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Reliquien

Sie lesen auf dieser Seite:
1.  Turiner Grabtuch: Papst-Botschaft
2. Das Turiner Grabtuch - jetzt doch echt? Großer Fotobericht
3. INRI - Die Kreuztafel Jesu
4. Santa Prassede - Die Geißelsäule Christi
5. Scala Santa - Heilige Treppe aus dem Palast des Pontius Pilatus
6. Reliquien in kostbaren Gefäßen
7. Patriarch Bartholomaios vor dem Grab des heiligen Petrus in Rom
8. Reliquien des heiligen Gregor von Nazianz und des heiligen Johannes Chrysostomos in Istanbul
9. Basilika Sankt Paul vor den Mauern - Die Reliquien des Völkerapostels Paulus
10. Palast des Herodes - Pracht-Eingang zur Herodes-Festung entdeckt
11. Die Reliquien des heiligen Petrus unter der Petersbasilika in Rom
12. Reliquie des heiligen Priesters Johannes Mara Vianney auf dem Weltjugendtag in Köln
13. Sankt-Ansgar- Reliquien in Hamburg
14. Sieben Fragen an Prof. Arnold Angenendt in Sachen Reliquien-Kult
15. Olivers Prozession in Lamspringe
16. Der heilige Martin - und der geteilte Mantel
17. Der heilige Rock in Trier

Papst Franziskus besucht Turiner Grabtuch PasTurGra-ff-01-Z Sonntag 21. Juni 2015

  Papst Franziskus wird am 21. Juni 2015 Turin besuchen. Das kündigte er  bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz an. In der norditalienischen Industriestadt wird er vor dem Grabtuch beten sowie an den Feierlichkeiten für den 200. Geburtstag des heiligen Johannes Bosco (1815-1888) teilnehmen.
   Bei der Generalaudienz begrüßt wurden vom Papst der Erzbischof von Turin, Cesare Nosiglia, und der Bürgermeister samt einer Delegation, die zur Ankündigung nach Rom gekommen waren. Bei der anschließenden Pressekonferenz im Vatikan sagte Nosiglia:
   „Die Ankündigung, die wir heute bei der Generalaudienz direkt vom Munde des Papstes hörten, hat uns sehr tief berührt und gefreut. Der Papst kommt als Pilger des Glaubens und der Liebe. Zwei Elemente gehören zu diesem Besuch dazu: Einerseits will er das Grabtuch ehren und andererseits kommt er, um bei dieser Reliquie zu beten. Das Grabtuch   wird vom 19. April bis zum 24. Juni für alle zugänglich sein und im Turiner Dom ausgestellt.”
   Weiter bemerkte der Turiner Erzbischof, dass der Papstbesuch in einer Gegend stattfinde, die eingentlich die Heimat der Familie des Papstes sei: die norditalienische Region Piemont. Franziskus' Vorfahren sind im 20. Jahrhundert aus dem Piemont nach Argentinien ausgewandert.
   „Dieser Besuch findet in einer sehr schweren Zeit für unsere Region statt. Unsere Stadt erlebt derzeit eine sehr schwere wirtschaftliche und soziale Krise. Es gibt viele Arbeitslose und etliche Jugendliche, die keine geregelte Arbeitsstelle haben. Viele erhoffen sich deshalb von Franziskus, dass er ihnen Mut und Hoffnung schenken wird.“
   Zum Grabtuch selber hatte Papst Franziskus bereits in einer Video-Botschaft aus Anlass der Ausstellung des Turiner Grabtuchs am Karsamstag, dem 30. März 2013, gesprochen. Er ging auf die Bedeutung der Reliquie ein.
   „Dieses in das Tuch eingedrückte Bild spricht zu unserem Herzen und drängt uns, den Kalvarienberg hinaufzugehen, das Holz des Kreuzes zu schauen, uns in das beredte Schweigen der Liebe zu versenken. Lassen wir uns also von diesem Blick berühren, der nicht unsere Augen sucht, sondern unser Herz. Hören wir, was er uns im Schweigen sagen will, der über den Tod selbst hinausgeht.“
   Das Grabtuch wird normalerweise alle zehn Jahre der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, das letzte Mal war dies im Jahr 2010 der Fall. Zu diesem Ereignis war auch Papst Benedikt am 2. Mai nach Turin gereist. Die Ausstellung im kommenden Jahr erfolgt zu Ehren Johannes Boscos, eines Heiligen aus der Stadt Turin. Don Bosco und die von ihm betreuten Kinder spielten eine Rolle bei der Ausstellung des Grabtuches 1842, auch in seinen Schriften bezieht er sich öfter darauf. Das Stück Stoff wird als das Tuch verehrt, in das Jesus nach seinem Tod gewickelt und ins Grab gelegt wurde.   rv141105mg

 Das Turiner Grabtuch wird 2015 erstmals seit fünf Jahren wieder öffentlich ausgestellt.

   Wie der Turiner Erzbischof Cesare Nosiglia ankündigte, soll das als Grabtuch Christi verehrte Leinen von Mitte April bis zum 16. August 2015 für 45 Tage im Dom von Turin gezeigt werden. Nosiglia äußerte sich zuversichtlich, dass auch Papst Franziskus in diesem Zeitraum nach Turin reisen werde. Das Grabtuch könne in dieser Zeit der Krise vielen Personen, Familien und Völkern, Kraft und Hoffnung geben, so der Erzbischof. Über Alter und Echtheit des Tuchs, auf dessen Negativbild die Gesichtszüge eines bärtigen Mannes zu erkennen sind, streiten Wissenschaftler bis heute. Seit 1578 wird das 4,37 Meter lange und 1,11 Meter breite Textil in einer Seitenkapelle des Turiner Doms unter Verschluss gehalten und nur zu besonderen Anlässen öffentlich ausgestellt. Zuletzt war es vom 10. April bis 23. Mai 2010 zu sehen. Damals kamen 2,1 Millionen Menschen, darunter auch Papst Benedikt XVI. RV131204kna

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 Papst-Botschaft zum Turiner Grabtuch

    „Lassen wir uns also von diesem Blick berühren.“ Das sagt Papst Franziskus in einer Videobotschaft nach Turin. Dort wird Ostern das sogenannte Grabtuch Jesu öffentlich gezeigt, die nur eineinhalb Stunden währende Aus- stellung geht auf eine Anregung des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zurück, wie die Erzdiözese Turin meldet. Das Turiner Grabtuch sollte im „Jahr des Glaubens“ ausgestellt werden, und zwar zu dem dafür sinnträchtigsten Datum, dem Karsamstag, hatte Benedikt XVI. gebeten. Das Tuch zeigt die Spuren eines Gekreuzigten und gilt als eines der Tücher, in denen der Leichnam Jesu nach seiner Passion ins Grab gelegt wurde. Die Echtheit des Grab- tuches ist umstritten, Zeichen der Verwesung zeigt der abgedrückte Leichnam nicht. Auch Papst Benedikt XVI. hatte das Grabtuch bei einem Turin-Besuch gesehen.
   „Mit euch trete auch ich vor das Grabtuch hin”, sagt Papst Franziskus in seiner Videobotschaft. Er wolle auf das Tuch „einen Blick des Gebets” werfen. Und weiter, wörtlich: „Ich würde noch mehr sagen, es ist ein Sichanschau- en-Lassen. Dieses Gesicht hat geschlossene Augen; es ist das Gesicht eines Toten, und doch schaut es uns auf geheimnisvolle Weise an und spricht zu uns im Schweigen.” Der Mann des Grabtuchs lade ein, Jesus von Nazareth zu betrachten und uns ins „beredte Schweigen der Liebe zu versenken“.
Die Videobotschaft im Wortlaut:
Der Blick, der unser Herz sucht
Liebe Brüder und Schwestern,
   mit euch trete auch ich vor das Grabtuch hin und danke dem Herrn, der uns mit den heutigen Mitteln diese Gelegenheit schenkt.
   Auch wenn es auf diese Weise geschieht, ist es unsererseits nicht ein bloßes Anschauen, sondern ein Verehren, es ist ein Blick des Gebets. Ich würde noch mehr sagen, es ist ein Sich-anschauen-Lassen. Dieses Gesicht hat geschlossene Augen; es ist das Gesicht eines Toten, und doch schaut es uns auf geheimnisvolle Weise an und spricht zu uns im Schweigen. Wie ist das möglich? Warum möchte das gläubige Volk, so wie ihr, vor dieser Ikone eines gegeißelten und gekreuzigten Mannes verweilen? Weil der Mann des Grabtuchs uns einlädt, Jesus von Nazareth zu betrachten. Dieses in das Tuch eingedrückte Bild spricht zu unserem Herzen und drängt uns, den Kalvarienberg hinaufzugehen, das Holz des Kreuzes zu schauen, uns in das beredte Schweigen der Liebe zu versenken.
   Lassen wir uns also von diesem Blick berühren, der nicht unsere Augen sucht, sondern unser Herz. Hören wir, was er uns im Schweigen sagen will, der über den Tod selbst hinausgeht. Durch das heilige Grabtuch gelangt das eine endgültige Wort Gottes zu uns: die menschgewordene Liebe, die in unserer Geschichte Fleisch angenommen hat; die barmherzige Liebe Gottes, die alles Böse der Welt auf sich genommen hat, um uns von dessen Herrschaft zu befreien. Dieses entstellte Gesicht gleicht den vielen Gesichtern von Männern und Frauen, verletzt von einem Leben, das ihre Würde missachtet, von Kriegen und von Gewalt, welche die Schwächsten trifft... Und doch vermittelt das Gesicht des Grabtuchs großen Frieden; dieser gemarterte Leib drückt hoheitliche Würde aus. Es ist, als ob er eine verhaltene, aber starke Energie durchscheinen ließe, als ob er uns sagte: Hab Vertrauen, verlier nicht die Hoffnung; die Kraft der Liebe Gottes, die Kraft des Auferstandenen überwindet alles.
   Wenn ich den Mann des Grabtuchs betrachte, so mache ich mir in diesem Augenblick das Gebet zu Eigen, das der heilige Franz von Assisi vor dem Gekreuzigten gesprochen hat:

Höchster, glorreicher Gott,
erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben,
sichere Hoffnung und vollkommene Liebe.
Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen,
damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle. Amen.  RVsk130330-OR130405

   Papst Franziskus möchte in diesem Jahr Turin besuchen. Damit nimmt er die Einladung des dortigen Erzbischofs Cesare Nosiglia entgegen. Er hatte Franziskus bereits im vergangenen Jahr zur Ausstellung des Turiner Grabtuches eingeladen. Während einer Audienz habe Franziskus dem Erzbischof nun seines „Wunsches nach Turin zu pilgern“ versichert. Wann der Papst genau komme, sei aber noch unklar, so das Bistum. Da die öffentliche Darstellung des Grabtuches im nächsten Jahr wohl nach Ostern stattfindet, rechnet das Bistum mit einem Papst- besuch erst ab April 2015. Rv140211pm

Franziskus will am kommenden 21. Juni das Turiner Grabtuch besuchen, das sagte er an diesem Sonntag beim Regina Caeli. Er hoffe, dass das Grabtuch den Menschen helfe, in Christus das barmherzige Antlitz Gottes zu erkennen und in Ihm das Antlitz der Brüder und Schwestern, besonders den Leidenden. Am Nachmittag hat die Wahlfahrt zum Turiner Grabtuch begonnen. Zuletzt wurde es 2010 gezeigt: Damals kam auch Papst Benedikt XVI und hielt eine beeindruckende Meditation. Auch der Turiner Erzbischof Cesare Nosiglia betonte in der Eröffnungsmesse am Sonntagmorgen den geistlichen Charakter: Es gehe nicht so sehr darum, das Bild des Leichnam Jesu zu sehen, sondern vielmehr sich von Jesus anblicken zu lassen. Dies reiße die Menschen aus der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid ihrer Mitmenschen heraus.          

Immer wieder wurde die Echtheit des Grabtuchs in Frage gestellt. Wir haben im Vorfeld Erzbischof Nosiglia dazu befragt:
   „Ich möchte an dieser Stelle die Worte Johannes Pauls II aus dem Jahre 1998 erinnern: Da es sich nicht um eine Glaubensfrage handelt, steht es der Kirche nicht zu, sich zu allen möglichen wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zum Grabtuch zu äußern. Die Kirche lädt dazu ein, das Grabtuch ohne vorgefasste Meinungen zu erforschen und macht deswegen in dieser Frage keine Vorgaben.“
Der Kirche gehe es beim Grabtuch um etwas ganz anderes:
   „Dieses Grabtuch entspricht ganz offensichtlich den Berichten des Evangeliums. Es ist ein Mittel, das dir hilft, in das große Geheimnis des Leidens und Sterbens des Herrn einzutreten. Und dir wird bewusst, mit welch großer Liebe dich diese unermessliche Liebe geliebt hat. Deswegen sind die Menschen vor dem Grabtuch so erschüttert. Deswegen zeigen wird das Grabtuch, nicht um zu sagen, es ist wahr oder nicht… Das sind äußerliche Fragen.“
   Bis zum 24. Juni kann das Grabtuch kostenlos besichtigt werden, allerdings mit obligatorischer Buchung vorab. Bisher haben sich eine Million Menschen angemeldet. Erstmals ist im Hochmittelalter vom Grabtuch die Rede; 1453 kommt es in den Besitz der Familie der Savoyer. Der letzte italienische König Humbert II. (1904-1983) schenkte 1980 das Grabtuch dem Vatikan. Nach Untersuchungen aus dem Jahre 1988 soll der Stoff aus dem 13. Jahrhundert stammen.  Diese Ergebnisse sind seitdem immer wieder, auch von wissenschaftlicher Seite, in Frage gestellt worden.  Weitere Infos unter
www.sindone.org   rv150419mc

 Das Turiner Grabtuch - jetzt doch echt?

US-Forscher laut BBC: Gewebe ist bis zu 3000 Jahre alt
   Das weltberühmte Turiner Grabtuch, das den Gesichts- und Körperabdruck von Jesus zeigen soll, ist nach neuesten Forschungen doch wohl älter als bisher angenommen. Der US-Forscher Raymond N. Rogers schätzt das Gewebe nach neuesten chemischen Analysen auf ein Alter von 1300 bis 3000 Jahren. Damit weist er Studien aus den achtziger Jahren zurück, die von einer Fälschung aus dem Mittelalter sprechen, berichtet der britische Sender BBC.
   Bei so genannten Radiokarbon-Analysen im Jahr 1988 sei nicht das ursprüngliche Gewebe analysiert worden, glaubt Rogers von der Universität von Kalifornien in Los Alamos. Untersucht worden seien damals Flicken, mit denen das Grabtuch im Mittelalter nach Brandschäden ausgebessert worden sei. Daher hätten die Forscher die Entstehung auf das Jahr 1260 bis 1390 datiert.
   Dagegen habe Rogers das ursprüngliche Gewebe untersucht. Dabei habe er einen geringeren Anteil von Vanillin ermittelt als frühere Tests. Vanillin entsteht beim Zersetzen des Holzstoffes Lignin. „Die Bestimmung des Vanillin- Verlustes deutet auf ein Alter des Gewebes von 1.300 bis 3.000 Jahren hin”, schreibt Rogers laut BBC. Das Grabtuch war erst vor drei Jahren restauriert worden. Dabei entfernten Experten etwa 30 Flicken, die Ordensschwestern 1532 nach einem Brand über angeschwärzte Stellen genäht hatten. Der Streit über das Alter des 4,37 Meter langen und 1,11 Meter breiten Grabtuches dauert seit Jahrzehnten an.
   Für Rogers' These spricht: Auch israelische Forscher hatten im Tuch Pollen und Pflanzenabdrücke gefunden, die es um diese Zeit nur im Nahen Osten gegeben habe. dpaHAZ050128

Ist das Leichentuch von Turin echt?      
  In der Heiligen Kapelle, die mit der Kathedrale San Giovanni Battista in Turin verbunden ist, wird seit 1578 ein 4,36 Meter langes und 1,10 Meter breites Tuch als jenes Linnen aufbewahrt und verehrt, in dem der Leichnam Jesu in das Felsengrab des Joseph von Arimathäa gelegt wurde. Das älteste urkundliche Zeugnis für dieses Grablinnen stammt aus dem Jahre 1355, als es noch in der französischen Stadt Lirey aufbewahrt wurde, über Chimay in Belgien und Chambery, wo 1532 eine Feuersbrunst zwei Reihen heute noch sichtbarer Brandflecken auf dem Tuch hinterließ, kam es 1578 nach Turin. Es ist nicht Eigentum der Kirche, sondern befindet sich im Besitz des Hauses Savoyen, des ehemaligen italienischen Königshauses.  Die Frage seiner Echtheit ist bis heute nicht eindeutig geklärt.
Gründe für die Echtheit des Grablinnens
   Textilfachleute und Archäologen haben Alter und Art des Gewebes, Anatomen und Gerichtsmediziner die Vorder- und Rückenansicht des gekreuzigten Leichnams von 1,80 Meter Größe untersucht. Wie Werner Buht in seiner Studie „Das Grabtuch von Turin” feststellt, sind sie unabhängig voneinander zu dem Ergebnis gekommen, dass nichts entdeckt werden konnte, was gegen die Echtheit spräche. Die Kenntnisse, die die Abdrücke auf dem Grabtuch vermitteln, sind verblüffend; sie eilen vielen medizinischen Entdeckungen um Jahrhunderte voraus und weichen von den gewohnten Kreuzigungsdarstellungen unerhört kühn ab. (Durchnagelung der Handwurzeln!) Dass das Leichentuch im 14. Jahrhundert  „hergestellt” sein sollte, ist unmöglich, weil die nötigen medizinischen Spezialkenntnisse damals noch nicht vorhanden waren. Im übrigen haben Experimente ergeben, dass tote menschliche Körper tatsächlich wirklichkeitsgetreue Abdrücke hinterlassen, wenn man sie einpudert und das Tuch mit aromatischem Öl tränkt. Das Evangelium nach Johannes spricht ausdrücklich von „Myrrhe und Aloe” Jo 19,39: Es kam auch Nikodemus, der früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte. Er brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund. [Hundert Pfund sind etwa 32 Kilogramm.] 19,40:  Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.
Gründe gegen die Echtheit des Grablinnens
   Gegen die Echtheit spricht vor allem die späte Beurkundung. Kann man sich vorstellen, dass eine so kostbare Christusreliquie von keinem Evangelisten, keinem Kirchenvater der Frühkirche, keinem Theologen des christlichen Mittelalters erwähnt worden wäre? Außerdem machen die Bibelwissenschaftler geltend, dass im Johannes- Evangelium nie von einem einzigen Grabtuch die Rede ist, sondern - sowohl bei Lazarus Jo 11,44 wie bei Christus Jo 19,40 und 20,5ff.; vgl. Lk 23,53 - stets von Leinenbändern gesprochen wird, in die man den Leichnam gewickelt habe, während über sein Haupt ein eigenes Schweißtuch gelegt worden sei. Josef Blinzler erklärt daher in seiner Untersuchung „Das Turiner Grablinnen und die Wissenschaft”(Stgt 1952): „Die Echtheit des Turiner Grabtuches lässt sich nur um den Preis der Unechtheit von Jo 19,40; Jo 20,5-7 vertreten. Das ist aber ein Preis, den kein verantwortungsbewusster Exeget zu zahlen bereit sein wird.” 
   Wägt man die Gründe für und gegen die Echtheit des Turiner Grabtuchs ab, so können weder die einen noch die andern als voller Beweis gelten. Bis dahin erfordert der religiöse Takt, es ernst zu nehmen - zumindest als einen Gegenstand,  an dem sich die dankbare Erinnerung an das Leiden und Sterben Christi immer wieder entzündet hat.   AlfredLäpple:DieBibelheute
Eine Stellungnahme von Prof. Dr. Balduin Schwarz
   Um das in Turin verehrte Tuch war es lange ziemlich still geworden. Zwar hat das ungeheuer eindrucksvolle Negativ-Bild des auf dem Leichentuch in blasser Spur erscheinenden Antlitzes weite Verbreitung und Verehrung gefunden.  Aber die eigentliche Frage: Ist dies wirklich das Grabtuch Jesu? ist dem öffentlichen Bewusstsein erst wieder nahegebracht worden, als eine Pressemeldung über neue Forschungsergebnisse berichtete. Danach hätten unter dem Elektronen-Mikroskop Blütenstaub-Ablagerungen, die sich auf dem Turiner Tuch fanden, den von der Tradition überlieferten Weg des Leichentuchs von Jerusalem nach Turin - mit vielen Zwischenstationen - dadurch überzeugend bestätigt, als sich Spuren vom Blütenstaub von Pflanzen gefunden haben, die eindeutig identifiziert werden konnten. Darunter finden sich nun solche von Pflanzen, die es nur in Palästina gibt, andere, die nur in der Gegend um Konstantinopel vorkommen, wieder andere, die im mittleren Frankreich und im nördlichen Italien zu finden sind und sonst kaum irgendwo. Dieses Ergebnis ist dem Zürcher Mikrospurenforscher, Prof. Dr. Max Frei-Sulzer zu verdanken. Es wurde ihm gestattet, unter Assistenz von Prof. Ghio und in Anwesenheit von Vertretern der zuständigen kirchlichen Stellen, sowie des Hauses Savoyen, in dessen Besitz sich das Turiner Tuch befindet, am rechten und am linken unteren Ende des Tuches, dort wo sich keine figürlichen Spuren auf oder im Tuche finden, mit besonderen Instrumenten etwas Staub abzuheben, der dann sorgfältig in Spezialbehältern aufgehoben wurde. In diesem Staub waren Pollen enthalten, wie sie von den Pflanzen in der Reifung in relativ großen Mengen ausgeschüttet werden und dann sich überall, wohin sie der Wind trägt, als verschwindend kleine Partikeln - eben als Staub ablagern. Pflanzen können durch die jeweils charakteristischen Pollen identifiziert werden. Übrigens handelt es sich nicht um Ablagerungen im versteinerten Zustande, wie die Presse gemeldet hatte. Prof. Frei-Sulzer bat mich brieflich, darauf hinzuweisen. Es ist bemerkenswert, dass im trockenen Zustand solche Pollen sich unbegrenzt erhalten. Werden sie durch Feuchtigkeit auf einer Oberfläche fixiert, so bildet sich eine Ablagerung, die dort, wo das möglich ist - wie bei einem rauhen Stoff - haften bleibt. Nun bilden sich aufeinander folgende Schichten, die jeweils einem Zeitraum entsprechen, so dass eine Datierung möglich wird - jedenfalls eine relative, dh. der Aufeinanderfolge. Der noch junge Zweig der Wissenschaft, den die Elektromikroskopie ermöglicht hat, nennt sich Paläobotanik.
 Jedes einzelne Resultat ist verifiziert und kontrolliert worden, die vorhandenen Klassifikationen von Pflanzen nach Regionen wurden zugezogen, die Mikrophotographie von Pollen in herbarischen Sammlungen wurden verglichen und so ergab sich in minutiöser Kleinarbeit, die sich über zweieinhalb Jahre erstreckte, das erste Resultat: Die älteste Schicht enthält Pollen, die identisch sind - und auch statistisch in gleicher Häufigkeit auftreten - mit dem, was man in Sedimenten am See Genezaret gefunden hat, und zwar in Sedimenten, die etwa 2000 Jahre alt sind.
   Ähnliches ergibt sich für die anderen Gegenden, in denen das Turiner Tuch, der Tradition nach, sich aufgehalten hat: Qualitative und quantitative Analyse sprechen eine eindeutige Sprache. Die Arbeiten sind keineswegs abgeschlossen. Gewisse Pollen-Arten konnten noch nicht identifiziert werden.
  Nach der Tradition soll das Grabtuch Jesu vom Jahre 438 an in Konstantinopel aufbewahrt gewesen sein. Um 670 habe der Bischof von Jerusalem Messungen daran vornehmen lassen, um die Körpergröße Christi festzustellen. 1204 soll es bei der Eroberung des christlichen Konstantinopel durch Kreuzfahrer unter Führung Venedigs - einem der furchtbarsten und beschämendsten Ereignisse in der Geschichte des christlichen Abendlandes - gemäß dem Bericht des Robert von Clari spurlos verschwunden sein.
   Im Jahre 1346 kam der französische Kreuzfahrer Gottfried von Charny in Besitz jenes Tuches, das nunmehr in Turin gezeigt wird. 1353 hat er es dem Kapitel der Kanoniker von Rirey bei Troyes anvertraut. Die Identität mit dem etwa 150 Jahre zuvor in den Schrecknissen der Eroberung von Konstantinopel spurlos verschwundenen Tuch und gar mit dem echten Grabtuch Jesu erschien mehr als zweifelhaft - so sehr, dass der Avignon-Gegenpapst Klemens VII., 1389 die Verehrung auf Ansuchen des Bischofs Pierre d'Arcis von Troyes verbot. Es waren inzwischen mehrere Tücher aufgetaucht und eine Art Skandal muss sich entwickelt haben. Inzwischen sind die - oft groben, auf zeitgenössisches Leinen aufgemalten Darstellungen als eindeutige Fälschungen nachgewiesen worden. Das Tuch aus Troyes ging 1452 in den Besitz der Herzöge von Savoyen über, die es in Chambery aufbewahrten. Als der heilige Karl Borromäus als Erzbischof von Mailand 1578 zu Fuß nach Chambery über die Alpen pilgern wollte, brachte der Herzog das Tuch, das übrigens 1532 bei einem Brande schwer gelitten hatte und fast zerstört worden wäre, dem Heiligen bis Turin entgegen. So kam es dorthin, wo es noch heute im Dom aufbewahrt wird. Das Haus Savoyen, das ehemalige italienische Königshaus und nicht etwa das Bistum Turin, ist Besitzer des Tuches.
   Die wissenschaftliche Untersuchung setzte am Ende des 19. Jahrhunderts ein, als der Rechtsanwalt Secondo Pia die Erlaubnis erhielt, das Tuch zu photographieren. Als er die Glasplatte, auf die er die verworrenen Spuren der Mitte des Tuches aufgenommen hatte, entwickelte, sah er, wie sich unter dem Einfluss der Entwicklerflüssigkeit jenes erschütternde Bild immer deutlicher abzeichnete, das wir alle kennen, das positive Bild eines wunderbaren Antlitzes, ein „Haupt voll Blut und Wunden”.  Es wird berichtet, fast sei er ohnmächtig geworden, als er dies Bild sah.

Neue Forschungen zum Turiner Grabtuch
   Neue Forschungen erhärten die Annahme, dass das Turiner Grabtuch aus der Zeit Jesu stammen könnte. Wissenschaftliche Untersuchungen der Universität Padua legten nahe, dass das Tuch mit dem Antlitz und den Körperumrissen eines gekreuzigten Mannes im ersten Jahrhundert nach Christus entstanden sein könnte, berichtet das Internetportal „Vatican Insider". Vorgestellt werden die Ergebnisse in einem in Italien erschienenen Buch. Verfasser des Werkes mit dem Titel „Das Geheimnis des Grabtuchs" sind Giulio Fanti, Professor für mechanisch- thermische Forschung, und der Journalist Saverio Gaeta. In der Forschung besteht Unsicherheit über die Datierung des im Turiner Dom aufbewahrten Leinentuchs.  Eine Untersuchung nach der C-14-Methode von 1988, die das Textil auf das Mittelalter datierte, hatte sich als fehlerhaft herausgestellt. Dem Bericht zufolge fußen die neuen Forschungen auf einem Infrarot-Testverfahren sowie einer Methode aus dem Bereich der sogenannten Spektroskopie, mit der sich der Energiegehalt einer Probe bestimmen lässt. Daneben wurden bei einem mechanischen Testverfahren Fäden des Tuches mit anderen Mustern aus der Zeit von 3000 vor bis 2000 nach Christus verglichen. Das Ergebnis zeige zu 95 Prozent, dass das Tuch aus der Antike stamme und durchaus zur Zeit der Kreuzigung Jesu entstanden sein könne, so die Wissenschaftler. DT130328kna

Das Amtlitz Jesu     tn_TurinVx   Turiner Grabtuch

  Nur langsam machte die wissenschaftliche Untersuchung Fortschritte. Erst als man sich seit 1931 auf neue photographische Aufnahmen stützen konnte, kam die Forschung in Fluss. Und nun werden die Indizien immer dichter, die Gegenargumente immer mehr hinfällig im Lichte der neueren Untersuchungen. Die Ergebnisse, die Professor Frei-Sulzer erarbeitet hat, haben eine neue Phase in der wissenschaftlichen Erforschung des Turiner Leichentuches eingeleitet.
   Da ist zunächst die Frage, ob das Tuch, das Linnen, das in Turin gezeigt wird, überhaupt aus der Zeit Jesu stammen kann.  Professor Frei-Sulzer hat mit seinen Untersuchungen nicht nur den Beweis der Möglichkeit, sondern der Tatsächlichkeit erbracht. Zuvor schon wusste man, dass derartiges Leinen nicht aus dem mittelalterlichen Frankreich, sondern nur aus dem alten Orient stammen konnte. Nicht nur auf die Frage, wie das Turiner Tuch dorthin gekommen ist, wo es heute sich befindet, hat die Untersuchungsreihe des Zürcher Wissenschaftlers und Kriminal-Fachmannes Aufschluss gegegeben, sondern wir werden auch mit dieser Reliquie unabweisbar in die Zeit Jesu verwiesen.
Aber lässt das, was auf dem Tuch sichtbar ist, die Annahme zu, dass der Leichnam Jesu darin eingehüllt worden ist? Scheint  nicht das Johannes-Evangeliums diese Annahme auszuschließen? Nach Ansicht des Bibelwissenschaftlers Père Lavergne spricht die philologisch-archäologische und kulturgeschichtliche Untersuchung der Aussage des Apostel-Evangelisten dafür, dass für die Beisetzung Jesu ein großes - doppelt langes - Leinentuch verwendet wurde und nicht „Binden”, wie es in den Übersetzungen heißt. Das Turiner Tuch entspricht durchaus einem Bestattungstuch, wie dem, von dem bei Johannes die Rede ist. Es wäre nur für eine vorläufige Bestattung in Frage gekommen und eine solche war nach den Evangelien auch nur möglich.
   Hier müssen nun auch die anderen Berichte herangezogen werden. Aus den Evangelien nach Mätthäus, Markus und Lukas wissen wir, wie Joseph von Arimathäa Pilatus um den Leichnam Jesu bat. Bei Markus wird sogar noch von einer Rückfrage des Pilatus bei dem die Kreuzigung überwachenden Hauptmann, ob denn Jesus wirklich tot sei, berichtet.
   Zwischen dem Tode Jesu und dem Beginn der großen Ruhe des hochfestlichen Sabbat - dem Schabbat Hagadol - wo keine Beisetzung stattfinden durfte, war nur kurze Zeit. Bei Matthäus heißt es: „Um die neunte Stunde ... schrie Jesus abermals laut und verschied” 27,46f. Das war um etwa 15 Uhr nach unserer Rechnung. Mit dem Einbruch der Dunkelheit, gegen 18 Uhr, musste alles verrichtet sein, auch der Kauf eines neuen linnenen Tuches Markus 15,46: Josef kaufte ein Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang des Grabes. Was Joseph von Arimathäa tat, war höchst ungewöhnlich, denn die Leichen von Hingerichteten überließ man wilden Tieren zum Fraß. Nur wenige unter den Hingerichteten der Zeit dürften in ein neues, reines Linnen gelegt und in ein Grab - ein neu aus dem Felsen gehauenes Matth. 27,60 - hineingelegt worden sein. Wenn das Turiner Tuch nicht das Grabtuch Jesu ist, dann muss es das Grabtuch eines anderen um dieselbe Zeit Hingerichteten gewesen sein - und zwar auf genau dieselbe Art Gefolterten und Hingerichteten.
  Denn das Erschütternde am Turiner Tuch ist zunächst dies: Die Blutspuren, die an dem Tuch sind, zum Unterschied von jenen blassen Umrisspartien, die eine chemisch zustande gekommene Veränderung der Leinwand selber darstellen, entsprechen der Geißelung, die ausgeführt worden ist von zwei Folterknechten und mit grauenhafter Präzision den gesamten Leib traf mit kleinen Metallkörnern, die 3 cm voneinander Abstand hatten. Ferner: Der Tote, der in das Tuch eingehüllt worden war, das man in Turin zeigt und der auf ihm die Blutspuren der Geißelung hinterlassen hat, kann nicht ein von den Juden Gegeißelter gewesen sein, denn das jüdische Vorgehen kannte nur 40 Streiche - auf dem Turiner Tuch finden sich etwa 125 furchtbare Spuren, sie reichen bis hinunter zu den Fersen. Aus den Blutspuren der Geißelung wird eindeutig: der im Turiner Tuch Beigesetzte war ein von den Römern gefolterter Nicht-Römer, denn für einen römischen Bürger waren Stockschläge vorgesehen.
    Noch auf eine weitere, ungemein bedeutsame Weise engt die Untersuchung der Blutspuren den Kreis derer ein, dessen Blut das Turiner Tuch getränkt haben kann. Stirn und Hinterkopf weisen Blut auf, das auf tiefe Wunden rings um den Kopf hindeuten; ganz andere Wunden müssen es gewesen sein, als die Geißelwunden. Etwas Zusätzliches, Einmaliges fand statt. Die Spuren entsprechen der Dornenkrönung, die nur Jesus angetan wurde, nicht anderen Gekreuzigten, wie etwa den beiden Schächern. Die Inschrift besagte ja: „Dieser ist Jesus, der König der Juden” Matth. 27,37 und die Soldaten verspotteten ihn: „Wenn du der König der Juden bist, so hilf dir selbst!” Luk. 23,37 Als „König der Juden” war er dem Pilatus übergeben, und er bekannte sich zu dem Königstitel Matth. 27, 11. Die Dornenkrönung, wie auch die Verspottung waren die hohnvolle Rache für das Königsbekenntnis Jesu Matth. 27,29, Mark. 15,17. Noch als er am Kreuze hing, sollte der Hohn ihn treffen grade als den Christos, den Gesalbten, den König. Nicht irgend ein Gekreuzigter aus jenen Zeiten kann in dem Tuch gelegen haben, das man in Turin aufbewahrt. Von keiner anderen Dornenkrönung hat man je gehört.
   Noch ein Drittes bezeugen die Blutgerinnsel auf dem Turiner Tuch: Die Lanzendurchbohrung der Seite. Zwischen der 5. und 6. Rippe der rechten Seite findet sich die Spur einer etwa viereinhalb mal eineinhalb Zentimenter großen Wunde, von der ein breiter Blutstrom ausgeht. Die Wunde ist oval, wie die blattförmigen Spitzen römischer Lanzen. Aus den Evangelien wissen wir, dass der letzte Akt der Hinrichtung durch Kreuzigung das „Zerbrechen der Beine” gewesen ist, das durch das Absacken des Körpers, das es bewirkte, zum sofortigen Erstickungstod von Johannes im leeren Grab erblickt wurde: Das Tuch war an seinen Ort zurückgesunken, als der verklärte Leib, die Tücher durchdringend, sich erhob.
   Und nun noch ein Letztes - und das ist vielleicht das Erschütterndste, was uns die Wissenschaft nach zweitausend Jahren enthüllt: Wäre der Leichnam länger als bis zum dritten Tag nach der Bestattung (dieser wird als erster gezählt und nur der Sabbat selber war ein voller Tag) in Kontakt mit dem Tuch gewesen, mehr als die etwa 36 Stunden, auf die man kommt als anzusetzenden Zeitraum zwischen Bestattung und Auferstehung, dann hätten die Dämpfe eine einheitliche Veränderung des ganzen Tuches bewirkt. Das ist ein chemisch erhärtetes Faktum. Die unausweichliche Konsequenz, so scheint es, ist diese: Das Turiner Leichentuch umhüllte nicht nur den am Kreuz gestorbenen Jesus von Nazaret, es entließ auch den glorreich auferstandenen Christus. Nach zweitausend Jahren spricht es mit der Realistik physischer Evidenz und sagt uns: Der Herr ist wahrhaft auferstanden. Prof. Dr. Balduin Schwarz: Tod und Begräbnis Jesu und das Leichentuch von Turin/Theolog. 77/84

Das Grabtuch ist so alt wie die Auferstehung" -  „Passio Christi” des Grabtuches im Turiner Dom

   1997 brach im Dom von Turin ein Feuer aus, das die Guarini-Kapelle, wo sich das berühmte Grabtuch, das „Sacra Sindone”, befindet, verwüstete. Glücklicherweise konnte das Grabtuch von Turiner Feuerwehrleuten gerettet werden. In den Jahren 1998 und 2002 wurde das Grabtuch auf Wunsch von Papst Johannes Paul II. öffentlich ausgestellt. Dann beschloss man, es erst wieder im Jahre 2025 zu zeigen. Papst Benedikt XVI. jedoch ordnete eine Ausstellung bereits für das Jahr 2010 an. Stefan Meetschen von der Tagespost sprach darüber in Turin mit dem für das Grabtuch verantwortlichen Priester des Doms Don Giancarlo Garbiglia.
Was ist aus Ihrer Sicht der Grund dafür, dass Papst Benedikt XVI. unbedingt eine Austeilung im Jahr 2010 gewünscht hat und nicht erst 2025 wie ursprünglich geplant?
   Dafür gab es, glaube ich, keine spezifischen Gründe. 25 Jahre sind einfach ein sehr, sehr langer Zeitraum, besonders angesichts der vielen Besucher, die tagtäglich in den Dom kommen, um in der Nähe des Grabtuches zu sein. Vielleicht spielt es für seinen Wunsch auch eine Rolle, dass er im Jahr 2000, damals noch als Kardinal Ratzinger, hier war und einen Vortrag über das Grabtuch gehalten hat.
Das Grabtuch befindet sich zurzeit in einem kunstvoll geschmückten Glasgefäß. Wieviele Besucher kommen denn täglich in den Dom, um davor zu beten, zu meditieren?
      Das hängt vom Tag ab, ob es sich um einen Ferientag oder das Wochenende handelt - doch zwischen 500 und 2.000 sind es mit Sicherheit. Viele  Besucher  kommen von weit her: Russland, Ukraine, aber auch Südamerika, wie etwa aus Brasilien. Durch das Erasmus-Austauschprogramm besuchen Studenten aus ganz Europa den Dom und das populäre Grabtuch.
Warum ist das Grabtuch aus Ihrer Sicht so populär?
   Viele Medien berichten darüber in einem Stil, dass man denken könnte: Wer ist dieser geheimnisvolle Mann, der auf dem Tuch abgebildet ist? Es geht ihnen nicht um den Glauben, sondern um das Mysteriöse. Ich denke aber, dass in jedem Menschen eine Sehnsucht ist, Gott zu schauen, Jesus zu sehen. Das Übernatürliche zu berühren. So war es vor 2000 Jahren und so ist es auch heute. Ich habe das Tuch Anfang dieses Jahres aufgrund einer BBC Dokumentation wieder in natura gesehen. Es ist jedesmal ein Ereignis!
Welche besonderen Schutzmaßnahmen gibt es für das Grabtuch?
   Es gibt immer Schutzmaßnahmen. Es gibt ein spezielles Wachpersonal und ein Alarmsystem. Ein Alarmsystem, das im Gefahrenmoment allerdings auch erlaubt, das Grabtuch unkompliziert zu retten, wie 1997 geschehen.
Glauben Sie, dass die wissenschaftlichen Streitereien um das Grabtuch eines Tages aufhören werden?
   Wahrscheinlich nicht. Es wird stets an hundertprozentig sicheren Beweisen mangeln, egal, welche These der jeweilige Forscher vertritt. Ich persönlich habe jedoch keine Zweifel daran, dass das Grabtuch älter ist als die Evangelien. Es war vorher da. Es ist so alt wie die Auferstehung, durch die es entstanden ist. Natürlich: Niemand braucht es als Inhalt des Glaubens verehren, doch in meinen Augen ist es mehr als nur eine Ikone. Es ist eine Reliquie, und nach der gründlichen Reinigung, die in den vergangenen Jahren stattgefunden hat, ist diese Reliquie noch schöner geworden. DT080802

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Turiner Grabtuch - Indizien für den Triumph seiner Passion. Foto links: Ein Detail des Grabtuchs als Positivbild
vor den Restaurierungsarbeiten des Jahres 2002. rechts: Grablegung Christi, Pinacoteca Sabauda, Turin

  „Es gibt immer noch keine wissenschaftliche Erklärung dafür, wie es zur Abbildung des Körpers kommen konnte... nicht einmal die modernsten heutigen Technologien sind in der Lage,das Grabtuch-Bild detailgetreu nachzubilden.” Mehr als ein Jahrhundert wissenschaftlicher Forschung war nicht genug, um festzustellen, wie es zu dem Abdruck eines menschlichen Antlitzes auf dem Grabtuch kommen konnte.Interview von Pina Baglioni mit Emanuela Marinelli.
  „Mein wissenschaftliches Interesse am Grabtuch ist 1977 erwacht, als der Botanik-Experte Dr. Max Frei bekannt gab, darauf Pollenpartikel gefunden zu haben, die in Nahost, nicht aber in Europa vorkommen. Seit damals habe ich ca. 800 Bücher und Hunderte von Artikeln über das Grabtuch gesammelt (allein ca. 300 wissenschaftliche Artikel) und auch selbst viel darüber geschrieben.”

   Zu dem Turiner Leinen- oder Grabtuch wurden im letzten Jahrhundert zahlreiche Studien angestellt. Für das darauf erkennbare Bild (der Vorder- und Rückenansicht eines Mannes mit deutlich erkennbaren Wunden einer Kreuzigung) haben sich die verschiedensten Wissenschaftszweige interessiert, auch Geschichtsforschung und Archäologie. Vor allem eine Frage drängt sich immer wieder auf: wie ist dieser Abdruck entstanden? Bisher gibt es leider noch keine Antwort. Welche Daten kann man Ihrer Meinung nach als sicher betrachten?

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   Das wissenschaftliche Interesse am Grabtuch ist Ende des 19. Jahrhunderts erwacht, genau genommen 1898, als die ersten, von Secondo Pia gemachten Fotografien deutlich zeigten, dass ein Teil der auf dem Leinentuch erkennbaren Abdrücke wie ein fotografisches Negativ aussahen. Ich sage „ein Teil der Abdrücke”, weil das auf den doppelten Abdruck (Vorder- und Rückenansicht) des Mannes zutrifft, dessen Wunden genauso sind wie die in den Evangelien beschriebenen des gekreuzigten Jesus, nicht aber auf die Flecken menschlichen Blutes, die das „Negativ” an der Stelle der Wunden teilweise zu verdecken scheinen, und die ihren Abdruck in Wahrheit schon hinterlassen haben, noch bevor das Negativbild auf dem Grabtuch entstand.
   Der erste, anhand verschiedener Studien als sicher erwiesene Umstand ist, dass die Rotfärbung der Leinenfasern an den Stellen, wo sich die Wunden befinden, von menschlichem Blut der Gruppe AB stammt. Dieses Resultat bestätigen nicht nur mikrospektroskopische Untersuchungen, sondern auch die Chromatographie und die Reaktionen auf Benzedrin. Außerdem wird die Rotfärbung der Fäden durch Proteasen vollkommen lysiert (also aufgelöst). Auch proteolytische Enzymtests haben gezeigt, dass es sich hier nicht um Farbstoffe handelt. In Höhe der Füße hat man ein rotes Blutkörperchen und einige menschliche Epidermiszellen entdecken können. Das Blut enthält die DNA eines Mannes. Die im Blut festgestellte große Menge Bilirubin zeugt von einem Menschen, der vor dem Tod ein starkes Trauma erlitten hat. Außerdem sind in vielen Gerinnseln deutliche Blutkomponenten der verschiedenen Gerinnungsphasen vorhanden: die Kruste (mit der Bildung von Fibrinbrücken durch Faktor XIII) und Serumexsudation. Abdrücke, die nur durch den direkten Kontakt des Leinstoffes mit einem Leichnam entstanden sein können. Die Serumränder sind zwar für das menschliche Auge nicht erkennbar, wohl aber unter ultraviolettem Licht. Das auf der verwundeten Haut geronnene Blut wurde durch Fibrinolyse auf den Stoff übertragen, ein Phänomen, das in den ersten 36 Stunden Kontakt eine teilweise Lyse (also Wiederauflösung) der Blutgerinnsel bewirkt.
Das „Negativ” auf dem Grabtuch ist die Vorder- und Rückenansicht eines Mannes...
    Die dort erkennbare Abbildung eines Körpers ist auch heute noch wissenschaftlich schwer erklärbar. Allen wissenschaftlichen Versuchen zum Trotz (man muss auch sagen, dass einige davon trotz ihres offensichtlichen Fehlschlagens mit einer schier unglaublichen Hartnäckigkeit immer wieder veröffentlicht und verteidigt worden sind), ist es selbst den besten derzeit zur Verfügung stehenden Techniken nicht gelungen, das Bild auf dem Grabtuch detailgetreu nachzubilden. Es weist dreidimensionale Eigenschaften auf, ist ohne klare Demarkationslinien und hat sich mit großer Sicherheit nach der Ablagerung des Blutes auf dem Leinen gebildet, ist nämlich unter den Blutflecken nicht vorhanden. Die Gelbfärbung des Leinens - der wir das Bild als solches zu verdanken haben - betrifft nur die äußersten Fasern des Leintuchs. Der Abdruck auf der Rückseite wurde nicht von der Last des Körpergewichts beeinflusst. Mit Gewissheit lässt sich sagen, dass die Abbildung nicht gemalt ist: das Tuch weist keinerlei organisches oder anorganisches Pigment auf und seine durchscheinende gelbe Farbe ist nicht auf eine dort aufgetragene Substanz zurückzuführen, sondern auf die Dehydrierung und Oxydation der obersten Fibrillen. 25 verschiedene Arten von Lösungsmitteln, darunter Wasser, konnten dem Bild nichts anhaben, es nicht auslöschen. Wir können auch davon ausgehen, dass das Bild nicht durch Versengen zustande kam: es ist unmöglich, ein Bild mit den physischen und chemischen Merkmalen des Grabtuches herzustellen, auch nicht mit Hilfe eines heißen Flachreliefs.
Man hat auch die Machart des Grabtuchs und die Substanzen untersucht, die sich im Laufe der Zeit darauf abgelagert haben. Zu welchen Schlüssen ist man dabei gekommen?
   Zur Machart des Grabtuchs lässt sich sagen, dass die Webart des Tuches ein drei-zu-eins-Fischgrätmuster ist, das an einem rudimentären Pedal-Webstuhl entstand und einige Webfehler und Überspringungen aufweist. Fischgrätmusterstoffe waren im 1. Jahrhundert n.Chr. im mesopotamischen oder syrischen Raum üblich. Viele im israelischen Masada gefundenen Stoffe wiesen eine besondere Seitennaht auf, die aussieht wie die auf dem Grabtuch - jene nämlich, die in der Zeit zwischen 40 v. Chr. und dem Fall von Masada (74 n. Chr.) typisch war. Auf dem Grabtuch findet sich eine ähnliche Saumnaht wie auf besagten Funden von Masada. Die Webtechnik und die Art des Stoffes legen also eine Datierung auf die Zeit Christi nahe.

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 Foto oben: der Grabtuch-Stoff (A) im Vergleich mit ähnlichen ägyptischen Stoffen (B und C)
aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.    Foto rechts: Detail des Grabtuchstoffes.

   Die Maße des Leintuches (wenn man auch sagen muss, dass sich seine Dimensionen infolge der wiederholten Ausstellungen, des ständigen Zusammenrollens, Faltens, Auseinanderziehens und Zusammendrückens auch sehr verändert haben können) scheinen perfekt dem syrischen Ellenmaß zu entsprechen, einer im alten Israel gebräuchlichen Längenmaßeinheit. Andere Maßeinheiten passen weniger gut, und das gilt sowohl für das Gesamtmaß, als auch Längen- und Breitenmaße. Interessant ist auch der Verweis darauf, dass in den untersuchten Stoffteilen keine Faserspuren tierischer Herkunft gefunden wurden, was dem mosaischen Gesetz entspricht, das die Trennung von Wolle und Flachs verlangte, also keine Mischgewebe wollte Dt 22,11. Die einzigen (minimalen) anderen Faserspuren in dem Tuch sind Baumwollfasern des Typus Gossypium herbaceum, der zur Zeit Christi in Nahost üblich war.
   Was nun die Substanzen angeht, die sich im Laufe der Zeit auf dem Tuch angesammelt haben, ist zu sagen, dass Erdpartikel entdeckt wurden, und zwar an den Stellen, wo sich auf dem Grabtuch die Fußabdrücke befinden. Diese Partikel enthalten Sprudelstein mit Strontium- und Eisenspuren - Partikel, die man auch in Proben aus der Grotte von Jerusalem gefunden hat. Auch Natron wurde gefunden (basisches Natrium-hydrogenkarbonat), das wegen seiner wasserabsorbierenden Eigenschaft in Ägypten zur Einbalsamierung und in Palästina zur Entwässerung von Leichen herangezogen wurde.

PasTurGra-11x Erdspuren auf dem Grabtuch in Fersenhöhe

   Auch Myrrhe- und Aloe-Spuren konnten auf dem Grabtuch entdeckt werden. Substanzen, die zur Zeit Christi in Palästina bei der Leichenbestattung üblich waren.

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Foto links: ein auf dem Grabtuch mit dem Stereoskop gefundener Aloe-Partikel
Foto rechts: eine blutgetränkte Grabtuch-Faser auf dem Grabtuch

   Experimente haben gezeigt, dass sich die zackenförmig umrandeten Flecken, die Wasser auf dem Grabtuch hinterlässt, nur auf einem Stoff bilden, der zuvor mit Aloe und Myrrhe getränkt wurde. Die Analyse der auf dem Tuch entdeckten Pollen hat bestätigt, dass es in Palästina, Edessa und Konstantinopel ausgestellt war. Der Botaniker Max Frei konnte auf dem Grabtuch 58 verschiedene Arten von Pollen ausmachen; etwa dreißig stammen von Pflanzen, die nur in Palästina wachsen, nicht aber in Europa. Viele davon kommen in Jerusalem und Umgebung vor (darunter Acacia albida, die im Jordantal und rund ums Tote Meer vorkommt; Gundelia tournefortii, eine Pflanze, die auf steinigem oder salzhaltigem Boden wächst; Hyoscyamus aureus und Onosma orientalis, die man an der Mauer der Jerusalemer Altstadt findet; Prosopis farcta und Zygophyllum dumosum, typisch für das Gebiet rund ums Tote Meer; und die Wüstenpflanzen Haplophyllum tuberculatum und Reaumuria hirtella). Die Feststellung weiterer 19 Pollen-Typen (insgesamt also 77) zeigt, dass das Grabtuch auch den Libanon bereist hat. Zwei der entdeckten Pollenarten gibt es weder in Europa noch in Palästina, eine dieser Spezies (Atraphaxis spinosa) kommt aber in Urfa (Edessa) vor, die andere (Epimedium pubigerum) in Istanbul (Konstantinopel).

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   Das alles scheint für die Theorie zu sprechen, dass das Grabtuch aus der Zeit Jesu stammt und die Überlieferung zu bestätigen, die das Grabtuch mit dem Mandylion identifiziert, dem Christus-Bild, das im Osten schon in den ersten Jahrhunderten des Christentums bekannt war. Und doch kam man 1988 in den Labors Tucson, Oxford und Zürich zu dem Schluss, dass das Tuch aus den Jahren 1260-1390 n. Chr. stammt. Was doch mit dem, was Sie soeben ausgeführt haben, überhaupt nicht zusammen passt!

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Foto links: Der Pantokrator, Ikone (6. Jahrhundert) Katharinen-Kloster am Berg Sinai
Foto rechts: Mandylion aus dem 16. Jahrhundert, Kolomenskoe-Museum, Moskau

   Da sprechen Sie einen sehr wichtigen Punkt an. Obwohl ich mich hauptsächlich mit Naturwissenschaften befasse habe ich nämlich, wie viele andere Gelehrte auch, den Eindruck, dass die historischen Fakten in Sachen Grabtuch nur allzu oft den wissenschaftlichen geopfert wurden. Letztere galten als absolut, die literarische Überlieferung(angefangen bei den Evangelien) dagegen als ebenso anfechtbar wie die archäologische, ikonographische, numismatische und archivarische. So hört man zB. immer wieder, dass es vor dem Auftauchen des Grabtuchs in Frankreich dank dem Kreuzfahrer Geoffroy de Charny (Mitte des 14. Jahrhunderts) keinerlei Dokumente darüber gab. Einige meinen daraus ganz einfach schließen zu können, dass es auch zu jener Zeit entstanden ist und untermauern diesen Schluss mit einem Brief, den der Bischof von Troyes, Pierre d'Arcis, 1389 an Gegenpapst Clemens VII. geschrieben hat. Darin behauptet er, dass es sich bei dem Grabtuch um eine Fälschung handelt, ja dass sogar das Geständnis des Mannes vorliege, der es gemalt hat. Alle Grabtuch-Analysen schließen aber aus, dass es sich bei dem Bildnis um eine Zeichnung handelt: welchen Wert kann also ein Zeugnis haben, das so leicht widerlegt werden kann? Ich möchte hier nicht auf alle historischen und ikonographischen Indizien in Sachen Grabtuch eingehen, die sich auf die Zeit vor dem 14. Jahrhundert beziehen; sicher ist aber, dass spätestens seit dem 6. Jahrhundert ein Christus-Porträt bekannt war, das sehr an das auf dem Grabtuch erinnert. Die Untersuchung der Grabtuch-Falten erlaubt den Schluss, dass es eine Zeit lang gefaltet ausgestellt gewesen sein muss (so dass nur der Gesichtsabdruck erkennbar war); in der Folge dann vertikal aufgehängt war, also auch einen Teil des Körpers zeigend, im Stile der imago pietatis (der Darstellung des toten Christus, der aufrecht bis zur Taille sichtbar aus dem Grab hervorragt, eine Darstellung, die vielleicht auf diese bestimmte Art, das Grabtuch auszustellen, zurückgeht). Ganz zu schweigen von der Miniatur der Bestattung Christi, die wir in der Budapester Pray-Handschrift (1192-1195) finden und die eindeutig vom Grabtuch herrührt. Das Grabtuch wird dann noch 1204 von einem französischen Ritter erwähnt, Robert de Clari, der es während des 4. Kreuzzuges in Konstantinopel gesehen hat.

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Foto links: Pray-Handschrift aus den Jahren 1192 - 1195, Nationalbibliothek Budapest, Ungarn
Foto rechts: Grabtuch von Turin

Wie kann die Radiokarbonmethode das Grabtuch also auf einen Zeitraum zwischen 1260 und 1390 datieren?
   Müssen wir annehmen, dass das echte Grabtuch verloren gegangen ist und es sich bei dem uns erhaltenen um eine Kopie davon handelt? Aber das stünde nicht nur im Widerspruch zu den größtenteils unumstößlichen Daten, die sich aus eben erwähnten Untersuchungen ergeben, sondern auch zu dem Umstand, dass nicht einmal die modernsten heutigen Technologien in der Lage wären, das Grabtuchbild detailgetreu nachzubilden.
Nicht nur die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen, sondern auch die anatomische Präzision des Mannes auf dem Grabtuch schließt also aus, dass es sich dabei um eine mittelalterliche Fälschung handelt. Man wusste damals ganz einfach noch nicht genug über den menschlichen Körper.
   Genau. Aber nicht nur das: die Grabtuch-Abbildung weist erstaunliche Spuren auf - Spuren, die deutlich darauf hinweisen, dass dieses Tuch tatsächlich den Leichnam eines Mann umhüllte, der auf dieselbe Weise gefoltert und getötet wurde wie es die Evangelien im Falle Jesu beschreiben.
Welche Spuren?
   Zunächst einmal wurde der Mann auf dem Grabtuch gegeißelt. Der ganze Leib, außer dem Brustbereich, wurde mit einem römischen flagrum taxillatum traktiert. Die Wunden wurden aus zwei verschiedenen Richtungen zugefügt, weshalb man davon ausgehen kann, dass er von zwei Männern gegeißelt wurde. Die Geißelung sollte nicht tödlich sein, sondern war nur als Züchtigung gedacht; sie war aber intensiver als das normale Vorspiel der Kreuzigung: auf dem Grabtuch kann man ca. 120 Schläge zählen statt der üblichen 21. Es handelte sich nicht um eine jüdische Geißelung, weil laut jüdischem Gesetz 39 Schläge nicht überschritten werden durften. Jeder Schlag führte aufgrund der Knochenteilchen an den drei Enden des flagrum zu sechs Blutergüssen. Eigentlich hätte die Freilassung folgen müssen, der Verurteilte aber wurde gekreuzigt Ps 129,3;  Jes 50,6; Mt 27,26; Mk 15,15; Lk 23,25; Joh 19,1. Dass die Geißelung nicht während des Tragens des patibulum erfolgt war, kann man daran sehen, dass das flagrum auch in Schulterhöhe Spuren hinterlassen hat.  Diese Wunden unterscheiden sich von denen auf dem restlichen Leib, weil auf ihnen deutliche Druckspuren erkennbar sind, die von einem schweren Gegenstand herrühren.
   Der Mann auf dem Grabtuch wurde mit Dornen gekrönt: auf dem ganzen Kopf sind mehr als 50 Wunden zu sehen, die von spitzen Gegenständen zugefügt wurden. Man hatte eine Dornenhaube geflochten, die an die östlichen Königskronen erinnert - keinen Dornenkranz also, wie uns die abendländische Überlieferung glauben machen will Mt 27,29; Mk 15,17; Joh 19,2. Das 3-förmige Rinnsal auf der Stirn (ein Detail, das bei östlichen Darstellungen des Antlitzes Christi schon lange vor dem Jahr 1000 vorkommt) rührt vom langsamen und kontinuierlichen Austreten venösen Blutes, hervorgerufen von einem in die Stirnvene gebohrten Dorn. Dass es die Form einer umgedrehten 3 hat, ist darauf zurückzuführen, dass sich der Stirnmuskel als Reaktion auf den Schmerz zusammen zieht. Der rechte Fleck am Haaransatz ist kreisförmig und stammt von in Stößen herausgepresstem arteriellen Blut.
   Das Gesicht des Mannes auf dem Grabtuch weist verschiedene Prellungen und eine gebrochene Nase auf, da er wahrscheinlich mit einem Stock auf den Kopf geschlagen wurde Mt 27,30; Mk 15,19; Joh 19,3. Der Mann auf dem Grabtuch hat einen Bluterguss in Höhe des linken Schulterblattes und eine Verletzung an der rechten Schulter, die mit dem Tragen des Querbalkens des Kreuzes (patibulum) zu tun haben könnte Mt 27,31-32; Mk 15,20-21; Lk 23, 26; Joh 19,17. Im Bereich der Blutergüsse weisen die vom flagrum zugefügten Wunden keine Abschürfungen durch den Holzbalken auf: man hatte Jesus nämlich wieder seine eigenen Kleider angezogen Mt 27,31; Mk 15,20, was die Wunden zwar vor weiteren Abschürfungen schützte, aber große Schmerzen verursachte, als sie ihm vor der Kreuzigung wieder heruntergerissen wurden Mt 27,35; Mk 15,24; Lk 23,34; Joh 19,23-24. Das uns von der Tradition überlieferte mehrfache Niederfallen wird von mit Blut vermischten Erdpartikeln auf der Nase und dem linken Knie bestätigt. Das Festbinden des patibulum machte es dem Verurteilten unmöglich, sich beim Niederfallen mit den Händen abzustützen. Eine große Menge Erdmaterial wurde auch in Höhe der Fersen gefunden.
  Der Mann auf dem Grabtuch war kein römischer Bürger, denn als solcher hätte er nicht gekreuzigt werden dürfen. Die Wunden an Handgelenken und Füßen sind die eines Mannes, den man ans Kreuz genagelt hat. Auf dem Grabtuch-Bild sind keine Daumen zu sehen: tatsächlich verursacht die Verletzung des Mittelhandnervs als Reaktion auf das Durchbohren des Handgelenks ein Zurückbiegen der Daumen.
   Die gerichtsmedizinische Untersuchung zeigt, dass der Mann auf dem Grabtuch zum Zeitpunkt seines Todes vollkommen ausgetrocknet war Mt 27,48; Mk 15,36; Lk 23,36; Joh 19,28-29; Ps 69, 4; Ps 69, 22; Ps 22,16. Um den Tod zu beschleunigen, wurden den Gekreuzigten oft die Beine zerschlagen: der Verurteilte starb dann den Erstickungstod, weil das ganze Gewicht nur noch von den Armen getragen wurde. Die Betrachtung des Grabtuches zeigt, dass die Beine nicht zerschlagen worden waren Joh 19,33. Dem Mann auf dem Grabtuch wurde ein Stich in die rechte Seite des Brustkorbes versetzt. Die Ränder der Wunden sind klar umrissen und linear, typisch für einen Stoß, der erst nach dem Tod versetzt wurde. Als wahrscheinlichste Todesursache nimmt man einen Infarkt mit anschließendem Hämoperikard (Bluterguß in den Herzbeutel) an. Das Hämoperikard ist der Endpunkt eines Myokardinfarkts und wird durch Spasmen in den Herzkranzgefäßen verursacht, die wiederum von erheblichem psychischen und körperlichen Stress herrühren. Dass der Tod infolge eines Hämoperikards eingetreten ist, lässt sich aus den Blutflecken an den Wunden ableiten, in denen sich dicke, von einem dichten Serum-Ring umschlossene Klümpchen angesammelt haben.  Und das geschieht genau dann, wenn ein Mensch infolge der Ansammlung einer beachtlichen Menge Blutes im Brustkorbbereich gestorben ist. Diese Ansammlung lässt sich mit dem Zerbersten des Herzens und der nachfolgenden Blutansammlung zwischen Herz und äußerem Herzbeutelblatt erklären, was wiederum einen stechenden Brustschmerz verursacht. Im Evangelium heißt es ja auch, dass Jesus, bevor er starb, laut aufschrie Mt 27,50; Mk 15,37; Lk 23,46; Ps 69, 1; Ps 22,15. Die Wunde, die dem Leichnam später zugefügt wurde, hat also das Austreten von Blut und Wasser ermöglicht Joh 19,34; Jes 53,5; Joh 5,6; Ez 47,1.
   Das Grabtuch ist aus einem edlem Stoff: die Evangelien berichten, dass das Grabtuch Jesu von Josef aus Arimathäa erworben wurde, einem reichen Mann Mt 27,57-60; Mk 15,42-46; Lk 23,50-53; Joh 19,38-40. Auf dem Grabtuch wurden Spuren von Aloe und Myrrhe gefunden, die wohlriechenden Salben, die Nikodemus brachte  Joh 19,39-40. Der Mann des Grabtuchs wurde nicht gewaschen, da er einen gewaltsamen Tod erlitten hatte. Die Blutflecken lassen darauf schließen, dass sein Leib ca. zweieinhalb Stunden nach seinem Tod in das Tuch gewickelt wurde und weniger als 40 Stunden darin blieb. In der Tat sind keine Verwesungsspuren festzustellend Ps16,10.
   Dann ist noch zu sagen, dass der Kontakt zwischen Leib und Tuch unterbrochen wurde, ohne dass das die Blutflecke in irgendeiner Weise verändert hätte. Wenn man den Leib aus dem Tuch herausgenommen hätte, wären Schmierspuren erkennbar. Das ist aber nicht der Fall: die Abdrücke zeigen, dass kein mechanisches Herausnehmen erfolgt ist.
Wie erklärt sich dann aber die Datierung auf 1260-1390 der Radiokarbonuntersuchung von 1988?

   Viele Gelehrte sind inzwischen zu der Überzeugung gekommen, dass man sich auf diese Untersuchung nicht verlassen kann. Und das war schon sofort nach der Bekanntgabe der Untersuchungsergebnisse so. Es wurde gesagt, die untersuchte Probe hätte nicht für das ganze Tuch gegolten. Auf dem Stoff wurden nicht nur bioplastische Pilz- und Bakterienablagerungen gefunden, sondern auch Baumwollfasern und Farbstoffkrusten: Anzeichen dafür, dass man versucht hat, den Stoff zu flicken, was wiederum die Zuverlässigkeit dieses Beweises beeinträchtigt haben kann. Die drei Labors haben es damals leider versäumt, die einzelnen Teilergebnisse der Untersuchungen bekannt zu geben, weshalb man das Resultat einfach so hinnehmen muss, ohne auch nur die geringste Möglichkeit einer Gegenprobe zu haben. Besagte Untersuchungen wurden viel diskutiert, vielleicht sogar zu viel, und die allgemeine Tendenz geht auch dahin, die Radiokarbonmethode als definitiv zu nehmen - obwohl es sich doch um eine komplexe Untersuchung handelt, die keinesfalls gegen Irrtum gefeit ist.

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Geschenk an Papst Benedikt: Lebensgroße Kopie des Grabtuches - 02. Juni 2008

In einem kürzlich auch in Italien ausgestrahlten Dokumentarfilm der BBC ließ Prof. Christopher Ramsey, Direktor des Labors Oxford, der die damaligen Untersuchungsergebnisse unterzeichnete, durchblicken, die Ergebnisse von 1988 überdenken zu wollen. Wie man von mehreren Seiten hört, soll es durchaus möglich sein, dass sie nun in Zweifel gezogen werden...
   Ich habe mit ihm diesbezüglich korrespondiert und mein Eindruck ist, dass man seine Meinung dazu ein wenig forciert hat, vielleicht auch im Zuge der Werbung für den Dokumentarfilm. In Wahrheit bestätigt Prof. Ramsey, auf der Grundlage neuer Elemente bereit zu sein, die Sache wieder zur Diskussion zu stellen, sieht aber beim derzeitigen Stand der Dinge keinen Grund dafür, den Fall wieder aufzurollen. Wir hoffen also, anlässlich der nächsten Ausstellung neue und umfassendere Untersuchungen durchführen zu können. Das Problem der Datierungsmethoden, so wichtig es auch sein mag, ist doch zweitrangig verglichen mit der Frage, wie es zur Entstehung des Bildes auf dem Grabtuch kommen konnte. Und die Klärung des Wie würde uns sicher helfen, auch das Wann und Warum zu verstehen. 30Tage080730T080LorenzoBianchi Forscher am Nationalen Forschungszentrum, Italien; Institut für angewandte Technologien im Bereich Kulturgüter

Papst Benedikt XVI. pilgerte am 2. Mai 2010 zum „Turiner Grabtuch“. In Turin sprach der Papst von der großartigen Hoffnung: „stark, fest – wie das Buch der Offenbarung sagt: ‚Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.‘ Sagt uns das heilige Grabtuch nicht genau diese Botschaft? In ihm sehen wir wie in Spiegeln unseren Schmerz im Leiden Christi. Passio Christi. Passio hominis. Genau deswegen ist es ein Zeichen der Hoffnung: Christus hat das Kreuz auf sich genommen, um das Böse zu verhindern, um uns ahnen zu lassen, dass Ostern ein Vorgriff ist auf jenen Moment, in dem jede Träne getrocknet wird, in dem es keinen Tod und auch kein Leid oder Schreien oder Schmerzen mehr geben wird.
   Der Text aus der Offenbarung endet mit der Bestätigung: ‚Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.‘ Das erste wirklich Neue, was Gott gemacht hat, ist die Auferstehung Jesu, seine himmlische Verherrlichung. Es ist der Beginn einer ganzen Serie von ‚neuen Dingen‘, an denen auch wir teilhaben. ‚Neue Dinge‘, das ist eine Welt voller Freude, in der es kein Leiden gibt,  weder Streit noch Hass, und in der alles Leid überwunden ist. Wo es nur die Liebe gibt, die von Gott kommt und alles verwandelt.“ RV100503

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   Auf einer byzantinischen Münze des Jahres 869 n.Chr. wird Christus auf dem Thron sitzend dargestellt. Er hat einen dünneren Fuß, der auf der Münze im 90-Grad-Winkel zum anderen dargestellt ist. Diese Anomalie könnte darauf zurückzuführen sein, dass der fälschliche Eindruck entstanden war, bei dem auf dem Grabtuch abgebildeten Mann wäre ein Bein kürzer als das andere.

KK-TurinerGrabt-xx  Echte Attraktion

„Eine mit Blut geschriebene Ikone". Meditation Benedikts XVI. bei der Verehrung des Grabtuchs im Dom von Turin - 02. 05. 2010 Benedikt XVI. stellte das Geheimnis des Karsamstags in den Mittelpunkt seiner Betrachtung

  Liebe Freunde, dies ist ein inständig erwarteter Augenblick für mich. Bei verschiedenen anderen Gelegenheiten habe ich mich bereits vor dem heiligen Grabtuch befunden, doch diesmal erlebe ich diese Pilgerfahrt und diesen Aufenthalt mit besonderer Intensität: vielleicht, weil das Vorüberziehen der Jahre mich noch empfänglicher für die Botschaft dieser besonderen Ikone macht; vielleicht, und ich würde sagen, vor allem, weil ich als Nachfolger Petri hier bin und die ganze Kirche, ja die ganze Menschheit in meinem Herzen trage. Ich danke Gott für das Geschenk dieser Pilgerfahrt sowie auch für die Gelegenheit, Euch eine kurze Meditation vorzutragen, zu der mich der Untertitel dieser feierlichen Ausstellung, „Das Geheimnis des Karsamstags", angeregt hat.
   Man kann sagen, dass das Grabtuch die Ikone dieses Geheimnisses ist, die Ikone des Karsamstags. Tatsächlich handelt es sich um ein Grabtuch, in das der Leichnam eines gekreuzigten Mannes eingehüllt war, welcher in allem dem entspricht, was die Evangelien uns über Jesus berichten, der gegen Mittag gekreuzigt wurde und gegen drei Uhr nachmittags verschied. Da dies am Rüsttag, also am Vorabend des feierlichen Sabbats  des  Paschafestes geschah,  erbat Josef aus Arimathäa, ein reiches und angesehenes Mitglied des Hohen Rats, als es Abend wurde mutig von Pontius Pilatus, Jesus in seinem neuen Grab bestatten zu dürfen, das er sich in der Nähe von Golgatha in einen Felsen hatte hauen lassen. Nachdem er die Erlaubnis erhalten hatte, kaufte er ein Leinentuch, wickelte den Leib Jesu nach seiner Abnahme vom Kreuz darin ein und legte ihn in jenes Grab vgl. Mk 15,42-26. So wird es im Evangelium des heiligen Markus berichtet, und die anderen Evangelisten stimmen darin mit ihm überein. Von diesem Moment an blieb Jesus im Grab, bis zum Morgen des Tages nach dem Sabbat, und das Grabtuch von Turin zeigt uns das Bild, wie sein Leib während dieser Zeit im Grab ausgestreckt war - zeitlich gesehen ein kurzer Moment (etwa anderthalb Tage), jedoch immens, unendlich in seinem Wert und in seiner Bedeutung.
   Der Karsamstag ist der Tag des Verborgenseins Gottes, wie in einer alten Predigt zu lesen ist: „Was ist geschehen? Tiefes Schweigen herrscht heute auf Erden, tiefes Schweigen und Stille. Tiefes Schweigen, weil der König ruht. ... Gott ist im Fleisch gestorben und hinabgestiegen, um das Reich des Todes wachzurütteln". Im Credo bekennen wir unseren Glauben an Jesus Christus „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten".
   Liebe Brüder und Schwestern, in unserer Zeit ist die Menschheit, vor allem nachdem sie das letzte Jahrhundert durchlebt hat, für das Geheimnis des Karsamstags besonders empfänglich geworden. Das Verborgensein Gottes gehört auf existenzielle, beinahe unbewusste Weise zur Spiritualität des heutigen Menschen, wie ein Vakuum im Herzen, das immer größer geworden ist. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts hat Nietzsche geschrieben: „Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet!". Dieser berühmte Ausdruck ist bei genauem Hinsehen fast wörtlich der christlichen Tradition entnommen, häufig wiederholen wir ihn beim „Kreuzweg", möglicherweise ohne uns voll- ständig klarzumachen, was wir da sagen. Nach den zwei Weltkriegen, den Lagern und den Gulags, Hiroshima und Nagasaki, ist unsere Zeit in immer größerem Maße ein Karsamstag geworden: Die Dunkelheit dieses Tages fordert alle heraus, die nach dem Leben fragen und auf besondere Weise fordert sie uns Gläubige heraus. Auch wir haben mit dieser Dunkelheit zu tun.
  Und dennoch hat der Tod des Sohnes Gottes, Jesus von Nazareths, einen gegenteiligen, absolut positiven Aspekt, er ist Quelle des Trostes und der Hoffnung. Und das gibt mir den Gedanken ein, dass sich das heilige Grabtuch wie ein „fotografisches" Dokument verhält, das über ein „Positiv" und ein „Negativ" verfügt. Und tatsächlich ist es genau so: Das dunkelste Geheimnis des Glaubens ist zugleich das leuchtendste Zeichen einer unermesslichen Hoffnung. Der Karsamstag ist das „Niemandsland" zwischen dem Tod und der Auferstehung, doch in dieses „Niemandsland" ist Einer eingetreten, der Einzige, der es mit den Zeichen seines Leidens für den Menschen durchschritten hat: „Passio Christi. Passio hominis". Und das Grabtuch spricht exakt von diesem Moment, es bezeugt genau diese einzigartige und unwiederholbare Zeitspanne in der Geschichte der Menschheit und des Universums, in der Gott durch Jesus Christus nicht nur unser Sterben mit uns geteilt hat, sondern unser Verbleiben im Tod. Die radikalste Solidarität.
  In jener „Zeit jenseits der Zeit" ist Jesus Christus „hinabgestiegen in das Reich des Todes". Was bedeutet dieser Ausdruck?  Er besagt, dass der Mensch gewordene Gott bis zu dem Punkt gegangen ist, in die äußerste und absolute Einsamkeit des Menschen einzutreten, wo kein Strahl der Liebe hingelangt, wo völlige Verlassenheit herrscht, ohne irgendein Wort des Trostes: „das Reich des Todes". Jesus Christus hat dadurch, dass er im Tod verblieb, das Tor dieser letzten Einsamkeit durchschritten, um auch uns dazu zu führen, es mit Ihm zu durchschreiten. Alle haben wir gelegentlich ein schreckliches Gefühl der Verlassenheit verspürt, und was uns beim Tod am meisten Angst macht, ist genau das - wie als Kinder haben wir Angst, allein im Dunkeln zu sein, und nur die Gegenwart einer Person, die uns liebt, kann uns beruhigen. Genau das ist am Karsamstag passiert: Im Reich des Todes ist die Stimme Gottes erklungen. Das Undenkbare ist geschehen, dass nämlich die Liebe in das „Reich des Todes" eingedrungen ist: auch in der äußersten Finsternis der absolutesten menschlichen Einsamkeit können wir eine Stimme hören, die uns ruft, und eine Hand finden, die uns ergreift und uns hinausführt. Der Mensch lebt durch die Tatsache, dass er geliebt wird und lieben kann; und wenn auch in den Bereich des Todes die Liebe eingedrungen ist, dann ist auch dort das Leben angelangt. In der Stunde der äußersten Einsamkeit werden wir niemals allein sein: „Passio Christi. Passio hominis".
   Das ist das Geheimnis des Karsamstags! Gerade von dort, aus der Finsternis des Todes des Gottessohnes, ist das Licht einer neuen Hoffnung erschienen: das Licht der Auferstehung. Und mir scheint nun, dass man, wenn man dieses heilige Leinentuch mit den Augen des Glaubens anschaut, etwas von diesem Licht wahr- nimmt. Tatsächlich war das Grabtuch in jene tiefe Finsternis eingetaucht, doch gleichzeitig leuchtet es; und ich denke, wenn Abertausende von Menschen herkommen, um es zu verehren - abgesehen von denen, die es auf Bildern betrachten -, dann deshalb, weil sie darin nicht nur die Dunkelheit, sondern auch das Licht sehen; nicht so sehr die Niederlage des Lebens und der Liebe, sondern eher den Sieg, den Sieg des Lebens über den Tod, der Liebe über den Hass; sie sehen zwar den Tod Jesu, doch sie erahnen bereits seine Auferstehung; im Inneren des Todes pulsiert nun das Leben, da dort die Liebe wohnt. Das ist die Macht des Grabtuchs: Vom Antlitz dieses „Schmerzensmannes", der das Leiden der Menschen aller Zeiten und aller Orte trägt, auch unsere Leiden, unseren Kummer, unsere Schwierigkeiten, unsere Sünden - „Passio Christi. Passio hominis" -, von diesem Antlitz geht eine feierliche Erhabenheit aus, eine paradoxe Herrschaft. Dieses Antlitz, diese Hände und diese Füße, dieser Brustkorb, dieser ganze Leib spricht, ist ein Wort, das wir in der Stille hören können. Auf welche Weise spricht das Grabtuch? Es spricht durch das Blut, und das Blut ist das Leben! Das Grabtuch ist eine mit Blut geschriebene Ikone; dem Blut eines Menschen, der gegeißelt, mit Dornen gekrönt, gekreuzigt und an der rechten Seite verwundet wurde. Das auf dem Grabtuch eingeprägte Bild ist das Bild eines Toten, doch das Blut spricht von seinem Leben. Jede Spur von Blut spricht von Liebe und von Leben. Besonders jener große Fleck an der Seite, der aus Blut und Wasser besteht, die reichlich aus einer großen Wunde geflossen sind, welche durch den Stoß einer römischen Lanze verursacht wurde - dieses Blut und dieses Wasser reden von Leben. Wie eine Quelle, die in der Stille murmelt, und wir können sie hören, wir können ihr zuhören, in der Stille des Karsamstags.
 Liebe Freunde, lasst uns den Herrn stets für seine treue und barmherzige Liebe preisen. Lasst uns, wenn wir von diesem heiligen Ort fortgehen, das Bild des Grabtuchs vor unserem geistigen Auge, dieses Wort der Liebe im Herzen tragen und Gott durch ein Leben voller Glauben, Hoffnung und Liebe preisen. Danke. DT100504
                                                                                                   
                 © Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana

Pas-GrabtTurin-x     neue Entdeckung am Turiner Grabtuch

Historikerin: Schriftzeichen beweisen Echtheit

   Eine Historikerin des Vatikanischen Geheimarchivs will einen schlagenden Beleg für die Echtheit des Grabtuchs Jesu gefunden haben: Die in Turin aufbewahrte „Santa Sindone" enthalte Schriftzeichen in Aramäisch, die aus der Zeit vor dem Jahr 70 stammen, berichtete jetzt die Tageszeitung La Stampa. Weil diese Sprache unter Christen ab diesem Datum nicht mehr so gebräuchlich gewesen sei (obwohl sie im syrischen Gebiet noch lange weiterlebte), zwinge dies zu der Annahme, dass das Tuch älter sein müsse, sagte die Wissenschaftlerin Barbara Frale nach Angaben der Zeitung.
   Barbara Frale stützt sich auf eine bislang unveröffentlichte Untersuchung des französischen Forschers Thierry Castex. Dieser habe die mit bloßem Auge nicht erkennbaren Schriftzeichen auf dem Gewebe entdeckt, heißt es in dem Bericht. Der Sinn der wenigen Buchstaben laute etwa „wir haben gefunden". Bislang waren nur griechische und lateinische Buchstaben auf dem Tuch bekannt.
  Die Wissenschaftlerin, die zugleich ausgewiesene Expertin für den Templerorden ist, hält es aufgrund schriftlicher Quellen für wahrscheinlich, dass nach der Plünderung Konstantinopels 1204 die Tempelritter in den Besitz der Reliquie gelangt sind. Die aramäischen Schriftzeichen könnten ein Grund sein, weshalb der Orden angesichts des mittelalterlichen Antijudaismus ein Geheimnis um das Grabtuch aufgebaut habe, gab La Stampa die Forscherin wieder. Einwände, es handle sich bei dem Grabtuch um eine mittelalterliche Fälschung, wies Barbara Frale zurück. Die betreffenden Analysen nach der C-14-Methode seien „nicht in überprüfbarer Weise durchgeführt" worden. Ihre eigenen Thesen will sie laut dem Bericht in einem bis Jahresende erschei- nenden Buch vorstellen.
   Die in Turin aufbewahrte „Santa Sindone", die von vielen Gläubigen als das Leichentuch Jesu verehrt wird, soll nach restaurativen Eingriffen erstmals wieder im kommenden Jahr vom 10. April bis zum 23. Mai öffentlich gezeigt werden. Zu diesem Anlass wird auch ein Besuch von Papst Benedikt XVI. in Turin erwartet. Das 4,36 Meter lange und 1,10 Meter breite Leinen zeigt den Abdruck eines Gekreuzigten, der der biblischen Beschreibung der Passion Christi entspricht. DT090723KAP

Aramäischer Satz auf Turiner Grabtuch
    Vor kurzem hat ein französischer Forscher, Thierry Castex, auf dem Turiner Grabtuch aramäische Schriftzeichen entdeckt, die auf die Zeit Christi zurückgehen sollen. Dies würde die These erhärten, dass die Reliquie echt ist. Dazu die Historikerin Barbara Frale vom Vatikanischen Geheimarchiv, deren zweites Buch über das Turiner Grabtuch im Herbst erscheint:
   „Die Entdeckung des Schriftzugs auf dem Grabtuch in hebräischen Lettern hat großes Aufsehen erregt. Wahrscheinlich handelt es sich um aramäische Sprache. Ich muss aber sagen, es ist nicht das erste Mal, dass jemand aramäische Schrift auf dem Tuch entdeckt. Der erste war ein Mailänder Lateinprofessor 1978, der zweite ein Hebräisch-Forscher aus Messina 1989. Er kam zu dem Schluss, da stehe ,Der König der Juden’ – das wäre genau die Anklage, mit der Jesus an Pilatus ausgeliefert wurde. Die Schrift, die Castex nun entdeckt hat, besagt wörtlich: ,gefunden’. Daneben steht ein anderes Wort, das noch bestimmt werden muss; insgesamt könnte die Schrift dann aussagen: ,Warum gefunden’ oder ,wir haben gefunden’. Das Interessante ist nun, dass dieser Satz in Verbindung gebracht werden kann mit einem Passus aus dem Lukasevangelium. Dort heißt es: ,Wir haben diesen Mann gefunden, der unser Volk verführt, es davon abhält, dem Kaiser Steuern zu zahlen, und behauptet, er sei der Messias und König’.“
   Die Forschung müsse noch Licht in die Frage bringen, auf welche Weise genau die Schrift auf das Grabtuch gelangt ist, so Frale. „Da es sich aber um einen prozessierten und zum Tod verurteilten Mann handelt, besteht kein Zweifel daran, dass irgendeine Zuweisung auf dem Leichnam angebracht werden musste. Der hebräischen Tradition der Zeit zufolge, war der gesamte Körper mit dem Tuch umhüllt, war also unkenntlich – wenn nicht durch eine Aufschrift auf dem Tuch.“ Rv090727

buc-RainerSörriesWasVonJesu    Unser Buchtipp: Reiner Sörries: Was von Jesus übrig blieb.     

Die Geschichte seiner Reliquien. Eine Besprechung von Pater Bernd Hagenkord SJ
   Als Papst Benedikt XVI. 2010 das Grabtuch in Turin besuchte, hielt er eine ergreifende Meditation über den Raum der Sünde und das Durchschreiten dieser Dunkelheit, das wir in Jesus Christus verehren. Kein Wort verlor er über Echtheit oder Fälschung des Tuches, eine Debatte, die das Grabtuch ansonsten begleitet.
   Konkreter war da schon Bischof Stephan Ackermann von Trier bei der Eröffnung der Heilig-Rock Wallfahrt im Jahr 2012. Er ging auf die verschiedenen Altersstufen der Fasern ein und darauf, dass sich daraus auf die nicht vollständige Identität des in Trier ausgestellten Stoffs mit Jesu Leibrock schließen lasse. Aber auch das Schwergewicht seiner Aussagen lag auf dem geistlichen Gehalt, der in der Verehrung selbst liege, weniger im Stoff.
   Was fasziniert uns so sehr an diesen Reliquien, seien es Trier oder Turin, sei es die Geißelungssäule in Rom oder Tränen Jesu in Verdun oder Lüttich? Der Archäologe und evangelische Pfarrer Reiner Sörries geht den Reliquien Jesu nach. Ein auf den ersten Blick erstaunliches Unterfangen, sollte es doch mit Auferstehung und Himmelfahrt keine Reliquien geben dürfen. Trotzdem hat sich in der christlichen Kulturgeschichte in den vergangenen Jahrhunderten einiges ergeben, was Anspruch erhebt, Reliquie Jesu zu sein.
   Sörries geht diesen vielen einzelnen Reliquien nach. Systematisiert nach Ort und nach Art werden sie vorgestellt und in ihre jeweilige Tradition eingeordnet. Er beschreibt dabei die „Spiegelbilder“ des Glaubens, wie er es nennt, in denen sich der Glaube und sein Wandel abbildet.
   Dabei dürfe man nicht zu schnell dazu übergehen, den Vorwurf Jesu „selig die nicht sehen und doch glauben“ gegen Reliquien in Stellung zu bringen. Sörries will seinen Beitrag dazu leisten, den Glauben, der sich mit der Verehrung verbindet, zu verstehen, und dadurch auch unseren Glauben, der auf diesem aufbaut. Das Christentum ist eine Erinnerungsreligion, und uns Menschen haben Dinge immer schon beim Erinnern geholfen. Was dies für Dinge sind, das zu verstehen hilft das Buch über die Jesus-Reliquien.
   Das Buch ist im Verlag Butzon und Bercker erschienen und kostet etwa 25 €. RV120505ord

tn_Turin III_psd  Die Strafe der Kreuzigung   tn_Turin IIII_psd

  Die Römer hatten die Kreuzigung von den Persern und den Puniern übernommen, und wie diese nahmen sie auch Massenkreuzigungen vor. In Palästina gedachte man zur Zeit Jesu noch mit Grauen der Kreuzigung von etwa zweitausend Widerstandskämpfern, die der römische Feldherr Quinctilius Varusderselbe, der später im Teutoburger Wald von Arminius geschlagen wurde - im Jahre 4 n. Chr. in der Nähe von Jerusalem vollstrecken ließ. Die Kreuzigung wurde vor allem über politische Verbrecher verhängt. Cicero nannte sie „die grausamste und schmählichste Pein, die äußerste Sklavenstrafe”, und der Neutestamentler Ethelbert Stauffer schreibt: „Die Kreuzesstrafe ist die infernalischste Erfindung der antiken Justiz, die qualvollste Marter, die Menschen durch menschliche Teufelei erleiden können.” Zur Zeit Jesu waren drei Kreuzesformen gebräuchlich siehe Abbildung oben. Zur Hinrichtungsstätte musste der Verurteilte den Querbalken tragen, der etwa zwei Meter lang und an die zwei Zentner schwer war.  Der senkrechte Pfahl wurde in den Boden gerammt. Nachdem der Verurteilte mit den Händen an den Querbalken genagelt war, wurde dieser hochgezogen und am senkrechten Pfahl befestigt. Das berühmte Leichentuch von Turin zeigt, dass die Nägel nicht, wie in den meisten Kreuzigungsbildern und - bildwerken dargestellt, durch die Handteller,  sondern unterhalb derselben durch die Handwurzel getrieben sind. Bei Durchnagelung der Handteller würden sich die Hände infolge des Körpergewichts aus den Nägeln gerissen haben.
    Der französische Arzt Pierre Barbet, langjähriger Chef Chirurg am Hospital Saint-Joseph in Paris, hat verschiedene anatomische Experimente zum Studium der Kreuzigungstechnik durchgeführt. Die beiden Röntgenaufnahmen Foto oben zeigen die Durchnagelung der Handwurzel.
   Die eigentliche Todesursache bei der Kreuzigung - und damit wohl auch bei Jesus - war Erschöpfung, Blutstockung, Kollaps, Asphyxie. Die Gekreuzigten starben den Erstickungstod.  AlfredLäpple:DieBibel heute

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Die Kreuzungstafel Jesu:  J N R J

   In der Römischen Kirche “Heilig Kreuz von Jerusalem” findet sich die Reliquie der Tafel, die über dem Kreuz Christi angebracht war: “J(esus) N(azarenus) R(ex) J(udaeorum)”- Jesus von Nazaret, König der Juden in der hebräischen, griechischen und lateinischen Schrift. Da die hebräische Sprache von rechts nach links geschrieben wird, hat der offenbar judäische Schreiber auch die lateinische und griechische in gleicher Weise auf die Tafel gebracht.

Über das Schweißtuch der Veronika lesen Sie, bitte, unseren Sonderbericht unter: Wunder & Zeichen

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Reliquien in Rom: Ein Blick in die Nischen und Seitenkapellen von Rom

  Reliquien sind das Reiseziel schlechthin, lange vor Neckermann haben sie schon Millionen von Pilgern angezogen. So geht es bis heute. Nicht nur dass Hape Kerkeling nach Santiago zu den Gebeinen des Apostels Jakobus wanderte. In Rom besuchte gerade Pop-Ikone Madonna die Kirche Santa Croce in Gerusalemme, wo sie vor einem Splitter des Heiligen Kreuzes Andacht hielt. So wie sie machen es alljährlich Millionen von Pilgern.
   Zunächst aber sind die Reliquien Zeugen der Heilsgeschichte, man kann sie auf jedem römischen Spaziergang entdecken. Hinter einer unscheinbaren Holztür, sie gehört zu der kleinen Kirche Santa Prassede, stößt man auf die Geißelsäule Christi Fotos oben. Gleich gegenüber in der monumentalen Santa Maria Maggiore werden Teile der Krippe in einem Schrein verwahrt. In der Nähe des Kolosseums zeigt die Kirche San Pietro in Vincoli neben Michelangelos Grabmal für Papst Julius II. jene Ketten, in denen der Apostel Petrus in seinem römischen Kerker gefesselt war.

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  Die Scala Santa Fotos oben liegt nur ein paar hundert Meter entfernt. Die Heilige Treppe stammt nach der Überlieferung aus dem Palast des Pontius Pilatus in Jerusalem. Christus selbst soll auf ihr am Tage seines Todes hier hinauf- und hinabgegangen sein. Zwar sind die Stufen mittlerweile mit Brettern abgedeckt. Die Flecken aber kann man durch Gucklöcher betrachten.
Die Scala Santa - Die Heilige Treppe
   Zu der Kapelle Sancta Sanctorum führt die Heilige Treppe hinauf, die aus dem Palast von Pontius Pilatus stammt und die Jesus bei seinem Prozess betreten haben soll. Sie wurde der Überlieferung nach schon von der Mutter Konstantins, der heiligen Helena, 326 aus Jerusalem hierher gebracht. In Erinnerung an die Leiden Christi besteigen viele Pilger diese Treppe auf ihren Knien.
   Seit 1723 werden die Marmorstufen mit einer Nussbaumholzverkleidung vor Abnutzungen geschützt. An der zweiten, elften und achtundzwanzigsten Stufe wurde jeweils ein Sichtfenster offen gelassen, durch die man auf Blutspuren blicken kann. Die Kirche gewährt jedem Pilger, der die Stufen auf den Knien erklimmt einen vollkommenen Ablass.
   Auch der Reformator Martin Luther, der sich im November/Dezember 1510 für einige Wochen in Rom aufhielt, hat diesen Ablass knieend gewonnen und betete auf jeder Stufe ein Vaterunser für seinen verstorbenen Großvater Heine.

PaulusSarkophag-x   Sarkophag des Apostel Paulus

 Nach 500 Jahren gibt der Vatikan das Grab des Apostels wieder zur Besichtigung frei.
Der neue Blick auf den größten Apostel der Christen

   Zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend wird das Grab des Apostels Paulus wieder den Blicken der Gläubigen zur Verehrung dargeboten: In der Kirche Sankt Paul  vor den Mauern in Rom können Besucher jetzt durch ein kleines Fenster die Außenwand einer antiken Marmorabdeckung sehen, hinter der sich der Sarkophag des Heiligen befindet.
    Der Erzpriester der Kirche, Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezomolo, verkündete diese Nachricht im Vatikan. Damit enden die vierjährigen archäologischen Arbeiten an dieser bedeutenden Fundstätte der frühen Christenheit. Ob Fachleute anderer Disziplinen etwa forensische Pathologen oder Genforscher, Untersuchungen an den Gebeinen des Apostels vornehmen dürfen, kann nur der Papst entscheiden.
    Das wissenschaftliche Interesse ist groß und berechtigt. Denn es gilt den sterblichen Überresten eines Mannes, der wie kein anderer das Christentum verbreiten half: Der strenggläubige Sohn eines Pharisäers aus dem heute türkischen Tarsus ist, so Benedikt XVI., “der erste Apostel, der vom auferstandenen Herrn selbst dazu berufen wurde” und “leuchtet in der Kirchengeschichte wie ein Stern erster Größe”. Der Kirchenvater Johannes Chrysostomus preist Paulus im 4.Jahrhundert als “eine Persönlichkeit, die sogar viele Engel und Erzengel übertrifft”.
    Die Erinnerung an die Wandlung des gnadenlosen Christenverfolgers zum todesmutigen Missionar durch eine erschütternde Vision vor Damaskus lebt in der markanten Redewendung “vom Saulus zum Paulus” fort: Der gelernte Zeltmacher Saulus bricht nach Syrien auf, um dort lebende Christen gefangen zu nehmen und zur Bestrafung für den Abfall vom Judentum nach Jerusalem zu bringen. Da erscheint ihm der Auferstandene und fragt: “Warum verfolgst du mich?” Eine vorübergehende Erblindung durch das göttliche Licht führt zur Erleuchtung. Der Berufene lässt sich taufen, nimmt den neuen Namen Paulus (vom lateinischen parvulus = der Geringe) an und widmet sein Leben der Verkündigung des Evangeliums. Erst durch ihn und sein Drängen, auch Heiden zu bekehren, schlägt das Christentum den Weg zur Weltreligion ein.
   Der “universale Atem”, der das Apostolat des Paulus auszeichnet, wird sogleich spürbar: Nach der entscheidenden Konferenz mit den noch von Jesus berufenen Kirchenführern in Jerusalem zieht er auf zahlreichen Reisen durch Syrien, Kleinasien und Griechenland und gründet überall christliche Gemeinden. Seine neue Heimat wird die damalige Weltstadt Antiochia, das heute türkische Antakya, wo sich die Gläubigen zum ersten Mal “Christen” nennen. Wie Petrus kommt Paulus schließlich nach Rom, wird verhaftet und zum Tode verurteilt. Die Schergen Kaiser Neros führen die beiden Männer wohl im Jahr 67 aus dem Mamertinischen Kerker am Forum zur Hinrichtung vor die Tore der Stadt. Die Verurteilten gehen eine halbe Meile gemeinsam, bevor sie getrennt werden.
   Der Abschied zählt zu den bewegendsten Szenen der Kirchengeschichte. Die Männer wissen, dass sie sich auf dieser Welt nicht wiedersehen werden.
   Die Schergen führen Petrus über den Tiber zu den Gärten des Nero, wo sie ihn kreuzigen. Über dem Grab steht heute der Petersdom. Die anderen bringen Paulus zu den Aquae Salviae,  heute Tre Fontane, wo sie ihn enthaupten. Über den Gebeinen errichten Christen im 2. Jahrhundert eine kleine Gedenkstätte. Später baut Kaiser Konstantin dem Heiligen eine Basilika, die heute, vergrößert und nach einem Brand  wiedererrichtet, als “St. Paul vor den Mauern” Foto unten zu Roms sieben Hauptkirchen zählt.

PaulusAnteMuros-x Paulus

   Die Krypta wird vor rund 500 Jahren geschlossen. 2002 erhält der Archäologe Giorgio Filippi den Auftrag, das Grabmal zu untersuchen. Er öffnet eine Marmorabdeckung mit der Inschrift “Paulo Apostolo Mart” – “dem Apostel und Märtyrer Paulus” - und findet darunter einen römischen Sarkophag. Die Arbeiten fördern auch Reste der konstantinischen Kirche zutage.
   Jetzt berät der Vatikan, ob die Forschungen weitergehen sollen. “Das Grab ist noch nie geöffnet worden, es war stets geschlossen und gut geschützt”, sagt der Erzpriester der Basilika, Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezomolo. “Die letzte Entscheidung muss der Papst treffen.”
   Ein rascher Entschluss ist nicht zu erwarten: Mehr als ein Beweis, dass die Gebeine in dem Sarkophag tatsächlich 2000 Jahre alt sind, ist vorerst kaum zu erwarten. Der Vatikan hat die Wissenschaft kaum zu fürchten, denn bisher haben alle Untersuchungen die Überlieferung bestätigt, etwa beim Heiligen Grabtuch in Turin, das nach Pollenuntersuchungen tatsächlich zur Zeit Jesu in der Gegend um Jerusalem gewebt wurde.
    Paulus zählt zu den glaubwürdigsten Gestalten der Bibel, auf die sich die Kirche berufen kann. Und er ist wohl der authentischste unter den Aposteln. Er schildert selbst, was er im Namen Christi litt, dass er “Mühsal ertrug”, “im Gefängnis war”, “geschlagen wurde” und “in Todesgefahr war”: “Dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch ... Ich war auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße.”
    Gut möglich, dass forensische Pathologen an den Gebeinen Spuren der Misshandlungen entdecken. Das Haupt des Apostelfürsten indes dürften sie in dem Sarkophag, sollte er denn geöffnet werden, kaum finden: Es wird bereits seit dem 15. April 1370 zur besonderen Verehrung in der Reliquienkammer des päpstlichen Lateranpalastes aufbewahrt - zusammen mit dem des Petrus. 1968 erklärte Papst Paul VI. die Häupter für echt.
    Das Grab des Petrus unter dem Hauptaltar des Petersdoms wurde 1940 ausgegraben. Nach den Gebeinen war der Apostelfürst und erste Papst 163,6 bis 167,9 Zentimeter groß, 60 bis 70 Jahre alt und “von robustem Körperbau”.
    Die Gebeine des Jakobus des Älteren werden im nordwestspanischen Santiago de Compostela verehrt. Der Ort zieht seit dem Mittelalter christliche Wallfahrer aus der ganzen Welt an.
  Das Haupt des Apostels Andreas, der den orthodoxen Christen so wichtig ist wie sein jüngerer Bruder Petrus der römischen Kirche, ruht im griechischen Patras.
    Johannes ist nach der Überlieferung im Burghügel von Ephesus, dem heute türkischen Efes, beigesetzt. Papst Benedikt XVI. besuchte den Ort auf seiner Türkei-Reise.
    Die Reliquien des Philippus finden sich in der Kirche “Zwölf Apostel” in Rom, die des Bartholomäus in der Bartholomäuskirche auf der Tiberinsel, seine Hirnschale aber in der Bartholomäuskirche in Frankfurt am Main.
    Die Reliquien des Thomas liegen im kleinen Ort Ortona in den Abruzzen, die des Jakobus und Simons des Zeloten verstreut in einem Dutzend europäischer Kirchen. Judas Thaddäus ist im Petersdom, Matthäus in Salerno bestattet. Der für den Verräter Judas gewählte Apostel Matthias ruht im einzigen Apostelgrab nördlich der Alpen, in der Basilika der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier.  JosefNyaryHA061212

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Foto links: Basilika St. Paul vor den Mauern - gebaut von Kaiser Konstantin I. über dem Grab des heiligen Paulus. Foto rechts: Papst Benedikt XVI. blickt in der Krypta der Basilika auf das Paulus-Grab.

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Palast des Herodes  -  Naher Osten: Pracht-Eingang zu Herodesfestung entdeckt

   Israelische Archäologen haben in der Judäischen Wüste nahe Betlehem einen monumentalen Eingang zur Herodes-Burg freigelegt. Es handelt sich um einen 20 Meter langen, von dreigeschossigen Kalksteinbögen überspannten Korridor. Der Prachtweg war im Rahmen einer weiteren touristischen Erschließung der Festung freigelegt worden, wie die israelische Regierung mitteilte. Die Herodium genannte Burganlage auf einem markanten künstlich aufgeschütteten Hügel liegt fünf Kilometer südlich von Betlehem.
   Der Korridor sollte Herodes dem Großen (um 73-4 v. Chr.) einen direkten Zugang auf den künstlichen Burgberg gestatten. Den Archäologen zufolge wurde der Eingang jedoch nie genutzt. Angesichts seines nahenden Todes habe König Herodes die Umwandlung der Burg in ein Mausoleum beschlossen. Daraufhin sei der Gang geschlossen und verfüllt worden.
   Die Überlieferung des Neuen Testaments erwähnt König Herodes als Urheber des - historisch nicht belegten - Kindermordes von Betlehem. Diesen soll er wegen der Geburt eines möglichen konkurrierenden Herrschers angeordnet haben. Wegen der Gefahr haben sich Josef und Maria mit dem in Betlehem geborenen Kind zur Flucht nach Ägypten entschlossen.
   Laut der Mitteilung legte das Ausgrabungsteam auch eine mit aufwendigen Fresken geschmückte Vorhalle frei, die mit der Schließung des Korridors ebenfalls aufgegeben wurde. Weiter fanden sich den Angaben zufolge Münzen aus der Zeit des jüdischen Aufstands gegen die Römer (66-71) und Tunnel aus der Zeit der Bar-Kochba-Revolte (132- 135), teils noch mit einer erhaltenen Stützkonstruktion aus Zypressenholz. Rv141219

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Ubi Petrus - ibi Ecclesia: Die Reliqien des heiligen Petrus unter der Petersbasilika in Rom
Michael Hesemann berichtet über die Ausgrabungen unter St. Peter

Die Reliquien des heiligen Petrus wurden am Ende des Jahres des Glaubens, am Christ-Königs-Fest in Rom öffentlich ausgestellt. Ihre Auffindung hält der Historiker und Autor Michael Hesemann für eine der spektakulärsten archäologischen Entdeckungen der Neuzeit:
  „Die Geschichte begann praktisch am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Papst Pius XI. war gestorben und sein Nachfolger, Pius XII., wollte ihn in den vatikanischen Grotten, dem Gewölbe unter dem Petersdom, bestatten lassen. Um den Entwurf des Architekten für die Grabstätte des Pontifex zu realisieren, war es notwendig, das Bodenniveau an seiner Stelle um einen Meter zu senken, um Höhe zu schaffen. So wurde der Marmorboden entfernt und mit den Ausschachtungen begonnen. Dabei stießen die Arbeiter auf eine Ziegelmauer, die in unbekannte Tiefe reichte. Prälat Ludwig Kaas, ein deutscher Priester und Politiker der „Ein Zentrums“-Partei, der vor den Nazis geflohen war und den der spätere Papst Pius XII. zum Leiter der „Bauhütte von St. Peter“ Fabbrica di San Pietro ernannt hatte, wurde geholt und inspizierte den Fund. Zunächst glaubte er, auf eine Mauer des „Zirkus von Caligula und Nero“ gestoßen zu sein, der sich im 1. Jahrhundert zu Füßen des vatikanischen Hügels erstreckte. In ihm hatten die ersten Christen unter Kaiser Nero ihr Martyrium erlitten, hier wurde der Legende nach auch der heilige Petrus gekreuzigt.
   Doch bald zeigte sich, dass die Mauer keineswegs zu einem antiken Zirkus gehört haben konnte. Ihre Innenseite war mit bemaltem Stuck verziert. Je weiter man grub, desto deutlicher wurde, dass sie Teil eines kleinen, quadratischen Gebäudes war, dessen Dach einst abgetragen worden war. Doch erst als die Arbeiter auf eine Reihe von rot bemalten, säulengesäumten Nischen stießen, in denen Urnen standen, stand fest, dass es einst eine Grabkammer gewesen sein muss. Ein reich geschmückter Sarkophag in ihrem Zentrum enthielt einst die Leiche einer jungen Frau namens Gorgonia.  Dass eine Inschrift ihr wünschte, dass sie „in Frieden schlafe“ dormit in pace, verriet, dass sie Christin war; bei den heidnischen Römern war diese Formulierung, der Vorgänger unseres requiescat in pace, absolut ungebräuchlich.
   Sofort informierte Kaas den Papst über den Fund. Am Vorabend des Festes Peter und Paul, am 28. Juni 1940, besichtigte Pius XII. persönlich das Mausoleum des Marcus Caetennius Antigonus, wie es fortan genannt wurde. Kaas überzeugte ihn schnell, dass römische Mausoleen selten isoliert standen, man unter den vatikanischen Grotten noch weitere Gräber vermuten könnte. Dadurch gewann die Tradition, dass sich unter dem Petersdom tatsächlich das Grab des Apostelfürsten befand, an Glaubwürdig-keit. Um dieser Möglichkeit nachzugehen war der Papst bereit, jedes Risiko einzugehen. So gab er Kaas die Anweisung, mit einer systematischen archäologischen Ausgrabung zu beginnen.
   Bald hatte der Prälat ein Team verschwiegener Experten aus den Reihen des Päpstlichen Institutes für Christliche Archäologie, dem Architekten des Vatikans und Arbeitern der Bauhütte von St. Peter, den sogenannten Sanpietrini, zusammengestellt, die sich ehrenamtlich und neben ihrer eigentlichen Tätigkeit ans Werk machten. Dabei waren die Bedingungen alles andere als optimal. Draußen tobte der Krieg, die Mittel waren knapp. Strengste Geheimhaltung war geboten, um Spekulationen und übersteigerte Erwartungen zu vermeiden. Was im Team leider fehlte, war ein professioneller Archäologe mit Ausgrabungserfahrung. So führte nie- mand ein Tagebuch über den täglichen Stand der Dinge und auch Fotos wurden kaum gemacht.
Eine antike Totenstadt unter dem Petersdom     
   Dabei waren schon die ersten Funde geradezu sensationell. Bis Anfang 1941 hatte man fünf Deckenmalereien ausgeschmückt waren. Zwei Monate später stieß man auf das Grab des Gaius Valerius Herma, eines reichen Freigelassenen, das in das zweite Jahrhundert datiert werden konnte. In seinen stuckverzierten Wänden befand sich ein Dutzend hoher Nischen, in denen fast lebensgroße Stuckfiguren heidnischer Götter, aber auch seiner Famlienangehörigen aufgestellt waren. Im 3. Jahrhundert schien sich die Familie dann dem Christentum zugewandt zu haben. So waren die jüngsten Sarkophage in der Grabkammer bereits mit dem Christusmonogramm geschmückt. Eine simple, unbeholfene Kohlezeichnung zeigte Christus und davor einen bärtigen Mann. Darunter war eine lateinische Inschrift gekritzelt, von der nur noch die ersten Worte lesbar waren: „Petrus, bete (zu) Christus Jesus für die heiligen…“ Sie war der erste Hinweis auf eine Petrusverehrung in dieser antiken Totenstadt und musste aus dem frühen 4. Jahrhundert stammen; viel- leicht war sie auch älter.
    Die nächsten Monate enthüllten das Ausmaß der an- tiken Nekropole unter dem Petersdom. Mindestens 22 Grabhäuser lagen zu beiden Seiten einer schmalen Straße von etwa 70 Metern Länge. Wahrscheinlich reichte sie ursprünglich noch weiter, erstreckte sich über die gesamte Länge des Petersdomes bis über den heutigen Petersplatz hinaus. Es war ein ursprünglicher heidnischer Friedhof, in dem allmählich auch Christen bestattet wurden. Zwar stammten die ältesten Gräber erst aus dem 2. Jahrhundert, doch trotzdem sprach ein gewichtes Argument für die Tradition. Um die alte Peterskirche, den Vorgänger des Petersdomes, zu bauen, hatte Kaiser Konstantin der Große eigens am abfallenden Hang des vatikanischen Hügels eine künstliche Plattform anlegen lassen. An seinem Fuß ließ er eine hohe, starke Mauer errichten, den Zwischenraum mit Erdreich auffüllen. Zwischenmauern von jeweils zwei Metern Stärke schwächten den Druck ab. Über 100.000 Kubikmeter Erdreich waren zu diesem Zweck tranportiert worden, meist in Körben auf den Rücken tausender Staatssklaven. Das allein macht die Errichtung der alten Peterkirche zu einem der monumentalsten Bauvorhaben der Antike. Dabei hatte Konstantin gegen ein Tabu verstoßen. Denn die Gräber ihrer Ahnen waren den Römern heilig. Nur der Kaiser selbst konnte erlauben, ein Grab zu verlegen; jedem anderen, der die Totenruhe störte, drohte die Todesstrafe. Um über der Totenstadt eine Basilika zu errichten, mussten Konstantins Architekten geschickt vorgehen. Bei größeren Mausoleen wurden die Dächer entfernt, ihre Räume mit Erde aufgefüllt. War ein Mausoleum zu groß, wurde es durch eine Stützwand geteilt. So entstand ein stützendes Netzwerk, das das Gemäuer stabilisierte. Doch all dieser Aufwand auf ungünstigem Terrain, verbunden mit immensen Kosten und der Verletzung eines religiösen Tabus, ließ sich nur dann rechtfertigen, wenn die Tradition eindeutig war. Konstantin muss sich absolut sicher gewesen sein, dass sich dort, wo er baute, das authentische Apostelgrab befand.
   Bislang freilich hatten die Ausgräber in der falschen Richtung gesucht. In der zweiten Phase der Grabung wollten sie sich ganz auf den Bereich zwischen dem Valerius-Mausoleum und der Confessio konzentrieren, der Anlage vor und unter dem Papstaltar, wo die Tradition das Petrusgrab lokalisierte. Der Papst, der fasziniert den Verlauf der Ausgrabungen verfolgte, erteilte auch dazu seine Erlaubnis.

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Die Entdeckung des Petrusgrabes
    Wieder folgte eine Reihe spektakulärer Funde. Die nächste Grabkammer, in die man vordrang, war mit einer Mosaikdecke geschmückt, deren Motive sämtlich aus der Bibel stammten. Sie zeigten Jonas, der dem Walfisch entstieg und Fischer, die ihre Netze auswarfen. Überragt wurde das Mausoleum von einer Darstellung Christi als Sonnenheros, die aus der Mitte des 3. Jahrhunderts stammt. Gleich neben ihm stießen die Archäologen auf die bislang älteste Grabkammer. Eine Silbermünze des Kaisers Trajan (98-117) verriet, dass sie im späten 1. Jahrhundert schon in Gebrauch, wahrscheinlich aber noch früher errichtet worden war. Damit waren die Ausgräber dem Todesjahr Petri (64 oder 67 n.Chr.) schon deutlich näher gekommen.
    Da man sich bereits in unmittelbarer Nähe der Con- fessio befand, beschloss Kaas, sich von zwei Seiten der traditionellen Stätte des Petrusgrabes zu nähern. Wäh- rend ein Stollen dem Verlauf der Gräberstraße folgte, ließ er einen zweiten von der Cappella Clementina aus an- legen, einem kleinen, prunkvoll ausgestatteten Heiligtum, das sich von Süden her unterirdisch dem Papstaltar näherte. Hinter ihrem Altar befand sich eine Marmorwand, deren oberer Teil aus der Zeit Clemens VII. (1592-1605) stammt, ihr größerer unterer Teil aber bereits zur Zeit Gregors des Großen (590-604) errichtet worden war. Als man sie aufbrach, kam eine weiße Marmorverkleidung aus zwei großen Platten zum Vorschein, zwischen denen eine senkrechte Porphyrleiste verlief; sie stammte aus der Zeit Konstantins des Großen. Der Porphyr allein sprach schon für die Bedeutung des Ortes, denn er durfte nur für Gräber hochstehender Persönlichkeiten benutzt werden. Sie grenzte an eine Mauer aus dem 2. Jahrhundert, die man wegen der Farbe ihres Putzes „Rote Mauer“ nannte. Dass der Kaiser diese Mauer so kostbar verkleiden ließ, deutet auf ihre Verehrung im frühen 4. Jahrhundert hin. Gehörte sie zum Petrusgrab?
    Sofort musste Kaas an das früheste Zeugnis der Ver- ehrung des Apostelgrabes am Hang des vatikanischen Hügels denken, das uns überliefert ist. In seinem Brief an einen kleinasiatischen Christen erklärte der Priester Gaius, der zur Zeit des Papstes Zephyrinus (199-217) lebte: „Ich kann dir die Grabmäler der Apostel zeigen. Denn wenn du zum Vatikan gehen willst oder auf die Straße nach Ostia, so wirst du dort die Grabmäler derer finden, die die römische Kirche begründet haben.“ Im griechischen Originaltext benutzt Gaius den Begriff Tropaion, der auch „Siegeszeichen“ bedeutet: ein Denk- mal für den ersten Papst, der die „Siegeskrone“ des Martyriums erlangte.
    Die „Rote Mauer“ hatte eine Nische, die sich nach Osten hin öffnete. Über ihr befand sich eine glatt verputzte kleine Öffnung, die ein Fenster gewesen sein könnte. Unterhalb der Nische erstreckte sich eine Platte aus Travertin, die rückwärts in die Rote Mauer stieß. Vor ihr befindet sich heute die „Pallien-Nische“ direkt unter dem Papstaltar. Hier werden in einem Schrein die Pallien verwahrt, die einmal im Jahr, zu Peter & Paul, vom Papst den neu ernannten Metropolitanerzbischöfen überreicht werden, als Symbol ihrer besonderen Bindung an Rom und den Nachfolger Petri.
  Zu beiden Seiten säumten Mäuerchen die Kultnische, die vor zwei zierlichen Marmorsäulen endeten, die einst die Travertinplatte trugen. Zusammen bildeten sie eine Aedicula, wie man sie aus anderen römischen Gräbern kannte. Bei diesem Arrangement konnte es sich nur um das Tropaion des Gaius handeln, das Grabmonument Petri.
    Mit gespannten Erwartungen nahmen sich die Aus-gräber daraufhin die Nordseite des Grabbaues vor. Kaum hatten sie die konstantinische Verkleidung entfernt, stießen sie auch hier auf eine Mauer, die 90 Zentimeter lang und 45 Zentimeter breit war. Sie war mit feinem Stuck in hellblauen, roten und gelben Streifen bedeckt, was darauf schließen ließ, dass sie keine Außenmauer war, sondern zu einem Innenraum gehörte, vielleicht zu einem kleinen Gebetsraum. In ihren Putz waren Hun-derte Inschriften gekritzelt, die Graffiti frühchristlicher Pil- ger. Meist waren es Namen, die sich rücksichtslos über-einander lagerten und einander unlesbar machten, manchmal ergänzt durch den Zusatz vivas in Christo (Du lebst in Christus), weil es sich um Verstorbene handelte. Dazwischen immer wieder das Christogramm, das IS oder IHS für Iäsous und ein ganzes Sammelsurium frühchristlicher Codes, die erst ein Jahrzehnt später von der römischen Epigrafikerin Dr. Margherita Guarducci de-chiffriert werden konnten: A für Anfang alpha, E für Eden, F für Sohn filius, L für Licht lux, N für Sieg griech.: nika, P für Frieden pax, R für Auferstehung resurrectio, S für Heil salus, T für das Kreuz und V für Leben vita, aber auch das M und MA Mariens als Beleg für eine frühe Verehrung der Gottesmutter. Der Name des Apostelfürsten war durch die Buchstaben PE abgekürzt, die in Form eines Schlüs-sels ein Petrogramm bildeten, wie Guarducci es nannte. All das ließ keinen Zweifel daran, welch große Verehrung die Christen der Frühzeit diesem Ort entgegenbrachten, an dem sie für ihre Toten beteten und neben Jesus und Maria auch den heiligen Petrus anriefen.
    Am unteren Ende der Graffitimauer (kurz „Mauer g“ genannt) erwartete die Ausgräber die nächste Überraschung. Bei den Grabungsarbeiten hatte sich ein Teil des Putzes gelöst, der den Blick in eine schlitzförmige Öffnung erlaubte. Als Kaas mit seiner Taschenlampe hineinleuchtete, erkannte er, dass sich hinter ihr ein Hohlraum verbarg, der ringsherum mit Marmorplatten ausgelegt war. Doch bevor man ihn öffnete und damit einen Teil des mit Graffiti bedeckten Putzes zerstörte, wollte man abwarten, bis ein Epigraphik-Experte die Inschriften begutachtet hatte. Erst danach hämmerten die Sanpietrini Stück für Stück den antiken Putz weg und legten den Marmorschrein frei.
    Doch seinem Inhalt schenkte zu diesem Zeitpunkt noch niemand Beachtung, vermutete man doch das Petrusgrab direkt unter der Travertinplatte, zu Füßen der aedicula. Dort fanden die Ausgräber zwei Reihen schwellenartiger Ziegelgemäuer, deren Giebeldach einst bis in die Rote Mauer hineinreichte. So sahen im 1. Jahrhundert die Gräber der Armen aus. Votivgaben deuteten darauf hin, dass hier Pilger das Petrusgrab verehrten. Sternförmig umgeben war es von elf alten Gräbern, die man über- und untereinander rund um das „verehrte Grab“ angelegt hatte, zu dem man freilich respektvoll Abstand hielt. In einem dieser Gräber fanden sich inmitten der braun- gelben Überreste eines Toten Goldfäden, die auf ein hohes Amt hindeuteten. War hier einer der Päpste des 2. Jahrhundert bestattet? Ein anderes, ärmliches Grab war mit Ziegeln bedeckt, die den Stempel eines Stat. Marcius Demetrius trugen – eine Ziegelei,  die zur Zeit des Kaisers Vespasian (69-79) bestand. Unwillkürlich musste Kaas an den heiligen Linus (64/67-76) denken, den ersten Nachfolger Petri, der, wie es im Liber Pontificalis heißt, „neben dem Grab des heiligen Petrus bestattet“ worden war? Das Mauerwerk dagegen trug den Stempel einer Ziegelei, die dem späteren Kaiser Marc Aurel und seiner Gattin Faustina gehörte; es muss zwischen 147 bis 161 n.Chr. entstanden sein, als Pius I. (140-155) und Anicetus (155-166) Päpste waren. Von Letzterem heißt es im Liber Pontificalis, er habe „das Grabmal des heiligen Petrus erbaut und damit eine Bestattungsstelle für die Bischöfe vereinigt“. Doch so sensationell die Entdeckung auch war, sie hatte einen bitteren Beigeschmack: Das „verehrte Grab“ selbst war leer. Jemand muss die Gebeine des Apostelfürsten aus ihm entfernt haben.
Wo waren die Gebeine des Apostelfürsten     
  Umso glücklicher waren die Ausgräber, als sie unter der Graffiti-Mauer auf menschliche Gebeine stießen. Sofort wurde der Papst alarmiert, der auf einem mit weißer Seide bezogenen Stuhl verfolgte, wie ein Knochen nach dem anderen aus der Erde gegraben und in eine Metallkiste gelegt wurde. Dass der Schädel fehlte, wertete man als positives Zeichen gewertet; mindestens seit dem 11. Jahrhundert werden die Schädel der Apostel Petrus und Paulus in zwei lebensgroßen Büstenreliquiaren verehrt, die über dem Papstaltar der Lateranbasilika aufgestellt sind. Pius XII. war beeindruckt und gab in seiner Weihnachtsansprache im Vorfeld des „Heiligen Jahres“ 1950 der Welt die Entdeckung bekannt. Doch er war klug genug, sich nicht festzulegen. „Das Grab des Apostelfürsten ist wiedergefunden worden“, stellte er fest, doch von den Gebeinen ließe sich „nicht mit Sicherheit nachweisen, dass sie zu den sterblichen Überresten des Apostels gehören.“ Erst 1957 konnte der renommierte Anthropologe Prof. Venerandi Correnti von der Universität Palermo nachweisen, dass sie unmöglich von Petrus stammten. Es waren die Gebeine von drei verschiedenen Personen, zweier Männer in mittlerem Alter und einer älteren Frau.
   Stattdessen aber gab es eine andere Spur. In den Kisten, in denen die Sanpietrini den Inhalt der Marmornische in der Graffiti-Mauer gelagert hatten, fand einer der Ausgräber ein Fragment der Roten Mauer, das eine Inschrift trug: PETR(os) ENI, wörtlich: „Hier ist Petrus drin“. Niemand weiß,  wie es dorthin gelangt war, doch es war wie ein Omen. Trotzdem bedurfte es erst einer Frau, um das Zeichen zu lesen. Als die Epigrafikerin Dr. Margherita Guarducci die Inschriften der Graffitimauer studierte, fiel ihr auch dieses Fragment in die Hände. Doch statt es achselzuckend wieder fortzulegen, wie ihre männlichen Kollegen es getan hatten, versuchte sie, seine Botschaft zu verstehen. Schließlich fragte sie die Sanpietrini, was sich in besagtem Marmorfach befand. Man habe dort Knochen gefunden, erwiderte einer der Arbeiter. Prälat Kaas habe ihn daraufhin angewiesen, die Gebeine zu bergen und das Fach auszuleeren. So sei alles in eine Holzkiste gepackt worden, der niemand weitere Beachtung schenkte. Als Guarducci sie sehen wollte, wurde sie in einen kleinen,  fensterlosen Raum geführt, vollgepackt mit Kisten und Körben. Die Kiste, die der Sanpietrino her- auszog, war nicht größer als eine Schuhschachtel. Sie war mit drei Worten beschriftet, ossa, urna, graf, was für „Gebeine aus der Urne in der Graffitimauer“ stand. Zum Vorschein kamen Knochen, Marmorsplitter, kleinere Bröckchen roten Putzes und winzige Stoffreste mit Goldfäden.
Paul VI. bestätigt Petrusreliquien
  Als die Gebeine auf Initiative von Frau Guarducci ebenfalls Prof. Correnti vorgelegt wurden, war die Sensation komplett. Die 135 Knochenfragmente, die in der Nische der Graffitimauer gefunden worden waren, stammten von einem einzigen Menschen, der einst in der Erde bestattet worden war; sie waren teils noch mit Erdreich verkrustet. Eine petrographische Analyse ergab, dass es sich dabei um die gleiche Erde wie im leeren Petrusgrab handelte. Einzige Fremdkörper waren vereinzelte Tierknochen, die noch aus der Zeit stammten, als das Gelände landwirtschaftlich genutzt worden war. Der Tote wurde also vor der Entstehung der Nekropole im späten 1. Jahrhundert hier bestattet.
   Einige Knochen wiesen rötliche Farbflecken auf und waren offenbar einst in ein rotes Tuch gehüllt. Das passte zu den Stofffragmenten und Goldfäden, die man ebenfalls aus dem Marmorfach barg. Eine chemische Analyse ergab, dass die Fäden aus echtem Gold bestanden, das Rot des Stoffes von der echten Purpurschnecke. Purpurne, goldgefärbte Gewänder standen allein den Senatoren und dem Kaiser zu. Der Tote, einst bescheiden bestattet, muss später also von einem Kaiser verehrt worden sein, ganz wie Petrus durch Konstantin den Großen.
    Tatsächlich spricht auch der anthropologische Befund für die Identifikation des Toten mit dem Apostel. Wie Prof. Correntis in seinem Bericht feststelle war er „von deutlich robustem Körperbau“, leicht überdurchschnittliche 1,66 groß und im Alter von 60 bis 70 Jahren verstorben. Auffallend war, dass man von allen Skelettteilen Fragmente fand, mit Ausnahme der Füße. Das passt zu der Tradition, nach der Petrus kopfüber gekreuzigt wurde. Dazu müssten die Henker seine Füße mit kräftigen Nägeln an den Kreuzesstamm geschlagen haben. Bei der Abnahme des Leichnams war man wohl nicht zimperlich, musste ein kräftiger Schwerthieb reichen, um ihn vom Holz zu lösen.
   Als Papst Paul VI. über die Ergebnisse der Untersuchung informiert wurde, beauftragte er Dr. Guarducci mit ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichung. So erschien ihr Buch Le Reliquie di Pietro sotto la Confessione delle Basilica Vaticana 1965 im Verlag der Libreria Editrice Vaticana, vesehen mit dem Siegel der Fabbrica di S. Pietro. Ihre Schlussfolgerung: Das einfache Ziegelgrab unter der Roten Mauer war tatsächlich das ursprüngliche Grab Petri, das rund 90 Jahre nach seinem Martyrium von den römischen Christen in eine würdige Gedenkstätte integriert wurde. Die im 3. Jahrhundert zusätzlich errichtete Graffiti-Mauer zeigt, dass es zu diesem Zeitpunkt längst zum Pilgerziel geworden war.
    Nach wie vor ungeklärt ist der Grund für die Überführung der Gebeine in die Marmornische. Hatte man sie während einer Christenverfolgung sichergestellt, um die Schändung des Apostelgrabes zu verhindern? Oder waren es praktische Gründe, die jährliche Überflutung des Geländes etwa, die zu ihrer Verlegung führten? Tatsache jedenfalls ist, dass noch den Architekten Konstantins ihre Position bekannt gewesen sein muss. Ihr marmorverkleidetes Grabmonument ist jedenfalls nicht auf die einstige aedicula-Nische zentriert, sondern umfasst beides: das ursprüngliche Apostelgrab und die Graffiti-Mauer mit der Gebein-Nische.
   Doch so eindeutig der Befund, so heftig war der Gegenwind, auf den Guarduccis Publikation bald stieß. Zu peinlich erschien die Tatsache, dass die echten Apostelreliquien zehn Jahre lang unbeachtet in einem Lagerraum ruhten, zu unerhört, dass ausgerechnet eine Frau ihnen auf die Spur gekommen war. Selbst als die Professorin eine eidesstattliche Erklärung des verantwortlichen Sanpietrino vorlegte, glaubte man ihr nicht. Nur der Papst unterstützte sie und ermutigte sie, ihre Arbeit fortzusetzen. So antwortete sie 1967 in einem weiteren Werk, Una messa a punto („Eine Richtigstellung“) auf ihre Kritiker – und überzeugte auch Paul VI. Auf seiner wöchentlichen Generalaudienz vor dem Fest St. Peter und Paul, am 26. Juni 1968, teilte er der Welt mit: „Auch die Reliquien des heiligen Petrus sind identifiziert worden, und zwar in einer Weise, die wir für überzeugend halten.“
    Gleich am nächsten Tag brachte man die Petrus-Gebeine, die bislang in den Räumen der Fabbrica gelagert wurden, auf Anweisung des Papstes in den Petersdom. In 19 durchsichtigen Plexiglaskästchen verpackt, wurden sie jetzt mit dem Siegel Pauls VI. versehen, um schließlich in einer kleinen Prozession, begleitet von Gebeten, zurück zur „Mauer g“ getragen zu werden. Vorsichtig legte man sie zurück in das gleiche Marmorfach, in dem sie fast 1700 Jahre lang geruht hatten. Nur neun Knochenstücke fehlten. Sie hatte der Papst in ein silbernes Reliquiar einfügen lassen, das fortan in der Privatkapelle der Päpste stehen sollte. Erst seit der Restaurierung der vatikanischen Nekropole im Jahre 2003 werden auf Führungen, die jeder Rombesucher im Ufficio Scavi buchen kann, auch die Petrusreliquien wieder gezeigt. Doch es dauerte bis zum 24. November 2013, dass sie erstmals der gesamten Christenheit präsentiert wurden. Und auch das hat seine Geschichte.
   Pünktlich zur Wiedereröffnung der „Scavi“ im Frühjahr 2003 veröffentlichte ich mein Buch „Der erste Papst“. Es enthielt erstmals die ganze Geschichte der Entdeckung des Petrusgrabes basierend auf den Erinnerungen einer Augenzeugin, der späteren Kirchengeschichtlerin Eva-Maria Jung Inglessis (1920-2007). Kurz nach seiner Wahl, am Palmsonntag 2013, ließ ich Papst Franziskus über seinen Zeremoniar Msgr. Guido Marini ein Exemplar zukommen. Vielleicht gab es den letzten Anstoß dazu, dass er sich nur acht Tage später, am Ostermontag, von Kardinal Comastri, Bischof Lanzani von der Fabbrica und dem Vatikanarchäologen Dr. Pietro Zander durch die Nekropole führen ließ. Als er das Petrusgrab erreichte, kniete er nieder zum stillen Gebet. Am 9. November 2013 schließlich wies er an, die Petrusreliquien am Christkönigs-Sonntag zum feierlichen Abschluss des Glaubensjahres zur öffentlichen Verehrung auszustellen. Durch keine Geste hätte er die Authentizität der römischen Tradition besser belegen können. Denn Petrus ist auch heute noch der Fels, auf dem der Herr Seine Kirche baute! Mt 16,18

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Unschätzbar und von erlösender Kraft: Reliquien in kostbaren Gefäßen aus Edelsteinen, Silber und Gold

  Eines der kostbarsten Stücke der Reliquiensammlung Albrechts von Brandenburg ist nach einem halben Jahrtausend jetzt wieder in der Moritzburg zu sehen: Es ist der 1513 von dem Hallenser Goldschmied Hans Huluff gefertigte massiv goldene, mit mehr als 100 Perlen und Edelsteinen besetzte Kelch, in dem ein Partikel des Kreu- zes Christi enthalten ist Foto oben links. Der Kelch wurde von Kardinal Albrecht von Brandenburg in ein Reliquiar umgearbeitet.
   Das Prunkstück hat ein abenteuerliches Schicksal: In den 30er-Jahren des 16. Jahrhunderts nach Magdeburg gelangt, wurde es im Dreißigjährigen Krieg von schwedischen Soldaten geraubt. Jetzt kam es als Leihgabe aus dem Domschatz von Uppsala dorthin zurück, wo es einst als eines der Hauptwerke des „Halleschen Heiltums” bestaunt und verehrt wurde.
  Im Mittelalter waren Reliquien keine Erinnerungsstücke zweifelhafter Herkunft, sondern Schätze, die man begehrte, weil sie erlösende Wirkung ausübten. Das „Hallesche Heiltum” war jedoch nicht nur in religiöser, sondern auch künstlerischer Hinsicht von unermesslichem Wert.  Die Reliquienpartikel wurden in kostbarsten Reliquiaren aus Gold, Silber und anderen edlen Materialien aufbewahrt, wie dem Reliquienkästchen aus dem 15. Jahrhundert  Foto oben rechts. Die kunstvoll gearbeiteten Behältnisse wurden diesen im Kultursturm der Reformation allerdings zum Verhängnis: Die meisten Reliquiare wurden eingeschmolzen, nur wenige Stücke blieben in Museen und Kirchenschätzen erhalten.
   Im Bode-Museum Berlin finden sich im Saal mit der Nummer 209 um 1500 entstandene Werke vom Niederrhein und aus den Niederlanden: Im Zentrum des Ensembles steht eine aus Eichenholz geschnitzte und farbig gefasste Reliquienbüste eines heiligen Bischofs, die um 1515/20 in Brüssel gefertigt wurde. Als „sprechendes” Reliquiar, das noch heute Reste der Knochen des Heiligen birgt, gibt es durch seine figürliche Gestalt zu erkennen, von welchem Körperteil die in ihm verschlossenen Körperteile stammen Foto oben Mitte. MatthiasGretzschelHA060926FAZ061014.

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    Bemerkenswert war die Präsenz von Johannes Maria Vianney während des Kölner Weltjugendtags 2005 Fotos oben: Im Zentrum für Geistliche Berufe wurde in einem Reliquiar das Herz des Pfarrers von Ars zur Verehrung ausgestellt. Es war ein eindrucksvolles Zeugnis für die Seminaristen aus aller Welt, die in dieses Zentrum pilgerten. Über allem stand für die angehenden Priester das Wort des Pfarrers von Ars: „Der Priester ist nicht Priester für sich selbst, sondern für euch." Lesen Sie mehr: > Priester

Ansgar_401x_tif      St.Ansgar und Copie in Hamburg

Sankt Ansgar rettete Reliquien vor den Nordmännern und brachte die ersten Reliquien nach Hamburg. Reliquien von ihm selbst, ein Arm- und ein Oberschenkel, wurden 1982 im Hildesheimer Diözesan- Museum wiederentdeckt.

   Die wilden Nordmänner, die im Jahr 845 über den Palisadenwall der Hammaburg in die Domkirche stürmen, kennen keine Achtung vor dem Allerheiligsten.
   Sie stürzen den Altar um, reißen Truhen auf, raffen Pokale, Leuchter, Messgewänder zusammen, zertrampeln Heiligenbilder, werfen Bibeln ins Feuer - nichts soll übrigbleiben vom Christentum. Das Heiligste können sie nicht rauben: die Reliquien. Hamburgs erster Erzbischof Ansgar (um 801-865) rettet die Gebeine über die „Kathedralentreppe”, den heutigen Kattrepel, zum Ufer der Bille und in einem Boot über die Elbe nach Ramelsloh. Die Reliquien zählen zu den ältesten, ehrwürdigsten Schätzen des christlichen Frankenreichs. Es sind die Häupter des heiligen Sixtus, um 250 erster Erzbischof von Reims, der Krönungsstadt der französischen Könige, und seines Nachfolgers Sinitius. Ansgar hatte sie von Erzbischof Ebo bekommen.
   Ebo von Reims, von Karl dem Großen freigelassener Sohn eines sächsischen Bauern, hat als erster schon im Jahr 823 den Dänen in Jütland das Evangelium verkündet, musste aber vor dem Zorn der Asenpriester flüchten. Jetzt sollen diese Reliquien seinen Nachfolger als Missionar im Norden, Ansgar, schützen.
   Im Mittelalter sind Reliquien ein Macht- und Wirtschaftsfaktor. Die Gebeine der drei Könige etwa, von denen beim Weltjugendtag in Köln soviel die Rede war, machen Köln im 13. Jahrhundert zum wichtigsten Wallfahrtsort Europas. Auch Hamburgs Dom wird bald reich mit solchen Heiligtümern ausgestattet. Stifter sind weltliche und kirchliche Fürsten: Kreuzfahrer wie Graf Adolf IV. von Schauenburg, dem die Stadt den Hafen dankt. Er zieht 1189 mit Barbarossa und 1196 für Kaiser Heinrich VI. ins Heilige Land.
   Wie reich solche Stiftungen sein können, zeigt eine Urkunde aus dem Hamburger Dom: Um das Jahr 1230 schenkt der sächsische Graf Bederich von Beldiz (heute Brandenburg) der Kathedrale einen Splitter vom Kreuz Christi, Reliquien der Apostel Petrus, Paulus, Jakobus des Jüngeren, Matthäus und Matthias. Dazu kommen Knochenteile der Märtyrer Stephanus, Johannes, Paulus, Damianus, Hippolytus, Vicencius, Blasius, Dionysius,  Florencius von Italia, Sebastian und Habundus sowie weiterer Heiliger wie etwa der Päpste Calixtus und Leo, Agathe, Lucia, Cäcilia, Margarethe und Maria Magdalena. „Ein Schatz, reich genug, um alle die vielen Altäre, die nach und nach gestiftet wurden, mit ihren unentbehrlichen Reliquien zu versehen”, schreibt der Historiker Ferdinand Stöter in „Die ehemalige St. Marienkirche oder der Dom zu Hamburg”. Vielfalt und Fülle des Reliquienschatzes entsprechen der Frömmigkeit des Mittelalters.
   Die Reformation macht 1528 in Hamburg wie in großen Teilen Deutschlands Schluss mit der Verehrung solcher Heiligtümer. Die Gebeine werden beerdigt, andere Gegenstände entweder von den Katholiken mitgenommen oder von den Protestanten weggeworfen. Der von Ansgar gerettete Kopf des heiligen Sixtus wird noch 1569 in Ramelsloh erwähnt, danach aber dort wohl auf dem Friedhof bestattet. Auf einem größtenteils schon 1488 entstandenen Fenstergemälde im Chor der heute evangelisch-lutherischen Kirche in Sichtweite der Autobahn nach Hannover nehmen die Heiligen Sixtus und Sinitius ihren Retter Ansgar in die Mitte. Seit Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in der rasch wachsenden Großstadt immer mehr neue Kirchen auch für katholische Zuzügler. In ihren Altären sammelt Hamburg auch heute wieder einen kleinen Reliquienschatz, der freilich nur von ideellem Wert ist. HA050823JosefNyary
  
Das Herz des heiligen Pfarrers von Ars in Rom. Anlässlich der Hundertjahrfeier der Seligsprechung von Jean-Maria Vianney wurde die Reliquie seines unverwesten Herzens nach Rom in die ihm geweihte Pfarrei gebracht, wo es einige Tage blieb. Anschließend wurde es in die Privatkapelle des Papstes übertragen. TrentaGiorni0506/7

P-Reliq-1x         Prof. em. Arnold Angenendt

Sieben Fragen an Arnold Angenendt, emeritierter Professor für Kirchengeschichte
an der Universität Münster,  Experte in Sachen Reliquien-Kult.  HAZ030419Der7.Tag

Die Vorliebe des Mittelalters für Reliquien mutet oft skurril an. Was hat die Menschen zu diesem Kult um Knochen gebracht?
   Zunächst einmal ist das nichts originär Christliches. Die Bestattung von Toten beginnt geschichtlich dort, wo der Mensch sich seiner Sonderstellung bewusst wird. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Seele mit dem Tod zwar den Körper verlässt, aber dennoch mit ihm verbunden bleibt. Diese Vorstellung gibt es in fast allen Kulturen und zu allen Zeiten. Sie kann, wie in Ägypten, zum Einbalsamieren einer Mumie führen - oder zu einem Kult um Reliquien wie im Mittelalter.
Doch wäre ein religiöser Kult um Leichenteile heute überhaupt noch denkbar?
  Angenendt: Stellen Sie sich vor, Hitlers Gebeine würden in irgendeinem russischen Archivkeller auftauchen und nach Deutschland überführt. Es gäbe Wallfahrten Unbelehrbarer von mittelalterlichen Ausmaßen. Und um Verstorbenen nahe zu sein, tragen wir ihre Fotos bei uns oder gehen an ihre Gräber - obwohl wir als wissenschaftlich aufgeklärte Menschen wissen, dass dort nur ein Körper verwest.
Kann man solche symbolischen Handlungen mit der Verehrung eines Gegenstandes vergleichen?
   Angenendt: Wenn jemand demonstrativ das Foto seiner Eltern zerreißt, ist das nicht nur ein symbolischer Akt - darin steckt ein Stück drastischer Realität.  Man distanziert sich damit von ihnen. Der Schritt vom Küssen eines Bildes, das einen geliebten Menschen zeigt, zum Küssen eines Gegenstandes, der einem bewunderten Menschen gehörte, ist nicht besonders groß.
Gibt es moderne Varianten des Reliquienkultes?
   Angenendt: Die Sowjets verbrannten nach der Revolution 1918 orthodoxe Reliquien - um später den einbalsamierten Lenin auszustellen. Fußballfans verehren die Trikots ihrer Lieblingsspieler geradezu kultisch, Autogramme von Popstars oder handsignierte Erstausgaben von Büchern werden hoch gehandelt. Das sind säkularisierte Formen des Reliquienkults.
Warum sind solche Gegenstände wichtig?
   Angenendt: Ein Reiseandenken, das Hochzeitskleid, Omas Sessel und der Familienschmuck: In solchen Dingen inkarniert sich die Erinnerung an einen Menschen, sie sind mit Bedeutung aufgeladen. Und im Falle eines Vorbildes oder Heiligen wird diese Person in ihnen anfassbar. Psychologen bestätigen heute, dass intensive Blicke eine Ehe stabiler machen - das Berühren mit den Augen. Da kann für Christen ein täglicher Blick etwa auf ein Bild von Jesus durchaus gut tun.
Könnte dann auch der Wert mittelalterlicher Reliquien mehr als museal sein?
   Angenendt: Die heute Besuchern zugängliche Wannseevilla, in der die Nazis die Vernichtung der Juden beschlossen, ist mehr als ein klassisches Museum - in dieser Gedenkstätte liegt eine moralische Aufforderung. Und so kann es auch ein bewegender Moment sein, vor der Kutte des heiligen Franz von Assisi zu stehen. Dazu muss man ihr keine magischen Kräfte zuschreiben.
In der Geschichtswissenschaft boomt die Beschäftigung mit Reliquien. Kehrt das Mittelalter zurück?
   Angenendt: Viele Ausstellungen und Bücher helfen in jüngster Zeit zu verstehen, wie die Menschen damals gedacht haben - ohne die mittelalterlichen Verhältnisse zu reaktivieren. Wo es noch Reliquien gibt, soll man dieses Erbe bewahren. Die Grundlage des Christentums jedoch waren von Anfang an keine Gegenstände, sondern Wörter: die biblischen Texte.

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Bild links oben: Olivers Prozession.
  In Deutschland gibt es kaum noch Reliquienverehrung. Eine der wenigen Ausnahmen: das niedersächsische Lamspringe. Dort tragen Gläubige seit einigen Jahren an jedem 10. Juli in einer Prozession den Schrein mit den Gebeinen von Oliver Plunkett um die Klosterkirche. Der irische Erzbischof setzte sich für Frieden zwischen Katholiken und Protestanten ein. 1681 wurde er in London wegen Hochverrats hingerichtet,  weil  er sich weigerte, Heinrich VIII. als Oberhaupt der Kirche anzuerkennen. Ein Freund brachte seinen Leichnam später nach Lamspringe, 1975 sprach Papst Paul VI. Oliver heilig.
Bild rechts oben: Sein Mantel streifte die Weltgeschichte. Um 334 teilte der römische Soldat Martin im französischen Amiens seinen Umhang mit einem Bettler. Martin, der später den Kriegsdienst verweigerte, soll die gute Tat drei Tage Arrest eingebracht haben - wegen Zerstörung von Armeeeigentum. Das Kleidungsstück wurde zur fränkischen Reichsreliquie und sogar bei Kreuzzügen mitgenommen. Vom lateinischen “cappa” (Mantel) leiten sich die Wörter “Kaplan” und “Kapelle” ab, da so genannte “capellani” die Reliquie in Gebetsräumen (“capellae”) aufbewahrten. Martins Reliquien wurden im 16. Jahrhundert von Hugenotten zerstört.

tn_P_Reliq_4_psd   Reliquien: Der heilige Rock in Trier

Der “Heilige Rock” von Trier. Auch heute ein Ziel von Pilgerfahrten.
   Wenig Ideen, viel Ratlosigkeit: Heute tut sich die Kirche mit Reliquien schwer. Für viele sind sie nur noch “ein Zeichen für Christus”. Wolfgang Meyer spricht die Sprache eine Managers: “Das ganze ist eine Mischung aus Ziel- gruppenevent und Pilgerfahrt”, sagt er, wenn er von den “Heilig-Rock-Tagen” spricht. Meyer organisierte das zehntägige Kirchenfest mit Konzerten, Gesprächsrunden und Gottesdiensten für das Bistum Trier. Der 2. Mai ist im Bistumskalender von Trier seit Jahrhunderten das “Hochfest des Heiligen Rocks”.
   Dieses Gewand liegt mindestens seit 1196 im Dom. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es so oft ausgebessert, dass es eigentlich ein großer Flicken aus Woll- und Stoffresten ist, an dem Generationen mitgewoben haben. Die Zeit hat alle Schichten miteinander verklebt. Nach der Überlieferung hat es Jesus selbst getragen. “Früher gab es heftige Auseinandersetzungen darüber, ob der Rock echt ist”, sagt Meyer. “Heute haben wir da eine andere Betriebsphilosophie.” Ob echt oder nicht, das sei heute nicht mehr so wichtig: “Es ist ein Zeichen für Christus - und unsere Zeit ist für Zeichen sehr empfänglich.”
   Als das Bistum den Rock 1996 erstmals seit Jahrzehnten wieder öffentlich zeigte, strömten 700.000 Besucher in den Dom. Mit ökumenischen Aktionen rund um die Wallfahrt beteiligten sich damals auch evangelische Christen an dem Event. “Mit mittelalterlicher Frömmigkeit hat das alles wenig zu tun”, sagt Meyer. “In den meisten Gemeinden Deutschlands  spielt Reliquienverehrung heute keine Rolle mehr”, meint auch der Kirchengeschichtler Arnold Angenendt. Nach Reformation, Aufklärung und Reformen der Kirche weiß kaum jemand, wie man mit dem historischen Erbe umgehen soll: “Die allgemeine Ratlosigkeit schlägt bisweilen in Peinlichkeit um. In manchen Kirchen verhängt man verzierte Gebeine mit Vorhängen, um Touristen nicht zu erschrecken.”
   Anders südlich der Alpen: Im italienischen Amaseno pilgern Gläubige bis heute zum Blut des St. Lorenzo, das in einem geschlossenen Gefäß aufbewahrt wird. Auf wundersame Weise wird der kristallisierte Schorf nur einmal im Jahr flüssig - immer am 10. August, dem Tag, an dem Kaiser Valerian den Märtyrer zu Tode foltern ließ.
    “Für Gläubige bei uns sind eher die kunstvollen Reliquiare von geschichtlichem Interesses als die Reliquien selbst”, sagt Franz-Wilhelm Thiele, Liturgiewisschenschaftler in Hildesheim. Eine Weisung des Vatikans legt zwar bis heute fest, dass bei der Weihe einer neuen Kirche authentische Teile von Heiligenkörpern sichtbar im Unterbau des Altars angebracht werden sollen. Doch bei der Kirchweihe 1999 in Bad Nenndorf verzichtete man darauf. “Von der Patronin Maria gab es keine seriösen Reliquien”, sagt Thiele. “Wir wollten uns aufgeklärt verhalten, statt wie im Mittelalter ebenso fromme wie fragwürdige Reste zu nehmen”.  HAZbe030419 Foto unten: Heiliger Rock, Trier.

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   Mit der Reliquienverehrung machte Martin Luther radikal Schluss. Wo Lutheraner siegten entfernte man Reliquien aus den Kirchen, Bildnisse durften allerdings bleiben. Die Bilderstürmer um Huldrych Zwingli in der Schweiz verfuhren rabiater: In Zürich kratzten sie die Gesichter der Stadtpatrone aus alten Gemälden, kunstvolle Reliquiare schmolzen die Radikalen 1525 ein, Bücher mit Heiligenlegenden verscherbelte man zu Hunderten an Apotheker, die aus den Seiten Salbentütchen falteten.
  Unfreiwillig sorgte Luther allerdings auch für eine Wiederbelebung des Heiligenkultes - in eigener Sache. Wohl- meinende Künstler seiner Zeit stellten ihn mit Heiligenschein dar. Man feierte ihn als Wundermann und schuf Gedenktage für sein Werk, die Reformation. Auch seine Reliquien hält die Nachwelt in Ehren: Die Kanzel, auf der er predigte, war bei der Expo 2000 in Hannover zu sehen. Und eine Ausstellung in Wittenberg zeigt seinen Trink- becher und ein Gewand, das er trug. Vielleicht jedenfalls. beHA030419

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Kardinal Marc Ouellet, Erzbischof von Montreal, berichtet über die Verehrung der Reliquien in der Orthodoxie.
Foto oben links:  Patriarch Bartholomaios I. betet vor dem Grab des Apostels Petrus in Rom;
Foto oben rechts: Kardinal Marc Ouellet

   Als ehemaliger Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen konnte er viele orthodoxe Bischöfe zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus begleiten.
   Als der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., zur feierlichen Übergabe eines Teils der Reliquien der Heiligen Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos nach Rom kam, ließ er über Radio Vatikan wissen: „Das ist eine der schönsten Aufgaben, die ich in meinen 13 Jahren als Patriarch erfüllen durfte.” Ein Satz, der zeigt, welch hohen Stellenwert die Verehrung der Reliquien der Märtyrer und Heiligen in der Orthodoxie einnimmt.
   Marc Ouellet: „Man kann den Eindruck haben, dass der Reliquienkult bei den Orthodoxen intensiver empfunden wird als in der katholischen Kirche von heute.” Der Kardinal begleitete im März 2002 eine Delegation der griechisch-orthodoxen Kirche bei ihrer Besichtigung der Basiliken St. Peter und St. Paul. Es handelte sich um eine Gruppe von Bischöfen unter Leitung von Metropolit Attica Panteleimon, auf einem Gegenbesuch in Rom zu der Reise auf den Spuren des Apostels Paulus, die Johannes Paul II. im Mai 2001 nach Athen geführt hatte.
   Kardinal Ouellet: „Der Delegat der Dombauhütte von St. Peter, Bischof Vittorio Lanzani, begleitete uns in die Vatikanischen Grotten. und erklärte den griechischen Bischöfen, dass sich hier das Grab des Apostels Petrus befände. Metropolit Panteleimon fragte, wo genau denn die Reliquien zu finden wären, und Msgr. Lanzani deutete auf die grüne Marmorplatte. Ich hatte zuerst nicht verstanden, warum Panteleimon diese Frage gestellt hatte. Aber schon wenig später wurde es mir klar. Ich empfinde noch heute Bewunderung und Staunen, wenn ich daran denke, wie die griechischen Bischöfe ihre breitkrempigen schwarzen Hüte abnahmen, niederknieten, mit der Stirn die grüne Marmorplatte berührten, hinter der sich das Grab des Petrus befindet. Und dann beteten sie.”
Was geschah in St. Paul vor den Mauern?
   Kardinal Ouellet: „Als wir vor der weißen Marmorplatte standen, die über dem Grab des Völkerapostels liegt, baten uns die griechischen Bischöfe darum, sie einen Augenblick allein zu lassen. Später erzählte mir einer der Bischöfe dann, dass sich jeder von ihnen auf den Boden gelegt und sein Brustkreuz in den Spalt hatte rutschen lassen, der sich in der Marmorplatte befindet, damit das Kreuz den Ort der Bestattung des Paulus berühre.
   Diese Episoden haben mich nachhaltig beeindruckt. Und daher wundert es mich keineswegs, dass Patriarch Bartholomaios die Übergabe der Reliquien Gregors von Nazianz und Johannes Chrysostomos als den bedeutendsten Moment seines Dienstes als Patriarch von Konstantinopel betrachtet.” GianniCardinale30Giorni0503

Gregor-v.NazIstanbul-xx      Reliquien in Istanbul

Vergangenheit und Gegenwart: Orthodoxe Christen betrachten die Reliquien
der Heiligen Gregor von Nazianz und Johannes Chysostomus in der Aya Yorgi Kirche in Istanbul

Kardinal Lanza di Montezomolo  PaulusCdLanza.diMontezomolo

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