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Vorhof der Völker

Sie lesen auf dieser Seite:
1. Dialoghilfe des Papstes an die Atheisten
2. Der Vorhof im Tempel zu Jerusalem
3. “Vorhof der Völker” in der UNESCO in Paris eröffnet
4. Video-Botschaft des Papstes an die Jugend von Frankreich im “Hof des Unbekannten”
5. “Agressive Atheisten” (noch) unerwünscht im Vorhof der Völker
6. Festakt zur Eröffnung des “Vorhof der Völker” in Paris
7. Benedikt XVI. mahnt zum Dialog zwischen Christen und Agnostikern
8. Die Botschaft des Papstes in autorisierter Übersetzung
9. Kardinal Ravasi zieht Bilanz: Brückenbauen zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen
10. Stiftung “Vorhof der Völker” feiert ein Fest vor Notre Dame in Paris
11. Nach dem Erfolg des Vorhof der Völker in Paris: nächste Haupstädte: Bukarest und Tirana
12. Vorhof der Völker in Palermo: Erziehung zum Frieden
13. Der Vatikan lädt nichtgläubige Intellektuelle nach Assisi
14. Julia Kristeva in Rom und Assisi: Zehn Prinzipien für den Humanismus des 21. Jahrhunderts
15. Vorhof der Völker in Stockholm und Portugal
16. Radio-Interview mit Kardinal Gianfranco Ravasi
17. Vorhof der Völker trifft sich in Mexiko
18. Allain de Botton will in Londen einen Tempel für nichtgläubige Menschen errichten
19. Michael Schmidt-Salomon: Die Agenda des Neuen Atheismus
20. Die Aktivitäten der Giordano-Bruno-Stiftung
21. Prof. Norbert Hoester tritt aus der Giordano-Bruno-Stiftung aus
22. Renate Künast: Festrednerin für Jugendfeier der Humanistischen Union
23. Kardinal Gerhard Müller: pogromstimmung gegen Priester
24. Gelungen Provokation: Matthias Matussek greift den Atheismus an

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Foto: Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, im Akropolis Museum

Vatikan: Gespräche mit Atheisten
   Der deutsche Papst pflegt ausschließlich den Dialog mit Traditionalisten, heißt es mancherorts, seit Benedikt XVI. die Gespräche mit den Schismatikern der Piusbruderschaft wieder aufgenommen hat. Weit weniger von sich reden macht die Dialog-Initiative des Papstes an Atheisten. „Vorhof der Völker“ heißt die Einrichtung, die Kardinal Gian- franco Ravasi, Präsident des päpstlichen Kulturrates, auf direkte Anregung des Papstes ins Leben gerufen hat. Am 24. März 2011, ist der „Vorhof der Völker“ in Paris gestartet.
   „Ich denke, eine Art „Vorhof der Völker“ müsste die Kirche auch heute auftun, wo Menschen irgendwie sich an Gott anhängen können, ohne ihn zu kennen und ehe sie den Zugang zum Geheimnis gefunden haben, dem das innere Leben der Kirche dient. Zum Dialog der Religionen muss heute vor allem auch das Gespräch mit denen hin- zutreten, denen die Religionen fremd sind, denen Gott unbekannt ist und die doch nicht einfach ohne Gott bleiben, ihn wenigstens als Unbekannten dennoch anrühren möchten.“
   Das sagte Papst Benedikt am 21. Dezember 2009 in seiner Weihnachtsansprache vor den Kardinälen und der Kurie. Der „Vorhof der Völker“, das war jener große Platz vor dem Jerusalemer Tempel, den alle betreten durften, Juden wie Nichtjuden Foto unten.

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   Der Tempel war das Haus Gottes, aber er diente nicht dem Gottesdienst. Wenn gesagt wird, jemand sei „in den Tempel" gegangen, so sind damit die Vorhöfe gemeint. Deshalb auch legte Herodes der Große (73–4 v. Chr.) beim Neubau des Tempels vor allem auf die Vorhöfe Gewicht. Am Tempelhaus selbst vergrößerte er nur die Vorhalle. Hin- gegen wurde der Brandopferaltar nun von zwei Vorhöfen für die jüdischen Männer und die jüdischen Frauen umgeben, vor allem aber von einem gewaltigen „Vorhof der Völker", der Nichtjuden, der ein unregelmäßiges Viereck von ungefähr 475-300 Metern bildete. Er war auf allen vier Seiten von Säulenhallen umgeben.

   Ein Steingitter erhob sich in der Mitte des Hofes und trennte den äußeren vom inneren Bereich ab. Zum inneren Tempelbezirk hatten ausschließlich Juden Zutritt. Steintafeln, die bei archäologischen Grabungen gefunden wur- den, wiesen die Heiden auf diesen Sachverhalt hin und drohten ihnen den Tod an, sowie sie sich in den heiligen Bezirk des Jerusalemer Tempelhofes vorwagten.
   Christus machte Schluss mit der Todesstrafe für Heiden, die Gott suchten. Er riss, wie Paulus schrieb, „durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder“. Gläubige und Nichtgläubige heute „stehen auf verschie- denen Arealen, aber sie sollen sich nicht auf sakralen oder laizistischen Inseln einschließen, sich wechselseitig ignorieren oder, schlimmer noch, einander Fratzen schneiden und Beschuldigungen austauschen, wie es Funda- mentalisten beider Lager gerne hätten“, erklärt Kardinal Gianfranco Ravasi in einem Artikel für die Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“.
   „Sicher, man soll die Differenzen nicht einfach einebnen und über die verschiedenen Auffassungen nicht einfach hinwegsehen. Die Füße stehen in verschiedenen Vorhöfen, aber die Gedanken und Wörter, die Werke und die Entscheidungen können gegeneinander antreten und sich sogar kreuzen.“ In einem Wortspiel regt Ravasi statt eines „Duells“ zwischen Christen und Nichtglaubenden ein „Duett“ an, in dem etwa Bass und Sopran harmonisch zusammenklingen, ohne deshalb ihre Identität aufzugeben, also „in einem vagen ideologischen Synkretismus zu verblassen“.
   Dem Austausch zwischen den „Vorhöfen“ müsse auf beiden Seiten eine Entscheidung zur Reinigung der Grund- konzepte vorangehen, schreibt Ravasi weiter. Die Nichtglaubenden sollten edle Ideale wiederfinden und sich nicht in politisch-ideologischen Systemen einkapseln, noch in eine „Vergötzung der Dinge“ oder einen „verächtlichen, sarkastischen und kindisch ketzerhaften Atheismus“ verfallen. Der Glaube hingegen müsse „seine Größe wieder- finden, die sich in Jahrhunderten hohen Denkens“ äußerte, er müsse den „schnellen Weg der Frömmigkeit oder des Fundamentalismus“ meiden und klarlegen, dass die Theologie ihr eigenes, strenges, methodisches Regelwerk habe, parallel zu jenem der Naturwissenschaft.
   Gemeinsame Themen zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden gebe es genug, schreibt Ravasi: Ethik, Anthropologie, Spiritualität, die „letzten Fragen“ über Leben und Tod, Gut und Böse, Liebe und Schmerz, Wahrheit und Lüge, Friede und Natur, Transzendenz und Immanenz. „Ohne Konversionen zu erwarten“ und ohne ein Abgleiten in die Banalität und ins Stereotyp könnten „Nichtglaubende und Christen, deren „Vorhöfe“ in der moder- nen Stadt Seite an Seite liegen – Übereinstimmungen und Harmonien auch in ihrer Ungleichheit finden; sie können ihre selbstbezogene und polemische Sprache ablegen und den Blick einer Menschheit, die sich zu oft nur über das Unmittelbare beugt, das Oberflächliche, das Unbedeutende, auf Höheres richten, auf das Sein in seiner Fülle.“
   Der "Vorhof der Völker" ist eine Einrichtung, die am päpstlichen Kulturrat in Rom angesiedelt ist. Am 24. März, hat sie ihre Arbeit mit einem zweitägigen Festakt in Paris aufgenommen, am Sitz der UNO-Kulturorganisation Unesco.

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   In der „Unesco” in Paris Fotos oben ist am 24. März 2011 die Vatikan-Stiftung „Vorhof der Völker” feierlich eröffnet. Der Päpstliche Kulturrat erweckt mit dieser Initiative in gewisser Weise das frühere Vatikan-Sekretariat für die Nichtglaubenden zum Leben, das in den neunziger Jahren im Kulturrat „aufgegangen“ war.
   Dass das Gespräch mit den Nichtglaubenden in der Pariser Unesco begonnen wird, macht klar: Der Vatikan zielt von Anfang an hoch. Er will das Herz der zeitgenössischen Kultur erreichen, für das die Kultur- und Wissenschafts- organisation der Vereinten Nationen steht. Auch die weiteren Stationen des Gesprächs, nämlich Sorbonne-Uni- versität und „Académie francaise“, zeigen, dass der Heilige Stuhl sich mit der Gottesfrage direkt an die intel- lektuelle Szene von Paris wendet, die noch von altem Ruhm aus den Zeiten Sartres zehrt. Innerkirchlich wirkt es klug, dass das „Centre des Bernardins“, an dem auch schon der Papst zu Besuch war, von Anfang an mit einge- bunden ist: Diese Einrichtung versucht nämlich im Herzen von Paris täglich den Brückenschlag des Katholischen hinüber in die akademische und intellektuelle Stadt, sie könnte das Anliegen des „Vorhofs der Völker“ hier ver- stetigen. RV110324sk

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   Kardinal Ravasi erklärt die Einzelheiten: „Es ist ein komplexes Ereignis mit vier Hauptmomenten. Erstens: An der Sorbonne-Universität Foto findet ein Gespräch zwischen Intellektuellen statt. Zweitens, an der Unesco wird die sozio-politisch-kulturelle Dimension des Dialogs von Glaubenden und Nichtglaubenden verhandelt.

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   An der Französischen Akademie Foto oben debattieren, drittens, die Angehörigen dieser hochexklusiven Einrichtung. Und da wir den „Vorhof der Völker“ wirklich auch räumlich auffassen wollten, laden wir - viertens auf dem großen Platz vor der Basilika Notre Dame die Jugendlichen zum Mitfeiern ein Foto unten.

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   Wer will, kann dann vielleicht auch diesen Vorhof durchschreiten und in den Tempel selbst eintreten. Dort be- reitet die Gemeinschaft von Taizé ein Gebet vor, um auch den Nichtglaubenden zu zeigen, wie Gläubige ihren Gott anrufen.“
   Die Feier für die Jugendlichen steht unter dem Motto "im Hof des Unbekannten" und bietet Musik, Kunst, Theater und Lichtshows, wird also einen ausgesprochenen Partycharakter haben. Auch der Papst mischt sich unter die Menge, zumindest indirekt: Benedikt XVI. wird sich per Videobotschaft an die Jugendlichen wenden, kündigte Kardinal Ravasi an. Beobachter bescheinigen dem norditalienischen Kirchenmann viel Energie beim Beschreiten neuer, im Vatikan noch nie gegangener Wege. Im Gespräch mit uns freut sich Ravasi darüber, dass sich der „Vorhof der Völker“ in noch gar nicht absehbare Richtungen entwickelt.
   „Das Interesse, das dieses Vorhaben erweckt, war überraschend auch für mich selbst, der ich am Anfang sogar gezögert habe und das Ganze zwar in Paris als städtischem Sinnbild der Laizität ansiedeln wollte, aber in einem katholischen Ambiente wie dem College des Bernardins. Dann aber habe ich gesehen, wie sich das Vorhaben ver- zweigt und ausweitet, und dieser Prozess setzt sich weiter fort. Unsere Aufgabe ist es jetzt, dem nachzugehen, aber vor allem zuzulassen, dass auch andere das tun.“
  Der „Vorhof der Völker“ wird auf diese Art vermutlich das erste Vatikan-Büro, das tatsächlich den Vatikan verlässt und dort seiner Aufgabe nachgeht, wo die anvisierten Gesprächspartner – die Nicht- glaubenden – zu Hause sind.
   „Wir denken an Tirana, wir denken an Stockholm, wo eine ähnliche Initiative nächsten November stattfinden könnte. Das wird besonders, denn die Schutzherrschaft hat ja nun der Päpstliche Kulturrat, aber es werden luthe- rische Theologen und Gläubige präsent sein. In den USA haben Chicago und Washington Interesse signalisiert. Und man könnte auch in Länder gehen, wo der Katholizismus nicht sehr präsent ist, aber statt dessen eine andere Form von Religiosität: wir denken an Asien.“
   Papst Benedikt hat vor wenigen Monaten auch einen Rat für die Neuevangelisierung ins Leben gerufen. Dieser möchte das Gespräch mit Fernstehenden in längst missionierten, inzwischen säkularisierten Gebieten wieder an- knüpfen. Für den Dialog mit den Nichtglaubenden ist hingegen seit 1993 der päpstliche Kulturrat zuständig. Davor gab es ein eigenes damit befasstes Büro, den Päpstlichen Rat für die Nichtglaubenden. Johannes Paul II. legte die beiden Räte zusammen. Sein Vorgänger Paul VI. hatte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 das Sekre- tariat – den späteren Rat - für die Nichtglaubenden eingerichtet. Einer der Leiter dieser Kurienbehörde war der Wiener Kardinal Franz König. RV110224gs

Vatikan: „Aggressive Atheisten” (noch) unerwünscht im „Vorhof der Völker”

   Jetzt macht die katholische Kirche einen großen Schritt auf alle Nichtglaubenden zu: Es ist in Paris die Stiftung „Vorhof der Völker“ gegründet. Sie will das Gespräch mit allen Nichtglaubenden suchen – auf intellektueller Ebene und darüber hinaus. Einzelheiten der Initiative wurden im Vatikan von Kardinal Gianfranco Ravasi vorgestellt, dem Leiter des Päpstlichen Kulturrates.
   „Es gibt Nichtglaubende, die für das Thema des Unbekannten Gottes eine Leidenschaft aufbringen, welche auch uns aufrütteln sollte. Was wir mit dem „Vorhof der Völker“ planen, ist keine Evangelisierung, sondern eine Art gegenseitiger Verkündigung.“
   Die Stiftung wurde zunächst am Hauptsitz der Unesco in Paris lanciert; dann folgten Gesprächsrunden an der Sorbonne und der „Académie francaise“. Ein bunter Abend auf dem Vorplatz von Notre-Dame hat das Anliegen dann am Freitagabend unter die Leute gebracht – dazu gab es auch eine vorab aufgezeichnete Papst- Ansprache. Kardinal Ravasi freute sich auf alle, die aufrichtig das Gespräch über den „Unbekannten Gott“ suchen, über Glauben und Nichtglauben.
   „Etwas, was wir bisher noch nicht angegangen sind, obwohl wir ständig – und zwar auch polemisch – dazu aufgefordert werden, ist: das Gespräch mit den aggressiveren Formen des heutigen Atheismus zu suchen. Dieser weite Bereich fällt natürlich numerisch gesehen sehr viel mehr ins Gewicht als der Bereich, für den wir unseren „Vorhof der Völker“ einrichten, und auch wenn er die Fragen manchmal in provokanter oder auch oberflächlicher Weise stellt, bleiben das doch Fragen, die die Christen von heute angehen. Diese Formen des Atheismus werden wir auch einmal treffen müssen, auch wenn sie hin und wieder fast auf fundamentalistische Weise auftreten. Diese spätere Phase wird für uns delikater und komplexer sein – wir sind da noch in der Nachdenk-Phase.“ RV110318sk

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„Vorhof der Völker“ in Paris gegründet – „Eigentlich geht es um den Menschen“

   Mit einem Festakt in Paris hat das Gespräch zwischen Katholiken und Nichtglaubenden neue Fahrt auf- genommen: Am 24. März 2011 hob der Päpstliche Kulturrat am Sitz der UNESCO die Stiftung „Vorhof der Völker“ aus der Taufe. Kirchenleute, Politiker und Intellektuelle standen dabei Pate. Der „Vorhof der Völker“ soll in den nächsten Jahren vor allem in den westlichen Gesellschaften neu die Gottesfrage aufwerfen. Stefan Kempis von Radio Vatikan war in Paris dabei.
   „Auch wenn ich die Prüfung mehrmals wiederholen musste, bis ich sie bestand – ich habe ein Diplom in wissen- schaftlichem Atheismus.“ Das erzählte der tschechische Diplomat Pavel Fischer seinen Zuhörern bei der UNESCO. Damit hatte er zwar die Lacher auf seiner Seite, aber sein Thema war eigentlich ernst: Fischer berichtete, wie er als gläubiger Mensch die Schikanen eines atheistischen Regimes erlebte, damals in der Tschechoslowakei. So war etwa sein Fortkommen in der Schule gefährdet, weil er als Einziger seiner Klasse nicht bei den Jungen Kommunis- ten eingeschrieben war.
   „In gewisser Weise haben wir damals ohne Tempel gelebt – wir waren aus dem Tempel Vertriebene. Wir wohn- ten im Vorhof der Völker und mussten uns mit den so genannten Heiden dort arrangieren. Wir hatten keinen Bischof an der Spitze, sondern einen Parteisekretär, der die Kirche kontrollierte – aber dieses Vakuum, dieser Verlust des Tempels, zwang uns, zusammen mit den anderen zu marschieren und sensibel zu bleiben.“
   Auch die UNESCO-Generalsekretärin Irina Bukova erinnerte per Videobotschaft an ihre Vergangenheit hinter dem Eisernen Vorhang, um zu bekräftigen, wie wichtig das Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden auch heute sein kann. Dieser Dialog antworte auf die starke „anthropologische Krise“ der Menschheit in Zeiten der Glo- balisierung, formulierte der Schriftsteller und Philosoph Fabrice Hadjadj, ein zum Christentum übergetretener Jude, prägnant wie kein anderer.
   „Es geht um nicht weniger als die Definition des Menschen – und damit auch um seine Zukunft. Der Mensch als Mängelwesen sucht von Natur aus nach einem Sinn, der jenseits von ihm liegt, aber wie kann er ihn erreichen? Durch die Kultur und die Offenheit zur Transzendenz, oder aber durch Technik und Genmanipulation? Durch das Mysterium des Wortes, oder durch den Willen zur Macht? Durch den Versuch, Probleme zu lösen, oder durch die Erkenntnis, vor einem Mysterium zu stehen? Liegt die Größe des Menschen in der technischen Vereinfachung des Lebens, ist er eine Art Super-Tier, das man technisch noch etwas verbessern muss … oder liegt seine Größe nicht doch in seiner Zerrissenheit, in dieser Offenheit eines Schreis zum Himmel hinauf?“
    Auch die Politik braucht das Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden, die ständige Selbstvergewis- serung über Werte – das betonte der frühere italienische Ministerpräsident Giuliano Amato. Er erinnerte an das berühmte Diktum des früheren deutschen Bundesverfassungsrichters Ernst Böckenförde, dass die Demokratie von Voraussetzungen lebt, die sie nicht selber schaffen kann:
   „Die Demokratie funktioniert nicht mehr, die Freiheit ist nicht mehr sie selbst, und wer von außen auf unsere Gesellschaften blickt, hat Recht, wenn er uns für krank einstuft! Wir müssen erst wieder neu lernen, dass Gut und Böse zwei verschiedene Dinge sind. Wir müssen erst wieder lernen – erlauben Sie mir diese Bemerkung – dass der Unterschied zwischen Freiheit und Prostitution ein sichtbarer, spürbarer sein muss! Oder dass es ein gigan- tischer Unterschied ist, ob junge Leute sich durch ihre Kompetenz eine Zukunft aufbauen können oder aber dies durch ihren Körper tun müssen. Wer aus Anatolien zu uns kommt, hat keinen Grund, eine Gesellschaft zu achten, in der dieser Unterschied nicht wirklich klar ist!“
   Natürlich gab es beim Auftakt des „Vorhofs der Völker“ auch einige Momente, in denen die größte Gefahr des anvisierten Dialogs aufschien, nämlich die Beliebigkeit, die Folgenlosigkeit. So war noch keine Stunde vergangen, da hatte eine Rednerin schon mehr Rechte für Frauen gefordert. Doch eigentlich gewann das Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden überraschend schnell an Kontur. „Fratello ateo, Bruder Atheist“, zitierte Kardinal Gianfranco Ravasi vom Päpstlichen Kulturrat einen italienischen Dichter: „Du bist auf der Suche nach einem Gott, den ich Dir nicht geben kann. Gehen wir zusammen!“
  „Sprechen wir über das Geheimnis des Seins – über das Geheimnis all dessen, was uns umgibt und was auch in uns ist! Wittgenstein schreibt in einem seiner Traktate den Satz: Ich untersuchte die Umrisse einer Insel – und entdeckte die Grenzen des Ozeans. Das heißt: Wenn jemand am Strand entlanggeht und nur zu einer Seite schaut, sieht er nur Endliches, Begrenztes – die Insel. Aber an diesen Strand schlagen die Wellen des Ozeans! Und auch dahin muss ich schauen…“
   An diesem 25. März 2011 lief das Gespräch von Glaubenden und Nichtglaubenden u.a. an der Pariser Sorbonne- Universität an: „Der Vatikan lädt sich selbst in die Sorbonne ein“, titelte dazu boshaft der „Figaro“. Schon jetzt sei die Initiative „ein deutlicher Erfolg“, schätzt die katholische Tageszeitung „La Croix“; die Kirche habe gezeigt, dass sie zahlreiche Intellektuelle auch von außerhalb des heiligen Bezirks zu mobilisieren wisse. „Aber“, so die Zeitung weiter, „auf der immensen Esplanade des Tempels gibt es noch viele schattige Ecken, wo sich all die aufhalten, die sich gar nicht trauen, die Gottesfrage aufzuwerfen.“ Und „La Croix“ verweist auf eine Umfrage, nach der 55 Prozent der Franzosen erklären, es sei eigentlich zu schwierig, von Gott zu sprechen.
   Dieselbe Umfrage zeigt, dass die Franzosen ziemlich genau in der Mitte geteilt sind in der Frage, ob die Dialog- Initiative des Vatikans eine gute Sache ist: 48 Prozent sagen ja, 49 Prozent sagen nein. Interessant: Von den praktizierenden Christen sprechen 92 Prozent von einer guten Initiative; bei den Nichtglaubenden sind es hingegen nur 32 Prozent, die dieses Gespräch für nützlich halten. RV110324sk

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Vatikan/Frankreich: Gespräche mit Atheisten

   Papst Benedikt XVI. hat Christen und Agnostiker zu respektvollem Umgang und zu einem Dialog über die großen Fragen der Menschheit aufgerufen. Gemeinsam könnten glaubende und nichtglaubende Menschen für eine Welt der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eintreten. Sie sollten Berührungsängste und gegenseitige Vorbehalte überwinden, forderte er in einer Videobotschaft. Die Ansprache wurde am Freitagabend bei einem Jugendtreffen in Paris veröffentlicht. Mit der Feier vor der Kathedrale Notre Dame ging die Auftaktveranstaltung einer neuen Vatikan-Initiative zum Dialog zwischen Christen und Atheisten zu Ende. Vor dem Fest von Notre Dame standen die ersten akademischen Debatten des „Vorhofs der Völker“: Die neue Dialogstiftung des Heiligen Stuhls gastierte an den beiden glänzendsten Adressen des intellektuellen Paris, nämlich an der „Académie Francaise“ und im Großen Auditorium der Sorbonne-Universität. Rv110326
Papst mahnt Christen und Agnostiker zum Dialog
   Papst Benedikt XVI. hat Christen und Agnostiker zu respektvollem Umgang und zu einem Dialog über die großen Fragen der Menschheit aufgerufen. Gemeinsam könnten glaubende und nichtglaubende Menschen für eine Welt der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eintreten. Sie sollten Berührungsängste und gegenseitige Vorbehalte überwinden, forderte er in einer Videobotschaft. Die Ansprache wurde bei einem Jugendtreffen in Paris ver- öffentlicht. Mit der Feier vor der Kathedrale Notre Dame ging die Auftaktveranstaltung einer neuen Vatikan- Initiative zum Dialog zwischen Christen und Atheisten zu Ende.
Paris: Der Vorhof von Notre-Dame
   Mit einem Fest vor Notre Dame von Paris hat die neue Vatikanstiftung „Vorhof der Völker“ den ersten Praxistest „in freier Wildbahn“ bestanden. In Zelten vor der Kathedrale diskutierten Pariser aller Altersgruppen angeregt über Glauben und Nichtglauben heute. Es war eine Atmosphäre wie auf einem Weltjugendtag: Paddy Kelly heizte ein, Freiwillige verteilten Wasserflaschen und Brötchen, Ordensleute strichen gesprächsbereit über den Vorplatz von Notre Dame. Rv110326

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Foto: Benedikt XVI. mit Kardinal André Vingt-Trois in Notre-Dame, bei einer Ansprache an die Jugend
Die Botschaft des Papstes in autorisierter Übersetzung:

Liebe Jugendliche, liebe Freunde!
   Auf Einladung von Kardinal André Vingt-Trois, dem Erzbischof von Paris, und von Kardinal Gianfranco Ravasi, Foto ganz oben auf dieser Seite, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Kultur, habt ihr euch so zahlreich auf dem Vorplatz von Notre-Dame de Paris versammelt. Ich grüße euch alle, auch die Brüder und Freunde der Gemeinschaft von Taizé. Ich bin dem Päpstlichen Rat dankbar, dass er meinen Vorschlag, in der Kirche „Vorhöfe der Völker“ zu öffnen, aufgegriffen und weiterentwickelt hat. Der Vorhof steht als Symbol für den offenen Raum auf dem ausgedehnten Platz beim Tempel in Jerusalem, der es all jenen erlaubte, die nicht dem jüdischen Glauben angehörten, sich dem Tempel zu nähern und über Religion zu sprechen. An diesem Ort konnten sie den Schrift- gelehrten begegnen, über den Glauben reden und auch zum unbekannten Gott beten. Damals war der Vorhof je- doch zugleich ein Ort des Ausschlusses, weil die „Heiden“ nicht das Recht hatten, den heiligen Raum zu betreten. Jesus Christus ist aber gekommen, um „durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft“ zwischen Juden und Heiden niederzureißen. „Er hob das Gesetz samt seinen Geboten und Forderungen  auf, um  die  zwei  in sei- ner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden …“ Eph 2,14-17, wie uns der heilige Pau- lus sagt.
   Im Herzen dieser „Stadt der Lichter“, vor Notre-Dame de Paris, diesem wunderbaren Meisterwerk der reli- giösen Kultur Frankreichs, öffnet sich ein großer Platz, um der respektvollen und freundschaftlichen Begegnung von Menschen verschiedener Überzeugungen neue Impulse zu geben. Ihr Jugendlichen, gläubig und nichtgläubig, die ihr hier versammelt seid, wollt einander heute Abend wie auch im täglichen Leben begegnen, um über die großen Fragen der menschlichen Existenz zu sprechen. Heutzutage betrachten sich viele als keiner Religion zugehörig, aber sie wünschen sich eine neue, freiere Welt, die gerechter und solidarischer ist, friedlicher und glücklicher. Ich wende mich an euch, weil es mir wichtig ist, was ihr euch zu sagen habt: Ihr Nichtgläubigen fordert von den Gläubigen, ein Lebenszeugnis zu geben, das mit ihrem Bekenntnis übereinstimmt, und jedes Zerrbild von Religion abzulehnen, das sie unmenschlich macht. Ihr Gläubigen wollt euren Freunden sagen, dass dieser Schatz, den ihr in euch tragt, es wert ist, ihn weiterzugeben, über ihn zu sprechen und über ihn nachzudenken. Die Frage Gottes ist keine Gefahr für die Gesellschaft, sie bringt nicht das menschliche Leben in Gefahr! Die Frage Gottes darf nicht bei den großen Fragen unserer Zeit fehlen.
   Liebe Freunde, ihr seid aufgerufen, zwischen euch Brücken zu bauen. Ihr wisst die Gelegenheit zu nutzen, die sich euch bietet, tief in eurem Bewusstsein, in gründlichen und vernünftigen Überlegungen Möglichkeiten eines wegbereitenden und tiefen Dialogs zu finden. Ihr habt einander viel zu sagen. Verschließt euch nicht den Heraus- forderungen und Problemen, die vor euch liegen.
   Ich glaube tief und fest daran, dass die Begegnung zwischen der Wirklichkeit des Glaubens und jener der Vernunft es dem Menschen ermöglicht, sich selbst zu finden. Zu oft jedoch beugt sich die Vernunft dem Druck der Interessen und dem Vorwand der Nützlichkeit, gezwungen, letztere als ultimative Begründung anzuerkennen. Die Suche nach der Wahrheit ist nicht einfach. Ein jeder ist aufgerufen, sich mutig für die Wahrheit zu entscheiden, denn es gibt keine Abkürzungen zur Glückseligkeit und zur Schönheit eines erfüllten Lebens. Jesus sagt es im Evangelium: „Die Wahrheit wird euch befreien“ Joh 8,32.
   Es liegt an euch, liebe Jugendliche, in euren Ländern und in Europa dafür zu sorgen, dass Gläubige und Nicht- gläubige den Weg des Gesprächs wieder finden. Die Religionen dürfen keine Angst vor echter Laizität haben, einer offenen Laizität, die es jedem erlaubt, seinen Glauben gemäß seinem Gewissen zu leben. Wenn es darum geht, eine Welt der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu schaffen, müssen Gläubige und Nichtgläubige sich frei fühlen, sie selbst sein zu können, gleich in ihren Rechten, um ihr persönliches und gemeinschaftliches Leben in Treue zu ihren Überzeugungen führen zu können, und sie müssen untereinander Brüder sein. Einer der Gründe für diesen „Vorhof der Völker“ besteht darin, sich für diese Brüderlichkeit über alle Überzeugungen hinaus einzu- setzen, ohne dabei die Unterschiede abzustreiten. Und – um noch tiefer zu gehen – anzuerkennen, dass nur Gott in Jesus Christus uns innerlich befreit und es uns schenkt, einander in Wahrheit als Brüder zu begegnen.
   Die erste anzunehmende Haltung oder Tat, die ihr gemeinsam setzen könnt, besteht darin, jeden Menschen zu respektieren, ihm zu helfen und ihn zu lieben, weil er ein Geschöpf Gottes ist und in gewisser Weise der Weg, der zu Gott führt. Wenn ihr das, was ihr heute Abend erlebt, verbreitet, tragt ihr dazu bei, die Mauern der Angst vor dem anderen, vor dem Fremden, vor dem, der euch nicht ähnlich ist, zu überwinden. Diese Angst entsteht oft aus dem gegenseitigen Unwissen, aus der Skepsis oder der Gleichgültigkeit. Achtet darauf, ohne Unterschied die Bande unter allen Jugendlichen zu festigen und vor allem auch jene nicht zu vergessen, die in Armut oder Einsamkeit leben, die unter Arbeitslosigkeit oder Krankheit leiden oder sich am Rande der Gesellschaft fühlen.
   Liebe Jugendliche, ihr könnt nicht nur eure Lebenserfahrung miteinander teilen, sondern auch euren Zugang zum Gebet. Ihr Gläubigen und Nichtgläubigen auf diesem „Vorplatz des Unbekannten“, ihr seid eingeladen, auch in den heiligen Raum einzutreten, dieses wunderbare Portal von Notre-Dame zu durchschreiten und die Kathedrale für einen Augenblick des Gebets zu betreten. Für einige von euch wird dieses Gebet ein Gebet an einen Gott sein, den sie im Glauben kennen, aber für andere kann dies auch ein Gebet an einen unbekannten Gott sein. Liebe nichtglaubende Jugendliche, die ihr euch mit jenen vereint, die an diesem Tag der Verkündigung des Herrn im Inneren von Notre-Dame beten, öffnet eure Herzen den Texten der Heiligen Schrift, lasst euch von der Schönheit der Gesänge berühren und, wenn ihr wirklich wollt, lasst zu, dass sich eure Gefühle zu dem unbekannten Gott erheben.
   Ich freue mich, dass ich mich am heutigen Abend zur Eröffnung des Vorhofs der Völker an euch wenden konnte. Ich hoffe, dass ihr auch an weiteren Treffen teilnehmen werdet, vor allem am Weltjugendtag in Madrid. Jener Gott, den die Gläubigen kennenlernen, lädt euch ein, ihn zu entdecken und immer mehr in ihm zu leben. Habt keine Angst! Auf dem Weg in eine neue Welt, den ihr zusammen geht, seid ihr Suchende des Absoluten und Suchende nach Gott – auch ihr, für die Gott ein unbekannter Gott ist. Er, der euch alle liebt, segne und beschütze euch. Er zählt auf euch, dass ihr füreinander und für die Zukunft Sorge tragt. Und ihr könnt auf Ihn zählen!
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Vorhof der Völker: Kardinal Ravasi zieht Bilanz

   Brücken bauen zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen: Das war der Auftrag von Benedikt XVI. für die erste vati- kanische Dialoginitiative des „Vorhofs der Völker“, die in Paris zu Ende gegangen ist. Der Präsident des Päpst- lichen Rates für Kultur, Kardinal Gianfranco Ravasi, zieht nach der Premiere eine zufriedene Bilanz:
   „Sagen wir, dass die Stimmung in Paris vielleicht eine große Hilfe war, um die Gespräche zu beginnen. Vor allem im Hinblick auf den intellektuellen Anspruch war es ein sehr starkes und intensives Ereignis. In Paris hatten wir wirklich alle möglichen Aspekte dabei, von der Kultur, der Gesellschaft, der Wissenschaft und des Rechts, von der Kunst bis hin zur Spiritualität. Diesen derart breiten und komplexen Horizont wollen wir in ver- schiedenen Bereichen weiterentwickeln.“
   Das nächste vatikanische Treffen zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen wird in Tirana, der Hauptstadt Alba- niens, stattfinden. Für Ravasi ein Zeichen, handelt es sich dabei doch um das einzige Land weltweit, das den Atheismus als Staatsreligion in seiner Verfassung verankert hatte. Die aktuelle Entwicklung in Ländern Nordafrikas und des Nahen Osten sieht Ravasi hingegen voller Sorge:
   „Es besteht die Gefahr, dass sich ein Volk am Ende in einem Vakuum wiederfindet. Es will sich von der Theokratie befreien, welche die Laizität abgeschafft hat, indem sie sozusagen Thron und Altar vereint hat. Sollte ihnen das gelingen, droht eine innerliche Leere, ein Vakuum der generellen Ordnung, nicht nur religiöser und spiritueller Art, sondern auch ein kulturelles Vakuum. Deshalb glaube ich, dass das Thema der Laizität, der korrekten Laizität, in diesen Ländern von großer Bedeutung sein wird.“
   Kardinal Ravasi hofft, dass diese Umstürze in Ländern Nordafrikas und dem Nahen Osten auch uns neu zu denken geben werden, was das Thema der Laizität, also der Trennung von Kirche und Staat, betrifft. Denn die Laizität sei auch eines der grundlegenden Themen des Dialogs zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen.Rv110328ak

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Parvis von Paris: Der Vorhof von Notre-Dame

   Mit einem Fest vor Notre Dame von Paris hat die neue Vatikanstiftung „Vorhof der Völker“ in der Nacht zum 27. März 2011 den ersten Praxistest „in freier Wildbahn“ bestanden. In Zelten vor der Kathedrale diskutierten Pariser aller Altersgruppen angeregt über Glauben und Nichtglauben heute.
   Es war eine Atmosphäre wie auf einem Weltjugendtag: Paddy Kelly heizte ein, Freiwillige verteilten Wasser- flaschen und Brötchen, Ordensleute strichen gesprächsbereit über den Vorplatz von Notre Dame. Viele Pariser und auch Touristen waren wohl aus Neugier gekommen, standen im Schutz der Dunkelheit und sahen dem Treiben zu, unter ihnen auch Jugendliche aus den Banlieues. Am Portal von Notre Dame patrouillierten einige bewaffnete Soldaten – kleine Erinnerung daran, dass Frankreich derzeit einen Krieg in Libyen führt. In vier großen weißen Party-Zelten am Rand des Platzes gab es Gesprächskreise zu Themen wie Krankheit, Liebe oder Tod. Dass die Debatten gleich in Fahrt kamen, dafür sorgten prominente Gäste, darunter ein Astro-Physiker, ein Klostergründer und eine Skandalautorin.

at-ZeltParvisParis-z Dialogzelt auf dem Parvis

Foto oben: Dialogzelt auf dem Parvis vor Notre Dame mit Frigide Barjot und Thierry Bizot. Foto unten: Notre-Dame: Frère Aloïs, Prior von Taizé, Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur und Kardinal André Vingt-Trois, Erzbischof von Paris.

Gebetszelt vor Notre Dame   at-GebetszeltParvisParis-z

   Fünf Millionen Menschen besuchten jedes Jahr den Vorplatz seiner Kathedrale, erzählte der Pariser Kardinal André Vingt-Trois bei einem Podiumsgespräch. Und nicht zum ersten Mal nutzen die Katholiken der Hauptstadt diesen so genannten „Parvis“ als Forum für Veranstaltungen. Auch wenn so etwas im streng laizistischen Frank- reich von vielen nicht gern gesehen wird. Wolfgang Sedlmeier, der deutsche Pfarrer in Paris:
   „Ich erlebe es so, dass der frühere Erzbischof von Paris, Kardinal Lustiger, gesagt hat: Wir müssen in die Offen- sive und in die Öffentlichkeit kommen, und damit angefangen hat, salopp gesagt diesen Vorhof von Notre Dame zu „bespielen“. Das ist ein Zeichen, das sich in den letzten zwanzig oder 25 Jahren etabliert hat; die Priesterweihe beginnt draußen, der Wortgottesdienst findet draußen statt vor Notre Dame, um zu sagen: Hallo, wir feiern ein großes Fest! Und dann zieht man zum Weihegottesdienst in die Kathedrale ein.“
   Der Vorhof von Notre Dame ist also ein Ort, den sich die Katholiken von Paris zur Selbstdarstellung erst einmal erobern mussten.
   „Ich finde, das ist anfangs ein sehr mutiges Zeichen gewesen, und jetzt ist das etwas, das zeigt: Wir als Katho- liken positionieren uns in dieser Gesellschaft, wir wollen präsent sein und haben auch etwas zu sagen!“
   In der Nacht wurde der Vorplatz von Notre Dame zu einem suggestiven Bild für das, was der Vatikan mit seinem „Vorhof der Völker“ will: Menschen draußen ansprechen, sich für sie interessieren, sie aber auch einladen, einmal die Tempelschwelle zu überschreiten. Auf Großleinwänden lief ein Film über die Entstehung des Universums und des Lebens, direkt danach erschien der Papst im Bild und hielt auf sehr sanfte Art eine Ansprache, die offenbar bei schönstem römischem Sommerwetter aufgezeichnet war – ein seltsamer Kontrast zum dunklen Parvis von Paris. Später rang auf der Leinwand ein moderner Hiob mit dem Unbekannten Gott.
   Wer sich der gotischen Kathedrale näherte, dem drückten junge Helfer eine Kerze und einen Gesangzettel in die Hand. Das nur spärlich erleuchtete Innere war voll von Menschen, viele saßen einfach auf dem Fußboden; vor dem Hauptaltar Dutzende von brennenden Kerzen, und dazu die leisen Gesänge der Gemeinschaft von Taizé. Nichts einfacher, als in dieser Nacht vom Vorhof der Völker aus direkt ins Heiligtum hineinzuwandern. RV110326StefKempis

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Das nächste große Symposium der Vatikanstiftung „Vorhof der Völker“ findet in Bukarest statt
   Kardinal Gianfranco Ravasi Foto linksvom Päpstlichen Kulturrat eröffnet die zweitägigen Arbeiten am 11. Oktober mit einer öffentlichen Debatte mit dem Schriftsteller Horia-Roman Patapievici Foto rechts. Der „Vorhof der Völker“ 2012 will das Gespräch der katholischen Kirche mit Nichtglaubenden vorantreiben; er wendet sich vor allem an Intellektuelle in Europa. Gestartet war die Initiative im Frühjahr in Paris. RV111008apic

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   Die Vatikan-Stiftung „Vorhof der Völker“ tagt vom 14. bis 16. November in der Hauptstadt Albaniens in Tirana. An dem Treffen mit dem Titel „An was glaubt der, der nicht glaubt?“ werden zahlreiche religiöse, politische und aka- demische Würdenträger teilnehmen und referieren. Das Thema Arbeit soll dabei im Mittelpunkt stehen. Auch der Vorsitzende des Päpstlichen Kulturrates Gianfranco Ravasi hält verschiedene Ansprachen und Vorträge. Staatspräsident Bamir Topi und Ministerpräsident Sali Berisha werden ebenfalls anwesend sein. Die Stiftung war vom Päpstlichen Kulturrat gegründet worden. Sie soll den Dialog zwischen der katholischen Kirche und Nichtgläubigen fördern. Rv111112 Das Foto zeigt die Kathedrale Sankt Paulus in der Hauptstadt Albaniens.

Vorhof der Völker: Wenn ein Katholik Professor für Atheismus ist

   Der „Vorhof der Völker“ erweitert sich immer mehr: Im Oktober tagte die Vatikan-Stiftung, die diesen Namen trägt, noch in Albanien, danach war nun Florenz dran. Kardinal Gianfranco Ravasi vom Päpstlichen Kulturrat geht es darum, das Gespräch der katholischen Kirche mit Nichtglaubenden so richtig in Fahrt zu bringen. Gestartet war der „Vorhof der Völker“ im Frühjahr in Paris.
   „Wenn wir eine erste Bilanz ziehen wollen, dann können wir sagen, dass aus dieser Pariser Wurzel mittlerweile ein Baum herauswächst, dessen Wachsen wir gar nicht länger kontrollieren können. Wir werden ständig von ver- schiedensten Einrichtungen, meistens weltlichen Einrichtungen, angefragt, und da geht es um ein sehr buntes Themen-Spektrum, von der Kunst auf der einen Seite zu Recht, Wirtschaft, Bioethik oder Medizin auf der anderen, wissenschaftlichen Seite. Wir tagen demnächst in weiteren europäischen Städten: Barcelona, Stockholm, Tirana, Palermo, Marseille... und dann wächst der Baum noch weiter, hinüber nach USA, Kanada, Lateinamerika.“
   Besonders freut sich der Kardinal auf die Debatten, die es in Tirana, der albanischen Hauptstadt, geben wird: Immerhin war das mal ein von seiner Verfassung her ausdrücklich atheistischer Staat, wie er betont. Auch heute gebe es an der dortigen Uni den Lehrstuhl für Atheismus, der derzeit allerdings mit einem Katholiken besetzt sei. Die Gefahr, dass sich der „Vorhof der Völker“ zu sehr auf akademische Debatten im Elfenbeinturm beschränkt, ohne aber Breitenwirkung zu erzielen, hat Ravasi durchaus im Auge.
   „Zum einen müssen wir natürlich schon reagieren auf die national populäre Art von Atheismus eines Hitchens oder Dawkins, die sich gewissermaßen über das christliche Credo lustig machen. Wir sollten auch systematisch und methodologisch eine Antwort finden auf den gewissermaßen praktischen Atheismus, der aus Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit, Banalität und Vulgarität besteht und unsere ganze Gesellschaft unterfüttert. Das wird unsere Hauptaufgabe sein. Und dann sollten wir auch nicht vergessen, dass die großen kulturellen und sozialen Verän- derungen doch immer das Werk einer Elite sind.“ RV111018sk

Nach Bologna und Paris empfängt nun auch Florenz die Vatikanstiftung „Vorhof der Völker“
 
Der Abend steht unter dem Thema „Humanismus und Schönheit gestern und heute“ und findet im Palazzo Vecchio in Florenz statt. Der florentinische Abend beginnt mit zwei „Duetten“, die einen Beitrag zum Thema bei- steuern. Zunächst treffen der Dramaturg Moni Ovadia und der Philosoph Sergio Givone aufeinander. Im Anschluss trifft der Dichter Erri de Luca auf den Kunsthistoriker Antonio Paolucci, den Direktor der Vatikanischen Museen. Der Name „Vorhof der Völker“ knüpft an das Bild des antiken Tempel Jerusalems an, den jeder unabhängig von Sprache, Religion und Kultur frei betreten durfte. Demnach ist der Vorhof der Völker ein Ort, an dem man sich in gegenseitiger Anerkennung trifft. RV111013asca

Gianfranco Kardinal Ravasi      cdd-ianfrancoRavasi-x        Die Mafia im Vorhof der Völker

   Papst Benedikt, der Denker, hat ihn angeregt. Kardinal Ravasi, der „Macher“, hat ihn umgesetzt: den „Vorhof der Völker“, jene wandernde Begegnungsstätte zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden, die der päpstliche Kultur- rat seit genau einem Jahr in verschiedenen Metropolen Europas und außerhalb veranstaltet. Es sind große Debattenforen über verschiedene Themen, die das Zusammenleben zwischen weltanschaulich heterogenen Grup- pen betreffen, Foren für Intellektuelle, gewiss, die sich punktuell aber auch Jugendlichen und allen anderen Interessierten öffnen. Der nächste „Vorhof der Völker“ findet Ende März in Palermo statt, und er wird im Zeichen der Mafia stehen. Kardinal Gianfranco Ravasi erklärt im Gespräch:
   „Palermo ist bedeutsam und auch originell wegen der beiden Stränge, die sich im Titel unserer Begegnung verflechten: Kultur der Legalität und multireligiöse Gesellschaft. Einerseits also das soziale Profil, die Legalität, die ununterbrochen von der Welt der Laien, Zivil, Politik, dekliniert wird. Die Legalität geht aber auch die spirituelle und religiöse Welt etwas an. Denken wir an die Märtyrer der Mafia, für die Palermo geradezu ein Sinnbild ist. Andererseits war Sizilien, wie seine Baudenkmäler zeigen, immer ein Kreuzungspunkt der Kulturen. Es ist in sich ein Zeugnis der Multireligiosität, des interreligiösen Dialogs.“
   Die Wahl des Ortes Palermo für den nächsten Vorhof der Völker zeigt den Willen der Kirche, ihren Einsatz gegen illegales Verhalten und „jede Degeneration des Rechts" wieder zu beleben, erklärte Ravasi. Er erinnerte daran, dass die Mafia längst eine sehr vielgestaltige Realität ist.
   „Wenn man von der Mafia spricht, weiß man doch, dass das heute eine Definition von Phänomenen der Krimi- nalität, der Verletzung von Legalität und Recht ist, die Dimensionen weit jenseits der sizilianischen Mafia hat. Denken wir an die japanische Mafia. Wir müssen aber auch sagen, dass in der Stadt Palermo eine bestimmte Betriebsamkeit, ein Ferment da ist, da können wir von Institutionen wie der Antimafia reden, aber auch von pasto- ralen Zeugnissen. Viele solcher Einrichtungen werden übrigens am letzten Abend, der den Jugendlichen offen steht, anwesend sein. Sie zeigen, wie grundlegend die kirchliche moralische religiöse Dimension für den Schutz des Rechtes ist. Besonders weil der Schutz des Rechtes über das Gewissen des Einzelnen läuft. Und so lang man nicht ein neues Volk gebiert, besonders über den Weg der Bildung und der Jugendarbeit, kann man nicht wirklich sagen, dass sich eine neues Zeitalter einer besseren Zivilisation als die heutige auftut.“
   Der Vorhof der Völker startete im März 2011 in Paris und gastierte seither unter anderem in Bukarest, Tirana und Rom. Rv120319gs

Der „Vorhof der Völker“ hat in Palermo Station gemacht. Bei den Debatten der Vatikanstiftung, die das Ge- spräch mit Nichtglaubenden sucht, ging es diesmal vor allem um die Themen Mafia und multireligiöse Gesellschaft. „Zu welchem Gott beten eigentlich die Mafiosi?“, lautete eine der behandelten Fragen. Der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, Kardinal Gianfranco Ravasi, betonte, dass Evangelium und Mafia nicht miteinander zu vereinbaren seien. Bei den verschiedenen Mafias, die in Italien verbreitet seien, handle es sich um „antichristliche Subkulturen“. Der „Vorhof der Völker“, zentrales Projekt des umtriebigen Ravasi, ist im März 2011 in Paris gestartet. Er gastiert alle paar Monate in einer anderen europäischen Stadt; auch Berlin soll demnächst einmal dran sein. Die Initiative soll außerdem auch einmal nach Süd- und Nordamerika ausgreifen. RV120331rv

Vorhof der Völker in Palermo: „Erziehung zum Frieden“
   Die Frage nach Gott ist auch die Frage nach einer gerechten und gewaltlosen Gesellschaft. Das hat sich bei der jüngsten Station des „Vorhofs der Völker“ auf Sizilien deutlich gezeigt. Fragen wie: „Zu welchem Gott beten Mafio- si?“ und „Wie kann eine Erziehung zum Frieden aussehen?“ bestimmten die Debatten der Vatikanstiftung, die in der vergangenen Woche in Palermo gastierte. Mit der mobilen Gesprächsplattform des Päpstlichen Kulturrates, die seit März 2011 durch verschiedene europäische Städte tourt, sucht der Vatikan das Gespräch mit Nichtglauben- den. Neues Element der Initiative in Sizilien war die Teilnahme von Kindern, erzählt Kardinal Gianfranco Ravasi, Initiator des „Vorhofs der Völker“ und Präsident des Päpstlichen Kulturrates, im Interview mit Radio Vatikan:
   „Der Vorhof der Völker in Palermo könnte ein Modell auch für andere Städte werden, was die Dosierung der Teilnehmergruppen betrifft. Dass hier Kinder mit dabei waren, ist ein absolut originales und kreatives Element! Ebenso hat die Anwesenheit von Stimmen eines Volkes, das durch die Kriminalität niedergedrückt wurde, den Vor- hof der Völker in Palermo geprägt, es waren Stimmen des Martyriums. Und weiter hatten wir mit den Begeg- nungen in der Universität natürlich einen Austausch auf hohem Niveau, bei dem es auch um Entscheidungen ging, die die Erziehung betreffen.“
   Erziehung zu Zivilcourage und Gerechtigkeit – das ist ein Ansatz, um dem organisierten Verbrechen nicht nur in Sizilien nach und nach „den Saft abzudrehen“. Die Ordensfrau und Journalistin Fernanda Di Monte hat den „Vorhof der Kinder“, der Bestandteil der Vatikaninitiative in Palermo war, mit organisiert. In den Kursen und Workshops zum Thema Mafia, die sie in Palermo mit Schülern das ganze Jahr über durchführt, verbindet sich Aufklärungsarbeit mit neuen Ansätzen der Jugendpastoral. Keine großen Durchbrüche, sondern kleine Schritte zeichneten den Kampf gegen die Mafia im Erziehungsbereich aus, erklärt die Schwester im Interview mit Radio Vatikan:
   „Mein aktueller Kurs für Schüler der Mittelstufe hat das Motto ,die Mafia – erzählt, erlebt und besiegt‘. Es wird gelacht, wenn es heißt ,besiegt‘, doch für uns ist jeder Fortschritt der Jugendlichen im Denken ein Sieg. Zum Beispiel, wenn die jungen Leute beginnen, Fragen zu stellen. ,Ich lebe in einem Mafia-Umfeld und bin der einzige, der lernt und studiert‘, sagte mir zum Beispiel neulich ein Junge. Solche Ansätze fördern wir. Wir versuchen, davon zu überzeugen, dass der Weg der des Lernens ist und der, etwas Neues zu versuchen.“ RV120402pr

Rom führt weitere Gespräche mit Atheisten
   Der Vatikan will neue Gesprächsinitiativen mit Nichtglaubenden und Suchenden auch im deutschsprachigen Raum durchführen und plant dazu je eine Veranstaltung in Berlin sowie in Österreich. Das hat der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, Kardinal Gianfranco Ravasi, gegenüber österreichischen Journalisten in Rom angekündigt. Die jüngste Gesprächsrunde dieser Art, die im Rahmen der Stiftung „Vorhof der Völker" durchgeführt wird, hat Ende März in Palermo zur Mafiaproblematik und über den Wert der Rechtsstaatlichkeit stattgefunden. Für eine der nächsten Veranstaltungen in Berlin sei der Kulturrat bereits im Gespräch mit der Erzdiözese Berlin und der Stadt Berlin. In Österreich gebe es erste interessierte Gesprächspartner. Ort, Thema und Mitveranstalter seien aber noch offen. Sehr zufrieden zeigte sich Ravasi über die „positive Dynamik" dieser neuen Form des Gesprächs mit Agnostikern und Suchenden. Die nächsten Veranstaltungen seien für Barce- lona, Prag und dem portugiesischen Braga bereits in Vorbereitung. DT120419kap

Der Vatikan lädt fünf nicht-gläubige Intellektuelle nach Assisi ein.

  Kardinal Gianfranco Ravasi, der den Päpstlichen Kulturrat leitet, will Persönlichkeiten „aus dem Bereich der Kultur, der Wissenschaft und der Philosophie einladen, die zu keiner verfassten Religion gehören und die stellvertretend für all jene stehen, die kein Credo bekennen, aber dennoch eine ethisch-humanistische Sicht des Seins und der Existenz haben“. Das schreibt er in einem Artikel für den Osservatore Romano. Man dürfe zwar die „Diskordanz“ zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden nicht unterschätzen, doch bei dem Thema Gerechtigkeit und Frieden sei das Gespräch möglich. rv110709

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Papst blickt voraus auf Assisi: Gebetsaufruf für den Frieden
   Mit einem Gebetsaufruf für den Frieden hat der Papst auf das Internationale Friedenstreffen von Assisi voraus- geblickt. Statt der Generalaudienz feierte er einen Wortgottesdienst mit Pilgern in der Audienzhalle. Zuvor grüßte Benedikt XVI. einen Teil der rund 25.000 Gläubigen im Petersdom, denn nicht alle Pilger fanden in der Audienzhalle Platz. Die eintägige interreligiöse Begegnung in Assisi, zu der 300 Religionsvertreter aus der ganzen Welt in die Stadt des heiligen Franziskus kommen, sei Zeichen des erneuerten gemeinsamen Einsatzes der Religionen für den Weltfrieden. So brachte der Papst in seiner Predigt die Absicht des Treffens auf den Punkt, das von seinem Vor- gänger Papst Johannes Paul II. initiiert worden war.
   „Ich habe diesem Tag den Titel „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens“ gegeben: Das bedeutet, dass wir dort feierlich unseren Einsatz zur Förderung des wahren Wohls der Menschheit und des Aufbaus des Friedens erneu- ern – zusammen mit Vertretern verschiedener Religionen und auch mit nicht-glaubenden Menschen, die aber ehrlich nach der Wahrheit suchen.“
  Eine Besonderheit des diesjährigen Treffens im Vergleich zu den vorhergehenden ist in der Tat die große Teil- nehmerzahl muslimischer Glaubensvertreter und die Einladung von Nicht-Glaubenden. Der Weg zu Gott bedeute notwendig zugleich Verbreitung des Friedens, so der Papst in seiner Predigt weiter, und das Gebet sei der „kost- barste Beitrag“ der Christen für dieses Ziel. Der Glaube an Gott schaffe eine Einheit jenseits der Grenzen zwischen Völkern, Sprachen und Kulturen, so der Papst. Dieses Zeugnis sei heute in den christlichen Gemeinschaften welt- weit lebendig, sie bildeten in der Welt „Inseln des Friedens“, so der Papst.
   Er hoffe, dass das Treffen in Assisi zum Dialog der Religionen und somit zum Frieden beitragen könne, sagte der Papst einen Tag vor der internationalen Begegnung:
   „Liebe Brüder und Schwestern, als Christen wollen wir Gott um das Geschenk des Friedens bitten, bitten wir ihn darum, dass er uns zu Instrumenten seines Friedens macht in einer Welt, die immer noch zerrissen ist von Hass, Spaltungen, Egoismen, Kriegen. Bitten wir Ihn, dass das Treffen von Assisi den Dialog zwischen Personen ver- schiedener religiöser Zugehörigkeiten fördert und dazu beiträgt, Geist und Herz aller Menschen zu erleuchten – damit der Groll der Vergebung, die Trennung der Versöhnung, der Hass der Liebe, die Gewalt der Güte weicht und in der Welt Frieden herrsche. Amen.“ rv 111026pr
Kardinal Tauran Foto oben: Suche nach Wahrheit ist nicht nur Sache der Christen
   „Assisi drei“ ist im Anliegen gleich wie „Assisi eins“ vor 25 Jahren. Das betont der päpstliche Verantwortliche für den interreligiösen Dialog, Kardinal Jean Louis Tauran. Am Tag vor der großen Pilgerfahrt der Religionen nach Assisi erinnert der französische Kardinal an die Worte, die Papst Benedikt wählte, um das Treffen näher zu kenn- zeichnen: „Wer unterwegs zu Gott ist, kann nicht umhin, den Frieden zu vermitteln, wer den Frieden aufbaut, kann nicht umhin, sich Gott zu nähern“, sagte Benedikt XVI. Der Papst will mit Assisi drei Dinge erreichen, so Tauran im Gespräch mit Radio Vatikan:
 „Er will zeigen, dass es andere Wege als den bewaffneten Kampf gibt, um seine Rechte einzufordern. Das Gebet, das - jenseits der Verschiedenheit der Religionen - eine Beziehung mit einer höheren Macht ausdrückt, die unsere menschlichen Fähigkeiten übersteigt.“
  Zweitens: „Indem der Papst das praktiziert, was allen spirituellen Familien gemeinsam ist, das Gebet, das Fasten und das Pilgern, zeigt er, dass die Religionen Faktoren des Friedens sind, dass der Frieden die Wahrheit voraussetzt, dass die Gläubigen und die Wahrheitssucher alle auf dem Weg zur Erleuchtung sind und dass die Suche nach Wahrheit nicht ausschließlich die Sache der Christen ist.“
   Drittens werde Assisi in der Ausführung leicht andere Akzente setzen: „Was die Methode anlangt, wird man diesmal mehr Zeit fürs Nachdenken haben. Die Stille wird zum Gebet. Und die, die wir Agnostiker nennen, werden erstmals teilnehmen. Das ist das Neue an „Assisi drei“. rv 111026gs

vv-Assisi-z    Pilger des Friedens: Benedikt XVI. in Assisi

  Der Papst reiste mit einem Sonderzug vom Bahnhof der Vatikanstadt nach Umbrien. An Bord des italienischen Schnellzugs vom Typ „Frecciargento“, übersetzt Silberpfeil, verließen das katholische Oberhaupt und die übrigen Teilnehmer um 8.00 Uhr den Vatikan. Weil das kurze vatikanische Schienennetz keine Oberleitung hat, wurde der Zug von einer Diesellok zum benachbarten römischen Bahnhof San Pietro gezogen. Mit dem Papst reisten 300 Delegierte aus 31 christlichen Kirchen und von zwölf Weltreligionen. Schon eine Stunde vor Abfahrt belebten orthodoxe und islamische Würdenträger, buddhistische Mönche sowie römisch-katholische Bischöfe und Kardinäle den einzigen Bahnsteig des Vatikans. Als Letzter bestieg Benedikt XVI. den Zug, nachdem er zuvor den italie- nischen Verkehrsminister Altero Matteoli und zwei Bahnfunktionäre begrüßt hatte.
Religionen rufen in Assisi zu religiöser Toleranz auf
   Der erste Weg des Pilgerreise für den Frieden führte die Delegationen in die Kirche Santa Maria degli Angeli in der Unterstadt von Assisi, dort, wo vor 800 Jahren der Franziskanerorden um eine kleine Kirche herum entstand. „Wir wollen Zeugnis ablegen für die Kraft der Religionen, ihren Beitrag für den Frieden zu leisten.“ So begann Kar- dinal Peter Turkson den Reigen der Wortmeldungen. Und er gab den Ton vor, dem die übrigen Sprecher folgten. Bartholomaios I., ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, sprach vom Keim der Verwandlung, den jede Reli- gion in sich trage. Olav Fykse Tveit – Generalsekretär des Weltkirchenrates – richtete seinen Blick auf die nach- folgenden Generationen: Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit seinen Gefahren für den Frieden, man dürfe mit der Zukunft der Jugend nicht spielen.
Philosophin Kristeva: „Wir bauen Brücken“
   Das Friedenstreffen von Assisi ist nicht einfach nur eine Weiterführung einer Idee, es ist eine Weiterentwicklung. Durch die Einladung an Nicht-Glaubende hat Benedikt XVI. dem Treffen eine eigene Prägung gegeben. Neben zahl- reichen Religionsvertretern, die in Assisi sprachen, äußerte sich als Vertreterin dieser Gruppe die in Paris lebende Philosophin, Psychoanalytikerin und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva. Das Treffen von Assisi sei „eine Einla- dung“ und „ein Symbol“, sagte die gebürtige Bulgarin Julia Kristeva einen Tag vor der Begegnung in Assisi im Interview mit Radio Vatikan. Wörtlich sagte sie: „Wir werden uns nicht alle umarmen und sagen, wir sind Brüder und Schwestern und alle einer Meinung – es lebe der Frieden. Aber wir werden Besonderheiten aufzeigen und wir werden sagen: Wir versuchen, eine Brücke zu finden.“  Rv111027

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Die stimme des Gastes: Julia Kristeva, Paris: Zehn Prinzipien für den Humanismus des 21. Jahrhunderts
Foto: Benedickt XVI. begrüßt in Assisi Julia Kristeva, im Hintergrund Gianfranco Kardinal Ravasi

  Vortrag an der Universität Rom III am 26. Oktober 2011 unter Teilnahme der Delegation der Humanisten und des Kardinals Ravasi. Der Vortrag wurde in gekürzter Fassung auch einen Tag später anlässlich des 4. Weltgebets- treffens in der Basilika Santa Maria degli Angeli in Assisi gehalten.

   Das II. Vatikanische Konzil hat eine dialogische Öffnung der katholischen Kirche zu den anderen Religionen ein- geleitet: zum einen durch das Modell der gestuften Kirchenzugehörigkeit, das sich in der Kirchenkonstitution Lu- men gentium findet LG 14-16; vgl. GS 22, zum anderen durch die Erklärung über die Haltung der katholischen Kirche zu den anderen Religionen Nostra aetate. Auf dieser Grundlage hat Papst Johannes Paul II. 1986 zum ersten Mal Vertreter anderer Religionen nach Assisi eingeladen, um öffentlich für Frieden und Gerechtigkeit Zeugnis abzulegen. Anlässlich des 25jährigen Jubiläums hat Papst Benedikt XVI. im Oktober 2011 erneut nach Assisi eingeladen. Dabei ist er insofern über seinen Vorgänger hinausgegangen, als er auch Agnostiker und bekennende Atheisten eingeladen hat. Nicht um sie zum Gebet aufzufordern, sondern um ihr Zeugnis im Sinne einer Fremd- prophetie anzuhören, an der die Religionen heute nicht vorübergehen können. Julia Kristeva, Schülerin von Jacques Derrida, die im Suhrkamp Verlag einige viel beachtete Bücher veröffentlicht hat, hat diejenigen Zeit- genossen vertreten, die nicht glauben können oder nicht glauben wollen, aber an einem gemeinsamen Einsatz für einen «neuen Humanismus» interessiert sind. Ihre Rede in Assisi sei hier unter der Rubrik «Die Stimme des Gastes» dokumentiert.
   „Ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir mit der Einladung erwiesen haben, im Namen der Humanisten vor die- ser renommierten Versammlung sprechen zu dürfen.
   Was ist Humanismus? Ein großes Fragezeichen bezogen auf die ernsteste Sache schlechthin? Es war die euro- päische Tradition, die griechisch-jüdisch-christliche, die dieses Ereignis hervorgebracht hat, das nicht aufhört zu versprechen, zu enttäuschen und sich immer neu zu begründen.
  Wenn Jesus sich mit denselben Worten beschreibt Joh 8,24 mit denen sich Jahwe an Moses gerichtet hat Ex 3,14 und sagt: «Ich bin es», definiert er den Menschen als eine «unzerstörbare Singularität» (gemäß den Worten Bene- dikts XVI.) - und antizipiert damit den Humanismus. Unzerstörbare Singularität, die ihn nicht nur an das Göttliche zurückbindet, und zwar über die direkte Nachkommenschaft Abrahams hinaus (so wie dies schon für das Volk Isra- el galt), sondern zugleich auch Erneuerung bedeutet. Denn wenn sich das «Ich bin es» Jesu von der Vergangen- heit und der Gegenwart bis in die Zukunft und auf das ganze Universum erstreckt, dann werden der brennende Dornbusch und das Kreuz universal.
   Wenn die Renaissance mit Erasmus und die Aufklärung mit Diderot, Voltaire, Rousseau, aber auch dem Marquis de Sade und bis hin zu dem atheistischen Juden Sigmund Freud die Freiheit der Männer und Frauen proklamieren, sich gegen die Dogmen und die Unterdrückung aufzulehnen, die Fesseln von Geist und Körper abzulegen, jede Gewissheit, jedes Gebot oder jeden Wert in Frage zu stellen — wurde damit der Weg in einen apokalyptischen Nihilismus gebahnt? Bei allem Kampf gegen den Obskurantismus hat die Säkularisierung vergessen, sich die Frage nach dem Bedürfnis zu glauben zu stellen, das das Verlangen nach Wissen umgreift, ebenso wie die Frage nach den Grenzen, die dem Todeswunsch entgegenzustellen sind - um gemeinsam zu leben. Dennoch ist es nicht der Humanismus, sondern es sind die fanatischen, technizistischen und alles verneinenden Auswüchse der Säkulari- sierung, die der «Banalität des Bösen» erlegen sind und die heute der zunehmenden Automatisierung des Men- schengeschlechts Vorschub leisten. «Habt keine Angst!» — diese Worte Johannes Paul II. richten sich nicht nur an die Gläubigen, um sie in ihrem Widerstand gegen jede Form von Totalitarismus zu ermutigen. Der Appell dieses Papstes — und Apostels der Menschenrechte — ruft uns auch dazu auf, uns vor der europäischen Kultur nicht zu fürchten, sondern vielmehr den Humanismus zu wagen: gemeinsame Verbindungen herzustellen zwischen dem christlichen Humanismus und demjenigen, der,  ausgehend von der Renaissance und der Aufklärung, danach strebt, über die gefahrvollen Wege der Freiheit aufzuklären. Heute gilt unser Dank Papst Benedikt XVI. dafür, dass er, zum ersten Mal an diesem Ort, all die Humanisten unter Ihnen eingeladen hat.
   Hier, zusammen mit Ihnen auf dem Boden von Assisi, sind daher meine Gedanken beim heiligen Franz von Assisi, der «nicht so sehr danach verlangt, verstanden zu werden, als vielmehr zu verstehen», und auch nicht «geliebt zu werden, sondern zu lieben»; der zusammen mit dem Werk der heiligen Klara die Spiritualität der Frauen beflügelt; der das Kind im Herzen der europäischen Kultur verankert, indem er das Weihnachtsfest [die Krippenfrömmigkeit, Anm. d. Red.] ins Leben ruft; und der, einige Zeit vor seinem Tod und bereits als Humanist avant la lettre, einen Brief «an alle Bewohner der ganzen Welt» verschickt. Ich denke aber auch an Giotto, der die heiligen Texte in lebendigen Bildern des alltäglichen Lebens der Männer und Frauen seiner Zeit entfaltet und die moderne Welt vor die Herausforderung stellt, gegen das toxische Ritual des allgegenwärtigen Spektakels unserer heutigen Zeit Front zu machen.
Kann man noch von Humanismus reden, oder besser: Kann man dem Humanismus noch das Wort reden?
   Dante Alighieri, der den heiligen Franziskus im Paradies seiner Göttlichen Komödie feiert, ist es, der mir dabei in den Sinn kommt und mir ins Gewissen redet. Denn Dante hat eine katholische Theologie des Humanismus begrün- det, indem er aufzeigte, dass der Humanismus dann und nur dann existiert, wenn wir uns selbst in der Sprache durch die Erfindung von neuen Sprachen transzendieren. Und so hat er es auch selbst getan, als er einen neuen Stil in die italienische Sprache seiner Zeit einführte und Neologismen kreierte. «Das Menschliche im Menschlichen überschreiten» («transhumanar») Das Paradies, 1. Gesang, 69, sagt er, dies wäre der Weg der Wahrheit. Es gehe darum, zu «verknüpfen», im Sinne von «ineinanderfügen» («s'indova», sich hineinstellen, in das «darin») Das Paradies, 33. Gesang, 138 - so wie sich Kreis und Bild in einer Rosette ineinanderfügen - das Göttliche und das Menschliche in Christus, der Körper und die Seele in der Menschennatur.
 Der säkularisierte Humanismus ist häufig der unbewusste Erbe dieses christlichen Humanismus, der als ein «Uber- schreiten» des Menschlichen verstanden wird, und zwar in der durch die Sprache geschaffenen Verbindung von Sehnsüchten und Sinn, sofern diese Sprache eine Sprache der Liebe ist. Und er löst sich aus diesem heraus, indem er seine eigene Logik verfeinert, von der ich gerne Zehn Prinzipien skizzieren möchte. Diese sind keine zehn Ge- bote, sondern zehn Einladungen dazu, über das Verbindende zwischen uns nachzudenken.
   Der Humanismus des 21. Jahrhunderts ist kein Theomorphismus. Der MENSCH existiert nicht. Es gibt keinen höheren «Wert» und kein höheres «Ziel», kein Göttliches, das sich aufgrund höchster schöpferischer Akte be- stimmter Menschen, die man seit der Renaissance als «Genies» bezeichnet, in der Welt manifestieren würde. Nach der Schoah und dem Gulag kommt dem Humanismus die Pflicht zu, uns, die Männer und Frauen, daran zu erinnern, dass wir uns nur dadurch als die einzigen Gesetzgeber betrachten können, dass wir allein durch die ständige Infragestellung unserer persönlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Situation über unsere Gesellschaft und Geschichte entscheiden können. Es bedarf heute, und dies hat nichts mit Entglobalisierung zu tun, neuer internationaler Bestimmungen, um die Finanzwelt und die globalisierte Wirtschaft zu regulieren und zu kontrol- lieren, und es muss auch auf absehbare Zeit eine ethische Weltregierung, die universal und solidarisch ist, ge- schaffen werden.
   Als ständiger Prozess einer Neubegründung entwickelt sich der Humanismus nur durch Brüche weiter, die zu- gleich auch Erneuerungen bedeuten (der biblische Ausdruck hiddouch bedeutet Anfang-Erneuerung- Wieder- belebung; enkainosis und anakainosis; novatio et renovatio). Sich eingehend mit dem griechisch-jüdisch-christ- lichen Erbe vertraut machen, es einer gründlichen Prüfung unterziehen, die Tradition umwerten (Nietzsche): Nur so wird es möglich sein, gegen die Ignoranz und die Zensur anzukämpfen und so auch das friedliche Miteinander der unterschiedlichen kulturellen Gedächtnisse, die sich im Laufe der Geschichte herausgebildet haben, zu erleichtern.
   Als Kind der europäischen Kultur ist der Humanismus aus der Begegnung kultureller Unterschiede hervor- gegangen, die heute durch die Globalisierung und Digitalisierung noch verstärkt wird. Der Humanismus respektiert, artikuliert und unterzieht die unterschiedlichen Bedürfnisse des Glaubens und das vielfältige Verlangen nach Wissen, die allen Zivilisationen gemeinsam sind, einer Neubewertung.
   Als Humanisten «sind wir keine Engel, sondern haben einen Leib». So drückt es die heilige Theresa von Avila im 17. Jahrhundert aus, das das Zeitalter des Barock einleitet, welches keine Gegenreformation darstellt, sondern eine barocke Revolution, die das Jahrhundert der Aufklärung einläutet. Aber die ungebundene Sehnsucht ist eine Sehnsucht, die zum Tode führt. Und man musste auf die Psychoanalyse warten, um in der einzigen und äußersten Regulierung, die die Sprache darstellt, diese Freiheit der Sehnsüchte aufzufangen, die der Humanismus weder verurteilt noch umschmeichelt, sondern es sich zur Aufgabe macht, sie weiter aufzuhellen, zu begleiten und zu sublimieren.
   Der Humanismus ist ein Feminismus. Die Befreiung der Sehnsüchte musste zur Emanzipation der Frauen fuhren. Nachdem die Philosophen der Aufklärung den Weg dafür eröffnet haben, wurde sie von den Frauen der franzö- sischen Revolution wie z. B. Theroigne de Mericourt, Olympe de Gouge bis hin zu Flora Tristan, Louise Michel und Simone de Beauvoir eingefordert, die dabei von den englischen Suffragetten unterstützt wurden, und ich vergesse dabei auch nicht die chinesischen Frauen seit der Revolution vom 4. Mai 1919. Der Kampf für eine ökonomische, rechtliche und politische Gleichstellung erfordert ein neues Nachdenken über die Wahl und die Verantwortung der Mutterschaft. Die Säkularisierung hat eine Zivilisation hervorgebracht, in der es bis heute als einziger immer noch an einem Diskurs über die Rolle der Mutter mangelt. Das Band der Liebe zwischen Mutter und Kind, diesem ersten Anderen, das die Morgenröte der Liebe und der Menschwerdung darstellt, dieses Band,  durch das die biologische Kontinuität Sinn, Alterität und Wort wird, ist eine Rückbindung. Diese Rückbindung an die Mutter unterscheidet sich von der Religiosität wie auch von der väterlichen Funktion, die sie beide komplementiert und damit zu einem vollwertigen Teil innerhalb der humanistischen Ethik wird.
  Humanisten, es ist die miteinander teilbare Einzigartigkeit der inneren Erfahrung, durch die wir gegen diese neue Banalität des Bösen ankämpfen können, die die aktuelle Automatisierung des menschlichen Wesens darstellt. Denn weil wir Wesen sind, die sprechen, schreiben, zeichnen, malen, musizieren, spielen, rechnen, denken und sich etwas vorstellen, sind wir nicht dazu verurteilt, in der immer schneller werdenden «Hyperconnection» zu bloßen «Elementen der Sprache» zu werden. Die Unendlichkeit unserer Vorstellungsfähigkeiten ist unser Zuhause, unsere Tiefe und Möglichkeit zur Befreiung, unsere Freiheit.
   Aber das Babel der Sprachen generiert auch Chaos und Durcheinander, die der Humanismus nie durch auf- merksames Hören allein auf die Sprachen der anderen in Griff bekommen wird. Der Augenblick ist gekommen, die seit alters her gültigen moralischen Richtlinien wieder aufzugreifen: nicht um sie aufzuweichen, indem man sie in Frage stellt, sondern um sie im Hinblick auf die neuen Singularitäten zu erneuern. Die Verbote und Grenzen sind alles andere als bloße Archaismen, sie sind Schutzmechanismen, über die man nur um den Preis des Verlusts des Gedächtnisses hinweggehen kann, das den Pakt zwischen den Menschen untereinander, zwischen ihnen und dem Planeten, den Planeten darstellt. Die Geschichte gehört nicht der Vergangenheit an: die Bibel, die Evangelien, der Koran, der Rigveda, das Tao gehören heute zu uns. Es ist utopisch, neue kollektive Mythen erschaffen zu wollen, und es reicht auch nicht aus, die alten nur weiter zu interpretieren. Es ist unsere Aufgabe, sie neu zu schreiben, neu zu denken, neu zu leben: in den Sprachen der Moderne.
   Es gibt kein Universum mehr, die wissenschaftliche Forschung entdeckt das Multiversum und hört nicht auf, es auszuloten. Eine Vielfalt von Kulturen, Religionen, Geschmäckern und Kreationen. Eine Mannigfaltigkeit an kosmi- schen Räumen, an Materien und Energien, die neben der Leere bestehen, die zusammen mit der Leere Neues hervorbringen. Habt keine Angst, sterbliche Wesen zu sein! Der Humanismus, der die Fähigkeit besitzt, das Multi- versum zu denken, steht vor einer epochalen Aufgabe: die Sterblichkeit in das Multiversum des Lebendigen und des Kosmos einzuschreiben.
   Wer kann das? Der Humanismus, weil er Sorge trägt. Werden die liebende Sorge cura um den anderen, die öko- logische Pflege der Erde, die Erziehung der jungen Menschen, die Begleitung der Kranken, der Menschen mit Be- hinderungen, der Altersschwachen und der Abhängigen das Voranschreiten der Wissenschaften und die Explosion des virtuellen Geldes nicht aufhalten?  Der Humanismus wird kein Regulierungsinstrument für den Liberalismus sein, den zu verwandeln er sich - sei es der apokalyptischen Rückschläge wegen, sei es um einer besseren Zukunft willen — hüten wird. Indem er sich seine Zeit nimmt, eine neue Nähe und elementare Solidaritäten schafft, wird der Humanismus die anthropologische Revolution begleiten, die sich bereits sowohl in der die Frauen emanzipierenden Biologie als auch im unbekümmerten Immer-weiter-so der Technik und Finanzwelt, aber auch in der Ohnmacht des pyramidenförmig gestalteten demokratischen Modells, die Innovationen in die richtigen Bahnen zu lenken, ankündigt.
   Nicht der Mensch macht die Geschichte, sondern die Geschichte, das sind wir. Zum ersten Mal ist der homo sapi- ens in der Lage, im Namen seiner Religionen, seines Glaubens und seiner Ideologien die Erde und sich selbst zu zerstören. Aber auch zum ersten Mal haben die Männer und Frauen die Fähigkeit dazu, in aller Deutlichkeit die Tatsache neu zu bewerten, dass die Religiosität untrennbar mit dem menschlichen Sein verbunden ist. Die Begegnung hier in Assisi, trotz all unserer Verschiedenheit, ist ein Zeugnis dafür, dass die Annahme der Zerstö- rung nicht die einzig mögliche ist. Niemand weiß, welche Art von Mensch auf uns folgen wird, die wir hineingestellt sind inmitten dieses so noch nie da gewesenen anthropologischen und kosmischen Umwertungsprozesses. Weder ein Dogma, das von der Vorsehung bestimmt ist, noch eine bloße Spielerei des Geistes — die Neubegründung des Humanismus ist eine Wette.
   Das Zeitalter des Verdachts ist nicht mehr ausreichend. Angesichts der wachsenden Krisen und Bedrohungen ist nun das Zeitalter der Wette gekommen. Wagen wir, auf die kontinuierliche Erneuerung der Fähigkeiten der Män- ner und Frauen zu wetten, gemeinsam zu glauben und zu wissen! Auf dass die Menschheit in dem von der Leere eingesäumten Multiversum noch lange ihrer kreativen Bestimmung folgen können möge.”
Julia Kristeva, geb. 1941, Philosophin, Literaturtheoretikerin und Psychoanlalistin, Professorin an der Uni- versität Paris Diderot (Paris VII.) Übersetzt von Dr. Alwin Letzkus, aus: IkaZCommunio41(2012)476-480

vv-Assisi-4x  Vorhof der Völker in Assisi: „Mit Ethik gegen die Krise“

   Unter dem Eindruck der Krise in Italien steht die aktuelle Ausgabe des Vorhofs der Völker, zu dem im umbrischen Städtchen Assisi Vertreter aus Kirche, Politik, Kultur und Gesellschaft zusammengekommen sind. Kardinal Gian- franco Ravasi, Präsident des Päpstlichen Kulturrates, hat die „mobile Gesprächsplattform“ für Gläubige und Nicht- Glaubende mit initiiert; die aktuelle Ausgabe trägt den Titel „Gott, der Unbekannte“. Prominenter Gast am ersten Tag der Veranstaltung, war der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano. Die Krise brauche auch spirituelle Antworten und ethisch orientierte Lösungen, erinnerte Kardinal Ravasi im Kontext des Treffens in der Stadt des heiligen Franziskus gegenüber Radio Vatikan:
 „Das Volk hat wichtige Fragen, die manchmal sogar das Überleben betreffen, und diese müssen nicht nur vom po- litischen, sondern auch vom kulturellen und religiösen Gesichtspunkt aus angegangen werden. Auch die verschie- denen Zelte hier zeigen deutlich auf, dass wir mit diesem Treffen einen wahrhaften Samen in der italienischen Gesellschaft einpflanzen wollen.“
   Fragen der Werte, der „Durst nach Gerechtigkeit“ und eine Untersuchung der „Komplexität der aktuellen ökono- mischen Systeme“ seien Aspekte, denen man hier mehr Aufmerksamkeit schenken müsse, so Kardinal Ravasi, der sich am Freitag über genau diese Fragen mit Staatspräsident Napolitano austauschte. Er habe schon mehrfach Gelegenheit gehabt, mit dem Politiker über Recht und Moral, Wahrheit und die Rolle der Religion in der Gesellschaft zu sprechen, so Kardinal Ravasi.
   Napolitano fand in seiner Beitrag zum vatikanischen Dialogforum in Assisi deutliche Worte für die aktuelle Lage Italiens; er sprach von einem „moralischen Verfall“: „Die italienische Gesellschaft lebt in diesem Moment eine Phase tiefer Unsicherheit und Unruhe, in der vielleicht die Idee des ,Gemeinwohls‘ und des ,Interesses der Allge- meinheit‘ neu definiert und stärker verfestigt werden sollte.“
   Diese Unsicherheit werde zwar von der Wirtschaftskrise hervorgerufen. Sie werde aber durch Unzulänglich- keiten der Politik, den Werteverfall und eine Kultur der Illegalität verschärft, fuhr Napolitano fort. Dies rufe wiede- rum eine Ablehnung der Politik im Land hervor. Der Staatspräsident forderte hier einen erneuerten „außer- ordentlichen Schulterschluss und eine enge Zusammenarbeit“ zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen, wie dies zur Zeit der verfassungsgebenden Versammlung in Italien – einer Zeit, die als moralisch „hochwertig“ im histo- rischen Gedächtnis Italiens erinnert wird – der Fall gewesen sei. Napolitano: „Wir brauchen in allen Feldern eine Öffnung, gegenseitiges Zuhören und Verständnis, Dialog, Annäherung und Einheit in der Vielfalt. Wir brauchen also den Geist Assisis.“
  Ziel des Vorhofes der Völker sei es, Gott in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft spürbar zu machen, führte Kardinal Ravasi im Interview mit Radio Vatikan weiter aus. Er ging dabei auf den Titel des Treffens in Assisi ein - „Gott, dieser Unbekannte“: „Die Zielrichtung ist vielleicht die, einen umfassenden Horizont zu schaffen, in dem auch ein unbekannter Gott oder ein fremder Gott Platz hat. Wir wollen erreichen, dass Gott in all diesen verschiedenen Bereichen – die hier durch den interkulturellen und interreligiösen Dialog für den Frieden und durch die jungen Leute zwischen Glaube und Nihilismus repräsentiert sind – dass Gott in diesen Feldern spürbar wird. Als eine Anwesenheit mit Bedeutung, mit Bedeutung möglicherweise auch für Nicht-Glaubende.“    RVcs121006pr

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Vorhof der Völker nach Paris, Assisi, Bukarest und Tirana jetzt auch in Stockholm:
Die Nischen-Erfahrung des Christentums

   Der Vorhof der Völker, die „mobile Gesprächsplattform“ des päpstlichen Kulturrates für das Gespräch mit den Nicht-Glaubenden, machte ein Wochenende Station in Stockholm. Der Titel der Veranstaltung: „Die Welt, mit oder ohne Gott?“ Es ist das erste Mal, dass die Initiative in einem Land evangelisch-lutherischer Tradition durchgeführt wird. Schauplatz ist die königliche Akademie des Wissenschaften von Fryshuset Foto unten. Im säkularen Schwe- den sei der Glaube in die Krise geraten, erzählt Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des päpstlichen Kulturrates. Es sei auch das erste Mal, dass ein Kardinal Fuß in den schwedischen Königspalast setzte, wo die Nobelpreise vergeben werden, so Kardinal Ravasi weiter. Rv120913

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 Kardinal Gianfranco Ravasi, Präsident des päpstlichen Kulturrates, im Interview mit Radio Vatikan:
   „Die luthersche Welt ist sicher eine sehr lebendige Umgebung, steckt aber auch tief in der Krise. Deshalb wird der Glaube immer mehr zu einer Nischen-Erfahrung, gerade dort, wo damals eine große Tradition sogar in gewissem Sinne Staat und Kirche vereinte, den Thron und den Altar. Für uns ist es heute interessant, einen Glaubenshorizont zu beobachten, der fast wieder in den Untergrund abgetaucht ist.“
    Die Akademie der Wissenschaften, die sich sonst „mit Stolz laizistisch“ gebe, habe den Vorhof der Völker aber mit großem Interesse aufgenommen, erzählt der Kardinal weiter. An diesem Ort sei es besonders suggestiv, alle „Potenziale, Möglichkeiten und Schattierungen des Nicht-Glaubens“ zu erkunden. Es gebe in Schweden aber frei- lich auch noch eine ganz andere Seite, so Ravasi:
   „Es gibt eine extrem edle und hochwertige Bestätigung des Glaubens: vergessen wir nicht die beiden großen Lehreinrichtungen in Lund und Uppsala: die theologische Fakultät und Universität dort.“ Rv120913pr

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„Vorhof der Völker“ in Portugal zum Wert des Lebens

   Die Vatikan-Initiative „Vorhof der Völker“ macht Station in Portugal: in den Städten Guimarães und Braga, die 2012 EU-Hauptstädte der Kultur bzw. der Jugend sind. Bei den Debatten sucht die Vatikan-Stiftung, die dem Päpstlichen Kulturrat zugeordnet ist, das Gespräch mit Nichtglaubenden, diesmal zum Thema Leben. Papst Benedikt XVI. hat dem Leiter seines Kulturrats, Kardinal Gianfranco Ravasi, eine Botschaft mit nach Portugal ge- geben. Darin nennt er es „ausgesprochen wichtig, den Wert des menschlichen Lebens angesichts einer um sich greifenden Kultur des Todes zu bekräftigen“. Für einen Glaubenden sei das Leben „ein Geschenk Gottes, über das der Mensch nicht einfach selbst verfügen kann“. „Wir sind kein zufälliges Produkt der Evolution“, so der Papst wörtlich, „sondern jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes“.
Wert des Lebens
  „Aber warum diese Berufung auf Gott, um den Wert des Lebens zu betonen?“ fragt Benedikt dann in der Bot- schaft. Und er antwortet „mit einer menschlichen Erfahrung“. Wenn ein geliebter Mensch sterbe, dann sei das für den, der zurückbleibe, „das absurdeste Ereignis, das man sich nur vorstellen kann“, weil der Geliebte doch verdient hätte, weiter zu leben. „Doch jemandem, der nicht liebt, erscheint derselbe Tod derselben Person als ein natürliches, logisches, keineswegs absurdes Ereignis.“ Benedikt wörtlich: „Wer von ihnen hat recht? Der, der liebt, oder der, der nicht liebt?“
Gott liebt jede Person
   Die Haltung des Liebenden sei die richtige, „wenn jede Person von einer unbegrenzten Macht geliebt wird“ – und genau hier liege „das Motiv, warum es korrekt ist, sich auf Gott zu berufen“. Denn Gott liebe jede Person, „und darum verdient jede Person es, zu leben“. Wörtlich schreibt der Papst: „Der Wert des Lebens wird völlig evident, wenn es Gott gibt. Darum wäre es gut, wenn auch Nichtglaubende so lebten, „als ob es Gott gäbe“, denn wenn sie nicht ihr Leben auf der Grundlage dieser Hypothese gestalten, funktioniert die Welt nicht.“ RV121117sk

Radio-Interview mit Kardinal Gianfranco Ravasi  cdGianfrancoRavasi3x

Zum 70. Geburtstag. Eine Sendung von Aldo Parmeggiani: Menschen in der Zeit: Kardinal Gianfranco Ravasi
Herr Kardinal, Sie haben mit elf Jahren begonnen – auf eigene Faust – Griechisch zu lernen. Das kommt nicht sehr oft vor. Heute beherrschen Sie eine Vielzahl von Sprachen. Ist Ihnen dies alles in die Wiege gelegt wor- den?
   „Ohne Zweifel gibt es dieses Geschenk, diese Gnade - nicht nur in der Theologie, sondern auch auf dem Gebiet der Kunst, der Kultur. Das wird auch Sonderbegabung genannt und ist ganz einfach als ein Geschenk zu be- trachten, ein Geschenk, das allerdings immer auch weiter gepflegt werden muss. Ich bin kein Genie, aber ich habe sicherlich ein Erbe aus der typisch klassischen Kultur mitgeschenkt bekommen, ein Erbe, das den Namen Neugier- de mitträgt. Das heißt, ich hatte immer den Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen, Deshalb habe ich in den verschiedensten Kulturbereichen der Menschheit meinen Weg gesucht.”
Sie wollten Professor für Griechisch und Latein werden. Haben aber nach dem Gymmnasium den Entschluss gefasst, Priester zu werden. Was war da geschehen? Gab es da ein Damaskuserlebnis? 
   „Wenn ich über meine Berufung etwas beichten darf, muss ich auf ein Datum hinweisen, das bei unseren Hörern sicher auf Verwunderung stoßen wird: ich war nämlich erst vier Jahre alt, als ich eine Erfahrung machte, die ich bis heute im Innersten meines Herzens trage, auch wenn ich deren Bedeutung erst später erkannte. Damals lebte noch mein Großvater, mit dem ich sehr eng verbunden war.
   Ich erinnere mich noch ganz genau an die wunderbare Abendstimmung, die Hügellandschaft und die Talebene, durch die gerade pfeifend ein Zug fuhr. Ich weiß nicht warum – ich kannte ja noch nicht die Erzählung Pirandello’s vom ‚Pfiff des Zuges’ (Il fischio del treno) - aber plötzlich überfiel mich ein tiefes Gefühl der ….Unzulänglichkeit, der Melancholie, die in mir spontan den Wunsch aufkommen ließ, mich an etwas zu klammern, an etwas mir noch Unbekanntes, das über allen Dingen zu schweben schien. Als Kind suchte ich wahrscheinlich die Zuwendung eines Mitmenschen, eine Sicherheit. Letzten Endes aber war es die Sehnsucht nach der Unendlichkeit. Also diese Episode erachte ich als den Augenblick meiner Berufung.“
In der Folge weist Ihr ‚curriculum vitae’ in der kirchlichen Laufbahn einen ständigen und steilen Weg nach oben auf: bis zum Kardinalshut. Hätten Sie sich dies als einfacher Priester jemals vorstellen können?
   „Da dieses Gespräch ein sehr persönliches zu werden scheint - sagen wir eine Art öffentliche Beichte vor einem Publikum, das ich sehr schätze, ich bin nämlich ein leidenschaftlicher Verehrer auch der deutschen Kultur - will ich ganz offen sprechen und auf einen Aspekt hinweisen, der nicht meine Tugendhaftigkeit unterstreichen soll, son- dern der ganz einfach auf Tatsachen beruht: ich habe nie an meine Karriere gedacht oder sie herbeigewünscht. Ich habe nie meinen Lebenslauf, der sich erst in der letzten Phase meines Daseins so erstaunlich entwickelt hat, auf diese Weise angestrebt.
   Mein Traum war immer - außer dem Unterrichten - in der Forschung auf wissenschaftlichem Gebiet tätig zu sein. Und in der Tat konnte ich dies auch lange Zeit ausführen. Den Weg nach Rom - die große Stadt der Berufungen - hatte ich nicht geplant, obwohl mich dann meine Forschungsarbeit dorthin geführt hat. Diese letzte Phase in meinem Leben – das muss ich zugeben – ist für mich wirklich eine Überraschung im wahrsten Sinne des Wortes.“
Als hervorragender Bibelkenner und Exeget haben Sie Ihre Wissenschaft immer auf Fakten aufgebaut. Ihr wichtigstes biblisches Anliegen scheint - mit Hilfe der Psychologie, Soziologie, Anthropologie, Archäologie und Theologie – darauf ausgerichtet zu sein,  zu beweisen, dass der wahre Jesus mehr als der historische Jesus ist?
   „Im Rahmen meiner Tätigkeit als Dozent für Exegese habe ich vor allem zwei Linien herausgearbeitet: einerseits natürlich jene Linie des biblischen Glaubenstextes - eine Art Fanal auf dem Lebensweg des Gläubigen – und zweitens habe ich mich sehr eingesetzt für eine geschichtliche Interpretation des biblischen Textes und dessen Inkarnation, in der Tat: schlagen wir irgend eine Seite der Bibel auf, dann ist es nicht schwer, eine Stelle über den Krieg oder eine klagende Gestalt zu finden, wir stoßen auf den Schrei Hiobs, irgendwie auf die Leere des Kohelet, ja auf Jesus Christus selbst, der in der Sprache für einen beschränkten Kulturraum spricht. Seine 35 Gleichnisse sind mit Sicherheit eine Art Spiegel eines Horizonts, in dem er selbst eingebunden war.
   Die Bibel muss also unter dem Aspekt ihrer sozialen, exitentiellen, archäologischen, geografischen und histo- rischen Koordinaten betrachtet werden, die die Inkarnation betreffen. Das heißt, sie gehören zu dem Wort, das Fleisch geworden ist. Unter anderem befindet sich in Goethes Faust eine diesbezügliche außerordentliche Analyse mit einem wunderbarem Wortspiel. Wir müssen also anerkennen, dass Christus als Fixpunkt der Heiligen Schrift sicherlich auf der einen Seite der geschichtliche Jesus, gleichzeitig aber auch das Wort, der logos, ist. Er ist das transzendente Wort, aber er ist auch Jesus von Nazareth. Deshalb die Notwendigkeit, im realen Jesus – wie Bene- dikt XVI. sagt – sowohl den logos, das Fleisch, die Zerbrechlichkeit, die Göttlichkeit, als auch die konkrete Wirk- lichkeit, das Absolute, das Ewige, die Geschichte, die Unendlichkeit und den Raum zu sehen.“
Würden Sie uns den eben benannten Passus über Goethes Faust noch einmal kurz erklären?
   „Goethe präsentiert den Faust im ersten Abschnitt, einem der schönsten Texte der westlichen Kultur überhaupt: Am Anfang war das Wort. Dann aber fügt er noch etwas hinzu und übersetzt: Am Anfang war der Sinn, die Bedeutung, der Sinn des Daseins, des Seins. Und fügt vielleicht noch eine Steigerung hinzu, denn es ist ein Wort, das etwas kreiert, es ist ein Wort, das die Geschichte prägt: nämlich das Wort ist die Kraft. Und schließlich fasst er zusammen; am Anfang war die Tat. Goethe beurteilt dies aber negativ. Was also ist das Wort Gottes? Es ist gleichzeitig Wort, Bedeutung, Macht, Tat.“
Wie kann man einem modernen Menschen erklären, dass es die ‚Vorsehung’ wirklich gibt?
   „Dem modernen Menschen kann man vor allem zeigen, dass jene obskure Realität, das Böse, in Wirklickeit eine außerordentliche Wachstums-Komponente der Menschheit ist. Ich möchte das so erklären: wenn wir nicht das Böse hätten, die Begrenzung, die Vergänglichkeit, die Unglückseligkeit, gäbe es vielleicht 80 Prozent weniger Weltliteratur. Wir hätten keinen Dostojewski, wir hätten keinen Goethe, wir hätten keinen Dante. Vergessen wir nicht, dass auch im Bösen ein Sinn enthalten ist.
   Das Buch Hiob zeigt genau auf, dass, auch wenn Gott scheinbar deine von Rationalität gezeichneten Probleme nicht unmittelbar löst, diese dennoch Teil eines meta-rationalen und nicht irrationalen Planes sind. In diesem Licht muss, glaube ich, die Vorsehung betrachtet werden. Manchmal hilft die Vorsehung ja auch, konkrete Probleme zu lösen, aber sie vermittelt immer ein transzendentes Gefühl, in dem wir allerdings nicht immer den Sinn erkennen.“
Ist die Theologie demnach eine Wissenschaft?
   „Wir wissen, dass Johannes Paul II. eine Enzyklika geschrieben hat, die nicht nur für Theologen wichtig ist: ‚Fides et Ratio’. Sie enthält das berühmte Bild der Erkenntnis. Die Erkenntnis braucht, um in das Geheimnis ein- treten zu können, zwei Flügel. Den Flügel der überlieferten Wahrheit und den Flügel jener Wahrheit, die durch die Vernunft errungen wurde. Aus diesem Grund müssen wir immer anerkennen, dass es eine wissenschaftliche Methotologie der Theologie gibt.
   Sicher, der Glaube stellt einen Schritt weiter dar. Der Heilige Augustinus drückt das mit einem Satz aus, der uns skandalös erscheinen mag, in Wirklichkeit jedoch blitzgescheit ist: ‚Wenn der Glaube nicht gedacht ist, dann ist es kein Glaube!’. Also muss der Mensch dieses große Mittel des Denkens benützen, und dieses Mittel trägt ihn vor das Tor des Lichtes, hinter dem dann der Weg des Glaubens erst beginnt. Die Logik dieses Glaubens ist dann nicht mehr die Logik der Vernunft. Deshalb ist die Theologie eine Wissenschaft auf zwei Ebenen: zuerst kommt die Fun- damentaltheologie, dann folgt der Weg der Mystik, der jedoch nicht extatisch, also sinnlos, sondern ein Weg der höheren Logik ist: mehr oder weniger ist dies auch der Weg der Erfahrung der Liebe und der Erfahrung der Ästhe- tik.“
Wissenschaft und Theologie sind nicht immer einer Meinung: Wo ist die Grenze zwischen der Wissenschaft und dem Glauben? Wo hingegen treffen sie sich?
   „Wir tragen auf unseren Schultern eine Erfahrung, die oft als kontrastreiche Erfahrung zwischen dem Glauben und der Wissenschaft bezeichnet wird. Immer wieder hieß es im 19. Jahrhundert aus dem Lager der Positivisten: die einzigen Wahrheiten sind jene, die bewiesen werden können. Offensichtlich wurden damit alle theologischen und im engeren Sinne auch philosophischen Überlegungen ad acta gelegt.
   Heute wird diese positivistische Haltung auch von nichtglaubenden Wissenschaftlern nicht mehr vertreten. Viel- mehr gibt es nach ihrer Ansicht mindestens zwei verschiedene Erkenntnisebenen: der Mensch besitzt auch eine Erkenntnisebene zum Beispiel auf dem Gebiet der Poesie, der Kunst, des Verliebtseins, was auch in der Theologie, der Philosophie, im Glauben, der Fall ist. Ein großer amerikanischer Wissenschaftler, Steven Gould, jüdischer Ab- stammung und Atheist, er ist 2002 gestorben, hat eine Formel geprägt: zwischen der Theologie und der Wissenschaft laufen paralell zwei verschiedene Strömungen, die nicht miteinander verbunden werden können. Sie können also untereinander nicht in Konflikt kommen. Da sie zwei verschiedene Wege gehen.
  Das ist bereits die Anerkennung und Würdigung einer Wissenschaft, die außerhalb des Bereiches der Physik liegt. Heute liegt der Schwerpunkt immer mehr auf dem Gebiet des Dialogs. Denken wir an Einstein, der ausdrücklich unterstrich, dass er bei der Ausarbeitung seiner Relativitätstheorie die Philosophie in Anspruch nehmen musste. Die Versuchs-Wissenschaft über das Konzept von Zeit und Raum reichte nicht mehr aus. Wir müssen also anerkennen, dass Wissenschaft und Glauben gegenseitig ihre Autonomie respektieren müssen, gleichzeitig aber auch einen Dialog führen können, da sowohl das Subjekt als auch das Objekt ihrer Forschung einzigartig sind.“
Herr Kardinal, was ist dieser ‚Vorhof der Völker’, den der Papst sich gewünscht und Ihnen anvertraut hat? Welches Ziel strebt diese neue Einrichtung an? Ist es ein Ort, an dem Nichtglaubende bekehrt werden sollen?
   „Der Vorhof der Völker war einst ein offener Raum vor dem Tempel von Jerusalem, zu dem auch die Heiden Zu- tritt hatten. Gegenüber befand sich der Hof der Israeliten. Und so konnten sich die beiden verschiedenen Gemeinschaften gegenseitig in die Augen schauen.
   Im Jahre 2010 hatte Papst Benedikt den Wunsch geäußert, diesen Raum im Bereich unserer Kirchen wieder einzuführen. Es ist ein offener Raum, in dem der Wind der Gedanken, der Wind des Geistes, der Religion und der Forschung weht. Wir haben inzwischen Dutzende von Begegnungen in aller Welt in diesen ‚Vorhöfen der Völker’ veranstaltet und hier glaubende und nichtglaubende Persönlichkeiten versammelt, die sich mit den großen Fragen der Menschheit befassen. Ein großer Philosoph des 19. Jahrhunderts, Søren Kierkegaard, sagte: ‚Wir befinden uns wie auf einem Schiff, das mittlerweile von einem Koch gesteuert wird. Das, was der Kapitän durch den Laut- sprecher bekannt gibt, ist nicht mehr die Route, sondern das, was wir morgen essen werden’. In einer Welt, in der nur mehr die Mode, das Essen, der Sex und nichts anderes mehr eine Rolle spielen, muss es Stimmen geben, die dir einen Sinn vermitteln. Das ist der Grundgedanke des ‚Vorhofs der Völker’.“
Sie sind ein bedeutender Kommunikator des Sakralen, ein hervorragender Biblist. Sie suchen das Gespräch mit der säkularisierten Welt, mit den Atheisten, den Agnostikern. Sie haben in den vergangenen zwei Jahren bereits in Paris, Bologna, Bukarest, Florenz, Rom, Assisi, Tirana, Mexikostadt, Palermo und demnächst in Berlin dieses universale Gesprächsforum mit Menschen verschiedener Kulturen, Sprachen und Religionen inszeniert. Gibt es dazu einen roten Faden?
   „Ich denke das rechte Stichwort dazu lautet ‚Dialog’. Was bedeutet Dialog auf griechisch? Es bedeutet: dia  - zwei, Logos - Gespräche, Gespräche die sich kreuzen, sich begegnen. Es bedeutet auf griechisch aber ebenso: das Gespräch vertiefen. Und darüber muss ernsthaft nachgedacht werden. Pascal sagte einmal: ‚Das Prinzip der Moral heißt in korrekter Weise denken zu lernen.’
   Lernen also auch wir – wenn auch in verschiedener Weise und unter verschiedenen Gesichtspunkten – aber in ernsthafter Absicht über ernsthafte Themen nachzudenken, sodass wir über die Gleichgültigkeit hinauswachsen. Denn die Gleichgültigkeit, die Oberflächlichkeit die Banalität, die sind der wahre Atheismus. Das ist – würde ich sagen – das große Ziel des Dialogs.
   Und in diesem Zusammenhang möchte ich hervorheben, dass bereits zwei hohe Persönlichkeiten aus Berlin, die- ser stark säkularisierten Großstadt – nämlich die Oberbürgermeister Klaus Wowereit und der Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki – beide ihren Wunsch geäußert haben, Berlin möge Zeuge dieses Willens zum Dialog werden.“
Was schätzen Sie an einem Agnostiker, was missfällt Ihnen bei einem Christen?
   „In dem Agnostiker schätze ich – und ich würde mir wünschen, dass dies auch bei den Gläubigen der Fall ist - seinen Wunsch nach der Suche des Ursprungs. Da er sein Ziel noch nicht kennt, stellt er sich Fragen. Mir fällt hier ein Ausspruch von Platon ein, den er Sokrates in den Mund legt: ‚Ein Leben ohne Suche verdient nicht gelebt zu werden.’
   Die Suche ist eine fundamentale Komponente, die auch uns Glaubenden gelehrt werden muss. Wie der Psalm sagt: Licht im Lichte, wir werden in deinem Licht ein anderes Licht erkennen. Was den Christen betrifft, würde ich mir wünschen, dass dieser dem Nichtglaubenden mit dem Ausdruck der Gelassenheit, der Freude, der Hoffnung begegnet. Und nicht mit dem Gesicht der Negativität.
   Wie oft wird die Religion als Kampf gegen die Sünde dargestellt. Religion ist vor allem eine Gnade! Sie ist vor allem der Eintritt Gottes in die Geschichte, sie ist Begegnung der Menschen. Deshalb wünschte ich mir, dass der Gläubige mehr diesen Aspekt erkennt, den Aspekt des Lichts, der Gelassenheit, der Hoffnung. Die Hoffnung ist die kleinste Tugend, aber sie führt die beiden anderen an der Hand: den Glauben und die Barmherzigkeit.“
Die Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube, ein berühmter Satz in Goethes Faust.
 „Sie treffen mit Ihrer Bemerkung einen wichtigen Punkt: den Punkt der Kommunikation innerhalb der Kirche heute. Es werden viel zu wenig Fragen zu den verschiedensten Themen gestellt. Man ist immer noch davon überzeugt, mit der traditionellen Art von Kommunikation voranzukommen. Ich, zum Beispiel, bediene mich der Form des Twit- terns. Jeden Tag am Morgen sende ich eine biblische Botschaft bestehend aus 140 Buchstaben und am Abend einen Beitrag mit kulturellem Inhalt, oder auch einen Blog. Ich schreibe in den Zeitungen und spreche im Fern- sehen. All dies tue ich, weil ich felsenfest davon überzeugt bin, dass ein Mensch, wenn er sich seiner eigenen Werte bewusst ist - das sage ich auch zu den nichtglaubenden Hörern, die auch ihre Ideen haben und an ihre Werte glauben – auch daran erinnert werden muss, dass man die Fähigkeit, die Frische, die Intensität, die Über- zeugungskraft, die Schönheit der Kommunikation beherrschen muss.
   Denken wir an Christus und seine Gleichnisse. Wenn wir am Sonntag in die Kirche gehen und der Priester ein Gleichnis vorliest, wissen die Leute schon am Anfang, wie dieses Gleichnis enden wird. Aber die Menschen hören dennoch aufmerksam zu, denn seine Parabeln strahlen immer wieder eine neue Faszination aus. Wir müssen auch in den heutigen Kommunikationsmitteln diese Ausstrahlung wiederentdecken. Mit unseren heutigen neuen digita- len Möglichkeiten arbeiten.“
Das wäre sozusagen die moderne Kanzel der Kirche?
   „Es ist wirklich ein neuer Aeropag der Kirche – um ein biblisches Beispiel zu nennen: als der heilige Paulus den Entschluss fasst, auch öffentlich aufzutreten - meist tat er das in griechischer Sprache, die das heutige Englisch wäre - wählt er die Wege, die ihn am schnellsten zum jeweiligen Ort seiner Auftritte führen: die römischen Konsu- larstraßen. Aber auch Athen, die Heimat der Kultur. Hier zitiert er in einer Ansprache Arates – ein griechischen Dichter – und einen weiteren Dichter, Kleantes, der auch Philosoph war, um die Rede spannender und eindrucks- voller zu gestalten. Sicher, manchmal blieb der Erfolg aus, aber viele folgten – wie die Apostelgeschichte schreibt – seinen Worten. Und auf diese Weise folgen auch heute viele der Botschaft.“
Sprechen wir jetzt über Schönheit, die Kunst: Spiritualität und Schönheit sind zwei untrennbare Begriffe: so hieß es am Ende des ‚Vorhofs der Vôlker’ in Barcelona. Was ist Schönheit?
   „Es gibt viele Definitionen der Schönheit und also auch der Kunst. Ich möchte hier zunächst einen tief anti- christlichen Autor nennen, und dann einen deutschen Künstler. Ein überzeugter antchristlicher Autor war Henry Miller. Der Autor des ‚Wendekreis des Krebses’ und des ‚Steinbocks’ schreibt in einem seiner weniger bekannten Werke folgende Worte über die Kunst und die Religion: ,Die Kunst und die Religion sind wertlos, es sei denn sie bezeugen den Sinn des Lebens.‘ Das ist nicht wenig, würde ich sagen.
   Der Andere hingegen heißt Hermann Hesse. In seiner Erzählung ,Klein und Wagner ‘ definiert auch er die Kunst. Und zwar in tief religiöser Weise, würde ich sagen: ,Kunst bedeutet, in jedem Ding Gott aufzeigen.‘ Nicht alle Künstler sind religiös, aber alle Künstler sind sich von Natur aus einig, in der Kunst nicht nur das Sichtbare aufzu- zeigen. Paul Klee sagte: ‚Die Kunst, die Schönheit stellt nicht das Sichtbare dar, sondern das Unsichtbare, das im Sichtbaren enthalten ist.’ Und dies ist der fundamentale Zweck der Kunst.
   Als Lucio Fontana, dieser berühmte italienische Künstler, eine Leinwand durchschneidet, antwortete er den fra- genden Journalisten: ‚Seht ihr denn nicht, dass dies ein Schimmer ins Absolute ist? Ein Schritt über die Öberfläche hinaus? Dies also, glaube ich, ist Schönheit: den letzten Sinn erfassen, der in der Alltäglichkeit verborgen ist.“
Kann man sagen, dass die Kunst eine universale Sprache spricht? Dass Glaube und Musik, Glaube und Malerei, Glaube und Kunst Geschwister sind?
   „Wir wissen, dass beide das Absolute, das Ewige suchen. Ein Naiv-Künstler zum Beispiel stellt seine Werke in sehr einfacher Art und Weise dar, in Wirklichkeit jedoch will er beweisen, dass diese einen tieferen Sinn haben. Deshalb sind Kunst und Glaube notwendigerweise Geschwister. Sie wollen nicht kleinliche Informationen vermit- teln, sondern letzte Horizonte aufzeigen.
  Deshalb möchte ich im Jahre 2013 auf der Biennale von Venedig – eine globale, internationale Kunstschau ersten Ranges, die sicherlich auch degenerierte Werke zur Schau stellt – letztes Jahr zum Beispiel war der Papillon der Bundesrepublik sicher großartig aber in gewisser Weise streifte er sogar die Blasphemie - will ich also in Vertre- tung des Heiligen Stuhls auch dabei sein. Dabei sein an einem Ort, wo sich die Kunst mit der Krise in der Gesell- schaft konfrontiert.
   Ich habe Künstler verschiedener Ausrichtung und verschiedener Konfessionen engagiert, denen ich ein Thema vorgegeben habe: nämlich die ersten elf Kapitel der Genesis. Dort wo sich die Schöpfung, wo die Auflösung der Schöpfung, wo die Öffnung, wo sich der Weg Abrahams zeigt. Auf der einen Seite also der Mensch, denken wir an Michelangelo und an seine Sixtina, die gemeinsame Liebe, auf der anderen die Sünde, die Gewalt des Kain und Abel, die Sintflut, der Turm zu Babel, die Auflösung der Schöpfung, und zum Schluss Abraham auf seinem Weg. Ich möchte, dass diese Künstler in einem Rahmen, wie ihn nur Venedig hat, der ganzen Welt zeigen können, was diese Themen bedeuten. Auch für jene Menschen, die nie eine Kunstausstellung besuchen, sondern ihren üblichen Alltag leben.“
Eminenz, ich möchte dieses Gespräch mit Ihnen mit Goethe abschließen, dessen Namen im Laufe dieser Sen- dung immer wieder gefallen ist: Goethe hat gesagt, die Muttersprache Europas ist das Christentum. Ist sie es auch heute noch?
   „Ich glaube, Goethe ist einer der großen geliebten Menschen der Universalität, der Menschheit, der Kultur. Goethe hat mit seinem Hauptwerk, seinen Reflexionen, seinen Dialogen uns allen vieles gelehrt. Ich glaube, diese tief empfundene und wahre Einschätzung hat für die gesamte Geschichte Gültigkeit. Wir leben heute in einer von Vergesslichkeit gezeichneten Welt, die sich an dieses große Patrimonium nicht mehr erinnern will: an die Mutter- sprache. Denken wir daran, welche Bedeutung das Christentum allein für die Kunstgeschichte hat! Denken wir, was es für das Ethos bedeutet. Wir tun der Ethik jeden Tag Gewalt an. Aber Europa, seine zehn Sterne, gibt es dennoch immer. Wir müssen alles tun, dass diese so vergessliche und oberflächliche Welt sich wieder dieses schönes lateinischen Spruches entsinnt : ,erinnern heißt, recordare cordis. Ins Herz einschließen.‘ Schließen wir also im Herzen die großen Symbole der Schönheit, der Wahrheit, des Lichts mit ein. Das sage ich nicht als Kardinal, auch nicht als Priester oder Glaubender, sondern als Mann der Kultur. Denn, wer keine Erinnerung hat, lebt nicht.“
Hintergrund
   Kardinal Gianfranco Ravasi wurde am 18. Oktober 1942 in Merate in der Lombardei geboren. Sein Vater war Steuerberater, seine Mutter Lehrerin. Seine klerikale Karriere begann Ravasi relativ spät, aber dann umso steiler. Die Etappen lauten: Professor für Exegese des Alten Testaments in Mailand, Leitung der Biblioteca Ambrosiana, 2007 Bischofsweihe und 2010 Kardinalsernennung, beides durch Papst Benedikt XVI. Schließlich wurde ihm die Leitung der päpstlichen Einrichtung ‘Vorhof der Völker’ übertragen. Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur gilt als einer der einflussreichsten Brückenbauer zwischen Kirche, Wissenschaft und Kunst. RV121014ap

Der „Vorhof der Völker“ trifft sich in Mexiko    at-GianfrancoRavasi-x

   Auch unter dem neuen Papst Franziskus bleibt der Dialog zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen eine Priorität: Der „Vorhof der Völker“ unter Federführung vom Präsidenten des päpstlichen Kulturrates, Gianfranco Ravasi, wird Anfang Mai in Mexiko tagen und damit zum ersten Mal über die europäischen Grenzen hinausgehen. Das gab der Vatikan bekannt. Am 20. April wird der Vorhof zunächst im kalabrischen Catanzaro Halt machen. Dort werden Ver- treter der Justiz, aber auch Philosophen mit Kardinal Ravasi über das Thema „Ethik, Religiosität, Mitverantwortung“ sprechen. In einer Gegend, in der die Mafia und deren Infiltration in die Gesellschaft ein schwer wiegendes Problem darstellen, wird der Vorhof sich also nochmals mit Religiosität und Phänomen des Atheismus, die mit der Kriminalisierung Hand in Hand gehen, beschäftigen. Im Jahr 2012 hatte ein ähnlich gelagertes Treffen im sizilia- nischen Palermo stattgefunden.
   Vom 6. bis zum 9. Mai wird der „Vorhof der Völker“ dann in Mexiko stattfinden. In dem formal zu 87 Prozent katholischen Land ist eine starke antiklerikale Tendenz zu bemerken. Ein runder Tisch zum Thema „Laizität und Transzendenz“ ist geplant. Dort sollen bekannte und erklärt nicht-gläubige mexikanische Universitätsdozenten wie Eduardo Gonzales di Pierro, Carlos Pereda Failache, Julio Hubbard, Hugo Hiriat und Carlos Ornelas teilnehmen. Insbesondere die nicht-öffentliche Diskussion, die in der radikal laizistischen - ehemaligen päpstlichen - Universität UNAM für den 9. Mai geplant ist und das erste Mal einen Kurienkardinal wie Gianfranco Ravasi als Redner sieht, ist von Interesse für den Dialogprozess. Neben anderen Treffen und Diskussionen in wichtigen mexikanischen Univer- sitäten wird Kardinal Ravasi am 7. Mai außerdem die Ehrendoktorwürde in Humanwissenschaft von der Universität von Pueblo verliehen. RV130410cs

 

po-AlainDeBotton-x      Allain de Botton

   Der gebürtige Schweizer Philosoph und Atheist Alain de Botton will im Londoner Finanzdistrikt einen Tempel für nichtgläubige Menschen errichten lassen. Das berichtet die Zeitung „The Guardian“. Zwar seien Atheisten in Kir- chen oder Synagogen willkommen, aber diese Gebäude seien immer noch Orte des Glaubens und damit nicht der richtige Platz für Menschen, die nicht an Gott glaubten, so Alain de Botton. Atheisten hätten aber unter Umständen die gleichen Gefühle und Bedürfnisse wie religiöse Menschen. Deshalb sei es wichtig, dass sie einen Ort hätten, wohin sie gehen könnten. Laut der Zeitung soll der Tempel umgerechnet rund eine Million Euro kosten. Der Betrag würde zur Hälfte von anonymen Spendern kommen. RV120128kipa
  
Dem widerspricht Richard Dawkins vehement: “Atheisten brauchen keine Tempel. Dieses Geld kann man für sinnvoller Dinge ausgeben. Wer in den Atheismus investieren will, kann die säkulare Bildung fördern und Schulen unterstützen, die rationales und skeptisches, kritisches Denken lehren.”

Eine Stiftung im Hunsrück vermarktet den Unglauben

Michael Schmidt-Salomon    RelMichaelSchmidt-Salomon-  Die Agenda des Neuen Atheismus

   Deutschland soll feiern, dass es vom Affen abstammt. Ein „Evolutionsfeiertag" solle Christi Himmelfahrt ersetzen, fordert die Giordano-Bruno-Stiftung anlässlich des Darwin-Jahres 2009. Der Staat, fordert die Stiftung, müsse die Konfessionslosen, deren Zahl die der Katholiken oder Protestanten in Deutschland übersteige, bei den Feiertagen gleichberechtigt berücksichtigen. Christi Himmelfahrt per Gesetz durch den Evolutionsfeiertag zu ersetzen sei ein - wohlgemerkt: erster - Schritt in diese Richtung.
   Die organisierte Konfessionslosigkeit zieht es in den öffentlichen Raum. Zunächst konnte man noch den Eindruck gewinnen, beim „Neuen Atheismus" handele sich um ein publizistisches Phänomen, angestoßen durch seinen pro- minentesten Autor, den Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Der hatte 2005 den Bestseller „Gotteswahn" ge- schrieben, der in 31 Sprachen übersetzt worden ist und dem Verfasser ein Vermögen einbrachte. Parallel zum publizistischen Erfolg etabliert sich indes seit etwa fünf Jahren vor allem in Deutschland ein organisierter Atheis- mus neuen Zuschnitts: Er besteht aus einem Geflecht voneinander abhängiger Organisationen und tritt mit dem Anspruch auf mindestens 25 Millionen Deutsche zu vertreten. Im Zentrum der Aktivitäten steht die Giordano- Bruno-Stiftung mit Sitz in Mastershausen im Hunsrück, deren Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon ist. Schmidt-Salomon, der sich gerne als Philosoph bezeichnet, hat lange genug auch Medienwissenschaften studiert, um zu verinnerlichen, dass der Markt der Weltanschauungen kein Oberseminar ist. Das Feld beherrscht, wer die Begriffe bestimmt - und auf die legt Schmidt-Salomon großen Wert: „Neuer Atheismus" etwa hört er nicht gern, er selbst spricht von der Bewegung des „Neuen Humanismus". Man vertrete auch nicht Konfessionslose, sondern „Konfessionsfreie". Möglichst viele Menschen sollen eingemeindet werden in die naturalistische Weltanschauung, und frei in seiner Konfession, wird suggeriert, sei vorrangig derjenige, der keine hat.
   2009 ist es allem voran die Evolution, die es den Neu-Atheisten angetan hat. Charles Darwin ist am 12. Februar 1809 geboren - und ihn zählt man wie selbstverständlich zur eigenen Bewegung. Darwin durfte - ein naturalis- tisches Wunder - auch selbst an seinem 200. Geburtstag teilnehmen, den die Giordano-Bruno-Stiftung für ihn ausrichtete. Dass er beim Geburtstags-Event in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt nicht aus der manns- hohen Plastik-Torte auf der Bühne hervorsprang, blieb die eigentliche Überraschung der Veranstaltung. Man beließ es dabei, einen Schauspieler in der Rolle des bärtigen Darwin eine Rede halten zu lassen. Zum äußerlichen gesellt sich der inhaltliche Darwin-Klamauk: Vor der Einspielung des Musikvideos zum Darwin-Song „Children of the Evolution" wird der „Darwin-Code" vorgestellt. Die Autoren des Buches deklinieren die Evolutionstheorie bis in die Grundfragen der Lebensführung herab: Was dürfen wir nicht mehr glauben? Was sollen wir essen? Wie können wir es treiben? - es soll eine fröhliche Wissenschaft sein. Der Evolutionstheorie einen Zug ins Frivole zu geben ist Teil des Programms. Denn die diesseitige Verheißung des Neuheidentums lautet: schrankenloses Glück durch Hedonismus. Den Augen der Zuschauer soll sich das erschließen, indem die Autoren des „Darwin-Codes" wieder- holt Bilder an die Wand werfen, die erst Gorillas und unmittelbar danach Bilder von unbekleideten Afrikanern zei- gen, die, zum Teil mit Speeren bewaffnet, um die Gunst barbusiger Afrikanerinnen wetteifern. Der ikonographische Rassismus erhärtet den Verdacht, dass es sich beim „Evolutionären Humanismus" doch um einen Widerspruch in sich handeln könnte. Die neuen Atheisten kennen diesen Einwand. Mit geradezu exegetischer Akribie versuchen sie deshalb den Beweis zu führen, dass Darwin von den Sozialdarwinisten, die das Motiv des Überlebenskampfs auf das menschliche Zusammenleben übertrugen, missverstanden worden sei. Das böse Wort vom „Kampf" in der Evolution solle durch Wettbewerb ersetzt werden, fordert einer der Redner.
   Ein Blick in den ausverkauften Saal der Nationalbibliothek nährt die Vermutung, dass die Kombination von Huma- nismusrhetorik und lebensweltlicher Orientierung, in die der Neue Atheismus verpackt ist, hier vor allem die neue Verpackung für den „alten" Atheismus ist. Die Gratulanten Darwins kommen in ihrer Mehrzahl aus dem Milieu des organisierten westdeutschen Atheismus: altlinke Freidenker,  Geistesfreie, Anhänger der Humanistischen Union(HU). Die ehemalige HU-Funktionärin, SPD-Politikerin und KfW-Vorsitzende Ingrid Matthäus-Maier zum Beispiel trägt ein Teil der Kosten des Abends. Die Interessen dieser „alten" Atheisten werden quer durch den Abend be- dient: Kein Vortrag, kein Einspieler über die Evolutionstheorie, der nicht auch eine antiklerikale Pointe fände. Vor dem Saal werden „Evolutionalien" feilgeboten: ein T-Shirt mit Marx, eines mit Darwin oder ein Foto, das Hitler und den Papst zeigt.
   Die Verehrung der Evolution durch organisierte Atheisten verwundert, denn im 20. Jahrhundert zeigte diese gegenüber dem organisierten Atheismus wenig Erbarmen: Die Zahl der Konfessionslosen in Deutschland mag - vor allem durch die Religionspolitik der SED in Ostdeutschland und die allgemeine Organisationssprödigkeit der Bürger - zugenommen haben, aber keine Weltanschauungsgemeinschaft hat so große Verluste wie der organisierte Atheismus zu verzeichnen. Um 1900 zählten etwa die Deutschen Freidenker mehrere hunderttausend Mitglieder, ein Jahrhundert später sind es kaum mehr 3.000. Fragt man Schmidt-Salomon, wie viele organisierte „Humanisten" es denn insgesamt, alle Organisationen zusammengenommen, in Deutschland gebe, sagt er: 100.000. Später heißt es, es seien etwa 50.000 Personen. Weil bekannt ist, dass viele organisierte Bekenntnislose Mehrfachmit- gliedschaften unterhalten, unterbietet Schmidt-Salomon zuletzt auch diese Angabe: „Vielleicht sind es auch nur 20000", sagt er dann. Was also ist neu am „Neuen Atheismus"? Vor allem: das Geld, das aus Mastershausen im Hunsrück fließt. Dort wohnt ein bodenständiger Mann, den der Zorn ergreift, sobald das Gespräch auf das Thema Religion kommt: Herbert Steffen sieht sich geschädigt durch den vorkonziliaren Provinz-Katholizismus der Nach- kriegszeit. Kaum ein Übel in dieser Welt, das der 72 Jahre alte Mann nicht der Religion im Allgemeinen und der katholischen Kirche im Besonderen anlasten wollte. Von deren unheilstiftendem Charakter ist Steffen derart über- zeugt, dass er mit dem Geld, das er mit dem Verkauf seiner Firma „Steffen-Möbel" erlöste, eine religionskritische Stiftung einrichtete und auf seinem Anwesen über den Niederungen des Hunsrücks Räume für eine Stiftungs- „Akademie" einrichten ließ.
   Das Kapital der Stiftung, dessen Höhe „top secret" sei, hat Herbert Steffen - die Ideen, wie man das Geld aus- gibt, kommen von Michael Schmidt-Salomon. Halblanges Haar, Zwölftagebart und Ohrring zeugen von bewegter Vergangenheit in der linken Szene. Als er Steffen im Jahr 2003 kennenlernte, überzeugte Schmidt-Salomon ihn zunächst, als Namenspatron für die zu gründende Stiftung Giordano Bruno zu wählen. Der als Ketzer verbrannte Renaissance-Philosoph ist zwar weltanschaulich ebenso schwer einzuordnen wie der bundesdeutsche Otto Normalagnostiker - passt damit aber genau zur Eingemeindungsstrategie des Neuen Atheismus.
   Ohne Schmidt-Salomon darbte Steffens Stiftung heute wohl unter dem Namen „Karl-Heinz-Deschner-Stiftung" vor sich hin und würde den altbackenen Feindbildern des von Steffen verehrten und finanzierten Kirchenkritikers anhängen, der mittlerweile im zehnten Band seiner „Kriminalgeschichte des Christentums" über die Geschichte zu Gericht sitzt. Ohne den Unternehmer Steffen wiederum hielte sich Schmidt-Salomon bis heute von Lehrauftrag zu Lehrauftrag „über Wasser", wie er selbst sagt. Erst mit Steffens Unterstützung konnte er seinen Unglauben zum Beruf machen und Spindoktor des Neuen Atheismus werden.
   Über seine Erfolge in dieser Funktion redet Schmidt-Salomon gern und ausführlich. Am liebsten über diejenigen Mitglieder des Stiftungsbeirats, die im Fernsehen auftreten, in Feuilletons schreiben und der Bruno-Stiftung über den Hintereingang den Zugang in die Feuilletons ermöglichen. Der Hirnforscher Wolf Singer gehört zu ihnen, der Anthropologe Volker Sommer sowie die Evolutionsbiologen Frank Wuketits und Ulrich Kutschera - die Liste ließe sich fortsetzen.
  Im Unterschied zu den organisierten Konfessionslosen anderer Verbände hat der Neue Atheismus der Bruno- Stiftung gelernt, seine Inhalte so zu konfigurieren, dass deren weltanschauliche Absicht nicht unmittelbar ein- sichtig ist. Mit dieser Strategie konnte die Bruno-Stiftung über ihre Beiratsmitglieder zuletzt auf prägende Debat- ten über das menschliche Selbstverständnis Einfluss nehmen: Das gilt für den Streit über Willensfreiheit und Strafrecht, für die Debatte, ob Altruismus nicht „bloß" verkappter Egoismus sei, und für die Diskussion über die weltanschaulichen Konsequenzen der Evolutionstheorie in diesem Jahr.
 Gewandtheit im Erwecken öffentlicher Aufmerksamkeit, beweist die Giordano-Bruno-Stiftung auch bei Kampagnen, die eher politischer als akademischer Natur sind. Dabei macht sich die Stiftung zunutze, dass das religiöse Feld trotz der These von der Privatisierung der Religion symbolisch vermintes Gebiet ist. Wer sich ungeschickt anstellt, kann, wie jüngste Vorgänge belegen, PR-Desaster ungeahnten Ausmaßes erleben - oder anders gewendet: Mit vergleichsweise geringem materiellen Aufwand lässt sich große Aufmerksamkeit erzielen. Den neuen Atheisten kommt dabei zugute, dass ihnen - den Kämpfern gegen gewaltschürende und repressive Religion - aggressives und kulturkämpferisches Verhalten zugestanden wird, das religiösen Akteuren als Fundamentalismus ausgelegt würde.
   Vor zwei Jahren etwa - auf dem Höhepunkt des Interesses an den Abgründen der Integration - stellte sich der „Zentralrat der Ex-Muslime" vor und wurde sogleich durch Deutschlands Zeitungen, Radiosender und Talkshows gezogen. „Zentralrat", „kritische Islamkonferenz", „Anti-Islamisierungs-Kongress" - begrifflich lehnte man sich der- art eng an das offiziöse Integrationsdeutsch an, dass man meinen konnte, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hätte die Ex-Muslime an den Tisch gebeten. Als der „Zentralrat" an die Öffentlichkeit ging, verfügte er schon über eine professionelle Homepage, ein eigenes Logo und ein plakatives Motiv, das unter der Überschrift „Wir haben abgeschworen" an das einstige Titelbild der Zeitschrift „Stern" „Wir haben abgetrieben“ aus dem Jahr 1971 erinnern sollte. Zu den wenigen Veranstaltungen der Ex-Muslime lud man altbekannte, sogenannte kritische Intellektuelle wie Ralph Giordano und Günter Wallraff ein. Dass man die beiden ebenso gut auch als Intellektuelle auf der Suche nach einem Thema bezeichnen kann, fiel bei der Berichterstattung ebenso unter den Tisch wie der Umstand, dass es sich bei den „Ex-Muslimen" um durchweg unbekannte Personen handelte und der „Zentralrat" organisatorisch zu keinem Zeitpunkt auf eigenen Beinen stand. Weitgehend unerkannt blieb auch, dass sowohl das Geld als auch die Ideen für die Ex-Muslime aus Mastershausen im Hunsrück kamen.
   Den Einfall, Werbeflächen auf Bussen des öffentlichen Nahverkehrs für religionskritische Slogans zu mieten, übernimmt man aus London. Auch in anderen Städten, darunter Barcelona, Genua und Washington, ist dieses Vorhaben in der Planungsphase oder schon umgesetzt. In Deutschland wirbt jetzt eine Internetseite um Spenden für eine ähnliche Kampagne in Berlin, Köln und München. Nach Angaben eines Organisators wird das Vorhaben ausschließlich über kleine Einzelspenden finanziert. Verantwortlich für die Homepage ist Carsten Frerk, einer der Kuratoren der Bruno-Stiftung, und auch die angegebene Bankverbindung verweist auf die Bruno-Stiftung.
  Für die traditionellen Verbände der Konfessionslosen-Szene, also Freidenker, Bund für Geistesfreiheit, Huma- nistische Union und den Humanistischen Verband, ist der Erfolg der Giordano-Bruno-Stiftung Segen und Fluch zugleich: Sie profitieren zwar von der Aufmerksamkeit, die die Giordano-Bruno-Stiftung der Religionskritik verschafft. Dass sich knapp ein Dutzend Verbände Ende 2008 zum „Koordinierungsrat säkularer Organisationen"(Korso) zusammengeschlossen haben, ist aber auch Ausdruck des Versuches, die Giordano-Bruno-Stiftung um ihren quirligen Vorstandsprecher Schmidt-Salomon einzuhegen und die öffentliche Aufmerksamkeit zu gleichen Teilen unter allen Verbänden aufzuteilen.
   Abzuwarten bleibt, ob es dem „Koordinierungsrat" gelingt, gemeinsam die immer wieder angekündigte „positive Alternative" zur Religion auch einmal auszuformulieren. Die Auffassungen der einst SED-gestützten Freidenker etwa, die schon die Freilassung Slobodan Milosevics forderten und Egon Krenz in einem Telegramm zur Haftentlassung gratulierten, teilt kaum jemand im Koordinierungsrat. An einen Tisch setzt man sich dennoch ohne Bedenken. Auch gegenüber der Bruno-Stiftung gibt es Vorbehalte: Horst Groschopp, der Bundesvorsitzende des Humanistischen Verbandes hält das Projekt eines „evolutionären Humanismus" für weltanschaulich verbrannt. Groschopp verweist auf den Einfluss des „deutschen Darwin", Ernst Haeckel. Der war Ikone des nach 1900 einflussreichen Monistenbundes und zugleich einer der wichtigen Wegbereiter der Rassenhygiene und des Gedankens vom „lebensunwerten Leben". FAZReinhardBingener090323

Die Aktivitäten der Giordano-Bruno-Stiftung
- Die Bruno-Stiftung zeichnet verantwortlich für die „Religionsfreie Zone", die als Gegenveranstaltung zum Welt- jugendtag 2005 mit der Aussage auftrat, Jesus habe ein „jenseitiges Auschwitz mit Engeln als Selektionären an der himmlischen Rampe" versprochen.
- Der Vorstandssprecher der Bruno-Stiftung, Schmidt-Salomon, veröffentlichte ein illustriertes Kinderbuch, welches das Bundesfamilienministerium auch wegen angeblichen Antisemitismus ohne Erfolg auf die Liste jugendgefähr- dender Medien setzen lassen wollte.
- Die Bruno-Stiftung finanziert die sogenannte Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (Fowid), deren Daten den Vertretungsanspruch der Stiftung untermauern sollen.
- Die Stiftung finanziert maßgeblich den Humanistischen Pressedienst (hpd).
- Dem Beirat der Stiftung gehört Kinderbuchzeichner Janosch an. Dessen Karikatur in der Zeitschrift „Spiegel", auf der ein Priester einem Kind ein Kreuz in den Bauch rammt und gegen die der damalige bayerische Minister- präsident Stoiber protestierte, ist laut Aussage ihres Vorstandssprechers durch die Stiftung an den „Spiegel" vermittelt worden.
- Die Stiftung unterstützt die Internetinitiative Buskampagne.de, deren Ziel es ist, Werbeflächen auf Bussen für atheistische Botschaften zu mieten.
- Die Stiftung finanzierte maßgeblich das Denkmal Giordano Brunos am Potsdamer Platz in Berlin.
- Wolfram Kastner, Beirat der Stiftung, zog 2006 als Papst verkleidet gemeinsam mit einem Hitler-Darsteller vor dem Papst-Besuch durch die Münchener Innenstadt.
- Dem Beirat der Stiftung gehören unter anderen auch die Bundesvorsitzende von pro familia, Gisela Notz, und der Hirnforscher Wolf Singer an. FAZ090323bin

polNorbertHoerster-x     Der emeritierte Rechts- und Sozialphilosoph Norbert Hoerster

        tritt aus dem Beirat der antireligiösen Giordano-Bruno-Stiftung aus. In einem Aufsatz für die „Frankfurter Allgemeine“ begründet der 74-Jährige seinen Schritt mit dem aus seiner Sicht seltsamen Aufklärungsbegriff der Stiftung. Auch der von der Stiftung unterstützte Neue Atheismus des Biologen Richard Dawkins überzeuge ihn nicht: „Ich sehe nicht, wieso ausgerechnet die Evolutionstheorie den Gottesglauben widerlegen, ja ersetzen kann“, so Hoerster wörtlich. Er kritisiert auch Äußerungen der Stiftung gegen Papst Benedikt. Die Behauptung, dass der Papst „Abermillionen von Menschen weltweit zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit Todesfolge anstiftet“, sei „geradezu abwegig“. RV111126FAZ

Mit den Affen gegen den Papst. Die Produkte dieser Denkfabrik sind schlechte Reklame:
Warum ich aus der Giordano-Bruno- Stiftung austrete.  Von Norbert Hoerster - in der FAZ111126

   Die Giordano-Bruno-Stiftung, die sich einem „evolutionären Humanismus" verpflichtet fühlt und sich als „Denk- fabrik für Humanismus und Aufklärung" bezeichnet, weist gern darauf hin, neben einer Reihe von Künstlern (wie dem Comiczeichner Ralf König) auch eine Reihe von Philosophen (wie den Popperianer Hans Albert) in ihrem Beirat zu haben. Gleichwohl bin ich als pensionierter Philosophieprofessor aus der Stiftung und ihrem Beirat ausgetreten; denn mit einem Verständnis von „Aufklärung", wie es der Vorstand der Stiftung und insbesondere sein Sprecher Michael Schmidt-Salomon zunehmend zu erkennen gibt, kann ich mich nicht identifizieren.
   Da sind zum ersten die „Kampagnen, die für Aufsehen sorgen", um neue Mitglieder zu werben. Ich denke etwa an die, so die Stiftung, „große Demonstration gegen die menschenfeindliche Politik des Papstes" kürzlich in Berlin. Man braucht kein Verehrer des Papstes zu sein, um es kritikwürdig zu finden, wenn Schmidt-Salomon als Stiftungs- sprecher den Menschen zuruft, dieser Papst gehöre „vor ein Internationales Gericht" und habe einen „verheeren- den Einfluss auf die Weltpolitik". Auch die Behauptung, der Vatikan sei einer der „Schurkenstaaten", wäre wohl begründungsbedürftig. Und die Darstellung der Kirche durch eine als Puppe auftretende, prügelnde Nonne ent- spricht jedenfalls nicht meinem ästhetischen Empfinden. Dies gilt im übrigen auch für Titel und Inhalt des von der Stiftung propagierten Buches „Heilige Scheiße".
   Als geradezu abwegig aber muss es erscheinen, wenn die Stiftung den folgenden Satz ins Internet stellt: Der Papst sei „ein Mann, der Abermillionen von Menschen weltweit zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit Todes- folge anstiftet“. Gibt es dafür einen Beleg? Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es bekanntlich: „Der Geschlechtsakt darf ausschließlich in der Ehe stattfinden"; und dies ist auch die Position des Papstes. Ich wüsste nicht, zu welchen Abermillionen Todesfolgen der eheliche Geschlechtsverkehr ohne Verhütungsmittel bislang ge- führt hat.
   Zum zweiten finde ich den „Neuen Atheismus", den die Stiftung in Anlehnung an den von ihr mit einem Preis ge- ehrten Biologen Richard Dawkins vertritt, wenig überzeugend. Wieso widerlegt die Darwinsche Evolutionstheorie, ihre Richtigkeit vorausgesetzt, den Gottesglauben? Was diese Theorie widerlegt, ist doch lediglich der biblische Schöpfungsbericht - sofern wörtlich verstanden. Ich sehe nicht, wieso ausgerechnet die Evolutionstheorie den Gottesglauben widerlegen, ja ersetzen kann. Gibt es etwa eine Letzterklärung für die Existenz des Universums? Worauf gehen die Evolutionsgesetze denn ihrerseits zurück? Könnten sie ihrerseits nicht an ein intelligentes Ord- nungsprinzip der Welt gebunden oder gar das Ergebnis eines bewussten Schöpfungsaktes sein? Wieso ist die Welt denn so programmiert, dass das Leben ausgerechnet den Evolutionsgesetzen folgt? Ist es nicht sehr vorder- gründig, überhaupt von einer Einzelwissenschaft eine Letzterklärung allen Lebens zu erwarten?
   Ich halte etwa David Humes kritische Analyse der Argumente für die Existenz Gottes (in den „Dialogen über natürliche Religion") auch nach mehr als zweihundert Jahren noch für ungleich tiefgehender und aufgeklärter als den gesamten „Neuen Atheismus". Zum einen zeigt Hume mit großer Klarheit die kaum lösbaren Herausforderun- gen auf, denen der Theist durch das Problem des Übels, das sogenannte Theodizeeproblem, ausgesetzt ist. Dawkins widmet dem Problem in seinem mehr als 550 Seiten langen Buch „Der Gotteswahn" dagegen weniger als eine halbe Seite. Für ihn erübrigt sich jede Frage nach der moralischen Vollkommenheit oder Allgüte Gottes, da die Annahme jedes göttlichen Wesens für ihn von vornherein als widerlegt gilt.
   Zum anderen aber hält Hume die Existenz eines fundamentalen geistigen und somit göttlichen Ordnungsprinzips der Welt (das allerdings moralisch indifferent ist) durchaus nicht für ausgeschlossen. Der Hume-Verehrer Albert Einstein sagte einmal, er glaube zwar an einen Gott, der „sich in der planmäßigen Harmonie dessen, was ist, offenbart", nicht aber an einen Gott, der „sich um die Schicksale und Handlungen der Menschen kümmert". Die Evolutionstheorie mag für den Gottesglauben zwar nicht ohne jede Relevanz sein. Ein sich als Philosoph ausge- bender Denker wie Schmidt-Salomon, von der Presse als „Deutschland-Chef-Atheist" bezeichnet, sollte jedoch im Sinne der Aufklärung die Religionsphilosophie etwas gründlicher in Angriff nehmen.
 Entsprechendes gilt für die Ethik. Ich kann nicht nachvollziehen, wenn Schmidt-Salomon und einige dem Stiftungs- beirat angehörende Evolutionswissenschaftler ihre Ausführungen zur Ethik auf nichts anderes stützen als auf sei- tenlange Berichte über das Verhalten der verschiedenen Tierarten. Ich sehe zum Beispiel nicht, wieso For- schungen über das Phänomen der Homosexualität im Tierreich die geringste Relevanz für die Frage haben, ob der Staat ein solches Verhalten unter Menschen verbieten darf. Und ich glaube nicht, dass ein nur halbwegs vernünf- tiger Mensch etwa seine Einstellung zum Ehebruch in irgendeiner Weise davon abhängig machen wird, wie häufig das entsprechende Verhalten unter den verschiedenen Affenarten vorkommt.
   Apropos Affen: Ich finde es abwegig, sich vehement dafür einzusetzen, dass den sogenannten Menschenaffen die typischen Menschen- oder Grundrechte vom Staat zugesprochen werden. Die Affen benötigen nicht nur kein Recht etwa auf Religionsfreiheit. Sie benötigen auch nicht das den Menschen zustehende, spezielle Lebensrecht.
   Das heißt nicht, dass es vertretbar wäre, Affen nach Belieben zu töten. Schon unser Tierschutzgesetz verbietet es unter Strafe, ein Wirbeltier zu töten „ohne vernünftigen Grund". Aber Affen und andere Wirbeltiere haben nun einmal nicht das typisch menschliche, in die Zukunft gerichtete Überlebensinteresse.
   Für Schmidt-Salomon und Co. ist der Mensch jedoch nichts anderes als „der nächste Verwandte der Schimpan- sen". Ja, Schimpanse und Mensch stehen einander, wie ausdrücklich gesagt wird, sogar näher als Schimpanse und Gorilla! Was ist es dann aber, das den Menschen gleichwohl „im Vergleich mit allen anderen Tieren", also auch mit den Affen, „biologisch besonders auszeichnet"? Die Antwort ist einfach: „Der Mensch", so Schmidt-Salomon, „ist der Affe, der am allerbesten nachäffen kann! Das ist unsere große Stärke." Ja, unsere Fähigkeit zum „Nachäffen" ist die „Grundvoraussetzung aller menschlichen Kulturleistungen". Ich muss sagen: Wenn ich etwa in Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft" lese oder - die Musik des zweiten Aktes von Richard Wagners „Tristan und Isolde" höre, kann ich dies schwer verstehen.
   Es gibt natürlich viele Konzepte von „Aufklärung" und „Philosophie". Mit dem Konzept der Giordano-Bruno- Stiftung und ihres Vordenkers kann ich mich jedenfalls nicht identifizieren.
Norbert Hoerster ist pensionierter Professor für Rechts- und Sozialphilosophie der Universität Mainz.

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Renate Künast, Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hält in diesem Jahr die Festrede bei der ,Jugendfeier" des Humanistischen Verbands Deutschlands (HVD). Wie der HVD in Berlin mitteilte, haben sich diesmal rund 2.000 Jugendliche zu der Veranstaltung im Friedrichstadtpalast angemeldet. Nach HVD-Angaben haben in den vergangenen 20 Jahren, in denen der Verband seine „Jugendfeier" in der Tradition der Jugend- weihe" der DDR im Friedrichstadtpalast begeht, 50.000 Jugendliche dieses Angebot genutzt, um „den Übergang ins Erwachsenenleben bewusst zu gestalten". DT110430

Erzbischof Müller beklagt Pogromstimmung gegen Priester     ep-aepGerhard-LudwigMüller-xx

   Der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, sieht eine Pogromstim- mung gegen die katholische Kirche entstehen. Das sagte er im Gespräch mit der Tageszeitung „Die Welt“. Müllers Aussage stieß u.a. bei der deutschen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf Kritik. Wörtlich zitiert „Die Welt“ den früheren Regensburger Bischof mit den Worten: „Gezielte Diskreditierungs-Kampagnen ge- gen die katholische Kirche in Nordamerika und auch bei uns in Europa haben erreicht, dass Geistliche in manchen Bereichen schon jetzt ganz öffentlich angepöbelt werden. Hier wächst eine künstlich erzeugte Wut, die gelegent- lich schon heute an eine Pogromstimmung erinnert.“ In Blogs und „auch im Fernsehen“, so Müller weiter, würden „Attacken gegen die katholische Kirche geritten, deren Rüstzeug zurückgeht auf den Kampf der totalitären Ideo- logien gegen das Christentum“.
   Die FDP-Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger erklärte dazu in der „Welt am Sonntag“, Vergleiche mit dem Holocaust seien „geschmacklos, wenn es um unterschiedliche Auffassungen in unserer Gesellschaft zu aktuellen Fragen wie auch der Rolle der Ehe, Familie und eingetragenen Lebenspartnerschaften geht“. Die katholische Kir- che müsse sich drängenden Problemen stellen und könne sich nicht durch „Verweis auf vermeintliche Sonder- stellung ihrer Verantwortung entziehen“. Zuvor hatte sich bereits der „Humanistische Verband Deutschlands“ (HVD) empört über die Wortwahl von Erzbischof Müller gezeigt. Leutheusser-Schnarrenberger ist Mitglied im HVD- Beirat. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth nannte Müllers Äußerung am Sonntag „absolut inakzeptabel“.
Kritik am Dialogprozess
   In dem Interview kritisierte Müller auch den Dialogprozess innerhalb der deutschen Kirche. Wörtlich meinte er: „Dialogprozess ist gut. Aber man muss auch über das Wesentliche reden und nicht die gleichen Probleme immer wieder neu auftischen.“ Als Beispiel für immer wieder neu aufgetischte Probleme nannte Müller „die Forderung nach einem sakramentalen Weiheamt für die Frau. Es ist nicht möglich. Nicht weil die Frauen weniger wert wären, sondern weil es in der Natur des Weihesakramentes liegt, dass Christus in ihm repräsentiert wird als Bräutigam im Verhältnis zur Braut“.
   Auch eine Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sei „für die katholische Kirche nicht möglich. Solche Partnerschaften sind grundsätzlich in keiner Weise mit den Ehen gleichzustellen.“ Einen Reformstau in der katho- lischen Kirche sieht Müller nur insofern, als „man die wesentlichen Themen nicht anpackt: die Teilhabe an den Sa- kramenten, die Kenntnis des Glaubens“. Das Wort Reform dürfe „nicht beschlagnahmt werden, um die eigentliche Erneuerung in Christus zu bremsen“.
   Mit Blick auf die Auseinandersetzungen der Kurie mit den Piusbrüdern sagte Müller, dass die Geduld des Vatikans mit den abtrünnigen Traditionalisten nicht endlos sei: „Die Glaubenskongregation hat der Priesterbruderschaft die Dogmatische Präambel vorgelegt. Daraufhin ist bis jetzt keine Antwort erfolgt. Wir warten aber nicht endlos.“ RVsk130203welt-onlineKNA

  In die Debatte um eine Äußerung von Erzbischof Gerhard Ludwig Müller hat ein hochrangiger jüdischer Geistlicher eingegriffen. Müllers Wortwahl sei „böswillig“ interpretiert worden, sagte Rabbi David Rosen aus Jerusalem nach einem Bericht der „Berliner Morgenpost online“. Müller, der die vatikanische Glaubenskongregation leitet, hatte in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ eine aufkommende „Pogromstimmung“ gegen die Kirche in Europa und Nordamerika beklagt. Das war auf heftige Kritik in Teilen der deutschen Politik und bei Vertretern der jüdischen Gemeinschaft gestoßen. Rosen, der das amerikanisch-jüdische Komitee für interreligiöse Angelegenheiten leitet, nahm Erzbischof Müller gegen den Vorwurf in Schutz, dass er einen Holocaust-Vergleich angestellt habe. „Kein Vergleich mit den Grausamkeiten der Schoah ist je angemessen“, sagte Rosen. „Ebenso klar ist für jeden ver- nünftigen Menschen, der die Worte Erzbischof Müllers nachliest, aber auch, dass ein solcher Vergleich keineswegs in dessen Absicht war.“ bm online

 

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Gelungene Provokation: Matthias Matussek greift den Atheismus an und erläutert sein „katholisches Abenteuer“

 „Ich bin kein Vorzeige-Katholik, aber dennoch bin ich seit Neuestem so leidenschaftlich katholisch, wie ich vor vier- zig Jahren Marxist war. Warum? Weil mein Verein angegriffen wird." Der „Spiegel"-Autor Matthias Matussek hat ein persönliches Bekenntnis vorgelegt, eines, das verstört, aufrüttelt, abstößt, aufweckt. Matussek nimmt den anti- katholischen Affekt aufs Korn, der sich nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche eingenistet hat. Da Angriff häufig als beste Verteidigung gilt, so findet man auch in diesem Buch Angriffe, heftige Angriffe: gegen Athe- isten, Feuilletonisten, Karrieristen, Islamisten. Nicht selten dienen diese „Glaubensschlachten" dazu, die anderen zu diskreditieren, den Spieß lediglich umzudrehen. Aber das ist nicht die Hauptstrategie, die Matussek mit seinem Buch verfolgt. Matussek provoziert, indem er sich gerade nicht damit begnügt, gegen die Angriffe mit einem Gegenangriff zu antworten. Seine Apologie verfährt eher nach dem Motto „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!". Und warum das so ist, davon erzählt er in diesem Buch.
   Das Buch gibt nicht nur Einblicke in das Leben eines Katholiken. Es gibt auch Aufschluss über das, was „katho- lisch" heißt. Matussek erzählt von seiner religiösen Sozialisation, beginnend im westfälischen Münster. Er be- schreibt, mit welcher Selbstverständlichkeit er katholisch wurde, wie das Katholische bis in das Spiel der Kinder hineinwirkte. Gerade in der vorkonziliaren Messe erfuhr der Ministrant die Aura des Geheimnisvollen.
   Als junger Erwachsener wurde er der Kirche immer mehr entfremdet. Erst später knüpfte er hier wieder an und fand schließlich das wieder, was er doch nie verloren hatte. Wer nun meint, in diesem Bekenntnis zur katholischen Kirche gehe es nur um biografische Erinnerungen des Autors, der wird eines Besseren belehrt. Katholischsein heißt nie nur von sich, sondern immer auch von den anderen, von Gott und der Welt zu erzählen. Einfühlsam berichtet er von einem Geistlichen, „Reverend Youngblood", der, durch seinen Glauben angetrieben, in East New York, „dem Stadtteil mit der höchsten Mordrate", einen Kampf für die Jugendlichen gegen die Drogenmafia führt. Immer wieder auch mit Scheitern konfrontiert, zeigt dieser Reverend, dass der Glaube es nicht erlaubt aufzugeben.
   Diese Gefühle, die der Glaube freizusetzen vermag, beschreibt Matussek auch anhand einer Marienprozession in den Anden. Der Glaube unterdrückt nicht den Seufzer der bedrohten Kreatur, er hilft, die Spannung auszuhalten zwischen Trauer und Freude, Verzweiflung und Jubel. Matussek: „Eines habe ich immer gespürt: wie wesentlich der Katholizismus für die Entrechteten war." Matussek weiß, wovon er redet. Die Geschichten, die er erzählt, hat er während seiner Zeit als Auslandskorrespondent aufgezeichnet: „... ich habe mir die Geschichten angehört, von katholischen Priestern, die mehr Mut zeigten als all die hirnlosen Wohlstandsatheisten in unseren Breiten, die ständig die Legende nachplappern, dass die Kirche grundsätzlich aufseiten der Unterdrücker zu suchen sei."
 Gegen die Atheisten in unserer Gesellschaft schreibt Matussek immer wieder an. Diese gerieren sich in der Öffent- lichkeit gerne als Kritiker, dabei gehören sie zum Bollwerk des Establishments. Wer heute kritisch sein will, der ruft nicht mehr „Gott ist tot". Im Gegenteil! Der kritische Ausruf lautet heute: „Gott ist nicht tot." Darüber findet sich in dem Buch ein sehr inspirierendes Gespräch mit dem Philosophen Rüdiger Safranski, der sagt: „Heute ist der Athe- ismus eng geworden, dogmatisch, phantasielos."
   In der Mitte des Buches erläutert Matussek, wie er sich die Kirche wünscht. Kirche muss anders, sie muss fremd sein. Das Wort Gottes darf nicht ins Geschmäcklerische verformt, seiner Kraft beraubt werden, die gerade in dieser Fremdheit liegt. Es gelingt Matussek, das sonntägliche Ergriffensein in einer Sprache wiederzugeben, die auch dem religiös Unmusikalischen eine Ahnung zuteilwerden lässt, was es bedeutet, die Messe zu feiern. Gerade diese Passagen gehören zu den besten des Buches. Die Ehrlichkeit, mit der der Autor hier erzählt, wird kein Kritiker in Abrede stellen können. Etwa, wenn er das „Agnus Dei” beschreibt und mit der Hoffnung endet: „Ich glaube daran, dass das selbst für meine wundgescheuerte und unruhige Seele gilt, nur ein Wort, und dann heil, was für ein Versprechen, was für eine Hoffnung für einen verwehten, nervösen, oft schwermütigen Großstadtneurotiker wie mich."
   Nicht immer fair ist sein Umgang mit den Modernisierern in der katholischen Kirche. Dass der Autor für deren An- liegen gar kein Verständnis aufbringt, liegt vielleicht darin begründet, dass er lange Zeit nicht mehr aktiv katholisch war und für die Sorgen und Ängste der Katholiken, die sich diese Auszeit nicht gegönnt haben, nun keinerlei Verständnis mehr aufbringt. Matussek fehlen die Jahre der produktiven Aneignung des Zweiten Vatikanischen Kon- zils. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als vor das Konzil zurückzukehren, zu seinem Kindheitsglauben. Mit einer solchen Halbierung kann sich aber die katholische Kirche nicht zufriedengeben. Gelingt es Matussek an ande- rer Stelle, die Polyphonie des Glaubens darzustellen, so engt er hier die Weite des Katholischen ein.
   Vieles in diesem Buch ist spaltend, auch unnötig. Aber Matussek will unbedingt provozieren. Um sicherzugehen, dass das auch funktioniert, bemüht er sogar Thilo Sarrazins Invektiven gegen den Islam. Einiges in dem Buch ist auch falsch: seine Aussagen zur Allversöhnung, zum religiösen Terror und nicht zuletzt seine Ausgangsperspek- tive. Das katholische Abenteuer beginnt für ihn mit der Sündenmoral der katholischen Kirche. Diese besitzt in der Tat viel Befreiendes und Orientierendes. Dennoch: Der erste Blick Jesu galt nicht den Sündern, sondern den Leidenden. Das Buch ist ein mutiges, streckenweise anrührendes Bekenntnis. HAZ1106JürgenManemann
Matthias Matussek:
   „Das katholische Abenteuer. Eine Provokation". Deutsche Verlagsanstalt/Spiegel Buch- verlag. 368 Seiten, 19,90 Euro. Unser Autor Jürgen Manemann ist Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover.

                kbwn:Vorhof der Völker

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