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Sonntag

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Auf dieser Seite lesen Sie:
1. Franziskus: “Feiertag ist nicht faul herumhängen, sondern dankbar sein.

2. Sonntag - Tag des Herrn
- Papst Benedikt XVI. predigt im Wiener Stephansdom
3. Enzyklika von Papst Johannes Paul II.: Ecclesia de Eucharistia. Im vollen Wortlaut.
Aus der Eucharistie lebt die Kirche. Von diesem »lebendigen Brot« nährt sie sich.
4. Prof. Alfons Deissler: Biblische Forschung zu Heiligung des Sabbats
5. Prof. Peter Schallenberg: „Die Feier des Sonntags verweist den Christen auf das ewige Leben.”
6. Erbischof Werner Thissen, Hamburg:
„Wer den Sonntag zum Arbeitstag macht, stiehlt uns nicht nur das Wochenende, sondern auch den Rhythmus des Lebens und den Tag des Herrn".
7. Europaparlamentarier Martin Kastler startet die erste EU-Bürgerinitiative für den freien Sonntag

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„Feiertag ist nicht faul herum hängen, sondern dankbar sein"  -  Generalaudienz in der Halle Paul VI.

   Papst Franziskus beharrt auf dem arbeitsfreien Sonntag. Feste und Feiertage seien Erfindungen Gottes und müssen viel mehr geschätzt und vor allem genutzt werden. Dazu hat Papst Franziskus während der Generalaudienz aufgerufen. Dabei ging es aber weniger um die Party und das rauschhafte feiern, Franziskus hat sich vielmehr das zur Ruhe kommen im Alltagsstress bezogen. Denn nicht nur die Arbeit, sondern auch das Gebet und das Fest sollen das Tempo des Familienlebens ausmachen. „Also ein Feiertag bedeutet nicht faul in einem Stuhl herumzuhängen oder einen Rausch eines albernen Ausbruchs zu erleben. Das Fest ist vor allem ein liebevoller und dankbarer Blick auf die geleistete Arbeit. Es ist die Zeit die Kinder oder die Enkelkinder aufwachsen zu sehen und zu denken: wie schön! Es ist auch die Zeit, unser Zuhause anzuschauen, unsere Freunde, die wir bewirten, die Gesellschaft, die uns umgibt und zu denken: wie schön!“
   Auch während der Arbeit könnten mal Feste dazwischen kommen. Da wären Geburtstage, Hochzeiten, Geburten oder auch Urlaube. Diese seien aber wichtig, sagt der Papst. Denn sie bringen Verschnaufpausen mit der Familie im Getriebe des Alltags. Das sei auch gut so, sagt Franziskus. „Die echte Zeit des Feierns unterbricht die Arbeit und ist heilig, denn erinnert euch, dass Mann und Frau nach dem Ebenbild Gottes und nicht als Sklaven für die Arbeit gemacht wurden. Deshalb müssen wir nie Sklaven, sondern Herren der Arbeit sein. Das ist ein Gebot, ein Gebot, das jeden betrifft und niemanden ausschließt.“
   Gott selber habe festgelegt, dass man die Arbeit auch mal ruhen lassen muss, um seine getane Arbeit zu betrachten und dankbar auf das zu schauen, was einen umgibt: Familie, Freunde, Kinder. Und gleichzeitig weiß Franziskus, dass viele Männer, Frauen aber auch Kinder Sklaven der Arbeit sind: „Das ist gegen Gott und gegen die Würde des Menschen! Die Profitbesessenheit und Leistungsorientierung bedrohen den Rhythmus des menschlichen Lebens.“
   Die Zeit der Erholung, gerade der Sonntag, sei für das menschliche Wohl da. Diese Zeit dürfe daher nicht noch durch die Ideologie des Konsums verkommen. Denn es bestehe die Gefahr, dass der Drang zu konsumieren einen müder zurücklasse, als man vorher war. Gerade die jungen Menschen, so Franziskus, seien Opfer des durcheinander gekommenen Rhythmus, des nicht mehr inne Haltens und des Drucks der heutigen Leistungs- und Konsumgesellschaft. Doch Franziskus betont, dass die Zeit des Festes heilig sei, denn gerade in diesen wohne Gott in besonderer Weise.
   „Die Familie besitzt eine besondere Kompetenz, den echten Wert des Feierns und des Sonntags zu verstehen und aufrechtzuerhalten. Es ist kein Zufall, dass die Feste, in denen die Familie Raum für sich findet, besser gelingen. Der Sonntag ist ein kostbares Geschenk Gottes an die Menschen. Wir dürfen ihn nicht kaputt machen!“
   Daher hat Papst Franziskus alle dazu aufgerufen die Feiertage in den Familien gut zu leben und somit die Gemeinschaft – auch zu Gott – zu vertiefen. Zum Abschluss wünschte er den beinahe 6.000 Menschen in der Halle eine schöne Urlaubszeit in Rom.   Rv150812pdy 

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Papst zum Thema Arbeit - Papst Franziskus bei einer Audienz für die italienische Sozialversicherungsanstalt INPS

   Papst Franziskus bricht eine Lanze für die Sonntagsruhe. Da gehe es nicht nur um ein „soziales Recht“, sondern „vor allem um eine Dimension des Menschlichen“, sagte er am Samstag bei einer Audienz für die italienische Sozialversicherungsanstalt INPS. „Gott hat den Menschen zum Ruhen aufgefordert, und er selbst wollte am siebten Schöpfungstag daran teilhaben! In der Sprache des Glaubens ist das Ausruhen also gleichzeitig etwas Menschliches und etwas Göttliches. Mit einer Bedingung, allerdings: dass es da nicht einfach um Ausspannen von der täglichen Mühe geht, sondern um eine Gelegenheit, die eigene Kreatürlichkeit voll zu leben. Die Notwendigkeit, die Ruhe zu „heiligen“ vgl. Ex 20,8, verbindet sich darum mit der Notwendigkeit eines Moments – eines Sonntags –, an dem man sich um das Familienleben, das kulturelle, soziale und skreligiöse Leben kümmern kann.“ Rv151107sk

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 Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der Sonntagsmesse im Wiener Stephansdom

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Liebe Brüder und Schwestern!
  “Sine dominico non possumus!” “Ohne die Gabe des Herrn, ohne den Tag des Herrn können wir nicht leben”: So antworteten im Jahr 304 Christen aus Abitene im heutigen Tunesien, die bei der verbotenen sonntäglichen Eucharistiefeier ertappt und vor den Richter geführt wurden. Sie wurden gefragt, wieso sie den christlichen Sonntagsgottesdienst hielten, obgleich sie wussten dass darauf die Todesstrafe stand. “Sine dominico non possumus”: In dem Wort dominico sind zwei Bedeutungen unlöslich miteinander verflochten, deren Einheit wir wieder wahrzunehmen lernen müssen. Da ist zunächst die Gabe des Herrn - diese Gabe ist er selbst: der Auferstandene, dessen Berührung und Nähe die Christen einfach brauchen, um sie selbst zu sein. Aber dies ist eben nicht nur eine seelische, inwendige, subjektive Berührung: die Begegnung mit dem Herrn schreibt sich in die Zeit ein mit einem be- stimmten Tag. Und so schreibt sie sich in unser konkretes, leibhaftiges und gemeinschaftliches Dasein ein, das Zeitlichkeit ist. Sie gibt unserer Zeit und so unserem Leben als ganzem eine Mitte, eine innere Ordnung. Für diese Christen war die sonntägliche Eucharistiefeier nicht ein Gebot, sondern eine innere Notwendigkeit. Ohne den, der unser Leben trägt, ist das Leben selbst leer. Diese Mitte auszulassen oder zu verraten, würde dem Leben selbst seinen Grund nehmen, seine innere Würde und seine Schönheit.
   Geht diese Haltung der Christen von damals auch uns Christen von heute an? Ja, auch für uns gilt, dass wir eine Beziehung brauchen, die uns trägt, unserem Leben Richtung und Inhalt gibt. Auch wir brauchen die Berührung mit dem Auferstandenen, die durch den Tod hindurch uns trägt. Wir brauchen diese Begegnung, die uns zusammenführt, die uns einen Raum der Freiheit schenkt, uns über das Getriebe des Alltags hinausschauen lässt auf die schöpferische Liebe Gottes, aus der wir kommen und zu der wir gehen.
  Wenn wir nun freilich auf das heutige Evangelium hören, auf den Herrn, der uns da anredet, dann erschrecken wir. “Wer nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet und nicht auch alle Familienbindungen lässt, kann mein Jünger nicht sein.” Wir möchten dagegenhalten: Was sagst du denn da, Herr? Braucht die Welt nicht gerade die Familie? Braucht sie nicht die Liebe von Vater und Mutter, die Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau? Brauchen wir nicht die Liebe zum Leben, die Freude am Leben? Und brauchen wir nicht auch Menschen, die in die Güter dieser Welt investieren  und die uns gegebene Erde aufbauen,  sodass alle an deren Gaben teilhaben können? Ist uns denn nicht auch die Entwicklung der Erde und ihrer Güter aufgetragen? Wenn wir dem Herrn genauer zuhören und ihm vor allem zuhören im ganzen dessen, was er sagt, dann verstehen wir, dass Jesus nicht von allen Menschen das Gleiche verlangt. Jeder hat seinen eigenen Auftrag und die ihm zugedachte Weise der Nachfolge.  Im heutigen Evangelium spricht Jesus unmittelbar von dem, was nicht Auftrag der vielen ist, die sich auf dem Pilgerweg ihm nach Jerusalem angeschlossen hatten, sondern die besondere Berufung der Zwölf. Die müssen zunächst den Skandal des Kreuzes bestehen, und sie müssen dann bereit sein, wirklich alles zu lassen, den scheinbar absurden Auftrag anzunehmen, bis an die Enden der Erde zu gehen und mit ihrer geringen Bildung einer Welt voll von Wissensdünkel und scheinbarer oder auch wirklicher Bildung - und natürlich auch besonders den Armen und Einfachen - das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Sie müssen bereit sein, auf ihrem Weg in die weite Welt selbst das Martyrium zu erleiden, um so das Evangelium vom Gekreuzigten und Auferstandenen zu bezeugen. Wenn Jesu Wort auf dieser Pilgerschaft nach Jerusalem, in der eine Masse mit ihm geht, zunächst die Zwölf trifft, so reicht sein Ruf natürlich über den historischen Augenblick in alle Jahrhunderte hinein. In allen Zeiten ruft er Menschen, alles auf ihn zu setzen, alles andere zu lassen, ganz für ihn und so ganz für die anderen da zu sein: Oasen der selbstlosen Liebe in einer Welt zu bauen, in der so oft nur Macht und Geld zu zählen scheinen. Danken wir dem Herrn, dass er uns in allen Jahrhunderten Männer und Frauen geschenkt hat, die seinetwegen alles andere gelassen haben und zu Leuchtzeichen seiner Liebe geworden sind. Denken wir nur an Menschen wie Benedikt und Scholastika, wie Franz und Klara von Assisi, Elisabeth von Thüringen und Hedwig von Schlesien, wie Ignatius von Loyola, Teresa von Avila bis herauf zu Mutter Teresa und Pater Pio. Diese Menschen sind mit ihrem ganzen Leben Auslegung von Jesu Wort geworden, das in ihnen uns nah und verständlich wird. Bitten wir den Herrn, dass er auch in unserer Zeit Menschen den Mut schenkt, alles zu lassen und so für alle da zu sein.
  Wenn wir uns aber nun von neuem dem Evangelium zuwenden, können wir wahrnehmen, dass der Herr darin doch nicht nur von einigen wenigen und ihrem besonderen Auftrag spricht; der Kern dessen, was er meint, gilt für alle. Worum es letztlich geht, drückt er ein anderes Mal so aus: “Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber an seiner Seele Schaden leidet?” Wer sein Leben nur haben, es nur für sich selber nehmen will, der verliert es. Nur wer sich gibt, empfängt sein Leben. Anders gesagt: Nur der Liebende findet das Leben. Und Liebe verlangt immer das Weggehen aus sich selbst, verlangt immer sich selber zu verlassen. Wer umschaut nach sich selbst, den anderen nur für sich haben will, der gerade verliert sich und den anderen.  Ohne dieses tiefste Sich-Verlieren gibt es kein Leben. Die rastlose Gier nach Leben, die die Menschen heute umtreibt, endet in der Öde des verlorenen Lebens. “Wer sein Leben um meinetwillen verliert...”, sagt der Herr: Ein letztes Loslassen unserer Selbst ist nur möglich, wenn wir dabei am Ende nicht ins Leere fallen, sondern in die Hände der ewigen Liebe hinein. Erst die Liebe Gottes, der sich selbst für uns und an uns verloren hat, ermöglicht auch uns, frei zu werden, loszulassen und so das Leben wirklich zu finden. Das ist die Mitte dessen, was uns der Herr in dem scheinbar so harten Evangelium dieses Sonntags sagen will. Mit seinem Wort schenkt er uns die Gewissheit dass wir auf seine Liebe, die Liebe des menschgewordenen Gottes, bauen können. Dies zu erkennen ist die Weisheit, von der die erste Lesung gesprochen hat. Wiederum gilt, dass alles Wissen der Erde uns nichts nützt, wenn wir nicht zu leben lernen, wenn wir nicht erlernen, worauf es im Leben wahrhaft ankommt.
  “Sine dominico non possumus!” Ohne den Herrn und ohne den Tag, der ihm gehört, gerät das Leben nicht. Der Sonntag hat sich in unseren westlichen Gesellschaften gewandelt zum Wochenende, zur freien Zeit. Die freie Zeit ist gerade in der Hetze der modernen Welt gewiss etwas Schönes und Notwendiges. Jeder von uns weiß das. Aber wenn die freie Zeit nicht eine innere Mitte hat, von der Orientierung fürs Ganze ausgeht, dann wird sie schließlich zur leeren Zeit, die uns nicht stärkt und nicht aufhilft. Die freie Zeit braucht eine Mitte - die Begegnung mit dem, der unser Ursprung und Ziel ist. Mein großer Vorgänger auf dem Bischofsstuhl von München und Freising, Kardinal Faulhaber, hat das einmal so ausgedrückt: “Gib der Seele ihren Sonntag, gib dem Sonntag seine Seele.”
   Gerade weil es am Sonntag zutiefst um die Begegnung mit dem auferstandenen Christus in Wort und Sakrament geht, umspannt sein Radius die ganze Wirklichkeit. Die frühen Christen haben den ersten Tag der Woche als Herrentag begangen, weil er der Tag der Auferstehung war. Aber sehr bald ist der Kirche auch bewusst geworden dass der erste Tag der Woche der Tag des Schöpfungsmorgens ist, der Tag, an dem Gott sprach: “Es werde Licht” Gen 1,3.
   Deshalb ist der Sonntag auch das wöchentliche Schöpfungsfest der Kirche - das Fest der Dankbarkeit für Gottes Schöpfung und der Freude über sie. In einer Zeit, in der die Schöpfung durch unser Menschenwerk vielfältig gefährdet scheint, sollten wir gerade auch diese Dimension des Sonntags bewusst aufnehmen. Für die frühe Kirche ist dann auch immer mehr in den ersten Tag das Erbe des siebten Tages, des Sabbats, eingegangen. Wir nehmen teil an der Ruhe Gottes, die alle Menschen umfasst. So spüren wir an diesem Tag etwas von der Freiheit und Gleichheit aller Geschöpfe Gottes.
   Im Tagesgebet des heutigen Sonntags erinnern wir uns zunächst daran, dass Gott uns durch seinen Sohn erlöst und als seine geliebten Kinder angenommen hat. Wir bitten ihn dann, dass er voll Güte auf die christgläubigen Menschen schaue und dass er uns die wahre Freiheit und das ewige Leben schenken wolle. Wir bitten um den Blick der Güte Gottes. Wir selber brauchen diesen Blick der Güte über den Sonntag hinaus in den Alltag hinein. Bittend wissen wir, dass dieser Blick uns schon geschenkt ist. Mehr noch, wir wissen, dass Gott uns als seine Kinder adoptiert, uns wirklich in die Gemeinschaft mit sich selbst aufgenommen hat. Kindsein bedeutet - das wusste die alte Kirche - ein Freier sein, kein Knecht, sondern selbst der Familie zugehörig. Und es bedeutet Erbe sein. Wenn wir dem Gott zugehören, der die Macht über alle Mächte ist, dann sind wir furchtlos und frei. Und dann sind wir Erben. Das Erbe, das er uns vermacht hat, ist er selbst, seine Liebe. Ja, Herr, gib uns, dass uns dies tief in die Seele dringt und dass wir so die Freude der Erlösten erlernen. Amen.

be-268Mailand-z  „Den Sonntag heiligen!“ ...

... erklärt Papst Benedikt den 500.000 Teilnehmern des Weltfamilientreffens in Mailand am 03. Juni 2012

   „Als Abbild Gottes ist der Mensch auch zur Ruhe und zum Fest gerufen. Die Erzählung der Bibel schließt mit diesen Worten: „Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig" Gen 2,2-3. Für uns Christen ist der Festtag der Sonntag, der Tag des Herrn, das wöchentliche Ostern. Es ist der Tag der Kirche, der vom Herrn um den Tisch des Wortes und des eucharistischen Opfers zusammengerufenen Ver- sammlung, die wie wir sie heute verwirklichen, um uns von ihm zu ernähren, in seine Liebe einzutreten und von seiner Liebe zu leben. Es ist der Tag des Menschen und seiner Werte: gemeinsames Mahl, Freundschaft, Solida- rität, Kultur, Kontakt mit der Natur, Spiel, Sport. Es ist der Tag der Familie, an dem man gemeinsam den Sinn des Festes, der Begegnung, des Miteinander-Teilens und auch der Teilnahme an der heiligen Messe erleben soll. Liebe Familien, verliert trotz der beschleunigten Rhythmen unserer Zeit nicht den Sinn für den Tag des Herrn! Er ist wie die Oase, in der wir innehalten, um die Freude der Begegnung zu verkosten und unseren Durst nach Gott zu stillen.
   Familie, Arbeit, Fest: drei Gaben Gottes, drei Dimensionen unseres Lebens, die zu einem harmonischen Gleich- gewicht finden müssen. Die Arbeitszeiten und die Anforderungen der Familie, den Beruf und das Vater- und Mut- tersein, die Arbeit und das Fest miteinander in Einklang zu bringen ist wichtig für den Aufbau einer Gesellschaft, die menschliche Züge trägt. Gebt dabei immer der Logik des Seins gegenüber der des Habens den Vorzug: erstere baut auf, die zweite wirkt letztlich zerstörend. Man muss sich dazu erziehen, vor allem innerhalb der Familie an die echte Liebe zu glauben, die von Gott kommt und uns mit ihm vereint und eben deshalb „zu einem Wir macht, das unsere Trennungen überwindet und uns eins werden lässt, so dass am Ende „Gott alles in allem" vgl. 1 Kor 15,28 ist. Enzyklika Deus Caritas est, 18. Copyright  - Libreria Editrice Vaticana

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Einsatz der Kirche für den Sonntagsschutz - Durchatmen: der arbeitsfreie Sonntag ist eine Errungenschaft
Die katholische Kirche in Deutschland wünscht einen stärkeren Schutz des arbeitsfreien Sonntags.

   Dieser werde für immer mehr Menschen zum gewöhnlichen Arbeitstag, beklagte der Freiburger Erzbischof Stephan Burger Foto laut einer Mitteilung seines Bistums. Die Politik sei aufgerufen, „diesen Trend nicht länger zu fördern, sondern umzukehren.“ Die Leidtragenden verstärkter Sonntagsarbeit seien Arbeitnehmer und ihre Angehörigen. Ihnen sei es nicht mehr möglich, zur Ruhe zu kommen oder Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Arbeitsfreie Sonn- und Feiertage seien eine gesellschaftliche Errungenschaft. Sie dürften nicht aus Gründen des Profits leichtfertig auf Spiel gesetzt werden.  rv150303mg

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ENZYKLIKA
ECCLESIA DE EUCHARISTIA
VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE, AN DIE PRIESTER UND DIAKONE
AN DIE GEWEIHTEN PERSONEN UND AN ALLE CHRISTGLÄUBIGEN
ÜBER DIE EUCHARISTIE IN IHRER BEZIEHUNG ZUR KIRCHE

EINLEITUNG

   1. Die Kirche lebt von der Eucharistie. Diese Wahrheit drückt nicht nur eine alltägliche Glaubenserfahrung aus, sondern enthält zusammenfassend den Kern des Mysteriums der Kirche. Mit Freude erfährt sie unaufhörlich, dass sich auf vielfältige Weise die Verheißung erfüllt: »Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« Mt 28,20. In einzigartiger Intensität erfreut sie sich dieser Gegenwart jedoch in der heiligen Eucharistie, bei der Brot und Wein in Christi Leib und Blut verwandelt werden. Seitdem die Kirche, das Volk des Neuen Bundes, am Pfingsttag ihren Pilgerweg zur himmlischen Heimat begonnen hat, prägt dieses göttliche Sakrament unaufhörlich ihre Tage und erfüllt sie mit vertrauensvoller Hoffnung.
   Mit Recht hat das Zweite Vatikanische Konzil verkündet, dass das eucharistische Opfer »Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens« ist. »Die heiligste Eucharistie enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, unser Osterlamm und das lebendige Brot. Durch sein Fleisch, das durch den Heiligen Geist lebt und Leben schafft, spendet er den Menschen das Leben«. Deshalb ist der Blick der Kirche fortwährend auf den Herrn gerichtet, der gegenwärtig ist im Sakrament des Altares, in dem sie den vollkommenen Ausdruck seiner unendlichen Liebe entdeckt.
   2. Während des Großen Jubiläums des Jahres 2000 durfte ich die Eucharistie im Abendmahlssaal in Jerusalem feiern, dort, wo sie nach der Überlieferung zum ersten Mal von Christus selbst vollzogen wurde. Der Abendmahlssaal ist der Ort der Einsetzung dieses heiligsten Sakramentes. Dort nahm Christus das Brot in seine Hände, brach es und gab es seinen Jüngern mit den Worten: »Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird« vgl. Mt 26,26; Lk 22,19; 1 Kor 11,24.Dann nahm er den Kelch mit Wein in seine Hände und sagte zu ihnen: »Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden« vgl. Mk 14, 24; Lk 22,20; 1 Kor 11,25. Ich bin dem Herrn Jesus dankbar, dass ich an diesem Ort in Gehorsam gegenüber seinem Auftrag »Tut dies zu meinem Gedächtnis!« Lk 22,19 die Worte wiederholen durfte, die er vor zweitausend Jahren gesprochen hat.
   Haben die Apostel, die beim Letzten Abendmahl teilnahmen, den Sinn der Worte aus dem Mund Christi verstanden? Wahrscheinlich nicht. Diese Worte sollten erst am Ende des Triduum sacrum, des Zeitraums vom Donnerstagabend bis zum Sonntagmorgen, ganz klar werden. In diese Tage ist das mysterium paschale ein- geschrieben, in sie ist auch das mysterium eucharisticum eingeschrieben.
   3. Aus dem Ostermysterium geht die Kirche hervor. Genau deshalb steht die Eucharistie als Sakrament des Ostermysteriums schlechthin im Mittelpunkt des kirchlichen Lebens. Das sieht man bereits an den ersten Bildern für die Kirche, die uns in der Apostelgeschichte überliefert werden: »Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten« Apg 2,42. Im »Brechen des Brotes« ist die Eucharistie angedeutet. Nach zweitausend Jahren verwirklichen wir noch immer dieses ursprüngliche Bild für die Kirche. Und während wir dies in der Eucharistiefeier tun, richten sich die Augen unserer Seele auf das österliche Triduum: auf das, was sich während des Letzten Abendmahls am Gründonnerstag ereignete, und was danach folgte. Die Einsetzung der Eucharistie nahm in der Tat auf sakramentale Weise die Ereignisse vorweg, die sich, beginnend mit der Todesangst in Getsemani, kurz darauf zutragen sollten. Wiederum sehen wir Jesus, der den Abendmahlssaal verlässt und mit seinen Jüngern in das Tal hinabsteigt, um den Bach Kidron zu überqueren und zum Garten am Ölberg zu gelangen. In diesem Garten sind noch heute einige uralte Olivenbäume. Vielleicht waren sie Zeugen der Ereignisse, die sich an jenem Abend in ihrem Schatten zugetragen haben, als Christus im Gebet von Todesangst ergriffen und sein Schweiß »wie Blut« wurde, »das auf die Erde tropfte« Lk 22,44. Das Blut, das er kurz zuvor im Sakrament der Eucharistie der Kirche als Trank des Heiles übergeben hatte, begann vergossen zu werden. Das Vergießen seines Blutes sollte sich dann auf Golgota vollenden, um das Werkzeug unserer Erlösung zu werden: »Christus [...] ist gekommen als Hoherpriester der künftigen Güter;[...] er ist ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt« Hebr 9,11-12.
   4. Die Stunde unserer Erlösung. Obgleich unsagbar geprüft, flieht Jesus nicht vor seiner »Stunde«: »Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen!« Joh 12,27. Er möchte, dass die Jünger bei ihm bleiben, muss aber Einsamkeit und Verlassenheit erfahren: »Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet« Mt 26,40-41. Nur Johannes bleibt mit Maria und den frommen Frauen unter dem Kreuz. Die Todesangst in Getsemani hat die Todesangst des Kreuzes am Karfreitag eingeleitet: die heilige Stunde, die Stunde der Erlösung der Welt. Wenn man die Eucharistie am Grab Jesu in Jerusalem feiert, kehrt man in fast greifbarer Weise zu seiner »Stunde« zurück, zur Stunde des Kreuzes und der Verherrlichung. An diesen Ort und in diese Stunde kehrt in geistlicher Weise jeder Priester zurück, der die heilige Messe feiert, und mit ihm die christliche Gemeinde, die daran teilnimmt.
   »Gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten«. Die Worte des Glaubensbekenntnisses finden ein Echo in den Worten der Betrachtung und der Verkündigung: »Ecce lignum crucis in quo salus mundi pependit. Venite adoremus«.[Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen, kommt lasst uns anbeten.] Diese Einladung richtet die Kirche am Nachmittag des Karfreitags an alle Menschen. Während der Osterzeit nimmt sie ihren Gesang wieder auf und verkündet:»Surrexit Dominus de sepulcro qui pro nobis pependit in ligno. Alleluia«. [Auferstanden aus dem Grab ist der Herr, der für uns am Holz gehangen. Alleluia.]
   5.»Mysterium fidei!– Geheimnis des Glaubens!«. Auf diese Worte, die vom Priester gesprochen oder gesungen werden, antworten die Mitfeiernden: »Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit«
   Mit diesen oder ähnlichen Worten weist die Kirche auf Christus im Geheimnis seines Leidens hin und offenbart darin auch ihr eigenes Mysterium: Ecclesia de Eucharistia. Wenn die Kirche mit der pfingstlichen Gabe des Heiligen Geistes ans Licht tritt und sich auf die Straßen der Welt begibt, so ist ein entscheidender Moment ihrer Entstehung sicherlich die Einsetzung der Eucharistie im Abendmahlssaal. Ihr Fundament und ihre Quelle ist das gesamte Triduum paschale. Dieses aber ist in der eucharistischen Gabe gewissermaßen gesammelt, vorweggenommen und für immer »konzentriert«. In dieser Gabe übereignete Jesus Christus der Kirche die immerwährende Vergegenwärtigung des Ostermysteriums. Mit ihr stiftete er eine geheimnisvolle »Gleichzeitigkeit« zwischen jenem Triduum und dem Gang aller Jahrhunderte.
  Dieser Gedanke weckt in uns ein großes und dankbares Staunen. Im Ostergeschehen und in der Eucharistie, die es durch die Jahrhunderte hindurch gegenwärtig macht, liegt ein enormes »Potential«, in dem die ganze Geschichte als Adressat der Erlösungsgnade enthalten ist. Dieses Staunen muss die Kirche immer ergreifen, wenn sie sich zur Feier der Eucharistie versammelt. Aber in besonderer Weise muss es den Spender der Eucharistie begleiten. Dank der Gnade, die ihm durch das Sakrament der Priesterweihe verliehen wurde, kann er die Wandlung vollziehen. Er spricht mit der Vollmacht, die ihm von Christus aus dem Abendmahlssaal zukommt: »Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird ... Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch vergossen wird ...«. Der Priester spricht diese Worte und stellt seinen Mund und seine Stimme jenem zur Verfügung, der diese Worte im Abendmahlssaal gesprochen hat, und der wollte, dass sie von Generation zu Generation von all denen wiederholt werden, die in der Kirche durch die Weihe an seinem Priestertum teilhaben.
   6. Dieses »Staunen« über die Eucharistie möchte ich mit der vorliegenden Enzyklika neu wecken, und zwar in Fortführung jenes Erbes des Jubiläums, das ich der Kirche mit dem Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte und mit seiner marianischen Krönung Rosarium Virginis Mariae übergeben wollte. Das Antlitz Christi be- trachten und es mit Maria betrachten, ist das »Programm«, auf das ich die Kirche am Beginn des dritten Jahr- tausends hingewiesen habe und mit dem ich sie einlade, mit Enthusiasmus für die Neuevangelisierung auf das Meer der Geschichte hinauszufahren. Christus betrachten bedeutet ihn erkennen, wo immer er sich zeigt, in den vielfältigen Formen seiner Gegenwart, vor allem aber im lebendigen Sakrament seines Leibes und seines Blutes. Die Kirche lebt vom eucharistischen Christus. Von ihm wird sie genährt, von ihm wird sie erleuchtet. Die Eucharistie ist Geheimnis des Glaubens und zugleich »Geheimnis des Lichtes«. Jedesmal, wenn die Kirche sie feiert, können die Gläubigen in gewisser Weise die Erfahrung der beiden Emmausjünger machen: »Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn« Lk 24,31.
7. Seit Beginn meines Dienstes als Nachfolger Petri habe ich dem Gründonnerstag, dem Tag der Eucharistie und des Priestertums, immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt und ein Schreiben an alle Priester der Welt gerichtet. In diesem fünfundzwanzigsten Jahr meines Pontifikates möchte ich die gesamte Kirche in vertiefter Weise an dieser eucharistischen Betrachtung teilhaben lassen. Dabei möchte ich dem Herrn auch für das Geschenk der Eucharistie und des Priestertums danken: »Geschenk und Geheimnis«. Wenn ich mit der Ausrufung des Rosenkranzjahres dieses fünfundzwanzigste Jahr meines Pontifikates unter das Zeichen der Betrachtung Christi in der Schule Mariens stellen wollte, kann ich diesen Gründonnerstag 2003 nicht verstreichen lassen, ohne vor dem »eucharistischen Antlitz« Christi zu verharren und die Kirche mit neuer Kraft auf die zentrale Bedeutung der Eucharistie hinzuweisen. Aus ihr lebt die Kirche. Von diesem »lebendigen Brot« nährt sie sich. Wie sollte man da nicht die Notwendigkeit verspüren, alle aufzufordern, diese Erfahrung stets neu zu machen?
   8. Wenn ich an die Eucharistie denke und dabei auf mein Leben als Priester, Bischof und Nachfolger Petri blicke, erinnere ich mich spontan an die vielen Gelegenheiten und die vielen Orte, an denen ich sie feiern konnte. Ich erinnere mich an die Pfarrkirche von Niegowić, wo ich meine erste pastorale Aufgabe erfüllte, an die Kollegiatskirche des heiligen Florian in Krakau, an die Kathedrale auf dem Wawel, an die Peterskirche und an die vielen Basiliken und Kirchen in Rom und in der ganzen Welt. Ich konnte die heilige Messe in Kapellen feiern, die sich an Gebirgspfaden, an Seeufern, an Meeresküsten befinden; ich feierte sie auf Altären, die in Stadien oder auf den Plätzen der Städte errichtet waren... Dieser so vielfältige Rahmen meiner Eucharistiefeiern lässt mich deutlich erfahren, wie universal und gleichsam kosmisch die heilige Messe ist. Ja, kosmisch! Denn auch dann, wenn man die Eucharistie auf dem kleinen Altar einer Dorfkirche feiert, feiert man sie immer in einem gewissen Sinn auf dem Altar der Welt. Sie verbindet Himmel und Erde. Sie umfasst und erfüllt alles Geschaffene. Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, um alles Geschaffene in einem höchsten Akt des Lobes dem zurückzuerstatten, der es aus dem Nichts geschaffen hat. Indem der ewige Hohepriester durch das Blut seines Kreuzes in das ewige Heiligtum eintritt, erstattet er dem Schöpfer und Vater die ganze erlöste Schöpfung zurück. Das tut er durch das priesterliche Dienstamt der Kirche zur Ehre der heiligsten Dreifaltigkeit. Dies ist das mysterium fidei, das in der Eucharistie gegenwärtig wird: die Welt, die aus den Händen des Schöpfergottes hervorgegangen ist, kehrt als von Christus erlöste Welt zu Gott zurück.
   9. Die Eucharistie ist die heilbringende Gegenwart Jesu in der Gemeinschaft der Gläubigen und ihre geistliche Nahrung, sie ist das wertvollste Gut, das die Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte haben kann. So erklärt sich die besondere Aufmerksamkeit, die sie dem eucharistischen Mysterium immer entgegengebracht hat; eine Aufmerksamkeit, die in verbindlicher Form in den Werken der Konzilien und der Päpste sichtbar wird. Wie könnte man nicht die lehramtlichen Darlegungen in den Dekreten über die heiligste Eucharistie und über das heilige Messopfer bewundern, die das Konzil von Trient promulgiert hat? Diese Dekrete haben in den nachfolgenden Jahr- hunderten sowohl die Theologie als auch die Katechese geleitet und sind noch immer dogmatischer Bezugspunkt für die fortwährende Erneuerung und für das Wachstum des Volkes Gottes im Glauben und in der Liebe zur Eucharistie. Aus jüngerer Zeit sind drei Enzykliken zu nennen: die Enzyklika Mirae Caritatis (28. Mai 1902) von Leo XIII., die Enzyklika Mediator Dei (20. November 1947) von Pius XII. und die Enzyklika Mysterium Fidei (3. September 1965) von Paul VI.
   Das Zweite Vatikanische Konzil hat zwar kein eigenes Dokument über das eucharistische Mysterium veröffentlicht. Es hat aber dessen verschiedene Aspekte innerhalb des gesamten Bogens seiner Dokumente beleuchtet, besonders in der dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium und in der Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium.
   Ich selbst habe in den ersten Jahren meines apostolischen Dienstes auf dem Stuhl Petri mit dem Apostolischen Schreiben Dominicae Cenae (24. Februar 1980) einige Aspekte des eucharistischen Mysteriums und seiner Bedeutung im Leben derer behandelt, die seine Diener sind. Heute greife ich dieses Thema wieder auf mit einem Herzen, das noch tiefer ergriffen und von Dankbarkeit erfüllt ist und gleichsam die Worte des Psalmisten widerhallen lässt: »Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat. Ich will den Kelch des Heils erheben und anrufen den Namen des Herrn« Ps 116,12-13.
   10. Dieser Verkündigung durch das Lehramt entspricht das innere Wachstum der christlichen Gemeinschaft. Ohne Zweifel war die Liturgiereform des Konzils von großem Gewinn für eine bewusstere, tätigere und frucht- barere Teilnahme der Gläubigen am heiligen Opfer des Altares. An vielen Orten findet die Anbetung des heiligsten Sakramentes täglich einen weiten Raum und wird so zu einer unerschöpflichen Quelle der Heiligkeit. Die an- dächtige Teilnahme der Gläubigen an der eucharistischen Prozession am Hochfest des Leibes und Blutes Christi ist eine Gnade des Herrn, welche die teilnehmenden Gläubigen jedes Jahr mit Freude erfüllt. Man könnte noch andere positive Zeichen des Glaubens und der Liebe zur Eucharistie erwähnen.
   Leider fehlt es neben diesen Lichtstrahlen nicht an Schatten. Es gibt Orte, an denen der Kult der eucharistischen Anbetung fast völlig aufgegeben wurde. In dem einen oder anderen Bereich der Kirche kommen Missbräuche hinzu, die zur Schmälerung des rechten Glaubens und der katholischen Lehre über dieses wunderbare Sakrament beitragen. Bisweilen wird ein stark verkürzendes Verständnis des eucharistischen Mysteriums sichtbar. Es wird seines Opfercharakters beraubt und in einer Weise vollzogen, als ob es den Sinn und den Wert einer brüderlichen Mahlgemeinschaft nicht übersteigen würde. Darüber hinaus wird manchmal die Notwendigkeit des Amtspriestertums, das in der apostolischen Sukzession gründet, verdunkelt, und die Sakramentalität der Eucharistie allein auf die Wirksamkeit in der Verkündigung reduziert. Von da aus gibt es hier und da ökumenische Initiativen, die zwar gut gemeint sind, aber zu eucharistischen Praktiken verleiten, die der Disziplin widersprechen, mit der die Kirche ihren Glauben zum Ausdruck bringt. Wie sollte man nicht über all dies tiefen Schmerz empfinden? Die Eucha- ristie ist ein zu großes Gut, um Zweideutigkeiten und Verkürzungen zu dulden.
   Ich vertraue darauf, dass diese Enzyklika wirksam dazu beitragen kann, die Schatten nicht annehmbarer Lehren und Praktiken zu vertreiben, damit das Mysterium der Eucharistie weiterhin in seinem vollen Glanz erstrahle.

I. KAPITEL: GEHEIMNIS DES GLAUBENS

   11. »In der Nacht, da er ausgeliefert wurde« 1 Kor 11,23, hat der Herr Jesus das eucharistische Opfer seines Leibes und seines Blutes gestiftet. Die Worte des Apostels Paulus erinnern uns an die dramatischen Umstände, in denen die Eucharistie entstanden ist. Das Ereignis des Leidens und des Todes des Herrn ist unauslöschlich in sie eingeschrieben. Die Eucharistie ist nicht nur eine Erinnerung an dieses Ereignis, sondern seine sakramentale Vergegenwärtigung. Sie ist das Kreuzesopfer, das durch die Jahrhunderte fortdauert. Diese Wahrheit kommt treffend in den Worten zum Ausdruck, mit denen das Volk im lateinischen Ritus auf den Ruf des Priesters »Geheimnis des Glaubens« antwortet: »Deinen Tod, o Herr, verkünden wir!«.
   Die Kirche hat die Eucharistie von Christus, ihrem Herrn, nicht als eine kostbare Gabe unter vielen anderen erhalten, sondern als die Gabe schlechthin, da es die Gabe seiner selbst ist, seiner Person in seiner heiligen Menschheit wie auch seines Erlösungswerkes. Dieses beschränkt sich nicht auf die Vergangenheit, denn »alles, was Christus ist, und alles, was er für alle Menschen getan und gelitten hat, nimmt an der Ewigkeit Gottes teil, steht somit über allen Zeiten und wird ihnen gegenwärtig«.
   Wenn die Kirche die heilige Eucharistie, das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung ihres Herrn, feiert, wird dieses zentrale Mysterium des Heils wirklich gegenwärtig und »vollzieht sich das Werk unserer Erlösung«. Dieses Opfer ist für die Erlösung des Menschengeschlechts so entscheidend, dass Jesus Christus es vollbrachte und erst dann zum Vater zurückkehrte, nachdem er uns das Mittel hinterlassen hatte, damit wir so daran teilnehmen können, als ob wir selbst dabei gewesen wären. Jeder Gläubige kann auf diese Weise am Opfer Christi teilnehmen und seine Früchte in unerschöpflichem Maß erlangen. Das ist der Glaube, aus dem die christlichen Generationen im Laufe der Jahrhunderte gelebt haben. Diesen Glauben hat das Lehramt der Kirche unaufhörlich mit freudiger Dankbarkeit für das unschätzbare Geschenk bekräftigt. Ich möchte noch einmal an diese Wahrheit erinnern und mich mit euch, meine lieben Brüder und Schwestern, in Anbetung vor dieses Mysterium begeben: das große Geheimnis, das Geheimnis der Barmherzigkeit. Was hätte Jesus noch mehr für uns tun können? In der Eucharistie zeigt er uns wirklich eine Liebe, die »bis zur Vollendung« Joh 13, 1 geht, eine Liebe, die kein Maß kennt.
   12. Dieser Aspekt universaler Liebe des eucharistischen Sakramentes gründet in den Worten des Retters selbst. Bei der Einsetzung der Eucharistie beschränkte er sich nicht darauf zu sagen: »Das ist mein Leib …, das ist mein Blut«, sondern fügte hinzu: »der für euch hingegeben wird …, das für euch vergossen wird« Lk 22,19-20. Er bekräftigte nicht nur, dass das, was er ihnen zu essen und zu trinken gab, sein Leib und sein Blut war, sondern brachte auch dessen Opfercharakter zum Ausdruck und ließ damit sein Opfer, das einige Stunden später am Kreuz für das Heil aller dargebracht werden sollte, auf sakramentale Weise gegenwärtig werden. »Die Messe ist zugleich und untrennbar das Opfergedächtnis, in welchem das Kreuzesopfer für immer fortlebt, und das heilige Mahl der Kommunion mit dem Leib und dem Blut des Herrn«.
   Die Kirche lebt unaufhörlich vom Erlösungsopfer. Ihm nähert sie sich nicht nur durch ein gläubiges Gedenken, sie tritt mit ihm auch wirklich in Kontakt. Denn dieses Opfer wird gegenwärtig und dauert auf sakramentale Weise in jeder Gemeinschaft fort, in der es durch die Hände des geweihten Priesters dargebracht wird. Auf diese Weise wendet die Eucharistie den Menschen von heute die Versöhnung zu, die Christus ein für allemal für die Menschen aller Zeiten erworben hat. In der Tat: »Das Opfer Christi und das Opfer der Eucharistie sind ein einziges Opfer«. Das sagte kraftvoll bereits der heilige Johannes Chrysostomus: »Wir opfern immer das gleiche Lamm, und nicht heute das eine und morgen ein anderes, sondern immer dasselbe. Aus diesem Grund ist das Opfer immer nur eines. [...] Auch heute bringen wir jenes Opferlamm dar, das damals geopfert worden ist und das sich niemals verzehren wird«.
   Die Messe macht das Opfer des Kreuzes gegenwärtig, sie fügt ihm nichts hinzu und vervielfältigt es auch nicht. Was sich wiederholt, ist die Gedächtnisfeier, seine »gedenkende Darstellung« memorialis demonstratio, durch die das einzige und endgültige Erlösungsopfer Christi in der Zeit gegenwärtig wird. Der Opfercharakter des eucha- ristischen Mysteriums kann deswegen nicht als etwas in sich Stehendes verstanden werden, unabhängig vom Kreuz oder nur mit einem indirekten Bezug zum Opfer von Kalvaria.
   13. Kraft ihrer innigen Beziehung mit dem Opfer von Golgota ist die Eucharistie Opfer im eigentlichen Sinn, und nicht nur in einem allgemeinen Sinn, als ob es sich um eine bloße Hingabe Christi als geistliche Speise an die Gläubigen handelte. Das Geschenk seiner Liebe und seines Gehorsams bis zur Vollendung des Lebens vgl. Joh 10, 17-18 ist in erster Linie eine Gabe an seinen Vater. Natürlich ist es Gabe für uns, ja für die ganze Menschheit vgl. Mt 26,28; Mk 14,24; Lk 22,20; Joh 10,15, aber dennoch vor allem Gabe an den Vater: »ein Opfer, das der Vater angenommen hat, indem er für die Ganzhingabe seines Sohnes, der "gehorsam wurde bis zum Tod" Phil 2,8, die ihm als Vater eigene Gabe zurückschenkte, d.h. ein neues, ewiges Leben in der Auferstehung«.
   Indem Christus der Kirche sein Opfer schenkte, wollte er sich auch das geistliche Opfer der Kirche zu eigen machen, die berufen ist, mit dem Opfer Christi auch sich selbst darzubringen. Das lehrt uns das Zweite Vatikani- sche Konzil im Hinblick auf alle Gläubigen: »In der Teilnahme am eucharistischen Opfer, der Quelle und dem Höhe- punkt des ganzen christlichen Lebens, bringen sie das göttliche Opferlamm Gott dar und sich selbst mit ihm«.
   14. Das Pascha Christi umfasst mit dem Leiden und dem Tod auch seine Auferstehung. Daran erinnert die Akkla- mation des Volkes nach der Wandlung: »Deine Auferstehung preisen wir«. Tatsächlich macht das eucharistische Opfer nicht nur das Mysterium vom Leiden und Tod des Erlösers gegenwärtig, sondern auch das Mysterium der Auferstehung, in der das Opfer seine Vollendung findet. Weil Christus lebt und auferstanden ist, kann er sich in der Eucharistie zum »Brot des Lebens« Joh 6,35.48, zum »lebendigen Brot« Joh 6,51 machen. Daran erinnerte der heilige Ambrosius die Neugetauften und wandte das Ereignis der Auferstehung auf ihr Leben an: »Wenn heute Christus dein ist, so steht er für dich jeden Tag von den Toten auf«. Der heilige Cyrill von Alexandrien unterstrich seinerseits, dass die Teilnahme an den heiligen Mysterien »ein wahres Bekenntnis und ein wahres Gedächtnis daran sind, dass der Herr gestorben und zum Leben zurückgekehrt ist für uns und für unser Heil«.
   15. Die sakramentale Vergegenwärtigung des durch die Auferstehung vollendeten Opfers Christi in der heiligen Messe beinhaltet eine ganz besondere Gegenwartsweise, die – um die Worte von Paul VI. aufzugreifen – »"wirklich" genannt wird, nicht im ausschließlichen Sinn, als ob die anderen Gegenwartsweisen nicht "wirklich" wären, sondern hervorhebend, weil sie substantiell ist und infolgedessen den ganzen und vollständigen Christus, den Gottmenschen, gegenwärtig macht«. So wird die immer gültige Lehre des Konzils von Trient bekräftigt: »Durch die Konsekration des Brotes und Weines geschieht eine Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes in die Substanz des Leibes Christi, unseres Herrn, und der ganzen Substanz des Weines in die Substanz seines Blutes. Diese Wandlung wurde von der heiligen katholischen Kirche treffend und im eigentlichen Sinne Wesensver- wandlung genannt«. Die Eucharistie ist wirklich mysterium fidei, ein Geheimnis, das unser Denken übersteigt und das nur im Glauben erfasst werden kann. Daran erinnern die Kirchenväter oft in ihren Katechesen über dieses göttliche Sakrament: Der heilige Cyrill von Jerusalem mahnt: »Schau in Brot und Wein nicht nur die natürlichen Elemente an, denn der Herr hat ausdrücklich gesagt, dass sie sein Leib und sein Blut sind: Der Glaube versichert es dir, auch wenn die Sinne dir anderes einreden«.
   »Adoro te devote, latens Deitas« [ich bete dich an, verborgene Gottheit], singen wir immerfort mit dem heili- gen Thomas von Aquin. Angesichts dieses Geheimnisses der Liebe wird die ganze Begrenztheit der menschlichen Vernunft erfahrbar. Man versteht, wie diese Wahrheit im Laufe der Jahrhunderte die Theologie angeregt hat, durch harte Anstrengungen in ihr Verständnis einzudringen.
   Diese Anstrengungen sind lobenswert und um so nützlicher und fruchtbarer, je mehr sie den kritischen Einsatz des Denkens mit dem »gelebten Glauben« der Kirche zu verbinden vermögen, der sich besonders zeigt im »sicheren Charisma der Wahrheit« des Lehramtes und in der »inneren Einsicht […] aus geistlicher Erfahrung«, die vor allem die Heiligen erlangen. Paul VI. hat auf die Grenze hingewiesen, die bestehen bleibt: »Jede theologische Erklärung, die sich um das Verständnis dieses Geheimnisses bemüht, muss, um mit unserem Glauben überein- stimmen zu können, daran festhalten, dass Brot und Wein der Substanz nach, unabhängig von unserem Denken, nach der Konsekration zu bestehen aufgehört haben, so dass nunmehr der anbetungswürdige Leib und das an- betungswürdige Blut unseres Herrn vor uns gegenwärtig sind unter den sakramentalen Gestalten von Brot und Wein«.
   16. In Fülle verwirklicht sich die heilbringende Wirkung des Opfers, wenn wir in der Kommunion den Leib und das Blut des Herrn empfangen. Das eucharistische Opfer ist in sich auf die innige Gemeinschaft von uns Gläubigen mit Christus in der Kommunion ausgerichtet: Wir empfangen ihn selbst, der sich für uns hingegeben hat, seinen Leib, den er für uns am Kreuz dargebracht hat, sein Blut, das er »für viele« vergossen hat »zur Vergebung der Sünden« Mt 26,28. Erinnern wir uns an seine Worte: »Wie mich der lebendige Vater gesandt hat, und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben« Joh 6,57. Jesus selbst versichert uns, dass eine derartige Vereinigung, die er in eine Analogie zur Einheit des dreifaltigen Gottes setzt, sich wahrhaft verwirklicht. Die Eucharistie ist ein wahres Mahl, in dem sich Christus als Nahrung darbietet. Als Jesus zum ersten Mal diese Speise ankündigte, waren die Zuhörer erstaunt und verwirrt und zwangen den Meister, die objektive Wahrheit seiner Worte zu unterstreichen: »Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch« Joh 6,53. Es handelt sich nicht um eine Speise in einem bildhaften Sinn: »Mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank« Joh 6, 55.
   17. Durch die Teilhabe an seinem Leib und an seinem Blut teilt Christus uns auch seinen Geist mit. Der heilige Ephräm schreibt:  »Er nannte das Brot seinen lebendigen Leib,  er erfüllte es mit sich selbst und mit seinem Geist. [...] Und der, der es mit Glauben isst, isst Feuer und Geist. [...] Nehmt davon, esst alle davon und esst mit ihm den Heiligen Geist. Es ist wirklich mein Leib und der, der ihn isst, wird ewig leben«. Die Kirche erbittet diese göttliche Gabe, die die Wurzel aller anderen Gaben ist, in der eucharistischen Epiklese [Anm.: Herabrufung des Heiligen Geistes]. In der Göttlichen Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus heißt es zum Beispiel: »Wir rufen dich an, wir bitten dich und wir flehen dich an: Sende deinen Heiligen Geist über uns alle und über diese Gaben, [...] damit alle, die daran teilhaben, Reinigung der Seele, Vergebung der Sünden, Gemeinschaft des Heiligen Geistes erlan- gen mögen«. Und im Römischen Messbuch betet der Priester: »Stärke uns durch den Leib und das Blut deines Sohnes und erfülle uns mit seinem Heiligen Geist, damit wir ein Leib und ein Geist werden in Christus«. So lässt Christus durch die Gabe seines Leibes und seines Blutes in uns die Gabe seines Geistes wachsen, der uns schon in der Taufe eingegossen und im Sakrament der Firmung als »Siegel« geschenkt wurde.
   18. Die Akklamation des Volkes nach der Wandlung endet treffend mit dem Bekenntnis der eschatologischen Perspektive, welche die Eucharistiefeier auszeichnet vgl. 1 Kor 11,26: »... bis du kommst in Herrlichkeit«. Die Eucharistie bedeutet Spannung auf das Ziel hin, Vorgeschmack der vollkommenen Freude, die Christus versprochen hat vgl. Joh 15,11; in gewisser Weise ist sie Vorwegnahme des Paradieses, »Unterpfand der künftigen Herrlichkeit«. In der Eucharistie drückt alles die vertrauensvolle Erwartung aus, dass »wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten«. Wer sich von Christus in der Eucharistie nährt, muss nicht das Jenseits erwarten, um das ewige Leben zu erlangen: Er besitzt es schon auf Erden als Erstlingsgabe der künftigen Fülle, die den ganzen Menschen betreffen wird. In der Eucharistie empfangen wir tatsächlich auch die Garantie der leiblichen Auferstehung am Ende der Welt: »Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag« Joh 6,54. Diese Garantie der künftigen Auferstehung kommt aus der Tatsache, dass das Fleisch des Menschensohnes, das uns zur Speise gereicht wird, sein Leib im verherrlichten Zustand des Auferstandenen ist. Mit der Eucharistie nehmen wir sozusagen das »Geheimnis« der Auferstehung in uns auf. Deshalb definierte der heilige Ignatius von Antiochien das eucharistische Brot zu Recht als »Medizin der Unsterblichkeit, Gegengift gegen den Tod«.
   19. Die eschatologische Spannung, die durch die Eucharistie wachgerufen wird, drückt die Gemeinschaft mit der himmlischen Kirche aus und stärkt sie. Es ist kein Zufall, dass die orientalischen Anaphoren und die eucharisti- schen Hochgebete des lateinischen Ritus das ehrfürchtige Gedenken Mariens, der allzeit jungfräulichen Mutter unseres Herrn und Gottes Jesus Christus, der Engel, der heiligen Apostel, der ruhmreichen Märtyrer und aller Heiligen enthalten. Dies ist ein Aspekt der Eucharistie, der es verdient, hervorgehoben zu werden: Während wir das Opfer des Lammes feiern, vereinen wir uns mit der himmlischen Liturgie und gesellen uns zu jener gewaltigen Schar, die ruft: »Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm!« Offb 7,10. Die Eucharistie ist wirklich ein Aufbrechen des Himmels, der sich über der Erde öffnet. Sie ist ein Strahl der Herrlichkeit des himmlischen Jerusalem, der die Wolken unserer Ge- schichte durchdringt und Licht auf unseren Weg wirft.
   20. Eine bedeutsame Konsequenz der eschatologischen Spannung, die in die Eucharistie eingeschrieben ist, besteht auch darin, dass sie uns auf dem Weg durch die Geschichte einen Impuls gibt und in die tägliche Arbeit und Pflicht eines jeden einen Samen lebendiger Hoffnung legt. Wenn die christliche Sichtweise nämlich dazu führt, auf »einen neuen Himmel« und »eine neue Erde« zu blicken vgl. Offb 21,1, so schwächt dies nicht, sondern fördert unseren Verantwortungssinn für die gegenwärtige Welt. Ich möchte dies mit Nachdruck am Beginn des neuen Jahrtausends bekräftigen, damit die Christen sich mehr denn je angespornt fühlen, ihre Pflichten als Bürger dieser Erde nicht zu vernachlässigen. Es ist ihre Aufgabe, mit dem Licht des Evangeliums zum Aufbau einer menschen- würdigen Welt im vollkommenen Einklang mit dem Plan Gottes beizutragen.
   Viele Probleme verdunkeln den Horizont unserer Zeit. Es mag genügen, an die Dringlichkeit zu erinnern, für den Frieden zu arbeiten, solide und in Gerechtigkeit und Solidarität verankerte Voraussetzungen für die Beziehungen zwischen den Völkern zu schaffen, das menschliche Leben von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende zu verteidigen. Und was soll man zu den tausend Widersprüchen einer »globalisierten« Welt sagen, in der die Schwächsten, die Kleinsten und die Ärmsten scheinbar wenig zu erhoffen haben? Gerade in dieser Welt muss die christliche Hoffnung aufstrahlen! Auch deshalb wollte der Herr in der Eucharistie bei uns bleiben; in seine Gegenwart im Opfer und im Gastmahl ist die Verheißung einer Menschheit eingeschrieben, die durch seine Liebe erneuert ist. Es ist bedeutungsvoll, dass das Johannesevangelium dort, wo die synoptischen Evangelien die Einsetzung der Eucharistie überliefern, den Bericht über die »Fußwaschung« enthält, in der Jesus sich zum Meister der Gemeinschaft und des Dienstes macht vgl. Joh 13,1-20, um so die tiefe Bedeutung der Eucharistie zu erläutern. Der Apostel Paulus wertet seinerseits die Teilnahme der christlichen Gemeinde am Herrenmahl als »unwürdig«, wenn es in ihr Spaltungen gibt und sie den Armen gegenüber gleichgültig ist vgl. 1 Kor 11,17-22.27-34.
   Den Tod des Herrn verkünden, »bis er kommt« 1 Kor 11,26, bringt für alle, die an der Eucharistie teilnehmen, den Auftrag mit sich, das Leben zu »verwandeln«, damit es in gewisser Weise ganz »eucharistisch« werde. Genau diese Frucht der Verwandlung der Existenz wie auch der Auftrag, die Welt nach dem Evangelium umzugestalten, lassen die eschatologische Spannung der Eucharistiefeier und des ganzen christlichen Lebens aufleuchten: »Komm, Herr Jesus!« Offb 22,20.

II. KAPITEL: DIE EUCHARISTIE BAUT DIE KIRCHE AUF

   21. Das Zweite Vatikanische Konzil hat daran erinnert, daß die Feier der Eucharistie im Zentrum des Wachstums- prozesses der Kirche steht. Nach der Aussage: »Die Kirche, das heißt das im Mysterium schon gegenwärtige Reich Christi, wächst durch die Kraft Gottes sichtbar in der Welt«, fügt das Konzil hinzu, als ob es auf die Frage »Wie wächst sie?« antworten wollte: »Sooft das Kreuzesopfer, in dem Christus, unser Osterlamm, dahingegeben wurde vgl. 1 Kor 5,7, auf dem Altar gefeiert wird, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung. Zugleich wird durch das Sakrament des eucharistischen Brotes die Einheit der Gläubigen, die einen Leib in Christus bilden, dargestellt und verwirklicht vgl. 1 Kor 10,17«.
   Ein ursächlicher Einfluß der Eucharistie zeigt sich am Ursprung der Kirche selbst. Die Evangelisten beschreiben genau, dass es die Zwölf, die Apostel, waren, die mit Jesus zum Letzten Abendmahl zusammenkamen vgl. Mt 26, 20; Mk 14, 17; Lk 22, 14. Dies ist ein Detail von beträchtlicher Bedeutung, denn die Apostel »bildeten die Keime des neuen Israel und zugleich den Ursprung der heiligen Hierarchie«. Indem Christus ihnen seinen Leib und sein Blut zur Speise gab, bezog er sie auf geheimnisvolle Weise in das Opfer ein, das wenige Stunden später auf Kal- varia vollbracht werden sollte. Analog zum Bundesschluss am Sinai, der durch das Opfer und die Besprengung mit Blut besiegelt wurde, legen die Handlungen und Worte Jesu beim Letzten Abendmahl das Fundament für die neue messianische Gemeinschaft, das Volk des Neuen Bundes.
   Als die Apostel im Abendmahlssaal die Einladung Jesu »Nehmt und eßt... Trinkt alle daraus...« Mt 26,26-27 annahmen, traten sie zum erstenmal in sakramentale Gemeinschaft mit ihm. Von diesem Augenblick an bis zum Ende der Zeiten wird die Kirche durch die sakramentale Gemeinschaft mit dem Sohn Gottes auferbaut, der sich für uns geopfert hat:  »Tut dies zu meinem Gedächtnis!...  Tut dies,  sooft ihr daraus trinkt,  zu meinem Gedächtnis!« 1 Kor 11, 24-25; vgl. Lk 22,19.
   22. Die Eingliederung in Christus, die in der Taufe verwirklicht wird, erneuert und festigt sich beständig durch die Teilnahme am eucharistischen Opfer, vor allem durch die volle Teilnahme am Opfer in der sakramentalen Kommunion. Wir können sagen, dass nicht nur jeder einzelne von uns Christus empfängt, sondern auch, dass Christus jeden einzelnen von uns empfängt. Er schließt Freundschaft mit uns: »Ihr seid meine Freunde« Joh 15,14. Durch ihn haben wir das Leben: »So wird jeder, der mich isst, durch mich leben« Joh 6,57. In der eucharistischen Kommunion verwirklicht sich in höchster Weise das »Innewohnen« Christi im Jünger und des Jüngers in Christus: »Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch« Joh 15,4.
   Durch die Vereinigung mit Christus verschließt sich das Volk des Neuen Bundes keineswegs in sich selbst, sondern wird vielmehr zum »Sakrament« für die Menschheit, zum Zeichen und Werkzeug des von Christus gewirkten Heiles, zum Licht der Welt und zum Salz der Erde vgl. Mt 5,13-16 für die Erlösung aller. Die Sendung der Kirche führt die Sendung Christi weiter: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« Joh 20,21. Aus der Fortdauer des Kreuzesopfers in der Eucharistie und aus der Gemeinschaft mit dem Leib und dem Blut Christi schöpft die Kirche die notwendige geistliche Kraft, um ihre Sendung zu erfüllen. So zeigt sich die Eucharistie als Quelle und zugleich als Höhepunkt der ganzen Evangelisierung, da ihr Ziel die Gemeinschaft der Menschen mit Christus und in ihm mit dem Vater und mit dem Heiligen Geist ist.
   23. Mit der eucharistischen Kommunion wird die Kirche zugleich in ihrer Einheit als Leib Christi gefestigt. Der heilige Paulus bezieht sich auf diese einheitsstiftende Wirkung der Teilnahme am eucharistischen Mahl, wenn er an die Korinther schreibt: »Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot« 1 Kor 10,16-17. Der heilige Johannes Chrysostomus kommentiert treffend und tiefsinnig: »Was ist denn das Brot wirklich? Es ist der Leib Christi. Was werden die, welche ihn empfangen? Sie werden Leib Christi; aber nicht viele Leiber, sondern ein einziger Leib. In der Tat ist das Brot ganz eins, obgleich es aus vielen Körnern besteht, die sich in ihm befinden, auch wenn man sie nicht sieht und ihre Verschiedenheit zugunsten ihrer gegenseitigen vollkommenen Verschmelzung verschwindet. Ebenso sind auch wir auf die gleiche Weise untereinander geeint und alle miteinander mit Christus«. Die Argumentation ist überzeugend: Unsere Vereinigung mit Christus, die Geschenk und Gnade für jeden einzelnen ist, bewirkt, dass wir in ihm auch zur Einheit seines Leibes, zur Kirche, zusammengefügt werden. Die Eucharistie festigt die Eingliederung in Christus, die in der Taufe durch die Gabe des Geistes grundgelegt worden ist vgl. 1 Kor 12,13.27.
   Das geeinte und untrennbare Handeln des Sohnes und des Heiligen Geistes, das der Kirche, ihrem Entstehen und ihrem Fortdauern zugrundeliegt, ist in der Eucharistie wirksam. Dies ist dem Verfasser der Liturgie des heiligen Jakobus wohl bewusst: Denn in der Epiklese der Anaphora wird Gott Vater gebeten, daß er den Heiligen Geist auf die Gläubigen und auf die Gaben herabkommen lasse, damit der Leib und das Blut Christi »all denen, die daran teilhaben, [...] zur Heiligung der Seele und des Leibes gereichen«. Die Kirche wird vom göttlichen Beistand gefestigt durch die Heiligung der Gläubigen in der Eucharistie.
   24. Die Gabe Christi und seines Geistes, die wir in der eucharistischen Kommunion empfangen, erfüllt in über- reichem Maß die Sehnsucht nach brüderlicher Einheit, die im menschlichen Herzen wohnt. Zugleich hebt sie die Erfahrung brüderlicher Gemeinschaft, die der gemeinsamen Teilnahme am selben eucharistischen Tisch innewohnt, auf eine Ebene, die weit über der bloßen Erfahrung menschlicher Mahlgemeinschaft liegt. Durch die Kommunion am Leib Christi dringt die Kirche immer tiefer in ihr Wesen ein, »in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« zu sein.
   Den Keimen der Entzweiung unter den Menschen, die - wie die tägliche Erfahrung zeigt - aufgrund der Sünde tief in die Menschheit eingegraben sind, stellt sich die schöpferische Kraft der Einheit des Leibes Christi entgegen. Die Eucharistie, die die Kirche auferbaut, schafft gerade dadurch Gemeinschaft unter den Menschen.
   25. Der Kult, welcher der Eucharistie außerhalb der Messe erwiesen wird, hat einen unschätzbaren Wert im Leben der Kirche. Dieser Kult ist eng mit der Feier des eucharistischen Opfers verbunden. Die Gegenwart Christi unter den heiligen Gestalten, die nach der Messe aufbewahrt werden – eine Gegenwart, die so lange andauert, wie die Gestalten von Brot und Wein Bestand haben –, kommt von der Feier des Opfers her und bereitet auf die sakramentale und die geistliche Kommunion vor. Es obliegt den Hirten, zur Pflege des eucharistischen Kultes zu ermutigen, auch durch ihr persönliches Zeugnis, insbesondere zur Aussetzung des Allerheiligsten sowie zum anbetenden Verweilen vor Christus, der unter den eucharistischen Gestalten gegenwärtig ist.
   Es ist schön, bei ihm zu verweilen und wie der Lieblingsjünger, der sich an seine Brust lehnte vgl. Joh 13,25, von der unendlichen Liebe seines Herzens berührt zu werden. Wenn sich das Christentum in unserer Zeit vor allem durch die »Kunst des Gebetes« auszeichnen soll, wie könnte man dann nicht ein erneuertes Verlangen spüren, lange im geistlichen Zwiegespräch, in stiller Anbetung, in einer Haltung der Liebe bei Christus zu verweilen, der im Allerheiligsten gegenwärtig ist? Wie oft, meine lieben Brüder und Schwestern, habe ich diese Erfahrung gemacht, und daraus Kraft, Trost und Stärkung geschöpft!
   Von dieser Praxis, die das Lehramt wiederholt gelobt und empfohlen hat, geben uns zahlreiche Heilige ein Beispiel. In besonderer Weise zeichnete sich darin der heilige Alfons von Liguori aus, der schrieb: »Unter allen Frömmigkeitsformen ist die Anbetung des eucharistischen Christus die erste nach den Sakramenten; sie ist Gott am liebsten und uns am nützlichsten«. Die Eucharistie ist ein unermeßlicher Schatz: Nicht nur ihre Feier, sondern auch das Verweilen vor ihr außerhalb der Messe gestattet uns, an der Quelle der Gnade zu schöpfen. Wenn eine christliche Gemeinschaft noch fähiger werden möchte, das Antlitz Christi in jenem Geist zu betrachten, den ich in den Apostolischen Schreiben  Novo millennio ineunte und Rosarium Virginis Mariae empfohlen habe, kann sie nicht darauf verzichten, den eucharistischen Kult zu pflegen, in dem die Früchte der Gemeinschaft am Leib und am Blut des Herrn fortdauern und sich vervielfachen.

III. KAPITEL: DIE APOSTOLIZITÄT DER EUCHARISTIE UND DER KIRCHE

26. Wenn die Eucharistie die Kirche auferbaut und die Kirche die Eucharistie vollzieht, wie ich eben in Erinnerung gerufen habe, so folgt daraus, dass es zwischen der Eucharistie und der Kirche eine sehr enge Verbindung gibt. Dies gilt in einem solchem Maß, dass wir auf das Mysterium der Eucharistie anwenden dürfen, was wir über die Kirche sagen, wenn wir sie im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel als »die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche« bekennen. Eine und katholisch ist auch die Eucharistie. Sie ist auch heilig, ja sie ist das heiligste Sakrament. Unsere Aufmerksamkeit wollen wir nun aber vor allem auf ihre Apostolizität richten.
   27. Bei der Erklärung, wie die Kirche apostolisch, also auf die Apostel gegründet ist, weist der Katechismus der Katholischen Kirche auf einen dreifachen Sinn hin. Erstens »ist und bleibt sie "auf das Fundament der Apostel" gebaut Eph 2,20, auf die von Christus selbst erwählten und ausgesandten Zeugen«. Die Apostel sind auch das Fundament der Eucharistie, nicht weil das Sakrament nicht auf Christus selbst zurückgeht, sondern weil Jesus es den Aposteln anvertraut hat und weil es von ihnen und ihren Nachfolgern bis zu uns weitergegeben wurde. Die Kirche feiert die Eucharistie durch die Jahrhunderte hindurch, indem sie das Handeln der Apostel weiterführt, die dem Auftrag des Herrn gehorsam waren.
   Der zweite Sinn, wie die Kirche nach dem Katechismus apostolisch ist, besteht darin, dass »sie mit dem Beistand des in ihr wohnenden Geistes die Lehre, das Glaubensvermächtnis sowie die gesunden Grundsätze der Apostel [bewahrt] und sie weiter[gibt]«. Auch in diesem zweiten Sinn ist die Eucharistie apostolisch, weil sie in Übereinstimmung mit dem Glauben der Apostel gefeiert wird. Das kirchliche Lehramt hat bei verschiedenen Gelegenheiten in der zweitausendjährigen Geschichte des Volkes des Neuen Bundes die Lehre über die Eucharistie, auch hinsichtlich der genauen Terminologie, präzisiert, um dadurch den apostolischen Glauben an dieses erhabene Mysterium zu schützen. Dieser Glaube bleibt unverändert, und es ist wesentlich für die Kirche, dass er unverändert bleibt.
   28. Schließlich ist die Kirche in dem Sinn apostolisch, dass »sie bis zur Wiederkunft Christi weiterhin von den Aposteln belehrt, geheiligt und geleitet wird – und zwar durch jene, die ihnen in ihrem Hirtenamt nachfolgen: das Bischofskollegium, dem die Priester zur Seite stehen, in Einheit mit dem Nachfolger des Petrus, dem obersten Hirten der Kirche«. Die apostolische Nachfolge in der pastoralen Sendung schließt notwendig das Sakrament der Weihe ein, also die ununterbrochene, auf die Anfänge zurückgehende Reihe gültiger Bischofsweihen. Diese Sukzession ist wesentlich, damit von Kirche im eigentlichen und vollen Sinn gesprochen werden kann.
   Die Eucharistie bringt auch diesen Sinn der Apostolizität zum Ausdruck. Wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, kommt es den Gläubigen zu,  »kraft ihres königlichen Priestertums an der eucharistischen Darbringung mitzuwirken«. Es ist aber der geweihte Priester, der »in der Person Christi das eucharistische Opfer vollzieht und es im Namen des ganzen Volkes Gott darbringt«. Deshalb ist im Missale Romanum vorgeschrieben, dass es nur dem Priester zusteht, das eucharistische Hochgebet zu sprechen, während das Volk sich im Glauben schweigend damit vereint.
   29. Der vom Zweiten Vatikanischen Konzil wiederholt gebrauchte Ausdruck, gemäß dem »der Amtspriester das eucharistische Opfer in der Person Christi vollzieht«, war im päpstlichen Lehramt bereits gut verankert. Wie ich bei anderer Gelegenheit klargestellt habe, bedeutet in persona Christi »mehr als nur "im Namen" oder "in Stellvertretung" Jesu Christi. In der Person, d.h. in der spezifischen, sakramentalen Identifizierung mit dem ewigen Hohenpriester, der Urheber und hauptsächliches Subjekt dieses seines eigenen Opfers ist, bei dem er in Wahrheit von niemandem ersetzt werden kann«. Der Dienst der Priester, die das Sakrament der Weihe empfangen haben, macht in der von Christus bestimmten Heilsordnung deutlich, dass die von ihnen gefeierte Eucharistie eine Gabe ist, die auf radikale Weise die Vollmacht der Gemeinde überragt. Das priesterliche Dienstamt ist unersetzlich, um die eucharistische Konsekration gültig an das Kreuzesopfer und an das Letzte Abendmahl zu binden.
   Die Gemeinde, die zur Feier der Eucharistie zusammenkommt, bedarf unbedingt eines geweihten Priesters, der sie leitet, um wirklich eucharistische Versammlung sein zu können. Die Gemeinde kann sich aber nicht selbst einen geweihten Amtsträger geben. Dieser ist eine Gabe, die die Gemeinde durch die auf die Apostel zurückgehende Sukzession der Bischöfe empfängt. Es ist nämlich der Bischof, der durch das Sakrament der Weihe einen neuen Priester bestellt und ihm die Vollmacht überträgt, die Eucharistie zu feiern. Daher kann »das eucharistische Geheimnis in keiner Gemeinde gefeiert werden, es sei denn durch die Hände eines geweihten Priesters, wie das Vierte Laterankonzil ausdrücklich gelehrt hat«.
   30. Diese Lehre der katholischen Kirche über das priesterliche Dienstamt in seiner Beziehung zur Eucharistie wie auch die Lehre über das eucharistische Opfer waren in den letzten Jahrzehnten Gegenstand eines fruchtbaren Dialogs im Bereich der ökumenischen Bemühungen. Wir müssen der heiligsten Dreifaltigkeit danken, weil es zu bedeutsamen Fortschritten und Annäherungen gekommen ist, die uns auf eine Zukunft hoffen lassen, in der wir den Glauben voll und ganz teilen. Die Anmerkung des Konzils bezüglich der kirchlichen Gemeinschaften, die im Abendland im 16. Jahrhundert und danach entstanden und von der katholischen Kirche getrennt sind, bleibt noch immer voll zutreffend: »Obgleich bei den von uns getrennten kirchlichen Gemeinschaften die aus der Taufe hervorgehende volle Einheit mit uns fehlt und obgleich sie nach unserem Glauben vor allem wegen des Fehlens des Weihesakramentes die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, bekennen sie doch bei der Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung des Herrn im Heiligen Abendmahl, dass hier die lebendige Gemeinschaft mit Christus bezeichnet werde, und sie erwarten seine glorreiche Wiederkunft«.
   Deshalb müssen die katholischen Gläubigen bei allem Respekt vor den religiösen Überzeugungen ihrer getrennten Brüder und Schwestern der Kommunion fernbleiben, die bei ihren Feiern ausgeteilt wird, damit sie nicht einer zweideutigen Auffassung über das Wesen der Eucharistie Vorschub leisten und so die Pflicht versäumen, für die Wahrheit klar Zeugnis abzulegen. Dies würde zu einer Verzögerung auf dem Weg zur vollen sichtbaren Einheit führen. Es ist auch nicht gestattet, die sonntägliche heilige Messe durch ökumenische Wortgottesdienste, durch gemeinsame Gebetstreffen mit Christen, die den genannten kirchlichen Gemeinschaften angehören, oder durch die Teilnahme an ihren liturgischen Feiern zu ersetzen. Bei geeigneten Anlässen sind derartige Feiern und Treffen in sich lobenswert, sie bereiten auf die ersehnte volle, auch eucharistische Gemeinschaft vor, können sie aber nicht ersetzen.
   Die Tatsache, dass die Vollmacht zur Darbringung der Eucharistie ausschließlich den Bischöfen und Priestern anvertraut ist, stellt keine Herabsetzung des übrigen Gottesvolkes dar. Denn in der Gemeinschaft des einzigen Leibes Christi, der Kirche, nützt diese Gabe allen in überreichem Maß.
   31. Wenn die Eucharistie Mitte und Höhepunkt des Lebens der Kirche ist, so ist sie es in gleicher Weise für das priesterliche Dienstamt. Mit einem dankbaren Herzen gegenüber unserem Herrn Jesus Christus unterstreiche ich deshalb von neuem, dass die Eucharistie »der wesentliche und zentrale Seinsgrund für das Sakrament des Priestertums ist, das ja im Augenblick der Einsetzung der Eucharistie und zusammen mit ihr gestiftet worden ist«.
   Die pastoralen Tätigkeiten des Priesters sind vielfältig. Wenn man an die gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse der gegenwärtigen Welt denkt, kann man leicht verstehen, wie groß und bedrohlich für die Priester die Gefahr ist, sich in einer Vielzahl verschiedener Aufgaben zu verlieren. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der Hirtenliebe das Band gesehen, das ihr Leben und ihre Tätigkeiten zur Einheit führt. Diese Hirtenliebe – so fügt das Konzil hinzu – »erwächst am stärksten aus dem eucharistischen Opfer. Es bildet daher Mitte und Wurzel des ganzen priesterlichen Lebens«. Man versteht so, wie wichtig es für sein geistliches Leben und darüber hinaus für das Wohl der Kirche und der Welt ist, dass der Priester die Empfehlung des Konzils, täglich die Eucharistie zu feiern, in die Tat umsetzt. Denn »sie ist auch dann, wenn keine Gläubigen dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche«. Auf diese Weise kann der Priester jede zerstreuende Spannung in seinem Tagesablauf überwinden, weil er im eucharistischen Opfer, der wahren Mitte seines Lebens und Dienens, die notwendige geistliche Energie findet, um sich den verschiedenen seelsorglichen Aufgaben zu stellen. So werden seine Tage wahrhaft eucharistisch.
   Von der zentralen Stellung der Eucharistie im Leben und Wirken der Priester leitet sich auch die zentrale Stellung der Eucharistie in der Pastoral zur Förderung von Priesterberufungen ab. Dies gilt vor allem deshalb, weil das Gebet um Berufungen in der Eucharistie ganz mit dem Gebet Christi, des ewigen Hohenpriesters, vereint wird. Die eifrige Sorge der Priester um das Mysterium der Eucharistie sowie die damit verbundene Förderung der bewussten, tätigen und fruchtbaren Teilnahme der Gläubigen an der Eucharistie ist zudem ein eindrucksvolles Beispiel und ein Ansporn für junge Menschen, großmütig auf den Ruf Gottes zu antworten. Oft bedient sich Gott der vorbildlichen und eifrigen Hirtenliebe eines Priesters, um im Herzen eines jungen Menschen den Keim der Berufung zum Priestertum auszusäen und zur Entfaltung zu bringen.
   32. All das zeigt, wie schmerzlich es ist und wie weit man sich von der normalen Situation entfernt, wenn eine christliche Gemeinde sich zwar aufgrund der Anzahl und Vielfalt der Gläubigen als Pfarrei darstellt, aber keinen Priester hat, der sie leitet. Die Pfarrei ist nämlich eine Gemeinschaft von Getauften, die ihre Identität vor allem durch die Feier des eucharistischen Opfers ausdrücken und geltend machen. Dazu aber ist ein Priester notwendig, denn nur ihm steht es zu, in persona Christi die Eucharistie darzubringen. Wenn einer Gemeinde der Priester fehlt, sucht man mit Recht nach einer gewissen Abhilfe, damit die sonntäglichen Gottesdienste weiterhin stattfinden. Die Ordensleute und Laien, die ihre Brüder und Schwestern im Gebet leiten, üben in lobenswerter Weise das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen aus, das in der Taufgnade gründet. Derartige Lösungen müssen aber als bloß vorläufig betrachtet werden, solange die Gemeinde auf einen Priester wartet.
   Die Tatsache, dass solche Feiern in sakramentaler Hinsicht unvollständig sind, muss die ganze Gemeinde dazu drängen, mit größerem Eifer zu beten, dass der Herr Arbeiter für seine Ernte aussende vgl. Mt 9,38, und muss auch dazu anspornen, alle anderen Grundaspekte einer angemessenen Berufungspastoral in die Tat umzusetzen. Dabei darf man nicht der Versuchung erliegen, Lösungen anzustreben, welche die Eigenschaften schwächen, die von den Priesteramtskandidaten in Bezug auf das sittliche Leben und die Ausbildung verlangt werden.
   33. Wenn nichtgeweihte Gläubige wegen des Priestermangels mit der Mitarbeit an der Seelsorge einer Pfarrei betraut worden sind, sollen sie sich bewusst bleiben, dass - wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt - »die christliche Gemeinde nur aufgebaut wird, wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der Eucharistie hat«. Sie müssen deshalb dafür sorgen, dass in der Gemeinde ein wahrer »Hunger« nach der Eucharistie lebendig bleibt. Dieser »Hunger« soll dazu führen, keine Gelegenheit zur Messfeier zu versäumen und auch die gelegentliche Anwesenheit eines Priesters zu nützen, der vom Kirchenrecht nicht an der Messfeier gehindert ist.

IV. KAPITEL: DIE EUCHARISTIE UND DIE KIRCHLICHE GEMEINSCHAFT

   34. Die außerordentliche Versammlung der Bischofssynode 1985 erkannte in der »Communio-Ekklesiologie« die zentrale und grundlegende Idee der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die auf Erden pilgernde Kirche ist aufgerufen, die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott wie auch die Gemeinschaft unter den Gläubigen zu bewahren und zu fördern. Dafür besitzt sie das Wort und die Sakramente, vor allem die Eucharistie, aus der die Kirche »immerfort lebt und wächst« und in der sie zugleich ihr Wesen zum Ausdruck bringt. Nicht zufällig ist der Begriff Kommunion eine der besonderen Bezeichnungen für dieses erhabene Sakrament geworden.
   Die Eucharistie erscheint als Höhepunkt aller Sakramente, weil sie die Gemeinschaft mit Gott Vater im Einswerden mit dem eingeborenen Sohn durch den Heiligen Geist zur Vollendung führt. Ein bedeutender Schriftsteller der byzantinischen Tradition brachte diese Wahrheit mit gläubigem Scharfsinn zum Ausdruck: In der Eucharistie »ist vor jedem anderen Sakrament das Geheimnis [der Gemeinschaft] so vollkommen, dass es zum Gipfel aller Güter führt: Hier liegt das höchste Ziel jeder menschlichen Sehnsucht, weil wir hier Gott folgen, und Gott sich mit uns in der vollkommensten Einheit verbindet«. Eben darum ist es angemessen, in der Seele das dauernde Verlangen nach dem eucharistischen Sakrament zu pflegen. Hier liegt die Übung der »geistlichen Kommunion« begründet, die sich seit Jahrhunderten in der Kirche verbreitet hat und von heiligen Lehrmeistern des geistlichen Lebens empfohlen wurde. Die heilige Theresia von Jesus schrieb: »Wenn ihr nicht kommuniziert und an der Messe teilnehmt, könnt ihr geistlich kommunizieren. Diese Übung bringt reiche Früchte... So prägt sich in euch stark die Liebe unseres Herrn ein«.
  35. Die Feier der Eucharistie kann aber nicht der Ausgangspunkt der Gemeinschaft sein, sie setzt die Gemeinschaft vielmehr voraus und möchte sie stärken und zur Vollendung führen. Das Sakrament drückt dieses Band der Gemeinschaft aus, und zwar sowohl auf der unsichtbaren Ebene, die uns in Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes mit dem Vater und untereinander verbindet, als auch auf der sichtbaren Ebene, welche die Gemeinschaft in der Lehre der Apostel, in den Sakramenten und in der hierarchischen Ordnung einschließt. Die enge Beziehung, die zwischen den unsichtbaren und den sichtbaren Elementen der kirchlichen Gemeinschaft besteht, ist ein konstitutives Merkmal der Kirche als Sakrament des Heiles. Nur in diesem Zusammenhang ist die Feier der Eucharistie rechtmäßig und die Teilnahme an ihr wahrhaftig. Deshalb ist es eine Anforderung, die sich aus dem Wesen der Eucharistie ergibt, dass sie in der Gemeinschaft gefeiert wird, und zwar dort, wo die Unversehrtheit ihrer Bande gewahrt ist.
   36. Die unsichtbare Gemeinschaft, die ihrer Natur nach stets im Wachstum begriffen ist, setzt das Leben der Gnade, durch das man »Anteil an der göttlichen Natur« 2 Petr 1,4 erhält, sowie die Übung der Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe voraus. Nur so hat man wahrhaft Gemeinschaft mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Der Glaube genügt nicht; es ist vielmehr nötig, in der heiligmachenden Gnade und in der Liebe zu verharren und mit dem »Leib« und dem »Herzen« im Schoß der Kirche zu bleiben. Um mit den Worten des heiligen Paulus zu sprechen: Es ist erforderlich, »den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist« Gal 5,6.
   Die Unversehrtheit der unsichtbaren Bande aufrecht zu erhalten, ist eine moralische Pflicht des Christen, der voll an der Eucharistie teilnehmen und den Leib und das Blut Christi empfangen will. »Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken« 1 Kor 11,28. Mit kraftvoller Beredsamkeit mahnte der heilige Johannes Chrysostomus die Gläubigen: »Auch ich erhebe die Stimme, flehe, bitte und beschwöre euch, nicht zu diesem heiligen Tisch mit einem befleckten und verdorbenen Gewissen hinzutreten. Ein solches Hinzutreten kann man nie Kommunion nennen, auch wenn wir tausendmal den Leib des Herrn berühren, sondern Verdammnis, Pein und Vermehrung der Strafen«.
   In diesem Sinn hält der Katechismus der Katholischen Kirche mit Recht fest: »Wer sich einer schweren Sünde bewusst ist, muss das Sakrament der Buße empfangen, bevor er die Kommunion empfängt«. Ich möchte deshalb bekräftigen, dass in der Kirche die Norm gilt und immer gelten wird, mit der das Konzil von Trient die ernste Mahnung des Apostels Paulus vgl. 1 Kor 11,28 konkretisiert hat, indem es bestimmte, dass dem würdigen Empfang der Eucharistie »die Beichte vorausgehen muss, wenn einer sich einer Todsünde bewusst ist«.
   37. Die Eucharistie und die Buße sind zwei eng miteinander verbundene Sakramente. Die Eucharistie vergegenwärtigt das Erlösungsopfer des Kreuzes und setzt es auf sakramentale Weise fort. Daraus entspringt eine beständige Forderung zur Umkehr und zu einer persönlichen Antwort auf die Mahnung, die der heilige Paulus an die Christen von Korinth gerichtet hat: »Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!« 2 Kor 5,20. Für den Christen, auf dessen Gewissen eine schwere Sünde lastet, ist der Weg der Buße durch das Sakrament der Versöhnung verpflichtend, um voll am eucharistischen Opfer teilnehmen zu können.
   Es ist offensichtlich, dass das Urteil über den Gnadenstand nur dem Betroffenen zukommt, denn es handelt sich um ein Urteil des Gewissens. Aber in den Fällen, in denen ein äußeres Verhalten in schwerwiegender, offenkundiger und beständiger Weise der moralischen Norm widerspricht, kommt die Kirche nicht umhin, sich in ihrer pastoralen Sorge um die rechte Ordnung der Gemeinschaft und aus Achtung vor dem Sakrament in Pflicht nehmen zu lassen. Auf diesen Zustand offenkundiger moralischer Indisposition verweist die Norm des kirchlichen Gesetzbuches, gemäß der jene nicht zur eucharistischen Kommunion zugelassen werden können, »die hartnäckig in einer offenkundigen schweren Sünde verharren«.
   38. Wie ich bereits in Erinnerung gerufen habe, ist die kirchliche Gemeinschaft auch sichtbar und findet Ausdruck in den Banden, die vom Konzil erwähnt wurden, als es lehrte: »Jene werden der Gemeinschaft der Kirche voll eingegliedert, die, im Besitze des Geistes Christi, ihre ganze Ordnung und alle in ihr eingerichteten Heilsmittel annehmen und in ihrem sichtbaren Verband mit Christus, der sie durch den Papst und die Bischöfe leitet, verbunden sind, und dies durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der kirchlichen Leitung und Gemeinschaft«.
  Die Eucharistie ist die höchste sakramentale Darstellung der Gemeinschaft in der Kirche. Deshalb ist es notwendig, dass sie im Kontext der Unversehrtheit auch der äußeren Bande der Gemeinschaft gefeiert wird. Weil sie in besonderer Weise »die Vollendung des geistlichen Lebens und das Ziel aller Sakramente« ist, müssen die Bande der Gemeinschaft in den Sakramenten wirklich bestehen, besonders in der Taufe und in der Priesterweihe. Es ist nicht möglich, einer Person die Kommunion zu reichen, die nicht getauft ist oder die unverkürzte Glaubenswahrheit über das eucharistische Mysterium zurückweist. Christus ist die Wahrheit und legt Zeugnis ab für die Wahrheit vgl. Joh 14,6; 18,37; das Sakrament seines Leibes und seines Blutes erlaubt keine Heuchelei.
   39. Wegen des eigenen Charakters der kirchlichen Gemeinschaft und des Verhältnisses, welches das Sakrament der Eucharistie zu ihr hat, muss daran erinnert werden, dass »das eucharistische Opfer, wenngleich es immer in einer einzelnen Gemeinschaft gefeiert wird, niemals Feier nur dieser Gemeinde ist: Diese empfängt ja mit der eucharistischen Gegenwart des Herrn zugleich die ganze Heilsgabe und erweist sich so in ihrer bleibenden sichtbaren Einzelgestalt als Abbild und wahre Präsenz der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche«. Daraus folgt, dass eine wahrhaft eucharistische Gemeinde sich nicht selbstgenügsam in sich verschließen kann, sondern offen sein muss gegenüber jeder anderen katholischen Gemeinde.
   Die kirchliche Gemeinschaft der eucharistischen Versammlung ist Gemeinschaft mit dem eigenen Bischof und mit dem Papst. Der Bischof ist in der Tat das sichtbare Prinzip und das Fundament der Einheit in seiner Teilkirche. Es wäre daher ein großer Widerspruch, wenn das Sakrament der Einheit der Kirche schlechthin nicht in Gemeinschaft mit dem Bischof gefeiert würde. Der heilige Ignatius von Antiochien schrieb: »Jene Eucharistie wird als sicher er- achtet, die unter dem Bischof oder dem, den er damit beauftragt hat, gefeiert wird«. Weil »der Bischof von Rom als Nachfolger Petri das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen« ist, bildet die Gemeinschaft mit ihm in gleicher Weise eine innere Notwendigkeit für die Feier des eucharistischen Opfers. Diese große Wahrheit findet in der Liturgie auf vielfältige Weise Ausdruck: »Jede Eucharistiefeier [wird] in Einheit nicht nur mit dem eigenen Bischof, sondern auch mit dem Papst, mit der Gemeinschaft der Bischöfe, mit dem gesamten Klerus und mit dem ganzen Volk vollzogen. [...] In jeder gültigen Eucharistiefeier kommt diese universale Gemeinschaft mit Petrus und mit der ganzen Kirche zum Ausdruck, oder sie wird objektiv verlangt, wie bei den von Rom getrennten christlichen Kirchen«.
   40. Die Eucharistie schafft Gemeinschaft und erzieht zur Gemeinschaft. Der heilige Paulus wandte sich an die Gläubigen von Korinth, um ihnen vor Augen zu halten, wie sehr die Spaltungen, die bei den eucharistischen Feiern offenkundig wurden, dem widersprachen, was sie feierten, nämlich das Herrenmahl. Der Apostel hat die Gläubigen deshalb eingeladen, über das wahre Wesen der Eucharistie nachzudenken, um sie zum Geist brüderlicher Gemeinschaft zurückzuführen vgl. 1 Kor 11,17-34. Der heilige Augustinus griff diese Forderung mit Nachdruck auf, als er an das Wort des Apostels »Ihr seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm« 1 Kor 12,27 erinnerte und schrieb: »Wenn ihr der Leib Christi und seine Glieder seid, so ist auf dem Tisch des Herrn das niedergelegt, was euer Geheimnis ist; ja, ihr empfangt das, was euer Geheimnis ist«. Aus dieser Feststellung zog er den Schluss: »Christus, der Herr,[...] heiligte an seinem Tisch das Geheimnis unseres Friedens und unserer Einheit. Wer das Geheimnis der Einheit empfängt, aber nicht das Band des Friedens bewahrt, empfängt das Geheimnis nicht zu seinem Nutzen, sondern einen Beweis gegen sich selbst«.
   41. In der besonderen Wirksamkeit zur Förderung der Gemeinschaft, die der Eucharistie eigen ist, liegt einer der Gründe für die Bedeutung der Sonntagsmesse. Über sie und über die weiteren Gründe, deretwegen die Messe für das Leben der Kirche und der einzelnen Gläubigen von grundlegender Bedeutung ist, habe ich mich im Apostolischen Schreiben über die Heiligung des Sonntags Dies Domini geäußert. Ich rief unter anderem in Erinnerung, dass die Gläubigen die Pflicht haben, an der Messe teilzunehmen, es sei denn, sie sind durch einen schwerwiegenden Umstand daran gehindert. Den Hirten ist ihrerseits die Pflicht auferlegt, allen Gläubigen die Möglichkeit zu bieten, dieses Gebot zu erfüllen. In dem Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte habe ich vor kurzem den pastoralen Weg der Kirche am Beginn des dritten Jahrtausends abgesteckt und dabei auch die besondere Bedeutung der sonntäglichen Eucharistie betont und deren gemeinschaftsbildende Wirksamkeit hervorgehoben: »Sie ist« – so schrieb ich – »der vorzügliche Ort, wo die Gemeinschaft ständig verkündet und gepflegt wird. Gerade durch die Teilnahme an der Eucharistie wird der Tag des Herrn auch der Tag der Kirche, die auf diese Weise ihre Rolle als Sakrament der Einheit wirksam spielen kann«.
   42. Jeder Gläubige hat die Aufgabe, die kirchliche Gemeinschaft zu bewahren und zu fördern, besonders im sorgsamen Umgang mit der Eucharistie, dem Sakrament der Einheit der Kirche. Noch konkreter fällt diese Aufgabe den Hirten der Kirche zu, die gemäß ihrer eigenen Stellung und ihrem kirchlichen Amt eine besondere Verantwortung haben. Die Kirche hat deshalb Normen erlassen, die den häufigen und fruchtbaren Zutritt der Gläubigen zum Tisch des Herrn fördern und die objektiven Bedingungen festlegen, unter denen von der Spendung der Kommunion abgesehen werden muss. Das sorgfältige Bemühen um die treue Beachtung dieser Bestimmungen ist beredter Ausdruck der Liebe zur Eucharistie und zur Kirche.
   43. In der Betrachtung der Eucharistie als Sakrament der kirchlichen Gemeinschaft gibt es einen Aspekt, der wegen seiner Bedeutung nicht vernachlässigt werden darf: Ich meine die Eucharistie in ihrer Beziehung zum ökumenischen Einsatz. Wir alle müssen der heiligsten Dreifaltigkeit dafür danken, dass in den letzten Jahrzehnten viele Gläubige in allen Teilen der Welt von dem aufrichtigem Verlangen nach der Einheit aller Christen berührt worden sind. Das Zweite Vatikanische Konzil erkennt darin am Anfang des Dekrets über den Ökumenismus eine besondere Gabe Gottes. Es war eine wirksame Gnade, die uns Söhne und Töchter der katholischen Kirche wie auch unsere Brüder und Schwestern in den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften auf den Weg der Ökumene geführt hat.
  Das Streben nach dem Ziel der Einheit drängt uns, den Blick auf die Eucharistie zu richten, die das höchste Sakrament der Einheit des Volkes Gottes, sein angemessener Ausdruck und seine unüberbietbare Quelle ist. In der Feier des eucharistischen Opfers fleht die Kirche inständig zu Gott, dem Vater des Erbarmens, dass er seinen Kindern die Fülle des Heiligen Geistes schenke, um in Christus ein Leib und ein Geist zu werden. Wenn die Kirche dieses Gebet dem Vater des Lichtes darbringt, von dem jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt vgl. Jak 1,17, glaubt sie, daß es wirksam ist. Denn sie betet in Einheit mit Christus, dem Haupt und Bräutigam, der sich das Flehen der Braut zu eigen macht und es mit seinem Erlösungsopfer verbindet.
   44. Weil die Einheit der Kirche, welche die Eucharistie durch das Opfer und den Empfang des Leibes und Blutes des Herrn verwirklicht, unter dem unabdingbaren Anspruch der vollen Gemeinschaft durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und des kirchlichen Leitungsamtes steht, ist es nicht möglich, die eucharistische Liturgie gemeinsam zu feiern, bevor diese Bande in ihrer Unversehrtheit nicht wiederhergestellt sind. Eine derartige Konzelebration wäre kein gültiges Mittel, sondern könnte sich sogar als ein Hindernis für das Erreichen der vollen Gemeinschaft erweisen. Sie würde den Sinn dafür abschwächen, wie weit das Ziel entfernt ist, und eine zweideutige Auffassung über die eine oder andere Glaubenswahrheit mit sich bringen und fördern. Der Weg zur vollen Einheit kann nur in der Wahrheit beschritten werden. Das Verbot durch das kirchliche Gesetz lässt in dieser Frage keinen Raum für Unklarheiten und folgt in Treue der vom Zweiten Vatikanischen Konzil verkündeten moralischen Norm.
   Ich möchte aber bekräftigen, was ich in der Enzyklika Ut unum sint ausführte, nachdem ich die Unmöglichkeit der gegenseitigen Eucharistiegemeinschaft festgestellt habe: »Doch haben wir den sehnlichen Wunsch, gemeinsam die Eucharistie des Herrn zu feiern, und dieser Wunsch wird schon zu einem gemeinsamen Lob, zu ein und demselben Bittgebet. Gemeinsam wenden wir uns an den Vater und tun das zunehmend "mit nur einem Herzen".
   45. Wenn die volle Gemeinschaft fehlt, ist die Konzelebration in keinem Fall statthaft. Dies gilt nicht für die Spendung der Eucharistie unter besonderen Umständen und an einzelne Personen, die zu Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften gehören, die nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. In diesem Fall geht es nämlich darum, einem schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis einzelner Gläubiger im Hinblick auf das ewige Heil entgegenzukommen, nicht aber um die Praxis einer Interkommunion, die nicht möglich ist, solange die sichtbaren Bande der kirchlichen Gemeinschaft nicht vollständig geknüpft sind.
   In diesem Sinn hat sich das Zweite Vatikanische Konzil geäußert, indem es die Praxis bestimmte, die gegenüber den orientalischen Christen einzuhalten ist, die in gutem Glauben von der katholischen Kirche getrennt leben, spontan um den Empfang der Eucharistie aus der Hand eines katholischen Amtsträgers bitten und in rechter Weise darauf vorbereitet sind. Diese Verhaltensweise ist von beiden Gesetzbüchern bestätigt worden, die mit den entsprechenden Anpassungen auch den Fall der anderen nicht orientalischen Christen berücksichtigen, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen.
   46. In der Enzyklika Ut unum sint habe ich selbst meine Wertschätzung für diese Norm zum Ausdruck gebracht, die es gestattet, für das Heil der Seelen mit dem gebotenen Unterscheidungsvermögen Sorge zu tragen: »Ein Grund zur Freude ist in diesem Zusammenhang, daran zu erinnern, dass die katholischen Priester in bestimmten Einzelfällen die Sakramente der Eucharistie, der Buße und der Krankensalbung anderen Christen spenden können, die zwar noch nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, aber sehnlich den Empfang der Sakramente wünschen, von sich aus darum bitten und den Glauben bezeugen, den die katholische Kirche in diesen Sakramenten bekennt. Umgekehrt können sich in bestimmten Fällen und unter besonderen Umständen auch die Katholiken zum Empfang derselben Sakramente an die Geistlichen jener Kirchen wenden, in denen sie gültig gespendet werden«.
   Es ist notwendig, diese Bedingungen genau zu befolgen. Sie sind unumgänglich, auch wenn es sich um be- grenzte Einzelfälle handelt. Die Ablehnung einer oder mehrerer Glaubenswahrheiten über diese Sakramente, etwa die Leugnung der Wahrheit bezüglich der Notwendigkeit des Weihepriestertums zur gültigen Spendung dieser Sakramente, hat zur Folge, dass der Bittsteller nicht für ihren rechtmäßigen Empfang disponiert ist. Und umgekehrt kann ein katholischer Gläubiger nicht die Kommunion in einer Gemeinschaft empfangen, der das gültige Sakrament der Weihe fehlt.
   Die getreue Einhaltung aller in dieser Materie festgelegten Normen ist Ausdruck und zugleich Garantie der Liebe zu Jesus Christus im heiligsten Sakrament, zu den Brüdern und Schwestern anderer christlicher Konfessionen, denen wir das Zeugnis der Wahrheit schulden, wie auch zum Auftrag, die Einheit zu fördern.

V. KAPITEL: DIE WÜRDE DER EUCHARISTIEFEIER

   47. Wer in den synoptischen Evangelien den Bericht über die Einsetzung der Eucharistie liest, bleibt getroffen von der Schlichtheit und auch von der »Feierlichkeit«, mit der Jesus beim Letzten Abendmahl das große Sakrament stiftet. Eine Episode dient in gewissem Sinn als dessen Vorspiel, nämlich die Salbung in Betanien. Eine Frau – nach Johannes ist es Maria, die Schwester des Lazarus - gießt aus einem Gefäß kostbares Öl über Jesu Haupt und provoziert damit unter den Jüngern – besonders bei Judas  vgl. Mt 26,8; Mk 14, 4; Joh 12,4 – Unwillen, als ob eine solche Geste angesichts der Bedürfnisse der Armen eine unannehmbare »Verschwendung« wäre. Das Urteil Jesu ist jedoch ganz anders. Ohne die Pflicht zur Liebe gegenüber den Bedürftigen zu vernachlässigen, denen sich die Jünger immer widmen müssen – »Die Armen habt ihr immer bei euch« Mt 26,11; Mk 14, 7; vgl. Joh 12,8 –, blickt er auf das unmittelbar bevorstehende Ereignis seines Todes und seines Begräbnisses. Er würdigt die Salbung als Vorwegnahme jener Ehre, die seinem Leib aufgrund seiner unlösbaren Verbundenheit mit dem Mysterium seiner Person immer, auch nach dem Tod, zukommt.
   In den synoptischen Evangelien geht die Erzählung weiter mit dem Auftrag Jesu an die Jünger, den »großen Saal« sorgfältig vorzubereiten, um das Paschamahl essen zu können vgl. Mk 14,15; Lk 22,12. Hierauf folgt der Bericht von der Einsetzung der Eucharistie. Die Erzählung lässt wenigstens teilweise den Rahmen der jüdischen Riten des Paschamahls bis zum Lobgesang des Hallel vgl. Mt 26,30; Mk 14,26 erahnen und enthält in knapper und doch feierlicher Form - in den Varianten der verschiedenen Überlieferungen - die Worte, die Christus über das Brot und den Wein sprach, die er als konkrete Zeichen für seinen geopferten Leib und für sein vergossenes Blut gebrauchte. Die Evangelisten erinnern an all diese Einzelheiten im Licht einer Praxis des »Brotbrechens«, die sich in der Urkirche bereits gefestigt hatte. Aber sicher trägt das Geschehen des Gründonnerstags, ausgehend von der gelebten Geschichte Jesu, sichtbar die Züge einer liturgischen »Sensibilität« an sich, die auf alttestamentlicher Tra- dition beruhte und für eine Neugestaltung in Übereinstimmung mit dem neuen Inhalt des Pascha in der christlichen Feier offen war.
   48. Wie die Frau, die Jesus in Betanien salbte, hat die Kirche keine Angst, »verschwenderisch« zu sein, wenn sie die besten Mittel einsetzt, um ihr anbetendes Staunen über das unermessliche Geschenk der Eucharistie zum Ausdruck zu bringen. Nicht weniger als die ersten Jünger, die beauftragt waren, den »großen Raum« herzurichten, fühlt sich die Kirche durch die Jahrhunderte und in der Aufeinanderfolge der Kulturen dazu gedrängt, die Eucha- ristie in einem Rahmen zu feiern, der eines so großen Mysteriums würdig ist. Im Einklang mit den Worten und Handlungen Jesu ist die christliche Liturgie entstanden, die das rituelle Erbe des Judentums weiterentwickelt hat. Und in der Tat: Was könnte genügen, um in angemessener Weise den Empfang der Gabe auszudrücken, die der göttliche Bräutigam unaufhörlich der Kirche, seiner Braut, schenkt, indem er das Opfer, das er ein für allemal am Kreuz dargebracht hat, jeder einzelnen Generation von Gläubigen nahebringt und sich zur Speise für alle Gläubigen macht? Wenn auch der Kontext des »Gastmahls« eine familiäre Atmosphäre nahelegt, so ist die Kirche doch nie der Versuchung erlegen, diese »Vertrautheit« mit ihrem Bräutigam zu banalisieren; niemals hat sie vergessen, dass er auch ihr Herr ist und das »Gastmahl« für immer ein Opfermahl bleibt, das von dem auf Golgota vergossenen Blut gezeichnet ist. Das eucharistische Mahl ist wirklich ein »heiliges« Mahl, in dem in schlichten Zeichen der Abgrund der Heiligkeit Gottes verborgen liegt: »O Sacrum convivium, in quo Christus sumitur!«. Das Brot, das auf unseren Altären gebrochen und uns für unser Pilgersein auf den Straßen dieser Welt dargeboten wird, ist »panis angelorum«,  Brot der Engel, dem wir uns nur mit der Demut des Hauptmanns im Evangelium nähern können: »Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach« Mt 8,8; Lk 7,6.
   49. In Übereinstimmung mit diesem erhabenen Sinn des Mysteriums versteht man, wie der Glaube der Kirche an das eucharistische Mysterium in der Geschichte nicht nur durch das Verlangen nach einer inneren Haltung der Ehrfurcht zum Ausdruck gekommen ist, sondern auch durch eine Reihe äußerer Ausdrucksformen, welche die Größe des gefeierten Ereignisses herausstellen und unterstreichen wollen. So kam es zu einer Entwicklung, die Schritt für Schritt dazu führte, ein spezielles Regelwerk für die eucharistische Liturgie zu erstellen, unter Achtung der verschiedenen kirchlichen Traditionen, die rechtmäßig entstanden waren. Auf dieser Basis entfaltete sich auch ein reiches künstlerisches Erbe. Dem christlichen Mysterium zugewandt, haben die Architektur, die Bildhauerei, die Malerei und die Musik in der Eucharistie direkt oder indirekt ein Motiv großer Inspiration gefunden.
   In der Architektur zum Beispiel gab es, sobald es der geschichtliche Kontext zuließ, den Übergang von den anfänglichen Eucharistiestätten, die sich in den Häusern [»domus«] christlicher Familien befanden, zu den prunkvollen Basiliken der ersten Jahrhunderte, dann zu den imposanten Kathedralen des Mittelalters und schließlich zu den großen oder kleinen Kirchen, die nach und nach die vom Christentum erreichten Länder übersäten. Die Formen der Altäre und der Tabernakel haben sich in den Räumen der liturgischen Hallen fortentwickelt, wobei sie nicht nur den jeweiligen künstlerischen Eingebungen, sondern auch den Vorgaben folgten, die aus einem genauen Verständnis des Mysteriums stammten. Dasselbe kann man über die sakrale Musik sagen, wenn man nur an die herrlichen gregorianischen Melodien oder an die vielen und oft großen Komponisten denkt, die sich von den liturgischen Texten der heiligen Messe herausfordern ließen. Und zeigt sich im Bereich der Geräte und Paramente, die für die Eucharistiefeier verwendet werden, nicht eine gewaltige Anzahl künstlerischer Werke, angefangen bei den Arbeiten guter Handwerker bis hin zu echten Kunstwerken?
   Man kann also sagen, dass die Eucharistie, die der Kirche und der Frömmigkeit Form und Gestalt gab, auch die »Kultur« stark geprägt hat, besonders auf dem Gebiet der Ästhetik.
   50. In diesem Bemühen um die Anbetung des Mysteriums in seiner rituellen und ästhetischen Umsetzung haben die Christen des Westens und des Ostens gewissermaßen »gewetteifert«. Wie sollte man dem Herrn nicht besonders für den Beitrag danken, den die großen Werke der Architektur und der Malerei der griechisch- byzantinischen Tradition oder des gesamten slawischen Raumes und Kulturkreises der christlichen Kunst geschenkt haben? Im Osten hat die sakrale Kunst einen einzigartig starken Sinn für das Mysterium bewahrt und spornt die Künstler an, ihren Eifer im Schaffen des Schönen nicht nur als Ausdruck ihrer Gaben zu sehen, sondern auch als echten Dienst am Glauben. Sie haben es verstanden, weit über die bloßen technischen Fertigkeiten hinauszugehen und sich dem Wehen des Geistes Gottes folgsam zu öffnen.
   Die Pracht der Bauwerke und der Mosaike im Osten und im christlichen Westen ist ein Erbe aller Gläubigen und trägt in sich den Wunsch, und ich möchte sagen das Unterpfand, zur ersehnten vollen Gemeinschaft im Glauben und in der Feier zu gelangen. Wie auf dem berühmten Gemälde der Dreifaltigkeit von Rublev bedeutet und verlangt dies eine zutiefst »eucharistische« Kirche, in der die Teilhabe am Mysterium Christi im gebrochenen Brot gleichsam in die unbegreifliche Einheit der drei göttlichen Personen hineingenommen ist, so dass die Kirche selbst eine »Ikone« der Dreifaltigkeit wird.
   Diese Sicht einer Kunst, die darauf ausgerichtet ist, in allen ihren Elementen die Bedeutung der Eucharistie nach der Lehre der Kirche auszudrücken, macht es notwendig, den Regeln für den Bau und die Einrichtung sakraler Gebäude volle Aufmerksamkeit zu schenken. Groß ist der kreative Freiraum, den die Kirche den Künstlern immer gelassen hat, wie die Geschichte zeigt und wie ich selbst in meinem Brief an die Künstler unterstrichen habe. Die sakrale Kunst muss sich jedoch durch die Fähigkeit auszeichnen, das Mysterium angemessen zum Ausdruck zu bringen, und zwar in Übereinstimmung mit dem ganzen Glauben der Kirche und gemäß den pastoralen Weisungen, die von der zuständigen Autorität erlassen werden. Dasselbe gilt auch für die bildenden Künste und für die Kirchenmusik.
   51. Was in den Ländern der frühen Christianisierung im Bereich der sakralen Kunst und der liturgischen Ordnung geschehen ist, findet nun seine Fortentwicklung auch in den Kontinenten des jungen Christentums. Das Zweite Vatikanische Konzil hat im Hinblick auf die Forderung nach einer gesunden und notwendigen »Inkulturation« Orientierung gegeben. Auf meinen zahlreichen Pastoralbesuchen konnte ich in allen Teilen der Welt beobachten, zu welch großer Lebendigkeit die Eucharistiefeier im Kontakt mit den Formen, den Stilrichtungen und den Empfindungen der unterschiedlichen Kulturen fähig ist. Durch die Anpassung an die sich verändernden Bedin- gungen von Zeit und Raum bietet die Eucharistie nicht nur den einzelnen, sondern den Völkern selbst Nahrung und formt Kulturen, die christlich geprägt sind.
   Es ist jedoch notwendig, dass sich diese wichtige Aufgabe der Anpassung immer im Bewusstsein des unaus- sprechlichen Mysteriums vollzieht, an dem jede Generation Maß nehmen muss. Der »Schatz« ist zu groß und zu kostbar, um seine Verarmung zu riskieren oder ihm durch Experimente oder Praktiken zu schaden, die ohne eine sorgsame Prüfung durch die zuständigen kirchlichen Autoritäten eingeführt wurden. Die zentrale Stellung des eucharistischen Mysteriums verlangt überdies, dass diese Prüfung in enger Verbindung mit dem Heiligen Stuhl geschieht. Wie ich im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Ecclesia in Asia ausgeführt habe, »ist eine solche Zusammenarbeit von wesentlicher Bedeutung, weil die Liturgie durch ihre Feier den einzigen von allen bekannten Glauben zum Ausdruck bringt, und da sie Erbe der ganzen Kirche ist, kann sie nicht durch von der Gesamtkirche isolierte Ortskirchen bestimmt werden«.
   52. Aus dem Gesagten wird die große Verantwortung vor allem der Priester verständlich, denen es zukommt, der Eucharistiefeier in persona Christi vorzustehen. Sie sichern ein Zeugnis und einen Gemeinschaftsdienst nicht nur für die unmittelbar an der Feier teilnehmende Gemeinde, sondern auch für die Gesamtkirche, die mit der Eucharistie immer in Beziehung steht. Leider ist zu beklagen, dass es - vor allem seit den Jahren der nachkonziliaren Liturgiereform - infolge einer falsch verstandenen Auffassung von Kreativität und Anpassung nicht an Miss- bräuchen gefehlt hat, die Leiden für viele verursacht haben. Insbesondere in einigen Gebieten hat eine gewisse Gegenbewegung zum »Formalismus« manche dazu verleitet, die von der großen liturgischen Tradition der Kirche und von ihrem Lehramt gewählten »Formen« für nicht verbindlich zu erachten und nicht autorisierte und oft völlig unpassende Neuerungen einzuführen.
   Ich verspüre deshalb die Pflicht, einen innigen Appell auszusprechen, dass die liturgischen Normen in der Eucharistiefeier mit großer Treue befolgt werden. Sie sind ein konkreter Ausdruck der authentischen Kirchlichkeit der Eucharistie; das ist ihr tiefster Sinn. Die Liturgie ist niemals Privatbesitz von irgend jemandem, weder vom Zelebranten noch von der Gemeinde, in der die Mysterien gefeiert werden. Der Apostel Paulus musste scharfe Worte an die Gemeinde von Korinth richten wegen der schwerwiegenden Mängel in ihren Eucharistiefeiern, die zu Spaltungen skísmata und Fraktionsbildungen hairéseis geführt hatten vgl. 1 Kor 11,17-34. Auch in unserer Zeit muss der Gehorsam gegenüber den liturgischen Normen wiederentdeckt und als Spiegel und Zeugnis der einen und universalen Kirche, die in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig wird, geschätzt werden. Der Priester, der die heilige Messe getreu nach den liturgischen Normen feiert, und die Gemeinde, die sich diesen Normen anpasst, bekunden schweigend und doch beredt ihre Liebe zur Kirche. Um diesen tiefen Sinn der liturgischen Normen zu bekräftigen, habe ich die zuständigen Dikasterien der Römischen Kurie beauftragt, ein eigenes Dokument – auch mit Hinweisen rechtlicher Natur - zu diesem Thema von so großer Bedeutung vorzubereiten. Niemand darf das Mysterium unterbewerten, das unseren Händen anvertraut wurde: Es ist zu groß, als dass sich irgend jemand erlauben könnte, nach persönlichem Gutdünken damit umzugehen, ohne seinen sakralen Charakter und seine universale Dimension zu achten.

VI. KAPITEL: IN DER SCHULE MARIENS DIE EUCHARISTIE UND MARIA

   53. Wenn wir die innige Beziehung, welche die Kirche mit der Eucharistie verbindet, in ihrem ganzen Reichtum wiederentdecken wollen, dürfen wir Maria nicht vergessen, die Mutter und das Urbild der Kirche. Im Apostolischen Schreiben Rosarium Virginis Mariae habe ich auf die selige Jungfrau als Lehrmeisterin in der Betrachtung des Antlitzes Christi hingewiesen und unter die lichtreichen Geheimnisse des Rosenkranzes auch die Einsetzung der Eucharistie eingefügt. Maria kann uns tatsächlich zu diesem heiligsten Sakrament hinführen, da sie zu ihm eine tiefe Beziehung hat.
   Auf den ersten Blick schweigt das Evangelium zu diesem Thema. Im Bericht über die Einsetzung am Abend des Gründonnerstags ist von Maria nicht die Rede. Dagegen weiß man, dass sie unter den Aposteln zugegen war, die »einmütig im Gebet« Apg 1,14 verharrten in der ersten Gemeinde, die nach der Himmelfahrt in Erwartung von Pfingsten versammelt war. Und gewiss konnte Maria nicht bei den Eucharistiefeiern unter den Gläubigen der ersten christlichen Generation fehlen, die am »Brechen des Brotes« Apg 2,42 festhielten.
  Aber über ihre Teilnahme am eucharistischen Mahl hinaus kann die Beziehung Marias zur Eucharistie indirekt, ausgehend von ihrer inneren Haltung dargelegt werden. In ihrem ganzen Leben ist Maria eine »eucharistische« Frau. Die Kirche, die auf Maria wie auf ihr Urbild blickt, ist berufen, sie auch in ihrer Beziehung zu diesem heiligsten Mysterium nachzuahmen.
   54. Mysterium fidei! Wenn die Eucharistie ein Geheimnis des Glaubens ist, das unseren Verstand so weit überragt, dass von uns eine ganz reine Hingabe an das Wort Gottes gefordert wird, kann uns niemand so wie Maria Stütze und Wegweiserin sein, um eine solche Haltung zu erwerben. Wenn wir das Tun Christi beim Letzten Abendmahl in Treue zu seinem Auftrag »Tut dies zu meinem Gedächtnis!« wiederholen, nehmen wir zugleich die Einladung Marias an, ihm ohne Zögern zu gehorchen: »Was er euch sagt, das tut« Joh 2,5. Es scheint, dass Maria mit der mütterlichen Sorge, die sie bei der Hochzeit in Kana an den Tag legte, uns sagen möchte: »Zögert nicht, vertraut auf das Wort meines Sohnes. Er, der fähig war, Wasser in Wein zu verwandeln, ist ebenso fähig, aus dem Brot und dem Wein seinen Leib und sein Blut zu machen und in diesem Mysterium den Gläubigen das lebendige Gedächtnis seines Pascha zu übergeben, um auf diese Weise zum "Brot des Lebens" zu werden«.
   55. In gewissem Sinn hat Maria ihren eucharistischen Glauben bereits vor der Einsetzung der Eucharistie gelebt, weil sie nämlich ihren jungfräulichen Schoß für die Menschwerdung des Wortes Gottes dargeboten hat. Die Eucharistie, die auf das Leiden und die Auferstehung verweist, steht zugleich in Kontinuität zur Menschwerdung. Bei der Verkündigung empfing Maria den göttlichen Sohn, auch seinen wahren Leib und sein wahres Blut, und nahm in sich das vorweg, was sich in gewissem Maß auf sakramentale Weise in jedem Gläubigen ereignet, der unter den Zeichen von Brot und Wein den Leib und das Blut des Herrn empfängt.
   Es besteht daher eine tiefgehende Analogie zwischen dem Fiat, mit dem Maria auf die Worte des Engels geantwortet hat, und dem Amen, das jeder Gläubige spricht, wenn er den Leib des Herrn empfängt. Von Maria wurde verlangt zu glauben, dass der,  den sie durch das Wirken des Heiligen Geistes empfing,  der »Sohn Gottes« war vgl. Lk 1,30-35. In Fortführung des Glaubens der Jungfrau wird von uns verlangt zu glauben, dass derselbe Jesus, der Sohn Gottes und der Sohn Mariens, im eucharistischen Mysterium unter den Zeichen von Brot und Wein mit seinem ganzen gott-menschlichen Sein gegenwärtig wird.
   »Selig ist die, die geglaubt hat« Lk 1,45: Im Mysterium der Menschwerdung hat Maria auch den eucharistischen Glauben der Kirche vorweggenommen. Beim Besuch bei Elisabet trägt sie das fleischgewordene Wort in ihrem Schoß und wird in gewisser Weise zum »Tabernakel« – dem ersten »Tabernakel« der Geschichte –, in dem sich der Sohn Gottes, der für die Augen der Menschen noch unsichtbar ist, der Anbetung Elisabets darbietet und sein Licht gleichsam durch die Augen und die Stimme Mariens »aufleuchtet«. Und ist der entzückte Blick Marias, die das Antlitz des neugeborenen Christus betrachtet und ihn in ihre Arme nimmt, nicht vielleicht das unerreichbare Vorbild der Liebe, von der wir uns bei jedem Kommunionempfang inspirieren lassen müssen?
   56. Nicht nur auf Golgota, sondern während ihres ganzen Lebens an der Seite Christi machte sich Maria den Opfercharakter der Eucharistie zu eigen. Als sie das Jesuskind nach Jerusalem in den Tempel brachte, »um es dem Herrn zu weihen« Lk 2,22, hörte sie die Ankündigung des greisen Simeon, dass dieses Kind »ein Zeichen des Widerspruchs« sein und »ein Schwert« auch ihre Seele durchdringen werde vgl. Lk 2,34-35. So wurde das Drama des gekreuzigten Sohnes bereits angekündigt und in gewisser Weise das »Stabat Mater« der Jungfrau zu Füßen des Kreuzes vorweggenommen. Indem sich Maria Tag für Tag auf Golgota vorbereitete, lebte sie eine Art »vorweggenommener Eucharistie«, man könnte sagen, eine »geistliche Kommunion« der Sehnsucht und der Hingabe, die in der Vereinigung mit dem Sohn im Leiden ihre Vollendung fand und dann, in der Zeit nach Ostern, in ihrer Teilnahme an der Eucharistie, die von den Aposteln zum »Gedächtnis« des Leidens gefeiert wurde, zum Ausdruck kam.
  Was muss Maria empfunden haben, als sie aus dem Mund von Petrus, Johannes, Jakobus und der anderen Apos- teln die Worte des Letzten Abendmahls vernahm: »Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird« Lk 22,19? Dieser Leib, der als Opfer dargebracht und unter sakramentalen Zeichen erneut gegenwärtig wurde, war ja derselbe Leib, den sie in ihrem Schoß empfangen hatte! Der Empfang der Eucharistie musste für Maria gleichsam bedeuten, jenes Herz wieder in ihrem Schoß aufzunehmen, das im Gleichklang mit ihrem Herzen geschlagen hatte, und das von neuem zu erleben, was sie selbst unter dem Kreuz erfahren hatte.
   57. »Tut dies zu meinem Gedächtnis!« Lk 22,19. Beim »Gedächtnis« von Golgota ist all das gegenwärtig, was Christus in seinem Leiden und in seinem Tod vollbracht hat. Daher fehlt auch das nicht, was Christus für uns an seiner Mutter vollbracht hat. Ihr vertraut er den Lieblingsjünger an, und in ihm vertraut er ihr auch jeden von uns an: »Siehe, dein Sohn!«. Ebenso sagt er auch zu jedem von uns: »Siehe, deine Mutter!« vgl. Joh 19,26-27.
   Das Gedächtnis des Todes Christi in der Eucharistie zu leben, schließt auch ein, fortwährend dieses Geschenk zu empfangen. Das bedeutet, dass wir diejenige, die uns jedes Mal als Mutter gegeben wird, nach dem Beispiel des Johannes zu uns nehmen. Es bedeutet, dass wir zugleich die Mühe auf uns nehmen, Christus gleichförmig zu werden, indem wir uns in die Schule der Mutter begeben und uns von ihr begleiten lassen. Mit der Kirche und als Mutter der Kirche ist Maria in jeder unserer Eucharistiefeiern anwesend. Wenn die Kirche und die Eucharistie untrennbar miteinander verbunden sind, muss dasselbe auch von Maria und der Eucharistie gesagt werden. Auch deshalb wurde bei der Eucharistiefeier in den Kirchen des Westens und des Ostens seit dem Altertum immer das Gedenken Mariens gehalten.
   58. In der Eucharistie vereint sich die Kirche ganz mit Christus und seinem Opfer und macht sich den Geist Mariens zu eigen. Diese Wahrheit kann man vertiefen, wenn man das Magnificat in eucharistischer Sicht liest. Wie der Gesang Mariens ist die Eucharistie vor allem Lob und Danksagung. Wenn Maria ausruft: »Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter«, trägt sie Jesus in ihrem Schoß. Sie lobt den Vater »wegen« Jesus, aber sie lobt ihn auch »in« Jesus und »mit« Jesus. Genau dies ist die wahre »eucharistische Haltung«.
   Zugleich gedenkt Maria der Wundertaten Gottes in der Heilsgeschichte gemäß der Verheißung, die an die Väter ergangen ist vgl. Lk 1,55, und verkündet jenes Wunder, das alle anderen überragt: die erlösende Menschwerdung. Das Magnificat enthält schließlich auch die eschatologische Spannung der Eucharistie. Jedes Mal, wenn sich der Sohn Gottes in der »Armut« der sakramentalen Zeichen von Brot und Wein uns zeigt, wird der Keim jener neuen Geschichte in die Welt gelegt, in der die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Niedrigen erhöht werden vgl. Lk 1, 52. Maria besingt diesen »neuen Himmel« und diese »neue Erde«, die in der Eucharistie ihre Vorweg- nahme und in einem gewissen Sinn ihr programmatisches »Bild« finden. Das Magnificat bringt die Spiritualität Mariens zum Ausdruck; nichts kann uns mehr helfen, das eucharistische Mysterium zu leben, als diese Spiritualität. Die Eucharistie ist uns gegeben, damit unser Leben, so wie das Leben Marias, ganz und gar ein Magnificat sei!

SCHLUSS

   59. »Ave, verum corpus natum de Maria Virgine!«. Vor wenigen Jahren habe ich den fünfzigsten Jahrestag meines Priesterweihe gefeiert. Ich empfinde es als eine Gnade, der Kirche heute diese Enzyklika über die Eucharistie zu schenken, am Gründonnerstag, der in das fünfundzwanzigste Jahr meines Petrusdienstes fällt. Ich tue dies mit einem Herzen voller Dankbarkeit.  Seit mehr als einem halben Jahrhundert - seit dem 2. November 1946, an dem ich meine Primiz in der Krypta des heiligen Leonhard in der Kathedrale auf dem Wawel in Krakau gefeiert habe - sind meine Augen jeden Tag auf die Hostie und den Kelch gerichtet, in denen Zeit und Raum in gewisser Weise »konzentiert« sind und das Drama von Golgota lebendig gegenwärtig wird und sich seine geheimnisvolle »Gleichzeitigkeit« enthüllt. Jeden Tag hat mein Glaube im konsekrierten Brot und im konsekrierten Wein den göttlichen Wegbegleiter erkennen können, der sich eines Tages an die Seite der beiden Emmausjünger gesellte, um ihnen die Augen für das Licht und das Herz für die Hoffnung zu öffnen vgl. Lk 24,13-35.
   Erlaubt mir, meine lieben Brüder und Schwestern, dass ich mein Zeugnis des Glaubens an die heiligste Eucharistie mit inniger Begeisterung ablege, um euch im Glauben zu begleiten und zu stärken. »Ave, verum corpus natum de Maria Virgine, vere passum, immolatum, in cruce pro homine!«. Hier ist der Schatz der Kirche, das Herz der Welt, das Unterpfand des Ziels, nach dem sich jeder Mensch, und sei es auch unbewusst, sehnt; ein großes Geheimnis, das uns überragt und die Fähigkeit unseres Geistes gewiss auf die harte Probe stellt, über den Augenschein hinauszugehen. Hier täuschen sich unsere Sinne – »visus, tactus, gustus in te fallitur«, heißt es im Hymnus Adoro te devote – , doch der Glaube allein genügt uns, der verwurzelt ist im Wort Christi, das uns von den Aposteln überliefert wurde. Erlaubt mir, dass ich – wie Petrus am Ende der eucharistischen Rede im Johannesevangelium – im Namen der ganzen Kirche und im Namen eines jeden von euch zu Christus sage:  »Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens« Joh 6,68.
   60. Am Beginn dieses dritten Jahrtausends sind wir alle als Kinder der Kirche aufgerufen, mit neuem Schwung im christlichen Leben voranzuschreiten. Im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte habe ich geschrieben: »Es geht nicht darum, ein "neues Programm" zu erfinden. Das Programm liegt schon vor: Seit jeher besteht es, zusammengestellt vom Evangelium und von der lebendigen Tradition. Es findet letztlich in Christus selbst seine Mitte. Ihn gilt es kennenzulernen, zu lieben und nachzuahmen, um in ihm das Leben des dreifaltigen Gottes zu leben und mit ihm der Geschichte eine neue Gestalt zu geben, bis sie sich im himmlischen Jerusalem erfüllt«. Die Umsetzung dieses Programms für einen neuen Schwung im christlichen Leben geht über die Eucharistie.
   Jedes Bemühen um Heiligkeit, jede Tat, die auf die Verwirklichung der Sendung der Kirche ausgerichtet ist, jede Umsetzung pastoraler Pläne muss die notwendige Kraft aus dem eucharistischen Mysterium beziehen und auf dieses Mysterium als ihren Höhepunkt hingeordnet sein. In der Eucharistie haben wir Jesus, haben wir sein Erlösungsopfer, haben wir seine Auferstehung, haben wir die Gabe des Heiligen Geistes, haben wir die Anbetung, den Gehorsam und die Liebe zum Vater. Würden wir die Eucharistie vernachlässigen, wie könnten wir unserer Armut abhelfen?
   61. Das eucharistische Mysterium – Opfer, Gegenwart, Mahl – darf nicht verkürzt und nicht verzweckt werden. Man muss es in seiner Fülle leben: während der Feier selbst, beim innigen Zwiegespräch mit Jesus nach dem Empfang der Kommunion, in der Zeit der eucharistischen Anbetung außerhalb der Messe. Dann wird die Kirche unerschütterlich auferbaut und es drückt sich das aus, was sie wahrhaft ist: die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche; Volk, Heiligtum und Familie Gottes; Leib und Braut Christi, beseelt durch den Heiligen Geist; allumfassendes Heilssakrament und hierarchisch gegliederte Gemeinschaft.
   Der Weg der Kirche in diesen ersten Jahren des dritten Jahrtausends ist auch der Weg eines erneuerten ökumenischen Einsatzes. Die letzten Jahrzehnte des zweiten Jahrtausends, die im Großen Jubiläum gipfelten, haben uns in diese Richtung gedrängt und alle Getauften angespornt, sich das Gebet Jesu »ut unum sint« Joh 17, 11 zu eigen zu machen. Es ist ein langer Weg, auf dem es viele Hindernisse gibt, die das menschliche Vermögen übersteigen; aber wir haben die Eucharistie und vor ihr können wir jene Worte, die der Prophet Elija hörte, in der Tiefe des Herzens vernehmen, so als ob sie an uns gerichtet wären: »Steh auf und iss, sonst ist der Weg zu weit für dich« 1 Kön 19,7. Der Schatz der Eucharistie, den uns der Herr anvertraut hat, spornt uns an, nach dem Ziel der vollen eucharistischen Gemeinschaft mit allen Brüdern und Schwestern zu streben, mit denen uns die gemeinsame Taufe verbindet. Um einen solchen Schatz nicht zu vergeuden, müssen allerdings die Anforderungen beachtet werden, die sich von seiner Natur als Sakrament der Gemeinschaft im Glauben und in der apostolischen Sukzession ableiten.
   Indem wir der Eucharistie die volle Bedeutung beimessen, die ihr zukommt, und mit aller Sorgfalt darauf bedacht sind, dass keine ihrer Dimensionen oder Ansprüche abgeschwächt werden, sind wir uns wirklich bewusst, wie groß diese Gabe ist. Dazu lädt uns eine ununterbrochene Überlieferung ein, die zeigt, dass die christliche Gemeinschaft seit den ersten Jahrhunderten diesen »Schatz« wachsam gehütet hat. Von der Liebe gedrängt, sorgt sich die Kirche darum, den Glauben und die Lehre über das eucharistische Mysterium den nachfolgenden christlichen Generationen weiterzugeben, ohne irgendeinen Aspekt aufzugeben. In der Sorge um dieses Geheimnis kann man nicht übertreiben, weil »in diesem Sakrament das ganze Mysterium unseres Heiles zusammengefasst ist«.
   62. Begeben wir uns, meine lieben Brüder und Schwestern, in die Schule der Heiligen, der großen Interpreten der wahren eucharistischen Frömmigkeit. In ihnen erlangt die Theologie der Eucharistie den vollen Glanz gelebter Wirklichkeit, sie »steckt uns an«, sie »entflammt« uns gewissermaßen. Hören wir vor allem auf die selige Jungfrau Maria, in der das eucharistische Mysterium mehr als in jedem anderen Menschen als Geheimnis des Lichtes offenbar wird. Im Blick auf sie erkennen wir die verwandelnde Kraft, die der Eucharistie innewohnt. In ihr sehen wir die Welt, die in der Liebe erneuert ist. Wenn wir Maria betrachten, die mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen ist, sehen wir ein Stück des »neuen Himmels« und der »neuen Erde«, die sich bei der zweiten Ankunft Christi vor unseren Augen öffnen werden. Die Eucharistie ist hier auf Erden ihr Unterpfand und in gewisser Weise ihre Vorwegnahme: »Veni, Domine Iesu!« Offb 22,20.
   Im demütigen Zeichen von Brot und Wein, die in seinen Leib und in sein Blut wesensverwandelt werden, geht Christus mit uns; er ist unsere Kraft und unsere Wegzehrung, er macht uns für alle zu Zeugen der Hoffnung. Wenn vor diesem Mysterium der Verstand seine Grenzen erfährt, so erahnt doch das Herz, das von der Gnade des Heiligen Geistes erleuchtet ist, wie man sich davor verhalten und in Anbetung und grenzenloser Liebe darin versenken soll.
   Machen wir uns die Gesinnung des heiligen Thomas von Aquin zu eigen, dieses vortrefflichen Theologen, der den eucharistischen Christus auch mit leidenschaftlicher Glut besungen hat. Möge unser Geist sich öffnen in der Hoffnung auf die Betrachtung des Zieles, nach dem sich unsere Herzen sehnen, die nach Freude und Frieden dürsten:

              »Bone pastor, panis vere,
              Iesu, nostri miserere...«.

              »Guter Hirt, du wahre Speise,
              Jesus, gnädig dich erweise!
              Nähre uns auf deinen Auen,
              lass uns deine Wonnen schauen
              in des Lebens ewigem Reich!
              Du der alles weiß und leitet,
              uns im Tal des Todes weidet,
              lass an deinem Tisch uns weilen,
              deine Herrlichkeit uns teilen.
              Deinen Seligen mach uns gleich!«.

Gegeben in Rom, bei Sankt Peter, am 17. April 2003, Gründonnerstag,
im 25. Jahr meines Pontifikats, im Jahr des Rosenkranzes.                           JOANNES PAULUS II.

Biblische Forschung  AlfonsDeissler   Prof. Alfons Deissler zur Heiligung des Sabbats

Deut. 5,12-15 Halte den Sabbattag, um ihn zu heiligen, wie Jahwe, dein Gott, dir geboten hat. 13 Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk verrichten. 14 Am siebten Tag ist „Ruhe” schabat für Jahwe, deinen Gott. Da wirst du keinerlei Werk tun, weder du noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Ochs, noch dein Esel, noch dein Vieh, auch nicht der Fremde, der in deinen Toren weilt, damit  dein Knecht und deine Magd ruhen können wie du. 15 Denke daran, dass du Knecht warst im Land Ägypten, und dass Jahwe, dein Gott, dich herausgeführt hat mit starker Hand und ausgestrecktem Arm. Darum gebietet dir Jahwe, dein Gott, den Sabbattag zu halten.

1. WORT AN ISRAEL
   Diese deuteronomische Formulierung verweist auf das Sabbatgebot

Ex 20,8-11  Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!  Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat.  Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.
Ex 23,12  Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen.
Ex 34,21Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag sollst du ruhen; selbst zur Zeit des Pflügens und des Erntens sollst du ruhen.

    Der Ursprung der typisch hebräischen Feier des je siebten Tages des Zeitablaufs liegt immer noch im Dunkeln. Wahrscheinlich haben schon die Nomaden, die ursprünglich vorab Mondgottverehrer waren, nach dem Rhythmus der Mondphasen (4 x 7 Tage - „Mond” - Monat!) ihren Lebensablauf „gegliedert”.
    Israel hat auch nach der Landnahme den alten Brauch beibehalten, ja noch „profiliert”, allerdings, wie gerade unser Text zeigt, in einer mehr sozialen als kultischen Ausprägung. Es handelt sich dabei um eine Art „Zeitbrache für Jahwe”, aber für Jahwe als Befreiergott. Deshalb muss dieser Tag Mensch und Vieh „freisetzen” aus  der  Ge- bundenheit  an  Arbeit  und  Erwerb während der übrigen sechs Tage (- Werktage!). Darum finden wir in Mk 2,27 das erstaunliche Wort Jesu:

„Der Sabbat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbats willen."

   In der Tat ist Jahwe nicht ein Gott eines abstrakten Ordnungs- und Wertgefüges, in das sich der Mensch, sich selbst verkürzend, „einzubeugen” hat, sondern ein Gott des „Menschseins des Menschen”, wie gerade die Begründung des Sabbatgebotes so instruktiv dartut.

2. WORT AN UNS
    Das Christentum hat (unter Abwehr eines rigorosen „Sabbatismus”) das Wochenschema Israels übernommen, dabei aber in Erinnerung an das Auferstehungsereignis den Sonntag (erster Tag der Woche!) an die Stelle des Sabbats gesetzt. Der Akzent rückte hiermit anscheinend mehr auf das kultische Moment - entsprechend den sabbatlichen Synagogengottesdiensten des Spätjudentums. Aber diese Akzentverschiebung, welche das „Feiern” im Sinne einer Arbeitsruhe in den Hintergrund drängte (am meisten bei den romanischen Völkern der Römischen Kirche!), war eine fragwürdige Art von „Befreiung vom Gesetz”. Die Arbeit hat ja ein Janus-Gesicht: sie kann eben- so der Selbstverwirklichung des Menschen wie auch seiner Selbstentfremdung und Versklavung dienen. Und die- ses zweite war selbst in der früheren Epoche des Ackerbaus und Handwerks zu oft Realität; erst recht gilt dies für viel zu viele Menschen im Industriezeitalter. Die Entwicklung der Technik und vorab die aus der Forderung nach Wirtschaftlichkeit erfließende technische Rationalisierung führen in vielen Bereichen der Arbeitswelt zu Formen, die den arbeitenden Menschen nicht „erfüllen”, sondern „auslaugen”. Von da aus gewinnt die „Freizeit” einen gerade- zu qualitativen Rang für das Menschsein des Menschen; sie ist also keineswegs nur Erholungspause zum Sammeln neuer Kräfte für die Arbeit.
   Das Sabbatgebot Israels hat bereits diese Dimension des authentisch Humanen. Unsere deuteronomische Be- gründung mit der Vergegenwärtigung der Herausführung aus der ägyptischen Sklaverei stellt damit den Sabbat unter den Gedanken des „befreiten Daseins”. Aber auch die mit dem Hinweis auf Genesis 1 operierende Deutung des Sabbats von Ex 20,11 führt zu ähnlicher Sicht.

Ex 20,11 Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.

   Diese Sicht verbindet den Sabbat mit der Vorstellung vom ewigen Schöpfungssabbat Gottes mit seinem eschato- logischen Horizont. So wird das sabbatliche „Aufatmen” des Menschen Ex 23,12 zu einem Nachbild des „Auf- atmens Gottes” Ex 31,17 und damit zu einem Vorausbild ewiger Fülle in Selbsthabe.

Ex 23,12  Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen. Ex 31,17 Für alle Zeiten wird er ein Zeichen zwischen mir und den Israeliten sein. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht; am siebten Tag ruhte er und atmete auf.

  Daran wird Israel auch dadurch erinnert, dass die sechs Werktage gleichsam hinauflaufen zum Sabbat als dem siebten Tag und damit als dem „Tag der Fülle”. Er hatte, wie aus Hos 2,13 und Jes 1,13 hervorgeht, deshalb auch einen ausgesprochen festlich-frohen Charakter.

Hos 2,13 Ich mache all ihren Freuden ein Ende, ihren Feiern und Neumondfesten, ihren Sabbaten und den ande- ren festlichen Tagen. Jes 1,13  Bringt mir nicht länger sinnlose Gaben, Rauchopfer, die mir ein Gräuel sind. Neu- mond und Sabbat und Festversammlung, Frevel und Feste ertrage ich nicht.

   Ist es aber kein Widerspruch, wenn ein solcher „Tag des Menschen” in unserem Text 5,14„ Tag für Jahwe” genannt wird? Keineswegs. Denn Jahwe (als Jahwe!) ist der Gott der Zuwendung zu Welt und Mensch, und so wird sein Sabbat zu einem „Tag um des Menschen willen” Mk 2,27.

Deut 5,14 Am siebten Tag ist „Ruhe” schabat für Jahwe, deinen Gott. Da wirst du  keinerlei Werk tun, weder du noch dein Sohn,  noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Ochs, noch dein Esel, noch dein Vieh, auch nicht der Fremde,  der in deinen Toren weilt, damit  dein Knecht und deine Magd ruhen können wie du.  Mk 2,27 Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.

   Wir Christen müssten unseren Sonntag vom alttestamentlichen Sabbat her neu überdenken. Auf den Kirchgang allein hin sollte er nicht begriffen werden, sondern auch auf seinen verheißenden Charakter eines „befreiten Daseins” hin. Glorie und Glück unseres auferweckten „erstgeborenen Bruders” vgl. Röm 8,29 Jesus Christus kommt dann wie von selbst in den Blick.

Röm 8,28-29  Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind;  denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei.

   Nach solch neuem Bedenken würde aber auch der sonntägliche „Gottesdienst” ein neues Profil gewinnen können, das in ihm selbst bereits prinzipiell enthalten ist. „Gottesdienst” ist biblisch ja immer auch ein Ereignis, in welchem Gott sich „dienend” der Gemeinde und damit dem Menschen zuwendet. Die Eucharistiefeier führt in dieser Hinsicht das altbundliche Pesach-Mahl und die Communio-Opfer am Tempel (Schlachtopfer, Friedopfer) in ihre Vollendung. Denn die dominanten Worte der eucharistischen Feier lauten: „Nehmet hin und esset!” - „Nehmet hin und trinket!” Hier wird bereits Luk 12,37 erste Wirklichkeit:

Luk 12,37 „Wohl jenen Knechten, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet! Wahrlich ich sage euch: Er um- gürtet sich und heißt sie, sich zu Tisch zu setzen, und er tritt hinzu und bedient sie."

   Das „Humanum” kommt also in der (vom Sonntagsgebot der katholischen Kirche als Verpflichtung auferlegten) Eucharistiefeier in einer Weise zum Zuge, dass der Teilnehmer „mehr Mensch” wird in ihr, weil er das „Du” Gottes und Jesu und das „Wir” der Mitfeiernden so erfahren kann, wie es kein Alltag zu schenken vermag. Freilich müsste dann auch die neubundliche Liturgie in ihrer konkreten Gestaltung „ein Fröhlichsein vor Jahwe” sein - so nennt das Deuteronomium die Tempelfeiern, vgl. Deut. 12,12. 18 u.a.

Deut 12,12 Dort sollt ihr vor dem Herrn, eurem Gott, fröhlich sein, ihr, eure Söhne und Töchter, eure Sklaven und Sklavinnen sowie die Leviten, die in euren Stadtbereichen Wohnrecht haben; denn der Levit hat nicht wie ihr Landanteil und Erbbesitz. Deut 12,18 Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du sie [den Zehnten von Korn, Wein und Öl verzehren, die Erstlinge von Rindern, Schafen und Ziegen, alle Gaben, die du dem Herrn gelobt hast, die freiwilligen Gaben und deine Handerhebungsopfer] verzehren, an der Stätte, die der Herr, dein Gott, auswählen wird - du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin sowie die Leviten, die in deinen Stadtbereichen Wohnrecht haben -, und du sollst vor dem Herrn, deinem Gott, fröhlich sein und dich freuen über alles, was deine Hände geschafft haben.        
Aus: Alfons Deissler: Ich bin dein Gott, der dich befreit hat. ISBN 3-451-17187-2

epHeinzJosefAlgermissen,Fu-       Der Sonntag ist unbezahlbar

Bischof Heinz Josef Algermissen Foto: Offene Geschäfte am Sonntag - Ein Verstoß gegen das dritte Gebot
   Zwischen Montag und Samstag kann von früh bis spät eingekauft werden. Dazu braucht es keine Öffnung am Sonntag. Vor einigen Tagen wurde die Großstadt Siegen im südlichen Bereich des Erzbistums Paderborn zum Vorbild für alle Städte und Gemeinden in Deutschland. Warum?
  Während Kirchen und Gewerkschaften immer wieder über die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten an Sonntagen klagen, machten die Siegener Nägel mit Köpfen. Der Stadtrat beschloss, dass es im Jahr 2012 keine verkaufsoffenen Sonntage geben wird. Die Mehrheit war mit 34 zu 30 Stimmen zwar knapp, aber die Befürworter des Sonntagsschutzes haben sich durchgesetzt. Es geht also, wenn man will.
   Möglich wurde dieser Beschluss durch den Einsatz der „Allianz für den freien Sonntag". Die Vereinigung mit der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) an der Spitze hat sich über Jahre hinweg aufklärend engagiert und war jetzt endlich erfolgreich.
   Die Entscheidung des Siegener Stadtrates ist eine Ermutigung, für die ich bin. Vielleicht begreifen jetzt auch anderswo die politisch Verantwortlichen, dass niemand am Sonntag einkaufen muss. Die Geschäfte sind von Montag bis Samstag lange genug geöffnet. Arbeitnehmer und Geschäftsleute sollten nicht gezwungen werden, auch noch am Sonntag hinter der Ladentheke zu stehen. „Ein Christ soll sich hüten, einen anderen ohne Not zu etwas zu verpflichten, das ihn daran hindern würde, den Tag des Herrn zu feiern", heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche vgl. die Nummern 2184-2188. Die Öffnung von Geschäften am Sonntag ist für mich ein ständiger Verstoß gegen das dritte der zehn Gebote.
   Allen, die pragmatisch Kosten-Nutzen-Erwägungen als Maßstab für Entscheidungen heranziehen, sollte bewusst sein: Der Sonntag ist ganz und gar unbezahlbar. Ihn immer mehr auszuhöhlen, nimmt dem Leben der Menschen mehr, als noch so gute Verkaufszahlen des Einzelhandels je einbringen können. Weil es sich beim Sonntag um ein hohes Kultur- und Gemeinschaftsgut handelt, hat ihn auch unsere Verfassung ausdrücklich unter Schutz gestellt. Im Grundgesetz heißt es: „Der Sonntag und die staatlichen Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt" GG, Art. 140.
  
Dieser Grundsatz steht hingegen in vielen Städten und Kommunen auch unseres Bistums zur Disposition. Beim Deutschen Juristentag im September 2010 brachte es der Verfassungsrechtler Paul Kirchhof auf den Punkt: „Warum spannt der Staat einen Rettungsschirm auf, wenn Finanzinstitute sich übernommen haben, während er den Schirm geschlossen lässt für Träger unserer Kultur, auf die die Verfassung baut, die aber substanziell gefährdet sind?"
   Christinnen und Christen müssen für den Sonntag, seine Bedeutung und seinen Schutz kämpfen. Der russische Schriftsteller Solschenizyn hat die Folgen des gleichgültigen Zulassens zur Sprache gebracht: „Es kann nicht ausbleiben, dass ein Mensch, der selbst nur noch bloßer Alltag ist, an einem immer stärker um sich greifenden Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit leidet."
   Tatsächlich, das Kostbare zerbricht leicht und leise, es bedarf besonderer Fürsorge. Die Frage ist: Wer hat den Mut, der Stadt Siegen zu folgen?   Der Autor ist Bischof von Fulda.     DT111210

Kirchen und Gewerkschaften haben sich zur so genannten „Sonntagsallianz“ zusammengeschlossen und kritisieren die schleichende Aushöhlung des arbeitsfreien Sonntags. Besonders betroffen seien davon der Einzelhandel, aber auch Bereiche wie etwa die Post. Dies teilte die Sonntagallianz in einer Erklärung mit. In diesen Branchen seien mehrheitlich Frauen von einer Erweiterung der Ladenöffnungszeiten betroffen. Der Sonntag dürfe nicht den Wirtschaftsinteressen geopfert werden, so die Meinung der Mitgliedsorganisationen. Die Sonntagsallianz weist in ihrem Gründungspapier darauf hin, dass die Zahl der Beschäftigten, die am Sonntag arbeiten, zwischen 2003 und 2009 um 12 Prozent auf über 400.000 gewachsen ist. Dieser Umstand gefährde den gesellschaftlichen Zusammenhalt und fördere eine „schleichende soziale Desintegration“. Die Sonntagsallianz Schweiz besteht unter anderem aus der bischöflichen Nationalkommission Justitia et Pax, dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund, dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund und der Katholischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmer- bewegung. RV120613kipa

„Der Sonntag muss stärker geschützt werden – nicht nur für Christen
   Das fordert der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch in einer Erklärung zum europaweiten Aktionstag für einen freien Sonntag. Auf einem Globus, „auf dem immer mehr Menschen für immer mehr Menschen arbeiten“, sollte Deutschland „mit seinem weltweit bewunderten Ideenpotential Formen kreativer Kooperation entwickeln, die ohne zusätzliche Sonntagsarbeit auskommen und vielleicht gerade deshalb langfristig wettbewerbsfähiger sind.“ Die Menschen in Europa brauchen nach Überzeugung von Erzbischof Zollitsch, der auch die Deutsche Bischofs- konferenz leitet, „Zeit zum Auf-Hören und Auf-Atmen“ und deshalb wieder mehr Sonntagsruhe. Wo regelmäßige Möglichkeiten zum Abschalten fehlten, komme es zu einer erschreckenden Zunahme psychischer Erkrankungen, so der Erzbischof. Eine „pausenfreie Rund-Um-die-Uhr-Gesellschaft“ sei unsozial. Der „Europäische Tag für einen arbeitsfreien Sonntag“ wird in mehr als einem Dutzend Ländern organisiert. Zur „Europäischen Sonntagsallianz / European Sunday Alliance“ gehören kirchliche Gruppierungen, Gewerkschaften und Familienorganisationen.
RV120304pm

Die „Allianz für den freien Sonntag“ erinnert mit Blick auf die 4. Zeitkonferenz in Fulda daran, dass der Sonntagsschutz Verfassungsrang hat. In den letzten fünfzehn Jahren habe sich die Zahl der Sonntagsarbeiter von acht auf elf Millionen erhöht. Das sei nicht hinnehmbar. Bernd Wehner, der Vorsitzende des Verbandes des Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung, nennt den Sonntag ein soziales Kapital, das für den Zusammenhalt in den Familien und in der Gesellschaft von zentraler Bedeutung sei. Wehner fordert deshalb eine bundeseinheitliche Regelung des Sonntagsschutzes. „Die zahlreichen verkaufsoffenen Sonntage mit Alibianlässen und die ausufernde Zulas- sung von Sonntagsarbeit müssen gestoppt werden“, so Wehner. RV120221pm

po-AndreaNahles-z epaHansJochenJaschke-xx

Politikfreier Sonntag: Weihbischof Jaschke Foto rechts unterstützt Nahles Foto links-Initiative

   Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke hat den Vorschlag von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles gelobt, einen politikfreien Sonntag in Deutschland einzuführen. Der Sonntag sei ein Tag zum Atemholen und zum Nachdenken - auch Politiker sollten sich diese Zeit nehmen, betonte der Weihbischof. „Wer ein öffentliches Amt bekleidet, läuft schnell Gefahr, rund um die Uhr zu arbeiten", sagte Jaschke dem Hamburger Abendblatt. Politiker könnten damit auch Vorbildwirkung haben: „Wenn sie zeigen, dass sie sich am Sonntag Zeit für ihre Familie und zur Besinnung nehmen, kann das einen positiven Effekt auf unsere Gesellschaft haben", sagte Jaschke. HA110725

Kaufhof-x   Der Mensch ist keine Maschine

Warum der Staat den Sonntag vor dem Zugriff des Kapitals schützen muss

   Wer in Rom die Basilika San Giovanni in Laterano betritt, der sieht im rechten Seitenschiff - hoch oben an der Wand und leicht zu übersehen - ein kleines Fresko von Giotto. Es stammt noch aus dem Vorgängerbau der jetzigen Basilika und wurde aus Ehrfurcht bei der barocken Neugestaltung des Inneren übernommen. Man sieht einen Papst auf dem Balkon der alten Lateranbasilika, segnend. Es ist Bonifaz VIII., der im Jahre 1300 das erste Heilige Jahr der Christenheit feierlich eröffnet. Seitdem werden solche „Jubel-Jahre” gefeiert, zunächst nach der ursprünglichen Bestimmung Bonifaz VIII. alle hundert Jahre, dann bald auf alle fünfzig Jahre vermindert, schließlich noch einmal verkürzt auf einen Zeitabstand von 25 Jahren - damit jeder Christ wenigstens einmal in seinem Leben Gelegenheit habe, zum Heiligen Jahr eine Pilgerfahrt nach Rom zu unternehmen und den Jubiläumsablass zu gewinnen.
Hinweis auf das Ziel des ewigen Lebens
   So ist es bis heute. Und wer nach Rom im Heiligen Jahr pilgert, der macht die Sieben-Kirchen-Wallfahrt, schreitet durch die Heiligen Pforten der großen Basiliken, die nur in einem Heiligen Jahr geöffnet sind, und betet an den Gräbern der Apostel und Märtyrer. Und der Pilger denkt, wie Werner Bergengruen es unübertroffen schön im letzten Kapitel seines „Römischen Erinnerungsbuches” ausdrückt, darüber nach, dass jedem Pilger eine Heimkehr verheißen ist und dass diese Heimkehr gut vorbereitet sein will.
   Was dies alles mit dem Sonntag und der Feiertagsruhe zu tun hat? Sehr viel! Das „Kompendium der Soziallehre der Kirche” unterstreicht unter Nr. 285 in wünschenswerter Klarheit: „Der Tag des Herrn soll stets als Tag der Befreiung gelebt werden, der uns an ,einer festlichen Versammlung' und an der ,Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind” Hebr 12,22-23, teilnehmen lässt und die Feier des ewigen Pascha in der Herrlichkeit des Himmels vorwegnimmt.” Und etwas vorher heißt es: „Die Feiertagsruhe ist ein Recht, denn Gott ,ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte' Gen 2,2”.
   Das genau ist der Spannungsbogen der irdischen Pilgerschaft, den der Sonntag vor Augen stellt: Der Christ ist ein Mensch sowohl des ersten wie auch des achten Tages, wie Augustinus dies einmal in seinem großen Werk „Vom Gottesstaat” ausdrückt. Und Papst Johannes Paul II. unterstreicht dies ähnlich in seinem Apostolischen Schreiben Dies Domini von 1998: „Die Feier des Sonntags, des ersten und zugleich achten Tages, verweist den Christen auf das Ziel des ewigen Lebens.”
   Im Hintergrund steht zunächst der biblische Schöpfungsbericht: Gott erschafft die Welt im Sieben-Tage-Werk. Am siebten Tag ruht er, nachdem er alles sehr gut erschaffen hat. Hier ist natürlich kein Polizeiprotokoll der Weltschöpfung gemeint, vielmehr wird mit der Zahl „Sieben” die Vollkommenheit und Gutheit der Schöpfung zum Ausdruck gebracht. Denn die „Vier” ist in den alten Kulturen die Zahl der begrenzten Welt (vier Himmelsrichtungen, vier Elemente), eine Zahl weniger aber, nämlich „Drei”, ist die Zahl der Nicht-Welt, also die Zahl Gottes. Drei und Vier, Gott und seine Schöpfung, ergeben Sieben, die vollkommene Einheit von Schöpfer und Schöpfung.
   Und daher ist das „Ausruhen Gottes” am siebten Tag, das die Juden bis heute durch den Sabbat und seine Ruhe nachahmen, auch kein Ausruhen in Müdigkeit, sondern eine ruhige Freude über das gelungene Werk. Jeder Sabbat war und ist daher in jüdischem Verständnis ein Tag der Befreiung, der zugleich auf die große Befreiung am Ende der Zeit hinweist und vor Augen stellt: Welt und Mensch gehören nicht sich selbst, sondern letztlich Gott, dem Schöpfer. Der Mensch verwaltet die Welt und sein eigenes Leben im Auftrag Gottes und in Verantwortung vor ihm. Und er hat dereinst Rechenschaft dafür abzulegen.
   Deswegen gab es in der jüdischen Tradition nicht nur den Sabbat, sondern alle sieben Jahre auch das „Jobel- Jahr” und ein großes „Jobel-Jahr” nach sieben mal sieben Jahren, im 50. Jahr - ein großer Sabbat gleichsam, benannt nach dem Widderhorn (jobel), mit dem solche Jahre feierlich verkündet wurden. Wie der Sabbat, so stellte auch das Jubeljahr deutlich vor Augen: Der Mensch ist Verwalter Gottes, Welt und Mensch gehören Gott. Daher endeten in Jubeljahren alle Pacht- und Besitzverhältnisse, alles fiel zurück in Gottes Hände, alles auf der Erde wurde gleichsam auf den Punkt Null zurückgedreht, wo es bei Gott seinen Anfang genommen hatte und wohin es auch zurückkehren wird.
   Die Christen übernahmen diesen jüdischen Gedanken des Sabbat und seiner Ruhe und verbanden ihn jetzt deutlicher noch als vorher mit dem ersten Tag der neuen Schöpfung, gleichsam als Überbietung der irdischen Sieben-Tage-Ordnung: Daher ist der Sonntag in christlichem Verständnis sowohl erster wie auch achter Tag, Schöpfungstag und Erlösungstag, guter Anfang und beste Vollendung. Und die Jubeljahre, die Papst Bonifaz VIII. im Jahre 1300 in Erinnerung an die jüdische Sitte einführte, sind dann wie große Sonntage: nicht einfach Gelegen- heit zum Ausruhen,  sondern Zeit für die Ewigkeit! Zeit, um zu pilgern, auf die bisherige Lebenszeit zurückzublicken, zu beten und nachdenklich zu werden, Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen.
   Und genau so der Sonntag: Er ist nicht einfach ein Tag der Arbeitsruhe, wie die Französische Revolution es gründlich missverstand und daher praktischerweise die Zehn-Tage-Woche einführte in dem Gedanken, neun Tage Arbeiten am Stück sei wohl zumutbar. Nein: Der Sonntag ist Erinnerung an den Anfang der Welt und zugleich des eigenen Lebens, und dass es sehr gut ist, dass es die Welt gibt und auch mein eigenes Leben. Er ist Erinnerung an die eigene Verantwortung und die Aufgabe, im Auftrag Gottes in dieser Welt und im eigenen Leben zu wirken. Und Erinnerung an die enge Pforte des Todes,  die  jeder  von uns am Ende des Lebens durchschreiten muss und an den,  der dahinter auf uns wartet und die ganze Welt in seinen Händen hält: Gott. Und daher ist der Sonntag Tag der Eucharistie, der Heiligen Messe, von der Georges Bernanos sagt: „Für den Moment der Messe sind wir in die Ewigkeit Gottes versetzt!”
   Das könnte man mit Fug und Recht vom ganzen Sonntag sagen: An jenem Tag, wie auch an jedem Feiertag und in jedem Jubeljahr, sind wir geradezu in die Ewigkeit Gottes versetzt. Und wenn unsere Taufe deutlich machte, dass wir seitdem mit einem Bein schon im Himmel stehen, so führt uns dies der Sonntag regelmäßig vor Augen, tröstlich und anfordernd zugleich.
Ein Tag der Ruhe und der Besinnung für jeden
   Wenn aber doch jeder Mensch zur Ewigkeit Gottes berufen ist, wenn doch jeder Verantwortung für sein Leben trägt, wenn jeder einst Rechenschaft ablegen muss von der Verwaltung seiner Talente, dann ist es eben aus christlicher Sicht wichtig, dass der Sonntag nach Möglichkeit nicht einfach nur ein christlich spezieller Feiertag ist, sondern ein allgemeingültiger Tag der Ruhe und Besinnung für jeden Menschen. Denn jeder Mensch trägt in sich das Verlangen, über den letzten Sinn seines Lebens nachzudenken, der sich nicht erschöpft in bienenfleißiger Emsigkeit und selbstverliebtem Kaufrausch. „Man kann doch nicht mehr von Kühlschränken, Kreuzworträtseln und Bilanzen leben!”, schreibt Antoine de Saint-Exupery in einem seiner letzten Briefe.
   Genau dies verdeutlicht der Sonntag: Der Mensch lebt nicht von Brot und Bilanzen allein, er lebt vielmehr von der Liebe Gottes, die er im eigenen Leben zu erwidern versucht. Und insofern ist der Sonntag für jeden Menschen ein Ruhe- und Angelpunkt, von wo aus jede Woche das eigene Leben und das eigene Mühen angeschaut werden soll. Das ist der letzte und tiefe Sinn des Sonntags - und der Staat tut gut daran, ihn gegen alle Versuchungen des bloßen Konsumismus und gedankenverlorenen Zeitvertreibs zu schützen und den Menschen nicht schleichend und gegen seine Würde auf eine konsumierende Arbeitsbiene zu reduzieren! Denn der Mensch ist keine Maschine, und er soll die Zeit nicht vertreiben, er soll sie erfüllen!
Der Autor Professor Peter Schallenberg ist Professor für Moraltheologie und Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät Fulda. 

aepDrWernerThissen-xx   Erzbischof Thissen: Sonntagsschutz

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen betonte die Wichtigkeit des Sonntagsschutzes.
   „Wer den Sonntag zum Arbeitstag macht, stiehlt uns nicht nur das Wochenende, sondern auch den Rhythmus des Lebens und den Tag des Herrn", sagte Thissen vor dem Hintergrund der zwei Klagen zum Schutz des Sonntags, die von den evangelisch-lutherischen Gemeinden und der katholischen Kirche in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein eingereicht wurden. Der Sonntag müsse als ein Weltkulturerbe geschützt werden. Er sei für die Menschen ein Entschleuniger in einem Zeitalter der Beschleunigung und als Kitt in der Gesellschaft unentbehrlich, weil sich das Lebensrad nicht immer schneller drehen könne. HA100201dpa 

po-DavidMcAllister-Z

McAllister: Freier Sonntag bleibt
 
Der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister lehnt eine Abschaffung des bestehenden Ladenschlusses kategorisch ab. „Der Sonntag bleibt geschützt. So soll es bleiben",sagte der CDU-Politiker der „Nordwest-Zeitung". Ein Tag in der Woche solle „im besten Sinne" anders sein als die Werktage. McAllister stellt sich damit gegen FDP- Landeschef Stefan Birkner. Der Koalitionspartner im Landtag hatte jüngst bei einem Landesparteitag über die Abschaffung des Ladenschlusses diskutiert und sich gegen die von Birkner geforderte Freigabe ausgesprochen. NOZ120730DPA
Sonntag soll Ruhetag bleiben
  
Eine große Mehrheit der Bürger will nicht, dass Geschäfte am Sonntag genauso geöffnet haben wie werktags. In einer Umfrage von Infratest dimap sprachen sich 73 Prozent der Befragten dagegen aus, 25 Prozent wollen eine normale Ladenöffnung auch am Sonntag. Je nach Alter variieren die Ergebnisse: Je jünger die Befragten seien, um so eher befürworteten sie eine weitere Liberalisierung der Öffnungszeiten, hieß es. So wünschten sich 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen auch am Sonntag offene Geschäfte. In der Gruppe der über 60-Jährigen finden dies nur noch 19 Prozent gut. HA120730dpa

ep-LudwigSchwarzLinz-xxBischof Ludwig Schwarz, Linz

   Für einen arbeitsfreien Sonntag hat sich der Linzer Bischof Ludwig Schwarz ausgesprochen. Er unterstützt damit die Initiative „Allianz für den freien Sonntag“. Diese fordert die europäische Politik und Wirtschaft auf, den arbeitsfreien Sonntag sicherzustellen. Bischof Schwarz betonte die christliche Bedeutung und Herkunft des Feiertages, der schon in den zehn Geboten verankert ist. Der Sonntag erinnere daran, dass das Leben ein Geschenk ist und nicht durch Arbeit und Leistung erworben werden könne. Nach Ansicht des Bischofs gibt es „Werte jenseits von Angebot und Nachfrage“. Nach Angaben der Initiative arbeiten 13 Prozent der Werktätigen auch am Sonntag. RV111202kap

EU-MartinKastler-MdEP   Martin Kastler MdEP  

Der CSU-Europaparlamentarier startet die erste EU-Bürgerinitiative für den freien Sonntag

Die Europäische Bürgerinitiative zum Sonntag
   Am 1. Dezember 2009 ist der Lissabon-Vertrag in Kraft getreten. Er gibt den Bürgern Europas erstmals die Möglichkeit, eine Bürgerinitiative auf europäischer Ebene zu starten. Eine Million Unionsbürger aus einer erheblichen Zahl der Mitgliedsstaaten können die Europäische Kommission auffordern, einen Rechtsakt in ihrem Sinne auf den Weg zu bringen. Dies ist eine einmalige Chance für die Bürger der EU, direkte Demokratie auszuüben!
   Artikel 11, Absatz 4 der „Konsolidierten Fassung des Vertrags über die Europäische Union" besagt: "Unionsbürgerinnen und Unionsbürger, deren Anzahl mindestens eine Million betragen und bei denen es sich um Staatsangehörige einer erheblichen Anzahl von Mitgliedstaaten handeln muss, können die Initiative ergreifen und die Europäische Kommission auffordern, im Rahmen ihrer Befugnisse geeignete Vorschläge zu Themen zu unterbreiten, zu denen es nach Ansicht jener Bürgerinnen und Bürger eines Rechtsakts der Union bedarf, um die Verträge umzusetzen."
   Die Europäische Bürgerinitiative existiert somit formal bereits seit dem Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages am 1. Dezember 2009. Derzeit läuft jedoch noch ein Verfahren, in dem die genaue juristische Ausgestaltung der Europäischen Bürgerinitiative festgelegt wird. So muss etwa geklärt werden, aus wie vielen Ländern die Unterschriften kommen müssen oder wie lange der Zeitraum zur Unterschriftensammlung bemessen sein wird. Sobald dieser Prozess abgeschlossen ist,  fällt der offizielle Startschuss für unsere erste europäische Bürgerinitiative.
   Für den Erfolg der Initiative ist es wichtig, dass wir rechtzeitig alle Vorbereitungen getroffen haben, um schnell und unkompliziert starten zu können. Registrieren Sie sich deshalb schon heute als Unterstützer der Ersten Europäischen Bürgerinitiative für den freien Sonntag in Europa!

Hans-Gerd Pöttering EU-MartinKastler-xxPött  Martin Kastler

Kastler startet Kampagne für erstes europäisches Bürgerbegehren
„Sonntags gehören Mami und Papi uns" - Europäische Online-Kampagne will freien Sonntag retten
   Der CSU-Europaabgeordnete Martin Kastler will mit dem ersten europäischen Bürgerbegehren den Sonntag europaweit als Ruhetag schützen. Dazu hat er jetzt im Straßburger Europaparlament das Online-Kampagnenportal "Sonntags gehören Mami und Papi uns!" vorgestellt.
   Die EU-Kommission hat vor kurzem die Konsultation zur Ausgestaltung der europäischen Bürgerinitiative be- endet. Kastler betont: "Dies ist unser Zeitfenster, um öffentlich zu zeigen, dass wir Bürger uns öfter einbringen wollen als nur zur Europawahl". Er fordert die Kommission deshalb auf, die Verordnung zur Bürgerinitiative schnell voranzubringen.
Mehr Demokratie wagen
   "Diese Aktion wird die direkte Demokratie in der EU stärken", ist Kastler überzeugt. Er stellt fest: "Der Lissabon- Vertrag gibt uns durch die Einführung der Europäischen Bürgerinitiative erstmals die Möglichkeit, als europäische Bürger für ein Anliegen einzutreten. Diese Chance werden wir für den freien Sonntag nutzen!"
   Unterstützer können sich ab sofort unter www.freiersonntag.eu registrieren. Kastler lädt ein: „Jeder, dem ein freier Sonntag und mehr direkte Demokratie wichtig sind, sollte sich schon jetzt eintragen." Es gehe darum, die Bürger besser einzubinden und mehr Demokratie zu wagen. Kastler hofft: "Bis zum offiziellen Startschuss soll die Kampagne so viel öffentlichen Druck aufbauen, dass uns keiner mehr ignorieren kann“.

EU-MartinKastlerMdEPxxx  Martin Kastler im Plenarsaal

   Das Ziel der Bürgerinitiative ist durchaus ehrgeizig: Eine Million Unterschriften von Bürgern mehrerer EU- Mitgliedstaaten braucht, wer der EU-Kommission auf diesem Weg einen Rechtaskt nahebringen möchte. Wörtlich heißt es im nun geltenden, neuen EU-Vertrag: „Unionsbürgerinnen und Unionsbürger, deren Anzahl mindestens eine Million betragen und bei denen es sich um Staatsangehörige einer erheblichen Anzahl von Mitgliedstaaten handeln muss, können die Initiative ergreifen und die Europäische Kommission auffordern, im Rahmen ihrer Befugnisse geeignete Vorschläge zu Themen zu unterbreiten, zu denen es nach Ansicht jener Bürgerinnen und Bürger eines Rechtsakts der Union bedarf, um die Verträge umzusetzen."
   Im Gespräch mit der Würzburger “Tagespost“ meint Kastler: „Wenn wir diese Stimmenzahl bekommen, muss die Kommission die Zulässigkeit prüfen. So konnten die Bürger Europas auf eine rechtliche Sicherung des Sonntags drängen." Reichlich vage ist der Rechtstext bisher dennoch. Ungeklärt ist bis zur Stunde, ob „eine erhebliche Anzahl" ein Drittel der EU-Staaten oder mehr bedeutet, also aus wie vielen Mitgliedstaaten die Unterschriften kommen müssen. Auch der Zeitraum für das Sammeln der Unterschriften ist bisher nicht definiert. Martin Kastler will aber nicht länger warten, sondern hat die erste EU-Bürgerinitiative im Euro- päischen Parlament in Straßburg gestartet. Das erste Instrument der direkten Demokratie auf europäischer Ebene will der christlichsoziale Europaparlamentarier sogleich in den Dienst des freien Sonntags stellen.
   Zunächst geht es ihm nach eigenem Bekunden darum, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und möglichst viele Mitstreiter für den Sonntagsschutz zu gewinnen. DT100216StephanBaier

Sonntagsschutz kommt vor allem Familien zugute
   Der arbeitsfreie Sonntag kommt vor allem den Familien zugute. Daran erinnert der mittelfränkische CSU- Europaabgeordnete Martin Kastler im Gespräch mit Radio Vatikan. Das Thema „Sonntagsschutz“ ist auch beim VII. Internationalen Familientreffen in Mailand ein Gesprächsthema. Dazu sind verschiedene Gesprächsrunden in der norditalienischen Metropole geplant. Pater Bernd Hagenkord SJ hatte den Europaabgeordneten am Rande des Katholikentags in Mannheim gefragt, weshalb der Sonntag für die Familien eigentlich so wichtig ist.
   „Der Sonntag gehört vor allen Dingen uns, den Familien, und ich sage das vor allem aus Sicht meiner Kinder, weil sie darauf achten, dass zumindest einen Tag in der Woche der Vater mit ihnen ist. In vielen Familien gilt das auch für die Mütter, weil es sogar vorkommt, dass nicht einmal die Eltern gemeinsam zusammen sind. Deshalb ist es so wichtig, dass in Europa ein solcher Tag da ist. Der Sonntag stammt aus unserem kulturellen Hintergrund.“
Wir wollen Sie das erreichen? Sie haben ja eine Kampagne gestartet.
  „Bislang haben wir eine Online-Kampagne eröffnet. Damit wollen einen freien Sonntag erreichen, mit dem Ziel, in allen europäischen Ländern Unterschriften zu sammeln. Die EU hat ja ein neues Instrument geschaffen, damit sich die Bürger mehr einbringen können. Mit einer Million Unterschriften, die EU-Kommission sowie das EU-Parlament dazu bringen kann, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die vielleicht nicht auf der tages- politischen Agenda sind. Das gilt gerade beim Sonntagsschutz.“
Sie wollen also ein europäisches Gesamtgesetz erreichen?
   „Wir haben momentan eine Arbeitszeitrichtlinie in Europa. Das machen die Tarifpartner, Gewerkschaften und Arbeitgeber. Da können wir uns nicht einmischen. Es gibt da aber heiße Diskussionen. So gibt es eine europäische Allianz von verschiedensten Organisationen, die sich eben zum Sonntagsschutz schon seit langem äußern und immer wieder auf dieses Thema hinweisen. Es ist meiner Meinung nach an der Zeit, dass Druck ausgeübt wird. Wir sollten klar Farbe bekennen, ob man dafür oder dagegen ist.“
Es gibt ja schon viele Ausnahmeregelungen. In Großbritannien kennt man etwa den arbeitsfreien Sonntag überhaupt nicht. Selbst in Rom gibt es Geschäfte, die an Sonntagen geöffnet sind. Kann man da zurück- rudern oder wollen Sie einfach nur ein Stopp-Zeichen setzen?
   „Zum einen wollen wir ein Stopp-Zeichen setzen. Wir wollen in Europa aufzeigen, wofür wir kulturell einstehen. Wir wollen aber auch nicht in die Steinzeit zurück. Es ist in der Tat schwierig einen Tag der kompletten Ruhe einzufordern. Es könnte aber eine Möglichkeit sein, mit Ausnahmeregelungen Zeichen zu setzen.“ RV120525mg

Shopping statt mehr Sonntag  
   Am siebten Tage ruhte er... - und bis heute sind die Sonntage als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt. So steht es im deutschen Grundgesetz. Doch im Alltag sieht es anders aus: Deutschland knabbert beständig am Sonntag und das bundesweit. Nun hat der Berliner Senat für das kommende Jahr acht (!) verkaufsoffene Sonntage für die umtriebige Bundeshauptstadt festgelegt. Die SPD-Arbeitssenatorin Dilek Kolat lässt neben zwei Adventssonntagen unter anderem auch bei der Grünen Woche 2015, der Internationalen Tourismus-Börse und der Internationalen Funkausstellung den Einzelhandel von 13 bis 20 Uhr seine Türen öffnen.
   In ganz Europa nagen Wirtschaft und Konsum am einzigen arbeitsfreien Wochentag. Vor 20 Jahren schuf das deutsche Arbeitszeitgesetz überhaupt Ausnahmen zum Verbot der Sonntagsarbeit. Seitdem kommen immer neue Sonderfälle hinzu.
   Damit zerbröckelt das europäische Kulturgut des freien Sonntags weiter! Ruinös - denn ganz Europa erliegt dem Irrglauben, ein weiterer Tag Konsum bringe automatisch mehr Umsatz, bringe mehr Wachstum. Das Gegenteil ist der Fall. Schon heute muss fast jeder dritte Erwerbstätige in Europa sonntags arbeiten - in Deutschland trifft es rund elf Millionen Menschen. Tendenz steigend - europaweit. Selbst das Privileg, für Sonntagsarbeit wenigstens Zuschläge zu bekommen, erfahren immer weniger. Zuwachs aber erfährt eine ganz andere Bilanz: Nie zuvor waren psychische Erkrankungen so häufig Ursache von Arbeitsunfähigkeit wie heute. Europa konsumiert sich irgendwann den Burn-out! Kein Wunder, dass selbst religiös wenig Interessierte und medizinische Gutachten inzwischen den Sonntag als Ruhetag loben.
   Es ist ist klar, dass viele, gerade industrielle Prozesse heute 24 Stunden, sieben Tage die Woche laufen können, manche müssen. Besonders im sozialen Bereich und der Daseinsvorsorge erwarten wir stete Bereitschaft für den Notfall - ob Strom, Wasser, Gas, im Sanitäts- wie Polizeidienst, Bahn, Tagespflege oder der Palliativmedizin zählt die Gesellschaft auf die unerlässliche Grundversorgung. Aber diese Sonntagsschicht muss weiterhin, ja sogar besser, vergütet werden als bisher. Ob wir aber noch mehr Sonderöffnungen für die X-te Shoppingmeile, Baumarkt- und Möbelhauskette brauchen, wage ich zu bezweifeln. Wir Christen müssen Zeichen setzen - niemals sonntags einkaufen gehen!
Der Autor ist Europapolitischer Sprecher des Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK)DT141009MartinKastler

Die Sonntagsruhe ist das „älteste Sozialgesetz der Welt“.
   Das sagt der Linzer Altbischof Maximilian Aichern. Gerade in unserer Zeit seien „die gemeinsame wöchentliche Rast von der Arbeit, die Pflege der Gemeinschaft und des Schöpferischen sowie der Raum für den Gottesdienst und das gemeinsame Feiern sehr wichtig“, so Aichern: „Wir dürfen nicht zu Maschinen und Opfern von reinem Wirtschafts- und Konsumdenken werden“. Aichern äußerte sich in einem Interview für die Mitarbeiter-Zeitung des Bistums Linz. RV111204kap
Der katholische Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck rief zum Erhalt des arbeitsfreien Sonntags auf
    
Die Christen feierten an jedem Sonntag Ostern. Ihnen sei dieser Tag heilig, sagte Overbeck beim Karfreitags- Kreuzweg auf der Halde des Bergwerks Prosper-Haniel in Bottrop. Jesus habe in seinen letzten Worten am Kreuz die Bedeutung von Familie und Bindungen hervorgehoben, sagte Overbeck. Für die Familien sei der arbeitsfreie Sonntag unverzichtbar. Sie bräuchten diese Zeit, um die großen und kleinen Krisen des Alltags bestehen zu kön- nen. „Die schöpferische Pause, die Gott am siebten Tag der Erschaffung der Welt macht, ist ein Vorbild, den Sonntag als ökonomisch nicht verzweckte Zeit für die Pflege unserer Familienbeziehungen zu reservieren", sagte Overbeck. FAZ120407

Der erste „Internationale Tag des freien Sonntags"

   Für den 1. „Internationalen Tag des freien Sonntags", der künftig am 3. März jeden Jahres etabliert werden soll, fordern Vertreter und Vertreterinnen der „Allianz für den freien Sonntag" in Deutschland und anderen europäischen Ländern einen besseren Schutz des arbeitsfreien siebten Tages. Träger dieser Allianz sind die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), die katholische Betriebsseelsorge, der kirchliche Dienst in der Arbeitswelt der evangelischen Kirche, der Bundesverband evangelischer Arbeitnehmerorganisationen und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Mit dem historischen Bezug auf den ersten staatlichen Sonntagsschutz unter Kaiser Konstantin 321 n. Chr. werden in diesem Jahr vielerorts öffentliche Aktionen und thematische Gottesdienste stattfinden. Die Initiative, die 2006 gegründet wurde, wird demnächst in fünf Bundesländern verankert sein. Zu den bestehenden Sonntagsallianzen in Bayern, Baden-Württemberg und dem Saarland sind am 3. März Neugründungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hinzugekommen.
   Seit mehr als 4.000 Jahren prägt die Sieben-Tage-Woche in vielen Völkern den menschlichen Lebensrhythmus zwischen Arbeit und Ruhe; letztlich ist der Mensch schutzwürdig, nicht das Kapital, nicht der Umsatz oder das Profitdenken gieriger Unternehmen. Daher gilt der Sonntag als Tag mit hoher menschlicher Qualität, als sinnstiftende Errungenschaft und als „lebendiges Kulturgut" des christlichen Abendlandes.
   Der Gesetzgeber hat diesem Umstand zum Teil Rechnung getragen: Das Grundgesetz schützt die Sonntage und die staatlich anerkannten, Feiertage als Tage der Arbeitsruhe und „seelischen Erhebung". Doch wurden mit der zunehmenden schleichenden Aushöhlung der Feiertagsruhe wirtschaftliche Interessen und Betrachtungsweisen absolut gesetzt. Mit der Novellierung des Arbeitsrechts 1994 werden Möglichkeiten zur Sonntagsarbeit im Bereich des produzierenden Gewerbes, des Handels, der Banken, der Versicherungen und sonstiger Dienstleistungen erheblich erweitert. Die Neuregelung des Ladenschlussgesetzes hat das Arbeitszeitgesetz so geändert, dass Sonntagsarbeit sich verstärkt breitgemacht hat. Mit der Liberalisierung des Ladenschlusses haben verkaufsoffene Sonntage inflationsartig zugenommen; im Zuge der Föderalismusreform im September 2006 wurde die Gesetzgebungskompetenz in der Frage der Sonntagsöffnungen auf die Bundesländer übertragen, die mit Ausnahme von Bayern eigenständige Regelungen erlassen haben.
   Konsequenz: Weitere Ausdehnungen der Ladenöffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen erfolgten in den Bundesländern, die als Ausnahmeregelungen für einen eingegrenzten Bereich bagatellisiert wurden. Nun müssen gesellschaftliche Kräfte im Land gebündelt werden, um den Liberalisierungstendenzen des Sonn- und Feiertagsschutzes ein Ende zu setzen.
   Der Sonntag als Tag der körperlichen wie seelischen Erholung ist ein zentrales Moment in unserer gesellschaftlichen Zeitorganisation, ein Bestandteil unserer kulturellen Identität und drückt ein natürliches Bedürfnis für die persönliche wie gemeinschaftliche, unter anderem religiöse, familiäre oder sportliche Lebensgestaltung aus. Er schafft einen verbindlichen Ordnungsrahmen für einen kollektiven Zeitrhythmus in allen Lebensbereichen wie Familien, Vereinen oder am Arbeitsplatz und hat einen hohen kirchlichen Anspruch.
   Überdies ist der Sonntag nach europäischem Recht der wöchentliche Ruhetag für Kinder und Heranwachsende. Er verkörpert damit eine stabilisierende Position für die innere wie äußere Freiheit des Menschen vor einer rein ökonomisch orientierten Lebensweise und befreit von Sachzwängen sowie Fremdbestimmungen. Als hohes menschliches Kulturgut dient der Sonntag zur „seelischen Erhebung", zum Schutz der Menschlichkeit und dient unersetzbar der Gesundheit der Arbeitnehmer und der Völker in Deutschland und Europa. Das zeigen Erhebungen verschiedener Institute. Dagegen stört das ständige Unterlaufen der Sonntagsruhe und der Ladenöffnungszeiten die „humane Qualität" unserer Gesellschaft, macht sie krank und führt zur Auflösung von gewachsenen Gemeinschaften und Strukturen.
   Flexible Arbeitszeiten haben das Alltagsleben der Beschäftigten und deren Familien nachhaltig verändert, weil sich immer mehr Menschen den strikten Wünschen verantwortungsloser, profithungriger Arbeitgeber, der Auf- tragslage und des Umsatzes anpassen müssen. Auf der Grundlage des Urteils des Bundesverfassungsgerichtes zum Sonntagsschutz vom 1. Dezember 2009 ergibt sich, dass gesetzliche Schutzkonzepte für die Gewährleistung der Sonntags- und Feiertagsruhe erkennbar diese Tage als Tage der Arbeitsruhe zur Regel erheben müssen, dass anstehende Ladenöffnungszeiten in ihrem Umfang neu bedacht werden müssen und dass bloßes wirtschaftliches Umsatzinteresse der Unternehmen und ein alltägliches Erwerbsinteresse potenzieller Käufer nicht genügen, um Ausnahmen zu rechtfertigen.
   Deshalb forderten am 3. März bundesweit die Trägerorganisationen der Sonntagsallianzen:
   -  eine/n konsequentere/n Schutz/ Einhaltung der arbeitsfreien Sonn- und Feiertage und Ladenöffnungszeiten;
   - effektivere Kontrollen und bundeseinheitliche Regelungen und eine erneuerte Sonn- und Feiertagskultur, die bewusst die Wertordnung einer gesunden Gesellschaft widerspiegelt, das heißt, die Beachtung der Menschen- rechte und -würde in Sozialverträglichkeit, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl, wie es die Sonntagsallianzen fordern. Denn Konsum, Umsatz und Kommerz sind nicht die primären deutschen Kulturgüter, schon gar nicht die zentralen Werte unserer Gesellschaft oder eines weitgehend christlich geprägten Abendlandes.
Der habilitierte Autor ist stellvertretender Diözesanvorsitzender der KAB im Bistum Würzburg und arbeitet bei der „Sonntagsallianz Aschaffenburg" mit.  DT100304 IGeorgSchütz

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