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Türkei

  Auf dieser Seite lesen Sie:
1. Türkei: jetzt vier christliche Abgeordnete ins Parlament gewählt
2. Erstmals seit 1923 erlaubt die Türkei den Neubau einer christlichen Kirche in Istanbul
3. Großer Fotobericht über die Türkeireise von Papst Franziskus
4. Christen in der Türkei
5. Paolo Bizzeti zum Apostolischen Vikar von  Anatolien ernannt: “Dialog mit dem Islam wichtiger denn je!”

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  Türkei: Stillstand in Sachen „Religionsstiftungen“ Foto: Soldaten vor dem Atatürk-Mausoleum in Ankara

   Religiöse und ethnische Stiftungen befürchten eine „Vernachlässigung nichtmuslimischer Minderheiten“ in der Türkei. Das berichtet der Fidesdienst an diesem Dienstag. Die insgesamt 168 Stiftungen der ethnischen und religiösen Minderheiten in der Türkei, darunter Juden sowie armenische, griechische, assyrische, chaldäische und bulgarische Christen, üben ihre Aktivitäten auf der Grundlage der Generaldirektion der Stiftungen aus. Vor zwei Jahren wurden dafür neue Bestimmungen gebilligt, die jedoch noch nicht in Kraft getreten sind. In manchen Fällen gehen die letzten Wahlen der Stiftungsvorstände sogar bis auf die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück, wegen der fehlenden staatlichen Bestimmungen.
   Bereits im März, so türkische Medien, hatte sich der Vertreter der Minderheiten bei der Generalversammlung der Stiftungen bei dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu über die institutionelle Vernachlässigung der von ihm vertretenen Einrichtungen beklagt. Der Ministerpräsident versprach eine Lösung der Probleme noch vor der Wahl, die am 1. November von der Partei des Präsidenten Recep Tayyp Erdogan gewonnen wurde.  Rv151110mg

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Türkei: Genehmigung für den Bau einer christlichen Kirche
Premier Davutoglu begrüßt Papst Franziskus in Ankara -

   Erstmals seit der Gründung der Türkischen Republik im Jahr 1923 hat die Regierung in Ankara den Bau einer neuen christlichen Kirche genehmigt. Die Kirche solle im Istanbuler Stadtteil Yesilköy errichtet werden, der auf der europäischen Seite der Stadt am Ufer des Marmarameeres liegt. Die Kirche der christlichen syrischen Minderheit solle auf städtischem Grund und Boden entstehen, hieß es am Samstag aus Kreisen der islamisch-konservativen Regierung in der Hauptstadt Ankara.
   Zuvor hatte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu den Mitgliedern nicht-muslimischer Minderheiten im Land die vollen Rechte als Staatsbürger zugesichert. Seine Regierung unterscheide die Bürger nicht nach Zugehörigkeit zu einer Religion, einer Konfession oder Ethnie, sagte Davutoglu am Freitag bei einem Treffen mit Vertretern der religiösen Minderheiten der Türkei in Istanbul, wie die Nachrichtenagentur Anadolu meldete.
   Davutoglu verwies darauf, dass unter der Regierung der von ihm geführten islamisch-konservativen Partei AKP die Rückgabe enteigneter Immobilien an Nicht-Muslime begonnen habe. Angehöriger aller Religionen müssten ihre Stimme gegen Ausgrenzung erheben, so der Ministerpräsident. Er verwies auf eine wachsende Islamfeindlichkeit und einen zunehmenden Antisemitismus in Europa. Dort würden Moscheen angegriffen, sagte er mit Blick auf eine jüngste Serie von Brandanschlägen in Schweden. Ein entschiedenes Eintreten gegen Islamophobie richte sich nicht nur gegen die Diskriminierung von Muslimen, sondern gegen jedwede Ausgrenzung aufgrund von Religion.
   Nicht-Muslime machen in der Türkei nur eine kleine Minderheit von weniger als 200.000 unter 77 Millionen Einwohnern aus. Zu den größten Minderheiten gehören die Armenier mit geschätzt rund 80.000, die Katholiken mit 35.000, die syrisch-orthodoxen Christen mit rund 20.000 sowie die jüdische Gemeinde mit ebenfalls rund 20.000 Gemeindemitgliedern. Rv150103ord

Nach 100 Jahren wird in der Türkei die erste christliche Kirche gebaut  
Die türkische Regierung erlaubt den Neubau einer syrisch-christlichen Kirche in Istanbul

   Die syrisch-orthodoxe Kirche wird in Yeşilköy – einem Außenbezirk von Istanbul – errichtet. Dort gibt es bereits Kirchen der griechisch-orthodoxe, armenische und katholische Kirchen. Bei einem Treffen mit Leitern religiöser Gruppen machte Premierminister Ahmet Davutoglu diese Entscheidung bekannt: “Das wird die ersten (neue) Kirche seit der Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 sein. Kirchen sind bisher wohl restauriert und wiedereröffnet, aber nicht neu gebaut worden.”
   Die regierende Partei der Türkei, die AKP (Partei der Gerechtigkeit und Entwicklung) wird beschuldigt, das Land zu islamisieren. Die Minderheit von 100.000 Christen sprechen von einer zunehmenden intoleranten Atmosphäre. Jedoch ist die AKP in manchen Bereichen toleranter zu den Christen, während die Republikaner sich feindlich gegenüber allen Religionen verhalten.
   Vor dem ersten Weltkrieg lebten in der Türkei viele Christen, in Konstantinopel war die Bevölkerung mehrheitlich christlich. Viele armenische, griechische und syrische Christen wurden ermordet oder aus ihrer türkischen Heimat vertrieben. Seither werden die Überlebenden des Völkermords in der Türkei diskriminiert. Doch vor den religiösen Führern sagt bestand der Premierminister darauf, das die AKP keine Bürger der Türkei diskriminiert … vielmehr wird die Gleichheit aller Bürger weiterhin unser Merkmal sein.”
   Von den verbliebenen 20.000 syrischen Türken wohnen die meisten im Südosten des Landes. Dort ist diese Minderheit durch den Zustrom der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak stark gewachsen. Die Kosten für den Neubau der Marienkirche in Höhe von 1,5 Millionen Dollar trägt die syrische Gemeinde.    Mary CCH150105staff

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Erdogan empfängt Papst in Ankara

   Zu Beginn seines Aufenthalts in der Türkei ist Papst Franziskus am Freitag in Ankara von Recep Tayyip Erdogan als erster ausländischer Staatsgast in dem neuen Palast empfangen worden, den sich der Präsident der Türkei hat errichten lassen. In dem von türkischen Medien veröffentlichten Einladungsbrief Erdogans an Franziskus hatte sich das sonst westlichen Staatsführern gegenüber oft äußerst kritische Staatsoberhaupt der Türkei auffallend wohlwollend über den Papst geäußert. Erdogan wurde mit einem Satz voll des Lobes über Franziskus zitiert: „Seit dem Tag, an dem Sie das Amt des geistlichen Führers der katholischen Welt angetreten haben, habe ich Ihre wertvollen Bemühungen um Weltfrieden, Brüderlichkeit und Völkerfreundschaft mit Dankbarkeit verfolgt", schrieb Erdogan. In Ankara traf der Papst auch Ministerprasident Ahmet Davutoglu. Zunächst hatte er, wie es das türkische Protokoll für Staatsbesuche vorsieht, das Mausoleum des 1938 gestorbenen Staatsgründers Atatürk besucht. An diesem Samstag wird Franziskus nach Istanbul weiterreisen und dort unter anderem die Hagia Sophia sowie die Blaue Moschee besuchen und den ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. treffen. Zum Abschluss der Reise wird Franziskus mit Bartholomaios, der auch Erzbischof von Konstantinopel ist, an einem Gottesdienst in der Istanbuler Patriarchalkirche teilnehmen. Geplant ist auch die Verabschiedung einer gemeinsamen Erklärung der beiden Kirchenführer. FAZ141129tens

Papst fordert „gleiche Rechte“ für Christen in der Türkei
Präsident Recep Tayyib Erdogan empfängt Papst Franziskus vor dem neuen Präsidentenpalast in Ankara
   

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Themen der Türkeireise: Ökumene, Religionsdialog, Syrien-Konflikt
   Papst Franziskus bricht heute zu seiner sechsten internationalen Reise auf. In der Türkei wird er Ankara und Istanbul besuchen, trifft Vertreter der Politik, Religion und Zivilgesellschaft. Die Begegnungen mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. sind der offizielle Anlass der Reise. Ein Vorgeschmack auf die Visite gibt die Korrespondentin von Radio Vatikan in Istanbul, Anne Preckel.
Offizieller Anlass der Reise ist die Ökumene: Was ist diesbezüglich zu erwarten?
   „Es festigt sich der Eindruck, dass diesem Papst das Gespräch mit seinem orthodoxen „Bruder“ besonders am Herzen liegt. In nur wenigen Monaten haben sich die beiden mehrfach gesehen: Bartholomaios I. kam zu Franziskus‘ Amtseinführung nach Rom, ein historisches Ereignis und seit dem großen Schisma nie vorkommen, dass ein Patriarch zur Amtseinführung eines Papstes Rom kam. Bartholomaios kam auch zum Friedensgebet in die Vatikanischen Gärten, zu dem Franziskus die Präsidenten Israels und Palästinas einlud. Schließlich gab es die herzliche Umarmung der beiden in Jerusalem Foto oben, dem Beispiel Paul VI. und Patriarch Athenagoras folgend, wo sie ihren Willen zur Annäherung zu Papier brachten. Franziskus knüpft in der Türkei nahtlos daran an, er kommt zum orthodoxen Andreasfest ins damalige „Konstantinopel“, und auch hier wird es wie im Heiligen Land eine ökumenische Erklärung beider Kirchenvertreter geben.
   Soweit der offizielle Rahmen, soweit der Dialog der beiden Kirchen, vorangetrieben durch Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI., Franziskus sowie die orthodoxen Patriarchen Athenagoras und Bartholomaios. Bedeutungsvolle Gesten an historisch bedeutsamen Orten. Für so manchen Gläubigen ist das hier vielleicht nicht fremd, aber scheint doch etwas abstrakt: Warum kommt er nur für ein paar Stunden zu uns? – wurde hier etwa von der katholischen Gemeinschaft gefragt. Vielleicht tröstet es da ein bisschen, dass Papst und Patriarch – und da sind sie sich ähnlich – dem Dialog eine persönliche Note geben: Die beiden und ihr herzliches Verhältnis, deutete zuletzt Bartholomaios I. an, überflügeln im Augenblick den viel langsamer laufenden theologischen Dialog. Einen Dialog, der auch teilweise stockt – zuletzt sahen wir das im September in Amman, wo es in der Frage des Primates vor allem Divergenzen innerhalb der orthodoxen Welt gab.“
Auf was für eine Kirche trifft der Papst in der Türkei?
   „Die Christen sind in der Türkei eine absolute Minderheit. Katholiken gibt es heute um die 50.000, das ist nicht mal ein Prozent der Gesamtbevölkerung mit 97 Prozent Muslimen. Die armenisch-apostolische Kirche ist zahlenmäßig die größte christliche Gemeinschaft, die Griechen machen nur etwa 2.000 Gläubige aus, haben aber natürlich im Ökumenischen Patriarchat in Istanbul ihr, wenn man so will, „weltkirchliches Zentrum“. „Wir sind hier in gewisser Weise alle Ausländer“, sagte uns hier der lateinische Vikar von Istanbul, Louis Pelatre, lokalen Klerus und Berufungen gebe es kaum, gerade einmal vier Seminaristen bereiten sich aktuell auf die Priesterweihe vor. Ein Merkmal der katholischen Kirche ist im Augenblick allerdings die große Zahl der Einwanderer, von den Philippinen, aus Korea, auch aus verschiedenen afrikanischen Ländern, welche die Gemeinden hier neu beleben. So dürfte die Zahl der Katholiken hier noch höher liegen, sagen wir bis zu 53.000.“
Der Türkei-Besuch von Papst Franziskus am Wochenende soll laut Vatikan den Christen in der Türkei den Rücken stärken. Wie ist das zu verstehen?
   „Nun ja, abgesehen von der Minderheitensituation gibt es natürlich für die Christen und überhaupt für alle Religionsgemeinschaften im laizistischen Staat ein Paar Stolpersteine, wenn sich ihre Lage insgesamt auch verbessert haben dürfte. Problem nicht nur für die Christen ist der fehlende rechtliche Status dieser Gemeinschaften, was verschiedene praktische Hürden mit sich bringt, wenn es um Kirchenbau und Nutzung geht. Die orthodoxe Kirche hat insbesondere ein Problem mit dem geistlichen Nachwuchs auf dem Gebiet der Türkei, das Priesterseminar von Chalki ist seit vier Jahrzehnten zu, und der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel wird als solcher staatlich nicht anerkannt, weil man offenbar Angst hat, dass damit ausländische Machtansprüche auf dem Gebiet der Türkei verbunden sein könnten. Insgesamt, das muss man schon festhalten, haben die religiösen und nationalen Minderheiten aber mit der seit 2002 regierenden AKP Erdogans ein weitaus besseren Stand als zuvor. Was sich unter anderem an der Rückgabe von Kirchenbesitz, Dialogtreffen zwischen Religiösen und Politikern, Ermutigung zur religiösen Praxis u.ä. zeigt.“
   Ein weiteres Schwerpunktthemen des Türkei-Besuchs soll der interreligiöse Dialog sein, und man will auch einen Impuls geben, den Missbrauch der Religion im Namen Gottes zu verurteilen, sagte Kardinalstaatssekretär Parolin.

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Themen der Türkeireise: Ökumene, Religionsdialog, Syrien-Konflikt
Foto: Gespräch mit der Presse im Hinflug zur Türkei

  Papst Franziskus spricht auf seiner sechsten internationalen Reise im Flieger mit den mitreisenden Reportern Foto. Sein Besuch wird ihn In der Türke, nach Ankara und Istanbul führen, auf dem Programm stehen Gespräche mit Vertretern der Politik, Religion und Zivilgesellschaft. Die Begegnungen mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. sind der offizielle Anlass der Reise.
Vor der Reise führte Radio Vatikan mit seiner Korrespondentin in Istanbul, Anne Preckel,ein Interview.
Offizieller Anlass der Reise ist die Ökumene: Was ist diesbezüglich zu erwarten?
   „Es festigt sich der Eindruck, dass diesem Papst das Gespräch mit seinem orthodoxen „Bruder“ besonders am Herzen liegt. In nur wenigen Monaten haben sich die beiden mehrfach gesehen: Bartholomaios I. kam zu Franziskus‘ Amtseinführung nach Rom, ein historisches Ereignis und seit dem großen Schisma nie vorkommen, dass ein Patriarch zur Amtseinführung eines Papstes Rom kam. Bartholomaios kam auch zum Friedensgebet in die Vatikanischen Gärten, zu dem Franziskus die Präsidenten Israels und Palästinas einlud. Schließlich gab es die herzliche Umarmung der beiden in Jerusalem, dem Beispiel Paul VI. und Patriarch Athenagoras folgend, wo sie ihren Willen zur Annäherung zu Papier brachten. Franziskus knüpft in der Türkei nahtlos daran an, er kommt zum orthodoxen Andreasfest ins damalige „Konstantinopel“, und auch hier wird es wie im Heiligen Land eine ökumenische Erklärung beider Kirchenvertreter geben.
   Soweit der offizielle Rahmen, soweit der Dialog der beiden Kirchen, vorangetrieben durch Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI., Franziskus sowie die orthodoxen Patriarchen Athenagoras und Bartholomaios. Bedeutungsvolle Gesten an historisch bedeutsamen Orten. Für so manchen Gläubigen ist das hier vielleicht nicht fremd, aber scheint doch etwas abstrakt: Warum kommt er nur für ein paar Stunden zu uns? – wurde hier etwa von der katholischen Gemeinschaft gefragt. Vielleicht tröstet es da ein bisschen, dass Papst und Patriarch – und da sind sie sich ähnlich – dem Dialog eine persönliche Note geben: Die beiden und ihr herzliches Verhältnis, deutete zuletzt Bartholomaios I. an, überflügeln im Augenblick den viel langsamer laufenden theologischen Dialog. Einen Dialog, der auch teilweise stockt – zuletzt sahen wir das im September in Amman, wo es in der Frage des Primates vor allem Divergenzen innerhalb der orthodoxen Welt gab.“
Auf was für eine Kirche trifft der Papst in der Türkei?
   „Die Christen sind in der Türkei eine absolute Minderheit. Katholiken gibt es heute um die 50.000, das ist nicht mal ein Prozent der Gesamtbevölkerung mit 97 Prozent Muslimen. Die armenisch-apostolische Kirche ist zahlenmäßig die größte christliche Gemeinschaft, die Griechen machen nur etwa 2.000 Gläubige aus, haben aber natürlich im Ökumenischen Patriarchat in Istanbul ihr, wenn man so will, „weltkirchliches Zentrum“. „Wir sind hier in gewisser Weise alle Ausländer“, sagte uns hier der lateinische Vikar von Istanbul, Louis Pelatre, lokalen Klerus und Berufungen gebe es kaum, gerade einmal vier Seminaristen bereiten sich aktuell auf die Priesterweihe vor. Ein Merkmal der katholischen Kirche ist im Augenblick allerdings die große Zahl der Einwanderer, von den Philippinen, aus Korea, auch aus verschiedenen afrikanischen Ländern, welche die Gemeinden hier neu beleben. So dürfte die Zahl der Katholiken hier noch höher liegen, sagen wir bis zu 53.000.“
Der Türkei-Besuch von Papst Franziskus soll laut Vatikan den Christen in der Türkei den Rücken stärken. Wie ist das zu verstehen?
   „Nun ja, abgesehen von der Minderheitensituation gibt es natürlich für die Christen und überhaupt für alle Religionsgemeinschaften im laizistischen Staat ein Paar Stolpersteine, wenn sich ihre Lage insgesamt auch verbessert haben dürfte. Problem nicht nur für die Christen ist der fehlende rechtliche Status dieser Gemeinschaften, was verschiedene praktische Hürden mit sich bringt, wenn es um Kirchenbau und Nutzung geht. Die orthodoxe Kirche hat insbesondere ein Problem mit dem geistlichen Nachwuchs auf dem Gebiet der Türkei, das Priesterseminar von Chalki ist seit vier Jahrzehnten zu, und der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel wird als solcher staatlich nicht anerkannt, weil man offenbar Angst hat, dass damit ausländische Machtansprüche auf dem Gebiet der Türkei verbunden sein könnten. Insgesamt, das muss man schon festhalten, haben die religiösen und nationalen Minderheiten aber mit der seit 2002 regierenden AKP Erdogans ein weitaus besseres „Standing“ als zuvor.  Was sich unter anderem an der Rückgabe von Kirchenbesitz, Dialogtreffen zwischen Religiösen und Politikern, Ermutigung zur religiösen Praxis u.ä. zeigt.“
   Ein weiteres Schwerpunktthemen des Türkei-Besuchs soll der interreligiöse Dialog sein, und man will auch einen Impuls geben, den Missbrauch der Religion im Namen Gottes zu verurteilen, sagte Kardinalstaatssekretär Parolin.
   „In dieser Frage wird vom Papst sicher Klartext zu erwarten sein, schließlich tobt an der syrischen Grenze zur Türkei ein blutiger Konflikt, immer mehr Flüchtlinge aus dem Irak und den Bürgerkriegsgebieten kommen her und zuletzt war auch davon die Rede, dass der Islamische Staat auf türkischem Staatsgebiet neue Anhänger sucht. Solche Rekrutierungen will die türkische Führung hier nicht bestätigen, offizielle Vertreter unterstreichen vielmehr den Einsatz der Türkei gegen den Terror und sehen im Papstbesuch auch eine Gelegenheit, das noch einmal deutlich zu machen. Wenn wir daran denken, dass der Heilige Stuhl zuletzt den Islamischen Staat aufs Schärfste verurteilt hat, es gab da ja eine ungewöhnlich deutliche Stellungnahme des Rates für Interreligiösen Dialog, kann man davon ausgehen, das auch hier deutliche Worte gesprochen werden, ob hinter verschlossenen Türen oder in einer Papstrede, das steht freilich offen. Geopolitisch und als muslimisches Land spielt die Türkei in der gesamten Region natürlich eine wichtige Rolle, das ist nicht von der Hand zu weisen, welche außenpolitischen Interessen hier von türkischer Seite mit hineinspielen, ist allerdings schwer zu durchschauen.
   Ein Wort zum interreligiösen Dialog: Als Benedikt XVI. 2006 herkam, war ja so Manchem mulmig, kurz vorher hatte er mit seiner Regensburger Rede die muslimische Welt aufgewühlt. Am Ende war doch alles recht harmonisch, Benedikt besuchte zum ersten Mal als Papst eine Moschee, ein recht kurzfristig eingefügter Programmpunkt, er zog die Schuhe aus, wie sich das gehört, und meditierte in dem Bethaus Seite an Seite mit dem Muslim Ali Bardakoglu, dem damaligen Präsidenten des Amtes für Religionsangelegenheiten. Auch Franziskus wird am Samstag ja die Blaue Moschee besuchen, wie sich sein Kontakt zur muslimischen Welt gestalten wird, steht zu diesem Zeitpunkt noch offen.“ Rv141127pr

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Türkeireise des Papstes: Brückenbauer wie Johannes XXIII.
Papst Franziskus im Flieger mit Pater Federico Lombardi SJ, dem Leiter des vatikanischen Presseamtes

   Acht Jahre nach dem Besuch von Benedikt XVI. besucht ein weiteres Mal ein Papst die Türkei. Auf dem Programm: Papst Franziskus fliegt zunächst nach Ankara, um dann weiter nach Istanbul. Der Mittelpunkt der Reise ist die Ökumene. Das erklärt im Interview mit dem Vatikanfernsehen CTV Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. In dem Treffen mit dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., setze sich fort, was der Papst beim Treffen mit ihm in Jerusalem im Mai diesen Jahres begonnen habe.
   „Auch Papst Franziskus in den großen Fußstapfen seiner Vorgänger hat eine ‚apostolische Sorge‘, so würde ich das nennen, die geschwisterlichen Beziehungen zu allen christlichen Kirchen zu verstärken. Der Papst reist anlässlich des Andreasfestes, also des Festes des ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel [das sich auf den Apostel Andreas als Gründer beruft]. Auch wird der Papst eine gemeinsame Erklärung unterzeichnen, die jene weiterführt, die in Jerusalem unterzeichnet wurde. Die Reise soll aber auch seine Sorge ausdrücken für viele Christen, die verfolgt werden oder auf der Flucht sind, vor allem im Nahem Osten.“
   Man könne gar nicht anders, als auch an die Nachbarn der Türkei zu denken, vor allem an Syrien und die vielen Flüchtlinge. Der Papst will ein Bote des Friedens sein, so Kardinal Parolin. Es sei undenkbar, dass die Lösung für den Konflikt dort allein mit Waffen gefunden werden könne, es brauche den Dialog. Das sei immer die Position des Heiligen Stuhls gewesen. Dazu brauche es auch den interreligiösen Dialog, alle Religionen gemeinsam müssten der Gewalt absagen.
   Der Papst besuche in der Türkei eine kleine katholische Kirche, die eine schmerzhafte Geschichte habe, so Parolin weiter. Es sei wichtig, dass sie weiter für ihren Glauben Zeugnis ablegen, damit der angesprochene Dialog stattfinden könne. Die Kirche folge in ihren Dialogbemühungen einem großen Vorbild.
   „Sie machen das in dem Stil des damaligen apostolischen Delegaten in der Türkei, Angelo Giuseppe Roncalli, des heutigen Heiligen Johannes XXIII. [1934-1944 war Roncalli Vertreter des Vatikan in der Türkei.]. Das ist ein Stil des Brückenbauens, wie es auch Papst Franziskus gesagt hat: Brücken bauen, nicht Mauern. Johannes XXIII. war eine solche Brücke über den Bosporus, zwischen Türken und Griechen, zwischen Katholiken und Orthodoxen, zwischen Muslimen und Juden. Das ist heute die Berufung der Kirche dort.“ rv141127ord

Christen in der Türkei   isAntalya-x Katholische Kirche Antalyia

   Es ist eines der Geburtsländer der Kirche: Ephesus, Galatien, die Geburtsstadt des Apostels Paulus, Tarsus, all das liegt auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Bis zur Entstehung des Islam war Kleinasien christlich, die Hauptstadt Byzanz Nachfolgerin des untergegangenen Rom. Aber auch noch nach Einnahme durch die Muslime blieb die Zahl der Christen im Land groß, noch im 19. Jahrhundert waren es über zwei Millionen. Heute dagegen sehen die Zahlen anders aus, mehr als 150.000 Christen sind es nicht mehr, das entspricht etwa 1 Prozent der Bevölkerung.
   Die größte christliche Gruppe ist die der armenisch-apostolischen Kirche, ein altorientalischer Ritus, gefolgt von den Katholiken verschiedener Riten (lateinisch, chaldäisch und syrisch-katholisch, etwa 53.000 Christen insgesamt). Die griechisch-orthodoxe Kirche des Patriarchen von Konstantinopel, eines der großen traditionellen Patriarchate aus der Urkirche, zählt dagegen nur etwa 4.000 Christen.
Religionsfreiheit, aber nicht für Katholiken
   Auch wenn es von der türkischen Rechtsordnung vorgesehen Religionsfreiheit gibt, existiert eine faktische Diskriminierung der Christen in der Türkei. So ist die katholische Kirche zum Beispiel bis heute nicht offiziell anerkannt, was Auswirkungen hat auf die Möglichkeit, Institutionen zu gründen, wie auch auf den Status des Klerus oder der Gemeinden und Bistümer. Auch die Europäische Union verweist im Prozess der Aufnahme der Türkei darauf, dass die Religionsfreiheit voll umgesetzt werden müsse.
   2011 hatte der damalige Premierminister Recep Tayyip Erdogan christlichen Kirchen Besitz zurückgegeben, der 100 Jahre zuvor beschlagnahmt worden war, Beobachter werteten dies als Zeichen der zunehmenden Freiheit für Religionen. Die katholische Kirche blieb von den Restitutionen allerdings ausgeschlossen. Man lebe in der Türkei als Katholik gezwungenermaßen in einer Art Anonymität, sagte 2009 der ein Jahr später ermordete Bischof Luigi Padovese. Nur so ließe sich der Frieden aufrechterhalten, noch immer gäbe es viele Vorurteile und Aggression gegen die Katholiken in der Bevölkerung.  Rv141127ord

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Türkei: Nur wenig Zeit für Katholiken im Papstprogramm
Foto: Heilig-Geist-Kathedrale Istanbul - Sitz des Apostolischen Vikariats

   15.600 „lateinische“ Katholiken leben insgesamt im Apostolischen Vikariat Istanbul, Ankara und Bursa; an ihrer Spitze steht der (ursprünglich aus Frankreich stammende) Bischof Louis Pelatre. Natürlich, so versichert Pelatre im Interview mit Radio Vatikan, freuen sich die Katholiken der Türkei auf Franziskus und werden ihm einen herzlichen Empfang bereiten.
   „Aber – nun ja, alle wissen, dass der Papst nicht in erster Linie kommt, um die Katholiken zu besuchen. Dem Papst geht es in erster Linie um die Beziehungen zum Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel; alle Päpste der letzten fünfzig Jahre haben ja deswegen das Patriarchat besucht. Die Katholiken haben etwas Mühe, das zu akzeptieren, weil sie natürlich automatisch denken, dass der Papst sozusagen ihnen gehört!“
   Pelatre sagt darum rundheraus: Doch, die Katholiken sind ein bisschen enttäuscht, dass Franziskus ihnen nur zwei Stunden seiner Zeit in der Türkei widmet.
   „Ganz genau. Diesmal hat man die Zeit sehr reduziert, weil die früheren Päpste ja, wie Sie wissen, auch Izmir besucht haben, also das Haus der Jungfrau Maria in Ephesus. Diesmal aber nicht. Das reduziert die Zeit, die den Katholiken gewidmet wird, sehr. Wir haben nur diese Messe am Samstag um vier Uhr Ortszeit (15 Uhr römischer Zeit) – sonst nichts!“
   Die Heilig-Geist-Kathedrale in Istanbul sei „nicht sehr groß“, bedauert der Bischof weiter, viele Katholiken müssten deswegen draußen bleiben, man könne schließlich „die Mauern nicht ausweiten“. Papst Franziskus wird dort laut Programm eine „interrituelle Messe feiern“ – wobei das mit dem „interrituell“ nicht ganz stimmt.
   „Das ist so dahingesagt, denn der Papst kann in Wirklichkeit nur im lateinischen Ritus zelebrieren. Es wird also eine Messe des lateinischen Ritus, aber mit einigen Einsprengseln der anderen Riten: armenisch, syrisch-katholisch und chaldäisch-katholisch.“
   Diese Riten erzählen die jahrhundertelange Geschichte des katholischen Christentums in der Türkei. Wobei sich die katholische Gemeinschaft im Land derzeit rasant ändert, berichtet Bischof Pelatre.
   „Dass wir nur wenige sind, daran haben wir uns gewöhnt. Aber was ein bisschen schade ist, dass die Levantiner – wie wir hier sagen -, die seit Generationen, seit Jahrhunderten hier waren, weniger werden und stattdessen neue Katholiken kommen. Es gibt jetzt hier viele Afrikaner, viele Filipinos, sogar Koreaner – wir haben hier mittlerweile alle Nationalitäten, und darum wird vor allem unsere lateinische Kirche immer internationaler. Das ist an sich nicht schlecht, zumal die Neuankömmlinge unserer Kirche mit ihrem Glauben eine Lebendigkeit geben, die wir vorher nicht hatten.“ Rv141127sk

Flüchtlinge in der Türkei: Kirche ist Ort des ersten Aufatmens    is-1-02-Z

   Papst Franziskus feiert in der Heilig-Geist-Kathedrale in Istanbul einen Gottesdienst mit Vertretern der christlichen Kirchen. Für die katholische Gemeinde am Bosporus ist die interrituelle Messe das Hauptereignis des Papstbesuches und Gelegenheit, Franziskus aus der Nähe zu sehen. Etwa 25.000 Katholiken leben in Istanbul, die Hälfte aller Katholiken der ganzen Türkei. Die Heilig Geist-Kathedrale liegt in der Nähe des Taksim-Platzes im europäischen Teil der Stadt. Hier ist auch der Sitz des Apostolischen Vikariates zu finden. Doch auch aus einem anderen Grund hat dieser Ort Bedeutung für den Papstbesuch: Hier finden Menschen Zuflucht, die Franziskus besonders am Herzen liegen: Flüchtlinge.
   Nach der Heilig-Geist-Kathedrale muss man ein wenig suchen; die kleine Barockkirche ist hinter einem Hinterhof und Eisentor versteckt und von der Straße überhaupt nicht zu sehen. Die Vorfreude in der katholischen Gemeinschaft ist groß, auch wenn nicht alle Gemeindemitglieder an der Papstmesse teilhaben werden können: Die Kirche ist eng und wird mit Patriarchen, Kardinälen und Metropoliten besetzt sein, für die einfachen Gläubigen bleibt da wenig Platz. Ein bisschen überrollt fühle man sich da schon, erzählt Andres Calleja, der hier Flüchtlingskinder in der angeschlossenen Schule der Salesianer betreut. Der gebürtige Spanier ist seit fünf Jahren in der katholischen Gemeinde aktiv.
   „Wir müssen die Diplomaten und all die Leute akzeptieren, die sonst nie hier sind…. Die Philippiner, Migranten und all diejenigen, die sonst herkommen, finden dagegen keinen Platz. Die Kirche bleibt in diesem Sinne etwas, nun ja, klein.“
   Die Salesianer betreiben in dem an die Kathedrale angegliederten Gebäudekomplex seit 1983 eine informelle Schule für rund 320 Flüchtlingskinder, viele davon aus dem Irak und Syrien. Hundert von ihnen wird der Papst dem Sonntag im Vikariat noch treffen können, kurz vor seinem Abflug zurück nach Rom, immerhin. Für Calleja ist das eine Freude:
   „Wir freuen uns, dass der Papst die Flüchtlinge treffen will… Franziskus wollte nicht nur 50 treffen, sondern hat klar gemacht, dass er mehr von den jungen Leuten treffen will. Und so rechnet er damit, dass er hier am Sonntag junge Leute begrüßen kann, Flüchtlinge aus dem Irak, aus Afrika, aus dem Irak, aus Syrien, Katholiken und Muslime – diese Idee hat ihm gefallen.“
   Jeden Tag kämen hier Flüchtlinge an, berichtet Calleja, vor allem aus dem Irak und Syrien, wo Bürgerkrieg und Terror wüten, kämen immer mehr Menschen her, Tendenz steigend. Die Flüchtlingshilfe der Salesianer in Istanbul habe aber bereits während der ersten Golfkriege begonnen:
   „Schon vor vielen Jahren, als das Phänomen der Flüchtlinge aus dem Irak begann, haben wir damit angefangen…. Schulen in Englisch zu führen, weil die meisten nach Kanada oder in die USA weiterwollen. Wenige von ihnen wollen nach Europa. Deshalb machen wir Unterricht in Englisch, wollen aber auch ein therapeutisches Ambiente schaffen: Tanz, Musik, eine Familie verschiedener Religionen…
   Insgesamt betreuten die Schule und ihre Helfer 600 Jugendliche und ihre Familien, berichtet Calleja. Wenige blieben in der Türkei, die meisten fänden nach ein paar Monaten Asyl in Kanada und den USA. Die Syrer aber, die vor allem nach Europa wollten, hätten ein Problem: Die UNO tue sich schwer, sie als „Flüchtlinge“ anzuerkennen. Die Don Bosco Schule und Heilig-Geist-Gemeinschaft sei für all diese Menschen ein erstes Aufatmen nach einer Zeit der Angst und Entbehrung.
   „Alle, wirklich alle sagen, das hier ist ein kleines Paradies. Sie haben so viel zurückgelassen und gelitten, haben keine Arbeit, kein Heim, kein Geld… Aber wenn sie ihre Kinder hier lassen, ist es leichter für die Eltern… Wir beschäftigen auch zehn Professoren, die damit ihren Familien helfen können… Sie spüren, dass unsere Unterstützung sie auf eine Zukunft vorbereitet.“
  Ein Paar der Flüchtlingskinder aus der Don Bosco-Schule werden am Samstag auch an dem Gottesdienst mit Papst Franziskus teilnehmen, so Calleja. In der interrituellen und auf Latein zelebrierten Messe, an der auch Patriarch Bartholomaios I. teilnimmt, werden Gebete auf verschiedenen Sprachen vorgetragen: Armenisch, Türkisch, Italienisch, Französisch, Englisch und Spanisch sowie Aramäisch, das während des chaldäischen Ritus zum Einsatz kommt.Rvv141126pr

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Papst fordert „gleiche Rechte“ für Christen in der Türkei

    „Gleiche Rechte“ und „gleiche Pflichten“ für nicht-muslimische Staatsbürger in der Türkei: Das forderte Papst Franziskus in seiner ersten Rede auf türkischem Boden. Franziskus war der erste Staatsgast im neugebauten Präsidentenpalast von Ankara, einem 1000-Zimmer-Komplex in neo-osmanischem Stil. In seiner Ansprache im Beisein von Präsident Recep Tayyip Erdogan und Ministerpräsident Ahmet Davutoglu lobte der Papst die Türkei zunächst als „natürliche Brücke zwischen zwei Kontinenten und zwischen unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen“.
   „Diese Erde ist jedem Christen teuer, weil sich auf ihr die Geburt des heiligen Paulus zugetragen und weil Paulus hier verschiedene christliche Gemeinden gegründet hat; weil sie die ersten sieben Konzilien der Kirche beherbergt hat und weil hier nahe bei Ephesus, einer ehrwürdigen Tradition gemäß, das „Haus Marias“ steht, der Ort, wo die Mutter Jesu für einige Jahre lebte, Ziel der Verehrung vieler Pilger von allen Enden der Welt, nicht nur Christen, sondern auch Muslime.“
   Er schätze die Türkei wegen „der Großzügigkeit seines Volkes“ und „seiner Rolle im Konzert der Nationen“, fuhr der Papst fort; es gehe ihm – wie auch schon seinen Vorgängern – um „einen freundschaftlichen, respektvollen und wertschätzenden Dialog“ mit der Führung des Landes.
   „Wir haben einen Dialog nötig, der die Kenntnis der vielen Dinge vertieft, die uns verbinden, und sie abwägend zur Geltung bringt, der uns zugleich auch erlaubt, mit weisem und gelassenem Gemüt die Unterschiede zu bedenken, um auch aus ihnen Lehren zu ziehen.“
   „Vorurteile und falsche Ängste“ müssten überwunden, die gegenseitige Wertschätzung und „Begegnung“ müssten gefördert werden und zwar „zum Vorteil für alle“.
   „Dazu ist es grundlegend, dass die muslimischen, jüdischen und christlichen Bürger – sowohl in den gesetzlichen Bestimmungen, wie auch in ihrer tatsächlichen Durchführung – die gleichen Rechte genießen und die gleichen Pflichten übernehmen. Auf diese Weise erkennen sie sich leichter als Geschwister und Weggefährten an, legen immer mehr das Unverständnis ab und fördern die Zusammenarbeit und das Einvernehmen. Die Religions- und die Meinungsfreiheit, die allen effektiv garantiert ist, regen das Aufblühen der Freundschaft an und sind ein beredtes Zeichen des Friedens.“
   Der Nahe Osten, Europa und die Welt warteten „auf diese Blüte“, so Papst Franziskus. Besonders der Nahe Osten sei „seit zu vielen Jahren Schauplatz von Bruderkriegen“. Diese brächen mal hier, mal dort aus, „ als ob die einzige mögliche Antwort auf Krieg und Gewalt immer ein neuer Krieg und eine weitere Gewalt sein müssten“.
   „Für wie lange Zeit muss der Nahe Osten noch auf Grund des fehlenden Friedens leiden? Wir dürfen uns nicht mit einer Fortsetzung der Konflikte abfinden, als ob nicht eine Änderung zum Besseren dieser Situation möglich wäre! Mit der Hilfe Gottes können und sollen wir den Mut zum Frieden immer wieder erneuern!“
   Zum Frieden führten Verhandlungen, und der Dialog der Religionen und der Kulturen könne dabei einen „wichtigen Beitrag“ leisten. Vor allem, weil solcher Dialog ein wirksames Mittel gegen „jede Form von Fundamentalismus und Terrorismus“ sei.
   „Es ist erforderlich, dem Fanatismus und dem Fundamentalismus, den irrationalen Abneigungen, die Unverständnis und Diskriminierung wecken, die Solidarität aller Glaubenden entgegenzusetzen.“
   Grundlage dieser Solidarität sind nach dem Urteil des Papstes der Respekt für das menschliche Leben und für Religions- und Kultfreiheit sowie für die „Freiheit der Lebensführung nach einer religiösen Ethik“.
   „Das haben in besonderer Dringlichkeit die Völker und die Staaten des Nahen Ostens nötig, um endlich „die Tendenz umzukehren“ und mit positivem Ergebnis einen Friedensprozess voranzubringen.“
   Ausdrücklich sprach Franziskus den Konflikt im Nachbarland Syrien sowie im Irak an. Beide Themen sind in der türkischen Öffentlichkeit sehr präsent, weil sich viele Flüchtlinge aus diesen beiden Ländern in der Türkei aufhalten. Der Papst beklagte den Terror des „Islamischen Staats“ im selbsternannten Kalifat.
   „Man erlebt die Verletzung der elementarsten humanitären Gesetze, was die Gefangenen und ganze ethnische Gruppen betrifft. Schwere Verfolgungen haben sich ereignet und geschehen noch immer zum Schaden von Minderheiten, besonders – aber nicht nur – der Christen und Jesiden. Hunderttausende Menschen wurden gezwungen, ihre Häuser und ihre Heimat zu verlassen, um das eigene Leben zu retten und ihrem eigenen Glauben treu zu bleiben.“
   Die internationale Gemeinschaft habe „die moralische Pflicht“, der Türkei „bei der Sorge um die Flüchtlinge zu helfen“. Sie könne auch „nicht gleichgültig bleiben“ angesichts des Terrors des „Islamischen Staats“.
   „Wenn auch zu unterstreichen ist, dass es erlaubt ist, einen ungerechten Angreifer aufzuhalten, immer allerdings im Einklang mit dem Völkerrecht, so will ich auch daran erinnern, dass man eine Lösung des Problems nicht allein einer militärischen Antwort überlassen kann. Es ist ein starker gemeinsamer Einsatz nötig, der auf gegenseitigem Vertrauen gründet, um einen dauerhaften Frieden zu ermöglichen.“
   Die Türkei habe nicht zuletzt wegen „ihrer geographischen Lage und wegen der Bedeutung, die sie in der Region einnimmt, eine große Verantwortung“, formulierte Franziskus. Sie könne viel tun für eine „Begegnung unter den Kulturen und beim Finden gangbarer Wege für den Frieden und für einen echten Fortschritt“.
   „Möge der Allmächtige die Türkei segnen und behüten; er möge ihr beistehen, ein tüchtiger und überzeugter Baumeister des Friedens zu werden.“Rv141128sk

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Papst appelliert an Muslime: „Gemeinsam gegen Gewalt“

   Religionsführer haben „die Pflicht“, öffentlich gegen Gewalt einzutreten, die sich auf religiöse Gründe beruft. Das hat Papst Franziskus in Ankara betont, wo er das Amt für religiöse Angelegenheiten besuchte, die sogenannte „Diyanet“, die höchste Autorität des sunnitischen Islam der Türkei. Dabei forderte er für die Gewalt muslimischer Terroristen wie etwa des „Islamischen Staats“ „die stärkste Verurteilung“ durch islamische Autoritäten. Ausdrücklich bekannte sich Franziskus in seiner Ansprache zum katholisch-islamischen Dialog.
   „Die guten Beziehungen und der Dialog unter den religiösen Führern sind in der Tat von großer Bedeutung. Sie stellen eine klare Botschaft an die jeweiligen Gemeinschaften dar, um auszudrücken, dass gegenseitige Achtung und Freundschaft möglich sind, trotz der Unterschiede. Diese Freundschaft ist bereits in sich ein Wert, darüber hinaus aber gewinnt sie eine besondere Bedeutung und wird noch wichtiger in Krisenzeiten wie der unseren – Krisen, die in einigen Regionen der Welt wahre Tragödien für ganze Bevölkerungen werden.“
   „Wirklich tragisch“ sei die Lage vor allem in Syrien und dem Irak, fuhr der Papst fort. „Alle“ litten „unter den Folgen der Konflikte“; die humanitäre Lage sei „beängstigend“.
   „Ich denke an so viele Kinder, an die Leiden der vielen Mütter, an die alten Menschen, an die Evakuierten und an die Flüchtlinge, an die Gewalt aller Art. Besondere Sorge erweckt die Tatsache, dass, vor allem aufgrund einer extremistischen und fundamentalistischen Gruppe, ganze Gemeinschaften, besonders – aber nicht allein – die Christen und die Jesiden wegen ihrer ethnischen und religiösen Identität unmenschliche Gewalt erlitten haben und noch erleiden.“
   Gewaltsam seien sie „aus ihren Häusern vertrieben worden“, hätten „alles verlassen müssen, um ihr Leben zu retten und ihren Glauben nicht zu verraten“. Die Gewalt treffe auch sakrale Gebäude und das kulturelle Erbe, „als wolle man jede Spur, jede Erinnerung des anderen auslöschen“.
   „Als religiöse Führer haben wir die Pflicht, alle diese Verletzungen der Menschenwürde und der Menschenrechte öffentlich anzuklagen. Das menschliche Leben, ein Geschenk des Schöpfergottes, besitzt einen sakralen Charakter. Darum verdient die Gewalt, die eine religiöse Rechtfertigung sucht, die stärkste Verurteilung, denn der Allmächtige ist Gott des Lebens und des Friedens. Von allen, die behaupten, ihn anzubeten, erwartet die Welt, dass sie Männer und Frauen des Friedens sind, fähig, als Brüder und Schwestern zu leben, trotz der ethnischen, religiösen, kulturellen oder ideologischen Unterschiede.“
   Bei der „öffentlichen Anklage“ darf es aber nach den Worten des Papstes nicht bleiben: Hinzu komme „die gemeinsame Arbeit“ an Lösungen. Dafür müssten alle zusammenwirken, Politiker wie Religionsführer, alle Menschen guten Willens.
   „Besonders die Verantwortlichen der religiösen Gemeinschaften können mit den Werten, die in ihren jeweiligen Traditionen vorhanden sind, einen kostbaren Beitrag leisten. Wir, Muslime und Christen, sind Träger unschätzbarer spiritueller Reichtümer, unter denen wir Elemente erkennen, die wir gemeinsam haben, auch wenn sie entsprechend der je eigenen Traditionen gelebt werden: die Anbetung des barmherzigen Gottes, der Bezug auf den Patriarchen Abraham, das Gebet, die Almosen, das Fasten…“
   Viele gemeinsame „Elemente“ also. Wenn sie „aufrichtig gelebt werden“, dann sind sie dazu imstande, „das Leben zu verwandeln“, sagte der Papst. Gemeinsames Anerkennen der Heiligkeit des menschlichen Lebens stärke „das gemeinsame Mitleid“ und die gemeinsame Hilfe für alle Leidenden.
   „In diesem Zusammenhang möchte ich meine Anerkennung für all das ausdrücken, was das ganze türkische Volk – die Muslime und die Christen – für die Hunderttausende von Menschen tun, die aufgrund der Konflikte aus ihren Ländern fliehen. Das ist ein konkretes Beispiel dafür, wie man gemeinsam arbeiten kann, um den anderen zu dienen – ein Beispiel, das zu ermutigen und zu unterstützen ist.“ Rv141128sk       
    

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Ansprache bei Diyanet: Gewalt verdient Verurteilung Ansprache von Papst Franziskus beim Besuch der Religionsbehörde Diyanet, Ankara Foto links.

Herr Präsident,verehrte Verantwortungsträger des religiösen und zivilen Lebens,
sehr geehrte Damen und Herren,
  es ist für mich ein Grund zur Freude, Ihnen im Verlauf meines Besuches in Ihrem Land heute zu begegnen. Ich danke dem Herrn Präsidenten dieses bedeutenden Amtes für die freundliche Einladung, die mir die Gelegenheit bietet, mich mit den politischen und religiösen Verantwortlichen, Muslimen wie Christen, zu unterhalten.
  Es ist Tradition, dass die Päpste, wenn sie als Teil ihrer Sendung in verschiedene Länder reisen, sich auch mit den Verantwortlichen und den Gemeinschaften anderer Religionen treffen. Ohne diese Offenheit für die Begegnung und den Dialog entspräche ein Papstbesuch nicht vollkommen seinen Zielsetzungen, so wie auch ich sie in der Nachfolge meiner verehrten Vorgänger verstehe. In dieser Perspektive erinnere ich gerne in besonderer Weise an die Begegnung, die Papst Benedikt XVI. im November 2006 an diesem Ort hier hatte Foto oben rechts.
  Die guten Beziehungen und der Dialog unter den religiösen Führern sind in der Tat von großer Bedeutung. Sie stellen eine klare Botschaft an die jeweiligen Gemeinschaften dar, um auszudrücken, dass gegenseitige Achtung und Freundschaft möglich sind, trotz der Unterschiede. Diese Freundschaft ist bereits in sich ein Wert, darüber hinaus aber gewinnt sie eine besondere Bedeutung und wird noch wichtiger in Krisenzeiten wie der unseren – Krisen, die in einigen Regionen der Welt wahre Tragödien für ganze Bevölkerungen werden.
  Tatsächlich gibt es Kriege, die Menschenopfer fordern und Zerstörung verbreiten, Spannungen und Konflikte zwischen ethnischen und religiösen Gruppen; Hunger und Armut, die Hunderte von Millionen Menschen quälen; Schäden an der natürlichen Umwelt, an Luft, Wasser und Erde.
  Wirklich tragisch ist die Situation im Nahen Osten, besonders im Irak und in Syrien. Alle leiden unter den Folgen der Konflikte, und die humanitäre Situation ist beängstigend. Ich denke an so viele Kinder, an die Leiden der vielen Mütter, an die alten Menschen, an die Evakuierten und an die Flüchtlinge, an die Gewalt aller Art. Besondere Sorge erweckt die Tatsache, dass, vor allem aufgrund einer extremistischen und fundamentalistischen Gruppe, ganze Gemeinschaften, besonders – aber nicht allein – die Christen und die Jesiden wegen ihrer ethnischen und religiösen Identität unmenschliche Gewalt erlitten haben und noch erleiden. Gewaltsam sind sie aus ihren Häusern vertrieben worden, haben alles verlassen müssen, um ihr Leben zu retten und ihren Glauben nicht zu verraten. Die Gewalt hat auch sakrale Gebäude, Denkmäler, religiöse Symbole und das kulturelle Erbe getroffen, als wolle man jede Spur, jede Erinnerung des anderen auslöschen.
  Als religiöse Führer haben wir die Pflicht, alle diese Verletzungen der Menschenwürde und der Menschenrechte öffentlich anzuklagen. Das menschliche Leben, ein Geschenk des Schöpfergottes, besitzt einen sakralen Charakter. Darum verdient die Gewalt, die eine religiöse Rechtfertigung sucht, die stärkste Verurteilung, denn der Allmächtige ist Gott des Lebens und des Friedens. Von allen, die behaupten, ihn anzubeten, erwartet die Welt, dass sie Männer und Frauen des Friedens sind, fähig, als Brüder und Schwestern zu leben, trotz der ethnischen, religiösen, kulturellen oder ideologischen Unterschiede.
  Der öffentlichen Anklage muss man die gemeinsame Arbeit folgen lassen, um geeignete Lösungen zu finden. Das erfordert die Zusammenarbeit aller Teile: politischer und religiöser Führer, Verantwortlicher der Zivilgesellschaft und aller Männer und Frauen guten Willens. Besonders die Verantwortlichen der religiösen Gemeinschaften können mit den Werten, die in ihren jeweiligen Traditionen vorhanden sind, einen kostbaren Beitrag leisten. Wir, Muslime und Christen, sind Träger unschätzbarer spiritueller Reichtümer, unter denen wir Elemente erkennen, die wir gemeinsam haben, auch wenn sie entsprechend der je eigenen Traditionen gelebt werden: die Anbetung des barmherzigen Gottes, der Bezug auf den Patriarchen Abraham, das Gebet, die Almosen, das Fasten… Elemente, die, wenn sie aufrichtig gelebt werden, das Leben verwandeln und einen sicheren Grund für die Würde und die Brüderlichkeit der Menschen legen können. Diese spirituelle Gemeinsamkeit durch den interreligiösen Dialog zu erkennen und weiterzuentwickeln, hilft uns auch, in der Gesellschaft die moralischen Werte, den Frieden und die Freiheit zu fördern vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die katholische Gemeinde von Ankara, 29. November 1979. Die gemeinsame Anerkennung der Heiligkeit der menschlichen Person stärkt das gemeinsame Mitleid, die Solidarität und die tätige Hilfe gegenüber denen, die am meisten leiden. In diesem Zusammenhang möchte ich meine Anerkennung für all das ausdrücken, was das ganze türkische Volk – die Muslime und die Christen – für die Hunderttausende von Menschen tut, die aufgrund der Konflikte aus ihren Ländern fliehen. Das ist ein konkretes Beispiel dafür, wie man gemeinsam arbeiten kann, um den anderen zu dienen – ein Beispiel, das zu ermutigen und zu unterstützen ist.
   Mit Befriedigung habe ich von den guten Beziehungen und der Zusammenarbeit zwischen dem Diyanet und dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog erfahren. Ich wünsche mir, dass sie fortschreiten und sich festigen zum Wohl aller, denn jede Initiative zu einem echten Dialog ist ein Zeichen der Hoffnung für eine Welt, die den Frieden, die Sicherheit und den Aufschwung so sehr nötig hat.
  Herr Präsident, Ihnen und Ihren Mitarbeitern möchte ich noch einmal meinen Dank aussprechen für diese Begegnung, die mein Herz mit Freude erfüllt. Dankbar bin ich außerdem Ihnen allen für Ihre Anwesenheit und für Ihre Gebete, die Sie freundlicherweise für meinen Dienst darbringen werden. Ich versichere Ihnen meinerseits, dass ich ebenso für Sie beten werde. Der Herr segne Sie. Rv141128ord

Türkei-x  Das türkische Religionsamt Diyanet: „Wächter des rechten Islam"

   Papst Franziskus besuchte in Ankara das staatliche Religionsamt. Das Diyanet ist die höchste religiöse Autorität des sunnitischen Islam in der Türkei und zugleich die Behörde, die alle Glaubensfragen regelt. Ein Bericht von Anne Preckel.
   Freitag in Istanbul, Zeit fürs Gebet: Männer und Frauen versammeln sich in den Moscheen, die Rücken gebeugt Richtung Mekka. Beten, mehrmals am Tag, besonders am Freitag, wenn der Imam aus dem Koran rezitiert und die Freitagspredigt gehalten wird. Diese Predigt, auf Türkisch „Sermon“, ist in allen türkischen Moscheen im Großen und Ganzen gleich. Dafür sorgt das staatliche Religionsamt des Landes „Diyanet“. Die riesige Behörde ist Sitz des Zentralrates, der höchsten religiösen Autorität des sunnitischen Islam in der Türkei. Hier werden theologische Rechtsgutachten verfasst, Lehrbücher für den Religionsunterricht geschrieben und Pilgerreisen nach Mekka organisiert.
   „Das Diyanet ist eine staatliche Institution, die gegründet wurde, um die islamische Religion zu kontrollieren“, erklärt Mustafa Cenap Aydin. Der gebürtige Istanbuler ist Muslim und hat in Rom ein türkisches Kulturinstitut mitbegründet. Als der türkische Staatsgründer Atatürk die Behörde 1924 ins Leben rief, habe er eine staatliche Abteilung gewollt, die sich um alle religiösen Belange kümmern sollte. Bis heute ist das Diyanet für eine staatstreue Auslegung des Islam in allen Moscheen der Türkei zuständig:  „Zum Beispiel gibt es jeden Freitag den Sermon in den Moscheen; der Direktor des Religionsamtes schickt an die bis zu 100.000 Moscheen im Land den Text dieser Predigt.“
Predigten für das Ausland
   Das „Präsidium für Religionsangelegenheiten“, wie das Diyanet offiziell heißt, kontrolliert nicht nur die Religionsausübung in der Türkei, sondern auch im Ausland. So werden auch die Gebetstexte für Deutschland, wo es eine große türkische Gemeinde gibt, über den türkischen Kooperationspartner DITIP - „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ – von Ankara abgesegnet.
   Das türkische Religionsamt ist zugleich ein riesiger Arbeitgeber: Alle islamischen Rechtsgelehrten und Imame sind Angestellte des türkischen Staates, sozusagen „verbeamtete Theologen“, berichtet Mustafa Aydin: „Das Zentrum, also der Zentralrat, ist in Ankara, aber in jeder türkischen Stadt gibt es einen Müftü, der für den Staat arbeitet. Der Direktor des Diyanet ist Chef von allen Müftüs und Imamen in der Türkei.“
Arbeitgeber der Imama
   Für die türkischen Diaspora-Gemeinden entsendet das Diyanet Geistliche ins Ausland. Der ehemalige Leiter des Religionsamtes, Ali Bardakoglu, soll sich besonders dafür eingesetzt haben, dass türkische Imame, die nach Deutschland gingen, auch gut Deutsch sprachen und das neue Land gut kannten. Mehmet Görmez, der das Religionsamt seit Ende 2010 leitet, gilt als Reformer. Die Imame sollen die Ansagen der Zentrale in Ankara zwar weitergeben, sie aber selber predigen, schlug der Mufti und Universitätsprofessor zum Beispiel vor.
   Der staatliche Zentralismus in religiösen Belangen werde in der Türkei heute zum Teil etwas flexibler gehandhabt, beobachtet Mustafa Cenap Aydin: „Bis 2006 war alles gleich. Jetzt ist es ein wenig ,freier Markt‘, sozusagen. Das hat auch mit der Sprache zu tun. Zum Beispiel spricht man in den östlichen Städten der Türkei häufig Kurdisch, predigt aber auf Türkisch. Die Leute, die in die Moscheen gehen, verstehen nicht so gut Türkisch, müssen aber alles auf Türkisch hören.“
   Hier sei man auf dem Weg sprachlicher Anpassungen, deutet Aydin an – wenn auch die staatstreue Auslegung der Religion nach wie vor einzuhalten sei.
Schutzschild vor Extremismen
   Schließlich begreift man die Institution auch als Wächter des „rechten Islam“ und Schutzschild vor Extremismen. Das wird angesichts der Übergriffe des „Islamischen Staates“ im angrenzenden Syrien und Infiltrationen in der Türkei derzeit wieder gerne betont. Mehmet Görmez hatte vor dem Papstbesuch angekündigt, mit Franziskus auch darüber sprechen zu wollen, welche Folgen der Extremismus „im Namen des Islam“ auch für die islamische Weltgemeinschaft hat – er schüre auch Islamophobie und Misstrauen gegenüber dem Islam, hatte der Leiter des Religionsamtes betont. Rv141127pr

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Rechtlicher Status der Religionsgemeinschaften und verbesserungswürdige Religionspolitik

   Die Religionspolitik der Türkei ist „verbesserungswürdig“. Das sagt im Interview mit Radio Vatikan der Türkei-Experte der Konrad Adenauer Stiftung, Ottmar Oehring.
Herr Oehring, Franziskus erste Visite in der Türkei als Papst steht im Zeichen der Ökumene, sorgt doch aber auch politisch für Aufmerksamkeit – wie sieht die politische Führung der Türkei diesen Besuch wohl, der ja innen- wie außenpolitisch nicht grade in eine ruhige Phase fällt?
   „Die türkische Regierung sieht natürlich jeden Besuch eines Papstes einigermaßen kritisch, aber gleichzeitig ist sie natürlich auch zufrieden, dass der Papst, wenn er in die Türkei kommt, auch – natürlich zwangsläufig, muss man sagen – der Regierung und dem Staatsoberhaupt seine Aufwartung macht.“
Stichwort Religionspolitik der Türkei – nicht wenige Beobachter und auch Kirchenvertreter sagen, dass der Spielraum der Christen in der Türkei unter Ministerpräsident Erdoğan größer geworden ist. Sehen Sie das ebenfalls so?
   „Grundsätzlich muss man sagen, dass es natürlich in den Jahren seit 2004, also seit der Zeit der Regierung der AKP, tatsächlich Fortschritte gegeben hat. Es ist aber natürlich immer wichtig, darauf hinzuweisen, was vorher war und was dann geschehen ist. Der Vergleich ist im Grunde genommen das, was einen tatsächlich dann den Hinweis darauf geben kann, ob sich tatsächlich etwas verbessert hat. Und wenn man diesen Vergleich zugrunde legt, dann muss man ganz klar sagen, dass natürlich die Situation vor dem Amtsantritt der Regierung Erdogan und schon seines Vorgängers Abdullah Gül schlechter war als sie heute ist. Das heißt natürlich nicht, dass die Situation heute hervorragend ist.“
Sind in der Türkei heute Christen in hohen Positionen zu finden?
   „Nein, daran hat sich nichts geändert. Es gibt einen einzigen Vertreter der christlichen Minderheit im Parlament, der ist über das Ticket sozusagen der Kurdenpartei ins Parlament gekommen, Erol Dora, ein Istanbuler Rechtsanwalt, der auch für die Kirchen in der Vergangenheit tätig war, anwaltlich. Aber darüber hinaus gibt’s keine Vertreter, weder im Parlament noch in irgendeiner höheren Funktion im Staatsbereich.
Warum sind der konservativen AKP-Partei Reformen in der Religionspolitik offenbar ein Anliegen?
    „Das Wichtigste für die AKP ist natürlich zunächst einmal, dass sie die Interessen ihrer eigenen Klientel und damit auch ihre eigenen Interessen auf mehr Freiheit für die Religion – ich will jetzt bewusst nicht sagen Religionsfreiheit, dass sie also diese Möglichkeiten intensivieren will. Und das ihr natürlich tatsächlich in den letzten zehn Jahren auch gelungen, insbesondere wenn man natürlich das Voranschreiten der Möglichkeiten für die islamische Religionsgemeinschaft in der Türkei beobachtet. Im Gleichklang damit hat es natürlich auch gewisse Fortschritte für die Minderheiten, für die religiösen Minderheiten, für die Christen und die Juden gegeben. Auch für einige andere Gruppierungen, wobei man das aber dann im Einzelfall genau sich anschauen muss.“
Fortschritte für religiöse Minderheiten
Sie sagen schon so vorsichtig, von Religionsfreiheit kann keine Rede sein. Sind denn Christen in der Türkei Bürger zweiter Klasse?
   „Das ist schwer zu sagen. Ich würde sagen, das hängt davon ab, in welcher sozioökonomischen Position sich ein Christ befindet. Wir müssen davon ausgehen, dass inzwischen ein Großteil der armen Christen, der Landbevölkerung, das Land verlassen hat, aus verschiedenen Gründen. Aus wirtschaftlichen, aber natürlich auch aus politischen Gründen. Insbesondere die Bevölkerung im Südosten der Türkei, die praktisch Mitopfer der Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Staatsmacht und den separatistischen Kurden geworden ist über lange Zeit. Wenn wir uns aber die Christen ansehen in Istanbul und in anderen Ballungszentren, insbesondere jene mit einem guten Einkommen, die im privaten Sektor arbeiten, dann kann man sicher nicht sagen, dass die große Not haben, vor allem auch nicht, dass sie verfolgt wären.“
Wie hält es denn die AKP allgemein mit der Religion? Welche Rolle soll die ihrer Ansicht nach spielen?
   „Da muss man zunächst mal drauf hinweisen, dass natürlich in der Vergangenheit auf Grundlage der türkischen Verfassung, die maßgeblich von der früheren Einheitspartei, Staatspartei, der Republikanischen Volkspartei initiiert worden ist, der Laizismus die Grundlage des politischen Lebens in der Türkei war. Wobei wir hier den Laizismus nicht verwechseln dürfen mit dem Laizismus französischer Prägung, auch wenn er damit immer verglichen wird. Es war im Grunde genommen eigentlich eher der Kampf der Zeitgenossen des Staatsgründers Kemal Atatürk gegen den Islam, gegen die Vorherrschaft des Islam und damit praktisch dann gegen alle Religionen. D.h. sowohl die religiösen Institutionen des Islam wie natürlich auch die Kirchen sind praktisch Opfer dieser Politik geworden, und es hat sich dann im Laufe der Zeit ein türkischer Nationalismus herausgebildet, der praktisch den Türken definiert hat als einen Menschen türkischer Muttersprache und sunnitischer Religion. Das hat natürlich nichts mehr mit den Ursprüngen der Idee dieses türkischen Nationalismus aus der Atatürk-Zeit zu tun. Aber das hat dann natürlich zu einer Ausgrenzung aller anderen geführt, ethnisch zum Beispiel der Kurden, religiös insbesondere auch der Christen und der Juden.“
Komplizierte Rechtsstreitigkeiten
Knackpunkt im Verhältnis zwischen Kirchen und Staat war (bzw. ist) ja in der Türkei die Frage des Kirchen- und Ländereienbesitzes. An welchem Punkt ist man da?
   „Da hat’s natürlich Bewegung gegeben, das sind natürlich Verfahren, die kompliziert sind, weil zum Teil die entsprechenden Liegenschaften nicht mehr im Eigentum, im Besitz derjenigen sind, die sie übernommen haben von der Kirche, d.h. der Staat hat manches den Kirchen und auch der jüdischen Gemeinschaft weggenommen und besitzt es aber selbst nicht mehr, weil er es an Dritte veräußert hat. Daraus ergibt sich natürlich schon, dass das komplizierte Fragen sind, die natürlich auch in ihrer Klärung eine gewisse Zeit erfordern. Also insofern hat man zwar einen guten Anfang gemacht, aber man ist zu noch keinem guten Ende gekommen.“
Die Syrisch-orthodoxe Kirche ist im Rechtsstreit mit dem Staat um Ländereien ihres bereits im Jahr 396 gegründeten Klosters Mor Gabriel in der südostanatolischen Provinz Mardin...
   „Mor Gabriel ist natürlich weiter ein Problem, eine offene Wunde, wenn man so will. Aber die türkische Seite hat sich in der Vergangenheit immer darauf bezogen, dass die Türkei ein Rechtsstaat ist und dass das natürlich alles seinen rechtsstaatlichen Gang gehen muss. Das kann man glauben oder nicht. Auf jeden Fall gibt es noch keine endgültige Lösung des Problems.“
Dass Erdoğan die Rückgabe verstaatlichten Eigentums an die Religionsgemeinschaften eingeleitet hat, wurde ja in der politischen Liga nicht durchweg begrüßt, nicht wahr? Wie viel politischen Rückhalt hat denn der AKP-Ansatz insgesamt?
   „Ich denke, dass das natürlich eine Frage ist, die nicht nur bei den Gegnern der Regierung Erdoğan oder seiner Person tatsächlich umstritten ist, sondern ich denke, das ist auch in seiner eigenen Wählerschaft und in seiner Partei, in seinem eigenen Umfeld durchaus Kritiker solcher Entwicklungen gibt, weil dort natürlich auch viele Menschen einfach der Meinung sind: Die Christen sind nur noch eine winzig kleine Minderheit in der Türkei, warum müssen wir ihnen diese ganzen Liegenschaften zurückgeben. Das ist natürlich eine Frage, die man durchaus auch kritisch diskutieren kann.
Auf der anderen Seite ist es natürlich eine Frage, die der Gerechtigkeit entspricht, dass die Kirchen und auch die jüdische Gemeinschaft das zurückbekommen, was ihnen weggenommen worden ist, in gewisser Weise könnte man sogar sagen, was ihnen gestohlen worden ist. Also insofern kann man dann nachher nicht mehr argumentieren, die kriegen jetzt viel zu viel – das ist in der türkischen Öffentlichkeit zum Teil tatsächlich so getan worden, sondern man muss einfach sagen, es herrscht Gerechtigkeit.“
Anderer Knackpunkt im Staat-Kirche-Verhältnis ist ja der rechtliche Status der Kirchen in der Türkei. An welchem Punkt ist man da heute?
   „Der Knackpunkt ist die Situation aller Religionsgemeinschaften in der Türkei. Keine einzige Religionsgemeinschaft, auch nicht der Islam, hat in der Türkei einen Rechtsstatus, daran muss gearbeitet werden. Und das ist sicher noch eine sehr schwierige Frage, die unter Umständen, zumindest in den Grundsätzen, in einer neuen Verfassung geregelt werden könnte, grundlegend geregelt werden könnte. Dann muss es natürlich noch Ausführungsgesetze geben, soweit ist die Türkei aber noch nicht, da hat man schon lange drauf gehofft, dass es da Bewegung geben würde. Bewegung hat’s auch gegeben, aber Bewegung heißt nicht immer, dass das Ende der Bewegung auch schnell kommt.“
Die Stellung der Religion im Staat
Welche Konsequenzen hat das, ganz praktisch gesehen, etwa in punkto Kirchengründung, Kirchenbau, und etwa auch dem Religionsunterricht?
   „In der Praxis heißt das natürlich zunächst einmal, dass in bestimmten Orten Kirchengebäude oder Gebäude von den Kirchen nicht benutzt werden können und dass sie zum Beispiel auch nicht verkauft werden können zur Finanzierung der Aktivitäten der Kirchen als Institutionen. Darüber hinaus gibt es natürlich auch Fragestellungen wie Religionsunterricht. Da kann man natürlich fragen, wie es mit dem Religionsunterricht in staatlichen Schulen aussehen soll. Es ist klar, dass man natürlich angesichts einer so kleinen Zahl von Christen nicht fordern kann, dass es in jeder staatlichen Schule Religionsunterricht für die sehr, sehr wenigen christlichen oder jüdischen Kinder, die in einer solchen Schule sind, geben wird, aber es muss auf jeden Fall irgendeine Lösung geben.
   Und da hat es durchaus positive Entwicklungen in den letzten Jahren gegeben. Dahingehend, dass die Geschichte und auch die Bedeutung der Juden und der Christen, des Judentums und des Christentums, neu bewertet worden ist, in einer verträglicheren Art und Weise als es in der Vergangenheit der Fall war.
Beobachten Sie im Land kleine Schritte hin zu mehr Pluralismus?
   „Es gibt bei gut 75 Millionen Bürgern gerade noch 70.000 Christen und etwa 15.000 Juden in der Türkei. Da ist es natürlich schwer, Pluralität überhaupt zu lernen. Die erschlagende Mehrheit, zahlenmäßig gesehen, muss sich natürlich mit dieser kleinen christlichen und jüdischen Gruppe im Grunde genommen gar nicht beschäftigen, wenn sie es nicht will. Es gibt auch sehr wenige Orte, wo es tatsächlich noch kirchliches und erst recht jüdisches Leben gibt. Das beschränkt sich im Wesentlichen auf Istanbul, im eingeschränkteren Maße auf Izmir und vielleicht noch Ankara und einige andere Orte im Südosten der Türkei, wenn es um die Christen geht.
   Eine neue Herausforderung für die Türkei, die in den letzten 20, 25 Jahren auf die Türkei zugekommen ist, ist natürlich auch die Etablierung von Freikirchen, die natürlich auch versuchen dort zu missionieren. Anfangs sehr heftig, sehr aggressiv, mit großem Erfolg, der dann aber auch schnell in sich zusammengebrochen ist. Heute sind es evangelikale Kirchen, die mit großer Sorgfalt und sehr umsichtig vorgehen, und die an einigen Orten durchaus auch zarte Erfolge verzeichnen konnten. Tatsächlich wird auch berichtet, dass einzelne zum Christentum konvertierten ursprünglich muslimischen Staatsbürger der Türkei das nicht nur überlebt haben, sondern faktisch auch damit umgehen können in ihrem Umfeld, aber das ist natürlich weiterhin noch ein sehr schwieriges Thema, denn grundsätzlich würde natürlich die Mehrheit der türkischen Bevölkerung davon ausgehen, dass das nicht sein darf.“
Die Fragen stellte unsere Korrespondentin Anne Preckel.141127pr

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Franziskus besucht Blaue Moschee und Hagia Sophia

   Nachdem Benedikt XVI. als erster Papst eine Moschee besucht und sogar die Schuhe ausgezogen und meditiert hatte Foto oben, sind auch während Papst Franziskus’ Besuch in Istanbul zwei ähnliche Stippvisiten geplant: Zuerst die Hagia Sophia und anschließend die benachbarte Sultan-Ahmet-Moschee, die vor allem in Europa als „Blaue Moschee“ bekannt ist.
   Die Blaue Moschee, in der auch Benedikt XVI. meditierte, ist nach ihrem Errichter Sultan Ahmet I. benannt und wurde im frühen 17. Jahrhundert errichtet. Sie ist ein Meisterwerk osmanischer Architektur und die größte Moschee in Istanbul. Sie hat sechs Minarette, die der Legende nach auf ein Kommunikationsproblem zwischen dem Sultan und seinen Architekten zurückgehen – das Wort für „Gold“ ähnele dem Wort für die Zahl „6“. Statt also goldene Minarette zu bauen, errichtete er sechs Stück davon. Zum Gelände der Blauen Moschee gehört nicht nur das prunkvolle Gebäude selbst, sondern unter anderem auch ein Krankenhaus.
   Die Hagia Sophia hat im Laufe der Jahrhunderte seit ihrer Errichtung schon einige Veränderungen mitgemacht: Ursprünglich als byzantinische Kirche gebaut, wurde sie erst zur Moschee und ist heute Museum. Die erste Hagia Sophia wurde im Jahr 360 konstruiert und hatte ein Holzdach. Sie verbrannte bei Kämpfen und wurde 415 neu aufgebaut. Doch auch diese zweite Kirche überdauerte keine hundert Jahre. Die dritte schließlich wurde 537 in ihrer heutigen Form eröffnet. Quellen aus dieser Zeit erzählen, dass der römische Kaiser an diesem Tag die Kirche betrat und Gott für die Errichtung dankte. Die dritte Version der Hagia Sophia kombiniert in ihrer Architektur die traditionellen Baupläne der Basilika mit der Idee des zentralen Doms. Unter Kemal Mustafa Atatürk wurde sie 1935 schließlich zu einem Museum umgewandelt, für das Eintritt fällig wird. rv141128kin

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Ost- und Westkirche: Ein halbes Jahrhundert Ökumene

   Im Jahr 1054 schien alles entschieden: Papst Leo IX. und der Patriarch von Konstantinopel Michael I. hatten sich gegenseitig exkommuniziert, eine Verbindung von orthodoxer und katholischer Kirche schien über viele Jahrhunderte unmöglich. Erst die Rückgabe einer gestohlenen Reliquie machte eine neue Ökumene möglich.
   Papst Franziskus ist nicht in die Türkei gereist, um die Katholiken zu besuchen – ihnen widmet er nur wenige Stunden. Denn: Offizieller Anlass des Besuchs sind die Begegnungen mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. Franziskus ist es wie schon seinen Vorgängern ein Anliegen, die Beziehung zu den orthodoxen Kirchen zu stärken. Dass diese überhaupt wieder bestehen kann, ist Papst Paul VI. und dem Patriarchen Athenagoras zu verdanken, die vor 50 Jahren gegenseitig den Kirchenbann aufhoben.
   Die griechisch-orthodoxe Kirche ist die drittgrößte christliche Kirche und hat ihr weltkirchliches Zentrum in Istanbul. Der Apostel Andreas, Bruder von Simon Petrus, gilt als der Patron der Kirche von Konstantinopel und hat für die orthodoxe Kirche einen ähnlichen Stellenwert wie Petrus für die katholische. Die brüderliche Beziehung zwischen Andreas und Petrus wird auch als Grundlage der neuen Beziehung zwischen den Kirchen aufgefasst. So drückte es Papst Johannes Paul der II. bei seinem Türkeibesuch 1979 aus, er sprach von einer „Beziehung der Brüderlichkeit“, bei der eine engere Zusammenarbeit „nur natürlich“ sei.
Die Apostelbrüder
   Andreas war Fischer in Bethsaida in Galiläa und den Evangelien nach einer der ersten Apostel. Matthäus 4,18-20 erzählt davon, wie Jesus am See von Galiläa entlangging und zwei Brüder sieht - Simon, genannt Petrus, und Andreas, die als Fischer gerade ihr Netz im See auswerfen. „Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.“ Später führt eine von Andreas’ Fragen zur Endzeitrede auf dem Ölberg. Nach der Himmelfahrt Jesu ist Andreas nach dem ersten Kapitel der Apostelgeschichte gemeinsam mit anderen Aposteln in Jerusalem.
   Der Historiker Eusebius von Caesarea (ca. 265-340) schreibt, dass Andreas das Evangelium in Kleinasien und im südlichen Russland gepredigt habe. Anschließend ging er nach Griechenland und führte die Christen von Patras. Hier wurde er im Jahr 60 durch Kreuzigung zum Märtyrer. Nach Berichten des Kirchenvaters Sophronius Eusebius Hieronymus wurden seine sterblichen Überreste im Auftrag des Kaisers Konstantin II. 357 nach Konstantinopel gebracht. Anfang des 13. Jahrhunderts wurden die Reliquien jedoch im Rahmen der Kreuzzüge geraubt, der Kopf gelangte später unter Pius II. in einen Glaskasten in einer der vier Säulen des Petersdoms.
Der Kopf des Andreas
   Papst Paul VI. entschied im Jahre 1964, die Andreas-Reliquien in Rom (einen Finger und einen Teil des Kopfes) als Geste der Offenheit für die griechisch-orthodoxe Kirche zurückzugeben. Das näherte die beiden Kirchen nach rund 900 Jahren wieder an. Am 7. Dezember 1965, dem Vorabend der letzten Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils, wurde in der Patriarchenkirche St. Georg und dem Petersdom im Vatikan die gegenseitige Exkommunikation von 1054 aufgehoben. Im Juli 1967 besuchte Papst Paul VI. den Ökumenischen Patriarchen, der nur wenige Monate später einen Gegenbesuch unternahm. Auch Papst Johannes Paul II. bemühte sich ab 1978 sichtlich um die Ökumene der „zwei Lungenflügel“, wie er es nannte, des Ostens und des Westens. In dieser Tradition sah sich auch Benedikt XVI., er nahm schon im ersten Jahr nach seiner Wahl am Andreasfest in Istanbul teil. Er unterstrich am 30. November 2006 in der Patriarchenkirche St. Georg im Phanar in Istanbul die besondere brüderliche Beziehung zwischen den „Schwesterkirchen“: „Ich kann unsere orthodoxen Brüdern und Schwestern versichern, dass die katholische Kirche bereit ist, alles Mögliche zu tun, um Hindernisse zur pastoralen Zusammenarbeit zu überwinden.“

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Besuchs-Ökumene
  Die gegenseitigen Besuche gelten als Meilensteine der Ökumene zwischen den Kirchen. Der Patriarch Bartholomaios I. reiste 2013 sogar zu Franziskus‘ Amtseinführung nach Rom, eine Geste, die seit dem Schisma von 1054 noch nie vorgekommen war.

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Bartholomaios I. kam außerdem zu den Friedensgebeten in die Vatikanischen Gärten, zu dem Franziskus die Präsidenten Israels und Palästinas eingeladen hatte. Schließlich gab es, dem Beispiel Paul VI. und Patriarch Athenagoras folgend, eine herzliche Umarmung der beiden in Jerusalem, wo sie danach ihren Willen zur Annäherung zu Papier brachten.

Papst Benedikt XVI. B-BartholomaiosTUx  Patriarch Bartholomaios I.

   Auch wenn die orthodoxe Kirche in Fragen des Primates momentan uneins ist: Das herzliche Verhältnis zwischen dem Patriarchen und dem Papst überflügele im Augenblick auch den viel langsamer laufenden theologischen Dialog, so deutete es Bartholomaios I. zuletzt an. Mit seinem Besuch in der Türkei knüpft Franziskus nahtlos daran an: Er kommt zum orthodoxen Andreasfest ins damalige „Konstantinopel“, und wie bereits im Heiligen Land wird es auch hier eine ökumenische Erklärung beider Kirchenvertreter geben - ein weiterer Schritt der Annäherung. Rv141128kin

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Papst Franziskus betet in Blauer Moschee

   Papst Franziskus hat zum ersten Mal in seinem Pontifikat eine Moschee besucht. Am zweiten Tag seiner Türkei- Reise liess er sich in Istanbul die Sultan-Ahmet-Moschee, die sogenannte Blaue Moschee, zeigen. Aus Respekt hatte er, wie in Moscheen üblich, die Schuhe ausgezogen. In der Moschee betete er einen Moment im Stillen, wie dies bereits Benedikt XVI. bei seinem Besuch 2006 getan hatte. Der Istanbuler Mufti Rahmi Yaran, der den Papst begleitete, verharrte ebenfalls an seiner Seite einen Moment im stillen Gebet. Zum Schluss des Rundgangs durch den berühmten Bau überreichte der weiß gekleidete Geistliche dem Papst eine Fayence-Darstellung als Geschenk; Franziskus bedankte sich bei ihm und wies ihn in einem kurzen Gespräch auf die Anbetung Gottes hin, die eine wichtige gemeinsame Haltung von Muslimen und Christen sei.

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   Nach dem Moscheebesuch ging Franziskus die in direkter Nachbarschaft gelegene Hagia Sofia hinüber. In der früheren Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, die zeitweise Moschee war und heute als Museum dient, ließ er sich die Fresken im Innern und die riesigen Kalligraphien erklären, die unter anderem die arabischen Worte Allah und Mohammed wiedergeben. Während des Besuchs in der Hagia Sophia schallte vernehmlich ein islamischer Gebetsruf von einer benachbarten Moschee herüber. Franziskus trug sich in das Besucherbuch des Museums ein; als Geschenk wurden ihm zwei Bücher überreicht.
   Am Morgen war Franziskus, aus Ankara kommend, am Flughafen von Istanbul eingetroffen. Dort wurde er vom ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. am Flughafen begrüßt. Die Ökumene mit der orthodoxen Kirche bildet den Höhepunkt der Reise an diesem Samstag Abend und am Sonntag Morgen.
   Die Blaue Moschee, in der auch Benedikt XVI. meditierte, ist nach ihrem Errichter Sultan Ahmet I. benannt und wurde im frühen 17. Jahrhundert errichtet. Sie ist ein Meisterwerk osmanischer Architektur und die größte Moschee in Istanbul. Sie hat sechs Minarette, die der Legende nach auf ein Kommunikationsproblem zwischen dem Sultan und seinen Architekten zurückgehen – das Wort für „Gold“ ähnele dem Wort für die Zahl „6“. Statt also goldene Minarette zu bauen, errichtete er sechs Stück davon. Zum Geländer der Blauen Moschee gehört nicht nur das prunkvolle Gebäude selbst, sondern unter anderem auch ein Krankenhaus.
   Die Hagia Sophia hat im Laufe der Jahrhunderte seit ihrer Errichtung schon einige Veränderungen mitgemacht: Ursprünglich als byzantinische Kirche gebaut, wurde sie erst zur Moschee und ist heute Museum. Die erste Hagia Sophia wurde im Jahr 360 konstruiert und hatte ein Holzdach. Sie verbrannte bei Kämpfen und wurde 415 neu aufgebaut. Doch auch diese zweite Kirche überdauerte keine hundert Jahre. Die dritte schließlich wurde 537 in ihrer heutigen Form eröffnet. Quellen aus dieser Zeit erzählen, dass der römische Kaiser an diesem Tag die Kirche betrat und Gott für die Errichtung dankte. Die dritte Version der Hagia Sophia kombiniert in ihrer Architektur die traditionellen Baupläne der Basilika mit der Idee des zentralen Doms. Unter Kemal Mustafa Atatürk wurde sie 1935 schließlich zu einem Museum umgewandelt, für das Eintritt fällig wird. Rv141128kin

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 „Der Heilige Geist führt zur Einheit“     is-1-25-x

   Die Heilig-Geist-Kathedrale in Istanbul war bis auf den letzten Platz gefüllt: Papst Franziskus feierte an diesem Samstagnachmittag eine Messe mit den Katholiken der Gemeinde Istanbuls in der Heilig-Geist-Kathedrale. Es war zwar eine Messe im lateinischen Ritus aber mit einigen byzantinischen Elementen. Und auf diese Verschiedenheit ging der Papst auch in seiner Predigt ein.
  „Der Heilige Geist ist die Seele der Kirche. Er schenkt das Leben, erweckt die verschiedenen Charismen, die das Volk Gottes bereichern, und vor allem schafft er die Einheit unter den Gläubigen: Aus vielen bildet er einen einzigen Leib, den Leib Christi. Das ganze Leben und die Sendung der Kirche hängen vom Heiligen Geist ab; er verwirklicht alles.“
   „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“, schreibt der Apostel Paulus in dem Ersten Korintherbrief. Es sei also Gott, der im Menschen tätig werde.
  „Selbst das Bekenntnis des Glaubens ist, wie der heilige Paulus uns in der ersten Lesung von heute erinnert, nur möglich, weil es vom Heiligen Geist eingegeben wird. … Wenn wir beten, tun wir es, weil der Heilige Geist das Gebet im Herzen auslöst. Wenn wir den Kreis unseres Egoismus durchbrechen, aus uns heraus- und auf die anderen zugehen, um ihnen zu begegnen, ihnen zuzuhören, ihnen zu helfen, ist es der Geist Gottes, der uns dazu gedrängt hat.“
   Der Heilige Geist erwecke die verschiedenen Charismen in der Kirche, so der Papst weiter. Man habe zwar den Eindruck, der Heilige Geist schaffe Unordnung, doch „in Wirklichkeit stellt es aber unter seiner Führung einen gewaltigen Reichtum dar, denn der Heilige Geist ist der Geist der Einheit“, fügte Franziskus an.
  „Nur der Heilige Geist kann die Verschiedenheit, die Vielfalt hervorrufen und zugleich die Einheit bewirken. Wenn wir es sind, die die Verschiedenheit erzeugen wollen und uns dabei in unseren Partikularismen und Exklusivismen verschließen, schaffen wir Spaltung; und wenn wir es sind, die nach unseren menschlichen Plänen die Einheit herstellen wollen, führen wir schließlich Uniformität und Vereinheitlichung herbei. Wenn wir uns dagegen vom Heiligen Geist leiten lassen, geraten Reichtum, Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit niemals in Konflikt, denn er drängt uns, die Vielfalt in der Gemeinschaft der Kirche zu leben.“
   Deshalb wirke der Heilige Geist die Einheit der Kirche. Alle Kirchen seien deshalb berufen, sich vom Heiligen Geist leiten zu lassen, indem sie eine Haltung der Offenheit, der Gelehrigkeit und des Gehorsams einnehmen, so der Papst. Es handele sich um eine Perspektive der Hoffnung, die aber zugleich mühevoll sei, denn im Glaubenden sei ständig die Versuchung vorhanden, dem Heiligen Geist Widerstand zu leisten. Gläubige versteckten sich oft hinter „übertriebenen Verschanzungen“. Diese Verteidigungsmechanismen hindern jedoch daran, die anderen wirklich zu verstehen und uns für einen aufrichtigen Dialog mit ihnen zu öffnen.
  „Je mehr wir uns auf unserem Weg des Glaubens und des brüderlichen Lebens demütig vom Geist des Herrn führen lassen, umso mehr werden wir die Verständnislosigkeiten, die Spaltungen und die Streitigkeiten überwinden und ein glaubwürdiges Zeichen von Einheit und Frieden sein.“ Rv141129mg

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 Predigt von Papst Franziskus bei der Messfeier in der Heilig-Geist-Kathedrale, Istanbul

is-1-33-z3-SpS-Isanbul    “Einheit in Verschiedenheit” 

   Dem Menschen, der nach Heil dürstet, zeigt Jesus sich als Quelle, aus der man schöpfen kann, als Fels, aus dem der Vater Ströme von lebendigem Wasser fließen lässt für alle, die an ihn glauben vgl. Joh 7,38. Mit dieser in Jerusalem öffentlich verkündeten Prophetie kündigt Jesus die Gabe des Heiligen Geistes an, die seine Jünger nach seiner Verherrlichung, das heißt nach seinem Tod und seiner Auferstehung empfangen werden.
   Der Heilige Geist ist die Seele der Kirche. Er schenkt das Leben, erweckt die verschiedenen Charismen, die das Volk Gottes bereichern, und vor allem schafft er die Einheit unter den Gläubigen: Aus vielen bildet er einen einzigen Leib, den Leib Christi. Das ganze Leben und die Sendung der Kirche hängen vom Heiligen Geist ab; er verwirklicht alles.
   Selbst das Bekenntnis des Glaubens ist, wie der heilige Paulus uns in der ersten Lesung von heute erinnert, nur möglich, weil es vom Heiligen Geist eingegeben wird: »Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet« 1 Kor 12,3b. Wenn wir beten, tun wir es, weil der Heilige Geist das Gebet im Herzen auslöst. Wenn wir den Kreis unseres Egoismus durchbrechen, aus uns heraus- und auf die anderen zugehen, um ihnen zu begegnen, ihnen zuzuhören, ihnen zu helfen, ist es der Geist Gottes, der uns dazu gedrängt hat. Wenn wir in uns eine bisher unbekannte Fähigkeit zum Verzeihen entdecken und zur Liebe gegenüber dem, der uns nicht mag, dann ist es der Geist, der uns ergriffen hat. Wenn wir über die Höflichkeitsfloskeln hinausgehen und uns den Mitmenschen mit jener zärtlichen Liebe zuwenden, die das Herz erwärmt, sind wir mit Sicherheit vom Heiligen Geist berührt worden.
   Es ist wahr: Der Heilige Geist erweckt die verschiedenen Charismen in der Kirche; auf den ersten Blick scheint das Unordnung zu schaffen, in Wirklichkeit stellt es aber unter seiner Führung einen gewaltigen Reichtum dar, denn der Heilige Geist ist der Geist der Einheit, die nicht etwa Einheitlichkeit bedeutet. Nur der Heilige Geist kann die Verschiedenheit, die Vielfalt hervorrufen und zugleich die Einheit bewirken. Wenn wir es sind, die die Verschiedenheit erzeugen wollen und uns dabei in unseren Partikularismen und Exklusivismen verschließen, schaffen wir Spaltung; und wenn wir es sind, die nach unseren menschlichen Plänen die Einheit herstellen wollen, führen wir schließlich Uniformität und Vereinheitlichung herbei. Wenn wir uns dagegen vom Heiligen Geist leiten lassen, geraten Reichtum, Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit niemals in Konflikt, denn er drängt uns, die Vielfalt in der Gemeinschaft der Kirche zu leben.
   Die Vielzahl der Glieder und der Charismen findet ihr harmonisierendes Prinzip im Geist Christi, den der Vater gesandt hat und den er weiter sendet, um unter den Gläubigen die Einheit zu vollbringen. Der Heilige Geist wirkt die Einheit der Kirche: Einheit im Glauben, Einheit in der Liebe, Einheit im inneren Zusammenhalt. Die Kirche und die Kirchen sind berufen, sich vom Heiligen Geist leiten zu lassen, indem sie eine Haltung der Offenheit, der Gelehrigkeit und des Gehorsams einnehmen.
   Es handelt sich um eine Perspektive der Hoffnung, die aber zugleich mühevoll ist, insofern in uns ständig die Versuchung vorhanden ist, dem Heiligen Geist Widerstand zu leisten, denn er bringt die Kirche in Verwirrung, rüttelt sie auf, setzt sie in Bewegung und drängt sie, voranzugehen. Und es ist immer einfacher und bequemer, sich in den eigenen statischen und unbeweglichen Positionen auszustrecken. Tatsächlich erweist sich die Kirche in dem Maß treu gegenüber dem Heiligen Geist, in dem sie nicht den Anspruch erhebt, ihn zu regeln und zu zähmen. Und wir Christen werden echte missionarische Jünger, die fähig sind, die Gewissen anzusprechen, wenn wir eine Verteidigungshaltung ablegen, um uns vom Geist führen zu lassen. Er ist Frische, Fantasie, Neuheit.
   Unsere Verteidigung kann sich zeigen in der übertriebenen Verschanzung hinter unseren Ideen, hinter unseren Kräften – doch auf diese Weise gleiten wir in den Pelagianismus ab –, oder in einer Haltung von Ehrsucht und Eitelkeit. Diese Verteidigungsmechanismen hindern uns daran, die anderen wirklich zu verstehen und uns für einen aufrichtigen Dialog mit ihnen zu öffnen. Doch die Kirche, die aus dem Pfingstereignis hervorgegangen ist, empfängt als Gabe das Feuer des Heiligen Geistes, das nicht so sehr den Geist mit Ideen erfüllt, sondern vielmehr das Herz entflammt; sie ist vom Wind des Geistes erfasst, der nicht eine Macht überträgt, sondern zu einem Dienst der Liebe befähigt – eine Sprache, die jeder zu verstehen vermag.
   Je mehr wir uns auf unserem Weg des Glaubens und des brüderlichen Lebens demütig vom Geist des Herrn führen lassen, umso mehr werden wir die Verständnislosigkeiten, die Spaltungen und die Streitigkeiten überwinden und ein glaubwürdiges Zeichen von Einheit und Frieden sein.
   In dieser frohen Gewissheit schließe ich euch alle, liebe Brüder und Schwestern, in die Arme: den syrisch- katholischen Patriarchen, den Präsidenten der Bischofskonferenz, den Apostolischen Vikar Bischof Pelâtre, die anderen Bischöfe und Exarchen, die Priester und die Diakone, die Personen gottgeweihten Lebens und die gläubigen Laien, die den unterschiedlichen Gemeinschaften und den verschiedenen Riten der katholischen Kirche angehören. Mit brüderlicher Liebe möchte ich den Patriarchen von Konstantinopel Seine Heiligkeit Batholomäus I., den syrisch-orthodoxen Metropoliten, den armenisch-apostolischen Patriachats-Vikar und die Vertreter der protestantischen Gemeinden begrüßen, die in dieser Feier gemeinsam mit uns gebetet haben. Für diese brüderliche Geste drücke ich ihnen meinen Dank aus. Mein herzliches Gedenken gilt dem armenisch-apostolischen Patriarchen Mesrob II., den ich meines Gebetes versichere.
   Brüder und Schwestern, wenden wir unsere Gedanken der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes zu. Gemeinsam mit ihr, die in Erwartung des Pfingsttages im Abendmahlssaal mit den Aposteln gebetet hat, bitten wir den Herrn, dass er seinen Heiligen Geist in unsere Herzen sende und uns in aller Welt zu Zeugen seines Evangeliums mache. Amen! Rv141129ord

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Papstansprache zur Ökumene: Petrus und Andreas - Brüder in der Hoffnung
Predigt von Papst Franziskus beim ökumenischen Gebet, Sankt Georgs Kirche, Istanbul.

Eure Heiligkeit, viel geliebter Bruder,
   der Abend bringt immer ein gemischtes Gefühl der Dankbarkeit für den vergangenen Tag und des bangen Sich- Überlassens angesichts der hereinbrechenden Nacht mit sich. Heute Abend ist meine Seele voller Dankbarkeit gegenüber Gott, der mir gewährt hat, hier zu sein, um zusammen mit Eurer Heiligkeit und dieser Schwesterkirche am Ende eines intensiven Tages des Apostolischen Besuchs zu beten; und zugleich erwartet mein Herz den Tag, den wir liturgisch begonnen haben: das Fest des heiligen Apostels Andreas, des Patrons dieser Kirche.
   Mit den Worten des Propheten Sacharja hat der Herr uns in diesem Vespergebet einmal mehr das Fundament gegeben, das unserem Ausstrecken zwischen einem Heute und einem Morgen zugrunde liegt, den starken Fels, auf dem wir mit Freude und Hoffnung gemeinsam unsere Schritte tun können; dieses felsenstarke Fundament ist die Verheißung des Herrn: »Seht, ich werde mein Volk befreien aus dem Land des Sonnenaufgangs und aus dem Land des Sonnenuntergangs … und ich werde ihr Gott sein, unwandelbar und treu« 8,7-8.

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   Ja, verehrter geliebter Bruder Bartholomaios, während ich Ihnen meinen herzlichen Dank für Ihre brüderliche Aufnahme ausspreche, spüre ich, dass unsere Freude größer ist, weil die Quelle jenseits liegt, nicht in uns, nicht in unserem Engagement und unseren Bemühungen, auch wenn es diese pflichtgemäß gibt, sondern in unserem gemeinsamen Vertrauen auf Gottes Treue, der das Fundament für den Wiederaufbau seines Tempels, die Kirche, legt vgl. Sach 8,9. »Seht, der Same des Friedens« vgl. Sach 8,12; seht, der Same der Freude: der Frieden und die Freude, die die Welt nicht geben kann, aber die Jesus, der Herr, seinen Jüngern verheißen und ihnen als Auferstandener in der Kraft des Heiligen Geistes gegeben hat.
   Andreas und Petrus haben diese Verheißung vernommen, haben dieses Geschenk erhalten. Sie waren Brüder von Geblüt, aber die Begegnung mit Christus ließ sie zu Brüdern im Glauben und in der Liebe werden. Und an diesem freudvollen Abend, bei diesem Gebet am Vorabend möchte ich vor allem betonen: Brüder in der Hoffnung. Welche Gnade ist es, Eure Heiligkeit, Brüder in der Hoffnung des auferstandenen Herrn zu sein! Welche Gnade – und welche Verantwortung – gemeinsam in dieser Hoffnung vorwärts zu schreiten, getragen durch die Fürsprache der heiligen Apostelbrüder Andreas und Petrus! Und zu wissen, dass diese gemeinsame Hoffnung nicht enttäuscht, weil sie nicht in uns und in unseren schwachen Kräften, sondern in der Treue Gottes begründet ist.
   Mit dieser freudigen Hoffnung voll Dankbarkeit und banger Erwartung spreche ich Eurer Heiligkeit, allen Anwesenden und der Kirche von Konstantinopel meine herzlichen und brüderlichen Wünsche für das Fest Ihres heiligen Patrons aus. Rv141129ord 

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Papst verurteilt islamistischen Terror  - Franziskus greift das brutale Vorgehen der IS-Miliz an
und fordert bei seinem Türkei-Besuch einen Dialog zwischen Christen und Muslimen

   Ausgerechnet der türki­sche Staatschef Recep Tayyip Erdogan war es, der den Papst nun endgültig in den Stand eines Weltpolitikers erhoben hat. Am Freitagnachmittag sagte Erdogan bei seinem Treffen mit Franziskus in Ankara, dieser Besuch sei „der erste Schritt zu einem neuen Friedensprozess". Und Franziskus selbst wurde diesem Lob umgehend gerecht. Er griff den Terror des „Islamischen Staats" (IS) im selbst ernannten Kalifat an und forderte die Verurteilung religiös gerechtfertigter Gewalt. Diese Art von Gewalt verdiene „die stärkste Verurteilung, denn der Allmächtige ist Gott des Lebens und des Friedens", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche nach dem Treffen mit Mehmet Görmez, dem Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet. „Von allen, die behaupten, ihn anzubeten, erwartet die Welt, dass sie Männer und Frauen des Friedens sind."
   Man erlebe im Herrschaftsbereich des IS „die Verletzung der elementarsten humanitären Gesetze, was die Gefangenen und ganze ethnische Gruppen betrifft. Schwere Verfolgungen haben sich ereignet und geschehen noch immer zum Schaden von Minderheiten, besonders - aber nicht nur - der Christen und Jesiden." Hunderttausende Menschen seien gezwungen, ihre Häuser und ihre Heimat zu verlassen, „um das eigene Leben zu retten und ihrem eigenen Glauben treu zu bleiben". Man dürfe unberechtigte Angreifer aufhalten, „im Einklang mit dem Völkerrecht", aber eine Lösung „darf nicht allein einer militärischen Antwort überlassen werden". Der Papst warnte auch vor der dauerhaft gespannten Lage in der gesamten Region: „Für wie lange Zeit muss der Nahe Osten noch aufgrund des fehlenden Friedens leiden? Wir dürfen uns nicht mit einer Fortsetzung der Konflikte abfinden, als ob nicht eine Änderung zum Besseren dieser Situation möglich wäre!"
   Franziskus wurde als erster ausländischer Staatschef in dem neuen Präsidentenpalast, einem neo-osmanischen Bau mit 1000 Zimmern, in Ankara empfangen. Unbeeindruckt vom Prunk des Gastgebers erinnerte der 77-Jährige - auch im Beisein des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu - an die Bedeutung des Dialogs in dem Land, das er als „natürliche Brücke zwischen zwei Kontinenten und zwischen unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen" bezeichnete. Ähnlich wie Erdogan zuvor sprach er in seiner Rede den interreligiösen Dialog an. eines der Hauptanliegen seiner Reise. Man müsse „Vorurteile und falsche Ängste" überwinden. Ein Dialog sei notwendig, „der die Dinge vertieft, die uns verbinden". Und es sei wichtig, dass „die muslimischen, jüdischen und christlichen Bürger - sowohl in den gesetzlichen Bestimmungen als auch in ihrer tatsächlichen Durchführung - die gleichen Rechte genießen und die gleichen Pflichten übernehmen".
   Der Papst sprach von der Bedeutung der Türkei für die Christen: „Diese Erde ist jedem Christen teuer, weil sich auf ihr die Geburt des heiligen Paulus zugetragen und weil Paulus hier verschiedene christliche Gemeinden gegründet hat; weil sie die ersten sieben Konzilien der Kirche beherbergt hat und weil hier nahe bei Ephesus, einer ehrwürdigen Tradition gemäß, das ,Haus Marias' steht, der Ort, wo die Mutter Jesu für einige Jahre lebte, Ziel der Verehrung vieler Pilger von allen Enden der Welt, nicht nur Christen, sondern auch Muslime."
   Papst Franziskus war am Freitagmittag gegen 12.30 Uhr in Ankara mit einer Alitalia-Maschine gelandet und dort von Staatschef Erdogan empfangen worden. Schon während des Fluges hatte Franziskus gesagt, er danke der Türkei für die Aufnahme der zahlreichen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Erster Termin war der Besuch am Grab von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk im gigantischen Atatürk-Mausoleum. Dort legte Franziskus ein Blumengesteck aus roten und weißen Rosen mit der Aufschrift „Pope Francis" in einen goldenen Lorbeerkranz nieder.
   Die türkischen Behörden haben ein gigantisches Sicherheitsaufgebot organisiert - mehr als 7.000 Polizisten werden allein in Istanbul im Einsatz sein. Gebäude und Monumente, die der Papst besucht, sind weiträumig abgesperrt. Außerdem ist Franziskus ja bekanntermaßen für außerplanmäßige Überraschungen gut. Vatikansprecher Federico Lombardi hatte noch vor der Abreise erklärt, ein Treffen etwa mit Flüchtlingen aus Syrien sei zwar nicht geplant, könne aber nicht ausgeschlossen werden.
   Der Besuch der Türkei ist die sechste Auslandsreise von Papst Franziskus. Sie steht in der Tradition seiner Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. „Es ist so üblich, dass ein Papst im zweiten Jahr seines Pontifikats nach Konstantinopel reist", sagte der Öku­mene-Minister des Vatikans, der Schweizer Kardinal Kurt Koch, vor der Abreise. Am Sonnabend reiste Franziskus in das heutige Istanbul weiter, wo er die Hagia Sophia und die Blaue Moschee besuchte, eine Messe in der Heilig-Geist-Kathedrale feierte und am Gebet der orthodoxen Patriachalkirche Sankt Georg teilgenommen hat. Die Zeichen für eine Verbesserung der Beziehungen von römisch-katholischer Kirche stehen gut: Papst und Patriarch treffen sich nun in Istanbul bereits zum vierten Mal. Bartholomaios war zur Franziskus Amtseinführung nach Rom gekommen, eine Premiere seit dem Schisma vor knapp 1000 Jahren. Dann kamen sie in Jerusalem während der Reise von Franziskus ins Heilige Land erneut zusammen, und schließlich kam der Patriarch noch einmal im Juni zu einem Friedensgebet in die Vatikanischen Gärten. HA141130BorisKálnokyConstanzeReuscer

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Papst will türkische Hilfe gegen den IS
„Dem Fanatismus muss die Solidarität aller Glaubenden entgegengesetzt werden"

   Der vorher so viel kritisierte Präsidentenpalast interessierte Papst Franziskus kaum. Kein Wort zu Bescheidenheit und Armut, nüchtern und sachlich ließ sich das Kirchenoberhaupt von seinem Gastgeber Recep Tayyip Erdogan vor dessen neuem Prunk-Palast in Ankara empfangen und durch die goldenen Türen führen. Statt das umstrittene Anwesen „Ak-Saray" anzusprechen, nutzte Franziskus seinen Auftritt in der türkischen Hauptstadt für einen leidenschaftlichen Appell für Frieden in der krisengeplagten Region.
   Auch den Gastgeber nahm er in die Pflicht. Der 77-Jährige würdigte die Türkei als „natürliche Brücke zwischen zwei Kontinenten" und dankte ihm für die großzügige Aufnahme von Hunderttausenden Flüchtlingen. Er mahnte aber auch: „Die Türkei hat durch ihre Geschichte, aufgrund ihrer geografischen Lage und ihrer Bedeutung in der Region eine große Verantwortung." Für Frieden hält der Papst einen „starken gemeinsamen Einsatz" aller für notwendig - und sieht die Türkei dabei als Verbündeten. Das gelte auch für den Kampf gegen die Islamisten: „Es ist erforderlich, dem Fanatismus und dem Fundamentalismus die Solidarität aller Glaubenden entgegenzusetzen", sagte Franziskus.
   Sein Gastgeber Erdogan hatte nur wenige Stunden zuvor mit scharfen Angriffen auf den Westen für Aufsehen gesorgt - doch beim Empfang für den Gast aus Rom war davon kaum etwas zu spüren. Die umstrittenen Aussagen waren kein Thema, harmonisch begegneten sich der Papst und der türkische Staatspräsident, schüttelten sich unter großem Applaus die Hand, hörten einander aufmerksam zu. Das Treffen sei sehr produktiv gewesen, man teile viele Ansichten, lobte Erdogan das Oberhaupt der katholischen Kirche.
   „Das Bild, das heute hier in Ankara gezeichnet wurde, ist ohne Zweifel ein Bild der Hoffnung für die Welt", sagte der türkische Präsident nach dem historischen Treffen, das ein Schritt zum globalen Frieden sein könne. Zwar barg die Reise von Papst Franziskus in die Türkei längst nicht so viel Sprengstoff wie der Besuch seines Vorgängers Benedikt XVI. vor acht Jahren. Dennoch dürfte der Papst seine Worte sorgfältig abgewogen haben, wurde doch jeder seiner Schritte aufmerksam verfolgt.
   Dies nutzte Franziskus, um mit deutlichen Worten das Thema Religionsfrei­heit anzusprechen und gleiche Rechte für Muslime, Juden und Christen zu for­dern. Es war erwartet worden, dass Franziskus dieses Thema aufgreifen würde - doch die Deutlichkeit seiner Worte überraschte Beobachter. Als leidenschaftlicher Kämpfer für den Frieden und Mahner präsentierte sich Franziskus. Auch auf die Situation der Christen im Nahen Osten und der Hunderttausenden Flüchtlinge, die ihm besonders am Herzen liegen, machte der Pontifex aufmerksam. Er beklagte mit eindringlichen Worten die Verfolgung von Christen und Jesiden, die Verletzung elementarer Menschenrechte, und die „dramatische Situation" der Menschen an den Grenzen der Türkei.

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Sie freuen sich über unseren Tod" - Scharfe Attacken gegen den Westen

   Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat dem Ausland vorgeworfen, es nur auf die Reichtümer der Muslime abgesehen zu haben. „Die, die von außen kommen, mögen Öl, Gold, Diamanten, billige Arbeitskräfte sowie Gewalt und Streit", sagte er bei einer Konferenz der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in Istanbul. „Sie scheinen vordergründig unsere Freunde zu sein, aber freuen sich über unseren Tod und über den Tod unserer Kinder."
   Der türkische Präsident rief die Länder der Region zur Zusammenarbeit auf. „Wir müssen viel stärker zur internationalen Politik beitragen. Wir steuern schon viel zur Weltwirtschaft bei", konstatierte Erdogan.
   Zugleich forderte er erneut eine Reform der Vereinten Nationen. Im UN-Sicherheitsrat drehe sich alles um die fünf ständigen Mitglieder. Die UN dürften nicht vergessen, dass die Welt viel größer sei. „Wir müssen unsere Strategien überdenken. Es müssen Schritte unternommen werden, um die UN zu reformieren."   HAZ141129MiriamSchmidt 

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Der dritte und letzte Tag des Türkei-Besuches von Papst Franziskus war ganz der Ökumene gewidmet.

   Das Kirchenoberhaupt nahm zum orthodoxen Andreasfest an der Göttlichen Liturgie in Istanbul teil, die der Orthodoxe Patriarch Bartholomaios in der Georgskirche im Phanar, seinem Amtssitz, zelebrierte. Danach unterschrieben die beiden Kirchenoberhäupter eine Gemeinsame Erklärung. Darin verpflichteten sie sich angesichts der blutigen Christenverfolgung in den angrenzenden Staaten zu mehr Dialog mit den Muslimen und forderten diese dazu auf, gegen Gewalt vorzugehen.
Papst Franziskus: „Echter Dialog ist immer Begegnung“
  Höhepunkt der Reise Papst Franziskus’ in die Türkei war an diesem Sonntag die Feier der Göttlichen Liturgie zu Ehren des Apostels Andreas, des Patrons des Patriarchats von Istanbul. Der Papst nahm als Gast des Patriarchen Bartholomaios teil, der auch der dreistündigen Liturgie in der Georgskirche vorstand. In seiner Ansprache nannte der Papst es eine Gnade, auf diese Weise gemeinsam feiern zu können. „Sich begegnen, gegenseitig das Gesicht sehen, einander den Friedenskuss geben, füreinander beten, das sind wesentliche Dimensionen auf dem Weg zur Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft, die wir anstreben“, so der Papst. „Ein echter Dialog ist immer eine Begegnung zwischen Menschen mit einem Namen, einem Gesicht, einer Geschichte und nicht nur eine Auseinandersetzung von Ideen. Dies gilt vor allem für uns Christen.“
   Das Beispiel des heiligen Andreas, der dem Ruf Jesu unmittelbar gefolgt sei, zeige, „dass das christliche Leben eine persönliche Erfahrung ist, eine verwandelnde Begegnung mit dem, der uns liebt und uns erlösen will“, so der Papst.
   Ein gemeinsames Anliegen sei das der Einheit, Papst Franziskus wies in diesem Zusammenhang auf das Ökumene-Dekret des Zweiten Vatikanums hin, das Türen für den gegenseitigen Respekt geöffnet habe. Einheit bedeute nicht, „einander zu unterwerfen noch einzuverleiben, sondern vielmehr alle Gaben anzunehmen, die Gott jedem gegeben hat“, so Franziskus. Er halte es für wichtig, „die Beachtung dieses Grundsatzes als eine wesentliche und gegenseitige Voraussetzung für die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zu betonen“.
   „Jedem von Ihnen möchte ich versichern, dass die katholische Kirche, um das ersehnte Ziel der vollen Einheit zu erreichen, nicht beabsichtigt, irgendeine Forderung aufzuerlegen als die, den gemeinsamen Glauben zu bekennen“. Diese Worte des Papstes deuteten an, dass Rom für eine Einheit mit den orthodoxen Christen keine Übernahme von Formen und Positionen erwartet, die sich erst nach dem Großen Schisma von 1054 ergeben haben. Seinen Primat als römischer Bischof beschrieb Franziskus mit einem frühchristlichen Ausdruck ‚Vorsitz in der Liebe’, der auch für orthodoxe Christen akzeptabel ist. Diese Formulierung hatte er schon in seiner ersten Ansprache unmittelbar nach seiner Wahl zum Papst im März 2013 benutzt.
„Die Stimme der Armen und der Opfer von Kriegen hören“
   Franziskus fuhr fort, dass es heute viele Stimmen gebe, die die Kirchen zur Christusnachfolge „bis zum Äußersten“ aufrufen. Die erste Stimme sei die der Armen, „Angesichts der Stimmen dieser Brüder und Schwestern können wir nicht gleichgültig bleiben“. Außerdem gelte es, „im Licht des Evangeliums gegen die strukturellen Ursachen von Armut zu kämpfen“ und gegen die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Eine zweite Stimme, die „laut schreit“, ist nach Darstellung des Papstes die Stimme der Opfer von Konflikten und Kriegen, so wie derzeit in Syrien und dem Irak. Das sei sowohl ein Ruf zur Solidarität als auch ein Ruf zur Einheit:
   „Von hier hören wir diese Stimme sehr deutlich erschallen, weil einige Nachbarländer von einem grausamen und unmenschlichen Krieg gezeichnet sind. Den Frieden eines Volkes erschüttern, jegliche Art von Gewalt insbesondere an Schwachen und Wehrlosen zu begehen oder zu erlauben, ist eine sehr schwere Sünde gegen Gott, weil es bedeutet, das Bild Gottes im Menschen nicht zu achten. Die Stimme der Opfer der Konflikte drängt uns, zügig auf den Weg der Versöhnung und der Gemeinschaft zwischen Katholiken und Orthodoxen weiterzugehen. Wie können wir im Übrigen glaubwürdig die Botschaft des Friedens verkünden, der von Christus kommt, wenn es zwischen uns weiterhin Rivalität und Streitigkeiten gibt?“
   Franziskus erinnerte auch an die muslimischen Opfer des jüngsten „unmenschlichen und sinnlosen Anschlags" in Nigeria, wo Boko Haram eine Moschee attackiert hatte. Eine dritte Stimme, die die Kirchen herausfordere, sei die der Jugend. Leider gebe es heute „viele Jugendliche, die ohne Hoffnung leben, entmutigt durch Misstrauen und Resignation“.
„Wir sind schon auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft“
   „Die neuen Generationen werden nie die wahre Weisheit erwerben und die Hoffnung lebendig erhalten können, wenn wir nicht in der Lage sind, den authentischen Humanismus zu erschließen und zu vermitteln, der aus dem Evangelium und der tausendjährigen Erfahrung der Kirche hervorgeht. Gerade die Jugendlichen – ich denke zum Beispiel an die Scharen von jungen Orthodoxen, Katholiken und Protestanten, die sich auf den von der Gemeinschaft von Taizé organisierten internationalen Treffen begegnen – fordern uns heute auf, Fortschritte zur vollen Gemeinschaft hin zu machen.“
   Es gehe nicht darum, die „Bedeutung der Unterschiede, die uns noch trennen, zu ignorieren“, sondern darum, den Blick umzukehren und „weiter zu sehen“: damit „das Wesentliche, das uns schon eint“, in den Blick kommt. „Eure Heiligkeit, wir sind schon auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft und können schon deutliche Zeichen einer echten, wenn auch noch teilweisen Einheit leben. Das stärkt und unterstützt uns, auf diesem Weg weiter zu schreiten“, so Franziskus abschließend.
   Es war bereits das vierte Mal in diesem Jahr, dass der Papst und der Patriarch sich begegneten: im Mai in Jerusalem, im Juni zum Friedensgebet mit den Präsidenten Israels und Palästinas in den Vatikanischen Gärten, am 29. Juni zum römischen Patronatsfest Peter und Paul im Vatikan und nun in Istanbul. Rv141130sk

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Im Wortlaut: Papstansprache während der Göttlichen Liturgie in Istanbul

   Mehrmals habe ich als Erzbischof von Buenos Aires an der Göttlichen Liturgie der orthodoxen Gemeinden in jener Stadt teilgenommen. Aber hier und heute in dieser Patriarchatskirche St. Georg zu sein für die Feier des heiligen Apostels Andreas, erster der Berufenen und Bruder des heiligen Petrus, Patron des Ökumenischen Patriarchats, ist wirklich eine einzigartige Gnade, die der Herr mir schenkt.
   Sich begegnen, gegenseitig das Gesicht sehen, einander den Friedenskuss geben, füreinander beten, sind wesentliche Dimensionen auf dem Weg zur Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft, die wir anstreben. All das geht voraus und begleitet ständig jene andere wesentliche Dimension dieses Weges, den theologischen Dialog. Ein echter Dialog ist immer eine Begegnung zwischen Menschen mit einem Namen, einem Gesicht, einer Geschichte und nicht nur eine Auseinandersetzung von Ideen.
   Dies gilt vor allem für uns Christen, weil für uns die Wahrheit die Person Jesu Christi ist. Das Beispiel des heiligen Andreas, der zusammen mit einem anderen Jünger der Einladung des göttlichen Meisters gefolgt ist: »Kommt und seht«, und sie »blieben jenen Tag bei ihm« Joh 1,39, zeigt uns deutlich, dass das christliche Leben eine persönliche Erfahrung ist, eine verwandelnde Begegnung mit dem, der uns liebt und uns erlösen will. Auch die christliche Botschaft verbreitet sich dank der Menschen, die aus Liebe zu Christus die Freude, geliebt und erlöst zu sein, nur weitergeben können. Einmal mehr ist das Beispiel des Apostels Andreas aufschlussreich. Nachdem er Jesus dorthin gefolgt war, wo er lebte, und sich mit ihm unterhalten hatte, »traf [er] zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: „Wir haben den Messias gefunden“. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus). Er führte ihn zu Jesus« Joh 1,40-42. Es ist daher klar, dass auch der Dialog zwischen Christen sich dieser Logik einer persönlichen Begegnung nicht entziehen kann.

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Die beiden Apostelbrüder Petrus und Andreas -- -- Heiliger Paul VI und Patriarch Athenagoras in Jerusalem 1964

   So ist es kein Zufall, dass der Weg der Versöhnung und des Friedens zwischen Katholiken und Orthodoxen in gewisser Weise mit einer Begegnung, einer Umarmung zwischen unseren verehrten Vorgängern, dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras und Papst Paul VI., vor fünfzig Jahren in Jerusalem begonnen hat. Dieses Ereignisses wollten Eure Heiligkeit und ich vor kurzem gedenken, als wir uns wieder in der Stadt getroffen haben, in der unser Herr Jesus Christus gestorben und auferstanden ist.
   Durch eine glückliche Fügung findet dieser mein Besuch einige Tage nach der Feier des fünfzigsten Jahrestages der Promulgation des Dekrets des Zweiten Vatikanischen Konzils Unitatis redintegratio über die Bemühungen um die Einheit unter allen Christen statt. Es handelt sich um ein grundlegendes Dokument, durch das ein neuer Weg für die Begegnung zwischen den Katholiken und den Brüdern der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften eröffnet wurde.
   Mit diesem Dekret anerkennt die Katholische Kirche insbesondere, dass die orthodoxen Kirchen »wahre Sakramente besitzen, vor allem aber in der Kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die Eucharistie, wodurch sie in ganz enger Verwandtschaft bis heute mit uns verbunden sind« Nr.15. Folglich wird bestätigt: Um die Fülle der christlichen Tradition in Treue zu wahren und die Wiederversöhnung der Christen des Ostens und Westens herbeizuführen, ist es von größter Bedeutung, das überreiche Erbe der orientalischen Kirchen zu erhalten und zu fördern – nicht nur das, was sich auf die liturgischen und geistlichen Traditionen bezieht, sondern auch auf die von den heiligen Vätern und den Konzilien sanktionierten kanonischen Ordnungen, die das Leben dieser Kirchen regeln vgl. Nrn. 15-16.
   Ich halte es für wichtig, die Beachtung dieses Grundsatzes als eine wesentliche und gegenseitige Voraussetzung für die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zu betonen, die weder bedeutet, einander zu unterwerfen noch einzuverleiben, sondern vielmehr alle Gaben anzunehmen, die Gott jedem gegeben hat, um in der ganzen Welt das große Geheimnis der vom Herrn Jesus Christus durch den Heiligen Geist gewirkten Erlösung kund zu tun. Jedem von euch möchte ich versichern, dass die katholische Kirche, um das ersehnte Ziel der vollen Einheit zu erreichen, nicht beabsichtigt, irgendeine Forderung aufzuerlegen als die, den gemeinsamen Glauben zu bekennen, und dass wir bereit sind, im Licht der Lehre der Schrift und der Erfahrung des ersten Jahrtausends gemeinsam die Bedingungen zu suchen, um mit diesen die notwendige Einheit der Kirche unter den gegenwärtigen Umständen zu gewährleisten: Das Einzige, was die katholische Kirche wünscht und ich als Bischof von Rom, „der Kirche, die den Vorsitz in der Liebe führt“, anstrebe, ist die Gemeinschaft mit den orthodoxen Kirchen. Diese Gemeinschaft wird immer die Frucht der Liebe sein,»denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« Röm 5,5, Frucht brüderlicher Liebe, die dem geistigen und transzendenten Band, das uns als Jünger des Herrn verbindet, Ausdruck verleiht.
   In der heutigen Welt erheben sich lautstark Stimmen, die wir nicht überhören können und die unsere Kirchen bitten, die Nachfolge des Herrn Jesus Christus bis zum Äußersten zu leben.
   Die erste dieser Stimmen ist die der Armen. In der Welt gibt es zu viele Frauen und Männer, die an schwerer Unterernährung leiden, an wachsender Arbeitslosigkeit, am hohen Anteil Jugendlicher ohne Arbeit und an der Zunahme der sozialen Ausgrenzung, die zu kriminellen Aktivitäten und sogar zur Rekrutierung von Terroristen führen kann. Angesichts der Stimmen dieser Brüder und Schwestern können wir nicht gleichgültig bleiben. Sie bitten uns nicht nur um materielle Hilfe, die in vielen Fällen notwendig ist, sondern vor allem, dass wir ihnen helfen, ihre Menschenwürde zu verteidigen, so dass sie die geistigen Energien wieder finden können, um sich aufzurichten und wieder Protagonisten ihrer eigenen Geschichte zu werden. Ferner bitten sie uns, im Licht des Evangeliums gegen die strukturellen Ursachen von Armut zu kämpfen: Ungleichheit, Mangel an menschenwürdiger Arbeit, an Land und Wohnung, Leugnung der Sozial- und Arbeitsrechte. Als Christen sind wir aufgerufen, gemeinsam jene Globalisierung der Gleichgültigkeit, die heute zu dominieren scheint, zu überwinden und eine neue Zivilisation der Liebe und Solidarität aufzubauen.
   Eine zweite Stimme, die laut schreit, ist jene der Opfer von Konflikten in vielen Teilen der Welt. Von hier hören wir diese Stimme sehr deutlich erschallen, weil einige Nachbarländer von einem grausamen und unmenschlichen Krieg gezeichnet sind. Den Frieden eines Volkes erschüttern, jegliche Art von Gewalt insbesondere an Schwachen und Wehrlosen zu begehen oder zu erlauben, ist eine sehr schwere Sünde gegen Gott, weil es bedeutet, das Bild Gottes im Menschen nicht zu achten. Die Stimme der Opfer der Konflikte drängt uns, zügig auf den Weg der Versöhnung und der Gemeinschaft zwischen Katholiken und Orthodoxen weiterzugehen. Wie können wir im Übrigen glaubwürdig die Botschaft des Friedens verkünden, der von Christus kommt, wenn es zwischen uns weiterhin Rivalität und Streitigkeiten gibt? vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 77.
   Eine dritte Stimme, die uns herausfordert, ist die der Jugend. Leider gibt es heute viele Jugendliche, die ohne Hoffnung leben, entmutigt durch Misstrauen und Resignation. Viele junge Menschen suchen dann, beeinflusst von der vorherrschenden Kultur, die Freude nur im materiellen Besitz und in der Befriedigung der Emotionen des Augenblicks. Die neuen Generationen werden nie die wahre Weisheit erwerben und die Hoffnung lebendig erhalten können, wenn wir nicht in der Lage sind, den authentischen Humanismus zu erschließen und zu vermitteln, der aus dem Evangelium und der tausendjährigen Erfahrung der Kirche hervorgeht. Gerade die Jugendlichen – ich denke zum Beispiel an die Scharen von jungen Orthodoxen, Katholiken und Protestanten, die sich auf den von der Gemeinschaft von Taizé organisierten internationalen Treffen begegnen – fordern uns heute auf, Fortschritte zur vollen Gemeinschaft hin zu machen. Und dies nicht, weil sie die Bedeutung der Unterschiede, die uns noch trennen, ignorieren, sondern weil sie weiter zu sehen vermögen und fähig sind, das Wesentliche, das uns schon eint, zu erfassen.
   Eure Heiligkeit, wir sind schon auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft und können schon deutliche Zeichen einer echten, wenn auch noch teilweisen Einheit leben. Das stärkt und unterstützt uns, auf diesem Weg weiter zu schreiten. Wir sind sicher, dass wir während dieses Weges durch die Fürsprache des Apostels Andreas und seines Bruders Petrus, der Tradition nach die Gründer der Kirchen von Konstantinopel und Rom, unterstützt werden. Erbitten wir von Gott das große Geschenk der vollen Einheit und die Fähigkeit, es in unserem Leben aufzunehmen. Und vergessen wir nie, füreinander zu beten. Rv141130gs

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Göttliche Liturgie zum Fest des Apostels Andreas: „Der Weg nach Emmaus steht offen“

   Papst Franziskus hat am Sonntag, dem 30.November 2014 in der Kirche des Ökumenischen Patriarchats von Istanbul an einer sogenannten Göttlichen Liturgie teilgenommen: An einem orthodoxen Gottesdienst zum Festtag des Apostels Andreas. Auf diesen Heiligen, den Bruder des Apostels Petrus und Apostel Jesu, führt sich das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel zurück. Patriarch Bartholomaios sieht sich in der Nachfolge des Andreas, Franziskus in der des Petrus.
   Franziskus ist der vierte Papst, der zu einer Göttlichen Liturgie zum Andreasfest nach Istanbul reist. Als erster war dazu 1967 Paul VI. an den Bosporus gekommen. Als Erzbischof von Buenos Aires hat der heutige Papst schon mehrmals an einer Göttlichen Liturgie teilgenommen.
Patriarch: „Weg nach Emmaus steht offen“
  In seiner Predigt erinnerte der Patriarch daran, dass sich beide im vergangenen Mai in Jerusalem getroffen haben. Mit einem Gottesdienst in der Grabes- und Auferstehungskirche hatten sie an eine bahnbrechende Begegnung von Papst Paul VI. mit Patriarch Athenagoras genau fünfzig Jahre zuvor erinnert, ein Treffen, dass den Lauf der Geschichte gewandelt habe: „Die bis dahin parallelen und manchmal sogar gegenläufigen Wege unserer Kirchen sind sich auf einmal begegnet im gemeinsamen Traum, die verlorene Einheit wiederzufinden“, so Bartholomaios.
   Ost- wie Westkirche seien „ein Jahrtausend lang festgestanden im gemeinsamen Glauben“, formulierte Bartholomaios weiter; das sei „die Basis für unsere Einheit“ und müsse für die Zukunft wirksam werden: „Denn wozu dient unsere Treue zur Vergangenheit, wenn sie nichts bedeutet für die Zukunft? Wie sollten wir uns dessen rühmen, was wir empfangen haben, wenn das alles sich nicht ins Leben der Menschen und der Welt von heute und morgen übersetzt? Die Kirche Jesu Christi ist dazu aufgerufen, nicht so sehr nach hinten zu schauen als vielmehr ins Heute und ins Morgen. Die Kirche existiert um der Welt und der Menschen willen, nicht um ihrer selbst willen.“
„Immer schon Primat der Liebe anerkannt“
   Angesichts von Kriegen, Verfolgungen und Ängsten können es sich die Christen heute nach Ansicht des Ökumenischen Patriarchen schlichtweg nicht leisten, sich nur mit ihrem alten Streit untereinander zu beschäftigen. Weder Wissenschaft noch Politik oder Technologie seien „imstande, die Zukunft zu garantieren, wenn der Mensch nicht auf die Botschaft der Versöhnung, der Liebe und der Gerechtigkeit hört“, so Bartholomaios.
   Direkt an Papst Franziskus gewandt ging der Patriarch auf die heikle Frage des Primats ein, also der Vorrangstellung des Bischofs von Rom. Die Art und Weise eines römischen Primats innerhalb der Christenheit ist einer der Streitpunkte zwischen Katholiken und Orthodoxen. Bartholomaios an Franziskus: Er wünsche sich einen Aufbau der Einheit der Kirche auf dem Primat „der Liebe, der Ehre und des Dienstes – im Rahmen der Synodalität“, so das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie.
   Bartholomaios bekräftigte mit Blick auf die orthodoxen Kirchen, dass spätestens 2016 in Istanbul ein orthodoxes Konzil („Heilige und Große Synode der orthodoxen Kirche“) zusammentreten soll. Er bitte auch den Papst um Gebet für einen Erfolg dieses „großen Ereignisses in der Geschichte der orthodoxen Kirche“. Leider erlaube der „alte Bruch der eucharistischen Gemeinschaft“ noch keine Einberufung eines gemeinsamen Konzils, er wünsche sich aber katholische Beobachter während des orthodoxen Konzils, sagte der Patriarch ausdrücklich und wies darauf hin, dass zu Bischofssynoden im Vatikan schon mehrfach orthodoxe Beobachter geladen waren. Bartholomaios selbst hat einmal auf Einladung von Benedikt XVI. bei einer römischen Bischofssynode zur Heiligen Schrift eine Ansprache an die Synodenväter gehalten. Rv141130ord

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Im Wortlaut: Gemeinsame Erklärung von Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios

   Wir, Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I., bringen Gott unseren tiefempfundenen Dank zum Ausdruck für das Geschenk dieser erneuten Begegnung, die uns erlaubt, in Anwesenheit der Mitglieder der Heiligen Synode, des Klerus und der Gläubigen des ökumenischen Patriarchats gemeinsam das Fest des heiligen Andreas, des Erstberufenen und Bruders des Apostels Petrus zu feiern. Unser Gedenken der Apostel, die der Welt durch ihre Predigt und das Zeugnis des Martyriums die gute Nachricht des Evangeliums verkündeten, stärkt in uns den Wunsch, unseren gemeinsamen Weg fortzusetzen mit dem Ziel, mit Liebe und Vertrauen die Hindernisse zu überwinden, die uns trennen.
   Anlässlich der Begegnung in Jerusalem im vergangenen Mai, bei der wir der historischen Umarmung unserer verehrten Vorgänger Papst Pauls VI. und des Ökumenischen Patriarchen Athenagoras gedachten, haben wir eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet. Heute wollen wir angesichts der glücklichen Gelegenheit einer zweiten brüderlichen Begegnung unsere gemeinsamen Absichten und Besorgnisse erneut bekräftigen.
   Wir drücken unsere aufrichtige und feste Absicht aus, im Gehorsam gegenüber dem Willen unseres Herrn Jesus Christus unsere Anstrengungen zur Förderung der vollen Einheit aller Christen und vor allem zwischen Katholiken und Orthodoxen zu verstärken. Wir wollen außerdem den theologischen Dialog unterstützen, den die Gemischte Internationale Kommission angeregt hat, welche vor genau fünfunddreißig Jahren von dem Ökumenischen Patriarchen Dimitrios und Papst Johannes Paul II. hier im Phanar eingesetzt wurde. Sie behandelt zurzeit die schwierigsten Fragen, die die Geschichte unserer Spaltung gekennzeichnet haben und einer aufmerksamen und vertieften Untersuchung bedürfen. Zu diesem Zweck versprechen wir als Hirten der Kirche unser leidenschaftliches Gebet und bitten die Gläubigen, sich unserem gemeinsamen Gebetsruf anzuschließen: » Alle sollen eins sein … damit die Welt glaubt « Joh 17,21.
   Wir drücken unsere gemeinsame Sorge um die Situation im Irak, in Syrien und im gesamten Nahen Osten aus. Wir sind vereint in dem Wunsch nach Frieden und Stabilität sowie in dem Willen, die Lösung der Konflikte durch den Dialog und die Versöhnung zu fördern. Indem wir die bereits unternommenen Anstrengungen, der Region Hilfe zu bieten, anerkennen, appellieren wir zugleich an alle, die für das Geschick der Völker Verantwortung tragen, ihren Einsatz für die leidenden Gemeinschaften zu verstärken und ihnen – einschließlich der christlichen – zu ermöglichen, in ihrer Heimat zu verbleiben. Wir können uns nicht abfinden mit einem Nahen Osten ohne die Christen, die dort den Namen Jesu zweitausend Jahre lang bekannt haben. Viele unserer Brüder und Schwestern sind verfolgt und mit Gewalt gezwungen worden, ihre Häuser zu verlassen. Es scheint sogar, als sei der Sinn für den Wert des menschlichen Lebens verloren gegangen und der Mensch habe keine Bedeutung mehr, so dass er anderen Interessen geopfert werden kann. Und all das stößt tragischer Weise auf die Gleichgültigkeit vieler. Der heilige Paulus erinnert uns: » Wenn … ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm « 1 Kor 12,26. Das ist das Gesetz des christlichen Lebens, und in diesem Sinn können wir sagen, dass es auch eine Ökumene des Leidens gibt. Wie das Blut der Märtyrer ein Same der Kraft und der Fruchtbarkeit für die Kirche gewesen ist, so kann auch das Teilen der täglichen Leiden ein wirksames Mittel für die Einheit sein. Die schreckliche Situation der Christen und aller, die im Nahen Osten leiden, verlangt nicht nur ein ständiges Gebet, sondern auch eine geeignete Reaktion der internationalen Gemeinschaft.
   Die großen Herausforderungen, welche die Welt in der aktuellen Situation vor sich hat, erfordern die Solidarität aller Menschen guten Willens. Daher erkennen wir auch die Bedeutung der Förderung eines konstruktiven Dialogs mit dem Islam, der auf gegenseitiger Achtung und auf Freundschaft gründet. Inspiriert von gemeinsamen Werten und gestärkt durch ein natürliches brüderliches Empfinden, sind Muslime und Christen berufen, gemeinsam zu arbeiten aus Liebe zur Gerechtigkeit, zum Frieden und zur Achtung der Würde und der Rechte eines jeden Menschen, vor allem in den Regionen, wo sie einst jahrhundertelang friedlich zusammenlebten und jetzt tragisch unter den Schrecken des Krieges leiden. Als christliche Leader fordern wir außerdem alle religiösen Führer auf, den interreligiösen Dialog fortzusetzen und zu verstärken und alle Anstrengungen zu unternehmen, um eine Kultur des Friedens und der Solidarität unter den Einzelnen wie unter den Völkern aufzubauen.
   Wir denken auch an alle Völker, die aufgrund des Krieges leiden. Besonders beten wir um den Frieden in der Ukraine, einem Land mit alter christlicher Tradition, und appellieren an die in den Konflikt verwickelten Parteien, den Weg des Dialogs und der Achtung des Völkerrechts zu verfolgen, um dem Krieg ein Ende zu setzen und allen Ukrainern zu erlauben, in Eintracht zu leben.
  Unsere Gedanken gehen an alle Gläubigen unserer Kirchen in der Welt: Wir grüßen sie und vertrauen sie Christus, unserem Heiland, an, damit sie unermüdliche Zeugen der Liebe Gottes sein können. Wir erheben unser inständiges Gebet zu Gott, auf dass er der gesamten Menschheitsfamilie das Geschenk des Friedens in Liebe und Einheit gewähre. »Der Herr des Friedens aber schenke euch den Frieden zu jeder Zeit und auf jede Weise. Der Herr sei mit euch allen« 2 Thess 3,16. Rv141130gs

is-1-30-ZZ-ff-Bartholomaios

Patriarchats-Sprecher: Dogma jetzt „keine Hauptaufgabe“

   Orthodoxe und katholische Kirche sollten angesichts der Christenverfolgung die Überwindung dogmatischer Auffassungsunterschiede nicht als Hauptaufgabe begreifen. Vielmehr müsse es jetzt um gelebte Solidarität und Zusammenarbeit gehen, um Christen in Syrien und im Irak zu helfen. Dies betont der Protopresbyter und Sprecher des Ökumenischen Patriarchates Dositheos Anagnostopulos im Gespräch mit Radio Vatikan in Istanbul.
   Die orthodoxe Kirche habe vom Bürgerkrieg und Terror selbst Wunden davongetragen, erinnerte der orthodoxe Geistliche im Gespräch mit Anne Preckel im Phanar in Istanbul. So ist das Schicksal der zwei vor Monaten in Syrien verschleppten Bischöfe, des syrisch-orthodoxen Mar Gregorius Yohanna Ibrahim und des griechisch-orthodoxen Paul Yazidschi, bis heute ungewiss. Er gehe davon aus, das Papst und Patriarch in Istanbul über die Lage im Nahen Osten sprechen würden, so der Sprecher. Vom Papstbesuch in der Türkei erhoffe man sich auch einen positiven Effekt auf die ungelöste Frage des orthodoxen Priesterseminars von Chalki. Die türkische Regierung hält die Schule seit Jahrzehnten geschlossen.
   Hinsichtlich des guten Verhältnisses zwischen Patriarch Bartholomaios I. und Franziskus verwies der Sprecher auf die Anwesenheit des Patriarchen bei Franziskus‘ Amtseinführung als Papst in Rom. Franziskus setze mit seinem Besuch zum orthodoxen Andreasfest diesen „guten Gedanken“ fort.
   „In den letzten vier, fünf Jahren gibt es eine regelrechte Verfolgung der Christenheit in Syrien, teilweise im Libanon und im Irak. Nicht zu vergessen, dass das die Urheimaten des Christentums sind. Und dort verlieren wir laufend unsere Brüder und unsere Schwestern. Das heißt, es ist die Zeit gekommen, in der man sich nicht mehr mit irgendwelchen dogmatischen Linien beschäftigen soll, sondern eben die Solidarität, die Zusammenarbeit beider Kirchen zugunsten dieses verfolgten Volkes realisieren muss!“
Treibt das also an, auch theologisch schneller zueinander zu finden?
  „Es wäre fatal, wenn das nicht der Fall wäre! Wissenschaft hin und her, ich habe Respekt davor, aber die Aufgabe, die wir haben, ist nicht, Wissenschaft zu betreiben, sondern Liebe und Solidarität. Und das ist die Hauptaufgabe der Kirche. Nicht unbedingt das Dogma.“
Und darüber sind sich Papst und Patriarch auch einig, nicht wahr?
   „Offensichtlich ja! Die anderen drei Päpste, die uns hier besucht haben, haben immer ein kleines Steinchen dazugelegt in diesem riesigen Puzzle für die Wiedervereinigung der Kirche in der Zukunft, der einen Kirche. In einer kritischen Zeit wie der heutigen ist das besonders bedeutungsvoll, dass er hier ist.“
Welches Steinchen wird Franziskus denn beitragen können?
   „Im Vergleich zu Benedikt XVI. lässt sich folgendes sagen: Papst Benedikt ist eine Persönlichkeit in der Geschichte bezüglich der theologischen Wissenschaft. Papst Franziskus ist eine Persönlichkeit in Bezug auf seine Kollegialität und seine Freundlichkeit dem Volk gegenüber. Er kommt selbst aus diesem Volk in Argentinien. Wir wissen auch, was er dort geleistet hat als Erzbischof. Also wir haben zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Wir haben eine stabile Persönlichkeit – das ist Patriarch Bartholomaios, weil er sowohl mit dem alten als auch mit dem neuen Papst dabei ist. Das heißt also – derjenige, der etwas Neues in dem Dialog bringen wird, ist die neue Persönlichkeit des Papstes Franziskus. Was ist das? Es ist das einfach Christliche, würde ich sagen, das Brüderliche.“
Patriarch Bartholomaios hat Franziskus mit Johannes XXIII. verglichen – wo sieht er da wohl die Parallelen?
   „Johannes XXIII. hat, als er zur schwierigen Zeit der 50er Jahre hier war als apostolischer Nuntius in Konstantinopel, den Mut bewiesen, mit dem damaligen Patriarchen Athenagoras gute und freundliche Beziehungen zu haben, um eigentlich das Fundament zu bilden für das, was Paul VI. dann später machte. Das heißt also, der eigentliche Beginn der Versöhnung der beiden Kirchen begann mit Johannes XXIII. Aber manche – das habe ich gerade gelesen – vergleichen auch den jetzigen Papst mit dem 30-Tage-Papst Johannes Paul I. Von dem wissen wir nicht viel. Wahrscheinlich hatte er auch etwas ähnlich Positives vor, was er ja leider nicht mehr verwirklichen konnte.“
   Man hat den Eindruck, dass der persönliche Kontakt der beiden – Bartholomaios und Franziskus – den theologischen Dialog und die Differenzen dort überflügelt…
   „Richtig. Das Hauptproblem ist der Primat des Bischofs von Rom. Wie soll man das verstehen, fast 950 Jahre nach dem Schisma? Wenn wir diese einmal klären, wird - glaube ich - alles andere langsam automatisch gelöst.“
Papst Franziskus nennt sich öfter „Bischof von Rom“ – das dürfte dem Patriarchen gefallen…
  
„Das gefällt uns allen, nicht nur dem Patriarchen! Es gab da in der Vergangenheit eine Überheblichkeit, weil der Papst zugleich als eine Art Imperator der Erde auftrat, wie wir aus der Geschichte wissen. Das ist Gott sei Dank vorbei, wirklich Gott sei Dank. Wenn man darauf verzichtet, auf diesen Punkt, der unnötig ist, dann hat man auch den richtigen Weg gefunden, um die kleineren, aber schmerzlichen Probleme auch zu lösen.“
In der Türkei hat die orthodoxe Kirche keinen einfachen Stand. Gibt es in dieser Hinsicht Fortschritte in der letzten Zeit?
   „Die Hochschule, das Priesterseminar von Chalki ist das größte Problem. Man darf nicht undankbar sein – wir haben in der letzten Zeit tatsächlich ein bisschen Erleichterung erfahren. Es besteht die Möglichkeit, dass wir frei unsere Probleme äußern können. Früher konnte man nicht darüber sprechen, heute sprechen wir. Früher hat man immer das Thema angeprangert: Was heißt Ökumenisches Patriarchat? Der Titel war für die türkische Führung nicht akzeptabel. Heute diskutiert man zumindest nicht mehr darüber, und wir benutzen diesen Titel frei – das ist auch etwas Wichtiges. Aber das Problem mit Chalki muss unbedingt gelöst werden. Und in der Frage gibt die türkische Regierung leider weder ein klares Ja noch ein klares Nein. Wir sind immer in der Schwebe und wissen nicht, wo das Ganze hinläuft.“
Wird nicht einmal etwas in Aussicht gestellt?
   „Nun, es ist wirklich traurig. Einerseits hören wir in den letzten Jahren Politiker der regierenden Partei oder der Regierungskreise, die sagen: Es ist kein Problem. Die Schule kann bald wieder geöffnet oder in Betrieb genommen werden. Dann kommt ein anderer Minister und sagt: Nein, das geht nicht so einfach, es gibt Probleme. Einmal haben sie gesagt, es sei kein Reziprozitätsproblem mit Griechenland, einmal haben sie gesagt, doch. Das heißt, Griechenland soll irgendwelche Kompromisse schließen in Bezug auf die muslimische Minderheit dort.
   Da gibt es ein Problem, das eigentlich niemand so ernst nimmt: Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Weil die Minderheit in Konstantinopel das Pendent ist der muslimischen Minderheit auf Trazien, nicht Athen! Wenn in Athen eine Moschee gebaut wird, sind wir damit einverstanden, aber dann kann die andere Seite genauso gut sagen: bauen Sie mal eine Kathedrale in Ankara – das haben wir nie gesagt. Aber das wären Dinge, die vergleichbar wären. Wir öffnen die Schule (von Chalki) nur, wenn in Athen eine Moschee gebaut wird – das ist ein unlogischer Vergleich.“
Kann der Papstbesuch hier etwas bringen?
   „Ich kann nichts prophezeien, aber eines weiß ich: Jedes Mal, wenn eine besondere Persönlichkeit in der gegenwärtigen Geschichte der Menschheit wie ein Papst zum Beispiel darauf besteht und auf die Wichtigkeit der Wiederinbetriebnahme dieser Ausbildungsstätte (Chalki) besteht, ist wahrscheinlich eine der Möglichkeiten, dass man die türkische Regierung überzeugt, dass die Sache nicht mehr lange ungelöst bleiben darf.“ Rv141129pr 

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Franziskus geht schon von Einheit aus“ –   Gespräch mit zwei Ökumene-Experten

   Mit Benedikts Besuch vor acht Jahren hat eine „neue Art der Kommunikation“ im katholisch-orthodoxen Dialog begonnen. Das unterstreicht der Ökumene-Fachmann und katholische Priester Nikolaus Wyrwoll im Gespräch mit Radio Vatikan in Istanbul. Der Dialog mit der orthodoxen Seite stehe seitdem auf einer soliden Basis, so Wyrwoll, der in Istanbul lebt und Konsultor im Päpstlichen Einheitsrat ist. So seien Franziskus‘ Besuch zum orthodoxen Andreasfest und seine ökumenischen Gesten „kein Versuch mehr, der Einheit näher zu kommen“, so Wyrwoll, „sondern er setzt diese Einheit schon voraus“. Der Besuch des Papstes sei in diesem Sinn ein „brüderlicher, geschwisterlicher Besuch in dieser hergestellten Einheit“.
   Prälat Willem Sanders, langjähriger Ökumene-Referent des Erzbistums Hamburg, stimmt Wyrwoll zu. Das Fundament der Einheit sei gelegt, sagt er mit Verweis auf die letzten Treffen zwischen Papst und Patriarch, besonders Bartholomaios‘ Besuch in Rom zu Franziskus‘ Amtsantritt. Als langjähriger katholischer Referent des Norddeutschen Rundfunks hat Sanders die Türkeireisen der Päpste im Detail mitverfolgt, sie kommentiert und eingeordnet. Franziskus sei seinem „einfachen Stil“ in der Türkei treu geblieben, und er mache aus dieser Schlichtheit „kein Hehl“, so Sanders im Gespräch mit Radio Vatikan in Istanbul. Anne Preckel sprach mit dem Prälaten kurz nach dem ökumenischen Gottesdienst von Papst und Patriarch im Phanar, an dem Sanders teilgenommen hatte.
   „Er ist so einfach aufgetreten, wie er das auch in Rom gerne möchte. Er hat sich ein ganz einfaches Auto ausgesucht – und die haben sich hier Mühe gegeben, einen kleinen Wagen zu finden, kleiner wollten sie ihn dann doch nicht nehmen; das ist schon auffallend. Auch, wie er in die Kirche kam, erst ganz ohne liturgische Kleidung. Dann, beim Segen, bekam er eine Stola für seine Ansprache, aber die war auch wieder ganz einfach, also wirklich schlicht rot. Das fiel dann schon auf, auch angesichts der orthodoxen Prachtentfaltung, die es in der Patriarchatskirche gibt.“
Welche Akzente haben Sie - inhaltlich - den Papstworten entnehmen können?
   „Meines Wissen hat bisher noch kein Papst so deutlich gesagt, dass er hier den heiligen Andreas als Gründer der Kirche von Konstantinopel verehren kommt, das ist schon ein wichtiger Akzent. Natürlich gab es immer die Delegationen, um das Patronatsfest des heiligen Andreas hier mitzufeiern. Dann hat Franziskus deutlich darauf hingewiesen, dass Petrus und Andreas als Brüder nun auch als Brüder wirken müssen und dass das ein Zeichen der Hoffnung für die Christenheit ist.“
Was ist aber mit den theologischen Differenzen?
   „Natürlich kann der Patriarch Bartholomaios auch niemals annehmen, dass der Papst ein Jurisdiktionsprimat über die orthodoxen Kirchen hat. Und die römische Kirche täte gut daran zu sagen, was wir im Ersten Vatikanischen Konzil beschlossen haben: Das gilt nur für die römisch-katholische Kirche. Wenn das einmal deutlich gesagt würde, dann wäre, glaube ich, ganz viel Eis gebrochen.“
Dialog mit Orthodoxen an die Glaubenskongregation verlagern? Was meinen Sie, Prälat Wyrwoll: Gibt es da vielleicht demnächst einen Durchbruch?
   „Ich denke, der muss in unseren Köpfen stattfinden. Die katholischen Kirchen, nämlich alle Bistümer und die orthodoxen Kirchen, sind Schwesterkirchen. Josef Ratzinger hat als Kardinal damals in seinem Schreiben Dominus Iesus in Nummer 17 ganz klar festgestellt, dass die orthodoxen Kirchen genauso echte Teilkirchen sind wie die katholischen Bistümer, und hat dann klugerweise hinzugefügt: obwohl sie den Primat des Papstes in seiner modernen Form nicht anerkennen. Also, hier sind sich heute zwei Bischöfe begegnet, die eigentlich wirklich ganz und gar zu der einen Kirche gehören. Und ich finde, es wäre auch hilfreich in Rom, wenn die Kontakte mit den orthodoxen Kirchen nicht im Rat für die Einheit der Kirchen wären, der mit den Protestanten spricht, sondern bei der Glaubenskongregation. Weil es sich hier doch eigentlich um Kontakte mit einer gleichen Kirche handelt, mit einer Schwesterkirche.“ Rv141129pr

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Ökumenisches Patriarchat: Die Frage der Nachfolge

   Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel hat Sorge um den geistlichen Nachwuchs und die Nachfolge des Patriarchen. Der Knackpunkt: Wer könnte Bartholomaios I. überhaupt einmal ersetzen, wenn die griechisch- orthodoxe Kirche in der Türkei nicht ausbilden darf und der neue Patriarch türkischer Staatsbürger sein muss? Das sind die Einschränkungen, die der Glaubensgemeinschaft in der Türkei auferlegt sind. In der letzten Zeit deutet sich aber an, dass die türkische Führung dem Patriarchen in einigen Punkten entgegenkommen will. So kann sich Bartholomaios I. trotz Nichtanerkennung durch den Staat inzwischen zumindest als „Ökumenischer Patriarch“ bezeichnen.
   Und auch in der Nachfolge-Frage habe Erdogan Schritte auf den Patriarchen zugemacht, berichtet der Lazaristenpater Franz Kangler im Interview mit Radio Vatikan in Istanbul: So könnte ein „Türkeibezug durch die Familie“ für zukünftige Anwärter auf das Patriarchenamt möglicherweise demnächst genügen, so der Türkei-Kenner, der einen engen Kontakt zum Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie pflegt. Im dem Interview berichtet Kangler auch über die innerorthodoxen Spannungen, mit denen Patriarch Bartholomaios I. zu kämpfen hat. Der Patriarch, der 2016 ein panorthodoxes Konzils in Istanbul durchführen will, gilt als entschiedener Kritiker nationalistischer Strömungen in den orthodoxen Kirchen. Rv141129pr

Im Wortlaut: Franziskus begrüßt jugendliche Flüchtlinge in Istanbul   is-1-21-z

Papst Franziskus bei der Begegnung mit Schülern des Oratoriums der Salesianer in Istanbul:
   Liebe junge Freunde, diese Begegnung mit euch, die ihr aus der Türkei, aus Syrien, aus dem Irak, aus verschiedenen Ländern des Nahen Ostens und aus Afrika kommt, habe ich mir sehr gewünscht. Ihr seid hier in Vertretung von Hunderten eurer Altersgenossen, von denen viele Flüchtlinge und Vertriebene sind, und werdet täglich von den Salesianern betreut. Ich möchte euch meine Anteilnahme an eurem Leiden ausdrücken, und ich hoffe, dass dieser Besuch von mir euch mit der Gnade des Herrn ein bisschen Trost bringen kann in eurer schwierigen Lage. Sie ist die traurige Folge erbitterter Konflikte und des Krieges, der immer ein Übel ist und niemals die Lösung der Probleme darstellt, sondern sogar noch weitere schafft.
   Den Flüchtlingen wie euch fehlt es oft – und manchmal über lange Zeit – an den Grundgütern: eine würdige Wohnung, medizinische Versorgung, Ausbildung, Arbeit. Sie haben nicht nur materielle Güter verlassen müssen, sondern vor allem die Freiheit, die Nähe der Angehörigen, ihren Lebensbereich und die kulturellen Traditionen. Die erniedrigenden Bedingungen, unter denen viele Flüchtlinge leben müssen, sind untragbar! Darum muss man sich mit allen Kräften bemühen, die Ursachen dieses Zustands zu beseitigen. Ich rufe dringend zu einer größeren internationalen Übereinstimmung auf zu dem Zweck, die Konflikte zu lösen, die eure Herkunftsländer mit Blut beflecken, den anderen Ursachen entgegenzuwirken, die die Menschen dazu drängen, ihre Heimat zu verlassen, und die Bedingungen zu fördern, die ihnen ermöglichen, zu bleiben oder zurückzukehren. Ich ermutige alle, die großherzig und treu für die Gerechtigkeit und den Frieden wirken, nicht den Mut zu verlieren. An die politischen Führer wende ich mich, damit sie berücksichtigen, dass die große Mehrheit ihrer Bevölkerungen sich nach Frieden sehnt, auch wenn sie manchmal nicht mehr die Kraft und die Stimme hat, ihn zu fordern!
   Zahlreiche Organisationen tun viel für die Flüchtlinge; besonders froh bin ich über die wirkungsvolle Arbeit vieler katholischer Einrichtungen, die zahlreichen bedürftigen Menschen unterschiedslos großzügige Hilfe anbieten. Den türkischen Verantwortlichen möchte ich meinen herzlichen Dank bekunden für die große Anstrengung, die sie in der Hilfeleistung für die Vertriebenen, besonders für die syrischen und irakischen Flüchtlinge, vollbringen und für den konkreten Einsatz in dem Bemühen, ihre Ansprüche zu befriedigen. Ich wünsche mir, dass die nötige Unterstützung auch seitens der internationalen Gemeinschaft nicht fehlt.
   Liebe junge Freunde, verliert nicht den Mut. Hofft mit Gottes Hilfe weiter auf eine bessere Zukunft, trotz der Schwierigkeiten und Hindernisse, die ihr jetzt zu bewältigen habt. Die katholische Kirche ist euch – auch durch die wertvolle Arbeit der Salesianer – nahe und bietet euch, außer anderen Hilfen, die Möglichkeit, für eure Schulung und eure Ausbildung zu sorgen. Erinnert euch immer daran, dass Gott keines seiner Kinder vergisst und dass die Kleinsten und die, welche am meisten leiden, näher an seinem Vaterherz sind.
   Was mich betrifft, werde ich mich gemeinsam mit der ganzen Kirche weiter vertrauensvoll an den Herrn wenden und ihn bitten, diejenigen, welche verantwortungsvolle Positionen innehaben, zu inspirieren, damit sie die Gerechtigkeit, die Sicherheit und den Frieden ohne Zögern und in wirklich konkreter Weise fördern. Die Kirche wird euch durch ihre sozialen und karitativen Einrichtungen weiter zur Seite stehen und euer Anliegen vor der Welt vertreten. Gott segne euch alle! Rv141130gs 

is-1-54-Z3Salesianer,Istanbul

Begegnung mit den Jugendlichen im Garten der Päpstlichen Vertretung, Istanbul
Gott vergisst keines seiner Kinder  Foto: Gruppenbild mit rund 199 jungen Flüchtlingen,
die vom Salesianerorden betreut werden. Sie erhalten eine schulische Ausbildung

Liebe junge Freunde,
   diese Begegnung mit euch habe ich mir sehr gewünscht. Ich hätte auch weitere Flüchtlinge treffen wollen, doch war es nicht anders möglich. Ihr kommt aus der Türkei, aus Syrien, aus dem Irak, aus verschiedenen Ländern des Nahen Ostens und aus Afrika. Ihr seid hier in Vertretung von Hunderten eurer Altersgenossen, von denen viele Flüchtlinge und Vertriebene sind, und werdet täglich von den Salesianern betreut. Ich möchte euch meine Anteilnahme an eurem Lei­den ausdrücken, und ich hoffe, dass dieser Besuch von mir euch mit der Gnade des Herrn ein bisschen Trost bringen kann in eurer schwierigen Lage. Sie ist die traurige Folge erbitterter Konflikte und des Krieges, der immer ein Übel ist und niemals die Lösung der Probleme darstellt, son­dern sogar noch weitere schafft.
   Den Flüchtlingen wie euch fehlt es oft - und manchmal über lange Zeit - an den Grundgütern: eine würdige Wohnung, medizinische Versorgung, Ausbildung, Arbeit. Sie haben nicht nur materielle Güter verlassen müssen, sondern vor allem die Freiheit, die Nähe der Angehörigen, ihren Lebensbereich und die kulturellen Traditionen. Die erniedrigenden Bedingungen, unter denen viele Flüchtlinge leben müssen, sind untragbar! Darum muss man sich mit allen Kräften bemühen, die Ursachen dieses Zustands zu beseitigen. Ich rufe dringend zu einer größeren internationalen Übereinstimmung auf zu dem Zweck, die Konflikte zu lösen, die eure Herkunftsländer mit Blut beflecken, den anderen Ursachen entgegenzuwirken, die die Menschen dazu drängen, ihre Heimat zu verlassen, und die Bedingungen zu fördern, die ihnen ermöglichen, zu bleiben oder zurückzukehren. Ich ermutige alle, die großherzig und treu für die Gerechtigkeit und den Frieden wirken, nicht den Mut zu verlieren. An die politischen Führer wende ich mich, damit sie berücksichtigen, dass die große Mehrheit ihrer Bevölkerungen sich nach Frieden sehnt, auch wenn sie manch­mal nicht mehr die Kraft und die Stimme hat, ihn zu fordern.
   Zahlreiche Organisationen tun viel für die Flüchtlinge; besonders froh bin ich über die wirkungsvolle Arbeit vieler katholischer Einrichtungen, die zahlreichen bedürftigen Menschen unterschiedslos großzügige Hilfe anbieten. Den türkischen Verantwortlichen möchte ich meinen herzlichen Dank bekunden für die große Anstrengung, die sie in der Hilfeleistung für die Vertriebenen, besonders für die syrischen und irakischen Flüchtlinge, vollbringen und für den konkreten Einsatz in dem Bemühen, ihre Ansprüche dass die nötige Unterstützung auch seitens der internationalen Gemeinschaft nicht fehlt.
   Liebe junge Freunde, verliert nicht den Mut. Es ist leicht gesagt, aber strengt euch an, um nicht den Mut zu verlieren. Hofft mit Gottes Hilfe weiter auf eine bessere Zukunft, trotz der Schwierigkeiten und Hindernisse, die ihr jetzt zu bewältigen habt. Die katholische Kirche ist euch - auch durch die wertvolle Arbeit der Salesianer - nahe und bietet euch, außer anderen Hilfen, die Möglichkeit, für eure Schulung und eure Ausbildung zu sorgen. Erinnert euch immer daran, dass Gott keines seiner Kinder vergisst und dass die Kleinsten und die, welche am meisten leiden, näher an seinem Vaterherz sind.
   Was mich betrifft, werde ich mich gemeinsam mit der ganzen Kirche weiter vertrauensvoll an den Herrn wenden und ihn bitten, diejenigen, welche verantwortungsvolle Positionen innehaben, zu inspirieren, damit sie die Gerechtigkeit, die Sicherheit und den Frieden ohne Zögern und in wirklich konkreter Weise fördern. Die Kirche wird euch durch ihre sozialen und karitativen Einrichtungen weiter zur Seite stehen und euer Anliegen vor der Welt vertreten.
Gott segne euch alle! Betet für. Danke. 

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Schule der Salesianer Don Bpsco für irakische Flüchtlingskinder in Istanbul

   In der türkischen Metropole Istanbul mit 10 Millionen Einwohnern leitet Pater Benjamin Puthota zusammen mit fünf weiteren Salesianern seit 1983 eine informelle Schule für irakische Flüchtlinge. Seit 2003 ist die Zahl der Hilfe suchenden Flüchtlinge immer weiter angestiegen. Über 300 christliche Mädchen und Jungen im Alter von fünf bis 15 Jahren, sowie deren Eltern erhalten hier Unterricht.
  Die Familien dieser Jungen und Mädchen sind aus dem Irak geflüchtet. Sie leiden nicht nur unter der Anarchie und Gewalt nach dem Sturz Saddam Husseins, sondern erleiden als Christen Diskriminierungen und werden ständig bedroht. Als kleinste, jedoch älteste Glaubensgruppe vor Ort geraten die Christen zwischen die Fronten im Kampf zwischen Schiiten und Sunniten. Islamistische Terrorgruppen haben die christliche Minderheit ins Visier genommen. Christliche Kirchen werden angegriffen und geschändet, die Priester misshandelt oder ermordet. Die Väter einiger Schüler wurden von solchen Terrorgruppen umgebracht. Aufgrund der ständigen Bedrohungen und des Überlebenskampfes fliehen die Christen aus dem Irak, unter anderem in die Türkei.
   Eine Zukunft existiert für die Flüchtlinge in der Türkei nicht, denn sie werden nicht als Asylanten anerkannt. Sie können nicht am türkischen Bildungssystem teilnehmen und erhalten keine Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis. Deswegen leben die meisten Flüchtlinge illegal in der Türkei, ständig in der Angst, ausgewiesen zu werden. Wer kann, bemüht sich um ein Visum für die Einreise in ein Drittland. Wer Glück hat, erhält nach zwei Jahren so ein begehrtes Visum. Viele müssen jedoch länger warten, und der Erfolg ist ungewiss.
   Die Schule der Salesianer, von den offiziellen Stellen bestenfalls geduldet, ist für die Kinder und Jugendlichen wichtig. Sie erhalten mit dem Unterricht nicht nur eine Bildungsmöglichkeit, sondern eine Perspektive, Hoffnung, einen Tagesrhythmus. Die Jahrgangs- und Schulabschlüsse werden in vielen Staaten anerkannt, die Flüchtlinge aus dem Irak aufnehmen. Das Trauma des Krieges und der Flucht aus der irakischen Heimat sowie sogar des Verlustes eines Elternteils wird dabei wenigstens dadurch etwas gemildert, dass die Kinder die Zeit bis zu ihrer Einreise in eine neue Heimat  durch den Schulbesuch sinnvoll nutzen und Englisch lernen. Dies erleichtert die Aufnahme und Integration z.B. in Kanada, Neuseeland und Australien. Bereits die Vier- und Fünfjährigen lernen deshalb eifrig Englisch.
  Die 260 Kinder und Jugendlichen erhalten von den Salesianern ein Pausenbrot, oftmals ihre einzige Nahrung am Tag. Leider ist mehr im Moment auch für die Salesianer nicht möglich. Von Zeit zu Zeit organisieren die Salesianer Ausflüge für die Kinder ans Meer, damit sie ihr Schicksal für einen Moment vergessen können.
  Die staatliche Gesetzgebung der Türkei verbietet es, dass Flüchtlingskinder an einem regulären Unterricht teilnehmen können. So darf der Unterricht nicht einmal an der von den Salesianern geleiteten privaten Schule durchgeführt werden. Dort übrigens dürfen die Salesianer, obwohl sie Träger und Eigentümer der Schule sind, sich nicht als Ordensleute zu erkennen geben. Sie werden mit „Herr“ angesprochen. Der Unterricht  für die Flüchtlingskinder findet deswegen in den Katecheseräumen der katholischen Diözese statt. Die Klassenräume, in denen bis zu 50 Kinder unterkommen müssen, sind sehr klein. Die Stühle nehmen selbst den Mittelgang ein und stapeln sich bis zur Tür. Religionsunterricht darf in der Türkei nicht erteilt werden, auch die Ausbildung von Priestern und Pfarrern ist nicht erlaubt. 
  Natürlich können die Salesianer kein Schulgeld erheben. Die Flüchtlinge haben ja nichts! Der türkische Staat duldet diese Initiative der Salesianer, besteuert aber die Schule. Lehrergehälter, Unterrichtsmaterialien, medizinische Versorgung (die im gleichen Gebäude untergebrachte Caritas Türkei behandelt die Kinder nur gegen Bezahlung), Kleidung, Pausenbrote, Strom, Wasser, Heizung oder mal einen Ausflug ans Meer - all dies kann nur mit Spenden bestritten werden. Dringenden Bedarf gibt es außerdem an Psychologen. Pater Benjamin möchte gerne, dass die oft traumatisierten Kinder und Jugendlichen von Fachkräften betreut werden. Dafür fehlt ihm bisher aber das Geld. donboscomission.de

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Resumee: Franziskus in der Türkei: Ohne Pathos und Polemik
Foto links: Franziskus bei der Ansprache in der Göttlichen Liturgie Foto rechts: Hagia Sophia

  Ein Besuch ohne Pathos und große Polemik, ein Anknüpfen an Bestehendes und ein Einschwören auf den gemeinsamen Einsatz für Frieden und Dialog – das war Franziskus‘ Besuch in der Türkei. Und diese Botschaft richtete der Papst sowohl an die türkische Politik und den Islam als auch an die orthodoxe Kirche, der diese Visite vorrangig galt.
Positives Fazit zur Ökumene
   Franziskus‘ Würdigung des heiligen Andreas als Gründers der Kirche von Konstantinopel zeigt den Willen des Papstes, entschieden auf seinen orthodoxen Bruder zuzugehen. Papst und Patriarch verpflichteten sich selbst zu weiteren Schritten auf dem Weg zur Kircheneinheit und besiegelten die Übereinkunft mit ihrer Unterschrift auf einer weiteren, gemeinsamen ökumenischen Erklärung. Die Besuchs-Ökumene, die beide seit Franziskus‘ Amtsantritt pflegen, prägten beide in Istanbul ein weiteres Mal mit brüderlichen, ja freundschaftlichen Gesten. Franziskus war gerade aus dem Flugzeug ausgestiegen, schon plauderten Papst und Patriarch ohne Unterlass. Herzliche Umarmungen und die Bitte des Papstes um Bartholomaios‘ Segen vervollständigten dieses Bild.
   Dass dabei beiden eine tätige Ökumene am Herzen liegt, zeigt die gemeinsame Sorge um die Lage der Christen im Nahen Osten. Dogmatische Unterschiede dürften angesichts dieser Wunde zwar nicht vergessen werden, aber doch in den Hintergrund treten. Im Willen zum katholisch-orthodoxen Dialog sind Franziskus und Bartholomaios Avantgarde – wenn auch fraglich bleibt, ob das ihre Kirchen in allen Punkten genauso sehen. Dass es dem Papst keinesfalls um eine falsche, nur vordergründige Harmonie in der Christenheit geht, zeigt seine Ansprache vor der katholischen Gemeinde Istanbuls: Mit einem Appell zur Einheit in der Vielfalt warnte Franziskus vor Spaltung, aber zugleich auch vor künstlicher Einheit. Unterschiede aushalten, den Dialog nicht unterbrechen, welche bessere Botschaft könnte man in Istanbul vorbringen.
   Um einen respektvollen Dialog geht es dem Papst auch mit der Politik, wie er vor der politischen Führung des Landes in Ankara betonte. Franziskus weiß um die wichtige Position der Türkei, geografisch und kulturell. Das muslimische Land ist eine „Brücke“ zwischen Kontinenten und ein Ort, an dem sich Völker und Religionen begegnen, gestern wie heute. Angesichts der blutigen Konflikte in Syrien und im Irak rief der Papst von Ankara aus zum Handeln auf: Die Gewalt dürfe nicht gleichgültig lassen, die Türkei brauche Unterstützung bei Bewältigung der Flüchtlingsflut, und ein militärisches Handeln allein verfehle das Ziel.

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Deutliche Papst-Botschaft an den Islam
   Eine deutliche Botschaft richtete der Papst an den Welt-Islam: Religionen haben „die Pflicht“, religiös motivierte Gewalt nicht nur auf Schärfste zu verurteilen, sondern hier gemeinsam vorzubeugen, schärfte der Papst im türkischen Religionsamt ein. Der Heilige Stuhl hätte sich eine beherztere Verurteilung des Islamischen Staates durch Islamvertreter weltweit gewünscht, war damit vielleicht auch gemeint. An die Türkei dürfte er dabei aber weniger gedacht haben. Der laizistische Staat hält extremistische Tendenzen halbwegs im Zaum, ist eine Art Puffer in einem explosiven geopolitischen Kontext. Das ist ein Verdienst seiner Religionspolitik.
   Einer freilich nicht unumstrittenen Religionspolitik: So forderte der Papst in der Türkei auch „gleiche Rechte und Pflichten“ für nicht-muslimische Staatsbürger ein und stärkte der christlichen Minderheit den Rücken. Die in der Verfassung festgeschriebene Religionsfreiheit darf nicht nur auf dem Papier existieren. Es geht dabei nicht zuletzt um praktische Fragen wie Besitzungen, Ausbildungsstätten und den fehlenden amtlichen Status von Religionsgemeinschaften. Umgekehrt will der Papst dem Land vielleicht auch sagen: Gute Türken sind nicht nur Muslime! Dieser Gedanke ist in der Türkei, wo Religion und nationale Zugehörigkeit eine Einheit scheinen, nicht selbstverständlich. Ebenso die Meinungsfreiheit – auch sie erwähnte Franziskus.
   Das Auftreten des Papstes bei seiner Türkeireise war im muslimischen Kontext zurückhaltend, aber keinesfalls stumm. In der Blauen Moschee in Istanbul schwieg Franziskus zwar fast vier Minuten lang, aber er faltete die Hände: „Wir müssen nicht nur beten, sondern auch anbeten“, sagte er danach seinem Begleiter, dem Istanbuler Mufti Rahmi Yaran. Es war der dritte Besuch eines Papstes und Papst Franziskus‘ erster Besuch in einer Moschee als Papst: „Es wird normal, dass ein Papst in eine Moschee kommt“, kommentierte Vatikansprecher Federico Lombardi. In der Hagia Sofia,  der früheren Hauptkirche des byzantinischen Reiches, staunte der Papst und hörte zu, von einem Hinknien wie bei seinem Vorgänger Paul VI. war dort nichts zu sehen. Rv141130pr

ev-ErtanCevik,Bapt-Smyrna-x    Ertan Cevik ist Pastor eine Baptisten-Gemeinde in Smyrna

   Der Besuch von Papst Franziskus in der Türkei wird die Lage der christlichen Minderheit im Land verbessern. Das denkt der Präsident des türkischen Baptistenbundes, Ertan Cevik. Er äußerte sich gegenüber dem evangelischen Informationsdienst idea. Das staatliche Fernsehen habe immer wieder live vom Besuch des Papstes berichtet, berichtete Cevil. „Das gab es noch nie zuvor. Dabei wurde deutlich, dass wir Christen zur Türkei gehören“, so der Baptist. Sehr gut angekommen sei, dass der Papst der Türkei für die Aufnahme von rund zwei Millionen Flüchtlingen aus Syrien gedankt und die Staatengemeinschaft aufgefordert habe, das Land bei deren Betreuung zu unterstützen. Rv141203kap.

Christen in der Türkei Kirche-und-Moschee x

Foto oben: Erinnerung an Zeiten friedlicher Koexistenz: Bis 1923 diente diese Gebetsstätte
in der Provinz Aksaray in Zentralanatolien als Kirche und Moschee.

Beten im Verborgenen – für Freiheit in der Türkei. Türkische Christen und Juden hoffen auf Europa.
Doch die Diskriminierung der Minderheiten ist eins der größten Hindernissen auf dem Weg in die EU.

   Ein Schild am Hauptportal weist das geheimnisvolle Gebäude als „Ambassade de France, Cancellerie” aus. Für Außenstehende scheint es wirklich nur eine Kanzlei der französischen Botschaft zu sein, Wer aber durch den Seiteneingang ins Obergeschoss steigt, erkennt darin das architektonische Versteck einer christlichen Kirche, den Mittelgang hinter einer schlichten Flügeltür, die bunten Glasfenster mit sakralen Motiven von außen unsichtbar hinter blindem Sicherheitsglas verborgen.
   Das Bauwerk in einer ruhigen Altstadtgasse Ankaras ist Stein gewordener Ausdruck des türkischen Umgangs mit Minderheiten - und zugleich Monument von deren Selbstbehauptungswillen: Seit 1928, als dieses Kirchenversteck geweiht wurde, kommen Christen hierher zu einem Gottesdienst, den man jahrzehntelang nur in aller Stille feierte. Und auch heute, da hier der deutsche Geistliche Felix Körner die Messe liest, weist allein ein winziges Türschild darauf hin, dass sich hier eine „Kilisesi”, eine Kirche also, befindet. „Wir leben damit”, sagt der Jesuitenpater. „Es ist wichtig, dass wir hier sind - nicht nur für die Christen, die ich hier betreue.”
   Die Zurückhaltung, die der 42-Jährige sich und seiner nur noch winzigen Gemeinde auferlegt, teilt er mit den anderen christlichen Kirchen und auch mit den jüdischen Gemeinden in der Türkei. Denn von Religionsfreiheit, die auch die Türkei in ihrer Verfassung garantiert, kann im Alltag noch kaum die Rede sein. Selbst den Moslems schreibt das Amt für Religiöse Angelegenheiten in Ankara die Islam-Auslegung vor. Nichtmuslime können ihre Religion zwar individuell, kollektiv aber nur erschwert ausüben - vor allem die Errichtung von Gotteshäusern ist bis heute mit Hindernissen verbunden.
   Bizarr ist die von Ankara verordnete religiöse Monokultur besonders angesichts der ursprünglichen Vielfalt dieses Landes, das seit Jahrtausenden ein Kreuzweg der Kulturen ist: Im Südosten liegt Urfa, der Geburtsort Abrahams, den Juden, Christen und - als „Ibrahim” - auch Moslems verehren; im Osten ragt der Berg Ararat 5137 Meter hoch, auf dem Noahs Arche nach der Sintflut gelandet sein soll. Ins zentralanatolische Kappadokien sind die ersten Christen aus dem Heiligen Land vor römischen Legionären geflüchtet, im Westen ist die orthodoxe Christenheit entstanden. Noch 1923, im Gründungsjahr der modernen türkischen Republik, gab es in der dünn besiedelten Provinz manches Gotteshaus, das - sowohl mit Kirchturm und Kreuz als auch Minarett und Halbmond ausgestattet - Christen wie Moslems zur geistlichen Einkehr diente.
   Aber dann wurde die bunte Vielfalt des Osmanischen Reiches weitgehend beseitigt: Türkische Muslime wurden aus dem griechischen Westthrakien, griechische Orthodoxe aus Anatolien umgesiedelt, zahllose Christen und Juden wanderten ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina aus, Armenier wurden zu Hunderttausenden auf Todesmärsche in die syrische Wüste geschickt.
   Dahinter steckte der Wahn, die Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches nur als ethnisch und religiös „reine” Nationen befrieden zu können. Im Hintergrund schwelt bis heute das osmanische Zerfallstrauma, das religiöse und ethnische Minderheiten als Staatsfeinde verdächtigt.
   Auch heute leben in der Türkei zwar mehr als 47 ethnische Gruppen, aber die wenigsten davon verstehen sich offen als nichtmuslimisch. Denn wer sich als armenischer oder griechischer Christ zu erkennen gibt, hat keine Chance auf eine Beamtenlaufbahn und läuft Gefahr, als staatsfeindlicher Separatist verdächtigt zu werden. Seelsorger wie der evangelische Pfarrer Holger Nollmann von der deutsch-sprachigen Evangelischen Gemeinde in Istanbul oder Jesuitenpater Körner arbeiten offiziell als Angestellte der Deutschen Botschaft. Ohne diesen diplomatischen Schutz sind die Minderheiten staatlicher Willkür ausgeliefert. „Wer kann, verlässt das Land”, sagt Pater Körner.
   Dass die jüdischen Gemeinden, die allein in Istanbul über 18 Synagogen verfügen, seit den sechziger Jahren keine Rabbinerausbildung mehr im Lande haben, mag noch zu verschmerzen sein. Dass der Griechisch-Orthodoxen Kirche die eigene Priesterausbildung verwehrt ist, trifft sie dagegen ins Mark. Denn deren Oberhaupt Bartolomaios I., geistlicher Führer von 15 Millionen Griechisch-Orthodoxen in aller Welt, führt immerhin den Titel „Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel”. Seine Kirche ist an den Amtssitz Istanbul gebunden, doch ihre künftigen Priester müssen außerhalb des Landes studieren. „Es ist unerträglich, dass das Patriarchat nicht eigene Priester ausbilden kann”, sagt der 74-jährige Bartolomaios I., der selbst in Rom und München studiert hat. „Dabei sind unsere Absolventen stets die besten Botschafter einer weltoffenen Türkei gewesen.” Seit mehr als 1700 Jahren existiert das Patriarchat an Istanbuls Goldenem Horn, doch seit 1923 ist es keine eigene Rechtspersön- lichkeit mehr. Seither wurden kirchliche Schulen, Altenheime und Krankenhäuser sowie das Priesterseminar auf der Ägäisinsel Halki geschlossen - 1971, als die griechisch-türkische Krise auf ihren Höhepunkt zusteuerte. „Wir hören immer wieder, dass es wieder eröffnet werden soll, aber bislang warten wir vergebens.” Der orthodoxe Pater Dositeos Anagnostopulos weiß von einem Besuch von Premier Recep Tayyip Erdogan am Goldenen Horn zu berichten.„Katholiken und Orthodoxe gelten als sehr geduldig”, soll der türkische Regierungschef da nach 33 Minuten Un-terredung mit dem Patriarchen gesagt - und hinzugefügt haben:„Nun, diese Tugend wird weiter vonnöten sein.”
   Zwar hat es im Rahmen der EU-Annäherung seit 2003 einige gesetzliche Erleichterungen gegeben, aber nicht nur die Orthodoxen müssen sich weiter in Geduld üben. Auch die Zulassung religiöser Stiftungen - nötig beispielsweise für den Bau von Kirchen für die mittlerweile Zehntausende umfassende deutsche Gemeinde Alanya an der türkischen Riviera - ist immer noch vom Gutdünken eines staatlichen Direktorats abhängig.
   Ironie der Geschichte: Dieselben Minderheitenvertreter, die mit ihren Beispielen von Diskriminierung Arg mente gegen die türkische EU-Reife vortragen, setzen  zugleich auf nichts so sehnlich wie auf die EU-Annäherung der Türkei - in der Hoffnung, dass damit der Reformdruck auf die Regierung in Ankara wächst. Und dieselben Leute, die Klagen über Diskriminierung vortragen, sehen zugleich Chancen für einen Wandel zum Guten.
   Pater Körner zum Beispiel führt neben seiner Gemeindearbeit einen anspruchsvollen Dialog mit dem Islam - zusammen mit Religions-Wissenschaftlern mehrerer türkischer Universitäten. „Da geht es darum, Vorurteile aus den Köpfen zu bekommen,  sich über historisch-kritische Lesarten von Bibel und Koran zu einigen und auf dieser Grundlage ein neues wechselseitiges Verständnis zu schaffen.”
   Dabei wirkt sich der türkische Zentralismus positiv aus: Weil Körner die Dialoge zwischen dem Katholizismus und dem Islam zusammen mit dem Amt für Religiöse Angelegenheiten vermittelt, kann der neue Konsens auch in die Lehrerausbildung und damit in alle Schulen der Türkei vordringen. „Hier wachsen die Keime eines modernen, intellektuellen Islam, der durchaus mit westlicher Demokratie vereinbar ist”, sagt Körner. „Da tut sich viel mehr als öffentlich wahrgenommen wird: Es existiert eine avantgardistische Linie im Islam - und an deren Freilegung mitzuarbeiten, ist total faszinierend.” DanielAlexanderSchachtHAZ050719

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Ein Muslim für Christen - Die Kirche St. Paul in Tarsus in der Türkei soll wieder Kirche sein

   Wenn in der Türkei eine alte Kirche restauriert wird, freuen sich vor allem die Anwohner: Bewerbt euch um den Job als Museumswärter, denn einen Geistlichen wird es dort nicht mehr geben, heißt es dann zu Recht. Denn Kirchen, die auf Kosten des türkischen Staates restauriert werden und danach wieder als christliche Gotteshäuser dienen, gibt es in der Türkei nicht. Die wieder hergerichteten Gebäude dürfen nur noch Museum sein, und das Feiern von Gottesdiensten wird nur in Ausnahmefällen gewährt. Doch das könnte sich nun ändern.
   Ausgerechnet Ali Bardakoglu, der Leiter der Religionsbehörde Diyanet, über die der türkische Staat die mehr als 76.000 Moscheen und Imame im Land dirigiert, setzt sich für die ganzjährige religiöse Nutzung einer Kirche ein: St. Paul im südtürkischen Tarsus Foto oben: Innenansicht müsse wieder eine richtige Kirche werden, sagte Bardakoglu der türkischen Zeitung „Milliyet". Bei Reisen im Ausland könne er nicht erklären, wieso das Gebäude weiterhin ein Museum sei. „Ich finde es angemessener, wenn St. Paul wieder als Kirche dient und nicht weiter als Museum. Den Christen geht das genauso."
   Tatsächlich hatten Kurienkardinäle und Bischöfe aus zahlreichen Ländern die Türkei mehrfach dazu aufgefordert, die Kirche im Geburtsort des Apostels Paulus wieder für Gottesdienste zu öffnen - während des Paulusjahres 2009 war sie vorübergehend dafür frei gegeben worden. Kaum ein Christ in der Türkei hatte jedoch damit gerechnet, dass die Diyanet für sie Partei ergreift. Das Verhältnis zwischen Ali Bardakoglu und dem Vatikan war lange an- gespannt: Als erster muslimischer Würdenträger kritisierte er im September 2006 Papst Benedikt XVI. und dessen Regensburger Rede als Ausdruck einer „Kreuzfahrermentalität". Zudem hat sich die Lage der religiösen Minderheiten in der Türkei nach dem Schweizer Minarettverbot verschlechtert: Türkische Nationalisten nutzten den Volksentscheid als Argument gegen die Forderungen türkischer Christen - warum solle man den Bau von Kirchen zulassen, wenn Muslimen in Europa der Bau von Minaretten nicht gestattet werde?
   Doch genau an die nationalistischen Scharfmacher, die zudem gern mit dem Klischee von Christen als ausländischen Spionen zündeln, wandte sich Bardakoglu in dem Interview - wenn auch nur indirekt: Natürlich sei es beunruhigend, dass es in Europa ein Minarettverbot gebe. Auf der ganzen Welt habe die religiöse Toleranz möglicherweise nachgelassen. Doch gerade deshalb sei es wichtig, die Religionsfreiheit im eigenen Land zu stärken und nicht länger mit der Sicherheit dagegen zu argumentieren. „Wenn ein Ort für Christen heilig ist und sie dort Gottesdienste abhalten möchten, dann kann es keine Argumente geben, die ein Verbot rechtfertigen", sagte Bardakoglu. Den Islam verstehe er als eine Religion, die durch das Wort und die Vernunft überzeugen müsse.
   Die Türkei zählt heute etwa hunderttausend Christen. Tagtäglich sind sie mit Schwierigkeiten konfrontiert. Der Staat erkennt nicht die Rechtstitel an, die der osmanische Sultan den Kirchen verliehen hatte; ihre Geistlichen dürfen nicht in der Türkei ausgebildet werden und erhalten in der Regel weder eine Arbeitserlaubnis noch die türkische Staatsbürgerschaft. Die Gemeinden sind Vereine, Stiftungen oder Aktiengesellschaften, denen die Grundstücke, auf denen ihre Kirchen stehen, nur selten gehören. Die Kirche St. Paul wurde im Jahr 1943 vom türkischen Staat beschlagnahmt und danach als Militärlager genutzt. Sie verfiel zur Ruine, bis sie im Jahr 2000 als Museum wiederhergerichtet wurde. Seitdem kostet der Besuch Eintritt. Noch hängt am Eingang des Baus ein Spruchband, das verkündet, wie wichtig Museen für die Gegenwart und Zukunft der Türkei sind. Ob es dorl bleiben wird, entscheidet nun Ankara. FAT100824KarenKrüger

   Der Chef des staatlichen Religionsamtes hat sich erneut für eine Umwandlung der Paulus-Kirche in Tarsus zum Gotteshaus ausgesprochen. „Ich finde es korrekter, wenn die Sankt-Paulus-Kirche als Gotteshaus dient und nicht in ihrer derzeitigen Rolle als Museum“, sagte Ali Bardakoglu laut türkischen Presseberichten. Wenn ein Ort für Christen heilig sei und sie dort religiöse Zeremonien abhalten wollten, „dann kann es keinen Grund geben, dies zu verbieten“, so der Religionswächter weiter. Die katholische Kirche fordert seit langem die Rückwandlung der Paulus-Kirche in ein Gotteshaus. Bisher war der Bau aber nur während des Paulus-Jahres 2008/2009 für Gottes- dienste geöffnet. Für eine dauerhafte Zulassung als Kirche gibt es keine Genehmigung der türkischen Behörden. RV100824 Lesen Sie weiter > Kirche im Islam

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Moskau: Duma-Diskussion über Rückgabe der Hagia Sophia Foto:  Hagia Sophia – Die Heilige Weisheit

   Abgeordnete der Staatsduma haben im Kontext der aktuellen Spannungen zwischen Moskau und Ankara gefordert, dass die derzeit als Museum fungierende ehemalige Kathedrale Hagia Sophia in Istanbul an die orthodoxe Kirche zurückgegeben wird. Das berichtet der Wiener Orthodoxe Informationsdienst (OID) am Montag. Der Leiter des Duma-Ausschusses für Eigentumsfragen und Koordinator der parlamentarischen Gruppe für den Schutz christlicher Werte, Sergej Gavrilov, habe dazu erklärt, dass „freundschaftliche Initiativen und Angebote von spezieller Wichtigkeit“ seien, „insbesondere heute, wo die russisch-türkischen Beziehungen einen Härtetest durchmachen“, so der OID.
   Die russische Seite erachtet es als möglich, zur Frage der Hagia Sophia zurückzukehren, dem historischen Heiligtum der christlichen Welt, mit Standort in Konstantinopel, einer historischen byzantinischen Kathedrale, verbunden mit der Geschichte der universellen Christlichen Kirche. Wir erwarten einen freundschaftlichen Schritt von der türkischen Seite, nämlich die Rückgabe der Hagia Sophia von Konstantinopel an die Christenheit“, so der Abgeordnete. Russland sei bereit, sich finanziell zu beteiligen und „die besten russischen Architekten und Wissenschaftler für die Restauration dieses universellen christlichen Monuments“ zu engagieren. „Dieser Schritt würde der Türkei und dem Islam helfen zu zeigen, dass der gute Wille über der Politik steht“, zitiert der OID den russischen Parlamentarier.
   Die Hagia Sophia wurde nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453 in eine Moschee umgewandelt. 1935 erhielt die Hagia Sophia den bis heute gültigen Status eines Museums, das Millionen Menschen besucht haben. Die UNESCO erklärte 1985 die Hagia Sophia zum Weltkulturerbe.  Rv151130ma

Nicht alle Türken sind Türken. Wieder gelten nichtmuslimische Minderheiten als „Ausländer”

   Nun wissen es die nichtmuslimischen Türken auch von der obersten Institution ihres Staats: Selbst wenn sie türkische Staatsbürger sind, gelten sie als „Ausländer”. Staatspräsident Sezer sieht sich zwar als die stärkste Bastion für den säkularen Charakter der Republik. Auch sein Apparat unterscheidet aber zwischen muslimischen Türken und nichtmuslimischen Ausländern. Den Bericht, den Sezers „Kontrollrat” nun veröffentlicht hat, nennt die Anwältin Kezban Hatemi daher einen „Skandal”. Ihre Kollegin Fethiye Cetin will es nicht fassen, dass der türkische Staat seine nichtmuslimischen Staatsbürger zu „Ausländern” erklärt.
  Man habe nicht erwartet, dass der Bericht so aufgenommen werde, sagte ein Mitglied des Kontrollrats etwas verstört der Zeitung „Vatan”. Eine gezielte Provokation ist der Bericht wohl nicht. In der Behandlung der nichtmuslimischen Türken legt er aber das im Unterbewussten verborgene Denken offen. Der Bericht untersucht, so sein Titel, den Erwerb von Immobilien durch „natürliche Personen ausändischer Staatszugehörigkeit und durch im Ausland gegründete juristische Personen”. Nicht deren Immobilienerwerb sei aber das eigentliche Thema, schreibt der Publizist Eser Karakas in der Zeitung „Zaman” verbittert. Vielmehr die Behandlung der Staatsbürgerschaft durch die oberste Institution des türkischen Staats.
   Denn in einem Teil nimmt der Kontglieder ihrer Verwaltungsräte haben türkische Staatsbürger zu sein. Und doch behandelt auch der Kontrollrat sie wieder als „Ausländer”.
   Die türkische Staatsbürgerschaftspraxis leidet schon lange an diesem Spagat. Zwar formuliert die Verfassung in Artikel 66: „Jeder ist Türke, den das Band der Staatsangehörigkeit mit dem türkischen Staat verbindet.” In Wirklichkeit aber ist Türke, wen der türkische Staat mit der Staatsangehörigkeit an sich bindet. Richtungweisend war dazu das Urteil des Kassationshofs vom 8. Mai 1974. In jenem untersagte er den Stiftungen der nichtmuslimischen Minderheiten jeglichen Immobilienerwerb, nicht aber den frommen Stiftungen der Muslime. Als Grund nannten die Richter, dass die Nichtmuslime ja keine Türken seien, sondern Ausländer. Dabei sind die beiden wichtigsten Kirchenführer, der ökumenische Patriarch Bartholomaios I. und der armenische Patriarch Mesrob II., türkische Staatsbürger, die in der Türkei geboren sind.
   Das Urteil des Kassationshofs hatte eine beispiellose Welle von Enteignungen verursacht. Sie ist erst in den vergangenen Jahren nahezu zum Stillstand gekommen. Ein neues Stiftungsgesetz, das den Besitz und Erwerb von Immobilien  durch nichtmuslimische Minderheiten garantieren soll, liegt weiter im Parlament. Die Befürworter des Urteils begründen ihre Haltung mit dem Friedensvertrag von Lausanne von 1923. Der hatte den nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften den Status von Minderheiten gewährt und auch Rechte, die die Republik den Minder- heiten bis heute vorenthält. Die „laizistische Republik Türkei” habe es noch immer nicht begriffen, dass alle ihre Bürger Staatsbürger mit den gleichen Rechten seien, bedauert der armenische Intellektuelle Etyen Mahcupyan.
   Der Politikwissenschaftler Baskin Oran erklärt die Einsttrollrat auch den Immobilienbesitz der nichtmuslimischen Stiftungen kritisch unter die Lupe. Nur als Stiftungen können sich die Kirchen der griechisch-orthodoxen, der arme- nischen und der syrisch-orthodoxen Christen organisieren, der Chaldäer und der Maroniten, aber auch die Syna- gogen der sephardischen und aschkenasischen Juden. Die Osmanen hatten mit dem „Millet-System” regiert; ein „Millet” war eine konfessionell definierte „Nationalität”. Der herrschenden Millet (milleti hakime) der Muslime unterstanden die beherrschten Millets (milleti mahkume). Nach Oran hat die Republik das herrschende Millet lediglich auf säkulare, sunnitische Türken reduziert. Der jüngste Bericht des „Kontrollrats des Staatspräsidenten” zeigt, dass der Gleichheitsgrundsatz des Artikels 66 der türkischen Verfassung noch immer nicht in den Köpfen jener angekommen ist, die an der Spitze des Staats stehen. RainerHermannFAZ060904

Nur 0,15 Prozent Christen in der Türkei

   Von den mehr als 70 Millionen Türken sind etwa 0,15 Prozent Christen, die übrigen sind Muslime. Größte christliche Minderheit sind die Armenier mit etwa 65.000 Gläubigen. Im Jahr 1915 deportierte das Osmanische Reich die christlichen Armenier aus Ostanatolien, etwa 1,5 Millionen Personen kamen dabei ums Leben. In der Türkei ist der Massenmord bis heute tabu, schon seine Erwähnung kann bestraft werden. Dass sich dies ändert, ist für viele europäische Regierungen ein Prüfstein für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei.
   Von den griechisch-orthodoxen Christen - allein in Istanbul waren es zur Mitte des vergangenen Jahrhun- derts noch  mehr  als 100.000  -  sind noch 2.000 übrig. Von den 200.000 syrisch-orthodoxen und syrisch- katholischen Christen, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch im Osten des Landes lebten, sind heute an der Grenze zu Syrien und dem Irak 2.000 geblieben. Seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs und der Staatsgründung der Türkei durch Mustafa Kemal „Atatürk” im Jahr 1923 versteht sich das Land als laizis- tische Republik nach französischem Vorbild. Der Vertrag von Lausanne (1923),  auf den sich die Türkei noch heute beruft, schützt nur solche „minorites nonmusulmannes”, die zur Zeit des Osmanischen Reichs als religiös und ethnisch definierte „millet” galten. Das waren Juden, Griechen und Armenier. Nicht unter die Schutzbestimmungen des Lausanner Vetrages fallen etwa die römisch-katholischen und evangelischen Christen; sie durften bislang auch keine Gemeinden bilden. Artikel 24 der türkischen Verfassung von 1982 bestimmt nämlich die Glaubensfreiheit laizistisch als Individualrecht, nicht als kollektives Recht von Religionsgemeinschaften. Die römisch-katholische Kirche in der Türkei - ihr gehören fast nur Ausländer an - hat so keinen sicheren Rechtsstatus. Die katholische Bischofskonferenz ist eine religiöse Stiftung nach türkischem Recht. Das Recht etwa auf Erwerb von Eigentum ist ihr versagt.
    Nicht sunnitische Religionsgemeinschaften sind in der Praxis nur geduldet und wurden vielfach benachteiligt. Dass die Leiter der katholischen und evangelischen deutschsprachigen Gemeinden in Istanbul Gottesdienste feiern können, verdanken sie nicht einem Rechtsanspruch als religiöse Gemeinschaft oder ihrem Status als Geistliche, sondern der Tatsache, dass sie in Absprache mit den türkischen Behörden auf der Diplomatenliste des deutschen Generalkonsulats geführt werden. Die Mehrheitsreligion der Türkei, der sunnitische Islam, wird vom Staat verwaltet, vom „Diyanet Isleri Baskanligi”, dem „Präsidium für Religionsangelegenheiten”. Ihm unterstehen die 75.000 Moscheen des Landes.  Der Staat bezahlt über das Präsidium auch die knapp 100.000 Imame und Muezzine, regelt ihre Ausbildung, baut und erhält die Moscheen. Er ist auch zuständig für den sunnitisch geprägten Religionsunterricht an den Schulen. Das „Präsidium” entsendet auch die knapp 500 Imame an die Moscheen der türkischen Muslime in Deutschland.
     In der Türkei werden bei den traditionellen Verfechtern des kemalistischen Laizismus nun Befürchtungen laut, wenn man ausländischen religiösen Gemeinschaften die Bildung unabhängiger Gemeinden gestatte, könnten dies auch islamistische Fundamentalisten für sich beanspruchen und sich an ihren Moscheen der Überwachung durch das staatliche Diyanetsystem entziehen.
  Dass sich die Lage der christlichen Minderheiten in der Türkei zu bessern beginnt, ist den Reformen unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu verdanken. Erdogan kam im November 2002 an die Macht, als die Türken bei den Wahlen ihre alte Politikerkaste abschüttelten und Erdogans „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung” (AKP) zum Sieg verhalfen. Ausgerechnet diese islamisch-konservative Partei ist es nun, welche die Türkei mit den Reformen auf den Weg in die Europäische Gemeinschaft führen will. Die gewaltigen Inflationsraten sinken, seit Jahrzehnten zum ersten Mal scheint das Land politisch stabil. Auch das „Präsidium für Religionsangelegenheiten” hat jetzt einen neuen Chef, Ali Bardakoglu von der Marmara-Universität in Istanbul. Er sieht sich als „modernen Muslim” und treibt Neuerungen voran. So sollen in Zukunft die Imame, die nach Deutschland geschickt werden, Absolventen theologischer Fakultäten sein und nicht mehr nur Predigerschulen oder Grundschulen besucht haben. Auch sollen sie Fremdsprachen lernen. Bardakoglu hat anders als die kemalistischen Staatsdoktrinäre vor ihm auch ein offenes Ohr für die Schwierigkeiten der nichtmuslimischen Minderheiten in der Türkei.
   Nicht wenige Beobachter in der Türkei und im Ausland fürchten allerdings, dass die Stunde der alten „kemalisti- schen” Eliten schlägt, wenn der türkische Wunsch nach Aufnahme von EU-Beitritts Verhandlungen abschlägig beschieden werden sollte. Dann kehrten die reformfeindlichen Kräfte des Militärs und der Bürokratie zurück an die Macht, und die AKP falle in ihre islamistischen Ursprünge zurück. werFAZ0405x

tn_Erdogan_jpg    Recep Tayyip Erdogan <

Begegnung der katholischen Bischöfe mit Erdogan
  Der muslimische Minister Recep Tayyip Erdogan empfing zum ersten Mal die katholischen Bischöfe der Türkei. „Erdogan hat die Bischöfe bei der Begegnung gebeten, den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union zu unterstützen”, weiß der Journalist zu berichten. „Er war sichtlich erfreut, als sie ihm mitteilten, dass ihre Bischofskonferenz bereits dem Rat der Bischofskonferenzen Europas angehört. Er versicherte, dass die Schaffung einer bilateralen Kommission vorgesehen sei, die sich mit der Frage des rechtlichen Status der Kirche befassen wird und kündigte ein Dekret an, mit dem den Assumptionisten-Patres die in der Vergangenheit konfiszierten Gebäude wieder zurückgegeben werden würden.”  30Giorni06/07
Türkei: Grünes Licht für orthodoxe Hochschule
    Die türkische Regierung will die Wiedereröffnung der 1971 geschlossenen griechisch-orthodoxen Theologischen Hochschule auf Chalki erlauben. Bildungsminister Huseyin Celik befürwort die Ausbildungsfreiheit für christliche Theologie. Die einzige kirchliche Hochschule in der Türkei war 1971 auf Anweisung der Behörden geschlossen worden. “Es gibt keinen Grund, sich einer christlichen theologischen Hochschule zu widersetzen, da es 24 theologische Fakultäten für Muslime in unserem Land gibt”, sagte der Minister nach einem Treffen mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. Der Patriarch äußerte sich zufrieden  über die Entscheidung. Der Minister kündigte die Einsetzung einer Kommission an, die sich mit der Abwicklung befassen wird. Chalki war seit Beginn des 19. Jahrhundert eine der bedeutendsten orthodoxen akademischen Institutionen. Im Zuge ihrer Annäherung an die europäische Union hatte die Türkei in den vergangenen Monaten Reformen zur Sicherung der Menschenrechte durchgeführt. So dürfen die nichtislamischen Religionsgemeinschaften - vor allem die christlichen Kirchen - wieder Grundeigentum erwerben. Vor 1914 war das im Osmanischen Reich selbstverständlich gewesen. 1839 war die Rechtsgleichheit der christlichen und muslimischen Bürger erklärt, in der Praxis sah es in den letzten Jahrzehnten aber deutlich anders aus.   cfDT031104
Die Minderheiten verschwinden in der Türkei
    In Istanbul war noch 1950, als in der türkischen Metropole 700.000 Menschen lebten, nur jeder zweite Einwohner ein Moslem. In der heutigen 15-Millionen-Stadt leben nach Angaben der religiösen Minderheiten nur noch etwa 5.000 Christen verschiedener Konfessionen und nur 2.000 Juden - Folge der jahrzehntelangen Diskriminierung. Die Gesamtzahl der religiösen Minderheiten in der Türkei geben Minderheitenvertreter heute mit 120.000 Christen und 22.000 Juden an; die jüdischen Gemeinden konzentrieren sich außer in Istanbul auch in Izmir, wo ebenfalls 2.000 Juden leben.  Nichtmuslime machen heute weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Ursache für die schwindende Zahl sind Diskriminierungen und Vertreibungen der oft als „Separatisten” verdächtigten Minderheiten. Zu den düstersten Kapiteln dieser Geschichte gehört auch die von den Türken gebilligte Deportation von mehr als 11.000 Juden aus dem türkischen Teil Thrakiens in deutsche Konzentrationslager während des Zweiten Weltkriegs. dasHAZ050719

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Vikar von Anatolien: "Dialog mit Islam wichtiger denn je" - Paolo Bizzeti (67), Jesuit und Institutsleiter,
 ist neuer Apostolischer Administrator für den anatolischen Teil der Türkei. -

   Papst Franziskus hat einen neuen apostolischen Vikar für Anatolien ernannt, den Jesuiten Paolo Bizzeti. Der 67- jährige Florentiner war bisher Leiter des Zentrums Antonianum für die Bildung der Laien in Padua. Außerdem gründete er die Vereinigung „Freunde des Nahen Ostens Onlus“ sowie eine Pilger-Tafel des Nahen Ostens. Der Dialog mit dem Orient und dem Islam, so der Jesuit, ist wichtiger denn je.
   Es ist eine angespannte Zeit: Die Türkei bombardiert kurdische Gebiete in Syrien und dem Nordirak, über die eigene Südgrenze strömen Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg, der IS steht quasi vor der Haustür. Mitten in dieses Spannungsfeld, wenn auch in etwas sichereres Terrain in Anatolien, zieht nun der Jesuit Paolo Bizzeti. Radio Vatikan hat er erzählt, wie er seiner neuen Aufgabe als apostolischer Vikar für Anatolien entgegensieht:
   „Ich würde sagen, ich mache das mit der Geisteshaltung eines Jesuiten, schließlich habe ich mich freiwillig zur Verfügung gestellt, um mich vom Heiligen Stuhl entsenden zu lassen. Ich gehe im Geiste des Gehorsams, des Vertrauens, dankbar für das Zutrauen, das mit dabei gegeben wird und hoffe, dass ich diesen kleinen christlichen Gemeinschaften nützlich sein kann. Sie sind schließlich am Ursprungsort unseres christlichen Lebens, weil Antiochien am Orontes und Tarso.. das sind Orte, von denen wir sagen können: Sie sind entstanden wie Jerusalem.“
   Seit 2010 ist der Posten des Apostolischen Vikars in Anatolien unbesetzt. Es ist das Todesjahr von Bizzetis Vorgänger, dem ehemaligen Vorsitzenden der türkischen Bischofskonferenz. Er wurde 2010 von seinem eigenen Fahrer ermordet. Es sind keine politischen oder religiösen Motive bekannt. In der Vergangenheit gab es aber immer wieder Angriffe auf Geistliche in der Türkei, die so mancher auch mit dem Leben bezahlte. Seither wartet die christliche Gemeinde Anatoliens auf einen Nachfolger. Bizzeti:
   „Es ist eine kleine, aber lebendige Gemeinde, stolz auf ihren Glauben, die in einem Umfeld fortbesteht, wo es sicher nicht einfach ist. Gleichwohl ist die Türkei ein großes Land, die eine sehr schöne Tradition der Toleranz hat, der Multireligiosität, es ist ein Land, wo sich immer unterschiedliche Religionen getroffen haben und wo immer ein gewinnbringender Dialog zwischen Orient und Okzident gegeben war. Deshalb hoffe ich, dass es möglich ist, Brücken zu bauen und die Beziehungen zwischen den dortigen christlichen Gemeinden und anderen zu festigen. So wie es der Heilige Paulus gemacht hat, der auch sehr unterschiedliche christliche Gemeinschaften des Orients und des Okzidents miteinander verband.“
Der Dialog mit dem Islam steht für den Jesuiten im Zentrum der Arbeit in Anatolien.
   „Er ist nun wichtiger denn je, mehr denn je müssen wir, vor allem im Gebet, den einen Gott bitten, dass er uns vor einer Teilung bewahre, vor fruchtlosen Kriegen und vor dem Fundamentalismus. Ich glaube, die große Mehrheit der Menschen teilt weder die Gewalt noch den Fundamentalismus. Wir müssen dem, was diese große Mehrheit sagt und will, eine Stimme geben.“
   Seine neue Aufgabe tritt der Jesuit zu Beginn des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit an. Dabei wünscht er sich eben besonders eines: Barmherzigkeit für sich und für die Christen in Anatolien. Rv150817cz

   Papst Franziskus ernennt einen italienischen Jesuiten zum Nachfolger des 2010 in der Türkei ermordeten Bischof Luigi Padovese -  Fotos und Berichte über Bischof Padovese auf unseren Seiten: Kirche im Islam und keine Gewalt
   Mehr als fünf Jahre nach dem Mord seines Vorgängers hat Papst Franziskus den italienischen Jesuiten zum Nachfolger als Apostolischer Vikar von Anatolien in der Türkei ernannt. Pater Paolo Bizzeti, 67, wurde durch den Vatikan am 14. August 2015 bekannt gegeben. Als Bischof und Apostolischer Vikar übernimmt er die kirchliche Jurisdiktion an der östlichen Mittelmeerküste.
   Bischof Padoves wurde am 03. Juni 2010 in Iskenderun am Sitz des Apostolischen Vikariates erstochen und praktisch enthauptet. Sein Fahrer, ein junger Mann mit – wie berichtet wird – psychischen Problemen, wurde 2013 wegen Mordes rechtskräftig verurteilt.
   Paolo Bizzeti ist in Florenz geboren und erhielt die Priesterweihe 1975. Seit 2007 leitete er ein Bildungshaus für katholische Laien in Padua. Er ist Gründer der italienischen Gemeinschaft „Freunde des Mittleren Ostens“. In einer Pressemitteilung der italienischen Jesuiten berichtet er, dass er die Leiterdes Ordens schon 1984 gebeten hatte, ihn in die Türkei zu senden. „Aber es war nicht die richtige Zeit“. Seither habe er dreißig Jahre seine biblischen Studien über Ephesus, Tarsus und weitere türkische Städte, die im Neuen Testament erwähnt werden, fortgesetzt, um die dortigen christlichen Gemeinden zu besuchen und Pilgergruppen zu begleiten. „Ich habe einen Reiseführer geschrieben. Ich war aus Berufung da. Ich liebe dieses Land, seine Menschen, seine Natur, seine Geschichte.“
   In einem Interview mit Radio Vatikan sagte er: „Ich gehe im tiefer Demut, weil ich nicht mehr jung bin und die Sprache noch lernen muss. Ich übernehme das Amt mit dem Beginn des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit, und ich bitte jeden, mit mir barmherzig zu sein, und ich hoffe, die Liebe des barmherzigen Gottes zu bringen.“
   Der zum Apostolischen Vikar ernannte sagte, er sei dem Papst dankbar für sein Vertrauen, dass er in ihn setze und er hoffe „diesen kleinen christlichen Gemeinden“ gut zu dienen, die nun fünf Jahre auf ihren neuen Bischof gewartet hätten.
   Nach Statistiken im Vatikan umfasst das Vikariat etwa 2.800 katholische Christen, die von sechs Priestern versorgt werden. Der Erzbischof Ruggero Franceschini von Izmir hat seit dem Tode von Bischof Padovese die Vertretung des Vikariates übernommen.
   Die christliche Gemeinde in der Türkei ist „klein, aber quicklebendig, stolz auf ihren Glauben in einer gewiss nicht leichten Umgebung“, sagt Paolo Bizzeti. Gleichwohl ist die Türkei eine große Nation, hat eine wunderbare Tradition der Toleranz und vielen Glaubensrichtungen; man kann sagen, dass dies ein Land ist, wo sie die Wege der Religionen sich kreuzten und wo es immer einen fruchtbringenden Austausch zwischen den Traditionen des Westens und Ostens erfolgt ist.“ Teil seiner Sendung werde sein, so sagt der Jesuit, die Brücken weiter zu bauen zwischen der katholischen Gemeinde und der muslimischen Mehrheit, und dem eine Stimme zu geben, „was die überwältigende Mehrheit des Volkes fühlt und wünscht“, und das ist Friede und Einheit, nicht „Gewalt und Fundamentalismus“. CH150817

                                                                                               Wir freuen uns über Ihr Interesse   kbwn

                                               kbwn:Türkei                               

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