Rebell in einer Zeit des Umbruchs" lasen, weisen darauf hin, dass die Lebenswege von Luther und Loyola in ihre zeitgenössische Umwelt eingebettet werden müssten. Wäre Loyolas Zeitgenosse Luther im nationalstaatlichen Spanien geboren und nicht in der Provinz von Kleinststaaten, in der Fürsten auch mit Religion gegeneinander Politik machten, wäre der Augustinermönch womöglich Jesuit geworden.
   Martin Luther erhält also offenbar eine katholische Zweitwohnung in Rom. Schon das Zweite Vatikanische Konzil stellte mit Luther die Gewissensfreiheit ins Zentrum, erkannte die ständige Notwendigkeit zur Erneuerung der Kirche an, die Bedeutung der Heiligen Schrift für Leben und Lehre und das Verständnis der kirchlichen Ämter als Dienst und nicht als Privileg. 1983 kam es zu der gemeinsamen Feststellung, dass man Luthers Verteufelung des Papstes nicht als Kritik am Amt, sondern an den Amtsträgern seiner Zeit sehen müsse. Über Luthers Rechtfertigungslehre lässt sich mit den Katholiken seit dem gemeinsamen Papier von 1999 auch nicht mehr streiten.
  
Schließlich reiste Benedikt XVI. 2011 in Luthers Erfurter Kloster und legte ein Bekenntnis zur Christologie des Reformators ab. Doch es bleiben Streitpunkte: das Amtsverständnis des Priesters (mit dem die unterschiedliche Deutung der Eucharistie verbunden ist) sowie das Frauenpriestertum. Eine weitere Hürde hält Franziskus noch niedriger als sein Vorgänger. Ungern lässt er sich Papst oder Pontifex maximus nennen, lieber ist er nur Bischof von Rom. Für Franziskus, Chef einer Weltkirche, ist der LWB Ansprechpartner; aber aufgefallen ist in Rom schon, dass man offenbar in der deutschen EKD die Reformation auch ohne Katholiken behandeln kann. Als seltsam empfindet man es in Rom, dass der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm schon seit Ende 2014 im Amt ist, aber bisher noch nicht bei Franziskus war, um zum Beispiel eine Einladung ins Land der Reformation auszusprechen. FAZ160326JörgBremer

ep-GerhardFeige-2-Z  “Ökumene hängt von Personen ab": Bischof Feige im Interview

   Der Weg des Papstes ist auch ein Weg für die Ökumene. Das sagt Bischof Gerhard Feige, Ökumene-Beauftragter der deutschen Bischöfe. Nach dem Besuch von Papst Franziskus in der evangelisch-lutherischen Gemeinde Roms vom vergangenen Sonntag, bei dem er ein konfessionsverschiedenes Ehepaar ansprach und der Gemeinde einen Abendmahls-Kelch schenkte, ist klar, dass die so oft geäußerte Einschätzung, die klassische Ökumene, also die Einheit mit den Kirchen der Reformation, sei nicht so sehr das Anliegen von Papst Fanziskus, falsch ist. Auch diese klassische Ökumene ist ein Thema für Franziskus, so Bischof Feige, und nicht nur der Besuch bei den Lutheranern mache das deutlich. Anlässlich des Ad Limina-Besuches der deutschen Bischöfe ist Bischof Feige derzeit in Rom und hat dieses Thema unter anderem auch im Päpstlichen Einheitsrat diskutiert.
   Wir haben mit ihm über Reformationsgedenken, Papstbesuch und den Weg der Ökumene gesprochen. Zuerst wollten wir wissen, wie er den Papstbesuch in der (vor allem deutschsprachigen) lutherischen Gemeinde in Rom wahrgenommen hat.
   „Ich weiß nicht, was er damit verbunden hat, aber es ist ein deutliches Zeichen einer gewissen Anerkennung.“
RV: Sie sind jetzt hier zu den Ad Limina-Besuchen, war das auch ein Thema im Einheitsrat?
   „Wir haben im Einheitsrat vor allem über 2017 [über das Reformationsgedenken] gesprochen, sowohl auf internationaler Ebene zwischen Lutherischem Weltbund und Päpstlichen Einheitsrat, als auch was das für uns in Deutschland bedeutet und welche Schritte wir auf 2017 hin gehen. Da gibt es ja jetzt schon sehr erfreuliche Elemente, die Katholiken und Protestanten im Hinblick auf 2017 verbinden. Wir haben aber auch über konfessionsverschiedene Ehen und die schwierige Problematik gesprochen, was das für diese Familien bedeutet, für ihre Kinder und für ihren persönlichen Glaubensvollzug, selbst unterschiedlichen Kirchen anzugehören.“
RV: Dazu hat Papst Franziskus selber ja etwas gesagt. In seiner Antwort greift er in gewisser Weise das auf, was in der Synode gesagt wurde, und sprach von Gewissen und von der Verantwortung vor Gott. Sind das Lösungsansätze?
   „Ich glaube ja. Er hat ja gesagt, dass er keine generelle Zulassung erteilen kann. Das ist auch korrekt, theologisch müssen wir da weiter überlegen, um Lösungen zu finden. Aber dem Papst liegen ja vor allem die Einzelnen am Herzen, die Seelsorge. Da gibt er Ratschläge, wie Einzelne ihr Glaubensleben gestalten können, auch im Blick auf ein gemeinsames Abendmahl.“
RV: Noch einmal zurück zu 2017; gibt es denn erste konkret vereinbarte Schritte mit Rom?
   „Lutherischer Weltbund und Päpstlicher Einheitsrat werden am 31. Oktober 2016 in Lund in Schweden dieses Gedächtnis gemeinsam begehen. Im Vorfeld ist dazu ein sehr wichtiges Dokument entstanden, „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“, das gewissermaßen die Grundlage dazu ist. Bei diesem gemeinsamen Begehen wird es auch einen Versöhnungsgottesdienst geben.“
RV: Sie haben im Einheitsrat Gespräche geführt; der Papst verschenkt Abendmahlskelche an Lutheraner; kommen Sie ökumenisch gestärkt nach Deutschland zurück?
   „Durchaus, ja. Ich bin sehr froh, weiß aber auch um die Schwierigkeiten, die es nach wie vor gibt; weiß auch, dass Ökumene immer von Personen abhängt, dass es Höhen gibt. Dieser Besuch in Rom hat mir Mut gemacht.“
In fünf Schritten zum Reformationsgedenken
   Fünf ökumenisch geprägte Elemente habe man mit Blick auf das Reformationsgedenken entwickelt, so Bischof Feige weiter, niedergeschrieben in einem Briefwechsel zwischen Bischof Heinrich Bedford-Strohm, dem Ratsvorsitzenden der EKD, und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx.
   Einmal wird es 2016 einen Bibelkongress geben; die Lutherbibel wie auch die Einheitsübersetzungen sind revidiert, und vielleicht gelinge es ja, das gegenseitig zu würdigen, hofft Bischof Feige.
Ein zweiter Punkt: Eine Pilgerreise der EKD und der DBK nach Israel, „eine geistliche Dimension“.
Ein dritter Punkt: Am Samstag vor dem zweiten Fastensonntag 2017 werde es in Deutschland einen zentralen Versöhnungsgottesdienst geben, und zwar in der ehemaligen Abteikirche und jetzigen lutherischen Michaelskirche in Hildesheim. Dazu gebe es auch einen „hervorragenden Text“, betont Bischof Feige, er widme sich der „Reinigung des Gedächtnisses oder der Heilung der Erinnerung“ und werde im Vorfeld erscheinen.
Vierter Punkt: Ein missionarisches Signal in die Gesellschaft wird von einem eintägigen ökumenischen Kongress im Ruhrgebiet ausgehen, der im Herbst stattfinden wird, wünscht Feige.
Und schliesslich lädt die evangelische Kirche die anderen christlichen Kirchen am Fest Kreuzerhöhung zu einem Gottesdienst ein. Dort komme vor allem die grundlegende Idee zum Ausdruck, dass es 2017 um ein Christusfest gehe. „Luther ging es wesentlich um eine Neuentdeckung des Evangeliums und um einen innigen Bezug zu Christus; das muss heute auch unser Anliegen sein, die Botschaft Jesu Christi in unserer Gesellschaft wieder verkünden“, sagt Bischof Feige.
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ev-HeinrichBedford-StrohmRatsVors-x    Neuer EKD-Chef: München wird „Kirchen-Hauptstadt“

   Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm Foto ist  zum neuen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands gewählt worden. Damit sind die Spitzenmänner der beiden großen christlichen Kirchen Deutschlands in München ansässig. Denn der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, ist seit dem Frühjahr der Vorsitzende der - katholischen - Deutschen Bischofskonferenz.
Glückwünsche von Marx Foto
   Marx gehörte denn auch zu den ersten Gratulanten: Er sei zuversichtlich, dass „auch das gute ökumenische Miteinander seinen Fortgang findet“, heißt es in seinem Schreiben an Bedford-Strohm. Das gelte auch für das gemeinsame Bestreben, „das Reformationsgedenken 2017 als geschichtliches Moment beider Kirchen in Deutschland zu sehen“. Wie aus ihrem Umfeld zu hören ist, pflegen die Kirchenmänner einen unkomplizierten Umgang: Man lädt einander zum Essen ein und greift frühzeitig zum Telefon, wenn es notwendig ist.
Papst als Bündnispartner
   In der der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte er, er sehe die katholische Kirche und insbesondere Papst Franziskus als Bündnispartner: „Es gibt keinen römisch-katholischen, evangelischen oder orthodoxen Jesus Christus, sondern nur den einen Herrn“, so der Ratsvorsitzende. „Deshalb muss die Einheit der Kirche für jeden Christenmenschen Herzenssehnsucht sein.“ Zum Papst selbst sagte er: „Ich hatte mich über seine Wahl und den Namen Franziskus riesig gefreut. Seinen scharfen Satz 'Diese Wirtschaft tötet!' finde ich als Kritik an den Auswüchsen eines ungezügelten Kapitalismus richtig.“
   Mit Blick auf das Reformationsgedenkjahr 2017 forderte der Ratsvorsitzende, die Trennung der Kirchen zu überwinden: „Ich spreche gern von 'der Kirche', denn es gibt nur die eine heilige, katholische und apostolische Kirche, die uns alle verbindet.“ Das habe konkrete Konsequenzen: „Wir sollten gemeinsam Gottesdienst feiern und geistliche Gemeinschaft haben.“ Bedford-Strohm kündigte konkrete Fortschritte in der Ökumene an: „Mein Ziel ist, 2017 mit den katholischen Schwestern und Brüdern zusammen zu feiern.“
Frohe Botschaft für digitale Welt
   Der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche will vor allem das Schwerpunktthema „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ umsetzen. Das kündigte Bedford-Strohm in einem Statement an, dass die EKD auf ihrer Homepage stellte.
   „Die Menschen bewegen sich heute im Netz mit einem erheblichen Teil ihrer Lebenszeit. Ich möchte, dass wir als Kirche da präsent sind. Im Internet werden alle Fragen, die uns existentiell bewegen – Fragen nach dem Sterben, Lebensquelle usw. – behandelt. Wir haben eine ganz spannende Antwort in der Bibel auf all diese Fragen. Ich möchte deshalb, dass wir diese Antworten ins Netz einbringen und in die Gespräche mitmischen. Wir müssen als evangelische Kirche im Internet noch deutlicher präsent sein.“
   Noch vor der Wahl hatte der bayerische Landesbischof den Delegierten auf der Synode in Dresden erklärt, er wolle der Vorbereitung des Reformationsjubiläums im Jahr 2017 besondere Aufmerksamkeit widmen. Bedford- Strohm würdigte den scheidenden Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider, der wegen der Krebserkrankung seiner Frau vorzeitig zurückgetreten ist.
   „Es ist ein Jahr her, dass ich bei der Synode in Düsseldorf als Kandidat vor Ihnen stand. Dass ich ein Jahr später hier in Dresden erneut eine Kandidatur zu vertreten habe, das war weder in meinem Horizont noch im Horizont irgendeines Mitglieds der EKD. Das ist das Ergebnis von Entwicklungen, die nicht planbar sind.“
Gegen Suizidbeihilfe
   Und in der Debatte um Sterbehilfe fordert der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland eine Stärkung der Palliativmedizin. Es müsse verhindert werden, dass Tötung auf Verlangen und Beihilfe zur Selbsttötung zu einer normalen Alternative würden, sagte er der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Tötung auf Verlangen ist unnötig, wenn wir die Palliativmedizin ausweiten und Sterbende besser begleiten“, fügte der bayerische evangelische Landesbischof hinzu. Er sprach sich zugleich für ein Verbot der organisierten und erst recht der kommerziellen Beihilfe zum Suizid aus. Rv141112ekdKirchenradioDieZeit

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450 Jahre alte Porträts von Lucas Cranach dem Jüngeren:  Martin Luther und Philipp Melanchthon

Der Vatikan und der Lutherische Weltbund  
   bereiten derzeit eine gemeinsame Erklärung zum Reformationsgedenken 2017 vor. Beide Seiten müssten überlegen, was sie gemeinsam zu diesem Anlass sagen könnten, sagte der Schweizer Kurienkardinal und Ökumene-Verantwortliche Kurt Koch in einem Interview der KNA. Er hoffe, dass der geplante Text „auf beiden Seiten gut verantwortet werden“ könne. Ob es eine gemeinsame Veranstaltung auf Weltebene geben werde, stehe noch nicht fest, so Koch. Vertreter des vatikanischen Einheitsrates und des Lutherischen Weltbundes hatten bei ihrer jüngsten Sitzung im Juli in Paderborn die Beratungen über eine gemeinsame Erklärung beendet. Über die Veröf- fentlichung soll demnächst entschieden werden. RV120731kna

Zum Reformationsjubiläum soll es 2017 einen großen Kirchentag in Berlin und Wittenberg geben
  Präses Katrin Göring-Eckardt will „die Sache mit Gott zum Leuchten bringen", wie sie sagt, es soll ein „unvergess- liches Jahr" werden. Gleichwohl ringen die Synodalen damit, wie sich Luthers Thesenanschlag feiern lässt, ohne alte Gräben zwischen den Konfessionen neu aufzureißen. Der päpstliche Ökumeneminister, Kurt Kardinal Koch, fand als Gast der Synode zwar viele gute Worte für die protestantischen Geschwister. Vorsichtig erinnerte er aber auch daran, dass der Reformation blutige Glaubenskriege gefolgt waren. Überhaupt sei die Reformation „zumindest unvollendet", gibt er zu bedenken: Erst wenn man die Spaltung der Christenheit überwunden habe, sei die Reformation „im Sinne einer evangelischen Erneuerung der universalen Kirche" gelungen. Auf dem Weg zum Jubiläum lauern also diplomatische Fallstricke, von denen Luther noch gar nichts ahnen konnte.
   Trotz nahender 500-Jahr-Feier schwächelt die Glaubensstärke deutscher Protestanten: Nach einer Umfrage der Hamburger BAT-Stiftung gaben nur 20 Prozent von ihnen an, dass Religion für sie eine hohe Bedeutung habe. Bei Katholiken waren es 35 Prozent, bei Muslimen gar 64 Prozent, und das ganz ohne Jubiläum. Für jeden fünften Protestanten hat Religion „keine Bedeutung". Im Westen ist der Anteil religiöser Menschen höher als im Osten, bei Frauen höher als bei Männern, bei Senioren höher als bei Jugendlichen. Die Zahl derer, die mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen, ist seit 2007 (21 Prozent) auf jetzt 15 Prozent gesunken. Dabei warnt die Studie vor Fehlschlüssen: „Auf einen Bundesligazuschauer kommen immer noch sieben Gottesdienstbesucher."
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Evangelische Kirche soll offiziell Kirche werden - Evangelische Kirche möchte sich als Kirche definieren

  Es klingt komisch, aber die Evangelische Kirche in Deutschland ist bisher nicht ausdrücklich als Kirche im theologischen Sinn definiert worden. Das soll 70 Jahre nach ihrer Gründung geändert werden. Eine entsprechende Änderung der EKD-Grundordnung wird bei der derzeitigen Synodentagung diskutiert.
   Ziel ist es unter anderem festzustellen, dass die EKD als eine „Gemeinschaft bekenntnisverschiedener Kirchen“ selbst Kirche ist, heißt es in einer Mitteilung. Beschlossen werden müsste eine Änderung der Kirchenverfassung mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit von Synode und Kirchenkonferenz, der Vertretung der 20 evangelischen Landeskirchen. Zudem müssten alle Landeskirchen die Grundordnungsänderung ratifizieren.
Keine „Union von Kirchen“
   Zur Einbringung des Gesetzentwurfs sagte EKD-Ratsmitglied Markus Dröge, nach jahrzehntelangen Diskussionen werde der theologische Konsens über die Art des Kirche-Seins der EKD in der Grundordnung ausdrücklich festgehalten. Mit der Ergänzung des Verfassungsartikels 1 werde zugleich klargestellt, dass die EKD keine „Union von Kirchen“ darstelle, auch keine „Verwaltungsunion“. Durch die Grundordnungsänderung ändere sich nichts an der Kompetenzverteilung zwischen den Landeskirchen und der EKD, versicherte der Berliner Bischof Dröge. Auch werde verdeutlicht, dass die EKD kein Bekenntnis brauche, um Kirche zu sein.
   Bedenken gegen das Vorhaben, die EKD zur Kirche zu erklären, gibt es offensichtlich in den lutherischen Kirchen von Braunschweig, Sachsen, Schaumburg-Lippe und Württemberg. Hintergrund ist die kirchenpolitische Debatte über das Verbindungsmodell, mit dem die konfessionellen Zusammenschlüsse der unierten und lutherischen Landeskirchen sowie die EKD eine engere Kooperation und bessere Koordination anstreben. Ekd/Domradio151110mg

Die EKD will selbst zur Kirche werden. Manche Lutheraner tun sich damit schwer

     Deutschhland - eine Kirche? Die Frage ist nicht so trivial, wie sie klingt. Denn bislang ist die EKD ausweislich ihrer Grundordnung lediglich eine „Gemeinschaft" bekenntnisverschiedener Landeskirchen. Das soll sich nun ändern: Am Mittwoch stimmt die EKD-Synode über eine Änderung ihrer Verfassung ab. Im ersten Artikel der Grundordnung soll es künftig heißen, die EKD „ist als Gemeinschaft ihrer lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen selbst Kirche".   
   Der Widerwillen in Reihen der Lutheraner gegen eine Kirchwerdung der EKD wird verständlich, wenn man die historischen Wurzeln des Konflikts betrachtet: Der deutsche Protestantismus ist von Anbeginn aufgespalten in einen größeren lutherischen und einen kleineren reformierten Teil. Und es war kein Zufall oder böser Wille, dass sich die beiden Reformatoren Luther und Zwingli nicht auf ein einziges evangelisches Verständnis der christlichen Religion verständigen konnten. Grundkategorien wie Geist und Natur ordnet die lutherische Theologie einander anders zu als reformierte Theologie. In der Lehre vom Abendmahl wird dieser Unterschied besonders spürbar, er lugt aber noch an ganz anderen Stellen hervor, etwa der Frage, wie politisch Kirche sein darf.
   Solche Unterschiede werden nicht erst heute von vielen Zeitgenossen als marginal wahrgenommen. Schon der Versuch von Friedrich Wilhelm III., den Protestantismus in einer Union zu vereinigen, beruhte auf dieser Wahrnehmung. Weil sich theologische Unterschiede aber selbst vor einem preußischen König nicht einfach in Luft auflösen, hinterließ Friedrich Wilhelm statt einer Einheit der evangelischen Kirche deren Dreiteilung in Unierte, Lutheraner und Reformierte.
   Als kirchenpolitisch prägend erwiesen hat sich in der Folge der Gegensatz zwischen lutherischen Kräften, die eine klar umrissene Lehre als unverzichtbare Grundlage ihrer Kirche ansehen, und unierten Strömungen, die der Bekenntnisfrage weit weniger Bedeutung zumessen. Dieser Streit hat auch eine politische Dimension. Bis in die Grundordnungsdebatte hinein sind immer noch die Kämpfe während und nach dem Kirchenkampf spürbar. Lutheraner, die ihre Landeskirchen teils erfolgreich gegen einen nationalsozialistischen Zugriff verteidigen konnten, standen einem uniert geprägten bruderrätlichen Flügel gegenüber, der die dabei eingegangenen Kompromisse als Verrat empfand. Diese Strömung bildete später den geistigen Nährboden des Linksprotestantismus.
   In den kirchenpolitischen Debatten werden solche Zusammenhänge so gut wie niemals explizit gemacht. Nimmt man sie jedoch mit in den Blick, kann man zu dem Schluss kommen, dass eine Änderung der Grundordnung eine Verschiebung zugunsten der unierten Position bedeutet. Auf der obersten nationalen Ebene würde ein im Kern uniertes Kirchenverständnis etabliert: Die EKD wäre Kirche, ohne selbst ein Bekenntnis zu haben.
   Die Befürworter der Verfassungsänderung beteuern derzeit unentwegt, niemand habe die Absicht, eine Unionskirche zu errichten, und versichern, die EKD werde die unterschiedlichen „Bekenntnisprofile" pflegen. Das wäre allerdings neu, denn bisher hat die EKD für die lutherischen Bekenntnisse noch keinen Finger krumm gemacht. Unter Lutheranern macht deshalb das Wort von der „hidden agenda" die Runde: Strategisch denkende Unierte würden darauf bauen, dass die sich abzeichnende Finanznot zu weiteren Fusionen von lutherischen und unierten Landeskirchen führt. Die ohnehin schon brüchige lutherische Kirchenauffassung würde so weiter unterspült. Die unierte Seite weist solche Gedankenspiele als „Hermeneutik des Verdachts" zurück. Nur muss sie sich dann fragen lassen: Wenn sich durch die Verfassungsänderung eigentlich gar nicht viel ändert wie behauptet, wofür dann der jahrelange Aufwand? Auf der anderen Seite sollte noch der widerborstigste Lutheraner zugestehen, dass die Bedeutung der Bekenntnisse auch in den lutherischen Kirchen de facto gegen null tendiert, und zwar sowohl für die Laien als auch für die Pastoren. Die damit verbundene Kernfrage ist, ob man das als Fortschritt des religiösen Bewusstseins werten darf, das einen auf Abgrenzung bedachten Konfessionalismus hinter sich lässt, oder ob es sich nicht eher um ein religiöses Schwächephänomen handelt.
   Der etwas verstiegene Kirchenbegriff, den sich die EKD nun in ihrer Grundordnung schreiben möchte, spricht eher für Letzteres. Insgesamt kranken die Einigungsbemühungen der EKD daran, dass sie Lösungen vor allem auf organisatorischer Ebene suchen und theologische Fragen wenig berücksichtigen. Die Begriffe in den Kirchengesetzen werden so zunehmend opak.
   In den letzten Stunden vor der Abstimmung am Mittwoch versuchen Lutheraner derzeit, den Entwurf noch in ihrem Sinne abzuändern. Die eigentliche Entscheidung wird dann in den Landeskirchen fallen, die der Verfassung zustimmen müssen. Vorbehalte gibt es in den lutherischen Kirchen Württemberg, Schaumburg-Lippe, Braunschweig und Sachsen. Stimmt nur eine Landeskirche nicht zu, ist der Prozess gescheitert. Für die EKD wäre das bitter. Ob es schlimm für den Protestantismus wäre, ist eine andere Frage.
FAZ151110ReinhardBingener

Zehn katholische Thesen zu Luther  ep-GerhardFeige-z  Bischof Gerhard Feige, Magdeburg

   Vor knapp 500 Jahren hat Martin Luther in Wittenberg theologische Thesen veröffentlicht – und damit die Reformation in Gang gebracht. Jetzt versucht sich auch ein katholischer Bischof an einem Thesenanschlag: Der „Ökumenebischof“ der Deutschen Bischofskonferenz, Gerhard Feige, hat rechtzeitig vor dem Reformationstag zehn „katholische Thesen“ veröffentlicht. Sie kreisen um das Reformationsgedenken im Jahr 2017. Im Kölner Domradio sagte der Magdeburger Bischof:
   „Ich wollte die ganze Problematik einmal zusammenfassen und bin davon ausgegangen, dass es zunächst eine evangelische Angelegenheit ist. Wir sind zwar inzwischen eingeladen, aber wir sehen eben die Reformation nicht unbedingt so begeistert wie die evangelische Seite. Bislang können wir jedenfalls nicht fröhlich mitfeiern, aber wenn der Charakter stimmt, d.h. wenn diese Gedenkfeiern – wie EKD-Präses Nikolaus Schneider einmal gesagt hat – im Kern ein Christusjubiläum wären und wir damit ein gemeinsames Glaubenszeugnis für die Welt geben könnten, dann könnte ich mir vorstellen, dass wir 2017 auch aktiver mit dabei sind!“
  Katholiken könnten und wollten sich „durchaus konstruktiv und kreativ mit der Reformation und ihren Folgen aus- einandersetzen“. Doch empfänden sie „die damit zusammenhängende Spaltung der abendländischen Kirche als tragisch“, so Bischof Feige. Katholiken, Protestanten und Reformierte sollten versuchen, Geschichte „nicht zu har- monisieren, aber doch zu einer gemeinsamen Sichtweise zu kommen“. Das müsste natürlich bei Martin Luther selbst anfangen:
   „Luther scheidet die Geister. Er ist nicht nur ein geistlicher Mensch gewesen, sondern hatte auch seine Ecken und Kanten und war eine recht sperrige Persönlichkeit. Nicht alles, was von ihm stammt, ist positiv zu werten. Aber wie auch der Papst betont hat: Luther hat leidenschaftlich um Gott gerungen und war sehr christusbezogen. Und das ist etwas, was auch Katholiken zum Nachdenken und zur Besinnung bringen könnte. Es war 1983 schon einmal möglich, dass Theologen der evangelischen und der katholischen Kirche in einer hochrangigen internatio- nalen Kommission Luther als Zeugen des Evangeliums, Lehrer im Glauben und Rufer zur geistlichen Erneuerung gemeinsam werten konnten!“
  Bis in die Gegenwart litten Christen - vor allem in konfessionsverschiedenen Ehen und Familien - an der Spaltung, so Bischof Feige. Das sollte „nicht verdrängt oder beschönigt, sondern zur Kenntnis genommen und aufgearbeitet werden“. Im Blick auf 2017 begrüßt der Bischof Vorschläge, im katholisch-evangelischen Verhältnis eine „Reinigung des Gedächtnisses“ oder „Heilung der Erinnerungen“ anzustreben und ein konkretes Zeichen der Buße und der Bereitschaft zur Vergebung, der Umkehr und Versöhnung zu setzen. Ein solches gemeinsames Auftreten sei heute nötiger denn je:
   „Ich lebe ja hier in einer Gegend, wo inzwischen über achtzig Prozent der Bevölkerung keiner Kirche, aber auch keiner anderen Religion mehr angehören. Da drängt es uns besonders, gemeinsam in dieser gesellschaftlichen Situation das Evangelium glaubwürdig zu leben und zu bezeugen. Und da hoffe ich darauf, dass auch dieser Kontext uns dazu bringt, noch gemeinsamer, ökumenischer auf 2017 zuzugehen!“ RVsk121030domradio

  Kardinal Koch: „Initiative liegt bei den Lutheranern“    cdd-KurtKoch-2xx

   Kardinal Kurt Koch schließt nicht aus, dass der Papst auch für übertrittswillige Lutheraner eigene kirchliche Struk- turen innerhalb der katholischen Kirche schaffen könnte. Das sagte er in einem Interview mit der Internet- Nachrichtenagentur zenit. Mit solchen Strukturen habe der Papst schon bei übertrittswilligen Anglikanern eine aus seiner Sicht „sehr weite Lösung gefunden“. Allerdings sei im anglikanischen Fall die Initiative nicht vom Vatikan ausgegangen, sondern von den Anglikanern selbst. Koch wörtlich: „Wenn ähnliche Wünsche von den Lutheranern geäußert werden, dann wird man darüber nachdenken müssen. Die Initiative liegt aber bei den Lutheranern.“ Koch leitet den Päpstlichen Einheitsrat. RVsk121026zenit

Kurienkardinal Koch zur Ökumene: “2017 gibt es nichts zu feiern”
   Noch ist nicht entschieden, wie der Papst an den Veranstaltungen der evangelischen Kirchen zum Reformationsjubiläum 2017 teilnehmen könnte. Aber „zu feiern gibt es für die katholische Kirche nichts". Das sagte jetzt Kurienkardinal Kurt Koch im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Am 31. Oktober 1517 hatte Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht. Mit ihnen begann der Augustinermönch, der „Magister der freien Künste und der heiligen Theologie" an der Universität Wittenberg seine Disputation über die Theologie des Papstes, über Buße, Ablass, Gnade und das allerheiligste Evangelium als dem Schatz der Kirche, wie Luther schrieb. Er wollte die katholische Kirche reformieren; stattdessen kam es im Streit über die Theologie des Papst- tums zu tiefen Spaltungen. „Mithin ist das Anliegen Luthers so nicht gelungen. Es entstanden eigene Kirchen, kam zu den schrecklichen Religionskriegen mit verhängnisvollen Folgen für ganz Europa", sagt Koch, der seit Juli 2010 als Nachfolger von Kardinal Walter Kasper Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen ist. „Wie soll man das feiern?" Koch möchte auch nicht „allein über die 500 Jahre nach der Reformation" sprechen. Es würde ihm, sagt er, als Basis gemeinsamen Gedenkens mehr einleuchten, wenn sich die evangelischen Kirchen allgemein als die „durch die Reformation gegangene katholische Kirche" begriffen, mithin „verwurzelt in 1500 Jahren gemein- samer Kirchengeschichte".
   Der 1950 im Kanton Luzern geborene und 1982 in seiner Heimat geweihte Priester ist vor allem vertraut mit dem reformierten und calvinistisch geprägten Protestantismus in der Schweiz; er tut sich schwer mit den diversen evangelischen Strömungen in der Welt und ist auf der Suche nach gemeinsamen Wurzeln, von denen aus sich ein Miteinander entwickeln lassen könnte. Für den Vatikan ist nicht die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zentraler Ansprechpartner, sondern der Lutherische Weltbund. „Deswegen kann man auch nicht einfach anneh- men, dass der Papst 2017 wieder nach Deutschland kommt", sagt Koch.
   Der Kardinal ist mit dem ökumenischen Dialog unzufrieden. Einerseits gebe es EKD-Vertreter, „die offen ver- künden: Von diesem Papst erwarte ich nichts." Andererseits sei Benedikt eigens nach Erfurt gekommen und habe Luther „positiv gewürdigt. Sollte das nicht als ein Geschenk gesehen werden?" Einseitige Beschuldigungen der ka- tholischen Kirche, so Koch, „helfen nichts. Es gibt viele Bremser in der Ökumene, auch in der evangelischen Kirche." Wenn in der katholischen Kirche etwas schiefgehe, dann hagele es Proteste von evangelischer Seite, sagt Koch weiter. Misslinge aber etwas in der evangelischen, dann hülle man sich dort in Schweigen.
   An der katholischen Basis gebe es viele, denen „die Ökumene nicht schnell genug voran gehen kann. Aber ich kenne auch katholische Priester, die in der Ökumene eine Bedrohung sehen, und viele sind gleichgültig." Die Basis müsse in der Ökumene „vorwärts drängen", fordert Koch - „zugleich aber brauchen wir Geduld bei der theolo- gischen Aufarbeitung". Koch wirbt dafür, die Ökumene „als ein gemeinsames Geschenk zu sehen, bei dem wir uns gegenseitig bereichern", denn jede Kirche habe ihre Gaben, „und wir können nur weiterkommen, wenn wir diese kennen und schätzen lernen". Bei einer Tagung des römischen Instituts der Görres-Gesellschaft hatte Koch kürzlich dafür plädiert, die seit Luthers Thesen auseinandergehende Theologie und die Spaltungen dadurch er- träglicher zu machen, dass „der gemeinsame Lobpreis" in den Vordergrund gerückt werde, denn da kämen „die Christen der Einheit gewiss näher als allein in der Theologie". FAZ121222JörgBremer

Kardinal Koch: Gemeinsame Erklärung mit Lutheranern geplant
   Die katholische Kirche und der Lutherische Weltbund (LWB) wollen anlässlich des 500-Jahr-Gedenkens der von Martin Luther 1517 initiierten Reformation eine gemeinsame Erklärung veröffentlichen. Der Text, der schon dem- nächst erscheinen soll, trage den Titel „From conflict to communion“, sagte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur. Das Dokument stelle die Geschichte des Konflikts zwischen Katholiken und Protestanten dar, „aber auch alles das, was der ökumenische Dialog in den vergangenen 50 Jahren auf dem Weg zu mehr Gemeinschaft erreicht hat“. Dabei sollten Gemeinsamkeiten und Hindernisse benannt werden, so Koch. Der Vatikan hoffe hier und auch auf anderen Feldern auf neue Fortschritte im ökumenischen Dialog. „Wir müssen jetzt das Gespräch mit den Partnern wieder neu suchen und dafür Sorge tragen, dass von dem Erarbeiteten und Erreichten nichts verloren geht“, sagte Koch: „Die Ökumene braucht heute viel Geduld“, fügte er hinzu. RVmg130123kna 

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Gespräch zur Ökumene: 2017 kein „Heldengedenkjahr“
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Bischof Feige, Pater Hagenkord, Leiter Radio Vatikan, Bischof Manzke im Studio von Radio Vatikan

   Ökumene im Vatikan, und dieses Mal nicht mit der Orthodoxie oder den Evangelikalen, sondern mit der deutschen lutherischen Kirche: Eine Delegation war eine Woche lang in Rom, um Gespräche zu führen und auch vom Papst empfangen zu werden. Karl-Hinrich Manzke ist Landesbischof von Schaumburg-Lippe, aber auch Catholica- Beauftragter der Vereinigung der lutherischen Landeskirchen, VELKD. Sein Gegenüber ist der Ökumene-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg. Beide waren jetzt in Rom und wurden gemeinsam mit der lutherischen Delegation vom Papst empfangen, beide waren auch in unserem Studio, um über Ökumene und Reformationsgedenken zu sprechen.
   Der Weg auf das Reformationsgedenken 2017 war bisher ein Lernprozess für alle Beteiligten. Bischof Feige betont, dass sich dabei viel entwickelt habe. „Beide Seiten können gemeinsam auf das Geschehen schauen.“ Das Jubiläum 2017 sei das erste seit der Reformation, das in ökumenischer Verantwortung geschehe, fügt Landesbischof Manzke an, es werde „keine konfessionelle Jubelfeier.“ Die verlorene Einheit der Christen müsse angesprochen werden, und gemeinsam müsse um Vergebung gebeten werden.
   Dass 2017 ein Gedenken ist, das auch Katholiken angehe, müsse noch beworben werden, räumt Bischof Feige ein. Aber immerhin sei es schon 1983 möglich gewesen, dass die Kirchen gemeinsam „Martin Luther als Zeugen des Evangeliums, Lehrer im Glauben und Rufer zur geistlichen Erneuerung“ zu benennen. „Ich weiß nicht, ob alle Katholiken das so nachvollziehen können, aber ich hoffe, dass wir noch mehr dafür gewinnen können, diesen Weg mit zu gehen.“
   Es sei mittlerweile klar, dass zur Ökumene dazu gehöre, die Stärken des jeweils anderen zu benennen, wertet Landesbischof Manzke den bisherigen Prozess. Für die katholische Kirche sei das die „brennende Sorge um die Einheit“, wo der Protestantismus eher die Frömmigkeit des Einzelnen gepflegt habe. Man könne seinen Glauben nicht ohne Bezug auf das weltweite Christentum leben, das nehme er in seine Landeskirche mit, so Manzke.
Ökumene und Rom
   Auch wenn der sichtbare ökumenische Dialog derzeit vor allem mit der Orthodoxie und den evangelikalen Kirchen stattfinde, sei auch noch viel Platz im Vatikan für die „klassische“ Ökumene mit den Kirchen der Reformation, findet Landesbischof Manzke. Der Dialog sei bewährt. Es gebe viel Übereinstimmung, und der Papst habe ausdrücklich betont, dass sich darauf eine Freundschaft aufbauen ließe. Bischof Feige stimmt von katholischer Seite her zu: vor kurzem erst sei bei der Vollversammlung des päpstlichen Einheitsrates – zu dem Feige gehört – betont worden, dass diese bewährten Dialoge ein Schwerpunkt sind und bleiben.
   Und trotzdem: Der Papst, der aus einer anderen kirchlichen Tradition kommt, gibt ganz eigene Impulse in die Ökumene. Er gehe viel persönlicher auf die Vertreter anderer Kirchen zu, ohne gleich die grundsätzlichen Erwägungen im Hinterkopf zu haben, findet Bischof Feige. Er habe keine Hemmungen. Landesbischof Manzke konkretisiert: Dieser Papst habe immer wieder betont, dass das eigentliche ökumenische Auftrag das gemeinsame Zeugnis für den Glauben sei, den Armen eine Hilfe zu sein, Flüchtlinge zu schützen, da habe der Papst auch Erfahrungen mit der zahlenmäßig kleinen aber auf diesem Gebiet sehr aktiven lutherischen Kirche Argentiniens.
   Nun sei aber der Papst nicht der einzige, der Impulse für die Ökumene gebe, fügt Bischof Feige an, „es kommt darauf an, dass das von allen als wichtig erkannt wird und gelebt wird.“ Rv141221ord 

Papst zu Reformation: 2017 Gebet und Vergebung statt Triumph-Feier

   Papst Franziskus blickt zurück auf fast fünfzig Jahre intensive Dialogarbeit zwischen Lutheranern und Katholiken: Im Vatikan empfing das Kirchenoberhaupt eine Delegation der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, die gemeinsam mit Vertretern der Ökumene-Kommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz in den Vatikan gekommen waren.
   „Ungeachtet der theologischen Differenzen, die in verschiedenen Glaubensfragen noch bestehen, ist das Leben unserer Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die heute einen gemeinsamen ökumenischen Weg beschreiten, von Zusammenarbeit und geschwisterlichem Miteinander gekennzeichnet.“
   Franziskus würdigte die bisherigen Meilensteine der Ökumene mit den Lutheranern: die einvernehmlich erstellten Texte wie die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, die vor 15 Jahren in Augsburg unterzeichnet wurden. Offene Fragen und unterschiedliche Interpretationen über Kirche und Einheit sollten Katholiken und Lutheraner nicht trennen, sondern dazu motivieren, die gemeinsame theologische Forschung zu fördern, sagte der Papst. Die Glocken der deutschen Kirchen, die vergangenen 21. November zum fünfzigsten Jahrestag des Konzildekrets Unitatis redingretaio läuteten, hätten eben dieses Zeichen gesetzt.
   Papst Franziskus lobte auch die Kommission für den bilateralen Dialog der deutschen Bischofskonferenz und der evangelisch-lutherischen Kirche, die derzeit die Arbeit über das Thema  „Gott und die Würde des Menschen“ abschließen. Gleichzeitig benannte er Stolpersteine in der Ökumene zwischen Katholiken und Lutheranern, nämlich unterschiedliche Haltungen in Themen wie Euthanasie, Stammzellforschung und gleichgeschlechtliche Partnerschaften:
   „Von größter Aktualität sind die Fragen, welche die Würde der menschlichen Person am Anfang und am Ende ihres Lebens betreffen, wie auch jene zur Familie, zur Ehe und zur Sexualität – Fragen, die nicht übergangen oder vernachlässigt werden dürfen, nur weil man den bisher erreichten ökumenischen Konsens nicht aufs Spiel setzen will. Es wäre sehr schade, wenn es angesichts dieser wichtigen, mit dem menschlichen Dasein verknüpften Fragen zu neuen konfessionellen Differenzen kommen würde.“
   Zum 2017 bevorstehende Gedenkjahr zum 500. Jahrestag der Reformation sagte Franziskus, lutherische und katholische Christen würden dieses Datums gemeinsam gedenken und „zum ersten Mal die Möglichkeit haben, weltweit ein und dasselbe ökumenische Gedenken zu halten, nicht in Form einer triumphalistischen Feier, sondern als Bekenntnis unseres gemeinsamen Glaubens an den Dreieinen Gott“. Im Mittelpunkt dieses Ereignisses stünden „das gemeinsame Gebet und die innige Bitte an den Herrn Jesus Christus um Vergebung für die wechselseitige Schuld“.
   Die lutheranische Delegation war von Landesbischof Gerhard Ulrich angeführt, die katholische vom Magedburger Bischof Gerhard Feige. Rv141218no

Papst geht auf Lutheraner zu

   Papst Franziskus will den Lutheranern entgegenkommen unc setzt sich für ein gemeinsames Reformations- gedenken ein. Im Lutherjahr 2017 hätten beide die Chance, „weltweit ein und dasselbe ökumenische Gedenken zu halten", sagte er bei einer Audienz für Bischöfe der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands im Vatikan. Dies dürfe aber keine „triumphalistische Feier" sein, sondern ein „Bekenntnis unseres gemeinsamen Glaubens an den dreieinigen Gott". Im Weiteren mahnte der Papst, beim Dialog dürften die unterschiedlichen Auffassungen über den Schutz des Lebens sowie über Ehe, Familie und Sexualität nicht ausgeblendet werden. Diese Fragen seien von „größter Aktualität" und sollten nicht „übergangen werden, nur weil man den bisher erreichten ökumenischen Konsens nicht aufs Spiel setzen will". FAZ141218~jöb.

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Papstbesuch in lutherischer Kirche in Rom Foto: Eine ganz besondere Nähe. Begeisterung bei jedem Besuch.

 Papst Franziskus wird am 15. November die deutschsprachige evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom besuchen. Das geht aus dem liturgischen Programm hervor, das der Vatikan an diesem Samstag veröffentlicht hat. „Wir haben als römische evangelisch-lutherische Kirchengemeinde immer schon eine besondere Nähe zur römisch katholischen Kirche in Rom und auch zum Vatikan gehabt, aber Papst Franziskus spricht uns aus dem Herzen,“ sagt Jens-Martin Kruse, Pfarrer der Gemeinde. „Die Verkündigung des Evangeliums und die Art und Weise, wie er das Evangelium lebt, ist dieselbe, die uns auch trägt und wichtig ist. Da gibt es eine große Übereinstimmung und inhaltliche Nähe und natürlich eine große Freude, diesen Papst erleben zu dürfen."
   Die Gemeinde war bereits Gastgeber der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI., gerade der letzte Besuch sei immer noch sehr präsent in der Gemeinde. Und doch wird dieser Besuch etwas Besonderes sein, sagt Pfarrer Kruse. „Es gibt zu Franziskus eine besondere Nähe. Ganz konkret war es seine Predigt in Jerusalem am 24. Mai 2014, wo er die Auferstehungshoffnung thematisiert hat und gesagt hat, weil Jesus Christus auferstanden ist und nicht im Grab geblieben ist, deshalb haben wir Christen auch die Hoffnung, dass die Einheit zwischen und möglich ist. Das haben wir aufgenommen und gesagt, alles was und verbindet setzen wir ein, um ein Stück weiter auf dem Weg der Einheit zu kommen.“
   Wie der Besuch aussehen wird, dazu gibt es auch schon genauere Vorstellungen: „Wir wollen miteinander Gottesdienst feiern, um deutlich zu machen, wie viel wir als Christen gemeinsam haben und um zum Ausdruck zu bringen, wie sehr wir uns freuen, das auch gemeinsam tun zu können was für die Christen am Wichtigsten ist, nämlich gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Wir gehen davon aus, dass wir diesen Gottesdienst in italienischer Sprache feiern werden, das ist unsere gemeinsame Sprache und ich denke, dass das die Sprache ist, in der sich der Papst auch wohl fühlt und die unsere Gemeindemitglieder wie das Deutsche auch sprechen.“ Geplant ist der Gottesdienst für 16 Uhr.   Die deutschsprachige evangelisch-lutherische Christuskirche in Rom, ein Bau gestiftet von Kaiser Wilhelm II., beherbergt eine ganz besondere Gemeinde in der ansonsten fest katholischen Stadt Rom. „Wir sind eine relativ kleine Gemeinde, zu uns gehören etwa 500 Gemeindemitglieder, viele davon sind deutscher Sprache. Aber wir haben auch einige, die italienischsprachig sind, Italiener oder aus anderen Ländern der Erde. Das ist eine gute Mischung.“ Papst Franziskus wird es dann selber kennen lernen, am 15. November diesen Jahres.
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Papst trifft Waldenser -  Interview mit Kardinal Koch Foto oben

   In einer Woche besucht Papst Franziskus Turin – und dabei wird er nicht nur vor dem ‚Grabtuch Jesu beten, sondern auch die Turiner Waldenserkirche betreten. Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für einen Papst: Stefan Kempis sprach darüber mit Kurienkardinal Kurt Koch, dem Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates.
Kardinal Koch: „Ich glaube zunächst einmal wirklich, dass es eine Premiere ist: dass zum ersten Mal in der Geschichte eine Begegnung zwischen den Waldensern und dem höchsten Repräsentanten der katholischen Kirche, dem Papst, stattfindet. Das finde ich großartig und hoffe, dass daraus auch neue Impulse entstehen für den ökumenischen Dialog … und dass hier auch ein Zeichen des Vergebens und der Bitte um Vergebung geschieht für das, was in der Geschichte geschehen ist.“
Im Mittelalter wurden die Waldenser noch von der katholischen Kirche verfolgt – gab es nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil neue Ansätze und theologische Gespräche mit den Waldensern? Und an welchem Punkt sind sie?
 „Es gibt Gespräche, aber ich denke, sie müssen noch ziemlich intensiviert werden. Ich hoffe, dass diese Begegnung mit dem Papst ein neuer Impuls sein kann, diese Fragen intensiv anzugehen, zumal es ja gerade hier in Rom eine Theologische Fakultät der Waldenser gibt. Da ist es wirklich angezeigt, dass wir den Dialog vertiefen.“
Heißt das, die Gespräche mit den Waldensern sind noch ganz am Anfang
„Ich würde nicht sagen, am Anfang, sondern: am Laufen.“
Und was sind die schwierigen, die Brennpunkte bei diesen Gesprächen? Geht es den Waldensern vielleicht vor allem um die historische Perspektive?
„Ich glaube, in den ökumenischen Dialogen ist es immer wichtig, zunächst einmal mit den historischen Fragen zu beginnen, weil viele theologische Probleme und Fragen nur aus der Geschichte her zu verstehen sind. Teilweise sind das Überspitzungen in der Geschichte, die dann noch weiter zugespitzt worden sind, weil man sich entfremdet hat, weil man nicht mehr zusammengelebt hat. Deshalb, meine ich, ist es immer wichtig, zunächst die historischen Fragen gründlich anzuschauen.“
Die heilige Hildegard von Bingen hat noch von der Kanzel herab gegen die Waldenser gepredigt…
„Ja – die Heiligen leben auch in ihrer Zeit und sind Kinder ihrer Zeit, sie haben in diese Zeit hinein gelebt. Wir dürfen sie nicht mit unseren Maßstäben von heute her beurteilen, sondern müssen sie aus der Zeit heraus verstehen.“
Ist ein Mea Culpa des Papstes im Namen der Kirche in Turin geplant, mit Blick auf die Waldenser? „Mea Culpa würde dem Papst entsprechen“
„Ich will nicht in die Freiheit des Heiligen Vaters eingreifen, was er tun wird – aber ich bin überzeugt, dass eine solche Bitte seinem Geist und seinem Herzen voll und ganz entsprechen würde.“
Erleben wir unter diesem Papst eine Ausweitung des ökumenischen Dialogs? Auch die Freikirchen sind ja ganz neu in den Blick gekommen.
„Ja. Aber das entspricht natürlich auch der Realität heute, denn die größte Entwicklung, die wir in der heutigen ökumenischen Landschaft haben, ist das rasante Anwachsen evangelikaler, pentecostalischer Bewegungen. Sie sind heute rein zahlenmäßig die zweitgrößte Realität nach der römisch-katholischen Kirche. Man muss von einer Pentecostalisierung des Christentums reden. Und diese Herausforderung müssen wir wahrnehmen! Ich denke auch: In diesen Bewegungen liegen viele Vorurteile gegen die römisch-katholische Kirche, vor allem gegen das Papsttum, vor; und wenn der Papst nun Repräsentanten dieser Bewegungen einlädt zu einem persönlichen Kontakt, kann das viele Vorurteile überwinden und die Türen für neue Dialoge öffnen. Dafür bin ich sehr dankbar.“
Kommt die katholische Kirche bei solchen Dialogen schneller weiter als im Uralt-Dialog mit den Lutheranern, die jetzt auch mit Blick auf das Lutherjubiläum ihr Luthertum wieder neu entdecken?
„Das wage ich nicht zu sagen, denn die Dialoge sind hier (mit Blick auf die Waldenser und die Freikirchen, Anm.d.Red.) wirklich am Anfang, und die Traktandenliste ist völlig anders als mit den historischen Kirchen der Reformation. Deshalb ist es heute schon schwierig, einen Vergleich zu ziehen; das möchte ich noch nicht tun.“ rv150610sk

epGerhardLudwigMüllerRx     Bischof Gerhard Ludwig Müller, Regensburg

   Am 6. 8. 2000 unterstrich die Glaubenskongregation mit der Erklärung Dominus Iesus > Una Sancta die katholi- sche Lehre über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche. Ein Gespräch mit Bischof Gerhard Ludwig Müller, dem Vorsitzenden der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz und Mitglied der römischen Glaubenskongregation [den vollen Wortlaut finden Sie unter: www.die-tagespost.de].

Dominus Iesus ist nach der Auffassung von Bischof Walter Kasper keine „umfassende Darlegung der katholischen Auffassung zu den Fragen der Ökumene" gewesen. Hat dieser Umstand eine Rolle gespielt, dass 2007 die Glaubenskongregation Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche veröffentlichte?
  Eine umfassende Darstellung des Katholischen Ökumenismus findet sich in Lumen gentium, Unitatis redintegratio und in der Enzyklika Ut unum sint. Dominus Jesus  dient nur der Abgrenzung von einigen Fehlentwicklungen - vor allem der Meinung, der Relativismus und der Indifferentismus könnten die ökumenische Bewegung zur vollen Einheit aller Christen in der Einen Kirche des Herrn fördern. Wenn die Leidenschaft zur Wahrheit und Fülle der geoffenbarten Wahrheit und die Liebe zur Kirche Gottes verloren gehen, würde die ökumenische Bewegung zu einem Jahrmarkt der Selbstdarsteller und Publikumsmagneten degenerieren. An Dominus Jesus wurde nicht nur der Inhalt, sondern auch der Stil bemängelt.
   Der christologische Teil ist von allen Christen, die auf dem Boden der Offenbarung stehen, anerkannt worden. Der ekklesiologische Teil ist weniger umfänglich und muss darum im Licht der großen lehramtlichen Aussagen zu Sein und Sendung der Kirche gelesen werden. Der eine Halbsatz, dass die Konfessionsgemeinschaften, die aus den protestantischen Reformationen hervorgegangen sind, wohl zur einen Kirche Christi gehören und wegen der vielfältigen ekklesialen Strukturelemente der Wahrheit und der Heiligung in ihrer sichtbaren Vergemeinschaftung „kirchliche Gemeinschaften" sind, aber „nicht Kirchen im eigentlichen Sinn", hätte durchaus weiter erklärt werden können. Denn in protestantischen Ohren klingt dies abwertend, weil man naturgemäß diese Aussage im Kontext des reformatorischen und eben nicht des katholischen Kirchenverständnisses auffasst. Was Kirche im „eigentlichen Sinne" ist und woran man sie erkennt, das war der Kern des Streites im sechzehnten Jahrhundert. Deshalb können die Protestanten vom eigenen normativen Kirchenbegriff ausgehend, die katholische Kirche, die vom Papst und den Bischöfen in Einheit mit ihm geleitet und repräsentiert wird, nicht als die Kirche im eigentlichen und wahren Sinne ansehen, denn sonst hätten sie keinen Widerspruch zur katholischen Glaubenslehre eingelegt und müssten sich sofort wieder der katholischen Kirche anschließen vgl. Confessio Augustana 7; 8. Nur auf den ersten Blick sind die Protestanten toleranter und weitherziger als die Katholiken. Sie erkennen die katholische Kirche heute an als eine unter vielen möglichen Manifestationen der eigentlich, das heißt, dem Wesen nach unsichtbaren, verborgenen Kirche als Gemeinschaft aller Gerechtfertigten, die allein Gott kennt, aber eben nicht als die eine Kirche Christi, die Kraft der Fülle der Wahrheit und der Heilsmittel in der katholischen Kirche verwirklicht ist Lumen gentium 8. Sie verneinen in ihrem Bekenntnis immer noch die für den katholischen Glauben konstitutiven Lehren von der Sakramentalität der Kirche, von den sieben Sakramenten, vom sakramentalen Ordo des Bischofs- und Priesteramtes, vom Petrusdienst im Sinne des I. und II. Vatikanums und anderen.
Wie würden Sie die Grenzen der „ökumenischen Höflichkeit“ definieren? Worin sehen Sie eindeutige Verstöße?
   Wir wollen als Christen tiefergehend im Geist der Nächstenliebe und im Respekt vor dem Gewissen des Anderen brüderlich miteinander umgehen. Wer wirklich von seinem katholischen beziehungsweise evangelisch-reformierten Glauben überzeugt ist, der kann es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, die gegenteilige Position als intellektuell minderwertig oder ihren Vertreter als moralisch verkommen hinzustellen. Deshalb kann man auch die Un- terschiede oder Gegensätze dem Partner von den eigenen Voraussetzungen her verständlich machen, ohne ihm persönlich böse zu sein, wenn dieser etwa im Verständnis des Abendmahls oder der Eucharistie zu anderen Überzeugungen gelangt, die er in seinem Wahrheitsgewissen allein vor Gott zu verantworten hat. Dies gilt etwa für den Bezug von Kirchengemeinschaft und Eucharistie beziehungsweise Abendmahlsgemeinschaft, der unter- schiedlich gesehen wird und folglich andere Bedingungen für die Zulassung mit sich bringt.
Welche Denkanstöße gibt der Diskurs über Dominus Iesus für die grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Wahrheitsfrage?
   Das Lehramt ist mit Dominus Iesus seiner Pflicht nachgekommen. Es hat auf die Aushöhlung des Christus- glaubens durch die pluralistische und relativistische Religionstheorie von der bloß moralischen Bedeutung aller Religionen aufmerksam gemacht. Wer den Menschen für wahrheitsunfähig erklärt, setzt ihn herab und erklärt die Vollendung des menschlichen Geistes in der Erkenntnis und Liebe des dreieinigen Gottes für unmöglich. Der Preis, den wir für die Diktatur des Relativismus zu bezahlen haben, ist das Scheitern des Menschen in seiner geistig- moralischen Existenz und am Ende eine politische oder mediale Herrschaft von Menschen über Menschen. Der Glaube an Gott bewahrt uns vor allen Totalitarismen. Gottes Wahrheit allein macht uns frei. In der Tat ist es nur ein genialer Propagandatrick, wenn den Gläubigen Gewalttaten im Namen der Religion als notwendige Folge der Anerkennung des einen und wahren Gottes in Jesus Christus zur Last gelegt wird. Wie viel mehr Gewalt gab und gibt es im Namen des polytheistischen oder des relativistischen Agnostizismus, wenn er mit politischen Zwangsmitteln und der modernen Taktik eines medialen mainstreaming durchgeführt wird und damit „die wahre und volle Befreiung der Menschheit" Gaudium et spes 22 zur Erkenntnis Gottes negiert wird? Die Geschichtsbücher des 19. und 20. Jahrhunderts sind voll mit Belegen für das Scheitern jeder Form von Atheismus und des Humanismus ohne Gott (Henri de Lubac). Der Relativismus ist nichts weiter als eine Spielart des offenbarungsfeindlichen Naturalis- mus. Wo Gott ignoriert oder negiert wird, bleibt die furchtbare Wahrheit übrig: homo homini lupus Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Im Licht der Liebe Gottes, der seinen eigenen Sohn für uns dahingegeben hat, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht,  sondern das ewige Leben hat Joh 3, 16, trägt diese Erkenntnis den Sieg davon: homo homini amicus. Der Mensch ist dem Menschen ein Freund, weil Gott sich mit seiner Güte dem Menschen freundlich zuwendet: in Jesus Christus, in dem wir das ewige Leben erhoffen vgl. Tit 3,7.

Kardinal Koch: Ökumene ist „nicht Kür, sondern Pflicht“  cdd-KurtKoch-xx

   Ein Engagement in der Ökumene ist für die katholische Kirche „nicht Kür, sondern Pflicht“ - und zwar eine Pflicht, der sich jeder Gläubige, aber auch die Kirchenspitze verpflichtet fühlen muss. Das sagte der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, bei einem Vortrag an der Universität Wien. Die Spaltungen der Christenheit seien eine bis heute schmerzende Wunde, deren Heilung „dem Willen Jesu Christi“ selbst entspreche und der sich das gesamte Zweite Vatikanische Konzil zutiefst verpflichtet fühlte, so Koch bei dem Vortrag. Christ- liche Ökumene sei „kein bloßer Zusatz oder ein Anhängsel im Leben der Kirche, sondern gehört elementar zum Wesen der Kirche“.
  Ganz oben auf der ökumenischen Agenda müsse heute laut Koch die Frage nach dem Kirchenverständnis stehen. Dabei seien vor allem die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen angefragt, die beantworten müssten, ob sie die Reformation als „totalen Bruch“ verstehen oder sich in „bleibender Kontinuität mit den vorangehenden 1500 Jahren“ sehen, so Koch. Von der Klärung dieser Frage hänge „die weitere Zukunft des ökumenischen Dialogs“ ab. Sorge bereite ihm in diesem Zusammenhang eine „zunehmende und vielfältige Fragmentierung“ innerhalb des Weltprotestantismus, der zugleich eine Vervielfältigung der Ökumene-Begriffe und des Verständnisses von Kircheneinheit mit sich bringe.
   Koch wies in seinem Vortrag alle Rufe nach einer raschen Eucharistiegemeinschaft als nächste Schritte in der ökumenischen Bewegung von sich. Die katholische Kirche halte sich im ökumenischen Dialog an klare katholische Prinzipien wie sie das Konzil etwa mit der Idee eines gestuften Kirchenverständnisses vorgelegt hat. „Eingangstor“ zur Kirche und zugleich Fundament der Ökumene bleibe demnach vor allem die Taufe und deren wechselseitige Anerkennung, so Koch. Man müsse auf diesem Punkt so beharren, da gerade von protestantischer Seite diese Frage oftmals aufgeweicht werde. Gleiches gelte für einen weiteren ökumenischen Streitpunkt: die Eucharistie. Auch in diesem Punkt gebe es evangelische Gemeinschaften, so Koch, bei denen er den Eindruck habe, „das ökumenische Ziel sei nicht mehr die kirchliche Communio, sondern die eucharistische Interkommunion“ - und er fügte hinzu: „Das gemeinsame Mahl gehört insgesamt an das Ende und nicht an den Anfang ökumenischer Bestre- bungen.“ RVkap120424sk

Kardinal Koch: „Katholiken und Reformierte brauchen eine Heilungsgeste“
   Das Reformationsjubiläum 2017 kann nicht einfach nur als freudiges Fest betrachtet werden. Das sagt der vatikanische Ökumene-Verantwortliche, Kardinal Kurt Koch, zum Abschluss der Vollversammlung des päpstlichen Einheitsrates. Die Mitglieder des Rates tagten in Rom, um über die Neuevangelisierung und Ökumene zu sprechen. Dabei wurde auch über den Dialog mit den reformierten Kirchen debattiert, die derzeit stark mit ihrem 500-Jahre- Jubiläum 2017 beschäftigt sind. Das Jubiläum der Reformation habe jedoch zwei Seiten, so Kardinal Koch im Gespräch mit Radio Vatikan.
   „Martin Luther hat sehr viel Positives gebracht. Er war ein leidenschaftlicher Gottsucher und ganz von Christus angetan. Aber Martin Luther wollte keine Spaltung. Er wollte die Erneuerung der ganzen Kirche. Und da müssen wir einfach sagen, das ist ihm nicht gelungen. In dem Sinne sagt ja auch der evangelische und ökumenische Theologe Pannenberg, dass die Reformation gescheitert ist. Das Ergebnis dieses Scheiterns ist, dass es im 16. und 17. Jahrhundert blutige Konfessionskriege gab. Nun, dieses positive Anliegen Luthers und diese schrecklichen Konsequenzen unter den einen Hut des Feierns zu bringen, das ist einfach zu schwierig.“
   Vielmehr bräuchte es eine „Heilung der Wunden“, wie es bei der Vollversammlung des Einheitsrates hieß. Wie das konkret umzusetzen sei, erläutert Koch folgendermaßen:
   „Das könnte – so sind jedenfalls die Überlegungen des Rates – in einem gemeinsamen Bußgottesdienst geschehen. Gemeinsam können wir dort unsere Schuld bekennen. Denn, dass es nicht zur Erneuerung kam, wie es die Reformation wollte, ist eine Schuld von beiden Seiten. Dafür gibt es theologische sowie politische Gründe. Das zu benennen und einander um Vergebung zu bitten, das würde ich für eine ganz gute Geste halten.“ RV121116mg

dd-B-NikoluasSchneider-z  “Unser Herz brennt nach mehr“

   Zu Beginn kam Bewegungslust auf. Vor der Tür, durch die der Papst die Erfurter Augustinerkirche betreten sollte, machten Bläser aus dem Kirchenlied „von Gott will ich nicht lassen“ einen kunstvollen Tango. Die geladenen Gäste in der Kirche des einstigen Klosters von Martin Luther begannen mit den Beinen zu wippen.
   Doch mit der Bewegung wurde es nichts. Keine der Erwartungen an konkrete Veränderungen im ökumenischen Verhältnis zwischen katholischer und evangelischer Kirche wurde beim Besuch des Papstes an der Wirkungsstätte des Reformators erfüllt. Keinerlei Entgegenkommen signalisierte Benedikt beim Verständnis des geistlichen Amtes, beim Ringen um ein gemeinsames Abendmahl oder bei dem Problem konfessionsverschiedener Eheleute, nicht gemeinsam zum Abendmahl oder zur Eucharistie gehen zu können. In aller Härte war dieser Stillstand schon am Vormittag bei der vertraulichen Begegnung zweier Delegationen rund um den Papst und den EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider deutlich geworden. Und als sollte die Öffentlichkeit diese Ergebnislosigkeit auch klar vernehmen können, sagte Benedikt in seiner Predigt während des ökumenischen Gottesdienstes in der Augustinerkirche: „Im Vorfeld des Papstbesuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von diesem Besuch erwarte. Dazu möchte ich sagen, dass dies ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln." Punkt, Feierabend. „Nichts, gar nichts ist von ihm gekommen", sagte hinterher ein Vertreter der EKD. Die peinliche Situation zu retten versuchte Präses Schneider, indem er fast während des gesamten Gottesdienstes aufrecht sitzend lächelte, während neben ihm der Papst versunken vor sich hin schaute. Ja, Schneider ging nach Benedikts Predigt sogar auf diesen zu und umarmte ihn. Was tut man nicht alles, um Einvernehmen zu demonstrieren. Nach dem Ökumenetreffen aber mahnte Schneider weitere Fortschritte im Dialog der christlichen Kirchen an. „Unser Herz brennt nach mehr. Und das war heute zu spüren", sagte er. Allerdings ist das Bild, das so entstand - die Protestanten bemühen sich, während der Papst aus Glaubensgründen extrem zurückhaltend bleibt - nicht richtig.
   Gewiss, die evangelische Seite drängt, und sie drängte gerade in Erfurt. Vom Überwinden des „Eigen-Sinns" sprach Schneider und davon, dass es für alle „ein Segen" wäre, den konfessionsverschiedenen Ehepaaren „in absehbarer Zeit eine von Einschränkungen freiere eucharistische Gemeinschaft zu ermöglichen". Auch die Präses der EKD-Synode, Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, sprach mit Verweis auf den anwesenden katholischen Bundespräsidenten Christian Wulff und seine erkrankte evangelische Ehefrau jene Paare an und entwarf gar das Bild der Mahlgemeinschaft: „Zum richtigen Zeitpunkt werden wir am hellsten und besten Ort des Hauses gemeinsam und füreinander den Tisch decken, an den Er uns einlädt." Der Papst wirkte demgegenüber wie ein standhafter Verteidiger des für theologisch richtig Erachteten, wie ein Vorkämpfer eines viel wichtigeren Einsatzes: „Das Notwendigste für die Ökumene", so Benedikt, „ist zunächst einmal, dass wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind." Nach dem Motto: Wir müssen das Christentum offensiv bekennen, statt Lehrmeinungen in Kompromissformeln aufzuweichen.
EKD-Ratsvorsitzender Schneider würdigt Papst Benedikt XVI.
   „Besonders dankbar“ äußerte sich der Ratsvorsitzende zum Besuch des scheidenden Papstes im Augustinerkloster zu Erfurt am 23. September 2011: „Dass Sie damals unserer Einladung nach Erfurt folgten und somit als erster Papst und Bischof von Rom einen Ort besuchten, an dem Martin Luther gelebt und gewirkt hat, haben wir als ein großes Zeichen der Wertschätzung empfunden.“ RVsta130227kna

Nikolaus Schneider vergleicht die Ökumene mit einer steilen Treppe
 
Bei näherer Betrachtung aber zeigt sich, dass hier keineswegs protestantische Ökumeniker einem glaubensfesten Katholiken gegenüberstanden. Vielmehr fordert auch Benedikt von den Evangelischen Aufweichungen ihrer Posit- ionen im ökumenischen Interesse. So sagte der Papst in seiner Predigt: „Wir leben in einer Zeit, in der die Maß- stäbe des Menschseins fraglich geworden sind. Ethik wird durch das Kalkül der Folgen ersetzt. Demgegenüber müssen wir als Christen die unantastbare Würde des Menschen verteidigen, von der Empfängnis bis zum Tod, in Fragen der Präimplantationsdiagnostik bis zur Sterbehilfe."
   Wenn Benedikt solcherart eine gemeinsame Bioethik der christlichen Kirchen verlangte, dann forderte er von den Protestanten nicht weniger als diese von ihm beim Abendmahl: die Aufgabe einer theologischen Position. Denn bei der Sterbehilfe ist es nach dem evangelischen Verständnis möglich, dass bei Schwerstkranken in Befolgung ihrer Patientenverfügungen lebenserhaltende Maßnahmen auch außerhalb der unmittelbaren Sterbephase beendet werden. Der Papst und die katholische Kirche lehnen dies ab. Warum sollten sich danach die Protestanten richten?
   Präses Schneider verglich während der Pressekonferenz die Ökumene mit einer steilen Treppe. Einige Stufen habe man bereits erklommen. „Jetzt stehen wir auf einem Treppenabsatz und müssen versuchen, das Niveau zu halten." Das ließ sich als Beschwichtigung nach dem Verpassen einer scheinbar günstigen Gelegenheit interpretieren. Man könnte es auch anders sehen: Auf protestantischer Seite wächst die bei den Katholiken schon vorhandene Einsicht, dass die Kirchen sich im Konkreten nicht weiter annähern können.
   Dass die Suche nach anderen Möglichkeiten des ökumenischen Austauschs durchaus produktiv und auch notwendig ist, deuteten der Papst und Schneider selbst an. Benedikt bat die Lutherischen und Reformierten indirekt um Hilfe gegenüber den in der Dritten Welt um sich greifenden Pfingstkirchen. Schneider signalisierte im Gegenzug, dass die deutschen Protestanten sich als „westliche Kirche" und somit als Teil jener lateinischen Christenheit sähen, die auf Rom bezogen ist.
   Zudem sind beide Seiten bereit, sich zum Reformationsjubiläum im Jahr 2017 neu mit Martin Luther zu beschäftigen. Dessen „Frage nach Gott", so Benedikt, „trifft mich immer neu". Schneider lud den Papst in nur geringer Verklausulierung ein, 2017 das Reformationsjubiläum mit der evangelischen Kirche zu begehen. Das Abendmahl aber wird auch dann noch jede Kirche für sich feiern. HA110924MatthiasKamann

Schneider warnt vor Verlust des Glaubens
    Bei seinem letzten Auftritt als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat Nikolaus Schneider vor einem Abbruch der religiösen Praxis gewarnt. „Wer nie oder ganz selten religiöse Praxis lebt, wer keine Gemeinschaft pflegt und keine Rituale kennt, dem droht der Glaube verlorenzugehen", sagte Schneider zum Auftakt der diesjährigen EKD-Synode in Dresden. Wer hingegen seinen Pfarrer vor Ort kenne, verlasse in aller Regel auch die Kirche nicht. Die Zukunft der Volkskirche entscheide sich deshalb an Präsenz und Kompetenz ihrer Pfarrer. Schwierig werde es, wenn Leute der Kirche zwar angehörten und deren Angebote ab und an wahrnähmen, aber diese nicht mehr zu ihrem Alltag gehörten. „Eine solche distanzierte Kirchenmitgliedschaft vererbt sich nicht. Sie stirbt aus", sagte Schneider.
   Schneider forderte zudem mit Blick auf innerkirchliche Widerstände, bei der Reform des Kirchlichen Arbeitsrechts nicht nachzulassen. Die grundgesetzlich geschützte Position der Kirchen sei nur zu bewahren, wenn die Vorgaben des Bundesarbeitsgerichtes zur Beteiligung der Gewerkschaften nun „überzeugend umgesetzt" werden, sagte Schneider. Kirche und Diakonie müssten dabei ihre Fähigkeit zeigen, „verlässlich, solidarisch und einheitlich" zu handeln. Schneider spielte damit auf erhebliche Differenzen zwischen den Landeskirchen an. In der EKD-Führung wird deren Haltung als in Teilen provinziell wahrgenommen; Landeskirchen nähmen offenbar nicht ausreichend wahr, dass staatskirchliche Streitfragen auf Bundesebene und in einer bundesweiten Öffentlichkeit entschieden würden.
   Der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Bischof Karl- Hinrich Manzke, kritisierte ein EKD-Papier zum Reformationsjubiläum 2017, das in der katholischen Kirche auf Kritik gestoßen war. Protestanten sollten nicht so tun, als habe man als Erbe der Reformation die Modernität gepachtet, sagte Manzke. Der frühere lutherische Bischof Gerhard Müller ging in der Synode einen Schritt weiter und forderte, die evangelische Kirche sollte aus Rücksicht auf die katholische Kirche nicht mehr von „Reformationsjubiläum" sprechen. Katholische Bischöfe sprechen nur von „Reformationsgedenken", da die Reformation auch die abendländische Christenheit gespalten habe.
   Schwerpunktthema der EKD-Synode in diesem Jahr ist die „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft". Erwartet wird bei der Tagung der Beschluss, dass die EKD in ihrer Grundordnung künftig nicht mehr nur als Gemeinschaft ihrer Gliedkirchen bezeichnet wird, sondern explizit auch selbst als „Kirche". Auf der Synode wurde der Nachfolger für Schneider gewählt: Der 54 Jahre alte bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. FAZ141109bin

Präses Nikolaus Schneider       ev-NikolausSchneiderRatsvor       Schwere Belastung für die Ökumene

  Der Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, hat die Äußerungen des Ratsvorsitzenden der EKD, Präses Nikolaus Schneider, zur seelsorgerischen Begleitung von Suizidwilligen scharf kritisiert. Gegenüber der „Tagespost" sprach Algermissen von einer „schweren Belastung für die Ökumene". Es zeige sich einmal mehr, dass wir neben gravierenden theologischen Fragen auch auf die drängenden bioethischen Probleme unserer Zeit keine gemein- samen Antworten mehr geben können, hob der Bischof hervor.
   Katholische und evangelische Kirche seien bioethisch weiter voneinander entfernt denn je und offensichtlich nicht mehr in der Lage, in einer zunehmend gottlosen Gesellschaft gemeinsam Zeugnis für das Leben zu geben. Das habe sich bereits in der Diskussion um die embryonale Stammzellforschung oder die Präimplantationsdiagnostik gezeigt und werde nun auch in Fragen des Lebensendes deutlich. „Die Folgen sind dramatisch", sagte Algermissen. Die Kirchen werden in entscheidenden Fragen des menschlichen Lebens politisch auseinanderdivi- diert.
   „Das schwächt das Zeugnis der Christen und macht es politisch zunehmend bedeutungslos." Als Bischof, der sich dem ökumenischen Dialog seit vielen Jahren verpflichtet wisse, leide er schwer unter dieser Entwicklung. Deutliche Kritik an Schneiders Einlassungen zur pastoralen Begleitung von Suizidwilligen übte auch der Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht (BVL) Martin Lohmann: „Eine Unterscheidung zwischen christlicher Lehre und Pastoral ist schon an sich schief und schräg. Schließlich basiert die christliche Lehre auf dem geoffenbarten Gottes- und Menschenbild, dem zufolge der Mensch Ebenbild Gottes ist", sagte Lohmann in der „Tagespost”. „Ein Christ hat daher niemals das Recht, sich zum Mittäter zu machen, wo es um die Verletzung der Würde eines anderen Menschen geht. Die Menschenwürde ist nicht temporär ausknipsbar", so der BVL-Vorsitzende weiter.
   Der EKD-Ratsvorsitzende hatte in seinem Jahresbericht an die EKD-Synode, die vom 1. bis 7. November in den Maritim-Hotels des Ostseebades Timmendorfer Strand stattfand, für erhebliches Aufsehen und Irritationen mit Äußerungen zur seelsorgerischen Begleitung von Suizidwilligen gesorgt. In einer mit „Gottsuche in Grenzsituationen des Lebens" überschriebenen Passage seines Berichts betonte Schneider zunächst, Christen sollten Sterbenden Mut zuzusprechen, ihr Lebensende in Gottes Hand zu legen, sagte dann aber: „Gleichwohl wird es Situationen geben, in denen auch Christen die Entscheidung von Menschen für ein selbstbestimmtes Sterben gegen ihre eigene Überzeugung respektieren und ihnen einen mitfühlende und seelsorgerliche Begleitung nicht verweigern." Auf irritierte Nachfragen aus dem Kreis der Synodalen ruderte Schneider nicht etwa zurück, sondern stellte vielmehr klar: „Wenn ein Mensch intensiv darum bittet, dann mache ich mir nach der reinen Lehre auch die Hände schmutzig." Stehe es „Spitz auf Knopf", „dann sind wir für die Menschen da und nicht für die Sauberkeit unserer Position", so der 65-Jährige, der auch Präses der rheinischen Protestanten ist. DT121110StefanRehder

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Papst-Geschenk bleibt im Augustinerkloster
   Papst Benedikt XVI. hat bei seinem Besuch im Erfurter Augustinerkloster der Evangelischen Kirche ein wertvolles Buch geschenkt. Dabei handelt es sich um den sogenannten Codex Paul Foto, ein Buch mit Briefen des Apostels Paulus und weiteren biblischen Texten und Kommentaren, das von Benediktinermönchen des römischen Klosters "Sankt-Paul vor den Mauern" im Stil alter klösterlicher Handschriften gestaltet wurde.

Foto: Landesbischof i. R. D. Eduard Lohse: Was uns verbindet, ist stärker als alles, was uns (noch) trennt

   Papst Benedikt XVI. hat seinen Besuch in unserem Land beendet. Nun wird Bilanz gezogen und nach dem Ertrag dieses Besuches gefragt. Wie soll man urteilen, ohne vorschnell nur auf die eine oder andere überzogene Erwartung zu blicken und dann zu sagen: Papst enttäuscht Hoffnung auf mehr Ökumene - weniger als nichts, das sei das Resultat gewesen?
   Blickt man auf die römisch-katholische Weltkirche, so bedeutet der Besuch des Papstes mit den großen, im Freien gehaltenen Gottesdiensten ohne Zweifel eine Stärkung der katholischen Christenheit in Deutschland. In genauer Befolgung der liturgischen Ordnung wurde vor aller Öffentlichkeit bezeugt, welche Kraft von recht gefeiertem Gottesdienst ausgeht. Evangelische Christen können mit Überzeugung einstimmen: Wo das Wort Gottes recht gepredigt und die Sakramente ihrer Stiftung gemäß dargereicht werden, da ist Kirche, da ist die eine Christenheit als Gottes Volk versammelt.
   Es war der ausdrückliche Wunsch des Papstes, er wolle bei seinem Besuch einen stärkeren Akzent auf dem Gebiet der Ökumene setzen. Infolge der Vielzahl der Pflichten, denen Benedikt XVI. in diesen Tagen genügen musste, ist dieser Wunsch nicht recht erfüllt worden.
   Schaut man jedoch genauer zu, so kommt der Begegnung in Erfurt und dem Wortgottesdienst, der in der Kirche des ehemaligen Augustinerklosters stattfand, hohe und wegweisende Bedeutung zu. Der Papst ist sich ohne Zweifel des Symbolcharakters dieses Ortes bewusst gewesen. Allein die Tatsache, dass man sich dort zusammenfand, wo Luther Mönch geworden und zum Priester geweiht worden ist, sagt mehr als manche Worte. In den Worten, die der Papst während der Begegnung mit dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gesprochen hat, hat er den Namen Martin Luthers mit ausdrücklichem Respekt genannt. Das bedeutet für jeden Betrachter, dass im allgemeinen Bewusstsein aller Christen Martin Luther als ein Lehrer der ganzen Christenheit geachtet ist.
   Hatten manche gehofft, der einst gegen Luther geschleuderte Bann könnte in aller Form zurückgenommen werden, so will beachtet sein, dass nach Verständnis des Kirchenrechts ein ausgesprochener Bann, der gegen ein Glied der Kirche verhängt worden war, mit dem Tod des Betroffenen erlischt. Es hätte vielleicht wohlgetan, wenn diese Feststellung noch einmal ausdrücklich ausgesprochen worden wäre. Doch das ermutigende Bild prägt sich dem Gedächtnis ein: Der Papst im Augustinerkloster in Erfurt in gottesdienstlicher Gemeinschaft mit evangelischen Christen.
   Papst Benedikt hat im Gottesdienst in Erfurt gesagt, er bringe kein ökumenisches Gastgeschenk mit, da man in Fragen des Glaubens nicht verhandeln und Kompromisse schließen könne. Diese Bemerkung hat manche Enttäuschung hervorgerufen, aber im Sinn beider Kirchen darf man dagegenstellen: Sein Gastgeschenk war und ist er selbst, der an die Stätte, wo im Ringen eines Augustinermönchs die Reformation ihren Anfang genommen hat, zu gottesdienstlicher Gemeinschaft einkehrt.
   Nun stellt sich die Frage, von welchem Ergebnis sich im Blick auf künftige ökumenische Gemeinschaft sprechen lässt. Gewiss ist nicht zu bestreiten, dass im Vergleich zu früheren Begegnungen mit Papst Johannes Paul II. kein erkennbarer Fortschritt gewonnen ist. Die alten Fragen nach gottesdienstlicher und eucharistischer Gemeinschaft haben auch heute keine schlüssige Antwort gefunden. Doch darf man feststellen, dass zwar ein Stillstand befestigt worden, aber auch kein Rückschritt erfolgt ist. Darum müssen jetzt die in die Zukunft weisenden Aufgaben beschrieben werden. Hierzu seien vier Punkte hervorgehoben.
   Noch einmal ist zu betonen, dass gemeinsame Gottesdienste im Vordergrund des Zusammenwirkens stehen sollten. Sind nach katholischem Verständnis diese Gottesdienste nur als Wortgottesdienste möglich, so darf ein evangelischer Christ mit aller Zuversicht dagegenstellen, dass dem Wort keine geringere Kraft als dem Sakrament eignet. Darum dürfen evangelische Christen auf den Tag hoffen, an dem endlich Wirklichkeit wird, dass wir am Tisch des Herrn vereint sind. Schon jetzt heißen wir als evangelische Kirche katholische Christen in unserer gottes- dienstlichen Gemeinschaft willkommen.
   Diese Hoffnung - das ist zweitens zu sagen - gründet sich auf das gemeinsame Gut, das uns in beiden Kirchen anvertraut ist. Ist zwischen den (noch) getrennten Kirchen verbindlich vereinbart, dass wir die Taufe, wie sie hier wie dort mit Wasser und auf den Namen des dreieinigen Gottes vollzogen wird, als gültig anerkennen, so dürfen wir sagen: Alle Christen, die auf Christus getauft sind, gehören als Brüder und Schwestern in Christus zusammen.
   Lehrgespräche unter den Kirchen - das wäre als dritter Punkt zu sagen - sind darauf gerichtet, das gemeinsame Erbe des einen Glaubens zu beschreiben und aus dieser Quelle vor aller Öffentlichkeit in Wort und Tat das Evangelium zu bezeugen. Es wäre jedoch eine Überforderung, wenn man in diesem Bemühen nur die eigenen Erwartungen betont, statt zu überlegen, was dem jeweiligen Partner auch von ihm aus möglich und zumutbar ist. Ist der ökumenische Dialog auf das gemeinsame Bekenntnis gerichtet, so kann er im Licht dieser schon vorhandenen Gemeinsamkeit unterschiedliche Ansichten gelten lassen und im Sinn eines differenzierten Konsenses verstehen.
   Vor mehr als einem Jahrzehnt wurde als verbindliche Überzeugung beider Kirchen ausgesprochen: Lutherische und katholische Christen bekennen gemeinsam: „Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christ nicht aufgrund unseres Verdienstes werden wir von Gott angenommen und empfangen wir den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken." Im Blick auf diese Gemeinsamkeit aber „sind lutherische und römisch-katholische Entfaltung des Rechtfertigungsglaubens in ihrer Verschiedenheit offen aufeinander hin und heben den Konsens in Grundwahrheiten nicht wieder auf". An dem theologischen Dialog, der zu diesen Feststellungen geführt hat, hat der damalige Kardinal Joseph Ratzinger mitgewirkt. Er hat auch zum erfolgreichen Abschluss hilfreich beigetragen.
  Schließlich zum Vierten: So schmerzlich gerade in unserem Land die Spaltung der Christenheit empfunden und erlitten wird, so deutlich darf auf der anderen Seite gesagt werden, dass unterschiedliche Lehrauffassungen auch dazu beigetragen haben, durch diese Verschiedenheit den jeweiligen Partner nachdenklich zu stimmen und zu der Gestaltung seines kirchlichen Lebens anzuregen. So finden sich heute in katholischen Gottesdiensten viele evangelische Lieder. Überdies werden die Gottesdienste in aller Regel in der Landessprache gehalten. Damit ist ein Wunsch erfüllt, wie ihn die Reformation nachdrücklich ausgesprochen hatte. In den evangelischen Kirchen hat die gottesdienstliche Feier des Sakraments erheblich größere Bedeutung gewonnen, als ihr einst beigemessen wurde. Evangelische Theologie und Kirche haben viele Anregungen, die der ökumenische Dialog gegeben hat, dankbar für die Gestaltung der Gottesdienste aufgenommen.
  Auf katholischer Seite sind evangelische Kirchenmusik und Aussagen des gemeinsamen christlichen Glaubens fester Bestandteil ihrer Gottesdienste geworden. So war in dem festlichen Gottesdienst in Freiburg evangelischer Glaube positiv aufgenommen: In der Vertonung des 136. Psalms durch Heinrich Schütz und den zugrundeliegenden Bibeltext nach Luthers Übersetzung. Am Ende wurde der evangelische Choral „Nun danket alle Gott" kraftvoll gesungen.
   Diesen Beispielen ließen sich andere hinzufügen. Sie zeigen, dass die beiden Kirchen zu förderlicher Gemeinschaft aufeinander zugehen und zu vielen Gelegenheiten, in denen ein Wort der Kirche in Gesellschaft und Politik zu sagen ist, einmütig gemeinsam sprechen können.
   Nach dem Besuch von Papst Benedikt brauchen ökumenischer Dialog und Zusammenarbeit der Kirchen neue Impulse. Dazu wird man noch einmal auf die eindrucksvollen päpstlichen Reden und Worte achten, die er in Deutschland gesprochen hat. Doch wird man auch mit großem Gewinn die reiche theologische Arbeit studieren, deren Ergebnisse Joseph Ratzinger in vielen einschlägigen Veröffentlichungen vorgelegt hat.
   In einer Vorlesung, die er einst als Professor in Tübingen für Hörer aller Fakultäten gehalten und dann unter dem Titel „Einführung ins Christentum" veröffentlicht hat, heißt es: „Die konkrete Einheit des gemeinsamen, im Wort sich bezeugenden Glaubens gehört wesentlich zu dem Zeichen, welches die Kirche aufrichten soll in der Welt. Nur als ,katholische', das heißt in der Vielheit dennoch sichtbar eine, entspricht sie der Forderung des Bekenntnisses. Sie soll in der zerrissenen Welt Zeichen und Mittel der Einheit sein, Nationen, Rassen und Klassen überschreitend."
   Im Blick auf diese Bestimmung der Einheit der ganzen Christenheit dürfen evangelische Christen sagen, dass auch wir Teil der einen allgemeinen (d.i. katholischen) und apostolischen Kirche sind - aber eben der Teil, der durch die Reformation geprägt ist und mit aller Bestimmtheit an dem einen christlichen Bekenntnis festhält.
   Was der Professor Joseph Ratzinger einst gesagt und geschrieben hat, hat dann Papst Benedikt XVI. weitergeführt, indem er in der Enzyklika über die christliche Hoffnung ausführt: “Spe salvi facti sumus - auf Hoffnung hin sind wir gerettet, sagt Paulus zu den Römern und zu uns." Die „Erlösung", das Heil ist nach christlichem Glauben nicht einfach da. Erlösung ist uns in der Weise gegeben, dass uns Hoffnung geschenkt wurde, eine verlässliche Hoffnung, von der her wir unsere Gegenwart bewältigen können: Gegenwart, auch mühsame Gegenwart, kann gelebt und angenommen werden, wenn sie auf ein Ziel zuführt und wenn wir dieses Ziels gewiss sein können und wenn dieses Ziel so groß ist, dass es die Anstrengung des Weges rechtfertigt. Wird Vielfalt, wie sie sich in unterschiedlichen Ausprägungen der verschiedenen Kirchen darstellt, nicht nur als Last, sondern auch als Reichtum verstanden und auch als Reichtum gelebt, so sind für den gemeinsamen Weg in die Zukunft die Aufgaben gestellt, Vielfalt auf Einheit und Einheit auf Vielfalt zu beziehen und beide zu kraftvollem gemeinsamem Bekenntnis und Zeugnis zusammenzufassen. Daraus mag dann versöhnte Verschiedenheit erwachsen, wie es nach der ökumenischen Leitlinie des Lutherischen Weltbundes heißt.
  Papst Benedikt XVI. hat auch in diesen Tagen mehrfach auf das Vermächtnis seines Vorgängers Papst Johannes Paul II. verwiesen. Darum darf daran erinnert werden, wie dieser am 17. November 1980 die gemeinsame Aufgabe beschrieben hat, die den (noch) getrennten Kirchen verpflichtend gestellt ist. Während der ökumenischen Begegnung in Mainz sagte er: „Alle Dankbarkeit für das uns Verbleibende und Verbindende darf uns nicht blind machen für das, was immer noch trennend zwischen uns steht. Wir müssen es möglichst miteinander ins Auge fassen, nicht um Gräben zu vertiefen, sondern sie zu überbrücken. Miteinander sind wir gerufen, im Dialog der Wahrheit und der Liebe die volle Wahrheit im Glauben anzustreben."
   Beide Kirchen haben die Vorbereitung des 500. Jubiläums der Reformation im Jahr 2017 ins Auge gefasst. Es gibt erste Überlegungen, wie dieses Fest nicht als Zeichen der Trennung, sondern als Aufruf zu starker Gemeinschaft in der ganzen Christenheit gestaltet werden könnte. Dazu gehört ein gemeinsames Unternehmen, in dem evangelische und katholische Theologen eine kommentierte Ausgabe von Luthers 95 Thesen miteinander als füreinander gültige Botschaft zu bestimmen suchen.
   Haben katholische und evangelische Christen im Gottesdienst, der im Augustinerkloster in Erfurt stattfand, das evangelische Lied „Nun singe Lob, du Christenheit" gesungen, so ist dadurch ausgesprochen, was in der Epistellesung aus dem Philipperbrief so lautet: „In Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient." Es eint uns die Überzeugung, wie sie Papst Benedikt XVI. für seinen Besuch in Deutschland ausgesprochen hat: „Wo Gott ist, da ist Zukunft." Darum ist wahr: „Was uns verbindet, ist stärker als alles, was uns (noch) trennt."
   Der Verfasser war von 1970 bis 1988 Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers. Von 1979 bis 1985 stand er als Vorsitzender an der Spitze des Rates der EKD. FAZ111004

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Streitbarer Präsident: Bischof Munib A. Younan mit seiner Frau Suad Yacoub.
Der palästinensische Bischof Younan wurde in Stuttgart an die Spitze des Lutherischen Weltbundes gewählt

   Der Palästinenser Munib A. Younan ist seit 1998 Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Er wurde auf der in Stuttgart tagenden 11. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) zum neuen Präsidenten des rund 70 Millionen Christen umfassenden konfessionellen Dachverbandes gewählt. Er ist Nachfolger des US-amerikanischen Bischofs Mark Hanson (63).
   Younan, der im Herbst seinen 60. Geburtstag feiert, stammt aus einer palästinensischen Familie. Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 floh sein Vater aus Beerscheba nach Jerusalem. Younan wuchs in der Altstadt von Jerusalem auf und besuchte die evangelische Schule. Nach dem Studium der Theologie in Finnland und den USA und bis zur Übernahme des Bischofsamts war er Pfarrer in Beit Jalla und Ramallah im besetzten Westjordanland. Die Kirchen müssen sich Younan zufolge mehr engagieren gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamophopie und im Kampf gegen Aids. Zur Konfliktregion Nahost sagte er, durch interreligiösen Dialog sei auch eine Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern möglich. HA100726epd

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Die sichtbaren Bande der Einheit festigen. Ansprache von Benedikt XVI.
Foto: Bischof Munib Younan überreichte dem Heiligen Vater als Geschenk eine originelle Krippe.

Lieber Bischof Younan, liebe lutherische Freunde!
   Ich freue mich, Sie, die Vertreter des Lutherischen Weltbundes, anlässlich Ihres offiziellen Besuches in Rom zu begrüßen. Bischof Munib Younan und Pfarrer Martin Junge spreche ich zu ihrer Wahl zum Präsidenten bzw. Generalsekretär meine herzlichen und besten Wünsche aus zusammen mit meinen Gebeten für ihren Auftrag.
 Vor fünf Jahren, zu Beginn meines Pontifikats, konnte ich zu meiner Freude Ihre Vorgänger empfangen und meiner Hoffnung Ausdruck geben, dass die engen Kontakte und der intensive Dialog, welche die ökumenischen Beziehungen zwischen Katholiken und Lutheranern gekennzeichnet haben, weiter reiche Früchte tragen mögen. Wir können dankbar Bilanz ziehen über die bedeutsamen Ergebnisse, die in diesen Jahrzehnten bilateraler Diskus- sionen erzielt wurden. Mit Gottes Hilfe ist es möglich gewesen, dank des theologischen Dialogs und praktischer Zusammenarbeit, besonders auf der Ebene der Ortsgemeinden, langsam und geduldig Barrieren abzubauen und die sichtbaren Bande der Einheit zu festigen.
   Im letzten Jahr wurde der 10. Jahrestag der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre begangen, die sich als ein bedeutsamer Schritt auf dem schwierigen Weg zur Wiederherstellung der vollen Einheit zwischen Christen und als ein Ansporn zur weiteren ökumenischen Diskussion erwiesen hat. In diesen Jahren, die zum 500. Jahrestag der Ereignisse von 1517 hinführen, sind Katholiken und Lutheraner dazu aufgerufen, erneut darüber nachzudenken, wohin uns unser Weg zur Einheit geführt hat, und den Herrn inständig um seine Leitung und Hilfe für die Zukunft zu bitten. Mit Freude nehme ich zur Kenntnis, dass aus diesem Anlass die Internationale Lutherisch / Römisch-katholische Einheitskommission einen gemeinsamen Text vorbereitet, der dokumentieren wird, was Lutheraner und Katholiken an diesem Punkt in Bezug auf unsere engeren Beziehungen nach nunmehr fünf Jahrhunderten der Trennung gemeinsam sagen können. Zur weiteren Klärung des Kirchenverständnisses, das heute der Hauptschwerpunkt des ökumenischen Dialogs ist, studiert die Kommission das Thema Taufe und wachsende kirchliche Gemeinschaft. Ich hoffe, dass diese ökumenischen Aktivitäten Katholiken und Lutheranern neue Gelegenheiten bieten werden dadurch zu wachsen, dass sie im Leben, im Zeugnis des Evangeliums und in ihren Bemühungen, das Licht Christi in alle Bereiche der Gesellschaft zu tragen, einander näher kommen.
   In diesen Tagen der freudigen Vorbereitung auf das Weihnachtsfest wollen wir einander Vertrauen schenken und unsere gemeinsame Suche nach Einheit dem Herrn anvertrauen, der selbst die echte Neuigkeit ist, die alle unsere menschlichen Erwartungen übertrifft vgl. Irenäus, Adv. Haer., IV, 34,1.
Der Friede und die Freude dieser weihnachtlichen Zeit sei mit Ihnen allen! OR110107

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Papst reist Ende Oktober nach Schweden - Vor kurzem traf der Papst eine lutherische Gruppe im Vatikan
   Papst Franziskus wird am 31. Oktober an dem Gedenken zur Reformation in der schwedischen Stadt Lund teilnehmen. Das kündigte der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen zusammen mit dem Lutherischen Weltbund an diesem Montag an. Demnach wird der Papst zusammen mit dem Präsident des Weltbundes, Munib Younan, und dem Generalsekretär desselben Bundes, Martin Junge, einer gemeinsamen Gedenkfeier vorstehen.
   Wie die gemeinsame Mitteilung ankündigt, wird in Lund des 500. Gedenktages der Reformation für 2017 gedacht. Dabei sollen vor allem die Fortschritte im ökumenischen Dialog zwischen Katholiken und Lutheranern unterstrichen werden. Die gemeinsame ökumenische Feier stütze sich auf die Richtlinien des Dokuments
„Common Prayer“ (Gemeinsames Gebet), das vor kurzem veröffentlicht wurde.
   Generalsekretär Junge sagte zu der geplanten ökumenischen Gedenkfeier: „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass der Einsatz für die Wiederversöhnung zwischen Lutheranern und Katholiken ein wichtiger Beitrag ist für die Gerechtigkeit, den Frieden und die Versöhnung in der heutigen Welt, die von so vielen Konflikten und Gewalt gekennzeichnet ist.“
   Der Ökumene-Verantwortliche im Vatikan, der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch, unterstrich, dass es sich nicht nur um eine pragmatische Annäherung handle, sondern dass das gemeinsame Gedenken auch „einen tiefen Sinn des Glaubens im gekreuzigten und wiederauferstandenen Christus“ habe.
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„Dialog mit Lutheranern geht voran“
   Im Dialog zwischen Katholiken und Lutheraner geht es nach Ansicht von Papst Benedikt XVI. vorwärts. Die Gespräche der letzten Jahrzehnte hätten „viele bedeutende Früchte“ getragen, sagte der Papst dem Präsidenten des lutherischen Weltbundes, Bischof Munib Younan im Vatikan. Praktische Kooperation und theologischer Dialog hätten ermöglicht, bilateral Hindernisse abzubauen und sichtbare Zeichen der Einheit zu schaffen, führte der Papst weiter aus. Weiter würdigte der Papst die Unterzeichnung der Gemeinsamen Rechtfertigungslehre, deren zehnjähriges Jubiläum im Jahr 2009 begangen wurde; sie sei „bedeutender Schritt“ hin zu voller Einheit der Christen und Anregung zu weiterem Dialog. 101216rv

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Reformierte Weltgemeinschaft verlegt 2014 ihren Sitz von Genf nach Hannover

    Die Weltgemeinschaft Reformierter Christen (WCRC) setzt sich aus 226 reformierten, presbyterianischen und kongregationalistischen sowie unierten Gemeinden in 108 Staaten zusammen. Zu ihnen gehören etwa 80 Millionen Christen weltweit, damit ist die WCRC die größte protestantische Weltorganisation. Die WCRC hat seit 1948 ihren Sitz in Genf, zuvor war sie in Edinburgh beheimatet.
   Vor allem finanzielle Gründe sprechen für den geplanten Wegzug des reformierten Dachverbands aus Genf. Die Entscheidung wurde vom Generalsekretär der Organisation, Setri Nyomi, Ghana, Foto, während der Synode der EKD in Timmendorfer Strand bekannt gegeben worden. Die reformierte Weltgemeinschaft beruft sich nicht auf Martin Luther als ihren Gründer, sondern steht in der Tradition von Johannes Calvin und Huldrych Zwingli.
   Pastor Martin Goebel von der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Hannover hatte im Vorfeld der Entscheidung gegenüber der HAZ gesagt, er verspreche sich von der Entwicklung einen enormen Schub für seine Ge- meinde. „Die Idee ist hoch attraktiv, denn die Wahrnehmung unserer Gemeinde würde eine andere werden“, sagte Goebel. In einer stark lutherisch geprägten Region stehe seine nur 5.300 Mitglieder zählende Gemeinschaft am Rande. In Deutschland hat die reformierte Gemeinschaft etwa 180.000 Mitglieder in 153 Gemeinden - insbesondere in Ostfriesland, Lingen, Nordhorn und  Detmold. Präsident des WRCR ist seit 2010 der Pesbyterianer Jerry Pillay aus Südafrika.  HAZnetEKD121106MichaelMBerger

Mark Hanson   ev-PräsLWB-x ev-IshmaelNokoLWBsekr-z2    Ishmael Noko

   Zerreißprobe für die Lutheraner. Bischof Mark Hanson, Präsident LWB, Ishmael Noko, Generalsekretär LWB.
Der Lutherische Weltbund stemmt sich gegen einen ähnlichen Zerfallsprozess, wie er derzeit in der anglikanischen Weltgemeinschaft stattfindet. Schon eine Vertagung des Konflikts über homosexuelle Pfarrer wäre ein Erfolg.

  Ein einziges Mal hält Ishmael Noko inne und tupft sich mit einem Tuch fiktive Schweißperlen von der Stirn. Der Rest seines Vortragsmanuskripts ist nicht länger als eine Seite. Es könnten die wichtigsten elf Sätze seiner 16 Jahre währenden Amtszeit sein. Der scheidende Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes (LWB) schlägt den Delegierten, die aus aller Welt nach Württemberg angereist sind, vor, die Vollversammlung möge über „Herausforderungen im Blick auf Fragen der Ehe, der Familie und der Sexualität” keine eingehende Beratungen anstellen. Das Wort „Homosexualität”, kommt Noko nicht über die Lippen.
   Und doch ist der Umgang der Kirchen mit Homosexualität diejenige Frage, welche die Gemeinschaft der 70 Millionen Lutheraner in den 145 Mitgliedskirchen des LWB an den Rand einer Spaltung bringt. Vor allem die Kirchen aus Afrika wollen nicht akzeptieren, dass sich Kirchen des Nordens entschließen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu segnen, homosexuelle Theologen zu ordinieren oder sogar in Bischofsämter zu wählen. Manche Delegierte aus Europa und Nordamerika halten den Widerstand aus dem Süden für ignorant, was dort als „eurozentristisch" gilt.
   Die Gegner begründen ihre Ablehnung der Homosexualität über Schriftstellen: Schwuler Sex sei schlicht verwerflich. Unter den Afrikanern dürfte dabei allerdings auch ein Ressentiment gegenüber den Europäern mitschwingen, mit dem der LWB seit langem zu kämpfen hat. Sie verweisen darauf, dass die Europäer mit großer moralischer Orchestrierung Dinge tun, über die Missionare vor Jahren noch das Gegenteil lehrten. Und es gibt noch eine dritte Erklärung des Konflikts: Die lutherischen Kirchen des Südens stehen in harter Konkurrenz mit dem Islam oder charismatischen Kirchen. Durch rigide Moralvorstellungen bezüglich Ehe, Alkohol und Fleiß befördern diese religiösen Strömungen den sozialen Aufstieg ihrer Mitglieder. Das Gerücht, Homosexualität zu fördern, geriete für Lutheraner in dieser Umgebung zum Wettbewerbsnachteil.
  Auch deshalb hat Anfang des Jahres die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania, die im vergangenen Jahr laut LWB-Statistik um 670.000 auf 5,3 Millionen Mitglieder gewachsen ist, einen Brief versandt, der die Gerüchte über den Zerfall des Weltbundes befeuerte. Mit eigentümlichen Stolz kündigte die zweitgrößte LWB-Kirche darin an, kein Geld mehr von Kirchen anzunehmen, die gleichgeschlechtliche Paare segnen.
   Gebannt blicken die Delegierten deshalb auf den Mann, der sich unmittelbar nach Ishmael Nokos Appell, nicht über Homosexualität zu verhandeln, zum Mikrofon begibt. Es ist Elisa Buberwa, Bischof von Tansania. Sein weites schwarzes Kollarhemd aus seidigem Stoff fällt ihm fast bis zu den Knien herab. Der hagere Bischof ist eine Erscheinung von schlichter Eleganz. Sollte er dem Generalsekretär widersprechen und den Konflikt schüren - die Spaltung des Weltbundes wäre mit Händen zu greifen. Buberwa kommt ohne lange Umschweife auf den entscheidenden Abschnitt der Rede des Generalsekretärs zu sprechen. Er verstehe Nokos Appell als Mahnung zur Geduld. Dann die Entwarnung: Auch Tansania wolle energisch raten: „Dass wir uns beeilen, ist nicht nötig. Es ist wichtig, dass wir gemeinsam voranschreiten." Sonst sei nicht glaubwürdig, dass die Kirche die Einheit der Menschen stär- ken könne.
   Eine Spaltung des LWB scheint mit diesem Statement gleich zu Beginn der Vollversammlung abgewendet. Die Vorarbeit Nokos bei seinen afrikanischen Kollegen in den Monaten vor dem alle sieben Jahre stattfindenden Treffen wäre somit von Erfolg gekrönt. Buberwa tritt dafür ein, das Ende des 2007 begonnen Konsultationsprozess über Sexualität im Jahr 2012 abzuwarten. Der schwelende Konflikt soll also ein weiteres Mal vertagt werden. Aber Buberwa formuliert etwas gewunden die Bedingung Tansanias: Alle LWB-Kirchen sollten sich dem Ruf zur Geduld unterordnen und keine „Entscheidungen in eine Richtung" fällen.
   Angesprochen dürfen sich davon Schweden und Amerikaner fühlen. Die Schweden haben vor kurzem für die Trauung Homosexueller einen Ritus entwickelt. Sie waren dazu als de-facto-Staatskirche allerdings durch ein Gesetz genötigt worden. Übler wird ihnen von den Afrikanern genommen, dass die im vergangenen November gewählte Bischöfin von Stockholm schon vor ihrer Wahl kein Hehl daraus machte, dass sie mit einer Frau zusammenlebt. Die Verabredung im LWB, über „Ehe, Familie und Sexualität" zunächst nur zu beraten, wurde von den Schweden ignoriert. Die Amerikaner wiederum haben im vergangenen Jahre ihre - in der kirchlichen Praxis allerdings oftmals umgangene - Regelung, dass homosexuelle Pastoren zölibatär leben müssen, dahingehend geändert, dass diese fortan mit ihren Partnern zusammenleben dürfen, solange die betreffende Kirchengemeinde nichts dagegen einzuwenden hat. In Scharen laufen seither die Gläubigen der Kirche des LWB-Präsidenten Bischof Mark Hanson davon. Der Konflikt spiegelt auch einen Graben in der amerikanischen Gesellschaft: In den Seminaren der großen Städten werden äußerst progressive junge Theologen herangezogen, die dann in die Landgemeinden nachrücken und dort auf Gläubige stoßen, die lieber konvertieren als sich auf die neue Färbung einzulassen. Der Kampf der Kulturen innerhalb des Lutherischen Weltbundes ist somit mitnichten allein ein Nord-Süd-Konflikt. Selbst die lutherischen Landeskirchen in Deutschland sind im Umgang mit Homosexualität uneins: Hier die mehrheitlich konservativen Württemberger, dort die progressive nordelbische Kirche, die bereits einen Schwulen als Kandidaten für ein Bischofsamt nominiert hatte.
   Seit der mit einem Mann in einer eingetragenen Partnerschaft lebende Anglikaner Gene Robinson 2003 zum Bischof von New Hampshire gewählt worden ist, wird die anglikanische Gemeinschaft, in Größe, Struktur und Geschichte den Lutheranern nicht ganz unähnlich, ihrer Spaltungen nicht mehr Herr. Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury und spirituelles Oberhaupt der Anglikaner, hat die Kontrolle über die Lage verloren. Die Entscheidung des Lutherischen Weltbundes, das Hauptreferat zum Tagungsmotto „Unser tägliches Brot gib uns heute" von Rowan Williams halten zu lassen, entbehrt deshalb nicht einer gewissen Ironie - zumal sich LWB-Präsident Mark Hanson und Rowan Williams frappierend ähnlich sind: Mit ihren weißen Bärten, dem schütterem Haar und einer leicht gebeugten Schreibstubenhaltung erfüllen sie schon äußerlich das Klischee des linksliberalen Intellektuellen. Zudem pflegen der renommierte Oxford-Patristiker Williams und der Chicagoer Bischof denselben hochdifferenzierten Zugang zu ihrer theologischen Tradition - ein Zugang, der freilich nicht überall verstanden und geschätzt wird.
  Gleichwohl scheint Mark Hanson zum Abschluss seiner Amtszeit im Vergleich zu Williams die bessere Strategie gewählt zu haben: Statt den Konflikt wie Williams mit einer wenig gelungenen Mischung aus Schweigen und Repression gegenüber den Befürwortern der Homosexuellen-Emanzipation zu begegnen, zieht Hanson mit Leidenschaft und Offenheit gegen die drohende Spaltung zu Felde: „Ich habe große Sorge, dass wir an einem Abgrund stehen," warnt der scheidende Präsident. 2017, das 500jährige Reformationsjubiläum, dürfe nicht zum Jahr einer Kirchenspaltung werden. Statt auf eine Autorität, die er nicht hat, stützt sich Hanson auf einen Grundgedanken der lutherischen Reformation: Die Einheit der Kirche besteht in erster Linie nicht in moralischen Lehren und menschlichen Riten, sondern im richtigen Verständnis des Evangeliums: Gerechtigkeit nicht aus Werken, sondern allein aus Glauben.
   Falls bis zum Abschluss der Vollversammlung keine Rebellion erfolgt, haben Hanson und Noko gemeinschaftlich bewiesen, dass das innere Band des Bekenntnisses weiterhin Menschen über Kulturschranken zu verbinden vermag. Gleichwohl: Mehr als einen Aufschub haben sie nicht erreicht. Wenn der LWB Glück hat, wird künftig die Einsicht größer, dass es für religiöse Gemeinschaften wichtigere Fragen gibt als die Homosexualität. Auch bei der Frauenordination, die der LWB mit Nachdruck befürwortet, werden manche Rückschritte (Lettland etwa hat sich entschieden, die Ordination von Frauen einzustellen) durch zahlreichere Fortschritte überwogen.
FAZ100723ReinhardBingener

be-159-RowanW-cdKa-etrJohnP cd-KurtKochBasel-1z

Ökumene ist in Rom selbstverständlich geworden, aber noch immer nicht ohne Irritationen

   Mit einer Feier, an der auch das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche, der Erzbischof von Canterbury Rowan Williams, teilnahm Foto links, hat unlängst der „Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen" auf fünfzig Jahre Geschichte zurückgeblickt. Aus einer in Deutschland geborenen Idee, die Papst Johannes XXIII. aufgriff, während viele in der Kurie schon bei Nennung des Begriffes „Ökumene" aufschreckten, ist im Lauf der Zeit eine der wichtigsten Institutionen der Kurie geworden. Ökumene ist heute so selbstverständlich, dass der Nachfolger des deutschen Kurienkardinals Walter Kasper auf dem Foto links oben 3. v. l. nach nur wenigen Monaten in Rom auch mit der Kardinalswürde ausgezeichnet wurde: Kurt Koch, der 1950 im Kanton Luzern geborene frühere Bischof und Noch-Administrator des Bistums Basel Foto rechts.
   Benedikt XVI. habe auf seinen Wechsel nach Rom gedrungen, weil er einen Mann suchte, „der die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen aus eigener Erfahrung kennt", sagte der Schüler des protestantischen Theologen Wolfhart Pannenberg dieser Zeitung. In der Schweiz pflegte Koch einen unverkrampften Umgang mit den evangelischen Christen aus den verschiedenen Traditionen von Luther über Zwingli bis Calvin. Wie sein Vorgänger Kasper möchte er jetzt in Rom dem Verdacht entgegenwirken, seine Kirche behindere Ökumene. „Dabei gehen doch viele Strömungen gerade in der evangelischen Kirche weit hinter das zurück, was wir gemeinsam erarbeitet haben", sagt der Kardinal.
   So sei er über ein Papier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) über das Amtsverständnis erschrocken. Nach seiner Lesart gebe es dort einen Begriff von Ordination, der sich nicht aus theologischen, sondern aus arbeitssoziologischen Quellen speist: Wer nur als Teilzeitpastor arbeite, werde nicht ordiniert. „In Anbetracht dieses Amtsverständnisses scheinen dreißig Jahre ökumenischen Dialogs spurlos an der evangelischen Kirche vorübergegangen zu sein", meint Koch. Ein EKD-Papier über Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis kommt ihm schroff vor. „Die Kirchengemeinschaft setzt eine Gemeinschaft des Bekenntnisses voraus und nicht umgekehrt", argumentiert der Schweizer Kardinal. Das ökumenische Ziel einer „versöhnten Verschiedenheit" werde in der EKD mit verschiedenen Inhalten gefüllt. Es gebe Diskussionsbedarf, doch sei unklar, „wer mein Adressat ist, von wem ich verbindlich hören kann, was die Kirche verbindlich denkt".
   Johannes Paul II. hatte 1995 in seiner Enzyklika Ut unum sint formuliert, das ökumenische Bemühen sei „unumkehrbar und unwiderruflich". Und schon in seiner ersten Botschaft nach seiner Wahl 2005 äußerte Benedikt XVI., es sei seine „vorrangige Pflicht, unermüdlich daran zu arbeiten, die volle und sichtbare Einheit aller Jünger Jesu zu erreichen", auch „wenn man sich nicht auf dem kleinsten Nenner" einigen solle, wie er unlängst sagte.
FAZ101220JörgBremer

fr-72-pan-Zz    Ehrenprimat des Papstes    Ök--UlrichFischer-x

   Ungewöhnlicher Vorstoß eines deutschen evangelischen Kirchenmannes: Der Bischof der Evangelischen Landes- kirche in Baden, Ulrich Fischer Foto oben, hat sich für die Anerkennung eines Ehrenprimats des Papstes auch unter den evangelischen Bischöfen ausgesprochen. In einem Festgottesdienst zum 450. Todestag des Reformators Philipp Melanchthon erinnerte er in Wittenberg daran, dass auch Melanchthon erklärt habe, dass er „den päpst- lichen Primat über die Bischöfe nach menschlichem Recht anzuerkennen bereit wäre.“ Das habe dem Reformator seinerzeit viel Ärger eingebracht. „Die Anerkennung eines Ehrenprimats des Papstes ist übrigens bis heute ein höchst anstößiger, aber für die weitere ökumenische Debatte fruchtbarer Gedanke“, sagte das Ratsmitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wörtlich. Vor etwa 15 Jahren habe Papst Johannes Paul II. den Vorschlag eines Ehrenprimats des Papstes erneut in die ökumenische Debatte eingebracht. „Zu Unrecht“, so Fischer, habe dieser Vorschlag auf evangelischer Seite kaum positive Reaktionen hervorgerufen. Badens Landesbischof Ulrich Fischer ist auch Vorsitzender der Union Evangelischer Kirchen, des Dachverbandes der unierten und reformierten Landeskirchen in der EKD. rv100418kipa 

Eine Neubewertung des Papstamtes
   durch die lutherischen Kirchen ist nach Auffassung einer Expertengruppe unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Es werde allerdings lange dauern, bis evangelische Kirchen das Vertrauen gewonnen hätten, dass der Papst von seiner Gewalt nur subsidiär und in Ausnahmefällen Gebrauch machen werde, sagte der evangelische Theologe Theodor Dieter in Erfurt. Der Leiter des Straßburger Instituts für Ökumenische Forschung äußerte sich bei der Vorstellung des Dokuments einer nach dem Tagungsort benannten „Gruppe von Farfa Sabina“ mit dem Titel: „Gemeinschaft der Kirchen und Petrusamt. Lutherisch-katholische Annäherungen“. Der Erfurter katholische Bischof Joachim Wanke und der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands(VELKD), Landesbischof Friedrich Weber, begrüßten das Dokument. Beide hoben hervor, dass die Frage des Papstamtes entscheidend mit dem jeweiligen Selbstverständnis der Kirchen zusammenhänge. RV110106kna

   Für einen Ausstieg der evangelischen Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung nach staatlichen Vorgaben plädiert der Stuttgarter Ethik-Professor Rainer Mayer. Dass staatlich anerkannte Beratungsstellen eine Bescheinigung ausstellen müssen, die Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung ist, sei weder mit dem christlichen Glauben noch mit dem Grundgesetz vereinbar, sagte er bei einem Studientag der württembergischen Pfarrer-Arbeitsgemeinschaft „Confessio“ in Stuttgart. Kirchliche Stellen, die in das staatliche Pflichtberatungssystem eingebunden seien, beteiligten sich „an der Korrumpierung des Rechtssystems zum Schaden der gesamten Gesellschaft“. Der Theologe forderte die evangelische Kirche auf, nach anderen Wegen zu suchen, um Frauen in schwieriger Situation soziale und materielle Hilfen anzubieten. - Die katholische Kirche in Deutschland war im Januar 2001 aus dem Beratungssystem ausgestiegen, nachdem Papst Johannes Paul II. 1999 die Anweisung dazu gegeben hatte. RV100812idea

„Ihr seid mir von Herzen nah." be-100evangGRom-xxx

Der Besuch von Papst Benedikt XVI. bei den deutschsprachigen Protestanten in Rom
wird zu einer Botschaft für die Ökumene. Foto: Der Papst hört der Predigt von Pastor Jens-Martin Kruse zu.

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Von vielen Seiten wegen des Skandals um sexuelle Übergriffe auf Minderjährige kritisiert, fand Papst Benedikt XVI. ausgerechnet in der lutherischen Christuskirche von Rom eine Stunde der Zuwendung. Während des gemein- samen Abendgebetes, der Vesper, beklagt das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, dass die Trennung der Kirchen „die eine Botschaft von Gottes Offenbarung verdunkelt".
   Schon bei der Planung des Papstbesuches hatte es keine Misshelligkeiten zwischen den deutschen Protestanten und dem „Bischof von Rom" gegeben; eher das Bedauern, dass die Freundschaft nicht tiefer gehen kann. Es ist zwar erst das zweite Mal, dass überhaupt ein Papst eine evangelische Kirche besucht. Johannes Paul II. hatte dasselbe Gotteshaus im Jahr 1983 aus Anlass des 500. Geburtstages des Reformators Martin Luther besucht. Aber schon heißt es: Jeder Papst besucht die deutschen Protestanten in seinem Rom.
   „Es entspricht ja auch nur dem Geist guter Nachbarschaft, wenn der Papst in diese Kirche seines Bistums kommt", hatte Kurienkardinal Walter Kasper vorab der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesagt. Dabei gibt es in Gestalt der Waldenser und anderer evangelischer Gruppen mitgliederstärkere Kirchen der Reformation in Italien. „Aber mit der ältesten Gruppe, den Waldensern, ist das schwierig", sagte Kardinal Kasper. „Ihr Selbstverständnis ist bis heute weitgehend geprägt von der Verfolgung durch die katholische Kirche. Ihre Theologie ist von unserer weiter entfernt als die deutscher Protestanten. Aber sollten sie uns einladen, dann wird sich der Papst das gewiss überlegen." Es gibt in Italien annähernd 50.000 Waldenser; die deutsche Gemeinde in Rom zählt 350 Mitglieder.
 Mithin entscheidet nicht die Zahl, sondern die theologische Nähe, die schon der polnische Papst hatte spüren können und die der jetzige Papst erkennen lässt, wenn er sich in seinen Schriften mit dem Protestantismus Schulter an Schulter reibt. Die deutschen Protestanten und den Papst verbindet zudem persönliche Zuneigung. 1998 hatte Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation die Kirche erstmals offiziell besucht, um an einem Podiumsgespräch mit dem Berliner EKD-Vorsitzenden Wolfgang Huber teilzunehmen. Aber vor der Wahl zum Papst kam Ratzinger manchmal in die deutsche Kirche, um ohne Aufsehen ein Konzert zu hören. Dann traf er auf seine Übersetzerin, ein Mitglied der Gemeinde, und andere Bekannte. An diesem Sonntag ist es nicht anders.
   Der Papst scheint sich wohl zu fühlen, weil ihn die Gemeinde zwar als „Heiligen Vater" begrüßt, aber damit keine Distanz schafft, sondern ihn selbstbewusst auch als ihren Hirten aufnimmt. Die Vorsitzende des Gemeinderats verweist auf die Taufschale der Kirche, in die die Inschrift des Baptisteriums der Lateransbasilika graviert ist: „Eine Taufe, ein Geist, ein Glaube" - heißt es dort auf Lateinisch. Das soll erklären, dass sich der Protestantismus nicht nur auf die Reformation bezieht, sondern auch auf das Verständnis der Taufe von Petrus und Paulus. Ein Foto der Taufschale, die zunächst in der Kapelle der kaiserlichen Gesandtschaft, der Vorgängerkirche, stand, als die Päpste dem Protestantismus noch eine eigene Kirche in Rom verboten, wird Benedikt XVI. als Gastgeschenk mit in den Vatikan nehmen.
   Der Papst nimmt diese Assoziation auf und schenkt die Kopie des Christus-Mosaiks aus dem 9. Jahrhundert aus der „Pallien-Nische" unter dem Hauptaltar von St. Peter über dem Petrusgrab zurück, als wolle er sagen: „Ihr seid mir als dem Nachfolger Petri von Herzen nah." Aber das ist nur ein Herzenswunsch. Denn sein theologischer Verstand sieht das Trennende. So ist trotz heiterer Chorwerke von Mozart und Bach Wehmut spürbar, als der Papst predigt.
   Seid dankbar, dass „es so viel Einheit" in der Ökumene gibt, sagt der Papst. Denkt er bei diesen Worten an die bisherige EKD-Ratsvorsitzende Käßmann, die gesagt hatte, von diesem Papst sei in Bezug auf Ökumene nichts zu erwarten? „Dass wir nicht den gleichen Kelch trinken können, nicht am gleichen Altar stehen, muss uns mit Trauer darüber erfüllen, weil wir Schuld auf uns laden und die Botschaft verdunkeln", so fährt er in seiner weitgehend frei gehaltenen Predigt fort. Aber die Christenheit wisse, dass nur Gott selbst Einheit schenken kann: „Eine Einheit, die wir aushandeln würden, wäre vom Menschen gemacht und so brüchig wie alles, was Menschen machen." In der Gemeinde heißt es später, diese Ehrlichkeit sei bewundernswert: „So kann nur sprechen, wer sich zu Hause fühlt." In der Wohnung von Pastor Jens-Martin Kruse segnet der Papst später wie ein Hausvater des Pfarrers kleine Kinder: „Vielleicht konnte die kleine evangelische Schwester ihrem großen katholischen Bruder etwas bei seiner Glaubenskraft helfen", resümiert Kruse, oder auch nur „eine deutsche Atempause" für den gehetzten Papst geben.  FAZ100316JörgBremer

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  "Wir hören heute viele Klagen, dass die Ökumene zum Stillstand gekommen ist", gestand der Papst offen ein. Die Spaltung verdunkle das gemeinsame Zeugnis der Christen. Sie sollten "traurig" darüber sein, dass sie nicht ge- meinsam Eucharistie feiern könnten. Katholiken und Protestanten forderte der Papst in der neobyzantinischen Kirche aus dem Jahr 1914 jedoch zugleich auf, froh darüber zu sein, "dass wir heute gemeinsam beten und mit- einander singen". Nach außen hin sollten sie weniger "Zank" zeigen und mehr von den bereits erreichten Fort- schritten. "Zu allererst sollten wir dankbar sein, dass es so viel Einheit gibt."
Schwierigkeiten in Italien unbekannt
   Unabhängig von mittlerweile zum Alltag der Ökumene gehörenden Klagen über mangelnde Fortschritte im Dialog zwischen den Kirchen forderte auch der Pfarrer der Christuskirche dazu auf "die Einheit, von der wir leben, sicht- barer und wirksamer werden lassen". Italienische Teilnehmer der abendlichen Vesper hielten den Dialog mit der Katholischen Kirche für eine Selbstverständlichkeit. Schwierigkeiten bei der Ökumene sind ihnen unbekannt.
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„Franziskus wird weiterentwickeln, was Benedikt anfing“
   „Die Begegnung war sehr freundlich und herzlich“: Das sagt der Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde von Rom, Jens Martin Kruse, gegenüber Radio Vatikan. Er hat an der Audienz im Vatikan teilgenommen. Franziskus bestätige die Eindrücke, die man in den letzten Tagen von ihm gewonnen habe, so Kruse, der in seiner Christus- kirche auch schon Papst Benedikt XVI., den Vorgänger von Franziskus, zu Gast hatte.
  „Er hat ganz klar betont, wie sehr ihm die Ökumene am Herzen liegt, und uns allen versichert, dass er auf diesem Weg weitergehen will. Das war für uns wichtig zu hören. Er hat aber auch sehr schöne Akzente zu den Juden und auch zu den Moslems und den anderen Religionen gesagt, wo man gemerkt hat: Ihm ist es wichtig, mit allen anderen gemeinsam dafür einzustehen, dass wir uns um die Menschen und die Probleme in dieser Welt kümmern.“
   Er vermute, dass der Papst „auch neue Akzente setzen wird, in Fortsetzung dessen, was Benedikt XVI. ange- fangen hat“. Da sei „ganz viel angelegt, was jetzt wachsen kann.“ Franziskus bringe eine „große Herzensweite mit, die Dinge jetzt zwischenmenschlich weiterzuentwickeln“. RV130320

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Foto links:EKD-Ratsvorsitzender Wolfgang Huber mit Georg Kardinal Sterzinsky, Berlin
Foto rechts: Papst Benedikt XVI. mit Walter Kardinal Kasper, Rom

   In der westeuropäischen, vor allem deutschen Öffentlichkeit ist immer wieder die Einschätzung zu hören, die intensive Beschäftigung des Vatikans mit den Kirchen des Ostens habe den Dialog mit den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchengemeinschaften in den Hintergrund treten lassen.
   Dieser Eindruck ist falsch. Schon gar nicht kann von einer ökumenischen Eiszeit die Rede sein. Aus der Sicht des Vatikans könnte Deutschland  mit  24 Millionen Protestanten und 25 Millionen Katholiken (von 1,4 Milliarden welt- weit) nur ein Land unter vielen sein.
  Die deutsche Situation ist in weltweiter Perspektive nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Deutschland ist das Ursprungsland der Reformation; das bringt sowohl historische Belastungen wie die Verpflichtung mit sich, in besonderer Weise auf die Überwindung der Probleme hinzuwirken.
   Auf Weltebene hat es der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen nicht nur mit „historischen” Kirchen der Reformation zu tun, sondern mit einer Vielzahl von zum Teil ebenfalls schon historischen Freikirchen.
   Insgesamt führt der Päpstliche Einheitsrat gegenwärtig 14 bilaterale Dialoge, mehr als jede andere Kirche. Von einer Eiszeit kann somit wirklich nicht die Rede sein. Realistischerweise muss aber doch von einer Ernüchterung gesprochen werden.
   Der bisherige Höhepunkt, die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung (1999), wird zugleich zum Wendepunkt. Die Differenzen im Kirchen- und Amtsverständnis mit ihren Konsequenzen für das Abendmahls- und Eucharistiverständnis erweisen sich als kurzfristig nicht überwindbar.
   Wir können, wie die Dialogpapiere eindeutig zeigen, über die Frage nach dem Wesen der Kirche heute viel Gemeinsames sagen, was wir so in der Vergangenheit meist nicht getan haben.
   Die offene Frage ist: Wo ist diese Kirche Christi? Wo ist sie konkret verwirklicht und auffindbar? Die evangelischen Christen sagen mit dem Augsburger Bekenntnis: Kirche ist überall dort, wo das Evangelium rein verkündet und die Sakramente evangeliumsgemäß verwaltet werden. Die Glaubenskongregation hat in der Erklärung Dominus Jesus (2000) und mit ihren „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich bezüglich der Lehre über die Kirche” (2007) diese Aussage nicht verneint. Aber sie hat sie ergänzt und auf die Aussage des Konzils ver- wiesen, wonach die Kirche Christi in der Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus und der Bischöfe in Ge- meinschaft mit ihm „subsistiert”.
Dieses „subsistiert” ist nicht einfach zu interpretieren.
   Es macht eine doppelte Aussage. Es sagt zunächst, dass die Kirche Christi in der katholischen Kirche bleibend da ist. Gleichzeitig stellt das „subsistit” eine Art Öffnungsklausel dar; es schließt nämlich ein, dass es auch außerhalb der institutionellen Grenzen der katholischen Kirche Elemente der wahren Kirche gibt, Elemente, durch die Jesus Christus in diesen Gemeinschaften heilswirksam gegenwärtig ist. Das „subsistit” nimmt also das Positive des evangelischen Kirchenverständnisses, die heilswirksame Gegenwart Christi durch Wort und Sakrament, auf; es vertritt keinen exklusiven Heilsanspruch. Die evangelischen Christen gehören zum Leib Christi. Die evangelischen Kirchen sind aber nicht in dem Sinn Kirche, wie die katholische Kirche ihr eigenes Kirchesein versteht, und sie wollen es bewusst auch nicht sein.
   Das wurde durch den Text bestätigt, den die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) als Antwort auf „Dominus Jesus” veröffentlicht hat: „Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis. Ein Votum zum geordneten Miteinander bekenntnisverschiedener Kirchen” (2001). Dieser Text ist nicht weniger schroff formuliert; im Vergleich mit ihm ist „Dominus Jesus” sogar ein ökumenisch geradezu freundliches Dokument.
   Die Unterschiede im Kirchenverständnis haben Folgen für das Abendmahls- und Eucharistieverständnis. Sowohl nach katholischem als auch nach traditionell lutherischem Verständnis gehören Kirchen- und Abendmahlsgemeinchaft untrennbar zusammen.
   Der Zusammenhang wird schon bei Paulus hergestellt, der sagt, dass die Teilnahme am einen Leib Christi in der Eucharistie auch Teilnahme an dem einen Leib Christi bedeutet, der die Kirche ist. Ein rein individualistisches Verständnis ist darum unseren beiden Traditionen fremd. Es gilt die Regel: Man gehört zu der Kirche, bei der man zur Eucharistie geht, und man geht in der Kirche zur Eucharistie, zu der man gehört.
Die Ära eucharistischer Gastfreundschaft oder gar einer allgemeinen offenen Einladung zur Eucharistie ist daher aus Sicht der katholischen Kirche noch nicht angebrochen.
   Das ist - ich habe es oft genug erfahren, und es ist mir oft mit tiefem Schmerz, manchmal auch mit großer Bitterkeit gesagt worden - für viele, besonders für konfessionsverschiedene Familien, enttäuschend. Ich habe nicht das Recht und sehe auch gar nicht die Möglichkeit, andere Regeln aufzustellen, als es meine Kirche tut. Aber ich weiß ebenso, dass man die persönliche Situation eines Einzelnen nie nur unter allgemeinen Regeln betrachten kann.
Was soll man hoffen?
   Der entscheidende Maßstab muss sein: Die Eucharistie ist ein Sakrament des Glaubens - nicht des individuellen, sondern des gemeinsamen Glaubens der Kirche. Eine allgemeine, unterschiedslose Einladung zur Kommunion ist darum nicht möglich, und wo sie ausgesprochen wird, ist sie nicht zu verantworten.
   Es kann aber Einzelsituationen geben, in denen evangelische Christen persönlich den Eucharistieglauben der katholischen Kirche teilen, bei der Doxologie am Ende des eucharistischen Hochgebets mit Überzeugung „Amen” sagen können zu dem, was in der eucharistischen Feier gesagt worden und geschehen ist, und die, etwa wenn die Kinder katholisch getauft wurden, praktisch in der katholischen Gemeinde zu Hause sind.
   Ich konnte als Bischof nie eine pastorale Praxis tadeln, die in solchen Einzelsituationen den Zugang zur Kommunion nicht verweigert. Aus solchen Einzelsituationen kann und darf man jedoch keine allgemeine, alle Unterschiede des Glaubens einebnende Praxis machen und allgemein zur Kommunion einladen.
   Man kann sich vielmehr fragen, warum bei uns die in vielen anderen Ländern übliche Praxis nicht angenommen wird, wonach nichtkatholische Christen zwar bei der Austeilung der Kommunion hinzutreten, durch über der Brust verschränkte Hände ihren Status deutlich machen und um den Segen bitten. Sie nehmen in der Weise an der Eucharistie teil, wie es in ihrer Situation angemessen ist. Ich halte dies für die ehrlichere Praxis. Warum will man bei uns immerzu nur und partout auf einem Alles-oder-nichts-Standpunkt bestehen?
   Gemeinsame  Stellungnahmen  von  Bischofskonferenz und EKD sind mittlerweile seltener als in den neunziger Jahren. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, ein „Gemeinsames Wort”, in dem es um lebensethische Fragen wie Abtreibung, Patientenverfügung oder Embryonenschutz ginge, käme heute nicht mehr zustande. Über Jahr- hunderte, ja bis in die jüngste Vergangenheit hinein gab es zwischen Katholiken und Protestanten keine signifikanten Unterschiede in den moralischen Überzeugungen. In der Zwischenzeit haben sich die katholische Kirche und die meisten protestantischen Kirchen in diesen Fragen leider auseinanderentwickelt. Bei der anglikanischen Gemeinschaft ist das gegenwärtig ganz offenkundig; es zeigt sich aber auch bei den traditionell konservativen Lutheranern.
Die beliebte Rede von dem „christlichen Menschenbild” wird dadurch nicht plausibler.
   Die Fragen, um die es geht, sind im eigentlichen Sinn das Wortes Lebens-Fragen: Empfängnisregelung, Abtreibung, aktive Sterbehilfe, die ethische Bewertung der Embryonenforschung, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und manches andere. In allen diesen Fragen ist das Spektrum der Meinungen auf evangelischer Seite erheblich und die Differenz zur katholischen Position deutlich.
   Das biblische Zeugnis scheint uns in den meisten dieser Fragen eindeutig zu sein. Deshalb muss man die evangelischen Partner fragen, wie ernst sie es mit der Verbindlichkeit der Schrift und dem Sola-Scriptura-Prinzip nehmen.
   Während die westlich geprägten traditionellen „Großkirchen” in Europa wie in den Vereinigten Staaten dramatisch schrumpfen und klassische Freikirchen wie die Baptisten eine erstaunliche Stabilität aufweisen, schießen vor allem in Lateinamerika, aber auch in Afrika wie in Asien sogenannte „pentecostal and charismatic churches” wie Pilze aus dem Boden.
   Mittlerweile werden sie als dritte Welle der Christentumsgeschichte bezeichnet - nach den Kirchen des ersten Jahrhunderts, Katholiken und Orthodoxen, sowie den Gemeinschaften, die im zweiten Jahrtausend direkt oder indirekt aus der Reformation hervorgegangen sind.
   Die klassischen Pfingstkirchen haben einen festen Lehrbestand, bei dem die Geisttaufe eine zentrale Rolle spielt; mit vielen von ihnen ist inzwischen ein seriöser Dialog möglich geworden. Dagegen haben die neueren Pfingstkirchen (Neopentecostals) keine verbindlichen Lehren, sie sind oft synkretistisch und neigen zu einem Evangelium innerweltlicher Prosperität. Sie finden sich - in den Großstädten oft in riesigen Megachurches - zu Gottesdiensten mit ekstatischen Elementen, mit Heilungen und Segnungen zusammen. Ein eigentlicher Dialog, außer einem Dialog des Lebens, ist hier kaum möglich.
  Die Religiosität der meisten neopentekostalen Gruppen mag westlichen Beobachtern seltsam irrational vorkom- men. Aber mit - nach einigermaßen seriösen Schätzungen - gut 400 Millionen Mitgliedern weltweit haben sie nicht nur die etablierten evangelischen Groß- und Freikirchen hinter sich gelassen. Sie finden auch in katholisch gepräg- ten Ländern Lateinamerikas viele Anhänger.
  Für westlich-europäisch geprägte Christen pflegen diese Gruppen eine wenig rationale Form der Religiosität. Sie versuchen, Menschen für sich einzunehmen, indem sie Emotionen wecken, in den großen Megachurches ein neues Gefühl der Zugehörigkeit wecken, innerweltliche Prosperität verheißen. Manchmal werden die Armen mit solchen Verheißungen auch einfach „abgezockt”, sie wandern dann enttäuscht von einer Gemeinde zur anderen.
  In anderen Fällen geht die „Bekehrung” mit einem anderen, ja besseren Leben einher: Männer schlagen ihre Frauen nicht mehr und bleiben auch bei ihren Frauen, schwören dem Alkohol ab, die Kinder profitieren von den stabileren Familienverhältnissen - sozialer Aufstieg ist möglich. Es genügt nicht, die Pfingstkirchen als Sekten zu kritisieren. Man muss nicht nur fragen, was bei ihnen falsch ist, sondern vor allem, wo es bei uns fehlt. Warum verlassen so viele Christen unsere Kirche? Was erwarten sie dort, was bei uns fehlt? Was können wir pastoral ändern und besser machen? In mancher Hinsicht ist die Attraktivität der neopentekostalen Gruppen ein Spiegel der Defizite der katholischen Kirche.
   Als sich ein Bischof bei Johannes Paul II. beklagte und sagte: “Wenn irgendwo eine Notsituation ist, sind die Sekten zur Stelle”, bekam er zur Antwort: “Warum sind Sie nicht da?” “Sie”, das meint nicht den Bischof persönlich, sondern Basisgruppen und Basisgemeinden, die - zumal bei dem dort herrschenden Priestermangel - von dafür geschulten Laien „moderiert” werden.
In der katholisch-lutherischen Ökumene gibt es derzeit nicht einmal einen allseits anerkannten Begriff für das Ziel.
   Es ist verständlich, dass die verschiedenen Kirchen je nach ihrem Kirchenverständnis unterschiedliche Zielvorstellungen haben. Die katholische Antwort lautet: volle Kirchengemeinschaft in Einheit  in Verschiedenheit im einen Glauben, denselben Sakramenten und in einem apostolischen Amt. Die evangelischen Kirchen berufen sich dage- gen meist auf das Augsburger Bekenntnis, das sagt, es genüge [satis est] zur Einheit Übereinstimmung in der Predigt des Evangeliums und in der evangeliumsgemäßen Verwaltung der Sakramente. Viele leiten daraus ab, dass es nicht nur in der Frage der Ämter, sondern auch in dogmatischen Formulierungen (etwa in der Abendmahlslehre) unterschiedliche Ausgestaltungen geben kann.
   In diesem Sinn ist auf evangelischer Seite in Europa ein Modell maßgebend geworden, das auf die „Leuenberger Konkordie” aus dem Jahr 1973 zurückgeht.
   Danach ist zwischen dem verbindlichen gemeinsamen Grund des Glaubens und der kirchlichen Gestalt zu unterscheiden; bei der kirchlichen Gestalt kann es einen Pluralismus in der Ausgestaltung der Ämter, aber auch in dogmatischen Auffassungen geben. So konnten die traditionellen Unterschiede zwischen Lutheranern und Reformierten in der Abendmahlsfrage als nicht mehr länger kirchentrennend bezeichnet werden. Im Grunde ist dies auch die Grundlage der EKD, zu der Kirchen lutherischen, reformierten Bekenntnisses und unierte Kirchen gehören.
  Im Rückblick muss man sagen, dass die Leuenberger Konkordie den Protestanten geholfen hat, viele Gräben untereinander zu überwinden. Sie hat freilich auch neue Gräben geschaffen, denn nicht alle lutherischen Kirchen anerkennen Leuenberg; manche Skandinavier etwa bevorzugen die Porvoo-Erklärung (1992), welche in der Amtsfrage eine eindeutigere Stellung bezieht zugunsten der bischöflichen Verfassung.
   Alles hat seinen Preis, auch Leuenberg. Das spezifisch lutherische und reformierte Profil verschwimmt immer mehr zugunsten eines gemeinsamen,  aber oft unscharfen protestantischen Selbstverständnisses.
   Um diese Gefahr des Substanzverlustes zu entgehen, aber wohl auch, um neben der katholischen Kirche einen eigenen Stand zu gewinnen, hat der Ratsvorsitzende der EKD, der Berliner Landesbischof Wolfgang Huber, das Programmwort von einer Ökumene der Profile in die Debatte geworfen.
   Dagegen ist so lange nichts einzuwenden, wie beide Konfessionen sich ihrer je eigenen Identität bewusst sind beziehungsweise diese sich wieder in Erinnerung rufen. Jeder Dialog setzt Partner mit eigenem Profil und eigener Identität voraus. Mit einer Schummelökumene und mit einem Wischiwaschi-Christentum ist niemandem gedient. Schwierig wird es freilich, wenn aus Profil Profilierung wird und Abgrenzung an die Stelle von Austausch der Gaben und Reichtümer tritt.
Kirche der Freiheit - ein großes Wort, ein hehrer Anspruch.
   Wenn das evangelische Eigenprofil „Kirche der Freiheit” lautet, dann ist das gut, sofern man Freiheit im paulini- schen Sinn versteht - Bindung an das Christusbekenntnis und Dasein für andere eingeschlossen. Zur Abgrenzung gegen einen angeblich autoritätsfixierten Katholizismus eignet sich der Begriff ganz und gar nicht. Ehrlicherweise wird man nämlich sagen müssen, dass sich der Protestantismus bis ins neunzehnte Jahrhundert gegenüber Katholiken gar nicht so freiheitlich verhalten hat und bis in die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mit dem Staat „verbandelt” war. Es wäre deshalb fatal, wenn heute an die Stelle des paulinischen Freiheitsverständnisses Freiheit als Beliebigkeit treten würde. So ist es nicht gemeint, aber so kann es verstanden werden.
Im Jahr 2017 wollen die Protestanten des Beginns der Reformation vor fünfhundert Jahren gedenken. Die Vorbereitungen sind in Gestalt einer „Reformationsdekade" in vollem Gange.
   Man darf gespannt sein, in welcher Weise, sich der Protestantismus beim bevorstehenden Reformationsjubiläum 2017 präsentieren wird. Lässt man die Geschichte der Reformationsjubiläen Revue passieren, dann stellt man fest, dass sie meist recht „zeitgeistlastig” waren. Eine Rückbesinnung auf den Glauben des Reformators Martin Luther, der allen heutigen liberalen Tendenzen zutiefst abhold wäre, kann man dem Protestantismus nur wünschen. Es wäre dagegen schlimm, wenn daraus am Ende ein neuer Konfessionalismus würde.
Das Reformationsjubiläum sollte nicht nur für die evangelische Kirche ein Anlass sein, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen...
 ... auch für uns könnte es eine Gelegenheit sein, Luther besser kennenzulernen und ihn nicht nur von seinen polemischen Schriften her oder gar einigen herausgerissenen Sätzen zu verstehen - sie machen dem katholischen Leser verständlicherweise und zu Recht Beschwer.
   Man sollte vor allem Luthers große und reiche Schriftkommentare lesen und an seine glaubensstarken geistlichen Lieder erinnern, die sich inzwischen teilweise auch in unseren katholischen Gesangbüchern finden. Dann entdeckt man einen Luther voller Glaubenskraft, den man zwar nicht einfach katholisch machen kann, der uns in vielem provoziert und fremd ist, von dem aber auch Katholiken lernen können.
   Wir sollten uns also gemeinsam fragen: Was bedeutet die Reformation heute für uns? Wo haben wir gemeinsam Schuld zu bekennen? Wo stehen wir heute als katholische und evangelische Christen? Wir sollten uns auf unsere gemeinsame Herkunft und auf unsere gemeinsame Verantwortung für die Zukunft besinnen. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn es bei diesem Jubiläum auch zu gemeinsamer gottesdienstlicher Besinnung käme, so wie wir dies mit dem Lutherischen Weltbund besprochen haben.

„Dialog funktioniert nur, wo Vertrauen besteht!”
Der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kasper, über die gegenwärtige Situation der Ökumene.  ein Interview mit Johannes Schidelko von KNA im Auszug.

Seit zehn Jahren prägen Sie in Rom die Ökumene. Wo steht sie heute im Zeitalter der „Ökumene der Profile”?
  Mir ist, glaube ich, zweierlei gelungen. Zunächst konnten wir den Dialog mit den altorientalischen Christen wieder auf den Weg  bringen, der bei meiner Ankunft praktisch nicht mehr existierte - mit den Kopten, den Syrern, den Armeniern. Das zweite sind Fortschritte im Dialog mit den orthodoxen Christen. Zwar wird das in Deutschland nicht besonders beachtet, ist aber von großer Bedeutung für die Integration von Ost- und Westeuropa.  Bei meinem Amtsantritt lag dieser Dialog praktisch am Boden, die Theologengespräche waren unterbrochen, im Kontakt zum Moskauer Patriarchat herrschte Eiszeit. Hier konnten wir in der Zwischenzeit schöne Fortschritte erzielen und viele Freundschaften aufbauen. Im Dialog mit den traditionellen evangelischen Kirchen läuft es im allgemeinen auf der Ebene der Gemeinden und Diözesen ordentlich. Aber es hat keine großen Durchbrüche, teilweise eher Rückschläge gegeben. Nach der Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 meinten wir, einen sehr großen Schritt vorangekommen zu sein. Das war in der Tat der Fall, aber wir sind in der Frage der ekklesiologischen Konsequenzen kaum weitergekommen. Derzeit gibt es innere Umbrüche und theologische Bewegungen, die den Dialog nicht sehr viel weiterbringen. Vor allem wenn Sie die „Ökumene der Profile” ansprechen: Ich halte das für keine gute Formulierung, das klingt nach Profilierung. Derartiges gibt es zweifellos auch in der katholischen Kirche. Wir müssen von dem größeren Gemeinsamen ausgehen, das wir haben, und das neu vertiefen. Ich habe den Eindruck, dass die gemeinsame Basis, das Bekenntnis des Credo und der Taufe, etwas zerbröselt - und dann bricht die Ökumene in sich zusammen. Was ethische Werte angeht, haben wir heute mit gewissen evangelikalen Gemeinschaften fast eine bessere Zusammenarbeit als mit manchen traditionellen protestantischen Kirchen. Ich bedauere diese Ent- wicklung überaus.
Heißt das, dass Sie nicht erreicht haben, was Sie erreichen wollten?
 Sicher nicht, denn Ziel ist die volle Kirchengemeinschaft, und von der sind wir noch weit entfernt. Aber es gibt viele Annäherungen. Ebenso wichtig wie Dokumente war mir ein Netz von persönlicher Begegnung und Freundschaften. Der theologische Dialog funktioniert nur dort, wo auch Vertrauen besteht, wo man einander kennt und schätzt. Da ist vieles in diesen neun Jahren gewachsen. Der Stuhl Petri ist heute ein Bezugspunkt für alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Es ist selbstverständlich geworden, dass Kirchenvertreter nach Rom kommen und mit dem Papst Kontakt haben wollen. Dazu haben wir unseren Beitrag erbracht, und das gehört auch zu den „Erfolgen” der letzten Jahre.
Was ist für die Ökumene im jetzigen Pontifikat anders als früher?
  Zunächst möchte ich sagen, was gleich ist: die grundsätzliche ökumenische Option. Daran lässt der gegenwärtige Papst keinerlei Zweifel. Ökumene ist nicht eine Option, die man haben kann oder nicht, sondern eine heilige Verpflichtung aufgrund des Auftrags Jesu Christi. Es ist richtig, dass es heute weniger Gesten und spektakuläre Ereignisse gibt, dafür aber eine Vertiefung im Theologischen, eine Besinnung auf das Gemeinsame: dass wir das festhalten und vertiefen, damit es nicht zerbröselt. Ich würde das nicht als kleinteilig bezeichnen, es geht vielmehr um eine Verwesentlichung der Ökumene und vor allem um die spirituelle Ökumene, die freilich nicht spektakulär ist. Ökumene war seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine Gebetsbewegung. Darauf legt der Papst großen Wert und ich denke, dass das etwas ganz Wesentliches und Zukunftsweisendes ist.
Wie ist der Stellenwert der Ökumene innerhalb des Vatikan?
   Ökumene war für die Kurie nach dem Konzil etwas Neues, das man mit Samthandschuhen, auch mit manchen Ängsten anging. Aber im Laufe der Jahre hat sich die Ökumene im Vatikan fest etabliert. Beim Konsistorium wurde ein ganzer Tag lang über die Ökumene gesprochen. Viele Kardinäle habe mir ihre Zustimmung signalisiert für meine Darstellung der ökumenischen Situation und Aufgaben. Daran muss man weiter arbeiten. Es wird auch in Zukunft nicht immer ohne Konflikte abgehen. Da muss man seine Position verteidigen, sich gegebenenfalls aber auch korrigieren lassen.
Sie sind auch für den Kontakt zum Judentum zuständig. Wie entwickelt er sich?
   Hier hat das Konzil eine neue Seite aufgeschlagen, indem es die jüdischen Wurzeln der Kirche wiederentdeckte. Der Papst hat immer wieder betont: Wir sind gemeinsam Kinder Abrahams, die Juden sind unsere älteren Brüder. Hier sind wichtige Dinge passiert. Zu Beginn des Dialogs ging es neben theologischen Vertiefungen natürlich um die Probleme der Geschichte. Vor allem der Holocaust musste aufgearbeitet werden - soweit das menschlich überhaupt möglich ist. Das ist, glaube ich, mit großer Ehrlichkeit geschehen. In den letzten Jahren haben wir uns auf Initiative der jüdischen Partner neuen Aufgaben und Themen zugewandt. Neben dem Rückblick auf die Vergangenheit - die wir nie vergessen dürfen und die eine Warnung für die Zukunft bleiben muss erörtern wir unsere gemeinsame Verpflichtung für Zukunftsfragen der Menschheit wie Frieden, Menschenrechte, Erziehung. Zu vielen Themen haben wir gleiche oder ähnliche Wertvorstellungen. Natürlich wird das Verhältnis zwischen Juden und Christen nie einfach, konfliktlos oder spannungsfrei sein. Zum Teil hängt das mit dem Nahost-Konflikt zusammen, auch wenn wir immer klar zwischen religiöser Beziehung und politischen Fragen unterscheiden. Aber in den vergangenen Jahren ist mit führenden Vertretern der religiösen Juden eine Freundschaft entstanden - und das gehört für mich mit zu dem Schönsten, was ich hier erfahren durfte. Solche Beziehungen tragen dann auch über schwierige Situationen hinweg.
In Deutschland bereitet man sich auf die 500-Jahr-Feiern der Reformation 2017 vor. Wie nimmt der Vatikan diese Termine wahr?
   Das sind Ereignisse in Deutschland, die in erster Linie in der Verantwortung der Deutschen Bischofskonferenz liegen. Für 2017 stehen wir im Gespräch mit dem Lutherischen Weltbund wie mit der EKD. Denn die Frage, was die Reformation damals wie heute bedeutet, ist ein bleibendes Anliegen für beide Konfessionen. Damit verbunden ist, wie wir heute das frühere Gegeneinander durch ein neues Miteinander überwinden können. Ich hoffe, dass das Reformationsjubiläum uns nicht in einen neuen Konfessionalismus zurückführt, sondern  eine kritische und konstruktive Besinnung auf die ökumenische und gesellschaftliche Situation schafft.
Und der ökumenische Kirchentag?
   Vom Ökumenischen Kirchentag, zu dem ich nach München fahren möchte, erhoffe ich mir, dass es nicht wieder zu solchen Akten kommt wie am Rande des letzten Treffens in Berlin 2003. Das hatte damals den guten Eindruck im Nachhinein weitgehend verdunkelt, wenn nicht zerstört. Ich hoffe, dass man sich an das Thema hält, wie wir als Christen heute in einer weithin säkularisierten Welt gemeinsam Zeugnis geben können.
Es wird immer wieder über ökumenische Highlights spekuliert, etwa über ein Treffen mit dem Moskauer Patriarchen. Wie steht es damit?
   Wir würden eine solche Begegnung sehr begrüßen, sie wäre ein wichtiges Zeichen nach innen und nach außen. Aber im Augenblick steht da nichts auf der Agenda. Das heißt nicht, dass wir schlechte Beziehungen zum Moskauer Patriarchat hätten, im Gegenteil. Wir konnten die Kontakte in den letzten Jahren erheblich verbessern und manche Polemik klein halten oder abstellen. Auf beiden Seiten besteht der Wille zur Zusammenarbeit. Allerdings hat die Orthodoxie manche inneren Probleme, der Patriarch muss Rücksicht auf Gruppierungen in Russland nehmen, die der Ökumene kritisch gegenüberstehen, er will keine inneren Spannungen riskieren. Das respektieren wir - und benutzen derweil die anderen Kanäle, die wir reichlich haben. DT080227

cdWalterKasper-xKardinal Walter Kasper im Dienst der Ökumene

„Die Einheit kann man nicht machen”.  Nach dem Konzil gab es eine gewisse „Naherwartung” - Heute hingegen muss man erkennen, dass der Weg der Ökumene doch länger sein wird. Ein Gespräch mit Kardinal Walter Kasper

  Sowohl Johannes Paul II. als auch Benedikt XVI. haben die Ökumene zu den wichtigsten Aufgaben ihrer Pontifikate erklärt. Hierfür zuständig ist im Vatikan der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen. An seiner Spitze steht seit März 2001 der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper, der zuvor bereits zwei Jahre Sekretär und damit zweiter Mann dieses Rates war. „Die Tagespost” hat ihn gebeten, in einem Exklusiv-Interview einen Überblick über den Stand der ökumenischen Beziehungen zu den anderen christlichen Konfessionen zu geben. Die Fragen stellte Guido Horst. Das gekürzte Interview finden Sie im vollen Wortlaut in der Tagespost: www.die-tagespost.com

Die Tagespost: Eminenz, die Ökumene gehört zu den vordringlichsten Aufgaben der katholischen Kirche. Auch Papst Benedikt XVI. misst ihr in seinem Pontifikat eine besondere Priorität bei. Dementsprechend gibt es zahlreiche Gesten: Rom empfängt führende Vertreter anderer Konfessionen; man tauscht Grußbotschaften und besucht sich an großen Festen. Es gibt viel „ökumenisches Protokoll” - aber wie steht es mit den Inhalten? Wie würden Sie - bevor wir uns den einzelnen Gesprächsfeldern zuwenden - den allgemeinen Stand der Ökumene charakterisieren?
Kardinal Walter Kasper:Zweifellos haben wir in den letzten vierzig Jahren, das heißt seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, erhebliche Fortschritte gemacht. Bedenken Sie nur, dass alle evangelischen, protestantischen Kirchen die harten Verurteilungen von früher - Messe als Abgötterei, der Papst als Antichrist - heute offiziell als nicht mehr angemessen bezeichnen. Denken Sie weiter an die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung, eine Lehre, die im sechzehnten Jahrhundert besonders umstritten  war. Aber  wichtiger als die Dokumente ist der neue Geist. Das hat Papst Johannes Paul II. ausdrücklich gesagt. Vor allem vor Ort ist es zu einer neuen Brüderlichkeit, zu praktischer Zusammenarbeit, zu gemeinsamem Beten gekommen. Das scheint mir wichtiger zu sein als die Dokumente. Mit den orthodoxen Kirchen haben wir den Dialog erst später aufnehmen können; dabei haben wir große Gemeinsamkeiten entdecken können: Gemeinsamkeiten im Glauben, in den Sakramenten, besonders in der Eucharistie, und im Bischofsamt in apostolischer Sukzession. Es gibt im Grunde nur eine wirklich schwerwiegende, aber für uns wichtige trennende Frage: der Primat des Papstes. Bei den evangelischen Christen trennen uns dagegen neben anderem leider die Amtsfrage ganz allgemein, die Frage der apostolischen Sukzession im Bischofsamt und das sakramentale Verständnis des Priesteramtes.
An welchem Punkt ist die Ökumene angelangt?
  Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir derzeit in der Ökumene einen Transformationsprozess durchlaufen. Es gibt weitergehende Fragmentierungen in den protestantischen Kirchen. Vor allem in ethischen Fragen geht es teilweise sehr auseinander, auch dort, wo wir bisher einen weitgehenden Konsens hatten: in den Fragen des Schutzes des Lebens, der Euthanasie, der Homosexualität, der Ehescheidung, und ähnliches; in Deutschland sind wir in diesen Fragen Gott sei Dank noch einigermaßen beisammen geblieben. Dann müssen wir das Aufkommen der pentekostalen und evangelikalen Bewegungen sehen, deren Zahl sprunghaft zunimmt Das ist ebenfalls eine neue Situation für die Ökumene. Es gibt auch eine Ernüchterung. Unmittelbar nach dem Konzil gab es eine gewisse „Naherwartung”. Heute sieht man nüchterner, dass der Weg nach menschlichem Ermessen vermutlich länger und auch schwieriger sein wird. Der Heilige Geist ist zwar immer für Überraschungen gut, aber wir müssen uns doch realistisch darauf einstellen, dass wir hoch länger auf dem Weg zur vollen Einheit sein werden. Wichtig ist, dass wir gemeinsam auf diesem Weg sind, denn für alle Kirchen gibt es keine verantwortbare Alternative zum ökumenischen Zusammenrücken im Sinn eines geistlichen Prozesses.
Oft ist von einer „versöhnten Verschiedenheit” als Ziel des ökumenischen Dialogs die Rede. Ist das nicht etwas zu kurz gegriffen: Man ist versöhnt, aber bleibt verschieden...
  Der Begriff „versöhnte Verschiedenheit” ist vieldeutig. Er wird auch verschieden verstanden. Man muss also darauf achten, wie der Begriff „versöhnte Verschiedenheit” jeweils verstanden wird. Er kann katholischerseits aufgegriffen werden, wenn man etwa sagt: Versöhntheit in legitimer Verschiedenheit.  Das legitime Unterschiede bleiben können, ist klar; niemand denkt an eine Einheit bis auf Punkt und Komma. Es geht um eine Einheit in der Vielfalt. Aber es kann nicht eine Versöhntheit in Gegensätzen im Glaubensbekenntnis geben. Es geht um eine Einheit in der Wahrheit; hier muss es ein klares Ja oder Nein geben. Alles andere ist, wie Jesus gesagt hat, vom Übel.
Deutschland ist ein Land der Ökumene. Als Bischof von Rottenburg-Stuttgart waren Ihnen Gespräch und Begegnungen mit Christen anderer Konfessionen vertraut. Wie war das aber, als Sie dann an die oberste Stabsstelle der katholischen Kirche für die Ökumene wechselten, an den Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen? Welche neuen Eindrücke und Erfahrungen konnten Sie sammeln? 
   Es war eine große Horizonterweiterung. In Deutschland ist Ökumene mehr oder weniger begrenzt auf die katholisch-evangelische Ökumene, und dabei evangelisch in einer ganz bestimmten Ausprägung. Hier in Rom musste  ich mich in das Verhältnis zu den Ostkirchen, das in Deutschland traditionell keine so große Rolle spielt, einarbeiten. Dann musste ich mich in dem Gebiet der Freikirchen, die auf Weltebene sehr wichtig sind, kundig machen: Methodisten, Baptisten, Mennoniten und andere. Schließlich kamen die neuen Bewegungen, die Pentekostalen und die Evangelikalen hinzu. Das waren viele positive Erfahrungen. 
   Fast jeden Tag treffe ich mit Vertretern anderer Kirchen zusammen, mit Bischöfen, Pfarrern, Theologen, Laien, Journalisten, Jugendlichen und anderen. Dabei  spürt man etwas vom Drängen des Heiligen Geistes auch außerhalb unserer Kirche. Das ist das Schöne und Faszinierende, wenngleich auch das Fordernde an dieser Aufgabe.
Sind die Glaubenskongregation und das vatikanische Staatssekretariat in die ökumenischen Bemühungen des Vatikans eingebunden?
  Selbstverständlich ja. Nach den Regeln für die Arbeitsabläufe in der Kurie muss der Einheitsrat in Glaubensfragen eng mit der Glaubenskongregation zusammenarbeiten. Man kann ja in Glaubensfragen nicht mit verschiedener Stimme sprechen. Über alle wichtigen Vorgänge macht man einen Bericht an das Staatssekretariat, wie das auch die anderen vatikanischen Dikasterien tun.
  Auch der normale Verkehr mit dem Papst läuft über das Staatsekretariat. Dazu kommen Kontakte mit „verwandten” Dikasterien, der Kongregation für die orientalischen Kirchen, dem Rat für den interreligiösen Dialog und anderen. Das alles ist mehr oder weniger eingespielt.
Wie arbeitet der „Ökumene-Minister” des Vatikans mit dem Papst zusammen?
  Wir arbeiten sehr gut zusammen. Ich treffe den Papst ungefähr jeden Monat zu einem persönlichen Gespräch. Daneben kann ich ihm, wenn ich will und es nützlich ist, auch einen Brief schreiben, von dem ich weiß. dass er direkt auf dem Schreibtisch des Papstes landet. Auf diese Weise informiere ich ihn - oft auch vertraulich - über bestimmte Vorgänge. Daneben begegnen wir uns oft bei Gottesdiensten, bei Gruppenaudienzen. Wenn Patriarchen oder ähnliche hochrangige Delegationen kommen, dann ist oft ein kurzes Gespräch sozusagen zwischen Tür und Angel möglich. Die Zusammenarbeit ist sehr angenehm, ja freundschaftlich. Dabei spielt natürlich eine Rolle, dass wir uns schon sehr viele Jahre gut kennen und miteinander vertraut sind.
Ein historisches Ereignis war die Verabschiedung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre” in Augsburg 1999. Das Treffen regte auch eine Vertiefung des Wissens um die theologische Bedeutung des Begriffs „Rechtfertigung” unter den Gläubigen an. Ist das geschehen?
   Teilweise ja. Doch es gibt eine Grundschwierigkeit, das gilt für Evangelische wie für Katholiken. Viele Menschen wissen heute nicht mehr, wer Gott ist, was Sünde und was Erlösung ist; wenn das der Fall ist, bleibt die Rechtfertigungslehre gleichsam ein Buch mit sieben Siegeln. In dieser neuen missionarischen Situation müssen wir deshalb fundamentaler ansetzen und erst die Grundwahrheiten des Glaubens wieder verdolmetschen.
  Das Zweite: Wir haben in der Tat einiges getan, um den Begriff Rechtfertigung bibeltheologisch zu vertiefen, wir haben über Ablässe gesprochen, die ja der unmittelbare Anlass zur Reformation waren, wir haben auch über verschiedene andere Punkte gesprochen, die in dem Dokument von 1999 als noch klärungsbedürftig angesehen wurden. Wir haben außerdem versucht, Vorschläge zu erarbeiten, wie die Rechtfertigungslehre in eine Sprache übersetzt werden kann, die dem heutigen Menschen zugänglich ist. Dabei muss man wissen, dass Rechtfertigung kein leitender Begriff in normalen katholischen Katechismen ist, wie das bei den Lutheranern gewöhnlich der Fall ist; wir haben andere Begriffe wie Erlösung, Begnadung und ähnliches. Aber wie gesagt: Die Grundfragen sind uns heute gemeinsam und müssen gemeinsam in den Vordergrund gestellt werden. Wir müssen über Gott, über Jesus Christus, über Sünde und Erlösung reden.
  Der eigentliche Fortschritt der Erklärung besteht in einer merklichen Verbesserung des Klimas zwischen Lutheranern und Katholiken. Wir haben zu den Lutheranern heute ein Verhältnis, wie wir es zu keiner anderen evangelischen Kirche haben. Das hängt mit dieser Erklärung zusammen und ist ein spürbarer Fortschritt. So konnten wir uns in der Zwischenzeit der Kirchenfrage, besonders der Amtsfrage zuwenden. Ein Dokument über die Apostolizität der Kirche wird schon in den nächsten Wochen erscheinen.
   Rückschläge und Ernüchterung gibt es freilich auch. Es ist in der evangelischen Theologie ein theologischer Gezeitenwechsel festzustellen: weg von der Wort-Gottes-Theologie von Karl Barth und von der Luther-Renaissance der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und hin zu Schleiermacher, dem Vater des modernen Protestantismus, zu Harnack und Troeltsch. Dadurch hat das ökumenische Interesse bei vielen evangelischen Theologen nachgelassen. Dazu kommen die schon erwähnten Unterschiede in ethischen Fragen. Das sind neue Probleme, die den Dialog nicht immer leichter machen. Es gibt aber hinreichend gewachsene Gemeinschaft und auch Freund- schaft, die halten und über solche „Durchhänger” hinweghelfen werden.
Man hat den Eindruck, dass die internen Spannungen innerhalb der anglikanischen Gemeinschaft, wie sie etwa in der Frage der Weihe von homosexuellen Geistlichen zu Bischöfen sichtbar werden, ein zunehmendes Hindernis zumindest für eine anglikanisch-katholische Wiederannäherung werden. Ist das so?
   Das ist zweifellos so. Wir haben mit den Anglikanern in den letzten vierzig Jahren große Fortschritte gemacht, gute  Dokumente zustande gebracht, zuletzt ein Dokument über Maria, und wir haben deshalb große Hoffnungen gehabt. Nun sind in der anglikanischen Gemeinschaft interne Probleme hinsichtlich des genannten Problems, aber auch der Ordination von Frauen zum Bischofsamt aufgetreten. Wir haben den Dialog bewusst nicht unterbrochen, aber im Augenblick gibt es einen gewissen Stillstand. Wir müssen erst einmal abwarten, wie sich die Dinge in der anglikanischen Gemeinschaft weiterentwickeln. Wir hoffen, dass es zu keiner Spaltung kommt, aber die Spannungen  sind  enorm und  Lösungen sind, wenn überhaupt,  nicht einfach zu erreichen.  Soweit wir können und es gewünscht wird, versuchen wir den Erzbischof von Canterbury, zu dem wir nach wie vor vorzügliche Beziehungen ha- ben, etwas zu unterstützen - auch das gehört zur Ökumene. Lesen Sie dazu mehr unter: Anglikaner II
Wenden wir uns den Kirchen des Ostens zu. Da gibt es zunächst die Abspaltungen der Kirchen, die sich nicht zum Konzil von Chalcedon des Jahres 451 bekennen. Gibt es da überhaupt noch einen ökumenischen Dialog und wenn ja, mit wem wird er geführt?
   Die orientalischen Kirchen gibt es und auch den Dialog mit ihnen gibt es. Da sind die Kopten in Ägypten, eine sehr lebendige Kirche. Sie machen gute pastorale und soziale Arbeit. Die Wüstenklöster sind voll mit jungen und akademisch ausgebildeten Leuten. Da sind weiter die Syrer, die Armenier, die Thomaschristen in der Malankara- Kirche in Indien und andere. Der Dialog hat große Fortschritte gebracht. Wir haben zunächst die christologischen Fragen, die schon in der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends zur Spaltung geführt haben, durch Abkommen zwischen dem Papst und den jeweiligen Patriarchen überwinden können. Inzwischen haben wir uns im internationalen Dialog den Fragen der Kirchengemeinschaft zugewandt.
  Dabei muss man freilich wissen: Mit Kirchen, die seit anderthalb tausend Jahren getrennt sind, kann man keine Sprünge machen, da geht der Dialog nur langsam voran, langsam aber gut. Eine Schwierigkeit ist, dass diesen Kirchen spätere Entwicklungen, die sowohl die Orthodoxen und noch mehr die westlichen Kirchen durchlaufen haben, fremd geblieben sind. Es gibt außerdem große kulturelle und mentalitätsmäßige Unterschiede. Dennoch konnten wir gute und freundschaftliche Beziehungen aufbauen.
2006 wurde in Belgrad der katholisch-orthodoxe Dialog wieder aufgenommen. Er hatte über anderthalb Jahrzehnte brachgelegen, weil in der Frage der mit Rom unierten Kirchen des byzantinischen Ritus und des römischen Primats zu große Schwierigkeiten aufgetreten waren. Zum ersten Konfliktpunkt, den so genannten „Unierten”: Halten Sie hier Annäherungen für möglich?
 Wir haben in der Zwischenzeit mit den Orthodoxen die so genannte Balamand-Erklärung von 1993 verabschiedet. Diese Erklärung umfasst drei Punkte, die zunehmend auch von den orthodoxen Kirchen rezipiert werden. Erster Punkt: Die mit Rom in Gemeinschaft stehenden Ostkirchen existieren seit Jahrhunderten und haben ein Recht zu existieren, zu leben und zu wirken. Zweiter Punkt: Der Uniatismus verstanden als Methode, Teile von Ostkirchen loszulösen und sie mit Rom zu verbinden, wird heute und in Zukunft nicht mehr als Methode verstanden, um die Einheit der Kirchen zu erreichen. Heute ist der Dialog die angemessene Methode. Der dritte Punkt betrifft die Religionsfreiheit. Wenn ein einzelner orthodoxer Christ aus Gründen des Gewissens sich der katholischen Kirche anschließen will, oder wenn ein Katholik aus eben diesen Gründen orthodox werden möchte, dann ist das eine Frage der Gewissens- und der Religionsfreiheit, die von beiden Seiten anerkannt werden muss. Aber es ist nicht, oder: nicht mehr die pastorale „Strategie” der katholischen Kirche, möglichst viele orthodoxe Christen in die katholische Kirche herüberziehen zu wollen. Über diese drei Punkte gibt es in der Zwischenzeit einen noch nicht allgemeinen, aber einen weitgehenden und wachsenden Konsens.
Der Primat des Bischofs von Rom ist nicht nur für die Orthodoxie ein Problem. Er beschäftigt den Dialog mit allen christlichen Konfessionen. Papst Johannes Paul II. hat dazu aufgerufen, über die Formen der Primatsausübung erneut nachzudenken. Mit heute greifbaren Ergebnissen?
   Wir haben sehr viele Zuschriften, teilweise von Kirchen, teilweise von Einzelnen oder Universitätsfakultäten erhalten, die wir, auch mit Hilfe des Johann-Adam-Möhler-Instituts in Paderborn, sorgfältig analysiert haben. Die Analyse wurde dann unserer Vollversammlung vorgelegt, dort diskutiert, und dann allen Kirchen, die geantwortet hatten, zugeschickt. Für manche dieser Kirchen war und ist die Primatsfrage auch eine an sich selbst gerichtete Frage, wie nämlich sie die universale Einheit aller Christen konkret verwirklichen können.
   Es konnte niemand überraschen, dass wir von einer Einigung noch weit entfernt sind, aber es ist offensichtlich, wie sehr sich die ökumenische Situation auch in dieser Frage geändert hat. Der Primat bzw. der Papst wird heute, von wenigen Fanatikern abgesehen, nicht mehr als Gegner oder gar als Antichrist wahrgenommen; im Gegenteil, man betrachtet ihn und begegnet ihm mit Respekt und mit Hochachtung. Viele orthodoxe oder evangelische Christen, Patriarchen, Bischöfe, Theologen kommen nach Rom, wollen dem Papst begegnen. Zu Weihnachten und Ostern tauscht der Papst Grußadressen mit allen „Kirchenführern” aus. Die neue Atmosphäre war besonders offenkundig bei den Trauerfeierlichkeiten für Papst Johannes Paul II. erstmals in der Kirchengeschichte waren praktisch alle Kirchen mit hochrangigen Delegationen auf dem Petersplatz zugegen und haben dem verstorbenen Papst ihren hohen Respekt bezeugt.
   Das alles heißt nicht, dass nicht noch grundsätzliche Unterschiede bestehen in Hinblick auf die beiden Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils, den Jurisdiktionsprimat und die Unfehlbarkeit des Papstes. Darüber muss noch ernsthaft nachgedacht und diskutiert werden, und das wird nicht einfach sein. Es gibt Annäherungen mit manchen Theologen, aber noch keine Einheit mit den anderen Kirchen.
Zurück zur Orthodoxie: Wäre es nicht einfacher, man könnte auf der Ebene der Kirchenführung mit der orthodoxen Kirche als solcher reden anstatt jeweils getrennt mit Russen und Griechen? Mit dem Ökumenischen Patriarchen in Istanbul pflegt der Papst einen - offensichtlich - herzlichen Kontakt. Warum nicht mit dem von Moskau?
   Es ist selbstverständlich, dass wir größtes Interesse daran haben, mit dem Patriarchat und dem Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gute Beziehungen zu haben. Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist nicht nur zahlenmäßig die größte orthodoxe Kirche; sie ist auch eine Kirche mit einer reichen spirituellen und kulturellen Tradition. Wir haben unsere Beziehungen in den letzten Jahren wesentlich verbessern können, aber es ist noch zu keiner Begegnung zwischen Papst und Patriarch gekommen. Die Schwierigkeiten liegen auf orthodoxer Seite. Der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche  macht zur Voraussetzung einer Begegnung, dass die Fragen, die er als Proselytismus und Uniatismus bezeichnet, zuvor gelöst werden. Wir mühen uns darum, machen für die genannten Fragen auch Lösungsvorschläge, müssen aber die augenblickliche Moskauer Position respektieren.
   Man darf jedoch das Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche nicht allein auf diesen einen Punkt fixieren. Es gibt Spannungen, aber auch freundschaftliche Begegnungen und auch gute Zusammenarbeit auf verschiedensten Ebenen. Vor allem arbeitet die Russisch-Orthodoxe Kirche aktiv beim gemeinsamen internationalen theologischen Dialog mit. Es wäre jedoch nach unserer Auffassung ein gutes Zeichen, das vieles erleichtern und beschleunigen würde, wenn eine Begegnung zwischen Papst und Patriarch stattfinden könnte. Wir arbeiten dran und wir beten auch dafür; konkrete Pläne gibt es jedoch derzeit nicht.
In Rom sieht man immer wieder orthodoxe Priester der russischen Kirche. Der Wiener orthodoxe Bischof Hilarion Alfiev hat eine Matthäus-Passion komponiert,  die direkt in der Nähe des Vatikans zur Aufführung kam. Zeichen der Verachtung und Ablehnung Roms sind das nicht ...
   Gewiss kein Zeichen der Verachtung und der Ablehnung, sondern im Gegenteil ein Zeichen der Wertschätzung und der Zusammenarbeit auf kulturellem Gebiet. Besonders Musik verbindet. Die Russisch-Orthodoxe Kirche möchte mit der katholischen Kirche vor allem auf diesem Gebiet zusammenarbeiten. Sie hat Sorgen wegen der fortgeschrittenen Säkularisierung in Westeuropa, teilweise auch in Russland, und möchte, da wir dieselben Werte, was die christlichen Wurzeln, die christlichen Werte Europas angeht, vertreten, auf dem Gebiet der Kultur zusam- menarbeiten. Das kann durchaus ein Schritt sein auf dem Weg zur vollen Kirchengemeinschaft. 
Das eine ist das theologische Gespräch zwischen den Konfessionen, das andere ist die geistliche Ökumene, über die Sie immer wieder gesprochen haben. Ist das ein Wunsch oder wächst da im Verborgenen bereits eine neue ökumenische Bewegung heran?
  Ökumene ist von ihrem Ursprung her ein geistlicher Prozess. Der französische Pater Paul Couturier hat die Gebetswoche für die Einheit der Christen angestoßen, die zu den ältesten Einrichtungen der ökumenischen Bewegung gehört und deren hundertsten Geburtstag wir in diesem  Jahr feiern. Die geistliche Ökumene als das Herz der Ökumene in den Vordergrund zu stellen ist uns im Einheitsrat ein besonderes Anliegen. Denn die Einheit kann man nicht „machen”, sie ist ein Geschenk des Heiligen Geistes. Deshalb kann Ökumene nicht nur eine Art Diplomatie an der Spitze der Kirche sein, sie kann sich auch nicht in Aktivitäten oder in akademischen Dialogen erschöpfen, an denen wesensgemäß nur wenige teilnehmen können. Sie muss die Basis der Kirche und alle erreichen. Alle Christen können einzeln oder gemeinsam beten, können die Bibel einzeln oder gemeinsam lesen und vieles andere mehr. In einem in diesen Wochen erschienenen Wegweiser haben wir viele Vorschläge zusammengetragen. Da ist viel mehr möglich, als wir gewöhnlich denken und tun. Würden wir nur das heute schon Mögliche tun, wären wir schon einen großen Schritt weiter.
Ob die Gemeinschaft von Taizé, die Fokolar-Bewegung oder charismatische Bewegungen: Können neue geistliche Gemeinschaften zum Motor der Ökumene werden?
   Sie können es nicht nur sein, sie sind schon ein solcher Motor. Taizé ist vor allem für junge Menschen ein wichtiger Bezugs- und Orientierungspunkt geworden, die Fokolar-Bewegung, Sant'Egidio und andere Bewegungen tun ebenfalls sehr viel. In den letzten Jahren haben sich lokal, regional wie auch universal Netzwerke von geistlichen Bewegungen und älteren Ordensgemeinschaften mit entsprechenden Bewegungen, Kommunitäten und sonstigen Gruppierungen auf evangelischer, anglikanischer und orthodoxer Seite herausgebildet. Vor ein paar Jahren haben sie ein großes und erfolgreiches Treffen in Stuttgart veranstaltet; am 12. Mai hat ein Stuttgart II zum Thema Europa stattgefunden, zu dem etwa zehntausend Teilnehmer gekommen waren. Der Motor ist also schon ganz schön in Fahrt gekommen, und ich setze große Hoffnung, dass er uns weiterbringt.
Ökumene ist ein weites Feld mit unterschiedlichen Gesprächspartnern und Dialogprozessen. Was ist derzeit Ihre größte Baustelle, wo hoffen Sie auf wirkliche Fortschritte oder auch Durchbrüche?
   Die eben genannten Netzwerke sind eine solche Baustelle. Es sind überkonfessionelle Bewegungen nicht auf institutioneller Ebene, sondern auf der Ebene der Freundschaft und der Spiritualität. Davon verspreche ich mir viel. Eine weitere wichtige Baustelle ist der jetzt wieder aufgenommene Dialog mit den orthodoxen Kirchen. Er spielt auch im Zusammenhang der Integration von West- und Ost-Europa eine wichtige Rolle. Dabei können wir vieles von den orthodoxen Kirchen lernen, etwa den Sinn für das Geheimnis in der Liturgie. Es handelt sich um ein gegenseitiges Geben und Nehmen, bei dem wir hoffen, bald einen wichtigen Schritt voranzukommen. Wann, wo, wie dann die volle Einheit kommen wird, müssen wir dem Heiligen Geist überlassen, und wir können es ihm auch getrost überlassen - uns muss es genügen, mit Gottes Hilfe das hier und heute Mögliche zu tun. GuidoHorstDT070407

kip-PfrBodoWindolf-       Christen und Rechtfertigung  -  Es geht um die Würde des Menschen

  Zum Interview mit Frau Professor Dorothea Wendebourg „Kein Grund zum Feiern" in der FAZ schreibt Pfarrer Bodo Windolf Foto oben: “Im Zuge der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre vor zehn Jahren wurde angemahnt, diese Lehre zu erklären und in heutige Sprache und Denkformen zu übersetzen. Gewissermaßen in Mode gekommen ist evangelischerseits eine Erklärung, die meiner Meinung nach einen guten Anknüpfungspunkt bietet, um aus katholischer Sicht das zentrale Problem deutlich zu machen. Sie lautet kurz zusammengefasst: Die Rechtfertigungslehre wolle die Würde jedes Menschen betonen, die er unabhängig von jeder ethischen Leistung besitze.
  Frau Professor Wendebourg drückt den evangelisch-katholischen Gegensatz folgendermaßen aus: „Die Frage wird gegensätzlich beantwortet, ob das Geschöpf Mensch seinen Wert in dem hat, was es selbst ist und tut - die römisch-katholische Position -, oder darin, dass Gott es für wertvoll hält - die evangelische Position." Es sei mir erlaubt festzustellen, dass dieser Satz den Sachverhalt in jeder Hinsicht verfehlt, da er weder die katholische Anthropologie korrekt wiedergibt noch die Intention Martin Luthers trifft. Zum einen ist die Personwürde eines jeden Menschen eine Schöpfungsaussage, die in der Erschaffung des Menschen als Ebenbild Gottes ihren Grund hat. Demgegenüber betrifft das Rechtfertigungsgeschehen den sündig gewordenen, aber unverlierbar von Gott mit Würde immer schon begabten Menschen.
  Zum anderen ist bekannt, dass die konfessionelle Auseinandersetzung um die Rechtfertigungslehre ihren Ursprung in der Biographie Martin Luthers hat. Auf seine Frage: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?" fand er für sich Antwort beim Lesen des Römerbriefs: Du kannst und du brauchst dich nicht selbst und durch eigene Anstrengung zu einem Gerechten machen. Gottes Gerechtigkeit ist nicht die, die Er von dir verlangt, sondern die, die Er dir ohne jegliches Zutun von deiner Seite schenkt. Gott allein handelt an dir. Allein der Glaube an die Gerechtmachung, an die Rechtfertigung durch Gott allein, bewirkt Heil und inneren Frieden.
 Dieses „Allein" war es nun, das zum Kernpunkt der konfessionellen Auseinandersetzung wurde. Dass kein Mensch sich das Heil selbst zu verdienen vermag, dass alle Bemühungen des Menschen getragen ist von der sie ermöglichenden Gnade Gottes, dass insofern alles, wirklich restlos alles Gnade und ungeschuldetes Geschenk  Gottes  ist,  war  immer schon, auch zur Zeit Martin Luthers, gut katholische Lehre, wiewohl man zugeben muss, dass das Bewusstsein dafür bisweilen durch eine bestimmte religiöse Praxis verdeckt wurde. Kontrovers war und ist also nicht, dass alles Gnade ist, sondern nur, dass es Gott allein ist, der des Menschen Heil wirkt.
   Und hier geht es nun in der Tat um die Würde des Menschen. Die Frage ist nämlich: Bezieht Gott den Menschen mit ein in den Prozess seiner Rechtfertigung, seines Heil- und Heiligwerdens? Ist der Mensch mitbeteiligt, mitwirkend mit der Gnade Gottes, oder ist er nur passives Objekt des Wirkens Gottes, gleichsam wie ein Stein, den Gott zu sich erhebt ohne alle Eigenbeteiligung? Wenn es so wäre, würde dies tatsächlich der Würde des Menschen widersprechen, die darin besteht, frei zu sein, zustimmen oder ablehnen zu können, nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt in Gottes Gnadenhandeln zu sein, ein Mitwirkender mit der Gnade Gottes, wie es Paulus unübertroffen exakt formuliert hat. Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als alle habe ich mich abgemüht - nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir. 1 Kor 15,10.
   Auf diesem „die Gnade Gottes, aber nicht allein ohne mich, sondern mit mir" muss eine katholische Rechtfertigungslehre bestehen, wie gesagt, um der Würde des Menschen willen. Martin Luther hat wohl zu sehr gemeint, Gottes Gnadenhandeln sei um so größer, je kleiner des Menschen Beteiligung sei, und am größten dann, wenn der Mensch gar nichts beitrage. Das Gegenteil ist der Fall: Die Gnade Gottes erweist sich gerade darin als groß, dass sie dem Menschen aufhilft, ihn einbezieht, ihn ganz und gar mitbeteiligt am Prozess des Heil- und Ganzwerdens, denn nichts anderes meint Rechtfertigung.  FAZ091113PfrBodoWindolfGarching

Dialog mit Baptisten

  Papst Benedikt XVI. hat seine Hoffnung auf einen Fortschritt im Dialog mit den Baptisten bekundet. Die gemeinsame Arbeitsgruppe der Baptistischen Weltallianz und Vertretern des Vatikans könne viel zu einem wachsenden Verständnis und mehr Kooperation beitragen, sagte der Papst bei einer Audienz für die Mitglieder der internationalen Kommission. Der Papst rief dazu auf, kontroversen Themen nicht auszuweichen. Nur wenn solche Fragen in einem Geist der Offenheit und des gegenseitigen Respekts angegangen würden, könne es Versöhnung und größere Gemeinschaft zwischen Baptisten und Katholiken geben.

Mennoniten-xx

Audienz für eine Delegation der Mennonitischen Weltkonferenz
Bemühen um die Einheit der Jünger des Herrn - Ansprache von Papst Benedikt XVI

Liebe Freunde!
   »Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus« 2 Kor 1,2. Mit Freude heiße ich euch in Rom willkommen, wo Petrus und Paulus Christus bezeugt und ihr Blut für das Evangelium vergossen haben.
   Im ökumenischen Geist der gegenwärtigen Zeit haben wir nach jahrhundertelanger Isolation wieder begonnen, Kontakt zueinander aufzunehmen. Ich weiß, dass die Verantwortlichen der Mennonitischen Weltkonferenz die Einladung meines geliebten Vorgängers, Papst Johannes Paul II., angenommen haben, um gemeinsam mit ihm sowohl 1986 wie auch 2002 bei den großen Treffen der Führer der Kirchen, der kirchlichen Gemeinschaften und der anderen Weltreligionen in Assisi für den Frieden zu beten. Und es freut mich, dass die Verantwortlichen des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen euren Einladungen zur Teilnahme an euren Weltkonferenzen von 1997 und 2003 gefolgt sind.
   Da Christus selbst uns auffordert, nach der Einheit der Christen zu streben, ist es völlig richtig und angebracht, dass Mennoniten und Katholiken einen Dialog angebahnt haben, um den im 16. Jahrhundert zwischen uns entstandenen Konflikt zu ergründen. Verstehen ist der erste Schritt zur Heilung. Ich weiß, dass in dem 2003 veröffentlichten und gegenwärtig in verschiedenen Ländern analysierten Bericht über diesen Dialog die Heilung der Erinnerung ganz besonders betont wird.
   Mennoniten sind bekannt für ihr starkes christliches Zeugnis für den Frieden im Namen des Evangeliums, und hier, trotz jahrhundertelanger Spaltung, hat das Dialogdokument »Called Together to be Peacemakers« [Für den Aufbau des Friedens zusammengerufen] gezeigt, dass wir zahlreiche Überzeugungen teilen. Beide betonen wir, dass unsere Arbeit für den Frieden in Jesus Christus verwurzelt ist, »denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile ... Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib« Eph 2,14-16/ Bericht Nr.174. Wir wissen beide, dass »Versöhnung, Gewaltlosigkeit und der aktive Aufbau des Friedens Kernpunkte des Evangeliums sind vgl. Mt 5,9; Rom 12,14-21; Eph 6,15« / Nr. 179. Unser unablässiges Be- mühen um die Einheit der Jünger des Herrn ist von größter Bedeutung. Unser Zeugnis wird beeinträchtigt sein, solange die Welt Zeuge unserer Spaltung ist. Das, was uns drängt, nach christlicher Einheit zu streben, ist vor allem die an den Vater gerichtete Fürbitte unseres Herrn: »Alle sollen eins sein... damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast« Joh 17,21. Möge euer Besuch ein weiterer Schritt zu gegenseitigem Verständnis und Versöhnung sein. Der Friede und die Freude Christi sei mit euch allen und den euch Nahestehenden. OR071007

Mennoniten:
         
Die  Gesamtzahl der Mennoniten (getaufte Erwachsene) wird heute mit 973.000 angegeben (davon 408.000 in Nordamerika und 49.000 in Europa).  Die »Arbeitsgemeinschaft Mennonitische Gemeinden in Deutschland« zählt 6.875 Gemeindemitglieder in 50 Gemeinden mit 24 Pastoren/-innen. In der Schweiz leben 3.000 Mennoniten, in Österreich 350. Neuerdings erfolgt in Deutschland ein starker Zuzug deutschstämmiger Mennoniten aus Russland, die in eigenen Gemeinden leben.
  Schriftauslegung und Theologie der Mennoniten ist weitgehend deckungsgleich mit der reformatorischen Exegese calvinistischer Prägung. Abweichend davon ist jedoch ihre Praxis der Gläubigentaufe (Erwachsenentaufe). Bei Konversionen wird meist die in anderen Kirchen vollzogene Säuglingstaufe anerkannt und von der Wiedertaufe abgesehen. Die grundlegende Organisationsform ist die einzelne Gemeinde, welche alle Verantwortung für Lehre und Leben trägt.  Die Mennoniten gehören zu den klassischen »Friedenskirchen«, die Kriegsdienst und Eid ablehnen. Mennonitischer Grundsatz ist tätige Nächstenliebe und einfache Lebensführung. LThK

B-Method-x     Methodisten in Rom  

Grußadresse des Papstes:
   “Lieber Bischof Mbang, liebe Freunde in Christus! Mit großer Freude begrüße ich euch, die Vertreter des Weltrates der Methodisten, und danke euch für euren Besuch. Meine tiefe Dankbarkeit gilt den Vertretern der Methodisten für ihre Anwesenheit und Unterstützung im Gebet beim Begräbnis von Papst Johannes Paul II. und beim feierlichen Gottesdienst zu Beginn meines Pontifikats.
   In dieser Woche ist es genau 40 Jahre her, dass sich Papst Paul VI. am Ende des II. Vatikanischen Konzils an die ökumenischen Beobachter wandte.  Bei dieser Begegnung brachte er seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Unterschiede zwischen den Christen »langsam, schrittweise, mit Offenheit und Hochherzigkeit« überwunden werden könnten. Nun dürfen wir über die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Katholiken und Methodisten und über den geduldigen und beständigen Dialog, den wir führen, nachdenken. In der Tat gibt es vieles, für das wir heute danken können.
   Seit 1967 hat sich unser Dialog mit grundlegenden theologischen Themen wie Offenbarung und Glaube, Tradition und Lehramt in der Kirche auseinandergesetzt. Aspekte, in denen wir uns voneinander unterscheiden, sind aufrichtig und offen behandelt worden. Unsere Bemühungen zeigten auch ein hohes Maß an Übereinstimmung und sind der Reflexion und des eingehenden Studiums wert. Unser Dialog und die zahlreichen Wege, auf denen Katholiken und Methodisten sich besser kennen gelernt haben, erlaubten uns, gemeinsam das »wertvolle Erbe des Christentums« zu erkennen. Diese Erkenntnis hat uns verschiedentlich ermöglicht, in einer zunehmend säkularisierten Welt mit gemeinsamer Stimme  über soziale und ethische Fragen zu sprechen.
  Ermutigend ist die Initiative, die zur Zustimmung der Mitgliedskirchen des Weltrates der Methodisten zu der 1999 von der katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund unterzeichneten Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre führen könnte. Sollte der Weltrat der Methodisten seine Absicht zum Ausdruck bringen, sich der Gemeinsamen Erklärung anzuschließen, würde er zu jener Heilung und Versöhnung beitragen, die wir aufrichtig wünschen, und somit einen bedeutenden Schritt in Richtung des erklärten Ziels der vollen und sichtbaren Einheit im Glauben unternehmen.” Zum Abschluss wünschte Benedikt XVI. “Gottes reichen Segen für euch wie für alle Methodisten in der ganzen Welt”. OR051210

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Papst an Methodisten: Dialog im Zeichen des Respekts

   Papst Franziskus hat eine Delegation der Weltrates der Methodisten im Vatikan getroffen. In seiner Ansprache betonte der Papst die Wichtigkeit des gegenseitigen Vertrauens und Respekts beim ökumenischen Dialog. Es sei ebenfalls wichtig, den gegenseitigen Glauben zu schätzen, fügte Franziskus an. Er erinnerte daran, dass es seit fast fünfzig Jahren eine gemeinsame Gesprächskommission für theologische Fragen gebe. „Abgesehen von den Unterschieden, die es noch gibt, bereichert uns der Dialog auf beiden Seiten“, so der Papst. Rv160407mg

Luthers katholische Zweitwohnung
Papst Franziskus, seine protestantischen Freunde und die Gemeinsamkeiten aller Christen

   Nimmt der Vatikan womöglich den Protestanten Martin Luther weg? Immerhin scheute sich Papst Franziskus schon vor zwei Jahren nicht, seinen evangelikalen „Freund", den mittlerweile tödlich verunglückten Reverend Tony Palmer, mit einer Handy-Videobotschaft zu Pfingstlern nach Texas zu schicken, um dort zu bekunden: Das Wunder der Einheit hat schon begonnen. Schließlich schenkte Franziskus im November Roms deutschen Lutheranern einen Abendmahlskelch, was die Erinnerung daran wachrief, dass Papst Paul VI. 1964 dem ökumenischen Patriarchen Athenagoras auch einen solchen Kelch überreicht hatte, um die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikation zwischen Orthodoxen und Katholiken erkennbar zu machen. Werden nun also bald Lutheraner und Katholiken gemeinsam Eucharistie feiern? Nein, so weit ist es nicht: Wenn der Papst zum Reformationstag 2016 mit dem Lutherischen Weltbund (LWB) an der Geburtsstätte dieser Gemeinschaft im schwedischen Lund den Auftakt des Lutherjahres 2017 begeht, dann wird das im Rahmen einer Zeremonie geschehen, die sich am neuen katholisch-lutherischen Leitfaden fürs „gemeinsame Gebet" orientiert. Es sieht kein Abendmahl vor. Der Papst kennt also die Grenzen des ökumenischen Dialogs.
  
Gleichwohl scheut er den Vorwurf des Synkretismus nicht, sondern setzt den Regeln der Theologenlehre die Ausnahme entgegen, die das Gott gehorsame Gewissen zulasse. So sagte er den Lutheranern in Rom: Auch wenn bisher eine gemeinsame Eucharistie nicht Regel sein könne, gelte das Paulus-Wort:„Ein Glaube, eine Taufe, ein Herr. Daraus müsst ihr Konsequenzen ziehen, sprecht also mit dem Herrn und geht voran." Das sagte er in freier Rede; während die vom Einheitsrat geschriebene Ansprache nur zu lesen war. In diese Arbeit vertieft sich nun sein Jesuitenorden, dessen Zeitschrift „Civiltà Cattolica" wenig später auch Roms lutherischen Gemeindepastor Jens- Martin Kruse zu einer Luther-Tagung einlud. Dabei stellte der Jesuit Giancarlo Pani von der Sapienza-Universität fest, dass Martin Luther in seinen 95 Thesen gegen den Ablass berechtigte Fragen an den Papst stellte, aber darauf nie eine Antwort erhielt. Diese Schuld Roms stehe am Beginn des Leids von Spaltung und Konfessionskriegen.
   Am Rande der Veranstaltung wurde ein Aufsatz des britischen Jesuiten Philip Endean verteilt, der 2011 die geistige Verwandtschaft zwischen dem Ordensgründer Ignazio di Loyola und Martin Luther dargestellt hatte. Jesuiten in Rom, die sich näher mit Luther befassen und die Biographie des deutschen Historikers Heinz Schilling über den „Rebell in einer Zeit des Umbruchs" lasen, weisen darauf hin, dass die Lebenswege von Luther und Loyola in ihre zeitgenössische Umwelt eingebettet werden müssten. Wäre Loyolas Zeitgenosse Luther im nationalstaatlichen Spanien geboren und nicht in der Provinz von Kleinststaaten, in der Fürsten auch mit Religion gegeneinander Politik machten, wäre der Augustinermönch womöglich Jesuit geworden.
   Martin Luther erhält also offenbar eine katholische Zweitwohnung in Rom. Schon das Zweite Vatikanische Konzil stellte mit Luther die Gewissensfreiheit ins Zentrum, erkannte die ständige Notwendigkeit zur Erneuerung der Kirche an, die Bedeutung der Heiligen Schrift für Leben und Lehre und das Verständnis der kirchlichen Ämter als Dienst und nicht als Privileg. 1983 kam es zu der gemeinsamen Feststellung, dass man Luthers Verteufelung des Papstes nicht als Kritik am Amt, sondern an den Amtsträgern seiner Zeit sehen müsse. Über Luthers Rechtfertigungslehre lässt sich mit den Katholiken seit dem gemeinsamen Papier von 1999 auch nicht mehr streiten.
   Schließlich reiste Benedikt XVI. 2011 in Luthers Erfurter Kloster und legte ein Bekenntnis zur Christologie des Reformators ab. Doch es bleiben Streitpunkte: das Amtsverständnis des Priesters (mit dem die unterschiedliche Deutung der Eucharistie verbunden ist) sowie das Frauenpriestertum. Eine weitere Hürde hält Franziskus noch niedriger als sein Vorgänger. Ungern lässt er sich Papst oder Pontifex maximus nennen, lieber ist er nur Bischof von Rom. Für Franziskus, Chef einer Weltkirche, ist der LWB Ansprechpartner; aber aufgefallen ist in Rom schon, dass man offenbar in der deutschen EKD die Reformation auch ohne Katholiken behandeln kann. Als seltsam empfindet man es in Rom, dass der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm schon seit Ende 2014 im Amt ist, aber bisher noch nicht bei Franziskus war, um zum Beispiel eine Einladung ins Land der Reformation auszusprechen. FAZ130326JörgBremer

Versöhnungsliturgie
   Zum Artikel „Luthers katholische Zweitwohnung" (F.A.Z. vom 26. März): Dass man die Reformation auch ohne Katholiken behandeln kann, ist nicht nur in Rom aufgefallen. Auch im Land der Reformation verfolgt man schon seit längerem die Einstellung des Vatikans zum Reformations„jubiläum". Schon dieses Wort erregt Missfallen. Papst Benedikt hat anlässlich seines Besuches in Erfurt im Jahr 2011 den EKD-Amtsträgern deutlich gemacht, dass man mit einer Beteiligung von Offiziellen der katholischen Kirche nicht rechnen könne.
   Inzwischen ist Papst Franziskus im Amt. Von seinen Kardinälen Kaper und Koch gut beraten, hat er erkannt, dass nicht die EKD, sondern der Lutherische Weltbund mit dem Vatikan auf Augenhöhe steht. Und damit nicht genug, wählt der Papst die Geburtsstätte des Lutherischen Weltbundes, Lund in Schweden, als Ort des Auftaktes zum Lutherjahr 2017. Für diese Zeremonie haben der Vatikan und der Lutherische Weltbund eine Versöhnungsliturgie erarbeitet. Die katholische Kirche ist also am Reformationsgedenken aktiv und zielstrebig beteiligt, nicht aber die EKD, ein Bund evangelischer Kirchen, die zum Luthertum eine recht unterschiedliche Einstellung haben; die dürfen fehlen. FAZ160407Dr.HansChristhardMahrenholz, Hilchenbach

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 Bibel in gerechter Sprache – auf dem Kirchentag in Köln

   Der stellvertretende Vorsitzende des Rates der EKD, Christoph Kahler, bekräftigte die Empfehlung des Rates, die „Bibel in gerechter Sprache” nicht in Gottesdiensten zu verwenden. Kahler sagte auf der erst nachträglich ins Programm des Kirchentages aufgenommenen Veranstaltung „Allein die Schrift - aber welche?”, die „Bibel in gerechter Sprache” „verfälsche” an zahlreichen Stellen den Sinn des Urtextes.
  Das Ziel, das sich die Herausgeberinnen und Herausgeber für das neue Jahrtausend gesetzt haben, ist kein geringeres als eine grundlegende Neuübersetzung der Bibel.” So lautet der erste Satz der Programmschrift, mit der 2005 das Projekt einer „Bibel in gerechter Sprache" vorgestellt wurde.

    Als Schlüsselkategorie des Projekts wurde von Anfang an die „gerechte Sprache” ausgegeben: „geschlechtergerechte Sprache”,  „soziale Gerechtigkeit”  und „Gerechtigkeit im Hinblick auf den jüdisch-christlichen Dialog”. In der Einleitung wird behauptet: „Die genannten Kriterien können und sollen eine Hilfe sein, den Text in seiner Fremdheit neu zu entdecken.” Aber das Gegenteil trifft zu.
Textbeispiele
    Eigenwillig ist die an zahlreichen Stellen vorgenommene Deutung des Titels „Menschensohn”. Ein eklatantes Beispiel ist dabei die Übersetzung von Markus 2,28. Der Vers beschließt die Geschichte vom Ährenabreißen am Sabbat. Voran geht die ausdrücklich als Wort Jesu eingeführte Aussage: „Der Sabbat ist für die Menschen da und nicht die Menschen für den Sabbat.” Die „Bibel in gerechter Sprache” fährt dann fort: „Die Menschen sind wichtiger als der Sabbat.” Tatsächlich steht im Urtext da: „So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.”
    Ist es sachgemäß, in scheinbarer Gleichordnung von „Hirtinnen und Hirten”, „Pharisäerinnen und Pharisäern”, „Apostelinnen und Aposteln”  zu sprechen? Sie tendiert auch zu einer schematischen, text- und sinnwidrigen Anwendung. Das ist zum Beispiel der Fall in Markus 6,30. Mit den „Aposteln” sind hier „die Zwölf” 6,7-12 gemeint; bei der Schaffung des Zwölferkreises werden die Zwölf aufgezählt 3,13-19, und es sind nur Männer. Darum ist es gänzlich unbegründet, in Markus 6,30 die Angabe „Apostelinnen und” gegen den Urtext hinzuzufügen.
  Zur Orientierung am Maßstab der „Gerechtigkeit im Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog” wird auf die in den vergangenen Jahrzehnten gewachsene Einsicht verwiesen, wie sehr das auf jüdischem Boden entstandene Neue Testament „antijüdisch und damit verzerrt gelesen und entsprechend übersetzt wurde”. Die Rede des Johannes- Evangeliums von „den Juden” ist anstößig und auslegungsbedürftig etwa in 2,18; 5,10.16; 7,1.13; 19,7.12. Die „Bibel in gerechter Sprache” macht es sich zu einfach, wenn sie gegen den biblischen Text „die Juden” ersetzt durch: „die jüdische Obrigkeit” oder „andere jüdische Menschen” oder „Menschen aus Judäa” oder „die Hohenpriester und ihre Leute”.
   Im Umgang mit den Namen und Bezeichnungen Gottes werden von der „Bibel in gerechter Sprache” folgenreiche Vorentscheidungen getroffen: Sie zielen darauf, „Gott nicht einseitig mit grammatisch männlichen Bezeichnungen zu benennen”, bedeuten den Bruch mit der Tradition, die „den biblischen Namen Gottes mit ,Herr’ wiedergibt”, und schließen das Bekenntnis zu der Überzeugung ein, „Gottes Name” sei „unübersetzbar”, ja, Gott übersteige „die Möglichkeiten der Sprache” so sehr, dass jedes menschliche Reden über Gott und zu Gott „ein immer wieder neuer Versuch der Annäherung” sei und vorzugsweise eine Vielfalt von Namen und Bezeichnungen gebrauche.
   Es gehört zu den gemeinsamen theologischen Grundsätzen, dass Gott „jenseits der Gechlechterpolarität” steht. Die Frage ist aber, welcher Sprachgebrauch dieser Einsicht am besten gerecht wird. Der zum Prinzip gemachte ständige Wechsel zwischen maskulinen und femininen Formen - wie der Ewige/die Ewige oder Er/Sie - führt über die Geschlechterpolarität gerade nicht hinaus, sondern verstärkt sie.
   Durch ihren Umgang mit den Namen und Bezeichnungen Gottes trägt die „Bibel in gerechter Sprache” dazu bei, dass Gott für den Menschen zu einer undeutlichen und unfassbaren Größe, gewissermaßen zu einem Vexierbild wird. Die vertrauten Anreden - „Vater”, „Herr” - werden gemieden. Stattdessen werden neue Bezeichnungen - „ha- Schem”, „ha-Makom”, „Schechina”, das Nebeneinander von „ErSie” und „SieEr” - eingeführt. Auf jeder Doppelseite begegnet dem Leser links oben eine Kopfzeile mit einem Angebot von Gottesbezeichnungen in wechselnder Reihenfolge. Beides, die Einführung neuer und die Verabschiedung vertrauter Bezeichnungen sowie das Neben- einander eines großen Angebots möglicher Bezeichnungen, geschieht wohlüberlegt. „Was Menschen über Gott und zu Gott sagen, ist [so wird man ergänzen dürfen: nur] ein immer wieder neuer Versuch der Annäherung.” Das Bilderverbot wird als Begründung dafür in Anspruch genommen, dass Gott nicht in einem Namen und festen Bezeichnungen fassbar werden dürfe. Diese Intention lässt sich jedoch dem Bilderverbot keineswegs entnehmen. Die Bibel weiß vielmehr sehr genau um die Relevanz des Namens für die Geschöpfe und die Menschen.
Nicht anders ist es im Blick auf Gott. Jesus lehrt seine Jünger das Vaterunser.„Wenn ihr betet, so sprecht: Vater!... ” Lukas 11,2. Die „Bibel in gerechter Sprache” nimmt die Gottesbezeichnung „Vater” ausschließlich als Problem wahr: In der Geschichte der Kirche sei „mit der Rede von Gott als Vater oft patriarchale Herrschaft begründet” und zugleich „oft vergessen worden, dass es sich hier um eine bildliche Redeweise für den bildlosen Gott handelt”. Die Konsequenz ist, dass der Gottesanrede „Vater”, bis hin sogar zum Vater-unser, der Abschied gegeben wird und Strategien zu ihrer Vermeidung angeboten werden - und zwar „um dem Missverständnis vorzubeugen, dass Gott in der Bibel eine patriarchale oder Patriarchat rechtfertigende Größe wäre, und um eine bis heute dominierende androzentrische Festlegung Gottes aufzubrechen”. Jesus nimmt mit dem Vaterunser seine Jünger mit hinein in die Intimität seiner Gottesbeziehung. Dem korrespondiert seine Rede davon, dass wir im Verhältnis zu Gott werden sollen wie die Kinder Matthäus 5,45; 18,3. Wohl wahr - es gibt gestörte und missglückte Kind-Vater-Beziehungen. Aber das rechtfertigt es nicht, die Perspektive der vielen gar nicht erst zuzulassen, die die Wahrheit der Rede von Gott als Vater entdeckt und noch längst nicht ausgeschöpft haben.
   Als Beispiel für den Umgang der „Bibel in gerechter Sprache” mit dem Gottesnamen „Vater” diene Lukas 11,13. In der Lutherbibel lautet der Vers: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.” Daraus macht die „Bibel in gerechter Sprache”: „Wenn ihr, die ihr doch nichts Besonderes (!) seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird die himmlische Quelle denen die heilige Geistkraft geben, die (!) bitten.” Aber kann es mit einer „himmlischen Quelle” Zwiesprache im Gebet geben?
   Der Dekalog wird im Alten Testament in zwei, auf weite Strecken übereinstimmenden Fassungen überliefert: Exodus 20,1-17 und Deuteronomium 5,6-21. Dazu kommen Zitate wie zum Beispiel in Matthäus 19,18f oder Römer 13,9. Unbefriedigend ist es, dass die Übersetzung wörtlich identischer Stellen voneinander abweicht; die Arbeit der unterschiedlichen Übersetzerinnen und Übersetzer ist auch nachträglich nicht ausgeglichen worden. Besonders auffallend ist dies bei dem Gebot, die Ehe nicht zu brechen. Nahezu jede Belegstelle ist hier anders übersetzt: „Geh nicht fremd” Exodus 20,14. „Verletze keine Lebenspartnerschaft” Deuteronomium 5,18. „Du sollst in Ehen nicht das Recht Gottes verletzen” Matthäus 19,18. „Du sollst nicht ehebrechen” Lukas 18,20. „Du darfst die Ehe nicht brechen” Römer 13,9. Während bei der Übersetzung der Zitate im Neuen Testament der Bezug zur Ehe hergestellt wird, wird er in Exodus 20 und Deuteronomium 5 - wohl nicht zufällig - vermieden. Dafür wird in Deuteronomium 5,18 ein Bezug zur „Lebenspartnerschaft” hergestellt, einem Ausdruck, bei dem das Institut der „Eingetragenen Lebenspartnerschaft” mit anklingt. Das ist aber nicht mehr Übersetzung, sondern Auslegung und Anwendung in einem modernen Kontext. Die Aussage, dass Gott den Sabbattag „heiligte” Exodus 20,11, wird eigentümlicherweise so wiedergegeben: Er hat den siebenten Tag „für unantastbar erklärt” - und dies, obwohl davor 20,8 übersetzt wird: „Denke an den Sabbat, er sei dir heilig”. Ist „für unantastbar erklären” deckungsgleich mit „heiligen”? Wohl kaum. FelixGrigatFAZ070611

„Weniger an, aber mehr drauf”. Über das aktuelle Übersetzungsprojekt „Bibel in gerechter Sprache”

  Mit einer neuen Bibelübersetzung in „gerechter Sprache” entfernen sich einige Protestanten zusehends vom reformatorischen Schriftprinzip sola scriptura, wonach die Bibel allein Richtschnur für kirchliche Lehre und Tradition ist. Bei einer von vielen evangelischen Gruppen getragenen und von den Bischöfinnen Margot Käßmann und Bärbel Wartenberg-Potter, Bischof Ulrich Fischer, den Kirchenpräsidenten Eberhard Cherdron und Peter Steinacker sowie der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland geförderten Bibelübersetzung „Die Bibel in gerechter Sprache” werden neben dem griechischen und hebräischen Urtext sola scriptura zusätzliche Kriterien und Traditionen anerkannt. So haben sich die 52 Übersetzer der „Bibel in gerechter Sprache” darauf verpflichtet, neben der historisch-kritischen und literaturwissenschaftlichen Exegese Einsichten der feministischen Theologie und der Befreiungstheologie, des christlich-jüdischen Dialogs sowie „Wahrnehmungen aus der Sicht von gesellschaftlichen Minderheiten” zu berücksichtigen. Ein Hauptanliegen sei, die in den biblischen Texten genannten oder „mitgemeinten” Frauen „sichtbar” und Frauen als „heute angesprochen” erkennbar zu machen. Die Bibel in gerechter Sprache sei die „erste christliche Übersetzung, die die jüdische Abfolge der alttestamentlichen Bücher” respektiere. Damit werde schon äußerlich sichtbar, dass der erste Teil der christlichen Bibel  kein „pseudochristliches Buch” sei, son- dern die Geschichte Gottes mit Israel, wie sie in Israel selbst, also in der jüdischen Bibel bezeugt sei.
  Seine Wurzeln hat das Projekt in amerikanischen Bibelübersetzungen der politisch-korrekten „inclusive language” und deren Aufnahme beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Finanziert wurde die Übersetzung durch private Spenden. Peter Steinacker, Präsident der Hessen-Nassauischen Landeskirche und Vorsitzender des Beirates, begründet die Neuübersetzung in gerechte Sprache damit, dass es “in Christus keine Diskriminierung nach Ge- schlecht, ethnischer Zugehörigkeit oder sozialer Schicht” gebe. Diese „Überwindung der Diskriminierung” müsse sich auch in der Übersetzung der Bibel widerspiegeln und deshalb die in der Bibel gebrauchte Sprache „kritisch” überprüft werden. Die Sprache der Bibelübersetzungen sei „nicht gottgegeben”. Die heutige Aufgabe bestehe in der  „sachgemäßen Übersetzung in die heutige Sprach- und Denkform”.
   Vor dem geplanten Erscheinen der „Bibel in gerechter Sprache” zum Reformationstag 2006 haben Exegeten auf der Grundlage bekannt gewordener Texte der Übersetzung kritisiert, dass Grundsätze der klassischen Philologie hermeneutischen Interessen untergeordnet würden.
   Der Präsident der Cansteinschen Bibelanstalt und Professor für Neues Testament, Andreas Lindemann, sagte, einige der bisher bekannt gewordenen Übersetzungen verfälschten den biblischen Text. Es würden Auslegungen vorweg genommen, die in dieser Form nicht in den Texten selbst zu finden seien. Es sei ein Unterschied, ob Diskriminierungen  durch  die  Übersetzung  zustande  kämen  oder  ob sie bereits im Text enthalten seien.  Es dürfe nicht versucht werden, einen nicht als „korrekt” eingeschätzten Text durch die Übersetzung inhaltlich zu korrigieren. Wenn im Matthäusevangelium gegen Pharisäer polemisiert werde, dann sei es unzulässig, dies mittels einer „gerechten Übersetzung” richtig stellen zu wollen. Es sei nicht angemessen, den Matthäustext durch die Übersetzung so umzuformen, dass er den heutigen Ansprüchen und Einsichten genüge. So werde der Evangelienvers in Matthäus 23,2, die Luther mit „Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer” wiedergibt, in der „Bibel in gerechter Sprache” übersetzt mit: „Auf dem Stuhl des Moses sitzen Toragelehrte und pharisäische Männer und Frauen.” Pharisäische Frauen auf dem Lehrstuhl des Mose habe es aber „sicherlich nicht” gegeben, wie es bis heute auch keine orthodoxen Rabbinerinnen gebe.
   Der Tübinger Alttestamentler Bernd Janowski sagte, die Neuübersetzung liefere sich an den Zeitgeist aus und sei ein „Dokument des sich selbst aushöhlenden Protestantismus”. Es sei „beschämend”, dass es überhaupt von kirchenleitender Stelle aus protegiert werde. Problematisch sei insbesondere der Anschluss an jüdische Auslegungstraditionen. So sei die derzeit vorliegende Übersetzung der Antithesen der Bergpredigt mit  „Ich lege euch das heute so aus ...” statt „Ich aber sage euch ...” eine „schlichte Verbiegung des griechischen Originals” und nicht „textgerecht”. Denn im griechischen Text steht zwar das nicht übersetzte Wort „aber”, nicht aber das übersetzte Wort „heute”. Die Neuübersetzer versuchten, dem Judentum „Gerechtigkeit” widerfahren zu lassen und sich gegen die Möglichkeit einer „antijüdischen Deutung Jesus, der etwas ,Neues’” bringe, zu wenden. Nach den Worten der Übersetzerin des Matthäusevangeliums gehe es „um eine aktuelle Auslegung durch den Toralehrer Jesus”, der Gottes Wort in der Schrift hört und in seine Zeit übersetzt - ohne den Anspruch auf überzeitliche Gültigkeit seiner Auslegung”.
   Dem Anliegen  der Übersetzer,  das Neue Testament „neu auch als jüdisches Buch” erkennbar zu machen, soll auch die Vielfalt von Übersetzungen des Gottesnamens dienen. Anstelle des von Luther für das von Juden nicht ausgesprochene Tetragramm gewählte „der HERR” sollen in Kopfzeilen für die ersten beiden Kapitel der Bibel angeboten werden: „die Ewige/Schechina - GOTT/Adonaj - ha-Schem/der Lebendige”. Diese Zeile wechselt auf jeder zweiten Seite und enthält aus der begrenzten Zahl von Übersetzungsmöglichkeiten des Tetragramms eine „zufällige Auswahl”. Dies soll auch auf das Neue Testament Übertragen werden, wo etwa für Kapitel im Römerbrief des Paulus vorgesehen ist: „der Name /der  Lebendige / SIE ER / der Heilige”. An diesen Stellen steht allerdings im griechischen Urtext des Römerbriefes durchweg „kyrios”, was aber in deutscher Übersetzung nur „Herr” zulässt.
   Ein Beispiel für eine umgangssprachliche Übersetzung ist Genesis 3,1. Luther übersetzt den Beginn der Sündenfallgeschichte mit „Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde ...” In der Bibel in gerechter Sprache steht: „Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere des Feldes ...” Damit solle das hebräische Wortspiel zwischen „nackt” Gen 2,25 und „klug” Gen.3,1 wiedergegeben werden.
   Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert, sagte, es gehe nicht an, den Text mit seinen für Leser aller Jahrhunderte schwierigen und dunklen Stellen in ein „Alltagsdeutsch” zu übersetzen. Der Text müsse auch sein Geheimnis und seinen Zauber wahren - eben alles, was nicht gewöhnlich sei. Auch sei es mehr als problematisch, das „angeblich Mitgemeinte” auch mit zu übersetzen. Die Sprache der Neuübersetzung sei nicht angemessen. Die Herausgeber der Bibel in gerechter Sprache streben nach eigener Aussage „keinen liturgischen Gebrauch dieser Übersetzung” an. Gleichwohl liegt bereits ein mehrbändiges Gottesdienstbuch in gerechter Sprache vor. FelixGrigatFAZ060216  
  
Ist der der bekannteste Psalm wieder zu erkennen? Psalm 23 ist fast jedem von Kindheit an vertraut - sein eingängiger Wortlaut: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.” In der 'gerechten' Übersetzung heißt das nun: „Adonaj weidet mich, mir fehlt es an nichts. Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern, zu Wassern der Ruhe leitet Gott mich sanft.” Doch: Wo ist der Hirte geblieben, wo der Herr?

 Politisch korrekt statt Luther. „Die Bibel in gerechter Sprache“ soll niemanden mehr kränken 

   Die neue Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache”, die nach fünf Jahren Arbeit auf der Buchmesse vorgestellt wurde, will nach Auskunft der Projektleiterin allen Gerechtigkeit widerfahren lassen: den Frauen, den Juden, den sozial Schwachen. Will sie auch dem biblischen Text selbst Gerechtigkeit widerfahren lassen? Daran zu zweifeln, gab die Vorstellung mit Kostproben des Textes durchaus Anlass. Denn ausreden lassen die Übersetzer dieser Bibel die biblischen Texte nicht.
  So mancher wird vertraute Texte nur schwer wieder erkennen. Das Johannes-Evangelium beginnt nicht mit dem bekannten und in der Literatur mehrfach zitierten Satz „Im Anfang war das Wort”, sondern „Am Anfang war die Weisheit” - um auf die Weisheitstradition, die hinter dem Johannes-Prolog steht, hinzuweisen. Noch augenfälliger ist die Übersetzung von Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue” (Luther) in der neuen Übersetzung, an der mehr als 50 Übersetzer beiderlei Geschlechts und beider Konfessionen ehrenamtlich gearbeitet haben: „Adonaj weidet mich, mir fehlt es an nichts. Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern.”
   In liturgischen Zusammenhängen werde er immer Luthers Übersetzung den Vorzug geben, gab der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), gleichzeitig Vorsitzender des Beirats, Steinacker, nicht gerade zur Freude seiner Kollegen zum besten. Denn in der Liturgie komme das kollektive Gedächtnis der Kirche zum Ausdruck, und ersetzen könne diese Bibel Luthers Text ohnehin nicht. Bei Gemeindevorträgen und seinen eigenen Predigten werde er die Übersetzung aber künftig zu Rate ziehen.  Die EKHN, die fünf Jahre lang die Projektstelle mit einer vollen Pfarrstelle finanziert hat, finanzierte den größten Anteil der 400.000 Euro Spenden- gelder, die zur Verwirklichung nötig waren. Sie werde die Texte künftig testen.
   Auch wenn kirchliche Basisgruppen schon während der Übersetzung mit den Texten gearbeitet haben, dürfte Luther kaum seine Freude daran haben, wie Steinacker meinte. Denn dem Volk haben die Übersetzer nicht aufs Maul geschaut, sie haben sich vielmehr leiten lassen von feministischen oder befreiungstheologischen Interessen- gruppen, die den Texten vor allem politisch korrekte Formulierungen angedeihen ließen.
   Als Entgegenkommen für jüdische Gläubige gaben die Übersetzer das Tetragramm (Jahwe), das Juden nicht aussprechen, sondern durch „Adonaj” (= Herr) ersetzen, ebenfalls mit „Adonaj” wieder. Gott habe in der Bibel einen unübersetzbaren Eigennamen, entziehe sich sprachlicher Festlegungen, hieß es erläuternd bei der Vorstellung.
   Beim Personalpronomen wird dann zwischen „Er“ und „Sie” gewechselt, aber auch zwischen „die Ewige” und „der Ewige”. Vom „Geist Gottes” ist wegen der angeblich autoritären Sprache nicht die Rede, statt dessen von der „Geistkraft”. Das hebräische Ursprungswort (ruach) steht am Rand - nur den Sprachkundigen wird sich aber erschließen, dass ruach immer feminin ist. „Die einen kamen von der Geschlechtergerechtigkeit, die anderen vom christlich-jüdischen Dialog und wollten ihre Anliegen in der Übersetzung unterbringen”, verriet die Projektleiterin das jeweilige Vorverständnis der Übersetzer der im Gütersloher Verlagshaus erschienenen Bibel. Diese hingegen machen es wie der Alttestamentler an der Kirchlichen Hochschule in Bethel Frank Crüsemann zum System, anderen Vorurteile, antijudaistische, frauenfeindliche und sozial diskriminierende Voreingenommenheit vorzuwerfen. Sie sehen den Splitter im Auge des anderen, den Balken im eigenen jedoch nicht. Crüsemann meint, diese Über- setzung lege durch ihr Glossar am Rand offen, was im Griechischen oder Hebräischen stehe. Er bezweifelte, dass Luthers Texte von Jugendlichen oder Strafgefangenen noch verstanden würden. Aber wäre es nicht Aufgabe der Theologen und Exegeten, sie zu erklären? Philologie, die sich noch nie in reiner Semantik erschöpfte, und Hermeneutik spielen hier ganz offenkundig keine große Rolle, vielmehr ein fast missionarisches Bemühen, es allen recht zu machen. Der Preis dafür ist hoch: Diese Texte wird sich niemand merken, weil sie keinen Rhythmus haben.
HeikeSchmollFAZ061006

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Foto: Verleger Ralf Markmeier, Peter Steinacker - „Gerecht“ soll es zugehen in einer neuen Bibel -  gendergerecht

   Kann Gottes Wort übersetzt werden? Gott hat keine Muttersprache. Er war vor aller Sprache, ja vor aller Welt, die er schließlich vor Anfang aller Zeiten erschuf, indem er Sinn und Struktur, Sein und Zeit einführte.
  Die Bibel aber, ganz profan, muss übersetzt werden. Anders als für den Islam sind die Heiligen Schriften von Judentum und Christentum zwar göttlich inspiriert, aber ihr Text gilt nicht als göttlicher „O-Ton” wie der Koran, den der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed im edelsten Hocharabisch diktiert haben soll. Für Juden und Christen war die Offenbarung immer eine Übersetzungsfrage. Gottes Gesetz zu verkündigen bedeutete, die Bibel zu übersetzen.
   Auch die unterschiedlichen Kataloge und Kanones für das Buch der Bücher sind entstanden im Zusammenhang mit Übersetzungen: der hebräischen und der griechischen, dann der lateinischen Bibel, Vulgata, also Volksbibel genannt, weil sie fürs Weströmische Reich die Volks- und Verwaltungssprache übernahm.  Und wie stellt man nun fest, was eine gute Übersetzung ist?
   Als der hellenistische Diadochenkönig Ägyptens Ptolemaios Soter die berühmte Septuaginta-Übersetzung anfertigen ließ, die griechische Version des Alten Testaments, ließ er 72 jüdische Schriftgelehrte kommen, sechs aus jedem der zwölf Stämme Israels. Jedes Buch wurde daraufhin in der griechisch-sprachigen jüdischen Gemeinde Alexandrias vorgelesen. Und wie beim Bundesschluss des Gottesvolkes am Berge Sinai antwortete die Gemeinde einmütig: Ja, die Übersetzung sei „gut, fromm, und völlig genau”, das rechte Wort für den Gottesdienst. Wie eine Karikatur der alexandrinischen Übersetzerversammlung wirken heute Herausgeberinnen und Herausgeber, Beraterinnen und Berater, Begleiterinnen und Unterstützer, Übersetzerinnen und Übersetzer, die Geschäftsführerin und die Spendenbeauftragte der „Bibel in gerechter Sprache” des Gütersloher Verlagshauses, die auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde. Sie entstand im progressiv-protestantischen Milieu, ist aber auch für den öku- menischen und für den jüdischchristlichen Dialog gemeint. Gut gemeint, aber völlig unleserlich, bildet sie die text- liche Travestie eines Kommentars.
 „Gerecht” soll hier heißen: geschlechtergerecht. Zwar sagen auch die Übersetzerinnen, dass es die gerechte, einzig richtige Übersetzung gar nicht gebe. Man/frau wolle nicht behaupten, andere Übersetzungen seien ungerecht.  Aber dieses Buch sei weniger ungerecht als andere. Gottes heiliger Eigenname im jüdischen Tetragramm, der liebe Gott der christlichen Hausbibel, der zürnende HERR im Himmel, der Abba-Vater des jüdischen Dissidenten Jesus von Nazareth und seiner Jünger werden nämlich gendergerecht ausbuchstabiert. Bei der Erschaffung der Men- schen zu Gottes Ebenbilde heißt es: „Männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen.” Wer? Ist diese Gottheit in Wahrheit weiblich, obwohl sie bisher in den Bibeln aller Sprachen grammatisch männlich angesprochen wurde?
   Nein, nein - so werden wir in Einleitung und Kommentar und Anmerkungen der „Bibel in gerechter Sprache” gewarnt: „Sie-Er, die Lebendige, die Eine/der Eine, DU, die Heilige” sei eben weder männlich noch weiblich. Die meisten Leserinnen und Leser seien nur daran gewöhnt, „sich Gott in inneren und äußeren Bildern männlich vorzustellen”. Und deshalb muss nun gegengesteuert werden.
  Darum also wird der grammatisch plurale Gottesname Adonai zwar ehrfürchtig typographisch GESPERRT, aber durch eine Inflation an weiblichen Eigennamen Gottes konterkariert. So aber wird das jüdische Gebot, der Mensch solle sich von Gott kein Bild machen, eher verballhornt: Anstelle des HERRgottes läuft jedesmal eine gendergerechte Namensversammlung als Fußnote oder Kopfzeile mit. Das Bemühen um eine feministisch anschlussfähige Heilige Schrift widerspricht dem jüdischen und christlichen Wissen, dass der HERR in seiner Schechina zwar anwesend, aber zugleich verborgen ist. Denn JAHWE ist eben nicht „Dasein, Mitsein und Eintreten für etwas und jemand”, wie das Übersetzerkollektiv meint. Dasein tun nur unsere Mitmenschen. DER, DER IST, ist größer als alle Kommentare. OttoKallscheuerFAS061015

„Gott als stillende Mutter”

   Nach der Veröffentlichung der „Bibel in gerechter Sprache” haben die evangelischen Christen im Rheinland nun auch eine Handreichung für den „gerechten Sprachgebrauch in Gottesdienst und Liturgie” herausgegeben. Das heiße zum Beispiel. „dass die Bibel Gott nicht nur als Mann beschreibt, sondern auch als gebärende Frau, als stillende Mutter, als Geburtshelferin und Haushälterin, als Bäckerin, Henne und als Gott der Weisheit”. Mit gerechtem Sprachgebrauch solle aber nicht nur die Dominanz männlicher Sprachformen durchbrochen werden. Auch im Blick auf Israel als das Volk Gottes sei der neue Sprachgebrauch um Gerechtigkeit bemüht; er spricht statt von „den Juden” von „jüdischen Autoritäten”. Die Handreichung wurde den 797 evangelischen Gemeinden im Rheinland zur Verfügung gestellt. Im Anhang finden sich Beispiele für Gebete, die anhand der „Bibel in gerechter Sprache” formuliert wurden.
Sektenbildung
    Es war zu erwarten, dass der Virus der sogenannten „gerechten Sprache” in den Evangelischen Gemeinden weiter um sich greift. Nun sind den 797 evangelischen Gemeinden im Rheinland Vorschläge für den Gottesdienst unterbreitet und darin erläutert, wie die politisch korrekten Wendungen auch in Gebet und Liturgie eingehen könnten. Das Ergebnis ist so aberwitzig wie die „Bibel in gerechter Sprache”. Demnächst soll immer von „Väter und Mutter”, „Bruder und Schwester”, „Abraham und Sara” die Rede sein. Doch die weibliche Metaphorik sei kein Ziel an sich, sondern setze ein Bewusstsein in Gang, das Neues über Gott erfahren lasse. Der sogenannte gerechte Sprachgebrauch wird vor lauter Gerechtigkeitsimpetus gegenüber allen (Mädchen und Jungen, Behinderten, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, dem Volk Israel) niemandem gerecht, schon gar nicht Texten und Inhalten. Es handelt sich um eine ideologische Textmanipulation, deren Folgen theologisch nicht leichtzunehmen sind. Während die EKD von der Bedeutung der Rituale und sprachlicher Beheimatung spricht, schreitet die Sektenbildung etwa im Rheinland voran. Aber das hatte dem Protestantismus Troeltsch schon vor hundert Jahren ins Stammbuch geschrieben.  ollFAZ070209
  
Über fünfzig meist evangelische Theologinnen und wenige Theologen haben eine Bibelübersetzung mit dem Titel „Bibel in gerechter Sprache” erstellt. Ein theologischer Beirat unter dem Vorsitz des Präsidenten der evangelischen Christen von Hessen-Nassau, Peter Steinacker, hat das Übersetzungsprojekt über fünf Jahre begleitet und finanziell und organisatorisch unterstützt. Die Alttestamentlerin der Universität Graz, Irmtraud Fischer, stimmt ein Loblied auf die neue Übersetzung an. Ziel der Übersetzung sei es „Diskriminierungen zu vermeiden.” Dies geschieht etwa durch eine „geschlechtergerechte Sprache”, die etwa den hebräischen Begriff „benej” nicht allein mit Söhne sondern mit Kinder übersetzt, oder die griechischen „adelphoi” nicht nur mit Brüder, sondern mit Geschwister oder Brüder und Schwestern wiedergibt.
  Daneben richtet sich die neue Übertragung gegen eine „Verschleierung von ungerechten Herrschaftsverhältnissen”. die man in der Übersetzung „Knecht und Magd” statt „Sklave und Sklavin” gegeben sieht. Problematisch wird es bei den Gottesbezeichnungen: Wegen „männlicher Engführung” wird etwa „der Herr” als Ersatz für den Gottesnamen Jahwe ausdrücklich abgelehnt. Als Alternative werden zum Beispiel „der Ewige, die Ewige, die Lebendige, der Lebendige, die Heilige, der Heilige” verwendet. Die schwerwiegenden Eingriffe der neuen Übersetzung in das Neue Testament werden von Fischer gutgeheißen: Die Vaterbeziehung Jesu dominiert die Gottesvorstellung und hat im Laufe der Christentumsgeschichte zu einer männlichen Engführung geführt.” Darum über- trägt die „Bibel in gerechter Sprache” „die Rede vom „Vater” mit „Gott, Vater und Mutter”. Aus dem vertrauten „Vater unser im Himmel” Mt 6,9 wird nun die Anrede: „Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel”. Das wird für manche gewöhnungsbedürftig sein.
  Ludger Schwienhorst-Schönberger, Alttestamentler in Passau, kritisiert die „geschlechtergerechte Sprache”. Eine Feminisierung liegt zum Beispiel vor, wenn „Schriftgelehrte” mit „toragelehrte Frauen und Männer” übersetzt wird. Eine Neutralisierung liegt vor, wenn „ein Aussätziger” Mk 1,40 mit „eine schwerkranke Person”  wiedergegeben wird. Ein Beispiel dafür, wie sehr diese Eingriffe in den Schrifttext auch den Sinn verändern ist die Übersetzung „Bauersleute gingen hinaus, um zu säen” wo es bei Markus nach der Einheitsübersetzung heißt „Ein Sämann ging aufs Feld”. Wesentlich schwerwiegender sind Fehlübersetzungen, die christologische Aussagen verschwinden lassen, etwa wenn es heißt „Du bist mein geliebtes Kind, über dich freue ich mich” statt „Du bist mein geliebter Sohn” Mk 1,11.
  So werden in den ausschließlich aus Männern bestehenden Apostelkreis durch das Mittel der Feminisierung Frauen eingeschleust: „Die Apostelinnen und Apostel versammelten sich um Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten” Mk 6,30. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott” – der Anfang des Johannes- Evangeliums – heißt jetzt: „Im Anfang war die Weisheit und die Weisheit war bei Gott” Joh 1,14. Sowohl der Bezug zur Schöpfung durch das Wort wie die Logos-Christologie bleiben dabei auf der Strecke. „Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzig geborenen Sohnes vom Vater” wird in „gerechter Sprache” zu: „Und wir sahen ihren Glanz, einen Glanz wie den eines einzig geborenen Kindes von Mutter und Vater”.
   Schwienhorst-Schönberger kritisiert vor allem die Übersetzung des Gottesnamens Jahwe mit verschiedenen aus dem Judentum übernommenen Namen, wobei „ausgerechnet diejenige jüdische Tradition übergangen wird, die für die christliche Tradition bestimmend wurde: die Wiedergabe des Gottesnamens JHWH mit Kyrios ,Herr’ in der Septuaginta. In dieser Tradition steht auch das Neue Testament. Konsequent wird auch Jesus nicht mehr ,Herr’ genannt: Maria Magdalena sagt nicht mehr „Ich habe den Herrn (ton kyrion) gesehen” sondern „Ich habe Jesus den Lebendigen gesehen”. Der Passauer Alttestamentler beurteilt die „Bibel in gerechter Sprache” als eine Fortschreibung der Heiligen Schrift und nicht als eine Übersetzung.  Die Probleme, die sie lösen will, gehören für ihn zum Bereich der Kommentierung und Auslegung der Schrift. Die Übersetzungsleistung hält der Alttestamentler „alles in allem gesehen für nicht akzeptabel”. MichaelKargerDT070227
  
Das 1998 in Auftrag gegebene Papier zum „gerechten Sprachgebrauch” soll wegen der innerkirchlichen Diskussion überarbeitet werden. Der lutherische Konvent im Rheinland hatte kritisiert, dass ein Gottesdienst, in dem das Phantom einer dreieinen Göttin angebetet werde, eine „häretische Kultveranstaltung” sei. Der für die Handreic- hung verantwortliche bekräftigte hingegen: „Wir halten an dem Anliegen des vielfältigen Redens von Gott fest.” ollFAZ070309
  
Die „Bibel in gerechter Sprache” reizt viele Theologen zum Widerspruch - insbesondere wegen ihrer Glättungen, die das eigentlich Gemeinte zurechtbiegen - im Sinne der Gerechtigkeit. Ein Beispiel liefern hier die berühmten Antithesen, die  Jesus in der Bergpredigt im Matthäus-Evangelium verkündet: „Ihr habt gehört, dass da gesagt ist:,Auge um Auge, Zahn um Zahn'.  Ich aber sage Euch ...” Mt 5,38.39 So setzte die Luther-Übersetzung Jesus in Widerspruch zur jüdischen Tradition, während die „gerechte” Bibel lapidar Jesus sagen lässt: „Ich lege euch das heute so aus.” Als eine Meinung unter vielen. cfMichaelMBergerHAZ070309    

Mehr Gemeinsamkeiten

   Die katholische Kirche habe mehr Gemeinsamkeiten mit den protestantischen als mit den orthodoxen Kirchen. Das sagte der Augsburger evangelische Theologe Bernd Oberdorfer bei einer zweitägigen internationalen Konferenz mit dem Titel „Katholizismus heute: Ökumenische Perspektiven“ in Rom. Die Lutherstadt Wittenberg sei Rom theologisch näher als Konstantinopel oder Moskau, betonte der Theologe. Der Vernunftbegriff Papst Benedikts XVI. sei spezifisch abendländisch geprägt. Schwierig sei Benedikts Auffassung, Kirche im eigentlichen Sinne sei nur die katholische Kirche, so Oberdorfer. Der Papst vertrete jedoch eine „dynamische Ekklesiologie“, wonach Kirche sich auch in der Glaubensverkündigung anderer christlicher Konfessionen „ereignen“ könne. Die Konferenz fand im protestantischen Melachthon Zentrum für Ökumene in Rom statt. RV101106kipa
"Denken des Papstes bietet Perspektiven"
   In seinem Vortrag über "Die Ökumenische Theologie Joseph Ratzingers" legte der evangelische Theologe Thor- sten Maßen dar, dass das Gespräch mit den anderen christlichen Konfessionen und das Bemühen um eine Einheit der Kirche ein wichtiger Bestandteil im Denken des heutigen Papstes sei. Dieser werde oft zu Unrecht als Kron- zeuge von jenen Kräften angeführt, die der Auffassung seien, die katholische Kirche genüge sich selbst und be- dürfe des Gesprächs mit anderen Konfessionen nicht. KathWeb

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