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Rente - sicher?

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Sie lesen auf dieser Seite:
1. Christian Meyer: “Riester-Rente ist nicht reparierbar”
2. Hans-Werner Sinn warnt vor der Lebensleistungsrente
3. Starke Rentensteigerung 2016 - und die Gründe dafür
4. Reformpaket der Flexirente - Högherer Zuverdienst für Teilrente ab 63 Jahren
5. Rente mit 63 nützt Gutverdienern
6. Trend zur Seniorenbeschäftigung
7. Wie die Rente wieder sicher werden soll
8. Blüm: Die Rente ist nicht mehr sicher.  Die Rentenversicherung verliert ihre Sicherungsfunktion
9. Die gesetzliche Rentenversicherung - besser als ihr Ruf
10. Alterung verursacht hohe Kosten

11. Bonus für Ältere soll Geld in die Rentenkasse spülen
12. Rürup: Rentenbericht verschweigt Risiken
13.  15.000 Anträge für Rente mit 63
14. Lohnt sich eine frühe Rente?
15. Jeder siebte Rentner lebt unter der Armutsgrenze
16.   1,2 Millionen Rentner von Armut betroffen
17. Wie die Rente wieder sicher werden soll

18. Stabilität des Rentensystems wird bezweifelt - Die Deutschen wollen länger arbeiten
19. Rentenpolster schmilzt wegen Mehrausgaben
20. Aus der Zuschuss- wurde die Lebensleistungsrente
21. Das bekommen die Deutschen aus der gesetzlichen Rente
22. Monatliches Gesamteinkommen von Ehepaaren und Alleinstehenden ab 65 Jahren
23. Wovon wir im Alter leben
24. Ruheständler können finanzieloe Vorteile geltend machen.
25. Hamburger besonders betroffen. Grundsicherung für 32.000 Menschen
26. Grundsicherung.  15.586 Rentner leben in Hamburg von weniger als 347 Euro im Monat.
27. Wer gut 2.000 Euro verdient, ist ein Kandidat für die Grundsicherung
28. Buchtipp: Steinreich / bettelarm im Alter

po-ChristianMeyerVerbraucherschutzMinisterNS-Z

Riester-Rente unter Beschuss - Experten halten geförderte Altersvorsorge für gescheitert
„Riester-Rente ist nicht reparierbar": Niedersachsens Verbraucherschutzminister Christian Meyer.

   Seit 2002 gibt es die Riester-Rente. Seitdem haben etwa 16 Millionen Menschen einen solchen Vertrag abgeschlossen - doch heute ist der Ruf dieser staatlich geförderten Altersvorsorge ziemlich angeknackst. Sie gilt als zu kompliziert, zu teuer und zu wenig rentabel. Völlig zu Recht, meinten die Experten, die die Verbraucherzentrale Niedersachsen (VZN) jetzt zu einer Podiumsdiskussion versammelt hatte. Sie waren sich einig, dass die nach dem damaligen Sozialminister Walter Riester benannte private Altersrente gescheitert sei.
 
Beispielrechnungen der VZN führen zu teils erschreckenden Ergebnissen: So muss ein junger lediger Arbeitnehmer, der heute einen solchen Vertrag abschließt, fast hundert Jahre alt werden, um besser abzuschneiden als bei der Anlage auf einem Festgeldkonto. Und für dieses spreche dann auch, dass man flexibel darüber verfügen kann. Bei einer betrieblichen Direktversicherung sind es wegen hoher Abgaben sogar deutlich mehr als 100 Jahre.
   VZN-Finanzexperte Andreas Gernt bescheinigte dieser Vorsorgeform wenigstens einige gute Ansätze. Heute gelinge es den Verbraucherschützern aber kaum noch, empfehlenswerte Riester-Angebote am Markt zu finden. Eine Ausnahme gebe es lediglich für Familien mit Kindern.
   Dies sieht auch Markus Hofmann so, Abteilungsleiter für Sozialpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Die gesamte Rentenpolitik bedürfe zwar „einer umfassenden Revision" - dabei sollten aber die familienbezogenen Elemente der Riester-Rente mit ihren Kinderzulagen erhalten bleiben. Der Gewerkschafter will vor allem die gesetzliche Rentenversicherung stärken. Eine „ Erwerbstätigenversicherung" würde künftig auch die Beamten in das beitragsfinanzierte System einbeziehen.
   Die Forderung nach einer tief greifenden Reform der Alterssicherung kam auch von Ralf Kreikebohm, Geschäftsführer der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover. Das Standardrentenniveau werde in den nächsten Jahrzehnten auf 44 Prozent des Nettoeinkommens absinken. Vor allem viele kleine Selbstständige hätten gar keine Altersvorsorge. „Wir brauchen eine Alterssicherungsagenda 2030", sagte Kreikebohm.
   Niedersachsens Verbraucherschutzminister Christian Meyer hält die Riester-Rente für „nicht reparierbar", sie habe vor allem den Versicherungen und anderen privaten Anbietern genutzt. Allerdings warnen Experten davor, schon vorhandene Verträge einfach zu kündigen. Vielmehr müsse in jedem Einzelfall geprüft werde, was sinnvoll sei, sagte Verbraucherschützer Gernt. Guten Rat bietet auch die Deutsche Rentenversicherung. „Bevor Sie irgendetwas machen, kommen Sie zu uns", empfahl Kreikebohm. HAZ160318AlbrechtScheuermann mehr zum Thema: Riester

po-Hans-WernerSinn-Zzxx

Die Rentenpolitik beschwört eine Staatskrise herauf
Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn Foto warnt vor der geplanten Lebensleistungsrente - und erntet Zuspruch

   Folgt man der Einschätzung der großen Koalition, dann ist das deutsche Rentensystem derzeit solide finanziert - nur sichert es für einige Gruppen von Senioren den Lebensstandard im Alter nicht ausreichend ab. Deshalb soll als nächstes eine sogenannte solidarische Lebensleistungsrente das vor zwei Jahren beschlossene Paket aus Rente ab 63 und Mütterrente ergänzen, welches die Rentenkasse schon mit jährlichen Mehrausgaben von etwa 10 Milliarden Euro belastet hat.
 Hans-Werner Sinn, scheidender Präsident des Münchner Ifo-Instituts, leitet daraus angesichts der Herausforderung des demographischen Wandels eine drastische Voraussage ab: „Der Streit zwischen den Generationen, ja sogar die Staatskrise, ist programmiert." Offenkundig hätten die Koalition und größere Teile der Öffentlichkeit die Tragweite der Verschiebungen im Altersaufbau der Gesellschaft noch immer nicht im Blick. So fasste der Ökonom seine Analyse auf einer Tagung der arbeitgeberfinanzierten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zusammen.
   Sinn stützt sich auf einfache Eckdaten: Der Altenquotient, der die Zahl der Ruheständler ins Verhältnis zur Zahl der Erwerbspersonen setzt, werde 2030 mit 48 Prozent doppelt so hoch sein wie im Jahr 2000. Und dies führe mit mathematischer Zwangsläufigkeit dazu, dass sich die Renten halbieren oder die Beiträge verdoppeln müssten - es sei denn, das Renteneintrittsalter würde kräftig erhöht. Berechnungen der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigten, dass die Altersgrenze auf 77 Jahre steigen müsste, um Renten und Beiträge stabil zu halten.
   Eine solche Lösung fordere er nicht, betonte Sinn - umso bedenklicher sei aber, was die Koalition mit der Lebensleistungsrente plane: „Es wird so getan, als gebe es noch etwas zu verschenken." Zudem untergrabe dieses Vorhaben das Prinzip der Beitragsäquivalenz und fördere dadurch sogar die Schwarzarbeit.
   Die geplante Regelung zielt auf Versicherte, die mindestens 30 Jahre lang beschäftigt waren und wegen niedriger Löhne trotzdem nur eine kleine Rente erreichen: Ihre Ansprüche an die Rentenkasse sollen damit über den Wert ihrer Beitragszahlungen hinaus aufgestockt werden. Schon der Begriff Lebensleistungsrente sei damit eine Irreführung, betonte Sinn. Und das Äquivalenzprinzip als tragender Pfeiler des Rentensystems sei das Versprechen, dass höhere Beitragszahlungen zu entsprechend höheren Renten führen.
   Dass Schwarzarbeit in Deutschland bisher weniger ausgeprägt sei als anderswo, hat Sinn zufolge damit wesentlich zu tun: Arbeitnehmer hätten deswegen ein großes Eigeninteresse, dass der Arbeitgeber für sie Sozialbeiträge abführe. Genau das stehe nun auf dem Spiel „Die angebliche Lebensleistungsrente höhlt den Zusammenhang zwischen Beiträgen und Rente aus und schiebt die Rentenbeiträge in die Richtung einer bloßen Steuer, der die Betroffenen auszuweichen versuchen."
   Zumindest auf der Tagung am Dienstag stand der Ökonom dieser Analyse nicht allein. In dieser Sache erhielt er sogar Zustimmung der Grünen: Mit ihrem Rentenpaket von 2014 habe die große Koalition schon „genug Schaden für die langfristige Tragfähigkeit der Rentenkasse angerichtet", pflichtete Grünen-Fraktionsvize Kerstin Andreae bei - und erntete lauten Beifall des Publikums für die Feststellung, dass ihre Fraktion das Rentenpaket als einzige im Bundestag abgelehnt habe.
   Auch der Chef der CDU/CSU-Mittelstandsunion, Carsten Linnemann, stemmt sich gegen die geplante Lebensleistungsrente, wie er schon mit einem Positionspapier verdeutlicht hat (F.A.Z. vom 8. März). Diese Haltung durchzusetzen, werde aber sehr schwierig sein, warnte er. Denn mancherorts seien Rentner und Transferbezieher unter den Wählern heute schon in der Mehrheit. Und die jüngsten Landtagswahlkämpfe hätten gezeigt: „Da traut sich keine Partei mehr, solchen Rentenplänen zu widersprechen, nicht einmal die CSU." FZ160316dc

Nur ein Strohfeuer

        Jetzt ist es offiziell: Die Renten werden dieses Jahr kräftig steigen. Vier bis fünf Prozent waren erwartet worden, das Arbeitsministerium verkündete jedoch noch bessere Nachrichten: Plus 4,25 Prozent im Westen und satte 5,95 Prozent im Osten. Darüber können sich 20 Millionen Rentner tüchtig freuen.
   Allerdings nicht besonders lange. Denn die fette Erhöhung ist nur ein Strohfeuer. Sie ist zu einem guten Teil ohnehin nur einem statistischen Sondereffekt bei der Berechnung der Rente zu verdanken - und nicht allein der hohen Beschäftigungsquote.
   Sicher ist, dass das Rentenniveau Schritt für Schritt sinken wird. Der Durchschnittsrentner wird 2030 ein Altersgeld erhalten, das bestenfalls knapp über 40 Prozent des Durchschnittseinkommens hegen wird. Das ist jedoch nur ein statistischer Wert, im Einzelfall müssen viele Menschen damit rechnen, dass sie nach ihrem Berufsleben mit nur noch einem Drittel ihres zuletzt verdienten Gehalts auskommen müssen. Altersarmut wird dann zur konkreten Gefahr - vor allem im Osten, wo man weniger Privatvermögen und Immobilienbesitz hat als im Westen. Und in allen Teilen Deutschlands sollten sich Frauen besonders viele Gedanken um ihre Rente machen.
   Zu den schlechten Nachrichten gehört auch, dass, es um die private Altersvorsorge nicht gut bestellt ist. Die Niedigzinspolitik der Europäischen Zentralbank macht Versicherungen und Tagesgeldkonten oft sogar zum Verlustgeschäft. Wer Geld übrig hat, kann sich eine Immobilie kaufen oder an der Börse spekulieren.
   Die Rente ist vermutlich das wichtigste sozialpolitische Thema der nächsten Jahre. Am Ende wird es nur eine Rettung geben: Das Rentensystem muss von Ballast befreit und mit Steuergeld refinanziert werden. Kräftig steigende Renten wird es aber auch dann kaum noch geben. HAZ160322ZUdoHarms

po-AndreaNahles-ZZ       po-KarlSchiewerling-MDB-CDU-Z

Längeres Arbeiten wird attraktiver - Experten der Koalition einigen sich auf Reformpaket zur Flexi-Rente
Auch höherer Zuverdienst für Teilnehmer ab 63 Jahren.
Fotos: Fachministerin Andrea Nahles, MdB Karl Schiewerling CDU

   Flexibler Übergang in die Rente statt starrer Altersgrenze. Arbeitnehmer haben bald attraktivere Möglichkeiten, auch im Rentenalter noch im Beruf zu bleiben – oder schon mit 63 Jahren in Teilrente zu gehen.
   Die Große Koalition legte nach fast anderthalbjährigen Beratungen ein Reformpaket vor, das Beschäftigten voraussichtlich ab 01. Juli 2016 mehr Wahlfreiheit bieten soll. „Wir wollen mehr Arbeitnehmer ermutigen, länger in Beschäftigung zu bleiben“, sagte Unions-Sozialexperte Karl Schiewerling bei der Vorstellung der Koalitionspläne. „Längeres Arbeiten wird belohnt – und der Übergang in die Rente flexibler.“
   Anlass der Reform war eigentlich die Einführung der Rente mit 63 im vergangenen Jahr. Die Union hatte damals auf Druck ihres Wirtschaftsflügels darauf bestanden, als Ergänzung längere Beschäftigung zu fördern. Weil die SPD auf der anderen Seite eine frühere Teilrente verbessern wollte, konnten sich die Fachleute der Koalition lange nicht einigen, zeitweise schien ein Scheitern nahe. Schiewerling räumte ein, es habe „orientalische Phasen der Auseinandersetzung" gegeben. Herausgekommen ist nun ein Paket, das Anreize sowohl zu späterem als auch zu früherem Rentenübergang bietet. Darüber soll jetzt die Rentenversicherung die Versicherten regelmäßig genau informieren - mit Hinweisen, wie sich etwa ein späterer Rentenbeginn auszahlen würde.
Arbeiten im Rentenalter:
   Wer über die Altersgrenze von aktuell 65 Jahren und vier Monaten hinaus arbeitet, auch wenn er bereits Rente bezieht, soll finanziell stärker profitieren. Bisher war der Arbeitnehmer zwar von der Zahlung weiterer Rentenbeiträge verschont - die Arbeitgeber dagegen mussten den hälftigen Anteil der Rentenversicherung weiter zahlen, ohne dass dem Arbeitnehmer daraus noch Leistungsansprüche entstanden. Jetzt sollen die Zahlungen die Renten doch erhöhen, sofern auch der Beschäftigte in die Rentenkasse einzahlt. Beispiel: Bei einem Halbtagsjob mit 1.300 Euro kann die Rente so um 200 Euro im Jahr aufgebessert werden. Zugleich werden Unternehmen entlastet, wenn sie Menschen über das Rentenalter hinaus beschäftigen: Die Verpflichtung, für diese Arbeitnehmer 1,5 Prozent des Lohns in die Arbeitslosenversicherung einzuzahlen, entfällt - befristet für zunächst fünf Jahre.
   Die SPD hat wegen der jährlichen Kosten für die Arbeitslosenversicherung von 80 Millionen Euro Bedenken. SPD-Sozialexpertin Katja Mast nannte die trotz der Skepsis erteilte Zustimmung der Sozialdemokraten ein Zeichen der Einigungsfähigkeit der Koalition. Die SPD hofft nun auf Entgegenkommen der Union bei der geplanten Reform der Leiharbeit.
Teilrente:
   Wer ab 63 Jahren in Teilrente geht, soll mehr vom Zuverdienst zu den Altersbezügen behalten können. Bisher galt eine Zuverdienstgrenze von monatlich 450 Euro. Darüber hinaus wurde die Rente in Stufen um bis zu zwei Drittel gekürzt. Jetzt soll oberhalb der 450-Euro-Grenze stufenlos 40 Prozent des Zuverdienstes abgezogen werden. Von 100 Euro Lohn bleiben also 60 Euro übrig. Nur Lohn, der das frühere Einkommen überschreitet, soll voll angerechnet werden.
Ganz abschaffen wollten die Koalitionäre die Verdienstgrenzen aus Furcht vor einer Frühverrentungswelle nicht. Das bisherige System hatte dazu geführt, dass kaum jemand die Teilrente nutzte - nur 2.200 von jährlich 800.000 Neurentnern. Machen jetzt 100.000 Arbeitnehmer davon Gebrauch, würde die Rentenkasse mit jährlich 300 Millionen Euro belastet.
Gesundheitsvorsorge:
  
Um Arbeitnehmer länger für den Arbeitsmarkt fit zu halten, sollen Reha-Angebote und Vorbeugung gestärkt werden. So sollen Versicherte freiwillig Gesundheitschecks im Alter von 45 Jahren in Anspruch nehmen können. „Wir wollen länger gute Arbeit ermöglichen", sagte SPD-Expertin Mast.
Langzeitarbeitslose:
  Bisher konnten Betroffene vorzeitig und mit Abschlägen in die Rente geschickt werden. Auch wenn das bedeutete, dass sie dauerhaft auf Sozialhilfe im Alter angewiesen sind. Jetzt soll es den Zwang in vielen Fällen nicht mehr geben.
Reaktionen:
 
  Wirtschaftsverbände begrüßten vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels die Anreize zum längeren Arbeiten. Allerdings würden die Wirkungen der Rente mit 63 damit nicht kompensiert, kritisierte die Arbeitgebervereinigung BDA. Der DGB warnte, durch den Wegfall des Arbeitslosenbeitrags für arbeitende Rentner werde „der Weg zum Billigarbeitsmarkt geöffnet".
  
Grünen-Rentenexperte Markus Kurth monierte, von einer umfassenden Flexibilisierung des Übergangs in die Rente könne nicht die Rede sein. Den besonders belasteten Beschäftigten würden auch keine Angebote gemacht. Matthias Birkwald (Linke) erklärte, die Koalitionspläne seien eine „Rutschbahn in die Altersarmut".
HA151111

re-015-ZZ

Rente mit 63 nützt Gutverdienern - Jeder vierte männliche Bezieher erreicht mehr als 1.500 Euro

   Die neue abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren sei ein politisches Geschenk an ältere Männer mit guten Einkommen - so lautete im vergangenen Jahr eine Kritik an den umstrittenen Rentenbeschlüssen der großen Koalition. Nun liegen erstmals offizielle Zahlen vor, die näheren Aufschluss über die seit Juli 2014 geltende Neuregelung geben. Sie bestätigen die Kritik: Von insgesamt 110 000 Männern, die seit dem vergangenen Jahr eine sogenannte Rente für besonders langjährig Versicherte beziehen, hat jeder Vierte ein Ruhegeld von mehr als 1.500 Euro im Monat; genau sind es 24,6 Prozent. Mehr als jeder Zehnte (11,2 Prozent) hat sogar eine Rente von mehr als 1.750 Euro. Das zeigt die aktuelle Rentenzugangsstatistik der Deutschen Rentenversicherung Bund.
   Demgegenüber konnten im vergange­nen Jahr nur knapp 42.000 Frauen von der neuen Rentenregelung profitieren, für die man mindestens 45 Beitragsjahre vorweisen muss. Und von ihnen wiederum kommen auch nur 6 Prozent auf Monatsrenten von mindestens 1.500 Euro. Fast 57 Prozent dieser 42.000 Frauen erreichen selbst mit 45 Beitragsjahren sogar nur Monatsrenten von weniger als 1.000 Euro. Im Durchschnitt aller Frauen, die im Jahr 2014 in Altersrente gegangen sind, also auch jener mit kürzeren Beitragszeiten, verfehlen sogar 85 Prozent eine Rente von 1.000 Euro im Monat.
   Die Kategorie „Rente für besonders langjährig Versicherte" erfasst zwar nicht exakt die Bezieher der neuen abschlagsfreien Rente mit 63. Darunter fallen außerdem auch jene Rentner mit 45 Beitragsjahren, die noch im ersten Halbjahr 2014 auf Grundlage der alten Gesetzesregelung zu ihrem 65. Geburtstag in den Ruhestand gewechselt sind, also gemäß den damaligen Regeln vier Monate vor dem allgemeinen Renteneintrittsalter. Der Großteil der in dieser Kategorie erfassten Rentner dürften aber jene sein, die von umstrittenen Neuregelung zur Jahresmitte 2014 profitiert haben.
   Einen Antrag auf die neue abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren hatten bis Ende vergangenen Jahres laut Mitteilung der Rentenversicherung insgesamt 206.000 Versicherte gestellt. Bis Mai 2015 waren dann insgesamt 320.000 Anträge eingegangen. Dass die Neuregelung etliche langjährig Versicherte vorzeitig in den Ruhestand lockt, weil sie damit nun auch bei vorgezogener Rente keine Abschläge hinnehmen mussten, zeigt sich inzwischen überdies an der Zahl der älteren Beschäftigten: Sie war in den vergangenen Jahren durchgängig stark gestiegen, ging dann aber nach Inkrafttreten des Rentenpakets plötzlich spürbar zurück. So hatte die Bundesagentur für Arbeit im Juni 2014 noch 470.000 Beschäftigte in der Altersgruppe von 63 bis 65 Jahren gezählt, im Mai 2015 waren es jedoch nur noch knapp 440.000. FAZ150826ode

Mit 65 ist für viele noch nicht Schluss  - 

Trend zur Seniorenbeschäftigung:
Worauf Arbeitnehmer achten sollten, wenn sie auch im Rentenalter erwerbstätig sein wollen

   Jeder siebte junge Senior zwischen 65 und 69 Jahren geht inzwischen arbeiten. Worauf sollten Erwerbstätige im Rentenalter achten?
Gehalt plus Rente:
   Auch Werkzeugmacher Ernst S. (65) gehört zu den jobbenden Senioren. Als sein Chef ihm anbot, nach Erreichen des Rentenalters eine Krankheitsvertretung zu übernehmen, zauderte er nicht lange. „4
.000 Euro brutto für zwei Jahre befristet, das ist in Ordnung", findet er. Arbeitgeber und Arbeitnehmer können seit Mitte 2014 „durch Vereinbarung während des Arbeitsverhältnisses den Beendigungszeitpunkt hinausschieben". Möglich geworden ist damit die befristete Beschäftigung über das reguläre Rentenalter hinaus.
   Den Lohn erhält Ernst S. nun zusätzlich zu seiner Rente in Höhe von 1.250 Euro. Die Rentenkasse musste er hierüber nicht informieren. Wer das reguläre Rentenalter von derzeit 65 Jahren und vier Monaten erreicht hat, darf unbegrenzt zu seiner Rente hinzuverdienen.
Verzicht auf Rentenantrag:
   Noch besser wäre es für Ernst S. gewesen, wenn er gar keinen Rentenantrag gestellt hätte. Zwar informiert die Rentenversicherung zwei Monate vor Erreichen des Regelrentenalters, dass in Kürze ein Anspruch auf eine Altersrente besteht. Doch der Antrag kann aufgeschoben werden. Für jeden Monat Rentenaufschub gibt' s später ein Rentenplus von 0,5 Prozent. Und: Durch zusätzliche Rentenversicherungsbeiträge während der Weiterbeschäftigung steigt der Rentenanspruch noch mehr.
Arbeitsrecht:
   Arbeitsrechtlich ändert sich für Beschäftigte jenseits der 65 wenig. Sie haben Anspruch auf Urlaub, Weihnachts- und Urlaubsgeld. Für sie gilt auch das Kündigungsschutzgesetz, und im Krankheitsfall steht ihnen eine sechswöchige Entgeltfortzahlung zu. Senior-Arbeitnehmer müssen auch genauso entlohnt werden wie es für die von ihnen ausgeübten Tätigkeiten per Tarifvertrag vorgeschrieben bzw. betriebsüblich ist.
Arbeitslosenversicherung:
   Egal ob ein Arbeitnehmer bereits Rente bezieht oder nicht: Beiträge an die Bundesagentur für Arbeit fallen für ihn nicht an (nur für den Arbeitgeber). Die Kehrseite: Beim Jobverlust besteht auch kein Anspruch auf Arbeitslosengeld mehr.

Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung:
   Wer
noch keine Rente bezieht, ist als Arbeitnehmer immer beitragspflichtig. Rentenbezieher müssen keine Beiträge mehr in die Rentenkasse entrichten - für sie zahlt nur der Arbeitgeber seinen Anteil. Wer bereits eine Altersrente bezieht, muss auch in der Krankenversicherung nur noch den ermäßigten Beitragssatz entrichten. NOZ15102RolfWinkel

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Wie die Rente wieder sicher werden soll. Foto: Ein Mann, ein Spruch, ein Vermächtnis: Am 21. April 1986 plakatiert Arbeitsminister Norbert Blüm in Bonn erstmals sein berühmtes Renten-Versprechen

CSU-Chef Seehofer für parteiübergreifende Lösung bei Reform der Altersvorsorge
   Norbert Blüm kämpft dieser Tage um sein politisches Vermächtnis. Um eines, das aus einem kurzen Satz besteht, aus einem Versprechen, an das Generationen von Deutschen geglaubt haben. „Die Rente ist sicher." Was darf man von diesem Spruch aus den 80er-Jahren der Bonner Republik noch erwarten? Blüm, der 16 Jahre lang als Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung die personifizierte Moral für Arbeitnehmer und Rentner darstellen durfte, sieht sein Vermächtnis bedroht. Der demografische Wandel, dieses immer ungesünder werdende Verhält- nis zwischen Beitragszahlern und Rentnern, bringt das blümsche Umverteilungssystem in die Bredouille. 
   Die Rente sei sicher, sagte Blüm in dieser Woche in einem Radiointerview. Aber die Rentenkasse brauche das Geld, um anständige Renten zahlen zu können. „Das ist, wie wenn Sie in Ihr Auto in den Benzintank nicht genug Benzin geben. Fängt der Motor an zu stottern, hat das nichts mit dem Motor zu tun, sondern mit zu wenig Tank- füllung."
   Ursula von der Leyen, Blüms Parteifreundin und heutige Arbeitsministerin, will es trotz des sich leerenden Tanks beim Generationenvertrag belassen. Aber ihren Kampf gegen die Ungerechtigkeiten des Systems - etwa dass jahrzehntelanges Einzahlen eines Niedrigverdieners ihm als Rentner kein Leben oberhalb der staatlichen Grundsi- cherung ermöglicht - diesen Kampf will sie noch austragen.
   Die CDU-Politikerin muss sich beeilen. Was in diesem Herbst nicht mehr beschlossen wird, wird es kaum in den Bundestag schaffen. Für diesen Endspurt schickt von der Leyen die Zuschussrente ins Rennen, mit der Gering- verdiener ihre Ruhestandsbezüge auf 850 Euro aufstocken können. Bedingungen für den Zuschuss sollen 40 Versicherungsjahre, 30 Beitragsjahre sowie eine private Altersvorsorge sein. Seit einer Woche muss die Ministerin dafür einen Proteststurm ertragen - sowohl die FDP als auch junge Unionsabgeordnete und Sozialverbände halten ihr Konzept für falsch, aber alle aus unterschiedlichen Beweggründen.
   Es soll etwas geschehen im Rentensystem. Das Thema der Altersarmut wird Merkel sonst nicht mehr los.
   Zuvor hatte sich CSU-Chef Horst Seehofer in München eingemischt und gefordert, man solle eine möglichst parteiübergreifende Lösung im Kampf gegen die drohende Altersarmut finden. „Das Thema liegt jetzt auf dem Tisch, und es wird in den nächsten Monaten nicht einfach in die Schublade zu legen sein", sagte Seehofer der „Süddeutschen Zeitung". In der FDP reagierte man reserviert. Die Partei will einen schwarz-gelben Konsens erreichen, um eigene Vorstellungen unterbringen zu können. Fraktionsvize Heinrich Kolb sagte, die Zuschussrente sei nicht die Lösung des Problems der drohenden Altersarmut. Sie sei auf eine enge Zielgruppe zugeschnitten, Altersarmut müsse aber in der Breite bekämpft werden. Die FDP habe daher vor längerer Zeit vorgeschlagen, bei der Grundsicherung Freibeträge für die private und betriebliche Vorsorge einzuführen.
   Hinzu kamen Forderungen, endlich eine „Mütter-Rente" zu berechnen. „Die Einführung besserer Renten- Leistungen für ältere Mütter muss im Zentrum unserer Strategie gegen Altersarmut stehen. Wir müssen die Ge- rechtigkeitslücke zwischen jüngeren und älteren Müttern schließen", sagte die Vorsitzende der CSU-Landesgrup- pe im Bundestag, Gerda Hasselfeldt, der „Rheinischen Post". „Ich gehe davon aus, dass das Arbeitsministerium eine Berechnung vorlegt, wie wir die Mütter, die ihre Kinder vor 1992 geboren haben, besserstellen können."
HA120908KarstenKammholz

Blüm: Die Rente ist nicht mehr sicher - Wenn das Rentenniveau weiter sinkt, verliert die Rente ihre Sicherungsfunktion. Das sagt jetzt sogar der frühere Arbeitsminister. Die Kanzlerin lässt das kalt.

   Sogar der ehe­malige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) hält die Rente jetzt nicht mehr für sicher. „Wenn das Rentenniveau weiter so sinkt wie in den letzten Jahren, dann kommt man in die Nähe der Sozialhilfe, was die Rentenversicherung nicht nur um ihren guten Ruf bringt, sondern auch um ihre soziale Sicherungsfunktion", sagte Blüm der „Saarbrücker Zeitung". Und er legte nach: Ein System, aus dem man mit Beiträgen nicht mehr bekomme als jemand, der keine Beiträge gezahlt habe, „erledigt sich von selbst", sagte er. Dabei war es Blüm, der im Jahr 1986 mit einer Kampagne um Vertrauen für die ge­setzliche Rentenversicherung geworben hatte. Auf 15.000 Plakaten wurde verkündet: „Denn eins ist sicher: Die Rente." Diese Zusage wurde ein geflügelter Satz. Er wurde Blüms berühmtestes Zitat.
   Blüm war - wie sein Nachfolger Walter Riester (SPD) - am Dienstag einer der Ehrengäste des Festaktes zu „125 Jahre gesetzliche Rentenversicherung" in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begrüßte Blüm zwar besonders herzlich. Sie erwähnte jedoch in ihrer Festrede die Sorge um das sinkende Versorgungsniveau nicht ausdrücklich, das langfristig die Akzeptanz des Umlagesystems zu gefährden droht. Merkel räumte lediglich ein, dass die gesetzliche Rente allein für viele in Zukunft nicht mehr reichen werde. „Daher bin ich überzeugt, dass sich künftig nur durch eine Mischung gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge eine angemessene Absicherung im Alter aufbauen lässt."
   Derzeit seien zwar nur rund 3 Prozent der Menschen im Rentenalter von Altersarmut betroffen. „Wir sind aber gefordert, Altersarmut vorzubeugen und dafür geeignete Lösungen zu entwickeln."Es komme darauf an, dass die Altersvorsorge den Menschen auch in Zukunft ein angemessenes Auskommenermögliche. Jede Kodierung sei gut beraten, in der Rentenpolitikden parteiübergreifenden Konsens zu suchen. Merkel verteidigte das Rentenpaket der Koalition mit den höheren Mütterrenen und der Rente mit 63. Die gesetzlichen Vorgaben zur Beitragssatzentwicklung würden trotz der neuen Leistungen eingehalten. Anfang 2015 werde der Beitragssatz um 0,2 Prozentpunkte auf 18,7 Prozent sinken. Das entlaste Arbeitgeber und Arbeitnehmer um 2 Milliarden Euro.
   Die in diesen Tagen eher gute Lage der Rentenversicherung kann jedoch nicht über die langfristigen Herausforderungen hinwegtäuschen: Nach den Vorhersagen der Bundesregierung sinkt das Rentenniveau bis 2030 auf 43 Prozent des durchschnittlichen Einkommens der Beschäftigten; nach 2030 geht es in der alternden Gesellschaft weiter zurück. Heute liegt das Rentenniveau bei knapp 49 Prozent, zu Blüms Zeiten erreichte es gut 57 Prozent. Die durchschnittliche Rentenauszahlung erreicht im Monat 734 Euro im Westen und 896 Euro im Osten. Sie liegt damit in Reichweite des durchschnittlichen Satzes der staatlichen Grundsicherung (einschließlich Wohn- und Heizkosten) von 740 Euro - für die man vorher nicht arbeiten muss. Allerdings erhält ein „Standardrentner" nach 45 Beitragsjahren mit Durchschnittsverdienst immerhin 1.287 Euro im Westen und 1.187 Euro im Osten. Das Absinken des Rentenniveaus ist je­doch auch eine kalkulierte Folge der Rentenreformen, mit denen die Politik in erster Linie versuchte, den Anstieg des Ren­tenbeitragssatzes in Grenzen zu halten, um den Arbeitsmarkt nicht zusätzlich zu belasten.
   Derweil haben sich die Hoffnungen der Politik, die Menschen würden zusätzlich über eine Riester-Rente oder eine betriebliche Altersvorsorge sparen, um die Versorgungslücke zu schließen, weniger erfüllt als erhofft. Die Kanzlerin sagte dazu, die Riester-Rente als geförderte kapitalgedeckte Zusatzvorsorge stehe zwar in der Kritik: „Ich bin aber überzeugt, dass auch dieser Schritt wegweisend war." Überzeugt ist sie sich auch von der „Rente mit 67". Deutschland sei auf gutem Weg zu besseren Erwerbsmöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer. Die Erwerbsbeteiligung der 55 bis 64 Jahre alten Arbeitnehmer sei hier stärker gewachsen als in allen anderen europäischen Ländern. Die Unternehmen rief Merkel dazu auf, Älteren mit Be­rufs- und Lebenserfahrung häufiger eine Chance zu geben. Angesichts des schrump­fenden Fachkräfteangebots müssten die Arbeitgeber durch Arbeitsplatzgestaltung, Teilzeitangebote, Gesundheitsschutz und Weiterbildung die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Menschen auch im fortgeschrittenen Alter weiter arbeiten könnten. FAZ141203enn

Alterung verursacht hohe Kosten

   Die demografische Entwicklung mit der Überalterung der Gesellschaft wird in den kommenden Jahren in Deutschland Kosten in Milliardenhöhe verursachen und die Beitragszahler der Sozialkassen belasten. Das geht aus dem aktuellen Alterungsbericht der EU-Kommission vor, den die europäischen Finanzminister bei ihrem Treffen in Brüssel diskutiert haben. Demnach steigen anteilig am Bruttoinlandsprodukt (BIP) vor allem die Kosten für Rentenzahlung. Im Jahr 2013 machten diese Zahlungen 10 Prozent des BIP aus, im Jahr 2060 sollen es 12,7 Prozent sein. Auch die Kosten des Gesundheitssystems und für Pflegeleistungen steigen laut Prognose deutlich an. Der Bereich Bildung verursacht dagegen langfristig kaum höhere Kosten, die Ausgaben für Arbeitslose bleiben demnach gemessen am BIP langfristig unverändert. Summiert man all diese Zahlungen, ergeben all diese Kosten im Jahr 2060 eine Zusatzbelastungen von grob gerechnet einer halben Billion Euro. FAZ150513jpen

Die gesetzliche Rentenversicherung - besser als ihr Ruf
Aber eine Leibrente rechnet sich nur, wenn nicht mehr alle Kerzen auf der Geburtstagstorte Platz finden.

re-gBeamten-Basisvofsorge-ZZ

   In Zeiten mickriger Zinsen gewinnt eine Form der Altersvorsorge an Attraktivität, über die viele in den vergangenen Jahren verächtlich die Nase gerümpft haben: die gesetzliche Rentenversicherung. Als langweilig, renditeschwach und unsicher verschrien, kann das Umlagesystem im Umfeld von Minizinsen durchaus mit Angeboten auf dem freien Markt mithalten. In die gesetzliche Rentenversicherung kann de facto jeder freiwillig einzahlen, der nicht pflichtversichert ist und noch keine Rente erhält. Aber wie so oft im Leben profitieren nicht alle gleichermaßen.
   Freiwillige Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung rechnen sich insbesondere für Beamte und Freiberufler jenseits der 60, die privat krankenversichert sind. Aber auch all diejenigen, die sich früher in den Ruhestand verabschieden, sollten sich über Ausgleichszahlungen informieren. So können sie lebenslange Abschläge bei der Rente vermeiden. Und ein Vergleich zeigt: Die Sofortrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung schlägt aktuell die aus klassischen privaten Rentenversicherungen oder der staatlich geförderten Rürup-Rente deutlich.
   Doch ganz gleich, für welche Form der Leibrente sich Anleger entscheiden: Vorher empfiehlt es sich, einen Arzt aufzusuchen, der beste Gesundheit und die Aussicht auf ein langes Leben attestiert. Mitunter reicht auch ein Blick auf die Ahnengalerie. Wenn die Vorfahren allesamt in den Sechzigern und Siebzigern verstarben, sind 40.000 Euro womöglich besser in Kreuzfahrten oder Safaris investiert. Eine Leibrente rechnet sich nur, wenn nicht mehr alle Kerzen auf der Geburtstagstorte Platz finden.

Sofortrente: Beamte und Freiberufler profitieren derzeit von einer besonderen Regelung: Bis Ende dieses Jahres können sie sich eine Sofortrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung sichern - und zwar auch dann, wenn sie sich bereits in den Ruhestand verabschiedet haben. Diese Möglichkeit ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Nutzen können die Sofortrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung nur Beamte oder Freiberufler, die vor dem 2. September 1950 geboren sind. Wer in seinem Leben noch keinen Cent in die gesetzliche Rentenversicherung gezahlt hat, kann Beiträge für fünf Jahre auf einen Schlag überweisen. Alle anderen zahlen für die Monate ein, die ihnen für die Mindestbeitragszeit von fünf Jahren fehlen. Diese Form der Sofortrente gibt es jedoch nur noch bis Ende dieses Jahres. Bis dahin muss der Antrag auf freiwillige Zahlungen bei der Rentenversicherung eingegangen sein. Wer sich im Ruhestand eine gesetzliche Sofortrente sichern möchte und bislang noch nichts eingezahlt hat, überweist die Beiträge für 60 Monate auf einen Schlag. Es müssen mindestens 5.049 Euro in die Rentenversicherung fließen, maximal 67.881 Euro. Unterm Strich ergibt dies im ersten Jahr nach der Einzahlung eine monatliche Bruttorente von 22,05 beziehungsweise 296,75 Euro.
   Freiberufler und Beamte können das Finanzamt an den Einzahlungen in die gesetzliche Rente beteiligen. Im laufenden Jahr akzeptiert der Staat maximal 22.172 (Alleinstehende) beziehungsweise 44.344 Euro (Verheiratete) zu 80 Prozent. Der Anteil der Einzahlungen, die steuerlich geltend gemacht werden können, steigt in den kommenden Jahren nach und nach an. Ab 2025 nicken die Finanzämter 100 Prozent der Einzahlungen ab - bis zum dann geltenden Höchstbeitrag in der knappschaftlichen Rentenversicherung. Beamte, die noch arbeiten, müssen beachten, dass sie das Finanzamt nicht am kompletten Höchstbetrag beteiligen können und die Steuerersparnis entsprechend geringer ausfällt siehe Tabelle. Gleiches gilt für Ärzte oder Rechtsanwälte, die in ein berufsständisches Versorgungswerk einzahlen.
   Auch wenn sich der Staat in der Einzahlungsphase großzügig gibt: Im Alter holt er sich einen Teil der Förderung wieder zurück. Die Auszahlungen müssen versteuert werden. Welcher Anteil steuerlich veranschlagt werden muss, hängt von dem Jahr ab, in dem sich der Vorsorgesparer in den Ruhestand verabschiedet. Rentner, die im laufenden Jahr erstmals Rente beziehen, müssen 70 Prozent der Auszahlungen mit dem persönlichen Steuersatz versteuern. Von 2040 an unterliegt die komplette gesetzliche Rente der Steuer.

    Eine gesetzliche Rente gegen Einmalbetrag rechnet sich vor allem für Privatversicherte. Denn sie müssen keinen Obolus für Krankenversicherungs-Beiträge auf die Auszahlungen aus der gesetzlichen Rente entrichten. Im Gegenteil: Sie erhalten 7,3 Prozent der Rente als Zuschuss zur Krankenversicherung. Die 7,3 Prozent werden auch den gesetzlich Versicherten gewährt - allerdings fließen diese direkt in den Topf der Krankenkasse. Den restlichen Teil der Krankenversicherungs-Beiträge - rund zehn Prozent - müssen gesetzlich Versicherte aus eigener Tasche zahlen. Daher ist die Sofortrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung für sie unattraktiver. Beamte müssen hingegen nicht fürchten, dass die gesetzliche Rente die Pension schmälert: Freiwillige Beiträge in die gesetzliche Rente werden nicht auf die Pension angerechnet.
   Schauen wir uns ein Beispiel an: Ein Freiberufler oder Beamter, der sich im laufenden Jahr in den Ruhestand verabschiedet, zahlt auf einen Schlag 40.000 Euro in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Im ersten Jahr nach der Einzahlung erhält er nach Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung Bund eine gesetzliche Rente von 175 Euro im Monat. Dazu kommen 7,3 Prozent der Bruttorente als Zuschuss zur Krankenversicherung. Insgesamt beläuft sich die monatliche Rente somit im ersten Jahr nach der Einzahlung auf 188 Euro im Monat. Alternativ könnte der Vorsorgesparer die 40.000 Euro in eine Rürup-Rente oder in eine klassische private Rentenversicherung einzahlen. Wie das Analysehaus Morgen & Morgen berechnet hat, erhält der Anleger bei einer privaten Rentenversicherung im ersten Jahr nach der Einzahlung im besten Fall 143 Euro im Monat - im Vergleich zur gesetzlichen Rente ein Minus von 45 Euro. Im Jahr summiert sich dieses auf 540 Euro. Bei der Rürup-Rente gibt es 135 Euro - im Vergleich ein Minus von 636 Euro im Jahr.
   Unser verheirateter Freiberufler, der auf einen Schlag 40.000 Euro freiwillig einzahlt, kann zudem seine Einzahlungen in die Rürup-Rente oder in die gesetzliche Rentenversicherung zu 80 Prozent, also 32.000 Euro, steuerlich geltend machen. Im Gegenzug muss er im laufenden Jahr 70 Prozent der Auszahlungen steuerlich veranschlagen.
   Während die gesetzliche Rente und die Rürup-Rente steuerlich gleich behandelt werden, ergibt sich bei der klassischen privaten Rentenversicherung eine Besonderheit: An den Einzahlungen in die private Rentenversicherung können Vorsorgesparer den Fiskus nicht beteiligen. Im Gegenzug zeigt sich das Finanzamt im Alter kulant: Die Auszahlungen müssen lediglich mit dem deutlich günstigeren Ertragsanteil versteuert werden. Die Höhe des zu versteuernden Anteils richtet sich danach, wann sich der Vorsorgesparer die Rente erstmals auszahlen lässt. Ein Beispiel: Unser Freiberufler erhält die Rente erstmals mit 66. In diesem Fall muss er gerade einmal 18 Prozent der Auszahlung steuerlich veranschlagen, mit 68 wären es 16 Prozent. Neben dem steuerlichen Vorteil im Alter bietet eine private Rentenversicherung zudem mehr Flexibilität als die Rürup-Rente oder die gesetzliche Rentenversicherung. Allerdings ist das investierte Kapital in diesem Fall irgendwann aufgebraucht.

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   Mütterrente: Nicht nur Beamte und Freiberufler, die sich ihrem Ruhestand nähern, profitieren von freiwilligen Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung. Auch alle, die die Beitragszeiten von fünf Jahren nicht erfüllen, können sich mit freiwilligen Zahlungen einen Rentenanspruch sichern. Besonders relevant ist dies für diejenigen, die von der Mütterrente profitieren. Seit dem 1. Juli 2014 erhält eine Mutter für jedes Kind, das vor 1992 geboren wurde, zwei Beitragsjahre. Bis dahin hatte der Gesetzgeber für diesen Nachwuchs lediglich ein Jahr vorgesehen. Ein Beispiel: Eine Mutter erhält für ihre beiden Kinder, die vor 1992 geboren wurden, nun aufgrund der Mütterrente vier Beitragsjahre. Die Frau hat nie in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Da sie die fünf Beitragsjahre nicht erfüllt, erhält sie keinen Cent. Würde sie nun 1.020,60 Euro - also den Mindestbeitrag für ein Jahr - einzahlen, erhielte sie nach Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung Bund eine Bruttorente von mehr als 118 Euro im Monat. Mütter, die vor 1955 geboren wurden, können die fehlenden Beiträge auf einen Schlag überweisen. Betroffene Frauen, die im Juli 2014 bereits im Ruhestand waren und nun freiwillige Beiträge zahlen, erhalten die Rentenzahlung rückwirkend vom 1. Juli 2014 an. Allerdings gehen von der Rente noch rund zehn Prozent für die Kranken- und Pflegeversicherung ab, wenn die Frau gesetzlich krankenversichert ist.
  Ausgleichszahlungen: Wer sich vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet, kann mit freiwilligen Zahlungen vermeiden, dass seine gesetzliche Rente lebenslang gekürzt wird. Die Rentenversicherung berechnet individuell, wie viel jemand einzahlen muss, um die Lücke zu minimieren oder zu schließen. Ein Beispiel: Wer sich im laufenden Jahr zwölf Monate vor dem offiziellen Renteneintritt in den Ruhestand verabschiedet, muss nach Berechnungen der Rentenversicherung Baden-Württemberg mit einem Abschlag von 54 Euro im Monat rechnen - und das lebenslang. Dieser lässt sich vermeiden, wenn einmalig 12.814 Euro freiwillige Beiträge investiert werden. Dann erhält der Sparer seine monatliche Bruttorente von 1.500 Euro in voller Höhe. Auch in diesem Fall rechnet sich die Einzahlung in die staatliche Rentenkasse, verglichen mit den Angeboten auf dem privaten Markt. Wer die 12.814 Euro in die gesetzliche Rente investiert, gleicht die monatliche Kürzung von 54 Euro aus. Würden die 12.814 Euro in eine private Rentenersicherung investiert, fiele die monatliche Zahlung mit 44 Euro deutlich niedriger aus siehe Tabelle.

Freiwillige Zahlungen: Freiwillig in das gesetzliche System einzahlen können prinzipiell all diejenigen, die nicht pflichtversichert sind und noch keine Rente erhalten - also Beamte, Freiberufler, Hausfrauen und -männer sowie Ärzte, Steuerberater und Anwälte, die über berufsständische Versorgungswerke versichert sind. Freiwillige Beiträge für das Jahr 2014 können Vorsorgesparer noch bis Ende März 2015 einzahlen. Die Vorsorgesparer entscheiden selbst, wie hoch der Betrag ist, der monatlich oder jährlich in die Rentenkasse fließen soll. Zahlungen können auch ausgesetzt oder gestoppt werden - und das ohne zusätzliche Kosten. Wer noch für 2014 freiwillig in die gesetzliche Rente einzahlen möchte, muss monatlich zwischen 85,05 Euro (Mindestbeitrag) und 1.124,55 Euro (Höchstbetrag) einzahlen. Auf das Gesamtjahr gerechnet, wären dies 1.020,60 beziehungsweise 13.494,60 Euro. Die Höhe der Rente lässt sich nach Auskunft des Bundesverbands der Rentenberater einfach überschlagen: 1.000 Euro Beitrag ergeben 4,37 Euro Rente. Wer mindestens fünf Jahre freiwillig einzahlt, erhält neben einer Altersrente eine Hinterbliebenenversorgung und im Ernstfall Reha-Maßnahmen - ohne Extrakosten.
   Vorsorgesparer sollten nicht alle Eier in einem Korb legen, private und gesetzliche Vorsorgeformen mischen, das Risiko und die Steuerbelastung diversifizieren. Und ganz gleich, ob private Rentenversicherung, Rürup oder freiwillige Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung: Eine Leibrente ist immer eine Wette auf ein langes Leben. Wer mit Einzahlungen in die gesetzliche Rente oder eine Rürup-Rente zeitlebens Geld bekommt, kann auch dann noch ruhig schlafen, wenn sich der 100. Geburtstag nähert.

FAZ150321Die Autorin Barbara Brandstetter ist Professorin für Wirtschaftsjournalis­mus an der Hochschule Neu-Ulm 

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Bonus für Ältere soll Geld in die Rentenkasse spülen
CDU-Wirtschaftsflügel legt eigene Berechnungen für Koalitionsarbeitsgruppe vor / Streit über Teilrente

   Der Wirtschaftsflügel der Union wehrt sich gegen die Einschätzung, dass finanzielle Anreize für eine freiwillige Beschäftigung älterer Arbeitnehmer über das 67. Lebensjahr hinaus die Sozialkassen belasten. Er wendet sich damit gegen entsprechende Berechnungen aus dem Bundesarbeitsmi­nisterium. „Die Einführung eines Flexi-Bonus als Zuschlag zur Rente würde bis zu 400.000 Beschäftigte länger im Arbeitsleben halten, die für rund zwei Milliarden Euro Mehreinnahmen sorgen", heißt es in einem dieser Zeitung vorliegenden Argumentationspapier der CDU/CSU- Mittelstandsvereinigung.
   Der geforderte „Flexi-Bonus" zielt auf eine Reform, mit der die Rentenbeiträge der Arbeitgeber für Beschäftigte jenseits des regulären Rentenalters nicht mehr in die Beitragskasse fließen sollen, sondern als Zuschlag an die Arbeitnehmer. Der Rentenbeitrag für sie dürfe „nicht länger als Strafabgabe ohne Gegenleistung im allgemeinen Rententopf versickern", sagte der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung, Carsten Linnemann. Derzeit stehen den Beiträgen für Beschäftigte jenseits des regulären Rentenalters keine gleichwertigen Leistungen gegenüber. Linnemann stützt seine Finanzschätzung auf Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschimg(DIW).
   Das Arbeitsministerium hatte für eine im Sommer eingesetzte Koalitionsarbeitsgruppe vorgerechnet, dass ein „Flexi-Bonus" die Rentenkasse mit Beitragsausfällen von bis zu einer Milliarde Euro belasten werde. Es geht dabei nicht davon aus, dass der Bonus zu einer steigenden Zahl beitragspflichtiger älterer Arbeitnehmer führt. Laut Schätzung des DIW könnte die Zahl langfristig um jene 400.000 steigen. Kostenneutral werde der „Flexi-Bonus" schon sein, wenn 65 000 Beschäftigte länger im Erwerbsleben halte.
   Allein schon ordnungspolitisch sei es nicht nachvollziehbar, dass derzeit Beiträge ohne Gegenleistung erhoben würden, sagte Linnemann. Überdies sei nach Einführung der Rente ab 63 dringend ein Zeichen in die andere Richtung erforderlich. Man habe seit mehr als 30 Jahren über De­mographie gesprochen. „Jetzt ist
es an der Zeit, konkret etwas umzusetzen", sagt er.
   Der „Flexi-Bonus" ist eines von mehre­ren Themen, mit denen sich die Arbeits­gruppe an diesem Dienstag abermals be­fasst; ebenso geht es um Änderungen der sogenannten Teilrente. Hier sind sich Union und SPD im Grundsatz einig, dass die bisher strengen Bedingungen gelockert werden sollen, damit Beschäftigte vor dem regulären Rentenalter leichter auf Teilzeitarbeit wechseln und Lohneinbußen mit dem Bezug der Teilrente abfe­dern können. Vor allem soll dazu bisher sehr niedrige Verdienstgrenze für Teilrent­ner von 450 Euro angehoben werden.
   Strittig ist indes, ob der Bezug der Teilrente künftig auch schon vor dem 63. Lebensjahr möglich werden soll, wie es Gewerkschaften fordern. Die IG Bergbau, Chemie, Energie plant einen Tarifvertrag, der sich darauf stützen und eine Drei­oder Vier-Tage-Woche ermöglichen soll. Sie wehrt sich gegen den Eindruck, sie wol­le Frühverrentung fördern. „Unser Ziel ist, dass Menschen insgesamt länger im Beruf bleiben können", betonte Vorstandsmit­glied Hausmann. Ein Großteil der Kosten des Modells könne von den Tarifparteien aufgebracht werden. Doch auch die Politik habe eine Verantwortung, die Rente mit 67 gangbar zu machen, mahnte er.
   Das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) rechnete derweil vor, dass die erwartete Senkung des Rentenniveaus in den kommenden Jahrzehnten dazu führe, dass Arbeitnehmer länger arbeiten müss­ten, um eine Rente über der staatlichen Grundsicherung zu erhalten. Wer 2030 in Rente geht, muss den Daten zufolge 32 Jahre lang zum Durchschnittsverdienst gearbeitet haben, um mehr als die Grundsi­cherung zu erhalten; heute reichen noch 28 Jahre aus. Wer 70 Prozent des Durchschnittsverdiensts hat, muss dann 45,2 Berufsjahre vorweisen, während heute noch 39,1 Jahre ausreichen, so das IAQ. FAZ141104dc

Deutsche haben Angst vor Rente mit 63
Große Koalition will starre Altersgrenze aufweichen. Jüngere lehnen frühen Ausstieg ab

   Die Deutschen wünschen sich mehrheitlich keinen starren Renteneintritt, sondern einen flexiblen Übergang in den Ruhestand. Auf die Frage „Sollte es für Erwerbstätige grundsätzlich die Möglichkeit geben, auch über die gesetzliche Altersgrenze hinaus zu arbeiten?", antworteten 88 Prozent mit „Ja", ergab eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Gothaer Versicherung.
   77 Prozent gaben an, aus „Spaß" an der Arbeit weiter berufstätig sein zu wollen, 60 Prozent nannten „Geld" als Grund. Finanzielle Motive treiben vor allem die Jüngeren (31 bis 40 Jahre) dazu, sich mit einem längeren Arbeitsleben anzufreunden. Mehr als ein Drittel gab an, große Angst zu haben, dass sich ihre finanzielle Lage als Rentner drastisch verschlechtere. Die Meinungsforscher hatten im September 2014 bundesweit 1513 Bürger zwischen 20 und 70 Jahren befragt. 91 Prozent halten bisherige Reformen für nicht ausreichend. Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) hält prinzipiell jedoch an der 63-Jahre-Grenze fest.
   Inzwischen arbeitet die Koalition an einer neuen Rentenreform. Mit verbesserten Möglichkeiten zur Teilrente sowie Anreizen für ein Arbeiten über die gesetzliche Altersgrenze hinaus wollen SPD und Union die starre Altersgrenze aufweichen. Am Dienstag kommt die von der Koalition im Sommer eingesetzte Arbeitsgruppe erneut zusammen, um über konkrete Maßnahmen zu verhandeln. Während über bessere Hinzuverdienstgrenzen für Früh­rentner bereits weitgehende Einigkeit herrscht, stößt die Forderung des Wirt­schaftsflügels der Union nach finanziellen Anreizen für Rentner, die über die Regelaltersgrenze hinaus beschäftigt sind, auf Widerstand bei der SPD.
   In der Bevölkerung wächst derweil die Bereitschaft, auch im Seniorenalter noch erwerbstätig zu sein, zeigt die aktuelle Umfrage. Fast 60 Prozent der Bürger können sich vorstellen, länger als bis zum 65. Lebensjahr zu arbeiten. Unter den 20- bis 30-Jährigen liegt der Anteil mit 73 Prozent sogar noch deutlich höher. Allerdings wächst mit dem Alter die Furcht, als Rentner den Le­bensstandard nicht mehr halten zu können. Jeder zweite Bundesbürger fürchtet Armut im Alter. Die von der Großen Koalition im vergangenen Sommer beschlossene abschlagsfreie Rente mit 63 wird vor allem von den jüngeren und gut gebildeten Befragten überwiegend skeptisch beurteilt. Fast die Hälfte der 20- bis 30-Jährigen fürchtet, dass diese Möglichkeit zum frühzeitigen Berufsausstieg das Rentensystem und die öffentlichen Kassen mittelfristig überfordern werde. 43 Prozent der Jungen halten die Rente mit 63 allerdings für finanziell verkraftbar.
   Die Arbeitsgruppe der Koalition verhandelt sowohl über Maßnahmen zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit als auch über Wege, vorzeitig beruflich kürzer zu treten. So soll die bisher wenig genutzte Teilrente, die schon mit 63 Jahren beantragt werden kann, attraktiver werden. Dazu soll die geltende Höchstgrenze für den Hinzuverdienst von derzeit 450 Euro im Monat deutlich angehoben werden.
   Die Forderung der Gewerkschaften, die Teilrente schon ab 60 Jahren zu ermöglichen, lehnt Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ebenso wie die Union ab. In den kommenden Jahrzehnten müssen Durchschnittsverdiener mit rund 2.900 Euro Monatsbruttolohn davon ausgehen, nur noch eine Rente in Höhe der Grundsicherung zu erhalten. Das sind inklusive der Leistungen für Wohnung und Heizung derzeit 690 Euro im Monat, berichtet die „Bild"-Zeitung unter Berufung auf eine Studie der Uni Duisburg-Essen.
HA141104KathrinGottholdDorotheaSiems

 „Rentenbericht verschweigt Risiken"
Der frühere Wirtschaftsweise Bert Rürup kritisiert Politik der Großen Koalition

   Die Bundesregierung zeichnet in ihrem diesjährigen Bericht ein positives Bild von der Zukunft der Renten- versicherung. Der Beitragssatz sinkt danach zum Jahreswechsel von 18,9 auf 18,7 Prozent, um dann bis 2018 stabil zu bleiben. Gleichzeitig wird den 20 Millionen Ruheständlern ein deutlicher Anstieg ihrer Renten in Aussicht gestellt. Bundesarbeitsministerin An­drea Nahles (SPD) lobt die „soliden und verlässlichen" Rentenfinanzen. Und der Vorsitzende des Arbeitnehmerflügels der Union, Peter Weiß, spricht gar von einem „Sensationsjahr für die Rente": Trotz Mehrausgaben für Mütterrente und Rente mit 63 könne die Koalition den Beitragszahlern über lange Zeit eine Entlastung garantieren.
   Der frühere Chef der Wirtschaftsweisen Bert Rürup sieht indes erhebliche Risiken für die Rentenversicherung. Die Regierung „surft auf einer ökonomischen Wohlfühlwelle", sagte der Ökonom. Doch der demografische Wandel und die großzügige Rentenpolitik der Großen Koalition belasteten langfristig das Alterssicherungssystem erheblich. „Die Politik verschließt die Augen vor den in der demografischen Entwicklung angelegten Problemen, die ab 2030 virulent werden", sagte Rürup. Der Rentenbericht ende jedoch mit seinen Vorausberechnungen im Jahr 2028. Der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) habe dagegen den Mut gehabt, 40 Jahre im Voraus zu rechnen, die Regierung von Gerhard Schröder (SPD) immerhin noch 30 Jahre. Jetzt aber sei man nur noch bereit, sich mit den Problemen der nächsten 15 Jahre auseinanderzusetzen. „Für eine nachhaltige Rentenpolitik ist dieser Zeitraum viel zu kurz", betonte Rürup, der frühere Regierungen bei Rentenre­formen beraten hatte. Der Sozialbeirat der Regierung habe bereits vor Jahren für eine Verlängerung des Prognosezeitraums plädiert.
   Aber auch schon in den nächsten Jahren könnten Beitragszahler und Rentner unliebsame Überraschungen erleben. So basieren die Angaben zur künftigen Entwicklung von Beitragssatz und Rentenniveau auf optimistischen Wirtschaftsszenarien. „Bei einem wirklichen Einbruch der Konjunktur käme man schnell in Schwierigkeiten", warnte der Forscher. Auch die von der Regierung zugrunde gelegte Annahme einer durchschnittlichen Nettozu­wanderung von 200.000 Personen pro Jahr auf Dauer „ist recht kühn". Migra­tion entlastet die Rentenversicherung, da in der Regel vor allem jungen Menschen zuwandern.
   Und noch ein Problem sieht der Rentenexperte: Deutschlands Erwerbspotenzial werde in wenigen Jahren als Folge der demografischen Entwicklung kleiner werden. Und weil dann Fachkräfte knapper werden, dürfte die Regierung mit ihrer Erwartung stetig steigender Löhne und deshalb auch steigender Renten wohl richtig liegen, so Rürup. Dies sei allerdings bei einem Rückgang der Erwerbstätigenzahl und des Arbeitsvolumens nicht gleichbedeutend mit einem entsprechenden Anstieg der beitragspflichtigen Lohnsumme. „Im Gleichschritt mit den Löhnen steigende Renten treiben bei gleichzeitig geringerem Lohnsummenwachstum aufgrund der abnehmenden Erwerbsbevölkerung den Beitragssatz." Dieses Problem werde zwar innerhalb der Beschäftigungsszenarien berücksichtigt, aber in seiner langfristigen Bedeutung nicht hinreichend gewürdigt, rügte Rürup. Als mögliche Hebel zur Stabilisierung der Rentenfinanzen jen­seits des Jahres 2030 sieht der Ökonom ein weiteres stufenweises Heraufsetzen der Regelaltersgrenze oder eine noch stärkere Kofinanzierung aus Steuermitteln. „Weitere Leistungsrücknahmen werde es dagegen „nie mehr geben", prophezeite Rürup und verwies auf die wachsende Gruppe älterer Wähler.
   Der Rentenbericht hebt hervor, dass die im Gesetz festgeschriebenen Höchstgrenzen für den Beitragssatz von 20 Prozent bis 2020 und 22 Prozent bis 2030 eingehalten werden. So plant die Regierung für 2020 mit einem Beitragssatz von 19,5 Prozent und bis 2028 mit einem Anstieg auf 21,4 Prozent. Das Sicherungsniveau soll von derzeit 48 Pro­zent auf 44,4 Prozent in 2028 absinken und damit ebenfalls noch die gesetzliche Marke von mindestens 43 Prozent einhalten. Der Rentenexperte der Bündnisgrünen, Markus Kurth, kritisierte, das sinkende Rentenniveau und unzureichende private Vorsorge führe zu einer bedrohlichen Entwicklung der Versorgung im Alter.
   2015 sollen die Renten in West­deutschland um 1,57 Prozent und im Osten um 1,71 Prozent angehoben werden. Für 2016 steht laut Rentenversi­cherungsbericht eine deutliche Erhö­hung von 4,51 Prozent im Westen und 4,62 Prozent im Osten an. Doch handelt es sich dabei um Modellrechnungen. Für 2015 etwa lag die Prognose zunächst fast doppelt so hoch. Der Sprecher der Rentenversicherung, Dirk von der Heide, erklärte, die tatsächliche Höhe der Rentenanpassung stehe jeweils erst im Frühjahr fest.
   Aus dem Regierungsbericht geht auch hervor, dass die Zahl der älteren Arbeitnehmer stetig zunimmt. 2013 war die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen berufstätig, im Jahr 2000 war es nur jeder Fünfte. Entsprechend erhöhte sich im selben Zeitraum das Alter, in dem Arbeitnehmer in Rente gehen. Im Jahr 2000 betrug es im Durchschnitt 62,3 Jahre. Heute liegt es bei 64,1 Jahren. Der Vorsitzende der Arbeitnehmergruppe der Unionsfraktion, Peter Weiß, forderte mehr altersgerechte Arbeitsplätze. Politik und Betriebe müssten gemeinsam die richtigen Schritte gehen.
HA141120DorotheaSiems

 15.000 Anträge auf Rente mit 63 in Niedersachsen -  Höhere Kosten als angenommen

  Schätzungsweise 15000 Menschen aus Niedersach­sen haben bis Ende Oktober einen Antrag auf die neue abschlagsfreie Rente mit 63 gestellt. Die Zahl teilte die Deutsche Rentenversicherung (DRV) Braunschweig- Hannover auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Derzeit sei nicht absehbar, wie viele Anträge noch bis Jahresende folgen würden. Dafür fehlten adäquate Vergleichszahlen.
   Ganz andere Größenord­nungen kommen auf die Deutsche Rentenversiche­rung (DRV) in Berlin zu: 163.000 Anträge sind bis Ende Oktober gestellt worden, bislang wurden rund 110.000 bearbeitet und fast ausnahmslos bewilligt. Das bestätigte ein Sprecher der Deutschen Rentenversicherung Bund in Berlin, nachdem die „Rheinische Post" darüber berichtet hatte.
   Somit müsste mit deutlich höheren Ausgaben als bisher angenommen gerechnet werden, heißt es weiter. In diesem Jahr werde die Rente mit 63 voraussichtlich 1,5 Milliarden Euro statt der geplanten 0,9 Milliarden kosten. 2015 wird mit Ausgaben von drei statt 1,9 Milliarden Euro gerechnet.
   Die Antragsteller sind dem Bericht zufolge zu zwei Dritteln männlich. Darunter seien vor allem gut verdienende Fachkräfte des verarbeitenden Gewerbes, die eine duale Ausbildung gemacht und einen hohen Rentenanspruch hätten, sagte der Arbeitsmarktforscher Ulrich Walwei dem Blatt.
   Berufstätige, die studiert hätten, könnten hingegen meist nicht die erforderlichen 45 Beitragsjahre vorweisen, um mit 63 Jahren bereits abschlagsfrei in Rente zu gehen. NOZ141121kfr

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Foto: Im Alter gehen viele Tätigkeiten nicht mehr so leicht von der Hand.
Trotzdem gilt das gesetzliche Renteneintrittsalter.
Lohnt sich eine frühe Rente?
Wer vorzeitig in den Ruhestand geht, muss mit Abschlägen rechnen – Einmalzahlungen können das ausgleichen

   Vorzeitig in Rente? Manch einem Arbeitnehmer scheint dies eine interessante Alternative zu sein - etwa, weil der Job mit zunehmendem Alter schwerfällt oder schlicht die Lust am Arbeiten verloren gegangen ist. Doch dieser Schritt hat Konsequenzen - meist ist er mit Abschlägen verbunden. „Bei einem vorzeitigen Ruhestand muss in aller Regel pro vorgezogenem Monat ein Abschlag von 0,3 Prozent in Kauf genommen werden", sagt Dirk von der Heide von der Deutschen Rentenversicherung Bund. Ausgleichen lässt sich das unter Umständen durch zusätzliche Zahlungen.
   Das Renteneintrittsalter steigt seit 2012 stufenweise an. Zurzeit liegt es zwischen 65 Jahren und fünf Monaten und 67 Jahren. Ab dem 55. Lebensjahr erhält jeder Beschäftigte alle drei Jahre eine Rentenauskunft, aus der hervorgeht, ob er die Voraussetzung für eine abschlagsfreie Frührente erfüllt, sagt Theo Pischke von der Stiftung Warentest.
   Eine vorzeitige Rente ohne Abschläge ist möglich, wenn der Beschäftigte 45 Versicherungsjahre vorweisen kann. Personen, die vor 1953 geboren sind, können mit 63 Jahren in Rente gehen. „Für die Jahrgänge 1953 bis 1963 erhöht sich der frühestmögliche Rentenbeginn in Zweimonatsschritten", so Pischke.
   Wer keine 45 Versicherungsjahre erbracht hat, muss bei einer Frührente Abschläge in Kauf nehmen. Generell gilt: Bei einer Mindestversicherungszeit von 35 Jahren kann man schon im Alter von 63 Jahren Rente bekommen - aber nicht in voller Höhe. Wie viel Prozent von der Bruttorente abgezogen werden, ist abhängig vom Geburtsjahr. „Den Geburtsjahrgang 1952 kostet die Rente mit 63 einen Abschlag von 9 Prozent, der Geburtsjahrgang 1963 hat einen Abschlag von 13,8 Prozent", erklärt Pischke.
   Interessierte sollten sich mit etwa 55 Jahren beim zuständigen Rentenversicherungsträger melden. Er kann ermitteln, wie hoch eine mögliche Einmal-Zahlung sein müsste, um eine Rentenminderung auszugleichen. „Der Beitrag errechnet sich nach einer gesetzlich festgelegten Formel", erläutert von der Heide. Maßgeblich sind unter anderem der individuelle Beitragssatz zur Rentenversicherung und der Prozentsatz, um den die Rente möglicherweise gekürzt wird. Er nennt zwei Beispiele für das Jahr 2016. Bei einer Bruttorente von 700 Euro im Monat
und einem Jahr vorzeitigen Rentenbeginn müsste der Versicherte etwas über 5.800 Euro in die Rentenversicherung einzahlen. Damit könnte er die Rentenminderung in Höhe von 3,6 Prozent - also von etwa 25 Euro pro Monat - voll ausgleichen.
   Wer drei Jahre früher in Rente gehen möchte, müsste bei einer Bruttorente von 1.300 Euro pro Monat rund 35.000 Euro für den Ausgleich einzahlen. Die Rentenminderung liegt in dem Fall bei 10,8 Prozent beziehungsweise rund 140 Euro pro Monat. Die Ausgleichszahlungen kann man bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze leisten. „Unabhängig davon sollte jeder seine finanzielle Situation für den Lebensabend genau prüfen, damit es im Rentenalter keine böse Überraschung gibt", sagt Ralf Scherfling von der Verbraucherzentrale. HAZ160819SabineMeuter

Niedriginsen belasten den Pensionsfonds
Renditen stark gesunken: Die derzeitigen Niedrigzinsen lassen nach einem Medienbericht die Erträge staatlicher Pensionsfonds für die Altersversorgung von Beamten abstürzen. Das meldete die „Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf eine eigene Umfrage bei den Finanzministerien der 16 Bundesländer. Demnach sind die Renditen der Fonds 2015 teilweise auf unter 2 Prozent gesunken. 2016 habe sich der Negativtrend fortgesetzt.
In den Pensions- beziehungsweise Versorgungsfonds
der Länder wird Geld zurückgelegt, das für die Auszahlung von Beamtenpensionen verwendet werden soll. Die Bundesländer sind dazu verpflichtet, Rücklagen für die Altersversorgung ihrer Beamten zu bilden.
Die Umfrage ergab für das Jahr 2014 noch Renditen der Fonds von teilweise um die 8 Prozent. 2015 ging es demnach bergab, teilweise auf unter 2 Prozent. Noch düsterer sah es dem Bericht zufolge im ersten Halbjahr 2016 aus: Der Fonds in Sachsen-Anhalt beispielsweise erwirtschaftete nur noch ein Plus von 0,16 Prozent.
Das Bundesinnenministerium zeigte sich dem Bericht zufolge aber gelassen: Es sei nicht davon auszugehen, dass die Niedrigzinsphase „30 oder 40 Jahre andauern wird".
HAZ160819SabineMeuter

 Jeder siebte Rentner lebt unter der Armutgrenze
Sozialverbände sind alarmiert und fordern eine Anhebung des Rentenniveaus

   Geldnot trifft immer mehr ältere Menschen in Deutschland: Das Armuts­risiko der über 65-Jährigen steigt stärker als im Bevölkerungsdurchschnitt und hat den höchsten Stand seit Einführung der Statistik 2005 erreicht. Fast jeder siebte Ältere (14,8 Prozent) war 2013 in den alten Bundesländern von Armut bedroht. In den neuen Bundesländern (einschließlich Berlin) gilt jeder achte Rentner (12,5 Prozent) als armutsgefährdet. Das Risiko der über 65-Jährigen steigt stärker als im Bevölkerungsdurchschnitt. Die „Armutsschwelle " wird heute bei knapp 900 Euro Monatseinkommen angesetzt.
   Um Altersarmut einzudämmen, fordern die Sozialverbände eine Anhebung des gesetzlichen Rentenniveaus auf 50 Prozent (heute 48). Das aber soll langfristig sinken - auf voraussichtlich 44,4 Prozent im Jahr 2028. „Besonders im Osten werden wir in den kommenden Jahren eine Welle von Altersarmut erleben", warnte der AWO- Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler. Schon bald gingen Menschen in Rente, deren Erwerbsbiografien durch die Wiedervereinigung stark zerrüttet worden seien. „Das Problem ist akut wie nie und darf nicht mehr wegdiskutiert werden", erklärte die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher.
   Das Bundeskabinett billigte gestern den Bericht zur Altersvorsorge, in dem sich Arbeitsministerin Andrea Nahles(SPD) zur Rente mit 67 bekennt. Immer mehr Menschen arbeiteten über das 60. Lebensjahr hinaus, hieß es zur Begründung. Die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen ist demnach zwi­schen den Jahren 2000 und 2013 von 20 Prozent auf 50 Prozent gestiegen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in dieser Altersgruppe ist seit 2000 um eine Million auf 1,6 Millionen (32 Prozent) geklettert. Davon profitieren vor allem die Frauen. Während sich die Erwerbstätigenquote bei Männern mehr als verdoppelt hat, liegt sie bei Frauen sogar dreieinhalbmal so hoch.
   Die Entwicklung hat Folgen für Unternehmen und Gesellschaft. Koalitionspolitiker forderten mehr altersgerechte Arbeitsplätze. Weil aber auch die Belastungen wachsen, müsse das betriebliche Gesundheitsmanagement ausgebaut werden, erklärte Peter Weiß, der Sprecher des Unions Arbeitnehmerflügels. Eine „Flexi-Kommission" der Fraktionen soll Vorschläge vorlegen, wie der Übergang in den Ruhestand besser organisiert werden kann.
   Nach Einschätzung der Bundesregierung können sich die mehr als zwanzig Millionen Rentner spätestens 2016 über eine kräftige Rentenerhöhung von mehr als vier Prozent in Ost und West (4,62 und 4,51) freuen. Nach den Modellrechnungen im Rentenversicherungsbericht sollen die Renten in den Folgejahren 2017 und 2018 im Westen um gut 2,4 Prozent steigen, im Osten um etwa 2,5 Prozent.
   Entlastung gibt es für Beitragszahler: Weil die Rentenkassen prall gefüllt sind, hat das Kabinett eine Senkung des Rentenbeitrags ab 2015 um 0,2 Prozentpunkte auf 18,7 Prozent beschlossen.

 1,2 Millionen Niedersachsen betroffen - Viele Frauen in sind Not

  Aus den jüngsten Daten der Statistiker geht hervor, dass in Niedersachsen neben Geringqualifizierten und Erwerbslosen vor allem ältere Frauen und Alleinerziehende besonders von Armut bedroht sind. Die Diakonie forderte gestern eine bessere Unterstützung von Frauen.
   Die Altersarmut in dieser Bevölkerungsgruppe sei „eine direkte Folge unterbrochener Erwerbsbiografien oder geringer Verdienstmöglichkeiten", sagte Diakonie-Vorstandsprecher Christoph Künkel in Hannover. Damit Altersarmut nicht zu einem Massenphänomen werde, müssten dringend die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden, forderte Künkel. „Wir wissen, dass viele alleinerziehende Frauen eine gute Ausbildung haben. Doch sie können wegen unzureichender Betreuungsmöglichkeiten ihre Berufe nicht ausüben."
   Nach Angaben des Landesamtes für Statistik stieg die sogenannte Armutsgefährdungsquote in Niedersachsen im vergangenen Jahr um 0,6 Prozentpunk­te auf 15,8 Prozent. Sie liegt etwas höher als im Bundesdurchschnitt. Damit gelten rund 1,2 Millionen Niedersachsen als armutsgefährdet, das ist fast jeder sechste Einwohner.  HAZ141120IraScheibleFrankLidscheid

re-gRentenpaket-x  Die Deutschen wollen länger arbeiten

Vor allem junge und gebildete Beitragszahler lehnen den vorzeitigen Ruhestand ab.
Stabilität des Rentensystems wird bezweifelt 

   Es muss sich etwas ändern im Rentensystem, da ist Deutschland sich einig: 91 Prozent der Bürger halten die bisherigen Reformen für nicht ausreichend, um die gesetzliche und private Rente auf eine sichere Grundlage zu stellen. Allerdings gehen die Vorhaben der Politik an den Wünschen der Bürger vorbei. Das sind Ergebnisse einer Studie zum Thema „Rente, Reformen und Zukunftsängste 2014" des Meinungsforschungsinstituts Forsa, das die Gothaer Versicherung in Auftrag gegeben und veröffentlicht hat. Die Meinungsforscher haben im September 2014 bundesweit 1513 Bürger zwischen 20 und 70 Jahren befragt.
      Vom Grundsatz her hält das Gros der Deutschen (61 Prozent) den Generationenvertrag - also den SolidarVertrag zwischen der älteren und jüngeren Generation, auf dem das Umlageverfahren der gesetzlichen Rente fußt - zwar für gerecht. „Die Studie zeigt deutlich, dass den Bürgern immer stärker bewusst wird, dass das deutsche Rentensystem in seiner heutigen Form an seine Grenzen stößt", sagt aber Karsten Eichmann, Vorstandsvorsitzender der Gothaer Versicherungen. Was die Politik allerdings anbiete, gehe an der Lebenswirklichkeit vorbei. Insbesondere die jüngeren und gut gebildeten Befragten sehen etwa die Pläne zur Rente mit 63 kritisch: 48 Prozent der 20- bis 30-jährigen gehen der Studie zufolge davon aus, dass das Vorhaben das Rentensystem und die öffentlichen Kassen mittelfristig überfordern werde. 43 Prozent der Jungen hingegen halten die Rente mit 63 finanziell für vertretbar. Von den Befragten mit Abitur oder Studium sehen 49 Prozent eine mittelfristige Überforderung der Sozialkassen (gegenüber 43 Prozent). Über alle Altersschichten hinweg geht immerhin eine knappe Mehrheit (56 Prozent) davon aus, dass die öffentlichen Kassen eine Rente mit 63 stemmen werden. Doch für sich selbst in Anspruch nehmen will man sie nicht: 58 Prozent der Bürger können sich sogar vorstellen, länger als bis zum 65. Lebensjahr zu arbeiten.
   Dabei geben 77 Prozent aller Befragten an, aus „Spaß" an der Arbeit länger arbeiten gehen zu wollen. Allerdings nimmt die Einstellung offensichtlich mit zunehmenden Jahren auf dem Arbeitsbuckel ab:  Während die Gruppe der 20- bis 30-Jährigen zu 88 Prozent den Spaßfaktor nannte, sind es bei den 61- bis 70-Jährigen noch 64-Prozent. Finanzielle Gründe hingegen treiben vor allem die 31- bis 40-Jährigen dazu, sich mit einem längeren Arbeitsleben anzufreunden (62 Prozent). Insgesamt jedoch liegt der Grund „Geld" mit 60 Prozent hinter dem Grund „Spaß".
   Statt eines starren Renteneintrittsalters wünschen sich Bürger einen flexiblen Übergang ins Rentnerdasein, zeigt die Studie. Auf die Frage „Sollte es für Erwerbstätige grundsätzlich die Möglichkeit geben, auch über die gesetzliche Rentenaltersgrenze hinaus weiterzuarbeiten, wenn sie das möchten, oder sollte es wie bisher eine für alle verbindliche Rentenaltersgrenze geben?", waren 88 Prozent für die erste Variante. „Eine überwältigende Mehrheit ist der Auffassung, dass es für Erwerbstätige möglich sein sollte, auch über die gesetzliche Rentenaltersgrenze hinaus weiter zu arbeiten", fassen sodann die Studienautoren zusammen.
   Da könnte es vielen passen, dass ältere Arbeitnehmer nach Plänen der Koalition künftig leichter in Teilrente gehen und mehr als bisher hinzuverdienen können sollen. Während andere Möglichkeiten für flexiblere Übergänge in die Rente zwischen den Regierungsparteien bislang strittig sind, zeichnete sich nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa in diesem Punkt eine Einigung ab. Zurzeit können Arbeitnehmer bereits ab 63 weniger arbeiten und Teilrente mit Abschlag kassieren. Doch unter den 648.259 Zugängen in die Altersrente 2013 waren nur 1.624 Teilrentner. Bei 450 Euro Zuverdienst ist Schluss, sollen die Bezüge nicht stark gekürzt werden.
   „Viele Ältere wollen länger arbeiten, können aber nicht mehr unbedingt den Takt der Jüngeren mitgehen und haben längere Regenerationsphasen", sagte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) zu den bekannt gewordenen Plänen. Sie hält vom Grundsatz her an ihrer 63-Jahre Grenze fest: Ab diesem Alter die Arbeitszeit reduzieren zu können, sei ein gutes Mittel, um Ältere angesichts von Engpässen bei Fachkräften länger dem Arbeitsmarkt zu erhalten.
   Nicht nur für Unternehmen ist es ein wichtiger Punkt, ältere im Arbeitsmarkt zu halten, um ihre Kompetenz zu nutzen. Der Forsa-Studie zu Folge gibt fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) an, länger als bis zur Rentenaltersgrenze arbeiten zu wollen, um ihr Wissen und ihre Fähigkeiten an andere weitergeben zu können. Spaß an der Arbeit, finanzielle Gründe, soziale Kontakte oder eben auch Wissenstransfer an Jüngere. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Befragten gab an, große Angst zu haben, dass sich ihre Einkommenssituation beziehungsweise ihre soziale Lage drastisch verschlechtere. Darum sorgen sich insbesondere die 41- bis 50- Jährigen (42 Prozent). Mit ihrer aktuellen finanziellen Situation sind die Deutschen mehrheitlich zufrieden. Der Studie zufolge geben sich nur 30 Prozent weniger zufrieden oder gar unzufrieden. Mit Blick auf das Alter hingegen malen die Befragten ein anderes Bild. 77 Prozent gehen davon aus, finanzielle Einbußen hinnehmen zu müssen.
   Privat vorsorgen, so zeigt die Forsa-Gothaer-Studie, können oder wollen trotzdem nicht alle ausreichend. 43 Prozent der Befragten meinen, sie müssten mehr private Vorsorge betreiben. 77 Prozent der Befragten geben fehlendes Geld als Haupthinderungsgrund für (mangelnde) Vorsorge an. Eichmann ist ein weiteres Ergebnis der Studie ein Anliegen: „Ein wichtiger Reformansatz, den immerhin 53 Prozent der Bürger befürworten, ist die Einführung einer obligatorischen betrieblichen Altersvorsorge." Das freue ihn zwar, sei aber in seinen Augen nicht ausreichend: „Aus unserer Sicht bedarf es noch tiefgreifenderer Veränderungen hin zu einem zumindest in Teilen kapitalgedeckten System", sagt Eichmann. Erfreulich sei, dass die Menschen ihre Alterseinkünfte recht realistisch einschätzen könnten und so die Notwendigkeit einer privaten Vorsorge erkennen würden. HA141104KathrinGotthold

Nur noch Grundsicherung
Selbst Durchschnittsverdiener
müssen in den kommenden Jahrzehnten damit rechnen, nur noch eine Rente in Höhe der Grundsicherung zu erhalten. Das berichtet die „Bild"-Zeitung unter Berufung auf eine Studie des „Instituts Arbeit und Qualifikation" der Uni Duisburg-Essen. Danach muss ein Beschäftigter mit einem Durchschnittslohn von rund 2.900 Euro beim Rentenbeginn 2015 schon 28,3 Jahre gearbeitet haben, um eine Rente in Höhe der „Grundsicherung im Alter" zu bekommen. Sie liegt inklusive der Leistungen für Wohnung und Heizung derzeit im Schnitt bei 690 Euro pro Monat.
Wegen des sinkenden Rentenniveaus sind beim Rentenbeginn im Jahr 2030 schon 31,6 Arbeitsjahre mit Durchschnittslohn nötig. Wer nur 80 Prozent vom Durch­schnittslohn (rund 2.300 Euro) verdient, müsste 2030 schon 39,5 Jahre für die Rente in Grund­sicherungshöhe arbeiten. HA141104

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Rentenpolster schmilzt wegen Mehrausgaben

   Die Zahl der Arbeitnehmer, die mit 63 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen, steigt. Bis Ende September 2014 hätten rund 137.000 Personen die neue Gelegenheit zur abschlagsfreien Frührente genutzt, teilte die Deutsche Rentenversicherung mit. Im Vormonat waren es 109.000 gewesen. Die Reserven der Rentenversicherung schmelzen unterdes-sen. Die sogenannte Nachhaltigkeits- rücklage lag Ende September bei rund 32,4 Milliarden Euro, 1,9 Milliarden Euro niedriger als beim Rekordhoch im Juli. Die Rentenversicherung teilte mit, der Rückgang sei vor allem auf steigende Ausgaben zurückzuführen, etwa wegen der Rentenerhöhung im Juli. Zudem machen sich Mehrausgaben für Frührentner bemerkbar und für Mütter, die einen höheren Aufschlag für die Kindererziehung bekommen. Weil das Finanzpolster der Rentenkasse schrumpft, könnte sich auch der Spielraum für eine Beitragssatzsenkung 2015 verkleinern. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat eine Entlastung für Beitragszahler gerade in Aussicht gestellt, ohne sich auf Zahlen festzulegen. Nach geltendem Recht muss der Beitragssatz gesenkt werden, wenn das Finanzpolster eineinhalb Monatsausgaben übersteigt. Dieses Jahr hatte die Koalition eine Senkung verhindert, um Spielraum für Ausgaben zu gewinnen. Nach Schätzung der Rentenversicherung wird die Rücklage am Jahresende etwa den Stand von Ende 2013 erreichen, 32 Milliarden Euro - das 1,8 fache einer Monatsausgabe. Relevant für eine Beitragssenkung ist (im November) die Prognose für Ende 2015. FAZ141011enn

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Grafik: * im öffentlichen Dienst, ** für Landwirte  Quellen: Dt.RV, GDV, BMAS Foto: Peter Bofinger

Wirtschaftsweiser Bofinger Foto will so Altersbezüge absichern. Arbeitsministerin von der Leyen setzt auf mehr private Vorsorge.  Aus der Zuschuss- wurde die Lebensleistungsrente: Ursula von der Leyen verlangt private Vorsorge für ihr Modell einer Grundabsicherunbg im Alter

  Die Zahlen sind verwirrend: Die Deutschen arbeiten wieder länger - und doch nimmt ein immer größerer Anteil der Beschäftigten finanzielle Einbußen in Kauf, weil die Menschen vor Erreichen der Altersgrenze in Rente gehen. Jeder Zweite verabschiedet sich mit Abschlägen in den Ruhestand. Sie betragen derzeit knapp 110 Euro pro Monat.
   Der scheinbare Widerspruch lässt sich so auflösen: Vor wenigen Jahren gingen die Deutschen noch früher in Rente. Oder sie mussten es, weil viele Arbeitgeber sich mit finanziellen Anreizen der Arbeitsämter von Hundert- tausenden der über 60-Jährigen trennen konnten. So rechnete manches Unternehmen seiner silbernen Arbeit- nehmergeneration vor, dass es doch ein gutes Geschäft sei, mit gut 60 den Job an den Nagel zu hängen: Ein goldener Handschlag vom Arbeitgeber, womöglich Altersteilzeit plus zwei Jahre Arbeitslosengeld in Höhe von 60 Prozent des letzten Lohns - fertig war der Brückenplan bis zur Rente.
   So wurden mit staatlicher Hilfe viele in den Ruhestand verabschiedet. Unternehmen haben mutmaßlich teure Mitarbeiter eingespart. Die wiederum gingen schlimmstenfalls mit kleinen Einbußen aber weitaus früher in ihren Le- bensabend. Die Hartz-Reformen und weitere Regel-Verschärfungen am Arbeitsmarkt haben diese Praxis gestoppt.
   Otto Normalarbeiter geht heute wieder im Schnitt mit 63,5 Jahren in die Altersrente, so spät wie seit den 70er- Jahren nicht mehr (1970: 64,3 Jahre). Der Trend zur Frühverrentung in den 80ern und 90ern scheint aufgehalten. Der Anteil der über 60-Jährigen im Job steigt. Doch nach Ansicht der SPD noch zu langsam.
   So wollen die Sozialdemokraten die selbst von ihnen mit verabschiedete Rente mit 67 aussetzen, bis mindestens 50 Prozent der 60- bis 64-Jährigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Das sieht das SPD-Konzept der Solidarrente vor, das bei der Bundestagswahl 2013 gegen die Lebensleistungsrente der CDU um die Gunst der Wähler buhlt.
   SPD wie Union wollen im Kampf gegen eine drohende Altersarmut die private Vorsorge stärken: die Union vor allem über Riester-Rente, die Sozialdemokraten mit Anreizen für eine betriebliche Vorsorge. Der Bundesverband der Rentenberater kritisierte: „Sowohl das Betriebsrentenmodell der SPD als auch die Zuschussrente der Regie- rung verschiebt die Altersvorsorge von der gesetzlichen Rente hin zur privaten Vorsorge." Präsident Martin Reißig sagte über die Pläne der Arbeitsministerin Ursula von der Leyen: „Die Einführung der Lebensleistungsrente wird zu Mehrbelastungen führen, die von den künftigen Steuerzahlern und auch von den Beitragszahlern finanziert werden müssten."
Der Anteil privater Vorsorge am Rentnereinkommen wächst
   Von der Leyens Haus verteidigte die Anhebung des Renteneintrittsalters und die geplanten Reformen. Dadurch stabilisiere sich die Rentenkasse finanziell, die Rente werde fit für die Zukunft, sagte ein Sprecher. Dass die Neu- rentner Abschläge hinnehmen, sei klarem Kalkül geschuldet. In vielen Haushalten werde gerechnet, auf welcher Monatsbetrag sich gesetzliche, private Rente und Erspartes summieren, um früher in Rente gehen zu können.
   Wegen des wachsenden Anteils an privater Vorsorge im Renten-Mix können sich immer mehr Ruheständler die Einbußen aus dem gesetzlichen Topf leisten. Rund acht von zehn Euro, die ein Durchschnitts-Rentnerhaushalt zu Verfügung hat, kommen aus der gesetzlichen Rente. Jeder Fünfte bezieht mehrere Renten gleichzeitig. So kommt es, dass es heutigen Rentnern vergleichsweise gut geht. Die Mehrheit der Senioren, heißt es in einer aktuellen Allensbach-Studie, sei glücklich und vermögend wie nie.
   Das tröstet natürlich nicht die, die sich heute schon ausrechnen können, dass ihr Lohn zu nicht viel mehr als der Grundsicherung reichen wird. Die beträgt im Schnitt gut 800 Euro im Monat.
Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger Foto oben fordert Verfassungsrang für die Rente
   Das gesetzliche Rentenniveau darf von heute 50 Prozent auf 43 Prozent vom Durchschnittslohn sinken. Aufgefangen werden soll der Verlust durch private Vorsorge. Die können oder wollen sich viele nicht leisten - und die Riester-Rente ist auch deshalb in Verruf geraten, weil die Zinsen an den Kapitalmärkten wegen der Euro-Krise extrem niedrig sind.
   Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger plädierte bei „Spiegel Online" für eine Stärkung der gesetzlichen Rente. „Es war ein Fehler, dass wir in Deutschland jahrelang so massiv auf den Ausbau der privaten Altersvorsorge gesetzt haben" so Bofinger. „Das Geld muss nicht an den Finanzmärkten angelegt werden wie bei der privaten Vorsorge." Und für jeden Euro auf der hohen Kante schwinde der Ertrag: „Die Deutschen sparen sich zu Tode - und bekommen immer weniger dafür."
   Bofinger würde der deutschen Rentenkasse aus Bismarcks Tagen sogar Verfassungsrang einräumen: „Die Menschen könnten sicher sein, dass ihre Ansprüche nicht irgendwann vom Bundestag abgesenkt werden, nur weil die Regierung gerade Geld braucht." HA121207ChristophRybarczyk

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 Quelle: BMAS, Deutsche Rentenversicherung, Statistisches Bundesamt, TNS Infratest, Grafik: kbwn

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Das Niveau der gesetzlichen Rente sinkt, mehr private Vorsorge soll die Deutschen vor Altersarmut schützen       Dass die gesetzliche Rente zum Lebensunterhalt ab 65 oder 67 in Zukunft nicht reichen wird, ist eine Binsen- weisheit. Doch auch die Riester-Rente und die kapitalgedeckte Vorsorge sind in die Kritik geraten, weil in Zeiten der Finanzkrise die Renditen sinken. Gleichzeitig wachsen die Reserven der gesetzlichen Rentenversicherung auf ein Rekordhoch. Wie passt das zusammen? Das Hamburger Abendblatt beantwortet die 15 wichtigsten Fragen.
Wie berechnet sich überhaupt die gesetzliche Rente?
  
Was ein Rentner herausbekommt, hängt von dem ab, was er im Arbeitsleben einzahlt. Die Rentenversicherung verschickt Jahr für Jahr Prognosen zur individuellen Rentenhöhe. Vom derzeitigen Beitrag von 19,6 Prozent vom Bruttoverdienst zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Hälfte. Bis zur Höhe von 5.600 Euro Monatsgehalt (4.800 im Osten) müssen Beiträge gezahlt werden. Kindererziehungszeiten werden angerechnet, für Zeiten von Arbeits- losigkeit werden für ein Jahr geringe Beiträge entrichtet. In die Rentenkasse fließen pro Jahr etwa 80 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt für „versicherungsfremde Leistungen" wie die Anrechnung von Kindererziehungs- zeiten für die Rente. Ein Standardrentner (45 Versicherungsjahre, der jedes Jahr das Durchschnittseinkommen verdient) erhält derzeit 1.230 Euro aus der gesetzlichen Rente. Wer vor der Altersgrenze von 65 oder 67 Jahren Rente beziehen will, muss Abschläge in Kauf nehmen: 0,3 Prozent pro Monat, den man früher geht.
Was ist die Rentenformel?
   Sie zeigt an, wie die Rente jedes Jahr steigt und richtet sich nach der Entwicklung der Löhne. In die Renten- formel sind ein Nachhaltigkeits- und ein Riesterfaktor eingebaut. Das heißt, dass eine Rentensteigerung nie so hoch ausfällt wie möglich. Der Nachhaltigkeitsfaktor besagt, dass es in Zukunft deutlich mehr Rentner und weniger Arbeitnehmer geben wird, die die Renten finanzieren. Der Riester-Faktor weist darauf hin, dass die Arbeitnehmer einen Teil ihres Einkommens in eine private Altersvorsorge stecken können, bevor dafür Beiträge zur Rentenkasse gezahlt werden. Deshalb kommt vom Gehalt nicht so viel in der Rentenkasse an wie früher. Diese Faktoren „dämpfen" die Rentensteigerung.
Was unterscheidet gesetzliche Rente und Beamtenpension?
   Beamte zahlen nicht in die Rentenkasse. Sie erhalten je nach Zahl der Dienstjahre bis zu 71 Prozent des letzten Gehalts als Pension. Davon müssen sie Beiträge an ihre private Krankenversicherung abführen (Rentner zahlen auch in die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung) und die Pension voll versteuern. Der Steueranteil der gesetzlichen Rente steigt ebenfalls.
Hat die Rentenkasse Reserven?
   Sie dürften sich durch die gute Konjunktur Ende 2012 auf 28,8 Milliarden Euro angehäuft haben. Laut Gesetz müssen bei dem 1,5-Fachen einer Monatsausgabe (etwa 18 Milliarden Euro) die Beiträge gesenkt werden. 2013 sollen sie 19,0 Prozent betragen. Daran gibt es Kritik, weil das Geld lieber gespart werden soll, finden SPD und Gewerkschaften sowie Teile der CDU.
Wie hoch ist die Rendite der gesetzlichen Rente?
   Sie liegt zwischen 3,0 und 3,8 Prozent - das ist viel im Vergleich zu manchen Anlageformen, die wegen der Finanzkrise schrumpfen.
Wie wird sich die gesetzliche Rente entwickeln?
    Das Standardrentenniveau senkt sich von 51 auf 43 Prozent im Jah 2030. Das bedeutet, ein Standardrentner verdient nur noch 43 Prozent vom Gehalt eines Durchschnittsverdieners. Rentenversicherung und Experten dringen darauf, die „Rentenlücke" zu schließen, die zwischen gesetzlichem Anspruch und Bedarf zum Lebens- unterhalt besteht. Private Vorsorge sollte deshalb gleich mit Berufseintritt beginnen.
Wie viele arme Rentner gibt es?
   Etwa 2,4 Prozent der 20 Millionen Rentner bekommen die Grundsicherung. Die Zahlen sind seit einigen Jahren recht stabil, sollen aber steigen. Denn die Zahl der Niedriglöhner und prekär Beschäftigten in Deutschland nimmt ebenfalls zu. Verlässliche Szenarien gibt es nicht.
Was bedeutet die Zuschussrente?
   Nach dem Modell von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bekommt derjenige künftig 850 Euro im Monat, der 40 Versicherungsjahre hat, davon 30 Beitragsjahre. Ab 2023 sind 45 bzw. 35 Jahre erforderlich. Eine private Altersvorsorge ist ab 2018 verpflichtend. Diese wird am Ende nicht auf die gesetzliche Rente angerechnet. Nach Ministeriumszahlen gibt es im Jahr 2013 insgesamt 26.000 Menschen, die die Zuschussrente beziehen, 2025 sind es 934 000, und im Jahr 2030 werden es 1,35 Millionen Menschen sein.
Warum privat vorsorgen?
   Die gesetzliche Rente allein wird für den Lebensunterhalt der meisten Bürger nicht mehr reichen, weil die Gesell- schaft altert und die Lebenserwartung steigt. Die rot-grünen Rentenreformen begünstigen die private Alters- vorsorge, ob Riester-Rente oder Betriebsrente. Wer in diese Verträge einzahlt, darf vom Lohn bis zu vier Prozent abziehen, ehe die Sozialabgaben fällig werden. Bei der Riester-Rente kommen staatliche Zuschüsse und Kinder- zuschläge dazu.
Welche Möglichkeiten gibt es, selber für das Alter vorzusorgen?
  Hier muss man unterscheiden zwischen staatlich geförderten Vorsorgeprodukten - dies sind vor allem die Riester- Rente, die sogenannte Rürup-Rente und die betriebliche Altersvorsorge - sowie die Varianten ohne direkte Förderung wie etwa Fonds sowie Lebens- und Rentenversicherungen.
   „Man muss wissen, dass ungeförderte Produkte durchaus eine bessere Rendite bringen können als geförderte", sagt dazu Achim Tiffe, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Finanzdienstleistungen (iff) in Hamburg. Bei langen Anlagezeiträumen von mehr als 25 Jahren könnten Sparpläne auf Indexfonds eine gute Alternative sein: „Sie bieten zwar keine Garantie auf Kapitalerhalt, aber dafür sind die Kosten sehr niedrig und man bleibt flexibel, weil man sich nicht festlegt."
Lohnt sich das Riestern?
    Seit 2002 sind 45 Milliarden Euro an Beiträgen und staatlichen Zulagen in Riester-Verträge geflossen. Davon waren 13,2 Milliarden vom Staat. Zurzeit gibt es 15,5 Millionen Verträge - Tendenz weiter steigend. Zahlen der Zu- lagestelle belegen: Geringverdiener und Frauen profitieren auch von Riester. Jeder dritte Riester-Sparer mit staat- licher Förderung verdient weniger als 10.000 Euro im Jahr brutto. 70 Prozent haben ein Einkommen unter 30.000 Euro, also unter dem Durchschnittsverdienst. „Der Kinderzuschlag kommt bei den Familie an“, sagt Sabine Ohs- mann von der Deutschen Rentenversicherung. Von jedem Euro Staatsförderung flössen gut 40 Cent als Kinder- zulage. Wegen der geringen Kosten halten Experten Riester-Produkte auf Basis von Bank- sparplänen für sinnvoll.
Für wen eignet sich die Rürup-Rente?
   Die Rürup-Rente (offiziell: Basisrente) zielt vor allem auf Selbstständige. Nicht selten jedoch seien die Kosten sehr hoch, hat Tiffe beobachtet: „Bei Provisionen für den Vermittler von zum Beispiel 7.500 Euro ist zumindest in den ersten zehn Jahren keine nennenswerte Rendite zu erwarten." Häufig werde die Rürup-Rente aber auch zum Steuersparen von gut verdienenden Menschen gegen Ende ihrer Karriere genutzt, die dann hohe Einmalbeiträge einzahlen.
Ist die betriebliche Altersvorsorge der Königsweg?
   An der betrieblichen Altersvorsorge per Entgeltumwandlung gefällt dem Hamburger Finanzexperten Tiffe beson- ders das simple Prinzip: „Die Beiträge werden direkt vom Bruttogehalt abgezogen, es gibt keine Bürokratie wie etwa Förderanträge." Er rät Arbeitnehmern aber dazu, sich selbst die Mühe zu machen, die Kostenstruktur des vom Arbeitgeber vorgeschlagenen Produkts mit denen anderer Anbieter zu vergleichen. Für das Unternehmen sei es kein großer Aufwand, die Beiträge in eine andere Pensionskasse als die per Rahmenvertrag vorgesehene zu leiten.
Sind Lebensversicherungen noch empfehlenswert?
   Traditionell sind sie noch immer die wohl am weitesten verbreitete Form der privaten Altersvorsorge: Mehr als 93 Millionen Verträge gibt es in Deutschland, im Jahr 2011 wurden Leistungen von 85 Milliarden Euro ausgezahlt. Lebens- und Rentenversicherungen sind nach Auffassung von Tiffe aber „zu unflexibel": Der Kunde erleide in der Regel hohe Einbußen, wenn er den Vertrag ruhen lassen oder kündigen wolle. Inzwischen sei auch die garantierte Verzinsung - die bei Neuverträgen nur noch 1,75 Prozent beträgt - kein sehr gutes Verkaufsargument mehr.
Schützt eine Immobilie vor Altersarmut?
   „Wenn sie abbezahlt ist, tut sie das", sagt Tiffe. Bis zum Erreichen des Rentenalters sollte es aber möglichst so weit sein, fügt er an. Allerdings müsse man berücksichtigen, dass auch Rücklagen etwa für ein neues Dach oder andere notwendige Renovierungen gebildet werden sollten. „Es soll sich aber niemand nur durch die aktuell nie- drigen Bauzinsen und durch den jüngsten kräftigen Immobilienpreisanstieg verleiten lassen, jetzt eine Wohnung oder ein Eigenheim zu kaufen", warnt Tiffe. „Man muss sich schon einigermaßen sicher sein, dass man die An- schlussfinanzierung auch noch tragen kann, wenn die Zinsen dann spürbar höher sind."
HA120908VolkerMesterChristophRrybarczyk

Ruheständler können finanzielle Vorteile geltend machen

    Ob Wohnung, Bahn oder Versicherung: Senioren können viele finanzielle Vorteile geltend machen - oft müssen sie sich nur trauen. Um mehr als vier Prozent sollen die Renten im kommenden Sommer steigen. Doch viele Rentner kommen trotzdem kaum über die Runden. Die Wohngeldreform 2016, Nebenjobs, Untervermietung oder die Grundsicherung im Alter können da helfen.
Wohngeld: Anfang 2016 wird das Wohngeld deutlich erhöht. Für Hunderttausende Rentner lohnt sich nun ein Wohngeldantrag.  Ein Beispiel aus Berlin: Ein Ehepaar erhält dort zusammen Renten von 1.400 Euro brutto im Monat. Die Kaltmiete beträgt 550 Euro. Das Paar könnte ab Januar zusätzlich 47 Euro Wohngeld im Monat bekommen. In Köln, Düsseldorf, Hamburg oder München wäre sogar noch mehr drin.
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rundsicherung: Mehr als eine halbe Million Altersrentner erhalten bereits heute - zusätzlich zur Rente - die Grundsicherung im Alter. Noch mal so viele hätten eigentlich Anspruch darauf, nutzen ihn aber nicht, schätzen Experten. Durch die Grundsicherung stockt das Sozialamt niedrige Renten auf. Die Ämter rechnen dabei 2016 so: Alleinstehende haben Anspruch auf Wohn- und  Heizkosten und zusätzlich 404 Euro für die Lebenshaltung im Monat. Bei einem Ehepaar sind es zusätzlich 728 Euro. Zahlt das Paar beispielsweise 500 Euro Warmmiete, so besteht insgesamt ein Grundsicherungs-Anspruch von 1.228 Euro. Rentenbezüge mindern den Anspruch entsprechend. Bezieht das Ehepaar also insgesamt Renten von 1.100 Euro, so gibt es zusätzlich 128 Euro Grundsicherung. Bei einer Schwerbehinderung und bestimmten Krankheiten kann es auch mehr sein. Wer ehrenamtlich tätig ist, kann - ohne Kürzung der Grundsicherung - eine Aufwandsentschädigung von bis zu 200 Euro im Monat erhalten.
Nebenjob: Schon heute üben mehr als 800.000 Rentner einen Minijob aus. Der Verdienst wird zwar beim Wohngeld und der Grundsicherung angerechnet, nicht jedoch bei der Altersrente. Wer im regulären Rentenalter ist, darf unbegrenzt zur Rente hinzuverdienen. Für Frührentner sind - ohne Rentenkürzung - 450 Euro im Monat erlaubt.
Untervermietung: Gerade Senioren bewohnen oft Wohnungen oder Häuser, die nach dem Auszug der Kinder oder Ableben des Partners schlicht überdimensioniert sind. Warum also nicht ein oder mehrere Zimmer untervermieten? Gerade in Universitätsstädten besteht großer Bedarf. Ein Anruf beim Studentenwerk kann sich lohnen. Zukunft hat auch die Variante „Wohnraum gegen Hilfe". Da helfen Jüngere im Haushalt oder Garten und wohnen dafür mietfrei. Übrigens; Vermieter dürfen eine Untervermietung in der Regel nicht ablehnen.
Vergünstigungen nutzen:
  
Vorteile für Ältere gewährt beispielsweise die Bahn. So kostet ab 60 Jahren die „BahnCard 25" statt 62 nur 41 Euro und die „BahnCard 50" statt 255 nur 127 Euro (jeweils 2. Klasse). Nachfragen lohnt sich auch bei Kinos, Theatern, Schwimmbädern und Museen. Teilweise gibt es Vergünstigungen nur für Schwerbehinderte. Bei gesundheitlichen Handicaps lohnt sich deshalb auch für Senioren ein Antrag auf die Anerkennung als Schwerbehinderter.
   Versicherungsverträge gehören im Alter durchweg auf den Prüfstand. Berufsunfähigkeits- oder Risikolebensversicherungen sind für Senioren meist unnötig. Auch eine Sterbegeldversicherung braucht man nicht. Besser sollte man monatlich einen kleinen Betrag für seine Beerdigung zurücklegen. Viele Senioren besitzen Haustiere, zum Beispiel einen Hund. Die dazugehörige Haftpflichtversicherung für Tierhalter kann für Ältere sogar billiger werden. So ist etwa der Schutz für Hundehalter ab 65 Jahre bei der besonders günstigen Bavaria Direkt mit 40,02 Euro pro Jahr um satte 23 Euro günstiger zu haben als für 30-Jährige. Auch bei den Haftpflichtversicherungen bieten viele Gesellschaften günstigere Seniorentarife an. Fragen Sie danach! NOZRolfWinkel151230

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Hamburger besonders betroffen
Verband fordert Sozialvertrag und mehr Geld für Bedürftige. Grundsicherung für 32.000 Menschen 

   Hamburgs mutmaßlich größter Rentenexperte hat auch den größten Schreibtisch im Rathaus. Der Mann heißt Olaf Scholz (SPD) Foto und war Vorgänger von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Arbeit, Rente, Soziales - das sind Scholz' Leib- und Magenthemen. Deshalb warten auch viele auf ein Wort des Ersten Bürgermeisters zur Rentendebatte und zur drohenden Altersarmut. Doch wie die anderen SPD-Granden, die sich für eine Kanzler- kandidaturwarmlaufen, schweigt Scholz. Die Sozialdemokraten, die die Rente mit 67 beschlossen und die letzte große Reform der Altersvorsorge mit den Grünen eingeführt hatten, haben noch kein Konzept, mit dem sich der Bundestagswahlkampf 2013 bestreiten ließe.
   Dabei läuft ihnen in vielerlei Hinsicht die Zeit davon. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) warnt im Hamburger Abendblatt vor einer verheerenden Entwicklung in Hamburg. Der Landesvorsitzende Klaus Wicher sagte, immer mehr Rentner müssten Mini-Jobs annehmen, um etwas hinzuzuverdienen. „Die gehen noch mit Mitte 70 putzen." Tatsächlich hatten Zahlen der Bundesregierung ergeben, dass zurzeit 761.000 Menschen über 65 regelmäßig arbeiten. Wie viele von ihnen müssen oder wollen, ist nicht belegt.
Sozialverband: Bedürftige können sich keine Riester-Rente leisten
  Wicher sagte, die Altersarmut werde außer den vielen Frauen, die heute betroffen sind, vermehrt Männer aus dem Niedriglohnsektor sowie Teilzeitbeschäftigte treffen,  aber  auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Wer gut 2.000 Euro im Monat verdiene, sei ein Kandidat für die Grundsicherung, Hartz IV im Alter. Die private Alters- vorsorge könnten sich viele nicht leisten. Außerdem sei durch das Scheitern vieler Ehen und Beziehungen die Altersversorgung Tausender Hamburger bedroht. Wer Kinder hat, die vor 1992 geboren wurden, bekommt nicht die Erziehungszeiten angerechnet wie Mütter von jüngeren Kindern. „Tausende Menschen drohen in bitterste Armut zu fallen", warnte Wicher.
   Zurzeit leben 32.568 Hamburger von Grundsicherung. Darunter sind nach SoVD-Angaben 11.000 Menschen, die wegen einer Krankheit nicht mehr arbeiten können. Der Anteil der bedürftigen Rentner liegt über dem Bundes- durchschnitt. Damit sind Hamburger besonders betroffen.
   „Hohe Mieten, steigende Energie- und Lebensmittelpreise sorgen dafür, dass immer mehr Rentner zu den Ham- burger Tafeln gehen", sagt Wicher. Er fordert, die Grundsicherung auf 450 Euro pro Person zu erhöhen, Mindest- löhne einzuführen und auch Hartz-IV- Empfängern Rentenbeiträge zu zahlen.
   Auch der Mieterbund warnte vor unbezahlbaren Wohnungen in den Großstädten. Im Durchschnitt zahlten Mieter mehr als ein Drittel ihres Haushaltsnettoeinkommens für Miete und Nebenkosten. Der Sozialverband erwartet vom Senat, dass er die Schuldenbremse im Haushalt erst 2020 einführt, wie es das Grundgesetz vorschreibt - und nicht schon früher. Das gewonnene Geld solle in einen Hamburger Sozialvertrag. HA100908ryb

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„Im Grunde sind wir arm"       re-HeidiSpielh-aufsicht-x

   Heidi R, 64, Foto muss Nachtschichten in einer Spielhalle in Horn machen, um mit ihrem Mann über die Runden zu kommen.  Ihre Schicht in der Spielhalle beginnt immer um Mitternacht und dauert mindestens acht Stunden. Eigentlich sind es zwei Hallen mit jeweils einem Dutzend Geldspielgeräten. Die gemauerte Trennwand ist durch- gebrochen worden. Der Betreiber hat dort einen erhöhten Rundtresen installiert, mit einem Getränkeautomat, einer Kaffeemaschine, einer Geldzählmaschine sowie zwei Wechselkassen, sodass Heidi P. immer ein wenig an einen Kapitän auf einer Brücke erinnert.
   Die Stammgäste mögen sie, obwohl oder gerade weil sie ein strenges Regiment führt. Aber wenn ein Spieler nervt oder gar ausflippt, weil er mal wieder zu viel verloren hat, kriegt sie den Kerl innerhalb kürzester Zeit ruhig. Oder sie schmeißt ihn rigoros raus. Außerdem verzählt sie sich niemals, und keiner der Angestellten kocht an- geblich einen besseren Kaffee. Sagt einer, der Helmut heißt und seit über 20 Jahren seine Freizeit hier verbringt.
   Die Spielhalle liegt in Horn, wir dürfen sie nicht näher beschreiben, ihr Chef will das nicht. Aber er meint auch: „Ich beschäftige am liebsten Rentner. Die sind ehrlich und klauen nicht." Heidi ist nicht ihr richtiger Name. Obwohl sie keine Probleme damit habe zu erzählen, dass sie als Aufsicht in einer Spielhalle arbeitet. Na ja, wohl eher doch arbeiten muss, denn die ehemalige Verkäuferin, sie ist 64, leidet an Durchblutungsstörungen und ist daher bereits seit 15 Jahren Frührentnerin.
   Wenn sie diesen Job nicht hätte, dann würden sie und ihr Mann noch sparsamer leben müssen, als sie es eh schon tun. Obwohl ihr Mann beinahe 37 Jahre lang als Malergeselle gearbeitet hatte, bevor seine Knie und Ellen- bogen endgültig kaputt waren und seine Lungen auch. Wegen des jahrelangen Hantierens mit Lösungsmitteln. Und so hatte auch er sich vorzeitig aus dem Erwerbsleben verabschieden müssen.
   „Komm mir bloß nicht mit Altersarmut in der Zukunft oder von was die jetzt immer reden", sagt Heidi in breitestem Hamburgisch. Und dann rechnet sie vor, was sie von Vater Staat bekämen: Gemeinsam erhielten sie jetzt 1.239,83 Euro ausbezahlt. Dem gegenüber stehen ihre monatlichen Fixkosten: 689 Euro Miete warm für drei Zimmer plus Balkon, Strom 32 Euro, Wasser 23 Euro, Telefon und Fernsehen rund 50 Euro sowie zwei Handys für durchschnittlich 40 Euro. Zum Leben blieben ihnen also 405,83 Euro, wenn da nicht noch die 150 Euro wären, die sie aufgrund einer geschäftlichen Fehlinvestition monatlich an die Bank überweisen müssen.
Wer 255 Euro zum Leben hat, dem tun zehn Euro Praxisgebühr sehr weh
   „Als wir damals in Rente gehen mussten, wollten wir uns nicht langweilen und außerdem was fürs Alter zurück- legen", sagt Heidi, die ansonsten über ihren Versuch, sich selbstständig zu machen, eisern schweigt. „Es ist Lehr- geld", meint sie mit bitter-ironischem Unterton, „aber es kam wohl ein bisschen spät." 255,83 Euro für zwei Erwachsene im Monat. Für Essen und Trinken, für Kleidung, für Körperhygiene, für Zigaretten, für Busse und Bahnen und für die Freizeit.
  Dazu die ständigen Arztbesuche - da tun selbst die zehn Euro Praxisgebühr pro Quartal richtig weh. „Ich weiß eigentlich nicht mal mehr, wie man das Wort Urlaub schreibt." Früher seien sie einmal im Jahr weggefahren, nichts Aufregendes, aber es sei schön gewesen, mal rauszukommen. Das könnten sie jetzt vergessen. „Im Grunde sind wir tatsächlich arm, aber wir fühlen uns nicht so." Sie arbeitet auf 400-Euro-Basis, aber der Stundenlohn ist mise- rabel. Er liegt unter dem Einstiegsgehalt bei McDonald's, aber immerhin bekomme sie einen Hauch mehr als die anderen Kräfte in der Spielhalle, die überwiegend aus dem Osten stammten.
   Dafür schlägt Heidi sich bis zu zehn Nächte im Monat um die Ohren, kocht Kaffee für die Nachtspieler, die nicht schlafen können, ohne vorher zu verlieren, räumt Schmutz weg, macht die Kasse, füllt Süßigkeiten nach. Im Mor- gengrauen schwingt sie den Staubsauger und putzt Toiletten. Und die ganze Nacht hat sie das nervtötende Gedudel der Automaten im Ohr. Sie sei froh, dass seit dem 1. September nicht mehr in den Hallen geraucht wer- den darf. „Seitdem ist die Luft besser, und auch der Dreck hat nachgelassen."
   Leider habe aber auch die Spendierfreudigkeit der Spieler nachgelassen. Wenn vor einiger Zeit einer mal richtig gewonnen hatte, konnte sie schon mal mit einem Zehner extra rechnen. „Nee", sagt Heidi, „die sind heute alle zu- geknöpft. Und arm sein kannst du schon in jungen Jahren - sieh dir die Jungs doch an!" Das wirklich Blöde an der Armut im Alter sei bloß, dass sie wirklich ein Leben lang andauere. Auch dass sie von ihren Schulden jemals runter- kommen werden, glaubt sie nicht. „Uns hat ein Schlaumeier mal geraten, Privatinsolvenz zu beantragen. Da habe ich ihn angeguckt und gefragt: ,Wie soll ich denn das bezahlen?'" HA120908Alexander Schuller

GRUNDSICHERUNG  15.586 Rentner leben in Hamburg von weniger als 347 Euro im Monat.
Immer mehr Menschen über 65 müssen dazuverdienen.
Politiker aller Parteien alarmiert: „Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand.”

   Die Zahl der Hamburger Rentner, die auf Sozialleistungen angewiesen sind oder bis ins hohe Alter weiter- arbeiten müssen, weil die Rente angesichts steigender Lebenshaltungskosten nicht mehr ausreicht, nimmt zu. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres ist laut Hamburger Sozialbehörde - die Zahl der über 65-Jährigen, die eine sogenannte Grundsicherung beantragt haben, auf 15.586 gestiegen. Sprecherin Jasmin Eisenhut: „Das sind 740 Bedürftige mehr als im Vorjahr und 1.890 mehr als im Jahr zuvor.”
   Anspruch auf Grundsicherung haben Senioren, die monatlich weniger als 347 Euro für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung haben. Damit sind mittlerweile knapp fünf Prozent der 326.500 Hamburger, die über 65 Jahre alt sind, von Altersarmut betroffen. Tendenz steigend. „Altersarmut ist ein wachsendes Problem”, so Günter Rabe (61) von der Hamburger Seniorenarbeitsgruppe des Deutschen Gewerkschaftsbundes. „Die Leistungen der Rentenkasse sind an die Entwicklung der Einkommen gekoppelt - und es gibt immer mehr Geringverdiener, die kaum etwas fürs Alter ansparen können.” Die demografische Entwicklung verstärkt den Trend: Die Zahl der über 80-jährigen Ham- burger wird laut Prognose bis zum Jahr 2020 um 30 Prozent von derzeit 82.000 auf 106.000 steigen.
   Zeitgleich werden die Renten weiter sinken. Bezog ein Mann in Westdeutschland vor sechs Jahren noch eine durchschnittliche Monatsrente von 915 Euro, so waren es 2006 im Durchschnitt noch 817 Euro. In Hamburg hegt die Durchschnittsrente derzeit bei 738 Euro pro Monat. „Allerdings sind verschiedene Faktoren zu beachten”, sagt Michael Eßer, Sprecher bei der Deutschen Rentenversicherung Nord. „Es ist ein großer Unterschied, ob ein Rentner eine eigene Immobilie besitzt, oder ob er von seiner Rente Miete bezahlen muss.” Fest stehe: Private Alters vorsorge werde immer wichtiger. Laut aktuellem Rentenversicherungsbericht wird die gesetzliche Altersrente „künftig nicht allein ausreichen, um den Lebensstandard des Erwerbslebens im Alter fortzuführen.”
   Das erlebt Karina Conrad (66) aus Ottensen Foto untenschon heute. „Mit meiner Rente von knapp 1.000 Euro kann ich nicht so leben, wie ich gern würde.” Deshalb hilft sie als 400-Euro-Kraft in einem Büro aus - und sucht noch einen weiteren Job. In den Online-Stellenbörsen bieten immer mehr Renter ihre Dienste als Gärtner, Putzfrau oder Fahrer an. Ein 67-Jähriger aus den Walddörfern, der anonym bleiben möchte, sagte dem Hamburger Abend- blatt: „Ich bekomme weniger als 700 Euro Rente. Vom Staat will ich keine Almosen, deshalb schufte ich, bis ich nicht mehr kann.” Viele seiner gleichaltrigen Freunde würden ebenfalls weiterarbeiten, weil die Rente nicht aus- reiche. „Gas, Strom, Heizöl, Lebensmittel und Mieten werden doch immer teurer.”
   Heinz-Dieter Neumann (76) Foto unten arbeitet täglich einige Stunden in seinem Tabakladen am Hauptbahnhof. Erst vor 14 Jahren hat er sich selbstständig gemacht: „Weil ich wusste, dass ich als ehemaliger Verkäufer mit meiner kleinen Rente nicht weit kommen würde.” Noch zwei Jahre will er den Laden halten. „Nicht nur aus Freude an der Arbeit, sondern auch aus finanziellen Gründen.”
   Von Altersarmut sind vor allem Frauen betroffen, weil sie entweder mit Teilzeitjobs nur zum Gehalt des Ehe- manns dazuverdient oder als Hausfrau nie Rentenbeiträge gezahlt haben. Bundesweit sind nach Experten- schätzungen bis zu 28 Prozent der Rentnerinnen betroffen. Marita Meyer-Kainer, frauenpolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion: „Wir haben das Problem im Auge. Unter anderem aus diesem Grund mache ich mich für die lückenlose Erwerbsarbeit von Frauen stark.” Dirk Kienscherf, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion: „Die Politik muss mehr tun, um Altersarmut zu vermeiden. Die Initiativen müssen vom vergünstigten Ticket für Bus und Bahn bis zu kostengünstigem Wohnraum reichen.”
   Auch Martina Gregersen (GAL) sagt, dass Altersarmut noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gehört: „In Ham- burg sind fünf Prozent der Senioren definitiv davon betroffen. Doch wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand.” VanessaSeifertHA071001

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Mit einem 400-Euro-Job als Bürokraft bessert Karina Conrad, 66 ihre knappe Rente auf. Heinz-Dieter Neumann(76) arbeitet täglich stundenweise in seinem Tabakladen. „Aus Freude und aus finanziellen Gründen”.

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 Jetzt schon an später denken. Ein ausreichendes Einkommen im Alter ist realisierbar.
Man muss sich nur selbst darum kümmern, sagt der Hamburger Finanzexperte Mike Amelang Foto oben
und erhält von einem prominenten Hamburger Unterstützung.

Buchtipp.  Die Rente ist sicher. Nur ihre Höhe ist es nicht. Immer mehr Menschen wissen das auch - und rechnen für später mit einer Hunger-Rente. Für den ehemaligen Michel Hauptpastor Helge Adolphsen Foto oben links ist das eine gefährliche Entwicklung: „Diese Umfragewerte sind ein Beleg für fehlende Eigenverantwortung.” Die Notwendigkeit der Vorsorge sei noch nicht verinnerlicht, und das obwohl die Vorstellung von der sicheren staatlichen Rente seit zwanzig Jahren als Irrglaube enttarnt sei. Diese Meinung teilt auch Mike Amelang Foto oben rechts. Zwar wisse jeder über die Rentensituation Bescheid, aber höchstens ein Drittel der Deutschen spare ausreichend. Seine Erkenntnisse hat er kürzlich in dem Buch Stein-REICH im Alter / Bettel-ARM im Alter zusammengefasst. Der Ratgeber zeigt auf, wie die heute zwischen 30- bis 55-Jährigen ihr Alterseinkommen selbst bestimmen können. Adolphsen kann die Lektüre nur empfehlen: „Mit dem Buch ist es wie im richtigen Leben: Der Leser entscheidet selbst, ob er sich weiter in die Tasche lügt - das ist der Bettelarm-Teil - oder wie im Steinreich-Teil endlich die Initiative ergreift.” HA071108 WI-Verlag, ISBN 978-3-938474-30-3, 10 €

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