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Südamerika

Ecuador, Bolivien, Paraguay

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 Die Reise des Papstes Framziskus nach Ecuador, Bolivien und Paraguay

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Ecuador, Bolivien, Paraguay: Termin für Papstreise steht fest - Lateinamerika freut sich auf Papst Franziskus

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   Der Termin für den Besuch von Papst Franziskus in Ecuador steht fest. Zum Auftakt seiner Südamerika-Reise sei Franziskus vom 6. bis 8. Juli in Ecuadors Hauptstadt Quito, teilte Erzbischof Luis Cabrera von Cuenca am Dienstag mit. Auf dem Programm stehe unter anderem der Besuch des Wallfahrtsortes El Quinche in Quito. Franziskus bleibt demnach während des dreitägigen Besuches ausschließlich in der Hauptstadt. Anschließend reist der 78-Jährige weiter nach Bolivien. Am 10. Juli wird er nach Angaben der Regierung Paraguays in der dortigen Hauptstadt Asuncion erwartet, der dritten und letzten Station der Reise. Franziskus ist der erste Papst aus Lateinamerika. Rv150409gs  

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Franziskus in Südamerika: Eine Mission Foto: Indigene Koka-Bauern in Bolivien

   Ähnlich wie bei der Wahl seiner Reiseziele in Europa, wo der Papst bislang bewusst „an die Ränder" ging, ist auch diesmal die Zusammenstellung des Reiseprogramms keineswegs zufällig. In den drei Ländern Ecuador, Bolivien und Paraguay verdichten sich symbolträchtig die bis heute ungelösten ethnischen, wirtschaftlichen und politischen Probleme Südamerikas. Alle drei haben Erfahrungen mit Kriegen, Putschen und Diktaturen. Verschlossene Eliten, politische Instabilität, Streiks sowie ethnische und geografische Zerrissenheit zwischen den Landesteilen haben mit dazu beigetragen, dass diese Länder arm geblieben sind. 
   Das jährliche Brutto-Inlandsprodukt liegt in Bolivien unter 2.500 Euro pro Kopf und hat auch in Ecuador und Paraguay trotz verbesserter Rohstoffexporte noch nicht 5.000 Euro. Damit liegen die drei Länder wirtschaftlich weit abgeschlagen hinter den vergleichsweise „reichen Vettern" in Argentinien, Brasilien und Chile. Dort ist das Pro-Kopf-Einkommen mehr als dreimal so hoch. 
   Für den Argentinier Franziskus ist insbesondere der Besuch in Bolivien und Paraguay daher nicht einfach ein Heimspiel: Zehntausende Armutsmigranten aus beiden Ländern suchen bei den reicheren Nachbarn Arbeit und Brot - und sie werden oft nicht gut behandelt. Auch der innerlateinamerikanische Rassismus spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle. In Argentinien und Chile dominieren die weißen Nachfahren der Europäer auch zahlenmäßig. In Bolivien und Paraguay sind es die kleineren und dunkelhäutigeren Nachfahren der Ureinwohner, die Guaranì oder Quechua sprechen; viele von ihnen können weder lesen noch schreiben. Auch in Ecuador ist der Anteil der Indigenen besonders hoch. Hinzu kommt noch eine beträchtliche afroamerikanische Minderheit. 
   Doch der weiße, italienischstämmige Besucher aus Argentinien wird für die mehrheitlich katholischen Ecuadorianer, Bolivianer und Paraguayer über alle Rassengrenzen hinweg vor allem der Papst sein. Sein charismatisches Auftreten und seine den Armen zugewandte Botschaft verfehlten ihre Wirkung nicht. Die linken, indigenen Präsidenten von Ecuador und Bolivien, Rafael Correa und Evo Morales, haben zum Papstbesuch zu nationaler Versöhnung aufgerufen. Sie setzen einige Hoffnung darauf, dass angesichts des Besuchs aus Rom die notorische Neigung der politischen und gewerkschaftlichen Akteure zu Streiks, Besetzungen und Blockaden wenigstens für ein paar Tage oder Wochen zur Ruhe kommt. 
   Ein ganz anderes Interesse hat Horacio Cartes, der 2013 gewählte konservative Staatspräsident Paraguays. Zwar ist er durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen; doch haftet ihm noch immer der Makel an, dass sein Vorgänger, der einst populäre linke Armenbischof Fernando Lugo, 2012 vom Parlament in einem Hauruck-Verfahren entmachtet wurde. Ein Händedruck oder gar eine Umarmung vom „Papst der Armen" könnte Cartes' nationales und internationales Ansehen festigen. 
   Der wohl ungewöhnlichste Programmpunkt der Reise ist ein Gastauftritt des Papstes beim „Zweiten Welttreffen der Volksbewegungen" im bolivianischen Santa Cruz. Das erste Treffen dieser Art, bei dem unter anderen Landlosen-Vereinigungen, Bürgerinitiativen, Bauerngewerkschaften und Umweltgruppen mitmachten, hatte 2014 in Rom stattgefunden - auf Einladung des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden. Prominentester Gastredner war damals ausgerechnet Boliviens Präsident Morales - mit einer Ansprache zum Thema „Wie können wir den Kapitalismus beenden?" 
   Das Reiseprogramm des Papstes zeigt, dass es ihm bei seiner ersten größeren Lateinamerika-Reise nicht nur um die politische Dimension geht, also um Frieden und soziale Gerechtigkeit. Indem er eine Kinderklinik, ein Altenheim und einen Brennpunkt wie das berüchtigte bolivianische Riesengefängnis Palmasola besucht, zeigt er, wo er die sozialen und humanen Aufgaben der Kirche sieht. 
      Doch auch die Frömmigkeit ist ihm wichtig. An sieben Tagen wird der fünf große Gottesdienste feiern und mehrere Wallfahrtskirchen und Kathedralen aufsuchen. Die erste dieser Kirchen, in der er öffentlich beten wird, ist das erst 2009 erbaute Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit in Guayaquil: ein Ort, der bestens passt zu seinem "Evangelium der Barmherzigkeit".
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Ein Blick auf den „katholischen Kontinent"

   Lateinamerika heißt auch der „katholische Kontinent". Mehr als 40 Prozent aller getauften Katholiken - 520 Millionen in absoluten Zahlen - leben in dieser Weltregion, die maßgeblich durch vier Jahrhunderte spanischer und portugiesischer Kolonialgeschichte geprägt ist. Rund 80 Prozent der Menschen in Lateinamerika sind katholisch.
   Exakte Zahlen sind allerdings problematisch. Der Vatikan verzeichnet die Zahl der katholischen Taufen; eine mögliche Abwanderung zu evangelikalen Pfingstkirchen ist damit nicht erfasst. Für internationale Vergleichszahlen fehlen oft vergleichbare Zensusdaten.
   Das Annuarium Statisticum Ecclesiae (kirchliches Jahrbuch) verzeichnet für Brasilien 170 der rund 201 Millionen Einwohner als katholisch. Damit ist Brasilien das größte katholisch geprägte Land der Welt, gefolgt von Mexiko mit offiziell 118 Millionen. Die nächstgrößeren Länder Lateinamerikas sind Kolumbien mit 47 Millionen, Argentinien mit 41,6 Millionen und Peru mit 30,8 Millionen.
   Insgesamt weist Lateinamerika 815 Bistümer bzw. verwandte „Jurisdiktionen" mit 727 Diözesanbischöfen auf. Allein in Brasilien gibt es 274 Diözesen; die Bischofskonferenz zählt 453 Mitglieder. Auch von den rund 35.800 Pfarreien Lateinamerikas befindet sich knapp ein Drittel in Brasilien. Rv150705gs

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Franziskus beginnt seine Reise nach Südamerika - Foto: Ein Plakat in Bolivien heißt Papst Franziskus willkommen

   Papst Franziskus ist an diesem Sonntagmorgen um 9 Uhr zu seinem Besuch in Südamerika aufgebrochen. Samstagabend machte er, wie es vor Reisen bereits Tradition ist, einen kurzen Abstecher zur römischen Marienikone „Salus populi romani“ in der Papstbasilika Santa Maria Maggiore, wo er 20 Minuten im Gebet verharrte. Vor dem Gnadenbild legte Franziskus Blumen in den Nationalfarben der drei besuchten Länder ab: Ecuador, Bolivien und Paraguay.
   In der ecuadorianischen Hauptstadt Quito wird der Papst um 22 Uhr römischer Zeit (15 Uhr Ortszeit) erwartet. Am Flughafen nimmt Staatspräsident Rafael Correa den hohen Gast aus Rom in Empfang. Franziskus hält dabei eine erste Rede. Danach begibt er sich umgehend in die Apostolische Nuntiatur, die ihm - wie bei Papstreisen üblich - als Unterkunft dient. Acht Kilometer vor der Nuntiatur wird der Papst den geschlossenen Wagen verlassen und ins Papamobil umsteigen, um die wartenden Menschen entlang der Straße besser begrüßen zu können. Seine erste große Messe in Lateinamerika hält Franziskus am Montag im Marienheiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit in Guayaquil.  Radio Vatikan bietet elf Live-Übertragungen von Montag bis Sonntag. Rv150705gs

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      Unsere Live-Übertragungen zur Südamerikareise des Papstes  > Live-Übertragungen
      Fünf Gottesdienste, Treffen mit Priestern und Ordensleuten, ein Besuch im Slum, zum Ausklang eine Begegnung mit Jugendlichen: unsere Live-Übertragungen zur Südamerika-Reise von Papst Franziskus.
      Montag, 6. Juli - 18:00 bis 20:30 Uhr: Heilige Messe in Guayaquil, Ecuador
      Dienstag, 7. Juli - 17:20 bis 19:30 Uhr: Heilige Messe in Quito, Ecuador, 23:15 bis 00:30 Uhr: Begegnung mit der Welt der Schule und der Universität an der Päpstlichen Katholischen Universität Ecuadors, Quito
      Mittwoch, 8. Juli - 17:20 bis 18:15 Uhr: Treffen mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen im nationalen Marienheiligtum „El Quinche“ bei Quito
      Donnerstag, 9. Juli - 15:45 bis 18:00 Uhr: Heilige Messe und Eröffnung des V. Nationalen Eucharistischen Kongresses auf dem Platz Cristo Redentore in Santa Cruz, Bolivien, 21:45 bis 00:30 Uhr: Begegnung mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen in der von Salesianern Don Boscos geführten Schule „Coliseo di Don Bosco“ in Santa Cruz
      Samstag, 11. Juli - 16:00 bis 18:30 Uhr: Heilige Messe im Marienheiligtum von Caacupé bei Asunción, Paraguay 22:20 bis 23:45 Uhr: Treffen mit der Zivilgesellschaft im Sportpalast in Asunción
      Sonntag, 12. Juli - 14:00 bis 14:45 Uhr: Franziskus besucht die Bevölkerung von Bañado Norte, einem Slum in Asunción. - 15:50 bis 18:15 Uhr: Heilige Messe im Heiligtum Ñú Guazu - 22:50 bis 00:15 Uhr: Treffen mit Jugendlichen  rv150705gs

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Wieder unterwegs: Begrüßung durch Präsident Rafael Correa in Quito / Ecuador

   Papst Franziskus wird während seiner Lateinamerikareise im Juli an einem Welttreffen von Volksbewegungen im bolivianischen Santa Cruz teilnehmen. Am 5. Juli bricht der Papst morgens zu seiner Reise auf; um 15 Uhr Ortszeit trifft er in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito ein. Am Montag, 6. Juli, feiert er zunächst eine Messe im Wallfahrtsort der Göttlichen Barmherzigkeit Guayaquil; am Abend trifft er dann in Quito Präsident Rafael Correa Delgado zu einem Höflichkeitsbesuch.

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Ecuador: Ein Land in Erwartung   Foto: Die Apostlische Nuntiatur in Quito dient dem Papst als Herberge

   Um etwa 22 Uhr mitteleuropäischer Zeit ist der Papst am Sonntag 05. 07. 2015 in der Hauptstadt Ecuadors gelandet. Vor Ort ist es nachmittags um 15 Uhr, und da Quito praktisch am Äquator liegt, hat die Sonne dafür gesorgt, dass Franziskus besonders warm willkommen geheißen wurde. Bei seiner Ankunft waren Staatspräsident Rafael Correa und das Präsidium der ecuadorianischen Bischofskonferenz anwesend.
   Zwei Kinder haben dem Papst bei der Ankunft Blumen geschenkt. Während des gesamten Aufenthalts in Ecuador wird der Papst viele Blumen erhalten, wie die Organisatoren der Papstreise erklärten. Vor allem rote Rosen sind in dem Land sehr verbreitet. Der Flughafen Quitos befindet sich rund 20 Kilometer außerhalb der Stadt und wurde erst vor wenigen Jahren eröffnet. Der „alte“ Flughafen war weltberühmt, weil er mitten in der Stadt lag und jeweils bei der Landung die Flugpassagiere den Eindruck hatten, wenige Meter von den Wohnhäusern vorbeizufliegen. Aus dem ehemaligen Flughafen wurde ein Kongresszentrum – der „Parque del Bicentenario“. Genau dort hat bereits Johannes Paul II. vor 30 Jahren eine Messe gefeiert. Am Dienstag nun zelebriert Franziskus im „Parque del Bicentenario“ eine Messe mit mindestens zwei Millionen Gläubigen, das schätzen zumindest die Organisatoren im Vorfeld des Gottesdienstes.
   Übernachten wird Franziskus in der Nuntiatur mitten in Quito. Am Montag fliegt er weiter für einen mehrstündigen Aufenthalt in der größten Stadt Ecuadors: Guayaquil. Nach Quito – der höchstgelegenen Hauptstadt der Welt mit fast 3.000 Metern über dem Meeresspiegel – kehrt Franziskus am Montagabend (Ortszeit) zurück. Bereits bei seinen ersten Reden bei der Ankunft am Sonntag und bei der Messe in Guayaquil am Montag erwarten viele, dass der Papst seine „Schwerpunkte“ der Ecuador-Visite ankündigen wird. RV150705MarioGalganoQuito

miAm-Reise06-ZAlexander Sitter (rechts) im Gespräch mit Mario Galgano in Quito

   Ecuador zählt wohl zu den unbekanntesten Ländern Lateinamerikas in Europa. Im Gegensatz zu Brasilien oder Argentinien zählt das Land am Äquator nicht zu den wirtschaftlich großen südamerikanischen Staaten. Selbst in der Fußballwelt – in vielerlei Hinsicht ein Gradmesser in Lateinamerika – gilt das 15-Millionen-Land als ein „Fußballzwerg“. Unser Korrespondent vor Ort, Mario Galgano, hat sich in Quito rumgehört.
   Der aus Bayern stammende Alexander Sitter arbeitet in der ecuadorianischen Bischofskonferenz für die Partnerschaft zwischen der Erzdiözese München-Freising und der katholischen Kirche in Ecuador. Er stellt uns das Land in wenigen Sätzen folgendermaßen vor: „Ein Teil befindet sich im Amazonas-Gebiet, ein anderer Teil gehören zu den Anden-Gebirgen und dann gibt es noch die pazifische Küste.“ Seit neun Jahren lebt er mit seiner Familie in Quito. Er kennt Ecuador sehr gut. „Im deutschsprachigen Raum kennt man wohl den Naturpark Yasunì“, sagt uns Sitter. Ecuador war 2008 das weltweit erste Land, das die Rechte der Natur in der Verfassung festschrieb. Umweltschützer kritisieren, diese Rechte würden dennoch missachtet. Im geschützten Yasuní-Nationalpark mitten im Regenwald haben die Vorbereitungen für Ölbohrungen begonnen. Sitter: „Ecuador lebte die ganze Zeit vom vorhandenen Erdöl, doch mit dem niedrigen Ölpreis hat sich die Situation komplett verändert.“ Die starke Verbindung indigener Völker zu ihrem Land und ihre Rolle im Naturschutz hat Franziskus in seiner neuen Enzyklika gewürdigt. Ecuadors Präsident hat das Werk im Vorfeld der Reise in den höchsten Tönen gelobt.
   Zum religiösen Bereich Ecuadors: Millionen Gläubige fiebern der zweiten Lateinamerika-Reise von Papst Franziskus entgegen. „Ich würde sagen, die Menschen in Ecuador sind sehr fromm“, so Sitter, er weist darauf hin, dass die Säkularisierung dennoch auch Negatives gebracht hat. Die Indigenen haben in der Kirche eine „besondere Rolle“. Rv150704mg

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Der Papst ist im „Paradies“ Ecuador angekommen -  Die Ankunft des Papstes in Quito

   Punkt 14.45 Uhr ist der Flug der Alitalia-Maschine AZ 4000 auf dem Flughafen von Quito gelandet. Ein Orchester und Chor hießen den Papst auf seinem Heimat-Kontinent „musikalisch willkommen“, die Hymnen Ecuadors und des Vatikans erklangen: Auftakt zur neunten Auslandsreise von Papst Bergoglio, die ihn auch noch nach Bolivien und Paraguay führen wird. Am roten Teppich wurde Franziskus vom Präsdenten Ecuadors, Rafael Correa, begrüßt. Der direkte Flug aus Rom hatte 13 Stunden gedauert. Zahlreiche Kinder waren auf dem Rollfeld, in den nationalen Trachten überreichten sie dem Papst Geschenke und vor allem Blumen.
„Papst ist Argentinier, aber Ecuador ist Paradies“
   In seiner Begrüßungsrede unterstrich der Gastgeber, Präsident Rafael Correa, dass sein Land „das Leben liebe“. Er zitierte Brasiliens Präsidentin Dilma Roussef, die einmal gesagt habe, der Papst sei Argentinier, aber Gott sei Brasilianer - „und das Paradies ist Ecuador“, fügte Correa mit ironischem Unterton an. Damit wies er darauf hin, wie stark sich sein Land für den Umweltschutz einsetze.
Papst: „Ich komme als Zeuge der Barmherzigkeit“
   In seiner ersten Ansprache auf ecuadorianischem Boden bedankte sich der Papst zunächst für die Gastfreundschaft und äußerte seine Freude darüber, nach Lateinamerika zurückzukehren. Erstmals in seiner Amtszeit war Spanisch bei einer seiner Auslandsreisen die offizielle Sprache: Der Argentinier, der auch die italienische Staatsangehörigkeit besitzt, spricht bei offiziellen Anlässen für gewöhnlich Italienisch. Seine erste Lateinamerika-Reise führte ihn 2013 kurz nach seiner Wahl zum Papst nach Brasilien, wo Portugiesisch die Amtssprache ist.
   „Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich Ecuador aus pastoralen Gründen besucht; so komme ich auch heute als Zeuge der Barmherzigkeit Gottes und des Glaubens an Jesus Christus. Derselbe Glauben hat durch Jahrhunderte die Identität dieses Volkes geformt und viele gute Früchte gebracht.“
   Dann ging Franziskus auf die Herausforderungen Ecuadors ein, von denen politische und soziale Unruhen in den letzten Wochen Zeugnis ablegen. Einen Schlüssel, um sie zu überwinden, finde man im Evangelium, so der Papst: „indem wir die Unterschiede schätzen, den Dialog und die Beteiligung ohne Ausgrenzungen fördern, so dass die Erfolge in Fortschritt und Entwicklung, die gerade erzielt werden, eine bessere Zukunft für alle garantieren“. Die Kirche unterstütze diesbezüglich den Einsatz des Staates für die Schwächsten.
Dem Himmel am nächsten
   Ecuador als Andenland habe eine Besonderheit, fuhr Franziskus fort: „In Ecuador befindet sich der Punkt, der dem Himmel am nächsten liegt: Es ist der Chimborazo, den man deshalb den Ort nennt, der „der Sonne am nächsten“, dem Mond und den Sternen am nächsten liegt. Und wenn der Mond vor der Sonne steht, dann verdunkelt er den Himmel. Wir Christen vergleichen Jesus Christus mit der Sonne und den Mond mit der Kirche, der Gemeinschaft; nichts, ausgenommen Jesus, hat eigenes Licht. Möge in diesen Tagen uns allen die Nähe „des aufstrahlenden Lichts aus der Höhe“ (vgl. Lk 1,78) deutlicher werden, und mögen wir ein Widerschein seines Lichtes, seiner Liebe sein!“
Er wünsche den Menschen in Ecuador, dass sie sich „die Fähigkeit“ bewahren, die Kleinen und Einfachen zu beschützen, die Kinder und Alten zu behüten, die das Gedächtnis seines Volkes seien, auf die Jugend zu vertrauen sowie den Edelmut der Menschen und die einzigartige Schönheit des Landes zu bestaunen. „Und sicherlich ist Ihr Land, Herr Präsident, ein Paradies“, so der Papst.  Rv150705mg 

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Die Papstrede bei der Begrüßungszeremonie in Quito  - Foto: Der Papst mit Präsident Correa

Herr Präsident, verehrte Vertreter der Regierung, liebe Brüder im Bischofsamt, 
meine Damen und Herrn, liebe Freunde,
   Gott sage ich Dank dafür, dass er es mir ermöglicht hat, nach Lateinamerika zurückzukehren und heute hier mit Ihnen in diesem schönen Land Ecuador zu sein. Mit Freude und Dankbarkeit erlebe ich den herzlichen Empfang, den Sie mir bereiten. Es ist ein weiteres Beispiel der Gastfreundschaft, welche sehr gut die Menschen dieses werten Landes beschreibt.
   Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für die freundlichen Worte, die Sie an mich gerichtet haben und die ich mit meinen besten Wünschen für die Ausübung Ihrer Aufgabe erwidere. Sie haben mich sehr viel zitiert. Herzlich grüße ich die geschätzten Vertreter der Regierung, meine Brüder im Bischofsamt, die Gläubigen der Kirche in diesem Land und alle, die mir heute die Türen ihres Herzens, ihres Hauses und ihres Landes öffnen. Ihnen allen gilt meine Zuneigung und aufrichtige Dankbarkeit.
   Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich Ecuador aus pastoralen Gründen besucht; so komme ich auch heute als Zeuge der Barmherzigkeit Gottes und des Glaubens an Jesus Christus. Derselbe Glauben hat durch Jahrhunderte die Identität dieses Volkes geformt und viele gute Früchte gebracht, unter denen berühmte Gestalten hervorragen wie die heilige Mariana de Jesús, der heilige Bruder Miguel Febres, die heilige Narcisa de Jesús oder die selige Mercedes de Jesús Molina, die vor dreißig Jahren während des Besuches des heiligen Johannes Paul II. in Guayaquil selig gesprochen wurde. Sie lebten den Glauben voll Intensität und Begeisterung, und während sie tätige Barmherzigkeit übten, trugen sie von verschiedenen Bereichen aus dazu bei, die Gesellschaft Ecuadors ihrer Zeit zu verbessern.
   In der Gegenwart können auch wir im Evangelium die Schlüssel finden, die es uns möglich machen, uns den aktuellen Herausforderungen zu stellen, indem wir die Unterschiede schätzen, den Dialog und die Beteiligung ohne Ausgrenzungen fördern, so dass die Erfolge in Fortschritt und Entwicklung, die gerade erzielt werden, eine bessere Zukunft für alle garantieren. Hierbei ist besonderes Augenmerk auf unsere schwächsten Brüder und Schwestern zu legen und auf die am meisten verletzlichen Minderheiten. Das ist eine Schuld, die das gesamte Lateinamerika hat. In dieser Hinsicht können Sie, Herr Präsident, immer auf das Engagement und die Zusammenarbeit der Kirche zählen.
   Liebe Freunde, ich beginne voll Vorfreude und Erwartung die Tage, die vor uns liegen. In Ecuador befindet sich der Punkt, der dem Himmel am nächsten liegt: Es ist der Chimborazo, den man deshalb den Ort nennt, der „der Sonne am nächsten“, dem Mond und den Sternen am nächsten liegt. Und wenn der Mond vor der Sonne steht, dann verdunkelt er den Himmel.  Wir Christen vergleichen Jesus Christus mit der Sonne und den Mond mit der Kirche, der Gemeinschaft; nichts, ausgenommen Jesus, hat eigenes Licht. Möge in diesen Tagen uns allen die Nähe „des aufstrahlenden Lichts aus der Höhe“ (vgl. Lk 1,78) deutlicher werden, und mögen wir ein Widerschein seines Lichtes, seiner Liebe sein.
   Von hier aus möchte ich ganz Ecuador umarmen. Dass vom Gipfel des Chimborazo bis zu den Küsten des Pazifiks, vom Urwald des Amazonas bis zu den Galápagosinseln niemals die Fähigkeit verloren gehe, Gott zu danken für das, was er für uns getan hat und tut, die Fähigkeit, den Kleinen und den Einfachen zu beschützen, seine Kinder und Alten zu behüten, die das Gedächtnis seines Volkes sind, auf die Jugend zu vertrauen sowie den Edelmut seiner Menschen und die einzigartige Schönheit seines Landes zu bestaunen. Und sicherlich ist Ihr Land, Herr Präsident, ein Paradies!
   Das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens, denen Ecuador geweiht ist, mögen über Ihnen Gnade und Segen ausgießen. Vielen Dank.   Rv150705mg

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Papstpredigt: „In der Familie geschehen die Wunder“  -  Ankunft des Papstes auf dem Feld der Papstmesse
Volltext der Predigt von Papst Franziskus bei einer Messfeier mit Familien - Parque de los Samanes, Guayaquil, Ecuador, Montag, 6. Juli 2015  -  Offizielle Übersetzung mit den frei gesprochenen Einschüben

   Der Abschnitt des Evangeliums, den wir gerade gehört haben, ist das erste Wunderzeichen, das in der Erzählung des Johannesevangeliums geschieht. Die Sorge Marias wird zur Bitte an Jesus: „Sie haben keinen Wein mehr“, und den Hinweis auf die „Stunde“ wird man von den Berichten der Passion her verstehen.
  Es ist gut, dass es so ist, denn dies erlaubt uns, das Verlangen Jesu, zu lehren, zu begleiten, zu heilen und zu erfreuen, von diesem Ruf seiner Mutter aus zu sehen: „Sie haben keinen Wein mehr“.
  Die Hochzeit von Kana wiederholt sich in jeder Generation, bei jeder Familie, bei jedem von uns und unseren Wünschen, dass es unserem Herzen gelingen möge, Standfestigkeit zu finden in bleibender, fruchtbarer und froher Liebe. Geben wir Maria Raum, „der Mutter“, wie es der Evangelist sagt. Gehen wir mit ihr den Weg von Kana.
    Maria ist aufmerksam bei dieser Hochzeit, die schon begonnen hat; sie sorgt sich um die Bedürfnisse der Brautleute. Sie ist nicht geistesabwesend, nicht in ihre Welt versunken; ihre Liebe lässt sie „sein für“ die anderen. Sie sucht auch nicht ihre Freundinnen, um die schlechten Vorbereitungen der Hochzeit zu kritisieren. Sie bemerkt sie das Fehlen des Weines. Der Wein ist Zeichen für Freude, Liebe, Fülle. Wie viele unsere Kinder und Jugendlichen spüren, dass es ihn in ihren Häusern schon eine Weile nicht mehr gibt. Wie viele Frauen, die allein und traurig sind, fragen sich, wann die Liebe erloschen ist, aus ihrem Leben verschwunden ist. Wie viele alte Menschen fühlen sich bereits außerhalb des Festes ihrer Familien, vernachlässigt und dass sie schon nicht mehr von der täglichen Liebe trinken. Ebenso kann das Fehlen des Weines eine Folge von Arbeitsmangel, Krankheiten oder schwierigen Situationen sein, die unsere Familien durchmachen. Maria ist keine „Beschwerde“-Mutter, sie ist keine Schwiegermutter, die wacht, um sich an unserer Unerfahrenheit, unseren Fehlern und Unachtsamkeiten zu freuen. Maria ist schlicht Mutter!  Ja, sie ist aufmerksam und zuvorkommend. Sprechen wir das gemeinsam: „Maria ist Mutter!“, noch einmal!
    Maria aber wendet sich vertrauensvoll an Jesus, das bedeutet, dass Maria betet, sie geht zu ihrem Sohn und betet. Sie geht nicht zum Verantwortlichen für das Festmahl; sie unterbreitet die Schwierigkeit der Brautleute direkt ihrem Sohn. Die Antwort, die sie erhält, scheint entmutigend: „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ V. 4. Aber währenddessen hat sie schon das Problem in die Hände Gottes gelegt. Ihre Sorge für die Bedürfnisse der anderen beschleunigt die „Stunde“ Jesu. Maria ist Teil dieser Stunde, von der Krippe bis zum Kreuz. Denn Maria, die „mit ein paar ärmlichen Windeln und einer Fülle zärtlicher Liebe einen Tierstall in das Haus Jesu zu verwandeln“ verstand Evangelii gaudium, 286, und uns als Kinder erhielt, als ein Schwert ihre Seele durchdrang, sie lehrt uns, unsere Familien in die Hände Gottes zu legen; sie lehrt uns zu beten und dabei die Hoffnung zu entfachen, die uns zeigt, dass unsere Sorgen auch die Sorgen Gottes sind.
   Beten zieht uns immer aus dem Umfeld unserer Sorgen heraus, lässt uns über das, was uns schmerzt, bewegt oder uns selbst fehlt, hinausgehen und versetzt uns in die Haut der anderen, in ihre Schuhe. Die Familie ist eine Schule, in der das Gebet uns auch daran erinnert, dass es ein Wir gibt, dass es einen unmittelbaren, konkreten Nächsten gibt: er lebt unter demselben Dach, teilt unser Leben und ist bedürftig.
   Maria handelt schließlich. Die Worte „Was er euch sagt, das tut!“ V. 5, die sie an die Diener richtet, sind eine Einladung auch an uns, uns Jesus zur Verfügung zu stellen, der gekommen ist, um zu dienen und nicht, um sich dienen zu lassen. Das Dienen ist das Kriterium der wahrhaftigen Liebe. Das nennt man Dienen, sich in den Dienst anderer zu stellen. Und dies lernt man besonders in der Familie, wo wir aus Liebe einander dienen. Im Schoß der Familie wird niemand ausgeschlossen;  ich erinnere mich an meine Mutter, die wurde einmal gefragt, welchen von ihren fünf Kindern – wir waren zu fünft – sie am meisten liebt. Sie hat gesagt, es ist wie mit den Fingern an der Hand. Wenn man den einen piekst, tut das genau so weh wie wenn man einen anderen piekst. Das ist die Liebe einer Mutter, die liebt ohne Unterschied. In der Familie „lernt man, um Erlaubnis zu bitten, ohne andere zu überfahren, ‚danke‘ zu sagen als Ausdruck einer aufrichtigen Wertschätzung dessen, was wir empfangen, Aggressivität oder Unersättlichkeit zu beherrschen und um Verzeihung zu bitten, wenn wir irgendeinen Schaden angerichtet haben. In jeder Familie gibt es Streit, es ist nur wichtig, um Vergebung zu bitten. Diese kleinen Gesten ehrlicher Höflichkeit helfen, eine Kultur des Zusammenlebens und der Achtung gegenüber unserer Umgebung aufzubauen“ Laudato si’, 213. Die Familie ist das nächstgelegene Krankenhaus, die erste Schule der Kinder, die unverzichtbare Bezugsgruppe für die jungen Menschen, das beste Heim für die alten Menschen. Die Familie bildet den großen „sozialen Reichtum“, den andere Einrichtungen nicht ersetzen können, der unterstützt und verstärkt werden muss, um niemals den rechten Sinn der Dienste zu verlieren, welche die Gesellschaft für ihre Bürger leistet. Denn diese sind nicht eine Art Almosen, sondern eine echte „soziale Schuld“ hinsichtlich der Institution der Familie, die so viel zum Gemeinwohl aller beiträgt.
  Die Familie bildet ebenso eine kleine Kirche, eine „Hauskirche“, die mit dem Leben die Zärtlichkeit und Barmherzigkeit Gottes vermittelt. In der Familie mischt sich der Glaube mit der Muttermilch: Wenn man die Liebe der Eltern erfährt, spürt man die Liebe Gottes nahe. 
   In der Familie – und das können wir alle bezeugen – geschehen die Wunder mit dem, was da ist, mit dem, was wir sind, mit dem, was einer zur Hand hat … oft ist es nicht das Ideal, nicht das, was wir erträumen oder was „sein sollte“. Aber da ist ein Detail der Geschichte, das wir nicht vergessen dürfen: der neue Wein auf der Hochzeit in Kana kommt aus den Krügen zur Reinigung, das heißt von dem Ort, wo alle ihre Sünde gelassen haben … „Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, das ist die Gnade übergroß geworden“ Röm 5,20. In der Familie eines jeden von uns und in der gemeinsamen Familie, die wir alle bilden, wird nichts weggeworfen, ist nichts unnütz. Kurz vor Beginn des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit wird die Kirche die Ordentliche Bischofssynode zur Familie feiern, um eine echte geistliche Unterscheidung reiflich zu überlegen und konkrete Lösungen zu finden für die vielen Schwierigkeiten und wichtigen Herausforderungen, denen sich die Familie in unseren Tagen stellen muss. Ich lade euch ein, euer Gebet in diesem Anliegen zu intensivieren, damit noch alles, was uns unrein erscheint, uns erregt oder erschreckt, Gott dadurch, dass er es durch seine „Stunde“ hindurchgehen lässt, in ein Wunder verwandeln kann. Die Familie heute braucht so ein Wunder.
    Alles begann damit, weil es hieß: „Sie haben keinen Wein mehr“, und alles konnte geschehen, weil eine Frau – die Jungfrau Maria – aufmerksam war, ihre Sorgen in die Hände Gottes zu legen wusste und besonnen und mutig handelte. Aber da ist noch etwas, und das ist nicht unwichtig: sie kosteten den besten Wein. Und das ist die gute Nachricht: der beste Wein ist da, um geschöpft zu werden, das Angenehmste, Tiefste und Schönste für die Familie kommt noch. Die Zeit kommt, wo wir die tägliche Liebe kosten, wo unsere Kinder den Raum, den wir teilen, wieder entdecken, und die alten Leute bei der Freude jeden Tages zugegen sind. Der beste Wein kommt noch für jeden Menschen, der zu lieben wagt. Und in der Familie muss man die Liebe riskieren, muss man riskieren zu lieben. Und der Wein kommt, wenn auch alle Hochrechnungen und Statistiken das Gegenteil behaupten. Der beste Wein kommt zu denen, die heute alles zusammenbrechen sehen. Murmelt es, bis man es glaubt: der beste Wein kommt noch; flüstert es den Verzweifelten und Lieblosen ins Ohr.  Gott nähert sich immer den Peripherien derer, die ohne Wein geblieben sind, die nur Mutlosigkeit zu trinken haben. Jesus hat eine Schwäche dafür, den besten Wein mit denen zu verschwenden, die aus dem einen oder anderen Grund schon spüren, dass sie alle Krüge zerbrochen haben.
    Wie Maria uns einlädt, tun wir, „was er uns sagt“, und danken wir, dass hier in unserer Zeit und unserer Stunde der neue, der beste Wein uns die Freude, Familie zu sein, wieder erfahren lässt. Rv150706ord

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Papst über Familie: „Der beste Wein kommt noch“  -  Papst Franziskus bei der Messfeier

    Auch wenn alle Hochrechnungen und Statistiken zum Thema Familie das Gegenteil behaupteten, der „beste Wein“, die Freude und Fülle, kommt noch. Das war die Botschaft, die Papst Franziskus am ersten vollen Tag seiner Papstreise den Familien Ecuadors mitgebracht hatte. In Guayaquil feierte der Papst die Heilige Messe mit Familien, über eine Million Menschen hatten sich in der schwülen Hitze versammelt und lange auf die Ankunft des Papstes gewartet. In guter Tradition zog Papst Franziskus zunächst im Papamobil seine Runden, bevor dann mit etwas Verspätung die Messe begann.
   In seiner Predigt legte er die Erzählung aus dem Johannesevangelium von der Hochzeit in Kana aus: Maria bemerkt, dass es keinen Wein mehr gibt, geht zu Jesus und dann zu den Dienern des Hauses.
Aufmerksam und zuvorkommend  
   Der Wein in dem Gleichnis sei Zeichen der Freude, Liebe und Fülle, so der Papst. „Wie viele unsere Kinder und Jugendlichen spüren, dass es ihn in ihren Häusern schon eine Weile nicht mehr gibt. Wie viele Frauen, die allein und traurig sind, fragen sich, wann die Liebe erloschen ist, aus ihrem Leben verschwunden ist. Wie viele alte Menschen fühlen sich bereits außerhalb des Festes ihrer Familien, vernachlässigt“. Arbeitsmangel, Krankheit oder andere schwierige Situationen könnten ebenso ein „Fehlen des Weines“ sein. Maria sei zuvorkommend und aufmerksam und merke das Fehlen der Freude, so der Papst. Sie wende sich an Jesus und zeige so, dass sie Sorgen der Menschen auch die Sorgen Gottes seien. Sie lehre das sich Gott Anvertrauen: „Beten zieht uns immer aus dem Umfeld unserer Sorgen heraus, lässt uns über das, was uns schmerzt, bewegt oder uns selbst fehlt, hinausgehen.“
Schule des Gebets und des Dienens
   In diesem Zusammenhang ging der Papst dann auf das Thema ein, das über der Messfeier stand: Die Familie. Für das Gebet sei sie unerlässlich, denn „die Familie ist eine Schule, in der das Gebet uns auch daran erinnert, dass es ein Wir gibt, dass es einen unmittelbaren, konkreten Nächsten gibt: er lebt unter demselben Dach, teilt unser Leben und ist bedürftig.“
   In der Familie lerne man auch das Dienen, so der Papst, und das Dienen sei „das Kriterium der wahrhaftigen Liebe.“ „Im Schoß der Familie wird niemand ausgeschlossen; (…) dort „lernt man, um Erlaubnis zu bitten, ohne andere zu überfahren, ‚danke‘ zu sagen als Ausdruck einer aufrichtigen Wertschätzung dessen,  was wir empfangen, Aggressivität oder Unersättlichkeit zu beherrschen und um Verzeihung zu bitten, wenn wir irgendeinen Schaden angerichtet haben.
„Echte soziale Schuld“
   Keine Einrichtung könne die Familie ersetzen, deswegen gelte es, sie zu unterstützen und zu fördern, auch von staatlicher Seite. Diese Hilfen seien keine Almosen, „sondern eine echte ‚soziale Schuld’ hinsichtlich der Institution der Familie“, fügte der Papst hinzu.
   Aber nicht nur für die Gesellschaft sei die Familie fundamental, dasselbe gelte auch für die Kirche: „Die Familie bildet ebenso eine kleine Kirche, eine ‚Hauskirche’, die mit dem Leben die Zärtlichkeit und Barmherzigkeit Gottes vermittelt. In der Familie mischt sich der Glaube mit der Muttermilch: Wenn man die Liebe der Eltern erfährt, spürt man die Liebe Gottes nahe.“  
   Zurück zur Erzählung des Johannesevangeliums: Alles habe damit begonnen, dass Maria bemerkt habe, dass es keinen Wein mehr gebe. Die Aufmerksamkeit für den Mangel habe dann aber die besten Folgen gehabt, „sie kosteten den besten Wein“.
Die gute Nachricht
   „Und das ist die gute Nachricht: der beste Wein ist da, um geschöpft zu werden, das Angenehmste, Tiefste und Schönste für die Familie kommt noch. Die Zeit kommt, wo wir die tägliche Liebe kosten, wo unsere Kinder den Raum, den wir teilen, wieder entdecken, und die alten Leute bei der Freude jeden Tages zugegen sind. Der beste Wein kommt noch für jeden Menschen, der zu lieben wagt“.
   Auch wenn alle Hochrechnungen und Statistiken das Gegenteil behaupteten, „murmelt es, bis man es glaubt: der beste Wein kommt noch; flüstert es den Verzweifelten und Lieblosen ins Ohr. Gott nähert sich immer den Peripherien derer, die ohne Wein geblieben sind, die nur Mutlosigkeit zu trinken haben. Jesus hat eine Schwäche dafür, den besten Wein mit denen zu verschwenden, die aus dem einen oder anderen Grund schon spüren, dass sie alle Krüge zerbrochen haben.“ Rv150706

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Ecuador: Zwischen Fest und Protest -  Foto: Papst Franziskus und Ecuadors Präsident Rafael Correa

   Ecuador ist im Stillstand, denn der Papst ist da. Medienmengen, Menschenmengen. Menschen laufen dem Papa- Mobil nach, Papst Franziskus küsst und segnet die Mengen. Bilder einer besonderen Papstreise, Bilder von Papst Franziskus in seinem Heimatkontinent, schwirren um die Welt. Es ist eine Riesenfeier, das sagt auch der Sprecher der ecuadorianischen Bischöfen, Pater David de la Torre, im Gespräch mit Radio Vatikan.
   „Alle Ecuadorianer, alle Menschen des Landes, wollen an den Papstmessen teilnehmen, an den Treffen…. Für uns ist es ein Fest: ein Glaubensfest, aber auch ein Fest der Menschheit.“
   Doch ist nicht alles Gold, was glänzt. Ecuador erlebt eine politische und gesellschaftliche Krise. Während Papst Franziskus und der ecuadorianische Präsident Rafael Correa bei ihrem Treffen von der Terrasse gelöst und lächelnd winkten, ist die Bevölkerung gespalten. Mehrere tausend Menschen haben in Ecuador in den vergangenen Wochen gegen Correas Politik protestiert. Für Unmut sorgten vor allem die geplanten Steuerreformen  - unter anderem der Erbschaftssteuer - der Regierung. Die Proteste wurden von Bürgermeister und Oppositionsmitglied Jaime Nebot angeführt, den Papst Franziskus in der Jesuitenkirche San Francisco in Quito trifft. Papst Franziskus könnte auch hier eine Vermittlerrolle zwischen den Fronten einnehmen. Für la Torre entspricht die Vermittlerrolle, die Rolle des Mediators in Ecuador auch der grundsätzlichen Haltung der Kirche.
   „Die Kirche hat die fundamentale Aufgabe, den Dialog zu fördern sowie die Vereinigung von allen Parteien, allen ideologischen und politischen Positionen. Meiner Meinung nach sind wir uns dessen bewusst, dass die Kirche an den aktuellen Debatten teilnehmen muss. Die Kirche kann sich nicht nur auf die liturgischen und religiösen Handlungen beschränken. Der Glaube muss auch in der sozialen Realität gelebt werden – sozial, politisch und kulturell. Ich denke, der Besuch von Papst Franziskus stellt die ecuadorianische Kirche in das Zentrum des sozialen Geschehens. Und das ist in den letzten Jahren verloren gegangen.“ Rv150707no

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 Papst an Studenten: „Diese Erde schreit zum Himmel“  -  Foto: Studenten der Katholischen Universität in Quito

In einer Ansprache vor Vertretern der Schulen und Universitäten Ecuadors hat der Papst zum Schutz der Schöpfung und zu einer Bildung für das Gemeinwohl aufgerufen. In seiner Rede an der Päpstlichen Katholischen Universität in Quito zitierte Franziskus Stellen aus seiner Umwelt-Enzyklika Laudato si'. An der 1946 gegründeten Päpstlichen Universität, die von Jesuiten geleitet wird, studieren rund 30.000 junge Menschen an 14 Fakultäten. Unter ihnen sind traditionell viele Söhne und Töchter aus Familien der höheren und mittleren Gesellschaftsschichten.
   Mit Gesängen empfingen die Studenten den Papst an ihrer Universität. „Die Schöpfung ist eine Gabe, die geteilt werden muss“: Der Papst ging zunächst vom Gleichnis vom Sämann aus dem Lukasevangelium Lk 8,4-15 und vom Buch Genesis aus, in dem Gott den Menschen zum „Bebauen und Hüten“ Gen 2,15 einlädt. Die Schöpfung sei der Ort, um eine Gemeinschaft aufzubauen, ein „Wir“ der gegenseitigen Sorge und Verantwortung: „Die Welt, die Geschichte, die Zeit ist der Ort, wo wir das Wir mit Gott aufbauen, das Wir mit den anderen, das Wir mit der Erde. Unser Leben verbirgt immer diese Einladung, eine mehr oder weniger bewusste Einladung, die immer fortbesteht.“
   „Bebauen“ und „Hüten“ der Schöpfung müssen dabei Hand in Hand gehen, erinnerte der Papst: „Das eine erklärt sich vom anderen her. Wer nicht Sorge trägt, bebaut nicht, und wer nicht bebaut, trägt nicht Sorge. Wir sind nicht nur eingeladen, am Schöpfungswerk teilzunehmen, indem wir die Schöpfung bebauen, wachsen lassen, entwickeln, sondern wir sind auch eingeladen, für sie Sorge zu tragen, sie zu schützen, sie zu bewahren.“
„Eine Erde, die zum Himmel schreit“
   Angesichts der großen Schädigungen, Verwüstungen und Plünderungen der Umwelt durch den Menschen und des Irrglaubens, technologische und wirtschaftliche Macht bedeuteten automatisch echten Fortschritt, sei ein Kurswechsel vonnöten, schärfte der Papst seinen Zuhörern ein. ,Welche Art von Kultur wollen wir für uns und unsere Kinder und Enkel? Wie wollen wir die Erde hinterlassen? Welchen Sinn wollen wir dem Leben einprägen?‘ seien Fragen, die heute gestellt werden müssten. Angesichts einer „Erde, die zum Himmel schreit“, sei die Sorge um die Schöpfung heute ein dringlicher „Auftrag“: „Wir können unserer Wirklichkeit, unseren Brüdern und Schwestern, unserer Mutter Erde nicht weiter den Rücken zukehren. Es ist uns nicht gestattet, das, was um uns herum geschieht, zu ignorieren, als ob bestimmte Situationen nicht existieren würden und nichts mit unserer Wirklichkeit zu tun hätten. Einmal mehr ergeht eindringlich diese Frage Gottes an Kain: ,Wo ist dein Bruder?‘ Ich frage mich, ob unsere Antwort weiter lauten wird: ,Bin ich der Hüter meines Bruders?‘ Gen 4,9
   Mensch und Welt seien in einem engen Netzwerk verflochten, das Möglichkeiten der Verwandlung und Entwicklung, aber auch der Zerstörung und des Todes beinhalte, führte der Papst weiter aus. Umweltschutz bedeute hier auch Achtsamkeit für die menschliche Umwelt, unterstrich Franziskus mit Worten aus seinem jüngsten päpstlichen Lehrschreiben: „Die menschliche Umwelt und die natürliche Umwelt verschlechtern sich gemeinsam, und wir werden die Umweltzerstörung nicht sachgemäß angehen können, wenn wir nicht auf Ursachen achten, die mit dem Niedergang auf menschlicher und sozialer Ebene zusammenhängen“ Laudato si', 48.
Erziehung zur Sorge um die Schöpfung
   Bildungsgemeinschaften hätten eine „lebenswichtige, wesentliche Rolle beim Aufbau des Bürgersinns und der Kultur“, ging der Papst dann zum zweiten Schwerpunkt seiner Ansprache über. Schulen und Universitäten seien „ein Saatbeet“ und „fruchtbare Erde“, „durstig nach Leben“. Die Uni-Professoren, Lehrer und Eltern rief er an dieser Stelle dazu auf, den Nachwuchs zur Sorge um die Gemeinschaft, die Ärmsten und die Umwelt heranzubilden. Den Erziehern redete er ins Gewissen:
   „Wachen Sie über Ihre Schüler, indem Sie ihnen helfen, einen kritischen Geist, einen offenen Geist zu entwickeln, der in der Lage ist, für die Welt von heute zu sorgen? Einen Geist, der fähig ist, neue Antworten zu finden auf die vielen Herausforderungen, die uns die Gesellschaft stellt? Sind Sie in der Lage, sie zu ermutigen, der Wirklichkeit, die sie umgibt, nicht mit Desinteresse zu begegnen?“ Analysen allein reichten hier nicht aus, fuhr der Papst fort, vielmehr müsse es darum gehen, kreative Lösungen für aktuelle Probleme zu finden und „authentische Forschung“ sowie ein Denken in Zusammenhängen zu fördern: „Wie gelangt das Leben um uns mit seinen Fragen, Fragestellungen und Problemen in die Universitätsprogramme oder in die verschiedenen Bereiche der Bildungsarbeit? Wie entfachen und wie begleiten wir eine konstruktive Diskussion, die aus dem Dialog über eine menschlichere Welt entsteht?“
Breiteren Zugang zu Bildung ermöglichen
   Auch an den universitären Nachwuchs Ecuadors richtete sich der Papst mit einem klaren Aufruf. Ein Universitätsabschluss sei kein „Synonym für höheren Status“, „Geld“ oder „soziales Ansehen“, so Franziskus. Bildung sei schließlich ein „Zeichen größerer Verantwortung“, sie sei ein „Recht“, aber auch ein „Privileg“, wandte er sich an Schüler und Studenten: „Wie viele Freunde – bekannt oder unbekannt – möchten einen Platz an diesem Ort haben und haben ihn wegen verschiedener Umstände nicht erhalten? In welchem Maß hilft uns unser Studium, uns mit ihnen zu solidarisieren?“
   Franziskus wich mehrere Male von seinem Redetext ab. In den frei gehaltenen Abschnitten ging er vor allem auf die Frage der sozialen Gerechtigkeit ein - er erzählte etwa, dass in der Nähe des Petersdoms ein Obdachloser vor Kälte erfroren sei und keiner Zeitung dies eine Meldung wert gewesen sei, wohingegen das Absacken der Börse um zwei oder drei Punkt weltweit Schlagzeilen produziere.
   Vor der Papstrede richtete der Bischof von Loja und Präsident der Bildungskommission der Bischofskonferenz Ecuadors, Alfredo José Espinoza Mateus, ein Grußwort an Franziskus. Auch trugen Studenten, Lehrende und der Rektor der Uni, César Fabián Carrasco Castro, vor. Die Dozentin Edna Martínez betonte, dass es keine weltanschauliche Neutralität in der Erziehung geben könne; andernfalls bleibe Bildung inhaltsleer. Mehrere Redner forderten Freiheit für die Kirche in Bildungsangelegenheiten. Wie in den meisten Ländern Lateinamerikas spielt die katholische Kirche auch in Ecuador eine wichtige Rolle im Bildungssektor: So gibt es landesweit 1.459 katholische Kindergärten, Schulen, Seminare und Hochschulen.
   Als Geschenk erhielt der Papst bei seiner Visite u.a. eine kleine Holzstatuette des heiligen Miguel Febres Cordero von den Lasalle Brüdern, dessen Oration auch in dem anschließenden kurzen Wortgottesdienst verwendet wurde. rv 150707pr

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Correa zieht Parallelen zwischen „Laudato sì“ und Verfassung -  Foto: Ecuadors Staatspräsident Rafael Correa

   Es war Franziskus’ Appell für gesellschaftliche Inklusion und Teilhabe in Ecuador, die den ecuadorianischen Präsidenten am meisten beeindruckt hat. Das sagte Rafael Correa am Mittwochabend (Ortszeit) im Interview mit Radio Vatikan in Ecuador: „Für mich war die wichtigste Papstrede die (Ansprache des Papstes an Vertreter der Politik und Gesellschaft in Ecuador) in der Kirche des heiligen Franziskus, als der Papst über die Unentgeltlichkeit und davon sprach, dass wir alles als Gabe empfangen haben und dass man deshalb unentgeltlich geben soll. Er hat über die Ausgeschlossenen in der Gesellschaft gesprochen, über die Armut und einen Reichtum, den man teilen muss. Das war sehr wichtig.“
   Unentgeltlichkeit ist „keine Ergänzung, sondern die notwendige Voraussetzung für die Gerechtigkeit“, hatte der Papst vor den politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträgern des Landes betont: „Das, was wir sind und haben, ist uns anvertraut, damit wir es in den Dienst der anderen stellen. Unsere Aufgabe besteht darin, es Frucht bringen zu lassen in guten Werken“, so Franziskus: „Die Güter sind für alle bestimmt, und auch wenn einer ihren Besitz vorweist, lastet auf ihnen eine soziale Hypothek.“
   Nach Ansicht des Politikers hat der Papst in Ecuador „sehr starke und sehr wichtige Botschaften“ lanciert. Die Bezugnahme des Papstes auf die Naturschätze der Region und seinen Appell zum Schutz der Umwelt wertet Correa etwa als Ermutigung für sein Land, die natürliche Vielfalt der Amazonas-Region zu verteidigen. Schließlich habe man diesbezüglich in Ecuador schon viel getan, bekräftigt der Präsident: „Wir müssen Papst Franziskus für seine Enzyklika ,Laudato sì‘ danken; es gibt vor Hintergrund dessen, was wir in Ecuador und mit unserer Verfassung umsetzen, viele gemeinsame Punkte. Die Verfassung Ecuadors ist die erste in der Geschichte der Menschheit, die die Rechte der Natur anerkennt.“
   Ecuadors Verfassung von 2008 gesteht der Natur erstmals Eigenrechte zu; sie wird als Rechtssubjekt begriffen. Der Papst hatte sich in seiner Ansprache vor Politik und Gesellschaft konkret gegen die Abholzung des Amazonas- Gebietes zwecks Bodennutzung gewandt. Ecuadors Wirtschaft ist abhängig von Bodenschätzen, die gerade im Amazonasgebiet liegen – ein Spannungsfeld, mit dem das Land umgehen muss.
   Auf diesen Punkt geht der Präsident im Interview mit Radio Vatikan nicht ein. Er betont dagegen Parallelen zwischen der Umwelt-Enzyklika „Laudato sí“ und der Verfassung Ecuadors: „Zum Beispiel bekräftigt der Papst in seiner Enzyklika das Recht des Menschen auf Wasser: In unserer Verfassung steht genau dasselbe. Wir arbeiten also mit großem Einsatz diesem Bereich. Ich glaube, dass die Enzyklika ein Dokument von großer Bedeutung für die kommende Umweltkonferenz von Paris ist.“
   Dass die Kirche in Fragen des Umweltschutzes ihre Stimme erhebt, begrüßt der Präsident. Die „moralische Autorität“ des Papstes könne sicherlich Einiges bewirken, denk Correa. Einfach werde dieser Kampf aber nicht, fährt der Politiker fort. Es sei hier durchaus mit Widerstand zu rechnen: „Es sind die Mächtigen, die die Erde vergiften und die armen Länder, die die Natur wieder säubern müssen, wenn man das so sagen will. Sie (die Industrieländer der nördlichen Hemisphäre) werden sich dagegen wehren, ihre Schulden zu zahlen und sich ihrer Verantwortung zu stellen. Der Papst hat jedoch mit Nachdruck den Lebensstil der reichen Länder angeklagt und ihn als ,unmenschlich‘ und ,nicht nachhaltig‘ definiert.“
   Correa hatte während des Papstbesuches in Ecuador ein Umdenken in der globalen Wirtschaftspolitik gefordert. Politik und Wirtschaft müssten sich „in den Dienst des menschlichen Lebens stellen“, sagte der Politiker in einer Rede vor Franziskus auf dem Flughafen von Quito. Derzeit würden die Märkte von reichen Staaten aus dem Norden dominiert, die überwiegend christlich geprägt seien – sie diktierten die Bedingungen.
   Rafael Correa ist seit 2007 Präsident Ecuadors. Sein Amt kann er bis heute bekleiden, weil das Verfassungsgericht des Landes 2014 die – demokratiepolitisch fragwürdige - unbegrenzte Amtszeit aller Mandatsträger im Staatsdienst zuließ. Rv150709pr

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Aus Papstaltar wird Kapelle für Arme
Die Altaranlage bei der Messe in Quito: das Material wird für den Bau einer Kappelle wiederverwendet

   Die große Papstmesse am Dienstagmorgen (Ortszeit) auf dem ehemaligen Flughafen von Quito und heutigen Stadtpark „Bicentenario“ war nicht nur eine der Höhepunkte der Ecuador-Reise des Papstes: für die Gastgeber der Franziskus-Visite sollte der Gottesdienst auch im „Stile von Laudato Si nachhaltig wirken“. Radio-Vatikan Redakteur Mario Galgano hat auf dem „Parque Bicentenario“ mit Organisatoren gesprochen.
   Der ecuadorianische Zeremonienmeister der Heiligen Messe mit dem Papst hatte viel zu tun. Bis kurz vor der Ankunft des Papstes musste P. Ruben Dário Bedolla den einen oder anderen mitfeiernden Gläubigen Anweisungen zum Ablauf geben. Mehrere Hunderttausend Menschen waren schon im Vorfeld erwartet worden. Viele übernachteten von Montag auf Dienstag im Stadtpark. „Rund 1.500 Priester haben an der Messe teilgenommen und natürlich mitzelebriert, davon sind 50 Bischöfe dabei gewesen. Eine Besonderheit dieser Messe ist die Fahrt vor der Messe des Papstes durch die Menge. Dieser enge Kontakt vor dem Gottesdienst ist nicht nur eine Besonderheit, sondern auch als Verbindung zwischen dem Papst als Zelebrant und den Gläubigen als Messe-Teilnehmer zu verstehen.“ Eine weitere Besonderheit, die die Ecuadorianer als Besonderheit betrachteten: die Lieder während der Messe waren nicht nur typisch für das Land sondern auch „bestärkend“ für den Zusammenhalt der verschiedenen indigenen Gruppen, so Zeremonienmeister Bedolla. „Es waren sehr bekannte Kirchenlieder. Im Gegensatz zur Messe in Guayaquil war es bei uns in Quito – sagen wir mal – volkstümlicher.“
   Außergewöhnlich bei dem Gottesdienst in Quito ist auch die wieder-Verwertbarkeit der verwendeten Materialien. Ökonomisch sind also auch die Materialien. Der gesamte Altarraum für den Bau soll für eine neuen Kapelle verwendet werden, sagt gegenüber Radio Vatikan der Architekt der gesamten Anlage, Francisco Fernandez. „Es handelt sich um eine Metall-Struktur, die sich durch ein spezielles System zusammenhält, aber leicht auseinanderzunehmen ist. Es ist eine stabile Anlage, die aber als provisorische Einrichtung gedacht ist. Die Regierung und die Kirche haben dann beschlossen, dass man daraus eine Kapelle bauen soll. Es soll wiederverwertet werden für den Bau der Kirche in der Ortschaft Quitumbe bei Quito.“ Beim Stil des Altarraums habe der Architekt keine besondere Anweisungen erhalten. Er beschloss aber, so schlicht und einfach wie möglich zu gestalten. Die Kapelle soll einer Gemeinschaft gestiftet werden, in der vorwiegend Arme leben. rv150707mg

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Papstpredigt über Verkündigung: „Das ist unsere Revolution“ - Ankunft des Papstes auf dem Gelände der Messfeier

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   Der Glaube an Christus ist revolutionär, er verbindet die Einheit aller Menschen mit dem Auftrag, diese frohe Botschaft zu verkünden. Unter diesem Motto feierte Papst Franziskus am Dienstag in Ecuadors Hauptstadt Quito eine Heilige Messe mit rund 700.000 Pilgern. Daran nahmen auch viele Vertreter indigener Volksstämme mit bemalten Gesichtern und charakteristischer Kleidung teil.  Die Gestaltung der Feier war ganz und gar ecuadorianisch, der Papst wurde von selbstbewussten Gesängen über „Ecuador, Ecuador“ empfangen, er war bekleidet mit einem Messgewand mit traditionell lateinamerikanischen Mustern und die zweite Lesung wurde auf Quechua – der indigenen Sprache – vorgetragen. Die Menschen sind stolz auf ihr Land und wollen das auch zeigen.
   Papst Franziskus nahm das in seiner Predigt auf, er bezog sich auf den Ort der Messfeier: der Parque del Bicentinario erinnert an die Unabhängigkeit Ecuadors und ganz Lateinamerikas von der Kolonialherrschaft vor zweihundert Jahren, den Grund für dieses freudige Selbstbewusstsein heute. Dieser Ruf nach Freiheit, der damals „aus dem Bewusstsein des Mangels an Freiheit, der Unterdrückung und Plünderung, der Unterwerfung“ hervorgegangen sei, solle heute von der „Freude des Evangeliums“ ausgehen. Die Revolution heute sei die Verkündigung und genauso wie damals solle sie in Jubel und Freude ihren Ausdruck finden.
   Der Weg zu dieser Form der Verkündigung sei die Einheit, betonte der Papst. „Wir, die wir uns hier alle mit Jesus um den Tisch versammelt haben, sind ein Jubelruf, ein Schrei, welcher aus der Überzeugung hervorgeht, dass seine Anwesenheit uns zur Einheit antreibt“. Einheit sei selbst schon Verkündigung. Und wie Jesus selber gebetet habe „sie sollen eins sein, damit die Welt glaubt“ Joh 17,21, so sei dies heute der Auftrag an alle Christen: Einheit um Zeugnis abzulegen für Christus.
   Dazu braucht es aber zuerst einen Blick auf die Wirklichkeit, Jesus betet mit Blick auf sein Kreuz: „In diesem Augenblick erfährt der Herr ganz persönlich die zunehmende Bosheit dieser Welt, die er trotzdem wie verrückt liebt: Intrigen, Misstrauen, Verrat – aber er zieht nicht den Kopf ein, er beklagt sich nicht.“ Das Gleiche gelte auch heute, auch wir lebten in einer zerrissenen Welt. Diese Zerrissenheit braucht aber einen aufmerksamen Blick, denn sie beschränkt sich nicht auf die Oberfläche, auch in uns selbst gibt es Spannungen und einen verbreiteten Individualismus, der uns voneinander trenne und die Einheit beschädige.
   „In ebendiese herausfordernde Welt mit ihren Egoismen sendet uns Jesus, und unsere Antwort ist nicht, uns dumm zu stellen, uns damit herauszureden, dass wir keine Mittel haben oder dass die Wirklichkeit unsere Möglichkeiten übersteigt. Unsere Antwort wiederholt den Ruf Jesu und nimmt die Gnade und den Auftrag zur Einheit an.“
   Christen beharrten auf dem Bauen von Brücken, dem Knüpfen von Beziehungen, der gegenseitigen Hilfe. Steriles Streben nach Prestige, Vergnügen oder wirtschaftlicher Sicherheit brächte keine Einheit, wiederholte er eine seiner oft vorgebrachten Kritiken. Die Verkündigung, Evangelisierung und Mission der Kirche, also ihr von Jesus Christus erhaltener Auftrag, bräuchte die Überwindung dieser Sterilität.
   „Die Kirche in den Kontext der Mission zu stellen heißt für uns, die Gemeinschaft wiederherzustellen, da es nicht mehr um eine nur nach außen gerichtete Tätigkeit geht... Wir missionieren nach innen, und wir missionieren nach außen.“
   Das Ziel, also die Einheit um die Jesus im Evangelium bete, sei letztlich unbegreiflich und müsse deswegen in Bildern von Gemeinschaft sprechen, so der Papst. „Darum ist die Einheit, um die Jesus bittet, nicht Einförmigkeit, „sondern vielgestaltige Harmonie, die anzieht“ Evangelii gaudium 117. Der unermessliche Reichtum der Mannigfaltigkeit, die Vielheit, die jedes Mal, wenn wir das Gedächtnis jenes Gründonnerstags begehen, die Einheit erreicht, entfernt uns von der Versuchung durch Vorschläge, die eher Diktaturen, Ideologien oder dem Sektenwesen ähneln. Ebenso wenig ist es eine Übereinkunft nach unserem Maß, in der wir es sind, die die Bedingungen stellen, die Mitglieder wählen und die anderen ausschließen. Jesus betet, dass wir Teil einer großen Familie werden, in der Gott unser Vater ist und wir alle Geschwister sind.“
   Diese Einheit baut sich nicht darauf auf, dass Menschen denselben Geschmack hätten oder die gleichen Sorgen. Die Menschen seien Geschwister, das sei tiefer als rein menschliche Maßstäbe das auswählen könnten.
   „Wie schön wäre es, wenn alle bewundern könnten, wie wir füreinander sorgen. Wie wir uns gegenseitig ermutigen und einander begleiten,“ so Papst Franziskus abschließend. Hier könnte man das echte Geschenk sehen, das Geben seiner Selbst und nicht nur einer Sache. Und genau hier wirke der Geist Gottes. „Wenn der Mensch sich verschenkt, begegnet er wieder sich selbst in seiner wahren Identität als Kind Gottes, (..) als Bruder Jesu, von dem er Zeugnis gibt. Das heißt evangelisieren, das ist unsere Revolution, und weil unser Glaube immer revolutionär ist, ist das unser tiefster und ständiger Jubelruf.“
Franziskus traf Bischöfe Ecuadors
   Mehrere Mal würdigten die Zuhörer Franziskus mit Applaus. Vor dem Schlussgebet waren spontane Sprechchöre zu hören, die freudig „Te queremos, Francisco, te queremos!" riefen. Vor der großen Messe im Bicentenario-Park hatte Franziskus die rund 40 Bischöfe Ecuadors getroffen, darunter auch die bereits emeritierten. Das informelle Treffen dauerte rund eine Stunde. rv150707ord

             miAm-Ecu-Flagge-rioZz Flagge von Eucador (WYD)

            Am Dienstag, 7. Juli, will Franziskus sich zunächst mit Bischöfen treffen und dann in einem Park von Quito eine große Messe feiern. Der Nachmittag gehört Begegnungen mit Schülern und Studenten, mit Vertretern der ecuadorianischen Gesellschaft und mit jesuitischen Mitbrüdern.

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Papst an Politik und Gesellschaft: Teilhabe, Solidarität, Verantwortung  -  Papst Franziskus in Quito

   Für alle Mitglieder der Gesellschaft wie in einer Familie sorgen - das legte der Papst Vertretern der Politik und Zivilgesellschaft ans Herz, vor denen er in der Jesuitenkirche „Iglesia de la Compania" in Quito sprach. Zuvor hatte der am Eingang der Kirche vom Bürgermeister die Stadtschlüssel überreicht bekommen. 
   Ausgehend vom Familienleben wolle er ein paar „Schlüssel für das bürgerliche Zusammenleben“ aufzeigen, begann Franziskus seine mit Spannung erwartete, in der er das Motiv des Schlüssels nochmals aufgriff. Wie in einer gesunden Familie könnten Inklusion und Solidarität auch für eine Gesellschaft fruchtbar sein, betonte der Papst. In der Politik und im sozialen Leben herrsche leider allzu oft das Recht des Stärkeren, klagte er, es herrschten dort „Konfrontation und Ausschließung“:
   „Meine Position, meine Idee, mein Vorhaben wird ausgebaut, wenn ich fähig bin, den anderen zu besiegen, mich durchzusetzen. Ist das Familie? In den Familien tragen alle zum gemeinsamen Vorhaben bei, alle arbeiten für das gemeinsame Wohl, aber ohne den Einzelnen ,auszuhebeln‘. Im Gegenteil, sie stützen und fördern ihn. Die Freuden und die Leiden eines jeden machen sich alle zu Eigen. Das ist Familie! Könnten wir doch den politischen Gegner, den Hausnachbarn mit den gleichen Augen sehen wie wir unsere Kinder, die Ehefrau oder den Ehemann, den Vater oder die Mutter sehen!“
   Die Liebe zur Gesellschaft und zum Mitbürger müsse sich im Denken zeigen, aber noch mehr im Handeln, unterstrich der Papst: „Die Liebe strebt immer nach Kommunikation, niemals nach Isolierung. Aus dieser Zuneigung wachsen einfache Gesten, die die persönlichen Bande verstärken.“
   Als Stützen der Gesellschaft nannte Franziskus hier Unentgeltlichkeit, Solidarität und Subsidiarität – Werte, wie sie in einem gesunden Familienleben eingeübt würden. Für ein gerechtes Zusammenleben, in dem alle Mitglieder ein würdiges Leben führen könnten, seien unentgeltliches Teilen und „gute Werke“ unerlässlich, so der Papst: „Die Güter sind für alle bestimmt, und auch wenn einer ihren Besitz vorweist, lastet auf ihnen eine soziale Hypothek. So wird das wirtschaftliche Konzept, das auf dem Prinzip von An- und Verkauf beruht, durch das Konzept der sozialen Gerechtigkeit überwunden, das das grundlegende Recht der Person auf ein würdiges Leben verteidigt.“
Nachhaltiges Wirtschaften mit Ressourcen
An dieser Stelle kam der Papst auf die in Ecuador „so reichlich“ vorhandenen „natürlichen Ressourcen“ zu sprechen. Der Wirtschaft redete er ins Gewissen, vom reinen Profitstreben Abstand zu nehmen, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und die Natur nicht auszubeuten: „Verwalter dieses Reichtums zu sein, den wir empfangen haben, verpflichtet uns gegenüber der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und gegenüber den künftigen Generationen, denen wir dieses Erbe nicht hinterlassen dürfen ohne eine angemessene Sorge für die Umwelt, ohne ein Bewusstsein der Unentgeltlichkeit, das aus der Betrachtung der Welt als Schöpfung hervorgeht.“
  
Die Ureinwohner im Amazonasgebiet seien ein Vorbild für diese Sicht auf die Umwelt, so der Papst. Ihr Lebensraum sei eine der „artenreichsten Zonen“ mit „enormer Bedeutung für das weltweite Ökosystem“. Deutlich sprach sich Franziskus hier gegen die Abholzung dieser „grünen Lunge des Kontinents“ zwecks Bodenbewirtschaftung aus. Ecuador habe hier – zusammen mit anderen Ländern des Amazonas-Gebietes – die Gelegenheit, „Die Pädagogik einer ganzheitlichen Ökologie zu praktizieren“, so Papst Franziskus, und diesen Lebensraum zu schützen.
   Ecuador erlebe heute „tiefe soziale und kulturelle Veränderungen“ und „neue Herausforderungen“, fuhr der Papst fort: „Die Migration, die städtische Konzentration, der Konsumismus, die Krise der Familie, der Mangel an Arbeit, die Börsen der Armut – diese Phänomene schaffen eine Ungewissheit und erzeugen Spannungen, die für das gesellschaftliche Zusammenleben bedrohlich werden.“
Inklusion und Räume des Dialoges
  
Vor diesem Hintergrund müssten „die Normen und Gesetze ebenso wie die Vorhaben der zivilen Gemeinschaft“ für die Inklusion sorgen und „Räume des Dialogs“ und „der Begegnung“ eröffnen. „Repression“, „maßlose Kontrolle“ und „die Beeinträchtigung der Freiheiten“ müssten ein für alle Mal der Vergangenheit angehören, appellierte der Papst wohl mit Blick auf die Diktaturvergangenheit und autoritären Tendenzen in vielen südamerikanischen Ländern. Franziskus sprach sich hier für eine Politik aus, die alle Bürgern einbezieht und die insbesondere jungen Menschen Arbeitsplätze zugesteht – „mit einem wirtschaftlichen Wachstum, das allen zugutekommt und nicht in den makroökonomischen Statistiken bleibt; mit einer nachhaltigen Entwicklung, die ein starkes und gut verknüpftes soziales Netz erzeugt“.
   Wesentlich sei ebenso die Wahrung der Freiheit, fuhr der Papst - das Stichwort der Subsidiarität aufgreifend – fort: Menschen und Gruppen hätten das „Recht, ihren Weg zu gehen, auch wenn dieser zuweilen beinhaltet, Fehler zu machen. In der Achtung der Freiheit ist die zivile Gesellschaft gerufen, jede Person und jede soziale Kraft zu fördern, damit sie ihre jeweils eigene Rolle einnehmen und ihre Besonderheit zum allgemeinen Wohl einbringen können. (…) Anzunehmen, dass unsere Option nicht notwendig die einzig legitime ist, bedeutet eine heilsame Demutsübung. (…) In einer partizipativen Demokratie ist jede der sozialen Kräfte – die Gruppen der Ureinwohner, die afrikanisch stämmigen Ecuadorianer, die Frauen, die bürgerlichen Gruppierungen und alle, die für die Gemeinschaft in öffentlichen Diensten arbeiten – unentbehrlicher Protagonist dieses Dialogs.“
   Die Kirche wolle bei dieser Suche nach dem Gemeinwohl ihren Beitrag leisten, so Franziskus abschließend. rv170707pr

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 Papst an Zivilgesellschaft: Liebe strebt immer nach Kommunikation  -  Foto:  Die Franziskanerkirche in Quito

    Papst Franziskus hat die Zerstörung der Regenwälder im Amazonas-Gebiet angeprangert.
Gleichzeitig ging er auf die Bedeutung der Familie für die Gesellschaft ein. Das sagte der Papst vor führenden Vertretern des öffentlichen Lebens in Ecuadors Hauptstadt Quito. Hier die Ansprache des Papstes bei Begegnung mit Vertretern des öffentlichen Lebens in der Kirche des heiligen Franziskus in Quito, am Dienstag, 7. Juli 2015.

 Liebe Freunde,
   Es freut mich, hier bei Ihnen sein zu können, Männer und Frauen, die das soziale, politische und wirtschaftliche Leben des Landes vertreten und es voranbringen.
   Gerade bevor ich die Kirche betreten habe, überreichte mir Herr Alcade die Schlüssel der Stadt. So kann ich behaupten, dass ich hier in San Francisco de Quito zu Hause bin. Ihr Beweis von Vertrauen und Zuneigung, mir die Türen zu öffnen, gibt mir Gelegenheit, Ihnen einige Schlüssel aufzuzeigen für das bürgerliche Zusammenleben, ausgehend vom Familienleben.
   Unsere Gesellschaft gewinnt, wenn jede Person, jede soziale Gruppe sich wirklich zu Hause fühlt. In einer Familie sind die Eltern, die Großeltern, die Kinder zu Hause; keiner ist ausgeschlossen. Wenn einer eine Schwierigkeit hat, sogar eine gravierende, kommen die anderen ihm zu Hilfe und unterstützen ihn, selbst dann, wenn er sie selbst „eingebrockt“ hat. Sein Leid ist das von allen. Müsste es nicht in der Gesellschaft auch so sein? Und dennoch, unsere sozialen Beziehungen oder das politische Spiel basieren oft auf Konfrontation und Ausschließung. Meine Position, meine Idee, mein Vorhaben wird ausgebaut, wenn ich fähig bin, den anderen zu besiegen, mich durchzusetzen. Ist das Familie? In den Familien tragen alle zum gemeinsamen Vorhaben bei, alle arbeiten für das gemeinsame Wohl, aber ohne den Einzelnen „auszuhebeln“. Im Gegenteil, sie stützen und fördern ihn. Die Freuden und die Leiden eines jeden machen sich alle zu Eigen. Das ist Familie! Könnten wir doch den politischen Gegner, den Hausnachbarn mit den gleichen Augen sehen wie wir unsere Kinder, die Ehefrau oder den Ehemann, den Vater oder die Mutter sehen! Lieben wir unsere Gesellschaft? Lieben wir unser Land, die Gemeinschaft, die wir aufzubauen versuchen? Lieben wir sie in den gelehrten Theorien, in der Welt der Ideen? Lieben wir sie mehr mit Taten als in Worten! In jeder Person, im Konkreten, im Leben, das wir teilen. Die Liebe strebt immer nach Kommunikation, niemals nach Isolierung.
   Aus dieser Zuneigung wachsen einfache Gesten, die die persönlichen Bande verstärken. Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich von der Bedeutung der Familie als Zelle der Gesellschaft gesprochen. Im familiären Bereich empfangen die Menschen die grundlegenden Werte der Liebe, der Brüderlichkeit und der gegenseitigen Achtung, die sich in wesentlichen sozialen Werten niederschlagen: der Unentgeltlichkeit, der Solidarität und der Subsidiarität.
  
Für die Eltern sind alle ihre Kinder gleich liebenswert, auch wenn jedes seinen eigenen Charakter hat. Wenn dagegen das Kind sich weigert zu teilen, was es umsonst von ihnen erhält, bricht diese Beziehung. Die Liebe der Eltern hilft ihm, sich von seinem Egoismus zu lösen, damit es lernt, mit den anderen zusammenzuleben, zu verzichten, um sich dem anderen zu öffnen. Im sozialen Bereich bedeutet das, anzunehmen, dass die Unentgeltlichkeit keine Ergänzung, sondern die notwendige Voraussetzung für die Gerechtigkeit ist. Das, was wir sind und haben, ist uns anvertraut, damit wir es in den Dienst der anderen stellen. Unsere Aufgabe besteht darin, es Frucht bringen zu lassen in guten Werken. Die Güter sind für alle bestimmt, und auch wenn einer ihren Besitz vorweist, lastet auf ihnen eine soziale Hypothek. So wird das wirtschaftliche Konzept Gerechtigkeit, das auf dem Prinzip von An- und Verkauf beruht, durch das Konzept der sozialen Gerechtigkeit überwunden, das das grundlegende Recht der Person auf ein würdiges Leben verteidigt.
   Die Nutzung der natürlichen Ressourcen, die in Ecuador so reichlich vorhanden sind, darf nicht den unmittelbaren Profit suchen. Verwalter dieses Reichtums zu sein, den wir empfangen haben, verpflichtet uns gegenüber der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und gegenüber den künftigen Generationen, denen wir dieses Erbe nicht hinterlassen dürfen ohne eine angemessene Sorge für die Umwelt, ohne ein Bewusstsein der Unentgeltlichkeit, das aus der Betrachtung der Welt als Schöpfung hervorgeht. Hier begleiten uns heute Schwestern und Brüder aus den Völkern der Ureinwohner, die aus den Amazonasgebieten Ecuadors stammen. Jene Region gehört zu den artenreichsten Zonen mit heimischen, seltenen oder weniger wirksam geschützten Arten … Sie bedarf einer besonderen Sorgfalt wegen ihrer enormen Bedeutung für das weltweite Ökosystem, denn sie enthält eine biologische Vielfalt von einer enormen Komplexität, die ganz zu kennen beinahe unmöglich ist, doch wenn sie niedergebrannt oder eingeebnet wird, um Bodenbewirtschaftung zu entwickeln, gehen in wenigen Jahren unzählige Arten verloren, wenn die Gebiete sich nicht sogar in trockene Wüsten verwandeln cf. Laudato Si 37-38. Dort hat Ecuador – zusammen mit den anderen Ländern mit Amazonas-Gebieten – eine Gelegenheit, die Pädagogik einer ganzheitlichen Ökologie zu praktizieren. Wir haben die Welt als Erbe von unseren Vätern erhalten, aber auch als Leihgabe von den künftigen Generationen, denen wir sie zurückgeben müssen!
   Aus der gelebten Brüderlichkeit in der Familie erwächst die Solidarität in der Gesellschaft, die nicht nur darin besteht, dem Bedürftigen etwas zu geben, sondern darin, füreinander verantwortlich zu sein. Wenn wir im anderen einen Bruder oder eine Schwester sehen, kann keiner ausgeschlossen oder beiseite geschoben bleiben.
   Wie viele lateinamerikanische Länder erlebt Ecuador heute tiefe soziale und kulturelle Veränderungen, neue Herausforderungen, die die Teilnahme aller sozialen Akteure verlangen. Die Migration, die städtische Konzentration, der Konsumismus, die Krise der Familie, der Mangel an Arbeit, die Börsen der Armut – diese Phänomene schaffen eine Ungewissheit und erzeugen Spannungen, die für das gesellschaftliche Zusammenleben bedrohlich werden. Die Normen und die Gesetze müssen ebenso wie die Vorhaben der zivilen Gemeinschaft für die Inklusion sorgen, Räume des Dialogs, der Begegnung eröffnen und so jegliche Art von Repression, die maßlose Kontrolle und die Beeinträchtigung der Freiheiten der leidvollen Erinnerung überlassen. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wird auf dem Weg erreicht, den Bürgerinnen und Bürgern und besonders den jungen Menschen reale Gelegenheiten anzubieten, indem man Arbeitsplätze schafft – mit einem wirtschaftlichen Wachstum, das allen zugutekommt und nicht in den makroökonomischen Statistiken bleibt; mit einer nachhaltigen Entwicklung, die ein starkes und gut verknüpftes soziales Netz erzeugt.
   Schließlich schlägt sich die Achtung gegenüber dem anderen, den man in der Familie lernt, im sozialen Bereich in der Subsidiarität nieder. Anzunehmen, dass unsere Option nicht notwendig die einzig legitime ist, bedeutet eine heilsame Demutsübung. Beim Anerkennen des Guten, das im anderen ist, sogar mit seinen Grenzen, sehen wir den Reichtum, den die Vielfalt mit sich bringt, und der Wert der gegenseitigen Ergänzung. Die Menschen, die Gruppen haben das Recht, ihren Weg zu gehen, auch wenn dieser zuweilen beinhaltet, Fehler zu machen. In der Achtung der Freiheit ist die zivile Gesellschaft gerufen, jede Person und jede soziale Kraft zu fördern, damit sie ihre jeweils eigene Rolle einnehmen und ihre Besonderheit zum allgemeinen Wohl einbringen können. Der Dialog ist notwendig, grundlegend, um zur Wahrheit zu gelangen, die nicht aufgezwungen werden kann, sondern aufrichtig und mit kritischem Geist gesucht werden muss. In einer partizipativen Demokratie ist jede der sozialen Kräfte – die Gruppen der Ureinwohner, die afrikanisch stämmigen Ecuadorianer, die Frauen, die bürgerlichen Gruppierungen und alle, die für die Gemeinschaft in öffentlichen Diensten arbeiten – unentbehrlicher Protagonist dieses Dialogs. Die Wände, Höfe und Kreuzgänge dieses Ortes sagen es mit größerer Beredsamkeit: Elemente der Kultur der Inka und der Caranqui aufnehmend und durch die Schönheit ihrer Proportionen und Formen sowie durch die Verwegenheit ihrer verschiedenen in bemerkenswerter Weise verknüpften Stile gekennzeichnet, geben die Kunstwerke, die den Namen „Schule von Quito“ erhalten haben, den Niederschlag eines umfassenden Dialogs der Geschichte Ecuadors – mit seinen Stärken und Schwächen – wieder. Das heute ist voller Schönheit, und wenn es auch in der Vergangenheit viel Unverstand und Ungerechtigkeit gegeben hat – wie wollte man es leugnen –, können wir doch behaupten, dass die Verschmelzung eine solche Fülle ausstrahlt, dass sie uns erlaubt, mit großer Zuversicht in die Zukunft zu schauen.
   Auch die Kirche möchte bei der Suche nach dem Gemeinwohl, durch ihre sozialen, erzieherischen Aktivitäten mithelfen und die ethischen wie geistigen Werte fördern. Sie ist ja ein prophetisches Zeichen, das einen Strahl des Lichtes und der Hoffnung an alle aussendet, besonders an die am meisten Bedürftigen.
   Vielen Dank, dass Sie hier sind und dass Sie mir Gehör geschenkt haben. Ich bitte Sie freundlich, meine Worte der Ermutigung zu den Gruppen zu bringen, die Sie in den verschiedenen sozialen Bereichen vertreten. Der Herr gewähre der zivilen Gesellschaft, die Sie repräsentieren, immer ein angemessener Raum zu sein, wo man diese Werte lebt. rv150707mg

miAm-Reise-23-ZZ

Papst warnt in Ecuador vor „spirituellem Alzheimer” - Franziskus im Wallfahrtsort El Quinche

   Mehrere Tage lang hielt die Disziplin: bis zu diesem Mittwoch, um genau zu sein. Im Marienwallfahrtsort El Quinche bei Quito (Ecuador) vertraute Papst Franziskus seinen Zuhörern – vor allem Priestern und Ordensleuten – an, er habe eine Rede vorbereitet, aber „keine Lust, sie vorzulesen“. Also sprach der Papst zum ersten Mal auf seiner Lateinamerika-Reise völlig frei, und der Redetext wurde lediglich schriftlich überreicht. Da war er wieder, Franziskus, der spontane Papst.
   In den Tagen, die er in Ecuador verbracht habe, sei ihm etwas „Seltsames“ am ecuadorianischen Volk und der Art und Weise, wie es ihn empfing, aufgefallen, setzte er an: „Was ist das Rezept dieses Volkes, hab ich mich gefragt.“ Er glaube, die Antwort hänge mit der Weihe Ecuadors ans Heilige Herz Jesu zusammen, dort komme „dieser ganze spirituelle, tiefe Reichtum, den ihr habt“, her. „Jesus liebt uns so sehr! Natürlich sind wir alle Sünder, ich auch - aber der Herr verzeiht alles...“ Franziskus wörtlich: „Vergessen Sie nicht, diese Weihe ist ein Meilenstein in der Geschichte Ecuadors. Von hier kommt die Gnade dieses Landes, etwas, das es speziell macht.“
„Wir sind die Objekte der Unentgeltlichkeit Gottes“
   Dann meditierte der Papst über ein Wort Mariens bei der Hochzeit von Kana – eine Anweisung, die sie Dienern mit Blick auf Jesus gab: „Was er euch sagt, das tut.“ Maria sei „nie die Hauptperson“ gewesen, „sie hat sich immer in die letzte Reihe gestellt - die erste Jüngerin Jesu“. Was sie aber auszeichnete, so Papst Franziskus, das war das „Bewusstsein, dass alles von Gott kommt“. Er forderte seine Zuhörer auf: „Erinnern Sie sich jeden Tag an die Unentgeltlichkeit, mit der Gott uns beschenkt! Sie haben keinen Eintritt bezahlt, ums ins Seminar und ins religiöse Leben einzutreten, und Sie haben das nicht verdient, Priester oder Ordensleute zu werden. Alles umsonst... Alle, auch die Bischöfe, müssen auf diesem Weg der Unentgeltlichkeit vorangehen. Wir sind die Objekte der Unentgeltlichkeit Gottes! Wenn wir das vergessen, werden wir uns allmählich für wichtig halten und uns von dem entfernen, was Maria immer vor Augen stand: die Unentgeltlichkeit Gottes.“
   Franziskus wies auf „Redemptoris Mater“ des heiligen Johannes Paul II. hin. Dort stehe sinngemäß: „ Maria hätte sich im Moment, wo sie unter dem Kreuz stand, betrogen fühlen können. Aber das tat sie nicht!“ Er empfehle allen Menschen mit einem geistlichen Beruf „als ein Vater: Überantworten Sie sich jeden Abend der Unentgeltlichkeit Gottes... Denken Sie jeden Tag daran: Keiner von uns hat das verdient, was wir erreicht haben.“
Erneute Papst-Warnung vor „spirituellem Alzheimer“
   Wie schon in seiner vielbeachteten Weihnachtsansprache an die römische Kurie im Dezember letzten Jahres warnte der Papst außerdem vor der „Krankheit des spirituellen Alzheimer“. „Verlieren Sie nicht das Gedächtnis! Vor allem denken Sie immer daran, wo Sie herkommen. Verleugnen Sie Ihre Wurzeln nicht, fühlen Sie sich nicht bevorzugt!“ Unentgeltlichkeit sei „eine Gnade, die nicht mit der Vorstellung von Beförderung zusammenpasst“. Franziskus wörtlich: „Wer in der Kirche eine Karriere machen will, der bekommt spirituelles Alzheimer, denn er vergisst, woher er kommt. Vergessen Sie den Dialekt, die Sprache Ihrer Kindheit nicht!“ Das sage er gerade in einem Land wie Ecuador, das über viele einheimische Sprachen verfüge. 
   Unentgeltlichkeit und Gedächtnis nannte der Papst „die zwei Säulen unseres spirituellen Lebens“. Es sei „eine tägliche Arbeit, diese zwei Prinzipien zu leben“. „Das wird Ihnen erlauben, Ihr Leben im Geist des Dienens und voller Freude zu führen.“ Eine Haltung des Dienens sei gerade dann wichtig, „wenn wir müde sind und wenn die Leute uns auf die Nerven gehen“, so Franziskus. „Wer auf dem Weg des Dienens geht, darf nicht die Geduld mit den Leuten verlieren, denn dieser Dienst gehört ihm nicht.“ Und er fuhr fort: „Bitte, bitte: Setzen Sie keine Preise fuer die Gnade fest! Ihre Seelsorge soll gratis sein, sonst verliert sie etwas Wesentliches.“ 
„Wir gehören nicht mehr uns selbst“
   Franziskus war an der Wallfahrtskirche von El Quinche ausgesprochen enthusiastisch empfangen worden; Sicherheitsbeamte mussten Ordensfrauen daran hindern, ihn am Gewand zu zerren. Vor dem Gnadenbild in der Kirche legte der Papst nach kurzem Gebet einen Blumenstrauß nieder. Auf dem Podium draußen hieß ihn u.a. ein Priester schwarzer Hautfarbe willkommen, der unter starkem Applaus der Menge die einzelnen ethnischen Gruppen der Teilnehmer aufzählte. Eine junge Ordensfrau stellte in einer kurzen Rede das Ordensleben als einen Gegenentwurf zur Gesellschaft dar, als Hinweis auf die gelebte „Utopie“ der Gerechtigkeit. Zum Schluß der Begegnung überreichten die Patres, die die Basilika betreuen, dem Papst ein Miniaturmodell der Kirche.
   „Was er euch sagt, das tut“: Von diesem Satz Mariens im Johannesevangelium geht auch der schriftliche Redetext des Papstes aus, den er nicht verlies. Wer in der Kirche einen besonderen Auftrag habe, solle sich an diesen Worten Marias orientieren. Der Marienwallfahrtsort El Quinche erinnere an die Darbringung der Jungfrau im Tempel – und damit daran, dass es ein Kind war, Maria, das von Gott erwählt wurde. Das sei eine Tatsache, die sich häufig in der Heiligen Schrift wiederhole: Gott antworte auf die Klage seines Volkes, indem er ein schwaches Kind schicke.
   „Dies bewahrt uns vor der Selbstbezogenheit“, so Franziskus in dem schriftlichen Text. „Es gibt uns zu verstehen, dass wir nicht mehr uns gehören, dass unsere Berufung von uns verlangt, uns von allem Egoismus, von allem Streben nach materiellem Gewinn oder affektivem Ausgleich abzuwenden, wie uns das Evangelium gesagt hat. Wir sind keine Tagelöhner sondern Diener. Wir sind nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen, und das tun wir in völliger Loslösung, ohne Stock und ohne Vorratstasche.“
   Er bete darum, dass dieses Heiligtum alle daran erinnere, von den „egoistischen Interessen und den übermäßigen Sorgen um uns selbst“ herabzusteigen, sie sollten alle nicht vergessen, wovon Gott die Menschen gerettet habe, mahnte der Papst. „Die „Vollmacht“, welche die Apostel von Jesus empfangen, ist nicht für ihren eigenen Vorteil bestimmt: Unsere Begabungen dienen der Erneuerung und dem Aufbau der Kirche. Weigert euch nicht zu teilen, sträubt euch nicht zu schenken, schließt euch nicht in die Bequemlichkeit ein, seid Quellen, die überfließen und die anderen erfrischen, besonders die, die durch die Sünde, die Enttäuschung und den Groll bedrückt sind“.
Kirche: „eine Schule der Gemeinschaft“
   Außer dieser Selbstlosigkeit betonte der Papst die Beharrlichkeit als Charakteristikum des Auftrags in der Kirche. „Beharrlichkeit in der Mission bedeutet, nicht von einem Haus in ein anderes zu ziehen vgl. Lk 10,7 auf der Suche, wo man uns besser behandelt, wo es mehr Mittel und Annehmlichkeiten gibt.“ Diese Beharrlichkeit habe mit Jesus und dessen Schicksal zu tun, das sei der Maßstab.
   Ein Drittes lehre das Heiligtum alle, die einen Auftrag in der Kirche hätten, fuhr Papst Franziskus fort. Der Ort habe sich seit den Zeiten der Inka zu einer multi-ethnischen Siedlung herangebildet. Kirche solle eine Schule der Gemeinschaft sein, dazu griff der Papst den von ihm gerne verwendeten Begriff der „Kultur der Begegnung“ auf. All das vereine sich zum Auftrag der Seelsorger in der Kirche und zeige sich besonders in ihren Aufgaben. Als eine ganz wichtige dieser Aufgaben nannte der Papst die Pflege der Volksfrömmigkeit. Das sei die Weise, in der der Glaube sich in einer eigenen Sprache ausdrücke.
   Und all diese Aufgaben lies der Papst in dem Mantra münden, das er gerne zu diesen Anlässen wiederholt: „Eine Kirche im Aufbruch ist eine Kirche, die sich nähert, die sich anpasst, um nicht weit weg zu sein, die aus der eigenen Bequemlichkeit herausgeht und den Mut hat, alle Randgebiete zu erreichen, die das Licht des Evangeliums brauchen.“ Rv150808ord

miAm-Reise-24-ZZ

Papstansprache: Nicht gekommen, um uns bedienen zu lassen  - Farbenfroh: Der Papst bei der Ankunft in Quinche

 Volltext der (ungehaltenen) Ansprache von Papst Franziskus bei der Begegnung mit Klerikern, Ordensleuten und Seminaristen im Marienwallfahrtsort El Quinche, Mittwoch, 8. Juli. Dieser Text wurde vom Papst überreicht.

Guten Tag, liebe Brüder und Schwestern,
   In diesen zwei Tagen, die ich hier verbracht habe, habe ich etwas Interessantes am ecuadorianischen Volk festgestellt: Überall wo ich hingehe, haben sie mich sehr freudig, herzlich begrüßt. Aber in der Art und Weise gab es etwas - Was ist das Rezept dieses Volkes, hab ich mich gefragt. Und ich habe im Gebet Jesus mehrmals gefragt: Was hat dieses Volk Spezielles? Ich glaube, es ist die Weihe ans Heilige Herz Jesu. Ich glaube, dieser ganze spirituelle, tiefe Reichtum, den ihr habt, hat mir der Weihe an das Heilige Herz Jesu zu tun. Er liebt uns so sehr. Natürlich sind wir alle Sünder, ich auch - aber der Herr verzeiht alles... Vergessen Sie nicht: diese Weihe ist ein Meilenstein in der Geschichte Ecuadors. Von hier kommt die Gnade dieses Landes, etwas, das es speziell macht....
   Zwei Worte Mariens kommen mir heute in den Sinn: Was er euch sagt, das tut. Maria war nie die Hauptperson, sie hat sich immer in die letzte Reihe gestellt - die erste Jüngerin Jesu. Sie hatte ein Bewusstsein, dass alles von Gott kommt. Erinnern Sie sich jeden Tag an die Unentgeltlichkeit, mit der Gott uns beschenkt! Sie haben keinen Eintritt bezahlt, ums ins Seminar und ins religiöse Leben einzutreten, und Sie haben das nicht verdient, Priester oder Ordensleute zu werden. Alles umsonst... Alle, auch die Bischöfe, müssen auf diesem Weg der Uneigennuetzigkeit vorangehen. Wir sind die Objekte der Uneigennützigkeit Gottes! Wenn wir das vergessen, werden wir uns allmählich für wichtig halten und uns von dem entfernen, was Maria immer vor Augen stand: die Uneigennützigkeit Gottes... 
   Ich empfehle Ihnen Redemptoris Mater des heiligen Johannes Paul II., wo er sagt: Maria hätte sich im Moment, wo sie unter dem Kreuz stand, betrogen fühlen können. Aber das tat sie nicht. Ich empfehle Ihnen als Vater: Überantworten Sie sich jeden Abend der Uneigennützigkeit Gottes... Denken Sie jeden Tag daran: Keiner von uns hat das verdient, was wir erreicht haben.
2. Verfallen Sie nicht in die Krankheit des spirituellen Alzheimer! Verlieren Sie nicht das Gedächtnis! Vor allem, wo Sie herkommen. Verleugnen Sie Ihre Wurzeln nicht! (Samuel salbt David) Fühlen Sie sich nicht bevorzugt! Uneigennützigkeit ist eine Gnade, die nicht mit der Vorstellung von Beförderung zusammenpasst. Wer in der Kirche eine Karriere machen will, der bekommt spirituelles Alzheimer, denn er vergisst, woher er kommt. Vergessen Sie den Dialekt, die Sprache Ihrer Kindheit nicht! 
   Das ist eine tägliche Arbeit, diese zwei Prinzipien zu leben. Es sind die zwei Säulen unseres spirituellen Lebens. Das wird Ihnen erlauben, Ihr Leben im Geist des Dienens zu leben, und voller Freude. Dienst! Dienen - und zwar auch, wenn wir müde sind und wenn die Leute uns auf die Nerven gehen! Wer auf dem Weg des Dienens geht, darf nicht die Geduld mit den Leuten verlieren, denn dieser Dienst gehört ihm nicht. 
   Bitte, bitte: Setzen Sie keine Preise für die Gnade fest! Ihre Seelsorge soll gratis sein, sonst verliert sie etwas Wesentliches. 
    Unserer Lieben Frau von Quinche lege ich die lebendigen Eindrücke von diesen Tagen meines Besuchs zu Füßen; ich möchte ihrem Herzen die Alten und die Kranken anvertrauen, mit denen ich eine Weile im Haus der Missionarinnen der Nächstenliebe verbracht habe. Ich schließe auch alle anderen Begegnungen ein, die ich vorher gehabt habe. Ich vertraue sie dem Herzen Marias an, aber ich lege sie auch euch ans Herz, ihr Priester, Ordensleute und Seminaristen, die ihr berufen seid, im Weinberg des Herrn zu arbeiten. Ihr sollt Wächter sein über alles, was dieses Volk Ecuadors erlebt, worüber es weint und worüber es sich freut.
   Ich danke Bischof Lazzari, Pater Mina und Schwester Sandoval für ihre Worte, die mir Gelegenheit geben, mit euch allen einige Dinge in der gemeinsamen Sorge für das Volk Gottes zu teilen.
   Im Evangelium lädt der Herr uns ein, die Mission ohne Vorbehalt anzunehmen. Es ist eine wichtige Botschaft, die wir nicht vergessen dürfen und die in diesem Heiligtum, das der Darbringung der Jungfrau Maria im Tempel geweiht ist, einen besonderen Akzent gewinnt. Maria ist das Beispiel einer Jüngerin für uns, die wir wie sie eine Berufung erhalten haben. Ihre vertrauensvolle Antwort „Mir geschehe wie du es gesagt hast“ Lk 1,38 erinnert uns an ihre Worte bei der Hochzeit zu Kana: „Was er euch sagt, das tut“ Joh 2,5. Ihr Beispiel ist eine Einladung zu dienen wie sie.
   In der Darstellung der Jungfrau können wir einige Anregungen für unseren eigenen Ruf erhalten. Das Mädchen Maria war ein Geschenk Gottes für ihre Eltern und für das ganze Volk, das auf die Befreiung hoffte. Das ist eine Tatsache, die sich häufig in der Heiligen Schrift wiederholt: Gott antwortet auf die Klage seines Volkes, indem er ein schwaches Kind schickt, das dazu bestimmt ist, die Rettung zu bringen, und zugleich die Hoffnung alter Eltern erneuert. Das Wort Gottes sagt uns, dass in der Geschichte Israels die Richter, die Propheten und die Könige ein Geschenk Gottes sind, um seine Zärtlichkeit und seine Barmherzigkeit seinem Volk zukommen zu lassen. Sie sind Zeichen der ungeschuldeten Großzügigkeit Gottes: Er hat sie erwählt, ausgesucht und berufen. Dies bewahrt uns vor der Selbstbezogenheit. Es gibt uns zu verstehen, dass wir nicht mehr uns gehören, dass unsere Berufung von uns verlangt, uns von allem Egoismus, von allem Streben nach materiellem Gewinn oder affektivem Ausgleich abzuwenden, wie uns das Evangelium gesagt hat. Wir sind keine Tagelöhner sondern Diener. Wir sind nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen, und das tun wir in völliger Loslösung, ohne Stock und ohne Vorratstasche.
   Eine gewisse Überlieferung hinsichtlich des Titels Unserer Lieben Frau von Quinche sagt uns, dass Diego de Robles das Gnadenbild im Auftrag des Stammes der Lumbicí schuf. Diego hat es nicht für Gotteslohn, sondern für einen materiellen Verdienst geschaffen. Als sie es ihm nicht bezahlen konnten, brachte er es nach Oyacachi und tauschte es gegen Zedernbretter ein. Diego verweigerte sich jedoch der Bitte der Dorfbewohner, auch einen Altar für das Bild zu schaffen. Als er dann aber vom Pferd stürzte, fühlte er im Angesicht der Gefahr den Schutz der Jungfrau Maria. Er kehrte in das Dorf zurück und schuf das Podest für das Bild. Auch wir alle haben die Erfahrung eines Gottes gemacht, der unsere Wege kreuzt, der uns in unserer Wirklichkeit als Gefallene und Zusammengebrochene ruft. Mögen die Eitelkeit und die Weltlichkeit uns doch nicht vergessen lassen, von wo Gott uns gerettet hat! Möge Maria von Quinche uns dazu bringen, von den Plätzen des Ehrgeizes, der egoistischen Interessen und der übermäßigen Sorgen um uns selbst herabzusteigen!
   Die „Vollmacht“, welche die Apostel von Jesus empfangen, ist nicht für ihren eigenen Vorteil bestimmt: Unsere Begabungen dienen der Erneuerung und dem Aufbau der Kirche. Weigert euch nicht zu teilen, sträubt euch nicht zu schenken, schließt euch nicht in die Bequemlichkeit ein, seid Quellen, die überfließen und die anderen erfrischen, besonders die, die durch die Sünde, die Enttäuschung und den Groll bedrückt sind vgl. Evangelii gaudium 272.
   Ein zweiter Aspekt, an den mich die Darstellung der Jungfrau erinnert, ist die Beharrlichkeit. In der anregenden ikonographischen Darstellung dieses marianischen Festes löst sich das kleine Mädchen Maria von ihren Eltern, um die Stufen zum Tempel hinaufzusteigen. Maria schaut nicht zurück und geht – in einem deutlichen Bezug zur Mahnung des Evangeliums – entschieden voran. Wie die Jünger im Evangelium treten auch wir unseren Weg an, um jedem Volk und jedem Ort die gute Nachricht Jesu zu bringen. Beharrlichkeit in der Mission bedeutet, nicht von einem Haus in ein anderes zu ziehen vgl. Lk10,7 auf der Suche, wo man uns besser behandelt, wo es mehr Mittel und Annehmlichkeiten gibt. Das bedeutet, unser Los mit dem von Jesus zu verbinden, bis zum Letzten. Einige Berichte der Erscheinungen der Jungfrau von Quinche erzählen uns, dass eine „Frau mit einem Kind im Arm“ an mehreren aufeinanderfolgenden Abenden die Bewohner von Oyacachi besuchte, als diese vor der Verfolgung durch Bären Zuflucht suchten. Mehrere Male kam Maria ihren Kindern entgegen; sie trauten ihr nicht, sie beargwöhnten diese Frau, bewunderten jedoch ihre Beharrlichkeit, jeden Abend beim Sonnenuntergang wiederzukommen. Ausharren, auch wenn sie uns ablehnen, auch wenn es Nacht wird und die Unsicherheit und die Gefahren zunehmen. Ausharren in diesem Einsatz, weil wir wissen, dass wir nicht allein sind, dass das heilige Volk Gottes voranschreitet.
   In gewisser Weise können wir in dem Bild des Mädchens Maria, das zum Tempel hinaufsteigt, die Kirche sehen, die den missionarischen Jünger begleitet. Zusammen mit ihr sind da ihre Eltern, die ihr das Gedächtnis des Glaubens übermittelt haben und sie nun großherzig dem Herrn darbieten, auf dass sie seinem Weg folgen kann. Da ist ihre Gemeinschaft, dargestellt durch das „Gefolge der Jungfrauen“, „ihre Gefährtinnen“ mit den brennenden Lampen vgl. Ps 45,15; in diesen sehen die Kirchenväter ein prophetisches Bild für alle, die Maria nachahmen und aufrichtig danach streben, Gottes Freunde zu sein. Und da sind die Priester, die auf sie warten, um sie zu empfangen; sie erinnern uns daran, dass in der Kirche die Hirten die Verantwortung haben, die Menschen mit Zärtlichkeit aufzunehmen und zu helfen, jeden Geist und jeden Ruf zu unterscheiden.
   Gehen wir gemeinsam voran, stützen wir uns gegenseitig und erbitten wir demütig die Gabe der Beharrlichkeit in seinem Dienst.
    Unsere Liebe Frau von Quinche war Anlass für Begegnung, für Gemeinschaft, und dieser Ort hat sich seit diesen Zeiten der Inkas zu einer multi-ethnischen Siedlung herangebildet. Wie schön ist es, wenn die Kirche in ihrem Einsatz ausharrt, Haus und Schule der Gemeinschaft zu sein, wenn wir das erzeugen, was ich gerne als Kultur der Begegnung bezeichne!
   Das Bild der Darstellung sagt uns, dass sich das Mädchen Maria, nachdem es den Segen der Priester empfangen hatte, auf die Stufen des Altars setzte und dann aufstand und tanzte. Ich denke an die Fröhlichkeit, die sich in den Bildern einer Hochzeitsfeier zeigt unter den Freunden des Bräutigams und bei der Braut, die mit ihren Juwelen geschmückt ist. Es ist die Freude von jemandem, der einen Schatz gefunden hat und der alles hinter sich gelassen hat um ihn zu erlangen. Dem Herrn zu begegnen, in seinem Haus zu leben, an seiner persönlichen Sphäre teilzuhaben verpflichtet dazu, das Reich Gottes zu verkünden und die Rettung zu allen zu bringen. Die Schwellen des Tempels zu überschreiten verlangt von uns, uns wie Maria in Tempel des Herrn zu verwandeln und uns auf den Weg zu machen, um ihn zu den Geschwistern zu bringen. Die Jungfrau, die erste missionarische Jüngerin, ist gleich nach der Ankündigung durch den Engel unverzüglich in ein Dorf in Judäa aufgebrochen, um diese unermessliche Freude zu teilen; dieselbe, die den heiligen Johannes den Täufer im Leib seiner Mutter hüpfen ließ vgl. Lk 1,39-44. Wer ihre Stimme hört, „hüpft vor Freude“ und wird selbst zu einem Boten ihrer Freude. Die Freude zu evangelisieren bewegt die Kirche, sie lässt sie aufbrechen wie Maria.
   Obgleich vielerlei Gründe für die Verlegung des Heiligtums von Oyacachi an diesen Ort vorgebracht werden, bleibe ich bei einem stehen: „Hier ist es und war es besser zugänglich, hier ist es leichter, in der Nähe von allen zu sein“. So verstand es der Erzbischof von Quito, Fray Luis López de Solis, als er anordnete ein Heiligtum zu bauen, das imstande war, alle zusammenzurufen und aufzunehmen. Eine Kirche im Aufbruch ist eine Kirche, die sich nähert, die sich anpasst, um nicht weit weg zu sein, die aus der eigenen Bequemlichkeit herausgeht und den Mut hat, alle Randgebiete zu erreichen, die das Licht des Evangeliums brauchen vgl. Evangelii gaudium 20.
   Kehren wir nun zu unseren Aufgaben zurück, die das heilige Volk, das uns anvertraut ist, von uns erbittet. Zu diesen gehört – das dürfen wir nicht vergessen –, uns um die Volksfrömmigkeit zu kümmern, zu ihr zu ermuntern, sie heranzubilden. Wir können sie, die in vielen lateinamerikanischen Ländern sehr verbreitet ist, in diesem Heiligtum gleichsam mit Händen greifen. Das gläubige Volk wusste seinen Glauben in seiner eigenen Sprache zum Ausdruck zu bringen; seine tiefsten Empfindungen von Schmerz, Zweifel, Freude, Scheitern und Dank mit verschiedenen Formen der Frömmigkeit zu zeigen: Prozessionen, Nachtwachen, Blumen, Gesänge, die sich in einen schönen Ausdruck des Vertrauens in den Herrn und der Liebe zu seiner Mutter verwandeln, die auch unsere Mutter ist.
   In Quinche fließen die Geschichte der Menschen und die Geschichte Gottes in der Geschichte einer Frau, nämlich Marias, zusammen. Und in einem Haus, unserem Haus, der Schwester Mutter Erde. Die Überlieferungen dieser Wallfahrt rufen uns die Zedern, die Bären, die Felsspalte in Erinnerung, wo sich das erste Haus der Gottesmutter befand. Sie sprechen uns von den Vögeln in der Vergangenheit, die an diesem Ort lagerten, und von Blumen heute, die das Bild schmücken. Die Ursprünge dieser Devotion versetzen uns in Zeiten, in denen es sehr einfach war, „den ruhigen Einklang mit der Schöpfung wiederzugewinnen, um ... den Schöpfer zu betrachten, der unter uns und in unserer Umgebung lebt und dessen Gegenwart nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden muss“ Laudato si‘ 225. Er offenbart sich uns in der geschaffenen Welt, in seinem geliebten Sohn, in der Eucharistie, die den Christen erlaubt, sich als lebendige Glieder der Kirche zu sehen und aktiv an seiner Mission teilzunehmen vgl. Aparecida, 264. Und er offenbart sich uns im Heiligtum Unserer Lieben Frau von Quinche, die von hier aus die Morgenröte der ersten Verkündigung des Glaubens an die eingeborenen Völkern begleitete. Ihr empfehlen wir unsere Berufung an. Sie mache uns zu einem Geschenk für unseres Volk. Sie schenke uns die Beharrlichkeit in der Hingabe und die Fröhlichkeit, aufzubrechen und das Evangelium ihres Sohnes Jesus – vereint mit unseren Hirten – bis zu den Grenzen, bis zu den Peripherien unseres geliebten Ecuador zu bringen. Rv150808ord 

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Ein Gebet des Papstes   -   Der Papst in El Quinche -
Ein Gebet des Papstes im Marienwallfahrtsort El Quinche (Ecuador), den er am 8. Juli 2015 besuchte

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            Mutter von El Quinche,
            von Gott auserwählt, um mich Seinem Sohn anzuvertrauen
            und mir den wahren Weg zu zeigen,
            höre voll Liebe auf mein demütiges Gebet,
            lehre mich zu lieben, wie du es getan hast,
            um in Frieden und Gelassenheit zu leben:
            Lehre mich die Ziele zu verfolgen, die Gott uns zeigt,
            so wie du, Mutter, es getan hast.
            Lehre mich, mich selber zu schenken
            und für die anderen zur Hand Gottes zu werden.
            Lehre mich, respektvoll gegenüber meinen Brüdern und Schwestern zu leben
            denn in ihnen ist Jesus gegenwärtig.
            Lehre mich zu beten, um mit deinem göttlichen Sohn verbunden zu bleiben;
            lehre mich, den Willen Gottes zu entdecken und zu erfüllen,
            glücklich zu sein und Erfüllung zu finden.
            Lehre mich, schließlich, ein guter Mensch zu sein,
            um bei Dir zu bleiben, Maria, zusammen mit Jesus,
            mit dem Heiligen Geist,
            und meinem Gottvater in Ewigkeit. Amen.

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Letzte Reisestationen in Ecuador vor Abflug nach Bolivien
Foto: Papst Franziskus mit einer ecuadorianischen Bauernvertreterin

  Papst Franziskus reist an diesem Mittwoch von Ecuador nach Bolivien, der zweiten Station seiner Reise. Die Abschiedszeremonie am Flughafen von Quito findet gegen 19.00 Uhr europäischer Zeit statt. In La Paz landet der Papst nach gut drei Stunden Flugzeit und einer Stunde Zeitverschiebung um kurz nach 22.00 Uhr europäischer Zeit.
   Was sind die letzten Programmpunkte des Argentiniers in Ecuador? Franziskus feierte in Quito eine Heilige Messe – die zweite große in Ecuador – und er traf Schüler und Studierende an der Päpstlichen Universität sowie Vertreter aus Staat und Gesellschaft in der Jesuitenkirche „Iglesia de la Compania“.
   Am Nachmittag europäischer Zeit – dann ist es in Ecuador früher Morgen – besucht Franziskus ein Altenheim in Tumbaco, einem Vorort Quitos, das von Missionarinnen der Nächstenliebe geleitet wird. Danach will er am nationalen Marienheiligtum von „El Quinche“ beten und sich dort mit einer Ansprache an Ordensleute, Priester und Seminaristen wenden.
   Nach der Begegnung mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft in Quito hatte der Papst am Dienstagabend (Ortszeit) noch die Jesuitenkirche Iglesia de la Compania - eine der prächtigsten Lateinamerikas - privat besichtigt. Der Jesuitenorden, dem der Papst selbst angehört, trug seit dem 16. Jahrhundert maßgeblich zur christlichen Missionierung des Subkontinents bei. Die Bauarbeiten für das koloniale Gotteshaus, das von der römischen Mutterkirche der Jesuiten „Il Gesu“ inspiriert ist, begannen 1605 und wurden 1765 mit der barocken Fassade abgeschlossen. Bereits kurz darauf, 1767, wurden die Jesuiten aus dem Land vertrieben, bis 1807 war die Kirche geschlossen. Nach dem Besuch in der Kirche war Franziskus zum Abendessen und zur Nächtigung in die Nuntiatur zurückgekehrt.  Rv150708pr

miAm-Reise-22-ZxZ

Ecuador: Beeindruckt von der Zärtlichkeit
Viele Berührungen in Ecuador: Der Papst umarmte viele Menschen in Quito

   Spätestens nach dieser Erfahrung beim Besuch des Papstes in Ecuador ist wohl jedem klar, was der Papst meint, wenn er von Zärtlichkeit und Nähe spricht. Das ist das Fazit von Vatikansprecher Federico Lombardi zum Abschluss des ersten Teils der Drei-Länder-Reise des Papstes in Lateinamerika. Mario Galgano war für uns vor Ort und hat mit Jesuitenpater Lombardi sowie mit Ecuadorianern über den Besuch des Papstes gesprochen.
   Die Visite in Ecuador war inhaltlich geprägt von tiefgründigen Reden, die immer einen starken Bezug zur Enzyklika Laudato Si´ vorwiesen, doch nicht nur die Worte des Papstes prägten die erste Reiseetappe. Noch nie haben wir einen so oft streichelnden, umarmenden Papst gesehen. Es liegt wohl in der Natur der Lateinamerikaner, ihren Glauben auch durch das körperliche Berühren zu bezeugen. Aber nicht nur das: überall, wo der Papst erschien, wurde gesungen und wurden Rosenblätter auf ihn geworfen. Das sprach den Hör- und Geruchsinn an. Kurz: die Zärtlichkeit der Ecuadorianer gegenüber dem Papst sprach alle Sinne an. „Ich werde mir vor allem die herzliche Gastfreundschaft nach Hause mitnehmen“, sagt Pater Lombardi. „Es gab eine sehr große Teilnahme der Ecuadorianer, und das war eindrücklich, ja ich würde sogar sagen, das war unglaublich. Der Papst hat hunderttausende Menschen auf der Straße und bei den Veranstaltungen getroffen. Einige waren glücklich, nur weil sie den Papst vorbeifahren sahen.“ Fragt man die Ecuadorianer selber, so bestätigt sich Lombardis Eindruck: Sie waren froh und glücklich, den Papst als Gast empfangen zu dürfen. Das gilt selbst bei Nicht-Katholiken. 
   Ecuador ist – wie andere lateinamerikanische Länder – von der Arm-Reich-Schere besonders betroffen. Der Priester einer reichen Pfarrei im Herzen Quitos bringt es auf dem Punkt: „Der Papst ist zu uns gekommen, um an unsere Verantwortung gegenüber den Armen zu erinnern.“ Besonders die „Welt der Erziehung“ fühlte sich von den Reden angesprochen, sagt eine ecuadorianische Englisch-Dozentin. Und eine Studentin fügt an, dass der Papst eine „Bestärkung des Glaubens“ gebracht habe. Auch ausländische Missionare, von denen es in Ecuador seit jeher viele gibt, nehmen eine besondere Botschaft mit sich. „Auch Ecuador – ein sehr stark katholisch geprägtes Land – braucht eine Neuevangelisierung, und die hat uns Papst Franziskus mit diesem Besuch gebracht“, sagt ein italienischer Fidei-Donum-Priester, der in einem Armenviertel von Quito tätig ist. Rv150708mg

miAm-Reise-26-ZzZ

Adiós Ecuador: Was bleibt von der Papstreise?  -  Der Papst in Ecuador

   Die erste von drei „Etappen“ hat der Papst hinter sich gebracht: Während Franziskus nach Bolivien weiterreist, bleibt in Ecuador die Frage, was der Besuch des Bischofs von Rom dort erreicht hat. Danach haben wir unseren Korrespondenten vor Ort, Mario Galgano, gefragt.
   „Was auffällt, ist die Tatsache, dass es der Papst geschafft hat, zumindest für ein paar Tage eine gewisse Ruhe und Eintracht in der ecuadorianischen Bevölkerung zu stiften. Noch während der Papst zu Beginn der Woche in Quito ankam, gab es etliche Proteste; die waren natürlich nicht gegen Franziskus gerichtet, sondern gegen Präsident Rafael Correa. Aber alles in allem haben weder die Demonstranten noch Correa die Gelegenheit genutzt, um während der Visite aus Rom politische Propaganda zu betreiben.“
Was hat dich persönlich beeindruckt? Wie war das: ein lateinamerikanischer Papst unter Lateinamerikanern?
   „Da hat man sofort gemerkt: Es kommt einer von uns hierher! Was mich persönlich sehr beeindruckt hat, ist diese ,berührende Spiritualität´. Die Gläubigen in Ecuador – und wohl auch in Mexiko oder Kolumbien – berühren gerne Priester oder küssen und streicheln Muttergottesdarstellungen. Wer auf der Strasse als Vatikan-Mitarbeiter erkannt wurde, wurde wie ein Star umzingelt. Beispielsweise habe ich erlebt, wie Vatikansprecher Federico Lombardi eine halbe Stunde lang von einem Dutzend Ecuadorianer regelrecht umzingelt war. Jeder wollte ihn berühren, weil sie ihn neben dem Papst gesehen haben.“
Und wie ist es dann mit den Reden und Predigten des Papstes? Ist denn das nicht so wahrgenommen worden?
   „Ich glaube, der Papst hat – wie es Jesuiten so gut tun können – seine Botschaft gezielt an spezifische Gruppen gerichtet. Deshalb werden die Inhalte seiner Ansprachen hier sicherlich Gehör finden. Das gilt wohl insbesondere für die Rede an die Studenten: Vielen war es wohl zu wenig bewusst, welches Privileg sie besitzen, studieren zu dürfen.“
Und wie geht es weiter? Der erste Teil der Reise ist ja nun vorüber.
   „Wir haben wohl alle verstanden, dass man diese Reise vor allem mit einem Handbuch analysieren muss: Die Enzyklika ,Laudato Si´ wird nicht nur oft zitiert, sondern der Papst trifft hier in Lateinamerika genau jene, die in diesem Schreiben im Mittelpunkt stehen. Das gilt nun auch für die Etappen in Bolivien und Paraguay.“ Rv150808mg

             Mittwoch, 8. Juli, geht der Papst in ein Altenheim der Mutter-Teresa-Schwestern und trifft sich mit Klerus, Ordensleuten und Seminaristen, bevor er nach Bolivien weiterreist.

             miAm-Bolivien2-z  Zeichen der Bescheidenheit 

             Die Organisatoren der Papstmesse haben die Bitte der bolivianischen Bischofskonferenz und des Vatikan erhalten, nur einen bescheidenen Altar zu bauen. Zu der Open-Air-Messe werden mehr als eine Millionen Gläubige erwartet.

   Am Nachmittag des 8. Juli trifft der Papst in La Paz ein und besucht zunächst Präsident Evo Morales. Auch ein Treffen mit Vertretern der Behörden und der Gesellschaft ist vorgesehen. Am Tag darauf hält Franziskus dann eine Messe in Santa Cruz, trifft Priester, Ordensleute und Seminaristen Boliviens und verbringt dann den Abend auf dem zweiten Welttreffen der Volksbewegungen.

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Papst verlässt Ecuador: Flug nach Bolivien  -  La Paz wartet auf den Papst

  Papst Franziskus hat Ecuador verlassen und ist nach Bolivien weitergereist. Damit ist die erste Etappe seiner Drei- Länder-Reise durch Lateinamerika abgeschlossen. Mit einstündiger Verspätung im Besuchsprogramm hob die Maschine von „Boliviana de Aviación“ mit dem Papst an Bord am Mittwoch um 13 Uhr Ortszeit vom Flughafen in Quito ab. Zuvor hatte sich Franziskus an der Gangway von seinem Gastgeber, dem ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa, mit einer Umarmung verabschiedet.   Rv150708

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Papst an Politiker in La Paz: Gemeinwohl statt Wohlstand  -  Willkommen in Bolivien

    „Papst liest Latinos die Leviten“: So gibt ein Korrespondent in Lateinamerika seine Eindrücke vom Papstbesuch auf dem Kontinent wieder. „Der Papst wird in Lateinamerika von linken Regierungen politisch vereinnahmt“, urteilt ein anderer. Die beiden Schlagzeilen machen die Gratwanderung klar, die Franziskus leisten muss: zum Beispiel bei seiner Begegnung mit Vertretern von Staat und Gesellschaft Boliviens am Mittwochabend (Ortszeit).
   „Bruder Präsident, Brüder und Schwestern“: So ungewöhnlich startete der Papst seine Polit-Rede in La Paz. Deutliche Worte an die Adresse des sozialistischen Präsidenten Evo Morales fand er dann trotzdem: Um „Gemeinwohl“ müsse es gehen, nicht um „Wohlstand“, und „Ideologie“ sei nicht hilfreich, sie blende nur. Die Politiker müssten „größeren Respekt für den sozialen Frieden“ zeigen, mit dieser Formulierung legte Franziskus den Finger auf eine Wunde Boliviens. Immerhin: „Der Reichtum muss verteilt werden“, dieses Papstwort dürfte dem „Bruder Präsidenten“ gefallen haben.
   „Wenn sich die Politik von der Finanzspekulation beherrschen lässt oder die Wirtschaft sich nur nach dem technokratischen und utilitaristischen Paradigma der maximalen Produktion richtet, dann wird man auch die großen Probleme, welche die Menschheit betreffen, nicht verstehen, geschweige denn lösen können. Es ist auch die Kultur vonnöten... Gleichermaßen braucht es eine ethische und moralische Bildung, die zu einer Haltung der Solidarität und der Mitverantwortung unter den Menschen erzieht... (Das sind) Tugenden, die sich in Ihrer Kultur auf so einfache Weise in diesen drei Geboten ausdrücken: nicht lügen, nicht stehlen und nicht faul sein!“ Eine etwas eigenwillige Zusammenfassung der Zehn Gebote.
   Wir dürfen uns „nicht gewöhnen an die Ungleichheit“, fuhr der lateinamerikanische Papst fort, wir dürfen da „nicht unsensibel“ werden. „Der Wohlstand, der sich allein auf den materiellen Überfluss bezieht, neigt dazu, egoistisch zu sein, parteiische Interessen zu verteidigen, nicht an die anderen zu denken und der Versuchung des Konsumismus nachzugeben. So verstanden brütet der Wohlstand, anstatt zu helfen, mögliche Konflikte und soziale Auflösung aus. Als beherrschende Sicht, die sich durchgesetzt hat, gebiert er das Übel der Korruption, das sehr entmutigt und großen Schaden anrichtet. Das Gemeinwohl hingegen ist mehr als die Summe der Einzelinteressen; es ist der Schritt von dem, was „besser für mich“ ist, zu dem, was „besser für alle“ ist, und beinhaltet all das, was einem Volk Zusammenhalt verleiht: gemeinsame Ziele, gemeinsame Werte, Ideale, die helfen, den Blick über die individuellen Horizonte hinaus zu richten.“
   Eine Gesellschaft brauche „Freiheit“, damit alle zum Gemeinwohl beitragen können. Nicht nur die Politiker, sondern auch, wie Franziskus aufzählte, „die Denker, die Bürgervereinigungen, die Kommunikationsmittel“ – und natürlich erst recht die Christen, der „Sauerteig im Volk“. „Der Glaube ist ein Licht, das nicht blendet; die Ideologien blenden, der Glaube blendet nicht, der Glaube ist ein Licht, das nicht verdunkelt, sondern voll Respekt das Gewissen und die Geschichte jedes Menschen und jedes menschlichen Miteinander erhellt und leitet.“ Das mit der „Ideologie“ hatte der Papst spontan in seinen Redetext eingefügt.
   Mit Sorge erwähnte Franziskus den Zerfall der Familie in Lateinamerika und das Phänomen der Straßenkinder. Die Familie nicht zu fördern heiße „die Schwächsten ohne Schutz zu lassen“. Im Streit zwischen Bolivien und Chile um einen Zugang Boliviens zum Meer, den es nach einem Krieg verloren hat, riet der Papst eindringlich zum Dialog: „Brücken bauen anstatt Mauern aufrichten“, mahnte er gleich zweimal. Für alle Probleme gebe es eine Lösung, nie dürften sie „Grund zu Aggressivität, Argwohn oder Feindschaft sein“.
   „Bolivien macht gerade einen historischen Moment durch: die Politik, die Welt der Kultur, die Religionen nehmen teil an dieser schönen Herausforderung der Einheit. In diesem Land, wo die Ausbeutung, die Geldgier, die vielfachen Egoismen und die sektiererischen Sichtweisen seine Geschichte überschattet haben, kann heute die Zeit der Integrationen stattfinden. Und auf diesem Weg gilt es zu gehen!“  rv150709sk

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Gedenken an Opfer der Diktatur: Papst würdigt Pater Luis Espinal  -  Herzlicher Empfang für den Papst in Bolivien

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   Papst Franziskus hat auf seinem Weg von El Alto nach La Paz einen Stopp an jener Stelle eingelegt, an dem 1980 die mit vielen Schüssen durchlöcherte Leiche des Jesuiten Luis Espinal gefunden wurde. Der Ordensbruder des Papstes war eines der vielen Opfer des Regimes von Diktator Luis Garcia Meza (1980-1981). Er wolle an einen „unserer Brüder erinnern, der Opfer von Interessen wurde“, sagte der Papst, bevor er eine Gedenkminute einlegte. Der Jesuit sei beseitigt worden, weil er das Evangelium vertreten habe, das offenbar lästig gewesen sei.
   Demonstranten in La Paz hatten vor der Ankunft des Papstes eine Seligsprechung Espinals gefordert. Rund 100 Menschenrechtsaktivisten in La Paz hielten entsprechende Plakate in die Höhe. Der 1932 in Spanien geborene Geistliche Espinal kam 1968 nach Bolivien. Im März 1980 wurde er nach seiner Kritik an der Straflosigkeit für die Anhänger des Putschpräsidenten Alberto Natusch Busch (November 1979) entführt, in einem Schlachthof gefoltert und schließlich ermordet.
   Auf dem Weg nach La Paz feierten rund 100.000 Menschen den Papst. Nach der Begrüßung am Flughafen standen noch ein Höflichkeitsbesuch im Präsidentenpalast der Hauptstadt sowie eine Begegnung mit Vertretern aus Politik und Zivilgesellschaft auf dem Programm. Am Abend (Ortszeit) fliegt Franziskus weiter nach Santa Cruz de la Sierra, wo er am Vormittag eine große Messe unter freiem Himmel feiert. Rv150708pr 

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Papst ruft Bolivien zu „gesellschaftlichem Zusammenhalt“ auf - Evo Morales begrüßt den Papst

   Papst Franziskus hat am Mittwoch bei seiner Ankunft in Bolivien zu „gesellschaftlichem Zusammenhang“ ermuntert. Auf dem Flughafen der Hauptstadt La Paz würdigte er im Beisein des sozialistischen Präsidenten Evo Morales die neue Verfassung des Landes, die u.a. die Rechte der Indigenen explizit anerkennt. Allerdings müsse sich Bolivien hüten, nicht „wieder neue Unterschiede zu schaffen, bei denen der Überfluss der einen auf dem Mangel der anderen beruht“. Morales ist der erste Indio im höchsten Staatsamt Boliviens und ein enger Verbündeter des ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa, dessen Land Franziskus in den letzten Tagen besucht hat. Wie in Ecuador kommt es in Bolivien in den letzten Monaten immer wieder zu sozialen Unruhen und Protesten.
   Franziskus lobte, Bolivien tue viel, um „die Inklusion von weiten Bereichen des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens voranzubringen“. Zugleich brauche es „einen Geist öffentlicher Zusammenarbeit, des Dialogs und der Teilnahme der Einzelnen und der gesellschaftlichen Handlungsträger in den Fragestellungen, die alle angehen“, so Franziskus. Der „ganzheitliche Fortschritt eines Volkes“ müsse gelingen, „ohne jemanden auszuschließen oder abzuweisen“.
„Land einzigartiger Schönheit“.
   Morales hatte seinen Gast aus Rom an der Gangway des Flugzeugs empfangen. Um die Gesundheit des Papstes zu schonen, verkürzte er seine Begrüßungsrede auf nur fünf Minuten; der Flughafen von La Paz liegt in über 4.000 Meter Höhe. Der Papst würdigte Bolivien als „Land einzigartiger Schönheit“ und „von Gott gesegnet“; sein besonderer Reichtum sei allerdings nicht die Natur, sondern seine Menschen. „Es ist vor allem ein Land, das in seinen Menschen gesegnet ist mit seiner reichen kulturellen und ethnischen Wirklichkeit, die einen großen Reichtum und einen bleibenden Aufruf zum gegenseitigen Respekt und zum Dialog darstellt.“ Es bereite ihm große Freude, dass „das Kastilische, das in diese Länder gebracht wurde, heute mit 36 indigenen Sprachen zusammenlebt und sich vermischt“. Das Evangelium habe in Bolivien „starke Wurzeln geschlagen“ und „zur Entwicklung des Volkes beigetragen“.
   Der Papst unterstrich, dass er als Pilger nach Bolivien gekommen sei, und bekräftigte die kirchliche „Option für die Geringsten“, wie sie in grundlegenden Texten der lateinamerikanischen Kirche formuliert worden ist. „Man kann nicht an Gott Vater glauben, ohne in jedem Menschen einen Bruder oder eine Schwester zu sehen“, so Franziskus. Die besondere Sorge der Kirche in Lateinamerika gelte den Familien und den jungen Menschen. „Für die Kinder Sorge zu tragen, dafür zu sorgen, dass die Jugend sich für edle Ideale einsetzt, ist die Garantie für die Zukunft einer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die ihre eigene Versicherung findet, wenn sie ihre alten Leute schätzt, ehrt und für sie sorgt“. Rv150808sk

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Seit Präsident Moeales  vor zehn Jahren die Führung Boliviens übernahm, ist er keinem Streit mit der Kirche aus dem Weg gegangen. Er entfernte Bibel und Kreuz aus dem Präsidentenpalast und machte aus seinem Land einen säkularen Staat. Aber er möchte als Verbündeter von Papst Franziskus gesehen werden; schon zwei Mal hat er den Papst im Vatikan besucht. Nachdem Morales den Papst bei der Landung in La Paza umarmt hatte, gab er ihm ein Kruzifix, das aus Hammer und Sichel geschnitzt war. Franziskus war – wie man auf dem Foto leicht erkennen kann “not amused”, begrüßte aber in seiner Rede Morales als “Bruder Präsident”.  CH150709

Presseschau: Papstäußerung zu Bolivien und Chile schlägt Wellen
Der Papstbesuch bestimmt die Titelseiten vieler lateinamerikanischer Zeitungen

   Zum Auftakt des Bolivien-Besuchs von Papst Franziskus bestimmen die Aussagen des Kirchenoberhauptes zum Küstenstreit zwischen Bolivien und Chile die Berichterstattung. „Franziskus: Der Dialog über das Meer ist unabdingbar“, schreibt etwa die Zeitung „El Deber“. Der Auftakt der Reise sei emotional gewesen, so das Blatt weiter. Die Zeitung „Los Tiempos“ titelt: „Jubel um Franziskus“. Der Pontifex unterstreiche, dass der Dialog in der Frage des Meeres „unabdingbar“ sei.
   Hintergrund ist die Forderung Boliviens nach einem Zugang zum Pazifik, den das Land 1879 nach dem „Salpeterkrieg“ gegen Chile verloren hatte. Franziskus hatte in seiner Ansprache in La Paz in der Nacht zum Donnerstag deutscher Zeit im Beisein von Präsident Evo Morales zu einem offenen Dialog über diese Frage aufgerufen.
   Auch in Chile ist die Papstäußerung Thema: „Papst Franziskus überrascht und bittet in Bolivien um einen Dialog mit Chile über das Meer“, schreibt die Zeitung „La Tercera“. „El Mercurio“ schreibt: „Papst Franziskus drängt in der Kathedrale von La Paz zu einem offenen und freien Dialog über das Meer.“
   In Kolumbien kommentiert die Zeitung „El Tiempo“: „Der Papst greift in das spannungsgeladene Thema zwischen Bolivien und Chile um den Meereszugang ein“.
Reisewelle argentinischer Pilger nach Paraguay: Auch Pilger aus Slum sind dabei
   Die Zeitung „La Nacion“ aus Argentinien, dem Heimatland des Papstes, schreibt: „Bergoglio versus Franziskus - Wie hat der Papst sich verändert, seit er das Amt übernommen hat?“ und berichtet zudem über eine bevorstehende Reisewelle argentinischer Pilger in das Nachbarland Paraguay zum Abschluss der Papstreise. Rund 180 Pilger aus dem Armenviertel „Villa 21“ in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires reisten per Bus zum Papst nach Paraguay, schreibt das Blatt. Die Gruppe nehme dafür in drei Bussen eine rund 30-stündige Anfahrt über 1.200 Kilometer in Kauf.  Zu dem Elendsviertel, in dem viele Menschen mit paraguayischen Wurzeln leben, pflegt Franziskus noch aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires enge Verbindungen. 
   Die Zeitung „Pagina 12“ stellt das Lob des Papstes über die „soziale Inklusion“ innerhalb der bolivianischen Gesellschaft in den Vordergrund der Berichterstattung: „Bei seiner Ankunft in Bolivien lobt Franziskus die Politik der Regierung von Evo Morales.“
   In Ecuador, der ersten Station der Papstreise, analysieren die Medien, ob der dreitägige Aufenthalt des Kirchenoberhauptes Einfluss auf den Verlauf der innenpolitischen Krise in Ecuador haben könnte: „Der Waffenstillstand, um den die Bischöfe während der Papstreise gebeten hatten, ist nun zu Ende. Schon für Donnerstag sind in den sozialen Netzwerken neue Proteste angekündigt“, heißt es.
   In Paraguay zitiert die Tageszeitung „ABC“ mit Blick auf die bevorstehende Ankunft des Papstes am Freitag den ehemaligen Präsidenten und Ex-Bischof Fernando Lugo. Dieser geht dem Bericht zufolge davon aus, dass der Papst in Paraguay darauf drängen werde, dass das Land sozial gerechter und menschlicher werden müsse. Rv150709pr

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Papst Franziskus trifft Vertreter von Staat und Gesellschaft Boliviens
 Franziskus und Präsident Evo Morales vor der Kathedrale von La Paz

   Papst Franziskus hat kurz nach seiner Ankunft in Bolivien in der Kathedrale von La Paz Vertreter des öffentlichen Lebens getroffen. Hier seine Rede in der ganzen Fassung; spontane Zusätze, die der Papst gemacht hat, sind in den Text eingearbeitet.
„Bruder Präsident, Brüder und Schwestern,
   ich freue mich über diese Begegnung mit Ihnen, den Vertretern der Politik und des öffentlichen Lebens in Bolivien, den Mitgliedern des Diplomatischen Korps und den Persönlichkeiten aus der Welt der Kultur und der ehrenamtlichen Tätigkeiten. Ich danke meinem Bruder, dem Erzbischof dieser Kirche von La Paz, Edmundo Abastoflor für seine herzliche Begrüßung. Bitte gestatten Sie mir, dass ich mit einigen Worten der Ermutigung antworte, was die Aufgabe betrifft, die ein jeder von Ihnen verrichtet. Und ich danke Ihnen für diese Hilfe, die Sie mir mit dem Zeugnis Ihres herzlichen Empfangs geben; Sie ermuntert mich zum Weitermachen. Vielen Dank.
   Wir alle hier Anwesende teilen ein jeder auf seine Weise die Berufung, für das Gemeinwohl zu arbeiten. Vor 50 Jahren hat das Zweite Vatikanische Konzil das Gemeinwohl bezeichnet als „die Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung ermöglichen“ Gaudium et spes, 26. Danke Ihnen für Ihr Bestreben – gemäß Ihrer jeweiligen Rolle und Aufgabe –, dass die Menschen und die Gesellschaft sich entwickeln, die Vollendung erreichen. Ich bin mir sicher, dass Sie bei diesem Einsatz für das Gemeinwohl nach dem Schönen, Wahren und Guten streben. Möge diese Anstrengung immer beitragen zu einem Wachstum in einer größeren Achtung für die menschliche Person als solcher mit ihren grundlegenden und unveräußerlichen Rechten im Hinblick auf ihre ganzheitliche Entwicklung sowie in einem größeren Respekt für den sozialen Frieden, das heißt der Stabilität und der Sicherheit einer bestimmten Ordnung, die ohne ein besonderes Augenmerk auf die distributive Gerechtigkeit nicht zu verwirklichen ist vgl. Enzyklika Laudato si’, 157. Einfach gesagt: Der Reichtum muss verteilt werden. 
   Auf dem Weg vom Flughafen zur Kathedrale konnte ich die Gipfel des Hayna Potosi und des Illimani bewundern, des „jungen Berges“ und des Berges, der auf den „Ort, von dem aus die Sonne aufgeht“, weist. Ich habe auch gesehen, wie sich viele Häuser und Viertel kunstgerecht mit den Hängen vermischten, und habe einige Werke ihrer Baukunst bewundert. Die natürliche Umwelt und die soziale, politische und wirtschaftliche Umwelt stehen in enger Beziehung zueinander. Dies treibt uns an, die Grundlagen zu einer ganzheitlichen Ökologie – das ist ein Gesundheitsproblem! – zu legen, die klar alle menschlichen Dimensionen einschließt, um die ernsten Umwelt- und Sozialprobleme unserer Tage zu lösen … Andernfalls werden die Gletscher auf diesen Bergen weiter zurückgehen, und auch die Logik des Empfangens, das Bewusstsein für die Welt, die wir denen, die nach uns kommen, hinterlassen wollen, ihre allgemeine Ausrichtung, ihr Sinn und ihre Werte werden sich wie diese Gletscher zurückziehen vgl. Enzyklika Laudato si’, 159-160. Und dessen muss man sich bewusst werden. Ganzheitliche Ökologie – um das mal zu entwickeln – bedeutet Ökologie der Mutter Erde, die Mutter Erde bewahren; menschliche Ökologie, uns umeinander kümmern; und soziale Ökologie...
   Da alles in Beziehung zueinander steht, brauchen wir einander. Wenn sich die Politik von der Finanzspekulation beherrschen lässt oder die Wirtschaft sich nur nach dem technokratischen und utilitaristischen Paradigma der maximalen Produktion richtet, dann wird man auch die großen Probleme, welche die Menschheit betreffen, nicht verstehen, geschweige denn lösen können. Es ist auch die Kultur vonnöten, zu der nicht nur die Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten des Menschen in der Wissenschaft und die Fähigkeit, in der Kunst Schönheit zu schaffen, gehören, sondern auch die örtlichen Volkstraditionen – auch das ist Kultur! – mit ihrer besonderen Sensibilität für die Umwelt, aus der sie hervorgegangen sind und der sie Sinn verleihen. Gleichermaßen braucht es eine ethische und moralische Bildung, die zu einer Haltung der Solidarität und der Mitverantwortung unter den Menschen erzieht. Wir müssen die spezifische Rolle der Religionen bei der Entwicklung der Kultur und den Nutzen, den sie für die Gesellschaft beisteuern können, anerkennen. Wir Christen insbesondere sind als Jünger der Guten Nachricht Träger einer Heilsbotschaft, die in sich über die Fähigkeit verfügt, die Menschen zu veredeln und zu hohen Idealen anzuregen – Ideale, die in der Lage sind, zu Handlungslinien zu bewegen, die über individuelle Interessen hinausgehen, und darauf einzustimmen, die Fähigkeit zu Verzicht zugunsten anderer, die Solidarität und die anderen Tugenden, die uns halten und vereinen, zu entwickeln. Diese Tugenden, die sich in Ihrer Kultur auf so einfache Weise in diesen drei Geboten ausdrücken: nicht lügen, nicht stehlen und nicht faul sein! 
   Wir müssen allerdings aufpassen, weil wir uns allzuleicht an das Umfeld der Ungleichheit gewöhnen, die uns umgibt, dass wir unsensibel geworden sind für ihre Äußerungen. Und so verwechseln wir, ohne es zu bemerken, das „Gemeinwohl“ mit „Wohlstand“, und da kommt das etwas ins Kippen, immer mehr, und aus Gemeinwohl wird schließlich Wohlstand – vor allem dann, wenn wir selbst ihn genießen. Der Wohlstand, der sich allein auf den materiellen Überfluss bezieht, neigt dazu, egoistisch zu sein, parteiische Interessen zu verteidigen, nicht an die anderen zu denken und der Versuchung des Konsumismus nachzugeben. So verstanden brütet der Wohlstand, anstatt zu helfen, mögliche Konflikte und soziale Auflösung aus. Als beherrschende Sicht, die sich durchgesetzt hat, gebiert er das Übel der Korruption, das sehr entmutigt und großen Schaden anrichtet. Das Gemeinwohl hingegen ist mehr als die Summe der Einzelinteressen; es ist der Schritt von dem, was „besser für mich“ ist, zu dem, was „besser für alle“ ist, und beinhaltet all das, was einem Volk Zusammenhalt verleiht: gemeinsame Ziele, gemeinsame Werte, Ideale, die helfen, den Blick über die individuellen Horizonte hinaus zu richten.
   Die verschiedenen gesellschaftlichen Handlungsträger haben die Verantwortung, zum Aufbau der Einheit und der Entwicklung der Gesellschaft beizutragen. Die Freiheit ist stets der beste Kontext, damit die Denker, die Bürgervereinigungen, die Kommunikationsmittel mit Eifer und Kreativität ihre Funktion im Dienst des Gemeinwohls ausüben. Auch die Christen, die berufen sind, Sauerteig im Volk zu sein, bringen ihre Botschaft in die Gesellschaft ein. Das Licht des Evangeliums Christi ist nicht Eigentum der Kirche; sie dient ihm vielmehr, die Kirche muss dem Evangelium Christi dienen, so dass es die Grenzen der Erde erreicht. Der Glaube ist ein Licht, das nicht blendet; die Ideologien blenden, der Glaube blendet nicht, der Glaube ist ein Licht, das nicht verdunkelt, sondern voll Respekt das Gewissen und die Geschichte jedes Menschen und jedes menschlichen Miteinander erhellt und leitet. Respekt. Das Christentum hat bei der Bildung der Identität des bolivianischen Volkes eine wichtige Rolle gespielt. Die Religionsfreiheit – so wie dieser Ausdruck gewöhnlich im öffentlichen Bereich verstanden wird – erinnert uns auch daran, dass der Glaube nicht auf die bloße Privatsphäre reduziert werden kann. Er ist keine Subkultur. Es wird eine Herausforderung für uns sein, die Entwicklung der christlichen Spiritualität und des christlichen Glaubens, des christlichen Einsatzes in sozialen Werken anzuregen und zu fördern, indem wir das Gemeinwohl über die sozialen Werke weiter ausdehnen.
   Unter den gesellschaftlichen Handlungsträgern möchte ich die Familie hervorheben, die allseits aus so vielen Gründen bedroht ist, durch häusliche Gewalt, Alkoholismus, Chauvinismus, Drogenabhängigkeit, Arbeitslosigkeit, öffentliche Unsicherheit, Vernachlässigung der alten Menschen, Straßenkinder und durch die Annahme von Pseudolösungen, die von Sichtweisen kommen, die nicht gesund sind für die Familie, sondern die deutlich von ideologischen Kolonisierungen herkommen… Viele sind die sozialen Probleme, welche die Familie löst, und in Stille löst, es sind so viele. Die Familie nicht zu fördern heißt die Schwächsten ohne Schutz zu lassen.
   Eine Nation, die das Gemeinwohl anstrebt, kann sich nicht in sich selbst verschließen. Die Netze der Beziehungen festigen die Gesellschaften. Das Problem der Migration in unseren Tagen zeigt es. Die Entwicklung der Diplomatie mit den Nachbarländern, um Konflikte zwischen Brudervölkern zu vermeiden und zum freimütigen und offenen Dialog über die Probleme beizutragen, ist heute unerlässlich.  Und ich denke hier an das Meer: Dialog ist unerlässlich. (Bolivien verhandelt mit Chile um einen Zugang zum Meer, den es nach einem Krieg verloren hat, Anm.d.Red.) Brücken bauen anstatt Mauern aufrichten! Brücken bauen anstatt Mauern aufrichten! Für alle Themen, so heikel sie auch sein mögen, gibt es gemeinsame, vernünftige, gerechte und dauerhafte Lösungen. Und in jedem Fall dürfen sie nie Grund zu Aggressivität, Argwohn oder Feindschaft sein, welche die Situation weiter verschlimmern und die Lösung schwieriger machen.
   Bolivien macht gerade einen historischen Moment durch: die Politik, die Welt der Kultur, die Religionen nehmen teil an dieser schönen Herausforderung der Einheit. In diesem Land, wo die Ausbeutung, die Geldgier, die vielfachen Egoismen und die sektiererischen Sichtweisen seine Geschichte überschattet haben, kann heute die Zeit der Integrationen stattfinden. Und auf diesem Weg gilt es zu gehen Heute kann Bolivien „neue kulturelle Synthesen schaffen“, es ist dazu imstande mit seinem Reichtum. „Wie schön sind die Länder, die das krankhafte Misstrauen überwinden und die anderen mit ihrer Verschiedenheit eingliedern und aus dieser Integration einen Entwicklungsfaktor machen! Wie schön sind sie, wenn sie reich sind an Räumen, die verbinden, in Beziehung setzen und die Anerkennung des anderen begünstigen vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 210! Bolivien ist bei seiner Integration und bei seiner Suche nach Einheit gerufen, diese „vielgestaltige Harmonie, die anzieht“ ebd., 117, zu sein, und die anzieht auf den Weg hin zur Konsolidierung des großen Vaterlands.
 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Ich bitte den Herrn, dass Bolivien, „diese reine und schöne Erde“, immer weiter voranschreitet, um diese „glückliche Heimat, wo die Menschheit das Gut der Glückseligkeit und des Friedens lebt“, zu sein. Die Jungfrau Maria behüte Sie, und der Herr schenke ihnen reichen Segen. Und bitte, bitte, vergessen Sie nicht, für mich zu beten. Vielen Dank.“  Rv150709gs 

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Papstpredigt: Heilige Messe in Bolivien auf dem Platz Cristo Redentore in Santa Cruz
Foto: Papst Franziskus badet in der Menge kurz vor der Messe
Wir halten hier die Papstpredigt in Santa Cruz de la Sierra im Wortlaut fest.  9. Juli 2015

   Wir sind von verschiedenen Orten, Regionen und Dörfern aus hergekommen, um die lebendige Gegenwart Gottes unter uns zu feiern. Stunden zuvor sind wir von unseren Häusern und unseren Gemeinschaften aufgebrochen, um zusammen sein zu können als Heiliges Volk Gottes. Das Kreuz und das Bild der Mission bringen uns alle Gemeinschaften in Erinnerung, die im Namen Jesu in diesen Landstrichen entstanden sind, deren Erben wir sind.
   Im Evangelium, das wir gerade gehört haben, wird uns eine ganz ähnliche Situation beschrieben, wie wir sie jetzt erleben. Ebenso wie jene viertausend Menschen, wollen wir Jesu Wort hören und sein Leben empfangen. Jene damals und wir heute vereint mit dem Meister, dem Brot des Lebens.
   In diesen Tagen habe ich viele Mütter sehen können, die ihre Kinder auf dem Rücken tragen. Wie es hier viele von euch machen. Sie tragen das Leben auf ihren Schultern, die Zukunft ihres Volkes.  Sie tragen den Grund ihrer Freude, ihrer Hoffnungen. Sie tragen den Segen der Erde in ihren Früchten. Sie tragen die mit den Händen vollbrachte Arbeit. Hände, die in der Gegenwart gearbeitet haben und Hoffnungen auf das Morgen schmieden. Jedoch tragen sie auf ihren Schultern auch Enttäuschungen, Traurigkeit und Verbitterung, die Ungerechtigkeit, die nicht aufzuhören scheint, und die Narben einer nie verwirklichten Gerechtigkeit. Sie nehmen die Freude und den Schmerz eines Landes auf sich. Ihr tragt in euch das Gedächtnis eures Volkes. Denn die Völker haben ein Gedächtnis, eine Erinnerung, die von einer Generation auf die andere übergeht, ein Gedächtnis auf dem Weg.
   Und nicht selten erfahren wir die Erschöpfung auf diesem Weg. Nicht selten fehlen die Kräfte, um die Hoffnung lebendig zu erhalten. Wie oft erleben wir Situationen, die unser Gedächtnis betäuben wollen; so wird die Hoffnung abgeschwächt und es gehen die Beweggründe für die Freude verloren. Und es beginnt, uns eine Traurigkeit zu befallen, die individualistisch wird und uns das Gedächtnis als geliebtes Volk, als erwähltes Volk verlieren lässt. Und dieser Verlust vereinzelt uns, macht, dass wir uns den anderen verschließen, besonders den Ärmsten.
   Es kann uns gehen wie den Jüngern damals, als sie die Menschenmenge sahen, die dort zugegen war. Sie baten Jesus, sie wegzuschicken, da es unmöglich war, so vielen Menschen zu essen zu geben. Angesichts so vieler Situationen des Hungers in der Welt können wir sagen: „Das zahlt sich nicht aus, die Rechnung geht nicht auf“. Es ist unmöglich, diese Situationen anzugehen. Unter solchen Umständen bemächtigt sich schließlich die Verzweiflung unseres Herzens.
   In einem verzweifelten Herzen macht sich leicht die Logik breit, die beansprucht, sich in der Welt von heute zu behaupten. Eine Logik, die versucht, alles in Tauschobjekte, Konsumobjekte, alles in Käufliches zu verwandeln. Eine Logik, die darauf abzielt, nur sehr wenigen Raum zu lassen und alle auszuschließen, die nicht „produzieren“, die nicht als geeignet und würdig betrachtet werden, denn anscheinend „zahlt sich das nicht aus“. Wieder einmal spricht Jesus uns an und sagt: „Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen.“ Mt 14,16.
   Es ist eine Einladung, die heute machtvoll für uns erklingt: „Es ist nicht nötig, dass jemand weggeht; Schluss mit den Ausschließungen, gebt ihr ihnen zu essen“, sagt Jesus uns weiter auf diesem Platz. Ja, Schluss mit den Ausschließungen; gebt ihr ihnen zu essen. Der Blick Jesu akzeptiert nicht eine Logik, eine Sichtweise, die immer den Schwächsten, den am meisten Bedürftigen „den Kürzeren ziehen“ lässt. Indem er „die Staffel aufnimmt“, gibt er selbst uns das Beispiel. Er zeigt uns den Weg. Ein Verhalten, das in drei Worten besteht: er nimmt ein wenig Brot und etwas Fisch, spricht das Lob- und Dankgebet darüber, teilt es und gibt es weiter, damit die Jünger es mit den anderen teilen. Das ist der Weg des Wunders. Sicher handelt es sich nicht um Magie oder Götzendienst. Mit Hilfe dieser drei Handlungen gelingt es Jesus, eine Logik des Ausschließens in eine Logik des Miteinander, der Gemeinschaft zu verwandeln. Ich möchte auf jede dieser drei Handlungen kurz eingehen.
    Er nimmt. Der Ausgangspunkt ist der, dass er das Leben der Seinen sehr ernst nimmt. Er schaut ihnen in die Augen und liest aus diesen ihr Leben, ihre Empfindungen ab. Er sieht in diesen Blicken das, was im Gedächtnis und im Herzen seines Volkes schlägt und was aufgehört hat zu schlagen. Er betrachtet es und gibt ihm einen Wert. Er würdigt alles, was sie an Gutem anzubieten haben, all das Gute, auf dessen Grund man aufbauen kann. Aber er spricht nicht von den Dingen, den Kulturgütern oder den Ideen, sondern von den Menschen. Der wirkliche Reichtum einer Gesellschaft bemisst sich am Leben ihrer Menschen. Er bemisst sich an den Alten, die in der Lage sind, ihre Weisheit und das Gedächtnis ihres Volkes an die Kleinsten weiterzugeben. Jesus verletzt nie die Würde einer Person, so sehr sie auch dem Anschein nach nichts zu geben oder zu teilen hat.
   Er spricht den Lobpreis. Jesus nimmt [die Gaben] an und preist den Vater im Himmel. Er weiß, dass diese Gaben ein Geschenk Gottes sind. Deshalb behandelt er sie nicht wie „irgend eine Sache“; denn all dieses Leben ist Frucht der erbarmenden Liebe. Er erkennt das an. Er geht über den einfachen Anschein hinaus, und in dieser Geste des Segnens, im Lobpreis bittet er seinen Vater um die Gabe des Heiligen Geistes. Segnen schließt diese zweifache Perspektive mit ein: einerseits danksagen, anderseits das verwandeln können. Es bedeutet anzuerkennen, dass das Leben immer eine Gabe ist, ein Geschenk, das, wenn es in die Hände Gottes gelegt wird, eine vermehrende Kraft erhält. Unser Vater nimmt uns nichts weg, alles vervielfältigt er.
   Er gibt es weiter. Bei Jesus gibt es kein Nehmen, das nicht auch ein Segen ist, und es existiert kein Segen, der nicht auch Hingabe ist. Der Segen ist immer auch Auftrag, Mission. Er hat eine Zielsetzung, ein gemeinsames Nutzen, das Teilen dessen, was man erhalten hat. Denn nur in der Hingabe, im Mit-teilen finden wir als Menschen die Quelle der Freude und machen die Erfahrung des Heils. Eine Hingabe, die das Gedächtnis wieder herstellen möchte, ein heiliges Volk zu sein, ein eingeladenes Volk, das gerufen ist, Überbringer der Freude des Heils zu sein. Die Hände, die Jesus erhebt, um den Gott des Himmels zu lobpreisen, sind dieselben, die das Brot an die Menge austeilen, die Hunger hat. Wir können uns vorstellen, wie die Brote und die Fische von einer Hand zur anderen gingen, bis sie zu den Entferntesten gelangten. Jesus gelingt es, einen Strom unter den Seinen zu schaffen; alle teilten, was sie hatten, indem sie es zum Geschenk für die anderen werden ließen. So geschah es, dass sie aßen, bis sie satt waren und – kaum zu glauben – etwas übrig blieb: Sie sammelten es ein in sieben Körben. Ein Gedächtnis, das angenommen, lobpreisend gesegnet und weitergegeben wird, sättigt ein Volk immer.
   Die Eucharistie ist „Brot gebrochen für das Leben der Welt“, wie es der Leitspruch des Fünften Eucharistischen Kongresses sagt, den wir heute eröffnen und der in Tarija stattfinden wird. Die Eucharistie ist Sakrament der Gemeinschaft, das uns aus dem Individualismus aussteigen lässt, um gemeinsam in der Nachfolge zu leben, und das uns die Gewissheit gibt, dass das, was wir haben, und das, was wir sind, wenn es angenommen, lobpreisend gesegnet und dargebracht wird, durch die Kraft Gottes und durch die Macht seiner Liebe Brot des Lebens für die anderen wird.
   Die Kirche ist eine im Gedächtnis verwurzelte Gemeinschaft. Deshalb sagt sie, getreu dem Auftrag des Herrn, jedes Mal wieder: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ Lk 22,19. Sie aktualisiert von Generation zu Generation, in den verschiedensten Winkeln unserer Erde, das Geheimnis des Lebensbrots. Sie macht es gegenwärtig und reicht es uns dar. Jesus will, dass wir an seinem Leben Anteil haben und dass es sich durch uns in unserer Gesellschaft vervielfältigt. Wir sind keine isolierten, abgesonderten Menschen, sondern ein Volk des aktualisierten und immer dargereichten Gedächtnisses.
   Ein im Gedächtnis verwurzeltes Leben braucht die anderen, den Austausch, die Begegnung; es braucht eine wirkliche Solidarität, die in der Lage ist, in die Logik des Annehmens, des dankenden Segnens und des Weitergebens einzutreten, in die Logik der Liebe.
   Maria hat wie viele von euch das Gedächtnis ihres Volkes, das Leben ihres Sohnes in sich getragen und in ihrem eigenen Innern die Größe Gottes erfahren. So konnte sie jubelnd von Ihm bekennen: „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben“ Lk 1,53. Maria sei heute unser Beispiel, um uns der Güte Gottes anzuempfehlen, der mit der Niedrigkeit seiner Diener große Werke vollbringt. rv150709no

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Papstmesse in Bolivien: Teilt das Brot der Welt!   -   Papstmesse in Bolivien

   Musikalisch, bunt und fröhlich. Es war die einzige große Messe von Papst Franziskus in Bolivien, der mittleren Etappe seiner Südamerikareise. Der Gottesdienst mit dem Papst in Santa Cruz de la Sierra bildete zugleich die Eröffnung des V. Nationalen Eucharistischen Kongresses. Nach einer kilometerlangen Fahrt durch die Menschenmengen, viele Pilger sollen auch aus Argentinien angereist sein, rief Franziskus am Donnerstagvormittag um 10 Uhr Ortszeit am Platz „Cristo Redentore" (Christus, der Erlöser) dazu auf, das „Brot des Lebens“ zu teilen und darauf zu achten, niemanden auszuschließen. In Bolivien, einem Land mit weit offener Schere zwischen Arm und Reich, lud der Papst dazu ein, die Armen nicht auszugrenzen, alle Völker zu akzeptieren und sich nicht von Verzweiflung leiten zu lassen.
   „Angesichts so vieler Situationen des Hungers in der Welt können wir sagen: 'Das zahlt sich nicht aus, die Rechnung geht nicht auf'. Es ist unmöglich, diese Situationen anzugehen. Unter solchen Umständen bemächtigt sich schließlich die Verzweiflung unseres Herzens.“
   Dies sei aber eine Verzweiflung, die Menschen davon abhalte zu helfen, betonte der Papst. Er bezog sich in seiner Predigt auf die Speisung der Fünftausend mit fünf Broten und zwei Fischen. An den Worten von Jesus, „sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihnen zu essen“ Mt 14,16 solle man sich orientieren und niemanden ausschließen. Den Kreislauf durchbrechen und eine „Logik des Ausschließens“ in eine „Logik der Gemeinschaft“ verwandeln.
   „Ein Verhalten, das in drei Worten besteht: er nimmt ein wenig Brot und etwas Fisch, spricht das Lob- und Dankgebet darüber, teilt es und gibt es weiter, damit die Jünger es mit den anderen teilen. Das ist der Weg des Wunders. Sicher handelt es sich nicht um Magie oder Götzendienst.“
   Diese drei Symbolhandlungen Jesu beim Wunder der Vermehrung der Brote und Fische – er nimmt ein wenig Brot, er spricht den Lobpreis, er gibt weiter – legte Franziskus in der Predigt aus.
   „Er nimmt ein wenig Brot“: Papst Franziskus sieht darin die Aufmerksamkeit Jesu für das Leben der Seinen. Jesus nehme „nicht nur eine Kultur oder eine Idee wahr, sondern den Mensch selbst“. Und so bemesse sich der wirkliche Reichtum einer Gesellschaft „am Leben ihrer Menschen. Er bemisst sich an den Alten, die in der Lage sind, ihre Weisheit und das Gedächtnis ihres Volkes an die Kleinsten weiterzugeben.“
   „Er spricht den Lobpreis“. Mit diesem Sprechakt habe Jesus gedankt anerkannt, dass das Leben eine Gabe und ein Geschenk Gottes ist.
   Und schließlich: „Er gibt weiter“. Das Teilen und Geben habe Jesus als hohes Gut angesehen, und seine Nachfolger sollten es ihm da gleichtun. „Denn nur in der Hingabe, im Mit-teilen finden wir als Menschen die Quelle der Freude und machen die Erfahrung des Heils.“
   Diese Schritte finden sich auch in dem Sakrament der Eucharistie wieder. Die Eucharistie sei das „Brot gebrochen für das Leben der Welt“, sagte Franziskus und griff damit das Motto des fünften eucharistischen Kongresses auf, der an diesem Tage in Tarija eröffnet werde.
   In der Predigt ging Franziskus auch auf die Vielfalt des bolivianischen Volkes ein. Bei der Liturgie waren drei der rund 36 indigenen Sprachen des Landes in Form von Gebeten vertreten –  in den Sprachen Guarani, Quechua und Aymara. Das Annehmen der Vielfalt sei essentiell für die Entwicklung der Gesellschaft, sagte der Papst.
   „Ein im Gedächtnis verwurzeltes Leben braucht die anderen, den Austausch, die Begegnung; es braucht eine wirkliche Solidarität, die in der Lage ist, in die Logik des Annehmens, des dankenden Segnens und des Weitergebens einzutreten, in die Logik der Liebe.“
   Erzbischof Sergio Alfredo Gualberti Calandrina von Santa Cruz de la Sierra hatte den Papst als Friedensboten begrüßt, der Spaltungen überwinden helfe sowie Korruption und Parteilichkeit der Justiz verbannen solle. Rv150709no

miAm-Reise-36-Z-MadresDePlazaMayo           "Madres de la Plaza de Mayo"

Was Jorge Bergoglio einer paraguayischen Kommunistin verdankt - Foto: Zwei heutige Mitglieder der Menschenrechtsgruppe "Madres de la Plaza de Mayo", die Esther Ballestrino mitbegründete

   Papst Franziskus will bei seiner Reise nach Ecuador, Bolivien und Paraguay zur Aufarbeitung der früheren Diktaturen beitragen, die bisher in weiten Teilen nur bruchstückhaft geschehen ist. Das Anliegen ist eng mit der Biografie des Pontifex aus Argentinien verknüpft. In den späten 1970er-Jahren hat Jorge Mario Bergoglio das damalige brutale Militärregime seiner Heimat hautnah miterlebt. Was  Paraguay betrifft, wohin Franziskus am Freitag reist, kommt ein großes persönliches Trauma des Papstes in diesem Kontext ins Spiel. Ein Kathpress- Hintergrundbericht von Johannes Pernsteiner.
   In seiner Funktion als argentinischer Jesuitenprovinzial hatte Bergoglio zur Rettung zahlreicher Menschen vor dem Staatsterror beigetragen - teils mit Erfolg, aber nicht immer. Denn für manche Weggefährten und Freunde war der Einsatz vergeblich. Zu Letzteren gehörte Esther Ballestrino de Careaga (1918-1977). Die Paraguayanerin und Menschenrechtsaktivistin war die erste Arbeitgeberin des heutigen Papstes.
   Eine „großartige Frau", humorvoll und eine „außergewöhnliche Chefin" sei Esther Ballestrino gewesen, gab Bergoglio an, als er 2010 über seine Funktion als Ordensoberer bei jenem Tribunal aussagte, das sich der Aufarbeitung der argentinischen Diktatur widmete. Der promovierten Biochemikerin und Pharmazeutin verdanke er viel - etwa, dass er von ihr den Wert und Ernst der Arbeit gelernt habe. „Sie war eine Frau, die mir beigebracht hat, wie man arbeitet. Wie man exakte Analysen rund um Glycerin und ähnliche Substanzen durchführt, und wie man gut wissenschaftlich arbeitet."
   Die Zeit, auf die sich Bergoglio bezog, waren die Jahre 1953 und 1954. Jorge Mario war gerade 17. Er versuchte sich als Chemielaborant, die promovierte Biochemikerin und Pharmazeutin Ballestrino, die aus Paraguay flüchten musste,  leitete das Labor in Buenos Aires. 
   Im Buch „El Jesuita" wird Bergoglio sogar damit zitiert, die Arbeit sei „eines jener Dinge im Leben, die mir am besten getan haben", gewesen, und er sei seinem Vater Mario Jose Francisco stets dankbar dafür gewesen, dass er ihn arbeiten geschickt habe, habe er doch im „das gute und schlechte von jeder menschlichen Arbeit gelernt".
   Doch auch Bergoglios Interesse für Politik wurde laut seinen Angaben von Ballestrino geweckt. Die Paraguayerin war bekennende Kommunistin und in ihrer Heimat Gründerin und Generalsekretärin der feministischen Bewegung gewesen. Sie gehörte einer revolutionären Partei sozialistischer Prägung an, weshalb sie von der Militärdiktatur unter Higinio Morinigo verfolgt wurde. 1947 flüchtete sie ins Exil im benachbarten Argentinien, heiratete hier und hatte drei Töchter. Immer wieder versorgte sie den heutigen Papst mit Lesestoff, anschließend wurde darüber diskutiert.
   Just in die Chemielaborszeit fiel für den jungen Bergoglio der Moment seiner Berufung zum Priestertum.  Er trat in den Jesuitenorden sowie ins Priesterseminar ein, der freundschaftliche Kontakt zu der um 18 Jahre älteren Ballestrino blieb jedoch trotz getrennter Wege bestehen.
Entführung, Folter und Ermordung
  Der argentinische Staatsstreich vom 24. März 1976 durch General Jorge Videla und dessen Repressalien gegen mutmaßlich Oppositionelle stellte alles unter neue Vorzeichen: Zwei Schwiegersöhne und eine im dritten Monat schwangere Tochter Ballestrinos wurden entführt und gefoltert, worauf die Chemikerin mit anderen Angehörigen von Verschwundenen die Gruppe „Madres de la Plaza de Mayo" gründete. Nach der geglückten Freilassung der Tochter floh Ballestrino mit ihrer Familie nach Brasilien und Schweden, kehrte jedoch bald wieder nach Argentinien zurück mit dem Vorhaben, weiter für die Auffindung von Entführungsopfern zu kämpfen.
   Zur letzten Begegnung von Bergoglio mit seiner früheren Chefin kam es, als Ballestrino den Jesuitenoberen am Telefon um die Krankensalbung für ihre Schwiegermutter bat. Der heutige Papst erfüllte den Wunsch, wenngleich er ihm eigenartig vorkam, auch wenn die Schwiegermutter als einzige der Familie gläubig und „einigermaßen fromm" gewesen sei. Ballestrino nutzte die Gelegenheit, um den Ordensmann um ein Versteck für die Bibliothek zu fragen; ihr war bewusst, dass das Regime jede ihrer Aktivitäten überwachen ließ.
   Längst waren auch die geheimen Treffen der „Madres de la Plaza de Mayo", die in der Kirche „Santa Cruz" stattfanden, infiltriert. 13 Mitglieder - darunter Ballestrino sowie zwei französische Ordensschwestern, Alice Domon und Leonie Duquet - flogen am 8. Dezember 1977 durch einen Spion der Armee auf, der der Gruppe als vermeintlicher Angehöriger eines Verschwundenen beigetreten war. Sie wurden von einem Kommando der Diktatur verschleppt, zehn Tage lang gefoltert und schließlich auf einem der zu trauriger Berühmtheit gelangten Todesflüge umgebracht. Als Todesdatum gilt der 18. Dezember 1977. 
Vergeblicher Einsatz
   Gegenüber dem Tribunal erklärte Bergoglio 2010, er sei „erschüttert" gewesen, als er von der Verschleppung und Ermordung Ballestrinos erfuhr.  Der Jesuitenprovinzial wollte sich mit Verwandten der Aktivistin in Verbindung setzen, doch waren diese untergetaucht. Er suchte deshalb den Kontakt mit Menschenrechtlern - in der Hoffnung, diese könnten aufgrund ihrer Beziehungen Näheres in Erfahrung bringen oder etwas für die Verschwundenen unternehmen. Er sprach vor bei Mitarbeitern der Rechtsabteilung der Erzdiözese, die formell für den Behördenkontakt zuständig waren.
   Erst 2005 wurden die sterblichen Überreste Ballestrinos und ihrer Mitstreiter identifiziert. Sie waren 1978 an der Küste bei Buenos Aires aufgefunden und in ein Massengrab geworfen worden. Bergoglio, nunmehr Kardinal und Erzbischof der Hauptstadt-Diözese, gab die Erlaubnis für eine Bestattung in der Kirche Santa Cruz, die seither eine Gedenkstätte ist. Rv150709pr

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Kardinal Turkson: Kirche solidarisch mit Volksbewegungen Foto:  Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson

   Eine der wichtigsten oder zumindest öffentlichkeitswirksamsten Begegnungen bei dieser Lateinamerikareise von Papst Franziskus findet an diesem Donnerstagabend in Bolivien statt: Der Papst nimmt an einem internationalen Treffen der Volksbewegungen teil. Wenige Tage vor diesem Treffen hat sich der Vatikanvertreter Kardinal Peter Turkson mit den Zielen der Bewegungen solidarisch erklärt. Die Kirche anerkenne, schätze und fördere das politische Engagement der Volksbewegungen, unterstrich der Präsident des Päpstlichen Friedensrates beim Start der Konferenz am Dienstag im bolivianischen Santa Cruz. An dem Zweiten Welttreffen der Volksbewegungen in Bolivien nehmen schätzungsweise 1.500 Vertreter aus Lateinamerika und anderer Kontinente teil, darunter zahlreiche Bischöfe und andere Kirchenvertreter. Papst Franziskus tritt am Donnerstagabend vor die versammelten Vertreter und wird in einer Ansprache seine Sicht der Dinge darlegen.
   Bereits im Oktober 2014 hatte der Papst Teilnehmer eines solchen Treffens der Volksbewegungen im Vatikan empfangen und über das Thema Solidarität gesprochen: „Das bedeutet, denken und aktiv werden für die Gemeinschaft und einstehen für die Prioritäten des Lebens, anstatt all das tun, was nur die Inbesitznahme von Gütern ist", so der Papst damals. Und weiter: „Solidarität bedeutet auch, dafür zu kämpfen, dass es keine Ungleichheiten und Armut oder Arbeitslosigkeit und Enteignungen gibt. Solidarität ist auch der Kampf um soziale Rechte und um die Rechte von Arbeitern.“ Es gehe bei diesen Volksbewegungen darum, die „Demokratien zu revitalisieren", so der Papst. > Siehe dazu unseren nächsten Artikel!
   Das Thema jetzt beim Treffen in Bolivien sei dasselbe wir beim Treffen im Vatikan, betonte Kardinal Turkson im Interview mit Radio Vatikan. „Er kritisiert oft die Wirtschaft, die nicht richtig funktioniert, oder das internationale Finanzsystem. Das Thema des Ausschlusses von Menschen, um das es dabei geht, erinnert uns daran, dass, wenn es gelänge, all die Ausgeschlossenen ins Boot zu holen, die Welt viel besser wäre.“ Von den sieben Milliarden Menschen auf der Welt werden drei Milliarden in den „informellen Sektor“ sortiert, rechnet Kardinal Turkson vor. Sie seien weder ins Wirtschaftssystem noch in die Gesellschaft eingegliedert, zahlten auch keine Steuern. „Es gibt einen großen Teil der menschlichen Aktivität, der nicht anerkannt wird“, so Turkson. „Hierum geht es bei diesen Treffen, sie sollen Protagonisten, Verantwortliche für ihre eigene Zukunft werden.“
   Das Treffen in Bolivien sei deswegen etwas Besonderes, weil der Präsident des Landes, Evo Morales, selber aus der Bewegung hervor gegangen sei. Man fühle sich also zu Hause, so Turkson. Morales hatte auch am ersten Treffen 2014 im Vatikan teilgenommen.  Rv150709ord

Papst an Volksbewegungen: „Kämpft gegen Ungleichheit!“

        Der Begriff Solidarität wird oft missverstanden; er bedeutet mehr als nur großzügig sein. Das sagte der Papst an am 28. Oktober 2014 im Vatikan. Er empfing die Teilnehmer des internationalen Treffens von Volksbewegungen, das vom Päpstlichen Friedensrat organisiert worden war. Franziskus sprach die Engagierten aus allen Teilen der Welt auf das Thema „Solidarität“ an:
      „Das bedeutet, denken und aktiv werden für die Gemeinschaft und einstehen für die Prioritäten des Lebens, anstatt all das tun, was nur die Inbesitznahme von Gütern ist. Solidarität bedeutet auch, dafür zu kämpfen, dass es keine Ungleichheiten und Armut oder Arbeitslosigkeit und Enteignungen gibt. Solidarität ist auch der Kampf um soziale Rechte und um die Rechte von Arbeitern.“
       Das Treffen im Vatikan sei keine „Unterstützung für eine Ideologie“, so der Papst in seiner zum Teil frei gehaltenen Rede. Und dennoch konnte der argentinische Papst seinen Gästen den Respekt für ihren Einsatz nicht versagen.
       „Ihr arbeitet ja nicht mit Ideen, sondern mit der Realität, sozusagen. Wie ich schon oft gesagt habe: Ihr steht mit beiden Füßen auf dem Boden, und habt die Hände bei der Arbeit. … Wir wollen, dass eure Stimme gehört wird, was leider oft nicht der Fall ist!“
       „Erde, Dach überm Kopf und Arbeit“, so lautete der Titel des Treffens in Rom. Angesprochen wurde eine Vielfalt von Themen; da ging es etwa um Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen, um die Rechte von Migranten oder um die Belange von Kleinbauern und Landlosen.
    „Probleme beim Namen nennen“
       „Es ist schon komisch, dass es in einer Welt voller Ungerechtigkeiten so viele Euphemismen gibt. Wir nennen die Probleme nicht mehr beim Namen, sondern suchen immer beschönigende Worte. Eine Person, die im Elend lebt oder hungert, nennt man dann einfach ,Straßenmensch´. Das klingt schön, nicht wahr? Doch hinter diesem Euphemismus steckt ein Verbrechen!“
       Die Existenz von Volksbewegungen zeigen nach den Worten von Papst Franziskus „die dringende Notwendigkeit, unsere Demokratien zu revitalisieren“. Eine Gesellschaft, bei der die „großen Mehrheiten“ nicht aktiv mitgestalten dürften, habe keine Zukunft, „und dieser Protagonismus geht über die formellen Verfahren in einer Demokratie hinaus“.
    „Keine Familie ohne Dach überm Kopf!“, rief der Papst: „Kein Bauer ohne Land! Kein Arbeiter ohne Rechte! Kein Mensch ohne die Würde, die das Arbeiten verleiht!“ Die Arbeit der Volksbewegungen sei „ein Segen für die Menschheit“.
       An der Audienz im Vatikan nahmen vor allem Vertreter von Basisorganisationen aus Lateinamerika teil, die über die Nöte der Betroffenen und ihren Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit berichteten. Die Konferenz von Montag bis Mittwoch kam auf Anregung von Papst Franziskus zustande. Neben Basisorganisationen beteiligen sich auch Vertreter christlicher Gewerkschaften an dem Treffen. Tagungsorte sind die Päpstliche Universität Salesianum und die Alte Synodenaula im Vatikan. Bei der Papstaudienz war auch der bolivianische Präsident Evo Morales dabei. Rv141028mg

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Ansprache von Papst Franziskus beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra,
Bolivien, am 9. Juli 2015  -  Volltext: Wir sagen nein zu allen Formen der Kolonialisierung

Ihnen allen einen guten Abend!
   Vor einigen Monaten haben wir uns in Rom versammelt, und mir ist diese unsere erste Begegnung noch gegenwärtig. Während dieser Zeit habe ich Sie in meinem Herzen und in meinen Gebeten getragen. Ich freue mich, Sie erneut hier zu haben, in einem Gespräch über die besten Wege, wie die Situationen schwerer Ungerechtigkeit überwunden werden können, unter denen die Ausgeschlossenen in aller Welt leiden. Danke, Herr Präsident Evo Morales, dass Sie diese Begegnung so entschlossen begleiten.

   Damals in Rom habe ich etwas sehr Schönes empfunden: Geschwisterlichkeit, Charisma, Engagement, Durst nach Gerechtigkeit. Heute in Santa Cruz de la Sierra spüre ich wieder das Gleiche. Danke dafür! Durch den Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden unter dem Vorsitzt von Kardinal Turkson habe ich auch erfahren, dass es viele in der Kirche gibt, die den Volksbewegungen nahe stehen. Das freut mich sehr! Zu sehen, dass die Kirche Ihnen allen ihre Türen öffnet, sich begleitend einbringt und es ihr gelingt, in jeder Diözese und jeder Kommission für Gerechtigkeit und Frieden eine wirkliche, ständige und engagierte Zusammenarbeit mit den Volksbewegungen zu strukturieren. Alle – Bischöfe, Priester und Laien gemeinsam mit den sozialen Einrichtungen der städtischen und ländlichen Randgebiete – lade ich ein, diese Begegnung zu vertiefen.
   Gott hat es gewährt, dass wir uns heute ein weiteres Mal sehen. Die Bibel erinnert uns daran, dass Gott die Klage seines Volkes hört, und auch ich möchte erneut meine Stimme mit der Ihren vereinen: Grund und Boden, Wohnung und Arbeit für alle unsere Brüder und Schwestern! Das habe ich gesagt, und ich wiederhole es: Es sind unantastbare Rechte. Es lohnt sich, es lohnt sich, für sie zu kämpfen. Möge die Klage der Ausgeschlossenen in Lateinamerika und auf der ganzen Erde gehört werden!

1. Beginnen wir mit der Einsicht, dass wir eine Veränderung brauchen. Damit es keine Missverständnisse gibt, möchte ich klarstellen, dass ich von den gemeinsamen Problemen aller Lateinamerikaner – und generell der ganzen Menschheit – spreche. Von Problemen, die globalen Charakter haben und die heute kein Staat im Alleingang lösen kann. Nach dieser Klärung schlage ich vor, dass wir uns folgende Fragen stellen:
   Sehen wir ein, dass etwas nicht in Ordnung ist in einer Welt, in der es so viele Campesinos ohne Grund und Boden, so viele Familien ohne Wohnung, so viele Arbeiter ohne Rechte gibt, so viele Menschen, die in ihrer Würde verletzt sind?
   Sehen wir ein, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn so viele sinnlose Kriege ausbrechen und  die brudermörderische Gewalt sich selbst unserer Stadtviertel bemächtigt? Sehen wir ein, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn der Boden, das Wasser, die Luft und alle Wesen der Schöpfung einer ständigen Bedrohung ausgesetzt sind? Sagen wir es ganz unerschrocken: Wir brauchen und wir wollen eine Veränderung.
In Ihren Briefen und in unseren Begegnungen haben Sie mir die vielfältigen Ausschließungen und Ungerechtigkeiten geschildert, die Sie bei jeder Arbeit, in jedem Stadtviertel, in jedem Territorium erleiden. Sie sind so zahlreich und so unterschiedlich, wie Ihre Formen, ihnen entgegenzutreten, zahlreich und unterschiedlich sind. Es gibt jedoch einen unsichtbaren Faden, der alle diese Ausschließungen miteinander verbindet. Können wir ihn erkennen? Es handelt sich nämlich nicht um isolierte Probleme. Ich frage mich, ob wir fähig sind zu erkennen, dass diese zerstörerischen Wirklichkeiten einem System entsprechen, das sich über den ganzen Globus erstreckt. Erkennen wir, dass dieses System die Logik des Gewinns um jeden Preis durchgesetzt hat, ohne an die soziale Ausschließung oder die Zerstörung der Natur zu denken?
   Ja, so ist es, ich beharre darauf, sagen wir es unerschrocken: Wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen; die Campesinos ertragen es nicht, die Arbeiter ertragen es nicht, die Gemeinschaften ertragen es nicht, die Völker ertragen es nicht… Und ebenso wenig erträgt es die Erde, „unsere Schwester, Mutter Erde“, wie der heilige Franziskus sagte.
   Wir wollen eine Veränderung in unserem Leben, in unseren Wohnvierteln, in der niedrigen Bezahlung, in unserer unmittelbaren Wirklichkeit; auch eine Veränderung, welche die ganze Welt berührt, denn heute verlangt die weltweite Interdependenz globale Antworten auf die lokalen Probleme. Die Globalisierung der Hoffnung, die in den Völkern aufkeimt und unter den Armen wächst, muss an die Stelle der Globalisierung der Ausschließung und der Gleichgültigkeit treten!
   Ich möchte heute mit Ihnen über die Veränderung nachdenken, die wir wollen und brauchen. Sie wissen, dass ich vor Kurzem über die Probleme des Klimawandels geschrieben habe. Doch diesmal möchte ich über einen Wandel im anderen Sinn sprechen. Über einen positiven Wandel, eine Veränderung, die uns gut tut, einen „erlösenden“ Wandel, könnten wir sagen. Denn wir brauchen ihn. Ich weiß, dass Sie eine Veränderung suchen, und nicht nur Sie: Bei den verschiedenen Begegnungen, auf den verschiedenen Reisen habe ich festgestellt, dass es in allen Völkern der Welt eine Erwartung gibt, eine starke Suche, ein Sehnen nach Veränderung. Selbst in dieser immer kleineren Minderheit, die glaubt, von diesem System zu profitieren, herrscht die Unzufriedenheit und besonders die Traurigkeit. Viele erhoffen einen Wandel, der sie von dieser individualistischen, versklavenden Traurigkeit befreit.
   Die Zeit, Brüder und Schwestern, die Zeit scheint reif. Es reichte nicht, dass wir untereinander gestritten haben, sondern wir wüten sogar gegen unser Haus. Heute gibt die Wissenschaft zu, was die einfachen Leute schon seit langer Zeit anprangern: Dem Ökosystem werden Schäden zugefügt, die vielleicht irreversibel sind. Die Erde, die Völker und die einzelnen Menschen werden auf fast barbarische Weise gezüchtigt. Und hinter so viel Schmerz, so viel Tod und Zerstörung riecht man den Gestank dessen, was Basilius von Cäsarea den „Mist des Teufels“ nannte. Das hemmungslose Streben nach Geld, das regiert. Der Dienst am Gemeinwohl wird außer Acht gelassen. Wenn das Kapital sich in einen Götzen verwandelt und die Optionen der Menschen bestimmt, wenn die Geldgier das ganze sozioökonomische System bevormundet, zerrüttet es die Gesellschaft, verwirft es den Menschen, macht ihn zum Sklaven, zerstört die Brüderlichkeit unter den Menschen, bringt Völker gegeneinander auf und gefährdet – wie wir sehen – dieses unser gemeinsames Haus.
   Ich möchte mich nicht damit aufhalten, die üblen Auswirkungen dieser subtilen Diktatur zu beschreiben; Sie kennen sie. Es reicht auch nicht, die strukturellen Ursachen des augenblicklichen sozialen und ökologischen Dramas aufzuzeigen. Wir leiden unter einem gewissen Übermaß an Diagnose, das uns manchmal in einen wortreichen Pessimismus führt oder dazu, uns am Negativen zu ergötzen. Wenn wir die schwarze Chronik jedes Tages sehen, meinen wir, dass man nichts tun kann, als sich um sich selbst und den kleinen Kreis von Familie und Freunden zu kümmern.
    Was kann ich, ein Cartonero, eine Catadora, ein Müllsucher, eine Müllsortiererin angesichts so vieler Probleme tun, wenn ich kaum genug zum Essen verdiene? Was kann ich Handwerker, Straßenhändler, Fernfahrer, ausgeschlossener Arbeiter tun, wenn ich nicht einmal Arbeitsrechte habe? Was kann ich Bäuerin, ich Indio, ich Fischer tun, wenn ich kaum der Unterwerfung durch die großen Genossenschaften widerstehen kann? Was kann ich von meinem Elendsviertel, meiner Bruchbude, meinem Dörfchen, meiner Barackensiedlung aus tun, wenn ich täglich diskriminiert und ausgegrenzt werde? Was kann dieser Student, dieser Jugendliche, dieser Vorkämpfer, dieser Missionar tun, der durch die Stadtviertel und die Gegenden läuft mit dem Herzen voller Träume, doch nahezu ohne irgendeine Lösung für meine Probleme? – Viel! Sie können viel tun. Sie, die Unbedeutendsten, die Ausgebeuteten, die Armen und Ausgeschlossenen, können viel und tun viel. Ich wage, Ihnen zu sagen, dass die Zukunft der Menschheit großenteils in Ihren Händen liegt, in Ihren Fähigkeiten, sich zusammenzuschließen und kreative Alternativen zu fördern, im täglichen Streben nach den „drei T“ trabajo, techo, tierra ( Arbeit, Wohnung, Grund und Boden) und auch in Ihrer Beteiligung als Protagonisten an den großen Wandlungsprozessen auf nationaler, regionaler und weltweiter Ebene. Lassen Sie sich nicht einschüchtern!

2.  Sie sind Aussäer von Veränderung. Hier in Bolivien habe ich einen Ausdruck gehört, der mir sehr gefällt: „Wandlungsprozess“. Die Veränderung, nicht verstanden als etwas, das eines Tages eintreffen wird, weil diese oder jene politische Option sich durchgesetzt hat oder weil diese oder jene soziale Struktur errichtet wurde. Wir haben die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass ein Wandel der Strukturen, der nicht mit einer aufrichtigen Umkehr des Verhaltens und des Herzens einhergeht, darauf hinausläuft, früher oder später zu verbürokratisieren, zu verderben und unterzugehen. Darum gefällt mir das Bild des Prozesses so sehr, wo die Freude am Aussäen und gelassenen Begießen von etwas, dessen Erblühen später andere sehen werden, an die Stelle der ängstlichen Sorge tritt, alle verfügbaren Machtbereiche zu besetzen und unmittelbare Ergebnisse zu sehen. Jeder von uns ist nicht mehr als ein Teil eines komplexen und vielschichtigen Ganzen, das in wechselseitiger Beeinflussung durch die Zeit geht – Bevölkerungsgruppen, die um Bedeutung ringen, für ein Ziel kämpfen, um in Würde zu leben, um „gut zu leben“.  
   Sie aus den Volksbewegungen übernehmen die immer gleichen Arbeiten, motiviert durch die Bruderliebe, die sich gegen die soziale Ungerechtigkeit auflehnt. Wenn wir das Gesicht der Leidenden sehen, das Gesicht des bedrohten Campesinos, des ausgeschlossenen Arbeiters, des unterdrückten Ureinwohners, der obdachlosen Familie, des verfolgten Migranten, des arbeitslosen Jugendlichen, des ausgebeuteten Kindes; das Gesicht der Mutter, die ihren Sohn in einer Schießerei verloren hat, weil das Quartier vom Drogenhandel eingenommen war; das Gesicht des Vaters, der seine Tochter verloren hat, weil sie der Sklaverei unterworfen wurde; wenn wir an diese „Gesichter und Namen“ denken, erschauern wir im Innersten und sind erschüttert… Denn „wir haben gesehen und gehört“ – nicht die kalte Statistik, sondern die Wunden der verletzten Menschheit, unsere Wunden, unser Fleisch. Das ist etwas ganz anderes als das abstrakte Theoretisieren oder die vornehme Entrüstung. Das erschüttert uns, bringt uns in Bewegung, und wir suchen den anderen, um uns gemeinsam zu bewegen. Diese zu gemeinschaftlichem Handeln gewordene Ergriffenheit kann man nicht mit dem Verstand allein begreifen: Sie besitzt ein Mehr an Sinngehalt, das nur die Leute aus dem Volk verstehen und das den wirklichen Volksbewegungen ihre besondere Mystik verleiht.
   Sie leben Tag für Tag im Zentrum des menschlichen Unwetters, gleichsam darin eingetaucht. Sie haben mir von Ihren Anliegen erzählt, mich teilhaben lassen an Ihrem Ringen, und ich danke Ihnen dafür. Sie, liebe Brüder, arbeiten oftmals im Kleinen, im Naheliegenden, in der ungerechten Wirklichkeit, die Ihnen aufgezwungen wurde und mit der Sie sich nicht abfinden, sondern dem götzendienerischen System, das ausschließt, demütigt und tötet, aktiven Widerstand entgegensetzen. Ich habe Sie unermüdlich arbeiten sehen für den Boden und die kleinbäuerliche Landwirtschaft, für Ihre Territorien und Gemeinschaften, für die Achtung der Würde der volksnahen Wirtschaft, für die städtische Eingliederung Ihrer Vororte und Siedlungen, für den Eigenbau von Wohnungen und die Entwicklung einer Infrastruktur der Wohnviertel sowie in vielen gemeinschaftlichen Aktivitäten, die auf die erneute Bekräftigung von etwas so Elementarem und unbestreitbar Notwendigem abzielen wie das Recht auf die „drei T“: tierra, techo, trabajo – Boden, Wohnung und Arbeit.
   Diese Verwurzelung im Stadtviertel, im Grund und Boden, im Territorium, im Handwerk, in der Genossenschaft, dieses Sich-Erkennen im Gesicht des anderen, diese Nähe im Alltag mit seinem Elend und seinem täglichen Heldentum – all das erlaubt, die Sendung der Liebe zu praktizieren, nicht aufgrund von Ideen und Konzepten, sondern aufgrund der echten Begegnung zwischen Menschen, denn was man liebt, sind nicht die Konzepte und die Ideen; man liebt die Menschen. Die Hingabe, die wahre Hingabe geht aus der Liebe hervor, aus der Liebe zu Männern und Frauen, zu Kindern und Alten, zu Volksgruppen und Gemeinschaften…Gesichter und Namen, die das Herz erfüllen. Aus diesen Samen der Hoffnung, die geduldig in den vergessenen Peripherien des Planeten ausgesät werden, aus diesen Sprossen der Zärtlichkeit, die in der Dunkelheit des Ausgeschlossenseins ums Überleben kämpfen, werden große Bäume heranwachsen, werden dichte Wälder der Hoffnung entstehen, um diese Welt mit Sauerstoff zu versorgen.
   Ich sehe mit Freude, dass Sie im Naheliegenden arbeiten und pflegen, was aufsprosst, zugleich aber in einer weiter reichenden Perspektive die Baumpflanzung schützen. Sie arbeiten in einer Perspektive, die nicht nur den jeweiligen Sektor der Wirklichkeit in Angriff nimmt,  den jeder von Ihnen vertritt und in dem er glücklich verwurzelt ist, sondern Sie versuchen auch, die allgemeinen Probleme von Armut, Ungleichheit und Ausschließung von Grund auf zu lösen.
   Dafür beglückwünsche ich Sie. Es ist unerlässlich, dass die Völker und ihre sozialen Organisationen zugleich mit der Einforderung ihrer legitimen Rechte eine menschliche Alternative zur ausschließenden Globalisierung aufbauen. Sie sind Aussäer der Veränderung. Möge Gott Ihnen Mut, Freude, Ausdauer und Leidenschaft schenken, mit dem Säen fortzufahren! Seien Sie gewiss, dass wir früher oder später die Früchte sehen werden. Die Leiter bitte ich: Seien Sie kreativ und verlieren Sie nie die Verwurzelung im Naheliegenden, denn der Vater der Lüge weiß edle Worte anderer für seine Zwecke zu gebrauchen, geistige Moderichtungen zu fördern und ideologische Posen anzunehmen. Wenn Sie aber auf soliden Fundamenten aufbauen, auf den realen Bedürfnissen und der lebendigen Erfahrung Ihrer Brüder und Schwestern – der Campesinos und der Ureinwohner, der ausgeschlossenen Arbeiter und der ausgegrenzten Familien –, dann werden Sie mit Sicherheit nicht fehlgehen.
   Die Kirche kann und darf in ihrer Verkündigung des Evangeliums diesem Prozess nicht fern stehen. Viele Priester und Pastoralarbeiter erfüllen eine gewaltige Aufgabe der Begleitung und Förderung der Ausgeschlossenen in aller Welt, indem sie – gemeinsam mit Genossenschaften – Unternehmen vorantreiben, Wohnungen bauen und hingebungsvoll in den Bereichen des Gesundheitswesens, des Sports und des Erziehungswesens arbeiten. Ich bin überzeugt, dass die respektvolle Zusammenarbeit mit den Volksbewegungen diese Bemühungen stärken und die Wandlungsprozesse unterstützen kann.
   Halten wir immer die Jungfrau Maria in unserem Herzen, ein einfaches Mädchen aus einem kleinen, abgelegenen Dorf am Rande eines großen Kaiserreiches, eine obdachlose Mutter, die es verstand, eine Grotte für die Tiere in das Haus Jesu zu verwandeln – mit ein paar Windeln und einem Überschwang an zärtlicher Liebe. Maria ist ein Zeichen der Hoffnung für die Bevölkerungsgruppen, die „Geburtswehen“ erleiden, bis die Gerechtigkeit zum Durchbruch kommt. Ich bete zur Jungfrau vom Berge Karmel, der Patronin Boliviens, damit sie ermöglicht, dass diese unsere Begegnung ein Ferment des Wandels sei.

3.  Als Letztes möchte ich, dass wir gemeinsam nachdenken über einige wichtige Aufgaben für diesen historischen Moment, denn wir wollen eine positive Veränderung zum Wohl aller unserer Brüder und Schwestern, das ist klar. Wir wollen eine Veränderung, die durch die Zusammenarbeit zwischen den Regierungen, den Volksbewegungen und anderen sozialen Kräften bereichert wird, auch das ist klar. Doch es ist nicht so leicht, den Inhalt der Veränderung, sozusagen das soziale Programm zu bestimmen, das diesen Plan der Geschwisterlichkeit und Gerechtigkeit, die wir erhoffen,  widerspiegelt. In diesem Sinn erwarten Sie bitte kein Rezept von diesem Papst. Weder der Papst, noch die Kirche besitzen das Monopol für die Interpretation der sozialen Wirklichkeit, und sie haben auch keine Lösungsvorschläge für die gegenwärtigen Probleme. Ich wage zu behaupten, dass es gar kein Rezept gibt. Die Geschichte wird von den aufeinander folgenden Generationen aufgebaut im Rahmen von Völkern, die auf der Suche nach ihrem eigenen Weg sind und die Werte achten, die Gott ihnen ins Herz gelegt hat. Dennoch möchte ich drei große Aufgaben vorschlagen, die den entscheidenden Beitrag der Gesamtheit der Volksbewegungen erfordern:
   3.1. Die erste Aufgabe ist, die Wirtschaft in den Dienst der Völker zu stellen: Die Menschen und die Natur dürfen nicht im Dienst des Geldes stehen. Wir sagen Nein  zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der sozialen Ungerechtigkeit, wo das Geld regiert, anstatt zu dienen. Diese Wirtschaft tötet. Diese Wirtschaft schließt aus. Diese Wirtschaft zerstört die Mutter Erde.
   Die Wirtschaft dürfte nicht ein Mechanismus zur Anhäufung sein, sondern die geeignete Verwaltung des gemeinsamen Hauses. Das beinhaltet, das Haus sehr bedacht zu pflegen und die Güter angemessen unter allen zu verteilen. Ihr Zweck besteht nicht allein darin, die Nahrung bzw. einen „anständigen Lebensunterhalt“ zu sichern. Nicht einmal darin, den Zugang zu den „drei T“ zu gewährleisten, für den Sie kämpfen, auch wenn das schon ein großer Schritt wäre. Eine wirklich gemeinschaftliche Wirtschaft – eine christlich inspirierte Wirtschaft, würde ich sagen – muss den Völkern Würde garantieren, „Wohlstand in seinen vielfältigen Aspekten“[1]. Das schließt die „drei T“ ein, aber auch den Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen, zur Innovation, zu künstlerischen und kulturellen Darbietungen, zum Kommunikationswesen sowie zu Sport und Erholung. Eine gerechte Wirtschaft muss die Bedingungen dafür schaffen, dass jeder Mensch eine Kindheit ohne Entbehrungen genießen, während der Jugend seine Talente entfalten, in den Jahren der Aktivität einer rechtlich gesicherten Arbeit nachgehen und im Alter zu einer würdigen Rente gelangen kann. Es ist eine Wirtschaft, in der der Mensch im Einklang mit der Natur das gesamte System von Produktion und Distribution so gestaltet, dass die Fähigkeiten und die Bedürfnisse jedes Einzelnen einen angemessenen Rahmen im Gemeinwesen finden. Sie – und auch andere Volksgruppen – fassen diese Sehnsucht auf einfache und schöne Weise in dem Ausdruck „gut leben“ zusammen.
   Diese Wirtschaft ist nicht nur wünschenswert und notwendig, sondern auch möglich. Sie ist weder Utopie, noch Fantasie. Sie ist eine äußerst realistische Perspektive. Wir können sie erreichen. Die in der Welt verfügbaren Ressourcen – eine Frucht der generationsübergreifenden Arbeit der Völker und der Gaben der Schöpfung – sind mehr als ausreichend für die ganzheitliche Entwicklung eines jeden Menschen und des ganzen Menschen[2]. Das Problem ist hingegen ein anderes. Es existiert ein System mit anderen Zielen. Ein System, das trotz der unverantwortlichen Beschleunigung der Produktionsrhythmen, trotz der Einführung von Methoden in Industrie und Landwirtschaft, welche um der „Produktivität“ willen die Mutter Erde schädigen, weiterhin Milliarden unserer Brüder und Schwestern die elementarsten wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte verweigert. Dieses System verstößt gegen den Plan Jesu.
   Die gerechte Verteilung der Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit ist keine bloße Philanthropie. Es ist eine moralische Pflicht. Für die Christen ist die Verpflichtung noch stärker: Es ist ein Gebot. Es geht darum, den Armen und den Völkern das zurückzugeben, was ihnen gehört. Die universale Bestimmung der Güter ist nicht eine wortgewandte Ausschmückung der Soziallehre der Kirche. Es ist eine Wirklichkeit, die dem Privateigentum vorausgeht. Der Besitz – ganz besonders wenn er die natürlichen Ressourcen betrifft – muss immer den Bedürfnissen der Völker zugeordnet sein. Und diese Bedürfnisse beschränken sich nicht auf den Konsum. Es reicht nicht, ein paar Tropfen fallen zu lassen, wenn die Armen diesen Becher schütteln, der niemals von sich aus etwas ausgießt. Die Hilfspläne, die gewisse Dringlichkeiten versorgen, müssten nur als vorübergehende Antworten gedacht werden. Niemals werden sie die wahre Einbeziehung ersetzen können: die, welche die würdige, freie, kreative, beteiligte und solidarische Arbeit gibt.
   Auf diesem Weg spielen die Volksbewegungen eine wesentliche Rolle, nicht nur indem sie fordern und anmahnen, sondern grundsätzlich, indem sie schöpferisch tätig sind. Sie sind soziale Poeten: Arbeitsbeschaffer, Wohnungsbauer, Lebensmittelproduzenten – vor allem für diejenigen, die vom Weltmarkt ausgeschlossen sind.
   Ich habe aus der Nähe verschiedene Experimente kennen gelernt, in denen es den in Genossenschaften und anderen gemeinschaftlichen Organisationen zusammengeschlossenen Arbeitern gelungen ist, Arbeit zu schaffen, wo es nur Abfälle der götzendienerischen Wirtschaft gab. Die sanierten Unternehmen, die kleinen freien Märkte und die Kooperativen der Cartoneros sind Beispiele dieser volksnahen Wirtschaft, die aus der Ausschließung hervorgeht und allmählich, mit Einsatz und Geduld, solidarische Formen annimmt, die ihr Würde verleihen. Welch ein Unterschied dazu, dass die Ausgeschlossenen durch den offiziellen Markt wie Sklaven ausgebeutet werden!
   Die Regierungen, die sich die Aufgabe zu Eigen machen, die Wirtschaft in den Dienst des Volkes zu stellen, müssen die Stärkung, die Verbesserung, die Koordinierung und die Ausbreitung dieser Formen von volksnaher Wirtschaft und Gemeinschaftsproduktion fördern. Das beinhaltet, die Arbeitsprozesse zu verbessern, für eine geeignete Infrastruktur zu sorgen und den Arbeitern dieses alternativen Sektors volle Rechte zu garantieren. Wenn Staat und soziale Organisationen gemeinsam die Aufgabe der „drei T“ übernehmen, kommen die Grundsätze von Solidarität und Subsidiarität zum Tragen und ermöglichen, das Gemeinwohl in einer vollkommenen und partizipativen Demokratie aufzubauen.
   3.2.   Die zweite Aufgabe ist, unsere Völker auf dem Weg des Friedens und der Gerechtigkeit zu vereinen.
   Die Völker der Welt wollen ihr Schicksal selbst bestimmen. Sie wollen in Frieden ihren Weg zur Gerechtigkeit gehen. Sie wollen weder Bevormundung noch Einmischung, wo der Stärkere den Schwächeren unterordnet. Sie wollen, dass ihre Kultur, ihre Sprache, ihre gesellschaftlichen Prozesse und ihre religiösen Traditionen respektiert werden. Keine faktische oder konstituierte Macht hat das Recht, den armen Ländern die volle Ausübung ihrer Souveränität abzuerkennen, und wenn es dennoch geschieht, sehen wir neue Formen von Kolonialismus, welche die Möglichkeiten zu Frieden und Gerechtigkeit ernsthaft schädigen, denn „Grundlagen des Friedens sind nicht nur die Achtung der Menschenrechte, sondern auch der Respekt vor den Rechten der Völker, insbesondere dem Recht auf Unabhängigkeit“[3].
   Die Völker Lateinamerikas haben ihre politische Unabhängigkeit unter Schmerzen geboren und seitdem fast zwei Jahrhunderte einer dramatischen Geschichte voller Widersprüche erlebt, in dem Versuch, die volle Unabhängigkeit zu erlangen.
   Nach viel Entfremdung konnten in diesen letzten Jahren zahlreiche lateinamerikanische Länder eine Zunahme an Geschwisterlichkeit unter ihren Völkern beobachten. Die Regierungen der Region haben ihre Kräfte vereint, um dafür zu sorgen, dass ihre Souveränität respektiert wird, und zwar die eines jeden Landes und die der Region im Ganzen, die sie – wie einst unsere Väter – mit dem schönen Namen die „Große Heimat“ bezeichnen. Ich bitte Sie, liebe Brüder und Schwestern aus den Volksbewegungen, diese Einheit zu hüten und auszubauen. Angesichts aller Spaltungsversuche ist es notwendig, die Einheit zu bewahren, damit die Region in Frieden und Gerechtigkeit wächst.
   Trotz dieser Fortschritte gibt es immer noch Faktoren, die diese gerechte menschliche Entwicklung untergraben und die Souveränität der Länder der „Großen Heimat“ und anderer Regionen einschränken. Der neue Kolonialismus nimmt verschiedene Gestalten an. Manchmal ist es die anonyme Macht des Götzen Geld: Körperschaften, Kreditvermittler, einige sogenannte „Freihandelsabkommen“ und die Auferlegung von „Sparmaßnahmen“, die immer den Gürtel der Arbeiter und der Armen enger schnallen. Die lateinamerikanischen Bischöfe prangern das im Dokument von Aparecida in aller Deutlichkeit an, wenn sie sagen: „Finanzinstitutionen und transnationale Konzerne entwickeln eine solche Macht, dass sie sich die jeweilige lokale Wirtschaft untertan machen, vor allem aber die Staaten schwächen, die kaum noch die Macht haben, Entwicklungsprojekte zugunsten ihrer Bevölkerungen voranzubringen.“[4] In anderen Fällen sehen wir, dass unter dem edlen Mantel des Kampfes gegen Korruption, Drogenhandel und Terrorismus – schwerwiegende Übel unserer Zeiten, die ein koordiniertes internationales Eingreifen erfordern – den Staaten Maßnahmen auferlegt werden, die wenig mit der Lösung dieser Problemkreise zu tun haben und oftmals die Dinge verschlimmern.
   In gleicher Weise ist die monopolistische Konzentration der sozialen Kommunikationsmittel, die entfremdende Konsummodelle und eine gewisse kulturelle Uniformität durchzusetzen versucht, eine weitere Gestalt, die der neue Kolonialismus annimmt. Es ist der ideologische Kolonialismus. Wie die Bischöfe von Afrika sagen, wird oft versucht, die armen Länder zu „Rädern eines Mechanismus, zu Teilen einer gewaltigen Maschinerie“[5] zu machen.
   Man muss erkennen, dass keines der schweren Probleme der Menschheit gelöst werden kann ohne Interaktion zwischen den Staaten und Völkern auf internationaler Ebene. Jede Handlung von einer gewissen Tragweite, die in einem Teil des Planeten durchgeführt wird, wirkt sich in wirtschaftlichem, ökologischem, sozialem und kulturellem Sinn auf das Ganze aus. Sogar das Verbrechen und die Gewalt haben sich globalisiert. Deshalb kann sich keine Regierung bei ihrem Handeln einer allgemeinen Verantwortung entziehen. Wenn wir wirklich eine positive Veränderung wollen, müssen wir demütig unsere wechselseitige Abhängigkeit akzeptieren. Interaktion ist aber nicht gleichbedeutend mit Auferlegung,  es ist keine Unterordnung der einen zugunsten der Interessen der anderen. Der neue wie der alte Kolonialismus, der die armen Länder zu bloßen Rohstofflieferanten und Zulieferern kostengünstiger Arbeit herabwürdigt, erzeugt Gewalt, Elend, Zwangsmigrationen und all die Übel, die wir vor Augen haben… und zwar aus dem einfachen Grund, weil er dadurch, dass er die Peripherie vom Zentrum abhängig macht, ihr das Recht auf eine ganzheitliche Entwicklung verweigert. Das ist soziale Ungerechtigkeit, und die erzeugt eine Gewalt, die weder mit polizeilichen, noch mit militärischen oder geheimdienstlichen Mitteln aufgehalten werden kann.
   Wir sagen Nein zu den alten und neuen Formen der Kolonialisierung. Wir sagen Ja zur Begegnung von Völkern und Kulturen. Selig, die für den Frieden arbeiten.
   Und hier möchte ich bei einem wichtigen Thema innehalten. Es könnte nämlich jemand mit Recht sagen: „Wenn der Papst von Kolonialismus redet, vergisst er gewisse Handlungen der Kirche.“ Ich sage Ihnen mit Bedauern: Im Namen Gottes sind viele und schwere Sünden gegen die Ureinwohner Amerikas begangen worden. Das haben meine Vorgänger eingestanden, das hat die CELAM gesagt, und auch ich möchte es sagen. Wie Johannes Paul II. bitte ich, dass die Kirche „vor Gott niederkniet und von ihm Vergebung für die Sünden ihrer Kinder aus Vergangenheit und Gegenwart erfleht“[6]. Ich will Ihnen sagen – und ich möchte dabei ganz freimütig sein, wie es der heilige Johannes Paul II. war –: Ich bitte demütig um Vergebung, nicht nur für die von der eigenen Kirche begangenen Sünden, sondern für die Verbrechen gegen die Urbevölkerungen während der sogenannten Eroberung Amerikas. Gemeinsam mit dieser Vergebungsbitte möchte ich auch um gerecht zu sein die tausende von Priestern und Bischöfen nennen, die sich mit der Kraft des Kreuzes gegen die Logik der Ausbeutung gewandt haben. Es gab Sünden, schwere Sünden, und für die Bitte ich um Vergebung. Aber wie es der heilige Paulus sagt, wo es viel Sünde gibt, gibt es überreiche Gnade, und zwar durch die Menschen, welche die Rechte der indigenen Völker verteidigt haben. 
   Desgleichen bitte ich Sie alle – Gläubige und Nichtgläubige –, sich an die vielen Bischöfe, Priester und Laien zu erinnern, welche die Frohe Botschaft Jesu mutig und sanftmütig, respektvoll und friedlich verkündet haben und verkünden; die auf ihrem Weg durch dieses Leben bewegende Werke der menschlichen Förderung und der Liebe hinterlassen haben, oft gemeinsam mit den einheimischen Bevölkerungen oder indem sie deren Volksbewegungen begleiteten, sogar bis zum Martyrium. Die Kirche, ihre Söhne und Töchter, sind ein Teil der Identität der Völker Lateinamerikas – einer Identität, die einige Mächte hier wie in anderen Ländern unbedingt auslöschen wollen, manchmal weil unser Glaube revolutionär ist, weil unser Glaube der Tyrannei des Götzen Geld die Stirn bietet. Heute sehen wir mit Grauen, wie im Nahen Osten oder an anderen Orten der Welt viele unserer Brüder und Schwestern um ihres Glaubens an Jesus willen verfolgt, gefoltert und ermordet werden. Und wir müssen es auch anprangern: In diesem dritten Weltkrieg „in Raten“, den wir erleben, ist eine Art Völkermord im Gange, der aufhören muss.
   Lassen Sie mich den Brüdern und Schwestern der lateinamerikanischen Eingeborenenbewegung meine zutiefst empfundene Zuneigung ausdrücken und sie beglückwünschen zu ihrem Versuch, ihre Völker und Kulturen zu vereinen. Es ist das, was ich „Polyeder“ nenne: eine Form des Zusammenlebens, in der die einzelnen Teile ihre Identität bewahren und gemeinsam eine Pluralität aufbauen, welche die Einheit nicht gefährdet, sondern stärkt. Ihre Suche nach diesem Miteinander in der Multikulturalität, welche die erneute Bekräftigung der Rechte der Urbevölkerungen mit der Achtung gegenüber der territorialen Ungeteiltheit der Staaten verbindet, bereichert und stärkt uns alle.
 3.3 Die dritte, vielleicht wichtigste Aufgabe, die wir übernehmen müssen, ist die Verteidigung der Mutter Erde.
Unser aller gemeinsames Haus wird ungestraft ausgeplündert, verwüstet und misshandelt. Die Feigheit bei ihrer Verteidigung ist eine schwere Sünde. Mit zunehmender Enttäuschung sehen wir, wie ein internationales Gipfeltreffen dem anderen folgt ohne irgendein bedeutendes Ergebnis. Es gibt ein klares, definitives und unaufschiebbares ethisches Gebot, zu handeln, das nicht befolgt wird. Man darf nicht zulassen, dass gewisse Interessen – die globalen aber nicht universalen Charakters sind – sich durchsetzen, die Staaten und die internationalen Organisationen unterwerfen und fortfahren, die Schöpfung zu zerstören. Die Völker und ihre Bewegungen sind berufen, ihre Stimme zu erheben, sich zu mobilisieren und friedlich aber hartnäckig zu fordern, dass unverzüglich geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Ich bitte Sie im Namen Gottes, die Mutter Erde zu verteidigen. Zu diesem Thema habe ich mich in der Enzyklika Laudato si‘ gebührend geäußert.

4.  Zum Schluss möchte ich Ihnen noch einmal sagen:  Die Zukunft der Menschheit liegt nicht allein in den Händen der großen Verantwortungsträger, der bedeutenden Mächte und der Eliten. Sie liegt grundsätzlich in den Händen der Völker; in ihrer Organisationsfähigkeit und auch in ihren Händen, die in Demut und mit Überzeugung diesen Wandlungsprozess „begießen“. Ich begleite Sie. Sprechen wir gemeinsam aus vollem Herzen: keine Familie ohne Wohnung, kein Campesino ohne Grund und Boden, kein Arbeiter ohne Rechte, kein Volk ohne Souveränität, kein Mensch ohne Würde, kein Kind ohne Kindheit, kein Jugendlicher ohne Möglichkeiten, kein alter Mensch ohne ein ehrwürdiges Alter. Fahren Sie fort in Ihrem Kampf und, bitte, sorgen Sie sehr für die Mutter Erde! Ich bete für Sie, ich bete mit Ihnen, und ich möchte Gott, unseren Vater, bitten, Sie zu begleiten und zu segnen, Sie mit seiner Liebe zu erfüllen und auf Ihrem Weg zu verteidigen, indem er Ihnen reichlich jene Kraft verleiht, die uns auf den Beinen hält:  Diese Kraft ist die Hoffnung, die Hoffnung, die nicht enttäuscht. Danke. Und bitte beten Sie für mich! Rv150709ord

      [1] Vgl. Johannes XXIII., Enzyklika Mater et Magister (15. Mai 1961), 3: AAS 53 (1961), 402.
      [2] Vgl. Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, (16. März 1967), 14: AAS 59 (1967), 264.
      [3] Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 157.
      [4] V. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 66.
      [5] Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Africa (14. September 1995), 52: AAS 88 (1996), 32-33; Ders., Enzyklika  Sollicitudo rei socialis (30. Dezember 1987), 22: AAS 80 (1988), 539.
      [6] Verkündigungsbulle des Großen Jubiläums des Jahres 2000 Incarnationis mysterium (29. November 1998), 11: AAS 91 (1999), 140.

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Paraguay erwarrtet Ansturm argentinischer Gläubiger

               Angesichts des Besuchs von Papst Franziskus bereitet sich Paraguay auf einen Ansturm von Gläubigen aus dem Nachbarland Argentinien vor. Der paraguayische Bischof Gabriel Narciso Escobar Ayala teilte dem Nachrichtensender ABC mit, dass sie von mindestens einer Million Besuchern ausgingen. Damit die Grenzübergänge angesichts der Menschenmassen nicht zum Erliegen kämen, müssten sich die Behörden beider Länder dementsprechend vorbereiten, so Ayala. Da eine Reise in die argentinische Heimat derzeit nicht absehbar ist, wollen viele Gläubige in das Nachbarland pilgern, um den ersten Papst aus Lateinamerika zu sehen. rv150506lh

  Am Freitag, 10. Juli, will Franziskus eine Haftanstalt in Santa Cruz besuchen. Danach trifft er Bischöfe und fliegt mittags weiter nach Paraguay. Auch in Asunción, der Hauptstadt Paraguays, ist zunächst ein Höflichkeitsbesuch bei Staatspräsident Horacio Cartes geplant. Am Samstag, 11. Juli, will der Papst dann ein Kinderheim aufsuchen, eine große Messe im Marienwallfahrtsort Caacupé feiern und Vertreter der Gesellschaft sowie – in der Kathedrale – Priester, Diakone, Ordensleute, Seminaristen und Mitglieder katholischer Bewegungen treffen.  

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Bolivien: Das Gefängnis von Palmasola Eintrittstor zu Palmasola  

   Eines der berüchtigsten Gefängnisse in Lateinamerika: Palmasola in La Cruz, Bolivien. Papst Franziskus wird diesen Ort besuchen. Es kein Hochsicherheitsgefängnis, eher das Gegenteil: Eine Hüttenstadt von 10.000 Quadratmetern, umgeben von Mauern und Stacheldraht, von außen bewacht, innen herrscht eine mafiöse Selbstverwaltung der Inhaftierten. Ausgelegt wäre die Anstalt für 800 Häftlinge, aber es leben mehr als 5.000 dort, erklärt der Sozialarbeiter Mario Mazzoleni, der in Palmasola das Umerziehungszentrum für jugendliche Straftäter leitet. 5.000 Erwachsene, „nicht gezählt die Kleinkinder, die bis zum Alter von sechs Jahren im Gefängnis bei der Mutter bleiben“.
Vier von fünf Inhaftierte in Palmasola sind Untersuchungshäftlinge, die auf ihr Urteil warten. „Das ist ein trauriger Spitzenreiterposten, den wir da in Bolivien haben“, sagt Mazzoleni. Die Kriminalität im Inneren der Einrichtung ist hoch. 2013 starben mehr als 30 Menschen bei einer Auseinandersetzung rivalisierender Banden. Hin und wieder wagt sich die Polizei in die Gefängnisstadt und durchsucht die Hütten. „Jedes Mal finden sie Messer oder Handys, immer etwas, das da nicht sein sollte.“
   Papst Franziskus besucht diesen Ort, weil er für etwas steht, ist der Sozialarbeiter überzeugt: „Palmasola ist ein Synonym für die mit Füßen getretene Würde des Menschen: dort, wo die Armen wirklich die Ärmsten sind. Ein Symbol der sozialen Ächtung.“ Und Mazzoleni erzählt vom Leben in diesem Symbolort: „Ganze Familien überleben nur mit Tricks, Kinder wachen in der Gewalt auf. Palmasola ist ein Stadtviertel, eine Kleinstadt. Im Pavillon PS4, den der Papst sehen wird, leben viele Kinder, dort gibt es Geschäfte, Handelsaktivitäten, und die soziale Kontrolle übernehmen Gruppen von Häftlingen, die eigens gewählt werden.“ Nicht immer zum Besten der anderen.
   Mazzoleni selbst leitet eine kleine Zelle der Hoffnung in der Gefängnisstadt: ein Jugendzentrum für 14- bis 15-Jährige, die ihrer Freiheit beraubt sind. „Aber es ist von der katholischen Kirche geleitet und modellhaft: es ist ein Erziehungszentrum, kein Strafzentrum. Dort wird gearbeitet, damit die Menschen die Werte wiederentdecken, die sie auf ihrem Weg verloren haben. So müssten alle Gefängnisse sein. Die Idee ist die: Die Menschen sollen sich nicht, weil sie straffällig geworden sind, aller ihrer Rechte beraubt sehen.“ Rv150705gs

miAm-Reise-42-P-ZZ

Papst an Paraguays Politik: Mahnung zu stabiler Demokratie - Der erste offizielle Termin in Paraguay

   In den Gärten des Präsidentenpalastes Lopez in Asuncion hielt Papst Franziskus ein berauschendes und persönliches Plädoyer für eine bessere Welt und ein besseres Paraguay – gegen ein Vergessen der Geschichte, für die Förderung des Dialogs und der demokratischen Werte, sowie für ein wirtschaftliches Wachstum, das den Armen in den Mittelpunkt stellt. 
   Die musikalische Untermalung des Treffens setzte sich nicht aus Zufall aus Stücken der Jesuitenreduktionen Paraguays zusammen. Paraguay war im 17./18. Jahrhundert Kernland der früheren sogenannten Jesuiten- Reduktionen, dem Orden, welchem auch Papst Franziskus angehört. Doch die Missionssiedlungen seines Ordens gingen ab 1756 gegen den Willen der Jesuiten in einem Blutbad der Kolonialarmeen unter. Mehr als 6.000 Indios wurden ermordet.
   Der Papst mahnte dazu, die Militärdiktatur des Landes (1954-1989) aufzuarbeiten. An ihrer Spitze stand der deutschstämmige General Alfredo Stroessner, der das Land mit eiserner Hand regierte. Papst Johannes Paul II. hatte damals Anteil an seinem Sturz. Bislang widmete sich Paraguay diesem Schreckenskapitel kaum.
   Der Binnenstaat habe immer schon eine schwierige Geschichte gehabt, betonte Franziskus. Bis zu seinen ersten Schritten zur Unabhängigkeit, aber auch vor noch nicht allzu langer Zeit. „Die Geschichte Paraguays hat schreckliches Leid des Krieges erlebt, Brudermord, Unterdrückung von Freiheit und Verstöße gegen die Menschenrechte. Wie viel Leid, wie viel Tod! Es ist bewundernswert, wie hartnäckig und mit welchem Geist das paraguayische Volk diese Unglücke überstand und weiterhin Kräfte aufbringt, eine blühende und friedliche Nation aufzubauen.“
   Auch der Palast selbst sei Zeuge der Geschichte, betonte der Papst. Dieser war einst noch das Ufer des Flusses, den viele Guarani nutzten. Franziskus bedachte, all den „namenlosen“ Paraguayern, die nicht in den Geschichtsbüchern genannt werden, doch die die wahren Protagonisten der Geschichte waren. Eine große Rolle hatten vor allem die Frauen des Landes.
   „Auf den Schultern der Mütter, der Ehefrauen, der Witwen war die schwerste Last. Sie waren im Stande, ihre Familien und ihr Land voranzubringen und pflanzten in den neuen Generationen eine Hoffnung für ein besseres Morgen. Gott segne die paraguayische Frau“. Ohne es hier wörtlich zu nennen spielt Papst Franziskus offensichtlich auch auf seine persönliche Geschichte an. Als Jesuitenprovinzial hatte Bergoglio in Buenos Aires zur Rettung zahlreicher Menschen vor dem Staatsterror beigetragen. Doch für seine erste Arbeitsgeberin, die Paraguayanerin und Menschenrechtsaktivistin Esther Ballestrino de Careaga (1918 - 1977) konnte er leider nichts tun. Sie kämpfte für die Auffindung der vielen Entführungsopfern des Regimes und wurde schließlich selbst Opfer der Diktatur. Papst Franziskus prangerte an, dass niemand die Geschichte vergessen dürfe. Die Vergangenheit müsste aufgedeckt werden.
   „Ein Volk, dass seine Vergangenheit, seine Geschichte vergisst und damit seine Wurzeln, hat keine Zukunft. Das Gedächtnis, welches sich unerschütterlich auf die Basis Gerechtigkeit stützt, ist frei von Rachegelüsten und Hassgefühlen und verwandelt die Vergangenheit in eine Quelle der Inspiration um eine Zukunft des Zusammenlebens aufzubauen.   Denkt an die Tragödie und die Absurdität des Krieges. Nie mehr Krieg unter Brüdern!“
   Mit den Bruderkriegen sind die Kriege innerhalb Lateinamerikas der vergangenen 200 Jahre mit ihren vielen Opfern gemeint. Die Arbeit für den Frieden solle nie ruhen und der Dialog soll den gemeinsamen friedlichen Weg bereiten. Für Papst Franziskus sei es die Zusammenarbeit, die zähle. Dazu gehöre auch das Zulassen von anderen Meinungen. Paraguay sei laut Franziskus auf dem richtigen Weg in der Konstruktion einer „soliden, stabilen und demokratischen“ Basis, dies sei auch in der Verfassung verankert. Eine der großen Herausforderungen sei der Kampf gegen die Korruption im Lande und der Wille zum Gemeinwohl.  Eine Wirtschaft, die den Schwächsten und den Ärmsten nicht in den Mittelpunkt stelle, sei zum Scheitern verurteilt. Wirtschaftswachstum müsse menschenwürdig sein. Der Papst nannte auch Details.
   „Es wurden wichtige Schritte auf dem Gebiet des Bildungs- und Gesundheitswesens gemacht. Die Bemühungen aller gesellschaftlich Handelnden mögen nicht aufhören, bis es keine Kinder ohne Zugang zu Bildung mehr gibt, keine Familien ohne Heim, keine Arbeiter ohne menschenwürdige Arbeit, keine Landwirte ohne urbares Land und keine Menschen, die zur Migration auf eine unsichere Zukunft hin gezwungen sind; bis es keine Opfer von Gewalt, Korruption und Drogenhandel mehr gibt.“ Rv150710no

miAm-Reise-43P-ZxZ

 Paraguay: Ansprache an Politik und Gesellschaft - Papst Franziskus hält seine Ansprache im Palais Lopez
   Wir halten hier die Ansprache von Papst Franziskus an Politiker und Gesellschaft und dem Diplomatischen Korps fest. Er hielt die Rede am Freitag, den 10. Juli 2015 in Asunción, in den Gärten des „Palacio de López“.

   Herr Präsident,verehrte Vertreter der Republik, sehr geehrte Mitglieder des Diplomatischen Korps,
meine Damen und Herren,
   herzlich grüße ich Eure Exzellenz, Herr Präsident der Republik, und danke Ihnen für die ehrerbietigen Worte der Begrüßung und der Verbundenheit, die Sie, auch im Namen der Regierung, der staatlichen Organe und des geliebten paraguayischen Volkes, an mich gerichtet haben. Ich grüße ebenso die verehrten Mitglieder des Diplomatischen Korps und übermittle durch sie ihren jeweiligen Ländern meine Hochachtung und Wertschätzung.
   Ein besonderer Dank gilt allen Menschen und Einrichtungen, die mit Einsatz und Hingabe an der Vorbereitung dieser Reise mitgearbeitet haben und dafür, dass ich mich wie zu Hause fühle. Es fällt einem nicht schwer, sich in diesem so gastfreundlichen Land zu Hause zu fühlen. Paraguay ist bekannt als das Herz Amerikas, und dies nicht nur wegen seiner geographischen Lage, sondern auch wegen der herzlichen Gastfreundschaft und der Nähe seiner Menschen.
   Seit ihren ersten Schritten als unabhängige Nation und bis vor kurzer Zeit hat die Geschichte Paraguays das schreckliche Leid des Kriegs, der bruderkriegsmäßigen Auseinandersetzung, der fehlenden Freiheit und der Verletzung der Menschenrechte gekannt. Wie viel Schmerz und wie viel Tod! Bewundernswert sind aber die Zähigkeit und der Überwindungsgeist des paraguayischen Volkes, um sich angesichts der vielen Widrigkeiten zu erholen und die Bemühungen fortzusetzen, eine blühende und friedliche Nation aufzubauen. Im Garten dieses Palastes, der Zeuge der paraguayischen Geschichte war von der Zeit, als er nur das Ufer des Flusses war und von den Guarani genutzt wurde, bis zu den jüngsten Ereignissen unserer Tage – hier will ich den Tausenden von einfachen Paraguayern Hochachtung zollen, deren Namen nicht in den Geschichtsbüchern aufscheinen, die aber echte Hauptfiguren des Lebens ihres Volkes waren und bleiben. Und bewegt und voll Bewunderung möchte ich die Rolle anerkennen, die in jenen dramatischen Momenten der Geschichte von der paraguayischen Frau gespielt wurde. Auf den Schultern von Müttern, Ehefrauen und Witwen haben sie die größte Last getragen, waren sie in der Lage, ihre Familien und ihr Land voranzubringen, während sie den jungen Generationen die Hoffnung auf ein besseres Morgen einflössten.
   Ein Land, das seine Vergangenheit, seine Geschichte, seine Wurzeln vergisst, hat keine Zukunft. Das Gedächtnis, das fest auf der Gerechtigkeit gegründet ist, vertreibt Gefühle der Rache und des Hasses, verwandelt die Vergangenheit in eine Quelle der Inspiration, um eine Zukunft des Miteinanders und der Harmonie aufzubauen, während es uns die Tragödie und Sinnlosigkeit des Krieges bewusst macht. Nie mehr Krieg unter Brüdern! Bauen wir immer den Frieden auf! Auch den Frieden von Tag zu Tag, den Frieden des täglichen Lebens, an dem wir alle teilnehmen, indem wir arrogante Gesten, beleidigende Worte, überhebliches Verhalten vermeiden und stattdessen das Verständnis, den Dialog und die Zusammenarbeit fördern.
   Schon seit einigen Jahren engagiert sich Paraguay am Aufbau eines soliden und stabilen demokratischen Entwurfs. Es ist recht, die vielen Fortschritte, die dank der Anstrengung aller, auch inmitten großer Schwierigkeiten und Unsicherheiten, auf diesem Weg gemacht worden sind, mit Genugtuung anzuerkennen. Ich ermuntere Sie, mit allen Ihren Kräften weiter zu arbeiten, um die demokratischen Strukturen und Einrichtungen zu festigen, die den gerechtfertigten Wünschen der Bürger entsprechen. Die in Ihrer Konstitution angenommene Regierungsform einer „repräsentativen, partizipativen und pluralistischen Demokratie“, die auf der Förderung und der Achtung der Menschenrechte basiert, hält uns von der Versuchung einer rein formalen Demokratie fern, welche Aparecida als jene bezeichnet hat, die sich damit begnügt, dass sie „sich auf sauber durchgeführte Wahlprozeduren gründet“ Dokument von Aparecida 2007,74.
   In allen Gesellschaftsbereichen, besonders aber im öffentlichen Leben, muss der Dialog als bevorzugtes Mittel verstärkt werden, um das Gemeinwohl auf der Grundlage der Begegnungskultur, der Achtung und der Anerkennung der legitimen Unterschiede und Meinungen der anderen zu fördern. Wir dürfen nicht in der Konfliktsituation verbleiben; es ist eine interessante Übung, in der Liebe zur Heimat und zum Volk jede Sichtweise zu läutern, die von Überzeugungen einer parteiischen oder ideologischen Option stammt. Und dieselbe Liebe muss der Anreiz sein, um jeden Tag mehr an transparenten Handlungsweisen zu wachsen, die kraftvoll gegen die Korruption ankämpfen.
   Liebe Freunde, beim Wunsch, dem Gemeinwohl zu dienen und dafür zu arbeiten, müssen die Armen und die Bedürftigen einen vorrangigen Platz einnehmen. Es werden gerade viele Anstrengungen unternommen, damit Paraguay auf dem Weg des wirtschaftlichen Wachstums voranschreitet. Es wurden wichtige Schritte auf dem Gebiet des Bildungs- und Gesundheitswesens gemacht. Die Bemühungen aller gesellschaftlichen Handlungsträger mögen nicht aufhören, bis es nicht mehr Kinder ohne Bildungszugang gibt, Familien ohne Heim, Arbeiter ohne menschenwürdige Arbeit, Landwirte ohne urbares Land und so viele Menschen, die zur Migration auf eine unsichere Zukunft hin gezwungen sind; bis es nicht mehr Opfer von Gewalt, Korruption und Drogenhandel gibt. Eine wirtschaftliche Entwicklung, welche die Schwächsten und am meisten Benachteiligten nicht berücksichtigt, ist keine echte Entwicklung. Das Maß des Wirtschaftsmodells hat die unversehrte Würde des Menschen zu sein, vor allem dessen, der am meisten verletzlich und schutzlos ist.
   Herr Präsident, liebe Freunde, auch im Namen meiner Mitbrüder, der Bischöfe Paraguays, möchte ich Sie des Einsatzes und der Zusammenarbeit der Kirche versichern im gemeinsamen Bemühen, eine gerechte und inklusive Gesellschaft aufzubauen, in der man in Frieden und Harmonie zusammenleben kann. Denn wir alle, auch die Hirten der Kirche, sind berufen, uns um den Aufbau einer besseren Welt zu kümmern vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 183. Dazu treibt uns die Gewissheit unseres Glaubens an Gott, der Mensch werden, unter uns leben und unser Los teilen wollte. Christus öffnet uns den Weg der Barmherzigkeit, die, auf die Gerechtigkeit gestützt, weiter hinaus geht und die Nächstenliebe erleuchtet,  damit niemand am Rand dieser großen Familie bleibt, die Paraguay ist, das Sie lieben und dem Sie dienen wollen.
   In übergroßer Freude darüber, dass ich in diesem Land bin, das Unserer Lieben Frau von Caacupé geweiht ist, erbitte ich Ihnen allen, Ihren Familien und dem gesamten geliebten paraguayischen Volk Gottes Segen. Möge Paraguay fruchtbar sein, wie es die Blüte der Passionsblume auf dem Mantel der Jungfrau Maria anzeigt, und so wie der Gürtel in den paraguayischen Farben auf dem Gnadenbild möge es sich an die Mutter von Caacupé klammern. Vielen Dank. 

miAm-Reise-44-P-ZZ

 Papst besucht Kinderspital in Asuncion
Papst im Kinderspital: Die Kinder umarmen ihn, während er frei zu ihnen spricht.

   Samstagmorgen (Ortszeit 08:00) herrschte in dem paraguayischen Kinderspital „Ninos de Acosta Nu“ Ausnahmesituation, denn der Papst war zu Besuch. Ein herzlicher Empfang erwartete ihn. Kinder mit winkenden Fahnen, Eltern, Großeltern und Mitarbeiter waren anwesend, als Papst Franziskus betonte, dass alle Erwachsenen von Kindern und ihrer Kraft, ihrer Stärke, ihrer Positivität lernen sollten. Seinen vorbereiteten Redetext verwarf er und sprach frei zu den Anwesenden, während links und rechts Kinder ihre Arme um den Papst legten.
   Jesus habe den Jüngern eingeschärft, wie Kinder zu sein (vgl. Mt 18,3) und die Kinder zu ihm kommen zu lassen, dann kämen sie in das Himmelreich. Erwachsenen sollten von Kindern lernen, so der Papst, von ihrem Vertrauen, ihrer Freude, ihrer Zärtlichkeit, von ihrer Fähigkeit zu kämpfen, von ihrer Stärke. Von ihrer unvergleichlichen Fähigkeit durchzuhalten. Kinder seien Kämpfer - und das könne auch den Erwachsenen Kraft geben, betonte er.
   Schmerz und Freude stünden oft sehr nah nebeneinander, vor allem für Mütter, Väter und Großeltern, fuhr Franziskus fort. „Nähe und Zärtlichkeit“ seien hier Allheilmittel, so der Papst, und er betonte, dass Jesus den Kindern immer nahe gewesen sei.
   Abschließend dankte der Papst herzlich allen Mitarbeitern und Ärzten für ihre wichtige und aufopferungsvolle Arbeit für die Schwächsten und Kranken.
   Nach dem Besuch des Krankenhauses geht es für Papst Franziskus weiter zu einer Messe am Marienheiligtum von Caacupé. Dort warten viele Menschen bereits seit Stunden auf seine Ankunft. Danach ist ein Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft und eine Vesper mit Geistlichen, Ordensleuten und katholischen Bewegungen des Landes vorgesehen. Am Sonntag steht für der Papst der Besuch Im Armenviertel Banado Norte und ein großes Jugendtreffen auf dem Programm. Rv150711

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Papstmesse am Marienheiligtum von Caacupé: „Gott segne die paraguayische Frau“
Die Papstmesse in Caacupé, Paraguay

  Es war eine Art „Nachhause-Kommen“ für den argentinischen Papst und eine Würdigung der lateinamerikanischen Volksfrömmigkeit: Nicht nur im Herzen der Paraguayer, sondern auch in dem von Jorge Mario Bergoglio wurzelt eine tiefe Marienverehrung. Am Heiligtum für die Gottesmutter in Caacupé, der „spirituellen Hauptstadt“ Paraguays, gestand der Papst dann vor tausenden Pilgern auch ein: „Hier bei euch zu sein ist so, als fühlte ich mich zu Hause, zu Füßen unserer Mutter. Untereinander erinnern wir uns daran, dass wir Geschwister sind.“
   Die Plaza an der „Basilika der Unbefleckten Empfängnis“ war gefüllt mit Pilgern aus allen Landesteilen, darunter waren wieder viele indigene Gesichter zu sehen, auch aus Argentinien waren Besucher angereist. Gesang, wehende Paraguay- und Vatikan-Flaggen sowie begeisterte Rufe sorgten für Feststimmung und bescherten dem Papst einen herzlichen Empfang, wenn das Ganze auch etwas überschaubarer war als bei den großen Messen zuvor in Bolivien und Ecuador.
Aufbauarbeit mit „Mut und Opferbereitschaft“
  
Mit Blick auf die bewegte Vergangenheit des Landes würdigte der Papst in seiner Predigt die Überlebenskraft des paraguayischen Volkes. Ausgehend vom Leben der Gottesmutter Maria, der „ersten Jüngerin“ und Zeugin der Treue Gottes gegenüber seinem Volk, lobte Franziskus die Ausdauer und Stärke vor allem der weiblichen Bevölkerung des Landes: „Ich möchte mich in besonderer Weise an euch paraguayische Frauen und Mütter wenden, die ihr mit großem Mut und Opferbereitschaft ein vom Krieg zerstörtes, versunkenes und überschwemmtes Land wieder aufgerichtet habt. Ihr habt das Gedächtnis, das Erbgut jener Frauen, die das Leben, den Glauben und die Würde eures Volkes wieder hergestellt haben.“
   Bereits in seiner Rede im Präsidentenpalast von Asunción hatte der Papst Lateinamerikas Kriege angesprochen, die besonders in Paraguay viele Opfer gefordert hatten. Auch hatte er eine Aufarbeitung der Diktaturvergangenheit des Landes gefordert. An die Frauen gewandt fuhr der Papst bei der Messe fort: „Wie Maria habt ihr sehr, wirklich sehr schwere Situationen gemeistert, die einer allgemeinen Logik entsprechend gegen jeden Glauben gewesen wären. Ihr habt dagegen wie Maria, getrieben und getragen von ihrem Beispiel, weiter geglaubt, auch voll Hoffnung gegen alle Hoffnung vgl. Röm 4,18 (…) Und daher habt ihr in der Vergangenheit die Kraft gefunden, um nicht zuzulassen, dass diese Erde im Chaos versinkt.“
   Diese Stärke habe sich bis heute fortgesetzt, lobte der Papst: „Gott segne diese Ausdauer, Gott segne und stärke euren Glauben, Gott segne die paraguayische Frau, die ruhmreichste Amerikas.“
Abermals schärfte der Papst den Paraguayern ein, „nicht das Gedächtnis zu verlieren, die Wurzeln, die so vielen Zeugnisse, die ihr von gläubigen Menschen empfangen habt, die in den Kämpfen des Lebens verstrickt waren.“
Ort der Erinnerung, Ort des Trostes
   Das Marienheiligtum von Caacupé sei vor diesem Hintergrund „lebendiger Teil des paraguayischen Volkes“. Die Wallfahrtsstätte, ein weiterer Symbolort der tiefen Marienverehrung in Südamerika, sei Ort der „Begegnung und Erinnerung“, des „Festes“, der „Familie“ und des Trostes, so der Papst: „Wir kommen (hierhin), um unsere Nöte vorzubringen; wir kommen, um Dank zu sagen, um Verzeihung zu erflehen und um wieder neu anzufangen. Wie viele Taufen, wie viele Priester- und Ordensberufungen, wie viele Verlobungen und Hochzeiten sind zu Füßen unserer Mutter geboren! Wie viele Tränen und wie viele Abschiede! Wir kommen immer mit unserem Leben; denn hier sind wir zu Hause, und die beste Sache ist zu wissen, dass es jemanden gibt, der auf uns wartet.“
   Die Gebete während der Messe wurden auf Spanisch und der indigenen Sprache Guarani vorgetragen. Vor der Messe hatte Franziskus in der Kathedrale im Gebet innegehalten und mehrere Minuten still vor der Statue der „Virgen de la Inmaculada Concepción de los Milagros“ verharrt. 
   Am Schluss der Eucharistiefeier vertraute der Papst Paraguay der Jungfrau Maria an, wie es schon sein Vor-Vorgänger Papst Johannes Paul II. 1988 bei einem Besuch in dem Land getan hatte. Die Paraguayer lud Franziskus bei der Messe in Caacupé ein, sich an die Gottesmutter mit folgenden Worten zu wenden: „,In deinem Eden von Caacupé wohnt dein Volk, o reine Jungfrau, das dir seine Liebe und seinen Glauben bringt.‘ – Bitte für uns, heilige Gottesmutter, auf dass wir würdig werden, die Verheißungen und die Gaben unseres Herrn Jesus Christus zu empfangen. Amen.“  rv150711pr

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    Begeisterung in Caacupé: Der Papst ist da

   Die Gottesmutter Maria stand im Zentrum der Papstpredigt am Marienheiligtum von Caacupé in Paraguay. Besonders würdigte der Papst dabei den Verdienst der Frauen und Mütter des Landes, das auf eine bewegte Vergangenheit zurückblickt. Wir dokumentieren hier den Text der Predigt des Papstes bei der Messe vom 11. Juli 2015.
   Hier bei euch zu sein ist so, als fühlte ich mich zu Hause, zu Füßen unserer Mutter, der Jungfrau der Wunder von Caacupé. In so einem Heiligtum begegnen wir als Söhne und Töchter unserer Mutter. Und untereinander erinnern wir uns daran, dass wir Geschwister sind. Es ist ein Ort des Festes, der Begegnung, der Familie. Wir kommen, um unsere Nöte vorzubringen; wir kommen, um Dank zu sagen, um Verzeihung zu erflehen und um wieder neu anzufangen. Wie viele Taufen, wie viele Priester- und Ordensberufungen, wie viele Verlobungen und Hochzeiten sind zu Füßen unserer Mutter geboren! Wie viele Tränen und wie viele Abschiede! Wir kommen immer mit unserem Leben; denn hier sind wir zu Hause, und die beste Sache ist zu wissen, dass es jemanden gibt, der auf uns wartet.
   Wie viele andere Male sind wir gekommen, weil wir unsere Kräfte erneuern wollten, um die Freude des Evangeliums zu leben. Wie sollten wir nicht anerkennen, dass dieses Heiligtum ein lebendiger Teil des paraguayischen Volkes – von euch – ist? So empfinden die Menschen hier, so beten sie, so singen sie: „In deinem Eden von Caacupé wohnt dein Volk, o reine Jungfrau, das dir seine Liebe und seinen Glauben bringt.“ Und heute sind wir es hier als Volk Gottes zu Füßen unserer Mutter, um ihr unsere Liebe und unseren Glauben zu bringen.
   Im Evangelium haben wir soeben die Verkündigung des Engels an Maria gehört, der ihr sagt: „Freue dich, du Begnadete, der Herr ist mit Dir“ vgl. Lk 1,28. Freue dich, Maria, freue dich! Angesichts dieses Grußes war sie verwirrt und fragte sich, was das zu bedeuten habe. Sie verstand nicht viel von dem, was da ablief. Aber sie begriff, dass es von Gott kam und sagte „Ja“. Ja zur Traum Gottes, ja zum Plan Gottes und ja zu Gottes Willen.
   Wie wir wissen, war es ein „Ja“, dass keinesfalls leicht zu leben war. Ein „Ja“, das ihr nicht Privilegien oder Auszeichnungen gewährte, sondern, wie Simeon in seiner Prophetie sagen wird: „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ Lk 2,35. Es hat sie durchbohrt! Deshalb lieben wir sie so sehr und finden in ihr eine wahre Mutter, die uns hilft, den Glauben und die Hoffnung zu leben auch inmitten der kompliziertesten Situationen. Auf der Linie der Prophetie des Simeon tut es uns gut, drei schwierige Momente des Lebens Marias kurz in der Erinnerung vorüberziehen zu lassen:
   Die Geburt Jesu. Es war kein Platz für sie vgl. Lk 2,7. Sie hatten kein Haus, keine Wohnstätte, um ihren Sohn willkommen zu heißen. Es gab keinen Platz, wo sie ihn zur Welt bringen konnten. Und es war auch keine Familie in der Nähe, sie waren allein. Der einzige verfügbare Ort war ein Viehstall. Und in ihrem Gedächtnis klangen die Worte des Engels nach: „Freue dich, Maria, der Herr ist mit dir“. Und sie hätte sich fragen können: Wo ist er jetzt?
   Die Flucht nach Ägypten. Sie mussten wegziehen, ins Exil gehen. Sie hatten nicht nur keine Bleibe, keine Familie, sondern ihr Leben war sogar in Gefahr. Sie mussten sich auf den Weg machen und in ein fremdes Land gehen. Sie wurden zu Nichtsesshaften wegen der Gier und der Missgunst des Herrschers. Und da hätte sie sich fragen können: Wo ist jener, von dem mir der Engel gesprochen hat?
   Der Tod am Kreuz. Es wird keine schwierigere Situation für eine Mutter geben, als dem Tod eines Sohnes oder einer Tochter beizuwohnen. Es sind herzzerreißende Momente. Und hier sehen wir Maria am Fuß des Kreuzes, unerschütterlich wie jede Mutter. Sie gibt nicht auf. Sie begleitet ihren Sohn bis zum Äußersten des Todes, bis zum Tod am Kreuz. Und dann ist sie es, die die Jünger zusammenhält und stützt.
   Wir sehen ihr Leben, und wir fühlen uns verstanden. Wir können uns zum Beten niederlassen und eine gemeinsame Sprache verwenden angesichts einer Reihe von Situationen, die wir jeden Tag erfahren. Wir können uns mit vielen Situationen ihres Lebens identifizieren, ihr unsere Wirklichkeit erzählen, weil sie uns versteht.
   Sie ist die Frau des Glaubens, ist die Mutter der Kirche; sie hat geglaubt. Ihr Leben ist Zeugnis dafür, dass Gott nicht enttäuscht, sein Volk nicht verlässt, auch wenn es Augenblicke oder Situationen gibt, in denen es scheint, als wäre er nicht da. Sie ist die erste Jüngerin gewesen, die ihren Sohn begleitet und die Hoffnung der Apostel in den schwierigen Momenten gestützt hat. Sie ist die Frau gewesen, die Acht gegeben hat und – als es schien, dass die Festfreude zu erlöschen begann – zu sagen wusste: „Sie haben keinen Wein mehr“ Joh 2,3. Sie ist die Frau gewesen, die zu ihrer Verwandten Elisabet ging und „etwa drei Monate bei ihr“ Lk 1,56 blieb, damit sie während der Geburt nicht allein sei.
   Das alles wissen wir aus dem Evangelium, aber wir wissen auch, dass es auf dieser Erde unsere Mutter ist, die uns in so vielen schwierigen Situationen zur Seite gestanden hat. Dieses Heiligtum hütet und bewahrt das Gedächtnis eines Volkes, das weiß, dass Maria Mutter ist und immer an der Seite ihrer Söhne und Töchter ist und bleibt.
   Sie ist und bleibt in unseren Krankenhäusern, in unseren Schulen, in unseren Häusern. Sie ist und bleibt bei uns in der Arbeit und auf dem Weg. Sie ist und bleibt am Tisch in jedem Haus. Sie ist und bleibt in der Bildung des Vaterlandes, indem sie uns zu einer Nation macht. Immer mit einer unaufdringlichen und leisen Gegenwart. Im Blick auf ein Marienbild, auf ein Andachtsbildchen oder auf eine Medaille. Unter dem Zeichen eines Rosenkranzes wissen wir, dass wir nicht allein sind.
   Warum? Warum wollte Maria inmitten ihres Volkes bleiben, mit ihren Söhnen und Töchtern, mit ihrer Familie. Indem sie immer Jesus folgte, auf der Seite der Menge. Als gute Mutter wollte sie die Ihren nicht verlassen, sondern war im Gegenteil immer dort zu finden, wo ihr Sohn sie nötig haben könnte. Das tat sie, weil sie Mutter ist.
   Eine Mutter, die gelernt hat zuzuhören und in so vielen Schwierigkeiten von jenem „Fürchte dich nicht“, „der Herr ist mit dir Lk 1,30.28 zu leben. Eine Mutter, die uns immer wieder sagt: „Was er euch sagt, das tut“ Joh 2,5. Das ist ihre beständige und fortwährende Einladung: „Was er euch sagt, das tut“. Sie hat kein eigens Programm, sie kommt nicht um uns etwas Neues zu sagen, nur ihr Glaube begleitet unseren Glauben.
   Ihr wisst das, ihr habt davon Erfahrung gemacht, was wir hier miteinander besprechen. Ihr alle, alle Paraguayer haben das lebendige Gedächtnis eines Volkes, das diese Worte des Evangeliums haben zu Fleisch werden lassen. Und ich möchte mich in besonderer Weise an euch paraguayische Frauen und Mütter wenden, die ihr mit großem Mut und Opferbereitschaft ein vom Krieg zerstörtes, versunkenes und überschwemmtes Land wieder aufgerichtet habt. Ihr habt das Gedächtnis, das Erbgut jener Frauen, die das Leben, den Glauben und die Würde eures Volkes wieder hergestellt haben. Wie Maria habt ihr sehr, wirklich sehr schwere Situationen gemeistert, die einer allgemeinen Logik entsprechend gegen jeden Glauben gewesen wären. Ihr habt dagegen wie Maria, getrieben und getragen von ihrem Beispiel, weiter geglaubt, auch voll Hoffnung gegen alle Hoffnung (vgl. Röm 4,18). Als alles zusammenzubrechen schien, habt ihr euch mit Maria gesagt: Wir fürchten uns nicht, der Herr ist mit uns, er ist mit unserem Volk, mit unseren Familien, tun wir, was er uns sagt. Und daher habt ihr in der Vergangenheit die Kraft gefunden, um nicht zuzulassen, dass diese Erde im Chaos versinkt. Und ihr findet sie auch heute. Gott segne diese Ausdauer, Gott segne und stärke euren Glauben, Gott segne die paraguayische Frau, die ruhmreichste Amerikas.
   Als Volk sind wir zu unserem Haus gekommen, zum Haus des paraguayischen Vaterlandes, um noch einmal diese Worte zu hören, die uns so gut tun: „Freue dich, … der Herr ist mit dir“. Es ist ein Appell, nicht das Gedächtnis zu verlieren, die Wurzeln, die so vielen Zeugnisse, die ihr von gläubigen Menschen empfangen habt, die in den Kämpfen des Lebens verstrickt waren. Ein Glaube, der zum Leben geworden ist, ein Leben, das zur Hoffnung wurde, und eine Hoffnung, die uns dazu führt, in der Liebe vorauszugehen. Ja, nach der Art Jesu, vorauszugehen in der Liebe. Seid Träger dieses Glaubens, dieses Lebens, dieser Hoffnung! Seid Erbauer des Heute und des Morgen Paraguays!
   Nochmal betrachte ich das Bild Marias und lade euch ein, gemeinsam zu sprechen: „In deinem Eden von Caacupé wohnt dein Volk, o reine Jungfrau, das dir seine Liebe und seinen Glauben bringt.“ Bitte für uns, heilige Gottesmutter, auf dass wir würdig werden, die Verheißungen und die Gnaden unseres Herrn Jesus Christus zu empfangen. Amen. Rv150711pr 

          Der Sonntag, 12. Juli, ist der letzte vollständige Reisetag des Papstes bei seiner zweiten Lateinamerikareise. Vorgesehen sind unter anderem eine Messe, eine Begegnung mit den Bischöfen und ein Treffen mit Jugendlichen. Um 19 Uhr Ortszeit will der Papst wieder in Richtung Rom aufbrechen; dort wird er am Montag, 13. Juli, gegen 13.45 Uhr erwartet. Rv150508sk

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Papst: Geschwisterliche Gastfreundschaft ist Ausweis des Christen – Foto: Messfeier in Asunción -   Gastfreundschaft ist der „Personalausweis“ des Christen, seine „Visitenkarte“ und sein „Beglaubigungsschreiben“

   In seiner Predigt während der letzten öffentlichen Messfeier von Papst Franziskus bei seiner Lateinamerikareise legte er das Evangelium von der Aussendung der Jünger aus, sie sollten keinen Wanderstab mitnehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld. Und dann: bleibt in dem Haus, in dem man euch beherbergt, wie es in der Schrift heißt. „Jesus ruft seine Jünger und sendet sie aus, indem er ihnen klare und genaue Regeln gibt“, so Papst Franziskus. „Er fordert sie heraus mit einer Reihe von Grundhaltungen, von Verhaltensweisen, die sie haben müssen. In nicht wenigen Fällen können diese uns übertrieben oder absurd erscheinen; leichter wäre es, sie als symbolisch oder als „spirituell“ anzusehen. Doch Jesus ist ganz genau, ganz klar. Er sagt ihnen nicht: „Tut, als ob…“ oder „Tut, was ihr könnt“.“
   Hunderttausende waren in  den Ñu Guazú-Park in Paraguays Hauptstadt Asunción gekommen, um mit dem Papst die Messe zu feiern, zuvor hatte er bei der Reise immer wieder die Worte gehört „mi casa es su casa“, unser Haus ist Ihr Haus, Heiliger Vater. Diese von ihm in den vergangenen acht Tagen erlebte Gastfreundschaft stellte er ins Zentrum seiner Gedanken zum Evangelium der Aussendung. Er wolle diese Gastfreundschaft bedenken, nicht die Worte „Brot“, „Geld“ oder Vorratstasche“, auf die man sich auch konzentrieren könnte. Das Schlüsselwort „Gastfreundschaft“ werde aber leider oft übersehen. „Er sendet sie aus, damit sie eines der grundlegenden Merkmale der Gemeinschaft der Gläubigen lernen“, so der Papst über die Jünger Jesu. „Wir könnten sagen, dass derjenige Christ ist, der gelernt hat, Gastfreundschaft zu gewähren, zu beherbergen.“
   Die Gesandten Jesu seien nicht als Eigentümer in der Welt unterwegs, „als Anführer, befrachtet mit Gesetzen und Anweisungen“, als Mächtige, so der Papst. Sie müssten lernen, „in einer anderen Weise zu leben, mit einem anderen Gesetz, unter einer anderen Anweisung. Es bedeutet, von der Logik des Egoismus, der Verschlossenheit, des Kampfes, der Spaltung und der Übermacht zur Logik des Lebens, der Unentgeltlichkeit und der Liebe überzugehen. Von der Logik des Herrschens, des Niederdrückens, des Manipulierens zur Logik des Aufnehmens, des Empfangens, des Pflegens.“ Damit identifizierte der Papst das, was er zuvor „Personalausweis des Christen“ genannt hatte. Oft denken Christen beim Auftrag Jesu an Projekte und Programme, klagte er. „Wie oft stellen wir uns die Evangelisierung in Verbindung mit tausend Strategien, Taktiken, Manövern, Kniffen vor und meinen, dass die Leute sich aufgrund unserer Argumente bekehren. Heute sagt es uns der Herr ganz klar: In der Logik des Evangeliums überzeugt man nicht mit Argumenten, mit Strategien, mit Taktiken, sondern indem man lernt zu beherbergen.“ Die Gemeinschaft Jesu, die Kirche, empfange und nehme auf, vor allem diejenigen, die der Aufnahme bedürfen. „Die Kirche ist das Haus der Gastfreundschaft. Wie viel Gutes können wir tun, wenn wir uns dazu aufschwingen, die Sprache der Gastfreundschaft, der Aufnahme zu lernen.“ Und diese Gastfreundschaft gelte für alle, auch denen gegenüber, „die nicht so denken wie wir, gegenüber dem, der keinen Glauben hat oder der ihn verloren hat.“
   Diese Gastfreundschaft kontrastierte der Papst mit der Einsamkeit, einem Grundübel, dass sich im Menschen einniste und viel Schaden anrichte, indem es Vitalität zerstöre. „Sie trennt uns von den anderen, von Gott und von der Gemeinschaft“, so der Papst. „Sie schließt uns ein in uns selbst. Darum besteht das Eigentliche der Kirche, dieser Mutter, nicht in erster Linie darin, Dinge, Projekte in die Wege zu leiten, sondern darin zu lernen, die Geschwisterlichkeit mit den anderen zu leben.“ Die gastfreundliche Geschwisterlichkeit sei das beste Zeugnis für das Christentum: „daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“, zitierte der Papst das Johannesevangelium Joh 13,35.
   Man könne andere nicht verpflichten, aufzunehmen und zu beherbergen, fügte der Papst an. Zu Gastfreundschaft könne man nicht verpflichten, sie gehöre zur Freiheit des Menschen. „Doch es ist auch sicher, dass niemand uns verpflichten kann, nicht aufnahmebereit und gastfreundlich gegenüber dem Leben unseres Volkes zu sein.“ Wie schön sei es, schloss Papst Franziskus seine Predigt, sich die Kirche und ihre Gemeinschaften, Kapellen und Pfarreien genau so vorzustellen: Zentren der Begegnung zwischen Gott und den Menschen. Rv150712ord

miAm-Reise-49-ZZ

Predigt: Gastfreundschaft - ein zentrales Wort  -  Nu Guazu Park - der Ort der Messe in Asunción
Volltext der Predigt von Papst Franziskus bei der Messfeier im Ñu Guazú-Park, Asunción, Paraguay, am 12. Juli 2015

   „Der Herr spendet den Regen, und unser Land gibt seinen Ertrag“, sagt der Psalm vgl. 85,13. Das zu feiern sind wir eingeladen, dieses geheimnisvolle Miteinander von Gott und seinem Volk, zwischen Gott und uns. Der Regen ist ein Zeichen seiner Gegenwart in dem Land, das wir mit unseren Händen bearbeiten. Ein Miteinander, das immer Ertrag bringt, das immer Leben schenkt. Diese Zuversicht entspringt dem Glauben, zu wissen, dass wir auf seine Gnade zählen können, die unser Land immer verwandeln und bewässern wird.
   Eine Zuversicht, die man lernt, die in der Erziehung vermittelt wird. Eine Zuversicht, die sich im Schoß einer Gemeinschaft entwickelt, im Leben einer Familie. Eine Zuversicht, die zum Zeugnis wird auf den Gesichtern von vielen, die uns anregen, Jesus zu folgen, Jünger dessen zu sein, der niemals enttäuscht. Der Jünger fühlt sich eingeladen zu vertrauen, er fühlt sich von Jesus eingeladen, sein Freund zu sein, sein Schicksal zu teilen, an seinem Leben teilzuhaben. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte … Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ Joh 15,15. Die Jünger sind diejenigen, die lernen, im zuversichtlichen Vertrauen der Freundschaft Jesu zu leben.
Das Evangelium spricht uns von dieser Jüngerschaft. Es stellt uns den „Personalausweis“ des Christen vor. Seine Visitenkarte, sein Beglaubigungsschreiben.
   Jesus ruft seine Jünger und sendet sie aus, indem er ihnen klare und genaue Regeln gibt. Er fordert sie heraus mit einer Reihe von Grundhaltungen, von Verhaltensweisen, die sie haben müssen. In nicht wenigen Fällen können diese uns übertrieben oder absurd erscheinen; leichter wäre es, sie als symbolisch oder als „spirituell“ anzusehen. Doch Jesus ist ganz genau, ganz klar. Er sagt ihnen nicht: „Tut, als ob…“ oder „Tut, was ihr könnt“.
   Rufen wir sie uns gemeinsam ins Gedächtnis: „Nehmt nichts auf den Weg mit außer einem Wanderstab; kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld… Bleibt in dem Haus, in dem man euch beherbergt.“ Es scheint unmöglich zu sein.
   Wir könnten uns auf die Worte „Brot“, „Geld“, Vorratstasche“, Wanderstab“, Sandalen“, „Hemd“ konzentrieren. Und das ist durchaus zulässig. Doch mir scheint, dass es ein Schlüsselwort gibt, das übersehen werden könnte. Ein zentrales Wort in der christlichen Spiritualität, in der Erfahrung der Jüngerschaft: Gastfreundschaft. Er sagt ihnen: „Bleibt in dem Haus, in dem man euch beherbergt.“ Er sendet sie aus, damit sie eines der grundlegenden Merkmale der Gemeinschaft der Gläubigen lernen. Wir könnten sagen, dass derjenige Christ ist, der gelernt hat, Gastfreundschaft zu gewähren, zu beherbergen. 
   Jesus sendet sie nicht aus als Mächtige, als Eigentümer, als Anführer, befrachtet mit Gesetzen und Anweisungen. Im Gegenteil, er zeigt ihnen, dass der Weg des Christen darin besteht, das Herz zu verwandeln. Zu lernen, in einer anderen Weise zu leben, mit einem anderen Gesetz, unter einer anderen Anweisung. Es bedeutet, von der Logik des Egoismus, der Verschlossenheit, des Kampfes, der Spaltung und der Übermacht zur Logik des Lebens, der Unentgeltlichkeit und der Liebe überzugehen. Von der Logik des Herrschens, des Niederdrückens, des Manipulierens zur Logik des Aufnehmens, des Empfangens, des Pflegens.
Zwei Logiken sind im Spiel, zwei Arten, das Leben, die Mission anzugehen.
    Wie oft denken wir an die Mission auf der Grundlage von Projekten und Programmen! Wie oft stellen wir uns die Evangelisierung in Verbindung mit tausend Strategien, Taktiken, Manövern, Kniffen vor und meinen, dass die Leute sich aufgrund unserer Argumente bekehren. Heute sagt es uns der Herr ganz klar: In der Logik des Evangeliums überzeugt man nicht mit Argumenten, mit Strategien, mit Taktiken, sondern indem man lernt zu beherbergen.
   Die Kirche ist eine Mutter mit offenem Herzen, die aufzunehmen und zu empfangen versteht, besonders die, welche größerer Pflege bedürfen, die in größeren Schwierigkeiten sind.  Die Kirche ist das Haus der Gastfreundschaft. Wie viel Gutes können wir tun, wenn wir uns dazu aufschwingen, die Sprache der Gastfreundschaft, der Aufnahme zu lernen. Wie viele Wunden, wieviel Verzweiflung kann man heilen in einem Heim, wo einer sich willkommen fühlen kann. Deswegen müssen wir die Türen immer offen halten, vor allem die Türen unserer Herzen.
   Gastfreundschaft gegenüber dem Hungrigen, dem Durstigen, dem Fremden, dem Nackten, dem Kranken, dem Gefangenen vgl. Mt 25,34-37, dem Aussätzigen, dem Gelähmten. Gastfreundschaft gegenüber dem, der nicht so denkt wie wir, gegenüber dem, der keinen Glauben hat oder der ihn verloren hat. Gastfreundschaft gegenüber dem Verfolgten, dem Arbeitslosen. Gastfreundschaft gegenüber den verschiedenen Kulturen, an denen Paraguay so reich ist. Gastfreundschaft gegenüber dem Sünder.
   Oftmals vergessen wir, dass es ein Übel gibt, das unseren Sünden vorausgeht. Es gibt eine Wurzel, die viel, aber so viel Schaden anrichtet, die in aller Stille so viele Leben zerstört. Es gibt ein Übel, das sich nach und nach in unserem Herzen einnistet und unsere Vitalität „verzehrt“: die Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die viele Ursachen, viele Gründe haben kann. Wie sehr zerstört sie das Leben und wie sehr schadet sie uns! Sie trennt uns von den anderen, von Gott und von der Gemeinschaft. Sie schließt uns ein in uns selbst. Darum besteht das Eigentliche der Kirche, dieser Mutter, nicht in erster Linie darin, Dinge, Projekte in die Wege zu leiten, sondern darin zu lernen, die Geschwisterlichkeit mit den anderen zu leben. Die gastfreundliche Geschwisterlichkeit ist das beste Zeugnis dafür, dass Gott Vater ist, denn „daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“Joh 13, 35.
Auf diese Weise eröffnet Jesus uns eine neue Logik. Einen Horizont voller Leben, Schönheit, Wahrheit, einen Horizont der Fülle.
   Gott verschließt niemals die Horizonte, Gott bleibt angesichts des Lebens und des Leidens seiner Kinder niemals passiv. Gott lässt sich in seiner Großzügigkeit niemals übertreffen. Darum sendet er uns seinen Sohn, schenkt ihn, gibt ihn hin, teilt ihn mit uns, damit wir den Weg der Geschwisterlichkeit, der Hingabe lernen. Es ist ein entschieden neuer Horizont, es ist ein entschieden neues Wort für so viele Situationen der Ausschließung, der Spaltung, der Verschlossenheit, der Isolierung. Es ist ein Wort, welches das Schweigen der Einsamkeit durchbricht.
   Und wenn wir müde sind oder das Evangelisieren uns schwer wird, ist es gut, uns daran zu erinnern, dass das Leben, das Jesus uns vorschlägt, den tiefsten Bedürfnissen der Menschen entspricht, denn wir alle sind für die Freundschaft mit Jesus und für die geschwisterliche Liebe geschaffen Evangelii gaudium 265.
   Eines ist sicher: Wir können niemanden dazu verpflichten, uns zu empfangen, uns zu beherbergen; es ist sicher und es gehört zu unserer Armut und zu unserer Freiheit. Doch es ist auch sicher, dass niemand uns verpflichten kann, nicht aufnahmebereit und gastfreundlich gegenüber dem Leben unseres Volkes zu sein. Niemand kann von uns verlangen, dass wir das Leben unserer Brüder und Schwestern nicht aufnehmen und in die Arme schließen, besonders das Leben derer, welche die Hoffnung und die Lebensfreude verloren haben. Wie schön ist es, uns unsere Pfarreien, Gemeinschaften, Kapellen, die Orte, wo die Christen sind, nicht als Orte mit geschlossenen Türen sondern als wahre Zentren der Begegnung zwischen Gott und uns vorzustellen!
   Die Kirche ist Mutter wie Maria. In ihr haben wir ein Vorbild. Beherbergen wie Maria, die das Wort Gottes nicht beherrschte, noch sich seiner bemächtigte, sondern im Gegenteil es beherbergte, in ihrem Schoß trug und hingab.
Beherbergen wie die Erde, die den Samen nicht beherrscht, sondern ihn empfängt, ihn nährt und ihn aufkeimen lässt.
   So möchten wir Christen sein, so möchten wir unseren Glauben auf diesem paraguayischen Boden leben – wie Maria, indem wir das Leben Gottes in unseren Brüdern und Schwestern beherbergen in der zuversichtlichen Gewissheit: „Der Herr spendet den Regen, und unser Land gibt seinen Ertrag.“ Rv150712ord

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Predigt: „Wir sind die Hände Gottes, der den Armen erhöht" - Feier der Vesper in der Kathedrale von Asunción

   Die Kraft für den Einsatz für den Wert jedes Lebens und für die Gerechtigkeit kommt aus dem Gebet. Das betonte Papst Franziskus in seiner Predigt in der Kathedrale von Asunción, dort feierte er mit den Geistlichen, Ordensleuten und katholischen Bewegungen Paraguays gemeinsam einen Vespergottesdienst. Er träume von einer Kirche, welche die Harmonie der liturgischen Gesänge im Inneren widerspiegele, so der Papst.
  „Das Gebet lässt hervortreten, was wir gerade erleben oder was wir im Alltag leben sollten, zumindest das Gebet, das nicht äußerlich oder bloß Zierde sein will. Das Gebet treibt uns an, das umzusetzen oder an uns zu überprüfen, was wir in den Psalmen beten: Wir sind die Hände Gottes, der „den Armen erhöht, der im Schmutz liegt“ Ps 113,7... sind diejenigen, die dafür kämpfen, darum ringen, den Wert jedes menschlichen Lebens verteidigen, von der Geburt bis zum Alter, wenn die Jahre viele sind und die Kräfte nachlassen. Das Gebet ist Widerschein der Liebe, die wir für Gott, für die anderen, für die Schöpfung empfinden.“
   Die christliche Berufung nehme teil am „Tun“ Jesu, was mehr sei als nur handeln, es sei ein ihm ähnlich werden. Kirchliche Gemeinschaft sei deswegen „schön“, weil sie ein Miteinander an Berufung sei und eine harmonische Vielfalt bilde.
   „Es ist immer gut, in diesem Bewusstsein der apostolischen Arbeit in Gemeinschaft zu wachsen!“, so der Papst. „Es ist schön, euch in der Seelsorge zusammenarbeiten zu sehen, stets entsprechend dem Wesen und der kirchlichen Aufgabe jeder Berufung und jedes Charismas.“ Er ermutige alle, sich in kirchlicher Zusammenarbeit zu engagieren und so am Gemeinwohl mitzuwirken. Spaltung unter den Christen verursache Sterilität, Gemeinschaft und Eintracht hingegen Fruchtbarkeit, „weil sie zutiefst mit dem Heiligen Geist zusammenstimmen.“
   Wer von Gott berufen sei, brüste sich nicht und suche keine Anerkennung und Applaus, mahnte der Papst die Anwesenden. Vorrang habe allein Christus. rv150712ord 

miAm-Reise-50-ZZ

Franziskus: Nein zu götzendienerischem Wirtschaftsmodell! - Paraguay: Ein Tänzchen für den Papst

   Nein zu Ideologien, ja zu einem Fortschritt mit menschlichem Antlitz! Das war der Tenor einer Rede, mit der sich Papst Franziskus am Samstagnachmittag in der Hauptstadt Asunción an Vertreter von Staat und Gesellschaft Paraguays gewandt hat. Das Treffen war lockerer als vergleichbare Termine in den anderen Hauptstädten Lateinamerikas, die der Papst zuvor besucht hat; trotzdem sprach Franziskus ein sehr deutliches Nein zu Diktaturen, wie sie auch Paraguay in seiner Geschichte mehrfach erlebt hat. Und  in Anwesenheit von Staatspräsident Horacio Cartes, der zu den reichsten Unternehmern des Landes zählt, forderte er auch eine Abkehr vom reinen Profitdenken.
   Großer Bahnhof für Franziskus: Ein Kinderorchester spielte auf Instrumenten aus recyceltem Müll, Tänzer führten Laudato si´ auf. Der Papst ließ sich auf ein Frage-Antwort-Spiel ein; einem Jugendlichen schrieb er ins Stammbuch, dass „Glück und Vergnügen nicht gleichbedeutend“ seien und dass junge Leute nicht „wie Betäubte durchs Leben gehen“ sollten. Stattdessen sei der Einsatz für Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit, Frieden und Würde ihre Hauptaufgabe. „Allerdings gibt es die Gefahr, dass das ... reines Lippenbekenntnis bleibt. Nein! Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit, Frieden und Würde sind konkret, sonst nutzen sie nichts! Sie sind alltäglich! Man macht sie täglich! Darum frage ich euch, junge Leute, wie setzt ihr diese Ideale täglich im Konkreten um? ... Ich gestehe, dass mich da manchmal eine gewisse Allergie befällt, ... wenn ich große Reden schwingen höre mit all diesen Worten darin und daran denke, wer da spricht: ‚Was für ein Lügner!’“
„Möge es keine Menschen zweiter Klasse geben“
   Eine Frage nach dem Dialog nutzte der Heilige Vater, um vor einem „Dialog-Theater“ zu warnen: „Das heißt, wir tun so, als führten wir Dialog, wir spielen Dialog, und dann reden wir hinterher unter vier Augen, und das Ganze ist gelöscht. Der Dialog findet am Tisch statt! Wenn ihr im Dialog nicht sagt, was ihr wirklich denkt und fühlt, und nicht dem anderen zuhört und dabei bereit seid, euer Denken zu ändern, dann bringt der Dialog nichts, dann ist er nur ein hübsches Gemälde!“ Natürlich sei Dialog „nicht einfach“, aber Konflikten auszuweichen, bringe nichts, im Gegenteil, es gelte sie frontal anzugehen und durchzuhalten, nur so öffne sich der Weg zu einer Lösung. „Wenn jemand meint, dass es Personen, Kulturen, Situationen zweiter, dritter oder vierter Klasse gibt, wird etwas sicher schlecht ausgehen, denn es fehlt ihm einfach das Minimum, die Anerkennung der Würde des anderen. Möge es keine Menschen zweiter, dritter oder vierter Klasse geben: Alle sind auf einer Linie!“
   Womit der „Papst der Armen“ bei einem seiner Herzensanliegen war, nämlich dem Einsatz für die Armen. Das war auch der Moment zu seiner Ideologien-Schelte. „Ein grundlegender Aspekt, um die Armen zu fördern, liegt in der Art und Weise, wie wir sie sehen. Nicht dienlich ist eine ideologische Sichtweise, die sie am Ende zugunsten anderer politischer oder persönlicher Interessen gebraucht vgl.Evangelii Gaudium, 199. Ideologien gehen schlecht aus, sie nützen nichts. Ideologien haben eine unvollständige oder kranke oder schlechte Beziehung zum Volk. Sie nehmen das Volk nicht wirklich wahr. Denken Sie an das letzte Jahrhundert! Wohin münden die Ideologien? In Diktaturen: immer! Sie denken für das Volk, sie lassen nicht das Volk selbst denken... Alles für das Volk, aber nichts mit dem Volk – das sind die Ideologien.“
„Nein zu einem götzendienerischen Wirtschaftsmodell“
   Um tatsächlich „das Wohl der Armen zu suchen“, müsse man „zuallererst eine wirkliche Sorge um ihre Person haben“, so Papst Franziskus, müsse man auch „bereit sein, von ihnen zu lernen“. Die Armen hätten uns „in Bezug auf Menschlichkeit, Güte und Opfer viel zu lehren“. Sprach’s und holte erneut, wie schon mehrfach auf dieser Lateinamerika-Reise, zu einer heftigen Kritik am heutigen Wirtschaftssystem aus: „Sicher ist es für ein Land sehr notwendig, für Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu sorgen und dafür, dass dies alle Bürger erreicht, ohne dass irgendjemand davon ausgeschlossen bleibt. Die Schaffung dieses Wohlstands muss immer auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein und nicht auf das einiger weniger. Und in diesem Punkt muss Klarheit herrschen! „Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs vgl. Ex 32,1-35 hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht“ Evangelii gaudium 55. Die Personen, die berufen sind, die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, haben die Aufgabe, darüber zu wachen, dass dies immer ein menschliches Gesicht hat. Der wirtschaftliche Fortschritt muss ein menschliches Antlitz haben! Nein zur Wirtschaft ohne Gesicht!
   Und Nein, so fuhr der Papst fort, zu einem „götzendienerischen Wirtschaftsmodell, das es nötig hat, auf dem Altar des Geldes und der Rentabilität Menschenleben zu opfern“. Wie ein Gegenmodell aussehen könnte, skizzierte er mit einem Verweis auf die berühmten Jesuiten-Reduktionen Paraguays; Missionare des Ordens, dem auch Franziskus angehört, lebten in den Reduktionen von Anfang des 17. Jahrhunderts bis zu ihrer Vertreibung durch die Spanier 1767 mit der Urbevölkerung des Landes zusammen. „In ihnen war das Evangelium die Seele und das Leben der Gemeinschaften, in denen es weder Hunger, noch Arbeitslosigkeit, noch Analphabetismus noch Unterdrückung gab. Diese historische Erfahrung lehrt uns, dass eine menschlichere Gesellschaft auch heute möglich ist... Sie ist möglich! Wenn Liebe zum Menschen vorhanden ist und der Wille, ihm zu dienen, ist es möglich, Bedingungen zu schaffen, so dass alle Zugang zu den notwendigen Gütern erhalten, ohne dass irgendjemand ausgesondert wird...“ rv150712sk

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„Ich möchte euren Glauben, eure Hände, eure Gemeinschaft segnen“- Foto: Papst Franziskus in Banado

   Als er noch Erzbischof von Buenos Aires war, fuhr Jorge Mario Bergoglio immer wieder mal mit U-Bahn und Bus in die Favelas am Stadtrand – und traf dort vor allem Einwanderer aus Paraguay. An diesem Sonntag nun besuchte er als Papst in Paraguay ein Elendsviertel, in dem es immer wieder, zuletzt vor ein paar Wochen, zu schweren Überschwemmungen kommt. Langsam ging er durch die improvisierten Strassen zwischen den Behausungen, sprach mit den Bewohnern, umarmte hier eine alte Frau, setzte dort eine Baseball-Kappe auf, die ihm ein Jugendlicher überreichte. Vielen Menschen im Slum stand die Emotion ins Gesicht geschrieben.
   „Heiligkeit, das ist dein Haus“, sagte der Pfarrer in seiner Begrüssungsrede, „hier wohnen deine Brüder!“ Eine Sozialarbeiterin wies darauf hin, dass viele Menschen schon seit langer Zeit in diesem Slum lebten, einige sogar schon seit achtzig Jahren. „Man behandelt uns als ein Problem, das man lösen müsste, man versucht uns umzusiedeln, aber wir sind Teil der Lösung, und wir haben Rechte,  die der Staat nicht einfach mit Füssen treten darf!“ Eine engagierte Christin beklagte in einer kurzen Ansprache, dass die soziale Ungerechtigkeit in Paraguay in den letzten Jahren gestiegen sei. „Wir wollen Gerechtigkeit! Wir wollen eine Kirche sein, die die Menschen beim Kampf um ein eigenes Stück Land begleitet!“Die Menschen in Banado Norte fühlten sich oft „wie der arme Lazarus“.
   Franziskus selbst fühlte sich aber an eine ganz andere Bibelszene erinnert, wie er in seiner Ansprache sagte: an die Heilige Familie nämlich. „Eure Gesichter zu sehen, eure Kinder, eure Großeltern. Eure Geschichten zu hören und alles, was ihr geleistet habt, um hier zu bleiben, all die Kämpfe, die ihr geführt habt, um ein würdiges Leben, um ein Dach zu haben. Alles, was ihr tut, um den Unbilden des Wetters, den Überschwemmungen dieser letzten Wochen zu trotzen, alles verweist auf das Gedächtnis der kleinen Familie von Betlehem.“ Auch Maria und Josef hätten ihre Heimat verlassen müssen, um in ein fremdes Land zu gehen: „ein Land, wo sie keinen kannten, kein Heim hatten, keine Familie“. In diese schwierigen Umstände hinein sei Jesus geboren worden; doch die Hirten von den Feldern hätten sich „gleich zur Familie Marias und Josefs, zur Familie Jesu“ gemacht.
   „Das passiert, wenn Jesus in unser Leben tritt. Das ist es, was den Glauben weckt. Der Glaube macht uns zu Nächsten, er lässt uns dem Leben der Anderen am nächsten sein, er nähert uns an das Leben der Anderen an. Der Glaube weckt unseren Einsatz, unsere Solidarität. Eine menschliche und christliche Tugend, die Sie haben und die viele, viele Menschen erst erlernen müssen! Die Geburt Jesu macht unser Leben wach. Ein Glauben, der nicht zur Solidarität wird, ist ein toter Glaube oder ein lügnerischer Glaube... Es ist ein Glaube ohne Christus. Der Glaube ohne Solidarität ist ein Glaube ohne Christus, ein Glaube ohne Geschwister...“
   Er sei nach Banado Norte gekommen wie einst die Hirten nach Betlehem, fuhr der Papst fort: „Ich möchte Nächster werden. Ich möchte euren Glauben segnen, eure Hände segnen, eure Gemeinschaft segnen... Vielleicht ist die stärkste Botschaft, die ihr nach draussen ausstrahlen könnt, dieser solidarische Glaube.“ Rv150712sk

Die Ansprache des Papstes im Elendsviertel Banado Norte in Asunción, Paraguay, am Sonntag, 12. Juli 2015

„Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!
   Mit großer Freude mache ich euch an diesem Morgen einen Besuch. Ich konnte mich nicht in Paraguay aufhalten, ohne zu euch zu kommen, ohne auf dieser eurer Erde zu verweilen. Wir haben uns hier in dieser Pfarrei getroffen, die der Heiligen Familie geweiht ist. Ich muss euch gestehen, dass, seit ich an diesen Besuch dachte und als ich zu Fuß herkam, mich alles an die Heilige Familie erinnerte. Eure Gesichter zu sehen, eure Kinder, eure Großeltern. Eure Geschichten zu hören und alles, was ihr geleistet habt, um hier zu bleiben, all die Kämpfe, die ihr geführt habt, um ein würdiges Leben, um ein Dach zu haben. Alles, was ihr tut, um den Unbilden des Wetters, den Überschwemmungen dieser letzten Wochen zu trotzen, alles verweist auf das Gedächtnis der kleinen Familie von Betlehem. Ein Kampf, der euch nicht das Lächeln, die Freude, die Hoffnung geraubt hat. Ein sich Dranmachen, das die Solidarität nicht genommen, sondern im Gegenteil, sie stimuliert hat, sie hat sie wachsen lassen
   Ich möchte mich etwas mit Josef und Maria in Betlehem befassen. Sie mussten ihre Heimat verlassen, ihre Lieben und ihre Freunde. Sie mussten ihre Sachen zurücklassen und in ein anderes Land gehen. Ein Land, wo sie keinen kannten, kein Heim hatten, keine Familie. In jenem Moment bekam das junge Paar ihr Kind Jesus. In jener Situation, in einer Höhle, hat das junge Paar uns Jesus zum Geschenk gemacht. Sie waren allein, in einem fremden Land, sie drei. Unvermittelt fanden sich Hirten ein. Menschen wie sie, die ihre eigene Umgebung verlassen mussten mit dem Ziel, bessere familiäre Möglichkeiten zu erlangen. Ihr Leben war an die Unbilden des Wetters und „anderer Art“ gebunden.   Als sie von der Geburt Jesu erfuhren, näherten sie sich, machten sie sich zu den Nächsten, zu Nachbarn. Sie wurden gleich zur Familie Marias und Josefs. Zur Familie Jesu.
   Das passiert, wenn Jesus in unser Leben tritt. Das ist es, was den Glauben weckt. Der Glaube macht uns zu Nächsten, er lässt uns dem Leben der Anderen am nächsten sein, er nähert uns an das Leben der Anderen an. Der Glaube weckt unseren Einsatz, unsere Solidarität. Eine menschliche und christliche Tugend, die Sie haben und die viele, viele Menschen erst erlernen müssen. Die Geburt Jesu macht unser Leben wach. Ein Glauben, der nicht zur Solidarität wird, ist ein toter Glaube oder ein lügnerischer Glaube... Es ist ein Glaube ohne Christus, der Glaube ohne Solidarität ist ein Glaube ohne Christus, ein Glaube ohne Geschwister... Ein Gott ohne Volk, ein Volk ohne Brüder, ein Volk ohne Geschwister. Der erste, der solidarisch war, ist der Herr gewesen, der sich entschied, unter uns, in unserer Mitte zu leben... Er hatte kein Problem damit, sich zu den Menschen herabzubeugen... Wenn ein Glaube nicht solidarisch ist, ist er ein Glaube ohne Gott...
   Ich komme wie jene Hirten. Ich möchte Nächster werden. Ich möchte euren Glauben segnen, eure Hände segnen, eure Gemeinschaft segnen. Ich bin gekommen, um mit euch Dank zu sagen, weil der Glaube zur Hoffnung geworden und die Hoffnung die Liebe angeregt hat. Der Glaube, den Jesus weckt, ist ein Glaube, der die Fähigkeit hat, die Zukunft zu träumen und für sie in der Gegenwart zu kämpfen! Gerade deshalb möchte ich euch ermutigen, weiter Missionare zu sein, weiter diesen Glauben auf diesen Straßen und diesen Pfaden zu verbreiten. Diesen Glauben, der uns solidarisch untereinander macht... Indem ihr euch besonders zum Nächsten der Jüngsten und der älteren Menschen macht, zur Stütze der jungen Familien sowie jener, die schwierige Momente durchmachen. Vielleicht ist die stärkste Botschaft, die ihr nach draussen ausstrahlen könnt, dieser solidarische Glaube..   Ich möchte unsere Familien der Heiligen Familie anempfehlen, auf dass ihr Modell, ihr Zeugnis weiterhin Licht auf dem Weg ist, Ansporn in schwierigen Momenten... Die Heilige Familie möge uns immer jene „Hirten“ schenken, Priester und Bischöfe, die fähig sind, das Leben unserer Familien zu begleiten, zu stützen und zu stimulieren...Ich lade euch ein, ein gemeinsames Gebet an die Heilige Familie zu richten, und ich bitte euch, nicht zu vergessen, für mich zu beten.Beten wir zusammen zu unserem Vater, der uns zu Brüdern untereinander macht: Vater unser im Himmel...“ rv150712sk  Foto unten: Kathedrale von Asunción

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US-Mittelschicht im Blick von Papst Franziskus  - Foto: Ein Papst für die Armen - und auch für die Mittelschicht?

   Kaum ein Thema beschäftigt Papst Franziskus so sehr wie die Lage der Armen überall auf der Welt. Auf dem Rückflug von seiner letzten Reise nach Südamerika wurde der Papst gefragt, warum er so viel über die Armen und die Reichen spreche, über die Mittelschicht aber so wenig. Seine Antwort: „Die Welt ist polarisiert, und die Mittelschicht wird immer kleiner. Die Schere zwischen Arm und Reich ist groß, das ist eine Tatsache. Ich spreche von der ganzen Welt. In manchen Ländern ist das nicht so, denen geht es sehr gut. Aber im Allgemeinen sieht man auf der Welt eine Polarisierung und eine große Zahl armer Menschen. Warum ich über diese Armen spreche? Weil das im Herzen des Evangeliums liegt.“
   Das Eintreten gegen Armut bleibe ein zentrales Anliegen seines Pontifikats. Er wolle sich zukünftig aber auch stärker den Fragen und Bedürfnissen der Mittelschicht zuwenden. Das soll zum Beispiel geschehen, wenn der Papst vom 22. bis zum 27. September die USA besucht. Kishore Jayabalan ist der Direktor des Acton Instituts für Religionswissenschaft und Friedensforschung in Rom. Er sagt über die Mittelschicht in den USA:
   „Die Menschen in der Mittelschicht sehen es so, dass derzeit die Chance, ihre ökonomische Situation zu verbessern, nicht sehr gut ist. Die Überzeugung, dass es den Kindern einmal besser gehen wird als den Eltern, ist aber sehr wichtig für das kollektive Bewusstsein des Landes. Erstmals in der Geschichte Amerikas ist diese Einstellung nicht mehr so präsent. Hiermit muss man sich auseinandersetzen. Man braucht eine stabile leistungsfähige Mittelschicht. Es kann nicht sein, dass es viele Arme und nur ein paar Reiche gibt.“
   Alles andere wäre schlecht für die Gesellschaft, sagt Jayabalan: „Wenn eine breite prosperierende Mittelschicht vorhanden ist, die auch spürt, dass sie vorankommen kann, ist das besser für die Gesellschaft. Das Eingeständnis des Papstes, dass es eine Mittelschicht gibt, die unter Druck ist durch hohe Steuern und Transferzahlungen für die ärmeren Schichten, ist sehr ermutigend. Die Frage wird sein, ob die Menschen spüren, dass sie vorankommen, oder ob sich ein Gefühl des Stillstands breit macht. Solche Probleme sieht man in vielen Ländern in der Welt, die scheitern." Rv150810mch 

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