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Samariter

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Nächstenliebe und Barmherzigkeit wurden zum christlichen Markenzeichen

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          Lukas-Evangelium 10,25-37

          25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?
          26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort
          27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst
          28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben.
          29 Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster
          30Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen.
          31Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.
          32 Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.
          33 Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid,
          34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.
          35 Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.
          36 Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?
          37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!

Der barmherzige Samariter
Diese Schriftstelle gehört zum Sondergut des Lukas, das heißt: Matthäus und Markus berichten nicht darüber

       Der Gesetzeslehrer stellt Jesus auf die Probe. Jesus ihm die Frage nach dem Gesetz, die der Lehrer korrekt beantwortet. Jesus lobt ihn dafür. Die Zuhörer können nicht erkennten, warum er gefragt hatte. Der Lehrer will sich rechtfertigen und stellt eine weitere Frage, denn seine Eitelkeit gestattete es ihm nicht, sich mit dem Lob eines Laien zufrieden zu geben. Er will nun zeigen, dass die Frage aus einer echten Problematik komme. Mit der Antwort aus der Heiligen Schrift ist seiner Ansicht nach diese Frage noch nicht erledigt. Er will die theologische Berechtigung der Frage an Jesus darstellen. Als Dialektiker erkennt er sofort den Punkt, wo er ansetzen muss. Er liegt im Begriff „Nächster“. Darum die Gegenfrage. Die Übersetzung aus dem hebräischen Wort Rhea das in der griechischen Sprache mit “pläsion“ übersetzt wird, heißt nicht „Freund“, sondern „Stammesverwandter“. Im Buch Leviticus (3. Buch Mose) gilt auch für den Fremden das Gebot der Nächstenliebe, aber zur Zeit Jesu galt nur noch der Israelit als „Rhea“. Auch der vom Heidentum gekommene Vollproselyth war als Rhea zu behandeln, dagegen nicht der Israelit, der unter dem jüdischen Volk wohnte, ohne in den ersten zwölf Monaten übergetreten zu sein; für diesen galt das Gebot nicht. Besonders galt ein Samariter nicht als Nächster. Durch die Vermischung der Samariter mit Heiden wurden sie zu Feinden der Juden. Unter Herodes hatten sie zwar wieder Zugang zum Tempel in Jerusalem, aber das Recht ging schon kurz nach seinem Tod wieder verloren, als sie unter Copomius Menschengebein in den Tempel streuten und damit das Heiligtum entweihten.  Die Stellung der Samariter zu den Juden muss man im Auge behalten, wenn man diesen Abschnitt richtig verstehen will.
      Jesus antwortet mit einer Beispielserzählung. Vielleicht knüpft sie an eine wirkliche Begebenheit an. Die Herberge des Samariters wird heute noch gezeigt.  „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab“ (im griechischen Text lässt der Imperfekt erkennen, dass der Reisende öfter ging oder gar regelmäßig). Es passierte – wie so oft – dass er von Räubern überfallen wurde (griechisch: Aorist!). Jericho liegt 800 Meter unterhalb Jerusalem. Der Weg von Jerusalem nach Jericho fällt steil ab und ist auch heute noch ziemlich gefährlich.
       Auch der Priester ging gewohnheitsmäßig daher. Vielleicht war er auf dem Heimweg vom Tempeldienst, da Jericho eine Priesterstadt war. Auch ein Levit ging vorüber. Beide konnten den Liegenden nicht für tot halten.  Der Text sagt, dass der Überfallene dort „halb tot“, nicht bewusstlos, lag. Bewusstlos würde eine Erweichung der Stelle bedeuten. Selbst wenn es kultische Gründe sind, so würde aus der Geschichte doch hervorgehen, dass es keine kultischen Gründe gibt, die von der Liebe dispensieren. Der Gesetzeslehrer erwartet nun als dritten einen Laien. Jesus aber lässt einen Samariter daherkommen. Das war keine antiklerikale Spitze, sondern soll den Kontrast besonders hervorheben. Der Samariter heilt nicht nur einen Volksgenossen, sondern einen verhassten Juden, denn der Überfallene ist zweifellos ein Jude, da nur Juden gewohnheitsmäßig hier hergehen konnten. Der Samariter hilft dem Überfallenen sehr ausgiebig, obwohl der weiß, dass er einen Fremden vor sich hat. Er handelt so, als ob der Überfallene ein Volksgenosse sei. Nicht die Priester sind „Rhea“ geworden, sondern ein Samariter. Dadurch wird die bisherige Anschauung vom Rhea umgestürzt. Nach dieser Lehre sind nicht mehr die Volks- und Glaubensgenossen Rhea, sondern der sich mir liebend zuneigt in der Not, nicht Blut, Religion oder Bildung macht die Menschen zu Brüdern, sondern helfende, brüderliche Liebe.
      Man beachte, dass Jesus Vers 36 nicht fragt, wer hat in ihm den Nächsten erblickt, sondern wer ist ihm zum Nächsten geworden. Das ist das Neue an der Lehre Jesu. Es ist nicht der Volksgenosse, sondern der, der dir hilft in deiner Not. Natürlich gilt das auch umgekehrt. Das war etwa Neues für jüdische Ohren. Es muss aufreizend geklungen haben für den Lehrer. Die Menschen werden dadurch Nächste, dass sie das Gebot der Liebe erfüllen.
      Die Beispielserzählung ist so einleuchtend, dass der Lehrer wider Willen zugeben muss wer der Nächste ist. Jesus gibt ihm die Mahnung: Handle ebenso. Die Mahnung gilt auch der Kirche. Die Christen müssen die Lehre vom Rhea fallen lassen. Dieser Abschnitt des Neuen Testamentes zeigt auch, wie das Gebot erfüllt werden soll:

          1.   Der Christ hilft sobald er einen Menschen in Not sieht.
          2.   Der Christ hilft ohne zu fragen, wer der Notleidende ist.
          3.   Der Christ hilft so, dass der andere ein Stück seines Lebens weiterkommen kann.

    Der Nächste hat nichts mit einer abstrakten Menschenliebe zu tun: „Seid umschlungen, Millionen“ (Schiller). Der Nächste ist der, der uns im konkreten Mitmenschen begegnet. Jesu Begriff vom Nächsten ist transzendental. Der Nächste kann nicht theoretisch bestimmt werden. Das Leben zeigt, wer der Nächste ist. Das kann man nicht definieren, man kann es nur sein.  150625kbwn

cu-CaritasDamals-Zz Damals. Das Magazin für Geschichte 07/15

Die Juli-Ausgabe des Magazins für Geschichte: “Damals” schreibt interessante Artikel über die
Geschichte der Nächsentliebe.
Mit einer Empfehlung möchten wir unseren Mitgliedern eine Leseprobe weiterreichen.

EDITORIAL.  Die Kraft der milden Gabe

   Ich war durstig, und ihr habt mich getränkt": Es ist ein befreiender Gedanke, dass in der Not sofort jemand da ist, um zu helfen - selbstlos, und ohne die Gründe für die Notlage zu hinterfragen. Dieses bedingungslose Hilfsangebot, wie es das Matthäus-Evangelium festhält, kennzeichnete von Anfang an das Christentum. Als sich das neue Bekenntnis ausbreitete, wandten sich seine Anhänger, dem Beispiel Christi folgend, ihren Nächsten zu, vor allem denjenigen, die hilfsbedürftig waren. Caritas und Misericordia - Nächstenliebe und Barmherzigkeit - wurden zum christlichen Markenzeichen.
   Rund 2000 Jahre später lebt der Gedanke der Nächstenliebe fort - in kirchlichen Einrichtungen ebenso wie in öffentlichen; organisierte Fürsorglichkeit ist sogar Wesensmerkmal des Sozialstaates. Allerdings hat die Idee einer bedingungslosen Zuwendung Wandlungen durchgemacht. Vor allem in Zeiten von Reformation und Gegenreformation forderten Ethiker beider Seiten, bei der Zuteilung von Almosen zwischen tatsächlich Bedürftigen und „Faulenzern" zu unterscheiden.
   Dieser Ansatz wurde zum Leitbild der Fürsorge, die sich weiter institutionalisierte und zunehmend auf die Träger der politischen Ordnung überging. So knüpften städtische Einrichtungen seit dem 17. Jahrhundert ihre Hilfsversprechen meist an Bedingungen. Bedürftige mussten nachweisen, warum sie keinen aktiven Anteil zum Gelingen des Gemeinwesens erbringen konnten.
   DAMALS erzählt in dieser Ausgabe die Geschichte der Nächstenliebe. Wir begleiten damit die Ausstellung „CARITAS - Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart" des Diözesanmuseums Paderborn. Im Mittelpunkt stehen diese Fragen: Wie unterschied sich die christliche Wahrnehmung von Armut von dem in der Antike bis dahin gültigen Bild? Welchen Veränderungen war das Verständnis von Bedürftigkeit im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit und bis ins Zeitalter der Industrialisierung hinein unterworfen - und was bedeuteten diese Veränderungen für die Unterstützung von Armen und Kranken? Und nicht zuletzt: Mit welchen sozialen Angeboten wetteiferten die durch die Reformation getrennten christlichen Bekenntnisse miteinander?
   Die Idee der Nächstenliebe strahlt noch immer eine urwüchsige Kraft aus; ein Signal der Hoffnung in einer an Krisen reichen Zeit.    Damals0715StefanBergmannChefredakteur

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Titelthema: Ursprünge der christlichen Nächstenliebe - Die guten Menschen der Antike

   In einer antiken Umwelt, in der organisierte Wohltätigkeit die Ausnahme war, fielen die Christen auf: Nächstenliebe und Barmherzigkeit - Caritas und Misericordia - waren attraktive Elemente der neuen Religion. Nur die Juden kannten diese Tradition.
   Wenn wir heute an die Ursprünge frühchristlicher Barmherzigkeit denken, dann denken wir automatisch an diese Worte aus dem Matthäus-Evangelium:

       „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan", sagt Jesus Christus, „denn ich war hungrig, und ihr habt mich gespeist, ich war durstig, und ihr habt mich getränkt, ich war Fremdling, und ihr habt mich beherbergt, ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet, ich war krank, und ihr habt mich gepflegt, ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht" Matthäus 25,40 und 35-36.

   Diese Sätze gelten als Grundlage und Richtschnur aller christlichen Fürsorgetätigkeiten: Hungernde, Durstige, Fremde, Nackte, Kranke und Gefangene sind Objekte der christlichen Fürsorge. Die meisten von ihnen sind Arme. Durch die Verbindung der Nächstenliebe mit der Christus- Nachfolge steht der Fürsorgebereich in den christlichen Gemeinden in seiner Bedeutung an ganz exponierter Stelle.  
   Die Christen wandten sich gerade den Hilfesuchenden zu, und zwar den verarmten alten und jungen Witwen, die nicht mehr heiraten konnten oder wollten, den verarmten und verwaisten Kindern, die noch nicht arbeiten konnten, den von allen verlassenen Kranken, die zuweilen auch dement und alt waren, sowie alten, von ihren Herren verstoßenen Sklaven. Auch verarmte Fremde und Bürger, die sich bettelnd ihren Lebensunterhalt verschaffen mussten, erhielten Almosen. Christen, die aufgrund ihres Glaubens in den Gefängnissen schmachteten oder als Strafsklaven in Bergwerke oder auf einsame Inseln verbannt waren, wurden ebenfalls versorgt. Auch Nicht-Christen wurde in Notsituationen geholfen, so wie beim Ausbruch der Pest in Nordafrika, als Bischof Cyprian (gest. 258) und seine Gemeinde die Opfer pflegten.
   Hilfe in diesen Notfällen der absoluten Existenzsicherung erscheint uns aus heutiger Sicht selbstverständlich. Aber war es das auch in der antiken Umwelt der frühchristlichen Gemeinden zwischen dem 1. und dem 3. Jahrhundert? Diese Frage kann man eindeutig mit „Nein" beantworten. Die Liebestätigkeit der Christen fiel auf, sie wurde sogar anfänglich verspottet: „Doch ebensolcher Liebe Werk drückt uns in den Augen vieler ein Mal auf. ,Seht', sagen sie, ,wie sie sich gegenseitig lieben' - sie selbst nämlich hassen sich gegenseitig", so kommentiert der nordafrikanische Kirchenvater und Apologet Tertullian (gest. nach 220) die Kritik der nichtchristlichen Umwelt.
   Die Römer hatten kein Verständnis dafür, dass man Bettler, die weder Kleidung, Wohnung, Arbeit noch Nachkommen hatten, mit Almosen am Leben hielt, einem Leben, das sich unter dem Existenzminimum bewegte und nicht mehr als Leben bezeichnet werden konnte. Der Staatsmann und Philosoph Seneca (gest. 65), Erzieher des jungen Kaisers Nero, vertrat sogar die Meinung, dass es besser sei, einem solchen Mann keine Brotkruste zu geben: Man würde dann nur sein Leiden herauszögern und ihn am Sterben hindern, ihm seine Freiheit zum Sterben nehmen. Cicero, ebenfalls Staatsmann und Philosoph, schrieb einige Jahrzehnte früher: „Bisweilen jedoch muss man schenken und ist diese Art Wohltätigkeit nicht gänzlich zu verschmähen, und oft muss man bedürftigen Menschen, die es verdienen, von seinem Vermögen zuweisen, aber mit Umsicht und Maß".

Schutz vor Verarmung bieten in Rom nur private Netzwerke
   Diese Skepsis gegenüber Wohltätigkeit bzw. ihre totale Ablehnung erscheinen uns fremd. Um sie zu verstehen, muss man sich mit dem nicht-christlichen antiken Armutsverständnis beschäftigen. Der römische Staat - die Umwelt der frühchristlichen Gemeinden - war weder ein Sozial- noch ein Wohlfahrtsstaat.  Es war nicht Aufgabe des Staates, für die Existenzsicherung seiner Bürger zu sorgen. Dagegen aber existierten gewissermaßen private Netzwerke, von denen in Not Geratene aufgefangen wurden. Voraussetzung dafür war, dass der Notleidende nicht bereits aus diesen Netzwerken herausgefallen war.
   Verarmte ein Senator, ein Mitglied der Oberschicht, wurde er von seinen Standesgenossen mit den entsprechenden Krediten versorgt. Diese Standessolidarität wurde auch in anderen Ständen (etwa Ritter, Ratsherren) praktiziert. Die Mittel- und Unterschichten dagegen fanden in Klientelverhältnissen, in Vereinen und vor allem in ihrer Familie das entsprechende Unterstützungsnetzwerk. Die oben erwähnten Bettler dagegen waren aus allen diesen Netzwerken herausgefallen, selbst den familiären. Absolute Armut wurde immer mit Kriminalität verbunden und als selbstverschuldet kritisiert. Dichter und Bildhauer verspotteten sogar die Armen, indem sie sie karikierten.
   Aber auch die relative Armut, die in allen gesellschaftlichen Schichten im Römischen Reich infolge von Kriegen, Hungersnöten, Krankheiten, wirtschaftlichen Niedergängen, Scheidungen, Todesfällen in den Familien oder Versklavungen durch Menschenraub auftreten konnten, wurde geflissentlich verschwiegen. Jeder, auch der reichste Römer, hatte Angst vor Altersarmut. Aber Armut war kein öffentliches Thema. Folglich wurde auch die Hilfe, die man einem in Not geratenen Standesgenossen oder einem Klienten gewährte, nur im Verborgenen geleistet.
   Warum die Römer sich dieser „guten Taten" schämten, erklärt am besten wieder Seneca („Über Wohltaten"): „Es schreiben daher alle Lehrer der Philosophie vor, manche Wohltaten müssten öffentlich erwiesen werden, manche unter vier Augen: öffentlich, die auf ein rühmliches Handeln folgen, militärische Geschenke und Auszeichnungen und was immer sonst durch Bekanntheit schöner wird; was andererseits nicht im Leben voranbringt und geachteter macht, sondern zu Hilfe kommt der Schwäche, der Bedürftigkeit und der Entehrung, muss in der Stille geleistet werden, damit es allein denen bekannt ist, denen es hilft"
   Standessolidarität erforderte, dass man dem unverschuldet durch politische Umstände, Krankheiten und Alter in relative Armut geratenen Standesgenossen half. Das brachte aber nichts in einer Gesellschaft, deren Leitsatz war: do ut des („ich gebe dir, damit du mir noch mehr zurückgibst"). Das meint Seneca mit den öffentlichen Wohltaten, den Euergesien, die Senatoren, Ritter, Ratsherren und reiche Bürger ihren Standesgenossen gewährten. Sie richteten Bankette, Theateraufführungen und Gladiatorenspiele aus, stifteten Bäder, Theater, Wasserleitungen und bauten verfallene Tempel wieder auf. Dafür wurden sie belohnt mit Ehrenrechten, Ehrenstatuen, Festlichkeiten, politischen Karrieren und hohem Ansehen bei ihresgleichen und in der Bevölkerung. In einer Gesellschaft, in der Wohltätigkeiten nur um des eigenen Prestiges willen erfolgten, standen die absolut Armen auf verlorenem Posten. Nur bei Hungersnöten, in denen Aufstände drohten, oder bei den sporadischen Speisungen aller Stadtbewohner kamen sie in den Genuss von Zuwendungen.
Christliches Fürsorgeprogramm sorgt für regen Zulauf
  
In diese soziale Lücke, die weder von der römischen Gesellschaft noch vom Staat ausgefüllt wurde, stieß das junge Christentum mit seinem umfassenden Fürsorgeprogramm. Aus diesem Grund war der Zulauf zu den christlichen Gemeinden - besonders aus den unteren Schichten - groß. Einige Zahlen können das zeigen: Um 250 wurden in Rom ständig 1500 Arme und Witwen betreut. In Antiochien waren es bereits ein Jahrhundert später 3000 Witwen. Um allen diesen Verpflichtungen nachzukommen, spendeten vor allem reiche Witwen an die Kirche.
   In nordafrikanischen Gemeinden gab es bereits am Ende des 2. Jahrhunderts eine Kasse arca, in die auf freiwilliger Basis und ohne vorgeschriebene Höhe Gelder von Mitgliedern eingezahlt werden konnten. Deren Verwendungszweck beschreibt Tertullian wie folgt: „denn davon wird nichts für Schmausereien, Trinkgelage oder unnütze ‘Fresswirtschaften' ausgegeben, sondern für den Unterhalt und das Be`gräbnis Armer, für Knaben und Mädchen, die kein Geld und keine Eltern mehr haben, und für altgewordene Sklaven, ebenso für Schiffbrüchige und für jene, die in den Bergwerken oder die auf Inseln oder in Gefängnissen - vorausgesetzt, sie sind dort wegen ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinschaft Gottes - zu Pfleglingen ihres Bekenntnisses werden".
   Neben den schon bekannten Gruppen der Waisenkinder, verstoßenen Sklaven und Strafsklaven wird das Begräbnis der Armen erwähnt. Das ist nicht ohne Vorbild in der paganen Umwelt. In Begräbnisvereinen bzw. Vereinen der kleinen Leute collegia funeraticia oder tenuiorum wurden verarmte Mitglieder, auch Sklaven, deren Herren ihren Verpflichtungen nicht nachkamen, auf Vereinskosten den Vorschriften gemäß beigesetzt.
   Die Aufnahme der Schiffbrüchigen, die Jesu Forderung der Aufnahme von Fremden entspricht, zeigt christliche Fürsorge und Barmherzigkeit über den engen Rahmen der Gemeinden hin aus. Aufnahme von Schiffbrüchigen und Fremden wurde in der vor- und nicht-christlichen Antike stets praktiziert. Man erinnere sich nur an die hohe Gastfreundschaft, die dem schiffbrüchigen Odysseus und seinen Gefährten allüberall im Mittelmeer gewährt wurde.
   Im Christentum wurde auch Reichtum akzeptiert, er musste nur richtig auf die verarmten Brüder und Schwestern verteilt werden. Die Kirchenväter setzten sich grundlegend positiv mit dieser „Umverteilung" auseinander. Die vorkonstantinischen christlichen Gemeinden bildeten ein neues Netzwerk für ihre Mitglieder, aber auch darüber hinausgehend für viele Menschen, die aus den unteren Gesellschaftsschichten stammten und der Hilfe bedurften. War diese Einstellung eine originär christliche, oder gab es Vorbilder in der Antike für das differenzierte Fürsorgeprogramm und die Praktizierung von Caritas und misericordia, Liebe und Barmherzigkeit?
   Vorläufer der christlichen Armenfürsorge war das Judentum. Im Alten Testament lautete ein Gottesgesetz: „Wohl sollte bei dir [Israel] kein Armer sein" Deuteronomium 15,4. Im Zeichen der Nächstenliebe soll der Reiche dem Armen helfen. Denn Armut und Arme sind Bestandteil der Schöpfungsordnung und keine Abweichungen von ihr. Im Rahmen dieser Schöpfungsordnung ist der Reiche verpflichtet, den Bedürftigen zu versorgen: Armenfürsorge ist Erfüllung von Gottes Gebot, Teil des Bundesschlusses zwischen Gott und seinem Volk. Das heißt in einer agrarischen Gesellschaft, dass der Landwirt durch den Verzicht auf einen Teil seiner Ernte die gegenüber Gott entstandene Schuld begleicht, der ihm Land, Sonne und Regen zur Verfügung gestellt hat.

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Im Judentum zeichnet das Almosengeben den Frommen aus
   Im Detail sieht das folgendermaßen aus: Dem Armen stehen das Korn der nicht abgeernteten Ecke des Feldes und die liegengebliebenen Garben zur Verfügung. Er hat Anspruch auf die Nachlese im Weinberg. Armut ist - abgesehen von den Spezialfällen der Säufer, Schlemmer, Faulenzer und Schläfer - nicht selbstverschuldet, sondern von Gott zur Strafe oder Bewährung bestimmt.
   Da der Arme, der aus dem eigenen Volk stammt, unter dem Schutz Gottes steht, gibt es weitere gesetzliche Bestimmungen zur Vorbeugung gegen Verarmung bzw. zu ihrer Bekämpfung: Zinsverbot, Kreditgewährung, Schuldenerlass und Armenbrache im Sabbatjahr, Freilassung der Schuldsklaven im Jobeljahr, Armenzehnt und Sorge für Witwen und Waisen. In hellenistischer Zeit wurde für die Armenfürsorge eine Kasse beim Tempel eingerichtet, in römischer Zeit, also zeitgleich mit dem Christentum, übernahmen die Synagogen diese Aufgabe.
   Das Almosengeben gehörte zum Ideal der Frommen. Gottes Segen war ihnen gewiss. Allerdings ist von einem Teil der Forschung die konkrete Umsetzung dieser idealen Forderungen angezweifelt worden. Wie dem auch sei, drei Besonderheiten sind bei der jüdischen Armenfürsorge hervorzuheben, die vorbildhaft für das Christentum geworden sind: die Einbindung der Fürsorgeverpflichtung in die Religion, der Beginn einer Institutionalisierung der Armenpflege (ergänzend zu den gesetzlichen Regelungen) und die Ausbildung eines Kanons von sieben Werken der Barmherzigkeit.
   An alle diese Vorgaben schloss das Christentum an, auch wenn es eigene Akzente setzte. Die agrarischen Bestimmungen wurden nicht aufgegriffen,  weil die christlichen Gemeinden sich überwiegend in den Städten bildeten. Und auch die gesetzlichen Bestimmungen wurden durch die Freiwilligkeit der Spender ersetzt.
   Das christliche Fürsorgeprogramm war so attraktiv, der Zuspruch von Bedürftigen und Spendern so groß, dass sich bald eine Organisation herausbilden musste, die sich bei den Bischöfen als obersten Leitern der Gemeinden verortete. Mit Unterstützung der Diakone verwalteten sie die gespendeten Gelder für die Armenpflege. Witwen, die über 50 Jahre alt waren, wie auch Jungfrauen, die sich zur Askese verpflichtet hatten, waren nicht nur Empfängerinnen von Unterstützung, sondern brachten sich selbst in der Alten-, Kranken-, Armen- und Waisenversorgung ein.
   Um Missbräuche zu verhindern, gab es auch Einschränkungen: Arbeitsunwillige wurden ausgeschlossen, jungen Witwen wurde die Wie­derverheiratung empfohlen, Kinder mussten ihre alten Eltern versorgen, auch wenn sie lieber ein asketisches Eremitenleben führen wollten. Trotz dieser ökonomisch, weniger moralisch bedingten Restriktionen wuchs der Für­sorgebereich der Gemeinden stetig an.

Ausbau der kirchlichen Fürsorge in konstantinischer Zeit
   Eine gravierende Zäsur vollzog sich mit der staatlichen Anerkennung des Christentums in konstantinischer Zeit Galerius-Edikt, 311 und der Privilegierung der Kirche durch Kaiser Konstantin Mailänder Vereinbarungen, 313. Seitdem die Kirche zu einer Institution des öffentlichen Rechts geworden war, konnte sie nun selbst als Erbin und Besitzerin von Liegenschaften auftreten, die für die weitere Ausgestaltung des kirchlichen Fürsorgesystems, speziell der Armenpflege, genutzt wurden.
   Noch im 4. Jahrhundert erbauten die kappadokischen Bischöfe Basilius von Caesarea und sein Bruder Gregor von Nyssa sowie seine weiteren Geschwister, der Altenpfleger Naucratius und die Jungfrau Macrina, aus ihrem elterlichen Erbe eine sogenannte Trabantenstadt vor den Toren von Caesarea, genannt wurde sie Basileas (in der heutigen Zentraltürkei). In ihr befanden sich die ersten Armen- und Altenheime neben Waisen- und Fremdenhäusern sowie Hospitälern.
   Damit war ein grundlegender Schritt zur Institutionalisierung der christlichen Fürsorgetätigkeiten, vorab der Armenfürsorge unter der Leitung der Bischöfe, getan. Festgeschrieben waren die bischöflichen karitativen Tätigkeiten in diversen Kirchenordnungen, unter anderen den „Apostolischen Konstitutionen“ (zusammengestellt zwischen 375 und 400). Ihnen zufolge „kümmert der Bischof sich wie ein Vater um die Erziehung der Waisen, er sorgt für die Witwen wie ein Ehemann, er hilft Kranken, Krüppeln und Gefangenen, er beherbergt Fremde, ernährt Hungernde, erfrischt Dürstende und kleidet Nackte.“ Eindeutig liegt hier der bekannte Kanon der sieben Barmherzigkeiten vor.
   Abschließend stellt sich die Frage, wie es denn die Kaiser seit Konstantin mit der Armenfürsorge hielten? Der Kirchenhistoriker Eusebius macht deutlich, dass Konstantin zwar durch Geldspenden an die christlichen Kleriker sowie deren steuerliche Entlastung die Voraussetzungen geschaffen hat, dass das Christentum seine Sozialmaßnahmen nun auch flächendeckend im Reich durchführen konnte. Von einer Verstaatlichung der Armenpflege kann aber bis einschließlich Justinian keine Rede sein. Selbst Kaiser Julian Apostatas (360-363) Neugründung eines von den paganen Tempeln betriebenen Fürsorgewesens mit Fremdenhäusern und Armenspeisungen stellte noch keine Verstaatlichung dar.
   Wie sehr Julian Apostata, der nach seiner Taufe wieder zum Paganismus zurückkehrte, die christlichen Sozialleistungen als Konkurrenz und Bedrohung empfunden hat, verdeutlicht ein Zitat aus seinem Brief an Arsakios, den Oberpriester der Provinz Galatien in Kleinasien, heute in der Osttürkei: „Errichte in jeder Stadt zahlreiche Herbergen, damit die Fremden - nicht nur die zu den unsrigen zählen, sondern auch von den anderen jeder Bedürftige - in den Genuss der von uns geübten Menschenfreundlichkeit philanthropia kommen... Jedes Jahr, so habe ich verfügt, sollen für ganz Galatien 30.000 Scheffel Getreide und 60.000 Schoppen Wein bereitgestellt werden. Ein Fünftel davon, so ordne ich an, soll für die bei den Priestern bediensteten Armen penetai verwendet, der Rest als unsere Gabe an die Fremden xenoi und die Bettler verteilt werden. Denn es ist eine Schmach, wenn von den Juden nicht ein Einziger um Unterstützung nachsuchen muss, während die gottlosen Galiläer [die Christen] neben den ihren auch noch die unsrigen ernähren, die unsrigen aber der Hilfe von unserer Seite offenbar entbehren müssen". Damals. Prof. Dr. Elisabeth Herrmann-Otto, lehrte Alte Geschichte an der UniversitätTrier. 

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